Enttäuscht vom Familienalltag: Eine Mutter berichtet
Der Familienalltag könnte so schön sein – wenn er nicht ständig anders wäre, als wir es uns wünschen. Eine Mutter gibt ungeschminkte Einblicke.
Wir sitzen gemeinsam am Esstisch. Jeder irgendwo. Nur keiner dort, wo er eigentlich hingehört. Der eine möchte heute unbedingt auf Papas Schoß sitzen, nicht auf seinem Stuhl. Der andere will lieber unter dem Tisch essen. Und ich sitze kaum, weil ich mich erst um die Folgen des umgekippten Glases kümmere und dann eine neue Wurst aus dem Kühlschrank ziehe, obwohl ich mir geschworen hatte, dass wir erst mal den geöffneten Käse leer essen. Das eine Kind überschreitet unterdessen das von mir gesetzte Wurst-Limit, und das andere hat zwar am Ende des Abends Käse gegessen, aber dafür kein Stück Brot.
Die Abendessenszeit bei uns zu Hause ist eine der unentspanntesten Zeiten am Tag: Die Luft ist gereizt, die Diskussionsbereitschaft groß und die Nerven liegen schon nach dem Tischgebet blank. Wir alle sind müde, keiner hat Kapazität für Gemeinschaft, Gerede und Geschmatze – dennoch kämpfen wir uns immer wieder durch diese 20 Minuten. Warum? Weil eine gemeinsame Mahlzeit am Tag doch zum Familienalltag dazugehört. Weil es andere Familien auch so machen. Weil es sich unnormal anfühlen würde, es nicht zu tun.
Wie ein Spagat
Manches im Familienleben stellt sich als unangenehmer, schwieriger oder unschöner heraus, als wir Eltern uns das zuvor ausgemalt hatten. Manches war vorhersehbar, aber wir waren optimistisch von der besseren Version ausgegangen. Manches hätte keiner von uns voraussehen können. Und manches hat der Zeitgeist mit sich gebracht.
Ich habe mit Familien darüber gesprochen, wovon sie im alltäglichen Familienleben besonders überrascht wurden. Interessanterweise bezogen sich die meisten Antworten auf die Nachmittagsgestaltung der Kinder: Hausaufgaben, Fahrdienste, Hobbystress, aber auch Medienzeit-Diskussionen. Zusammengefasst in dem Gefühl, die Kids nicht einfach hinausschicken zu können, sondern jeden Schritt organisieren und kommunikativ begleiten zu müssen. „Kinder spielen heute nicht einfach draußen, vor allem nicht allein“, schildert Sonja Gera, Mutter von drei Kindern. „Wenn meine Kids nachmittags bei anderen Kindern klingeln, wollen diese oft lieber drinnen bleiben und am Bildschirm hängen. Das erlauben wir unseren Kindern in dem Ausmaß nicht, und dann haben sie niemanden zum Spielen.“
Bei Eltern von vier Kindern schnappe ich auf, wie sehr ihnen die Realitätsklatsche beim Übergang vom Kindergarten in die Schule zugesetzt hat: „Man denkt, die Kinder werden eigenständiger, aber sie brauchen einen noch viel mehr, beispielsweise bei Freundschaftskonflikten oder Sexualthemen.“ Andere Familien spiegeln mir, wie stark ihre Tage von den Regeln anderer Familien beeinflusst werden. Zum Beispiel, wenn die Kinder bei ihren Freunden allein im Kinderzimmer am Handy zocken dürfen, was zu Hause nicht erlaubt ist. Sie beschreiben, dass sich der Alltag wie ein Spagat anfühlt zwischen den eigenen Überzeugungen und dem Feingefühl für Kompromisse, um das eigene Kind nicht zu sehr auszuschließen.
Der Ursprung allen Übels
In meinen Gesprächen erfahre ich auch von richtig großen Hindernissen im Familienalltag: finanzielle Engpässe, Mobbing oder Arbeitslosigkeit beispielsweise. Cindy Greiner, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, sucht eine neue Teilzeitstelle. Sie vergleicht dies mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und hadert mit der fehlenden Perspektive, die sie für ihr Familienleben hat. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat sie eine Strategie entwickelt, sich nicht von den Schwierigkeiten herunterziehen zu lassen: „Ich vergleiche mich schon lange nicht mehr. Ich weiß, dass jede Familie ein individuelles System ist. Lebenswirklichkeiten sind unterschiedlich. Andere Familien haben mit anderen Problemen zu kämpfen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“ Und damit spricht sie etwas an, was ich als den Ursprung allen Übels bezeichnen würde: das Vergleichen.
Ein Großteil der Unzufriedenheit im Familienalltag entsteht durch das Vergleichen mit anderen Familien. Wir vergleichen uns mit der Familie am Ende der Straße, mit den Familien in unseren Gemeinden, mit den Familien auf Instagram und mit denen, die uns in der Werbung anstrahlen. Ich bin ehrlich: Nach einem anstrengenden Abendessen frustriert mich nicht das überschrittene Wurst-Limit, sondern die Annahme, dass es bei allen anderen Familien besser läuft: harmonischer, kommunikativer, mit weniger Streit. Es reicht aus, dass ich ein einziges Mal ein entspanntes Abendessen bei der Familie meiner Freundin miterlebt habe, um zu glauben, dass es bei ihnen immer so lässig abläuft. Ich pauschalisiere und unterstelle, dass alles andere in ihrem Alltag auch entspannter ist. Bestimmt haben sie bessere Betreuungsmöglichkeiten, tollere Schulen, mehr finanzielle Möglichkeiten, ein funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk … Und zack bin ich tief drin im Selbstmitleid.
Trauer oder Selbstmitleid?
Ich will die Schwere im Familienalltag nicht kleinreden, im Gegenteil: Auf Enttäuschung dürfen Tränen folgen. Müssen sie sogar. Insbesondere, wenn es um die großen Enttäuschungen geht. Ich glaube jedoch, dass es einen Unterschied zwischen Trauer und Selbstmitleid gibt. Wer ausreichend trauert, der jammert nicht, sondern findet Worte für das, was schmerzhaft anders läuft, als es geplant war. Selbstmitleid findet diese Worte nicht. Selbstmitleid wiederholt immer nur die Lüge, dass alle anderen Familien es leichter haben. Selbstmitleid deckelt jede Handlungsoption. Auf Trauer kann eine Neuorientierung folgen. Ich sehe nach einer tränenreichen Nacht, in der ich mir meinen Schmerz bewusst gemacht habe, so manches klarer und kann auch besser unterscheiden zwischen dem, was ich nicht ändern kann und dem, was ich verändern kann.
Niemand von uns kann das Schulsystem, die Freunde unserer Kinder, die Medienzeit-Regeln anderer Familien oder die Arbeitsmarktsituation ändern. Aber wir können zwischen Trauer und Selbstmitleid wählen. Wir können uns gegen das Vergleichen entscheiden und das eigene Familiensetting fokussieren. Wir können anfangen, das Leben um die nervigen oder schweren Umstände herum so zu gestalten, dass es zu uns passt. Wir können die kleinen Zwischendurch-Familienmomente deutlicher zu unseren machen. Den Ort und den Zeitpunkt des Abendessens zum Beispiel: „Stullen auf die Hand und raus mit uns!“ Oder die gemeinsamen Minuten während der Autofahrt vom Turnen zum Klavierunterricht. Auf diese Weise werden Enttäuschungen im Familienalltag zu einem Anlass, uns als Familie näherzukommen.
Was uns wichtig ist
Familie Kassebaum hat in ihrem Hausflur Worte wie Großzügigkeit, Respekt und Gebet in einer schönen Schrift eingerahmt. Es sind die Werte der Familie, die einem ins Auge springen, sobald man ihr Zuhause betritt. „Das schriftliche Festhalten unserer Werte erinnert uns immer wieder daran, was uns wichtig ist. Es sind Erinnerungen daran, wofür wir stehen“, erklärt Joyce Kassebaum, Mutter von drei Kindern. Die eigenen Familienwerte zu bestimmen, hilft, klarer zu sehen, was uns als Familie ausmacht, wo der gemeinsame Herzschlag und die Priorisierung im Alltag ist.
Ich bin ehrlich: Wir haben (noch) keine Familienwerte im Flur hängen. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht, unser „Wir“ besser kennenzulernen. Dabei habe ich festgestellt, dass unsere Liebessprache nichts mit einem gemeinsamen Abendessen zu tun hat. Die 20 Minuten am Esstisch sind nach wie vor eher ätzend. Aber sie sind uns auch nicht wichtig. Ich habe keinen Anspruch mehr, darin „besser zu werden“. Ich quetsche mich nicht länger in eine idealisierte Abendbrot-Schablone. Die Wurst kommt aufs Brot. Der Käse auch. Hauptsache, jeder wird satt. Danach kümmern wir uns um das, was uns mehr verbindet: den Nachtisch gemeinsam auf dem Sofa naschen zum Beispiel.
Die Autorin möchte anonym bleiben, ist aber der Redaktion bekannt.