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Schlagwortarchiv für: Eltern-Kind-Beziehung

Beiträge

„Gut genug“ statt Perfektion: Was Eltern und Kinder wirklich stark macht

Familien brauchen mehr Ehrlichkeit und weniger Perfektion, meint Domenik Schuster, Filmemacher und Initiator von „Good Enough Parents“. Im Interview erklärt er, worauf es ankommt.

Wie entstand die Idee zu „Good Enough Parents“?

Als ich mit 21 Jahren Vater wurde, hat mich überrascht, welche Überzeugungen über Kinder ich im Kopf hatte. „Du darfst ein Kind nicht verwöhnen“ oder „Kinder müssen schnell selbstständig werden!“ Als aus unserem Baby ein Kleinkind wurde, fiel mir immer mehr auf, wie oft wir uns über die Bedürfnisse von Kindern hinwegsetzen. Ich wollte verstehen, woher das kommt. Das war der Anstoß zu meinem ersten Film „Good Enough Parents“, in dem ich mit Historikerinnen, Kinderärzten, Psychologinnen und Pädagoginnen gesprochen habe.

Als Eltern „good enough“ zu sein, klingt wohltuend unperfekt. Was bedeutet das im Familienalltag?

Ich bewundere alle Eltern, die hohe Ideale haben. Wir wollen es gut machen: Selbstwert stärken, Gefühle begleiten, zugewandt sein. Wir wollen unsere Kinder auf eine Welt vorbereiten, von der wir nicht wissen, wie sie sein wird und was unsere Kinder dafür brauchen. Und nebenher versuchen wir noch, irgendwie Gemüse in die Kinder zu bekommen. Es gibt so viele Ideale, an denen wir scheitern können. Wenn wir mehr über das Scheitern sprechen, ohne unsere Ideale zu vergessen, haben wir mehr Kraft, die Eltern zu sein, die wir sein wollen. Am Tagesende neben dem schlafenden Kind zu liegen und zu denken: „Da war heute viel Schönes dabei. Ich mache das echt okay so“ – das tut uns besser als Selbstabwertung.

Warum ist der ehrliche Austausch unter Eltern wichtig?

Ich finde das Gefühl schrecklich, wenn ich wieder ein Instagram-Video von einem kleinen Kind sehe, dass montessori-gerecht Holzspielzeug stapelt und einen Babyccino schlürft, während meine Kinder mit einer Bratpfanne eine Delle in den Holzboden hauen. Das macht Druck und baut Versagensgefühle auf. Mit meinen Filmen will ich keinen Druck machen, sondern Eltern stärken, damit es Kindern besser geht. Die Hauptbotschaft ist: Eltern, bleibt zugewandt – euch selbst und euren Kindern gegenüber!

Was hilft dir, im Elternsein „good enough“ zu bleiben?

Ich lerne immer mehr, mich um mich zu kümmern. Das ist nicht leicht, weil man als Eltern die eigenen Bedürfnisse schnell aus dem Blick verliert. Ich frage mich: Was tut mir gut? Wie tanke ich Kraft für den Alltag? Wie reguliere ich mein Nervensystem? Mir hilft Bewegung – Sport oder mindestens ein langer Spaziergang am Tag. Und Schlaf – soweit das mit bald vier Kindern möglich ist.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Elternschaft funktioniert nicht als Einzelleistung?

Seit Tag eins hatte ich das Gefühl, dass Elternschaft in unserer Kleinfamilien-Isolation gar nicht funktioniert. Freunde, die Essen im Wochenbett vorbeibringen, ein Spaziergang, um über das Erlebte zu sprechen – das macht einen Unterschied. Wir Erwachsenen brauchen andere Erwachsene. Es ist nur nicht so leicht, verbundene Familienfreundschaften aufzubauen und zu halten.

Der Volksmund sagt, man braucht ein Dorf als Unterstützung. Warum fehlt dieses Dorf so vielen Familien?

Viele Familien sind enorm eingespannt. Wohnraum und Lebenshaltung sind teuer, die Arbeit frisst viel Zeit, der finanzielle Druck erzeugt Turbostress. Viele Familien kreisen sehr um sich selbst, während sie versuchen, den Kopf über Wasser und den Alltag am Laufen zu halten. Ich denke oft: Alle Eltern aus unserem Kindergarten kochen ungefähr zur gleichen Zeit Abendessen und stellen sich die gleichen Fragen. Aber wenige bieten sich gegenseitig Unterstützung an. Wenn Familien alles selbst stemmen, geht Kraft verloren. Aber diese Kraft braucht es für ein verbundenes Miteinander, Gesundheit und für gemeinsame Erinnerungen, die uns als Familie tragen. Der Dorf-Gedanke beginnt für mich dort, wo Eltern gemeinsam über Lösungen nachdenken. Ich biete Freunden an, einmal in der Woche auf ihre schlafenden Kinder aufzupassen – dafür bekommen wir das an einem anderen Abend zurück. Solche Absprachen schaffen Freiräume.

Welchen Vorteil siehst du noch im „Dorf“?

Wir als Eltern können nur einen kleinen Teil der Lebensrealitäten und Wertesysteme zeigen. Andere authentische Erwachsene eröffnen neue Perspektiven: Wie kann man aufs Leben blicken? Womit seine Zeit verbringen? Welche Ziele verfolgen? Das inspiriert.

Mit deiner Instagram-Seite und der „Good Enough Parents“-App schaffst du Räume für Vernetzung – also Dörfer. Wie funktioniert das konkret?

Für viele Eltern ist es schwer, neue Elternbekanntschaften zu machen, obwohl wir ständig anderen Eltern begegnen. Aber in der Kita-Garderobe oder auf dem Spielplatz sind wir oft sehr auf unsere Kinder fokussiert. Im virtuellen Raum kann man entspannter kommunizieren. In der App gibt es Raum für Ratsuchende und Ratgebende. Wir Eltern haben viel Erfahrung, weil wir so viel Zeit mit dem Elternsein verbringen. Ich glaube an Schwarmintelligenz, wenn Menschen mit einer zugewandten Haltung gegenüber Kindern zusammenkommen. Der Austausch dort ist sehr wertschätzend. Außerdem bietet die App eine Community-Karte, über die sich Mitglieder in der gleichen Region finden und bei Interesse auch persönlich vor Ort treffen können.

Wenn du dir für Familien ein Dorf wünschen dürftest – wie würde es aussehen?

Es braucht Mut, nach Hilfe zu fragen, und Lust auf unkonventionelle Lösungen. Wenn man Gedanken wie „Wir waren seit einem Jahr nicht mehr nur als Paar essen“ mit anderen teilt, können Unterstützungssysteme entstehen. Genau das ist das Dorf: ein tragendes Netzwerk.

Das Interview führte Lisa-Maria Mehrkens.

Mehr Infos zu Domenik Schuster und seiner Arbeit unter goodenoughparents.de oder auf ­Instagram @goodenoughparents.de. Die App mit Eltern- und Paarberatungsangeboten findet ihr auf steady.de unter dem Stichwort „Good Enough Parents“. Filmtipp: „Liebe, Wut & Milchzähne“, Buchtipp: „Nein, der Rasenmäher darf nicht mit ins Bett.“

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/08/glueckliche-Familie_GettyImages_evgenyatamanenko_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1359 2205 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-08-04 14:04:432026-08-04 14:04:43„Gut genug“ statt Perfektion: Was Eltern und Kinder wirklich stark macht

Halb Begleiter, halb Prellbock: Wie Eltern ihre Teenager bei der Berufswahl unterstützen

Die Pubertät fordert Eltern schon genug heraus. Und dann sollen sie noch bei der Berufswahl unterstützen? Ein Vater berichtet.

Durchlässigkeit – dieser Begriff ist mit dem Bildungssystem in Deutschland und der Schweiz so untrennbar verbunden wie das Amen mit der Kirche. Dieser Begriff steht für Chancengleichheit und Flexibilität. Bis man begreift, dass diese Flexibilität uns Eltern und unsere Kinder in permanente Entscheidungs- und Anpassungssituationen wirft. Durchlässigkeit in der Bildung ist essenziell, aber auch anspruchsvoll. Vor allem in der Schweiz müssen Jugendliche bei der Berufswahl sehr früh wegweisende Entscheidungen zu ihrer Zukunft treffen. Zum ersten Mal bewusst wurde meiner Frau und mir dies mit dem Eintritt unseres ersten Sohns in die Oberstufe, als er gerade 12,5 Jahre alt war. Heute ist er 17.

Marathon im Sprinttempo

Mittlerweile ist auch unser jüngerer Sohn an diesem Scheideweg angekommen. Das zweite Oberstufenjahr (die 8. Klasse) stand ganz im Zeichen der Berufswahl: Betriebssuche, Eignungs- und Stellwerktests, in denen der Lernstand abgefragt wird, Vorstellungsgespräche und Schnupperlehren (Kurzpraktika), alles formal straff organisiert. Heute reicht selbst für Schnupperlehren kein schnelles Anfragen mehr: Motivationsschreiben und Lebenslauf müssen eingereicht werden und das oft Monate im Voraus, weil Plätze rar sind.

Egal, ob man ins Kurzzeitgymi (die gymnasiale Oberstufe in der Schweiz nach der 8. bzw. 9. Klasse) will oder plant, eine Lehre zu machen: Alle sollen schnuppern. Die Erwartung: Jugendliche sollen Initiative zeigen, Selbstverantwortung übernehmen, sich reflektieren, Feedback verarbeiten und realistische Ziele setzen. Sie sollen wissen, was sie wollen – in einem Alter, in dem sie kaum wissen, wie man den Geschirrspüler einräumt.

Auch wir Eltern sind gefordert und helfen, weil das System es verlangt. Wir investieren gemeinsam mit den Kindern Wochenenden in Lebensläufe, feilen an Motivationsbriefen und klicken uns durch Webseiten mit Lehrbetrieben. Und dazu diese Fragen, immer wieder dieselben, stets präsent: Ist er schon reif für die Arbeit? Oder wäre Schule besser, wenn die Noten reichen? Wo liegen seine Interessen und passen sie zu seinen Stärken? Ist das eine gute Ausbildung oder nur die erstbeste? Würde er glücklich sein in dem, was er tut? Wenigstens für die Zeit der Lehre. Wenigstens bis zum Abschluss.

Wenn das Hirn umgebaut wird

Diese anspruchsvolle Phase für Kinder und Eltern fällt ausgerechnet in die Zeit der Pubertät, in der die Hormone den Takt angeben. Türen werden dramatisch zugeschlagen, Beine wachsen schneller als die Jeansindustrie, Stimmen brechen, Zimmer verwandeln sich in textile Lagerstätten und der Kinderzimmerboden ist Lava. Hinzu kommen die gelegentlichen Wutausbrüche, wenn sich wieder einmal die ganze Gaming-Welt gegen einen verschworen hat. Seit dem letzten Ausbruch hat der Kleiderschrank keine Türen mehr. Wir versuchen, es locker zu sehen. Offene Schränke als Kontrast zu geschlossenen Zimmertüren. Denn einen neuen Schrank gibt’s nicht.

Die Pubertät ist ein biologisches Großprojekt: Das Gehirn wird umstrukturiert, das Selbstbild mutiert. Wer heute lacht, brüllt morgen. Und wer sich gestern noch an zeitliche Abmachungen hielt, lotet jetzt Grenzen aus oder überschreitet sie. Wir Eltern versuchen, uns dies immer wieder vor Augen zu halten, ohne dabei unsere eigenen Werte zu sabotieren. Dies ist einfacher gesagt als getan. Vor allem dann, wenn das Kind plötzlich Ansichten vertritt, die den eigenen diametral entgegengesetzt sind. In solchen Momenten fragt man sich, wie viel davon Provokation ist, was auf den Einfluss von Freunden und sozialen Medien zurückgeht und was einfach Charakter ist.

Ausbildungsstart mit Hindernissen

Dabei haben wir das alles schon einmal durchgemacht: Vor knapp zwei Jahren durfte unser älterer Sohn seinen Lehrvertrag in der Hotellerie unterzeichnen. Fast ein ganzes Jahr vor dem Start. Das ist heute nicht unüblich, aber auch ein zweischneidiges Schwert. Sicherheit und Erleichterung auf der einen und ein unübersehbarer Schlendrian im letzten Schuljahr auf der anderen Seite. Die Umstellung des Lebensrhythmus bei Ausbildungsstart war brutal: Arbeitszeiten ab 5:30 Uhr, Wochenenddienste, wenn die Freunde frei haben und anspruchsvolle Gäste in Hochstimmung, während man selbst regelmäßig im Tal der Tränen ist. Die Realität frisst jede Romantik.

Dazu kommen die Erwartungen in einer Erwachsenenwelt. Der raue Ton, der teilweise herrscht – was keine Kritik am Betrieb sein soll, sondern einfach der Schnelllebigkeit und dem On-Demand-Anspruch des Geschäfts geschuldet ist. Nach wenigen Monaten war klar: Diese Lehre wird kein Spaziergang.

Wecken oder verschlafen lassen?

Unweigerlich stellt sich einem die Frage, wie weit die elterliche Unterstützung gehen soll und wo die Eigenverantwortung beginnt, ohne dadurch die Ausbildung zu gefährden. Wann helfen wir zu viel, wann zu wenig? Soll man den Sohn morgens wecken, damit er nicht zu spät kommt? Oder lassen wir ihn verschlafen, um ihm die Konsequenzen zu zeigen?

Elternsein in dieser Phase bedeutet oft, die Kontrolle zu verlieren, ohne die Verantwortung abzugeben. Wir stehen im Dazwischen, sowohl moralisch als auch emotional. Unsere Kinder sind halb Kind, halb Erwachsene. Und wir selbst sind halb Begleiter, halb Prellbock. Das führt auch bei uns zu Konflikten. Mit der Partnerin, mit sich selbst. Denn wer hält wem den Rücken frei? Wer ist zu weich, wer zu hart? Wer zieht die Grenzen und verteidigt sie, wenn sie überschritten werden? Wir jonglieren Jobs, Haushalt, Elternabende und außerschulische Aktivitäten. Unser Respekt gilt denen, die das allein bewältigen. Meine Frau und ich sind dankbar, dass wir uns stützen können und zugleich demütig angesichts unseres Privilegs.

Ein gutes Jahr ist vergangen, seit unser Sohn seine Lehre begonnen hat. Ein Jahr gespickt mit kleinen Dramen, Zweifeln und Auseinandersetzungen. Mal laut, mal leise, mal völlig sinnlos, mal überfällig. Dazwischen das eine oder andere Gespräch mit dem Lehrbetrieb und einige schlaflose Nächte. Auch psychologische Unterstützung war ein Thema. Aber Kinderpsychologen sind derzeit auf Monate hinaus ausgebucht. Hilfe ist genau dann nicht erreichbar, wenn man sie bräuchte. Unterstützung kann sich aber auch anders zeigen. Wenn wir andere Eltern treffen, sei es bei Schulanlässen, im Quartier oder zufällig im Zug, hören wir oft: „Bei uns ist es gerade auch streng.“ Man lacht, man nickt, man schweigt. Aber man weiß: Wir sind nicht allein.

Überraschende Begegnungen

Und dann geschieht Erstaunliches: Unsere Kinder treten wieder häufiger aus eigenem Antrieb in Beziehung. Sie fragen vor dem Schlafengehen: „Legst du dich noch kurz zu mir rein?“, um sich dann zusammen an schöne gemeinsame Erlebnisse zurückzuerinnern. Sie bleiben nach dem Essen länger am Tisch als früher und reden mit. Ein andermal kommen sie aus ihren Zimmern und fangen von sich aus an, über ihren Alltag zu erzählen. Wir führen Gespräche, die Tiefe haben: über Stress, über Sinn und darüber, was sie gerade beschäftigt. Tags darauf sagt eine Nachbarin im Treppenhaus, was für „flotte und zuvorkommende Buben“ man doch habe. Und wir merken: Unsere Bemühungen wirken. Zwar nicht alle und nicht immer. Aber etwas. Genug. Das ist kein plötzlicher Entwicklungssprung, sondern das Ergebnis unzähliger kleiner Prozesse. Jene stille Emanzipation, die im Alltag kaum auffällt, aber rückblickend fundamental ist.

Unsere Rolle verändert sich. Wir stellen Fragen, statt Antworten zu geben. Wir begleiten, statt zu führen. Ja, Sorge und Frust gehören dazu. Aber ebenso Freude, Mitgefühl und Akzeptanz. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der wir Eltern uns an die neuen Rollen und Beziehungen gewöhnen müssen, während unsere Kinder sich von uns lösen und eine eigene Identität entwickeln.

Zuversichtlich

Wir können nicht alles verhindern. Wir können nicht vorwegnehmen, wie es weitergeht. Aber wir können Vorbilder sein und vorleben, was wir uns von unseren Kindern wünschen: Dass sie achtsam durchs Leben gehen. Dass sie ihre Mitmenschen respektieren und rücksichtsvoll mit den Ressourcen auf unserer Erde umgehen. Wir können hoffen, dass sie lernen, Verantwortung zu tragen. Für sich selbst. Für die, die sie lieben. Dass sie ein Umfeld haben, das hält, wenn es schwierig wird. Aber vor allem, dass sie glücklich sind. Egal womit.

Wir sehen uns als Wegbegleiter für unsere Kinder und wollen keine Mini-Mes, sondern Kinder, die zu eigenständigen jungen Erwachsenen heranreifen. Der Jüngere will jetzt doch weiter zur Schule und auf die Aufnahme ans Kurzzeitgymnasium hinarbeiten. Beim Älteren haben die Schlaglöcher auf seinem Ausbildungsweg seit dem Start ins zweite Lehrjahr abgenommen. Manchmal spricht er sogar davon, nach der Lehre noch eine Weiterbildung zu machen. Und das lässt uns mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Der Autor möchte anonym bleiben. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Luzern.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Vater-und-Teenager_GettyImages_Jacob-Wackerhausen_iStock_Getty-Images-Plus-scaled.jpg 1582 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-30 14:58:122026-07-30 14:58:12Halb Begleiter, halb Prellbock: Wie Eltern ihre Teenager bei der Berufswahl unterstützen

Einsamkeit bei Kindern: Diese Warnsignale sollten Eltern kennen

Einsamkeit betrifft nicht nur Außenseiter. Auch Jugendliche mit intaktem Freundeskreis können sich einsam fühlen. Erziehungscoach Daniela Albert kennt die Warnsignale und zeigt, worauf Eltern achten sollten.

Wenn wir an Einsamkeit bei Kindern und Teens denken, haben wir manchmal bestimmte Bilder vor Augen: das Kind allein in seinem Zimmer. Eltern, die viel arbeiten oder deren Alltag von Schwierigkeiten und Krisen geprägt ist, die es kaum möglich machen, emotional für die eigenen Kinder verfügbar zu sein. Vielleicht denken wir auch an Einzelkinder oder Kinder mit wenigen Freunden.

All das gibt es natürlich, und die genannten Bilder spiegeln Gründe für Einsamkeit wider. Doch bilden sie das Thema längst nicht in seiner Komplexität ab. Denn auch Kinder und besonders Teenager, die nach außen gut angebunden an familiäre Netzwerke und Freundeskreise erscheinen, können sich einsam fühlen. Gleichzeitig können Menschen, die nur wenige Kontakte haben und oft allein unterwegs sind, sich so ausreichend mit anderen verbunden fühlen, dass ihnen Einsamkeit fremd ist.

Einsamkeit bedeutet dabei nicht einfach, allein zu sein. Sie beschreibt das schmerzhafte Gefühl, keine tragfähige Verbindung zu anderen zu haben, sich nicht gesehen, verstanden oder zugehörig zu fühlen. Gerade bei unseren Kindern und Teens kann das weitreichende Folgen für die emotionale Entwicklung, das Selbstwertgefühl und die psychische Gesundheit haben.

Alarmsignale

Einsamkeit hat kein eindeutiges Gesicht. Dazu kommt, dass besonders Teens sich oftmals schämen, über das, was sie gerade empfinden, mit uns zu sprechen oder gar nicht die richtigen Worte dafür finden.

Als Eltern müssen wir hier also genau hinschauen: Ein plötzlicher, auffälliger sozialer Rückzug kann ein Alarmsignal sein. Kinder haben manchmal das Gefühl, irgendwo nicht mehr gut reinzupassen. Sie fühlen sich unverstanden oder ausgeschlossen, auch, wenn die Erwachsenen um sie herum das anders beobachten und es keinen offensichtlichen Grund für diese Gefühle gibt. Hierbei sollten Eltern bedenken, dass Kinder sich im Lauf ihres Aufwachsens und ihrer Entwicklung verändern – manchmal so stark, dass vorher passende Freundesgruppen, Hobbys oder Netzwerke nicht mehr richtig erscheinen. Gleichzeitig ist aber manchmal noch nichts Neues an diese Stelle getreten. Ein Vakuum entsteht und mit ihm schmerzhafte und verwirrende Gefühle.

Bei Teenagern ist hier noch mehr Fingerspitzengefühl und genaues Hinsehen gefragt als bei jüngeren Kindern. Denn ein junger Mensch, der nur noch sporadisch aus seinem Zimmer kommt und dann meistens mürrisch wirkt, ist vielleicht auch nur ganz normal pubertär.

Aber vielleicht haben Eltern ihren Teenager auch lange nicht mehr lachen sehen, sondern nehmen wahr, dass er oder sie ständig bedrückt wirkt. Das wäre ein Alarmsignal. Junge Menschen, die nicht nur einen hormonell verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus haben, sondern gar nicht mehr zur Ruhe kommen, sollten uns ebenfalls Sorgen machen. Genau wie psychosomatische Beschwerden oder ein dauerhafter Rückzug in mediale Welten ohne erkennbares Interesse an anderen Dingen.

Elterliche Unterstützung

Vorübergehende Phasen der Einsamkeit, wenn Brüche oder Übergänge stattfinden, gehören zum Leben dazu. Sie dürfen, wie alle anderen negativen Gefühle und Erfahrungen auch, erlebt, gelebt und verarbeitet werden. Wenn daraus jedoch ein längerfristiges Problem entsteht und Kinder und Teens nicht mehr den Weg zurück in eine Gemeinschaft finden, die sie trägt, ist elterliche Unterstützung gefragt.

Zuerst einmal hilft es, wenn Eltern wertfrei auf den Tisch bringen, was sie wahrnehmen: „Ich sehe, dass du in letzter Zeit oft allein in deinem Zimmer bist.“ – „Mir fällt auf, dass deine Hobbys dir keinen Spaß mehr machen.“ – „Deine Freunde waren in letzter Zeit gar nicht mehr hier.“ – „Du wirkst traurig/unruhig/missmutig.“

Manchmal können Kinder und Teens diese Gesprächseröffnungen annehmen und erzählen, was gerade in ihnen vorgeht. Dann ist es wichtig, dass wir das, was sie uns anvertrauen, ernst nehmen. Auch dann, wenn wir es anders empfinden. Sätze wie: „Aber das stimmt doch gar nicht, X und Y mögen dich total gern.“, oder: „Du hast doch immer gern Fußball gespielt“, schlagen die Tür zum Herzen unserer Kinder, die wir gerade geöffnet haben, ziemlich sicher wieder zu.

Eltern können stattdessen deutlich machen, dass Einsamkeit kein persönliches Versagen ist. Viele Menschen erleben solche Phasen. Gerade in biografischen Übergangsphasen brauchen Kinder und Teens Unterstützung oder zumindest Beratung, um neue Räume auszuprobieren und herauszufinden, wer sie gerade sind und mit wem sie sich gern umgeben wollen. Schauen Sie gemeinsam nach Angeboten im sozialen Raum, ermutigen Sie dazu, Dinge auszuprobieren und Erfahrungen zu machen.

Aber manchmal reicht das nicht. Wenn Einsamkeit anhält, sich verstärkt oder mit Depressionen, Angst oder Rückzug einhergeht, scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Einsamkeit vorbeugen

Einsamkeit lässt sich nicht vollständig verhindern. Aber Eltern können viel dazu beitragen, dass Kinder innere Sicherheit und soziale Kompetenzen entwickeln. Kinder, die sich zu Hause gesehen und angenommen fühlen, entwickeln eher Vertrauen in Beziehungen. Regelmäßige gemeinsame Zeiten, echtes Interesse und verlässliche Zuwendung sind dafür zentral.

Freundschaften entstehen nicht von selbst. Kinder dürfen lernen, Konflikte auszutragen, Kompromisse zu schließen, Nein zu sagen und Nähe zuzulassen. Diese Fähigkeiten entwickeln sich im Alltag von Anfang an – auch durch das, was wir vorleben.

Zuletzt: Nicht jedes Kind findet Anschluss im gleichen Umfeld. Unterschiedliche soziale Räume, Vereine, Kirchengemeinden, unverbindliche Gruppen und viele andere Orte bieten Begegnungsräume und erhöhen die Chance, passende Menschen zu treffen, mit denen echte Verbindungen entstehen können.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel. eltern-familie.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Einsame-Teenager_GettyImages_Daisy-Daisy_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-23 11:20:352026-07-23 11:20:35Einsamkeit bei Kindern: Diese Warnsignale sollten Eltern kennen

Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können

Eltern können ihre Kinder nicht glücklich machen. Aber sie können ihnen Tools mitgeben, die helfen, das Glück zu finden. Von Sandra Geissler

Als die freundliche Anfrage zu diesem Artikel in mein Postfach flatterte, zuckte ich kurz zusammen. „Kann ich meine Kinder glücklich machen?“, „Bin ich für das Glück meiner Kinder verantwortlich?“ und „Wie kann ich ihnen eine glückliche Kindheit schenken?“ „Huch“, dachte ich. „Das wird ein kurzer Artikel. Nein, nein und nochmals nein. Fertig.“

Dann dachte ich daran, wie oft ich schon alles dafür tun wollte, dass aus dem „Nein“ irgendwie ein „Ja“ werden möge. Elternherzen sehnen sich danach, bei der Geburt ihrer Kinder eine Glücksgarantie mitgeliefert zu bekommen. Und wenn schon keine Garantie, dann zumindest eine Betriebsanleitung für die glückliche Kindheit, die schlussendlich in ein glückliches Erwachsenenleben mündet.

Bullerbü und Zimtschnecken

Es ist ein Sehnen gegen jede Vernunft. Übermächtig groß kann es werden, gespeist aus überwältigender Liebe und der großen Verantwortung für das Menschenkind, das uns anvertraut wurde. Kaum ist der erste Herzschlag auf einem Monitor sichtbar, kommt bei den meisten Eltern mit der Freude auch das Gefühl auf, ab jetzt alles – aber auch wirklich alles – richtig machen zu wollen für dieses winzig kleine Lebewesen. Dem Glück soll bloß kein Hindernis in den Weg gelegt werden.

Ziegenkäse wird umgehend zur potenziellen Waffe, Folsäure muss her und die Katze dafür weg. Von Anfang an wartet ein ganzer Dschungel an Möglichkeiten und Ratschlägen für die Baby- und Kinderpflege, für Lebensgestaltung und Erziehung. Und mit jedem Jahr scheint er größer zu werden. „Nimmst du die falsche Abzweigung“, nagt eine Stimme im Kopf, „dann wird es Folgen haben!“

Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder, wollen sie glücklich sehen, wollen Bullerbü und Sicherheit und Gesundheit und Zimtschnecken und Rituale und Versicherungen, ein „woom“-Bike und liebevolle Lehrer und, und, und … Da kann man schon mal atemlos werden. Vor allem aber spürt man die ganze Schwere der Verantwortung auf den eigenen Schultern.

Die Krux an der Sache: Egal, wie sehr wir uns abmühen, egal, wie wohlhabend, gut oder gläubig wir sind – es wird uns keine goldene Garantiekarte fürs Kinder- und Familienglück ausgestellt. Das Glück lässt sich nicht bei Amazon bestellen, es ist flüchtig und ein wenig eigenwillig. Und es verspricht niemals, dauerhaft im Leben unserer Kinder zu bleiben.

Das ganze Paket

Diese Erkenntnis hat etwas sehr Befreiendes. Stell dir vor, du wärst tatsächlich verantwortlich für das Glück deiner Kinder. Wärst du auch verantwortlich für Krankheiten, die keiner kommen sah, für Schicksalsschläge, das Scheitern von Beziehungen oder einen garstigen Mathelehrer? Wärst allein du verantwortlich, wenn der Schulabschluss nicht gelingt, eine Depression dein Kind umfängt, die große Liebe auf sich warten lässt? Hättest du dich einfach mehr anstrengen müssen? Nein, natürlich nicht. Das wäre fast schon anmaßend.

Denn auch Eltern sind nur Menschen. Auf die meisten Umstände haben wir so viel Einfluss wie auf das Wetter. Schließlich gehören Scheitern und Verlust, Grenzerfahrungen und sogar Ungerechtigkeit zu jedem Menschenleben dazu – auch zu dem unserer Kinder. Wir können sie davor nicht bewahren, so sehr wir es uns auch wünschen.

Das Leben in Fülle beinhaltet das ganze Paket: Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, Verlieren und Finden, Leichtigkeit und Schwere. Es wäre schade, wenn diese Fülle an einer glatten, kantenfreien Kindheit abgleiten würde. Kinder sind ganze Menschen und zum ganzen Menschen gehören Herausforderungen genauso wie ein schlagendes Herz.

Geschenke an der Straßenecke

Ich glaube fest daran, dass Glück nicht die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Glück lässt sich auch in den dunkelsten Zeiten entdecken. Es blitzt unverhofft im Alltag auf, klopft leise an die Tür, wenn du es eigentlich nicht erwartest, streicht dir unvermittelt übers Haar. Du kannst es suchen und ihm still die Hand hinhalten, auch wenn der Sturmwind um dich tobt und Steine in deinem Herzen liegen.

Wir können als Eltern kein umfassendes Glück garantieren. Aber wir können unseren Kindern die hohe Kunst beibringen, das Glück zu entdecken. Es will in den kleinen Dingen gefunden werden – egal, was der Tag bereithält. Es versteckt sich auch an dunklen Regentagen in einer warmen Decke und einer Tasse Kakao. Es lässt sich trotz der Fünf in Mathe finden: in einer festen Umarmung, in einem freundlichen Wort, in einem befreienden Fußballspiel. Vielleicht muss dein Kind damit leben lernen, eine Niete in Sport zu sein, aber es findet das Glück im Ausdenken von Geschichten und als Experte für Dinosaurier.

Du kannst lehren, hinzuhören: auf das erste Vogelzwitschern nach einem langen Winter, auf den richtig guten Witz, auf das Pladdern des Sommerregens. Du darfst lehren, hinzusehen und zu entdecken, welche Wunder und Geschenke das Leben an jeder Straßenecke bereithält. Die meisten sind völlig kostenfrei.

Wir sollten es gemeinsam üben, wie Schuhe binden und Zähneputzen. Denn wenn es hart auf hart kommt, kann das Suchen nach dem kleinen Glück die Rettungsleine sein. Dann kann dein Kind auch an traurigen Tagen die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht spüren und mit der Wärme die Hoffnung fühlen.

Ein dickes Bündel Gewissheit

Es ist nicht unser Auftrag, unsere Kinder glücklich zu machen. Aber es ist unser Auftrag, ihnen einen Werkzeugkasten mit an die Hand zu geben. Einen Werkzeugkasten fürs Leben und für alles, was es unseren Kindern vor die Füße wirft.

Liebe und Geborgenheit dürfen nicht fehlen, und das Wissen um Menschen, die bedingungslos da sind und Rückhalt bieten. Annahme muss hinein, Gnade und die Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu finden. Selbstbewusstsein und eine Portion praktische Intelligenz. So viel Gottvertrauen wie möglich, gemeinsame Erinnerungen und ganz viel Zutrauen. Ein dickes Bündel Gewissheit, dass Scheitern nie das Ende ist, Eigenverantwortung und Gemeinschaft.

Ich glaube, dass ein solcher Werkzeugkasten ein guter Begleiter für ein Leben ist, das zwar kein dauerhaftes Glück garantiert, aber reich an Erfahrungen in allen Farben ist. Du kannst nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Aber mit dieser Grundausrüstung ist dein Kind in der Lage, über sie zu klettern oder die Extrameile zu laufen.

„Ich bin nicht Gott“

Leider gibt es keine Garantie und keine Betriebsanleitung für ein glückliches Leben. Obwohl ich das weiß, sehne ich mich immer wieder danach, alles zu tun, damit meine Kinder ungetrübt glücklich sein dürfen. Dann gerate ich in Versuchung, Probleme zu lösen, die nicht meine sind, Schmerz wegzureden, der ausgehalten werden will und unter der Last meines Pflichtgefühls zu schwanken.

Kürzlich hörte ich in einem Podcast einen Satz, der mich sehr berührt hat: „Es gibt einen Gott. Du bist es nicht!“ Ich kann einen Werkzeugkasten packen, ich kann das kleine Glück mit meinen Kindern an der Hand suchen gehen, aber mehr kann ich nicht. Und mehr muss ich auch nicht. Es gibt einen Gott, und ihm darf ich alles andere überlassen. Mit dieser Gewissheit darf ich mich aufrichten, die Last abschütteln, und wir nehmen das Leben, wie es eben kommt.

Sandra Geissler ist katholische Diplomtheologin und arbeitet als Lehrerin und Schulseelsorgerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Nierstein am Rhein.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/glueckliche-Kinder_GettyImages_mikimad_E.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-18 14:40:332026-06-18 14:40:33Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können

Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Im trubeligen Familienalltag bleiben angespannte Situationen nicht aus. Das kann Eltern extrem belasten. Erziehungsexpertin Dorothea Beier erklärt, wie liebevolle Grenzen helfen und Orientierung geben.

Max ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er hat eine zwei Jahre jüngere Schwester und einen siebenjährigen Bruder. Die Mutter erzählt mir, dass sie sich keinen Rat mehr weiß. Max haut, tritt und schubst im Kindergarten andere Kinder, und auch zu Hause gibt es ständig Streit und Geschrei. Sie sei mit den Nerven am Ende.

„Annalena wird morgens einfach nicht fertig, sie trödelt so sehr, dass uns irgendwann der Geduldsfaden reißt“, berichtet ein Vater.

„Jeden Abend gibt es Theater, wenn Ben sich umziehen und seine Zähne putzen soll“, beklagt ein weiteres Elternpaar. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“

Solche und ähnliche Berichte höre ich immer wieder. Wie kann man am besten reagieren?

Sicherheit und Orientierung

Eine Familie mit kleinen Kindern ohne Konflikte gibt es nicht. Kinder haben Bedürfnisse, die sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Und sie sind Lernende. Sie probieren sich aus, testen, wie weit sie gehen können. Kinder wollen und müssen Selbstwirksamkeit erleben. Dazu gehört, dass sie ihren Besitz verteidigen, dass sie auch mal „Nein“ rufen. Sie sagen damit, dass sie ein eigenständiger Mensch sind und dass sie einen eigenen Willen haben. Auch Geschwisterstreit ist normal. Er kann helfen, Grenzen auszutesten und Kompromisse zu lernen. Hierzu brauchen Kinder ihre Eltern und Erzieher.

Eines der wichtigen Bedürfnisse von Kindern sind angemessene Grenzen. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen sie Struktur, Sicherheit und Orientierung. Viele Eltern sind verunsichert, wie sie angemessene Grenzen setzen können. „Ich möchte meine Kinder nicht verletzen, sie sollen selbst entscheiden, was sie möchten“, sagt mir die Mutter von Max. „Ich habe eine sehr strenge Kindheit erlebt. Wer nicht parierte, bekam Schläge. Meine Kinder sollen es besser haben“, erklärt sie.

Liebevolle Grenzen setzen, aber wie?

Grenzen sind wie Wegweiser oder Leitplanken, mit denen Eltern ihren Kindern die Orientierung vermitteln, die sie brauchen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, fühlt sich unsicher, ausgeliefert und alleingelassen. Durch liebevolle Grenzen spürt ein Kind, dass Mama und Papa sich kümmern und Verantwortung übernehmen. Durch verlässliche und klare Grenzen entwickeln Kinder ein tiefes Vertrauen und fühlen sich sicher. Sie lernen auch, wie sie sich selbst angemessen begrenzen können und erlangen so eine gute Sozialkompetenz.

Liebevolle Grenzen zu setzen braucht Geduld. Nicht immer akzeptieren Kinder Grenzen sofort. Sie diskutieren, fangen an zu weinen und möchten ihre Wünsche durchsetzen. Dann hilft es, sich vor Augen zu führen, dass liebevolle Grenzen für die Hirnentwicklung nötig ist. Das Kind lernt dadurch: „Ich bin meinen Emotionen und Wünschen nicht ausgeliefert. Es gibt kluge Entscheidungen, die mir helfen, mein Leben gut zu gestalten. Ich kann Ziele erreichen, und mich selbst gesund abgrenzen.“ Das Kind bleibt nicht in einer Phase der Egozentrizität stecken. Liebevolle Grenzen  zu setzen ist sinnvoll und wichtig, wenn mit zwei Jahren die Autonomiephase beginnt. In der Säuglingsphase ist Grenzsetzung noch verfrüht!

Für Kinder ist es beispielsweise eine Hilfe, wenn es feste Zeiten in der Familie gibt, wie Schlafenszeiten und Essenzeiten. Aber auch die Begrenzung der Bildschirmzeit, ein respektvoller Umgangston, Aufräumzeiten, der Umgang mit Süßigkeiten oder Tischregeln gehören zu dem, was Kinder durch angemessene Grenzsetzung und Vorbild der Eltern erlernen können. Über manche Grenzen und Regeln kann man im Familienrat auch verhandeln. Sie können sich je nach Alter des Kindes verändern. Es gibt aber auch feste Grenzen, zum Beispiel dass ein Kind kein anderes Kind schlagen darf, egal wie wütend es ist. Grenzen, die das Zusammenleben sowie Leib und Seele schützen, sind unverzichtbar für ein harmonisches Miteinander.

Wir machen es gemeinsam

Mit Kindern im Grundschulalter bietet es sich an, gemeinsam Regeln zu entwickeln. Während es bei kleineren Kindern noch gut ist, Regeln kurz, souverän und einfach zu formulieren, nach dem Motto: „So läuft es bei uns“, haben Grundschulkinder das Bedürfnis, mitentscheiden zu dürfen. Es hat sich in vielen Familien bewährt, Familienkonferenzen einzuführen, um verschiedene Themen zu besprechen: „Wie können wir es schaffen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, ohne dass wir uns ständig streiten? – Wer räumt an welchen Tagen den Geschirrspüler aus, ohne immer neu daran erinnert zu werden? – Wer hilft, das Abendbrot mit vorzubereiten?“

Solche und ähnliche Fragen beziehen Kinder ein und geben ihnen ein Mitspracherecht. Bei jüngeren Kindern kann es bei dem leidigen Zähne-Putz-Thema helfen, das Kind zu fragen: „Möchtest du zuerst die unteren und dann die oberen Zähne putzen? Soll ich dir helfen, oder schaffst du es schon allein?“ Die Regel, dass man ohne Zähneputzen nicht ins Bett geht, bleibt bestehen. Wenn wir mit Kindern altersgerecht und auf Augenhöhe kommunizieren, vermeiden wir viele Machtkämpfe. Auch Humor kann helfen, eine spannungsreiche Situation wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Statt lange mit dem Kind zu diskutieren, wirkt es oft Wunder, wenn man einen Scherz oder einfach mal Quatsch mit dem Kind macht. Auch ein Rollentausch oder ein Machtumkehrspiel kann Wunder wirken.

Teenager und ältere Kinder, die merken, dass ihre Meinung gehört wird, sind eher bereit, eine gemeinsame Lösung zu akzeptieren. Sätze wie: „Um 21 Uhr ist dein Handy aus“, klingen wie ein Befehl. Die Frage, „Wieviel Bildschirmzeit hältst du selbst für realistisch, damit noch genug Zeit für Freunde, Freizeit, Schule und Schlaf bleibt?“, drückt hingegen Wertschätzung und Respekt aus.

Eine Frage der Macht

Kommt es dennoch zu einem Machtkampf, müssen wir wissen, wie er entsteht. Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Grenzsetzung von uns erleben sie oft als Bedrohung. Hier ist es wichtig, dem Kind dies liebevoll zu spiegeln. „Du möchtest noch gern weiterspielen. Das verstehe ich. Trotzdem ist es jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.“ Hilfreich ist es, wenn wir uns mit dem Kind verbinden. Was läuft in ihm gerade ab? Welches Gefühl hat mein Kind? Kinder dürfen ihre Gefühle zeigen, aber gleichzeitig lernen, dass es auch Grenzen gibt. „Ich sehe, dass du ärgerlich bist, aber trotzdem ist jetzt die Zeit mit dem Smartphone vorbei.“

Klare Aussagen helfen unseren Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Drohungen hingegen zerstören die Beziehung und bewirken Einschüchterung. Das Kind gehorcht aus Angst und kann seine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Auch oppositionelles Verhalten kann auf diese Weise entstehen. Gefühle wollen gesehen und verstanden werden! Hierbei brauchen Kinder noch Unterstützung und Eltern oftmals Anleitung. Es lohnt sich, Hilfe in Form von Elterncoaching in Anspruch zu nehmen!

Wichtig ist aber auch zu wissen: Alle Eltern machen Fehler! Es gibt keine perfekten Eltern! Wir dürfen immer wieder aufstehen, unsere Verantwortung übernehmen und uns neu für den Weg der Liebe entscheiden. Und auch das hilft Kindern!

Um liebevolle Grenzen setzen zu können, müssen Eltern sich selbst daran erinnern, dass sie ihre Kinder wertschätzen und ihnen Respekt entgegenbringen. Kinder, die ihre Eltern als „Machthaber“ erleben, verbinden mit Grenzen Ablehnung, Strafe, Frust und Zwang.

Kinder, die beispielsweise mitentscheiden dürfen, wann sie ihre Hausaufgaben machen, fühlen sich respektiert. Sie erleben: „Meine Stimme wird gehört, meine Meinung ist wichtig.“

Kinder, die Eltern als Vorbilder erleben, die sich in einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zu ihnen sicher gebunden fühlen, spüren, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen.

Papa und Mama zählen auch

Um Kindern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen, kann man einüben, dem Kind kein spontanes „Nein“ zu sagen, sondern erst einmal: „Ja, ich sehe, du wünschst dir … Das verstehe ich gut! Wir hatten aber vereinbart …“ Wenn wir das als Eltern einüben und praktizieren, helfen wir dem Kind ein „Ja-Gehirn“ zu entwickeln, was hilft, positiv, entspannt und offenherzig in die Welt gehen zu können.

Für Eltern ist es wichtig einzuüben, empathisch mit sich selbst umzugehen, für nötige Ruhe- und Entspannungspausen zu sorgen. Im hektischen und stressigen Familienalltag ist es oft nicht leicht, gelassen seinem Kind liebevoll Grenzen zu setzen. Manchmal ist man müde und überfordert und reagiert übermäßig harsch. Manche Eltern ertappen sich dabei, dass sie so reagieren, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Alte Muster werden in Stresssituationen wieder reaktiviert. Das zu wissen, kann helfen und Mut machen, für sich zu sorgen. Kinder können es verstehen, wenn wir ihnen unsere Gefühle mitteilen. „Ich bin müde und brauche mal eine Pause, danach spiele ich noch mit dir“, kann man einem Kind mitteilen. Kinder, die erleben dürfen, dass Mama und Papa ihre eigenen Grenzen kommunizieren und gleichzeitig ihren Kindern einen verlässlichen Rahmen geben, reifen zu erwachsenen Menschen heran, die in der Lage sind, Liebe und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Uelzen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/05/Grenzen-setzten_GettyImages_skynesher_E.jpg 1446 2072 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-05-07 11:14:192026-05-07 11:14:19Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt

Für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Königsweg: Bindungsorientierte Erziehung. Doch was genau ist das? Daniela Albert klärt auf und gibt Tipps, wie Eltern den passenden Erziehungsstil finden.

Bindungsorientierte Erziehung ist für manche Eltern der Königsweg zu einem gelungenen Zusammenleben. Für andere Eltern ist dieser Ansatz ein rotes Tuch, das sie mit Überforderung, verwöhnten Kindern und ständigem Körperkontakt in Verbindung bringen. Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob der Ansatz, der auch als bedürfnisorientierte Erziehung bezeichnet wird, nun das Potenzial hat, eine neue Generation friedfertiger Menschen hervorzubringen oder einen Haufen Egomanen, die nicht lebenstauglich sein werden.

Das mag überspitzt klingen. Schaut man sich aber an, wie unnachgiebig und kompromisslos unterschiedliche Richtungen in sozialen Medien aufeinander losgehen, wird klar, dass in dieser Debatte selten mit Augenmaß und Pragmatismus auf den Familienalltag geschaut wird.

Glücklicherweise begleite ich mittlerweile so lange Familien, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ein großer Teil von Menschen, die Kinder erziehen, längst ihren eigenen Weg gefunden haben, jenseits dieser Polarisierung. Diese Wege sind meist eine Mischung aus erlerntem Wissen über das, was kleine Menschen brauchen, einem guten Bauchgefühl und einer pragmatischen Anpassung der eigenen Ideale an das, was im Alltag machbar ist.

Feinfühlige Begleitung

Eine Methode, zu einem guten Miteinander in der Familie zu finden, ist für mich die Frage, was junge Menschen am Ende einmal mit ins Leben nehmen sollen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein grundsätzliches Gefühl von Verbundenheit mitnehmen, etwas, das sich nach Geborgenheit anfühlt und an das man anderswo anknüpfen kann. Natürlich wollen wir, dass junge Menschen mit einer gewissen Resilienz ausgestattet sind. Wir wünschen uns, dass sie in der Lage sind, soziale Beziehungen einzugehen, und dass sie wissen, was sie zufrieden macht und was ihnen weniger gut tut.

Für all das kann eine feinfühlige Begleitung einen Grundstein legen. Kinder, die mithilfe von Erwachsenen gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle besser zu verstehen, wissen später darum, wie sie emotional für sich sorgen können. In einem Zuhause, in dem ein gutes Miteinander vorgelebt wurde, kann die Fähigkeit entstehen, sich in soziale Gefüge einzufinden. Kinder, die Verlässlichkeit durch klare Regeln, gut gestaltete Übergänge und schöne Rituale erlebt haben, haben eine Idee von Geborgenheit mitbekommen. Diese wirkt sich positiv auf ihr weiteres Leben aus und kann sie in schwierigen Situationen tragen.

Begrenzte Kraft

Um all das mitzugeben, braucht es ein paar Grundzutaten, die wir im Vorratsschrank der bedürfnis- oder bindungsorientierten Erziehung finden und die wir nützlich einsetzen können. Doch wie genau das aussieht, bleibt am Ende jeder Familie selbst überlassen. Das hat, wie schon erwähnt, mit eigenen Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu tun. Für die einen spielt das gemeinsame Schlafen im Familienbett eine entscheidende Rolle, wenn es um das Geben von Sicherheit und Geborgenheit geht. Für andere ist allein die Vorstellung der Horror – und für viele liegen Wahrheit und praktische Ausgestaltung dazwischen.

Es hilft definitiv beim Verstehen der eigenen Emotionen und beim Lernen, diese sozialverträglich zu regulieren, wenn man in emotionalen Ausnahmesituationen wie Wutanfällen geduldig begleitet wird. Manche Eltern halten dies mit stoischer Ruhe sehr lange aus. Andere müssen den Raum verlassen oder an andere Erwachsene übergeben. Oder sie schimpfen doch irgendwann, und hinterher müssen sich alle beieinander entschuldigen – und lernen so auch etwas über soziales Miteinander.

Kraft, die man im Elternalltag hat, ist endlich und nicht verhandelbar – auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Mütter und Väter, die sich aufgrund von Perfektionsdruck und Erziehungsansätzen, die nicht zu ihnen passen, an den Rand eines Zusammenbruchs manövriert haben, können nicht mehr viel mitgeben. Manchmal sind klare Grenzen oder ein „Nein ohne Diskussion“ wichtig für die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Nicht weil Kinder, wie es in einem alten Ratgeber mal hieß, Grenzen brauchen. Sondern weil wir als Eltern dadurch gut für uns sorgen und somit dafür, dass wir weiterhin verlässlich an ihrer Seite sein können.

Sicher und geborgen

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Erkenntnisse der Bindungstheorie und Ableitungen, die dadurch in die alltägliche Erziehung eingesickert sind, gute Entwicklungen gebracht haben. Es ist eine positive Entwicklung, dass immer mehr Mütter und Väter sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinandersetzen. Auch ist es gut, dass sie sich Mühe geben, ihre Kinder feinfühlig zu begleiten und auf ihre verbalen und nonverbalen Signale einzugehen. Es hilft, wenn Kinder ihrem Alter angemessen verlässlich dabei unterstützt werden, nicht nur satt und sauber zu sein, sondern sich sicher und geborgen zu fühlen und sich eigenständig entwickeln zu können.

Gerade in meiner Arbeit in der Jugendhilfe sehe ich, wie viel nachhaltig kaputt gehen kann, wenn junge Menschen zu lange in einer Umgebung waren, in der ihnen dies nicht zuteilwerden konnte. Doch genau diese Arbeit dort hat mir auch noch einmal klar vor Augen geführt, dass wir uns diese ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie genau man es nun „richtig“ macht, sparen können – genauso wie den Perfektionsdruck, der dahintersteht.

Bauchgefühl und Liebe

Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Und es geht schon gar nicht darum, jeden neuen Trend, der im Fahrwasser von „Bindungsorientierung“ durch soziale Medien oder Feuilletons geistert, mitzumachen. Es geht einzig und allein darum, einen Weg zu finden, der in der eigenen Familie gut funktioniert.

Und nein, dabei ist es natürlich nicht völlig egal, was wir tun. Glücklicherweise hat sich mittlerweile auch breit herumgesprochen, dass es Erziehungsmethoden gibt, die nichts Gutes mit sich bringen. Gewalt gegen Kinder, harte Hände und starre autoritäre Familienhierarchien sind nicht hilfreich, um Menschen auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten. Auch wenn heute wieder vereinzelt danach gerufen wird. Wir können uns von der guten Mischung aus Bauchgefühl, Wissenschaft und einer kräftigen Portion Liebe leiten lassen, dann dürfen sich solche Ideen schnell erübrigen.

Doch dazwischen – zwischen dem Aufopfern und Verwöhnen und der Härte, die wir größtenteils hinter uns gelassen haben – liegt ein Raum, in dem Verbundenheit und Beziehung möglich ist. Ein Raum, in dem Liebe gelebt werden und Halt gegeben werden kann. Gestaltet diesen Raum nach euren Vorstellungen!

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

 

Buchtipps

Daniela Albert: Kleine Kinder, starke Wurzeln. Bedürfnisorientiert durch die ersten Jahre (Neukirchener)

Daniela Albert: Anlauf nehmen fürs Leben. Bedürfnisorientiert von der Grundschule in die Teenagerjahre (Neukirchener)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Bindung_GettyImages_eggeeggJiew_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1188 2523 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-18 14:04:062026-03-18 14:04:06Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt

Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt

Reagiert Ihr Kind empfindlich auf Reize, ist es schnell überfordert und zugleich kreativ, empathisch oder tiefgründig? Dann ist es vielleicht hochsensibel. Pädagogin Celina Fanous klärt auf.

Kennen Sie das? Sie müssen den Käse am Abendbrottisch ans andere Ende des Tisches legen, weil ihr Kind sonst nichts mehr isst? Dabei waren Sie gerade noch froh, ihr Kind überhaupt zum Esstisch bekommen zu haben, weil es nicht spürt, dass es hungrig ist. Sie konnten dies jedoch schon längst an seiner Stimmung, Körperspannung und seinem Verhalten ablesen.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus der Schule, dass Ihr Kind eine hohe Auffassungsgabe und Begeisterungs­fähigkeit hat und intellektuell gut mitkommt, aber auch unglaublich unruhig ist, manchmal abwesend und verträumt, manchmal aufgeregt wirkt und an Pulli oder Stift kaut?

Wundern Sie sich immer wieder, zu welch tiefgründigen Gedanken und Fragen Ihr Kind fähig ist? Sind Sie erstaunt, mit welch außerordentlicher Kreativität und mit welchem Detailreichtum es erzählt, malt oder spielt?

Wundern Sie sich immer wieder über die starke Intensität und Dauer von Gefühlsausbrüchen Ihres Kindes bei vermeintlichen Kleinigkeiten? Vielleicht fragen Sie sich, ob das alles normal ist oder doch besonders?

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, denn Menschen und ihr Verhalten sind immer individuell. Doch was ich hier beschreibe, ist ein unvollständiges Bild eines Kindes mit einer sogenannten Hochsensibilität.

Hochsensibilität verstehen

Mit Hochsensibilität ist ein messbares und nachweisbares Phänomen gemeint, das eine erhöhte Reizaufnahme und Reizverarbeitung im Gehirn und Nervensystem beschreibt. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als nicht-hochsensible. Diese Besonderheit betrifft sowohl innere als auch äußere Wahrnehmungsbereiche und kommt bei etwa 20 Prozent der Menschen vor. Es handelt sich dabei um eine vererbte Veranlagung und nicht um erworbenes Verhalten oder eine Störung. Allerdings kommt es auf Grund von Unkenntnis über Hochsensibilität häufig zu Verwechslungen mit Störungsbildern wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Doch wie zeigt sich Hochsensibilität und wie wirkt sie sich aus?

1. Gründliche Verarbeitung von Informationen

Hiermit ist die erhöhte und komplexere Aufnahme und Verarbeitung von Reizen jeglicher Art gemeint. Das betrifft alle äußeren und inneren Reize – auch Gedanken, Schmerzen, den Herzschlag … Es werden mehr Feinheiten und Details wahrgenommen, die verarbeitet werden „müssen“. Diesen Prozess nennt man auch „Nachhallen“.

2. Rasche Übererregbarkeit

Aufgrund der Vielzahl an aufgenommenen Reizen erreichen Betroffene schneller die Grenze zur Überreizung. Dies kann zu allen denkbaren Stressreaktionen und Verhaltensweisen führen. Es kommt zu einem höheren Bedarf an Ruhe und Auszeiten.

3. Emotionale Intensität

Auch Gefühle werden intensiver erlebt und verarbeitet. Deshalb ist der Gefühlsausdruck besonders intensiv. Hochsensible reagieren verstörter auf gewaltvolle Filme, Ungerechtigkeiten, beunruhigende Ereignisse und Mobbing. Einige haben eine sehr hohe Empathiefähigkeit, weil ihre Spiegelneuronen so sensibel ausgeprägt sind.

4. Sensorische Empfindlichkeit

Häufig sind der Gehör- und Geruchssinn und die Lichtempfindlichkeit stark ausgeprägt. Taktile Empfindungen können als sehr unangenehm und störend empfunden werden. So möchten viele Hochsensible manche Materialien nicht berühren oder davon nicht berührt werden.

Wenn man weiterführende Literatur heranzieht, finden meines Erachtens auch Kinder, die als „gefühlsstark“ beschrieben werden, ihren Platz im Konstrukt der Hochsensibilität. Folgende drei Merkmale können die Definition von Hochsensibilität erweitern:

5. Erhöhte intellektuelle Sensitivität

Dieses Merkmal zeigt sich in Form von ausgeprägter Neugierde, im Problemlösen und im theoretischen Denken. Diese Menschen streben nach einem tieferen Verständnis der Wahrheit. Sie sind wissbegierig, stellen ausgesprochen viele Fragen, mögen Denkaufgaben, die eine hohe Fokussierung, Konzentration und Problemlösung erfordern. Auch befassen sie sich (früh) mit moralischen Fragen und Gerechtigkeit. Außerdem sind häufig von ihren eigenen Ideen begeistert, überzeugt und willensstark. Oft wissen sie in ihren Interessengebieten mehr als Erwachsene.

6. Erhöhte imaginäre Sensitivität

Dieses Merkmal ist gekennzeichnet von einer reichen Vorstellungskraft und einer Vorliebe für komplexe imaginäre Abläufe, die dramatisch in Szene gesetzt werden. Im Unterricht schweifen die Gedanken häufig in die eigene kreative Gedankenwelt ab. Kinder wirken weggetreten, abwesend und in ihrer eigenen Welt. Sie können sich Ereignisse sehr deutlich und lebhaft im Geiste vorstellen und sind meist ganz mit sich oder mit wenigen Freunden zufrieden.

7. Erhöhte psychomotorische Sensitivität

Dieses Merkmal beschreibt eine hohe Aktivität in der körperlichen und geistigen Bewegung. Das Denken ist besonders agil. Betroffene brauchen und lieben die Bewegung und haben ein Übermaß an Energie. Ihnen wohnt eine leidenschaftliche Begeisterungsfähigkeit inne. Sie sprechen oft sehr viel und schnell. Der Körper erscheint oft zappelig. Ruhigsitzen ist fast unmöglich. Sie ziehen aus dieser körperlichen und verbalen Aktivität große Freude – eher zum Leidwesen der Umgebung.

Das Potenzial der Hochsensibilität entfalten

Vielleicht konnten Sie Ihr Kind in einigen oder vielen Punkten wiedererkennen. Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle Merkmale bei jedem (gleich stark ausgeprägt) vorhanden sein müssen. Trotzdem kann der Mensch hochsensibel sein. Doch was bringt Ihnen nun dieses Wissen?

Wenn man Wissen über Entwicklungspsycho­logie sowie die spezifischen Bedürfnisse eines Menschen (Persönlichkeitsmerkmale, bisher gemachte Erfahrungen) im Blick hat, kann man hilfreicher darauf reagieren. Dies ermöglicht wiederum den Erhalt oder Aufbau einer sicheren Bindung – was ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Erfahrungen und Herausforderungen ist, aber auch für die Entfaltung des individuellen Potenzials. Ihr Kind kann sein Licht leuchten lassen!

Doch was heißt es nun praktisch, wenn sie Ihr Kind hier wiedererkannt haben? Es bedeutet, dass mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten im Alltag eingeplant werden dürfen, um dem langen Nachhallen den notwendigen Raum zu geben. Bei besonderen Ereignissen und Übergängen sollten andere Aktivitäten vorübergehend ausgesetzt oder zurückgefahren werden. Also wenn ein Familien­fest ansteht, sollte die Zeit danach ereignisarm geplant werden.

Erwartungen an Fremdbetreuung, Hobbys und gesellschaftliche Zusammenkünfte dürfen individuell überdacht und angepasst werden. Manches wird früher, manches später als bei anderen Familien gelernt und stattfinden. Meist sind auch mehrere Familienmitglieder von Hochsensibilität betroffen. Dies kann zu einem hohen Emotionspotenzial im Alltag führen, wofür eine reflektierte, weise und kreative Führung durch regulierte Erwachsene benötigt wird. Aber wie können die Eltern zu regulierten Lotsen für ihr Kind werden?

Hier kommt die Frage der Bedürfnisorientierung für alle Familienmitglieder ins Spiel. Um feinfühlig reagieren zu können, muss man selbst einigermaßen reguliert und entspannt sein. Dafür braucht es die Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für ihre eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung, aber auch das Wissen um eigene Verletzungen und wunde Punkte.

Anregungen für Eltern in herausfordernden Situationen:

1. Als Erstes und Schwierigstes: Ruhe bewahren! Notfallstrategien anwenden, wenn nötig

  • „478-Regel“: 4 Sekunden tief in den Bauch einatmen, anschließend 7 Sekunden Luft anhalten, dann 8 Sekunden ausatmen
  • Situationswechsel mit oder ohne Kind (je nach Alter)
  • Temperaturwechsel: ins Freie, kaltes Wasser ins Gesicht, Hände waschen
  • körperliche Bewegung
  • positiver innerer Monolog, z. B. „Wir schaffen das!“
  • Situation niederschreiben

Damit dieser Schritt gelingt, ist ein gewisses Maß an stetiger Selbstfürsorge der Eltern notwendig. Aus einer leeren Schale kann man nicht schöpfen. Langfristig hilfreich können das Erlernen von Stopp-Techniken und Selbstregulation des Nervensystems durch wertfreies Wahrnehmen und Annehmen, Beten, Meditation etc. sein. Hier ist Ihr Vorbild von entscheidender Wichtigkeit. Denn Ihr hochsensibles Kind kämpft sehr häufig mit seinen überbordenden Gefühlen und braucht Hilfe, damit umzugehen. Bei wiederkehrenden Triggern macht es Sinn in einem ruhigen Rahmen zu schauen, was Sie so berührt.

2. Schwierigkeiten nicht persönlich nehmen und Gefühle wertschätzend spiegeln

Ihr Kind „stellt sich nicht an“. Es will Sie nicht ärgern oder testen, sondern es erlebt die Situation gerade wirklich so heftig. Es gilt herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem gezeigten Verhalten stehen und diese dem Kind einfühlsam verbal und nonverbal zu spiegeln, um sie dann gemeinsam auszuhalten und nach passender Bedürfniserfüllung zu suchen. Diese gelungene Co-Regulation befähigt das Kind immer mehr zur Selbstregulation. Strafen sind bei keinem Kind sinnvoll. Insbesondere hochsensible Kinder reagieren darauf besonders verletzlich.

Es dauert jedoch Jahre, bis das kindliche Gehirn so weit herangereift ist, um Selbstkontrolle zuverlässig über das eigene Verhalten zu erlangen. Kinder sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, aber sie sind noch im Entwicklungs- und Reifungsprozess und benötigen die Unterstützung von zugewandten Erwachsenen.

3. Kreative Lösungen entwickeln, die die Konventionen in der Gesellschaft hinten anstellen

Erforschen und überdenken Sie die Beweggründe für Ihre Erwartungen an Ihr Kind: Ist mir das wirklich selbst wichtig? Warum? Weil es einem Bedürfnis von mir entspricht oder weil ich denke, dass man das halt so machen muss? Oder weil ich vor etwas Angst habe?

4. Vorausschauend und realistisch planen

Beachten Sie bei Ihren Plänen, dass die Grenze zur Überreizung schneller erreicht wird. Berücksichtigen Sie das erhöhte Ruhebedürfnis auf Grund des Nachhallens. Familienrituale können hilfreich sein, um nicht immer wieder in die gleichen Überforderungssituationen zu geraten. Hier ist Kreativität und ein Anpassen von Ansprüchen notwendig, die sich stark von denen nicht hochsensibler Familien unterscheiden können. Mit zusätzlichen Ritualen werden die starken Bedürfnisse der Hochsensiblen nach Orientierung und Sicherheit befriedigt und wiederkehrende Stresssituationen minimiert.

5. Ein Spiel daraus machen

Kinder sind leidenschaftliche Spieler. Sie sind meist leicht für etwas zu gewinnen, wenn es in ein ansprechendes Spiel integriert wird. Besonders Hochsensible mit einer ausgesprochen starken Vorstellungskraft sind so gut zu erreichen.

6. Übergänge vorbereiten

Viele Kinder, insbesondere hochsensible, haben Probleme mit Übergängen. Hier gilt es, die kritischen Übergänge zu identifizieren und Entschärfung zu überlegen. Übergangsobjekte, Teilschritte, langsames (Ein-)Gewöhnen oder Übergangslieder können helfen.

7. Anspruch senken und Konflikte in Würde durchleben

Chaos ist normal bei mehreren Hochsensiblen. Sagen Sie sich immer wieder, dass es nicht auf die Abwesenheit von Konflikten ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Gelingt es Ihnen – in einem Verhältnis von 7 zu 3 –, Konflikte in Wertschätzung zu lösen? Dann ist das sehr gut!

8. Ein Gremium etablieren

Hochsensiblen ist Gerechtigkeit meist extrem wichtig, so dass es, je nach Alter der Kinder, hilfreich sein kann, ein Gremium zu etablieren, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Gehör finden und Kompromisse und Strategien zur Befriedigung entwickelt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gute Ideen von Kindern kommen. Sie halten sich viel lieber an die erarbeiteten Strategien, wenn sie selbst daran mitgewirkt oder sie selbst vorgeschlagen haben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Verbindung miteinander beim gegenseitigen Entdecken und Ausprobieren. Denken Sie immer daran: Sie und Ihr Kind sind wunderbar und einzigartig gemacht und von unserem Schöpfer geliebt und angenommen! Deshalb dürfen Sie sich und Ihr Kind annehmen und Ihre Einzigartigkeit feiern!

Celina Fanous ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Fachpädagogin für Hochsensibilität mit Beratungspraxis in Reutlingen (beratung-blickwechsel.com)

 

Buchtipps

Für hochsensible/gefühlsstarke Kinder:

Nora Imlau, Lisa Rammensee: Und was fühlst du, Känguru? (Carlsen), ab 2

Elaine Thais: Tom hochsensibel und wundervoll, ab 7

Corinne Fischbacher: Hochsensibilität. Feinfühlige Kinder erklären ihre Welt (Vandenhoeck & Ruprecht), ab 5

 

Für Eltern hochsensibler Kinder:

Melanie S. Vita: Hochsensibilität bei Kindern (Bonifatius)

Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut (Penguin)

Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen (Goldmann)

 

Für hochsensible Erwachsene:

Brigitte Küster: Hochsensibilität. Den eigenen Weg finden (Hänssler)

Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter (Hänssler)

Kathrin Borghoff: Hochsensibel Mama sein (Beltz)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Hochsensibel_GettyImages_skynesher_E-Plus.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-12 10:06:152026-03-12 10:06:15Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt

„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Elternfrage: „Wir erziehen unsere Kinder bedürfnis­orientiert, aber unsere Eltern meinen, Kinder brauchen mehr Strenge und Regeln. Wie können wir ihnen unser Erziehungsverständnis erklären, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?“

Immer mehr Eltern entscheiden sich heute bewusst gegen autoritäre Erziehungsmethoden und orientieren sich stattdessen an einem beziehungsstarken, kindzentrierten Umgang – der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung. Studien belegen: Kinder, die in einem Umfeld von emotionaler Sicherheit und echtem Respekt aufwachsen, entwickeln ein stärkeres Selbstwertgefühl, sind empathischer und können besser mit Stress umgehen.

Es braucht keine Einigkeit

Doch genau hier beginnt oft der Generationskonflikt. Viele Großeltern wurden selbst noch autoritär erzogen – mit Sätzen wie „Da wird nicht diskutiert!“ oder „Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen!“. Kein Wunder also, dass der bedürfnisorientierte Ansatz für sie manchmal fremd, vielleicht sogar nachlässig wirkt. Ihre Sorge ist oft, dass Kinder keine Grenzen mehr kennen und machen dürfen, was sie wollen.

Als unser erstes Kind geboren wurde, hatten wir das Gefühl, Neuland zu betreten. Wir wollten einen liebevollen, bindungsorientierten Weg mit Nähe, Verständnis und Geduld gehen. Gleichzeitig merkten wir: In unseren Herkunftsfamilien hatte man sich früher weniger damit beschäftigt, was Kinder brauchen. Im Mittelpunkt stand eher, wie Kinder sich verhalten sollen. Es war nicht immer leicht, darüber im Gespräch zu bleiben. Aber genau das wurde zum Schlüssel: einander zuhören, statt zu überzeugen – in dem Vertrauen, dass Kinder nicht perfekte Einigkeit brauchen, sondern liebevolle Beziehungen. Sie spüren, dass sie geliebt werden. Die Kinder sehen, dass Menschen unterschiedlich handeln. Sie lernen, dass Vielfalt zum Leben gehört und entwickeln die Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Heute bin ich selbst Oma und darf erleben, wie sich die Erziehung weiter verändert und dass eines bleibt: die Kraft der echten Beziehung.

Verständnis statt Grundsatzdebatten

Diese vier Gedanken helfen dabei, Brücken zwischen euch und den eigenen Eltern zu bauen, anstatt Gräben zu ziehen:

  • Wertschätzung zuerst: „Ich sehe, wie viel Erfahrung ihr habt und wie sehr euch unsere Kinder am Herzen liegen.“
  • Eigene Haltung erklären, ohne zu belehren: „Für uns ist es wichtig, dass unser Kind lernt, dass seine Gefühle ernst genommen werden – auch wenn das mehr Geduld braucht.“
  • Gemeinsame Ziele betonen: „Wir wünschen uns alle, dass unser Kind selbstständig, verantwortungsvoll und innerlich stark wird.“
  • Gesprächsangebote statt Grundsatzdebatten: „Wenn ihr Lust habt, erzähle ich euch mehr über das, was uns an diesem Ansatz überzeugt hat.“

Verbindung ist wichtiger als Zustimmung. Ihr müsst eure Eltern nicht überzeugen, aber ihr könnt sie einladen, euch zu verstehen. Manchmal braucht es dafür weniger Worte und mehr gelebte Haltung: Geduld, Klarheit, Authentizität – und einen liebevollen Blick für alle Generationen.

Annette Sperling ist Familylab-Familienberaterin und Expertin für Großelternberatung. Mehr unter: grosselternberatung.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Generationendialog_GettyImages_AJ_Watt_E-Plus-scaled.jpg 1725 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-03 11:42:052026-03-03 11:42:05„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

Stundenlanges Schreien, Unruhe und Eltern am Rand der Verzweiflung: Ein Schreibaby kann eine echte Herausforderung sein. Was Eltern tun können, verrät Psychotherapeutin Melanie Schüer.

Janna steht am Fenster und wischt sich eine Träne weg. Gerade ist endlich Kai zurück von der Arbeit genommen und hat ihr die Kleine abgenommen, die schon wieder seit einer Stunde schreit. Woran kann das nur liegen? Janna ist verzweifelt. Die Babys ihrer Freundinnen wirken immer so entspannt! Hat sie ein „Schreibaby“?

Wie Janna geht es vielen Eltern: Wenn das Baby oft schreit, fühlen sie sich hilflos, erschöpft und manchmal sogar schuldig. Viele fragen sich: „Liegt es an mir?“ oder „Ist mein Baby krank?“ Die Wahrheit ist: Meistens ist niemand Schuld – manche Babys werden einfach mit einem Temperament geboren, das etwas Starthilfe beim Regulieren braucht.

Was ist ein Schreibaby?

Von einem Schreibaby spricht man, wenn ein Säugling mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mindestens drei Wochen hinweg weint. Das ist eine klassische Definition, aber entscheidend ist letztlich, als wie belastend die Eltern die Situation erleben. Wichtig: Babys wollen ihre Eltern nicht ärgern oder ausdrücken, dass sie grundsätzlich unglücklich sind. Ihnen fehlt noch die Fähigkeit, innere Anspannung selbst zu reduzieren und zur Ruhe zu kommen.

Warum schreien manche Babys so viel?

Babys kommen mit einem sehr unreifen Nervensystem zur Welt. In den ersten Monaten müssen sie lernen, ihre Gefühle, ihren Hunger und Übergänge zwischen Wachheit und Schlaf zu steuern. Das ist eine enorme Aufgabe – und bei manchen Babys ist dieses Regulierungssystem besonders empfindlich. Mögliche Gründe für ausgeprägtes Schreien sind:

  • Unreifes Nervensystem: Einige Babys brauchen einfach länger, um Stress zu verarbeiten und um “abzuschalten”, nachdem sie die Welt erkundet haben
  • Reizüberflutung: Viele Geräusche, Licht, Besuch, zu viele Eindrücke oder Termine
  • Unruhe im Körper: Verdauungsprobleme, Blähungen, Reflux, Allergien oder Unverträglichkeiten.
  • Schlafprobleme: Schlafmangel verstärkt das Schreien oft
  • Temperament: Manche Babys sind von Natur aus sensibler und reizempfindlicher – das sind dann später oft auch sehr feinfühlige, kreative Kinder und Erwachsene.
  • Elterlicher Stress: Eltern, die selbst gestresst, unsicher oder erschöpft sind, übertragen oft unabsichtlich ihre Anspannung auf das Baby – und Babys „spüren“ das sehr schnell. Ein schreiendes Baby stärkt diese Belastung natürlich – ein Teufelskreis.

Wichtig ist: Nicht jede Ursache ist klar erkennbar. Manchmal bleibt es bei der Erklärung „Reifungsprozess“ – aber natürlich gilt es, genau hinzuschauen und alle möglichen Ursachen zu beleuchten.

Was hilft – und was nicht?

Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt viele Strategien, die helfen können, das Baby zu beruhigen und mit dem Schreien besser zurechtzukommen. Die wichtigste Grundlage ist: Das Baby braucht Regulation – und zwar körperlich und emotional.

Beruhigungsstrategien (die oft funktionieren)

  • Tragen oder Kuscheln: Nähe und Bewegung vermitteln Sicherheit.
  • Ruhiges Schaukeln: Babys lieben rhythmische Bewegungen.
  • Weißes Rauschen: Ein Staubsauger-, Föhn- oder Regen-Geräusch kann sehr beruhigend wirken.
  • Pucken/Swaddling: Das Gefühl von Geborgenheit hilft vielen Babys, sich zu entspannen. Manche schlafen auch besser auf der Seite (mit einem speziellen Seitenschläferkissen für Babys)
  • Bauchmassage: Sanfte, kreisende Bewegungen können bei Blähungen helfen. Manche Babys lieben auch die sogenannte Schmetterlingsmassage, eine spezielle Massagetechnik, zu der es online viele Informationen gibt.
  • Stillen, Schnuller oder Flasche: Nuckeln hilft Babys oft, zur Ruhe zu kommen.

Wechsle nicht zu oft zwischen verschiedenen Strategien – das verstärkt die Überreizung. Gib jeder erst einmal 5-10 Minuten Zeit, zu helfen.

Weinen begleiten – statt „wegmachen“

Ein wichtiger Punkt: Weinen ist auch ein Weg zum Stressabbau. Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt, dass du dich irgendwie erleichtert gefühlt hast, nachdem du dir etwas von der Seele gesprochen und – geweint hast? Babys können noch nicht reden – ihnen bleibt nur das Schreien als Ventil.

Manchmal ist es daher gar nicht möglich oder nötig, das Schreien sofort zu stoppen. In solchen Momenten kann es helfen, das Baby einfach zu begleiten:

  • Dabei bleiben, ohne den inneren Druck, das Schreien zu beenden
  • Sanft sprechen oder summen
  • Hand auf den Rücken legen
  • Dem Baby sagen: „Es ist okay, dass du weinst. Ich bin bei dir und halte dich.“

Für viele Babys wirkt diese Begleitung wie ein „sicherer Hafen“ und unterstützt den Stressabbau. Oft sind Eltern überrascht, dass das Weinen früher oder später von selbst aufhört, wenn sie es nicht zwanghaft beenden wollen.

Ganz pragmatischer Tipp: Nutze bei dieser „Schrei-Begleitung“ Ohrenschützer oder -stöpsel. Das hilft, dein eigenes Stresslevel gering zu halten – und das spürt dann auch dein Baby.

Was nicht hilft – oder sogar verschlimmert

  • Schütteln: Das hilft überhaupt nicht und ist stattdessen gefährlich! Die Halswirbelsäule eines Säuglings ist noch instabil. Schütteln kann zu schweren Verletzungen führen.
  • Unbegleitet schreien lassen: Das kann das Stressniveau erhöhen und ist emotional belastend sowie schädlich für die Bindung und das Urvertrauen.
  • Zu viel Stimulation, Ablenken mit Spielzeugen oder ständiger Aktivität: Manchmal braucht das Baby weniger, nicht mehr.

Wie Eltern damit umgehen können (ohne auszubrennen)

Schreien ist für Eltern extrem belastend. Besonders, wenn es sich anfühlt, als würde es niemals enden. Hier sind Strategien, die helfen, nicht zu zerbrechen:

  1. Du bist nicht allein – und du bist nicht schuld

Viele Eltern von Schreibabys fühlen sich schuldig. Das ist verständlich, aber meist gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Viele Babys kommen unruhig zur Welt – dafür können die Eltern nichts. Wenn du aber merkst, dass du selbst sehr belastet bist mit eigenen Themen, dann ist es richtig, dir fachliche Hilfe zu holen. Denn wenn Eltern unter Depressionen, anderen psychischen Erkrankungen oder unter starker Anspannung stehen oder extrem verunsichert sind, können Kinder das unbewusst spüren. Oft spiegeln sie diese Anspannung, was ihre Unruhe verstärkt.

  1. Sorge für dich – das ist kein Luxus

Wenn du erschöpft und angespannt bist, kannst du keine Ruhe vermitteln. Das bedeutet:

  • Mach Pausen, auch kurze
  • Hol dir Unterstützung: Partner, Familie, Freunde, Nachbarschaft, Ehrenamtliche, z.B. Familienpaten oder „wellcome“
  • Geh raus, auch wenn es nur 10 Minuten sind.
  • Sprich über deine Gefühle, z. B. mit einer Hebamme, einer Elternberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.
  1. Setze klare Grenzen – auch gegenüber dir selbst

Wenn das Schreien zu viel wird, ist es okay, das Baby sicher in die Wiege zu legen und kurz Abstand zu nehmen. Eine Minute Ruhe kann einen Unterschied machen. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, ist das ein Signal: Du brauchst eine Pause – genau jetzt.

Wann ist ärztlicher Rat ratsam?

Auch wenn das Schreien meist keine gravierenden körperlichen Gründe hat, ist es wichtig, medizinische Ursachen auszuschließen. Besonders bei folgenden Beobachtungen:

  • wenn das Baby nicht zunimmt oder Gewicht verliert
  • wenn das Schreien plötzlich sehr stark wird oder neu auftritt
  • bei Fieber, Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag oder Blut im Stuhl
  • wenn das Baby apathisch wirkt oder ungewöhnlich lethargisch ist
  • wenn du den Verdacht auf Reflux, Allergien oder starke Verdauungsprobleme hast (z.B. Schreien immer nach dem Essen, harter, aufgeblähter Bauch)

Der Blick nach vorn: Es bleibt kein Schreibaby

Die gute Nachricht: Ein Schreibaby wird nicht „für immer“ schreien. In den meisten Fällen verbessert sich die Situation ab dem 3.–4. Monat deutlich, weil das Nervensystem reift und das Baby lernt, sich selbst zu regulieren. Manche brauchen etwas länger, aber es handelt sich definitiv um eine begrenzte Phase in eurem Leben. Wichtig ist, genau das nicht zu vergessen: „Es geht vorbei“. Stelle dir immer mal wieder Szenen aus der Zukunft vor, in denen du die Zeit mit deinem fröhlichen Kind genießt.

Und, ganz wesentlich: Du bist nicht allein. Hole dir Hilfe – besser früh als spät. In vielen Orten gibt es Schreiambulanzen oder Frühe Hilfen, zum Beispiel „Familienpaten“, Familienhebammen oder das Projekt „wellcome“. Auch online gibt es gute Anlaufstellen wie elternleben.de.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/02/Schreibaby_GettyImages_ArtMarie_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-02-26 14:57:392026-02-26 14:57:39Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

„Mein Kind ist anders … “ – Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Eltern von Kindern, die sich anders entwickeln als erwartet, stehen oft vor großen Herausforderungen. Familienberaterin Daniela Albert will betroffenen Eltern aus der Isolation helfen.

„Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas mit meinem Kind anders ist …“ So fangen viele Beratungsgespräche an, wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen, weil ihr Kind sich anders entwickelt als erwartet. Oft haben sie schon einen längeren Leidensweg hinter sich. Alltägliche Situationen, die andere spielend meistern, sind herausfordernd: Auf der Familienfeier im Kinderwagen schlafen? Fehlanzeige! Ein Stadtbummel in der Trage? Funktioniert nicht, weil das Kind schnell überreizt ist. Oder die Eingewöhnung in einer Betreuungseinrichtung erweist sich als schwierig. Zu Beratungsbeginn haben diese Eltern häufig die Erfahrung gemacht, dass andere über sie in Unverständnis die Nase rümpfen. „Die stellen sich aber auch an mit ihrem Kind“, heißt es vielleicht.

Dass sie sich anstellen oder auch übertreiben, bekommen meine Klientinnen und Klienten nicht nur in ihrem direkten Umfeld zu hören. Immer wieder müssen sie die Erfahrung machen, von ihrem Gegenüber nicht ernst genommen zu werden. Da ist die Kinderärztin, die die Bedenken mit einem Lächeln abtut. Oder da sind pädagogische Fachkräfte, die finden, dass alles noch im Rahmen sei. Solche Sätze sollen beruhigend wirken, und manchmal entsprechen sie auch den Tatsachen. Doch für Mütter und Väter, deren Bauchgefühl eine deutlich andere Sprache spricht und die im Alltag erleben, dass ihr Kind eben nicht „normal funktioniert“, verschlimmern sie die Lage. Und sie erschweren den Weg zu Hilfe und Erleichterung.

Falsche Unterstellungen

Eltern von Kindern mit Neurodiversitäten, körperlichen oder psychischen Auffälligkeiten kämpfen oft damit, Verständnis und Akzeptanz zu finden. Ein schwieriger, oft schmerzhafter Prozess, in dessen Verlauf sich soziale Beziehungen verändern und Familien sich oft allein fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass es die verbreitete Ansicht gibt, dass „all das“ sicher nur an den Eltern läge. Diese ließen sich von ihrem gefühlsstarken Kind auf der Nase herumtanzen, verwöhnten das hochsensible Kind zu sehr, förderten Entwicklungsprozesse nicht genug oder – wie beim Thema Hochbegabung unterstellt – zu viel. Ein großer Teil von Eltern, deren Kinder sich abseits gängiger Normen bewegen, kennt solche Unterstellungen und Zuschreibungen.

Doch nicht nur die Akzeptanz von außen ist ein Thema. Denn oft müssen Eltern selbst erst einmal diesen Weg gehen. Sie müssen ihre Vorstellungen vom Familienleben loslassen und akzeptieren, dass ihr Elternalltag anders aussieht. Kein Vater und keine Mutter träumt davon, sich auf die frustrierende Suche nach Therapieplätzen zu machen, seine Nachmittage in Wartezimmern zu verbringen oder den Alltag nach den besonderen Bedarfen seines Kindes auszurichten. Die Eltern, die ich begleite, stehen genau vor diesen Herausforderungen. Viele meistern sie wunderbar und schaffen es, sich diesen anders getakteten Alltag so schön wie möglich zu machen. Ich begleite echte Löweneltern und ziehe immer wieder den Hut vor ihnen.

Akzeptanz und Herzschmerz

Ein erster Schritt, das Bestmögliche aus der Situation zu machen, besteht darin, die Erwartungen, die man einmal hatte, loszulassen. Es ist gut, seinen Frieden damit zu machen, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren werden. Manchmal erlebe ich Eltern, die sich damit schwertun. Ich habe Verständnis dafür, denn oft wird man von rosaroten Eindrücken vom Familienleben überschwemmt. Social Media oder der WhatsApp-Status gaukeln uns vor, dass andere scheinbar das perfekte Glück gefunden haben. Die Erkenntnis, dass man als Familie da nicht mithalten kann, macht im schlimmsten Fall bitter. Aber sie kann auch befreien. Wenn man den oft schmerzhaften Weg der Akzeptanz nämlich einmal gegangen ist, bleibt die Freiheit zu überlegen, wie man sein Familienleben unter den gegebenen Umständen gestalten möchte. Vergleiche darf man sich getrost schenken.

Was beim Thema Alltagsgestaltung noch bewältigbar ist, gestaltet sich auf einer anderen Ebene deutlich schwieriger: Wie hält man den Herzschmerz aus, den die Begleitung eines besonderen Kindes oft mit sich bringt? Dieses stechende Gefühl in der Brust, wenn dir bewusst wird, dass dein Kind schon ein Jahr lang in den Kindergarten geht, aber noch nie zu einem anderen Kind nach Hause kommen durfte? Wie oft ringen sich Mütter oder Väter ein müdes Lächeln ab, um Trauer oder Wut darüber zu verbergen, dass nur im Fach ihres Kindes wieder keine Geburtstagseinladung liegt? Wie lange kann man sich zusammenreißen, wenn man wieder mitbekommt, dass andere über das eigene Kind tuscheln?

Raus aus der Isolation!

Und es ist ja oft nicht nur das Kind, das ein Problem hat, Anschluss zu finden. Auch die Eltern können in Isolation geraten. Die Themen, über die andere sprechen, sind nicht die eigenen. Gemeinsame Aktivitäten kommen nicht in Frage. Oft sind Eltern auch müde davon, sich und ihr Kind immer wieder erklären zu müssen. In einer Lebensphase, in der Kontakte meist im Umfeld der Kinder entstehen, kann man mitunter einsam werden. Ein großer Gewinn sind hier Mütter und Väter in ähnlichen Situationen. Über soziale Netzwerke kann man sich leichter finden. Dazu rate ich dringend! Denn die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht allein ist, kann zur Annahme der Situation beitragen.

Eltern, deren Kinder aus irgendeinem Grund durch unsere gängigen Raster fallen, leisten Unglaubliches – sowohl in der Bewältigung ihres Alltags als auch beim Loslassen und Annehmen von Situationen, die man sich anders ausgemalt hatte. Ich wünsche mir, dass wir uns öfter klarmachen. Und wir sollten diesen Familien wohlwollend und offen gegenübertreten und uns fragen, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass diese Kinder und ihre Eltern bei uns ihren Platz finden.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter: eltern-familie.de

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