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Artikel aus den Heften

Darum geben wir bis Klasse 9 keine Noten – So arbeitet Deutschlands Vorzeigeschule

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Reformschulen. Uli Marienfeld, der stellvertretende Schulleiter, erklärt im Interview mit Family, wie Kinder besser lernen können und wie wichtig dafür gute Schulen sind.

 

Herr Marienfeld, Sie haben jetzt 35 Jahre Berufserfahrung als Lehrer und Schulleiter an fünf Schulen. Was haben Sie in dieser Zeit über das Lernen gelernt?

Dass Lernen möglich ist. Dass Lernen Spaß macht und eigentlich alle Menschen lernen wollen. Die Neugier, mit der Kinder auf die Welt kommen, geht – nicht nur entwicklungsbedingt, sondern auch durch ungeschickte Arrangements und Strukturen – leider oft an der Schule verloren. Doch sie kann wiederentdeckt werden.

Ich liebe es, diese Neugier zu wecken und glaube, dass man als Lehrer ganz viel bewegen kann. So wie Eltern zu Hause dafür sorgen, dass Kinder vertrauensvoll in die Welt blicken, können auch Schulen Wege bereiten, die Kinder befähigen, Gestalter des Lebens zu werden. Mir ist wichtig, ihnen zu vermitteln: Du bist gewollt. Du kannst diese Welt entdecken. Du hast Begabungen. Und wenn du hinfällst, dann helfen wir dir, wieder aufzustehen. Es geht im Leben nicht um Perfektion. Es geht um Neugier und darum, unsere Welt in Gemeinschaft zu gestalten.

 

Was sind Grundvoraussetzungen für gelingendes Lernen in der Schule?

Ich glaube, dass allen Menschen Beziehungen guttun. Und Kindern hilft es, wenn Schulen beziehungsorientiert arbeiten – im Gegensatz zu mechanischer Wissensvermittlung. Das bedingungslose Ja zu jedem Kind ist fundamental. Ich möchte vermitteln: Es ist gut, dass du da bist. Ich sehe dich. Ich nehme dich wahr, spreche dich beim Namen an. Im Gegensatz dazu ist es Gift, wenn Kinder hören: Aus dir wird nichts. Du hast hier nichts zu suchen. Lass mich in Ruhe. Oder was auch immer einem rausrutschen mag. Solche Urteile wirken viel tiefer als jede noch so gute methodische Unterrichtsreihe. Das sind die Botschaften, die bis ins Unterbewusstsein eindringen. Und besonders Kinder, die von Hause aus wenig Vertrauen haben, zutiefst verunsichern. Von daher ist Schule für mich in erster Linie ein Ort von gelebten Werten. Es ist wichtig, eine angstfreie Atmosphäre zu schaffen.

Auch Heterogenität bezüglich Begabungen, Interessen, sozialen und ethnischen Hintergründen, ist für mich eine Grundvoraussetzung für gelingendes Lernen. In Schulen wird oft versucht, eine vermeintliche Homogenität herzustellen. Dies führt dazu, dass 25 Schüler und Schülerinnen über einen Kamm geschoren werden. Es wird nicht wahrgenommen, dass sie alle Individuen sind, die auf unterschiedliche Weise aufblühen können und wollen. Schule ist gefordert, unterschiedliche Lernformen anzubieten, Mut zu machen und Neugier zu fördern. Das Grundverständnis, dass Schule Potenziale entfaltet und nicht dafür da ist zu selektieren, ist mir wichtig. Ich mag auch den Begriff der Resonanz. Es geht nicht um die Weitergabe von möglichst viel (totem) Wissen, sondern darum, dass etwas in Schwingung gebracht wird, dass sich Staunen, Begeisterung und Leidenschaft entwickeln können.

 

Welche Kompetenzen werden Schüler und Schülerinnen in Zukunft brauchen?

Vor allem geht es um Teamfähigkeit, Resilienz, Durchhaltevermögen, Kreativität und Eigenverantwortung. Dann sicher auch um ein gesundes Basiswissen in Mathe, Deutsch, Fremdsprachen, Verständnis für historische Zusammenhänge und kulturelle Unterschiede und vieles andere mehr. Doch vor allem ist Neugier wichtig – und die Bereitschaft sich in neue Situationen hineindenken zu wollen. Keiner hat eine Ahnung, wie die Lebens- und Arbeitswelt in zehn, geschweige denn in dreißig Jahren aussehen wird. Das Smartphone ist gerade mal zwölf Jahre alt. Es gab eine Welt davor, und es wird eine Welt danach geben. Wie diese aussieht, können wir nicht wissen. Doch wir können gemeinsam lernen zu unterscheiden: Wo brauche ich persönliche Begegnung? Was kann ich auf digitalem Weg machen lassen? Im Mittelalter wusste jeder, was er einmal machen würde, weil es dasselbe war, das der Großvater auch schon gemacht hatte. Das geht definitiv nicht mehr. Wir sollten junge Menschen dazu befähigen, mutig in neue, unsichere Situationen hineinzugehen.

 

Und wie kann Schule das am besten fördern?

Indem sowohl Schüler und Schülerinnen als auch Lehrer und Lehrerinnen ganzheitlich betrachtet werden und etwas von der Vielfalt reflektieren, die in dieser Welt sowieso vorhanden ist. Anstatt in isolierten Räumen auf isolierte Weise isolierte Fächer zu lehren, sollte man rausgehen, sich die Natur anschauen, im Regen nass werden und ganzheitliche – also auch körperliche und emotionale – Erfahrungen machen. Ich halte eine Kombination aus einer geschulten, fachlichen Perspektive, verbunden mit ganzheitlichen Begegnungen miteinander und der Welt für notwendig. Es ist gut, zentrale Abschlussprüfungen zu haben, doch der Weg dahin sollte sich, je nach Lebensraum und Bedürfnissen, stark unterscheiden dürfen. Bei aller Normierung von Prüfungen sollte Schulen auch Freiheit zugestanden werden, selbst zu gestalten. Da arbeiten in der Regel 20 bis 100 Akademikerinnen, die eine Menge studiert haben. Man sollte ihnen durchaus zutrauen, gemeinsam vernünftige Lehrpläne und -methoden für ihre Schule zu entwickeln.

 

Seit eineinhalb Jahren arbeiten Sie als stellvertretender Schulleiter der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Was überzeugt Sie am Konzept dieser Schule?

Dass wir mutig sind! Wir träumen und überlegen, was möglich ist. Und dann machen wir es einfach. Unsere Schüler und Schülerinnen schicken wir am Anfang der 8. bis 10. Klasse drei Wochen lang auf „Herausforderung“. Sie überlegen sich vor dem Sommer, woran sie Freude haben, formulieren es schriftlich und werden gecoacht. Dann gehen sie zu Beginn des Schuljahres in Kleingruppen – begleitet von Studierenden – in Brandenburg Kanu fahren, in Süddeutschland eine Radtour machen oder auf einen Bio-Bauernhof, um dort mitzuarbeiten. Sie lernen, in dieser Zeit mit 150 Euro auszukommen. Sie erfahren auch, dass es untereinander nicht immer so harmonisch ist, wenn man drei Wochen zusammen ist. Dadurch lernen sie das echte Leben kennen. Von den etwa 300 Jugendlichen, die wir jedes Jahr losschicken, brechen manche früher ab. Das kann passieren. Der Umgang mit dem Scheitern ist Teil des Lernprozesses.

Vieles in unserer Arbeit zielt darauf, individuelle Lernwege zu ermöglichen. Darum geben wir bis Klasse 9 keine Noten, sondern erstellen Zertifikate, die ganz bewusst reflektieren: Was hast du gut gemacht? Was kannst du? Was können deine nächsten Schritte sein? Wir haben viele fächerübergreifende Formate. Wir arbeiten häufig im Team, durchmischen uns immer wieder neu. Das hat den Vorteil, dass sich immer mehrere Kolleginnen und Kollegen um ein Projekt kümmern. Und wir evaluieren, feiern dankbar, was gelungen ist und notieren, was wir beim nächsten Durchgang verändern wollen. Wir investieren als Pädagoginnen und Pädagogen – mit Einverständnis der Eltern – drei bis fünf bezahlte Studientage pro Jahr in die Entwicklung des Unterrichts und der Schule insgesamt. Wenn man möchte, dass sich Dinge verändern, braucht man auch Zeit dafür. Dadurch machen wir kein Schuljahr genauso wie das letzte. Das ist anstrengend. Aber es ist deutlich gesünder als die Haltung: Es war vor 20 Jahren schon nicht gut, aber uns sind ja die Hände gebunden.

 

Das heißt, Sie haben den Mut, Zeiten anders zu füllen, als es im Lehrplan vorgegeben ist? Und gleichzeitig das Vertrauen, dass am Ende die Prüfungen geschafft werden?

Genau! Die Präambeln der Bildungspläne sind oft mit weitem Horizont formuliert, und die Ziele des Zentralabiturs durchaus sinnvoll. Wir waren einfach mutig, uns modernen Ansätzen zu stellen und Wege neu zu gehen. Am Anfang war es eine reine Überzeugungssache. Doch unsere Erfahrung lehrt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das Abitur 2018 hatte einen Schnitt von 1,89 und in diesem Jahr war es 2,07. Das ist weit über dem Berliner Landesschnitt (2,4, Anm. d. Red.). Und wir sind davon überzeugt, dass das, was unsere Schülerinnen und Schüler mitnehmen, weit über diese Dezimalzahl hinausgeht.

 

Was könnte man, auch mithilfe der Anregung von Eltern, leicht an anderen Schulen übernehmen?

Jedes Jahr kommen ca. 1.000 Pädagoginnen und Pädagogen aus ganz Europa zu uns. Und unsere Schülerinnen und Schüler erzählen ihnen, wie Schule läuft. Tendenziell gibt es ja in der Grundschule und in der Sekundarstufe 1 noch eher Spielräume. Doch je weiter es „nach oben“ geht, desto dünner wird die Luft. Da kann gerade das, was hier in der Oberstufe gemacht wird, für viele richtungsweisend sein. Auf unserer Homepage der „Neuen Oberstufe“ kann man sich die Ideen anschauen und davon übernehmen, was für die eigene Situation passt. Wir haben zum Beispiel Tage für die Vermittlung von Lern- und Arbeitskompetenzen eingeführt, bieten aber auch Workshops mit lebenspraktischen Themen an. Wir bringen den Kindern bei, wie sie einen Handyvertrag ausfüllen oder einen Mietvertrag abschließen können. Das kann ganz einfach an jeder Schule installiert werden.

 

Wie können Eltern ihre Kinder am besten in Sachen Schule unterstützen?

Das Wichtigste ist, in einem guten Dialog mit der Schule zu stehen und dass man versucht, mit den Lehrerinnen und Lehrern zu reflektieren: Was läuft gut? Und was sollte sich ändern? Kinder merken, wenn Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen. Wenn Eltern Gutes als selbstverständlich und ohne Dank mitnehmen, dann aber über Schule maulen, ohne sich für Verbesserungen einzusetzen, bringen sie ihre Kinder in die Rolle der „armen Opfer, die die Ungerechtigkeit der Welt passiv erleiden müssen“. Man muss nicht alles gut finden. Aber es hilft, sich so zu verhalten, dass bei den Kindern ankommt: „Hey, das ist eine Herausforderung. Wo liegt darin eine Chance für dich? Lässt sich eventuell etwas an den Umständen verändern?“ Und bloß keine Panik, wenn mal eine schlechte Note nach Hause gebracht wird! Wenn man ehrlich ist, hat man die selbst auch gehabt. Darum dem Kind nicht noch mehr Druck machen. Viel wichtiger ist doch, dass es Freude in der Schule hat.

 

Wann sind denn Ihrer Ansicht nach Sorgen berechtigt?

Wenn Kinder wirklich nicht wissen, was sie wollen, wenn sie dauerhaft antriebslos sind, wenn sie permanent nur am Handy sind, keine Freunde haben, nicht über die Themen reden, die sie wirklich bewegen, wenn sie ein Stück weit verloren sind. Dann sind Sorgen berechtigt. Spielsucht und Internetabhängigkeit sind leider keine Seltenheit mehr. Das sind Dinge, die wirklich relevant sind. Und man sollte nicht scheuen, sich kompetenten Rat und auch therapeutische Hilfe zu holen. Ich hoffe, dass Freundeskreise, Nachbarschaft, Sportvereine oder auch Gemeinden Orte sind, an denen Kinder – auch in Peergroups – ein Gegenüber finden. Dort können sie sich entdecken, merken, wofür ihr Herz schlägt und Leidenschaft entwickeln. Eltern sollten gerade isolierten Kindern diese Erfahrungsräume öffnen und anfangen, sich wirklich für ihr Kind zu interessieren, herauszufinden, was das Kind kann und möchte. Und ihm zugestehen, dass es anders sein darf und andere Interessen hat, als die Erwachsenen sich das manchmal vorstellen. Kinder sind gottgeschaffene, eigenständige Persönlichkeiten mit ganz eigenen Möglichkeiten. Die zu entdecken und zu fördern ist die Aufgabe von Eltern und Lehrerinnen und Lehrern.

Das Interview führte Anna Koppri.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/12/jde_schule-scaled.jpg 2000 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-12-09 16:00:282019-12-16 11:04:16Darum geben wir bis Klasse 9 keine Noten – So arbeitet Deutschlands Vorzeigeschule

Klosterbier im Plattenbau: Wie junge Familien in Amsterdam ein modernes Kloster bauen

Es gibt Orte, die sind schön und schrecklich zugleich. So wie das Amsterdamer Viertel Bijlmermeer. Ein Viertel voller Geschichten und Mythen. Wer dorthin zieht, muss einen guten Grund haben. So wie die Familien, die in eines der Hochhäuser gezogen sind, um ein modernes Kloster zu errichten. Das Porträt einer besonderen Gemeinschaft an einem besonderen Ort.

Der See und die Stadt

Das Wasser war eine ständige Bedrohung. Als wieder ein mal ein Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte und die Deiche dem Druck nicht mehr standhielten, legte man den See trocken. Doch der bahnte sich immer wieder seinen Weg zurück, Jahrhundertelang. Wegen drohender Überflutungen wollte niemand dort wohnen. Der nasse Boden war für Bauern nutzlos. Schließlich schüttete man eine meterdicke Sandschicht über die traurige Landschaft und gründete ein neues Stadtviertel von Amsterdam, das „Bijlmermeer“.

Vor 50 Jahren kamen die ersten Bewohner. Sie sollten den „modernen Menschen“ in der „Stadt der Zukunft“ verkörpern. Plattenbauten, die wie Honigwaben in einer grünen Wüste lagen, streng getrennt von Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und Autoverkehr. Wohnen im Naherholungsgebiet, das hatte der Architekt sich ausgemalt. Doch wer wollte ernsthaft aus dem zehnten Stock nach unten laufen, um stundenlang seine Füße im Teich baumeln zu lassen und unter den Pappeln im Schatten zu liegen? Außer dem: Die parkähnlichen Anlagen waren so groß, dass die Landschaftsgärtner mit der Pflege nicht hinterher kamen. Nach Feierabend verzogen sich die Bewohner in die eigene Wohnung oder blieben im Zentrum von Amsterdam. Bijlmer, wie der Stadtteil auch genannt wird, verkam zur Geisterstadt. Erst nur nach Sonnenuntergang, bald auch tagsüber. Wer konnte, zog weg. Es blieben die Drogen, die Kriminalität, der Verfall.

Der Baum und das Flugzeug

Wie viele Menschen am 4. Oktober 1992 starben, ist nie geklärt worden. 43 Todesopfer fand man, aber vielleicht lag unter dem Schutt noch ein Mensch ohne Aufenthaltserlaubnis begraben. Bijlmer war ein beliebter Zufluchtsort für Leute, die anonym bleiben wollten. In der Abenddämmerung stürzte ein israelisches Frachtflugzeug über dem Viertel ab. Wie ein großer Finger bohrte es sich vertikal durch ein Hochhaus und machte es buchstäblich dem Erdboden gleich. Chaos brach aus. Während Einsatzkräfte versuchten, das zu retten, was nicht mehr da war, kam es zu panikartigen Ausschreitungen und Plünderungen. Zwanzig geheimnisvolle Männer in weißen Anzügen ließen Beweismaterial verschwinden. Anwohner klagten über Gesundheitsbeschwerden, die auf Radioaktivität zurückgeführt wurden. Über die Ladung des Frachtflugzeugs wird bis heute spekuliert. Heute erinnert „der Baum, der alles gesehen hat“ an das Unglück. Anwohner haben in seinem Schatten selbstgemachte Mosaike in den Grund gelegt. Auf einer Mauer neben dem Baum liest man Zitate von Augenzeugen: „Eine schwarze Wolke mit Sternen drin“ oder „Ich sah sie eine Woche vor dem Unglück noch auf dem Spielplatz“.

Auch 25 Jahre nach dem Unglück bleiben Spaziergänger dort stehen und werden still. Einmal im Jahr fliegen keine Flugzeuge über Bijlmer und müssen einen Umweg nehmen, um Amsterdam-Schiphol zu erreichen. Neben dem Denkmal liegt eine dreckige Matratze. Wahrscheinlich hat ein Obdachloser sie dort liegen gelassen.

Noch immer macht Bandenkriminalität das Viertel unsicher – Anwohner erzählen beim Spaziergang von bewaffneten Überfällen, Liquidationen und Razzien und weisen die Tatorte wie Sehenswürdigkeiten an. Gleichzeitig gibt es auch positive Entwicklungen. Über 150 christliche Gemeinschaften sorgen für Licht im Dunkel. Unter oft ärmlichen Umständen versammeln sie sich, auch in Kellern und Parkhäusern. Dort empfangen sie Junkies, vermitteln bei häuslicher Gewalt, beten für die Nöte in ihrer Umgebung. Die Polizei weiß diese Nachbarschaftshilfe zu schätzen, die Christen unkompliziert und ohne großes Publikum leisten. Etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt ein echtes Kloster, das seit zwei Jahren hier angesiedelt ist.

Die Burg und das Kloster

Das „Kleiklooster“ liegt in der „Kleiburg“, einem Hochhaus, das direkt neben der Absturzstelle des Flugzeugs steht. Es überstand das Unglück unbeschadet, doch der Zahn der Zeit nagte so sehr am Beton, dass der Abriss drohte. Bis ein Team von Architekten den hässlichen Riesen für einen symbolischen Euro kaufte. Die Fassade wurde renoviert und die Wohnungen günstig verkauft. Einzige Auflage an die Käufer: die Wohnungen innerhalb eines Jahres wieder bewohnbar machen. Wer wollte, durfte mehrere Einheiten neben- oder übereinander aufkaufen, die Zwischenwände rausbrechen und Treppen bauen.

Das Interesse übertraf alle Erwartungen. Das Hochhaus war vor dem Abriss gerettet und verwandelte sich in ein echtes Schmuckstück. Kleines Sahnehäubchen auf der Erfolgsstory: Nach der Oper in Oslo, dem Neuen Museum in Berlin und der Nationalbibliothek in Paris ging der Mies-van-der-Rohe-Preis, immerhin der wichtigste europäische Architektenpreis, 2017 an die unscheinbare Kleiburg in Bijlmer.

Der Balkon und das Bier

Auf dem sechzig Meter langen Balkon des Kleikloosters wuchert ein provisorischer Gemüsegarten. Kinderspielzeug liegt wild verstreut herum. Acht erwachsene Bewohner versuchen, Farbe ins Grau zu bringen – sechs Kinder helfen Ihnen erfolgreich dabei. Seit sie die Trennwände auf dem Balkon rausgebrochen haben, ist der Zutritt zum Alltag der Klosterbewohner nur eine Terrassentür entfernt. Ihre Privatzimmer kuscheln sich an ein gemeinsames Wohn- und Esszimmer, eine Kapelle und drei Gästezimmer, die zurzeit als Notunterkunft fungieren.

Eine der hier lebenden Frauen sitzt mit ihrer Sozialarbeiterin am riesigen Esstisch und redet beschwörend auf sie ein, ihre beiden kleinen Kinder turnen gelangweilt auf dem Sofa rum. Ein „Geburtskollektiv“ gesellt sich zu ihnen: Hebammen sprechen mit ein paar Frauen aus der Nachbarschaft über Tragetücher, Probleme beim Stillen, Erziehungsfragen. Andere Organisationen bieten Sprachunterricht und Hausaufgabenhilfe an, klären über gesunde Ernährung auf oder über den Ausstieg aus der Prostitution. Im noch leeren Erdgeschoss wird bald ein kleiner Laden eingerichtet, in dem Bauern aus dem Umland ihre Waren anbieten können. Bisher stehen hier nur erstaunlich viele Kisten mit Bier.

Bier?

Tatsächlich braut man hier Klosterbier. So wie die Augustiner, Paulaner, Franziskaner in Deutschland. Jetzt wird auch in Amsterdam ganz traditionell Lebensfreude und Betriebswirtschaft zusammengebracht – irgendwie muss sich das Kleiklooster ja finanzieren. Der Geschäftsführer Martijn ist ehemaliger Pastor, der aus Leidenschaft für das Handwerk seinen alten Job an den Nagel gehängt hat. Der Braumeister Thomas ist Liebhaber, der schon lange in seiner kleinen Küche Bier braute – jeweils 200 Liter für Festivalbesuche mit seinen Freunden. Inzwischen ist sein Hobby zu einer professionellen und erfolgreichen Angelegenheit geworden. Zwar wirkt die kleine provisorische Lagerhalle mit Braukesseln und Lokal ein bisschen verloren zwischen den Hochhäusern. Doch die Bewohner von Bijlmer sind stolz auf „ihr“ Bier. In der Mittagspause und nach Feierabend ist die Brauerei gut besucht. Aus dem Zapfhahn an der Theke fließen die Sorten „Licht“ und „Finsternis“ zusammen – wenn man zu tief ins Glas schaut, kann man die Schöpfungsgeschichte nachlesen. Und man schmeckt die Atmosphäre dieses abschreckenden und anziehenden Viertels.

Das Leid und der Trost

Auch in dem Kleiklooster vermischen sich viele Lebensentwürfe. Die Singles sind nicht alleinstehend. Die Kinderlosen kümmern sich mit um den Nachwuchs der anderen. Zölibat und Mönchskutten kennt man hier nicht. Abt Johannes kichert beim Gedanken daran. Auch ein Gelübde zur lebenslangen Bindung ist noch nicht gesprochen worden. Was macht das Kloster dann zum Kloster? Gottesdienst, Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Leute aus der Nachbarschaft kommen hierher und finden Hilfe – manchmal nur, weil sie ihren Schlüssel abgeben wollen, um nicht auf den Monteur warten zu müssen. Manchmal aber auch, weil sie Schutz vor der Welt da draußen suchen, die es nicht gut mit ihnen meint. Gemeinsame Gespräche, Mahlzeiten und Gebete helfen ihnen genauso viel wie den Klosterbewohnern selbst. Denn auch sie sind in gewisser Hinsicht Bedürftige. So wie Johannes, der eine Lebensform suchte, in der er seinen Glauben leben konnte, oder besser gesagt musste. Denn als introvertierter Mensch war er nicht automatisch gastfreundlich, und seine Gebete gingen oft im Lärm seines eigenen Lebens unter. Also erschuf er sich mit dem Kloster einen Kontext, der ihm half, so wie Jesus in enger Gemeinschaft mit Gott und den Menschen zu leben.

Auch für Jefta ist das Kloster zu einem Zufluchtsort geworden. Er weist auf eine brachliegende Wiese, auf der bis vor kurzem ein Parkhaus stand. Mehr als 100 Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis hausten hier unter erbärmlichen Zuständen. Zusammen mit Freunden wusch er ihre Wäsche, brachte sie zu Ärzten, suchte nach besseren Wohnräumen. Jetzt, da das Parkhaus weg ist, sitzt er auf dem Klosterbalkon und starrt in die Bäume, in denen der Wind rauscht. Neben ihm steht eine Kerze von Amnesty International, die bis zum Stumpf runtergebrannt ist. Jeftas Bedürfnis nach Gottes Hilfe brennt währenddessen mächtiger denn je. In der Kapelle des Klosters hat jemand die Tageslosung aus dem 2. Korintherbrief auf eine Tafel geschrieben: „Gepriesen sei Gott, der uns in all unserer Not tröstet. Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil.“

Das Fenster ist mit Holzbrettern zugenagelt. Nur ein ausgefrästes Kreuz ermöglicht den Blick nach draußen: auf die Bierbrauerei; auf die leerstehenden Gebäude, in denen Gottesdienste abgehalten werden; auf den Baum, der alles gesehen hat auf den zugeschütteten See. Hoffnung schimmert aus der Kapelle in die Nachbarschaft.

Anna-Maria Fennema hat das Kleiklooster besucht und den besonderen Charme dieses Ortes in sich aufgesogen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/Woonkamer.jpg 720 960 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-12-04 15:24:052019-12-04 15:24:05Klosterbier im Plattenbau: Wie junge Familien in Amsterdam ein modernes Kloster bauen

Hat unser Sohn ein Alkoholproblem?

„Unser Sohn (22) wohnt in einer WG, wo gern und häufig gefeiert wird. Nun habe ich mitbekommen, dass er dabei sehr oft zu viel trinkt. Ich mache mir Sorgen, dass er in eine Alkoholsucht hineinrutscht. Aber wie kann ich das ansprechen?“

Für rund 96 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren ist Alkohol bei Feiern, beim Grillen am See oder eben beim WG-Treffen kaum wegzudenken. Für viele gehört Alkoholkonsum einfach dazu. Die Suchtgefährdung darf natürlich nicht vergessen werden. Aber: Nicht immer ist der Konsum gefährlich oder führt gar zu einer Sucht.

ANGST UND UNSICHERHEIT ALS AUSLÖSER?

Der Übergang in die erste Freiheit mit all ihren Risiken und Möglichkeiten ist für Eltern und ihre erwachsenen Kinder eine anstrengende und nervenaufreibende Bewährungsprobe. Die jungen Erwachsenen müssen ihr Leben nun allein organisieren. Es entstehen neue Erfahrungs- und Entwicklungsräume. Gleichzeitig fehlt die enge familiäre Begleitung durch das räumliche Zusammenleben, was mit einem gefühlten „Kontrollverlust“ des Elternhauses einhergeht. Dies sorgt unter Umständen für Angst und Unsicherheit.

Loslassen ist eine der größten Herausforderungen für Eltern. Besonders schwierig wird es, wenn der eingeschlagene Weg des Kindes nicht der gewünschten Norm entspricht oder gar gesundheitsgefährdend ist. In solchen Situationen ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Kontakt zu halten. Hier ein paar hilfreiche Tipps:

  • Situation analysieren: Machen Sie sich ein möglichst breites Bild der Lebenssituation Ihres Kindes. Hat er einen stabilen und verlässlichen Freundeskreis? Wird allein getrunken? Gab es bereits konkrete negative Konsequenzen durch das Konsumverhalten? Gibt es mögliche Gründe für den Konsum (Entspannung, Überforderungen, Hilflosigkeit, Frustrationen)?
  • Werfen Sie einen Blick in die Vergangenheit: Wie und vor allem weshalb wurde in Ihrer Familie Alkohol getrunken? Wie war der frühere Konsum Ihres Kindes? Was wurde konsumiert? Und nicht zu vergessen: Gibt es in Ihrer Familie Suchterkrankungen?
  • Setzen Sie sich mit dem Thema auseinander: Machen Sie sich zur Fachfrau oder zum Fachmann. Im Internet gibt es vielfältige Angebote und Informationen seriöser Institutionen. Hilfreich kann auch ein unverbindlicher Besuch einer Suchtberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe für Angehörige sein.

OFFENER DIALOG

Wichtig ist es, die eigene Haltung durch Fakten und Reflexion zu stärken. So gehen Sie gut vorbereitet in die nächste Phase der Begleitung: den Dialog. Akzeptieren Sie dabei zunächst die Veränderungen im Leben Ihres Sohnes, zeigen Sie Interesse und schaffen Sie ausreichend Zeit und angenehme Situationen zum offenen Dialog. Äußern Sie aber auch Ihre womöglich berechtigten Sorgen und argumentieren Sie mit Fakten, ohne dabei zu dramatisieren. Erwarten Sie jedoch keine Wunder. „Liebgewonnenes“ Verhalten ist nicht leicht zu ändern. Aber es ist möglich. Bleiben Sie im Gespräch und vergessen Sie nicht: Sie tragen nicht die Verantwortung für das Handeln Ihres erwachsenen „Kindes“.

Niko Blug ist hauptamtlicher Mitarbeiter bei blu:prevent, der Suchtpräventionsarbeit des Blauen Kreuzes in Deutschland.
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_alkohol_2.jpg 1412 2118 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-12-03 15:35:222019-11-26 15:46:39Hat unser Sohn ein Alkoholproblem?

Zweirad zu zweit

Gemeinsame Radtouren sind für Christian Rommert und seine Frau eine Herausforderung. Trotz Designer-E-Bike.

„Du hast dir ein E-Bike gekauft?“, fragt mich ein Freund irritiert. Auf seiner Stirn kann ich lesen: „Jetzt wirst du wirklich alt!“ Ich habe ja selbst jahrelang über dickbäuchige, alte Männer mit Fahrradhelm gelästert, die mit ihren Pedelecs verloren den Stadtverkehr unsicher machen. Doch vor ein paar Monaten war die Zeit für mich reif: Ich wollte auch so ein Teil. „Dieses E-Bike ist ein Designer-E-Bike und deshalb mit dem bloßen Auge nicht als E-Bike erkennbar!“, erkläre ich stolz und zeige ihm meine neueste Errungenschaft.

ANGEBER-LEDERSATTEL

Ein holländischer Hersteller hat ein E-Bike für Hipster auf den Markt gebracht. Es sieht wirklich stylisch aus. Es ist mit digitaler Diebstahlsicherung ausgestattet und verfügt über jede Menge smarter Funktionen. Ich kann das Fahrrad von einer App aus ab- und aufschließen und die Gänge steuern. „Das ist schon cool!“, muss mein Kumpel zugeben. Ich habe mir sogar einen handgefertigten Angeber-Ledersattel eines bekannten britischen Herstellers zugelegt. Die bauen die Teile schon seit über 100 Jahren. Das Design des Fahrrads und der Vintage-Look meines Sattels lassen meinen Freund murmeln: „Das sieht wirklich schick aus!“

In der Stadt fahre ich jetzt fast nur noch Rad und wenn ich mal mit dem Zug irgendwo hin muss, parke ich mein Schätzchen in einer der Mietradboxen am Bahnhof. Ich find’s genial. „Jetzt braucht nur noch deine Frau so ein Teil“, sagt mir mein Freund. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn in der Tat waren gemeinsame Radtouren von Katrin und mir bisher ein echtes Problem. Während sie mit hochrotem Kopf nicht hinterherkam, fühlte ich mich permanent unterfordert. Richtig schöne Radtouren machte ich allein oder mit unserem Sohn. Das sollte sich mit der Anschaffung von E-Bikes endlich ändern. Wenn wir beide ein Pedelec haben, könnten wir endlich zu zweit im gleichen Tempo durch die Gegend düsen. „Ja, Katrin hat auch eins“, antworte ich kurz angebunden. „Aber …“, buchstabiert mein Freund, der ahnt, dass längst nicht alles in Ordnung ist. „Naja, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, nehme ich meistens mein altes Fahrrad“, sage ich und erzähle ihm von unseren neuen Schwierigkeiten.

„ECO“ STATT „SPORT“

Katrin hatte sich sofort in ein Fahrrad mit roten Streifen verliebt. Eine 26-Zoll-Version mit starkem Mittelmotor und Rücktritt. Dann kam es zu unserem ersten gemeinsamen Ausritt. Ich düste vorneweg und merke erst an irgendeiner Ampel, dass Katrin nicht mehr da war. Interessanterweise hatte sich durch die Anschaffung eines E-Bikes noch immer nicht Katrins Geschwindigkeit an meine angepasst. Statt die gesetzlich möglichen 25 km/h auszureizen, cruiste sie mit gemütlichen 15 Stundenkilometern über den Radweg. „Du weißt aber, dass du nicht im ‚Eco-Modus‘ fahren musst, sondern ruhig auch mal auf ‚Sport‘ schalten darfst?“, fragte ich und verwies auf die Schülerinnen und Schüler, die sie auf ihren Kinderrädern überholt hatten.

„Eco fühlt sich sicherer an und spart Strom!“, erklärte sie mir, während wir gemeinsam auf Grün warteten. Auf den nächsten Kilometern unserer Tour schaltete ich meinen Motor einfach ab, und es wurde doch noch ein schöner Ausflug. Inzwischen machen wir immer mal wieder gemeinsame Radtouren. Allerdings fährt Katrin E-Bike mit Motor, und ich steige auf mein altes klappriges Herrenrad mit Dreigang-Narben-Schaltung. Dann ist es halbwegs fair – zumindest am Berg. Mein E-Bike, das mit Smartfunktion und dem tollen Design – das steht währenddessen in der Garage.

Christian Rommert ist Autor, Redner und Berater und Fan des VfL Bochum. Er ist verheiratet mit Katrin und Vater von drei erwachsenen Kindern. Regelmäßig spricht er das Wort zum Sonntag in der ARD.
Foto: Wolfgang Wedel

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_rad-scaled-e1574774500349.jpg 1500 2250 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-12-02 15:12:592019-11-26 15:26:31Zweirad zu zweit

Wer bezahlt den Führerschein?

„Meine Tochter (17) will bald ihren Führerschein machen. Die Kosten dafür sind immens. Kann ich von ihr verlangen, einen Teil des Geldes selbst zu verdienen?“

Einen Führerschein zu erwerben, ist tatsächlich eine sehr teure Angelegenheit geworden. Mittlerweile müssen dafür 1.500 bis 2.000 Euro bzw. 3.000 bis 4.000 Franken eingeplant werden. Die Durchfallquoten sind in den letzten Jahren angestiegen und liegen sowohl bei den theoretischen als auch den praktischen Prüfungen bei über 30 Prozent. Eine Prüfung zu wiederholen, lässt die oben angegebenen Kosten nochmals anwachsen. Eine Ausgabe von einer solchen Höhe wird in den meisten Familien eingeplant und erspart werden müssen.

Der Führerschein ist für viele Jugendliche gleichzeitig ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Er ist, je nach Wohnort und Berufswahl, vielleicht auch notwendig. Wichtig ist, das Gespräch mit Ihrer Tochter über den Führerschein auf Augenhöhe zu führen. Wenn Sie Dinge einfach nur verlangen und die Regeln vorgeben, wird das Widerstände in ihr auslösen. Ein Gespräch, in dem Sie, aber auch Ihre Tochter, gleichberechtigt Ihre Wünsche und Vorstellungen äußern und Möglichkeiten aushandeln können, ist zielführender.

NICHT GEGENEINANDER, SONDERN MITEINANDER

Vielleicht ist es Ihnen auch wichtig, dass Ihre Tochter lernt, dass man im Leben nicht alles geschenkt bekommt, sondern es auch anstrengend sein kann, sich Wünsche zu erfüllen. Machen Sie deutlich, dass Sie grundsätzlich eine unterstützende Haltung haben, dass sich Ihr Kind nicht gegen Sie durchsetzen muss, sondern dass Sie sich gemeinsam den durchaus anstrengenden Realitäten des Lebens stellen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander für den Führerschein.

Und dann können Sie gemeinsam kreativ werden und überlegen, wie das Geld für einen Führerschein zusammenkommen könnte. Hier ein paar Möglichkeiten:

  • Ihre Tochter nimmt einen Ferienjob oder Nebenjob an.
  • Großeltern unterstützen in der Regel gern ihre Enkelkinder. Ihre Tochter könnte bei Ihnen um Unterstützung bitten.
  • Ihre Tochter könnte sich zum nächsten Geburtstag oder zu Weihnachten Geld wünschen.
  • Ein gemeinsam angelegtes, zweckgebundenes Sparbuch, bei dem Sie jeden Euro, den Ihre Tochter einzahlt, verdoppeln.
  • Gibt es Erspartes, auf das zurückgegriffen werden kann?

Bei all diesen Überlegungen, die sich um den Führerscheinerwerb drehen, kann schon geklärt werden, wie es danach weitergeht. Zu welchen Bedingungen darf Ihre Tochter das vorhandene Familienauto mitnutzen? Gehen damit auch Verpflichtungen einher, zum Beispiel Einkäufe oder Fahrdienste zu übernehmen? Soll sie sich an der Autopflege beteiligen? Damit wird der Führerschein ein gutes Übungsfeld auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Michaela Schnabel lebt in Witten. Ihre drei Töchter haben einen Führerschein, den sie sich jeweils zu 2/3 selber finanzieren mussten.
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_fuehrerschein_02.jpg 1344 2016 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-12-01 15:08:432019-11-26 15:11:13Wer bezahlt den Führerschein?

Allein nach Berlin?

„Meine 15-jährige Tochter will mit ihrer gleichaltrigen Freundin für ein Wochenende nach Berlin fahren. Sollen wir das erlauben?“

Der Wunsch Ihrer Tochter, allein eine interessante Großstadt zu erkunden, ist absolut nachvollziehbar. Jugendliche wollen unabhängiger werden und die Welt erkunden, was wünschenswert und in Ordnung ist. Gleichzeitig lösen solche Wünsche bei Eltern Ängste und Sorgen aus. Auf einmal wollen die Kinder eine Freiheit erleben, die auch manche Gefahren mit sich bringt. Deswegen sind Ihre Zweifel durchaus berechtigt. Nun gilt es, abzuwägen und altersangemessen auf das Bedürfnis Ihrer Tochter einzugehen.

VERANTWORTUNGSVOLL GENUG?

Ob Sie diese Aktion erlauben sollten, ist allerdings gar nicht so pauschal zu beantworten, sondern hängt von verschiedenen Bedingungen ab. Grundsätzlich können Jugendliche mit Bus, Bahn oder Flugzeug ohne eine erwachsene Begleitperson verreisen. Übernachten die beiden Mädchen bei Freunden oder Familie, ist eine Reise sicherlich unbedenklich, da die Aufsichtspflicht gewährt ist. Etwas komplizierter wird es, wenn sie ohne erwachsene Begleitung in einer Jugendherberge oder einer Ferienwohnung übernachten möchten. Rechtlich ist das für Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr möglich, wenn sie die Zustimmung der Eltern haben.

Offen bleibt die Frage, wie verantwortungsvoll und selbstständig die beiden 15-Jährigen sind und wie sie die Zeit in Berlin gestalten wollen. Bedenken sollten Sie, dass Jugendliche unter 16 Jahren Kinos allein nur bis 22 Uhr und Discos nur mit Sorgeberechtigten besuchen dürfen. Der rechtliche Rahmen ist für öffentliche Veranstaltungen also klar vorgegeben, alles andere liegt im Ermessen der Eltern.

Wie handhaben Sie das Thema „Ausgehzeiten“ grundsätzlich in Ihrem Alltag? Können Sie sich darauf verlassen, dass Ihre Tochter zu abgesprochenen Zeiten zu Hause ist? Werden sich die beiden Mädchen an sicheren Orten aufhalten, wenn sie in der interessanten Stadt Berlin unterwegs sind? Ist das ihre erste Großstadterfahrung? Kann Ihre Tochter gut mit Freiheit umgehen oder überspannt sie gern den Bogen? Wie schätzen Sie diesbezüglich ihre Freundin ein?

ENTSCHEIDUNG ERKLÄREN

Sie merken, ich kann Ihre Frage nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Meine Tendenz ist, eine solche Aktion auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Im Alter von 15 Jahren können die meisten Jugendlichen solche Situationen noch nicht umfassend einschätzen. Wenn Sie es nicht erlauben, sollten sie aber unbedingt erklären, warum Sie so entschieden haben und dass es Ihnen nicht darum geht, den beiden den Spaß zu verderben, sondern um ihre Sicherheit. In zwei Jahren kann ein solches Wochenende vielleicht schon umsetzbar sein. Sicher wird die Enttäuschung erst einmal groß sein, aber wenn Eltern gute Begründungen liefern und klar bleiben, respektieren Jugendliche solche Entscheidungen auch. Noch besser wäre es natürlich, wenn es Kompromisse geben könnte: zum Beispiel eine Tagestour nach Berlin oder das Wochenende mit Papa oder Mama im Hintergrund. Im gemeinsamen Gespräch können Sie bestimmt gute Lösungen finden.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. www.sonja-brocksieper.de Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_deutschland_02.jpg 1472 2208 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-11-30 14:50:272019-11-26 15:00:06Allein nach Berlin?

Machtkämpfe mit dem Sohn

„Mein Sohn (7) und ich rasseln in Alltagssituationen immer wieder so heftig aneinander, dass sofort Streit und eine übermäßig aggressive Reaktion meines Sohnes folgen. Was kann ich tun, um Stellung zu beziehen, ohne in einen Machtkampf zu schlittern?“

Ich finde es prima, dass Sie aus dieser Streitspirale herauswollen und sich fragen, was Sie tun können. Dadurch zeigen Sie sich in Ihrer Rolle als Eltern handlungsfähig.

KURZE VERSCHNAUFPAUSE

Reagieren Sie ruhig, besonnen und klar. Bleiben Sie sich Ihrer Rolle als Mutter oder Vater bewusst. Suchen Sie erst nach einer kurzen Verschnaufpause das Gespräch mit Ihrem Sohn über seine Reaktion auf die erlebte Situation. Das ist effektiver als eine Klärung während des Streites. Erklären Sie Ihrem Kind, wo Ihre Grenzen sind und was es tun kann, um besser zu reagieren. Fragen Sie ihn auch, was ihn so aufgeregt hat, und nach hilfreichen Ideen für die nächste Situation.

Es könnte auch hilfreich sein, die Situation mit Abstand zu betrachten und sich zu fragen: Wie würde ich in Ruhe und Gelassenheit reagieren? Auf welche Lösungsideen würde ich kommen? Spannend könnte auch sein, ein Verhaltenstagebuch zu führen. Notieren Sie für einige Zeit nach den Konfliktsituationen: Wann traten sie auf und wie liefen sie ab? Was war vorher? Gibt es ein sich wiederholendes Muster? Was könnte das Ursprungsproblem sein? Wie habe ich reagiert? Mit Hilfe dieser Beobachtung sind häufig konstruktive Lösungen des Problems in Sichtweite.

FREIRAUM ZUGESTEHEN

Kinder müssen im Laufe ihrer Entwicklung folgende Grundfertigkeiten erlernen, die sie auf ein eigenständiges Leben vorbereiten:

– Miteinander reden: So lernen Kinder, eigene Bedürfnisse, Meinungen oder Ideen mit Sprache und Gestik zum Ausdruck zu bringen. Ebenso lernen sie, auf Anweisungen von Erwachsenen zu hören und diese zu befolgen. Hierzu gehört auch, dass sie erlernen, durch ihr Handeln Situationen zu beeinflussen und somit Selbstwirksamkeit zu erfahren.

– Selbstständigkeit erwerben: Mit zunehmendem Alter wollen Kinder ihren Lebensraum erweitern, selbstständiger und unabhängiger von den Eltern werden. Es fordert uns heraus, unseren Kindern den Freiraum zur Eigenständigkeit auch in wachsendem Maße zuzugestehen.

– Aufgaben und Probleme selbst lösen: Kinder brauchen den Freiraum, Fragen zu stellen, eigene Ideen und Lösungen zu entwickeln und diese auch auszuprobieren. Auch wenn wir Eltern manches für unmöglich halten, ist es dennoch wichtig, auch die Teillösungen zu feiern oder Scheitern zu akzeptieren.

– Den Umgang mit Gefühlen lernen: Eigene Gefühle wahrzunehmen und sie angemessen zum Ausdruck zu bringen, ist für Kinder nicht immer leicht – insbesondere, wenn die Gefühle intensiv erlebt werden. Diese Lernfelder fordern uns Eltern manchmal ganz schön heraus. Auftretende Schwierigkeiten mit dieser Brille zu sehen, kann uns aber dabei helfen, die Frustration unserer Kinder zu verstehen und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Unsere Kinder brauchen Zeit und Raum, um sich zu entwickeln.

Sandra Schreiber ist Beraterin und Systemischer Elterncoach im „LebensRaum Gießen“.
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_machtkampf_2.jpg 1505 2258 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-11-28 14:40:352020-01-16 16:07:27Machtkämpfe mit dem Sohn

„Wie werden wir den Schnuller los?“

„Der Kinderarzt hat uns nahegelegt, unserer Tochter (3,5) den Schnuller abzugewöhnen. Wie gehen wir am besten vor?“

Der Schnuller gehört zum Alltag vieler Kinder. Ein Baby hat das Bedürfnis zu saugen, das man ruhig unterstützen kann, denn das Saugen – an der Brust oder an einem Schnuller – trainiert nicht nur Muskelfunktion, Kiefer und Gebiss, sondern beruhigt das Baby auch. Mit den ersten Milchzähnen löst der Kaureflex den Saugreflex ab. Bereits am Ende des ersten Lebensjahres wäre also ein guter Zeitpunkt, dem Kind den Schnuller abzugewöhnen.

SPRECHEN SIE MIT IHREM KIND!

Ihr Kind trägt den Schnuller nun schon viel länger – und das wahrscheinlich aus gutem Grund. Oft ist der Schnuller auch für die Eltern ein Instrument, das „in Not“ hilft, von Unruhe befreit. Es ist die „kleine Sicherheit“. Wenn Eltern den Schnuller ungern weglassen, spürt das Kind es. Wie soll es sich vom Schnuller verabschieden, wenn es in Ihnen die Angst vor dem Loslassen fühlt? Umso wichtiger ist es, dass erst einmal Sie Entschlossenheit und Natürlichkeit zu diesem Thema finden. Lösen Sie sich zunächst selbst von der Schnuller-Zeit. Inkonsequenz und Unsicherheit ziehen die Abgewöhnungsphase unnötig in die Länge und verunsichern das Kind.

Wenn Sie so weit sind, suchen Sie einen Zeitraum für die Abgewöhnungsphase von etwa drei Wochen. Sprechen Sie auch mit ihrem Kind über das Thema. Manchmal wirkt es so, als würden Kinder nicht verstehen oder abblocken, weil sie woanders hinsehen oder etwas antworten, das nicht zum Thema passt. Wenn Ihr Kind jedoch beiläufig beginnt, Fragen zu stellen, im Spiel darüber redet, merken Sie, wie Sie Vorarbeit leisten. Hilfreich kann auch die neutrale, gemeinsame Beobachtung von erwachsenen Vorbildern oder Alltagshelden der Kinder sein, wie die Polizistin oder der Müllmann, und die Feststellung, dass sie keine Schnuller tragen.

SCHNULLER NICHT EINFACH WEGWERFEN

Unterschätzen Sie nicht die emotionale Bindung, die Ihr Kind bereits zum Schnuller hat. Er gehört zur Wirklichkeit des Kindes, der Gewohnheitsfaktor ist entsprechend hoch, aber auch die Sicherheit und Verbundenheit zu ihm. Es ist deshalb nicht ratsam, den Schnuller achtlos wegzuschmeißen. Schmieden Sie einen Plan, der zu ihnen als Familie passt. Stärken Sie den eigenen Willen des Kindes, sich auf die Neuerung einzulassen und unterstützen Sie so die Loslösung. Neben der Schnullerfee, dem Vergraben des Schnullers im Garten, um zu sehen, ob ein Schnullerbaum wächst oder dem Verschenken des Schnullers an fiktive oder echte andere Babys gibt es viele Ideen, die Kindern und Erwachsenen dabei helfen, den Weg in die „Schnuller-Freiheit“ zu finden.

Kindern, die der Logik sehr verbunden sind, kann es aber auch helfen, wenn sie den Schnuller zu einem selbstgewählten Zeitpunkt allein mit einer Schere zerschneiden. Sie werfen ihn selbst weg und wissen genau, dass der Schnuller nun kaputt ist und von der Müllabfuhr mitgenommen wird, weil er nicht mehr gebraucht wird. Bleiben Sie in jedem Fall wohlwollend und liebevoll. So werden Sie Ihr Kind gut in die „Schnuller-Freiheit“ führen.

Irina Kostic ist Kinderkrankenschwester, Autorin und Schulsozialarbeiterin. Sie lebt mit ihrem Ehemann und vier Kindern in Nordfriesland. www.irinakostic.de
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_schnuller_2.jpg 1320 1980 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-11-26 14:38:412019-11-26 14:38:41„Wie werden wir den Schnuller los?“

Vorsicht vor Smart-Spielzeugen!

Smart-Spielzeuge sind im Trend. Aber sie haben oft Schwachstellen: Hacker können Eltern ausspionieren und mit Kindern sprechen. Daniel Markuson, Experte für digitalen Datenschutz bei NordVPN, gibt in diesem Gastbeitrag Tipps, wie Eltern das Risiko minimieren können.

Stelle Nachforschungen an. Bevor du ein Spielzeug kaufst, solltest du online nach Kundenrezensionen und Expertenmeinungen suchen, um Beschwerden oder Sicherheitsprobleme bereits im Voraus zu identifizieren. Namhafte Unternehmen geben wahrscheinlich auch an, welche Daten sie erheben und wie sie sie verwenden. Vergiss nicht, dir die Datenschutzerklärung und allgemeinen Geschäftsbedingungen des Herstellers auf der Website durchzulesen.

Händige deine Daten nicht einfach so aus. Manche Spielzeuge und Spiele erfordern eine Registrierung, damit man den vollen Spielspaß und Updates erhält. Sei bei der Registrierung vorsichtig, welche Informationen du preisgibst. Die Entwickler benötigen deine E-Mail-Adresse, um dich über Updates zu informieren, aber weitere Informationen sind größtenteils unnötig.

Nutze ausschließlich sichere WLAN-Hotspots. Bevor du ein Smart-Spielzeug mit einem WLAN-Hotspot verbindest, solltest du dich vergewissern, dass er sicher ist und ein starkes Passwort besitzt. Solche Gadgets mit einem öffentlichen WLAN-Hotspot zu verbinden, wird nicht empfohlen, da diese leicht gehackt werden können. Außerdem solltest du, sofern möglich, ein Passwort für das Spielzeug festlegen.

Überprüfe die Gespräche. Manche Smart-Spielzeuge ermöglichen Kindern, untereinander zu sprechen, wenn es mit demselben Spielzeug oder Spiel spielt. Vergewissere dich, dass du deinem Kind erklärst, was personenbezogene Daten sind, und weshalb es diese nicht teilen darf. Überprüfe die Gespräche hin und wieder, um sicherzustellen, dass dein Kind nicht mit Fremden spricht, die lediglich vorgeben, ein Kind zu sein. Renommierte Hersteller bieten Eltern immer die Option, um die gespeicherten Informationen einzusehen.

Schalte es aus, wenn es nicht genutzt wird. Wir empfehlen, das Smart-Spielzeug auszuschalten, wenn es nicht verwendet wird, damit es nicht länger Daten erhebt. Wenn das Spielzeug über ein Mikrofon verfügt, solltest du es in einer Schublade oder Kiste verstauen, damit es schwieriger ist, Gespräche aufzunehmen. Und Spielzeuge mit einer Kamera können verdeckt oder mit der Linse zur Wand gestellt werden.

Melde die Verstöße. Wenn dir etwas Ungewöhnliches auffällt oder ein Spielzeug von einem Hacker kompromittiert wurde, solltest du eine Beschwerde an die staatliche Behörde einreichen. Es hilft vielleicht nicht dir persönlich, aber du hilfst dabei, das Internet zu einem sichereren Ort für alle zu machen und übst Druck auf den Hersteller aus, damit er die Sicherheitsbestimmungen nicht länger ignoriert.

Daniel Markuson ist Experte für digitalen Datenschutz bei NordVPN, einem VPN-Anbieter, der besonders viel Wert auf Sicherheit legt.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/AleksandarNakic_GettyImages-1151041999.jpg 1414 2121 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2019-11-22 12:23:422019-11-22 12:23:42Vorsicht vor Smart-Spielzeugen!

Das Baby schreien lassen?

„Meine Freundin lässt ihr wenige Wochen altes Baby schreien, damit es lernt, allein zu schlafen. Ich finde es nicht nur viel zu früh, sondern auch falsch. Was kann ich tun?“

Ihre Gefühle kann ich gut verstehen. Wichtig wäre mir noch zu klären: Was meint Ihre Freundin mit „allein schlafen“? Heißt das „ganz allein in seinem Bettchen, ohne seine Mama zu spüren“? Und wenn ja, wie kam Ihre Freundin dazu, so zu handeln?

OFFEN REDEN

Manche Babys schreien gerade in den ersten drei Lebensmonaten sehr viel und finden schwer in den Schlaf. In der Regel nimmt eine Mutter ihr schreiendes Baby ja intuitiv zu sich und versucht es zu trösten, bis es sich beruhigt hat. Doch das andauernde Schreien kann für Mütter sehr herausfordernd und gleichzeitig auch verunsichernd sein. Solche Erfahrungen machen sie empfänglich für Ratschläge von anderen, die nicht immer hilfreich und gut sind. Woher kommt dieser Rat? Welche Erziehungsvorstellung steckt dahinter? Womöglich: Die Erwachsenen geben vor, wie ein Kind „funktionieren“ soll, ohne dabei die kindlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Früher wurde dies oft so gehandhabt, und natürlich haben die Kleinen dann irgendwann resigniert und sind vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber mit welch trauriger Grunderfahrung: „Niemand ist da, keiner hilft mir!“ Wie fühlt sich eigentlich die Mama dabei, wenn sie ihr Baby im Nebenraum schreien hört? Reden Sie offen und achtsam mit Ihrer Freundin. Fragen Sie sie, wie es ihr geht. Was sind ihre Sorgen oder Nöte? Wie würde sie es eigentlich lieber machen? Wer kann sie dabei ermutigen und ihr guttun? Wer kann sie praktisch unterstützen? Ich glaube, in ihrem „Mama-Herzen“ weiß sie, wie es richtig wäre, aber dafür braucht sie Mitgefühl und Entlastung.

URVERTRAUEN ENTWICKELN

Wenn ein Baby schreit, gibt es immer einen Grund dafür – auch wenn es satt und gewickelt ist. Oft, vor allem nach einer langen Wachphase, drückt es damit aus: „Es geht mir nicht gut, Mama, ich brauche dich! Ich bin so aufgewühlt, ich kann noch nicht einschlafen!“ Je kleiner es ist, umso mehr braucht ein Baby eine ruhige, vertraute Person, in deren Armen es sich gehalten fühlt und seinen Stress rausschreien darf. Diese Erfahrung ist wichtig, um Urvertrauen entwickeln zu können. Erst auf dieser Basis von Geborgenheit kann ein Kind zum späteren Zeitpunkt lernen, allein (ein-)zu schlafen.

Dazu braucht es aber Zeit (mehrere Monate), in denen kindliche Entwicklungsprozesse reifen können, Rituale vertraut werden und das Kind tief verinnerlicht hat: „Mama ist da, auch wenn ich sie nicht sehe oder spüre. Ich kann sie rufen und sie wird mir helfen, wenn ich sie brauche.“ Den Zeitpunkt kann man nicht vorher festlegen. Das Baby oder Kleinkind zeigt es von sich aus, wenn es sich entspannt ablegen lässt und Mama den Raum verlassen kann, ohne dass es schreien muss.

Beate Döbel arbeitet als Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis. Viele Jahre begleitete sie vor allem Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. www.therapiepraxis-doebel.de Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2019/11/family_baby.jpg 1324 1986 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2019-11-16 10:42:252019-11-12 10:43:08Das Baby schreien lassen?
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