Angst gehört dazu

Sie ist ein wichtiger Motor, fordert und fördert uns. Doch was, wenn die Angst sich zu sehr breitmacht? Von Magdalena Wege.

Manchmal kommt sie langsam und schleichend. Ein anderes Mal laut und vehement. Immer in Reichweite, stattet sie uns hin und wieder einen kurzen Besuch ab. Sie lässt uns wachsen, neue Lösungen suchen. Nach getaner Arbeit setzt sie sich dann wieder eine Zeit zur Ruhe. Doch manchmal bleibt sie auch länger. Hält uns fest in ihrem Griff und lässt uns nicht los. Bis wir dann irgendwann ihre Botschaft verstanden haben …

EINE SICHERE BASIS

Angst ist ein Bestandteil unseres Lebens. So haben zum Beispiel bereits Säuglinge Angst vor lauten Geräuschen oder fremden Menschen. Wir alle erleben entwicklungsbedingte Ängste. Einem vierjährigen Kind machen Dunkelheit oder die Trennung von den Eltern Angst. Zwischen neun und zwölf Jahren beschäftigt viele Kinder die Angst vor Tests, Prüfungen, Gewitter, Tod oder körperlichen Verletzungen. Manche Entwicklungspsychologen wie der Psychoanalytiker Erik H. Erikson gehen davon aus, dass auch Erwachsene in gewissen Lebensphasen bestimmte Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben. Im frühen Erwachsenenalter ist es zum Beispiel die Herausforderung, sich auf intime Beziehungen einzulassen, statt isoliert zu leben. Mit jedem dieser Entwicklungsschritte geht auch die Angst einher, die die neue Lebensaufgabe mit sich bringt. So gehört Angst zu unserem Leben und zu jedem unserer Entwicklungsschritte dazu. Dass die Angst uns immer wieder im Leben besucht und unsere Entwicklung begleitet, hat einen weiteren wichtigen Effekt: Angst aktiviert unser Bindungssystem. Ein Baby, das Angst fühlt, findet am ehesten bei einer Vertrauensperson Trost und Sicherheit. Auf diese Weise leitet die Angst uns an, uns immer wieder zu binden, eine sichere Basis zu suchen, von der aus wir uns entwickeln können und bei der wir in bedrohlichen, unsicheren Situationen Schutz und Sicherheit erfahren. Im besten Falle macht bereits ein Säugling diese Erfahrung und entwickelt so sein Urvertrauen. Aber egal, in welchem Alter – Angst löst stets das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz aus. Meist versuchen wir, dieses Bedürfnis in einer Beziehung zu stillen. So motiviert uns die Angst, eine sichere Basis im Leben zu finden und diese stets zu überprüfen.

ÜBERLEBENSSTRATEGIE

Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch „Biologie der Angst“, dass Angst- und Stressreaktionen überlebensnotwendig sind. Seiner Theorie nach starben die Saurier aus, weil ihr Gehirn nicht in der Lage war, sich flexibel auf Veränderungen einzustellen. Der menschliche Organismus hingegen kennt eine Überlebensstrategie: die Angst. Sie sorgt dafür, dass unser lernfähiges Gehirn immer wieder neue Strategien sucht, sich veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Gelingt diese Anpassung nicht, kommt es zu einer dauerhaften Stressreaktion, die laut Hüther letztlich zum Aussterben durch stressbedingte Erkrankungen oder stressbedingte Unfruchtbarkeit führt. Angst begleitet also nicht nur unsere Entwicklung und aktiviert unser Bindungssystem, sondern sichert auch über Generationen hinweg unser Überleben. Sie treibt uns an, neue Strategien auf sich verändernde Bedingungen zu finden und ist somit auch ein Motor für Veränderungen.

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