Eigentlich wollen Christine und ihr Mann sich nur über das neue Familienglück freuen. Doch dann wird bei ihrem Sohn eine lebensgefährliche Darmkrankheit diagnostiziert.
Stuhlgang ist kein Thema, über das man gerne nachdenkt, spricht, schreibt oder liest. Es ist ein Thema, über das freche Kinder am Tisch Witze machen und Eltern sagen, es gehöre nicht dorthin. So natürlich Stuhlgang ist, so unnatürlich fühlt es sich an, darüber zu reden. Und doch beschäftigt uns seit der Geburt unseres Kindes kein Thema mehr als das. Denn unser Sohn hatte keinen Stuhlgang und wäre daran fast gestorben.
Was ist Morbus Hirschsprung?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit Morbus Hirschsprung zur Welt kommt, liegt bei eins zu 5.000. Bei der Krankheit handelt es sich um eine Fehlbildung im Darm, die am Schließmuskel beginnt und sich von dort unterschiedlich weit den Dickdarm hochzieht. In dem betroffenen Teil fehlen die Nervenzellen, die verantwortlich sind, den Stuhl zu transportieren. Die Nahrung staut sich also vor dem kranken Teil des Darms und kann gar nicht oder nur zu kleinen Teilen ausgeschieden werden. In Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 140 Kinder mit dieser Krankheit geboren, Jungen sind vier Mal so häufig betroffen wie Mädchen. Und eines davon war unser Erstgeborenes.
Anfangs scheint alles normal
Nach einer unkomplizierten Schwangerschaft und Geburt war ich überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass mit unserem Kleinen etwas nicht stimmen könnte. Als Frischlings-Mama konnte ich die Anzeichen nach der Geburt kaum deuten. Unser Sohn spuckte viel und wollte am zweiten Tag nicht mehr trinken. Das Personal in der Klinik beruhigte mich. Das sei völlig normal. Dass der erste Stuhlgang, das Kindspech, nicht kam, verwunderte sie mehr. Aber es klingelte immer noch keine Alarmglocke. Und als frischgebackene Familie sehnten wir uns danach, nach Hause zu kommen, den neuen Lebensabschnitt einzuläuten, die Ruhe zu genießen. Familie und Freunde an unserem Glück teilhaben zu lassen. Und so wurden wir entlassen.
„In der Nacht tat ich kein Auge zu“
Um zuhause den Stuhlgang anzuregen, nahmen wir das Thermometer als Hilfsmittel, drückten mit, massierten den Bauch – alles ohne Erfolg. Der Kleine spuckte immer mehr, die Farbe wechselte von weiß zu gelb. Ich legte ihn nachts ins Beistellbett neben mich und brachte ihn in die stabile Seitenlage. In der Nacht tat ich kein Auge zu. Viel zu viel Angst hatte ich, dass unser neugeborener Sohn ersticken könnte. Aus dem Spucken wurde Würgen. Das war doch nicht normal, oder?
Unsere Nachsorge-Hebamme schickte uns am nächsten Tag in die Kinderklinik. Wir gingen davon aus, dass der Kleine eine hartnäckige Verstopfung hat, die mit einer Spülung beseitigt werden könnte. Damit würden sich die anderen Probleme von selbst lösen. Eine vorwurfsvolle Kinderärztin in der Notfallambulanz wies unseren Sohn in die Klinik ein. Das war ein Schock für uns.
Quälende Ungewissheit
Auf Station bekam der Kleine erst eine Infusion, danach wurde sein Darm mehrmals gespült, bis das elende Kindspech endlich komplett draußen war. Es sei höchste Zeit gewesen, dass wir gekommen sind, gab uns der Arzt zu verstehen. Mein Mann und ich waren überfordert von den heftigen Gefühlswellen, die sich überschlugen: Der Schock, dass unser Kind hätte sterben können, wenn die Hebamme nicht gewesen wäre, die Sorge, wie es nun weitergehen würde, die Angst, der Verantwortung nicht gewachsen zu sein. Und dazwischen zerriss unser Herz, als wir das schrille Weinen unseres Sohnes während der Behandlung hörten.
Wir verabschiedeten uns abends unter Tränen von unserem Neugeborenen, fuhren aus der Klinik nach Hause, heulten dort weiter und kamen am nächsten Tag zurück. Und am Tag darauf. Und am Tag darauf. Nie wissend, was uns in der Klinik erwarten würde. Wie geht es dem Kleinen? Wissen die Ärzte mittlerweile, was ihm fehlt? Wann können wir endlich mit ihm nach Hause? Mein Mann und ich machten uns gegenseitig Mut daran festzuhalten, dass es sich um keine Krankheit handeln muss. Vielleicht war es einfach eine fiese Verstopfung.
Plötzlich spricht der Arzt von Lebenserwartung
Die Ärzte machten Tests, um herauszufinden, warum unser Sohn das Kindspech nicht ausscheiden konnte. Ihr erster Verdacht war die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Die Krankheit lässt sich über den Salzgehalt im Schweiß feststellen. Das Testergebnis unseres Sohnes lag im Graubereich, die Ärzte wollten die Krankheit weder ausschließen noch sich darauf festlegen. Unser Kleiner musste noch einmal zum Test. Und dann noch einmal. Und immer lag das Ergebnis im Graubereich.
Wir kannten die Krankheit bis zu diesem Zeitpunkt nur vom Namen her, aber als der Oberarzt uns zu sich bat und mutmachend sagte, die Lebenserwartung sei Dank neuster Medizin nicht so kurz wie früher, mussten mein Mann und ich schlucken. Wir wollten es nicht glauben und nicht hören. Wir sprachen über die Lebenserwartung unseres Sohnes, dessen Leben gerade erst so richtig begonnen hatte?
Zurück in die Krankenstation
Währenddessen kämpfte unser Kleiner weiter und nach einer Weile schaffte er es endlich, selbstständig zu trinken. Als der Stuhlgang nach dem Spülen regelmäßig kam, wurden wir entlassen – mit einem Termin für einen weiteren Test. Zuhause ging der Horror wieder von vorne los und nach vier Tagen waren wir zurück auf der Krankenstation. Trotz Spülung hat sich dieses Mal der Zustand unseres Sohnes kaum verbessert. Er wurde schwächer und schwächer. Sein Puls war viel zu hoch, die Entzündungswerte gingen fast durch die Decke.
Ein anderer Arzt kam und mit ihm eine neue Verdachtsdiagnose: Morbus Hirschsprung. Die Kinderchirurgie wurde einbezogen, wir darüber informiert, dass unser Sohn operiert werden müsse. Der Chirurg erklärte uns, was gemacht werden muss, aber er wolle eine zweite Meinung hören und bis zum nächsten Tag warten.
„Hatte das Gefühl, ihn beim schleichenden Tod zuzusehen“
Diese Nacht war die schlimmste meines Lebens. Dem Kleinen ging es immer schlechter. Er stöhnte im Schlaf und bekam mehr und mehr Schmerzmittel. Ich hatte das Gefühl, ihn beim schleichenden Tod zusehen zu müssen. Am nächsten Tag bat der Oberarzt meinen Mann und mich in das Besprechungszimmer. Unser Sohn würde jetzt operiert werden. Der Darm sei gerissen. Ein künstlicher Darmausgang müsse gelegt werden. Der Kinderchirurg kam. Die OP finde sofort statt. Es herrsche Lebensgefahr. Ich hielt die Hand meines Mannes. Tränen liefen mir ununterbrochen über das Gesicht.
Abschied an der OP-Schleuse
Seit der Geburt unseres Sohnes fühlte sich alles an wie ein Albtraum. Die Vorstellung, wie der Start ins Familienleben sein würde und was wir tatsächlich erlebten, klaffte unendlich weit auseinander. Wir brachten unseren Sohn mit dem Arzt und zwei Schwestern zur OP-Schleuse. „Verabschieden Sie sich jetzt von Ihrem Sohn“, sagte jemand. „Bis später“, flüsterte ich ihm unter Tränen zu und streichelte seinen Kopf. Hand in Hand und unter Schluchzen gingen mein Mann und ich zurück zur Station und warteten.
Eine Stunde. Ich packte meine Sachen zusammen und pumpte Milch ab. Zwei Stunden. Ich schrieb Nachrichten an Familie und Freude: „Bitte betet für uns.“ Drei Stunden. Da kam der Kinderchirurg und sagte, die OP sei gut verlaufen. Der Darm sei nicht gerissen, auch wenn es auf dem Röntgenbild so aussah. Aber die Darmwand sei so beschädigt, dass Bakterien aus dem Darm in den Bauchraum gekommen seien und eine Infektion ausgelöst hätten. Der künstliche Darmausgang funktioniere gut, jetzt müsse sich der Kleine nur noch erholen.
Ein kleiner Schatten seiner selbst
Als wir endlich zu unserem Sohn konnten, flossen die Tränen – wieder oder immer noch, ich weiß es nicht mehr. Dankbar dafür, dass er noch lebte, ängstlich und in Sorge, ob er die kommende Nacht überstehen würde. Ganz blass lag er im Brutkasten, stöhnte im Schlaf, zuckte unkontrolliert, überall waren Schläuche und Kabel. Er war ein noch kleinerer Schatten seiner selbst.
Am nächsten Tag zeigte man uns zum ersten Mal den künstlichen Darmausgang. Ich hatte noch nie einen gesehen und keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Als ich das aufgeschnittene und aufgeklappte Stück Dickdarm am Bauch unseres zarten Jungen sah, wurden meine Augen weit. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich ekelte mich. Was für eine Mutter war ich, die sich vor ihrem eigenen Sohn ekeln konnte?
Der künstliche Darmausgang ist eine Herausforderung
Unser Sohn konnte eine Woche später entlassen werden, ein Termin zur Biopsie stand einen Monat später an. Aus der Klinik rauszukommen, fühlte sich gut an. Eine Brise Normalität. Doch sich zuhause um den künstlichen Darmausgang zu kümmern, überforderte uns in der ersten Zeit. Ständig löste sich die Platte, die um den Ausgang herum am Bauch klebte und an der ein Beutel befestigt war. Ständig war unser Sohn komplett mit seinen Exkrementen beschmiert. Ständig musste er unter lautem Protest auf den Wickeltisch. Sein Schreien sorgte dafür, dass der Darm arbeitete wie verrückt. Stuhl floss regelrecht aus dem Darm und mein Mann und ich versuchten verzweifelt den Bauch sauber zu machen, damit die nächste Platte besser kleben würde. Schweißgebadet waren wir die ersten Male nach etwa 20 Minuten fertig.
Eine neue OP steht an
Doch der „Luxus“, dass wir uns gemeinsam um die Pflege kümmern konnten, würde bald aufhören. Die Elternzeit meines Mannes neigte sich dem Ende zu. Unsere Kinderärztin fragte mich: „Wie wollen Sie das denn in Zukunft handhaben?“ „Ich werde die Beutel alleine wechseln“, antwortete ich. „Das können Sie nicht schaffen. Alleine geht das nicht“, sagte die Ärztin bestimmt. Falls ich eine helfende Hand bräuchte, könnte ich jederzeit in die Praxis kommen. Als wir auf dem Parkplatz standen, fing ich an zu weinen. Wie sollte ich den Alltag mit unserem Sohn bloß bewältigen?
Wir arbeiteten uns immer mehr in das Thema ein, nicht nur, was den künstlichen Darmausgang betraf. Wir wechselten in eine Spezialklinik. Die Biopsie bestätigte den Verdacht: Unser Sohn hatte die Hirschsprung-Krankheit. Ein Termin zur Operation wurde vereinbart. Der kranke Teil des Darms sollte entfernt werden, eventuell der künstliche Darmausgang schon rückverlegt. In den Wochen vor dem Klinikaufenthalt graute mir vor dem, was auf uns zukommen würde. Es hafteten noch die schlimmen Erlebnisse aus den vergangenen Wochen an mir. Unkontrolliert brach ich manchmal unter der Dusche zusammen, ließ das Wasser mein Schluchzen wegspülen.
An Schlaf ist nicht zu denken
Der Tag der Operation kam. Wieder zur OP-Schleuse, wieder den Kleinen in die Hände der Ärzte geben. Der Warteraum vor dem OP-Saal wurde zu dem Vorhof meiner persönlichen Hölle. Irgendwie hatten mein Mann und ich es geschafft, die fast sechs Stunden rumzukriegen, die unser Sohn im OP lag. Der Anruf kam: Es lief alles gut. Wir kamen aufs Zimmer. Da der Darm so kurz nach dem Eingriff noch nicht arbeiten kann, durfte der Kleine keine Milch trinken. Infusion, Wasser, Tee – all das reichte ihm nicht. „Irgendwann geben alle nach und trinken Wasser“, wollte die Krankenschwester uns beruhigen. Unser Sohn nicht. Er schrie und schrie, mal vor Hunger, mal vor Schmerzen. Nachts war an Schlaf nicht zu denken.
Eine dritte Operation steht an
Die Visite am nächsten Tag zeigte, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein Tag sollte abgewartet werden. Wieder eine Nacht des Grauens. Und am nächsten Morgen machte der Chirurg ein ernstes Gesicht. „Ihr Sohn muss noch einmal operiert werden. Von außen können wir nicht sehen, was nicht stimmt. Im Notfall muss ihm erneut ein künstlicher Darmausgang gelegt werden“, informierte er mich. Ich schrieb meinem Mann eine Nachricht, er soll sofort kommen. Und wieder mussten wir zur OP-Schleuse. Der Eingriff zeigte, dass eine Naht sich gelöst hatte. Es wurde noch einmal genäht, der Heilungsprozess musste wieder von vorn beginnen.
40 Mal Stuhlgang am Tag
Nach zwei Wochen konnten wir die Klinik endlich verlassen. Glücklich darüber, wieder vereint zuhause sein zu können. Dass unser Sohn in den ersten Wochen täglich bis zu 30 oder 40 Mal Stuhlgang haben könnte, vermieste unsere Laune nicht. Nach all dem, was wir schon erlebt hatten, kam uns dieses Problem nicht so groß vor. Doch es wurde groß und immer größer. Nicht nur sammelten sich riesige Windelberge vor unserer Wohnung, sondern der Stuhlgang wurde nicht weniger. Nicht nach einem, nach zwei, drei, vier oder fünf Monaten. Es blieb.
Unser Sohn begann erst Brei, dann vom Tisch zu essen. Und damit begannen starke Schmerzen. Nicht nur ein dauerhaft wund-blutiger Po, sondern heftige Schmerzen beim Stuhlgang selbst. Ganz plötzlich beginnt er zu schreien, ballt seine kleinen Hände zu Fäusten und zittert am ganzen Körper. Und füllt die Windel. Wieder und immer wieder, bis zu 30 Mal am Tag.
Warum schweigt Gott?
In der Nachsorge sagte der Chirurg, dass die Phase mit dem häufigen Stuhlgang bei einem guten Verlauf schon abgeschlossen wäre. Das war keine Überraschung für uns – die „beschissene“ Phase war längst schmerzlicher Alltag geworden. Fragen brennen uns aus auf der Seele, die kein Mensch beantworten kann und zu denen Gott bisher geschwiegen hat. Wann wird es unserem Sohn endlich besser gehen? Wann fängt ein neuer Lebensabschnitt für uns drei an? Schaffen wir es, bis dahin durchzuhalten?
Zwischen den Fragen machen sich bei mir manchmal Zukunftsängste und Horrorszenarien breit. Wie steht es um die Gesundheit unseres Sohnes, wenn er in den Kindergarten kommt? Wird er sich noch in die Hose machen, wenn er zur Schule geht? Gehört er zu den wenigen Betroffenen, bei denen Morbus Hirschsprung zur Inkontinenz führt? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber es gibt sie. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit, dass wenn mein Mann und ich uns für ein zweites Kind entscheiden würden, es dieselbe Krankheit hätte.
Narben, die bleiben
Ein Jahr nach der Geburt unseres Sohnes leiden wir immer noch. Wir leiden darunter, dass unser schutzbedürftiger Junge jeden Tag körperliche Qualen erleiden muss, die wir ihm nicht abnehmen können. Wir leiden darunter, dass unser Start ins Familienleben mit kräfteraubenden Klinikaufenthalten und Operationen verbunden war. Wir leiden darunter, dass unser Sohn nie die unbeschwerte Kindheit haben wird, die andere Kinder haben können.
Aber in all dem Leid sehen wir einen Jungen, der seine Schmerzen mit dem Moment vergisst, in dem sie aufhören. Der fröhlich ist, viel lacht und erzählt, schnell krabbeln gelernt hat und mittlerweile seine ersten Schritte geht. Der Alltag für uns ist und bleibt in der kommenden Zeit ein Kampf zwischen Leid und der Hoffnung, dass es eines Tages besser wird. Ich bin sicher, dass der Kampf sich lohnt – auch wenn Narben zurückbleiben werden. Und das werden sie – wie die zwei großen Narben am Bauch unseres Sohnes, hinter denen diese ganze Geschichte steckt.
Betroffene von Morbus Hirschsprung oder ähnlichen Krankheiten finden bei SoMA e. V. Hilfe: soma-ev.de.
Geld von den Kindern erbitten?
„Jahrelang habe ich als alleinerziehende Mutter finanziell zu kämpfen gehabt. In der Corona-Krise sind für mich wichtige Einnahmequellen weggebrochen, meinen Kindern geht es finanziell gut. Ist es legitim, sich von ihnen unterstützen zu lassen?“
Auf den ersten Blick steckt in diesem Gedanken eine gewisse Logik. Nachdem Sie viel investiert haben, liegt es nahe, dass nun die Kinder Ihrerseits die unterstützende Rolle einnehmen können. Gerade wenn es Ihren Kindern finanziell gut geht, ist es durchaus denkbar, dass sie Ihnen nun unter die Arme greifen und Sie entlasten. Auf den zweiten Blick lauert hinter diesem Gedanken aber auch eine Gefahr.
Unsere Kinder schulden uns nichts
Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist, wie stabil und offen Ihr Verhältnis ist und welche Erwartungshaltung Sie mitbringen. Wenn Sie mit Ihren Kindern grundsätzlich in einem guten Kontakt sind und Ihre Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden, spricht nichts dagegen, Ihre Kinder um eine finanzielle Unterstützung zu bitten. Wenn aber der Anspruch im Raum steht: „Nachdem ich mich jahrelang aufgeopfert habe, bist nun endlich du dran“, wird es kompliziert. Denn dieser Umkehrschluss unterliegt einem gewissen Denkfehler – nämlich, dass unsere Kinder uns etwas für unsere Arbeit als Eltern zurückgeben müssen.
Grundlegend tragen Eltern die Verantwortung, für ihre Kinder zu sorgen, bis diese selbst auf eigenen Füßen stehen. Das ist ein Job, der für alleinerziehende Eltern doppelt anspruchsvoll ist, den sie aber trotzdem erfüllen müssen. Eltern sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder alles bekommen, was sie zum Leben brauchen, sowohl finanziell als auch emotional. Für all dieses Engagement schulden uns unsere Kinder nichts. Sie müssen es nicht wiedergutmachen, dass wir sie ins Leben begleitet haben. Das ist ein wichtiger Aspekt, damit Kinder frei handeln und entscheiden können und nicht mit einer Erwartung belastet werden.
Freiwilligkeit ist wichtig
Auch wenn die Eltern-Kind-Beziehung ein Leben lang eine besondere bleibt, sollte es keine ungesunden Abhängigkeiten geben, sondern ein freundschaftliches Miteinander. Genauso wie wir unter Freunden auch nicht argumentieren würden, dass sie uns jetzt helfen müssen, weil wir irgendwann mal etwas für sie gemacht haben, sollten wir das bei unseren Kindern auch nicht tun. Wichtig ist, dass die Unterstützung auf Freiwilligkeit ausgelegt und nicht auf eine Wiedergutmachung gegründet ist.
Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, möchte ich Ihnen Mut machen, sich Ihren Kindern anzuvertrauen. Erzählen Sie von Ihren Nöten, erklären Sie Ihre Situation und suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung. Klären Sie, ob es sich dabei um einen Kredit handeln könnte oder ob für Sie nur eine Schenkung möglich ist. Vielleicht gibt es ja Ihrerseits eine Idee, wie Sie die finanzielle Unterstützung auf eine andere Art ausgleichen können. Ich bin sicher, dass Sie von Ihren Kindern nicht hängen gelassen werden, wenn Sie ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen haben und ein solches Gespräch in aller Freiheit und auf Augenhöhe führen können.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet gemeinsam mit ihrem Mann die TEAM.F Regionalarbeit im Rheinland. sonja-brocksieper.de
„Ich habe mein Kind verkorkst!“ – Welche Erziehungsfehler Sabine heute bedauert
Sabines* Tochter ist viel zu unselbstständig. Die Schuld sieht Sabine bei sich und ihrem Mann. Dann entscheidet sie: Es muss sich etwas ändern.
„Ich habe mein Kind verkorkst!“ – Als Sabine diesen Satz ausgesprochen hat, schaut sie mich erschrocken an. Schnell schiebt sie hinterher: „Eigentlich ist mein Mann schuld. Puh, das klingt auch so hart. Er hatte bei unseren Kindern viel Angst und ich habe unter seinem Druck dafür gesorgt, dass kein Weg zum Volleyballtraining oder Musikunterricht ohne meine Begleitung passiert. Und dass sie nur mit ausgewählten Kindern spielen. Die ständigen Diskussionen mit ihm über die möglichen Gefahren haben mich mürbe gemacht. Das sehe ich jetzt. Und jetzt ist es zu spät. Hannah* ist nun 17 Jahre alt – und irgendwie verkorkst.“ Sabine ringt um Worte. Sie tastet sich an dieses fast unaussprechliche Gefühl heran.
Hannah wirkt auf Außenstehende sanft und klug. Zu Hause nehmen ihre Eltern sie aber als unausgeglichen und missgelaunt wahr. Schon immer haben ihre Hände besonders besitzergreifend nach Sabine gegriffen und sie gefordert. Ganz anders als die Kleinkinder ihrer Bekannten hatte sie viele Probleme: Schlafen nur auf dem Bauch der Eltern, Essensverweigerung, wenig Sprachentwicklung. Wenn Sabine von einer schweren Nacht mit ihr berichtete, kommentierten die anderen im Spielkreis nicht selten: „Na, was hat Hannah denn diesmal?“ Eigentlich nichts, und doch ließ Sabine sie immer wieder vom Kinderarzt durchchecken: Sie war und ist kerngesund. Vielleicht gibt es so etwas wie „alltagskompliziert“?
Selbst das Einlegen der CD machte Probleme
Als Grundschülerin war Hannah in vielen alltäglichen Dingen hilflos. Kleinigkeiten wie das Einlegen der CD in den Kinder-CD-Spieler wurden zu einem Problem. Ihre jüngere Schwester hatte diese Hürde bereits genommen, aber Hannah stand immer noch jammernd neben der Mutter und brauchte Hilfe. Auch die Hausaufgaben waren während der kompletten Schulzeit ein Bereich voller Emotionen und Kämpfe. Sabine hat unzählige Stunden mit ihr am Esstisch verbracht. „Keine Idee meiner Freundinnen half, um sie zum eigenständigen Arbeiten zu motivieren. Sie jammerte und brauchte ständig meine Hilfe.“
Aber immer, wenn Sabine eine Idee für eine Loslösung hatte und umsetzen wollte, kam ihr Mann mit seinen Sorgen und Bedenken dazwischen. Hannah allein auf die Klassenfahrt schicken? Niemals! Also fuhr sie als Betreuerin mit. Hannah allein in den Schwimmverein lassen? Niemals. Also schwamm sie neben dem Trainingsbecken im Kinderbecken herum. Je älter Hannah wurde, desto unsicherer und unselbstständiger wurde die Jugendliche. Sie begann, leise und undeutlich zu sprechen und ihre Schultern nach vorn zu ziehen. Mit dieser angespannten Grundhaltung gelang es ihr nicht, Freundinnen zu finden.
Immer genervter auf ihre Tochter
Natürlich hat Sabine sich Gedanken gemacht über ihr Verhalten. Sie hatte wohltuende Gespräche mit dem Kirchenseelsorger. Sie spürte aber, dass eine wirkliche Veränderung Kraft kosten würde. Sabine erinnert sich, dass sie sich von ihrem Alltag zwischen Kindern, Minijob und Kirchenmitarbeit so eingespannt fühlte, dass sie für das Thema „Hannah“ ganz kraftlos war. Sie zog sich immer mehr zurück. Sie half Senioren und anderen Familien mit praktischer Unterstützung, aber Hannah und den möglichen Lösungsideen für ihre Situation ging sie aus dem Weg.
Stattdessen wurde sie immer sensibler und genervter in Bezug auf ihre Tochter. Sie konnte schon an Hannahs Seufzen erkennen, dass diese keinen einzigen Waffelteig im ganzen Internet finden konnte. „Um diese Alltagshürden nicht miterleben zu müssen, habe ich fix den Waffelteig selbst gemacht. Das Drama darum hat mich so genervt.“ Die Aggressionen in Sabine wachsen, je älter Hannah wird. Eine Jugendliche, deren Alltag scheinbar nur aus Hürden besteht und die ständig jammert, kostet Kraft. Dieser Kreislauf der Kraftlosigkeit hat Hannah in einen Kokon aus Überregulierung eingesponnen. Beide Eltern haben ihr immer weniger zugetraut und zugemutet.
Der Wendepunkt ist ein Satz des Seelsorgers
Mit etwas Abstand und zunehmender Kraftlosigkeit wuchs bei Sabine das Gefühl, „falsch“ zu sein: als Mutter, als Familie, als Lebensraum für Hannah. „Ich spüre mein Versagen. Dass ich mich der Verantwortung entziehe. Wir brauchen einen Wendepunkt.“ Im Nachdenken erinnert sie sich an die Gespräche mit dem Seelsorger: Der Wert eines Menschen bleibt in Gottes Augen hoch – unabhängig von seinem Verhalten, so verspricht es der christliche Glaube. Was sich für die Eltern als „verkorkst“ anfühlt, kann zu einem Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung werden. Das will Sabine angehen. Ab heute. Für jeden aus der Familie.
Während Hannah zu einem Personal Trainer geht, um ihre Körperpräsenz zu verbessern und an ihrem Stimmvolumen zu arbeiten, stehen auch Sabine und ihr Mann vor Entwicklungsaufgaben. Seinen Ängsten will Sabines Mann mit der Hilfe eines Facharztes die Stirn bieten. Warum er erst jetzt den Mut dazu hat, ist Sabine nicht klar. Vielleicht, weil sie sich bewusster positioniert und ihrem Mann zumutet, die Last seiner Ängste allein zu tragen. Sie will nicht mehr Sprachrohr seiner Sorgen sein. Sabine sucht ihren eigenen Standpunkt und wird in diesen ersten Schritten durch eine Kleingruppe der Kirche bestärkt. Täglich formuliert sie ein Gebet, um die Verantwortung für ihre Familie an Gott zurückzugeben. „Ich bin dadurch eher bereit, hinzusehen und mich nicht wegzuducken“, erklärt sie. Freundinnen haben Sabine immer wieder ermutigt, Hannah mehr zuzutrauen. Wahrzunehmen, was Hannah gelingt. Sabine beginnt zu strahlen, als sie von Hannahs erstem kleinen Job erzählt. Ein Mutlächeln erleuchtet ihr Gesicht. Sie wird ihre Tochter begleiten und ihr ins Leben helfen. Auch wenn das gesamte Internet wieder mal leer ist, wenn Hannah Waffeln backen will.
Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei (fast) erwachsenen Kindern.
*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
Viel Positives, wenig Nein
Fünf Regeln für Papa und Mama, die das Familienleben entstressen. Von Helen Krebs
Mit dem zweiten Kind und einer frühen dritten Schwangerschaft wurde es hektisch in unserer Familie. Hatten wir den Alltag mit unserer ersten Tochter gut und nach unseren Vorstellungen meistern können, kam die Veränderung plötzlich mit voller Wucht: Mein Mann und ich stritten uns oft wegen Lappalien, wir waren ständig müde und ich kam mir vor, als käme ich aus den Arbeiten im Haushalt nicht mehr raus. Uns wurde klar, dass sich etwas ändern musste, denn wir verspürten oft keine Freude mehr bei unseren Aufgaben. Unbewusst versuchten wir zuerst, das Verhalten unserer Kinder zu ändern, womit wir allerdings krachend scheiterten. Also fingen mein Mann und ich an, bei uns selbst anzusetzen. Dafür stellten wir fünf Regeln für unseren Alltag auf. Sie sollten uns das Miteinander erleichtern mit dem Ziel, den Stress herauszunehmen.
1. Mein Mann und ich sind nett zueinander
Das ist nicht zufällig die erste Regel. Der christliche Gott, an den wir beide glauben, wünscht und schenkt uns in unserer Ehe Einigkeit, Liebe und Gemeinschaft. Wir merken jedoch immer wieder, dass diese Dinge umkämpft sind. Deswegen wollen wir unsere Ehe besonders schützen. Dass wir uns ehren und lieben, gebietet uns Gott trotz einer kurzen Nacht. Zudem sind wir einander die einzigen Teampartner im Abenteuer Familienleben und brauchen uns als Unterstützer. Was nett sein bedeutet, halten wir bewusst offen, denn es kann im Alltag ganz Unterschiedliches meinen: ein Lächeln zwischendurch, eine Ermutigung beim Verabschieden oder dass wir Kritik nur dann üben, wenn es wirklich wichtig ist – die Reihenfolge von Waschmaschinengängen gehört beispielsweise nicht dazu.
2. Haushalt hat keine Priorität
Wir wohnen bald zu fünft auf 80 Quadratmetern. Stiefeln die Kinder sandig durch die Wohnungstür, knistert es schnell in jedem unserer drei Zimmer. Schmutz auf so engem Raum muss man psychisch und optisch aushalten können. Wir haben es uns antrainiert, denn zu oft haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir mit der Putzaktion doch nicht fertig wurden, sondern stattdessen zwei weinende Kinder hatten und selbst noch genervter waren als vorher. Lieber erinnern wir uns an Jesu liebevolle Worte an Martha aus Lukas 10 in der Bibel: Jesus ermutigt sie, den Haushalt Haushalt sein zu lassen und sich stattdessen dem Wichtigen zuzuwenden.
3. Wir ärgern uns nicht, wenn sich unsere Kinder schmutzig machen
Kann man nicht eigentlich alles waschen? Was an Kleidungsstücken nicht in die Waschmaschine darf oder besonderen Einweich-Aufwand mit sich bringt, ziehen wir nur in Ausnahmefällen an. Geht die Tomatensoße beim Essen daneben, geben wir die Schuld nicht unseren Kindern, denn sie machen es – in den meisten Fällen – nicht mit Absicht. Die Situation, gemeinsam am Esstisch zu essen, stellt Kinder sowieso vor eine Menge Regeln, die sich ihnen nicht automatisch erschließen: Es wird jetzt gegessen, innerhalb eines bestimmten Zeitraums, und zwar das, was vorbereitet wurde und dann auch noch so, dass nichts daneben geht. Diese kulturellen Spitzfindigkeiten müssen erst einmal erlernt werden. Im Umkehrschluss haben wir uns mit dieser Regel für einen immer vollen Wäschekorb entschieden. Aber gleichzeitig haben wir viel entspanntere gemeinsame Mahlzeiten, da wir uns und unsere Kinder nicht mit permanenten Ermahnungen stressen.
4. Wir überfordern unsere Kinder nicht mit Regeln
Unser Sohn ist ein toller Werfer: Bälle, Nudeln, Töpfe. Das ist nicht immer angebracht. Wir haben uns aber eingestehen müssen, dass er es sich nicht verbieten lässt. Also lassen wir ihn werfen, freuen uns mit ihm, wenn es scheppert, oder darüber, wie weit er mittlerweile kommt. Trotzdem gibt es Grenzen, die wir ihm liebevoll erklärend vermitteln möchten. In einer immer wieder schwierig zu findenden Balance versuchen wir, unsere Kinder möglichst wenig „Nein“ hören zu lassen. Wir möchten ihnen stattdessen ganz viel Positives zusprechen. Vieles, was unsere Kinder tun, das nicht gesellschaftskonform ist, ist ein Ausprobieren, das wir ihnen gönnen möchten. Denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, die auf Linie gebracht werden müssen. Sie denken, fühlen und priorisieren noch ganz anders. Situationen, in denen unsere Kinder mit Verhaltensregeln überfordert sind, versuchen wir zu meiden. Dabei müssen wir uns eingestehen, dass manches gerade nicht geht. Daher brechen wir zum Beispiel von dem netten Besuch bei den Großeltern früher auf, bevor die Kinder vor Müdigkeit und ungewohnten Einflüssen nicht mehr können und Wutanfälle bekommen.
5. Keine Heldentaten für das eigene Image
Morgen ist Kaffeetrinken mit dem Hauskreis, einer christlichen Kleingruppe. Dafür hatten wir angekündigt, einen Hefezopf zu backen. Nun ist es aber schon 21 Uhr und mein Mann und ich sind zu müde für die Küche. Wir entscheiden uns gegen das Backen, für die Brezeln vom Bäcker und Ehe-Quality-Time auf dem Sofa. Puh, wieder mal haben wir etwas nicht geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Das fühlt sich nicht gut an. Sich einzugestehen, dass man Grenzen hat, macht Menschen aber nicht weniger liebenswert. Im Gegenteil: Perfektion erzeugt Achtung, Fehler dagegen Sympathien. Auch unseren Kindern möchten wir immer wieder vermitteln, dass es okay ist, wenn sie an etwas scheitern. Dass wir sie mit ihren Schwächen annehmen, wie auch Gott uns mit bedingungsloser Liebe annimmt.
Unsere fünf Regeln haben viel mit Entscheidung zu tun. Teilweise treffen wir sie immer wieder neu, und es ist oft eine Überwindung. Denn eigentlich mögen wir es sauber und geordnet, wir zeigen anderen gerne, was wir alles schaffen können und wie gut unsere Kinder funktionieren. Gleichzeitig haben wir gemerkt, wie sehr die fünf Regeln den Stress in unserem Alltag reduzieren. Eben weil wir bei der Veränderung bei uns Erwachsenen angesetzt haben. Denn wir möchten unseren Kindern entgegenkommen und nicht ein Verhalten von ihnen erwarten, zu dem sie noch nicht fähig sind – und uns diese Freiheit der Schwächen ebenfalls gönnen.
Helen Krebs studiert Literaturwissenschaft und ist hin und wieder als Texterin tätig. Mit ihrem Mann und den Kindern wohnt sie in Stuttgart.
Trotz Corona – Familienberaterin ist überzeugt: „Eltern tun ziemlich viel Heldenhaftes“
Fehler machen gehört für die Eltern- und Familienberaterin Daniela Albert zum Elternsein dazu. Warum Eltern sich trotzdem als Heldinnen und Helden fühlen dürfen, erklärt sie im Interview.
Das letzte Jahr war für viele Eltern sehr anstrengend. Was waren deinem Eindruck nach die größten Herausforderungen?
Eltern mussten Rollen einnehmen, die nicht ihre sind. Gerade im ersten Lockdown, als viele Schulen noch keine digitalen Formate hatten, mussten sie im Homeschooling Lehrerrollen übernehmen. Das oft zusätzlich zur eigenen Berufstätigkeit, vielleicht noch zur Betreuung von kleineren Kindern. Herausfordernd war auch, dass dabei viele verschiedene Rollen gleichzeitig ausgefüllt werden mussten.
Haben sich die Beratungsanfragen von Eltern an dich von denen vor Corona unterschieden?
Es werden keine anderen Fragen gestellt. Es sind schon immer ähnliche Themen. Sie sind aber zugespitzter, sie sind drängender. Wenn vorher schon eine Situation in der Familie schwierig war, dann ist es durch Corona wie durch ein Brennglas extremer geworden. Oder die Kräfte sind einfach weniger da, um es selbst zu Hause zu steuern.
Notendruck rausnehmen
Was brauchen Eltern jetzt am dringendsten?
Sie brauchen Entlastung von den verschiedenen Rollen. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es jetzt vermehrt digitale Formate gibt und auch Möglichkeiten, Kinder im Wechselunterricht in die Schule zu schicken, sodass Eltern aus der Lehrerrolle herauskommen. Es ist auch weiterhin wichtig, dass Eltern Befreiungsmöglichkeiten haben, zusätzliche Urlaubstage und Möglichkeiten, sich im Job zurückzunehmen, um nicht in diese starke Überlastung zu kommen. Und was Familien auch bräuchten: Dass man den Druck herausnimmt – natürlich da, wo es geht. Es ist mir klar, dass man bei jemandem, der kurz vor dem Schulabschluss steht, nicht sagen kann: Wir machen nichts mehr. Aber überall, wo es geht, würde ich mich freuen, wenn man den Notendruck und den Versetzungsdruck herunterfahren könnte.
Wir finden, dass viele Eltern Heldenhaftes leisten – nicht nur, aber besonders in Corona-Zeiten. Viele Eltern sehen sich selbst aber nicht als Heldinnen und Helden …
Das ist traurig. Ich glaube, das liegt daran, dass sie ihren eigenen Ansprüchen oft nicht gerecht werden können. Und weil sie das Gefühl haben, sie machen das nicht richtig oder sie machen das nicht gut genug. Aber es ist jetzt wichtig, dass Eltern einen realistischen Blick auf die Situation und sich selbst werfen und sehen, dass sie viel und Großartiges leisten und dass sie ihre Rolle nicht daran festmachen dürfen, dass alles so klappt, wie sie es idealtypisch gern hätten. Die Eltern, die ihre Kinder durch die Pandemie begleiten und ihnen Stabilität geben, tun ziemlich viel Heldenhaftes.
Du hast erwähnt, dass viele Eltern hohe Ansprüche an sich haben. Wie geht man damit um, wenn man ihnen nicht gerecht wird?
Ich finde es wichtig zu überlegen: Wo kommen die Ansprüche her? Warum glaube ich, dass ich das so und so gut machen muss? Warum glaube ich, dass mein Kind nur dann gut ins Leben kommt, wenn ich das mache, was ich mir als idealtypisch vorgenommen habe oder was man auf Instagram sieht oder in Büchern liest? Es ist wichtig, genau zu gucken, was hinter diesem Anspruch steckt. Und sich klarzumachen, dass sehr viel schieflaufen darf und anders laufen darf, als man das eigentlich gern hätte. Und dass trotzdem kein bleibender Schaden entsteht. Viele Ideale sind gut und wichtig, aber das heißt nicht, dass man sie zu 100 Prozent leben muss. Es reicht auch, wenn man sie zu 50 Prozent oder in Krisenzeiten auch nur zu 20 Prozent lebt.
In den allermeisten Familien läuft es gut
Du hast gerade den Begriff „Schaden“ benutzt. Das ist ja eine Angst, die Eltern haben. Aber welchen Schaden können Kinder nehmen, wenn Eltern etwas falsch machen?
Natürlich gibt es Sachen, die können richtig schieflaufen, und die können auch Spuren hinterlassen. Eine von Gewalt oder sehr wenig Zuneigung geprägte Erziehung hinterlässt Spuren. Und sie hinterlässt Schäden. Nur ist das in den allermeisten Familien ja gar nicht der Fall. In den allermeisten Familien läuft es aus dieser Sicht recht gut, und es sind eher die Kleinigkeiten, die mal schiefgehen. Oder es sind Phasen, in denen die Bedürfnisse der Kinder vielleicht nicht gut erfüllt werden können, wie jetzt in der Pandemie, wo sicher auch etwas hinten runterfällt.
Und wenn viel hinten runterfällt und es längerfristig ist, kann es natürlich dazu kommen, dass ein Ungleichgewicht und eine Auffälligkeit auf Seiten der Kinder entsteht. Oder dass die Kinder Probleme bekommen, auch psychischer Natur. Nur ist auch das nicht in Stein gemeißelt für das weitere Leben. Wir haben ja gerade als die Eltern, die nah an ihren Kindern dran sind, die viel Zuneigung leben und sich Mühe geben, das Familienleben instandzuhalten, immer noch Möglichkeiten, einzugreifen. Wir schreiben keine Geschichte, die wir für immer festschreiben und die dann so bleibt.
Wann sollten sich Eltern externe Hilfe holen?
Wenn man bei seinem Kind merkt, dass ein totaler Rückzug stattfindet – nicht ein pubertätstypischer Rückzug. Wenn man gar nicht mehr ans Kind herankommt, wenn das Kind nicht mehr ansprechbar ist oder gar nicht mehr bereit ist, zu kommunizieren. Wenn es sich zurückzieht und alltägliche Dinge nicht mehr schafft. Ein Punkt, sich Hilfe zu suchen, ist immer, wenn man individuell feststellt: Ich beherrsche es nicht mehr. Ich weiß nicht mehr weiter und bin in einer Situation, wo ich dermaßen schwimme, dass es für alle Beteiligten belastend ist. Da ist es immer gut, jemanden von außen draufgucken zu lassen. Das heißt ja nicht sofort, dass man eine Therapie anfangen muss. Manchmal reicht es auch, dass einer von außen mal schaut und sagt: So und so könnte es gehen.
Keine Gefühle runterspielen!
Was ist deiner Meinung und Erfahrung nach das Wichtigste, das Eltern in herausfordernden Zeiten wie diesen tun sollten?
Aufmerksam sein! Ohne die Kinder total zu bedrängen und gerade bei größeren Kindern ständig zu gucken, was sie machen. Aber aufmerksam sein für die Signale, die Kinder senden. Und es ernst nehmen und nicht herunterspielen, wenn ein Kind sagt: „Mir geht es total schlecht.“ Oder: „Ich bin so traurig.“ Wir neigen manchmal dazu, das zu relativieren: „So schlimm ist es doch gar nicht. Du hast noch so viel im Vergleich zu anderen.“ Was objektiv stimmt, die Kinder aber subjektiv nicht weiterbringt. Wir sollten es aushalten, dass wir das als Eltern gerade nicht ändern können. Und wir sollten auf jeden Fall einen Raum geben, wo Gefühle Platz haben.
Und was sollten Eltern lassen?
Wie ich schon gesagt habe, dieses Herunterspielen von Gefühlen. Ich finde aber auch wichtig, dass wir nicht unnötig Probleme an die Kinder herantragen. Je nach Alter der Kinder finde ich es auch gut, sie vor zu vielen Informationen zu schützen. Sie sollten zwar grundsätzlich Bescheid wissen, was in der Welt passiert, aber sie müssen nicht jede neue Studie kennen und jede neue Horrormeldung. Und mit älteren Kindern, die eigene Handys oder Tablets haben, sollte man darüber sprechen, dass es zwar viele schreckliche Meldungen gibt, aber dass schlechte Nachrichten eher publiziert werden als gute Nachrichten.
Weg von der Strenge
Du hast gerade ein Buch für Eltern geschrieben: „Unperfekt, aber echt“. Was möchtest du damit erreichen?
Ich hoffe, dass Eltern durch dieses Buch ermutigt werden, sich weniger unter Druck zu setzen und es weniger perfekt machen zu wollen. Dass sie sich selbst und anderen gegenüber fehlertoleranter werden und ein Vergebungsmanagement sich selbst und ihrer Familie gegenüber etablieren. Und wirklich mal von den hohen Ansprüchen wegkommen, mit denen viele Eltern durch die Welt gehen.
Was hast du für dich in den letzten Monaten gelernt?
Ich habe für mich gelernt, dass das, was ich schon immer theoretisch geglaubt habe, wirklich okay ist. Dass es okay ist, im Familienalltag unperfekt zu sein und als Eltern Schwächen zu zeigen, übers Ziel hinauszuschießen, Fragen nicht beantworten zu können oder Fehler zu machen. Und dass es auch keinen Schaden anrichtet. Ich habe das in dieser Corona-Phase ganz besonders von meinen großen Kindern gespiegelt bekommen. Sowohl was schiefgelaufen ist und blöd war – gerade unser großes Kind ist da sehr ehrlich – als auch, dass es okay ist. Und das finde ich wunderbar, auch in dieser schwierigen Zeit so eine Rückmeldung zu bekommen und zu merken: Ich weiß nicht nur theoretisch, dass es gut ist und dazugehört, Fehler zu machen, sondern ich darf es gerade auch praktisch erleben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT.
Zeugnis-Tag!
Dieses Schuljahr hatte es in sich! Und vielleicht spiegelt das Zeugnis die Herausforderungen der letzten Monate wider. Aber egal, wie es ausgefallen ist – der Zeugnis-Tag ist vor allem auch der Beginn der Sommerferien. Und den gilt es zu feiern – mit Anregungen von Annette Daumüller.
Zeugnis-Tage sind besondere Tage. Vielleicht kannst du dich noch an den einen oder anderen eigenen erinnern. Sätze, die du zu hören bekommen hast, die dir guttaten, oder auch solche, die heute noch in deinem Inneren festsitzen und schmerzen. Was können wir tun, um unseren Kindern gute Erinnerungen an ihre Zeugnis-Tage mitzugeben? Hier ein paar Ideen, um diesen Tag zu einem besonderen Tag zu machen, an den jeder gerne zurückdenkt:
Schreibe doch Lobkärtchen zu den Kategorien, die in einem Zeugnis nicht vorkommen. Auf welche Leistungen kann dein Kind stolz sein, weil es dafür hart arbeiten musste? Welche Fähigkeiten und Stärken gehören zur Persönlichkeit deines Kindes? Sind es vielleicht der Sinn für Gerechtigkeit oder wahrzunehmen, wie es anderen geht? Kann es toll malen oder Dinge gestalten? Da fällt dir doch sicher einiges ein!
Nicht vergleichen!
Meistens wissen die Kinder selbst, wo ihre Schwächen liegen. Oft ist es nicht nötig, noch einmal darauf einzugehen. Aber falls dein Kind es selbst zur Sprache bringt, wäre das vielleicht eine Möglichkeit, Pläne zu schmieden fürs nächste Schuljahr. Besprecht, was sich dein Kind wünscht und was es für Ideen hat, um seine Leistungen zu verbessern. Aber denkt auch daran, dass jetzt erst mal Ferien sind, die zur Erholung dienen sollen.
Das Vergleichen von Zeugnissen mit denen der Geschwister, Freunde, Cousins und Cousinen oder gar dem eigenen ist von Seiten der Eltern nicht nötig. Es hinterlässt oft ein frustriertes Gefühl bei mindestens einer von beiden Parteien. Dabei ist immer einer der Verlierer.
Feierlaune
Läutet heute einfach den Ferienbeginn ein! Das Schuljahr, das alles andere als leicht war und von allen Seiten sehr viel gefordert hat, ist abgeschlossen. Das sollte gefeiert werden: mit dem Lieblingsessen der Kinder, mit (ungesunden) Getränken, die sie lieben. Vielleicht auch mit Luftschlangen und Luftballons. Oder ihr packt ein paar leckere Dinge ein und macht spontan einen Ausflug mit Picknick. Austoben und Planschen im See oder Schwimmbad oder Geocachen in einer tollen Umgebung?
Ihr könnt das Fest auch auf den Abend verschieben, um an einem gemütlichen Lagerfeuer Stockbrot mit Nuss-Nougat-Aufstrich oder Kräuterbutter zu genießen. Bei schlechtem Wetter kann man einen Spieleabend machen oder einen lustigen Film anschauen – mit reichlich Popcorn oder Chips. Plant etwas, das euch alle in Feierlaune versetzt! Und vergesst nicht, tolle Bilder zu schießen, damit ihr euch später noch daran erinnern könnt.
Und Geschenke?
Um noch einmal ein Zeichen zu setzen und wirklich das Schuljahr hinter sich zu lassen, wäre es auch möglich, gleich zu Beginn der Ferien den Schulranzen auszumisten, durchzuputzen und alle „alten“ Sachen abzuheften und wegzuräumen, um dann den Schulranzen für sechs Wochen einzumotten.
Geschenke – besonders Geldgeschenke – für bestimmte Noten sind umstritten. Denn das lässt sich kaum gerecht gestalten. Wie viel Anstrengung hat welches Ergebnis erbracht? Da ist es vielleicht sinnvoller, einen Pauschalbetrag unabhängig von der Leistung zu verschenken. Oder gar kein Geld, sondern lieber etwas Schönes zum Auspacken. Wird noch etwas für den Urlaub oder die Ferien benötigt, das man gut als Geschenk verpacken könnte? Vielleicht eine neue Taucherbrille, ein spannendes Buch oder einen Gutschein für einen großen Eisbecher?
Und jetzt viel Spaß beim Feiern!
Annette Daumüller ist eine meistens glückliche Mutter von drei Jungs. Sie liebt alltagsnahes Kabarett, Milchkaffee und herzliche Gespräche.
Sexologin: Gleichberechtigung sorgt für besseren Sex
Wenn sich Paare im Alltag auf Augenhöhe begegnen, hat das auch positive Auswirkungen im Bett. Sexologin Veronika Schmidt erklärt, wie das zusammenhängt.
Je gleichgestellter ein Paar ist, desto größer ist die Chance auf ein erfülltes Sexleben. Das ist nicht einfach eine Behauptung, sondern gut untersucht. So fand eine Studie der Universität von Alberta heraus, dass Männer, die angaben, sich auf faire Weise an der Hausarbeit zu beteiligen und Verantwortung in der Kinderbetreuung zu übernehmen, auch mehr Sex hatten und zufriedener damit waren. Der Umkehrschluss: Je gleichgestellter sich Frauen erleben und Gleichberechtigung verhandeln, desto eher übernehmen sie andererseits Verantwortung für ihr eigenes und das gemeinsame Sexerleben. Das Schlüsselwort ist „Verantwortung“.
Sexentzug hat oft mit Machtkämpfen zu tun
Das Sexleben verweist oft auf Paarmechanismen außerhalb des Bettes. Da sind die offenen oder versteckten Machtkämpfe, die sich durch den Beziehungsalltag ziehen und im Bett zum Ausdruck kommen. Das kann dann bedeuten, dass man Sex oder bestimmte Praktiken dominant einfordert oder demonstrativ beleidigt ist, wenn es nicht so funktioniert, wie geplant. Häufig entziehen sich Ehepartner einander. Dabei ist der Sexentzug einfach eine Spielvariante des Liebesentzugs. Wer sich dem Sex und somit dem Partner oder der Partnerin verweigert, übt Macht aus. Meist geht es hier um eine Macht, von der man glaubt, sie sonst nicht zu besitzen. Macht auszuüben ist die Kehrseite der Ohnmacht. Ohnmacht wiederum gründet in der Annahme, auf sein eigenes Leben keinen Einfluss nehmen zu können.
Weshalb verweigern Frauen (und manchmal Männer) Sex? Weil sie es nicht besser wissen! Sie wissen nicht und nehmen nicht wahr, wie wichtig Sex für die Paarbeziehung ist. Keinen Sex wollen, heißt, sich der Verantwortung gegenüber der Paarbeziehung zu entziehen. Gleichzeitig muss dazugesagt werden, dass es kein Recht auf Sex gibt! Sex einzufordern, ist genauso verantwortungslos. Sex kann nicht eingeklagt werden. Aber Sex ist ein Akt der Freundlichkeit und Verantwortung. Deshalb sagt Paulus Paaren in der Bibel: „Entzieht euch einander nicht.“ (1. Korinther 7,5) Und er stellt diese Aussage ganz deutlich in den erweiterten Zusammenhang der bedingungslosen Gleichberechtigung, in etwas Wechselseitiges, sich Bedingendes.
Der Alltag lässt die Erotik vergessen
Häufig geht eine Flaute im Ehebett zurück auf die Unlust der Frau, aber nicht nur. Auch Männer können für eine Sexflaute verantwortlich sein, und auch da ist es eine Frage des eigenen Selbstverständnisses. Nehme ich das einfach so hin oder bin ich überzeugt, dass es Veränderungsmöglichkeiten gibt?
Ein sexloses Leben wird oft so lange ignoriert, bis sich die Angst einstellt, den Partner zu verlieren. Dabei hat nicht selten zu Beginn der Beziehung der Sex sogar beiden Spaß gemacht. Doch dann passiert das Leben, die Erotik wird vergessen oder sie passt nicht mehr in den Alltag.
Gerade die Lebensabschnitte, in denen die Rollen neu definiert werden müssen, sind besonders sensible Phasen für die Intimität. Jeder Lebensabschnitt bringt dabei seine eigenen neuen Herausforderungen. Zum Beispiel, wenn es gilt, von der unbeschwerten jungen Liebesbeziehung in die oft auch stressige und verantwortungsvolle Alltagsbeziehung zu wechseln.
Kinder ändern das Sexleben
Ganz entscheidend für den Sex ist die Phase des Kinderkriegens, wenn sich das Liebespaar zum Elternpaar entwickelt. Es kommt darauf an, wie das Paar mit dieser Rollenerweiterung umgeht. Besonders Frauen ringen oft damit, den Spagat zwischen Muttersein und Liebhaberin hinzubekommen, weil sie ununterbrochen an andere denken und für sich selbst dann nicht mehr existieren. Um Lust zu entwickeln, muss eine Frau aber Zeit haben, an sich selbst denken zu können. Und manche Männer kämpfen damit, die Mutter ihrer Kinder noch als erotisch begehrenswertes Gegenüber zu sehen.
Manche stellen auch Probleme in ihrem Sexleben fest, wenn sich das Nest leert und die Kinder ausziehen. In vielen Fällen ist das Liebespaar irgendwann auf der Strecke geblieben und man hat sich verloren. Man wollte es aber jahrelang nicht bemerken. Dabei können Paare aber nicht nur an sich selbst scheitern, sondern auch an den gesellschaftlichen und religiösen Rollenerwartungen, denen sie entsprechen wollen oder meinen, entsprechen zu müssen.
Gleichberechtigung schafft freien Sex
Zuallererst müssen wir begreifen, was mit den Rollenbildern und der Sexualität im Laufe der Geschichte geschehen ist und was diese Tatsache mit uns allen immer noch macht. Ich habe den Zusammenhang von Gleichberechtigung und glücklichem oder unglücklichem Sexleben gründlich studiert und in meinem Buch „Endlich gleich!“ dokumentiert. Und ich bin zum Schluss gekommen: Ohne grundsätzliche Freiheit der Frau, also ihrer bedingungslosen Gleichstellung in der Beziehung, in der Gesellschaft und in der Religion, gibt es keine Freiheit der weiblichen Sexualität. Und damit auch keine eigenverantwortliche weibliche Sexualität. Es geht dabei nicht einfach um fortschrittliche Rollenbilder versus traditionelle. Sondern darum, wie reflektiert, selbstbestimmt, ebenbürtig und solidarisch das gewählte Lebensmodell zustande kommt. Entscheidend ist, was für das einzelne Paar stimmt.
Eine Frau kam in die Beratung, um einen Orgasmus zu lernen. Oder Freude am Sex überhaupt. Sie war seit über zwanzig Jahren verheiratet und in einer streng religiösen, traditionellen Glaubensgemeinschaft aufgewachsen, zu der sie immer noch gehörte. Durch die Beratung begann eine Entwicklung in ihr, die nicht nur in Kleidung und Frisur zum Ausdruck kam, sondern auch in ihrem ganzen Wesen und Auftreten. Das blieb in ihrer Umgebung nicht unbemerkt, doch sie lernte sich darin zu behaupten. Sie traute sich Aufgaben und Einfluss zu und packte eine Ausbildung an. Am meisten Freude daran hatte ihr Mann. Das ist überhaupt meine Erfahrung. Viele Männer begrüßen eine emanzipatorische Entwicklung ihrer Frau und sind positiv überrascht, auch wenn sie dies zuvor gar nicht hätten ausdrücken können. Es wäre ihnen nicht möglich gewesen, zu benennen, dass es das ist, was ihnen als Paar fehlt. Solche grundlegenden Veränderungen zu erleben, gehört zum Schönsten in meiner Beratungstätigkeit.
Auf das Selbstbewusstsein kommt es an
Eine Sexualität, die als erfüllend erlebt wird, hat viel mit Selbstwert und Selbstbewusstsein zu tun. Sexualität, die als lustvoll erlebt wird, stärkt nicht nur den Selbstwert und das Selbstbewusstsein, sondern auch die eigene Identität als Frau und Mann. Das hat auch Auswirkungen auf andere Bereiche des Lebens. Selbstbewusstsein ist allerdings auch Voraussetzung dafür, sich im Bett emanzipiert geben zu können und selbstverantwortlich mit der eigenen Lust umzugehen.
Erst wenn Frauen (und einige Männer) die Flaute im Ehebett nicht mehr hinnehmen, weil sie erkennen, dadurch etwas Schönes und Bereicherndes zu verpassen, werden sie sich ganzheitlich emanzipieren können.
Partner sollten wissen, was sich gut anfühlt
Ein emanzipiertes und gestärktes Selbstbewusstsein verändert die Beziehung positiv. Je klarer Frauen dabei werden, je besser sie für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse einstehen können, desto mehr können sich im Gegenzug Männer erlauben, weicher zu sein. Und umso eher können Männer über ihre Bedürfnisse und Gefühle sprechen. Letztlich werden sie genau dadurch stärker und männlicher und wiederum für die Frauen attraktiver.
Diese Zusammenhänge müssen auch unsere Körper „begreifen“ – im ganz wörtlichen Sinn, nämlich im Anfassen. Oft bedeutet dies, erstmals Selbsterfahrungen zu machen, die man dann mit in die Paarsexualität einbringen kann. Wer den Weg zu seinem Gipfel nicht kennt, kann auch nicht erwarten, dass der Partner oder die Partnerin ihn findet. Für meine Lust bin ich selbst verantwortlich. Damit Frauen und Männer Sex genießen können, müssen sie ihren Körper kennen. Und dabei geht es nicht darum, „wie es aussieht“, sondern „wie es sich anfühlt“. Es geht darum, das Anfühlen selbst zu steuern. Und Sex verändert sich mit den Jahren, ebenso die Bedürfnisse. Deshalb muss man immer wieder herausfinden, was stimmt und geht, und es kommunizieren.
Da sind Männer genauso herausgefordert wie Frauen. Denn viele Männer „konsumieren“ Sex, sie wecken ihn nicht aus sich selbst heraus. Deshalb beklagen manchmal Frauen, die keine Lust haben, dass ihre Männer keine guten Liebhaber sind.
Sex hat viele Gesichter
Was macht einen Mann zum schlechten Liebhaber? Er ist darauf fixiert, was er im Sex von der Frau geboten bekommt, statt darauf, was er selbst in seinem Körper an erotischem Erleben auslösen kann. Die meistgehörten Klagen wiederum von Männern in Bezug auf das Sexleben sind: „Sie will keinen Sex.“, „Sie ist nicht oder nicht leidenschaftlich dabei.“, „Sie erlebt nichts oder will nichts dabei erleben.“, „Sie lässt sich nicht auf Experimente ein.“
Es gibt eine große Bandbreite an Sexualität zu entdecken: schnell und wild, ganz zärtlich oder hochemotional, mit und ohne Orgasmus, mit und ohne Penetration. Ein ganzes Orchester. Dazu gehören auch passiv und aktiv, dominant und unterwerfend. Doch gerade Letzteres, das „Machtgefälle in der Sexualität“, kann nur gesund gelebt werden, wenn es eine selbstbestimmte und selbstgewählte Spielvariante ist. Dann aber hat diese ihren ganz eigenen Reiz, die in der Sexualität lustvoll ausgelebt werden kann – Nehmen und Genommenwerden.
Veronika Schmidt ist Sexologin, systemische Beraterin und Autorin. Das Thema „Gleichberechtigung“ hat sie in ihrem Buch „Endlich gleich!“ (SCM Hänssler) untersucht. In ihrem Buch „Alltagslust“ (SCM Hänssler) erläutert sie, wie man die eigenen erotischen Fähigkeiten entwickeln kann.
Fehlende Superkräfte
Warum ich kein Heldenpapa bin. Von Moor Jovanovski
Heldeneltern? Ja, ich verstehe, was man lobend damit sagen möchte, wenn man Eltern als Helden bezeichnet. Aber es ist mir doch zu pathetisch. Das, was ich als Vater für meine Kinder tue, ist eine Selbstverständlichkeit. Damit spreche ich nicht einer Leidenschaftslosigkeit das Wort, sondern möchte von einer wohlwollenden Pflicht sprechen.
Es erfüllt mich nämlich persönlich sehr, wenn ich Stabilität und Sicherheit durch mein Vatersein für meine Kinder gewährleiste. Es macht mich stolz, wenn ich sehe, dass meine Kinder selbstbewusst und glücklich im Leben unterwegs sein können. Auch und gerade in der Zeit der aktuellen Pandemie ist es unerlässlich, dass ich für meine Kinder noch eine Extra-Schippe drauflege, damit das so bleibt.
Legendäre Momente
Denn ihre anderen Lebensbereiche, die auch verlässlich sein sollten und ihnen Halt und Sicherheit vermitteln können, sind es zurzeit nicht: Die Schulen stolpern von Beschulungskonzept zu Beschulungskonzept (zumindest in unserem Bundesland), die Sportvereine versuchen verzweifelt, irgendein Trainingskonzept auf die Beine zu stellen, und die Freundschaften meiner Kinder leiden unter diesen Umständen sehr. Jetzt bin ich gefragt und muss über mich hinauswachsen. Das ist keine Frage von Heldenmentalität oder vermeintlichen Superkräften, die damit einhergehen, sondern von Verantwortung und Wille.
Da ich es aber aller Anerkennung wert finde, dass Eltern in dieser Zeit auch besondere Erwähnung finden und ihre überdurchschnittlichen Mühen nicht übersehen werden, würde ich mich eher als Legende denn als Held für meine Kinder sehen wollen.
Legenden können beides sein: unglaubwürdig oder ruhmreich. Sie sind entweder personifizierte, unrealistische Ideale, die nahezu mystisch verklärt werden (das sind Väter in bestimmten Momenten eben auch), oder sie sind reale Personen mit handfesten und weltverändernden Handlungen, die nachvollziehbar und bleibend sind. Eine Legende scheitert oder begeistert. Dem fühle ich mich näher als einem strahlenden Helden, denn ich scheitere ebenfalls an meinen Idealen und versage auch mal als Vater. Dann wiederum gibt es diese legendären Momente, in denen ich nicht nur alles richtig mache, sondern nahezu Unsterbliches schaffe (mit Augenzwinkern geschrieben).
Hauptsache: Bleiben
Anlässlich meines Geburtstages bekam ich kürzlich ein Freundebuch geschenkt, in das auch mein vierzehnjähriger Sohn schrieb. Und er listete unter der Rubrik „Was ich an dir schätze“ sieben (!) kurze Sätze auf, die meinen „Legendenstatus“ unterstrichen. Eine legendäre Aussage teile ich gern mit Stolz an dieser Stelle. Er schrieb: „Ich schätze an dir: Dass du immer für mich da bist (egal, wie schlecht meine Noten sind)!“ Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass es sich um ein „Hassfach“ handelt, dass jeder von uns kennt und hatte.
Der Basketball-Profisportler Kobe Bryant, der seine gesamte Karriere bei einem Verein in der amerikanischen Profiliga NBA verbrachte, fünf Meisterschaften gewann und im Januar 2020 viel zu früh durch einen Unfalltod verstarb, sagte einmal: „Helden kommen und gehen. Legenden bleiben!“ Das ist das, worauf es in meinem Vatersein ankommt: Dass ich bleibe! Egal, in welchen Zeiten.
Moor Jovanovski ist leitender Pastor von Mosaic Heppenheim und als Redner und Berater tätig. Er lebt mit seiner Frau Monica und seinen beiden Kindern in Erzhausen. www.moorjovanovski.com
Gegen Drachen kämpfen
Warum ich eine Heldenmama bin. Von Hella Thorn
Gegen welche Drachen ich zu kämpfen haben würde, wusste ich nicht, als ich mich vor fünf Jahren in das Land der Mutterschaft aufmachte, um meine Prinzessin vor dem Bösen zu beschützen. Klar war nur, dass ich mit meiner minderen Grundausstattung unerschrocken gegen alles Böse kämpfen würde, damit aus meiner Tochter eines Tages eine mutige, (willens-)starke, gebildete, hilfsbereite und glückliche junge Frau wird. Allein das macht mich per Definition schon zu einer Heldenmutter. Und da sind die Ungeheuer, in die sich meine Kinder zuweilen verwandeln können, die Monster unter dem Bett, die „Kämpfe“, die man um Fernsehzeiten, falsch geschnittenes Brot, den adäquaten Umgang mit Schere, Kleber und Tacker oder Süßigkeiten im Supermarkt auszufighten hat, nicht mitgezählt.
Große und kleine Kämpfe
Trotzdem, der Begriff des Helden hat keinen guten Stand. Versuche ich, ihn mir selbst zuzusprechen, schreien mich direkt Drachen nieder: „So viel wie du schimpfst und meckerst?“ „Sorry, aber bei deinem dünnen Nervenkostüm und porösen Geduldsfaden eignest du dich nicht gerade zur Mutter des Jahres.“ „Du entsprichst ja noch nicht mal dem Instagram-Bild einer guten Mutter. Da wollen wir von einer Heldenmama gar nicht anfangen.“
Denke ich an die Väter, fallen mir scheinbare Gegenargumente ein wie die häufigere Abwesenheit, der mangelnde Anteil an der Care- und Haushaltspflicht und die Unkenntnis über die aktuelle Schuhgröße, die Namen der besten Freunde oder die Ratlosigkeit darüber, was es zum Abendessen geben soll. Klar, das sind alles keine rühmlichen Handlungen oder imponierendes Wissen, aber sie scheinen doch mit einem Heldenvater einhergehen zu müssen.
Doch diese (Glaubens-)Sätze sind nichts anderes als Drachen. Drachen, gegen die Mütter und Väter ihre Schwerter ziehen müssen, um sie niederzukämpfen. Denn jeden Tag beweisen Eltern, dass sie echte Superhelden sind. Jeden einzelnen Tag leisten sie im Großen und Kleinen Außergewöhnliches. Jeden Tag gehen sie über ihre Grenzen, Kraftreserven und eigenen Wünsche hinweg.
Die Drachen der Gegenwart
So stelle ich mich unerschrocken jeder Diskussion, jedem starken Gefühl und jedem Bedürfnis meiner Kinder. Ich laufe stundenlang durch unsere Stadt auf dem Weg zur unsichtbaren Freundin meiner Tochter, die dann leider nicht zu Hause ist. Ich lese meinem Sohn unermüdlich Bücher vor, deren Beschränkung auf Hauptwortsätze mich mürbe macht. Ich ermögliche meinen Kindern verschiedenste Erfahrungen – obwohl ich es doch so oft besser weiß. Ich kämpfe gegen Müdigkeit, graue Haare und Schokoflecken auf T-Shirts und für gerechte Teilhabe, Bildung und ein starkes Selbstwertgefühl der Kinder.
Sicherlich gibt es viele weitere Drachen, gegen die Eltern, vor allem Mütter, heutzutage zu kämpfen haben. Der Mental Load, die fehlende Anerkennung der Care-Arbeit oder die krass überhöhten Erwartungen, die an Mütter und Väter gestellt werden, sind gefährliche Drachen, die den Weg der Elternschaft flankieren und erschweren. Deshalb sind wir Heldeneltern – und als Eltern zukünftiger Helden haben wir den Titel sowieso verdient.
Hella Thorn ist Mutter zweier kleiner liebenswerter Ungeheuer (2 und 5 Jahre) und arbeitet als Redakteurin, Autorin und Lektorin.
Erst die Jugend!
Auch wenn sich alle nach Normalität sehnen – Vorfahrt hat jetzt die junge Generation. Ein Kommentar von Martin Gundlach
Bisher ist in der Pandemie nicht deutlich geworden, dass Eltern, Kinder oder Jugendliche einen besonderen Stellenwert für unsere Gesellschaft haben. Homeschooling wurde stillschweigend vorausgesetzt, neben dem Homeoffice oft Home-Chaos. In der Impf-Reihenfolge sind Eltern oder Jugendliche nicht erwähnt worden. Jetzt gibt es die Hoffnung, dass das Schlimmste vorbei ist. Die Reihenfolge beim Impfen ist aufgehoben und irgendwann werden dann auch Familien geimpft sein. Denn alle wünschen sich vor allem eines: Normalität.
Trotzdem wäre es ein Fehler zu versuchen, alles wieder wie vor der Pandemie machen zu wollen. Die letzten 16 Monate haben uns verändert, haben manche Entwicklungen verzögert und viele Leben komplett durcheinandergebracht. Deshalb wird uns die Krise noch lange beschäftigen, denn sie hat tiefe Wunden geschlagen. Sie hat vor allem die junge Generation verunsichert, die – nach meinem Gefühl – zu wenig im Blick war.
Die Kirchen und Gemeinden sollten nun zeigen, dass sie das verstanden haben. Dass sie, sobald die Richtlinien sich lockern, die richtigen Prioritäten setzen. Dass sie vor allem und zuerst in Kinder und Jugendliche investieren. Denn die Kids brauchen die Förderung ihrer Begabungen und die Begleitung in ihrer menschlichen und geistlichen Entwicklung dringend. Die Jugendlichen brauchen Impulse, sie brauchen die Gruppe, das Miteinander. Vor allem brauchen sie eine Perspektive in einer Welt, die für sie unübersichtlich und bedrohlich geworden ist.
Ich wünsche mir, dass Pastorinnen und Pastoren, hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich hier verstärkt einbringen. Und ich empfinde es nicht als Zumutung, wenn erwachsene und reife Christen da im Zweifelsfall noch einige Momente zurückstehen, um der nächsten Generation noch eine Zeit lang das Feld zu überlassen.
Martin Gundlach ist Redaktionsleiter von Family und FamilyNEXT.
Morbus Hirschsprung: Christines gerade geborener Sohn entgeht knapp dem Tod
Eigentlich wollen Christine und ihr Mann sich nur über das neue Familienglück freuen. Doch dann wird bei ihrem Sohn eine lebensgefährliche Darmkrankheit diagnostiziert.
Stuhlgang ist kein Thema, über das man gerne nachdenkt, spricht, schreibt oder liest. Es ist ein Thema, über das freche Kinder am Tisch Witze machen und Eltern sagen, es gehöre nicht dorthin. So natürlich Stuhlgang ist, so unnatürlich fühlt es sich an, darüber zu reden. Und doch beschäftigt uns seit der Geburt unseres Kindes kein Thema mehr als das. Denn unser Sohn hatte keinen Stuhlgang und wäre daran fast gestorben.
Was ist Morbus Hirschsprung?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit Morbus Hirschsprung zur Welt kommt, liegt bei eins zu 5.000. Bei der Krankheit handelt es sich um eine Fehlbildung im Darm, die am Schließmuskel beginnt und sich von dort unterschiedlich weit den Dickdarm hochzieht. In dem betroffenen Teil fehlen die Nervenzellen, die verantwortlich sind, den Stuhl zu transportieren. Die Nahrung staut sich also vor dem kranken Teil des Darms und kann gar nicht oder nur zu kleinen Teilen ausgeschieden werden. In Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 140 Kinder mit dieser Krankheit geboren, Jungen sind vier Mal so häufig betroffen wie Mädchen. Und eines davon war unser Erstgeborenes.
Anfangs scheint alles normal
Nach einer unkomplizierten Schwangerschaft und Geburt war ich überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass mit unserem Kleinen etwas nicht stimmen könnte. Als Frischlings-Mama konnte ich die Anzeichen nach der Geburt kaum deuten. Unser Sohn spuckte viel und wollte am zweiten Tag nicht mehr trinken. Das Personal in der Klinik beruhigte mich. Das sei völlig normal. Dass der erste Stuhlgang, das Kindspech, nicht kam, verwunderte sie mehr. Aber es klingelte immer noch keine Alarmglocke. Und als frischgebackene Familie sehnten wir uns danach, nach Hause zu kommen, den neuen Lebensabschnitt einzuläuten, die Ruhe zu genießen. Familie und Freunde an unserem Glück teilhaben zu lassen. Und so wurden wir entlassen.
„In der Nacht tat ich kein Auge zu“
Um zuhause den Stuhlgang anzuregen, nahmen wir das Thermometer als Hilfsmittel, drückten mit, massierten den Bauch – alles ohne Erfolg. Der Kleine spuckte immer mehr, die Farbe wechselte von weiß zu gelb. Ich legte ihn nachts ins Beistellbett neben mich und brachte ihn in die stabile Seitenlage. In der Nacht tat ich kein Auge zu. Viel zu viel Angst hatte ich, dass unser neugeborener Sohn ersticken könnte. Aus dem Spucken wurde Würgen. Das war doch nicht normal, oder?
Unsere Nachsorge-Hebamme schickte uns am nächsten Tag in die Kinderklinik. Wir gingen davon aus, dass der Kleine eine hartnäckige Verstopfung hat, die mit einer Spülung beseitigt werden könnte. Damit würden sich die anderen Probleme von selbst lösen. Eine vorwurfsvolle Kinderärztin in der Notfallambulanz wies unseren Sohn in die Klinik ein. Das war ein Schock für uns.
Quälende Ungewissheit
Auf Station bekam der Kleine erst eine Infusion, danach wurde sein Darm mehrmals gespült, bis das elende Kindspech endlich komplett draußen war. Es sei höchste Zeit gewesen, dass wir gekommen sind, gab uns der Arzt zu verstehen. Mein Mann und ich waren überfordert von den heftigen Gefühlswellen, die sich überschlugen: Der Schock, dass unser Kind hätte sterben können, wenn die Hebamme nicht gewesen wäre, die Sorge, wie es nun weitergehen würde, die Angst, der Verantwortung nicht gewachsen zu sein. Und dazwischen zerriss unser Herz, als wir das schrille Weinen unseres Sohnes während der Behandlung hörten.
Wir verabschiedeten uns abends unter Tränen von unserem Neugeborenen, fuhren aus der Klinik nach Hause, heulten dort weiter und kamen am nächsten Tag zurück. Und am Tag darauf. Und am Tag darauf. Nie wissend, was uns in der Klinik erwarten würde. Wie geht es dem Kleinen? Wissen die Ärzte mittlerweile, was ihm fehlt? Wann können wir endlich mit ihm nach Hause? Mein Mann und ich machten uns gegenseitig Mut daran festzuhalten, dass es sich um keine Krankheit handeln muss. Vielleicht war es einfach eine fiese Verstopfung.
Plötzlich spricht der Arzt von Lebenserwartung
Die Ärzte machten Tests, um herauszufinden, warum unser Sohn das Kindspech nicht ausscheiden konnte. Ihr erster Verdacht war die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Die Krankheit lässt sich über den Salzgehalt im Schweiß feststellen. Das Testergebnis unseres Sohnes lag im Graubereich, die Ärzte wollten die Krankheit weder ausschließen noch sich darauf festlegen. Unser Kleiner musste noch einmal zum Test. Und dann noch einmal. Und immer lag das Ergebnis im Graubereich.
Wir kannten die Krankheit bis zu diesem Zeitpunkt nur vom Namen her, aber als der Oberarzt uns zu sich bat und mutmachend sagte, die Lebenserwartung sei Dank neuster Medizin nicht so kurz wie früher, mussten mein Mann und ich schlucken. Wir wollten es nicht glauben und nicht hören. Wir sprachen über die Lebenserwartung unseres Sohnes, dessen Leben gerade erst so richtig begonnen hatte?
Zurück in die Krankenstation
Währenddessen kämpfte unser Kleiner weiter und nach einer Weile schaffte er es endlich, selbstständig zu trinken. Als der Stuhlgang nach dem Spülen regelmäßig kam, wurden wir entlassen – mit einem Termin für einen weiteren Test. Zuhause ging der Horror wieder von vorne los und nach vier Tagen waren wir zurück auf der Krankenstation. Trotz Spülung hat sich dieses Mal der Zustand unseres Sohnes kaum verbessert. Er wurde schwächer und schwächer. Sein Puls war viel zu hoch, die Entzündungswerte gingen fast durch die Decke.
Ein anderer Arzt kam und mit ihm eine neue Verdachtsdiagnose: Morbus Hirschsprung. Die Kinderchirurgie wurde einbezogen, wir darüber informiert, dass unser Sohn operiert werden müsse. Der Chirurg erklärte uns, was gemacht werden muss, aber er wolle eine zweite Meinung hören und bis zum nächsten Tag warten.
„Hatte das Gefühl, ihn beim schleichenden Tod zuzusehen“
Diese Nacht war die schlimmste meines Lebens. Dem Kleinen ging es immer schlechter. Er stöhnte im Schlaf und bekam mehr und mehr Schmerzmittel. Ich hatte das Gefühl, ihn beim schleichenden Tod zusehen zu müssen. Am nächsten Tag bat der Oberarzt meinen Mann und mich in das Besprechungszimmer. Unser Sohn würde jetzt operiert werden. Der Darm sei gerissen. Ein künstlicher Darmausgang müsse gelegt werden. Der Kinderchirurg kam. Die OP finde sofort statt. Es herrsche Lebensgefahr. Ich hielt die Hand meines Mannes. Tränen liefen mir ununterbrochen über das Gesicht.
Abschied an der OP-Schleuse
Seit der Geburt unseres Sohnes fühlte sich alles an wie ein Albtraum. Die Vorstellung, wie der Start ins Familienleben sein würde und was wir tatsächlich erlebten, klaffte unendlich weit auseinander. Wir brachten unseren Sohn mit dem Arzt und zwei Schwestern zur OP-Schleuse. „Verabschieden Sie sich jetzt von Ihrem Sohn“, sagte jemand. „Bis später“, flüsterte ich ihm unter Tränen zu und streichelte seinen Kopf. Hand in Hand und unter Schluchzen gingen mein Mann und ich zurück zur Station und warteten.
Eine Stunde. Ich packte meine Sachen zusammen und pumpte Milch ab. Zwei Stunden. Ich schrieb Nachrichten an Familie und Freude: „Bitte betet für uns.“ Drei Stunden. Da kam der Kinderchirurg und sagte, die OP sei gut verlaufen. Der Darm sei nicht gerissen, auch wenn es auf dem Röntgenbild so aussah. Aber die Darmwand sei so beschädigt, dass Bakterien aus dem Darm in den Bauchraum gekommen seien und eine Infektion ausgelöst hätten. Der künstliche Darmausgang funktioniere gut, jetzt müsse sich der Kleine nur noch erholen.
Ein kleiner Schatten seiner selbst
Als wir endlich zu unserem Sohn konnten, flossen die Tränen – wieder oder immer noch, ich weiß es nicht mehr. Dankbar dafür, dass er noch lebte, ängstlich und in Sorge, ob er die kommende Nacht überstehen würde. Ganz blass lag er im Brutkasten, stöhnte im Schlaf, zuckte unkontrolliert, überall waren Schläuche und Kabel. Er war ein noch kleinerer Schatten seiner selbst.
Am nächsten Tag zeigte man uns zum ersten Mal den künstlichen Darmausgang. Ich hatte noch nie einen gesehen und keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Als ich das aufgeschnittene und aufgeklappte Stück Dickdarm am Bauch unseres zarten Jungen sah, wurden meine Augen weit. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich ekelte mich. Was für eine Mutter war ich, die sich vor ihrem eigenen Sohn ekeln konnte?
Der künstliche Darmausgang ist eine Herausforderung
Unser Sohn konnte eine Woche später entlassen werden, ein Termin zur Biopsie stand einen Monat später an. Aus der Klinik rauszukommen, fühlte sich gut an. Eine Brise Normalität. Doch sich zuhause um den künstlichen Darmausgang zu kümmern, überforderte uns in der ersten Zeit. Ständig löste sich die Platte, die um den Ausgang herum am Bauch klebte und an der ein Beutel befestigt war. Ständig war unser Sohn komplett mit seinen Exkrementen beschmiert. Ständig musste er unter lautem Protest auf den Wickeltisch. Sein Schreien sorgte dafür, dass der Darm arbeitete wie verrückt. Stuhl floss regelrecht aus dem Darm und mein Mann und ich versuchten verzweifelt den Bauch sauber zu machen, damit die nächste Platte besser kleben würde. Schweißgebadet waren wir die ersten Male nach etwa 20 Minuten fertig.
Eine neue OP steht an
Doch der „Luxus“, dass wir uns gemeinsam um die Pflege kümmern konnten, würde bald aufhören. Die Elternzeit meines Mannes neigte sich dem Ende zu. Unsere Kinderärztin fragte mich: „Wie wollen Sie das denn in Zukunft handhaben?“ „Ich werde die Beutel alleine wechseln“, antwortete ich. „Das können Sie nicht schaffen. Alleine geht das nicht“, sagte die Ärztin bestimmt. Falls ich eine helfende Hand bräuchte, könnte ich jederzeit in die Praxis kommen. Als wir auf dem Parkplatz standen, fing ich an zu weinen. Wie sollte ich den Alltag mit unserem Sohn bloß bewältigen?
Wir arbeiteten uns immer mehr in das Thema ein, nicht nur, was den künstlichen Darmausgang betraf. Wir wechselten in eine Spezialklinik. Die Biopsie bestätigte den Verdacht: Unser Sohn hatte die Hirschsprung-Krankheit. Ein Termin zur Operation wurde vereinbart. Der kranke Teil des Darms sollte entfernt werden, eventuell der künstliche Darmausgang schon rückverlegt. In den Wochen vor dem Klinikaufenthalt graute mir vor dem, was auf uns zukommen würde. Es hafteten noch die schlimmen Erlebnisse aus den vergangenen Wochen an mir. Unkontrolliert brach ich manchmal unter der Dusche zusammen, ließ das Wasser mein Schluchzen wegspülen.
An Schlaf ist nicht zu denken
Der Tag der Operation kam. Wieder zur OP-Schleuse, wieder den Kleinen in die Hände der Ärzte geben. Der Warteraum vor dem OP-Saal wurde zu dem Vorhof meiner persönlichen Hölle. Irgendwie hatten mein Mann und ich es geschafft, die fast sechs Stunden rumzukriegen, die unser Sohn im OP lag. Der Anruf kam: Es lief alles gut. Wir kamen aufs Zimmer. Da der Darm so kurz nach dem Eingriff noch nicht arbeiten kann, durfte der Kleine keine Milch trinken. Infusion, Wasser, Tee – all das reichte ihm nicht. „Irgendwann geben alle nach und trinken Wasser“, wollte die Krankenschwester uns beruhigen. Unser Sohn nicht. Er schrie und schrie, mal vor Hunger, mal vor Schmerzen. Nachts war an Schlaf nicht zu denken.
Eine dritte Operation steht an
Die Visite am nächsten Tag zeigte, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein Tag sollte abgewartet werden. Wieder eine Nacht des Grauens. Und am nächsten Morgen machte der Chirurg ein ernstes Gesicht. „Ihr Sohn muss noch einmal operiert werden. Von außen können wir nicht sehen, was nicht stimmt. Im Notfall muss ihm erneut ein künstlicher Darmausgang gelegt werden“, informierte er mich. Ich schrieb meinem Mann eine Nachricht, er soll sofort kommen. Und wieder mussten wir zur OP-Schleuse. Der Eingriff zeigte, dass eine Naht sich gelöst hatte. Es wurde noch einmal genäht, der Heilungsprozess musste wieder von vorn beginnen.
40 Mal Stuhlgang am Tag
Nach zwei Wochen konnten wir die Klinik endlich verlassen. Glücklich darüber, wieder vereint zuhause sein zu können. Dass unser Sohn in den ersten Wochen täglich bis zu 30 oder 40 Mal Stuhlgang haben könnte, vermieste unsere Laune nicht. Nach all dem, was wir schon erlebt hatten, kam uns dieses Problem nicht so groß vor. Doch es wurde groß und immer größer. Nicht nur sammelten sich riesige Windelberge vor unserer Wohnung, sondern der Stuhlgang wurde nicht weniger. Nicht nach einem, nach zwei, drei, vier oder fünf Monaten. Es blieb.
Unser Sohn begann erst Brei, dann vom Tisch zu essen. Und damit begannen starke Schmerzen. Nicht nur ein dauerhaft wund-blutiger Po, sondern heftige Schmerzen beim Stuhlgang selbst. Ganz plötzlich beginnt er zu schreien, ballt seine kleinen Hände zu Fäusten und zittert am ganzen Körper. Und füllt die Windel. Wieder und immer wieder, bis zu 30 Mal am Tag.
Warum schweigt Gott?
In der Nachsorge sagte der Chirurg, dass die Phase mit dem häufigen Stuhlgang bei einem guten Verlauf schon abgeschlossen wäre. Das war keine Überraschung für uns – die „beschissene“ Phase war längst schmerzlicher Alltag geworden. Fragen brennen uns aus auf der Seele, die kein Mensch beantworten kann und zu denen Gott bisher geschwiegen hat. Wann wird es unserem Sohn endlich besser gehen? Wann fängt ein neuer Lebensabschnitt für uns drei an? Schaffen wir es, bis dahin durchzuhalten?
Zwischen den Fragen machen sich bei mir manchmal Zukunftsängste und Horrorszenarien breit. Wie steht es um die Gesundheit unseres Sohnes, wenn er in den Kindergarten kommt? Wird er sich noch in die Hose machen, wenn er zur Schule geht? Gehört er zu den wenigen Betroffenen, bei denen Morbus Hirschsprung zur Inkontinenz führt? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber es gibt sie. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit, dass wenn mein Mann und ich uns für ein zweites Kind entscheiden würden, es dieselbe Krankheit hätte.
Narben, die bleiben
Ein Jahr nach der Geburt unseres Sohnes leiden wir immer noch. Wir leiden darunter, dass unser schutzbedürftiger Junge jeden Tag körperliche Qualen erleiden muss, die wir ihm nicht abnehmen können. Wir leiden darunter, dass unser Start ins Familienleben mit kräfteraubenden Klinikaufenthalten und Operationen verbunden war. Wir leiden darunter, dass unser Sohn nie die unbeschwerte Kindheit haben wird, die andere Kinder haben können.
Aber in all dem Leid sehen wir einen Jungen, der seine Schmerzen mit dem Moment vergisst, in dem sie aufhören. Der fröhlich ist, viel lacht und erzählt, schnell krabbeln gelernt hat und mittlerweile seine ersten Schritte geht. Der Alltag für uns ist und bleibt in der kommenden Zeit ein Kampf zwischen Leid und der Hoffnung, dass es eines Tages besser wird. Ich bin sicher, dass der Kampf sich lohnt – auch wenn Narben zurückbleiben werden. Und das werden sie – wie die zwei großen Narben am Bauch unseres Sohnes, hinter denen diese ganze Geschichte steckt.
Betroffene von Morbus Hirschsprung oder ähnlichen Krankheiten finden bei SoMA e. V. Hilfe: soma-ev.de.