Zwischen Angst und Zuversicht: Wie man hoffnungsvoll bleibt
In Krisen suchen wir Sicherheit, Hoffnung und Perspektive. Moor Jovanovski ermutigt dazu, gerade dann unser Vertrauen in Jesus zu setzen.
Die Nachrichten unserer Zeit machen nachdenklich. Kriege, gesellschaftliche Spannungen, politische Unsicherheiten und wirtschaftliche Sorgen fordern uns heraus. Dazu kommen oft auch persönliche Krisen wie Krankheiten, Sorgen um den Job, um die Versorgung oder die Familie. Nicht selten höre ich Fragen wie: Wo soll das noch hinführen? Was kommt auf uns zu? Ist das schon das Ende der Welt? Wie werden es unsere Kinder mal schaffen? Oder: Hätten wir in dieser verrückten Zeit überhaupt Kinder in die Welt setzen sollen?
Alles anders
Schnelle Antworten darauf greifen viel zu kurz. Es wäre auch zu einfach, eine fromme Erklärung zu liefern, die alle offenen Fragen auf die Seite schiebt. Nicht selten kommt in solchen Situationen das Thema Endzeit – also die Erwartung des Endes der Welt – auf den Tisch. Manche Christinnen und Christen sehnen sich danach, dass Jesus wiederkommt, seine Herrschaft in der Welt aufrichtet und uns erlöst – wie er es den Jüngern angekündigt hat. Andere verfallen in Spekulationen darüber, wann das Ende kommen wird, und versuchen, jedes Ereignis anhand des biblischen Buches Offenbarung zu interpretieren. Sie meinen, eindeutige Zeichen zu erkennen oder aus aktuellen Entwicklungen einen genauen Fahrplan für die Zukunft abzuleiten. Doch all das wird dem Wesen Gottes nicht gerecht. Schließlich sagt Jesus selbst in Matthäus 24,36, dass niemand – auch nicht er selbst – den Zeitpunkt für seine Wiederkehr kennt. Alle „Berechnungen“ und „Prophetien“ dazu haben sich bisher als nicht zutreffend erwiesen. Daher erübrigen sich solche Gedankenspiele. Jesus selbst spricht über die Frage nach dem Ende der Welt. Aber warum? Ich glaube, er wollte uns eine Perspektive geben und eine Hoffnung für das, was hoffnungslos scheint. Eine solche Betrachtungsweise ist also durchaus legitim und hilfreich.
„Endzeit“, wie sie oft genannt wird, bedeutet im biblischen Verständnis nicht zuerst Angst und Schrecken. Das Wort „Apokalypse“, das wir heute mit Weltuntergang und Schreckensszenarien verbinden, bedeutet ursprünglich „Enthüllung“ oder „Offenbarung“. Es geht also darum, dass etwas sichtbar wird, was vorher verborgen war. Eine endzeitliche Betrachtungsweise kann deshalb helfen, grundlegende Fragen des Lebens neu zu beleuchten: Was erwarte ich wirklich? Worauf vertraue ich in letzter Konsequenz? Glaube ich, dass alles in einem unkontrollierbaren Desaster endet – oder gibt es eine Hoffnung, dass das Ende der Welt anders sein wird?
Dabei bedeutet „anders“ nicht einfach: Alles wird genauso gut, wie ich es mir vorstelle. Die Hoffnung des Glaubens ist nicht die Bestätigung meiner eigenen Erwartungen. Sie ist vielmehr das Vertrauen darauf, dass Gottes Wirklichkeit größer ist als meine Einschätzung der Situation. Eine endzeitliche Sichtweise bedeutet deshalb nicht, dass ich genau wissen muss, wie alles geschehen wird. Sie bedeutet vielmehr: Was auch geschieht – es ist kein unkontrolliertes Chaos, sondern Gott wird ans Ziel kommen, egal was passiert.
Ein neuer Anfang
Genau hier begegnet uns eine zentrale Aussage von Jesus. Im Johannesevangelium, Kapitel 16, Vers 33 sagt er zu seinen Jüngern: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Dieser Satz steht in einem besonderen Zusammenhang. Jesus spricht ihn in der letzten Phase seines Wirkens auf dieser Erde. Die Abschiedsreden Jesu gehören für mich zu den intensivsten Momenten im Johannesevangelium. Er weiß, was vor ihm liegt: Leiden, Kreuz und Tod. Und dennoch spricht er nicht aus Angst oder Unsicherheit. Er spricht aus einer tiefen Klarheit über das, was kommen wird. Und dass der Tod nicht das Ende ist, sondern ein neuer Anfang.
Das macht diese Aussage so besonders: Jesus ignoriert die Realität nicht. Er behauptet nicht: „Es gibt keine Angst.“ Er spricht die Angst, die Herausforderungen und die Not dieser Welt ausdrücklich an. Aber er stellt dieser Realität eine größere Wirklichkeit gegenüber: „Ich habe die Welt überwunden.“
Das Überwinden der Welt meint nicht, dass Jesus die menschlichen Erfahrungen beseitigt. Es bedeutet, dass seine Macht tiefer reicht als das, was sichtbar und messbar ist. Sein Sterben und seine Auferstehung sind Ausdruck seiner Souveränität. Das Kreuz, das äußerlich wie eine Niederlage aussah, wurde zum Ort des Sieges. Die Auferstehung zeigt: Gottes Handeln lässt sich nicht begrenzen durch das, was Menschen für möglich halten.
Genau darin liegt ein endzeitlicher Charakter des Handelns Gottes. Es sprengt die Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten. Es ist nicht machbar, nicht manipulierbar und nicht wiederholbar. Wenn Gott handelt, geschieht etwas, das niemand verbessern, verhindern oder rückgängig machen kann.
Persönliche Hoffnung
Gottes Handeln hat ein Ziel. Das macht es endzeitlich. Der Tod und die Auferstehung Jesu weisen darauf hin: auf eine umfassende Wiederherstellung – eine Erneuerung des Menschen und letztlich auf die Wiederherstellung der ganzen Schöpfung. Der Glaube lebt von der Hoffnung, dass Jesus wiederkommen wird.
Das ist kein Grund für Spekulationen, und es ist auch kein billiges Vertrösten. Sondern es gibt Hoffnung, Gewissheit und Dankbarkeit. Denn der Jesus, der die Welt überwunden hat, ist derselbe Jesus, der die Welt wiederherstellen wird. Und er ist es, der in unser persönliches Leben Hoffnung bringt. Hoffnung, dass unsere Umstände nicht das Ende sind. Hoffnung, dass ich nicht selbst die letzte Instanz bin. Und Hoffnung, dass seine Liebe und seine Kraft auch über den Tod hinausreichen.
Schreckensszenarien
Vielleicht werden Menschen gerade in Krisenzeiten sensibler für Fragen, die das Ende und die Zukunft betreffen. Das ist verständlich. Denn unabhängig von der Welt als Ganzes ist unser Leben als Menschen begrenzt. Unausweichlich steuert dein und mein Leben auf ein Ende zu – auf den Tod. Krisen und Bedrohungen erinnern uns daran und mahnen uns, Prioritäten zu setzen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Doch die biblische Antwort besteht nicht darin, ständig nach Parallelen zu suchen oder jede Krise als endgültiges Zeichen zu deuten. Der Glaube verändert nicht dadurch die Welt, dass Menschen möglichst genaue Behauptungen über die Zukunft aufstellen. Er verändert dadurch, dass Menschen erkennen, wer wirklich das letzte Wort hat.
Die Zusage Gottes, Erlöser und Wiederhersteller zu sein, zeigt: Die Welt ist nicht sich selbst überlassen. Er hält die Zügel in der Hand, auch wenn es für uns manchmal nicht erkennbar ist. Auch die „Offenbarung des Johannes“ macht diese Wahrheit auf vielfältige Weise deutlich. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, dieses große biblische Buch ausführlich auszulegen. Aber eine zentrale Botschaft zieht sich durch seine Bilder und Aussagen: Gott regiert.
Im biblischen Buch Offenbarung werden die Herrschaft und Majestät Gottes über die Zeitalter hinweg beschrieben. Gleichzeitig kommen Dinge zur Sprache, die uns bis heute in Schrecken versetzen: Naturkatastrophen, Erdbeben, Krankheiten, Hungersnöte und andere Bedrohungen. Insbesondere im Angesicht schlimmer Naturkatastrophen zeigt sich: Wir Menschen haben eigentlich nichts im Griff. Wir glauben zwar gern, dass wir alles können, aber gegen so viele Dinge können wir nichts ausrichten. Diese Bibelstellen, in denen wir von diesen Dingen lesen, zeigen vor allem eines: Nicht die Krisen dieser Welt haben die letzte Autorität. Nicht Chaos und Angst bestimmen endgültig die Wirklichkeit. Sondern Gott bleibt der Herr.
Und genau darin liegt Hoffnung. Wenn Gott regiert, sind wir Menschen nicht ausgeliefert. Dann gibt es eine Wirklichkeit, die größer ist als die sichtbare Realität dieser Welt. Dann darf man von einer sich offenbarenden Hoffnung sprechen: einer Hoffnung, die nicht aus einer positiven Einschätzung der Umstände entsteht, nicht aus Schönrednerei, Selbstermächtigung oder Selbstbetrug. Diese Hoffnung kommt aus dem Vertrauen auf den, der über den Umständen steht. Diese Hoffnung verändert auch den Umgang mit Angst.
Die Hoffnung in Person
Der Glaube verbietet die Angst nicht. Der christliche Glaube bedeutet nicht, dass Menschen keine Sorgen, Unsicherheiten oder inneren Kämpfe mehr kennen. Jesus selbst kennt die Ängste seiner Jünger. Er weiß um ihre Verunsicherung. Und er weiß auch um unsere Ängste heute.
Doch Jesus gibt nicht zuerst eine Methode oder einen einfachen Lösungsweg. Er stellt nicht ein Konzept in den Mittelpunkt. Er stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Damit ist die Antwort auf Angst nicht zuerst eine Erklärung, sie ist kein Trick, keine Psychologie, sondern seine Person. Eine Person, die sagt: „Ich habe die Welt überwunden.“
Das bedeutet: Die Dinge, die uns Angst machen können, haben nicht das letzte Wort. Sie sind real – aber sie sind nicht endgültig. Wir dürfen unsere Angst im Gebet Jesus nennen, bei ihm Kraft schöpfen, Hoffnung finden. Wir dürfen ihm unsere Schwachheit, unser Versagen bringen, unsere Mutlosigkeit, die Angst um unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Sorgen um die Zukunft. Und wir dürfen ihn darum bitten, uns neue Perspektiven zu geben. Er hilft uns, von einer anderen Wirklichkeit geprägt zu sein.
Im Angesicht der Angst wird mir persönlich ein weiterer Gedanke immer wieder besonders kostbar. Im Anschluss an die Worte Jesu aus Johannes 16 folgt in Kapitel 17 das große Gebet Jesu für seine Jünger. Für mich ist es eines der bewegendsten Kapitel des gesamten Johannesevangeliums. Jesus betet. Er betet für seine Jünger. Und Jesus betet auch für uns.
Jesus tritt für uns ein
In diesem Gebet Jesu liegt ein großes Geheimnis des Glaubens. Oft verbinden wir Gottes Herrschaft mit Eingreifen, Macht und sichtbarer Veränderung. Wir erwarten, dass Gottes Herrschaft dadurch sichtbar wird, dass er Situationen sofort verändert oder Probleme beseitigt.
Aber Johannes 17 zeigt eine andere Dimension: Jesu Herrschaft zeigt sich darin, dass er für uns eintritt. Er herrscht nicht (nur) über uns, sondern für uns. Seine Fürbitte ist Ausdruck seiner Liebe und seiner Zuwendung. Jesus identifiziert sich mit unserem Leben. Er kennt unsere Wirklichkeit. Er kennt unsere Herausforderungen. Und er bringt vor den Vater, was wir selbst oft nicht ausdrücken können.
Dabei ist sein Gebet nicht in erster Linie selbstbezogen. Es geht nicht darum, dass wir ein angenehmeres Leben bekommen. Jesus bittet um tiefere Dinge: um Bewahrung, um die Wahrheit seines Wortes und um Einheit.
Sind das nicht gerade Dinge, die wir Menschen in einer unübersichtlichen Zeit brauchen?
- Bewahrung in einer Welt voller Unsicherheit
- Wahrheit in einer Zeit voller widersprüchlicher Stimmen
- Einheit in einer Gesellschaft, die immer stärker auseinanderdriftet
In seiner Hand
Hier verbindet sich die Herrschaft Jesu mit seinem Auftrag an seine Jünger. Wer Jesus kennt, lebt in dieser Welt, aber er muss nicht vollständig von dieser Welt geprägt werden. Er darf aus einer anderen Wirklichkeit leben. Das bedeutet nicht Rückzug aus der Welt, „etwas Besseres zu sein“ oder sich abzukapseln. Es bedeutet, eine neue innere Grundlage für das Leben in dieser Welt zu haben.
Jesus hat die Welt überwunden. Deshalb darf ein Mensch, der ihm vertraut, seine Ängste anders betrachten. Nicht weil alle Probleme verschwinden. Nicht weil alles sofort verständlich wird. Sondern weil eine größere Wirklichkeit uns trägt.
Die größte Hoffnung des Glaubens ist nicht, dass wir die Zukunft kontrollieren können. Die größte Hoffnung ist, dass Jesus sie bereits in seiner Hand hält. Und weil Jesus die Welt überwunden hat, dürfen wir lernen, auch unseren Ängsten anders zu begegnen.
Moor Jovanovski ist Pastor im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden, Coach und Autor. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Familie lebt er in Darmstadt.








