Starke Mutter trotz kleiner Kraft

Wie kann man mit begrenztem Energievorrat das Familienleben meistern?

In einer schlaflosen Nacht denke ich über unser letztes Klassentreffen nach: Die meisten Mitschülerinnen hatten in den vergangenen Jahren schwierige Probleme zu bewältigen. Einige sind Powerfrauen, dass man sich nur wundern kann. Aber ich f rage mich: Wer sind die Schwachen im L eben und wer die Starken? Sind die stark, die die meisten Kraftreserven nutzen können? Oder die, die schwierige Herausforderungen meistern? Wer hat mehr geschafft: die unermüdliche Frau, die Job, Gemeindeaktivitäten, Haushalt und anderes locker stemmt? Oder die, die täglich nur einen Teil ihrer To-do-Liste bewältigt und sich dafür sehr verausgaben muss, weil ihre Belastbarkeit geringer ist? Ich denke über meine eigene Lebensgeschichte nach und stoße auf interessante Erkenntnisse.

GROSSMUTTER, MUTTER UND ICH …

Meine Mutter habe ich als liebevolle, fleißige Frau in Erinnerung, die aber kräftemäßig enge Grenzen hatte. Obwohl manchmal eine psychisch eingeschränkte Belastbarkeit spürbar war, wirkte sie doch auch stark auf mich. Wir Kinder wurden zu Rücksicht aufgefordert, sollten nicht laut sein und möglichst keine Musik in der Wohnung hören. Viel Besuch konnte meine Mutter nicht verkraften, es strengte sie an … Dazu kam eine Krankheit, die sie körperlich schwächte. Für die Familie sorgte sie, so gut sie konnte, aber ihr Radius war begrenzt. Auf manches musste sie verzichten. Trotzdem strahlte sie Fröhlichkeit und Gottvertrauen aus. Als ich erwachsen war und selbst Familie hatte, fragte ich mich manchmal, ob ich die etwas schwache Konstitution meiner Mutter wohl geerbt hätte. Inzwischen war mir klar geworden, dass auch meine Großmutter schon körperlich nicht so stabil gewesen sein musste. In alten Briefen ist viel von Krankheit und Schwäche zu lesen. Überhaupt hatte die weibliche Linie meiner Vorfahren mütterlicherseits ein kurzes Leben. Meine Urgroßmutter muss jung gestorben sein, denn ihre Kinder kamen in Pflegefamilien. Und meine Großmutter und meine Mutter wurden aufgrund von Krebserkrankungen nur etwas über 50 Jahre alt. Sollte das alles auch Auswirkungen auf mich haben? Ich hatte einen fordernden Beruf und eine mit vielen Aktivitäten ausgefüllte „Freizeit“ in Familie und Gemeinde. Mit Ende 40 dachte ich, ich bin stabiler, ich schlage aus der Art. Immer wieder merkte ich aber, dass auch meine Kraft begrenzt war. Ich lebte zeitweise über meine Kräfte. Zwar nahm ich es auch wahr, zog aber keine ausreichenden Konsequenzen. Bis mich plötzlich aus heiterem Himmel eine Krebserkrankung traf. Dadurch und durch immer neue Therapien wurde meine Leistungsfähigkeit in den letzten Jahren ziemlich beeinträchtigt. Und oft drängte sich mir der Gedanke auf: Wurde mir als „Erbe“ mitgegeben, krank und weniger belastbar zu sein?

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