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Artikel aus den Heften

So klappt es mit der Adventsüberraschung für große Kinder

Auch erwachsene Kinder freuen sich über ein Adventspaket von den Eltern. Doch was kommt in ein solches Päckchen hinein? Einige hilfreiche Tipps.

Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine ganz besondere Zeit, und es ist eine schöne Idee, den flügge gewordenen Kindern diese Zeit mit einem elterlichen Paket zu versüßen. Während uns Social Media und Werbung bei der Umsetzung solch einer netten Initiative glänzende Augen, glückselig lächelnde Gesichter und freudig überraschte Jubelrufe versprechen, könnte der Realitätscheck allerdings auch anders aussehen – sogar wenn all die angepriesenen, „genau richtigen Dinge“ in der „genau richtigen Verpackung“ geschickt worden sind.

Von daher könnte es ein erster Schritt sein, zu überlegen, welche Wünsche, Hoffnungen oder Erwartungen für uns als Eltern damit (heimlich) verknüpft sind.

Welche davon sind legitim? Welche vielleicht auch unrealistisch oder sogar übergriffig? Von diesen gilt es, sich zu verabschieden, um damit offen zu werden für das, was möglich ist:

Nicht nur was, sondern warum soll es hinein?

Zunächst gilt es, die Grundsatzentscheidung zu fällen: Bekommen alle das gleiche oder jeder ein individuelles Paket? Beides hat sein Für und Wider. Bei individuellen Paketen kann Geschwisterneid aufkommen, andererseits kann sich auch jede und jeder ganz individuell gesehen fühlen. Gleiche Pakete sind per se „gerechter“ und können Verbundenheit vermitteln, andererseits haben sie nicht die besondere, persönliche Note.

Vor der Frage, was hinein soll, lohnt es sich, die Frage zu stellen, warum es hinein soll. Was wollen wir mit diesem Paket auslösen? Es ist hilfreich, diese Frage mit einem Satz zu beantworten. Zum Beispiel so: „Ich möchte, dass sich meine Kinder mit diesem Paket gesehen und geliebt fühlen.“ Oder: „Ich möchte mit diesem Paket Verbundenheit als Familie im Advent unter neuen Bedingungen gestalten.“ Oder …

Adventsabend per Videokonferenz

Alles, was dann in das Paket kommt, sollte zu dieser Fragestellung passen. Im ersten Beispiel kämen die Lieblingskekse für die Naschkatze, extra warme Socken für das Kind mit den kalten Füßen oder das neue Buch des Lieblingsautors für die Leseratte in Frage. Oder für jedes Kind ein selbst gestalteter Foto-Adventskalender mit schönen Kinderfotos, der deutlich macht: „Wir haben dich wohlwollend im Blick“.

Beim zweiten Beispiel ist es kniffliger. Hier ist es besonders wichtig, sensibel zu sein und den erwachsen gewordenen Kindern frei anzunehmende oder abzulehnende Angebote zu machen. Eine Idee könnte es zum Beispiel sein, sich an einem Abend im Advent via Videokonferenz zusammenzuschalten und zuvor jedem das Equipment in Form von Kerze, Lieblingssüßigkeit und -getränk zu schicken. Das kann ein Versuch sein, den alle super finden und der eine neue Adventstradition begründet oder der auch voll peinlich in die Hose gehen kann. Aber so ist das ja immer mit Familienaktionen. Manchmal gibt es glänzende Augen, und manchmal werden sie verdreht. Meine Erfahrung ist: Je mehr ich die Freiheit habe, dass beides sein darf, desto höher ist die Chance, dass es glänzende Augen gibt.

Elisabeth Vollmer ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann in Freiburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/Weihnachtspaket_Getty-Images-Jokic_Getty-Images-Plus-e1670860283664.jpg 1049 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-14 17:07:462022-12-14 17:07:46So klappt es mit der Adventsüberraschung für große Kinder

Auf eigenen Füßen – Weihnachtliche Überraschung

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, freuen auch sie sich über ein Adventspaket von den Eltern. Doch was sollte in ein solches Paket hinein? Elisabeth Vollmer gibt wertvolle Tipps.

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/Weihnachtspaket_Getty-Images-Jokic_Getty-Images-Plus-e1670860283664.jpg 1049 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-14 16:08:022023-05-11 14:19:25Auf eigenen Füßen – Weihnachtliche Überraschung

Oasenzeiten und Träumertage

Wenn die Kinder klein sind, bleibt oft wenig Zeit für die Partnerschaft. Isabelle Bartels möchte Paare ermutigen, trotzdem in die Beziehung zu investieren. Sie hat fünf Bausteine für eine lebendige Partnerschaft im Kleinkind-Alltag zusammengestellt.

Echt jetzt, Isabelle?! Mir wächst hier alles über den Kopf, ich wäre froh, einfach mal wieder eine Nacht durchzuschlafen, und jetzt soll ich Träumertage machen?“ Ich stelle mir vor, wie du die Family in der Hand hältst und den Kopf schüttelst. Und ganz ehrlich: Ich kann dich gut verstehen!

Meinem Mann und mir ging es während unserer Familiengründungsphase immer wieder genauso. Und gleichzeitig haben wir uns gefragt, wie wir als Paar in Verbindung bleiben können – auch im Alltag mit Kleinkindern. Denn wir wollten unsere Beziehung nicht dem Zufall überlassen und es auch nicht glauben, dass es vorbei ist mit Zweisamkeit und Nähe, wenn die Kinder klein sind. Doch wie genau können wir Einfluss nehmen auf die Resilienz unserer Partnerschaft? Was hält sie lebendig, wenn wir Eltern werden und als Paar wenig Exklusivzeit haben? Aus meiner eigenen Lebenserfahrung und als Ergebnis meiner Beratungen sind es vor allem fünf Bausteine, die wir als Paar kultivieren dürfen, um unserer Beziehung weiterhin Raum zur Entfaltung geben zu können.

1. Annehmen, was ist

Letztens bei uns: Wir hatten uns seit Tagen auf einen Restaurantbesuch zu zweit gefreut – und eine Stunde vorher sagt uns das Kindermädchen ab. Puh! Die Vorfreude weicht der Enttäuschung und dem Frust. Statt gemütlich essen zu gehen nun das normale Ich-will-nicht-schlafen-gehen-Programm mit den Kindern. Ich merke: Ich habe keine Lust! Früher habe ich mir Gedanken wie „Ich habe gerade keine Lust auf meine Kinder!“ nicht erlaubt. Doch dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Annahme von allem, was ist, die Grundlage ist, um überhaupt wieder heraus aus dem Opfermodus in die Handlungsfähigkeit zu kommen.

Was bedeutet das konkret für die Situation? Solange ich glaube, ich müsse immer Lust auf meine Kinder haben, komme ich nicht weiter. Ich bin weiterhin genervt, habe ein schlechtes Gewissen und bin unzufrieden mit mir, weil ich es nicht schaffe, dankbarer zu sein. Hier hilft die Annahme aller Anteile in mir mit ihren widerstreitenden Gefühlen. Ich gestehe mir ein, dass ich manchmal am liebsten meinen Mann für mich allein hätte und so nicht meinem Bild eines perfekten Elternteils entspreche. Und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht falsch bin, sondern dass meine Gefühle einfach menschlich und ein Ausdruck für meinen Wunsch nach mehr Zweisamkeit und Selbstbestimmung sind. Ich komme raus aus dem inneren Kampf und kann stattdessen nach Lösungen für die veränderte Situation suchen.

Als Paar könnt ihr euch gegenseitig helfen, den täglichen Kampf zu erkennen, und euch liebevoll aus den Gedankenschleifen herausholen. Dazu reichen oft ein einfaches „Stopp“ und eine Umarmung. Macht es euch immer wieder leicht und entscheidet euch bewusst dafür, nicht irgendeinem Ideal zu entsprechen. Und wenn es die Situation erfordert, wiederholt ihr das alle fünf Minuten.

2. Selbstfürsorge – Raum für mich und meine Interessen

Den Kindern geht es nur so gut, wie es den Eltern als Paar miteinander geht. Der Paarbeziehung wiederum geht es nur so gut, wie es jedem Einzelnen geht. Das sind zwei meiner Lieblingsgrundsätze für beziehungsstarkes Familienleben. Doch es ist oft ein riesiger Schritt, sich diesen Raum für sich selbst zu erlauben und ihn wirklich einzunehmen.

Deshalb ist der erste Schritt immer: die Selbsterlaubnis. Erlaube dir, Raum und Zeit mit dir selbst zu genießen und dich zu fragen: Was brauche ich? Wie kann ich mir selbst Gutes tun, um dann wieder die Mutter oder der Vater, die Partnerin oder der Partner zu sein, die oder der ich sein möchte?

Der zweite Schritt ist hier die klare Kommunikation: Rede mit deinem Partner darüber. Formuliere deinen Wunsch klar und spreche mit ihm darüber, dass du dir mehr Raum für dich nehmen willst.

Als wir angefangen haben, Räume für uns selbst in unseren Alltag einzubauen, kamen oft Bedenken von einem von uns wie: „Unsere tägliche To-do-Liste ist jetzt schon nicht zu schaffen, wie soll ich da noch Zeit für mich einbauen?“

Uns ist klar geworden: Ohne Selbstfürsorge geht es nicht. Mir hilft da immer das Bild aus dem wunderbaren Gedicht von Bernhard von Clairvaux: Die Schale der Liebe. Nur, wenn wir so gefüllt sind, dass wir überfließen wie eine Schale voller Wasser, können wir unsere Liebe und unsere Kraft weitergeben. Da sind wir wieder beim Thema Erlaubnis: Erlaube dir, deine Schale aufzufüllen. Hierzu reichen manchmal schon ein paar Minuten täglich.

Der dritte Schritt ist: Umsetzung! Schnappt euch den Kalender und tragt euch Alleinzeiten ein. Und plötzlich merkst du, dass der Alltag leichter wird, wenn du lernst, gut für dich selbst zu sorgen! Du erlebst dich viel gelassener mit den Kindern. Und die lange To-do-Liste kannst du ebenfalls besser annehmen, weil du spürst, dass du immer genug Kraft haben wirst, um alle Herausforderungen des Alltags zu bestehen.

3. Zeit für uns – kleine Oasen im Alltag schaffen

Es ist wichtig für die Paarbeziehung, dass auch sie Raum hat, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Die Frage ist also nicht, ob wir Zeit zu zweit haben, sondern wie. Deshalb habe ich mir im Folgenden Fragen überlegt, die helfen können, auch in der Kleinkindphase Paarzeiten zu etablieren:

  • Wie können wir ohne Druck und so, dass es sich für uns leicht und entspannt anfühlt, Zeiten für kleine Paar-Oasen im Alltag freihalten?
  • Was dient uns jetzt gerade mehr auf unserem Weg – viel Paarzeit? Oder lieber mehr Zeit allein?
  • Welche Aufgaben können wir auch anderen Menschen übergeben, sodass dadurch neue Freiräume für uns entstehen?

Und hier kommen noch drei Ideen für Mikro-Oasen! Schnell und einfach umgesetzt – Babysitter wird nicht benötigt!

  • Stellt den Wecker auf 5 Uhr morgens. Zieht eure Kleidung aus und kuschelt Haut an Haut. Spürt die Verbindung! Da muss gar kein Sex heraus entstehen – sondern es geht erst einmal darum, in Verbindung zu sein. In dieser Atmosphäre können auch die schönsten Gespräche entstehen. Probiert’s mal aus! PS: Der Jüngste wird auch in aller Frühe wach? Na, dann kuschelt er halt mit. Was für eine schöne Erinnerung ans Wochenbett, als ihr auch Haut an Haut mit ihm gekuschelt habt!
  • Ihr arbeitet im Home-Office? Macht ein Mittagessen für die Hand und verbringt die Mittagspause draußen! Nehmt euer Kind in die Trage und macht einen Spaziergang. Redet nicht über organisatorisches Kleinklein, sondern fragt bewusst und interessiert: „Wie geht es dir gerade?“
  • Nehmt euch einen späten Nachmittag Zeit für ein Familienpicknick: im Sommer im Garten oder im Park, im Winter am gemütlichsten Ort in der Wohnung. Dann setzt ihr euch allesamt auf den Boden und esst gemeinsam. In dieser entspannten Atmosphäre schwärmen die Kinder meistens nach dem Essen zum Spielen aus oder kuscheln sich einfach an, sodass ihr entspannt reden könnt.

4. Streiten & vergeben

Wie fühlen sich Konflikte für euch an? Wie seid ihr geprägt? Und wie freigiebig seid ihr beim Thema Vergebung? Die Antwort auf diese Fragen beeinflusst maßgeblich eure aktuelle Konfliktkultur. Kaum ein Paar streitet gern. Doch die gute Nachricht lautet: Konflikte gehören dazu! Und wir können lernen, sie zu lösen. Mein Mann und ich sind das beste Beispiel. Am Anfang unserer Beziehung dachten wir, wir würden niemals konstruktiv streiten lernen. Während ich alles ausdiskutieren musste, wollte er als Harmonietyp so schnell wie möglich raus aus dem Konfliktgespräch. Bevor eine Lösung für den akuten Konflikt in Sicht war, haben wir uns schon darüber gestritten, wie wir streiten.

Mittlerweile schaffen wir es zu 90 Prozent, unsere Konflikte zu lösen. Und wenn wir das können, könnt ihr das auch. Ich kann jetzt aus ganzem Herzen sagen: Konflikte sind wichtig und sind Chancen, um zu wachsen! Konflikte eskalieren häufig dann, wenn ein Anteil in uns durch die aktuelle Situation an eine schmerzhafte Erfahrung aus der Vergangenheit erinnert wird. Wenn wir bereit sind, unsere eigenen alten Verletzungen anzuschauen, werden Konflikte konstruktiv. Es ist ein toller Erfolg, wenn du in einem Konflikt selbst erkennst, dass du gerade in einen alten Schmerz gerutscht bist. Die Basis für einen solchen Moment sind die Bausteine 1 und 2: Annehmen, dass dieser Schmerz gerade da ist, und so gut wie möglich für dich sorgen.

Der nächste Schritt ist erst dran, wenn die hochgekochten Gemüter sich wieder beruhigt haben. Vergib deinem Partner oder deiner Partnerin freigiebig und vor allem auch dir selbst. Gerade wir Christen dürfen uns immer wieder daran erinnern: Uns ist sowieso schon vergeben. Wir sind geliebt. Also lasst uns täglich sagen und signalisieren: „Ich vergebe dir.“

5. Gemeinsam träumen

Dieser Baustein hat unglaublich viel Potenzial, den Alltag zu durchbrechen und über das Chaos hinweg Verbindung zu schaffen. Fragt euch regelmäßig: Was ist unsere gemeinsame Perspektive? Was ist noch alles möglich hinter dem Tellerrand des Alltags? Worauf leben wir gemeinsam hin? Es lohnt sich, die Paar-Oasenzeiten zum gemeinsamen Träumen zu nutzen und auch mal einen Träumertag einzulegen! Das heißt, dass ihr beide euch einen Tag Zeit nehmt und gemeinsam so viel wie möglich von euren „Wie schön wäre es, wenn wir …“-Ideen da hineinpackt. Die Energie, die ihr daraus mitnehmt, wird euch durch die nächste Durststrecke tragen und euch inspirieren, viel öfter zu fragen: Was tut uns in unserem Alltag gut? Wie wollen wir eigentlich leben? Und wovon können wir jetzt sofort noch mehr in unseren Alltag bringen?

Ja, es gibt immer wieder diese Phasen, in denen wir das Gefühl haben, dass alles über uns hereinbricht und wir nur noch reagieren können. Doch wir haben immer die Möglichkeit, als Individuen und als Paar gemeinsam zu entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen. Ich wünsche euch viel Kreativität und gute Ideen, die genau zu euch und eurem Alltag passen.

Isabelle Bartels ist Pädagogin und familylab-Familienberaterin, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ostwestfalen und bloggt unter www.isabellebartels.com.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/pexels-katerina-holmes-5910849-scaled-e1670499018313.jpg 1567 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-08 12:30:432022-12-08 12:30:43Oasenzeiten und Träumertage

Geliebt und genervt: Wie ich meinen Partner ändern kann

Alle wissen, dass man den Partner nicht ändern kann. Paarberater Marc Bareth verrät, wie es trotzdem klappt.

Wir kennen es alle: Unser Partner oder unsere Partnerin verhält sich nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Je länger wir in einer Partnerschaft sind, desto mehr springen uns Charaktereigenschaften ins Auge, die so richtig nerven. Da stellt sich schnell einmal die Frage: Wie kann ich mein Gegenüber ändern? Wer sich mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass die Aussagen vieler Fachleute und der Literatur darauf hinauslaufen, dass dies eben gar nicht möglich ist. Und auch unsere Erfahrung zeigt, dass das Unterfangen ziemlich aussichtslos ist. Wir können unsere Mitmenschen nur sehr bedingt verändern. Der berühmte amerikanische Paartherapeut Dan Wile sagt: „Wenn du einen Partner wählst, wählst du damit unweigerlich auch ein bestimmtes Set an unlösbaren Problemen.“ Deshalb der Tipp: Nimm dein Gegenüber an, wie sie oder er ist, und nicht wie sie oder er sein sollte. Ändern kannst du ihn oder sie sowieso nicht.

Ich kann mich ändern

Meinen Partner kann ich also nicht ändern. Doch es gibt einen Weg, sein oder ihr Verhalten nachhaltig zu verändern. Hier kommt die Paardynamik ins Spiel. Das Verhalten des Mannes ist jeweils die Reaktion auf das Verhalten der Frau und umgekehrt. Das weitaus erfolgversprechendste Mittel ist es also, sein eigenes Verhalten zu ändern. Genau: Du gibst deinem Gegenüber die Chance, sich zu ändern, indem du dich selbst anders verhältst.

Was langfristig nicht funktioniert, sind Druck, Vorwürfe, Nörgeln und Forderungen. Denn Druck erzeugt Gegendruck und führt nicht zu einer Verhaltensänderung.

Ein Beispiel: Sandra kommt aus einer Familie, in der man Konflikte direkt und auch mal laut angeht. Wenn sie Philipp mit dem konfrontiert, was ihrer Meinung nach schiefläuft und alles auf den Tisch legt, reagiert der sehr einsilbig. Sandra lässt dann aber nicht locker. Sie fühlt sich durch Philipps Passivität provoziert und wird immer lauter, bis Philipp sich irgendwann einfach verdrückt, was Sandra noch mehr verärgert.

Andere Wege suchen

In Philipps Familie wurde offener Streit um jeden Preis vermieden, weil niemand damit umgehen konnte und Konflikte häufig Beziehungsabbrüche bedeutet haben. Lernt Sandra, ihr Anliegen so anzusprechen, dass Philipp sich nicht in die Enge gedrängt fühlt, wird sie viel mehr erreichen, als wenn sie ihn anbrüllt, er solle doch auch mal was sagen. Wenn Philipp die Erfahrung macht, dass Meinungsverschiedenheiten mit Sandra nicht zum Beziehungsabbruch führen, wird er anders auf sie reagieren können. Sandra kann also Philipps Verhalten nur verändern, indem sie sich selbst anders verhält.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/Paar-streitet_Getty-Images_urbazon_E-Plus-e1670236018549.jpg 1208 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-06 15:27:232022-12-06 15:27:23Geliebt und genervt: Wie ich meinen Partner ändern kann

Erdbeeren im Winter

Aus Liebe zur Schöpfung: Warum uns der Klimaschutz so schwerfällt, er aber trotzdem unerlässlich ist. Von Robert Pelzer

Nach dem Abendessen machte ich mich daran, die Pfannen und Töpfe abzuwaschen. Ich suchte das Spüli, fand es aber nicht. Stattdessen stand dort diese neue schicke Flasche, die aussah wie ein Seifenspender. Ich drückte oben drauf und bekam etwas Schaum in die Hand. Als ich meine Frau fragte, was das sei, erzählte sie mir erfreut, dass sie wasserlösliche Tabletten besorgt habe. Nun bräuchten wir keine Spüliflaschen mehr zu kaufen, was ja Verpackungsmüll einsparen würde. Das fand ich gut, und ich machte mich mit dem Schaumspender an den Abwasch. Ich merkte schnell, dass ich sehr oft auf dieses Fläschchen drücken musste, um genügend Spülmittel für die fettigen Pfannen zu bekommen und dass selbst mit viel Schaum die Spülkraft nur so mittelmäßig war. Als Letztes spülte ich das Backpapier ab. Wir haben wiederverwendbares Backpapier, denn das spart Müll. Ich bekam die klebrige Schicht jedoch einfach nicht ab. Letzten Endes trennten wir uns von den Spülitabletten und entsorgten den nachhaltigen Spender wieder. Weil wir die klebrige Schicht auch mit normalem Spülmittel nicht wegbekamen, entsorgten wir auch das wiederverwendbare Backpapier, das sich als doch gar nicht so wiederverwendbar erwiesen hatte.

Ich war frustriert. Wir wollen doch unseren Beitrag leisten, Ressourcen sparen, weniger Energie und weniger Plastik konsumieren. Das ist uns allen wichtig, vor allem meiner 12-jährigen Tochter. Seit Neuestem liebt sie Unverpacktläden und gibt dort immer ihr Taschengeld aus. Wir essen kaum noch Fleisch, etwa einmal pro Woche als Familie. (Okay, ich esse auf der Arbeit manchmal heimlich einen Burger zum Mittag, meine Kinder nehmen in der Schulkantine hin und wieder das Fleischgericht, weil vegetarisch an dem Tag mit Blumenkohl ist, und vielleicht machen wir noch eine kleine Ausnahme und gehen am Wochenende Döner essen.) Alles in allem geben wir uns Mühe, finde ich. Aber ich bin frustriert, weil sich der Aufwand manchmal nicht zu lohnen scheint und zumindest durch diese Spüli- und Backpapiergeschichte mehr Müll entstanden ist, als wenn wir einfach normal weitergemacht hätten.

Es ist kompliziert

Aber warum bin ich eigentlich frustriert? Nur weil ein paar gut gemeinte, aber undurchdachte Produktlösungen nicht zielführend waren? Eigentlich ist es doch toll, dass die Industrie versucht, mit kreativen Lösungen dem Thema Nachhaltigkeit zu begegnen. Und es ist auch klar, dass dabei nicht jeder Ansatz erfolgreich sein kann. Nein, ich merke, dass die Gründe für meine Frustration andere sind.

Zuallererst ist es kompliziert und vielschichtig. Auf der Arbeit hatte letzten Januar jemand Erdbeeren mitgebracht. Ich saß in der Pause am großen Gemeinschaftstisch, nahm mir eine Erdbeere und bot meinem Kollegen auch eine an. Dieser schaute mich entgeistert an, schüttelte den Kopf und sagte: Erdbeeren im Januar? Ich verstand sofort, was er meinte. Irgendwie hatte er recht. Erdbeeren im Winter zu essen, muss ja nicht sein. Und doch wird es kompliziert: Plötzlich ist es falsch, Obst zu essen. Ständig muss man dazulernen und erfährt zum Beispiel, dass Avocados Unmengen an Wasser in Regionen verbrauchen, wo dies Mangelware ist und den Kleinbauern fehlt.

Ein anderer Freund fragte neulich, ob er denn bald nur noch Moos essen dürfe, ohne sich schlecht zu fühlen, und drückte damit das Grundgefühl aus, das viele gerade haben: So vieles, was man bisher sorglos konsumieren konnte, scheint neuerdings dem Planeten zu schaden. Zugegeben, das Dazulernen ist manchmal anstrengend. Ich kann mich doch im Alltag nicht ständig mit allen Zusammenhängen befassen, um sicherzustellen, dass ich auch wirklich nachhaltig bin, oder? Ja und nein. Vielleicht müssen es nicht alle Themen auf einmal sein, sondern Stück für Stück. Aber wir leben nun mal in und vor allem profitieren wir von einer global vernetzten Welt, in der unser Handeln Konsequenzen irgendwo anders hat. Dass wir diese Konsequenzen bedenken, hat etwas mit der Verantwortung zu tun, die erwachsene Menschen für ihr Tun übernehmen müssen.

Ohnmachtsgefühl

Doch es kann sich schnell das Gefühl einstellen, dass das ganze eigene Leben eine Belastung für den Planeten sei. Auf einer Fridays-for-Future-Demo, auf der ich mit meiner Tochter war, fielen mir Mädchen auf, die T-Shirts trugen mit Slogans wie „Parasit Menschheit“. Es stimmt ja, dass wir als Menschen der maßgebliche Grund für die Zerstörung des Planeten sind, aber andererseits sind wir ja auch Teil dieses Planeten. Die Natur und wir – das lässt sich nicht trennen. Und meines Erachtens liegt darin auch schon die Lösung des Problems. Wenn wir anfangen würden zu verstehen, dass wir nicht außerhalb der Natur existieren, sondern Teil von ihr sind und sie brauchen, dann beenden wir hoffentlich schleunigst ihre Zerstörung.

Aber dann stellt sich mir manchmal die Frage, ob alle unsere Anstrengungen überhaupt etwas bringen, und ich bekomme dieses lähmende Ohnmachtsgefühl. In Anbetracht der Situation und der Fülle an Themen und Zusammenhängen kann man schon das Gefühl bekommen, die Lage sei aussichtslos. Menschen vermeiden Plastik und lernen dann, dass Glas aus Gründen der Energiebilanz auch nicht unproblematisch ist. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass eine „Das bringt doch eh nichts“-Haltung nur eine Ausrede ist, passiv zu bleiben. Ich habe schon mit Menschen diskutiert, die gegenüber allen Hilfsorganisationen eine zynische Haltung hatten, nur um zu rechtfertigen, dass sie nie spenden.

Warten auf die Apokalypse

Neben Zynikern, Turbo-Kapitalisten und Klimaleugnern, die den menschengemachten Klimawandel für eine Lüge halten, gibt es noch eine andere Gruppe, die leider manchmal dadurch auffällt, dass sie dem Thema Klimaschutz nicht allzu viel Bedeutung schenkt. In manchen frommen Kreisen tut man sich immer noch schwer damit, die Klimakrise angemessen zu adressieren. Unsere Jesus-Freaks-Pullis zum Beispiel hatten damals die Aufschrift: „Alles geht in Arsch, Jesus bleibt!“ Das spiegelte unsere Sicht auf die Entwicklung der Welt wider, die eher negativ und fatalistisch geprägt war. Wir warteten ständig gespannt auf eine unabwendbare Apokalypse.

Doch wer so denkt, wird selten dazu beitragen, eine nachhaltige Verbesserung in der Welt zu erreichen, sei es im Sozialen, sei es bezogen auf die Umwelt. Und leider tragen Menschen, die so denken, oft selbst dazu bei, dass nichts besser werden kann, und erfüllen damit ihre eigene Prophezeiung selbst. Der Weltklimarat geht davon aus, dass in den nächsten 70 Jahren viele Teile der Welt unbewohnbar werden, wenn unser Verhalten ungebremst so weitergeht. Ich finde es deshalb paradox, dass einige Gemeinden, die seit Jahrzehnten das baldige Weltende proklamieren, im Hinblick auf diese von uns Menschen verursachte, reale Bedrohungslage so still sind.

Stattdessen kommt es nicht selten vor, dass Energie und Zusammenhalt für Streitthemen verpulvert werden, wie zum Beispiel die Frage, ob Frauen ebenso wie Männer in Lehr- oder Leitungspositionen agieren dürfen. Gemeinden, die sich in Anbetracht der weltweiten Lage mitsamt Hungersnöten, sozialen Ungerechtigkeiten und einer Klimakrise, die die gesamte Menschheit bedroht, mit Themen beschäftigen, die für die meisten Menschen schon vor Jahrzehnten nicht mehr relevant waren, schaffen sich zunehmend selbst ab.

Nicht zu spät

„Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ Dieser Satz von Dietrich Bonhoeffer spricht mir aus der Seele. Denn er drückt die Hoffnung dafür aus, dass es noch nicht zu spät ist. Er drückt aus, dass es sich lohnt, weil es besser werden kann. Und er bringt auch unsere eigene Verantwortung zum Ausdruck. Die Verantwortung für diesen Garten, für diese Erde, die uns von Gott gegeben wurde, wird uns nicht abgenommen werden. Deshalb lohnt es sich bei aller Komplexität, dieses dringende Thema trotz unseres vollen Alltags nicht aus den Augen zu verlieren. Unser Handeln hat einen Einfluss!

Weil man über das eigene Konsumverhalten die meiste Kontrolle hat, haben wir als Familie wie anfangs beschrieben beim Einkaufen begonnen. Den Fleischverzehr zu reduzieren, ist zum Beispiel nicht nur gesund und erspart Tierleid, auch der CO2-Abdruck pflanzlicher Proteine ist um ein Zigfaches niedriger. Denn der Regenwald wird in diesen Momenten weiter abgeholzt, nur um Soja für Tierfutter anzubauen, das weltweit ca. 77 Prozent des gesamten Agrarlandes beschlagnahmt. Wichtig ist, dass wir beginnen, das zu tun, was in unserem Einflussbereich liegt. Dabei kann es helfen, wenn wir uns ein relevantes Thema herausnehmen und damit fokussiert beginnen. Lieber mit wenig starten und immer mehr dazulernen, als gar nicht zu beginnen, weil es zu kompliziert und aussichtslos erscheint oder weil es unbequem ist. Vielleicht können wir das nicht immer hundertprozentig. Aber es stimmt, was die Mädels und Jungs bei den Klimademos rufen: Es gibt keinen Plan(eten) B – und die Lage ist mehr als nur ernst.

Robert Pelzer arbeitet als Forschungsingenieur in einem Berliner Start-up und macht gerade eine Coaching-Ausbildung. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Pankow.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/vladimir-soldatov_GettyImages-1276484345-scaled.jpg 3000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-02 14:51:282022-12-02 14:51:28Erdbeeren im Winter

Mehr Besinnlichkeit: 4 Tipps für einen liebevollen Advent als Paar

Der Advent ist chronisch hektisch. Paarberaterin Ira Schneider kennt diese Situation und hilft dabei, innezuhalten und die Zeit bewusst zu genießen.

Irgendwie ist es doch jedes Jahr das Gleiche. Wir nehmen uns vor, ruhig, besinnlich und achtsam den Advent zu erleben, doch dann artete es wieder in Stress aus. Zeit, daran etwas zu verändern. Wir haben als Paar ein wenig die Adventszeit umstrukturiert und fahren bewusst ein paar Gänge runter. Wir wollen nicht mehr von Festlichkeit zu Festlichkeit hetzen, sondern im Hier und Jetzt sein und im Miteinander verweilen.

Um als Paar besondere Zeiten der Zweisamkeit im Advent zu erleben, haben wir vier Ideen zusammengestellt. Dabei gibt es aber vorab einen kleinen Exkurs: Das Konzept aus dem Standardwerk Die fünf Sprachen der Liebe kann uns im Advent ein kleiner Begleiter sein. Irgendwie scheint jeder sie zu kennen oder zumindest inhaltlich etwas damit anfangen zu können. Gary Chapman geht von fünf Liebessprachen aus: Unterstützen, Zärtlichkeiten austauchen, Geschenke machen, Komplimente machen und Zeit zu zweit. Immer wieder treffen wir Paare, die sagen, dass sie die fünf Liebessprachen schonmal gehört haben oder sie stellen Vermutungen auf, welche womöglich ihr Partner spricht. Im Grunde sind die Liebessprachen Strategien. Sie sind Wege und Handlungsoptionen, um das emotionale Bedürfnis nach Liebe beim anderen zu stillen. Gary Chapman spricht hier auch vom Liebestank. Mein Mann und ich lieben es, den Alltag zu feiern und uns kleine Challenges, sprich: kleine Strategien, zu überlegen. Hier findet ihr eine Auswahl unserer Lieblingsaktionen. Alle Liebessprachen sind dabei abgedeckt. Wie wäre es, vier davon als kleine Begleiter in der Adventszeit umzusetzen?

4 Adventsideen für Paare

Etwas Süßes

  1. Ob Zimtsterne, Dominosteine, Lebkuchen oder Marzipan:
    Bring deinem Partner seine oder ihre Lieblingsweihnachtsleckerei mit.

Etwas Warmes

  1. Ob Kopf, Fuß oder Rücken – das könnt ihr entscheiden – gießt euch ein paar Tropfen Öl in die Hände und wärmt euch gegenseitig auf. Der Dezember ist meist kalt genug. Was spricht gegen eine kuschelige Massage?

Etwas zum Dahinschmelzen

  1. In den Nikolausstiefeln müssen nicht nur die Mandarinen und Nüssen zerquetscht werden oder die Schokolade schmelzen. Manchmal kann auch durch Worte das Herz schmelzen. Schreibe eine Dankeskarte und beschreibe Facetten und Eigenschaften, die du an deinem Partner oder deiner Partnerin besonders schätzt oder bewunderst.

Etwas Stille

  1. Zwischen gedimmten Lichtern, bunten Farben und dem Geruch von Kerzen ist die Adventszeit gemütlich, aber auch durchaus reizüberflutend. Da ist es besonders wertvoll, Stille miteinander auszuhalten und zu genießen. Stellt euch einen Timer und ladet einander ein, euch eine Minute lang in die Augen zu schauen.

 

Ira Schneider ist Paarberaterin, Referentin & Autorin. Gemeinsam mit ihrem Mann David bietet sie Paarcoaching an.

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/Paar_Adventszeit_Getty-Images.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-01 12:33:162022-12-01 13:10:22Mehr Besinnlichkeit: 4 Tipps für einen liebevollen Advent als Paar

Ein Paar, zwei Perspektiven: Fotobuch

Nicht das wahre Leben

Katharina Hullen will Erinnerungen festhalten und prägen – schöne Erinnerungen.

Katharina: „Schaut doch bitte kurz noch mal alle zu mir!“ Ich versuche, einen schönen Abschlussmoment festzuhalten, nachdem ich meine Familie mehr oder weniger unauffällig den ganzen Tag umtanzt habe, um einige der schönen Szenen unseres heutigen Ausflugs digital zu verewigen. Nicht allen ist dabei zum Lächeln zumute, aber wir wissen ja, wofür wir uns hier ins Zeug legen – das alljährliche Familien-Fotobuch muss gefüllt werden!

Alle lieben diese Bücher – die Großeltern wünschen sich zu Weihnachten nichts anderes. Und es ist auch ein großartiges Geschenk: eine Galerie der Menschen, die wir lieben, eine wunderbare Dokumentation des Familienlebens, der Entwicklungen und Meilensteine eines jeden Mitglieds unserer kleinen Einheit. Ausflüge, Geburtstage, Einschulungen, Abschiede, Aufführungen. Wir können beim Betrachten in Erinnerungen schwelgen und mithilfe der schönen Baby- und Kleinkindbilder und der zugehörigen Erzählungen sogar Erlebnisse und Empfindungen prägen, die bei den Kindern ansonsten gar nicht im aktiven Bewusstsein wären.

Diese Bücher sind naturgemäß angefüllt mit den schönen Momenten, mit lächelnden, fröhlichen, ausgelassenen, stolzen, konzentrierten und glücklichen Menschen.

Ich hatte noch nie den Drang, ein Foto zu machen, wenn ich gerade am Mittagstisch ein Donnerwetter loslasse oder wenn sich zwei Streithähne buchstäblich in den Haaren liegen. Auch das Aufwischen von Erbrochenem oder das Durchsetzen einer Auszeit für ein bockiges Kind hat es bei uns noch nicht als Fotomotiv gegeben.

Ist es daher nicht eigentlich ein unehrliches und geradezu ärgerliches Produkt einer zu ehrgeizigen Mutter, die jeden Moment nur nach seiner Fotobuch-Tauglichkeit beurteilt und eben nicht das wahre Familienleben dokumentiert? Warum nicht einfach den Moment genießen und fotolos verstreichen lassen?

Einfacher wäre das, denn es steckt sehr viel Zeit und Arbeit in diesen Büchern. Und dass unser Familienleben auch viel Streit, Frust und Versagen beinhaltet, ist selbstverständlich genauso wahr wie die vielen schönen Augenblicke.

Dennoch gefällt mir der Gedanke, dass diese Bücher vor allem das Positive festhalten: Es war richtig schön! Wir haben sehr viel Gutes und Lustiges zusammen erlebt. So haben wir uns entwickelt, das konnte der oder die damals schon richtig gut und schau, was daraus geworden ist. Solche Fotoalben können helle Landmarken im Leben setzen, wenn man irgendwann mal das Gute vergisst oder niemand mehr da ist, der einen erinnert.

Ich verbuche für mich die Kritik am Fotografieren in der gleichen Kategorie, wie es meine Familie wohl nervt, wenn ich nach gewaschenen Händen und wetterangemessener Kleidung frage. Mütter nerven dann eben. Tja.

 

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

Das Lächeln gefriert

Hauke Hullen möchte den Moment genießen – ohne Fotobuchgedanken.

Hauke: Familienfeier im Garten: Die ganze Verwandtschaft ist da, unsere Kinder baden in Geselligkeit und herzlicher Aufmerksamkeit, als unser 6-Jähriger stolz seiner Cousine Jule den aktuellen Wackelzahn präsentiert. „Komm, den hol ich dir raus“, verspricht die 24-Jährige. Man muss dazu wissen: Jule ist nebenberuflich Zahnfee. Wann immer sie uns besucht, verlieren unsere Kinder einen Milchzahn. Es bahnte sich also ein spektakuläres Ereignis an, da unterbricht die beste Ehefrau von allen: „Moment, die Kamera!“

Es folgt eine hektische Suche nach dem richtigen Handy, dem richtigen Winkel und dem richtigen Bildmodus: Porträt, Panorama oder doch lieber ein Video? Vielleicht in Slow Motion? Am Ende gibt es alles auf einmal, weil inzwischen die gesamte Sippe ihre Handys im Anschlag hat, um dutzendfach zu dokumentieren, wie die zupackende Cousine eine weitere Lücke in der Kauleiste unserer Kinder hinterlässt. So geht das ständig. Bei jeder sich nicht bietenden Gelegenheit ist Katharina dem Zwang erlegen, alles fotografisch festhalten zu müssen – für das legendäre Fotobuch, was stets für die Großeltern und für uns unterm Weihnachtsbaum liegt.

Am schlimmsten ist es, wenn sie ein neues Handy mit neuen Kamerafunktionen hat. Dann gleicht jeder Sonntagsspaziergang einer Hetzjagd, bei der Mann und Mäuse vor der wildgewordenen Knipserin flüchten. In diesen Zeiten entstehen besonders viele menschenleere Landschaftsaufnahmen, bei denen man mit etwas Glück dann doch ein paar Familienmitglieder entdeckt, die sich entnervt hinter den Bäumen verstecken.

Denn die Fotos rauben zwar nicht uns die Seele, aber dem Moment. Wenn Kathi das pralle Leben festhalten will, tut sie exakt das: Das Leben und alle Personen erstarren, das Gelächter hört auf, das Lächeln gefriert zur Grimasse – und all die Leichtigkeit ist weg.

Warum kann man nicht einfach den Augenblick genießen, ohne ständig an die fotogene Verwertbarkeit denken zu müssen? Und warum müssen immer wieder künstlich Aktionen gestartet werden, nur damit schöne Fotobuch-Motive entstehen? Das Fotobuch entwickelt sich zu unserem analogen Instagram-Channel, zu einer Puderzucker-Version unseres Lebens!

Besonders sinnfrei dabei: die Selfie-Seuche. Ganze Urlaubsalben, die nur aus den immer gleichen zwei Visagen bestehen. Immerhin bestraft die Kamera diese Selbstbezogenheit mit übergroßen Nasen, weshalb man diese Bilder nachher auch keinem mehr zeigen mag. Informativ sind die Fotos eh nicht: Man weiß zwar, man war da, sieht aber nicht, wo.

Klar, die Kinder schauen sich gern die Bilder von früher an. Sie glauben dann sogar, sich an diese Kindheit erinnern zu können – dabei weiß die Wissenschaft längst, dass man mit Fotos Erinnerungen in den Köpfen säen kann. Könnte sich Kathi auf diese Weise nicht viel Arbeit ersparen, indem sie einfach ein paar hübsche Motive aus dem Internet kopiert? Hier, unser Hawaii-Urlaub, und da, da warst du Fallschirmspringen! Dann könnten wir endlich in Ruhe unser Leben leben.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/11/Illu-Hullen-NEU.jpeg 1668 2224 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-11-23 15:30:532022-11-21 15:31:19Ein Paar, zwei Perspektiven: Fotobuch

Erstes Schuljahr: So helfen Sie Ihrem Kind beim Ankommen

Der Übergang von Kita zu Schule ist für Kinder und Eltern eine Herausforderung. Familientherapeutin Stefanie López gibt Tipps, wie Eltern ihre Kind in die Selbstständigkeit begleiten können.

Letztes Jahr kam meine große Tochter in die Schule. Das erste Halbjahr war spannend und herausfordernd für uns alle. Die anfängliche Begeisterung meiner Tochter in den ersten Wochen wich irgendwann der Ernüchterung, als sie feststellte, dass sie wirklich jeden Tag zur gleichen Zeit in die Schule gehen musste. Auch an die neuen Kinder musste sie sich gewöhnen. Vor allem aber daran, dass es nun viel weniger Zeit zum Spielen gab. Für mich als Mutter war es seltsam, die Lehrerin kaum zu Gesicht zu bekommen. Die ersten Wochen sahen wir sie immerhin mit Maske morgens kurz auf dem Schulhof. Als die Kinder dann allein in ihre Klasse gehen mussten, traf ich nachmittags nur noch die Hortbetreuung an, die meistens gerade mit hochrotem Kopf irgendeinen Streit schlichtete. Ganz anders als damals noch zu Kitazeiten. Hier war zwar auch immer viel los, aber ich konnte beim Bringen und Abholen mit den Erzieherinnen reden, nach dem Tag fragen und organisatorische Dinge besprechen. Dass ich mein Kind in die Hände von Menschen gab, die ich selten sah und fast nie sprechen konnte, verunsicherte mich lange.

Wie wir mit unserer Unsicherheit umgehen können und unsere Kinder auf dem Weg in die Selbstständigkeit am besten begleiten – das habe ich die Elternbegleiterin und Familientherapeutin Stefanie López gefragt. Sie hat mir im Gespräch fünf hilfreiche Tipps genannt.

1. In die Selbstständigkeit begleiten

Vielen Eltern fällt deswegen zu Schulbeginn das Loslassen schwer. Doch gleichzeitig ist die Schule für das Kind ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit. „Eltern sollten beim Weg in die Selbstständigkeit helfen. Zu Beginn geht es weniger um den Lernstoff, sondern um ganz andere Sachen: Wie komme ich pünktlich? Wie lerne ich am besten? Was brauche ich? Was macht mir Spaß?“ erklärt Stefanie López. Wichtig sei dabei ein grundsätzliches Vertrauen in das Kind und das Wissen: „Mein Kind schafft das.“ Beim Selbstständig werden geht es auch darum, auszuprobieren, was dem Kind am besten hilft. Manche Kinder erledigen ihre Hausaufgaben gerne direkt nach der Schule, manche brauchen erst einmal eine Pause. Einige wecken sich schon bald morgens allein mit dem Wecker, andere brauchen beim Aufstehen noch mehr Unterstützung. „Ich erlebe allerdings oft, dass den Kindern viel abgenommen wird“, sagt Stefanie López. Doch wenn Eltern zu stark die Verantwortung für ihr Kind übernähmen, gäbe es keinen Grund mehr für das Kind, Dinge selbst zu tun. Das heißt für Eltern, dass sie auch mal aushalten müssen, wenn ihr Kind zu spät zum Unterricht kommt oder die Hausaufgaben nicht macht.

2. Gefühle sind okay

Bei der Umstellung von Kita auf Schule geht es schnell emotional her. Manche Kinder können mit dem Druck, plötzlich Leistung erbringen zu müssen, nicht umgehen. Andere kommen mit der Lehrerin nicht klar, einigen fällt es schwer, lange stillzusitzen. Stefanie López, rät dazu, die Gefühle des Kindes erst einmal anzunehmen: „Ob das jetzt Aufregung, Überforderung, Angst oder Vorfreude sind, alle Gefühle des Kindes sind okay. Oft wollen wir Eltern, dass es unserem Kind immer gut geht und sagen dann vielleicht Sachen wie ‚Du musst nicht aufgeregt sein‘ oder ‚Du brauchst gar keine Angst zu haben.‘ Aber das macht es eher noch schwieriger für das Kind, denn die Gefühle sind ja trotzdem da.“ Es sei viel hilfreicher, die Emotionen des Kindes zu akzeptieren, ihm zuzuhören und mitzufühlen.

3. Keinen Druck aufbauen

Oft kommen Eltern zu ihr in die Beratung, die einen riesigen Druck verspüren, dass ihr Kind nicht schon im ersten Schuljahr „den Anschluss“ verliert, erzählt Stefanie López. Sie haben Angst, dass es abgehängt wird, keinen ausreichenden Abschluss schafft und später dann keinen guten Beruf findet. Doch viel wichtiger als den Schulstoff zu schaffen oder pünktlich zu sein, sei, dass die Kinder von Anfang an ein gutes Gefühl mit Schule verbinden. „Kinder sollten keinen Stress und Druck vermittelt bekommen, besonders nicht im ersten Schuljahr. Stattdessen brauchen sie Zeit, all die von ihnen geforderten Dinge in Ruhe zu lernen. Das ist ja ein Übergang. Sie waren eben noch in der Kita und sind immer noch sechs Jahre alt“, sagt Stefanie López. Kinder kämen mit einer riesigen Lernlust auf die Welt. Diese sollten sie so lange wie möglich behalten und nicht durch Druck von außen verlieren. So würden sie nicht nur psychisch gesünder bleiben, sondern auch besser lernen können. Wichtig sei auch, sich seiner eigenen Haltung als Eltern bewusst zu werden: Wie wichtig ist mir der Erfolg meines Kindes in der Schule? Spreche ich oft von anderen Kindern und ihren Leistungen? „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Viele Eltern möchten, dass ihre Kinder schon früh lernen, sich daran anzupassen. Dabei verlieren wir häufig die Bedürfnisse der Kinder und ihr individuelles Lebensglück aus den Augen“, meint Stefanie López. In Gesprächen mit dem Kind sollten Eltern deswegen immer wieder klar machen, dass ihr Wert und ihr Glück nicht mit schulischen Leistungen zusammenhängt.

4. Freunde finden

Zum Ankommen in der Schule gehört auch, Freundinnen und Freunde zu finden. Doch das ist nicht für jedes Kind einfach. Stefanie López eigener Tochter ging es zeitweise so: „Das war schwer für mich auszuhalten, ich wollte ihr das gerne ersparen.“ Doch sie musste üben, ihren eigenen Schmerz nicht auf ihr Kind zu übertragen, stattdessen aber für ihre Tochter da zu sein. Wir können nicht alle Probleme für unsere Kinder lösen, sagt sie. Aber die Erfahrung, dass es da einen Erwachsenen gibt, der dem Kind zuhört und es versteht, sei für das Kind sehr wichtig. Auch konkrete Tipps, wie das Kind sich selbst helfen kann, können Eltern geben. Ihrer Tochter riet Stefanie López damals, nicht nur zu warten, bis jemand auf sie zugeht, sondern sich zu überlegen, mit wem sie spielen möchte und die Person dann anzusprechen. „Am nächsten Tag kam sie superglücklich aus der Schule und hatte tatsächlich zwei Mädchen angesprochen, mit denen sie dann gespielt hatte.“

5. Bewegung ermöglichen

In der Kita konnten die Kinder noch den ganzen Tag über das Gelände rennen, im Matsch wühlen und Bälle kicken. In der Schule müssen sie nun vor allem stillsitzen. Diese Umstellung fällt so manchen Kindern schwer. Sie wissen nicht mehr, wohin mit ihrer ganzen körperlichen Energie, die sich dann oft im Unterricht entlädt – zum Missfallen der Lehrkraft. Das zeigt mal wieder, dass das Schulsystem vor allem aus Erwachsenen-Perspektive konzipiert wurde und zu wenig die Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt, meint Stefanie López. Es sei „nicht kindgerecht, stundenlang am Tisch zu sitzen und Aufgaben zu lösen. Kinder brauchen viel Bewegung.“ Bewegung wirkt sich nicht nur positiv auf Körper und Psyche aus, sondern auch auf die schulischen Leistungen. Unterschiedliche Studien zeigen, dass Kinder, die sich häufiger bewegen, auch besser in der Schule abschneiden.

Doch was können Eltern tun, wenn ihr Kind viel Bewegung braucht, es diese im Schulalltag aber nicht bekommt? „Als erstes würde ich ein Gespräch mit der Lehrerin suchen, um zu schauen, ob sich für das Bewegungsbedürfnis ein Raum schaffen lässt“, rät Stefanie López. „Eine Freundin von mir ist Lehrerin. Bei ihr dürfen die Kinder im Unterricht auch mal für eine Flitzepause raus und können eine Runde um den Schulhof rennen.“ Ansonsten wäre es immer gut, sich als Eltern zusammen zu schließen, um sich mehr Gehör zu verschaffen.

Eine befreundete Mutter von mir berichtet, dass sie mit ihrem bewegungsfreudigen Erstklässler nach der Schule oft noch für ein oder zwei Stunden nach draußen geht – auf den Spielplatz oder spazieren gehen. Wann immer möglich, lässt sie ihn mit dem Fahrrad zur Schule und zurückfahren. So würde er den Stress nach der Schule einfach „wegstrampeln.“ Vielleicht funktionieren diese Tipps ja auch für aufgeregte Eltern von Erstklässlern, wer weiß.

 

Stefanie López ist Elternbegleiterin, Familientherapeutin in Ausbildung. Ihr Eltern-Podcast „Musterkind“ ist unter familienbande-berlin.de anzuhören.

Sarah Kröger ist Journalistin und Projektmanagerin, bloggt unter neugierigauf.de und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Berlin

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/11/GettyImages-martin-dm_Maedchen-gehen-in-die-Schule-e1669124074698.jpg 1107 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-11-22 14:46:052022-11-22 14:57:24Erstes Schuljahr: So helfen Sie Ihrem Kind beim Ankommen

ERWACHSEN GLAUBEN

„Zurück zur ersten Liebe“ wird in Predigten oft als Ziel für die Glaubenden ausgegeben. Martin Benz plädiert dagegen für einen Aufbruch zu einer neuen, tieferen Liebe.

Glaube entwickelt sich. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, dann sieht mein heutiger Glaube anders aus als im Alter von 13 Jahren. Glaube geht durch Phasen, und es dient seiner Gesundheit, dass er immer wieder die Übereinstimmung mit der eigenen Lebensrealität sucht.

Je ernster Menschen ihren Glauben nehmen, desto absoluter und unveränderlicher wünschen sie ihn sich. Sie unternehmen große Anstrengungen, damit er sich nicht verändert, nicht verwässert oder lau wird. Glaube soll bleiben wie am Anfang, immer deckungsgleich mit dem Mix an Überzeugungen, den man aus einem bestimmten Bibelverständnis hergeleitet hat. Und doch erleben manche Christen über die Jahre hinweg die zunehmende Entfremdung ihres starren Glaubens von ihrem Leben. Mir begegnen immer mehr Christen, die mit ihrem Glauben ehrlich werden wollen. Für sie ist die innere Spannung zu groß geworden, und sie erleben den Glauben zunehmend als frustrierende Erfahrung. Diese Christen sind glaubensmüde, sie fühlen sich in ihrem eigenen Glauben nicht mehr zu Hause. Ein bestimmtes Entwicklungsmuster begegnet mir dabei immer wieder.

Erste Leidenschaft

Bei vielen Christen beginnt das Glaubensleben mit dem, was man typischerweise als „erste Liebe“ bezeichnet. Überwältigende Erfahrungen mit Gott oder Gemeinschaft zünden ein inneres Feuer an, das viel Glaubensenergie freisetzt. Es ist eine Phase hoher Aktivität bei nicht so hoher Reflexion dessen, was man da eigentlich glaubt. Das Leben kommt durch den Glauben erst einmal in Bewegung.

Als ich den Glauben als Teenager entdeckt habe, war er von dieser radikalen Leidenschaft geprägt. Ich habe die Bibel zweimal im Jahr durchgelesen, meine Klassenkameraden zu allen möglichen christlichen Veranstaltungen eingeladen, auf Jugendfreizeiten Traktate verteilt, meine weltlichen Schallplatten zerbrochen und die Spielkarten der Eltern verbrannt.

Klare Glaubenssysteme

Im Laufe der Zeit entwickelt sich daraus ein Glaubenssystem. Es wachsen theologische Überzeugungen und Prägungen, und man eignet sich ein bestimmtes Set an Glaubensinhalten an. Der Glaube gewinnt an Profil mit klaren Ansichten. In dieser Phase erlebt man zunächst eine wachsende Übereinstimmung zwischen Lebensrealität und Glaubensrealität.

Durch meine geistliche Prägung war ich zutiefst davon überzeugt, dass Gott alle Kranken heilt, die Bibel wörtlich zu nehmen ist, all ihre Moralvorstellungen immer noch gültig sind und Gott die Seinen vor allem Übel bewahren wird.

Ernüchternde Realität

In der dritten Phase wird diese Übereinstimmung empfindlich gestört. Durch ausbleibende Gebetserhörungen, geplatzte Lebensträume, Brüche in der eigenen Biografie, Gemeindekonflikte, Zweifel am bisherigen Bibelverständnis oder die Konfrontation mit anderen Glaubensmodellen bekommt das Glaubenssystem Risse. Die Eindeutigkeit bisheriger Überzeugungen schwindet, und man erlebt eine wachsende Enttäuschung, Skepsis und Ernüchterung dem Glauben gegenüber. Diese Phase ist oft mit Schuldgefühlen verbunden, weil man weiß, was man glauben sollte, es aber nicht mehr kann.

Bei mir war es eine zerbrochene Ehe, die mich auf den harten Boden der Realität aufschlagen ließ und an den Grundfesten meiner Glaubensüberzeugungen gerüttelt hat. Warum hat Gott meine Ehe nicht bewahrt? Warum die vielen Gebete für unsere Familie nicht erhört? Mein Gottesbild und Bibelverständnis passten nicht länger zu meiner Lebensrealität.

Wachsender Zynismus

Oftmals hält ein inneres Aufbäumen gegenüber Ernüchterung und Frustration eine Zeit lang an, nur um einen dann umso härter auf den Boden der Realität zu werfen. Die Fragen und der Zweifel, die sich eingeschlichen haben, lassen sich irgendwann nicht mehr zum Schweigen bringen. Die ständigen Appelle an die erste Liebe ziehen nicht mehr. Wer dies oft genug mitgemacht hat, dessen Ernüchterung und Frustration kann am Ende so weit führen, dass nur noch ein dumpfer Zynismus bleibt oder der Glaube gänzlich verloren geht.

Ich plädiere für einen anderen Weg: nicht zurück zur ersten Liebe, sondern durch die Veränderung unseres Glaubens, das Ernstnehmen unserer Brüche, Fragen und Zweifel die Möglichkeit schaffen, dass Glaube und Leben sich wieder zueinander entwickeln. Dadurch können eine neue Liebe und eine neue Leidenschaft wachsen für einen Glauben, der wieder authentisch und im wahrsten Sinne „glaubwürdig“ ist.

Damit Glaube sich verändert, muss er sich weiterentwickeln. Manchmal fühlt sich der eigene Glaube wie eine Wohnung an, in der man sich nicht mehr zu Hause fühlt und in die man niemanden mehr einladen möchte. Wie bei einem normalen Umzug muss sich auch der Glaube die Fragen stellen: Welche Inhalte, welche Praxis und welche Überzeugungen sind wertvoll, die ich bewahren und mit in die Zukunft nehmen möchte? Welche muss ich entsorgen, weil sie sich nicht bewährt haben oder in krankmachender Spannung zu meiner Lebensrealität stehen? Und welche sollte ich mir neu aneignen, damit der Glaube an Perspektive, Freiheit und Möglichkeiten gewinnt? Mitnehmen, entsorgen, neu anschaffen – so kann Glaube erwachsen werden.

Martin Benz arbeitet seit 30 Jahren als Theologe und Pastor und wohnt mit seiner Familie in Erlangen. Gerade ist sein Buch „Wenn der Glaube nicht mehr passt“ bei Neukirchener erschienen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/11/GettyImages-anyaberkut-iStock-Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-11-18 15:20:542022-11-18 15:20:54ERWACHSEN GLAUBEN

11 bis 15 – Mehr als nur traurig

Elternfrage: „Meine Tochter (12) wirkt seit mehreren Wochen total niedergeschlagen und zieht sich immer öfter in ihr Zimmer zurück. Ist sie depressiv?“

Wenn Kinder oder Teenager ständig niedergeschlagen wirken, dann besorgt das die meisten Eltern – zu Recht! Denn Kinder sind grundsätzlich eher fröhlich und entdeckungsfreudig, auch wenn es natürlich Unterschiede im Naturell gibt, so wie bei Erwachsenen auch.

Wenn Ihre Tochter Ihnen ungewöhnlich traurig erscheint, sollten Sie genauer hinschauen. Denn auch Kinder und Teenager können eine Depression entwickeln. Folgende Checkliste hilft Ihnen bei der Einschätzung des Problems:

  • Wie lange ist das schon so? Wenn die Stimmung zwei Wochen oder länger schlechter ist als sonst, dann wird es ernst.
  • Gibt es bestimmte Stressfaktoren, die kurz vor dem Stimmungstief aufgetreten sind, und lassen sich diese eventuell mildern? Werden sie sehr bald von selbst enden (zum Beispiel in der Prüfungsphase), sodass eine Besserung realistisch ist? Wenn das der Fall ist und Sie keine akute Gefährdung sehen, kann es sich lohnen, ein bis zwei Wochen abzuwarten.
  • Zeigt Ihr Kind körperliche Auffälligkeiten wie weniger oder mehr Appetit, Schlafprobleme, Müdigkeit, Schmerzen,…? Auch das können Anzeichen einer Depression sein.
  • Hat Ihr Kind das Interesse an Aktivitäten oder Themen verloren, für die es sich sonst begeistert hat?
  • Zieht sich Ihr Kind zunehmend zurück und vermeidet Kontakte?
  • Spricht es vom Wunsch zu sterben?
  • Ist Ihr Kind neben der Betrübtheit auch gereizt oder genervt?
  • Spricht Ihr Kind sehr schlecht über sich selbst, zeigt es Probleme im Selbstbewusstsein?
  • Benennt es vielleicht sogar den Wunsch, lieber tot zu sein? Wenn das der Fall ist, sollten Sie sofort handeln und sich an die nächste Kinder- und Jugendpsychiatrie wenden (notfalls auch erfragen unter der Telefonnummer 112).

Wenn ein oder mehrere Kriterien erfüllt sind, dann sollten Sie besonnen, aber entschlossen reagieren. Erklären Sie Ihrem Kind, dass Sie sich Sorgen machen, weil Sie spüren, dass es ihm nicht gut geht. Und dass Sie wollen, dass es ihm besser geht und Sie sich deswegen um Hilfe kümmern.

Holen Sie sich professionelle Hilfe zum Beispiel bei einer Praxis für Kinderund Jugendlichenpsychotherapie. Dort gibt es meist lange Wartelisten, man kann die Wartezeit aber gut mit Terminen in einer Erziehungsberatungsstelle (Adressen finden Sie unter dajeb.de) überbrücken. Dort gibt es Angebote, sowohl für das Kind allein als auch für die Eltern oder die ganze Familie, je nachdem, was sich als passend herausstellt.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin (neuewege.me).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/11/Tochter_niedergeschlagen.jpg 1620 1568 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-11-17 16:13:392023-05-12 11:16:4011 bis 15 – Mehr als nur traurig
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