Nur nach und nach kamen Pias Eltern dahinter, dass es beim Spielen mit einem älteren Mädchen zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Diese Übergriffe haben schwerwiegende Folgen …
Als unsere Tochter Pia (Name geändert) fünf Jahre alt war, machten wir eine schlimme Entdeckung. Die 12-jährige Tochter von Bekannten, die gern mit unserer Kleinen spielte, hatte unbeaufsichtigte Zeiten im Kinderzimmer unserer Tochter und bei sich zu Hause dafür genutzt, stark grenzüberschreitende sexuelle „Spiele“ mit ihr zu erproben. Um nicht erwischt zu werden, entwickelte sie Strategien, die restliche Familie abzulenken und unsere Tochter massiv unter Druck zu setzen, damit sie nichts verrät. Bei sich zu Hause sperrte sie sie auch in einem Zimmer ein. Das alles konnte Pia uns nur ganz langsam, Stück für Stück erzählen. Vermutlich wissen wir bis heute nicht alles. Wir können aus ihren Erzählungen schließen, dass diese „Spiele“ ungefähr in dem Zeitfenster zwischen ihrem vierten und fünften Lebensjahr stattgefunden haben müssen.
Als wir unsere Bekannten darauf ansprachen, warfen sie uns vor, Pia hätte sich das alles ausgedacht. Wir hatten ihnen behutsam und ohne Vorwürfe von den Vorfällen erzählt. Deshalb waren wir sehr enttäuscht über diese Reaktion. Zum Schutz unserer Tochter haben wir den Kontakt daraufhin abgebrochen.
Kaum Experten zu finden
Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Es war sehr schwierig für uns, die passende professionelle Hilfe zu finden. Für Kinder in diesem Alter scheint es keine spezialisierte, stationäre Behandlungsmöglichkeit zu geben, bei der Kinder mit einer Bezugsperson aufgenommen werden können. Zudem können nicht alle ambulant tätigen Kinderpsychologen diesen Bereich abdecken. Oder sie haben sehr lange Wartezeiten. Da wir im ländlichen Raum wohnen, verstärkt sich das Problem noch. Zu Rate gezogene Fachleute aus verschiedenen Bereichen wie Ergotherapie, Heilpädagogik oder Psychotherapie haben auch noch mit gegensätzlichen Ansätzen versucht, Pia zu therapieren. Das hat uns Eltern verunsichert und dazu geführt, dass Pia Aggressionen gegenüber Therapeuten entwickelt hat.
Verletzende Bemerkungen
Schwierig ist es auch, in unserem Umfeld mit diesem Thema umzugehen. Wir würden uns manchmal am liebsten zu Hause verkriechen, um nicht noch mehr verletzt zu werden. Pia sieht man nicht an, was sie durchgemacht hat, und zu ihrem Schutz möchten wir es auch nicht jedem erzählen. Teile ihrer Persönlichkeit sind im Alter von drei bis vier Jahren stehen geblieben, weil da ihre Welt noch in Ordnung war. Andere Teile sind deutlich weiter als ihr biologisches Alter, sodass sie allein dadurch schon ein sehr gespaltenes Verhalten zeigt. Sie leidet so stark unter sich selbst, dass sie schon im Alter von sechs Jahren traurig und hilflos sagte: „Mama, ich halte mich nicht mehr aus, aber ich kann doch nicht vor mir selbst weglaufen!“ Sie ist oft aggressiv, leidet unter Zwangshandlungen und kann kaum entspannte Beziehungen zu anderen Kindern aufbauen.
Sprüche wie „Euer Nesthäkchen hat euch aber ganz schön im Griff!“ tun uns sehr weh. Sogar Menschen, die informiert sind, machen verletzende Bemerkungen: „Irgendwann muss sich das doch auch mal verwachsen haben!“ „Macht ihr da nicht aus einer Mücke einen Elefanten?“
Keine Besuche von anderen Kindern
Zum Glück konnten wir Pias Einschulung um ein Jahr verschieben. Inzwischen meistert sie den Schulalltag ganz gut. Sie hat Freude am Lernen und ist von ihren Fähigkeiten her auch gut in der Lage, die Anforderungen zu bewältigen. Sie möchte so sein wie die anderen Kinder und strengt sich sehr an, niemanden merken zu lassen, dass mit ihr „etwas nicht stimmt“. Sie genießt die Schulzeit, da sie dort in einem durch Lehrer/innen und Betreuer/innen geschützten Raum mit anderen ohne Angst spielen kann. Das schafft sie zu Hause oder bei Freundinnen nicht. Wir bekommen schon lange keinen Besuch mehr von Kindern, und Pia geht nie zu anderen Kindern zum Spielen.
Unerträgliche Konflikte
Fast alle Einladungen zu Kindergeburtstagen mussten wir absagen. Pia möchte es so gern und gerät immer in unerträgliche Konflikte, wenn sie Einladungen bekommt. Für mich als Mutter ist das schlimm. Ich muss die Entscheidung für sie treffen, ob wir nun zusagen oder absagen. Egal, wie ich entscheide, wird es für Pia nicht gut sein. Ich weiß nicht, was ich den anderen Müttern sagen soll. Ich möchte Pia schützen. Wem sagt man was und wie viel? Wir wohnen sehr ländlich, ich mache mir da nichts vor: Es wird geredet … Manchmal möchte ich allen die Wahrheit vor den Kopf knallen und schreien: „Lasst uns doch einfach in Ruhe! Ihr wisst ja nicht, was ihr da redet!“
Ein großes Stück Kindheit genommen
Für uns als Eltern ist es unerträglich traurig, dass unserer Tochter ein sehr großes Stück ihrer Kindheit genommen wurde. Auch an unseren deutlich älteren Söhnen ist die Belastung nicht spurlos vorbeigegangen. Besonders ich als Mutter mache mir große Vorwürfe, die Taten nicht rechtzeitig erkannt und verhindert zu haben. Seit Januar 2020 habe ich selbst auch endlich einen Platz bei einer guten Psychotherapeutin bekommen. Ich bin froh, über meine Sorgen mit einer außenstehenden Person reden zu können und Hilfe zu bekommen, wie ich die Last tragen kann, ohne daran zu zerbrechen.
Die Schuldfrage klären
Eigentlich sind wir nach fast zweieinhalb Jahren erst am Anfang der Aufarbeitung, dafür aber am Ende mit den Nerven. Im Moment leben wir von Tag zu Tag. Wir machen uns gerade auf den Weg, die Täterin mit ihrer Tat zu konfrontieren. Pia ist mittlerweile sehr wütend auf das Mädchen. Aus therapeutischer Sicht ist das gut. Sie will, dass die andere auch „bestraft“ wird und eine Therapie machen muss. Pias Therapeutin befürwortet das sehr. Für Opfer sei es zur Verarbeitung sehr wichtig, dass die Schuldfrage eindeutig geklärt sei, da sie sich meistens eine Mitschuld geben.
Hätte ich damals gewusst, wie groß der angerichtete Schaden ist, hätten wir die Taten dem Jugendamt gemeldet. Zwischendurch hatte uns die Kraft verlassen, noch eine Baustelle aufzumachen. Nun wollen wir es angehen.
Tochter soll ein Segen sein
Wenn ich abends nicht schlafen kann, weil mein Körper und mein Geist nicht zur Ruhe kommen, spüre ich oft ganz real, dass Gott mich selbst umarmt und mich mit tiefer Freude und innerem Frieden erfüllt. Meine Beziehung zu Gott ist noch enger geworden und das ist das Positive, das ich in all dem Leid trotzdem zu schätzen weiß. Pias Taufspruch ist: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ Das macht mir so viel Mut. Gott bereitet sie darauf vor, ein Segen zu sein! Eine wunderbare Verheißung!
Pia ist nicht nur der Missbrauch! Das ist für mich wichtig zu sehen. Sie ist Gottes geliebtes Kind, unsere Tochter, eine Schwester … Sie ist fröhlich, frech, liebt Pferde und unseren Hund, sie ist lebhaft, neugierig, durchschaut sehr schnell, ob jemand „echt“ ist, mag Deutsch, aber bloß kein Mathe. Sie ist eigentlich ein normales Mädchen, das leider etwas sehr Schlimmes erlebt hat. Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen, dass sie zu dem Menschen werden kann, den er sich gedacht hat.
Auf Andeutungen achten!
Ich bin mir sicher, dass es sehr viele Kinder gibt, die Ähnliches erlebt haben. Das Schicksal unserer Tochter ist kein Einzelschicksal, auch wenn es mir bei der Suche nach Hilfe oft so vorkam. Vielleicht wird es oft nicht entdeckt oder nicht ausreichend ernst genommen. Da es sich meistens um keine unbekannten Täter handelt, wird auch oft aus Angst und Scham geschwiegen.
Mein Appell an alle Eltern und Menschen, die mit Kindern zu tun haben, ist: Bitte achtet auf kleinste Andeutungen, die Kinder machen! Nehmt Verhaltensveränderungen, vermeintlich alberne Ticks, Aggressionen, Rückzug, Entwicklungsrückschritte ernst und versucht, erst die Ursache herauszufinden, bevor das unerwünschte Verhalten erzieherisch unterbunden wird. Duldet kein Unrecht, das an Kindern begangen wird! Und zerstört keine Kinderseele, um einen Täter zu schützen!
Die Autorin möchte zum Schutz ihrer Tochter und der minderjährigen Täterin anonym bleiben.
Sexuelle Übergriffe – was tun?
Woran kann ich merken, dass mein Kind Opfer sexualisierter Gewalt wurde? Was soll ich in diesem Fall tun? Antworten von Beraterin Silvera Schmider.
Anzeichen von sexualisierter Gewalt an Kindern sind vielfältig und oft nicht eindeutig. Häufig sind es kleine Verhaltensänderungen: neue Ängste, die vorher nicht da waren. Plötzliche Schamgefühle, depressive Verstimmungen, unklare Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Alpträume, Einnässen. Wutausbrüche, das Meiden bestimmter Orte oder Personen. Sobald Eltern oder Bezugspersonen solche Verhaltensänderungen ohne erkennbaren Grund wahrnehmen, sollten sie das Gespräch mit dem Kind suchen.
Das Kind erzählen lassen
Schaffen Sie eine angenehme, vertraute und offene Atmosphäre. Sie könnten die beobachteten Verhaltensänderungen ansprechen und Ihrem Kind mitteilen, dass es über alles mit Ihnen sprechen kann. Manche Kinder erzählen dann sofort. Andere brauchen erst mal Zeit, bis sie zum Sprechen bereit sind. Wenn das Kind bereit ist, lassen Sie es frei erzählen. Ermutigen Sie es, über seine Ängste zu sprechen. Vermeiden Sie vorschnelle Kommentare und legen Sie dem Kind nicht Ihre Vermutungen oder Ängste in den Mund.
Und lassen Sie Ihr Kind nur so viel erzählen, wie es möchte. Bohrende Fragen führen eher zu einer Verunsicherung. Manche Kinder erzählen nur häppchenweise von den belastenden Erfahrungen. Fragen Sie nach den Gefühlen des Kindes. Manchmal hilft es, sich vom Kind über Emojis zeigen zu lassen, wie es sich zum Beispiel auf der Freizeit gefühlt hat. Oder welches Gefühl da war, wenn Person X dabei war. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen alles anvertrauen kann.
Machen Sie Ihrem Kind auch deutlich, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Über schlechte Geheimnisse sollte man mit seinen Eltern oder Vertrauenspersonen reden. Wenn es dann anfängt zu erzählen, lassen Sie es einfach reden. Hören Sie aufmerksam zu. Und ganz wichtig: Glauben Sie Ihrem Kind! Über sexualisierte Gewalt zu reden, ist für die Kinder sehr schwer.
Verletzungen dokumentieren
Sollte Ihr Kind äußerliche Verletzungen im Genitalbereich wie blaue Flecken oder Blutungen vorweisen, die es nicht plausibel erklären kann, nehmen Sie bitte sofort ärztlichen Rat in Anspruch. Sprechen Sie mit dem ärztlichen Fachpersonal die Wichtigkeit der Dokumentation an. Leider zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass darauf zu wenig Wert gelegt wird. In einer Kinderschutzambulanz, von denen es leider noch viel zu wenige gibt, kann eine gesicherte Dokumentation stattfinden. Dazu gehören Fotos mit Maßangaben ebenso wie genaue Beschreibungen der Verletzungen. Begleiten Sie Ihr Kind bei diesen Untersuchungen, erklären Sie die Maßnahmen und geben Sie den Gefühlen des Kindes Raum. Zeigen Sie Verständnis, Trost und Einfühlungsvermögen. Denn solche Untersuchungen sind für die Kinder äußerst belastend. Aber um einen Täter auch wirklich zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine gesicherte Dokumentation von großer Wichtigkeit. Erklären Sie das Ihrem Kind.
Außerdem ist es hilfreich, mit einer Opferschutzorganisation (siehe „Hilfreiche Adressen“) vor Ort Kontakt aufzunehmen. Diese Stellen können beraten und Betroffene an entsprechend geschultes ärztliches Fachpersonal oder andere Stellen verweisen. Außerdem kann man die Adressen von engagierten Anwälten erfragen.
Den Täter anzeigen
Vor dem Gang zur Polizei schrecken viele Eltern zurück. Man möchte es lieber geheim halten, das Kind schützen. Doch wenn ein Täter einmal sexuell übergriffig geworden ist, wird er in der Regel weitermachen. Und meist gibt es bereits andere betroffene Kinder. Deshalb rate ich zur Anzeige. Vertrauen Sie dabei Ihrem Gefühl! Fragen Sie nach geschulten Polizisten oder Polizistinnen und einem kindgerechten Befragungsraum. Bitte verlangen Sie, dass die Vernehmung per Video aufgezeichnet wird. So kann man dem Kind erneute Vernehmungen ersparen.
Besonnen bleiben
Bei allem aber bleiben Sie ruhig und handeln Sie besonnen. Das Wichtigste ist: Ihr Kind hat die Situation überstanden und die Übergriffe werden gestoppt! Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt löst die widersprüchlichsten Gefühle in einem aus. Ängste, Ohnmacht, Schuld, Versagen. All diese Gefühle helfen aber Ihrem Kind nicht weiter. Für die Eltern und Vertrauenspersonen heißt es jetzt: da sein, aushalten und lieben. Bleiben Sie in engem emotionalen Kontakt mit Ihrem Kind und sprechen Sie mit ihm jeden Schritt ab. Es ist ganz wichtig, dass Ihr Kind die Kontrolle behalten darf. Auch eine Vernehmung kann unterbrochen werden. Man muss nichts zwangsweise durchziehen. Wenn bei der Untersuchung nur ein Arzt da ist, Ihre Tochter aber von einer Ärztin untersucht werden möchte, dann bleiben Sie stark und setzen sich für Ihre Tochter ein. Ein erneuter Tabubruch im Intimbereich muss so gut wie möglich vermieden werden.
Viel Verständnis benötigt
Auch nach dem Offenlegen der Übergriffe können manche Reaktionen im Alltag der Kinder sehr heftig sein und scheinbar aus dem Nichts kommen. Das ist für Außenstehende, aber auch für Eltern und Vertrauenspersonen erst einmal schwer nachzuvollziehen. Aber schon ein Geruch, eine Farbe, eine Melodie oder ein Geschmack kann das Kind „triggern“ und die Erinnerung an den Übergriff wieder wachrufen. Ihr Kind braucht nun enorm viel Verständnis.
Gemeinsam mit Fachpersonen in Beratungsstellen oder psychotherapeutischen Praxen können Sie überlegen, wie Sie Ihr Kind weiterhin schützen und die Erlebnisse verarbeiten können. Für Ihren eigenen Schmerz suchen Sie sich ebenfalls einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin. Ihr Kind ist nicht die geeignete Person dafür.
Sexualisierte Gewalt verursacht tiefe Verletzungen. Doch auch diese können heilen. Haben Sie Mut, werden Sie aktiv und holen Sie sich Unterstützung, um diese Übergriffe zu stoppen!
Silvera Schmider ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie ist Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, leitet Gewaltpräventionskurse für Vor- und Grundschulkinder („Voll STARK“) und hat eine Beratungspraxis: seelsorgepraxis-schmider.de
Hilfreiche Adressen:
Deutscher Kinderschutzbund: dksb.de
Polizei Deutschland: polizei-beratung.de/opferinformationen/sexueller-missbrauch-von-kindern
Opferhilfe Deutschland: weisser-ring.de
Wildwasser e.V.: wildwasser.de
Zartbitter e.V.: zartbitter.de
Ankerland e.V. (Trauma-Therapie): ankerland.de
Erziehungsberatungsstellen Deutschland: bke.de
Opferhilfe Schweiz: opferhilfe-schweiz.ch
Kriminalprävention Schweiz: skppsc.ch
Beratungsstelle Schweiz: castagna-zh.ch
Beratungsstellen Österreich: gewaltinfo.at
Nein lass das! e.V. (Verein für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen): neinlassdas.com
Schwer zu kontrollieren: die Wut
Wut ist ein Gefühl mit unbändiger Kraft – bei Kindern und Erwachsenen. Von Corinna Lang
August 2019. Mein Mann und ich feiern zusammen Geburtstag. Die Sonne scheint, aus der Grillhütte dringt ein leckerer Duft, und die Gäste sind fast vollzählig eingetroffen. Feierlaune? Nicht bei unserem damals 2-jährigen Sohn. Er hat einen Wutanfall. Er steht mitten auf dem Platz und brüllt ununterbrochen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Auslöser – von der Zubereitung seiner Grillwurst bis hin zu einer falsch sitzenden Socke könnte es alles gewesen sein. Unser Sohn brüllt. Laut. Ohne Rücksicht auf Anwesende. Ohne Rücksicht auf Timing, den Zustand unserer Nerven oder die Verhältnismäßigkeit.
Ein zuverlässiges „Allheilmittel“ haben wir noch nicht gefunden, außer dass es wichtig ist, selbst die Ruhe zu bewahren. Ermahnen fördert selten ein Zurückgehen der Wut, setzt aber die nötigen Grenzen, was vor allem wichtig wird, wenn das Kind sich selbst oder andere in Gefahr bringt. Manchmal helfen offene, tröstende Arme oder Ablenkung. Zu viel Aufmerksamkeit macht das Ganze für das Kind oft nur noch interessanter, daher kann es helfen, den Wutausbruch zu ignorieren. Da seine Wut nicht abebbt, bringt meine Schwägerin mich auf die Idee, ihn mit dem Auto ein bisschen hin- und herzufahren. Ich folge ihrem Rat und komme kurz darauf mit einem schlafenden Kind zurück. Dieser Höhepunkt der Trotzphase mit einstündigen Brüllattacken dauerte glücklicherweise nur einige Wochen. Mittlerweile können wir darüber lachen.
Unvorbereitet und heftig
Wie ist das denn bei uns Erwachsenen? Kennen wir das auch? Haben wir uns perfekt im Griff? Immer? Mit Sicherheit finden Wutausbrüche bei uns in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität statt. Aber vermutlich kann sich jeder an Momente erinnern, in denen er oder sie in unschöne Sprache verfallen ist, einen Gegenstand in seine Einzelteile zerlegt oder dem Wutauslöser schmollend den Rücken zugekehrt hat. Nahezu jeder war schon einmal das aktive und das passive Ende eines Wutanfalls.
Der Emotion „Wut“ begegne ich mit Respekt, weil sie anders auftritt als viele andere Gefühle. Sie trifft einen oft unvorbereitet und heftig und schleicht sich nicht heran wie zum Beispiel die Traurigkeit. Sie lässt sich nicht gut hinter der Fassade ausleben wie die Bitterkeit. Sie mobilisiert in kürzester Zeit ungeahnte Kräfte und lässt dem Wütenden nicht immer Zeit, diese vernünftig zu kanalisieren. Eltern, die ihre Nächte mit einem „Schreikind“ verbringen müssen, wird oft geraten, aus dem Zimmer zu gehen, wenn die Wut zu groß wird, damit sie ihr Kind nicht schütteln. Was für eine Emotion, die uns dazu bringen kann, unseren liebsten, schwächsten Mitmenschen physischen Schaden zuzufügen! Sie ist scheinbar nur schwer kontrollierbar.
Plötzlich da, plötzlich weg
Auf der anderen Seite erscheint mir die Wut kurzlebiger als andere Emotionen. Ich nehme noch einmal die Bitterkeit als Beispiel. Ein bitterer Mensch ist oft über einen langen Zeitraum in diesem Gemütszustand. Die Bitterkeit hat sich über eine lange Zeit gebildet und muss auch über eine solche wieder abgebaut werden. Die Wut kommt plötzlich und verschwindet meist auch plötzlich. Der Wütende ist vielleicht erstaunt oder bestürzt über seine eigene Gefühlswelt, kann aber recht schnell wieder in die Routine des Alltags zurückfinden. Er hat sich „abreagiert“. Nachdem zum Beispiel der Wutanfall unseres Sohnes am Tag unserer Geburtstagsfeier vorbei war, hat er den restlichen Nachmittag begeistert gespielt. Ein Freund witzelte noch: „Was für ein liebes, ausgeglichenes Kind, der ist bestimmt immer so!“ Leider kommt es gerade bei uns Erwachsenen nicht immer zu diesen unkomplizierten, nahezu konsequenzlosen Verläufen nach der Wut. Der Schaden ist unter Umständen riesig oder kann nur mit großer Mühe vermieden oder gekittet werden.
Die Wut in ihre Schranken weisen
Ich habe mich gefragt, ob man Wut überhaupt bekämpfen kann, wenn die Wutauslöser sich nicht ändern lassen. Im Moment des Wutausbruchs ist es oft zu spät, weil das Gefühl bereits die Kontrolle über unsere Aktionen übernommen hat. Oft kann man sie da höchstens noch auf etwas anderes, weniger Empfindliches lenken, zum Beispiel mit der Faust auf den Tisch hauen statt gegen eine Glasscheibe. Ich habe zumindest bei mir selbst festgestellt, dass die Möglichkeiten, diese Emotion einzuschränken, eher im Vorfeld liegen, und zwar indem ich sie gar nicht erst auftreten lasse. Ich werde zum Beispiel vermehrt wütend, wenn ich zu wenig geschlafen oder Hunger habe.
Was bedeutet das konkret, wenn ich einen möglichst wutfreien Tag erleben will? Es kann bedeuten, die spannende Serie abends doch schon eine Folge früher abzuschalten. Wenn mein Mann und ich unser Abendessen erst für die Zeit geplant haben, nachdem die Kinder ins Bett gegangen sind, kann es bedeuten, dass ich am späten Nachmittag an einen kleinen Snack für mich denken muss, damit ich bei einem möglicherweise bockigen oder extrem albernen, aufgedrehten Kind, das nicht sofort ins Bett will, nicht so schnell die Nerven verliere.
Wutauslösern auf die Spur kommen
Bei anderen Wutauslösern sind es natürlich andere Fragen, die man sich stellen kann: Habe ich Stress, weil die To-do-Liste auch nicht ganz so dringende Punkte enthält? Lebe ich über meine Verhältnisse und habe deshalb finanziellen Druck? Arbeite ich zu viel oder zu wenig? Sollte ich mir Hilfe holen, sei es von Freunden, der Familie oder professionell? Müsste ich mit meinem Partner über Verhaltensweisen reden, die ich nur schwer tolerierbar finde? Sollte ich eine Zeit in meinen Tag einplanen, in der ich kurz „runterfahre“, zum Beispiel durch Beten, einen Spaziergang oder ein gutes Buch? Sich Gedanken darüber zu machen, lohnt sich, wenn man merkt, dass die Zündschnur kürzer wird. Was sich auch immer lohnt: Gott sein Herz in aller Ehrlichkeit ausschütten und um Vergebung, Erkenntnis und Hilfe bitten. Er hält unsere Wut aus.
Corinna Lang ist Übersetzerin und wohnt mit ihrem Mann Tobias und ihren zwei Kindern Fiona (6) und Florian (3) in Siegen.
Mehr zum Thema „Gefühle“ gibt es in der November/Dezember-Ausgabe der Family und FamilyNEXT.
Eine schlimme Entdeckung
Nur nach und nach kamen Pias Eltern dahinter, dass es beim Spielen mit einem älteren Mädchen zu sexuellen Übergriffen gekommen war. Diese Übergriffe haben schwerwiegende Folgen …
Als unsere Tochter Pia (Name geändert) fünf Jahre alt war, machten wir eine schlimme Entdeckung. Die 12-jährige Tochter von Bekannten, die gern mit unserer Kleinen spielte, hatte unbeaufsichtigte Zeiten im Kinderzimmer unserer Tochter und bei sich zu Hause dafür genutzt, stark grenzüberschreitende sexuelle „Spiele“ mit ihr zu erproben. Um nicht erwischt zu werden, entwickelte sie Strategien, die restliche Familie abzulenken und unsere Tochter massiv unter Druck zu setzen, damit sie nichts verrät. Bei sich zu Hause sperrte sie sie auch in einem Zimmer ein. Das alles konnte Pia uns nur ganz langsam, Stück für Stück erzählen. Vermutlich wissen wir bis heute nicht alles. Wir können aus ihren Erzählungen schließen, dass diese „Spiele“ ungefähr in dem Zeitfenster zwischen ihrem vierten und fünften Lebensjahr stattgefunden haben müssen.
Als wir unsere Bekannten darauf ansprachen, warfen sie uns vor, Pia hätte sich das alles ausgedacht. Wir hatten ihnen behutsam und ohne Vorwürfe von den Vorfällen erzählt. Deshalb waren wir sehr enttäuscht über diese Reaktion. Zum Schutz unserer Tochter haben wir den Kontakt daraufhin abgebrochen.
Kaum Experten zu finden
Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Es war sehr schwierig für uns, die passende professionelle Hilfe zu finden. Für Kinder in diesem Alter scheint es keine spezialisierte, stationäre Behandlungsmöglichkeit zu geben, bei der Kinder mit einer Bezugsperson aufgenommen werden können. Zudem können nicht alle ambulant tätigen Kinderpsychologen diesen Bereich abdecken. Oder sie haben sehr lange Wartezeiten. Da wir im ländlichen Raum wohnen, verstärkt sich das Problem noch. Zu Rate gezogene Fachleute aus verschiedenen Bereichen wie Ergotherapie, Heilpädagogik oder Psychotherapie haben auch noch mit gegensätzlichen Ansätzen versucht, Pia zu therapieren. Das hat uns Eltern verunsichert und dazu geführt, dass Pia Aggressionen gegenüber Therapeuten entwickelt hat.
Verletzende Bemerkungen
Schwierig ist es auch, in unserem Umfeld mit diesem Thema umzugehen. Wir würden uns manchmal am liebsten zu Hause verkriechen, um nicht noch mehr verletzt zu werden. Pia sieht man nicht an, was sie durchgemacht hat, und zu ihrem Schutz möchten wir es auch nicht jedem erzählen. Teile ihrer Persönlichkeit sind im Alter von drei bis vier Jahren stehen geblieben, weil da ihre Welt noch in Ordnung war. Andere Teile sind deutlich weiter als ihr biologisches Alter, sodass sie allein dadurch schon ein sehr gespaltenes Verhalten zeigt. Sie leidet so stark unter sich selbst, dass sie schon im Alter von sechs Jahren traurig und hilflos sagte: „Mama, ich halte mich nicht mehr aus, aber ich kann doch nicht vor mir selbst weglaufen!“ Sie ist oft aggressiv, leidet unter Zwangshandlungen und kann kaum entspannte Beziehungen zu anderen Kindern aufbauen.
Sprüche wie „Euer Nesthäkchen hat euch aber ganz schön im Griff!“ tun uns sehr weh. Sogar Menschen, die informiert sind, machen verletzende Bemerkungen: „Irgendwann muss sich das doch auch mal verwachsen haben!“ „Macht ihr da nicht aus einer Mücke einen Elefanten?“
Keine Besuche von anderen Kindern
Zum Glück konnten wir Pias Einschulung um ein Jahr verschieben. Inzwischen meistert sie den Schulalltag ganz gut. Sie hat Freude am Lernen und ist von ihren Fähigkeiten her auch gut in der Lage, die Anforderungen zu bewältigen. Sie möchte so sein wie die anderen Kinder und strengt sich sehr an, niemanden merken zu lassen, dass mit ihr „etwas nicht stimmt“. Sie genießt die Schulzeit, da sie dort in einem durch Lehrer/innen und Betreuer/innen geschützten Raum mit anderen ohne Angst spielen kann. Das schafft sie zu Hause oder bei Freundinnen nicht. Wir bekommen schon lange keinen Besuch mehr von Kindern, und Pia geht nie zu anderen Kindern zum Spielen.
Unerträgliche Konflikte
Fast alle Einladungen zu Kindergeburtstagen mussten wir absagen. Pia möchte es so gern und gerät immer in unerträgliche Konflikte, wenn sie Einladungen bekommt. Für mich als Mutter ist das schlimm. Ich muss die Entscheidung für sie treffen, ob wir nun zusagen oder absagen. Egal, wie ich entscheide, wird es für Pia nicht gut sein. Ich weiß nicht, was ich den anderen Müttern sagen soll. Ich möchte Pia schützen. Wem sagt man was und wie viel? Wir wohnen sehr ländlich, ich mache mir da nichts vor: Es wird geredet … Manchmal möchte ich allen die Wahrheit vor den Kopf knallen und schreien: „Lasst uns doch einfach in Ruhe! Ihr wisst ja nicht, was ihr da redet!“
Ein großes Stück Kindheit genommen
Für uns als Eltern ist es unerträglich traurig, dass unserer Tochter ein sehr großes Stück ihrer Kindheit genommen wurde. Auch an unseren deutlich älteren Söhnen ist die Belastung nicht spurlos vorbeigegangen. Besonders ich als Mutter mache mir große Vorwürfe, die Taten nicht rechtzeitig erkannt und verhindert zu haben. Seit Januar 2020 habe ich selbst auch endlich einen Platz bei einer guten Psychotherapeutin bekommen. Ich bin froh, über meine Sorgen mit einer außenstehenden Person reden zu können und Hilfe zu bekommen, wie ich die Last tragen kann, ohne daran zu zerbrechen.
Die Schuldfrage klären
Eigentlich sind wir nach fast zweieinhalb Jahren erst am Anfang der Aufarbeitung, dafür aber am Ende mit den Nerven. Im Moment leben wir von Tag zu Tag. Wir machen uns gerade auf den Weg, die Täterin mit ihrer Tat zu konfrontieren. Pia ist mittlerweile sehr wütend auf das Mädchen. Aus therapeutischer Sicht ist das gut. Sie will, dass die andere auch „bestraft“ wird und eine Therapie machen muss. Pias Therapeutin befürwortet das sehr. Für Opfer sei es zur Verarbeitung sehr wichtig, dass die Schuldfrage eindeutig geklärt sei, da sie sich meistens eine Mitschuld geben.
Hätte ich damals gewusst, wie groß der angerichtete Schaden ist, hätten wir die Taten dem Jugendamt gemeldet. Zwischendurch hatte uns die Kraft verlassen, noch eine Baustelle aufzumachen. Nun wollen wir es angehen.
Tochter soll ein Segen sein
Wenn ich abends nicht schlafen kann, weil mein Körper und mein Geist nicht zur Ruhe kommen, spüre ich oft ganz real, dass Gott mich selbst umarmt und mich mit tiefer Freude und innerem Frieden erfüllt. Meine Beziehung zu Gott ist noch enger geworden und das ist das Positive, das ich in all dem Leid trotzdem zu schätzen weiß. Pias Taufspruch ist: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ Das macht mir so viel Mut. Gott bereitet sie darauf vor, ein Segen zu sein! Eine wunderbare Verheißung!
Pia ist nicht nur der Missbrauch! Das ist für mich wichtig zu sehen. Sie ist Gottes geliebtes Kind, unsere Tochter, eine Schwester … Sie ist fröhlich, frech, liebt Pferde und unseren Hund, sie ist lebhaft, neugierig, durchschaut sehr schnell, ob jemand „echt“ ist, mag Deutsch, aber bloß kein Mathe. Sie ist eigentlich ein normales Mädchen, das leider etwas sehr Schlimmes erlebt hat. Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen, dass sie zu dem Menschen werden kann, den er sich gedacht hat.
Auf Andeutungen achten!
Ich bin mir sicher, dass es sehr viele Kinder gibt, die Ähnliches erlebt haben. Das Schicksal unserer Tochter ist kein Einzelschicksal, auch wenn es mir bei der Suche nach Hilfe oft so vorkam. Vielleicht wird es oft nicht entdeckt oder nicht ausreichend ernst genommen. Da es sich meistens um keine unbekannten Täter handelt, wird auch oft aus Angst und Scham geschwiegen.
Mein Appell an alle Eltern und Menschen, die mit Kindern zu tun haben, ist: Bitte achtet auf kleinste Andeutungen, die Kinder machen! Nehmt Verhaltensveränderungen, vermeintlich alberne Ticks, Aggressionen, Rückzug, Entwicklungsrückschritte ernst und versucht, erst die Ursache herauszufinden, bevor das unerwünschte Verhalten erzieherisch unterbunden wird. Duldet kein Unrecht, das an Kindern begangen wird! Und zerstört keine Kinderseele, um einen Täter zu schützen!
Die Autorin möchte zum Schutz ihrer Tochter und der minderjährigen Täterin anonym bleiben.
Sexuelle Übergriffe – was tun?
Woran kann ich merken, dass mein Kind Opfer sexualisierter Gewalt wurde? Was soll ich in diesem Fall tun? Antworten von Beraterin Silvera Schmider.
Anzeichen von sexualisierter Gewalt an Kindern sind vielfältig und oft nicht eindeutig. Häufig sind es kleine Verhaltensänderungen: neue Ängste, die vorher nicht da waren. Plötzliche Schamgefühle, depressive Verstimmungen, unklare Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Alpträume, Einnässen. Wutausbrüche, das Meiden bestimmter Orte oder Personen. Sobald Eltern oder Bezugspersonen solche Verhaltensänderungen ohne erkennbaren Grund wahrnehmen, sollten sie das Gespräch mit dem Kind suchen.
Das Kind erzählen lassen
Schaffen Sie eine angenehme, vertraute und offene Atmosphäre. Sie könnten die beobachteten Verhaltensänderungen ansprechen und Ihrem Kind mitteilen, dass es über alles mit Ihnen sprechen kann. Manche Kinder erzählen dann sofort. Andere brauchen erst mal Zeit, bis sie zum Sprechen bereit sind. Wenn das Kind bereit ist, lassen Sie es frei erzählen. Ermutigen Sie es, über seine Ängste zu sprechen. Vermeiden Sie vorschnelle Kommentare und legen Sie dem Kind nicht Ihre Vermutungen oder Ängste in den Mund.
Und lassen Sie Ihr Kind nur so viel erzählen, wie es möchte. Bohrende Fragen führen eher zu einer Verunsicherung. Manche Kinder erzählen nur häppchenweise von den belastenden Erfahrungen. Fragen Sie nach den Gefühlen des Kindes. Manchmal hilft es, sich vom Kind über Emojis zeigen zu lassen, wie es sich zum Beispiel auf der Freizeit gefühlt hat. Oder welches Gefühl da war, wenn Person X dabei war. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen alles anvertrauen kann.
Machen Sie Ihrem Kind auch deutlich, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Über schlechte Geheimnisse sollte man mit seinen Eltern oder Vertrauenspersonen reden. Wenn es dann anfängt zu erzählen, lassen Sie es einfach reden. Hören Sie aufmerksam zu. Und ganz wichtig: Glauben Sie Ihrem Kind! Über sexualisierte Gewalt zu reden, ist für die Kinder sehr schwer.
Verletzungen dokumentieren
Sollte Ihr Kind äußerliche Verletzungen im Genitalbereich wie blaue Flecken oder Blutungen vorweisen, die es nicht plausibel erklären kann, nehmen Sie bitte sofort ärztlichen Rat in Anspruch. Sprechen Sie mit dem ärztlichen Fachpersonal die Wichtigkeit der Dokumentation an. Leider zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass darauf zu wenig Wert gelegt wird. In einer Kinderschutzambulanz, von denen es leider noch viel zu wenige gibt, kann eine gesicherte Dokumentation stattfinden. Dazu gehören Fotos mit Maßangaben ebenso wie genaue Beschreibungen der Verletzungen. Begleiten Sie Ihr Kind bei diesen Untersuchungen, erklären Sie die Maßnahmen und geben Sie den Gefühlen des Kindes Raum. Zeigen Sie Verständnis, Trost und Einfühlungsvermögen. Denn solche Untersuchungen sind für die Kinder äußerst belastend. Aber um einen Täter auch wirklich zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine gesicherte Dokumentation von großer Wichtigkeit. Erklären Sie das Ihrem Kind.
Außerdem ist es hilfreich, mit einer Opferschutzorganisation (siehe „Hilfreiche Adressen“) vor Ort Kontakt aufzunehmen. Diese Stellen können beraten und Betroffene an entsprechend geschultes ärztliches Fachpersonal oder andere Stellen verweisen. Außerdem kann man die Adressen von engagierten Anwälten erfragen.
Den Täter anzeigen
Vor dem Gang zur Polizei schrecken viele Eltern zurück. Man möchte es lieber geheim halten, das Kind schützen. Doch wenn ein Täter einmal sexuell übergriffig geworden ist, wird er in der Regel weitermachen. Und meist gibt es bereits andere betroffene Kinder. Deshalb rate ich zur Anzeige. Vertrauen Sie dabei Ihrem Gefühl! Fragen Sie nach geschulten Polizisten oder Polizistinnen und einem kindgerechten Befragungsraum. Bitte verlangen Sie, dass die Vernehmung per Video aufgezeichnet wird. So kann man dem Kind erneute Vernehmungen ersparen.
Besonnen bleiben
Bei allem aber bleiben Sie ruhig und handeln Sie besonnen. Das Wichtigste ist: Ihr Kind hat die Situation überstanden und die Übergriffe werden gestoppt! Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt löst die widersprüchlichsten Gefühle in einem aus. Ängste, Ohnmacht, Schuld, Versagen. All diese Gefühle helfen aber Ihrem Kind nicht weiter. Für die Eltern und Vertrauenspersonen heißt es jetzt: da sein, aushalten und lieben. Bleiben Sie in engem emotionalen Kontakt mit Ihrem Kind und sprechen Sie mit ihm jeden Schritt ab. Es ist ganz wichtig, dass Ihr Kind die Kontrolle behalten darf. Auch eine Vernehmung kann unterbrochen werden. Man muss nichts zwangsweise durchziehen. Wenn bei der Untersuchung nur ein Arzt da ist, Ihre Tochter aber von einer Ärztin untersucht werden möchte, dann bleiben Sie stark und setzen sich für Ihre Tochter ein. Ein erneuter Tabubruch im Intimbereich muss so gut wie möglich vermieden werden.
Viel Verständnis benötigt
Auch nach dem Offenlegen der Übergriffe können manche Reaktionen im Alltag der Kinder sehr heftig sein und scheinbar aus dem Nichts kommen. Das ist für Außenstehende, aber auch für Eltern und Vertrauenspersonen erst einmal schwer nachzuvollziehen. Aber schon ein Geruch, eine Farbe, eine Melodie oder ein Geschmack kann das Kind „triggern“ und die Erinnerung an den Übergriff wieder wachrufen. Ihr Kind braucht nun enorm viel Verständnis.
Gemeinsam mit Fachpersonen in Beratungsstellen oder psychotherapeutischen Praxen können Sie überlegen, wie Sie Ihr Kind weiterhin schützen und die Erlebnisse verarbeiten können. Für Ihren eigenen Schmerz suchen Sie sich ebenfalls einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin. Ihr Kind ist nicht die geeignete Person dafür.
Sexualisierte Gewalt verursacht tiefe Verletzungen. Doch auch diese können heilen. Haben Sie Mut, werden Sie aktiv und holen Sie sich Unterstützung, um diese Übergriffe zu stoppen!
Silvera Schmider ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie ist Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, leitet Gewaltpräventionskurse für Vor- und Grundschulkinder („Voll STARK“) und hat eine Beratungspraxis: seelsorgepraxis-schmider.de
Hilfreiche Adressen:
Deutscher Kinderschutzbund: dksb.de
Polizei Deutschland: polizei-beratung.de/opferinformationen/sexueller-missbrauch-von-kindern
Opferhilfe Deutschland: weisser-ring.de
Wildwasser e.V.: wildwasser.de
Zartbitter e.V.: zartbitter.de
Ankerland e.V. (Trauma-Therapie): ankerland.de
Erziehungsberatungsstellen Deutschland: bke.de
Opferhilfe Schweiz: opferhilfe-schweiz.ch
Kriminalprävention Schweiz: skppsc.ch
Beratungsstelle Schweiz: castagna-zh.ch
Beratungsstellen Österreich: gewaltinfo.at
Nein lass das! e.V. (Verein für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen): neinlassdas.com
War’s das schon?
In der Midlife-Krise drängen wichtige Lebensthemen an die Oberfläche. Was hilft Paaren, damit klarzukommen? Wie kommen sie gut durch die Krise? Von Michael Hübner
Wolf Biermann beschrieb die Midlife-Krise schon 1977 in dem Lied „Das kann doch nicht alles gewesen sein“. War’s das wirklich schon?, fragt sich der Dichter. „Das bisschen Sonntag und Kinderschreien“? „Die Überstunden, das bisschen Kies, und abends in der Glotze das Paradies“? Müsste nicht eigentlich noch etwas Entscheidendes kommen oder wurde es bereits verpasst?
Midlife-Krise ist nachgewiesen
Zuerst wurde die Midlife-Krise belächelt. Mittlerweile ist sie allerdings wissenschaftlich belegt. Sie ist weder eine Krankheit noch Einbildung. Weder ist man „unmöglich“, noch kann man sich „einfach zusammenreißen“. Sie kann jeden in der sogenannten Lebensmitte treffen, also zwischen 45 und 55. Manche beziffern ihren möglichen Beginn sogar schon auf Mitte 30. Den einen treffen die typischen Gedanken dieser Krise wie ein plötzlicher Schock. Andere beschleicht langsam ein nagender Zwiespalt: Weiter so? Oder: Soll das schon alles gewesen sein?
Schlafstörungen, sexuelle Unlust, …
Weil wichtige Lebensfragen jahrelang verdrängt wurden, können sie mit Macht dann plötzlich und unerwartet aufbrechen. Sowohl Männer als auch Frauen sind betroffen und die Krise läuft bei Paaren eben nicht synchron. Hormone auch im männlichen Körper flachen langsam ab. Das kann sexuelle Unlust und Erektionsstörungen zur Folge haben. Aber unsere Hormone beeinflussen eben auch unser Fühlen, Streben und Verhalten. Männer und Frauen sind plötzlich sehr reizbar, leiden unter Schlafstörungen, fühlen sich abgeschlagen und müde.
Torschlusspanik macht sich breit
Manche Ehepartner stürzen sich in dramatische Abenteuer, getrieben von Minderwertigkeitsgefühlen. Torschlusspanik macht sich breit. Man will noch einmal alles haben und erleben, worauf man bisher verzichten musste: das heiß ersehnte Cabrio, die große Reise, sexuelle Abenteuer. Plötzlich zieht ein Familienvater in das Haus seiner Nachbarin, eine Frau verliebt sich in den Gruppenleiter oder in den Chef …
Leben aneinander vorbei
Wieder andere wechseln überstürzt den Job, wollen im Ausland das große Geld machen oder bestellen einen Termin beim Schönheitschirurgen. Und das Erschreckende: Dies alles geschieht nicht selten am Partner vorbei. „Ich habe plötzlich einen ganz anderen Menschen vor mir!“, sagen mir Eheleute in der Beratung. „Er spricht anders“, „Sie kleidet sich anders, macht alles anders“. Unerkannt bleibt, dass beide schon lange aneinander vorbei lebten. Sein Einfluss auf das Verhalten des anderen ist jetzt gleich Null. Der andere scheint nicht mehr erreichbar. Deutlich wird: Auf der Suche nach Erfüllung soll alles kompromisslos und schnell gehen.
Wie kommt es, dass es manchen Ehen gelingt, sich durch die Stürme der Midlife-Krise hindurch in ruhigere Gewässer zu retten, während andere daran zerbrechen? Fünf entscheidende Eckpunkte sollen dazu genannt werden. Ich möchte sie an dieser Stelle als lange hilfreiche Erfahrung aus der Eheberatung weitergeben:
1. Machen Sie sich die biologischen Zusammenhänge bewusst.
Die Midlife-Krise hat zunächst mit unseren körperlichen Abläufen zu tun. Panik um die zerrinnende Zeit, das tiefe Bewusstsein um die Unumkehrbarkeit der Vergangenheit fordert uns jetzt, die Verantwortung für diese Lebensphase, diese Krise zu übernehmen und die eigene Einstellung, nicht die des anderen, zu überdenken.
2. Vermeiden Sie Machtkämpfe!
Nichts führt so sehr in die Sackgasse jeder Beziehung wie Machtkämpfe. Woran sind Machtkämpfe zu erkennen? Es geht bei ihnen um Sieger oder Verlierer, richtig oder falsch, besser oder schlechter, oben oder unten. Das Denken kreist dabei darum, den anderen von der eigenen Richtigkeit und dessen Unrichtigkeit zu überzeugen. Man will ihn auf diesem Weg um jeden Preis verändern. Diese Haltung führt meist ins Gegeneinander, nicht ins Miteinander. Es entsteht ein „Ehekrieg“. Aus ihm auszusteigen, heißt, zu deeskalieren, „den Anker zu werfen“, dem anderen mitunter, wo es irgend geht, mit Nachdruck auch recht zu geben. Vor allem aber geht, es darum, dass jeder von sich selbst redet, von seinen eigenen Überzeugungen, seinem Empfinden und Erleben, seinen Gefühlen und seinen Wünschen, ohne sich über den anderen zu stellen oder ihn verändern zu wollen.
Erst nur Mauern
An dieser Stelle ein Blick in unsere Ehe: 2010 erzählte mir meine Frau von einer Idee. Sie würde gerne mit mir zusammen ein Sabbatical nehmen und ins Ausland gehen. Wenn ich nicht mitwollte, würde sie auch allein gehen. Fassungslos sah ich zunächst nur Unmöglichkeiten: Wie sollten wir das ohne schwere finanzielle Verluste meistern? Das Haus musste weiter abgezahlt, die Rente eingezahlt, der Arbeitgeber überzeugt, die Arbeit verteilt, den Mitarbeitern diese Planung klargemacht werden. Nein, nein, nein.
Plötzlich Möglichkeiten
So etwa ging es mir, bis ich über die Sache betete. Langsam gelang es mir, nicht mehr zu „mauern“. Lagen darin nicht auch Chancen? Jetzt konnte ich ihr Fragen stellen: „Warum möchtest du das gerne machen? Wie hast du dir das genau vorgestellt? Was bedeutet das für uns beide? Wie können wir das zusammen gestalten?“ Und schließlich, Stück für Stück, öffnete Gott, fast wundersam, alle Wege in diesem Gestrüpp der Undenkbarkeiten. Möglichkeiten in Kenia eröffneten sich. Rückblickend entstand gerade daraus für viele ein großer Segen bis heute, zum Beispiel unsere Hilfsorganisation „TS-Care“ für notleidende Familien in den Slums von Nairobi, und unser gerade erschienenes Ehebuch („Der Kick für die Partnerschaft“).
3. Wer jetzt überlegt handelt, wird es später nicht bereuen.
Wie immer kommt es nicht auf die Tatsachen an, die wir erleben, sondern darauf, wie wir mit diesen Tatsachen verantwortlich umgehen (nach Epiktet, Handbüchlein der Moral, S. 11). Paare können sich jetzt durch Worte, Verhalten, Rückzug oder Trennungsgedanken gegenseitig zutiefst verletzen. Eine „Aufbruchsstimmung“ muss allerdings nicht zur Katastrophe werden. Wir können diese Zeit als Herausforderung erleben. Wir können neue Wege einschlagen. Sie „kann als zweiter Frühling empfunden werden, als willkommener Neustart, als Drücken des ‚Reset‘-Knopfs für das eigene Leben“, so Redakteurin Kristina Kreisel bei FOCUS Online. Durch solche Krisen können Paarbeziehungen eben auch ganz neu reifen.
Jetzt geht es darum, beim anderen um eine gemeinsame Horizonterweiterung, um Veränderungen im Kleinen zu werben. Manche Paare suchen ein neues verbindendes Hobby oder machen gemeinsam Sport, gehen miteinander tanzen oder planen interessante Reisen.
Über sexuelle Vorstellungen reden
Ungesunde Umstände und Angewohnheiten können und sollten jetzt geändert werden. Vielleicht geht es auch darum, sexuelle Vorstellungen zu besprechen und in der Ehe auszuleben. Beginnen Sie die gemeinsamen Umgestaltungen im Kleinen und durchbrechen Sie eingefahrene Routinen wieder mit mehr Abenteuerlust. Reden Sie zusammen darüber, wie Ihr Leben aussehen könnte, wenn die nächste Lebensphase in 5, 10 oder 20 Jahren beginnt.
Auch gute Beziehungen und Freundschaften sind für jedes Paar elementar. Ein Paar, das sich nicht isoliert, sondern gut eingebettet weiß in eine Gemeinschaft, lebt gesund. Ich habe es oft erlebt, dass Paare es geschafft haben, gerade durch solch eine Krise zu einer gesunden, guten Änderung und Erneuerung ihrer Beziehung zu kommen.
4. Liebe ist eine Entscheidung!
Kämpfen Sie immer um das gemeinsame Wir! Mag sein, dass auch in Ihrer Ehe die „Schmetterlinge im Bauch“, Verliebtheitsgefühle und Romantik auf der Strecke geblieben sind. Auf Grundlage einer immer wieder neuen Entscheidung füreinander können Sie dennoch immer wieder entstehen.
5. Die beste Prophylaxe: Rituale
Wenn Sie längst vor der Krise hohen Wert auf Beziehungsriten gelegt haben, werden Sie langfristig positive Folgen ernten. Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für eine gemeinsame Tasse Kaffee. Auch der feste Termin für ein wöchentliches, etwa halbstündiges Ehe-Meeting unter dem Vorzeichen: „Wir wollen unser Projekt Ehe miteinander zum Ziel führen“, ist vielen gestressten Paaren zur Hilfe geworden. Impulse für solche Gespräche haben wir in unserem Buch zusammengestellt. Planen Sie ein jährliches Wochenende zu zweit, den Besuch eines Eheseminars oder -vortrags und natürlich regelmäßige gegenseitige Überraschungen und Freuden.
Und: Gehen Sie immer den ersten Schritt auf den anderen zu! Zeigen Sie einander Ihre Liebe im Alltag und strahlen Sie den anderen öfter mal wieder an, wenn er den Raum betritt.
Dr. (UNISA) Michael Hübner ist verheiratet mit Utina. Die beiden haben fünf erwachsene Kinder. Er ist Leiter der Beratungsstelle Therapeutische Seelsorge, Neuendettelsau.
Die Schublade klemmt …
Wir haben Vorstellungen und Bilder von unseren Kindern. Aber Kinder verändern sich. Vor allem, wenn sie erwachsen werden, passen sie oft nicht mehr in unsere „Schublade“. Von Stefanie Diekmann
In unserer Familie gibt es Rollen, die gut ausgefüllt sind. Die laute, kreative, unruhige Mama. Der zugewandte, besonnene, gewohnheitsliebende Papa. Ein Kind liebte Puppen und rosa, die andere Freiheit und Unabhängigkeit und auf keinen Fall Puppen und rosa. In unserem Miteinander gab und gibt es einordnende Adjektive für jeden von uns.
Auf einigen Elternseminaren habe ich dazu viel gehört. Wie gut es ist, dass eine Erstgeborene aus den Umständen der Geschwisterfolge viel für ihre Persönlichkeit lernt. Oder dass unser Nesthäkchen mehr Verhandlungsgeschick entwickelt als seine großen Geschwister.
Gerade weil vieles sich so stereotyp herunterbrechen, beobachten und vermitteln ließ, hat es mich sehr beruhigt: Alles läuft. Wir entwickeln uns nach allgemein gültigem Plan. Ich habe viel Kraft investiert, zu erfassen, wie wir unsere Liebe so ausdrücken können, dass jeder seinen inneren Tank gefüllt weiß – gemäß des Modells der „Fünf Sprachen der Liebe“. Immer wieder halfen mir diese Abstraktionen, um mit meinem Kind in Kontakt zu kommen oder meiner Ehe einen neuen Stellenwert zu gönnen.
Auf Adjektive reduziert
Neben Geschwisterkonstellationen und Liebestypen habe ich mich viel mit Grundstrukturen der Persönlichkeit beschäftigt. Immer noch finde ich spannend, dass ein Kern in uns allgemeinen Beschreibungen zuzuordnen ist. Herrliche Schubladen zur Vereinfachung. Alles in allem habe ich mich in den Kinderjahren echt fit gemacht in der Persönlichkeits-Förderung.
Nun klemmt es. Und zwar schmerzhaft. Nun bin ich Begleiterin von drei erwachsenen Kindern und erlebe mich unsicher wie am ersten Tag. Die Schublade, in die ich mein Kind sorgsam eingeordnet habe, will nicht mehr zugedrückt werden. Durch das Reifen entstehen neue Persönlichkeitsfacetten, die ich in meinem Kind nicht vermutet habe. Während ich versuche, zu meiner eigenen inneren Sicherheit mein Kind zurück in diese Schublade zu stopfen, passieren hässliche Szenen.
„Immer“, nörgele ich ihm hilflos zu, „immer hast du so lange getrotzt und wolltest dein Recht laut und klar vermitteln. Und nun wieder … Ich weiß, dass du mit dieser Entscheidung Schwierigkeiten haben wirst. Lass es dir sagen: Ich weiß es!“ Die Reaktion des Kindes, das von mir auf Adjektive reduziert wird, tut uns nicht gut.
Die Festlegungen aus sorgsam recherchierten Zusammenhängen waren lange eine Orientierung für mich. Nun werden sie zu Hürden. Aber mein mutiges Kind darf Sorgennächte für Prüfungen haben. Und mein selbstbewusstes Kind braucht auch mit 1,90 Meter noch Kuscheleinheiten.
Brandheißer Tipp
Mich irritiert, wenn Menschen mir sagen: „Deine Tochter hat – so wie ich sie kenne – viel Heimweh. Sie ist ja nie sehr selbstständig gewesen.“ Die Schubladen von Beobachtern erscheinen mir noch fester verschlossen für die Überraschungen, die das Erwachsenwerden uns allen bringt. Mittlerweile übe ich mich zu sagen: „Meiner Beobachtung nach geht es ihr … Aber frag sie bitte selbst.“ Tatsächlich wollte sich letztens eine hartnäckige Seniorin damit nicht abfinden und kommentierte: „Eltern kennen ihre Kinder doch immer am besten, egal, wie alt sie sind. Wenn sie doch nur auf uns hören würden!“
Ja, am meisten haben wir als Eltern damit zu tun, dass unsere Familien-Schubladen sich wieder öffnen. Wir lieben unsere Kinder, auch wenn wir sie manchmal nicht wiedererkennen.
Erwachsene Kinder dürfen ihre Lebensthemen nach ihren Prioritäten ordnen. Keiner möchte dabei bevormundet oder entmündigt werden. Auch wenn wir durch alle gesammelten Infos der Persönlichkeitsschublade einen brandheißen Tipp auf Lager hätten.
Leise schleichen sich Fragen neben uns und legen uns eine Last aufs Herz: Sind wir ihnen gerecht geworden? Haben wir sie genug ermutigt, gebremst, ihre Reifung gefördert? Allein diese Last lässt uns als Eltern verspannter und rückwärtsgewandter wirken, als uns lieb ist. So beleidigt, streng und distanziert wollten wir nie sein.
Fragend bleiben
Robert fragt in einer Kaffeerunde: „Sind eure Kinder auch so grässliche Besserwisser? Ich kann es manchmal kaum mit ihnen am Tisch aushalten. Alles wissen sie: Politik, Kirche, Bildung. Und dabei muss ich ihnen immer noch erklären, wie man einen Brief frankiert!“ Beim Hören erschrecke ich: So etwas will ich nicht über meine Kinder sagen. Ich habe täglich darum gerungen, dass sie sich zu gesellschaftlichen Themen positionieren. Auch wenn ihre Ansichten auf Ältere unrund wirken, sind sie doch mutig, leidenschaftlich und vermeiden das Achselzucken, das meine Generation gerade gut beherrscht.
Ich lerne es wieder schätzen, Fragen zu stellen. Zu fragen: „Was brauchst du jetzt?“, hat mir in den Zeiten geholfen, in denen unsere Kleinkinder von Wut und Mut geschüttelt worden sind. Es passt wieder und noch zu fragen:
Wie möchtest du Zeit mit uns verbringen?
Brauchst du Hilfe in deinem Zeitmanagement?
Hast du Menschen, die dich im Glauben an Gott fördern?
Welche Charaktereigenschaft hast du neu an dir kennengelernt?
Nicht selten bewegt sich die verklemmte Schublade. Dann können wir eine Erinnerung an das Miteinander vor 18 Jahren erzählen oder unsere Einschätzung geben. Noch öfter aber kommen Wünsche und Gedanken zum Vorschein, die mich heimlich die Schublade öffnen lassen, um ein altes, verletzendes Adjektiv zu entsorgen und einen neuen, staunenden Eindruck über diesen jungen Menschen hineinzulegen.
Wenn diese Schubladen öfter mal geöffnet werden, haben auch wir als Eltern gute Chancen, dass eine Sicht auf uns verändert und angepasst wird.
Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei (fast) erwachsenen Kindern.
Mit ihren Gefängniskonzerten rührt Diana Ezerex Insassen zu Tränen – Jetzt plant sie ein Album
Sängerin und Songwriterin Diana Ezerex tritt mit ihren Songs ehrenamtlich vor Gefangenen auf. Mit ihrem Debütalbum will sie zeigen: Hinter jeder Tat steckt eine Lebensgeschichte.
Wie fühlt es sich an, vor Schwerverbrechern und Schwerverbrecherinnen Musik zu machen? Diana Ezerex weiß es. Seit drei Jahren gibt sie in Gefängnissen ihre Musik zum Besten. Dafür erhielt sie bereits den Jugenddiakonie- und den Heinz-Kappes-Preis. Ihre Eindrücke möchte sie jetzt in einem Debütalbum verarbeiten. Und sucht dafür auf der Crowdfunding-Plattform Startnext Unterstützende. Ihr Ziel: Menschen in die Lebenswelt der Gefangenen mitnehmen.
„Musste komplett die Hosen runterlassen“
Diana studiert Kulturvermittlung und ist nebenher als Künstlerin in Hamburg unterwegs. Lange hat sie die Musik hintenangestellt, das soll sich jetzt ändern. In ihrem Debütalbum verarbeitet die 26-Jährige die Geschichten, die ihr bei ihren ‚prison concerts‘ begegnen. Eigentlich will sie die Musikwelt damit überraschen. Aber als ihr die Finanzierungsoptionen ausgehen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. „Das zerstört natürlich meinen Release-Plan ein bisschen, weil das für mich echt ein Neustart ist. Die Musik ist komplett anders als alles, was bisher von mir rauskam. Die Story dahinter kannte bisher auch fast niemand. Ich musste komplett die Hosen runterlassen.“
Viele Absagen
Diana sucht lange nach Unterstützenden und stellt sich und ihr Projekt bei zahlreichen Stiftungen und Unternehmen vor. Das Problem: Weil sie eine Einzelperson ist, kann sie keine Spendenbescheinigungen ausstellen. Als sie dann auch noch eine Absage von der Initiative Musik, der Berliner Fördereinrichtung für Pop-Musik, erhält, mit deren Unterstützung sie fest gerechnet hat, fällt es ihr schwer, zuversichtlich zu bleiben.
Weder entschuldigen noch verurteilen
Dabei habe das Album eine starke soziale Komponente, findet das Jungtalent. Die Songs erlaubten dem Hörer, die Menschen hinter ihren Verbrechen kennenzulernen. „Ich will mit dem Album keine Taten entschuldigen, aber mir ist es wichtig zu zeigen, dass jeder Einzelne dort eine Geschichte hat.“ Kein Mensch werde als Straftäterin und Straftäter geboren, sagt Diana: „Wenn man niemanden hatte, der einem Werte vorlebt, woher soll man es dann besser wissen?“ Kindheitstraumata der Gefangenen seien oft die Grundlage für ihre Straftaten: „Wir als Gesellschaft können dazu beitragen, dass so etwas weniger passiert, dass unsere Gefängnisse weniger voll sind, dass Menschen weniger straffällig werden.“
Solo hinter Gittern
Während der Konzerte denkt die 26-Jährige kaum darüber nach, dass teilweise Schwerverbrecher und Schwerverbrecherinnen mit lebenslänglicher Haftstrafe vor ihr sitzen. Vielmehr möchte sie sich auf die Menschen einlassen: „Ich will ihnen das Gefühl vermitteln, dass ich jetzt für sie da bin, um für sie einen Unterschied zu machen – und wenn es nur für eine Stunde ist.“
Bei den Gefängniskonzerten begleitet sich Diana meistens selbst. Eine Band könnte die Inhaftierten abschrecken, nach dem Konzert das Gespräch zu suchen. Außerdem hat sie größere Chancen auf eine Zusage, wenn sie möglichst wenig Umstände macht.
Nicht ohne Backgroundcheck
Auf legale Weise ins Gefängnis zu kommen, ist nämlich nicht immer einfach, weiß Diana. „Manchmal ist das richtig Arbeit. In Schwäbisch Gmünd musste ich mich echt reinzecken.“ Oft muss sie vor einem Auftritt ein Führungszeugnis und ein Ausweisbild einreichen. Wenn sie vorbestraft wäre, dürfte sie nicht in die Justizvollzugsanstalt. In den letzten drei Jahren hat Diana in 15 Gefängnissen gespielt: Jugendstrafanstalten und Justizvollzug für Männer und Frauen. Und dabei jede Menge erlebt.
Durchgehend im Alert-Modus
Das erste Mal in einem reinen Männergefängnis ist sie in Bayreuth. 100 Insassen sind beim Konzert dabei, „die Beamten waren durchgehend im Alert-Modus – kein Small Talk.“ Davor ist sie nervös. Nicht etwa, weil sie sich um ihre Sicherheit sorgt – sondern aus Angst, ihre Musik könnte die Männer langweilen. Umso überraschter ist sie, als der Gefängnis-Chor im Mitsingteil in ihren Song einstimmt.
Die Herzen der Häftlinge berühren
Die Konzerte werden auch oft emotional, besonders in der Untersuchungshaft. Dort sei so vieles noch ungewiss und aufgestaute Emotionen mischten sich mit der Musik und der kirchlichen Atmosphäre. In der normalen Haft seien die Menschen schon mehr ins Reflektieren gekommen über die Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo will ich hin?
Riesentyp mit Tränen in den Augen
Ein Erlebnis ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. In der Gießener Untersuchungshaft erzählt sie von einer Situation in ihrem Leben, in der sie das Gefühl hatte, fehl am Platz zu sein und keinen Unterschied machen zu können. „Nach dem Konzert kommt so ein Riesentyp mit Tränen in den Augen auf mich zu, nimmt meine Hand und sagt: ‚Du bist genau richtig, da wo du bist. Du brauchst nie das Gefühl haben, du wärst fehl am Platz. Ich werde das Konzert für immer in meinem Herzen tragen.‘“
Behütete Kindheit
Soziales Engagement ist für Diana normal. „Meiner Mutter war es immer wichtig, dass wir Schule, Ehrenamt, Musik und Sport haben.“ Rückblickend findet Diana, sei sie in einer ziemlichen Blase aufgewachsen. Sie besucht das Gymnasium, spielt Volleyball im Verein und engagiert sich in der Debattier- und Theater-AG. Als sie von Zuhause auszieht und ein FSJ in einem Jugendclub macht, trifft sie Menschen, die mit einem ganz anderen Weltbild aufgewachsen sind. Einige waren schon im Jugendgefängnis. Ihre Lebensgeschichten verändern Dianas Perspektive.
Songs aus der rosa Blubberblase
Später entscheidet sie sich genau dort hinzugehen, wo sonst niemand hingeht und den Gefangenen auf Augenhöhe zu begegnen, mit ihnen ihre Musik zu teilen und sich ihre Geschichten anzuhören. Und die Menschen im Gefängnis fühlen sich von ihren Texten angesprochen. „Das ist ein krasses Phänomen, dass sich diese Menschen mit meinen Songs, die im Vergleich zu ihrem Leben aus einer rosa Blubberblase kommen, identifizieren können.“
Glaube gibt ihr Zuversicht
Damit auch die Menschen außerhalb der Gefängnispforten ihre Musik zu hören bekommen, muss sich Diana in Geduld üben. Ihr Glaube macht sie zuversichtlich. Auch wenn sie oft in den „Mecker-Modus“ schaltet, weiß sie, dass Jesus hinter ihr und dem Projekt steht „und alles andere hat bisher ja auch so gut geklappt“. Die Kampagne läuft noch bis Dezember. Diana hofft, bis Ende der Woche 20 Prozent des Funding-Ziels zu erreichen. Und gibt sich Mühe, die Startnext-Webseite bis dahin nicht alle zwei Minuten zu aktualisieren.
Von Ann-Sophie Bartolomäus
Gegen den Riesen kämpfen
Wie können wir auf die Herausforderungen dieser Zeit gut reagieren?
Als er die Neuigkeiten hörte, konnte er nicht anders als zu seufzen. Schon wieder schlechte Nachrichten! Die riesigen Herausforderungen, die vor ihm lagen, waren kaum zu übersehen und zu überhören. Alle redeten darüber. Unheilschwanger lag Verunsicherung in der Luft wie ein trotziger Novembernebel.
Während ich mit den aktuellen Herausforderungen konfrontiert werde, fällt mir David ein. Der David aus der Bibel. Ein schlaksiger Hirtenjunge tapst mit einer Lunch-to-go-Box in das Gefechtsfeld eines Krieges. Allgegenwärtig die Riesen-Herausforderung. Das Volk Israel hatte kein anderes Gesprächs-Thema mehr: Sie dachten an den Riesen, seufzten über die Bedrohung, redeten beim Essen über den Riesen, vergaßen zu spielen und zu lachen. Sicher träumten sie auch von der Gefahr.
Was mir schon als Kind beim Hören der Bibelgeschichte besonders ins Herz schoss, ist die Empörung über den Riesen Goliath, der sich über Gott lustig macht. Er lacht das Volk Israel aus für ihren Gott. David ist schockiert darüber. Er beginnt seinen Kampf gegen den Riesen, indem er die Fokussierung auf ihn aufhebt: Er bringt Gott ins Spiel. Ja, Gott.
Und ich frage mich heute, ob es nicht auch bei mir an der Zeit ist, fromm zu sein. Das Wort „fromm“ kann „scheinheilig“ bedeuten, aber das meine ich nicht. Auf keinen Fall möchte ich Plattitüden herumschleudern. „Fromm“ heißt für mich: vom Glauben an Gott geprägt.
Ich möchte wie David an Gott denken. An das, was er in meinem Leben schon Gutes getan hat. Und dass er mich nicht vergessen hat. Ich möchte Gott ins Gespräch bringen und anderen helfen, sich aus der Fokussierung auf die Riesensorge zu lösen. Das kann ganz praktisch werden:
Ich will meinen Herzensfokus singend und betend auf Gott richten. Ja, das klingt fromm. Vielleicht auf den ersten Blick etwas unbelesen und unreflektiert. Als mir dieser Vorwurf gemacht wurde, habe ich den Sorgenriesen grölen hören und mich machtlos, uninformiert und überfordert gefühlt. Aber meiner Familie helfe ich so erschöpft nicht. Ich will aus der Wolke der Kommentare und Vermutungen bewusst aussteigen und fromm sein. Meine Kraft für das Gestalten der Familienzeiten nutzen, mich in Nähe üben und Gott ins Spiel bringen.
Und wenn der Riese in mir besiegt ist, ist auch wieder Zeit für Talkshows und Dokumentationen.
Stefanie Diekmann
Heizung runter, Feuchtigkeit hoch
Der Winter, so scheint es vielen Eltern, ist eine einzige Aneinanderreihung von Infekten. „Das ist ganz normal“, sagt der Gießener Kinderarzt Dr. Frank Wagner und gibt Eltern Tipps, was sie bei einer Erkältung machen und wie sie weiteren Infekten vorbeugen können.
Was ist eigentlich eine Erkältung?
Eine Erkältung ist eine virale Erkrankung, die bei Kindern mit Schnupfen, Husten, Hals- oder Ohrenschmerzen einhergeht. Sie fühlen sich unwohl, sind vielleicht knatschig und haben erhöhte Temperatur, also bis 38,5 Grad. Wenn sie kleiner und zum ersten Mal erkältet sind, kann sie auch höher sein. Wir Pädiater gehen davon aus, dass ein Kind bis zu zehn Infekte im ersten Kita-Winter durchlebt. Bis zum Schulalter sind es also 30 bis 40 Infekte. Das klingt viel, ist aber normal und deutet nicht zwangsläufig auf eine Immunschwäche hin.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Wenn das Allgemeinbefinden des Kindes sich verschlechtert, das Fieber nicht sinkt oder sogar steigt, der Husten stärker wird, Kurzatmigkeit und Pfeifen beim Atmen einsetzen, Flüssigkeit aus dem Ohr läuft und Symptome auftreten, die sich die Eltern nicht erklären und trotz aller Maßnahmen nicht eindämmen können.
Wie differenzieren Sie in Zeiten von Corona?
Es ist schwierig und es wird uns noch lange beschäftigen, wie wir entscheiden sollen, ob ein Risiko für eine Covid-19-Erkrankung vorliegt, zumal die Überprüfung durch den Mund-Nase-Abstrich schmerzhaft ist. Der Riech- und Geschmacksverlust tritt bei infizierten Kindern nicht auf, dafür aber in 30 bis 40 Prozent der Fälle trockener Hus-ten, Fieber und manchmal eine Magen-Darm-Symptomatik. Allerdings ist das bei manchen anderen Viruserkrankungen genauso.
Gehen wir davon aus, mein Kind hat „nur“ eine Erkältung. Was kann ich tun, um es gesund zu pflegen?
Achten Sie darauf, dass Ihr Kind ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt. Gönnen Sie ihm viel Ruhe und vermeiden Sie Stress! Lassen Sie Ihr Kind zu Hause – lieber einen Tag länger als zu kurz. Aber bleiben Sie mit ihm nicht nur im Haus, sondern gehen Sie, wenn es kein Fieber (mehr) hat, an der frischen Luft spazieren. Natürlich sollte es nicht rennen und auch nicht auf dem Spielplatz toben.
Wann sollte man Fiebermedikamente verabreichen?
Wenn das Kind bei 38,8 Grad ganz normal spielt, ist es zunächst nicht notwendig, ihm ein Fiebermedikament zu geben. Wenn es aber schlapp wirkt, Schmerzen oder diese Temperatur abends vor dem Schlafengehen hat, sollten Sie ihm unbedingt etwas geben, weil das Fieber in der Nacht steigt und die erhöhte Temperatur zu einem Flüssigkeitsverlust führt. Dadurch können wiederum die Schleimhäute austrocknen und sogar geschädigt werden, wodurch das Kind ansteckbarer für weitere Infektionen ist.
Wie kann ich mein Kind vor einer Erkältung schützen?
Befeuchten Sie die Nase des Kindes regelmäßig mit reiner Kochsalz- oder Meersalzlösung und achten Sie auf das Raumklima. Die Devise lautet: Heizung runter und Luftfeuchtigkeit hoch! Im Schlafzimmer sollte es nicht wärmer als 16 bis 18 Grad und in den Wohnräumen 21 Grad sein – auch dann, wenn das Kind krank ist. Geben Sie Ihrem Kind vitaminreiches und ballaststoffreiches Essen wie Obst und Gemüse, Vollkornbrot und Müsli, viel Flüssigkeit in Form von Wasser und ungesüßtem Tee.
Interview: Ruth Korte
TV-Autor: Als seine Organe zu versagen drohen, spendet seine Frau ihm eine Niere
Die Nierenwerte von Stefan Loß sehen zusehends schlechter aus. Dann beschließt seine Frau, ihm das Organ zu spenden – lebend.
Der Journalist Stefan Loß hat ein Faible für besondere Lebensgeschichten. Als TV-Autor hat er zahlreiche Menschen porträtiert, die davon berichten, wie ihnen der Glaube bei der Bewältigung ihrer Lebenskrisen geholfen hat. 2008 traf es ihn selbst. Die Diagnose „Zystennieren“ bedeutete, dass seine Nieren früher oder später versagen würden. Acht Monate lang war er schließlich an der Dialyse. Heute kann er wieder ohne künstliche Blutwäsche leben, weil ihm seine Frau Sabine eine ihrer Nieren gespendet hat. Hier erzählt er seine Geschichte.
45 Prozent Nierenfunktion
Im Sommer 2013, also fünf Jahre nach der ersten Diagnose, hatte ich nur noch fünfundvierzig Prozent Nierenfunktion. Ende 2014/Anfang 2015 spitzte sich das Ganze zu. Ich merkte deutlich, wie meine Kräfte nachließen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste anfangen, mich ernsthaft mit der Krankheit auseinanderzusetzen. An der Dialyse führte kein Weg vorbei. Und Dialyse bedeutete, dass ich für den Rest des Lebens von Maschinen abhängig sein würde, die mein Blut dreimal in der Woche reinigen. Ich war gerade mal Anfang fünfzig und fühlte mich nicht wirklich alt. So hart damit konfrontiert zu werden, dass meinem Leben in sehr naher Zukunft enge Grenzen gesetzt sein würden, machte mir zu schaffen.
Lebendspende?
Via Internet hatte ich einen Kontakt zu einem Mann bekommen, der ebenfalls Zystennieren hatte. Seine Frau hatte ihm eine Niere gespendet. Davon hatte ich noch nie gehört. Ich wusste, dass es so etwas wie eine Lebendspende gab. Aber nach meinem Kenntnisstand war das nur zwischen blutsverwandten Familienmitgliedern möglich. Meine Eltern waren zu alt und ich hatte keine Geschwister, deshalb hatte ich nie weiter über dieses Thema nachgedacht.
„Kann das Gejammer nicht mehr hören“
Plötzlich stand die Frage im Raum: Könnte meine Frau mir eine ihrer Nieren spenden? Zum Glück konnten Sabine und ich relativ entspannt miteinander über das Thema Lebendspende reden. Uns war klar, dass eine solche Spende nur dann möglich wäre, wenn wir beide ohne Wenn und Aber ein Ja dazu hätten. Eine Lebendspende unter Vorbehalt oder mit dem Gedanken: „Dann bin ich lebenslang abhängig vom anderen“ oder „Dann ist er mir aber was schuldig“ hatte für uns keinen Sinn. Natürlich war das für Sabine keine einfache Entscheidung.
Sabine ist es immer wieder wunderbar gelungen, der Thematik das Dramatische zu nehmen. Denn es kam immer mal wieder vor, dass Freunde und Bekannte unseren Plan einer Lebendspende arg romantisierten. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo Sabine geantwortet hat: „Ich spende ihm eine Niere, weil ich das Gejammer nicht mehr hören kann.“
Monate der Untersuchung
Nachdem von den Transplantationsmedizinern das Okay kam, entschieden wir uns gemeinsam, den Weg der Lebendspende zu gehen. Für uns beide bedeutete das in den Wochen und Monaten davor auch, dass wir uns als Vorbereitung von den verschiedensten Fachärzten gründlich untersuchen lassen mussten. Für den Ablauf einer Lebendspende gibt es ein festes Verfahren, in das Ärzte, Psychologen und Juristen mit eingebunden sind. Das hat wesentlich länger gedauert, als wir dachten.
Warten, hoffen, beten
Der 24. Februar 2017 wurde als Transplantationstermin festgelegt. Für mich begann jetzt der medizinische Endspurt. Die Immunadsorption war erfolgreich abgeschlossen, es waren dauerhaft keine Antikörper mehr in meinem Blut nachweisbar. Zwei Tage vor dem geplanten OP-Termin bekam ich die Nachricht, dass die Transplantation aus organisatorischen Gründen verlegt werden musste. Für Sabine und mich hieß das: weiter warten, hoffen und beten.
Der vertraute Bibelvers begleitete mich in diesen Tagen: „Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Das passte sehr gut in meine aktuelle Situation, denn Grund, mir Sorgen zu machen, hatte ich genug. Obwohl jetzt alle Zeichen auf Grün standen im Hinblick auf die Transplantation, war da nach den Erfahrungen der letzten Monate immer noch die Angst, ob das alles wirklich so klappen würde.
Ein letztes Foto
Mit Sabine habe ich manche Nachmittage bei langen Spaziergängen am Neckar verbracht, oft bei strahlendem Sonnenschein. An der Neckarwiese haben wir ein gemeinsames Foto gemacht mit dem Schloss im Hintergrund. Eine Erinnerung an diese besondere Zeit vor der Transplantation. Dann musste ich wieder an die Dialyse. Wenn diesmal alles wie geplant klappen würde, wäre das das vorletzte Mal. Montag sollte es dann für uns beide in die Chirurgie gehen, und für Dienstag, den 28. Februar, war die OP vorgesehen.
Warten auf die OP
Wie geplant wurde ich am Montagmorgen zur Vorbereitung der Transplantation in die chirurgische Klinik verlegt. Am Dienstagmorgen begann nach einer unruhigen Nacht das Warten. Geplant war der Eingriff bei Sabine eigentlich schon für sieben Uhr und ich sollte gleich anschließend an der Reihe sein. Kommunizieren konnten wir nur via WhatsApp, weil Sabine mich auf der Station nicht besuchen durfte. Am Morgen haben wir uns noch kurz gegenseitig Mut gemacht. Dann kamen keine Antworten mehr. Erst später erfuhr ich, dass sie gegen Mittag in den OP gebracht wurde zur Entnahme der Niere. Der Eingriff verlief wie geplant, es gab – Gott sei Dank! – keine Komplikationen.
Mutmachende Worte
Ich wartete weiter. Es wurde Nachmittag. Mein Bettnachbar, von dem ich nur durch einen Vorhang getrennt war, bekam Besuch von seiner Frau. Ihm ging es nach der zweiten Lebertransplantation gar nicht gut. Er kam einfach nicht mehr auf die Beine, und es schien, als hätte er die Hoffnung verloren. Seine Frau las ihm einen Brief laut vor, den Freunde geschickt hatten. Zu meiner Überraschung kam Psalm 121 darin vor. Atemlos hörte ich zu: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn …“
In dem Moment konnte ich diese Worte für mich nehmen. Ich lag in meinem Bett und war tief berührt. Diesen Text gerade jetzt zu hören, „zufällig“ zitiert aus einem Brief von Freunden eines unbekannten Patienten. Gott hatte mir so seinen Segen mitgegeben. Ich spürte förmlich seine Hand auf meiner Schulter. Und dann hörte ich eine Stimme: „Herr Loß, jetzt sind Sie an der Reihe.“ Es war der Pfleger, der mich in den OP bringen sollte. Was für ein Timing, was für ein Gott!
Es wird ernst
Im Vorbeirollen bedankte ich mich freundlich bei der Frau meines Bettnachbarn für den Psalm. Ich wurde in den OP geschoben, den Blick nach oben. Im linken Augenwinkel sah ich dort einen kleinen fest verschlossenen grauen Plastikbehälter. Sabines Niere wartete schon eisgekühlt auf mich. Es folgten das routiniert freundliche Gespräch mit dem Anästhesisten und der Filmriss beim Zählen irgendwo zwischen 6 und 9. Es war tatsächlich ernst geworden.
Erster Tagebucheintrag
Am nächsten Morgen war ich schon wieder so fit, dass ich etwas in unseren Blog schreiben konnte. Das las sich dann so:
1. März, 7.52 Uhr: „7 Liter! … sind schon durchgelaufen. Die Niere ist schon auf dem OP-Tisch angesprungen. Ich werde mit NaCl (Kochsalzlösung) abgefüllt, damit ich nicht trockenfalle. Titer-Werte sind super. Besser hätte es nicht laufen können.
Stand heute schon wieder kurz auf eigenen Füßen, bin aber noch extrem schlapp. Halleluja! OP gelungen, Niere läuft. Sabine ist auch froh und glücklich, aber auch extrem erschöpft.
Hoffe sehr, dass wir uns bald sehen können. Wir sind extrem glücklich und dankbar!!!
Stefan“
Neubeginn an Aschermittwoch
Nach mehr als acht Monaten Wartezeit hatte es endlich geklappt. Der 1. März 2017 – in diesem Jahr war es der Aschermittwoch – wird für Sabine und mich immer ein besonderer Tag bleiben. Von wegen: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ – wie die Narren singen! Aschermittwoch 2017 ist für mich der Tag, an dem etwas Neues, Großes, Wunderbares angefangen hat. Das Leben mit meiner neuen Niere.
Endlich ein Wiedersehen
Sabine hatte den Eingriff gut überstanden. Aber sie war noch sehr müde und brauchte noch ein paar Tage, um wieder auf die Beine zu kommen. Am Tag Zwei nach der OP konnte sie mich schon kurz besuchen kommen. Dick vermummt, mit grünem Kittel und Mundschutz, durften Besucher nur einzeln zu mir. Zu hoch war die Gefahr, dass ich mir irgendetwas einfing. Es war einfach wunderschön, sie wiederzusehen. Sie war noch ziemlich geschafft von der OP, und ihr Körper musste sich erst noch daran gewöhnen, dass nun eine Niere fehlte. Auf einen Schlag hatte sie immerhin fast die Hälfte ihrer Nierenfunktion verloren.
Ein Grund zum Feiern
Rund drei Wochen nach der OP reiste Sabine allein zur „Anschluss-Heilbehandlung“ nach Durbach bei Offenburg. Bis zur Visite am Vormittag hatte ich noch die vorsichtige Hoffnung, dass ich am nächsten Tag nachkommen könnte. Aber meine Leukozyten waren leider immer noch zu niedrig. Dafür wurden mir jetzt die letzten Schläuche gezogen. Nach fast drei Wochen konnte ich mich endlich wieder schlauchfrei bewegen. Auch das war ein Grund zum Feiern.
Die Taxifahrt ein Genuss
Eine Woche später bekam auch ich grünes Licht! Mit einem lauten „Halleluja“ reagierte ich auf diese gute Nachricht. Nach sechs Wochen durfte ich endlich die Klinik verlassen! Der gemeinsamen Reha mit meiner Frau stand endlich nichts mehr im Wege. Ich konnte es kaum erwarten, saß schon beim Frühstück auf gepackten Koffern. Visite, Arztbrief und dann ab ins nächste Taxi. Ich war so froh, in einem Auto durch die Gegend kutschiert zu werden. Nach so vielen Wochen in der Klinik war die Taxifahrt ein purer Genuss – jedenfalls für mich. Vor allem, weil ich bald Sabine wiedersehen sollte.
Geschafft!
Unterwegs hielt ich sie via WhatsApp auf dem Laufenden, und als wir auf den Parkplatz der Klinik einbogen, kam sie mir schon entgegen. Frisch wie das blühende Leben wartete sie vor dem Eingang auf mich. Ich konnte trotz meiner frischen Narbe kaum schnell genug aus dem Auto steigen. Wir fielen uns in die Arme und drückten uns so fest es bei unseren Operationsnarben ging. Erschöpft und froh lagen wir uns in den Armen. Endlich! Wir hatten es geschafft.
Die Zeit der Unsicherheit, des Wartens und Hoffens war vorbei. Jetzt konnte für uns beide ein neues Leben beginnen. Diese Begegnung auf dem Parkplatz vor der Rehaklinik in Durbach ist einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Ich kann kaum ausdrücken, wie froh, dankbar und glücklich ich in diesem Moment war. Wir hatten es endlich überstanden!
Nach drei Wochen Reha, die ich wirklich genossen habe, bin ich dann, eine Woche später als Sabine, nach Hause entlassen worden.
Doppelt Ostern
Im Nachhinein wurde mir klar, was für einen besonderen Zeitpunkt wir für die Transplantation erwischt hatten: Am Aschermittwoch war ich mit einer neuen Niere in der Klinik aufgewacht und am Ostersonntag war ich glücklich wieder zu Hause angekommen. An diese doppelte Passionszeit werde ich mich mein Leben lang erinnern.
Während ich diese Zeilen schreibe, lebe ich schon seit drei Jahren mit einer Niere meiner Frau. Gott sei Dank hatte ich nach der Transplantation überhaupt keine Probleme mit der neuen Niere. Ich hatte weder mit Abstoßungsreaktionen noch mit Infektionen zu tun. Ich musste auch nie wieder an die Dialyse – die neue Niere funktionierte vom ersten Moment an perfekt. Sabine hat den Eingriff ebenfalls gut verkraftet. Unsere Nierenfunktion ist heute ungefähr gleich – bei jeweils sechzig Prozent. Also fast so gut wie bei einem gesunden Menschen.
Stefan Loß ist Redakteur, Autor, Coach und Moderator. Er arbeitet als Ausbildungsleiter und Moderator für ERF Medien. Der Artikel ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus seinem Buch „Auf Herz und Nieren – Als das Leben mit mir Achterbahn fuhr“, das im Brunnen Verlag erschienen ist.
Zu introvertiert für den Teenkreis?
„Meine Tochter (13) ist sehr introvertiert und hat deshalb wenig Interesse, an Gemeindegruppen wie der Jungschar oder dem Teenkreis teilzunehmen. Wie kann ich meinen schüchternen Teenager trotzdem geistlich wachsen lassen?“
Junge Menschen durchleben in ihrer Entwicklung zum Teenager und Jugendlichen eine sehr verletzliche Zeit. Schon kleine Verunsicherungen in Gruppensettings können sie so stark beunruhigen, dass sie sie fortan meiden. Dabei muss es nicht bleiben. Gerade introvertierte Menschen dürfen üben, sich in Gruppen hineinzuleben.
Vertrauen schaffen
Um einen Zugang zu wertvollen Inhalten zu schaffen, ist es zunächst notwendig, bei introvertierten Teens ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen herzustellen. Familien können sich dazu zum Beispiel öfter nach dem Gottesdienst zum Kochen (zum Beispiel in der Kirche) treffen, um ihren Teens zu ermöglichen, miteinander vertraut zu werden. Am Anfang werden noch alle bei ihren Eltern sitzen, doch schnell wird ein Kartenspiel oder eine Runde Fußball die Familien durchmischen. Auch die Mitarbeitenden des Teenkreises können dazukommen. Dieses Kennenlernen bedeutet für die Eltern zwar vielleicht Verzicht auf den sonntäglichen Mittagsschlaf, aber ein Investieren in diese Gemeinschaft als Vorbild für ihre Kinder. Wenn Glaube entdecken und teilen wichtig ist, darf es im Alltag auch etwas kosten.
Sicherheit kann auch ein vorhersehbarer Rahmen einer ersten Mitarbeit bieten. Introvertierte Menschen sind Juwelen für stille, oft übersehene Kinder in der Kindergottesdienstarbeit, mit Senioren oder bei Bastelstationen an quirligen Kirchenfesten – wichtig ist, die Aufgabe klar zu umreißen. In kleineren Gruppen wie einem Minihauskreis kann ein Teenager wie Ihrer seine Fragen ohne Druck durchdenken. Hier lohnt es sich, eine Seniorin zu fragen oder eine Frau aus dem Umfeld der Familie, der Ihre Tochter vertraut.
Zugänge zu Gott
Es gibt verschiedene Zugänge zu Gott: durch Musik, Malen, Naturzeiten, Tagebuchschreiben. Versuchen Sie, Ihrer Tochter zu helfen, ihren ganz persönlichen Weg zu entdecken. Das persönliche Entdecken des Glaubens braucht in der Jugendzeit noch Beispiele wie durch moderne Musik, ein gutes christliches Jugendmagazin oder Bücher etwa von Nick Vujicic, Michael Stahl oder Verena Keil. Darüber bieten Sie ihr ohne Druck eine Infoquelle über Gott im Alltag an.
Das Allerwichtigste für Ihre Tochter sind jedoch Sie und dass Sie als Familie über Gott reden, Fragen stellen, laut grübeln und sich über Gott freuen. So nimmt sie am meisten mit.
Stefanie Diekmann ist Pädagogin, Trainerin für Eltern und Autorin. Sie gestaltet mit ihrem Mann die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Göttingen und genießt ihre eigene Familie. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Nachts keine Windel mehr
Auch wenn Kinder tagsüber schon ohne Windel auskommen, ist das Bett morgens mitunter nass. Familientherapeutin Beate Döbel erklärt, worauf es in dieser Phase ankommt.
„Meine Tochter (3,5) ist seit ein paar Monaten trocken – tagsüber. Nachts braucht sie noch eine Windel. Wir haben es schon ein paar Mal ohne versucht, allerdings wurde jedes Mal das Bett nass. Ist es noch zu früh, die Windel auch nachts wegzulassen?“
Wie schön, dass Ihre Tochter tagsüber keine Windel mehr braucht! Die meisten Eltern sind erleichtert: Endlich keine Windeln mehr kaufen müssen, weniger Aufwand durch Wickeln oder Wäsche wechseln bzw. waschen und viel weniger Müll! Und die Kleinen sind – bei entsprechender Rückmeldung durch die Umwelt – stolz, dass sie in dieser Angelegenheit jetzt „schon groß“ geworden sind. Dass es in der Nacht noch nicht gleich gelingt, ist völlig normal.
Bei jedem Kind anders
In internationalen Studien wurde festgestellt, dass Kinder mit Sauberkeitserziehung (regelmäßige Topfangebote, Aufforderung zum Toilettengang, nächtliches Wecken) genauso „schnell“ trocken werden wie Kinder ohne Sauberkeitserziehung – nämlich tagsüber mit durchschnittlich 28 Monaten und nachts mit 33 Monaten. Das zeigt, dass das Trockenwerden in erster Linie eine individuelle kindliche Entwicklungsleistung ist, die mit biologischen – genetisch angelegten – Reifungsprozessen im Gehirn zusammenhängt. Hierbei gibt es – wie in vielen anderen Bereichen auch – eine große individuelle Variabilität. Manche Kinder sind sogar erst mit fünf Jahren soweit, ihre Blase tags und nachts zu kontrollieren.
Bloß nicht schimpfen!
Die Kinder zeigen uns, wenn sie von ihrer Entwicklung her so weit sind. Angeregt durch das Vorbild der „Großen“ wollen sie es dann auch so machen. Eltern können die kindliche Eigeninitiative aufgreifen, mit dem Kind darüber reden, was es spürt, wenn die Blase voll ist, und die Kinder in ihrem Bestreben nach Selbstständigkeit unterstützen. So lernen diese die „Feinheiten des Trockenwerdens“ (Körpersignale verstehen, Spielen unterbrechen, selbst Hose ausziehen, rechtzeitig auf dem Klo sitzen). Man ahnt, dass das gar nicht immer so leicht ist und eben auch noch seine Zeit braucht. Bei „Misserfolgen“ brauchen die Kinder deshalb Ermutigung, auf keinen Fall Tadel oder Strenge.
Gelassenheit bringt viel
Ihr Kind hat – mit Ihrer Hilfe – diesbezüglich also schon einen großen Entwicklungsschritt hinter sich. Wenn das Bett noch regelmäßig nass ist, dann spricht das wohl dafür, dass der Reifungsprozess bezüglich der nächtlichen „Blasenkontrolle“ noch nicht ganz abgeschlossen ist. Überlegen Sie mit Ihrer Tochter gemeinsam, ob sie lieber wieder eine Windel („Das ist nicht schlimm!“) umhaben möchte oder ob Sie die Windel weiter weglassen und das nächtliche Wäschewechseln in Kauf nehmen. Machen Sie es so, wie es aktuell für Sie und Ihr Kind am entspanntesten erscheint.
Nach dem Motto des afrikanischen Sprichworts: „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!“ wünsche ich Ihnen Gelassenheit und Geduld. Entwicklungsprozesse brauchen einfach ihre individuelle Zeit … Und freuen Sie sich dann gemeinsam am Erfolg!
Beate Döbel ist systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.