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Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

„So redest du nicht mit mir!“ – Wie Kinder respektvolle Kommunikation lernen

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

Kontaktabbruch von Jugendlichen: Das können Eltern vorsorglich tun

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

„Wie redest du mit mir?“ – So lernen Kinder respektvolle Kommunikation

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

„Mama, ist auch bei uns bald Krieg?“ – So können Eltern mit Kinderängsten umgehen

Kriege, Krankheiten und Katastrophen machen schon Erwachsenen oft große Angst. Wie geht es Kindern dabei? Und wie können Eltern ihre Kinder begleiten? Tipps gibt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Melanie Schüer.

„Mama, kommt der Krieg bald auch zu uns?“ Sara muss erst einmal schlucken, als ihr fünfjähriger Sohn diese Frage auf dem Rückweg vom Kindergarten stellt. „Wie meinst du das?“, fragt Sara bemüht unbeschwert, um Zeit zu gewinnen. „Naja“, entgegnet Luis und schaut seine Mama mit großen Augen an, „Heute haben die anderen Kinder Krieg gespielt und über Russland und die Ukraine gesprochen. Und Anna meinte, dass Deutschland vielleicht auch bald angegriffen wird!“ Sara hört die Angst in der Stimme ihres Sohnes – und spürt, wie sich ein Gefühl von Bedrohung in ihr ausbreitet. Keine einfache Frage, die der kleine Luis da stellt! Und doch eine, die wir Erwachsenen vermutlich alle sehr gut nachvollziehen können.

Zuversicht, aber bitte ehrlich

Es ist keine gute Idee, Dinge zu versprechen, die wir ehrlicherweise selbst nicht sicher wissen können. Und gleichzeitig ist es wichtig. unseren Kindern bei aller Ungewissheit Vertrauen und Stabilität zu vermitteln. Das kann zum Beispiel bedeuten, dem kleinen Luis eine Antwort zu geben, die so oder so ähnlich klingt:

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was passieren wird und ob es auch bei uns irgendwann mal Krieg geben wird. Es ist aber nicht sehr wahrscheinlich, dass uns einfach jemand angreift. Denn unser Land hat mit 31 anderen starken Ländern zusammen etwas abgemacht. Wir haben uns alle versprochen, dass wir uns gegenseitig helfen, falls ein Land angegriffen wird. Wenn ein Gegner uns angreifen würde, hätten wir 31 befreundete Länder, die uns unterstützen – das muss der Gegner sich natürlich gut überlegen, ob er das wagen will! Würdest du jemanden angreifen, der 31 Freunde auf seiner Seite hat, die ihn beschützen? Aber das Wichtigste ist: Egal, was passiert, wir halten zusammen und Mama ist bei dir!“

Auch die Vermittlung von Glaubensinhalten, kann – sofern die Eltern selbst dahinterstehen – ein starkes Mittel gegen die Angst sein, im Sinne von: „Wir wissen nicht, was kommt, aber wir wissen, dass Gott immer an unserer Seite ist – in guten und in schwierigen Zeiten.”

Betonen, was Halt gibt

Auch, wenn bedrohliche Erkrankungen im Raum stehen, ist es keine gute Idee, Kinder anzulügen, um sie vermeintlich zu schützen. Fast immer spüren die Kinder, dass etwas nicht stimmt – und das Unwissen fühlt sich oft viel belastender an als eine altersgerechte, ehrliche Antwort. Bei aller Unsicherheit ist es immer hilfreich, wenn Eltern auf das hinweisen, was Halt vermittelt. Beispielsweise:

„Du hast Recht, meine Krankheit ist schlimmer als ein kleiner Schnupfen. Und es sind schon Menschen daran gestorben. Das heißt aber nicht, dass ich auch sterben muss! Es gibt gute Behandlungen – ich muss in nächster Zeit öfter in die Klinik, damit mein Körper die Krankheit möglichst gut bekämpfen kann. Ich habe gute Chancen, wieder gesund zu werden. Sehr wahrscheinlich sterbe ich nicht! Aber selbst im schlimmsten Fall gibt es Menschen, die dich lieb haben und sich um dich kümmern: Oma, Opa, Onkel Tommy … Du bist niemals allein. Wir kämpfen gemeinsam und gemeinsam sind wir stark! Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn wir diese blöde Krankheit besiegt haben und wieder zusammen schwimmen gehen können!“

Angst darf sein

Angst ist nicht per se negativ, denn sie ist ein wichtiges Gefühl, das uns hilft, uns nicht unnötig in Gefahr zu bringen: So ist es doch durchaus schlau, ein großes, gefährlich wirkendes Tier nicht anzufassen oder nicht einfach über die Straße gehen, ohne zu schauen!

Schwierig wird es nur, wenn die Angst ständig warnt, obwohl gar keine Gefahr droht. Dann hilft es, sich klarzumachen: Die Angst irrt sich, es ist gerade nicht gefährlich. Man kann sich auch einen Satz ausdenken, den man sich innerlich sagt, wie zum Beispiel: „Danke, liebe Angst – aber gerade ist alles okay. Fehlalarm, du kannst dich beruhigen.“ So einen Satz parat zu haben, kann auch schon Kindern helfen.

Angst nicht zum Tabu machen

Es lohnt sich, Kinder zum Sprechen über Angst zu ermutigen und deutlich zu machen, dass genau das hilft, mit der Angst klarzukommen. Eltern können ihrem Kind erklären, dass Angst ein vorübergehendes Gefühl ist, das zum Leben dazugehört – genauso wie Freude, Wut und Traurigkeit.

Eltern können ein gutes Vorbild sein, indem sie auch von sich aus erzählen, wovor sie Angst haben, oder früher Angst hatten, und was ihnen geholfen hat, sie zu überwinden. Singen, Tagebuch schreiben, Beten … was hilft Ihnen, wenn die Angst hochkommt? Erzählen Sie Ihrem Kind davon!

Unbegründete Ängste gelassen angehen

Nicht jede Angst ist für uns Eltern direkt nachvollziehbar. Manchmal geraten Kinder auch in Panik über einen kleinen Hund oder haben Bauchweh vor jedem kleinen Ausflug. Dann ist es wichtig, diese scheinbar unbegründeten Sorgen ernst zu nehmen, und gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, was dahintersteckt:

  • Verständnis ausdrücken: „Stell dich doch nicht an“ sollte natürlich tabu sein, ebenso wie Druck und Zwang. Lass dein Kind wissen, dass du siehst, dass es sich fürchtet – und, dass du an seiner Seite bist: „Du hast gerade Angst, oder? Das ist okay. Ich bin bei dir.“
  • Fragen stellen: Wenn die Angst gerade sehr stark ist, gilt es, das Kind wahrzunehmen und liebevoll zu begleiten. Sobald es sich etwas beruhigt hat, dürfen Eltern dann behutsam nachfragen: “Was genau findest du so schlimm daran? Was befürchtest du, was passieren könnte?”
  • Manchmal wissen Kinder selbst nicht, was genau die Ursache für ihre Verunsicherung ist. Dann kann es helfen, dem Kind Informationen zu geben, damit es die Situation besser einschätzen kann, zum Beispiel, wie der Ausflug ablaufen wird, wen man bei Problemen ansprechen kann, usw.
  • Verbindung zwischen Körper und Gedanken kindgerecht erklären: Viele Kinder reagieren mit Bauch- oder Kopfschmerzen auf Nervosität. Das ist dann nicht eingebildet, sondern eine körperliche Reaktion auf die Stresshormone. Das zu wissen hilft Kindern, die Symptome besser zu verstehen und gelassener damit umgehen zu können. Eltern können erläutern: „Wenn man sich Sorgen macht, dann wird auch oft der Kopf oder der Bauch ganz unruhig. Die Angst wandert sozusagen durch den Körper und kann dann auch mal weh tun, so wie deine Kopfschmerzen.“
  • Kleine Schritte gehen: So kann vielleicht ein Eltern- oder Großelternteil beim ersten Kita-Ausflug dabei sein oder der Hund kann erst einmal aus der Ferne, dann von etwas näher beobachtet und dann vorsichtig am Rücken berührt werden, während er festgehalten wird.
  • Die Angst externalisieren: So nennen es Fachleute, wenn sie mit Menschen Wege finden, der Angst eine sichtbare Gestalt zu geben. Das kann helfen, Abstand zu den Gefühlen zu finden und zu merken: “Ich bin nicht meine Angst. Ich muss mich nicht von ihr bestimmen lassen.” Das geht auch toll mit Kindern! Eltern können ihren Kindern vorschlagen, die Angst gemeinsam zu malen und sogar zu benennen – vielleicht als Tier, als fieses kleines Monster oder anderes Wesen. Im zweiten Schritt kann dann auch jemand gemalt werden, der hilft, die Angst zu zähmen.
  • Kleine Mutmachübungen: Mit körperlichen Übungen kann Angst spürbar gelindert werden. So kann es hilfreich sein, die Angst aus dem Körper herauszuklopfen (Arme, Beine und Oberkörper abklopfen und danach alles ausschütteln) oder die Arme verschränkt über die Schultern zu legen („Schmetterlingsumarmung“) und dabei ein paar Mal tief in den Bauch ein- und wieder auszuatmen. Symbole wie ein Mutstein, eine Gebets-Box oder ein Sorgenfresser können Kinder daran erinnern, dass sie nie alleine sind.

Glaube nicht alles, was du denkst!

Älteren Kindern und Jugendlichen können Eltern erklären, wie unsere Gedanken und Gefühle miteinander zusammenhängen. Je nachdem, wie wir über eine Situation denken, fühlen wir uns auch. Wer denkt: „Ich bin nervös, aber ich gebe mein Bestes und bin nicht allein!“, der fühlt sich ganz anders als jemand, der denkt: „Ich kriege das nicht hin!“

Gedanken zu verändern lässt sich üben! Anfangs fühlt es sich künstlich an, doch je öfter man positive, zuversichtliche Gedanken denkt, desto normaler wird genau das für unser Gehirn.

Fachliche Hilfe einbeziehen

Nicht immer lassen sich Ängste ganz problemlos regulieren. Wenn Eltern merken, dass bestimmte Sorgen das Kind dauerhaft belasten oder sich sogar verstärken, dann ist fachliche Unterstützung angezeigt. Denn je länger man wartet, desto höher ist die Gefahr, dass sich die Angst festsetzt und chronisch wird. Je früher aber die richtigen Schritte unternommen werden, desto besser stehen die Chancen, dass dein Kind schon bald wieder mit mehr Leichtigkeit durch den Alltag gehen kann.

Wenn also trotz deiner Begleitung dein Kind weiter unter der Angst leidet und davon eingeschränkt wird (beispielsweise schulisch oder im Alltag), dann scheue dich nicht, dich beraten zu lassen. Wende dich an die kinderärztliche Praxis und/oder eine Erziehungsberatungsstelle. Kostenlose Angebote gibt es unter dajeb.de

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen können einschätzen, ob eine Psychotherapie (meist geht das gut ambulant mit wöchentlichen Terminen) nötig ist. Die Wartezeiten, besonders im ambulanten Bereich, sind oft lang. Deshalb warte nicht zu lange und überbrücke die Wartezeit gerne mit Besuchen in einer Erziehungsberatungsstelle. Auch Schulsozialarbeiterinnen können oft gute erste Hilfe bei Ängsten leisten, welche den Schulalltag betreffen.

Fazit: Angst gehört zum Leben – muss es aber nicht bestimmen!

Gerade im Kindesalter kommen bestimmte Ängste entwicklungstypisch häufiger vor. Wer sein Kind achtsam im Umgang mit großen und kleinen Sorgen begleitet und sich im Ernstfall nicht scheut, fachliche Hilfe zu holen, bringt seinem Kind etwas Wichtiges für’s Leben bei: Angst gehört dazu. Angst kann sogar nützlich sein. Wenn sie zu stark wird, kann man etwas tun – denn Angst muss uns nicht lähmen.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin.

Psychische Probleme bei Teenagern: Sind Eltern schuld daran?

Wenn Teenager psychische Probleme entwickeln, fragen sich Eltern oft, ob sie versagt haben. Psychotherapeut Jörg Berger verrät, was die Paardynamik damit zu tun hat.

Der Schreck sitzt tief, wenn das eigene Kind offenbart, dass es manchmal nicht mehr leben will, oder wenn es zum ersten Mal die Wunde am Unterarm zeigt, die es sich mit der Schere zugefügt hat. Andere Eltern entdecken, dass es kein Zufall mehr sein kann, dass ihre Tochter nach Mahlzeiten gleich aufs Klo geht und es dann trotz offenem Fenster nach Erbrochenem riecht. Ein Sohn, der aktiv war, zieht sich zurück und geht nur noch außer Haus, wenn er muss. Es gibt leider so viel, das sich ganz anders entwickeln kann, als es Eltern bei ihrem Kind erwarten: Ängste, Zwänge, Schulprobleme oder Suchtverhalten. Psychische Probleme treffen auch Teenager, die aus guten Verhältnissen kommen, die mit Liebe erzogen und gut gefördert wurden.

Eine Schuldentlastung, die nicht hilft

Eine 19-Jährige kommt aufgebracht ins Therapiegespräch. Sie ist wegen einer Borderline-Störung in Behandlung, von der Außenstehende vor allem die starken Stimmungsschwankungen bemerken und eine Wut, die gelegentlich explodiert, sich sonst aber gegen die eigene Person richtet: in Form von Selbstabwertungen, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken. Ihre Eltern hätten einen Vortrag über Borderline-Störungen besucht.

Der Fachmann habe gesagt, die Erkrankung sei biologisch bedingt, eine Besonderheit im Gehirn. Meine Patientin hat sicher richtig gehört, was die Eltern damit ausdrücken wollten: „Damit hat sich doch erledigt, was du an uns kritisierst. Wir haben nichts damit zu tun, dass es dir so schlecht geht.“ Das emotionale Klima in der Familie meiner Patientin ist allerdings abweisend und vernachlässigend. Wenn sie versucht, sich gegenüber den Eltern verständlich zu machen, läuft es darauf hinaus, dass mit ihr etwas nicht stimme und dass sie undankbar sei.

Diese Erfahrung macht ein Dilemma sichtbar. Der Kollege hat seinen Vortrag für die Eltern betroffener Kinder gehalten. Er wollte offenbar entlasten und hat vermutlich die biologischen Faktoren betont. Was hilft es, wenn Eltern, die schon mit der Sorge um ihr Kind belastet sind, auch noch von Schuldgefühlen gequält werden? Andererseits ist das nicht die ganze Wahrheit. Nur wenige psychische Erkrankungen gehen in erster Linie auf Gehirnbesonderheiten zurück, AD(H)S zum Beispiel oder Autismus. Die meisten psychischen Probleme haben auch eine emotionale Ursache. Wenn sich Eltern auch dann von der Schuldfrage entlasten, übersehen sie, was sie verändern können.

Schuld annehmen lernen

Wo wir Verantwortung übernehmen, werden wir auch schuldig. Es gibt eine tragische Schuld, die wir auch dann auf uns laden, wenn wir unser Bestes geben. Wir werden sozusagen unschuldig schuldig. Wenn Eltern ihre Schuld gegenüber Kindern nicht tragen können, werden sie ihr Kind abweisen, wenn es einmal andeutet: „Da verhältst du dich so, dass es mir damit nicht gut geht.“

Doch abgewiesene Kinder fühlen sich falsch, schuldig und unzureichend. Wenn es nicht an den Eltern liegt, muss doch mit ihm, dem Kind, etwas nicht stimmen. Hilfreicher ist eine Haltung der Eltern, die Schuld annehmen kann: „Wir lieben dich und haben unser Bestes gegeben. Aber natürlich machen wir Fehler und du leidest unter unseren Schwächen. Wo wir das nicht sehen können, hilf uns, damit es uns klar wird und wir etwas verändern können.“

Mit der Entwicklung von Kindern wachsen

Je jünger Teenager sind, desto weniger können sie auf den Punkt bringen, warum sie etwas in der Familie belastet. Deshalb braucht es Geduld, ein aufmerksames Hinsehen und ein Ausprobieren von Veränderungen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Für jedes Problemverhalten gibt es einen guten Grund. Wenn sich ein Kind verschließt, hat es Gründe, sich nicht zu öffnen, auch wenn es vielleicht ein Geschwisterkind gibt, das in der gleichen Familie sehr offen ist. Wenn ein Kind in so hohe Anspannung gerät, dass es diese mit Selbstverletzungen reguliert, hat auch das seinen Grund. Nie liegt es an den Eltern allein, aber es ist wahrscheinlich, dass sie unwissend dazu beigetragen haben.

„Welche meiner Reaktionen könnte für meinen Sohn vielleicht unangenehm sein, wenn er sich öffnet? Und was könnte ich stattdessen tun?“ – „Welche meiner Reaktionen und Sichtweisen könnte die innere Anspannung meiner Tochter verstärken? Und was wäre eine heilsame Alternative für mein bisheriges Verhalten?“ Eltern, die eine Weile mit solchen Fragen leben, schärfen ihre Wahrnehmung. Sie können probeweise ändern, was ein Kind vermutlich belastet. Wenn ich Eltern darin begleite, entspannt sich die Beziehung zu den Teenagern oft und Eltern können das tun, was sie ja wollen: mehr zur Lösung als zum Problem beitragen. Im Teenageralter sind Erfahrungen mit den Eltern bereits verinnerlicht und mit dem verwoben, was Teens mit Gleichaltrigen erleben. Probleme verschwinden daher nicht gleich, wenn sich im Elternhaus etwas ändert. Auch hier braucht es Geduld und ein Vertrauen in Teenager. Sie müssen ihren eigenen Weg mit dem Problem finden, der zu ihnen und ihren Möglichkeiten passt.

Ungute Elternbündnisse auflösen

„Wo belaste ich mein Kind, ohne dass mir das bewusst ist?“ Meist kennt der Ehepartner die Antwort, denn er leidet unter den gleichen Schwächen, die Kinder treffen. In den meisten Ehen entscheidet sich allerdings früh, über welche Schwächen seines Partners man reden darf und über welche besser nicht. Manche Schwächen liegen im toten Winkel eines Partners und vertragen sich so wenig mit dem Bild, das dieser von sich hat, dass ein Tabu entsteht. Man redet nicht mehr darüber, weil es nur zu Streit führt. Ehepartner können sich mit Schwächen zur Not arrangieren. Über die Jahre passen sie sich vielleicht sogar einer unguten Sichtweise des Partners an, einem Misstrauen zum Beispiel oder übertrieben strengen Maßstäben. Was ein Erfolgsgeheimnis für eine harmonische Ehe sein kann, nämlich ein Tabu unangetastet zu lassen, wirkt sich auf Kinder verhängnisvoll aus. Denn die stehen dann nicht nur einem Elternteil gegenüber, das eine Schwäche nicht zugeben will. Der andere Elternteil scheint auch noch zu bestätigen, dass es diese Schwäche nicht gibt.

In der Ehe beginnen

Wenn Teenager psychische Probleme haben, lohnt es sich, an den Punkt zurückzugehen, an dem man die Schwäche seines Ehepartners noch wahrgenommen hat. Doch soll man ausgerechnet jetzt den Partner mit einer Schwäche konfrontieren, wenn im Raum steht, dass diese zu Problemen des Kindes beigetragen hat? Wenn man vom Partner nicht dazu eingeladen wurde, würde ich eher raten: Nein. Doch wenn man als Ehepartner wieder spürt, wie es einem mit einer Schwäche geht, warum nicht das Tabu brechen und das Gespräch suchen? Dann muss man vielleicht einem Kampf standhalten, der sich darum dreht, dass das Tabu erhalten bleibt und damit das Gewohnheitsrecht des Partners auf eine unkorrigierte Schwäche.

Doch dem muss man nicht nachgeben: „So sehe ich es leider wirklich. Es ist nicht in Ordnung für mich und ich wünsche mir, dass du dich damit auseinandersetzt.“ Schon das verändert das emotionale Klima in der Familie und Kinder spüren es, auch wenn man mit ihnen nicht über den Ehekonflikt spricht. Die Chancen sind nicht schlecht, dass sich ein Partner schließlich doch einer Schwäche stellt und ihm dann selbst auffällt, dass vielleicht auch das Kind unter dem leidet, was der Ehepartner nicht mehr klaglos hinnimmt.

Eltern, die wussten, was sie tun

So schwer die unschuldige Schuld von Eltern zu tragen ist, die es nicht besser wussten, so erdrückend kann echte Schuld auf dem Gewissen lasten. Die Wutausbrüche zum Beispiel, die Kinder so erschrecken, hat sich eine Mutter nicht ausgesucht, doch wenn sie nichts für eine Veränderung tut, ist das eine Schuld wider besseren Wissens. Genauso wenn ein Vater über Jahre innerlich abwesend ist, weil ihn seine Affäre beschäftigt und die Komplikationen, die sie in sein Leben bringt.

Viele Menschen können wohl nur eine gute Form von Verdrängung suchen, die das wahrnimmt, was man heute eingestehen und ändern kann, und alles andere möglichst vergisst: Das Leben geht weiter, wenn man Altes hinter sich lässt, für Eltern und für Kinder. Als Christ glaube ich, dass Eltern einen Zugang zu Gottes Vergebung haben. Doch das nimmt die Last der Schuld nicht automatisch weg. Denn Eltern sehen bei ihren Kindern vielleicht weiterhin Probleme, zu denen ihr Verhalten beigetragen hat. Je nach biblisch-seelsorgerlicher Tradition, in der die eigene Kirchengemeinde steht, sehen die Wege etwas anders aus, auf denen gläubige Menschen von Schuld frei werden. Wer sehr belastet ist, profitiert vielleicht von einer Seelsorge oder geistlichen Begleitung.

Unsere Fähigkeit, Schuld zu bewältigen, und unsere Fähigkeit, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir als Eltern tun und lassen, bedingen einander: Nur wer aushalten kann, was er hört, kann aufrichtig fragen, warum es seinem Teenager nicht gut geht. Doch warum sollte uns die Liebe zu unseren Kindern dazu nicht befähigen? Und gehört nicht auch das zu einer starken Ehe: einander bei der Bewältigung von Schuld unterstützen?

Jörg Berger ist Psychologe, Psychotherapeut und Autor, unter anderem von „Meine Stacheln. Wie Sie Ihre Schwächen entschärfen“.

 

Zur Konfliktfähigkeit erziehen

Um in Familien Frieden zu leben, brauchen wir eine gesunde Konfliktkultur. Für Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
praxis-dbeier.de

Konflikte mit Kindern: Worauf es in der Erziehung ankommt

In Familien gehören Konflikte zur Tagesordnung. Da braucht es eine gesunde Konfliktkultur. Für Erziehungscoach Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
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Schüchternes Kind findet keine Freunde? Das können Eltern tun!

Wenn schüchterne Kinder Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden, können Eltern helfen. Bestseller-Autorin Nicola Schmidt gibt vier Tipps.

Es ist gut, sich die Frage zu stellen, wie wir in die Freundschaften unserer Kinder investieren können: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).

Überall Spielzeug? Nein Danke!

Spielzeug türmt sich, es ist ständig unaufgeräumt und chaotisch. Madeleine Ramstein hat einen kreativen Weg gefunden, die Spielzeugberge abzubauen.

Meine Kinder lieben es, zu spielen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Doch trotz des vielfältigen Angebots an Spielzeugen in unserem Zuhause greifen sie oft zu Dingen, die sie in unserem Haushalt finden: Töpfe, Decken, Stühle … Wenn ein neues Spielzeug seinen Weg zu uns findet, geht es bald in dem Berg an vorhandenen Spielsachen unter. Es ist ein Phänomen, das wohl viele Eltern kennen: Das Interesse an einem Geburtstagsgeschenk verblasst schnell. Und wenige Wochen später findet sich das Spielzeug in einer verstaubten Schublade wieder.

Ich erinnere mich noch lebhaft an die fesselnden Werbespots in meiner Kindheit, welche die neuesten Spielsachen präsentierten: Flugzeuge, bei denen man das Gefühl hatte, wirklich fliegen zu können. Kleine Puppen, die zur Musik tanzten und mich in fremde Welten voller Abenteuer eintauchen ließen. Die Werbung suggerierte, dass ich mich mit genau diesem Spielzeug in eine wunderbare Welt voller Möglichkeiten begeben konnte. Doch die Realität sah oft anders aus: Das Spielzeug konnte dieses Versprechen nicht halten.

Kein Spielzeug und ein schlechtes Gewissen

Ähnliches beobachtete ich bei meinen Kindern: Ihre Spielsachen dienten in erster Linie dazu, den Fußboden zu bevölkern. Meine Kinder schafften es in kürzester Zeit, ein riesiges Chaos zu verursachen. Das anschließende Aufräumen dauerte oft länger als das Spielen selbst. Manchmal herrschte tagelang Unordnung und meine Nerven lagen blank. Als ich schließlich mit unserem dritten Kind schwanger und überfordert von der Spielzeugflut war, entschied ich mich für eine Challenge: Ich packte alle Spielsachen in Schachteln und Kisten und verstaute sie oben in unseren Schränken. Nur ihre Lieblingsstofftiere durften sie behalten. Falls sie gern mit einem bestimmten Spielzeug spielen wollten, würde ich es aus der Kiste hervorholen und ihnen geben. Mir war wichtig, dass sie nur mit den Spielsachen spielten, die sie bewusst verlangten und an die sie sich erinnern konnten. Mein Plan war, nach drei Monaten alles Spielzeug, das nicht zurückverlangt worden war, zu verkaufen oder zu verschenken.

Weshalb meine Kinder bei dieser Aktion mitmachten? Mein Mann und ich versprachen ihnen, dass wir nach Ablauf der drei Monate für zwei Tage in den Europapark fahren würden. Den Erlös der verkauften Spielsachen dürften sie im Park ausgeben. Mit dieser Challenge hoffte ich, ein für alle Mal Ruhe in unser Chaos zu bringen. Die Umstellung war für mich allerdings schwerer als gedacht. Zwar war ich das Chaos los, nicht aber das schlechte Gewissen: „Die armen Kinder! Sie haben keine Spielsachen mehr!“ Solche und ähnliche Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum. Im Chaos zu leben, war nicht einfach gewesen. Nun aber die Leere auszuhalten, war zu Beginn sehr herausfordernd.

Freiheit und Leichtigkeit

Der erste Tag ohne Spielsachen brachte überraschend wenig Beschwerden. Ich erwartete insgeheim, ständig zu den Kisten rennen zu müssen, um gewünschte Spielsachen hervorzuholen. Doch es kam anders: Der leere Raum fiel meinen Kindern auf, aber sie störten sich nicht daran. Im Gegenteil: Sie stellten Musik an und tanzten voller Freude. Sie bewegten sich unbeschwert, ohne Gefahr zu laufen, über Bausteine und anderes zu stolpern. Danach widmeten sie sich ihrem Lieblingsspiel: Sie bauten Hütten mit Vorhängen, Stühlen und Tüchern. In meinem Vorratsschrank „kauften“ sie für ihre Hütte ein. Sie spielten ungezwungen und waren sehr zufrieden. Nach einer Weile bat die Jüngste mich um eine Geschichte, woraufhin ich sie Bücher aus dem Schrank auswählen ließ und sie ihr erzählte. Der erste Tag ging vorüber. Die Kinder schienen nichts zu vermissen.

Zu Weihnachten erhielten sie Bastelsachen, ein Xylophon, einen Zählrahmen, Plüschhunde und Spielfahrzeuge. Die Geschenke hielten sich in Grenzen. Wir hatten unseren Eltern im Vorfeld mitgeteilt, dass wir mit weniger Spielsachen leben und mehr Wert auf Erfahrungen legen möchten. Deshalb waren Eintrittskarten in den Zoo ein beliebtes Geschenk. Die Kinder waren zufrieden – und ich auch. Gelegentlich wurde nach einem bestimmten Spielzeug verlangt. Die Aufräumarbeiten waren nun im Vergleich zu den Zeiten mit vielen Spielsachen deutlich einfacher. Ich genoss die neu gewonnene Freiheit und Leichtigkeit im Alltag. Gleichzeitig lernte ich meine Kinder besser kennen. Ihr Spielverhalten erschien mir nun deutlicher. Puppen waren ihnen wichtig, und sie kümmerten sich sehr gut um sie: Täglich pflegten und versorgten sie ihre Puppen, gingen mit ihnen spazieren und wechselten ihre Windeln. Nebenbei wurde viel zur Musik getanzt, gebastelt und Hütten gebaut.

Strahlende Augen

Ich verkaufte einige Spielsachen, die ich in unseren Schränken gestapelt hatte. Und schließlich war der ersehnte Tag für unseren Ausflug in den Europapark gekommen. Die strahlenden Augen unserer Kinder und ihre überbordende Begeisterung waren nicht zu übersehen. Wir genossen zwei Tage mit neuen Eindrücken, leckeren Snacks und vielen Achterbahnfahrten. In einem der Shops sagte ich zu den Kindern: „Ihr habt euer eigenes Geld dabei, sucht euch etwas aus und bezahlt es.“ Das hatten sie noch nie zuvor gemacht. Begeistert suchten sie sich jeweils ein kleines Spielzeug aus. Das restliche Geld investierten sie in Schokolade und andere Süßigkeiten.

Dieses Experiment und die Zeit im Europapark waren für unsere Familie ein voller Erfolg. Die Kinder lernten die Freude daran, ihr eigenes Geld zu verdienen und auszugeben. Bei uns zu Hause ist es wesentlich ruhiger und entspannter geworden. Wir besitzen noch etwa ein Drittel aller Spielsachen, die die Kinder zuvor zur Verfügung hatten. Dadurch hat sich unsere Lebensqualität deutlich verbessert. Auf keinen Fall möchte ich zu den Spielzeugbergen zurückkehren. Deshalb haben wir unserem Umfeld mitgeteilt, dass wir uns von nun an lieber Gutscheine und Ausflüge für die Kinder wünschen oder etwas Bestimmtes, das sie gerade gebrauchen können. Gemeinsame Erlebnisse und die Zeit zusammen als Familie sind für uns viel kostbarer als ein Haufen Spielsachen.

Madeleine Ramstein ist Theologin und Seelsorgerin. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Schweiz.