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„Mein Kind ist anders … “ – Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Eltern von Kindern, die sich anders entwickeln als erwartet, stehen oft vor großen Herausforderungen. Familienberaterin Daniela Albert will betroffenen Eltern aus der Isolation helfen.

„Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas mit meinem Kind anders ist …“ So fangen viele Beratungsgespräche an, wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen, weil ihr Kind sich anders entwickelt als erwartet. Oft haben sie schon einen längeren Leidensweg hinter sich. Alltägliche Situationen, die andere spielend meistern, sind herausfordernd: Auf der Familienfeier im Kinderwagen schlafen? Fehlanzeige! Ein Stadtbummel in der Trage? Funktioniert nicht, weil das Kind schnell überreizt ist. Oder die Eingewöhnung in einer Betreuungseinrichtung erweist sich als schwierig. Zu Beratungsbeginn haben diese Eltern häufig die Erfahrung gemacht, dass andere über sie in Unverständnis die Nase rümpfen. „Die stellen sich aber auch an mit ihrem Kind“, heißt es vielleicht.

Dass sie sich anstellen oder auch übertreiben, bekommen meine Klientinnen und Klienten nicht nur in ihrem direkten Umfeld zu hören. Immer wieder müssen sie die Erfahrung machen, von ihrem Gegenüber nicht ernst genommen zu werden. Da ist die Kinderärztin, die die Bedenken mit einem Lächeln abtut. Oder da sind pädagogische Fachkräfte, die finden, dass alles noch im Rahmen sei. Solche Sätze sollen beruhigend wirken, und manchmal entsprechen sie auch den Tatsachen. Doch für Mütter und Väter, deren Bauchgefühl eine deutlich andere Sprache spricht und die im Alltag erleben, dass ihr Kind eben nicht „normal funktioniert“, verschlimmern sie die Lage. Und sie erschweren den Weg zu Hilfe und Erleichterung.

Falsche Unterstellungen

Eltern von Kindern mit Neurodiversitäten, körperlichen oder psychischen Auffälligkeiten kämpfen oft damit, Verständnis und Akzeptanz zu finden. Ein schwieriger, oft schmerzhafter Prozess, in dessen Verlauf sich soziale Beziehungen verändern und Familien sich oft allein fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass es die verbreitete Ansicht gibt, dass „all das“ sicher nur an den Eltern läge. Diese ließen sich von ihrem gefühlsstarken Kind auf der Nase herumtanzen, verwöhnten das hochsensible Kind zu sehr, förderten Entwicklungsprozesse nicht genug oder – wie beim Thema Hochbegabung unterstellt – zu viel. Ein großer Teil von Eltern, deren Kinder sich abseits gängiger Normen bewegen, kennt solche Unterstellungen und Zuschreibungen.

Doch nicht nur die Akzeptanz von außen ist ein Thema. Denn oft müssen Eltern selbst erst einmal diesen Weg gehen. Sie müssen ihre Vorstellungen vom Familienleben loslassen und akzeptieren, dass ihr Elternalltag anders aussieht. Kein Vater und keine Mutter träumt davon, sich auf die frustrierende Suche nach Therapieplätzen zu machen, seine Nachmittage in Wartezimmern zu verbringen oder den Alltag nach den besonderen Bedarfen seines Kindes auszurichten. Die Eltern, die ich begleite, stehen genau vor diesen Herausforderungen. Viele meistern sie wunderbar und schaffen es, sich diesen anders getakteten Alltag so schön wie möglich zu machen. Ich begleite echte Löweneltern und ziehe immer wieder den Hut vor ihnen.

Akzeptanz und Herzschmerz

Ein erster Schritt, das Bestmögliche aus der Situation zu machen, besteht darin, die Erwartungen, die man einmal hatte, loszulassen. Es ist gut, seinen Frieden damit zu machen, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren werden. Manchmal erlebe ich Eltern, die sich damit schwertun. Ich habe Verständnis dafür, denn oft wird man von rosaroten Eindrücken vom Familienleben überschwemmt. Social Media oder der WhatsApp-Status gaukeln uns vor, dass andere scheinbar das perfekte Glück gefunden haben. Die Erkenntnis, dass man als Familie da nicht mithalten kann, macht im schlimmsten Fall bitter. Aber sie kann auch befreien. Wenn man den oft schmerzhaften Weg der Akzeptanz nämlich einmal gegangen ist, bleibt die Freiheit zu überlegen, wie man sein Familienleben unter den gegebenen Umständen gestalten möchte. Vergleiche darf man sich getrost schenken.

Was beim Thema Alltagsgestaltung noch bewältigbar ist, gestaltet sich auf einer anderen Ebene deutlich schwieriger: Wie hält man den Herzschmerz aus, den die Begleitung eines besonderen Kindes oft mit sich bringt? Dieses stechende Gefühl in der Brust, wenn dir bewusst wird, dass dein Kind schon ein Jahr lang in den Kindergarten geht, aber noch nie zu einem anderen Kind nach Hause kommen durfte? Wie oft ringen sich Mütter oder Väter ein müdes Lächeln ab, um Trauer oder Wut darüber zu verbergen, dass nur im Fach ihres Kindes wieder keine Geburtstagseinladung liegt? Wie lange kann man sich zusammenreißen, wenn man wieder mitbekommt, dass andere über das eigene Kind tuscheln?

Raus aus der Isolation!

Und es ist ja oft nicht nur das Kind, das ein Problem hat, Anschluss zu finden. Auch die Eltern können in Isolation geraten. Die Themen, über die andere sprechen, sind nicht die eigenen. Gemeinsame Aktivitäten kommen nicht in Frage. Oft sind Eltern auch müde davon, sich und ihr Kind immer wieder erklären zu müssen. In einer Lebensphase, in der Kontakte meist im Umfeld der Kinder entstehen, kann man mitunter einsam werden. Ein großer Gewinn sind hier Mütter und Väter in ähnlichen Situationen. Über soziale Netzwerke kann man sich leichter finden. Dazu rate ich dringend! Denn die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht allein ist, kann zur Annahme der Situation beitragen.

Eltern, deren Kinder aus irgendeinem Grund durch unsere gängigen Raster fallen, leisten Unglaubliches – sowohl in der Bewältigung ihres Alltags als auch beim Loslassen und Annehmen von Situationen, die man sich anders ausgemalt hatte. Ich wünsche mir, dass wir uns öfter klarmachen. Und wir sollten diesen Familien wohlwollend und offen gegenübertreten und uns fragen, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass diese Kinder und ihre Eltern bei uns ihren Platz finden.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter: eltern-familie.de

Vom Baby-Geschlecht enttäuscht? So entgehen Eltern der Panik

Elternfrage: „Ich bin Mutter von zwei Söhnen und erwarte wieder einen Jungen. Ich bin enttäuscht, weil ich mir ein Mädchen gewünscht habe. Geht das wieder weg?“

Was du gerade erlebst, wird als Gender Disappointment bezeichnet – eine Enttäuschung über das Geschlecht des eigenen Kindes. Du bist damit keineswegs allein. Viele Eltern empfinden in einer vergleichbaren Situation ähnlich, und das ist absolut menschlich. Diese Enttäuschung bedeutet nicht, dass du dein Kind ablehnst oder nicht lieben wirst. Sie ist vielmehr Ausdruck eines inneren Abschieds: der Abschied von einer lang gehegten Vorstellung, wie deine Familie einmal aussehen sollte oder was du dir – bewusst oder unbewusst – erhofft hast.

Was steckt hinter der Enttäuschung?

Hinter der Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes liegen oft tiefere, emotionale Themen. Sie kann verborgene Wünsche oder frühere Erfahrungen berühren – etwa die eigene Kindheit, die Beziehung zu Geschwistern und Eltern, gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Träume. Vielleicht wünschst du dir, Mutter einer Tochter zu sein. Die innere Sehnsucht danach hat jedoch mehr mit deiner eigenen Geschichte zu tun hat als mit dem Kind selbst.

Eine Schwangerschaft und die Auseinandersetzung mit dem Geschlecht des Kindes können unbewusst Türen zu solchen biografischen und persönlichen Themen öffnen. Die damit zusammenhängenden Gefühle sind nicht falsch. Im Gegenteil: Sie sind wichtig und verdienen es, gesehen zu werden. Denn nur, wenn wir uns erlauben, diese innere Enttäuschung zu spüren, können wir sie auch loslassen. Der Prozess, den du durchlebst, ähnelt in gewisser Weise einem Trauerprozess – der Trauer um eine Vorstellung, die sich nicht erfüllt hat.

Über Gefühle sprechen

Auch wenn es paradox klingt: Der erste Schritt zur Vorfreude besteht darin, die eigenen unangenehmen Gefühle zuzulassen. Du darfst traurig, enttäuscht, verwirrt oder sogar wütend sein – all das ist erlaubt. Gefühle, die unterdrückt werden, wirken oft im Hintergrund weiter und blockieren das Erleben positiver Emotionen wie Freude, Nähe oder Vorfreude. Viele Eltern berichten, dass sich diese Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes im Lauf der Schwangerschaft auflöst. Spätestens dann, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal im Arm halten. Häufig entsteht schon vorher eine tiefe Verbindung, wenn man beginnt, das Baby als eigenständige kleine Persönlichkeit wahrzunehmen – jenseits des Geschlechts.

Es ist jedoch auch wichtig zu wissen, dass Gefühle der Enttäuschung nach der Geburt oder in einer anderen Lebensphase noch einmal auftauchen können. Das ist kein Rückschritt, sondern oft ein Zeichen dafür, dass du nun bereit bist, einen weiteren Aspekt anzuschauen, der bisher verborgen war.

Es ist hilfreich, mit vertrauten Menschen wie deinem Partner, engen Freunden oder auch mit Fachpersonen wie Hebammen oder Therapeuten über deine Gefühle zu sprechen. Allein darüber zu reden, kann schon entlastend wirken. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Es ist okay, Unterstützung zu brauchen und sich Zeit zu lassen.

Liebe bleibt

Die Enttäuschung wird vergehen. Die Liebe wird bleiben und wachsen. Wenn du deine Gefühle annehmen und verstehen kannst, wird sich die Freude auf dein Baby mit der Zeit wieder einstellen. Dein drittes Kind wird einzigartig sein, mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit. Und du wirst es lieben, genauso tief und bedingungslos wie deine beiden anderen Kinder. Du bist eine gute Mutter – auch mit widersprüchlichen Gefühlen. Gerade deine Ehrlichkeit zeigt, wie sehr du dir wünschst, emotional präsent für dein Kind zu sein. Das ist ein wunderschöner Anfang.

Kristin Peukert ist Mutter von vier Jungs und Autorin von „Ein Kleeblatt voll Jungs: Gender Disappointment. Wenn das Wunschgeschlecht nicht kommt“: einkleeblattvolljungs.de

Enttäuscht vom Geschlecht? So können Eltern damit umgehen

Elternfrage: „Ich bin Mutter von zwei Söhnen und erwarte wieder einen Jungen. Ich bin enttäuscht, weil ich mir ein Mädchen gewünscht habe. Geht das wieder weg?“

Was du gerade erlebst, wird als Gender Disappointment bezeichnet – eine Enttäuschung über das Geschlecht des eigenen Kindes. Du bist damit keineswegs allein. Viele Eltern empfinden in einer vergleichbaren Situation ähnlich, und das ist absolut menschlich. Diese Enttäuschung bedeutet nicht, dass du dein Kind ablehnst oder nicht lieben wirst. Sie ist vielmehr Ausdruck eines inneren Abschieds: der Abschied von einer lang gehegten Vorstellung, wie deine Familie einmal aussehen sollte oder was du dir – bewusst oder unbewusst – erhofft hast.

Was steckt hinter der Enttäuschung?

Hinter der Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes liegen oft tiefere, emotionale Themen. Sie kann verborgene Wünsche oder frühere Erfahrungen berühren – etwa die eigene Kindheit, die Beziehung zu Geschwistern und Eltern, gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Träume. Vielleicht wünschst du dir, Mutter einer Tochter zu sein. Die innere Sehnsucht danach hat jedoch mehr mit deiner eigenen Geschichte zu tun hat als mit dem Kind selbst.

Eine Schwangerschaft und die Auseinandersetzung mit dem Geschlecht des Kindes können unbewusst Türen zu solchen biografischen und persönlichen Themen öffnen. Die damit zusammenhängenden Gefühle sind nicht falsch. Im Gegenteil: Sie sind wichtig und verdienen es, gesehen zu werden. Denn nur, wenn wir uns erlauben, diese innere Enttäuschung zu spüren, können wir sie auch loslassen. Der Prozess, den du durchlebst, ähnelt in gewisser Weise einem Trauerprozess – der Trauer um eine Vorstellung, die sich nicht erfüllt hat.

Über Gefühle sprechen

Auch wenn es paradox klingt: Der erste Schritt zur Vorfreude besteht darin, die eigenen unangenehmen Gefühle zuzulassen. Du darfst traurig, enttäuscht, verwirrt oder sogar wütend sein – all das ist erlaubt. Gefühle, die unterdrückt werden, wirken oft im Hintergrund weiter und blockieren das Erleben positiver Emotionen wie Freude, Nähe oder Vorfreude. Viele Eltern berichten, dass sich diese Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes im Lauf der Schwangerschaft auflöst. Spätestens dann, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal im Arm halten. Häufig entsteht schon vorher eine tiefe Verbindung, wenn man beginnt, das Baby als eigenständige kleine Persönlichkeit wahrzunehmen – jenseits des Geschlechts.

Es ist jedoch auch wichtig zu wissen, dass Gefühle der Enttäuschung nach der Geburt oder in einer anderen Lebensphase noch einmal auftauchen können. Das ist kein Rückschritt, sondern oft ein Zeichen dafür, dass du nun bereit bist, einen weiteren Aspekt anzuschauen, der bisher verborgen war.

Es ist hilfreich, mit vertrauten Menschen wie deinem Partner, engen Freunden oder auch mit Fachpersonen wie Hebammen oder Therapeuten über deine Gefühle zu sprechen. Allein darüber zu reden, kann schon entlastend wirken. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Es ist okay, Unterstützung zu brauchen und sich Zeit zu lassen.

Liebe bleibt

Die Enttäuschung wird vergehen. Die Liebe wird bleiben und wachsen. Wenn du deine Gefühle annehmen und verstehen kannst, wird sich die Freude auf dein Baby mit der Zeit wieder einstellen. Dein drittes Kind wird einzigartig sein, mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit. Und du wirst es lieben, genauso tief und bedingungslos wie deine beiden anderen Kinder. Du bist eine gute Mutter – auch mit widersprüchlichen Gefühlen. Gerade deine Ehrlichkeit zeigt, wie sehr du dir wünschst, emotional präsent für dein Kind zu sein. Das ist ein wunderschöner Anfang.

Kristin Peukert ist Mutter von vier Jungs und Autorin von „Ein Kleeblatt voll Jungs: Gender Disappointment. Wenn das Wunschgeschlecht nicht kommt“.

Stress in der Grundschule: Lehrerin verrät, was hilft

Jedes dritte Grundschulkind fühlt sich überfordert. Wie Eltern Stress bei ihren Kindern wahrnehmen und sie unterstützen können.

Das Phänomen „Stress“ ist zum ständigen Begleiter für viele Grundschulkinder geworden. Der tägliche Spagat zwischen Terminen, Schulpflichten und äußeren Bedingungen löste laut einer Studie des Deutschen Kinderschutzbundes 2012 bei jedem dritten Grundschulkind ein Gefühl der Überforderung aus. Aktuelle Studien bestätigen, dass diese Thematik immer noch eine zentrale Rolle im Alltag von Grundschulkindern spielt.

Von Schulstress bei Grundschulkindern sprechen wir, wenn der schulische Alltag in Kindern ein Gefühl der Überforderung auslöst. Gestresste Kinder zeigen oft auch Symptome von körperlicher oder psychischer Belastung. „Die Kinder haben beispielsweise Ängste wie etwa Versagens- oder Leistungsängste“, erklärt Dr. Anja Ozik-Scharf, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Sie leiden unter Schlafstörungen, Rückzugstendenzen oder auch depressiven Verstimmungen, zeigen kompensatorisches Verhalten – indem sie sich beispielsweise über andere lustig machen, sich wegträumen – oder auch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Manche Kinder klagen, sind überfordert oder unterfordert, können Probleme nicht eigenständig lösen und können sich selbst nicht ermutigen.“

Die Ursachen für Schulstress sind vielfältig: Laut dem Präventionsradar der Krankenkasse DAK liegt der größte Anteil der Stressfaktoren im Leistungsdruck etwa beim Schreiben von Tests oder Klassenarbeiten. Aber auch Probleme mit Lehrkräften oder Mitschülerinnen und Mitschülern wirken sich auf das Wohlbefinden von Grundschulkindern aus. Rund 54 Prozent der Kinder fühlen sich durch Hausaufgaben gestresst, 22 Prozent empfinden Druck durch die Eltern.

„Ich werde gesehen“

Eltern, die bei ihrem Kind ein verändertes Verhalten oder körperliche Beschwerden beobachten, sollten ihre Wahrnehmung ernst nehmen. Sie können zunächst das Gespräch mit dem Kind suchen und es nach seinen möglichen Sorgen fragen. Auch ist es sinnvoll, den Kontakt zur Klassenlehrkraft des Kindes aufzunehmen, um nach deren Eindrücken zu fragen.

Anja Ozik-Scharf sieht Eltern als „Expertinnen und Experten für ihr Kind“. Deshalb rät sie grundsätzlich dazu, „eher einmal mehr Unterstützung in Anspruch zu nehmen.“ Das kann ein Besuch beim Kinderarzt oder einer Kinderärztin sein. Diese können zu weiteren Schritten raten. Bei Unsicherheiten empfiehlt Anja Ozik-Scharf, eine psychotherapeutische Sprechzeit, also ein psychotherapeutisches Erstgespräch, wahrzunehmen. Auch der schulpsychologische Dienst, die kommunalen Erziehungs- und Familienberatungsstellen oder Coaches beziehungsweise Lerncoaches können hilfreiche Anlaufstellen sein.

Wichtig sei, dass Eltern feste Strukturen schaffen, betont Anja Ozik-Scharf: „In jeder Familie sollte es Werte geben und auch Regeln – und Beziehung. Für mich ist es besonders bedeutsam, Blickkontakt zum Kind herzustellen und zu halten. Das schafft Beziehung, und das Kind erhält das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes gesehen zu werden.“ Eltern seien wichtige Vorbilder, wenn es darum geht, wie sie selbst mit Stress umgehen. Wenn es ihnen gelingt, reflektiert mit eigenen Belastungen umzugehen, können sie ihr Kind effektiv bei der Stressregulation stärken.

Ein Ausflug ins Schwimmbad

Bei der Co-Regulation unterstützen Eltern ihr Kind dabei, mit dem Schulstress umzugehen. Beispielsweise durch feste Regeln und Strukturen innerhalb des familiären Alltags kann vieles bewirkt werden. Die Kinderpsychotherapeutin ermutigt an dieser Stelle auch dazu, mit positiven Verstärkungen zu arbeiten. Wenn also ein Ziel geschafft ist – und sei es noch so klein –, dürfen zuvor verabredete kleine Wünsche eingelöst werden: zum Beispiel ein gemeinsames Eis essen, ein Ausflug ins Schwimmbad oder ein Spielenachmittag.

Auch sei es wichtig, den Kindern Strategien gegen den Stress zu vermitteln. Das können Entspannungsübungen sein oder das gemeinsame Beten. Kinder sollten zudem die Gelegenheit erhalten, Stress über Bewegung abbauen zu können, sei es im Verein, beim Besuch auf dem Spielplatz oder beim gemeinsamen Sport mit den Eltern. Auch kreatives Tun wie Malen, Schreiben, Musizieren oder Töpfern trägt dazu bei, den Stress hinter sich zu lassen.

Wenn Grundschulkinder unter Schulstress leiden, ist es für sie besonders wichtig, den Rückhalt ihrer Eltern zu erleben und ihr Verständnis zu erfahren. Gemeinsam können Lösungswege erarbeitet werden. Durch Beobachten und offene Kommunikation unterstützen Eltern ihr Kind zielgerichtet und nachhaltig dabei, die seelische Gesundheit zu stärken.

Alexandra von Plüskow-Kaminski war mehr als 20 Jahre als Grundschullehrerin tätig. Sie ist Fachjournalistin und zweifache Mutter.

Mental Load: Was hinter dem neuen Stressbegriff steckt

Mental Load: Der Modebegriff lässt Familienarbeit hauptsächlich als Belastung erscheinen. Ist das gerechtfertigt?

Wenn unsere Kinder heranwachsen und als Erwachsene eine Partnerschaft gestalten, tauchen Themen aus unserem eigenen Leben plötzlich in einem anderen Licht auf. Ich erlebe, dass unsere Töchter über manches Arrangement zwischen meinem Mann und mir die Augen rollen. Sie werfen uns vor, dass wir in patriarchalen Strukturen festhängen und dass ich null feministische Entwicklung durchgemacht habe.

Ich kann das in der Regel wohlwollend als eigene Meinung einer neuen und selbstbestimmten Generation einordnen. Eine Diskussionsebene jedoch hat sich bei mir anders angefühlt: Schon länger lese ich in sozialen Medien vom Sichtbarmachen des Mental Loads. Und ich gebe zu: Für mich ist das beim ersten Betrachten totaler Quatsch. Wenn mein Mann und ich unseren Alltag mit dem dazugehörigen Mental Load sichtbar machen würden, wäre schnell klar: Ich habe viel. Er hat viel.

Ich habe nie verstanden, warum feministisch geprägte Frauen darum kämpfen, ihre Gedanken als „Load“, als Belastung zu beschreiben. Für mich ist diese Definition eine falsche Grundannahme. Es ist für mich kein „Load“, keine Belastung, wenn ich an Zahnarzttermine, Kindergeburtstagsgeschenke oder den Elternbrief für die Schule denken muss. Klar – es fordert mich. Aber ich habe mich in dieses Abenteuer Familie mit all den unsichtbaren und sichtbaren Aufgaben begeben. Sie gehören für mich dazu.

Erschöpfende Care-Arbeit

Wenn ich in den sozialen Medien von Mental Load lese, spüre ich, dass es mich piekst, wenn Familienarbeit und Care-Arbeit als Belastung, als Erschöpfungsquelle gesehen werden. Natürlich sind Nächte mit weniger als drei Stunden Schlaf und tägliche Diskussionen beim Anziehen eine große körperliche Aufgabe. Natürlich kostet es unglaublich viel Kraft, wenn ein vierjähriges Kind seine Emotionen trainiert. Ich habe oft heulend vor Wut auf mich selbst auf dem Badewannenrand gekauert und mich lieber in ein Meeting gewünscht. Aber mich stört die grundsätzliche Annahme, dass Alltagstätigkeiten in der Familie eine Belastung sind. Diese Annahme macht mich ratlos. Ich möchte am liebsten sofort, wenn jemand dieses Wort benutzt, ein kleines Grundsatz-Referat halten.

Während ich also meine Meinung über Mental Load ausplaudere, explodieren meine Kinder. Sie sind irritiert und entsetzt. Sie verstehen nicht, warum ich grundsätzlich so anders an dieses Thema herangehe, weil sie so viel Gutes daran finden. Meine Tochter und ihr Mann besprechen viele der für mich natürlich zugeordneten Aufgaben, um zu schauen, wer was erledigt. Da gibt es keine Zuordnung für Mülleimer, Abwasch, Geburtstagsgeschenke. Stattdessen werden diese Themen täglich oder wöchentlich besprochen und durchdacht. Für mich scheint das energiebindend, für sie nicht. In der Diskussion spüre ich ihren Eifer, und das bewegt mich. Liege ich so falsch mit meiner inneren Distanz zu dem Thema?

Keine echte Wahl

Ich hole mir Rat bei Priska Lachmann, die ihre Masterarbeit über Mental Load geschrieben hat. Sie gibt mir einiges zu bedenken:

  • Patricia Cammarata, eine der führenden deutschen Autorinnen zu Mental Load, betont in ihrem Buch „Musterbruch“, dass es auch Frauen gibt, die es als erfüllend empfinden, Mutter und Hausfrau zu sein. In einer gerechten Welt hätten die Menschen die Wahl, ob sie erwerbstätig sein oder sich um ihre Kinder kümmern wollten. Eine gerechte Welt würde aber auch dafür sorgen, dass Menschen unabhängig von ihrer Entscheidung nicht finanziell abhängig sind und auf Altersarmut zusteuern. Dann hinge die Wahl auch nicht davon ab, wer mehr verdient. Und es würde auch nicht der Eindruck entstehen, dass Pflegearbeit etwas Lästiges ist.
  • Die Philosophin Tove Soiland betont, Fürsorge sei ein Geschenk, das nicht in Handlungen besteht, sondern in der Beziehung: „Die Gebende gibt einen Teil von sich.“ Fürsorge brauche unverplante Zeiten, tiefe Gespräche, emotionalen Austausch, schreibt auch Patricia Cammarata. Sie könne nicht mit bloßer Versorgung gleichgesetzt und nicht zweitrangig neben der Erwerbsarbeit gesehen werden.
  • Wir halten es für erstrebenswert, uns auf die Erwerbsarbeit zu konzentrieren und dem männlichen Stereotyp zu folgen, führt Cammarata weiter aus. Doch damit werten wir Sorgearbeit ab und ignorieren, dass das männliche Stereotyp auch Nachteile haben kann

Scheinbar klassische Rollen

Ich verstehe neu in der Diskussion, dass es sowohl meinen Kindern als auch den Autorinnen darum geht, sichtbar zu machen, was unsichtbar ist. Sie wollen das Innerdynamische der Familie aufwerten. Und zwar nicht auf der Ebene der praktischen To-do-Liste, sondern tiefer und grundlegender. Es geht um eine Unsichtbarkeit, die in einer Ehe oder Beziehung zu einem Ungleichgewicht führen kann. Das hat nichts mit Begabung zu tun, sondern mit Bequemlichkeit oder gar mit sozialem und auch falsch verstandenem Druck.

Vielleicht sind mir diese Diskussionen auch deshalb fremd, weil bei meinem Mann und mir die scheinbar klassischen Rollen zu unseren Begabungen passen. Ich bin eine Chaotin, mir machen volle Mülleimer nichts. Mein Mann hingegen kann entspannt über mit Zahnpasta verzierte Spiegel hinwegsehen, was mich rasend macht. Während ich mir im Januar eines Jahres verschiedene Vorsorgetermine setze und immer auch gleich die der Kinder mitgeplant habe, erträgt mein Mann die Situation in einem Wartezimmer besser. Deshalb hat er sich mit den Kindern zu geplanten und ungeplanten Arztterminen begeben.

In einer Phase unserer Familie war ich 100 Prozent zu Hause und Henrik 100 Prozent in Erwerbsarbeit. Einige Jahre später war ich 100 Prozent erwerbstätig und Henrik hat neben seiner 50-Prozent-Stelle wichtige Fürsorgearbeit geleistet – unsichtbare Arbeit, die ihm keine Rentenpunkte ermöglichte. Ich finde unser Miteinander gut und fühle mich wohl darin. Unsere starken Töchter und unser empathischer Sohn zeigen mir jedoch: Im Leben heute wird eine Rollenneutralität verlangt, ja fast schon gefordert. Eine kochende, selbstbewusste junge Frau ist fast schon zu hinterfragen und ein handwerklich begeisterter junger Mann wird irritiert zur Kenntnis genommen.

Mental Load: Eine unsichtbare Last

Aber zurück zum Mental Load: Wenn ich an die Kleinkindphase unserer Familie zurückdenke, kann ich mir kaum vorstellen, wie ich die kleinen und unsichtbaren Aufgaben auf einer Tafel oder in einer Handy-App hätte benennen sollen. Wie wäre wohl mein junges Mama-Ich heute? Würde ich die Postkarte an meine Großmutter auf die To-do-Liste schreiben oder die Postkarte einfach schreiben und meinem Mann zur Unterschrift vorlegen? Würde ich Freunde zum Essen einladen und unsere Speisekammer durchchecken, ob Essbares da ist? Oder würde ich die Idee zur Einladung auf die To-do-Liste schreiben und mehr nicht?

Ich übe mich darin zu spüren, dass das Sichtbarmachen der Care-Arbeit keine Verkomplizierung bedeutet, sondern eine Aufwertung. Und dass es darum geht, dem anderen zuzutrauen, dass er sich auch kümmern will. Dass das Leben gemeinsam zu gestalten ist. Es soll nicht eine Person in der Partnerschaft über Gebühr erschöpft, sondern der Alltag gemeinsam gestaltet werden. Nun fallen mir mehr und mehr Beispiele ein, die den Wert von Fürsorge unsichtbar machen. Immer mehr Momente, in denen ich meinen Partner mehr einbinden will. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr merke ich: Es gibt tatsächlich eine Last, die ich trage. Ich empfinde es als Last, ein bezahlbares Urlaubsdomizil zu finden, die Beziehung zu den Kindern zu gestalten und als Paar den Glauben zu leben.

Nachdem ich mich ausreichend über das Wort aufgeregt habe, spüre ich, dass es auch in meinem Leben Mental Load gibt, den ich nicht teile. Bei manchen Aufgaben wünsche ich mir, dass wir gemeinsam darauf schauen und zusammen eine Lösung entwickeln: bei der Gestaltung des nächsten Erntedankfestes mit unseren Kindern oder der inneren Nähe zu Freunden. Ich wünsche mir, dass meine Fürsorgearbeit genauso wertvoll ist wie die Bankgeschäfte meines Mannes.

Wow! Wieder einmal haben meine Kinder mir etwas Neues beigebracht. Ich darf die kleinen Nuancen der Alltagsideen, die in meinem Kopf hin- und herspringen wie lustige Tischtennisbälle, auf die To-do-Liste schreiben. Und während Henrik morgens Zeitung liest, kann ich ihm diese Liste zeigen. Erstaunlicherweise hat er praktische und entlastende Ideen, wie aus meinen hüpfenden Gedanken eine sinnvolle Reihung von Alltagsperlen wird. Wie gut, dass wir darüber reden und zusammen unsere Jobs und Familie gut füllen wollen. Dass wir sichtbar machen wollen, was auch in unserem Alltag immer noch verborgen ist. So suche ich weiter nach einem Wort, das Familienarbeit mehr würdigt, und bin doch sensibler geworden durch die aktuelle Diskussion.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und lebt mit ihrem Mann Henrik in Göttingen.

Psychische Probleme bei Teenagern: Sind Eltern schuld daran?

Wenn Teenager psychische Probleme entwickeln, fragen sich Eltern oft, ob sie versagt haben. Psychotherapeut Jörg Berger verrät, was die Paardynamik damit zu tun hat.

Der Schreck sitzt tief, wenn das eigene Kind offenbart, dass es manchmal nicht mehr leben will, oder wenn es zum ersten Mal die Wunde am Unterarm zeigt, die es sich mit der Schere zugefügt hat. Andere Eltern entdecken, dass es kein Zufall mehr sein kann, dass ihre Tochter nach Mahlzeiten gleich aufs Klo geht und es dann trotz offenem Fenster nach Erbrochenem riecht. Ein Sohn, der aktiv war, zieht sich zurück und geht nur noch außer Haus, wenn er muss. Es gibt leider so viel, das sich ganz anders entwickeln kann, als es Eltern bei ihrem Kind erwarten: Ängste, Zwänge, Schulprobleme oder Suchtverhalten. Psychische Probleme treffen auch Teenager, die aus guten Verhältnissen kommen, die mit Liebe erzogen und gut gefördert wurden.

Eine Schuldentlastung, die nicht hilft

Eine 19-Jährige kommt aufgebracht ins Therapiegespräch. Sie ist wegen einer Borderline-Störung in Behandlung, von der Außenstehende vor allem die starken Stimmungsschwankungen bemerken und eine Wut, die gelegentlich explodiert, sich sonst aber gegen die eigene Person richtet: in Form von Selbstabwertungen, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken. Ihre Eltern hätten einen Vortrag über Borderline-Störungen besucht.

Der Fachmann habe gesagt, die Erkrankung sei biologisch bedingt, eine Besonderheit im Gehirn. Meine Patientin hat sicher richtig gehört, was die Eltern damit ausdrücken wollten: „Damit hat sich doch erledigt, was du an uns kritisierst. Wir haben nichts damit zu tun, dass es dir so schlecht geht.“ Das emotionale Klima in der Familie meiner Patientin ist allerdings abweisend und vernachlässigend. Wenn sie versucht, sich gegenüber den Eltern verständlich zu machen, läuft es darauf hinaus, dass mit ihr etwas nicht stimme und dass sie undankbar sei.

Diese Erfahrung macht ein Dilemma sichtbar. Der Kollege hat seinen Vortrag für die Eltern betroffener Kinder gehalten. Er wollte offenbar entlasten und hat vermutlich die biologischen Faktoren betont. Was hilft es, wenn Eltern, die schon mit der Sorge um ihr Kind belastet sind, auch noch von Schuldgefühlen gequält werden? Andererseits ist das nicht die ganze Wahrheit. Nur wenige psychische Erkrankungen gehen in erster Linie auf Gehirnbesonderheiten zurück, AD(H)S zum Beispiel oder Autismus. Die meisten psychischen Probleme haben auch eine emotionale Ursache. Wenn sich Eltern auch dann von der Schuldfrage entlasten, übersehen sie, was sie verändern können.

Schuld annehmen lernen

Wo wir Verantwortung übernehmen, werden wir auch schuldig. Es gibt eine tragische Schuld, die wir auch dann auf uns laden, wenn wir unser Bestes geben. Wir werden sozusagen unschuldig schuldig. Wenn Eltern ihre Schuld gegenüber Kindern nicht tragen können, werden sie ihr Kind abweisen, wenn es einmal andeutet: „Da verhältst du dich so, dass es mir damit nicht gut geht.“

Doch abgewiesene Kinder fühlen sich falsch, schuldig und unzureichend. Wenn es nicht an den Eltern liegt, muss doch mit ihm, dem Kind, etwas nicht stimmen. Hilfreicher ist eine Haltung der Eltern, die Schuld annehmen kann: „Wir lieben dich und haben unser Bestes gegeben. Aber natürlich machen wir Fehler und du leidest unter unseren Schwächen. Wo wir das nicht sehen können, hilf uns, damit es uns klar wird und wir etwas verändern können.“

Mit der Entwicklung von Kindern wachsen

Je jünger Teenager sind, desto weniger können sie auf den Punkt bringen, warum sie etwas in der Familie belastet. Deshalb braucht es Geduld, ein aufmerksames Hinsehen und ein Ausprobieren von Veränderungen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Für jedes Problemverhalten gibt es einen guten Grund. Wenn sich ein Kind verschließt, hat es Gründe, sich nicht zu öffnen, auch wenn es vielleicht ein Geschwisterkind gibt, das in der gleichen Familie sehr offen ist. Wenn ein Kind in so hohe Anspannung gerät, dass es diese mit Selbstverletzungen reguliert, hat auch das seinen Grund. Nie liegt es an den Eltern allein, aber es ist wahrscheinlich, dass sie unwissend dazu beigetragen haben.

„Welche meiner Reaktionen könnte für meinen Sohn vielleicht unangenehm sein, wenn er sich öffnet? Und was könnte ich stattdessen tun?“ – „Welche meiner Reaktionen und Sichtweisen könnte die innere Anspannung meiner Tochter verstärken? Und was wäre eine heilsame Alternative für mein bisheriges Verhalten?“ Eltern, die eine Weile mit solchen Fragen leben, schärfen ihre Wahrnehmung. Sie können probeweise ändern, was ein Kind vermutlich belastet. Wenn ich Eltern darin begleite, entspannt sich die Beziehung zu den Teenagern oft und Eltern können das tun, was sie ja wollen: mehr zur Lösung als zum Problem beitragen. Im Teenageralter sind Erfahrungen mit den Eltern bereits verinnerlicht und mit dem verwoben, was Teens mit Gleichaltrigen erleben. Probleme verschwinden daher nicht gleich, wenn sich im Elternhaus etwas ändert. Auch hier braucht es Geduld und ein Vertrauen in Teenager. Sie müssen ihren eigenen Weg mit dem Problem finden, der zu ihnen und ihren Möglichkeiten passt.

Ungute Elternbündnisse auflösen

„Wo belaste ich mein Kind, ohne dass mir das bewusst ist?“ Meist kennt der Ehepartner die Antwort, denn er leidet unter den gleichen Schwächen, die Kinder treffen. In den meisten Ehen entscheidet sich allerdings früh, über welche Schwächen seines Partners man reden darf und über welche besser nicht. Manche Schwächen liegen im toten Winkel eines Partners und vertragen sich so wenig mit dem Bild, das dieser von sich hat, dass ein Tabu entsteht. Man redet nicht mehr darüber, weil es nur zu Streit führt. Ehepartner können sich mit Schwächen zur Not arrangieren. Über die Jahre passen sie sich vielleicht sogar einer unguten Sichtweise des Partners an, einem Misstrauen zum Beispiel oder übertrieben strengen Maßstäben. Was ein Erfolgsgeheimnis für eine harmonische Ehe sein kann, nämlich ein Tabu unangetastet zu lassen, wirkt sich auf Kinder verhängnisvoll aus. Denn die stehen dann nicht nur einem Elternteil gegenüber, das eine Schwäche nicht zugeben will. Der andere Elternteil scheint auch noch zu bestätigen, dass es diese Schwäche nicht gibt.

In der Ehe beginnen

Wenn Teenager psychische Probleme haben, lohnt es sich, an den Punkt zurückzugehen, an dem man die Schwäche seines Ehepartners noch wahrgenommen hat. Doch soll man ausgerechnet jetzt den Partner mit einer Schwäche konfrontieren, wenn im Raum steht, dass diese zu Problemen des Kindes beigetragen hat? Wenn man vom Partner nicht dazu eingeladen wurde, würde ich eher raten: Nein. Doch wenn man als Ehepartner wieder spürt, wie es einem mit einer Schwäche geht, warum nicht das Tabu brechen und das Gespräch suchen? Dann muss man vielleicht einem Kampf standhalten, der sich darum dreht, dass das Tabu erhalten bleibt und damit das Gewohnheitsrecht des Partners auf eine unkorrigierte Schwäche.

Doch dem muss man nicht nachgeben: „So sehe ich es leider wirklich. Es ist nicht in Ordnung für mich und ich wünsche mir, dass du dich damit auseinandersetzt.“ Schon das verändert das emotionale Klima in der Familie und Kinder spüren es, auch wenn man mit ihnen nicht über den Ehekonflikt spricht. Die Chancen sind nicht schlecht, dass sich ein Partner schließlich doch einer Schwäche stellt und ihm dann selbst auffällt, dass vielleicht auch das Kind unter dem leidet, was der Ehepartner nicht mehr klaglos hinnimmt.

Eltern, die wussten, was sie tun

So schwer die unschuldige Schuld von Eltern zu tragen ist, die es nicht besser wussten, so erdrückend kann echte Schuld auf dem Gewissen lasten. Die Wutausbrüche zum Beispiel, die Kinder so erschrecken, hat sich eine Mutter nicht ausgesucht, doch wenn sie nichts für eine Veränderung tut, ist das eine Schuld wider besseren Wissens. Genauso wenn ein Vater über Jahre innerlich abwesend ist, weil ihn seine Affäre beschäftigt und die Komplikationen, die sie in sein Leben bringt.

Viele Menschen können wohl nur eine gute Form von Verdrängung suchen, die das wahrnimmt, was man heute eingestehen und ändern kann, und alles andere möglichst vergisst: Das Leben geht weiter, wenn man Altes hinter sich lässt, für Eltern und für Kinder. Als Christ glaube ich, dass Eltern einen Zugang zu Gottes Vergebung haben. Doch das nimmt die Last der Schuld nicht automatisch weg. Denn Eltern sehen bei ihren Kindern vielleicht weiterhin Probleme, zu denen ihr Verhalten beigetragen hat. Je nach biblisch-seelsorgerlicher Tradition, in der die eigene Kirchengemeinde steht, sehen die Wege etwas anders aus, auf denen gläubige Menschen von Schuld frei werden. Wer sehr belastet ist, profitiert vielleicht von einer Seelsorge oder geistlichen Begleitung.

Unsere Fähigkeit, Schuld zu bewältigen, und unsere Fähigkeit, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir als Eltern tun und lassen, bedingen einander: Nur wer aushalten kann, was er hört, kann aufrichtig fragen, warum es seinem Teenager nicht gut geht. Doch warum sollte uns die Liebe zu unseren Kindern dazu nicht befähigen? Und gehört nicht auch das zu einer starken Ehe: einander bei der Bewältigung von Schuld unterstützen?

Jörg Berger ist Psychologe, Psychotherapeut und Autor, unter anderem von „Meine Stacheln. Wie Sie Ihre Schwächen entschärfen“.

 

Sexualisierte Gewalt an Kindern: Expertin gibt Tipps zur Prävention

Wie lernen Kinder, die Grenzen körperlicher Nähe wahrzunehmen und zu benennen? Und wie kann man Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen? Im Interview gibt Präventionsexpertin Agota Lavoyer Tipps, worauf Eltern achten sollten.

Wann würdest du beginnen, mit Kindern über körperliche Nähe und Grenzen zu sprechen?

Agota Lavoyer: Darüber kann man sehr früh mit Kindern sprechen, sobald man ihnen auch andere Dinge erklärt. Als Eltern bekommt man ja mit, wie viel Nähe ein Kind mag. Diese Beobachtungen sollte man unbedingt aufgreifen und dem Kind beibringen, dass sein Körper ihm gehört und es selbst darüber entscheiden darf. Als Erwachsene ist es wichtig, uns bewusst zu machen: Auch Kinder haben Grenzen. Diese Erkenntnis ist relativ neu in unserer Gesellschaft, weil wir von einer Pädagogik kommen, in der körperliche Gewalt ganz normal Teil der Erziehung war. Viele sträuben sich noch dagegen, Grenzen von Kindern genauso zu achten wie von Erwachsenen.

Kein öffentlicher Gegenstand

Ja, da wird schnell mal ungefragt einem Kind über den Kopf gestreichelt, auch von fremden Personen. Was kann ich als Elternteil in so einem Fall tun?

Am wichtigsten finde ich, dem Kind die Rückmeldung zu geben: Das ist nicht okay. Der Kopf eines Kindes ist kein öffentlicher Gegenstand, der einfach berührt werden darf. Diese klare Haltung seiner Eltern gibt dem Kind Sicherheit, selbst zu bestimmen, wie viel Nähe es zulassen möchte. Und wenn man solche Vorfälle im eigenen Umfeld immer wieder thematisiert, sensibilisiert das auch diejenigen, die so etwas vielleicht selbst manchmal tun.

Wie können wir als Eltern unser Kind noch darin stärken, eigene Grenzen zu kommunizieren?

Ich finde es gut, sich bei alltäglichen Dingen wie Umarmungen oder Küssen immer mal rückzuversichern, ob unser Kind das noch mag oder ob es vorher gefragt werden möchte. Wenn wir dem Kind unsere eigenen Grenzen vorleben, lernt es, dass es normal und in Ordnung ist, diese auch zu kommunizieren.

Grenzen einhalten

Ich habe mich mal überwunden, einem Verwandten zu sagen, dass ich das Gefühl habe, mein Vierjähriger möchte nicht jedes Mal gekuschelt werden und dass er ihn vorher fragen soll. Er geht nun sehr achtsam mit dem Kind um. Und mein Sohn fühlt sich ernst genommen und sucht von sich aus viel Nähe zu diesem Verwandten.

Das ist ein schönes Beispiel. Als Eltern müssen wir uns darüber bewusst sein: Wir sind dafür zuständig, dass die Grenzen unserer Kinder gewahrt werden. Ein Kind ist in den meisten Fällen überfordert damit. Ich finde es wichtig, Kindern in diesem Zusammenhang auch beizubringen: „Du musst niemals Nähe oder Zärtlichkeit erdulden, um Liebe, Aufmerksamkeit oder ein Geschenk zu bekommen.“ Es ist in der Gesellschaft noch nicht selbstverständlich, über körperliche Grenzen zu sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass sich das in der Zukunft ändern kann. Unsere Kinder können wir von Anfang an sprachfähig machen.

Jetzt haben wir viel über Grenzen gesprochen. Wieso ist es so wichtig, Kinder auch konkret über die Gefahren sexualisierter Gewalt aufzuklären?

Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern ist enorm – etwa jedes siebte Kind ist betroffen –, doch viele Kinder haben keine Ahnung, was sexualisierte Gewalt ist. Wir klären sie selbstverständlich über die Gefahren im Straßenverkehr oder von Feuer auf. Auch über sexualisierte Gewalt sollten wir unaufgeregt mit ihnen ins Gespräch kommen. Das ist für viele Erwachsene schwierig, weil sie diese Gespräche mit ihren Eltern selbst nicht erlebt haben. Doch um Übergriffe erkennen und mit uns darüber sprechen zu können, müssen Kinder wissen, was okay ist und was nicht.

Klare Sprache

Ich habe von dem Beispiel gehört, dass ein Kind von den sexuellen Übergriffen durch seinen Großvater erzählt hat: „Der Opa fährt immer den Traktor in die Garage.“ Weshalb ist es so wichtig, die Körperteile im Intimbereich korrekt zu benennen?

Einerseits stärkt es die Selbstwirksamkeit und das Körpergefühl, wenn ein Kind weiß, wie Körperteile heißen, und andererseits macht es Kinder sprachfähig. Das gilt für sexualisierte Gewalterlebnisse in der Kindheit und ist genauso wichtig für die schöne Seite von Nähe, um Bedürfnisse äußern und Konsens herstellen zu können. In meinem Umfeld erlebe ich: Wenn Kinder mit den Begriffen Vulva, Vagina und Penis aufwachsen, sind das normale Worte für sie.

Fast alle Täter und Täterinnen stammen aus dem nahen Umfeld. Was können Eltern tun, um Übergriffen vorzubeugen?

Potenzielle Tatpersonen werden abgeschreckt, wenn sie miterleben, dass offen über Grenzen gesprochen wird und die Kinder darüber Bescheid wissen. Ich würde auch in allen Einrichtungen und Vereinen, die mein Kind besucht, nachfragen, ob es ein Schutzkonzept für sexualisierte Gewalt gibt und wie mit Grenzverletzungen umgegangen wird. Oder auch, was dafür getan wird, damit es nicht zu grenzverletzendem Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern kommt und wie mit grenzverletzendem Verhalten unter Kindern umgegangen wird. Wenn man das beim Elternabend fragt, werden auch die anderen Eltern sensibilisiert. Außerdem finde ich es enorm wichtig, dass Lehrpersonen sich mit diesen Themen beschäftigen und mit den Schülerinnen und Schülern darüber sprechen. Niemand kann dafür sorgen, dass alle Eltern mit ihren Kindern über Grenzen und Grenzverletzungen sprechen, doch in die Schule müssen alle Kinder gehen.

Sexualisierte Gewalt: Fragen stellen und zuhören

Und wie können Eltern ihr Kind ermutigen, von grenzverletzendem Verhalten zu erzählen?

Ich habe lange in der Opferberatung gearbeitet und viele Erwachsene gefragt, was sie als Kinder gebraucht hätten, um darüber zu sprechen. Neben der Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, haben nicht wenige gesagt: „Es hat nie jemand gefragt.“

Gerade wenn wir uns um ein Kind Sorgen machen, weil es sich verändert hat, oft traurig ist oder schlecht schläft, stellen wir dem Kind viele Fragen, wie: „Wirst du gemobbt, hast du Probleme in der Schule oder mit den Freunden …?“ Ich finde es wichtig, auch immer mal wieder zu fragen: „Ist dir schon mal jemand zu nahe getreten, hat dich im Intimbereich berührt oder dir eine sexualisierte Nachricht geschickt?“

Je alltäglicher diese Themen in einer Familie sind, desto einfacher ist es, darüber zu sprechen.

So helfen Eltern betroffenen Kindern

Angenommen, mein Kind erzählt mir von einem Vorfall, wie soll ich als Elternteil reagieren?

Unsere Reaktion ist für die Verarbeitung des Kindes sehr ausschlaggebend. Mein wichtigster Rat ist, in dem Moment zu versuchen, ruhig zu bleiben, dem Kind zuzuhören, es ernst zu nehmen und nichts zu überstürzen. Dem Kind immer die Rückmeldung zu geben: „Ich finde es stark, dass du mir das erzählt hast. Vielen, vielen Dank!“

Idealerweise schreibt man wortwörtlich auf, was das Kind erzählt hat. In den meisten Fällen ist man emotional so aufgewühlt, dass man schon am nächsten Tag nicht mehr genau weiß, was das Kind erzählt hat. Priorität Nummer eins ist: das Kind vor Begegnungen mit der mutmaßlichen Tatperson schützen. Es ist okay, wenn das Kind für ein paar Tage mal nicht in die Schule geht. Wir sollten die Tatperson auf keinen Fall direkt mit der Tat konfrontieren. Ich rate immer, sich unbedingt Hilfe von Fachpersonen zu holen. Es gibt keine pauschale Handlungsstrategie für sexualisierte Gewalt, sondern die Fachleute werden jeden Fall genau anschauen und individuell raten, was zu tun ist. Es gibt sehr viele gute Stellen, an die man sich wenden kann, auch telefonisch oder per Chat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Koppri.

Anlaufstellen

Nummer gegen Kummer für Eltern (D):
0800 111 0 550

hilfe-portal-missbrauch.de

Soziale Netzwerke – gehören Kinderbilder auf Insta und Co?

Soziale Netzwerke laden dazu ein, das eigene Leben mit dem Rest der Welt zu teilen. Dabei stehen Eltern oft vor der Frage: Kann ich ein Bild von meinem Kind posten? Mediencoach Iren Schulz rät zur Vorsicht.

Das Familienleben hält jede Menge aufregende, lustige und besondere Momente bereit. Und weil Eltern sich gern daran erinnern und stolz auf ihre Kinder sind, werden die Erlebnisse mit der Smartphone-Kamera festgehalten und in privaten oder eben auch öffentlichen Communities geteilt. Insbesondere soziale Netzwerke bieten eine Plattform. Auch wenn Eltern positive Gedanken dabei haben, übersehen sie leider, dass solches Bildmaterial im Prinzip für jede(n) zugänglich ist und in falsche Hände geraten kann.

Grundsätzlich muss man sagen, dass digitale Medien wie das Smartphone heute selbstverständlicher Bestandteil des Familienalltags sind und nicht nur bei der Organisation helfen, sondern auch eine Art Erinnerungskiste, Verbindungsschnur und Sammelalbum darstellen. Gleichzeitig ist aber die Kindheit eine besonders schützenswerte Lebensphase. Wir als Erwachsene tragen die juristische und erzieherische Verantwortung dafür, dass Kinder sicher und gut aufwachsen können.

Das Recht am eigenen Bild

Juristisch gesehen ist das zum Beispiel darüber geregelt, dass auch Heranwachsende ein Recht am eigenen Bild haben. Weil sie aber noch nicht selbst über die Veröffentlichung entscheiden können, sind Eltern gefragt, hier besonders sensibel und sorgsam zu entscheiden. Denn sicher ist, dass Kinderfotos im Netz das Risiko für unerwünschte Kontakte oder eine problematische Weiterverwendung bergen. Deshalb sollten sich Eltern gut überlegen, ob und auf welche Art und Weise sie Kinderfotos im Netz und in sozialen Netzwerken verbreiten.

Öffentlich zugängliche Profile, Portale und Programme sind dafür nicht geeignet. Wenn Bilder veröffentlicht werden, sollten Kinder auf diesen Fotos nicht direkt erkennbar sein, sondern beispielsweise nur im Anschnitt, von hinten oder mit Sonnenbrille. Außerdem ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Fotos keine Kontextinformationen wie personenbezogene Daten zum Kind, Standortdaten oder Ähnliches enthalten. Zudem sollten Eltern regelmäßig die Sicherheits- bzw. Privatsphäre-Einstellungen in ihren Social-Media-Profilen überprüfen. Fotos von Kindern in peinlichen, unangenehmen oder unangemessenen Situationen sind absolut tabu!

Gute Routinen und Regeln

Mit dem Älterwerden sollten Heranwachsende in die Entscheidung einbezogen und gefragt werden, ob sie einverstanden sind, dass ein Foto von ihnen erstellt und geteilt wird. Kinder haben nicht nur ein gutes Bauchgefühl, sondern eben auch ein Recht darauf und lernen so, bewusst und souverän mit den Möglichkeiten digitaler Medien umzugehen. Hierbei ist auch noch einmal die Vorbildrolle von uns Erwachsenen angesprochen. Wenn wir uns verantwortungsvoll mit und in digitalen Medien bewegen, gute Routinen und Regeln in der Familie etablieren und auch mal ohne Smartphone zum Ausflug antreten, wird es eher gelingen, diese Handlungsweisen an unsere Kinder weiterzugeben. Und mal ehrlich: Ist nicht jeder Ausflug und jedes Erlebnis schöner, wenn die Familie mit allen Sinnen – und nicht mit allen Bildschirmen – dabei ist?

Dr. Iren Schulz ist Mediencoach bei der Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“

Soziale Netzwerke – gehören Kinderbilder auf Insta und Co?

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Grundsätzlich muss man sagen, dass digitale Medien wie das Smartphone heute selbstverständlicher Bestandteil des Familienalltags sind und nicht nur bei der Organisation helfen, sondern auch eine Art Erinnerungskiste, Verbindungsschnur und Sammelalbum darstellen. Gleichzeitig ist aber die Kindheit eine besonders schützenswerte Lebensphase. Wir als Erwachsene tragen die juristische und erzieherische Verantwortung dafür, dass Kinder sicher und gut aufwachsen können.

Das Recht am eigenen Bild

Juristisch gesehen ist das zum Beispiel darüber geregelt, dass auch Heranwachsende ein Recht am eigenen Bild haben. Weil sie aber noch nicht selbst über die Veröffentlichung entscheiden können, sind Eltern gefragt, hier besonders sensibel und sorgsam zu entscheiden. Denn sicher ist, dass Kinderfotos im Netz das Risiko für unerwünschte Kontakte oder eine problematische Weiterverwendung bergen. Deshalb sollten sich Eltern gut überlegen, ob und auf welche Art und Weise sie Kinderfotos im Netz und in sozialen Netzwerken verbreiten.

Öffentlich zugängliche Profile, Portale und Programme sind dafür nicht geeignet. Wenn Bilder veröffentlicht werden, sollten Kinder auf diesen Fotos nicht direkt erkennbar sein, sondern beispielsweise nur im Anschnitt, von hinten oder mit Sonnenbrille. Außerdem ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Fotos keine Kontextinformationen wie personenbezogene Daten zum Kind, Standortdaten oder Ähnliches enthalten. Zudem sollten Eltern regelmäßig die Sicherheits- bzw. Privatsphäre-Einstellungen in ihren Social-Media-Profilen überprüfen. Fotos von Kindern in peinlichen, unangenehmen oder unangemessenen Situationen sind absolut tabu!

Gute Routinen und Regeln

Mit dem Älterwerden sollten Heranwachsende in die Entscheidung einbezogen und gefragt werden, ob sie einverstanden sind, dass ein Foto von ihnen erstellt und geteilt wird. Kinder haben nicht nur ein gutes Bauchgefühl, sondern eben auch ein Recht darauf und lernen so, bewusst und souverän mit den Möglichkeiten digitaler Medien umzugehen. Hierbei ist auch noch einmal die Vorbildrolle von uns Erwachsenen angesprochen. Wenn wir uns verantwortungsvoll mit und in digitalen Medien bewegen, gute Routinen und Regeln in der Familie etablieren und auch mal ohne Smartphone zum Ausflug antreten, wird es eher gelingen, diese Handlungsweisen an unsere Kinder weiterzugeben. Und mal ehrlich: Ist nicht jeder Ausflug und jedes Erlebnis schöner, wenn die Familie mit allen Sinnen – und nicht mit allen Bildschirmen – dabei ist?

Dr. Iren Schulz ist Mediencoach bei der Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“

Schulstart: 5 Tipps, wie die Umstellung im Familienalltag leichter gelingt

Mit der Einschulung ändert sich das Leben für Kinder und Eltern. Worauf gilt es zu achten, um die Umstellung leichter zu meistern? Sarah Kröger weiß, was hilft.

Meine Tochter kommt im Sommer schon in die dritte Klasse. Ich weiß noch genau, wie aufregend der Schulstart damals für uns war. So viel war neu und veränderte sich. Wir alle mussten früher aufstehen, meine Tochter den ganzen Vormittag stillsitzen. Außerdem gab es von da an rund 12 Wochen Schulferien im Jahr, für die wir uns eine Betreuungslösung ausdenken mussten. Doch wie ist uns die Umstellung eigentlich gelungen? Ich muss gestehen: Vieles habe ich wieder verdrängt. Das Gehirn leistet Erstaunliches, wenn es darum geht, schwierige Dinge zu vergessen. Deswegen frage ich einfach mal bei meiner Tochter nach.

1. Der frühe Start in den Morgen

Wirklich schwer fiel ihr das frühe Aufstehen zum Schulbeginn, erzählt meine Tochter und findet: „Die Schule soll um neun beginnen, dann kann ich wenigstens bis acht Uhr ausschlafen.“ Das finde ich auch. Es gibt viele Studien, die belegen, dass ein zu früher Schulanfang zu weniger Schlaf, geringerer Konzentration und schlussendlich auch zu schlechterer Leistung führt – vor allem bei älteren Kindern. Zu dem frühen Beginn kam noch die Pünktlichkeit dazu. Unsere Tochter musste nun jeden Morgen um Punkt acht Uhr auf ihrem Platz sitzen. Es gab keine Gleitzeit mehr, wie früher zu Kitazeiten, als wir sie manchmal erst gegen halb zehn durch die Kita-Tür schoben, wenn es beruflich passte.

Wie haben wir das hinbekommen? Nachdem die Klassenlehrerin meine Tochter im ersten Schulhalbjahr ein paar Mal gerügt hatte, weil sie fünf Minuten zu spät erschienen war, entwickelte sie eine hohe Eigenmotivation, pünktlich zu kommen. Denn das war ihr sehr unangenehm. Wir hatten also etwas Glück. Ansonsten hilft – damals wie heute – das noch frühere Aufstehen. Stehen wir rechtzeitig auf, dann ist der Beginn morgens entspannt. Kommen wir nicht rechtzeitig aus dem Bett, wird das Frühstück und auch der restliche Start in den Tag hektisch. Als Faustregel gilt: Immer eine halbe Stunde extra einplanen. Mit der Zeit pendelt sich dann die beste Aufstehzeit für alle ein.

Auch ein möglichst gleicher Ablauf am Morgen erleichtert es dem Kind, sich schneller ans frühe Aufstehen zu gewöhnen. Wer mag, kann die Brotdose und die Schultasche auch schon abends vorbereiten, das spart morgens etwas Zeit. Hilfreich ist auch, wenn das Kind lernt, die Uhr zu lesen und so ein Gefühl für die Zeit bekommt, die es morgens noch übrig hat. Wird ein Kind morgens überhaupt nicht wach, kann der Schulweg helfen, der möglichst zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt wird. Das Sonnenlicht kann in den hellen Monaten beim Wachwerden helfen und die Bewegung regt zusätzlich den Kreislauf an. So kommt Ihr Kind richtig wach in der Schule an.

2. Vormittags: Bewegung ermöglichen

Anstrengend war auch, erzählt meine Tochter, dass sie in der Schule stillsitzen musste und nicht mehr so viel herumtoben konnte. Eine der größten Umstellungen von Kindergarten zu Schule ist sicherlich die eingeschränkte Freiheit. Wer wollte, konnte früher den ganzen Tag im Sand buddeln oder an Kletterstangen hangeln. In den meisten Grundschulen sitzen die Kinder ab der ersten Klasse den größten Teil der Zeit auf einem Stuhl. Dabei ist auch hier längst erforscht, dass Bewegung sehr wichtig beim Lernen ist. Wer sich bewegt, aktiviert das Gehirn und merkt sich Dinge besser. Grundschulkinder können sich in der Regel nicht länger als 20 Minuten am Stück konzentrieren. Viele Lehrerinnen und Lehrer wissen das und versuchen, regelmäßige Bewegungspausen in den Unterricht einzubauen. Auch im Unterricht selbst ist Bewegung möglich: Geometrische Figuren können mit einem Seil körperlich erfahrbar gemacht werden, Präpositionen wie „auf“ oder „unter“ können im Klassenraum in die Tat umgesetzt werden, indem die Kinder auf oder unter ihren Stuhl klettern. Falls Ihr Kind mehr Bewegung braucht, als es im Unterricht bekommt, können Sie auch mit der Lehrkraft sprechen und sie um eine individuelle Lösung bitten.

3. Tobe- und Ausruhzeit am Nachmittag

Spätestens nach der Schule sollten Kinder sich ordentlich austoben. Gehen Sie mit Ihnen auf den Spielplatz, Fahrrad fahren, Fußball spielen – was immer sie mögen. Doch auch Ruhe kann für manche Kinder nach einem lauten und aufregenden Schultag besonders nötig sein. Meine Tochter brauchte in den ersten Wochen viel Zeit zu Hause: Es war ihr zu laut im Klassenraum und sie war froh über die Stille.

In vielen Familien ist es mittlerweile üblich, dass schon Erstklässler ihren Nachmittag mit Freizeitaktivitäten verplant haben: Musikunterricht, Turnen, Fußball, Tanzen … Diese grundsätzlich schönen Hobbys, die auch oft die benötigte Bewegung ermöglichen, sind aber trotzdem feste Termine. Sie führen dazu, dass der Tag der Kinder von morgens bis abends verplant ist. Nach der Schule müssen erstmal Hausaufgaben gemacht werden, wenn die nicht schon in der Schule erledigt werden konnten. Steht dann gleich der nächste Programmpunkt an, kann das schnell zusätzlichen Stress bedeuten. Außerdem fehlt so die Zeit für Verabredungen mit neuen Freundinnen und Freunden aus der Klasse. Dies ist im ersten Schuljahr besonders wichtig, um Kontakte zu knüpfen. Mit einigen Kindern aus der Klasse kann sich meine Tochter zum Beispiel kaum treffen, obwohl sie sich mögen: Sie sind an drei von fünf Nachmittagen in der Woche schon freizeitmäßig verplant. Deswegen: Warten Sie doch noch ein bisschen mit dem festen Nachmittagsprogramm, bis Ihr Kind gut in der Schule angekommen ist und selbst den Wunsch nach neuen Aktivitäten äußert.

4. Rechtzeitig am Abend zu Bett gehen

Um sich an den neuen Rhythmus zu gewöhnen, helfen abends feste Zubettgehrituale. Meine Tochter macht sich abends meistens schon mal bettfertig und hört dann noch eine Hörgeschichte oder schaut sich ein Buch an. So kommt sie langsam zur Ruhe. Etwa drei Stunden vor dem Schlafen sollten Kinder keine elektronischen Medien mehr nutzen. So kann der blaue Lichtanteil des Displays nicht die Freisetzung des schlaffördernden Hormons Melatonin im Gehirn hemmen. Es lohnt sich, vor dem Schulstart das Kind langsam auf die neuen Aufsteh- und Zubettgehzeiten vorzubereiten. Das gelingt laut Schlafforschern am besten, indem das Kind jede Woche 15 bis 30 Minuten eher ins Bett gebracht wird, so lange, bis die passende Zubettgehzeit erreicht ist. Die neuen Zeiten sollten auch ungefähr am Wochenende eingehalten werden – auch wenn hier eine Stunde länger schlafen durchaus okay ist.

5. Kreative Lösungen für den Urlaub

Auch die Urlaubsplanung ändert sich, wenn die Schule beginnt. Denn dann können Familien mit Schulkind nur noch während der offiziellen Schulferien in den Urlaub fahren. Das bedeutet für alle Arbeitnehmenden, dass sie rechtzeitig Urlaubsanträge stellen müssen und für alle Selbstständigen, dass sie ihre Aufträge gut im Voraus planen sollten. Auch für die Hochsaisonpreise während des Urlaubs müssen Familien sich wappnen, denn der wird plötzlich um einiges teurer. Eine Möglichkeit ist, sich Orte auszusuchen, die keine typische Reisezeit haben, zum Beispiel weil dort gerade Winter ist. Auch kann es sich lohnen, in anliegende Bundesländer, die noch keine Ferien haben, zu fahren, hier könnten die Preise etwas niedriger sein. Je nach Geschmack sind vielleicht auch kostengünstige Camping-Urlaube, All-Inclusive-Angebote oder Besuche von Bekannten an schönen Urlaubsorten eine Option.

Die wenigsten Familien werden wohl sechs Wochen Sommerurlaub am Stück machen. Sie müssen sich deswegen überlegen, wohin sie ihr Kind geben, während sie arbeiten. Das war auch für uns nicht leicht zu organisieren. Wir entschieden uns erstmal dazu, lange in den Urlaub zu fahren. Danach schickten wir die Kinder ein paar Tage zu Oma und Opa. In den letzten Wochen haben wir dann in Teilzeit gearbeitet und uns währenddessen mit der Kinderbetreuung abgewechselt. Dieses Jahr haben wir auch zum ersten Mal das Hort-Angebot der Schule genutzt, von dem meine Tochter aber nur mittelmäßig begeistert war. Geholfen hat uns auch, dass es befreundete Kinder aus der Nachbarschaft gab, mit denen sich sie sich ab und zu zum Spielen verabreden konnte.

Alles in allem ist der Schulstart zwar eine große Herausforderung für die ganze Familie, aber eine tolle Sache. Als ich meine Tochter frage, was ihr damals gut gefallen hat, antwortet sie: „Die Einschulung war richtig cool. Und ich habe fünf neue Freunde gefunden. Außerdem kann ich nun selbst Bücher lesen, wenn ihr keine Zeit habt, mir welche vorzulesen.“ Mittlerweile haben wir uns ganz gut an den Schulalltag gewöhnt. Es dauert bestimmt nicht mehr lange und mein Gehirn wird auch komplett verdrängt haben, dass es mal eine Zeit gab, in der ich nicht morgens um halb sieben aufgestanden bin.

Sarah Kröger ist Journalistin und Host des lösungsorientierten Podcasts „Und jetzt? Der Perspektiven-Podcast“. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.