„Jetzt bin ich mal dran!“

Wenn Ehepartner einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen finden, sind sie glücklicher. Das muss aber erst einmal gelingen …

Bestimmt passiert das in Ihrer Ehe nicht: Unter Stress geraten meine Frau und ich ins Aufrechnen. In verantwortungsschweren Worten schildere ich meinen Einsatz für die Steuererklärung, das Auto, Reparaturen und PC-Probleme. Myriam kontert mit ihrem größeren Anteil an der Hausarbeit, dem Besorgen von Kinderkleidung, Geschenken und Schulsachen.

Nach dieser Eröffnung werfen wir die Vorteile in den Ring, die sich aus unseren unterschiedlichen Begabungen ergeben. Ich bin etwas effektiver, wofür ich schnell Beispiele finde, von denen Myriam profitiert. Daran knüpfen sich allerdings Situationen, die mir Myriams größere Ausdauer vor Augen führen. Wenn diese Runde ausgekämpft ist, legen wir harte Bandagen an, die auf das Gewissen des anderen zielen.

Dann beschreibe ich Tätigkeiten, die mich frustrieren, und Situationen, in denen ich für die Familie zurückstelle, was für mich schön und wichtig ist. Aber auch Myriam kann leistungsmasochistische Verdienste für sich in Anspruch nehmen. Schlauer sind wir nach solchen Auseinandersetzungen nicht. Sie laufen eigentlich immer nach demselben Schema ab. Sie zeigen aber, wie wichtig uns Gerechtigkeit in unserer Beziehung ist.

Es gibt wohl keinen Blick auf die Liebe, der nüchterner ist als der sozialpsychologischer Paarforscher. Liebe – so die Theorie des sozialen Austauschs – bedeutet einen Austausch von Ressourcen: Informationen, Status, Zuneigung, Dienstleistungen, Güter und Geld. Muss man sich in einen solchen Ansatz vertiefen? Man müsste es nicht, würden Liebesbeziehungen nicht sehr sensibel auf Ungerechtigkeit reagieren. Gerechtigkeit zeigt sich Paarforschern als wichtiger Baustein einer tragfähigen Paarbeziehung.

Glücksformel Ausgewogenheit

Ausgewogenheit in Paarbeziehungen wird mit einem einfachen Ansatz erforscht. In einem ersten Schritt werden Paare nach dem Geben und Nehmen in ihrer Beziehung befragt. Manche Studien fragen nach dem Gesamteindruck, andere durchleuchten bis zu 24 verschiedene Bereiche der Beziehung, in denen Geben und Nehmen eine Rolle spielt.

In einem zweiten Schritt suchen die Paarforscher nach Größen, auf die Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit einen Einfluss haben könnten: die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, das Gefühlsleben, die Sexualität und die Trennungsrate. Tatsächlich finden sich viele Zusammenhänge: Paare, die ihre Beziehung als ausgewogen erleben, sind zufriedener mit ihrer Partnerschaft, erleben mehr positive Gefühle und weniger Ärger.

Sogar auf die Sexualität wirkt sich Ausgewogenheit aus, die erleben Paare im Schnitt als erfüllter, wenn ihr Geben und Nehmen sich ausgleicht. Überraschenderweise ist auch der Partner unzufrieden mit der Beziehung, der von sich sagt, dass er mehr nimmt, als er gibt. Das mag daran liegen, dass Geben genauso zum Glück beiträgt wie Nehmen, außerdem können sich an der Unausgewogenheit Konflikte entzünden.

Schließlich kann Unausgewogenheit auch zur Gefahr für die Liebe werden. Paare, die ihre Beziehung unausgewogen finden, blicken weniger optimistisch in die gemeinsame Zukunft und trennen sich häufiger. In unausgewogenen Beziehungen gehen Partner häufiger fremd und zwar meist diejenigen, die mehr geben als nehmen.

Offenbar sind Menschen von Natur aus mit einem Gespür für Gerechtigkeit ausgestattet und mit einem Bedürfnis nach fairen Beziehungen. Unausgewogenheit löst negative Gefühle aus und lässt die Beziehung weniger wertvoll erscheinen. Weil Gerechtigkeit ein so wichtiger Baustein für das Liebesglück ist, verdient sie ein besonderes Augenmerk. Die folgenden Anregungen können helfen, Gerechtigkeit zu stärken und mit einem Rest an Ungerechtigkeiten zu leben.

Den anderen erwischen, wie er mir etwas Gutes tut

So heißt eine Übung, die zum Standardprogramm verhaltenstherapeutischer Paartherapie gehört: aufmerksam wahrnehmen und aufschreiben, was der Partner alles tut, das angenehm, beglückend und hilfreich ist. Je bewusster ich wahrnehme, was mir meine Frau alles schenkt, desto mehr habe ich davon und desto mehr Punkte gehen in meine Beziehungsbilanz ein. Ein Beispiel dafür ist die Verteilung der Hausarbeit, ein Politikum der Geschlechtergerechtigkeit, das gut erforscht ist.

Unbestritten ist, dass Frauen auch dann den größeren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn beide berufstätig sind. Interessant ist aber auch der folgende Befund: Wenn man ein Paar fragt, wie viel Prozent der Hausarbeit jeder erledigt und die beiden Angaben addiert, kommt man auf mehr als 100 %.

Frauen wie Männer überschätzen ihren Anteil an der Hausarbeit. Diesen Effekt dürfte es auch auf anderen Ebenen geben: Der eigene Einsatz steht einem deutlicher vor Augen als der des Partners. Hier kann das Aufrechnen eine positive Wendung bekommen: ein wertschätzendes Aufzählen dessen, was der Partner in die Liebe und in das gemeinsame Leben investiert. Wie wichtig die Wertschätzung ist, zeigt ein Befund, der aus männlicher Sicht zwar peinlich, aber entlastend ist: Es schadet der Liebe nicht, wenn der Mann im Haushalt etwas schuldig bleibt, solange er die Hausarbeit der Frau schätzt und lobt.

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Jörg Berger
ist Psychotherapeut in Heidelberg.

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