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Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können

Eltern können ihre Kinder nicht glücklich machen. Aber sie können ihnen Tools mitgeben, die helfen, das Glück zu finden. Von Sandra Geissler

Als die freundliche Anfrage zu diesem Artikel in mein Postfach flatterte, zuckte ich kurz zusammen. „Kann ich meine Kinder glücklich machen?“, „Bin ich für das Glück meiner Kinder verantwortlich?“ und „Wie kann ich ihnen eine glückliche Kindheit schenken?“ „Huch“, dachte ich. „Das wird ein kurzer Artikel. Nein, nein und nochmals nein. Fertig.“

Dann dachte ich daran, wie oft ich schon alles dafür tun wollte, dass aus dem „Nein“ irgendwie ein „Ja“ werden möge. Elternherzen sehnen sich danach, bei der Geburt ihrer Kinder eine Glücksgarantie mitgeliefert zu bekommen. Und wenn schon keine Garantie, dann zumindest eine Betriebsanleitung für die glückliche Kindheit, die schlussendlich in ein glückliches Erwachsenenleben mündet.

Bullerbü und Zimtschnecken

Es ist ein Sehnen gegen jede Vernunft. Übermächtig groß kann es werden, gespeist aus überwältigender Liebe und der großen Verantwortung für das Menschenkind, das uns anvertraut wurde. Kaum ist der erste Herzschlag auf einem Monitor sichtbar, kommt bei den meisten Eltern mit der Freude auch das Gefühl auf, ab jetzt alles – aber auch wirklich alles – richtig machen zu wollen für dieses winzig kleine Lebewesen. Dem Glück soll bloß kein Hindernis in den Weg gelegt werden.

Ziegenkäse wird umgehend zur potenziellen Waffe, Folsäure muss her und die Katze dafür weg. Von Anfang an wartet ein ganzer Dschungel an Möglichkeiten und Ratschlägen für die Baby- und Kinderpflege, für Lebensgestaltung und Erziehung. Und mit jedem Jahr scheint er größer zu werden. „Nimmst du die falsche Abzweigung“, nagt eine Stimme im Kopf, „dann wird es Folgen haben!“

Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder, wollen sie glücklich sehen, wollen Bullerbü und Sicherheit und Gesundheit und Zimtschnecken und Rituale und Versicherungen, ein „woom“-Bike und liebevolle Lehrer und, und, und … Da kann man schon mal atemlos werden. Vor allem aber spürt man die ganze Schwere der Verantwortung auf den eigenen Schultern.

Die Krux an der Sache: Egal, wie sehr wir uns abmühen, egal, wie wohlhabend, gut oder gläubig wir sind – es wird uns keine goldene Garantiekarte fürs Kinder- und Familienglück ausgestellt. Das Glück lässt sich nicht bei Amazon bestellen, es ist flüchtig und ein wenig eigenwillig. Und es verspricht niemals, dauerhaft im Leben unserer Kinder zu bleiben.

Das ganze Paket

Diese Erkenntnis hat etwas sehr Befreiendes. Stell dir vor, du wärst tatsächlich verantwortlich für das Glück deiner Kinder. Wärst du auch verantwortlich für Krankheiten, die keiner kommen sah, für Schicksalsschläge, das Scheitern von Beziehungen oder einen garstigen Mathelehrer? Wärst allein du verantwortlich, wenn der Schulabschluss nicht gelingt, eine Depression dein Kind umfängt, die große Liebe auf sich warten lässt? Hättest du dich einfach mehr anstrengen müssen? Nein, natürlich nicht. Das wäre fast schon anmaßend.

Denn auch Eltern sind nur Menschen. Auf die meisten Umstände haben wir so viel Einfluss wie auf das Wetter. Schließlich gehören Scheitern und Verlust, Grenzerfahrungen und sogar Ungerechtigkeit zu jedem Menschenleben dazu – auch zu dem unserer Kinder. Wir können sie davor nicht bewahren, so sehr wir es uns auch wünschen.

Das Leben in Fülle beinhaltet das ganze Paket: Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, Verlieren und Finden, Leichtigkeit und Schwere. Es wäre schade, wenn diese Fülle an einer glatten, kantenfreien Kindheit abgleiten würde. Kinder sind ganze Menschen und zum ganzen Menschen gehören Herausforderungen genauso wie ein schlagendes Herz.

Geschenke an der Straßenecke

Ich glaube fest daran, dass Glück nicht die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Glück lässt sich auch in den dunkelsten Zeiten entdecken. Es blitzt unverhofft im Alltag auf, klopft leise an die Tür, wenn du es eigentlich nicht erwartest, streicht dir unvermittelt übers Haar. Du kannst es suchen und ihm still die Hand hinhalten, auch wenn der Sturmwind um dich tobt und Steine in deinem Herzen liegen.

Wir können als Eltern kein umfassendes Glück garantieren. Aber wir können unseren Kindern die hohe Kunst beibringen, das Glück zu entdecken. Es will in den kleinen Dingen gefunden werden – egal, was der Tag bereithält. Es versteckt sich auch an dunklen Regentagen in einer warmen Decke und einer Tasse Kakao. Es lässt sich trotz der Fünf in Mathe finden: in einer festen Umarmung, in einem freundlichen Wort, in einem befreienden Fußballspiel. Vielleicht muss dein Kind damit leben lernen, eine Niete in Sport zu sein, aber es findet das Glück im Ausdenken von Geschichten und als Experte für Dinosaurier.

Du kannst lehren, hinzuhören: auf das erste Vogelzwitschern nach einem langen Winter, auf den richtig guten Witz, auf das Pladdern des Sommerregens. Du darfst lehren, hinzusehen und zu entdecken, welche Wunder und Geschenke das Leben an jeder Straßenecke bereithält. Die meisten sind völlig kostenfrei.

Wir sollten es gemeinsam üben, wie Schuhe binden und Zähneputzen. Denn wenn es hart auf hart kommt, kann das Suchen nach dem kleinen Glück die Rettungsleine sein. Dann kann dein Kind auch an traurigen Tagen die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht spüren und mit der Wärme die Hoffnung fühlen.

Ein dickes Bündel Gewissheit

Es ist nicht unser Auftrag, unsere Kinder glücklich zu machen. Aber es ist unser Auftrag, ihnen einen Werkzeugkasten mit an die Hand zu geben. Einen Werkzeugkasten fürs Leben und für alles, was es unseren Kindern vor die Füße wirft.

Liebe und Geborgenheit dürfen nicht fehlen, und das Wissen um Menschen, die bedingungslos da sind und Rückhalt bieten. Annahme muss hinein, Gnade und die Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu finden. Selbstbewusstsein und eine Portion praktische Intelligenz. So viel Gottvertrauen wie möglich, gemeinsame Erinnerungen und ganz viel Zutrauen. Ein dickes Bündel Gewissheit, dass Scheitern nie das Ende ist, Eigenverantwortung und Gemeinschaft.

Ich glaube, dass ein solcher Werkzeugkasten ein guter Begleiter für ein Leben ist, das zwar kein dauerhaftes Glück garantiert, aber reich an Erfahrungen in allen Farben ist. Du kannst nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Aber mit dieser Grundausrüstung ist dein Kind in der Lage, über sie zu klettern oder die Extrameile zu laufen.

„Ich bin nicht Gott“

Leider gibt es keine Garantie und keine Betriebsanleitung für ein glückliches Leben. Obwohl ich das weiß, sehne ich mich immer wieder danach, alles zu tun, damit meine Kinder ungetrübt glücklich sein dürfen. Dann gerate ich in Versuchung, Probleme zu lösen, die nicht meine sind, Schmerz wegzureden, der ausgehalten werden will und unter der Last meines Pflichtgefühls zu schwanken.

Kürzlich hörte ich in einem Podcast einen Satz, der mich sehr berührt hat: „Es gibt einen Gott. Du bist es nicht!“ Ich kann einen Werkzeugkasten packen, ich kann das kleine Glück mit meinen Kindern an der Hand suchen gehen, aber mehr kann ich nicht. Und mehr muss ich auch nicht. Es gibt einen Gott, und ihm darf ich alles andere überlassen. Mit dieser Gewissheit darf ich mich aufrichten, die Last abschütteln, und wir nehmen das Leben, wie es eben kommt.

Sandra Geissler ist katholische Diplomtheologin und arbeitet als Lehrerin und Schulseelsorgerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Nierstein am Rhein.

Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Im trubeligen Familienalltag bleiben angespannte Situationen nicht aus. Das kann Eltern extrem belasten. Erziehungsexpertin Dorothea Beier erklärt, wie liebevolle Grenzen helfen und Orientierung geben.

Max ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er hat eine zwei Jahre jüngere Schwester und einen siebenjährigen Bruder. Die Mutter erzählt mir, dass sie sich keinen Rat mehr weiß. Max haut, tritt und schubst im Kindergarten andere Kinder, und auch zu Hause gibt es ständig Streit und Geschrei. Sie sei mit den Nerven am Ende.

„Annalena wird morgens einfach nicht fertig, sie trödelt so sehr, dass uns irgendwann der Geduldsfaden reißt“, berichtet ein Vater.

„Jeden Abend gibt es Theater, wenn Ben sich umziehen und seine Zähne putzen soll“, beklagt ein weiteres Elternpaar. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“

Solche und ähnliche Berichte höre ich immer wieder. Wie kann man am besten reagieren?

Sicherheit und Orientierung

Eine Familie mit kleinen Kindern ohne Konflikte gibt es nicht. Kinder haben Bedürfnisse, die sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Und sie sind Lernende. Sie probieren sich aus, testen, wie weit sie gehen können. Kinder wollen und müssen Selbstwirksamkeit erleben. Dazu gehört, dass sie ihren Besitz verteidigen, dass sie auch mal „Nein“ rufen. Sie sagen damit, dass sie ein eigenständiger Mensch sind und dass sie einen eigenen Willen haben. Auch Geschwisterstreit ist normal. Er kann helfen, Grenzen auszutesten und Kompromisse zu lernen. Hierzu brauchen Kinder ihre Eltern und Erzieher.

Eines der wichtigen Bedürfnisse von Kindern sind angemessene Grenzen. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen sie Struktur, Sicherheit und Orientierung. Viele Eltern sind verunsichert, wie sie angemessene Grenzen setzen können. „Ich möchte meine Kinder nicht verletzen, sie sollen selbst entscheiden, was sie möchten“, sagt mir die Mutter von Max. „Ich habe eine sehr strenge Kindheit erlebt. Wer nicht parierte, bekam Schläge. Meine Kinder sollen es besser haben“, erklärt sie.

Liebevolle Grenzen setzen, aber wie?

Grenzen sind wie Wegweiser oder Leitplanken, mit denen Eltern ihren Kindern die Orientierung vermitteln, die sie brauchen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, fühlt sich unsicher, ausgeliefert und alleingelassen. Durch liebevolle Grenzen spürt ein Kind, dass Mama und Papa sich kümmern und Verantwortung übernehmen. Durch verlässliche und klare Grenzen entwickeln Kinder ein tiefes Vertrauen und fühlen sich sicher. Sie lernen auch, wie sie sich selbst angemessen begrenzen können und erlangen so eine gute Sozialkompetenz.

Liebevolle Grenzen zu setzen braucht Geduld. Nicht immer akzeptieren Kinder Grenzen sofort. Sie diskutieren, fangen an zu weinen und möchten ihre Wünsche durchsetzen. Dann hilft es, sich vor Augen zu führen, dass liebevolle Grenzen für die Hirnentwicklung nötig ist. Das Kind lernt dadurch: „Ich bin meinen Emotionen und Wünschen nicht ausgeliefert. Es gibt kluge Entscheidungen, die mir helfen, mein Leben gut zu gestalten. Ich kann Ziele erreichen, und mich selbst gesund abgrenzen.“ Das Kind bleibt nicht in einer Phase der Egozentrizität stecken. Liebevolle Grenzen  zu setzen ist sinnvoll und wichtig, wenn mit zwei Jahren die Autonomiephase beginnt. In der Säuglingsphase ist Grenzsetzung noch verfrüht!

Für Kinder ist es beispielsweise eine Hilfe, wenn es feste Zeiten in der Familie gibt, wie Schlafenszeiten und Essenzeiten. Aber auch die Begrenzung der Bildschirmzeit, ein respektvoller Umgangston, Aufräumzeiten, der Umgang mit Süßigkeiten oder Tischregeln gehören zu dem, was Kinder durch angemessene Grenzsetzung und Vorbild der Eltern erlernen können. Über manche Grenzen und Regeln kann man im Familienrat auch verhandeln. Sie können sich je nach Alter des Kindes verändern. Es gibt aber auch feste Grenzen, zum Beispiel dass ein Kind kein anderes Kind schlagen darf, egal wie wütend es ist. Grenzen, die das Zusammenleben sowie Leib und Seele schützen, sind unverzichtbar für ein harmonisches Miteinander.

Wir machen es gemeinsam

Mit Kindern im Grundschulalter bietet es sich an, gemeinsam Regeln zu entwickeln. Während es bei kleineren Kindern noch gut ist, Regeln kurz, souverän und einfach zu formulieren, nach dem Motto: „So läuft es bei uns“, haben Grundschulkinder das Bedürfnis, mitentscheiden zu dürfen. Es hat sich in vielen Familien bewährt, Familienkonferenzen einzuführen, um verschiedene Themen zu besprechen: „Wie können wir es schaffen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, ohne dass wir uns ständig streiten? – Wer räumt an welchen Tagen den Geschirrspüler aus, ohne immer neu daran erinnert zu werden? – Wer hilft, das Abendbrot mit vorzubereiten?“

Solche und ähnliche Fragen beziehen Kinder ein und geben ihnen ein Mitspracherecht. Bei jüngeren Kindern kann es bei dem leidigen Zähne-Putz-Thema helfen, das Kind zu fragen: „Möchtest du zuerst die unteren und dann die oberen Zähne putzen? Soll ich dir helfen, oder schaffst du es schon allein?“ Die Regel, dass man ohne Zähneputzen nicht ins Bett geht, bleibt bestehen. Wenn wir mit Kindern altersgerecht und auf Augenhöhe kommunizieren, vermeiden wir viele Machtkämpfe. Auch Humor kann helfen, eine spannungsreiche Situation wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Statt lange mit dem Kind zu diskutieren, wirkt es oft Wunder, wenn man einen Scherz oder einfach mal Quatsch mit dem Kind macht. Auch ein Rollentausch oder ein Machtumkehrspiel kann Wunder wirken.

Teenager und ältere Kinder, die merken, dass ihre Meinung gehört wird, sind eher bereit, eine gemeinsame Lösung zu akzeptieren. Sätze wie: „Um 21 Uhr ist dein Handy aus“, klingen wie ein Befehl. Die Frage, „Wieviel Bildschirmzeit hältst du selbst für realistisch, damit noch genug Zeit für Freunde, Freizeit, Schule und Schlaf bleibt?“, drückt hingegen Wertschätzung und Respekt aus.

Eine Frage der Macht

Kommt es dennoch zu einem Machtkampf, müssen wir wissen, wie er entsteht. Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Grenzsetzung von uns erleben sie oft als Bedrohung. Hier ist es wichtig, dem Kind dies liebevoll zu spiegeln. „Du möchtest noch gern weiterspielen. Das verstehe ich. Trotzdem ist es jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.“ Hilfreich ist es, wenn wir uns mit dem Kind verbinden. Was läuft in ihm gerade ab? Welches Gefühl hat mein Kind? Kinder dürfen ihre Gefühle zeigen, aber gleichzeitig lernen, dass es auch Grenzen gibt. „Ich sehe, dass du ärgerlich bist, aber trotzdem ist jetzt die Zeit mit dem Smartphone vorbei.“

Klare Aussagen helfen unseren Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Drohungen hingegen zerstören die Beziehung und bewirken Einschüchterung. Das Kind gehorcht aus Angst und kann seine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Auch oppositionelles Verhalten kann auf diese Weise entstehen. Gefühle wollen gesehen und verstanden werden! Hierbei brauchen Kinder noch Unterstützung und Eltern oftmals Anleitung. Es lohnt sich, Hilfe in Form von Elterncoaching in Anspruch zu nehmen!

Wichtig ist aber auch zu wissen: Alle Eltern machen Fehler! Es gibt keine perfekten Eltern! Wir dürfen immer wieder aufstehen, unsere Verantwortung übernehmen und uns neu für den Weg der Liebe entscheiden. Und auch das hilft Kindern!

Um liebevolle Grenzen setzen zu können, müssen Eltern sich selbst daran erinnern, dass sie ihre Kinder wertschätzen und ihnen Respekt entgegenbringen. Kinder, die ihre Eltern als „Machthaber“ erleben, verbinden mit Grenzen Ablehnung, Strafe, Frust und Zwang.

Kinder, die beispielsweise mitentscheiden dürfen, wann sie ihre Hausaufgaben machen, fühlen sich respektiert. Sie erleben: „Meine Stimme wird gehört, meine Meinung ist wichtig.“

Kinder, die Eltern als Vorbilder erleben, die sich in einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zu ihnen sicher gebunden fühlen, spüren, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen.

Papa und Mama zählen auch

Um Kindern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen, kann man einüben, dem Kind kein spontanes „Nein“ zu sagen, sondern erst einmal: „Ja, ich sehe, du wünschst dir … Das verstehe ich gut! Wir hatten aber vereinbart …“ Wenn wir das als Eltern einüben und praktizieren, helfen wir dem Kind ein „Ja-Gehirn“ zu entwickeln, was hilft, positiv, entspannt und offenherzig in die Welt gehen zu können.

Für Eltern ist es wichtig einzuüben, empathisch mit sich selbst umzugehen, für nötige Ruhe- und Entspannungspausen zu sorgen. Im hektischen und stressigen Familienalltag ist es oft nicht leicht, gelassen seinem Kind liebevoll Grenzen zu setzen. Manchmal ist man müde und überfordert und reagiert übermäßig harsch. Manche Eltern ertappen sich dabei, dass sie so reagieren, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Alte Muster werden in Stresssituationen wieder reaktiviert. Das zu wissen, kann helfen und Mut machen, für sich zu sorgen. Kinder können es verstehen, wenn wir ihnen unsere Gefühle mitteilen. „Ich bin müde und brauche mal eine Pause, danach spiele ich noch mit dir“, kann man einem Kind mitteilen. Kinder, die erleben dürfen, dass Mama und Papa ihre eigenen Grenzen kommunizieren und gleichzeitig ihren Kindern einen verlässlichen Rahmen geben, reifen zu erwachsenen Menschen heran, die in der Lage sind, Liebe und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Uelzen.

Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt

Für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Königsweg: Bindungsorientierte Erziehung. Doch was genau ist das? Daniela Albert klärt auf und gibt Tipps, wie Eltern den passenden Erziehungsstil finden.

Bindungsorientierte Erziehung ist für manche Eltern der Königsweg zu einem gelungenen Zusammenleben. Für andere Eltern ist dieser Ansatz ein rotes Tuch, das sie mit Überforderung, verwöhnten Kindern und ständigem Körperkontakt in Verbindung bringen. Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob der Ansatz, der auch als bedürfnisorientierte Erziehung bezeichnet wird, nun das Potenzial hat, eine neue Generation friedfertiger Menschen hervorzubringen oder einen Haufen Egomanen, die nicht lebenstauglich sein werden.

Das mag überspitzt klingen. Schaut man sich aber an, wie unnachgiebig und kompromisslos unterschiedliche Richtungen in sozialen Medien aufeinander losgehen, wird klar, dass in dieser Debatte selten mit Augenmaß und Pragmatismus auf den Familienalltag geschaut wird.

Glücklicherweise begleite ich mittlerweile so lange Familien, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ein großer Teil von Menschen, die Kinder erziehen, längst ihren eigenen Weg gefunden haben, jenseits dieser Polarisierung. Diese Wege sind meist eine Mischung aus erlerntem Wissen über das, was kleine Menschen brauchen, einem guten Bauchgefühl und einer pragmatischen Anpassung der eigenen Ideale an das, was im Alltag machbar ist.

Feinfühlige Begleitung

Eine Methode, zu einem guten Miteinander in der Familie zu finden, ist für mich die Frage, was junge Menschen am Ende einmal mit ins Leben nehmen sollen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein grundsätzliches Gefühl von Verbundenheit mitnehmen, etwas, das sich nach Geborgenheit anfühlt und an das man anderswo anknüpfen kann. Natürlich wollen wir, dass junge Menschen mit einer gewissen Resilienz ausgestattet sind. Wir wünschen uns, dass sie in der Lage sind, soziale Beziehungen einzugehen, und dass sie wissen, was sie zufrieden macht und was ihnen weniger gut tut.

Für all das kann eine feinfühlige Begleitung einen Grundstein legen. Kinder, die mithilfe von Erwachsenen gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle besser zu verstehen, wissen später darum, wie sie emotional für sich sorgen können. In einem Zuhause, in dem ein gutes Miteinander vorgelebt wurde, kann die Fähigkeit entstehen, sich in soziale Gefüge einzufinden. Kinder, die Verlässlichkeit durch klare Regeln, gut gestaltete Übergänge und schöne Rituale erlebt haben, haben eine Idee von Geborgenheit mitbekommen. Diese wirkt sich positiv auf ihr weiteres Leben aus und kann sie in schwierigen Situationen tragen.

Begrenzte Kraft

Um all das mitzugeben, braucht es ein paar Grundzutaten, die wir im Vorratsschrank der bedürfnis- oder bindungsorientierten Erziehung finden und die wir nützlich einsetzen können. Doch wie genau das aussieht, bleibt am Ende jeder Familie selbst überlassen. Das hat, wie schon erwähnt, mit eigenen Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu tun. Für die einen spielt das gemeinsame Schlafen im Familienbett eine entscheidende Rolle, wenn es um das Geben von Sicherheit und Geborgenheit geht. Für andere ist allein die Vorstellung der Horror – und für viele liegen Wahrheit und praktische Ausgestaltung dazwischen.

Es hilft definitiv beim Verstehen der eigenen Emotionen und beim Lernen, diese sozialverträglich zu regulieren, wenn man in emotionalen Ausnahmesituationen wie Wutanfällen geduldig begleitet wird. Manche Eltern halten dies mit stoischer Ruhe sehr lange aus. Andere müssen den Raum verlassen oder an andere Erwachsene übergeben. Oder sie schimpfen doch irgendwann, und hinterher müssen sich alle beieinander entschuldigen – und lernen so auch etwas über soziales Miteinander.

Kraft, die man im Elternalltag hat, ist endlich und nicht verhandelbar – auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Mütter und Väter, die sich aufgrund von Perfektionsdruck und Erziehungsansätzen, die nicht zu ihnen passen, an den Rand eines Zusammenbruchs manövriert haben, können nicht mehr viel mitgeben. Manchmal sind klare Grenzen oder ein „Nein ohne Diskussion“ wichtig für die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Nicht weil Kinder, wie es in einem alten Ratgeber mal hieß, Grenzen brauchen. Sondern weil wir als Eltern dadurch gut für uns sorgen und somit dafür, dass wir weiterhin verlässlich an ihrer Seite sein können.

Sicher und geborgen

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Erkenntnisse der Bindungstheorie und Ableitungen, die dadurch in die alltägliche Erziehung eingesickert sind, gute Entwicklungen gebracht haben. Es ist eine positive Entwicklung, dass immer mehr Mütter und Väter sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinandersetzen. Auch ist es gut, dass sie sich Mühe geben, ihre Kinder feinfühlig zu begleiten und auf ihre verbalen und nonverbalen Signale einzugehen. Es hilft, wenn Kinder ihrem Alter angemessen verlässlich dabei unterstützt werden, nicht nur satt und sauber zu sein, sondern sich sicher und geborgen zu fühlen und sich eigenständig entwickeln zu können.

Gerade in meiner Arbeit in der Jugendhilfe sehe ich, wie viel nachhaltig kaputt gehen kann, wenn junge Menschen zu lange in einer Umgebung waren, in der ihnen dies nicht zuteilwerden konnte. Doch genau diese Arbeit dort hat mir auch noch einmal klar vor Augen geführt, dass wir uns diese ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie genau man es nun „richtig“ macht, sparen können – genauso wie den Perfektionsdruck, der dahintersteht.

Bauchgefühl und Liebe

Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Und es geht schon gar nicht darum, jeden neuen Trend, der im Fahrwasser von „Bindungsorientierung“ durch soziale Medien oder Feuilletons geistert, mitzumachen. Es geht einzig und allein darum, einen Weg zu finden, der in der eigenen Familie gut funktioniert.

Und nein, dabei ist es natürlich nicht völlig egal, was wir tun. Glücklicherweise hat sich mittlerweile auch breit herumgesprochen, dass es Erziehungsmethoden gibt, die nichts Gutes mit sich bringen. Gewalt gegen Kinder, harte Hände und starre autoritäre Familienhierarchien sind nicht hilfreich, um Menschen auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten. Auch wenn heute wieder vereinzelt danach gerufen wird. Wir können uns von der guten Mischung aus Bauchgefühl, Wissenschaft und einer kräftigen Portion Liebe leiten lassen, dann dürfen sich solche Ideen schnell erübrigen.

Doch dazwischen – zwischen dem Aufopfern und Verwöhnen und der Härte, die wir größtenteils hinter uns gelassen haben – liegt ein Raum, in dem Verbundenheit und Beziehung möglich ist. Ein Raum, in dem Liebe gelebt werden und Halt gegeben werden kann. Gestaltet diesen Raum nach euren Vorstellungen!

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

 

Buchtipps

Daniela Albert: Kleine Kinder, starke Wurzeln. Bedürfnisorientiert durch die ersten Jahre (Neukirchener)

Daniela Albert: Anlauf nehmen fürs Leben. Bedürfnisorientiert von der Grundschule in die Teenagerjahre (Neukirchener)

Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt

Reagiert Ihr Kind empfindlich auf Reize, ist es schnell überfordert und zugleich kreativ, empathisch oder tiefgründig? Dann ist es vielleicht hochsensibel. Pädagogin Celina Fanous klärt auf.

Kennen Sie das? Sie müssen den Käse am Abendbrottisch ans andere Ende des Tisches legen, weil ihr Kind sonst nichts mehr isst? Dabei waren Sie gerade noch froh, ihr Kind überhaupt zum Esstisch bekommen zu haben, weil es nicht spürt, dass es hungrig ist. Sie konnten dies jedoch schon längst an seiner Stimmung, Körperspannung und seinem Verhalten ablesen.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus der Schule, dass Ihr Kind eine hohe Auffassungsgabe und Begeisterungs­fähigkeit hat und intellektuell gut mitkommt, aber auch unglaublich unruhig ist, manchmal abwesend und verträumt, manchmal aufgeregt wirkt und an Pulli oder Stift kaut?

Wundern Sie sich immer wieder, zu welch tiefgründigen Gedanken und Fragen Ihr Kind fähig ist? Sind Sie erstaunt, mit welch außerordentlicher Kreativität und mit welchem Detailreichtum es erzählt, malt oder spielt?

Wundern Sie sich immer wieder über die starke Intensität und Dauer von Gefühlsausbrüchen Ihres Kindes bei vermeintlichen Kleinigkeiten? Vielleicht fragen Sie sich, ob das alles normal ist oder doch besonders?

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, denn Menschen und ihr Verhalten sind immer individuell. Doch was ich hier beschreibe, ist ein unvollständiges Bild eines Kindes mit einer sogenannten Hochsensibilität.

Hochsensibilität verstehen

Mit Hochsensibilität ist ein messbares und nachweisbares Phänomen gemeint, das eine erhöhte Reizaufnahme und Reizverarbeitung im Gehirn und Nervensystem beschreibt. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als nicht-hochsensible. Diese Besonderheit betrifft sowohl innere als auch äußere Wahrnehmungsbereiche und kommt bei etwa 20 Prozent der Menschen vor. Es handelt sich dabei um eine vererbte Veranlagung und nicht um erworbenes Verhalten oder eine Störung. Allerdings kommt es auf Grund von Unkenntnis über Hochsensibilität häufig zu Verwechslungen mit Störungsbildern wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Doch wie zeigt sich Hochsensibilität und wie wirkt sie sich aus?

1. Gründliche Verarbeitung von Informationen

Hiermit ist die erhöhte und komplexere Aufnahme und Verarbeitung von Reizen jeglicher Art gemeint. Das betrifft alle äußeren und inneren Reize – auch Gedanken, Schmerzen, den Herzschlag … Es werden mehr Feinheiten und Details wahrgenommen, die verarbeitet werden „müssen“. Diesen Prozess nennt man auch „Nachhallen“.

2. Rasche Übererregbarkeit

Aufgrund der Vielzahl an aufgenommenen Reizen erreichen Betroffene schneller die Grenze zur Überreizung. Dies kann zu allen denkbaren Stressreaktionen und Verhaltensweisen führen. Es kommt zu einem höheren Bedarf an Ruhe und Auszeiten.

3. Emotionale Intensität

Auch Gefühle werden intensiver erlebt und verarbeitet. Deshalb ist der Gefühlsausdruck besonders intensiv. Hochsensible reagieren verstörter auf gewaltvolle Filme, Ungerechtigkeiten, beunruhigende Ereignisse und Mobbing. Einige haben eine sehr hohe Empathiefähigkeit, weil ihre Spiegelneuronen so sensibel ausgeprägt sind.

4. Sensorische Empfindlichkeit

Häufig sind der Gehör- und Geruchssinn und die Lichtempfindlichkeit stark ausgeprägt. Taktile Empfindungen können als sehr unangenehm und störend empfunden werden. So möchten viele Hochsensible manche Materialien nicht berühren oder davon nicht berührt werden.

Wenn man weiterführende Literatur heranzieht, finden meines Erachtens auch Kinder, die als „gefühlsstark“ beschrieben werden, ihren Platz im Konstrukt der Hochsensibilität. Folgende drei Merkmale können die Definition von Hochsensibilität erweitern:

5. Erhöhte intellektuelle Sensitivität

Dieses Merkmal zeigt sich in Form von ausgeprägter Neugierde, im Problemlösen und im theoretischen Denken. Diese Menschen streben nach einem tieferen Verständnis der Wahrheit. Sie sind wissbegierig, stellen ausgesprochen viele Fragen, mögen Denkaufgaben, die eine hohe Fokussierung, Konzentration und Problemlösung erfordern. Auch befassen sie sich (früh) mit moralischen Fragen und Gerechtigkeit. Außerdem sind häufig von ihren eigenen Ideen begeistert, überzeugt und willensstark. Oft wissen sie in ihren Interessengebieten mehr als Erwachsene.

6. Erhöhte imaginäre Sensitivität

Dieses Merkmal ist gekennzeichnet von einer reichen Vorstellungskraft und einer Vorliebe für komplexe imaginäre Abläufe, die dramatisch in Szene gesetzt werden. Im Unterricht schweifen die Gedanken häufig in die eigene kreative Gedankenwelt ab. Kinder wirken weggetreten, abwesend und in ihrer eigenen Welt. Sie können sich Ereignisse sehr deutlich und lebhaft im Geiste vorstellen und sind meist ganz mit sich oder mit wenigen Freunden zufrieden.

7. Erhöhte psychomotorische Sensitivität

Dieses Merkmal beschreibt eine hohe Aktivität in der körperlichen und geistigen Bewegung. Das Denken ist besonders agil. Betroffene brauchen und lieben die Bewegung und haben ein Übermaß an Energie. Ihnen wohnt eine leidenschaftliche Begeisterungsfähigkeit inne. Sie sprechen oft sehr viel und schnell. Der Körper erscheint oft zappelig. Ruhigsitzen ist fast unmöglich. Sie ziehen aus dieser körperlichen und verbalen Aktivität große Freude – eher zum Leidwesen der Umgebung.

Das Potenzial der Hochsensibilität entfalten

Vielleicht konnten Sie Ihr Kind in einigen oder vielen Punkten wiedererkennen. Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle Merkmale bei jedem (gleich stark ausgeprägt) vorhanden sein müssen. Trotzdem kann der Mensch hochsensibel sein. Doch was bringt Ihnen nun dieses Wissen?

Wenn man Wissen über Entwicklungspsycho­logie sowie die spezifischen Bedürfnisse eines Menschen (Persönlichkeitsmerkmale, bisher gemachte Erfahrungen) im Blick hat, kann man hilfreicher darauf reagieren. Dies ermöglicht wiederum den Erhalt oder Aufbau einer sicheren Bindung – was ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Erfahrungen und Herausforderungen ist, aber auch für die Entfaltung des individuellen Potenzials. Ihr Kind kann sein Licht leuchten lassen!

Doch was heißt es nun praktisch, wenn sie Ihr Kind hier wiedererkannt haben? Es bedeutet, dass mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten im Alltag eingeplant werden dürfen, um dem langen Nachhallen den notwendigen Raum zu geben. Bei besonderen Ereignissen und Übergängen sollten andere Aktivitäten vorübergehend ausgesetzt oder zurückgefahren werden. Also wenn ein Familien­fest ansteht, sollte die Zeit danach ereignisarm geplant werden.

Erwartungen an Fremdbetreuung, Hobbys und gesellschaftliche Zusammenkünfte dürfen individuell überdacht und angepasst werden. Manches wird früher, manches später als bei anderen Familien gelernt und stattfinden. Meist sind auch mehrere Familienmitglieder von Hochsensibilität betroffen. Dies kann zu einem hohen Emotionspotenzial im Alltag führen, wofür eine reflektierte, weise und kreative Führung durch regulierte Erwachsene benötigt wird. Aber wie können die Eltern zu regulierten Lotsen für ihr Kind werden?

Hier kommt die Frage der Bedürfnisorientierung für alle Familienmitglieder ins Spiel. Um feinfühlig reagieren zu können, muss man selbst einigermaßen reguliert und entspannt sein. Dafür braucht es die Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für ihre eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung, aber auch das Wissen um eigene Verletzungen und wunde Punkte.

Anregungen für Eltern in herausfordernden Situationen:

1. Als Erstes und Schwierigstes: Ruhe bewahren! Notfallstrategien anwenden, wenn nötig

  • „478-Regel“: 4 Sekunden tief in den Bauch einatmen, anschließend 7 Sekunden Luft anhalten, dann 8 Sekunden ausatmen
  • Situationswechsel mit oder ohne Kind (je nach Alter)
  • Temperaturwechsel: ins Freie, kaltes Wasser ins Gesicht, Hände waschen
  • körperliche Bewegung
  • positiver innerer Monolog, z. B. „Wir schaffen das!“
  • Situation niederschreiben

Damit dieser Schritt gelingt, ist ein gewisses Maß an stetiger Selbstfürsorge der Eltern notwendig. Aus einer leeren Schale kann man nicht schöpfen. Langfristig hilfreich können das Erlernen von Stopp-Techniken und Selbstregulation des Nervensystems durch wertfreies Wahrnehmen und Annehmen, Beten, Meditation etc. sein. Hier ist Ihr Vorbild von entscheidender Wichtigkeit. Denn Ihr hochsensibles Kind kämpft sehr häufig mit seinen überbordenden Gefühlen und braucht Hilfe, damit umzugehen. Bei wiederkehrenden Triggern macht es Sinn in einem ruhigen Rahmen zu schauen, was Sie so berührt.

2. Schwierigkeiten nicht persönlich nehmen und Gefühle wertschätzend spiegeln

Ihr Kind „stellt sich nicht an“. Es will Sie nicht ärgern oder testen, sondern es erlebt die Situation gerade wirklich so heftig. Es gilt herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem gezeigten Verhalten stehen und diese dem Kind einfühlsam verbal und nonverbal zu spiegeln, um sie dann gemeinsam auszuhalten und nach passender Bedürfniserfüllung zu suchen. Diese gelungene Co-Regulation befähigt das Kind immer mehr zur Selbstregulation. Strafen sind bei keinem Kind sinnvoll. Insbesondere hochsensible Kinder reagieren darauf besonders verletzlich.

Es dauert jedoch Jahre, bis das kindliche Gehirn so weit herangereift ist, um Selbstkontrolle zuverlässig über das eigene Verhalten zu erlangen. Kinder sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, aber sie sind noch im Entwicklungs- und Reifungsprozess und benötigen die Unterstützung von zugewandten Erwachsenen.

3. Kreative Lösungen entwickeln, die die Konventionen in der Gesellschaft hinten anstellen

Erforschen und überdenken Sie die Beweggründe für Ihre Erwartungen an Ihr Kind: Ist mir das wirklich selbst wichtig? Warum? Weil es einem Bedürfnis von mir entspricht oder weil ich denke, dass man das halt so machen muss? Oder weil ich vor etwas Angst habe?

4. Vorausschauend und realistisch planen

Beachten Sie bei Ihren Plänen, dass die Grenze zur Überreizung schneller erreicht wird. Berücksichtigen Sie das erhöhte Ruhebedürfnis auf Grund des Nachhallens. Familienrituale können hilfreich sein, um nicht immer wieder in die gleichen Überforderungssituationen zu geraten. Hier ist Kreativität und ein Anpassen von Ansprüchen notwendig, die sich stark von denen nicht hochsensibler Familien unterscheiden können. Mit zusätzlichen Ritualen werden die starken Bedürfnisse der Hochsensiblen nach Orientierung und Sicherheit befriedigt und wiederkehrende Stresssituationen minimiert.

5. Ein Spiel daraus machen

Kinder sind leidenschaftliche Spieler. Sie sind meist leicht für etwas zu gewinnen, wenn es in ein ansprechendes Spiel integriert wird. Besonders Hochsensible mit einer ausgesprochen starken Vorstellungskraft sind so gut zu erreichen.

6. Übergänge vorbereiten

Viele Kinder, insbesondere hochsensible, haben Probleme mit Übergängen. Hier gilt es, die kritischen Übergänge zu identifizieren und Entschärfung zu überlegen. Übergangsobjekte, Teilschritte, langsames (Ein-)Gewöhnen oder Übergangslieder können helfen.

7. Anspruch senken und Konflikte in Würde durchleben

Chaos ist normal bei mehreren Hochsensiblen. Sagen Sie sich immer wieder, dass es nicht auf die Abwesenheit von Konflikten ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Gelingt es Ihnen – in einem Verhältnis von 7 zu 3 –, Konflikte in Wertschätzung zu lösen? Dann ist das sehr gut!

8. Ein Gremium etablieren

Hochsensiblen ist Gerechtigkeit meist extrem wichtig, so dass es, je nach Alter der Kinder, hilfreich sein kann, ein Gremium zu etablieren, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Gehör finden und Kompromisse und Strategien zur Befriedigung entwickelt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gute Ideen von Kindern kommen. Sie halten sich viel lieber an die erarbeiteten Strategien, wenn sie selbst daran mitgewirkt oder sie selbst vorgeschlagen haben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Verbindung miteinander beim gegenseitigen Entdecken und Ausprobieren. Denken Sie immer daran: Sie und Ihr Kind sind wunderbar und einzigartig gemacht und von unserem Schöpfer geliebt und angenommen! Deshalb dürfen Sie sich und Ihr Kind annehmen und Ihre Einzigartigkeit feiern!

Celina Fanous ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Fachpädagogin für Hochsensibilität mit Beratungspraxis in Reutlingen (beratung-blickwechsel.com)

 

Buchtipps

Für hochsensible/gefühlsstarke Kinder:

Nora Imlau, Lisa Rammensee: Und was fühlst du, Känguru? (Carlsen), ab 2

Elaine Thais: Tom hochsensibel und wundervoll, ab 7

Corinne Fischbacher: Hochsensibilität. Feinfühlige Kinder erklären ihre Welt (Vandenhoeck & Ruprecht), ab 5

 

Für Eltern hochsensibler Kinder:

Melanie S. Vita: Hochsensibilität bei Kindern (Bonifatius)

Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut (Penguin)

Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen (Goldmann)

 

Für hochsensible Erwachsene:

Brigitte Küster: Hochsensibilität. Den eigenen Weg finden (Hänssler)

Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter (Hänssler)

Kathrin Borghoff: Hochsensibel Mama sein (Beltz)

„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Elternfrage: „Wir erziehen unsere Kinder bedürfnis­orientiert, aber unsere Eltern meinen, Kinder brauchen mehr Strenge und Regeln. Wie können wir ihnen unser Erziehungsverständnis erklären, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?“

Immer mehr Eltern entscheiden sich heute bewusst gegen autoritäre Erziehungsmethoden und orientieren sich stattdessen an einem beziehungsstarken, kindzentrierten Umgang – der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung. Studien belegen: Kinder, die in einem Umfeld von emotionaler Sicherheit und echtem Respekt aufwachsen, entwickeln ein stärkeres Selbstwertgefühl, sind empathischer und können besser mit Stress umgehen.

Es braucht keine Einigkeit

Doch genau hier beginnt oft der Generationskonflikt. Viele Großeltern wurden selbst noch autoritär erzogen – mit Sätzen wie „Da wird nicht diskutiert!“ oder „Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen!“. Kein Wunder also, dass der bedürfnisorientierte Ansatz für sie manchmal fremd, vielleicht sogar nachlässig wirkt. Ihre Sorge ist oft, dass Kinder keine Grenzen mehr kennen und machen dürfen, was sie wollen.

Als unser erstes Kind geboren wurde, hatten wir das Gefühl, Neuland zu betreten. Wir wollten einen liebevollen, bindungsorientierten Weg mit Nähe, Verständnis und Geduld gehen. Gleichzeitig merkten wir: In unseren Herkunftsfamilien hatte man sich früher weniger damit beschäftigt, was Kinder brauchen. Im Mittelpunkt stand eher, wie Kinder sich verhalten sollen. Es war nicht immer leicht, darüber im Gespräch zu bleiben. Aber genau das wurde zum Schlüssel: einander zuhören, statt zu überzeugen – in dem Vertrauen, dass Kinder nicht perfekte Einigkeit brauchen, sondern liebevolle Beziehungen. Sie spüren, dass sie geliebt werden. Die Kinder sehen, dass Menschen unterschiedlich handeln. Sie lernen, dass Vielfalt zum Leben gehört und entwickeln die Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Heute bin ich selbst Oma und darf erleben, wie sich die Erziehung weiter verändert und dass eines bleibt: die Kraft der echten Beziehung.

Verständnis statt Grundsatzdebatten

Diese vier Gedanken helfen dabei, Brücken zwischen euch und den eigenen Eltern zu bauen, anstatt Gräben zu ziehen:

  • Wertschätzung zuerst: „Ich sehe, wie viel Erfahrung ihr habt und wie sehr euch unsere Kinder am Herzen liegen.“
  • Eigene Haltung erklären, ohne zu belehren: „Für uns ist es wichtig, dass unser Kind lernt, dass seine Gefühle ernst genommen werden – auch wenn das mehr Geduld braucht.“
  • Gemeinsame Ziele betonen: „Wir wünschen uns alle, dass unser Kind selbstständig, verantwortungsvoll und innerlich stark wird.“
  • Gesprächsangebote statt Grundsatzdebatten: „Wenn ihr Lust habt, erzähle ich euch mehr über das, was uns an diesem Ansatz überzeugt hat.“

Verbindung ist wichtiger als Zustimmung. Ihr müsst eure Eltern nicht überzeugen, aber ihr könnt sie einladen, euch zu verstehen. Manchmal braucht es dafür weniger Worte und mehr gelebte Haltung: Geduld, Klarheit, Authentizität – und einen liebevollen Blick für alle Generationen.

Annette Sperling ist Familylab-Familienberaterin und Expertin für Großelternberatung. Mehr unter: grosselternberatung.de

Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

Stundenlanges Schreien, Unruhe und Eltern am Rand der Verzweiflung: Ein Schreibaby kann eine echte Herausforderung sein. Was Eltern tun können, verrät Psychotherapeutin Melanie Schüer.

Janna steht am Fenster und wischt sich eine Träne weg. Gerade ist endlich Kai zurück von der Arbeit genommen und hat ihr die Kleine abgenommen, die schon wieder seit einer Stunde schreit. Woran kann das nur liegen? Janna ist verzweifelt. Die Babys ihrer Freundinnen wirken immer so entspannt! Hat sie ein „Schreibaby“?

Wie Janna geht es vielen Eltern: Wenn das Baby oft schreit, fühlen sie sich hilflos, erschöpft und manchmal sogar schuldig. Viele fragen sich: „Liegt es an mir?“ oder „Ist mein Baby krank?“ Die Wahrheit ist: Meistens ist niemand Schuld – manche Babys werden einfach mit einem Temperament geboren, das etwas Starthilfe beim Regulieren braucht.

Was ist ein Schreibaby?

Von einem Schreibaby spricht man, wenn ein Säugling mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mindestens drei Wochen hinweg weint. Das ist eine klassische Definition, aber entscheidend ist letztlich, als wie belastend die Eltern die Situation erleben. Wichtig: Babys wollen ihre Eltern nicht ärgern oder ausdrücken, dass sie grundsätzlich unglücklich sind. Ihnen fehlt noch die Fähigkeit, innere Anspannung selbst zu reduzieren und zur Ruhe zu kommen.

Warum schreien manche Babys so viel?

Babys kommen mit einem sehr unreifen Nervensystem zur Welt. In den ersten Monaten müssen sie lernen, ihre Gefühle, ihren Hunger und Übergänge zwischen Wachheit und Schlaf zu steuern. Das ist eine enorme Aufgabe – und bei manchen Babys ist dieses Regulierungssystem besonders empfindlich. Mögliche Gründe für ausgeprägtes Schreien sind:

  • Unreifes Nervensystem: Einige Babys brauchen einfach länger, um Stress zu verarbeiten und um “abzuschalten”, nachdem sie die Welt erkundet haben
  • Reizüberflutung: Viele Geräusche, Licht, Besuch, zu viele Eindrücke oder Termine
  • Unruhe im Körper: Verdauungsprobleme, Blähungen, Reflux, Allergien oder Unverträglichkeiten.
  • Schlafprobleme: Schlafmangel verstärkt das Schreien oft
  • Temperament: Manche Babys sind von Natur aus sensibler und reizempfindlicher – das sind dann später oft auch sehr feinfühlige, kreative Kinder und Erwachsene.
  • Elterlicher Stress: Eltern, die selbst gestresst, unsicher oder erschöpft sind, übertragen oft unabsichtlich ihre Anspannung auf das Baby – und Babys „spüren“ das sehr schnell. Ein schreiendes Baby stärkt diese Belastung natürlich – ein Teufelskreis.

Wichtig ist: Nicht jede Ursache ist klar erkennbar. Manchmal bleibt es bei der Erklärung „Reifungsprozess“ – aber natürlich gilt es, genau hinzuschauen und alle möglichen Ursachen zu beleuchten.

Was hilft – und was nicht?

Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt viele Strategien, die helfen können, das Baby zu beruhigen und mit dem Schreien besser zurechtzukommen. Die wichtigste Grundlage ist: Das Baby braucht Regulation – und zwar körperlich und emotional.

Beruhigungsstrategien (die oft funktionieren)

  • Tragen oder Kuscheln: Nähe und Bewegung vermitteln Sicherheit.
  • Ruhiges Schaukeln: Babys lieben rhythmische Bewegungen.
  • Weißes Rauschen: Ein Staubsauger-, Föhn- oder Regen-Geräusch kann sehr beruhigend wirken.
  • Pucken/Swaddling: Das Gefühl von Geborgenheit hilft vielen Babys, sich zu entspannen. Manche schlafen auch besser auf der Seite (mit einem speziellen Seitenschläferkissen für Babys)
  • Bauchmassage: Sanfte, kreisende Bewegungen können bei Blähungen helfen. Manche Babys lieben auch die sogenannte Schmetterlingsmassage, eine spezielle Massagetechnik, zu der es online viele Informationen gibt.
  • Stillen, Schnuller oder Flasche: Nuckeln hilft Babys oft, zur Ruhe zu kommen.

Wechsle nicht zu oft zwischen verschiedenen Strategien – das verstärkt die Überreizung. Gib jeder erst einmal 5-10 Minuten Zeit, zu helfen.

Weinen begleiten – statt „wegmachen“

Ein wichtiger Punkt: Weinen ist auch ein Weg zum Stressabbau. Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt, dass du dich irgendwie erleichtert gefühlt hast, nachdem du dir etwas von der Seele gesprochen und – geweint hast? Babys können noch nicht reden – ihnen bleibt nur das Schreien als Ventil.

Manchmal ist es daher gar nicht möglich oder nötig, das Schreien sofort zu stoppen. In solchen Momenten kann es helfen, das Baby einfach zu begleiten:

  • Dabei bleiben, ohne den inneren Druck, das Schreien zu beenden
  • Sanft sprechen oder summen
  • Hand auf den Rücken legen
  • Dem Baby sagen: „Es ist okay, dass du weinst. Ich bin bei dir und halte dich.“

Für viele Babys wirkt diese Begleitung wie ein „sicherer Hafen“ und unterstützt den Stressabbau. Oft sind Eltern überrascht, dass das Weinen früher oder später von selbst aufhört, wenn sie es nicht zwanghaft beenden wollen.

Ganz pragmatischer Tipp: Nutze bei dieser „Schrei-Begleitung“ Ohrenschützer oder -stöpsel. Das hilft, dein eigenes Stresslevel gering zu halten – und das spürt dann auch dein Baby.

Was nicht hilft – oder sogar verschlimmert

  • Schütteln: Das hilft überhaupt nicht und ist stattdessen gefährlich! Die Halswirbelsäule eines Säuglings ist noch instabil. Schütteln kann zu schweren Verletzungen führen.
  • Unbegleitet schreien lassen: Das kann das Stressniveau erhöhen und ist emotional belastend sowie schädlich für die Bindung und das Urvertrauen.
  • Zu viel Stimulation, Ablenken mit Spielzeugen oder ständiger Aktivität: Manchmal braucht das Baby weniger, nicht mehr.

Wie Eltern damit umgehen können (ohne auszubrennen)

Schreien ist für Eltern extrem belastend. Besonders, wenn es sich anfühlt, als würde es niemals enden. Hier sind Strategien, die helfen, nicht zu zerbrechen:

  1. Du bist nicht allein – und du bist nicht schuld

Viele Eltern von Schreibabys fühlen sich schuldig. Das ist verständlich, aber meist gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Viele Babys kommen unruhig zur Welt – dafür können die Eltern nichts. Wenn du aber merkst, dass du selbst sehr belastet bist mit eigenen Themen, dann ist es richtig, dir fachliche Hilfe zu holen. Denn wenn Eltern unter Depressionen, anderen psychischen Erkrankungen oder unter starker Anspannung stehen oder extrem verunsichert sind, können Kinder das unbewusst spüren. Oft spiegeln sie diese Anspannung, was ihre Unruhe verstärkt.

  1. Sorge für dich – das ist kein Luxus

Wenn du erschöpft und angespannt bist, kannst du keine Ruhe vermitteln. Das bedeutet:

  • Mach Pausen, auch kurze
  • Hol dir Unterstützung: Partner, Familie, Freunde, Nachbarschaft, Ehrenamtliche, z.B. Familienpaten oder „wellcome“
  • Geh raus, auch wenn es nur 10 Minuten sind.
  • Sprich über deine Gefühle, z. B. mit einer Hebamme, einer Elternberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.
  1. Setze klare Grenzen – auch gegenüber dir selbst

Wenn das Schreien zu viel wird, ist es okay, das Baby sicher in die Wiege zu legen und kurz Abstand zu nehmen. Eine Minute Ruhe kann einen Unterschied machen. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, ist das ein Signal: Du brauchst eine Pause – genau jetzt.

Wann ist ärztlicher Rat ratsam?

Auch wenn das Schreien meist keine gravierenden körperlichen Gründe hat, ist es wichtig, medizinische Ursachen auszuschließen. Besonders bei folgenden Beobachtungen:

  • wenn das Baby nicht zunimmt oder Gewicht verliert
  • wenn das Schreien plötzlich sehr stark wird oder neu auftritt
  • bei Fieber, Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag oder Blut im Stuhl
  • wenn das Baby apathisch wirkt oder ungewöhnlich lethargisch ist
  • wenn du den Verdacht auf Reflux, Allergien oder starke Verdauungsprobleme hast (z.B. Schreien immer nach dem Essen, harter, aufgeblähter Bauch)

Der Blick nach vorn: Es bleibt kein Schreibaby

Die gute Nachricht: Ein Schreibaby wird nicht „für immer“ schreien. In den meisten Fällen verbessert sich die Situation ab dem 3.–4. Monat deutlich, weil das Nervensystem reift und das Baby lernt, sich selbst zu regulieren. Manche brauchen etwas länger, aber es handelt sich definitiv um eine begrenzte Phase in eurem Leben. Wichtig ist, genau das nicht zu vergessen: „Es geht vorbei“. Stelle dir immer mal wieder Szenen aus der Zukunft vor, in denen du die Zeit mit deinem fröhlichen Kind genießt.

Und, ganz wesentlich: Du bist nicht allein. Hole dir Hilfe – besser früh als spät. In vielen Orten gibt es Schreiambulanzen oder Frühe Hilfen, zum Beispiel „Familienpaten“, Familienhebammen oder das Projekt „wellcome“. Auch online gibt es gute Anlaufstellen wie elternleben.de.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin. 

„Mein Kind ist anders … “ – Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Eltern von Kindern, die sich anders entwickeln als erwartet, stehen oft vor großen Herausforderungen. Familienberaterin Daniela Albert will betroffenen Eltern aus der Isolation helfen.

„Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas mit meinem Kind anders ist …“ So fangen viele Beratungsgespräche an, wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen, weil ihr Kind sich anders entwickelt als erwartet. Oft haben sie schon einen längeren Leidensweg hinter sich. Alltägliche Situationen, die andere spielend meistern, sind herausfordernd: Auf der Familienfeier im Kinderwagen schlafen? Fehlanzeige! Ein Stadtbummel in der Trage? Funktioniert nicht, weil das Kind schnell überreizt ist. Oder die Eingewöhnung in einer Betreuungseinrichtung erweist sich als schwierig. Zu Beratungsbeginn haben diese Eltern häufig die Erfahrung gemacht, dass andere über sie in Unverständnis die Nase rümpfen. „Die stellen sich aber auch an mit ihrem Kind“, heißt es vielleicht.

Dass sie sich anstellen oder auch übertreiben, bekommen meine Klientinnen und Klienten nicht nur in ihrem direkten Umfeld zu hören. Immer wieder müssen sie die Erfahrung machen, von ihrem Gegenüber nicht ernst genommen zu werden. Da ist die Kinderärztin, die die Bedenken mit einem Lächeln abtut. Oder da sind pädagogische Fachkräfte, die finden, dass alles noch im Rahmen sei. Solche Sätze sollen beruhigend wirken, und manchmal entsprechen sie auch den Tatsachen. Doch für Mütter und Väter, deren Bauchgefühl eine deutlich andere Sprache spricht und die im Alltag erleben, dass ihr Kind eben nicht „normal funktioniert“, verschlimmern sie die Lage. Und sie erschweren den Weg zu Hilfe und Erleichterung.

Falsche Unterstellungen

Eltern von Kindern mit Neurodiversitäten, körperlichen oder psychischen Auffälligkeiten kämpfen oft damit, Verständnis und Akzeptanz zu finden. Ein schwieriger, oft schmerzhafter Prozess, in dessen Verlauf sich soziale Beziehungen verändern und Familien sich oft allein fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass es die verbreitete Ansicht gibt, dass „all das“ sicher nur an den Eltern läge. Diese ließen sich von ihrem gefühlsstarken Kind auf der Nase herumtanzen, verwöhnten das hochsensible Kind zu sehr, förderten Entwicklungsprozesse nicht genug oder – wie beim Thema Hochbegabung unterstellt – zu viel. Ein großer Teil von Eltern, deren Kinder sich abseits gängiger Normen bewegen, kennt solche Unterstellungen und Zuschreibungen.

Doch nicht nur die Akzeptanz von außen ist ein Thema. Denn oft müssen Eltern selbst erst einmal diesen Weg gehen. Sie müssen ihre Vorstellungen vom Familienleben loslassen und akzeptieren, dass ihr Elternalltag anders aussieht. Kein Vater und keine Mutter träumt davon, sich auf die frustrierende Suche nach Therapieplätzen zu machen, seine Nachmittage in Wartezimmern zu verbringen oder den Alltag nach den besonderen Bedarfen seines Kindes auszurichten. Die Eltern, die ich begleite, stehen genau vor diesen Herausforderungen. Viele meistern sie wunderbar und schaffen es, sich diesen anders getakteten Alltag so schön wie möglich zu machen. Ich begleite echte Löweneltern und ziehe immer wieder den Hut vor ihnen.

Akzeptanz und Herzschmerz

Ein erster Schritt, das Bestmögliche aus der Situation zu machen, besteht darin, die Erwartungen, die man einmal hatte, loszulassen. Es ist gut, seinen Frieden damit zu machen, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren werden. Manchmal erlebe ich Eltern, die sich damit schwertun. Ich habe Verständnis dafür, denn oft wird man von rosaroten Eindrücken vom Familienleben überschwemmt. Social Media oder der WhatsApp-Status gaukeln uns vor, dass andere scheinbar das perfekte Glück gefunden haben. Die Erkenntnis, dass man als Familie da nicht mithalten kann, macht im schlimmsten Fall bitter. Aber sie kann auch befreien. Wenn man den oft schmerzhaften Weg der Akzeptanz nämlich einmal gegangen ist, bleibt die Freiheit zu überlegen, wie man sein Familienleben unter den gegebenen Umständen gestalten möchte. Vergleiche darf man sich getrost schenken.

Was beim Thema Alltagsgestaltung noch bewältigbar ist, gestaltet sich auf einer anderen Ebene deutlich schwieriger: Wie hält man den Herzschmerz aus, den die Begleitung eines besonderen Kindes oft mit sich bringt? Dieses stechende Gefühl in der Brust, wenn dir bewusst wird, dass dein Kind schon ein Jahr lang in den Kindergarten geht, aber noch nie zu einem anderen Kind nach Hause kommen durfte? Wie oft ringen sich Mütter oder Väter ein müdes Lächeln ab, um Trauer oder Wut darüber zu verbergen, dass nur im Fach ihres Kindes wieder keine Geburtstagseinladung liegt? Wie lange kann man sich zusammenreißen, wenn man wieder mitbekommt, dass andere über das eigene Kind tuscheln?

Raus aus der Isolation!

Und es ist ja oft nicht nur das Kind, das ein Problem hat, Anschluss zu finden. Auch die Eltern können in Isolation geraten. Die Themen, über die andere sprechen, sind nicht die eigenen. Gemeinsame Aktivitäten kommen nicht in Frage. Oft sind Eltern auch müde davon, sich und ihr Kind immer wieder erklären zu müssen. In einer Lebensphase, in der Kontakte meist im Umfeld der Kinder entstehen, kann man mitunter einsam werden. Ein großer Gewinn sind hier Mütter und Väter in ähnlichen Situationen. Über soziale Netzwerke kann man sich leichter finden. Dazu rate ich dringend! Denn die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht allein ist, kann zur Annahme der Situation beitragen.

Eltern, deren Kinder aus irgendeinem Grund durch unsere gängigen Raster fallen, leisten Unglaubliches – sowohl in der Bewältigung ihres Alltags als auch beim Loslassen und Annehmen von Situationen, die man sich anders ausgemalt hatte. Ich wünsche mir, dass wir uns öfter klarmachen. Und wir sollten diesen Familien wohlwollend und offen gegenübertreten und uns fragen, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass diese Kinder und ihre Eltern bei uns ihren Platz finden.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter: eltern-familie.de

Bindung schafft Sicherheit: Was Eltern ihren Kindern wirklich geben sollten

Was Brauchen Kinder wirklich, um es gut durchs Leben zu schaffen? Erziehungsberaterin Dorothea Beier verrät, wie Sie ihrem Kind die Bindung und Sicherheit geben können.

Bindung ist wie ein emotionales Band, eine feste Verbindung zwischen Mutter und Kind, die nicht erst mit der Geburt, sondern schon davor geschieht. Über die Nabelschnur besteht eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind. Diese Verbindung geht über die Ernährung und die Sauerstoffzufuhr weit hinaus. Das Kind ist auch am emotionalen Erleben der Mutter beteiligt, wissen wir heute aus der Hormonforschung. Nicht nur über die Nabelschnur, auch über die Sinnesorgane kann das Kind wahrnehmen, was die Mutter erlebt. Es reagiert auf ihre Gefühlszustände, auf ihre Stimme, kann bereits erste Erfahrungen machen, die prägend sein können für die Bindungsbeziehung.

In Bindung: Sicher in die Welt hinein

Mit der Geburt beginnt dann eine weitere prägende Phase im Bindungsaufbau. Das Kind braucht jetzt zuverlässige und warmherzige Zuwendung, damit sich eine sichere Bindung entwickeln kann. Dazu gehört auch, dass die Mutter feinfühlig auf die Signale ihres Kindes antwortet, dass sie in der Säuglingszeit prompt und angemessen darauf reagiert. Sieht das Kind immer wieder den Glanz in den Augen der Mutter, hört es ihre liebevolle, beruhigende Stimme, schmeckt es die Milch und riecht es die Mutter, so fördert das sichere Bindung. Das Kind wird sicher in sich selbst, es wird „am Du zum Ich“, wie Martin Buber es treffend ausdrückte.

Ein sicher gebundenes Kind ist dann auch in der Lage, seine Welt zu erkunden. Es kann sich von Mama lösen; denn es weiß, dass es immer wieder in den sicheren Hafen zurückkommen kann. Mama und Papa sind der Leuchtturm, sie geben Orientierung, die sich fest verankert. Daher ist Bindung eines der wichtigsten seelischen Grundbedürfnisse des Menschen, denn es zielt darauf ab, emotionale Sicherheit und Stabilität zu erlangen.

„Ich bin nicht okay!“

Sichere Bindung ist also das Ziel. Daneben gibt es auch unsichere Bindungsstile. Wir können diese unter anderem an einem mangelnden Selbstwertgefühl, an Verlassenheitsängsten, an einer unzureichenden Emotionsregulation, distanziertem oder auch klammerndem Verhalten, an Angst vor Nähe erkennen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, nicht okay zu sein und anders sein zu müssen. „Ich weiß gar nicht, wer ich bin, ich genüge nicht, mich mag keiner, ich mache alles falsch, ich bin ein Versager …“ Solche und andere Sätze kann man von Menschen hören, deren Bindung unsicher ist.

Wenn die Voraussetzungen für einen sicheren Bindungsstil nicht oder nur unzureichend erfüllt sind, entwickeln sich Defizite und dadurch unsichere Bindungsstile. Dies geschieht oft, weil Eltern, die selbst unsicher gebunden sind, unbewusst ihren erlernten Bindungsstil an die eigenen Kinder weitergeben.

Menschen, die bei sich Unsicherheit, Ängste, Misstrauen, Überforderung und Hilflosigkeit entdecken fragen oft: Kann man den früh erworbenen Bindungsstil verändern? Die gute Nachricht: Ja, das kann auf vielfältige Weise geschehen. Wir haben die Möglichkeit zur Resilienz, einer inneren Widerstandsfähigkeit. Um ein sicheres Bindungssystem nachträglich zu erlangen, brauchen wir gute Sozialkontakte. Schon für unsere Kinder, ob sicher oder unsicher gebunden, sind Freundschaften von großer Bedeutung. In einer guten Freundschaftsbeziehung kann Bindung erfahrbar werden. Bindungsverletzungen können durch neue, gute Erfahrungen heilen.

Wir brauchen das „Du“

Jeder Mensch, jedes Kind wünscht sich, verstanden, gesehen, gehört und berührt zu werden. Auch in einer Nachholphase oder bei Jugendlichen gilt: Wir brauchen Dualität, um Bindung erleben und installieren zu können. In dem Maße, wie unsere eigenen Kinder oder auch wir selbst erleben, dass wir geliebt und angenommen werden, auch wenn wir Fehler machen, dass wir nicht verurteilt oder bestraft, sondern verstanden werden, wird sichere Bindung wiederhergestellt und es kann Heilung geschehen. Einem Kind, das in seiner Bindung noch nie sicher war oder das durch negative Erfahrungen stark verunsichert wurde und nun durch Verhaltensauffälligkeiten (zum Beispiel durch Ängste, Wut oder Aggressionen) unbewusst Signale gibt, können wir helfen, Bindung durch Dualität wiederherzustellen. Ein Vater-Sohn-Wochenende, eine besondere Mutter-Tochter-Zeit, mit Wunschaktivitäten des Kindes oder des Jugendlichen können Wunder wirken. Täglich eine gemeinsame Zeit, in der das Kind einen Elternteil ganz für sich hat, stellt Bindung her.

Gemeinsames Spielen, Ausflüge, Besuche bei Freunden, Rituale wie täglich einmal dem Kind drei Dinge sagen, die uns positiv bei ihm aufgefallen sind, können ebenfalls hilfreich sein.

Bedürfnisse erkennen

Um aus fehlangepassten Mustern aussteigen zu können, ist es wichtig, diese zu erkennen. Oft „funktionieren“ wir im Alltag, ohne zu reflektieren. Wenn wir eine sichere Bindung nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder wünschen, ist ein erster Schritt das Benennen unserer Emotionen, die wir bei uns täglich entdecken. Auch das Benennen strafender Anteile, die nicht nur unser Denken über uns, sondern auch über unsere Kinder beeinflussen, ist wichtig, um eine sichere Bindung zu erlangen. Wir müssen erkennen, dass unsere Emotionen und unsere oft negativen Denkmuster in unserer frühen Kindheit entstanden sind. Unsere Verhaltensantworten, die sich daraus automatisch entwickelt haben, sind Bewältigungsstrategien und damit Selbstheilungsversuche. Diese gilt es anzuerkennen, bevor wir etwas verändern wollen.

Mit dem Erkennen unserer seelischen Bedürfnisse können wir anfangen, uns selbst zu reflektieren. „Welches Bedürfnis ist gerade nicht befriedigt?“, ist eine wichtige Frage, die ein Schlüssel zu den Gefühls- und Verhaltensweisen bei uns und unseren Kindern ist. Je mehr wir dies erkennen, können wir uns von alten bindungszerstörenden Mustern trennen. Auf diese Weise wird sichere Bindung zu uns selbst und damit auch zu unseren Kindern möglich.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs-und Resilienztrainerin, Spiel-und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin. Sie lebt in Uelzen, wo sie eine eigene Praxis hat.

Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

„So redest du nicht mit mir!“ – Wie Kinder respektvolle Kommunikation lernen

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.