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Im Haushalt helfen? So könnt ihr eure Kinder motivieren

Elternfrage: „Meine Jungs (7 und 10) helfen nicht gern im Haushalt. Ich möchte sie aber kindgerecht einbinden. Habt ihr Tipps, wie ich das schaffen kann?“

Spontan, nach Lust und Laune, mit einem festen Aufgabenplan, mit oder ohne Belohnung – Kinder können auf verschiedene Arten in den Haushalt einbezogen werden. Wir haben Eltern gefragt, wie sie das angehen.

Nicht perfekt

Unsere Einstellung ist bei diesem Thema wichtig. Wenn wir Kinder in den Haushalt einbinden, bereiten wir sie auf das Leben vor. Das Zimmer ordentlich zu halten, Kartoffeln zu schälen oder eine einfache Mahlzeit vorzubereiten, sind genauso wichtig wie das Einmaleins in der Schule. Und wir können unser Umfeld gestalten, um ihnen dabei zu helfen: Wir haben zum Beispiel einen Küchenbuffetschrank direkt am Esstisch. Da können die Kinder das Geschirr selbst entnehmen und den Tisch decken. Doch wenn die Kinder das erste Mal Aufgaben übernehmen, ist es nicht perfekt. Da kocht mal die Milch über, oder der Boden ist nicht so sauber, wie wir es gern hätten. Trotzdem haben sie ein Lob verdient.

Esther

Gleichberechtigt

Wir beziehen unsere Kinder ein- bis zweimal im Monat bei der Haushaltsplanung mit ein. Wir listen alle Aufgaben auf, die zu erledigen sind. Jeder muss sich für mindestens eine Sache entscheiden, der Rest wird untereinander aufgeteilt. Kinder haben das gleiche Mitbestimmungsrecht.

Robert

Freiwillig

Mein Sohn ist jetzt sechs Jahre alt, geht in die erste Klasse und ist Einzelkind. Im Haushalt setze ich auf Hilfe auf freiwilliger Basis. Das heißt, mein Sohn hilft mit, wenn er Interesse hat. Manchmal frage ich ihn, kann aber auch ein Nein akzeptieren. Schon von Anfang an wollte er mithelfen und hat gefragt, was er tun kann. Beim Kochen kommt er jetzt noch von allein. Seine anderen Lieblingsaufgaben sind Wischen – mit seinem eigenen Kinderputzset –, Kleidung gemeinsam zusammenlegen oder mir beim Badputzen helfen – dazu habe ich ihm Kindereinmalhandschuhe besorgt. Nur das Aufräumen seines Zimmers funktioniert leider nicht. Deshalb begleiten wir ihn dabei und machen es gemeinsam. Beim Putzen hören wir gern ein Hörspiel an. Nach getaner Arbeit genießen wir dann unsere Familienzeit und spielen etwas.

Judith

Belohnungen

Wir haben einen rotierenden Aufgabenplan für unsere Kinder (9 und 7), damit jeder sowohl Lieblingsaufgaben erfüllen kann als auch mal weniger beliebte Dinge übernehmen muss. Für erledigte Aufgaben gibt es Sternenaufkleber. Haben sie eine bestimmte Anzahl von Sternen gesammelt, dürfen sie sich eine Belohnung dafür aussuchen. So bleibt die Motivation erhalten. Dabei probieren wir Verschiedenes aus: Ausflüge, kleine Geschenke oder Süßigkeiten.

Ruben

Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Im trubeligen Familienalltag bleiben angespannte Situationen nicht aus. Das kann Eltern extrem belasten. Erziehungsexpertin Dorothea Beier erklärt, wie liebevolle Grenzen helfen und Orientierung geben.

Max ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er hat eine zwei Jahre jüngere Schwester und einen siebenjährigen Bruder. Die Mutter erzählt mir, dass sie sich keinen Rat mehr weiß. Max haut, tritt und schubst im Kindergarten andere Kinder, und auch zu Hause gibt es ständig Streit und Geschrei. Sie sei mit den Nerven am Ende.

„Annalena wird morgens einfach nicht fertig, sie trödelt so sehr, dass uns irgendwann der Geduldsfaden reißt“, berichtet ein Vater.

„Jeden Abend gibt es Theater, wenn Ben sich umziehen und seine Zähne putzen soll“, beklagt ein weiteres Elternpaar. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“

Solche und ähnliche Berichte höre ich immer wieder. Wie kann man am besten reagieren?

Sicherheit und Orientierung

Eine Familie mit kleinen Kindern ohne Konflikte gibt es nicht. Kinder haben Bedürfnisse, die sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Und sie sind Lernende. Sie probieren sich aus, testen, wie weit sie gehen können. Kinder wollen und müssen Selbstwirksamkeit erleben. Dazu gehört, dass sie ihren Besitz verteidigen, dass sie auch mal „Nein“ rufen. Sie sagen damit, dass sie ein eigenständiger Mensch sind und dass sie einen eigenen Willen haben. Auch Geschwisterstreit ist normal. Er kann helfen, Grenzen auszutesten und Kompromisse zu lernen. Hierzu brauchen Kinder ihre Eltern und Erzieher.

Eines der wichtigen Bedürfnisse von Kindern sind angemessene Grenzen. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen sie Struktur, Sicherheit und Orientierung. Viele Eltern sind verunsichert, wie sie angemessene Grenzen setzen können. „Ich möchte meine Kinder nicht verletzen, sie sollen selbst entscheiden, was sie möchten“, sagt mir die Mutter von Max. „Ich habe eine sehr strenge Kindheit erlebt. Wer nicht parierte, bekam Schläge. Meine Kinder sollen es besser haben“, erklärt sie.

Liebevolle Grenzen setzen, aber wie?

Grenzen sind wie Wegweiser oder Leitplanken, mit denen Eltern ihren Kindern die Orientierung vermitteln, die sie brauchen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, fühlt sich unsicher, ausgeliefert und alleingelassen. Durch liebevolle Grenzen spürt ein Kind, dass Mama und Papa sich kümmern und Verantwortung übernehmen. Durch verlässliche und klare Grenzen entwickeln Kinder ein tiefes Vertrauen und fühlen sich sicher. Sie lernen auch, wie sie sich selbst angemessen begrenzen können und erlangen so eine gute Sozialkompetenz.

Liebevolle Grenzen zu setzen braucht Geduld. Nicht immer akzeptieren Kinder Grenzen sofort. Sie diskutieren, fangen an zu weinen und möchten ihre Wünsche durchsetzen. Dann hilft es, sich vor Augen zu führen, dass liebevolle Grenzen für die Hirnentwicklung nötig ist. Das Kind lernt dadurch: „Ich bin meinen Emotionen und Wünschen nicht ausgeliefert. Es gibt kluge Entscheidungen, die mir helfen, mein Leben gut zu gestalten. Ich kann Ziele erreichen, und mich selbst gesund abgrenzen.“ Das Kind bleibt nicht in einer Phase der Egozentrizität stecken. Liebevolle Grenzen  zu setzen ist sinnvoll und wichtig, wenn mit zwei Jahren die Autonomiephase beginnt. In der Säuglingsphase ist Grenzsetzung noch verfrüht!

Für Kinder ist es beispielsweise eine Hilfe, wenn es feste Zeiten in der Familie gibt, wie Schlafenszeiten und Essenzeiten. Aber auch die Begrenzung der Bildschirmzeit, ein respektvoller Umgangston, Aufräumzeiten, der Umgang mit Süßigkeiten oder Tischregeln gehören zu dem, was Kinder durch angemessene Grenzsetzung und Vorbild der Eltern erlernen können. Über manche Grenzen und Regeln kann man im Familienrat auch verhandeln. Sie können sich je nach Alter des Kindes verändern. Es gibt aber auch feste Grenzen, zum Beispiel dass ein Kind kein anderes Kind schlagen darf, egal wie wütend es ist. Grenzen, die das Zusammenleben sowie Leib und Seele schützen, sind unverzichtbar für ein harmonisches Miteinander.

Wir machen es gemeinsam

Mit Kindern im Grundschulalter bietet es sich an, gemeinsam Regeln zu entwickeln. Während es bei kleineren Kindern noch gut ist, Regeln kurz, souverän und einfach zu formulieren, nach dem Motto: „So läuft es bei uns“, haben Grundschulkinder das Bedürfnis, mitentscheiden zu dürfen. Es hat sich in vielen Familien bewährt, Familienkonferenzen einzuführen, um verschiedene Themen zu besprechen: „Wie können wir es schaffen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, ohne dass wir uns ständig streiten? – Wer räumt an welchen Tagen den Geschirrspüler aus, ohne immer neu daran erinnert zu werden? – Wer hilft, das Abendbrot mit vorzubereiten?“

Solche und ähnliche Fragen beziehen Kinder ein und geben ihnen ein Mitspracherecht. Bei jüngeren Kindern kann es bei dem leidigen Zähne-Putz-Thema helfen, das Kind zu fragen: „Möchtest du zuerst die unteren und dann die oberen Zähne putzen? Soll ich dir helfen, oder schaffst du es schon allein?“ Die Regel, dass man ohne Zähneputzen nicht ins Bett geht, bleibt bestehen. Wenn wir mit Kindern altersgerecht und auf Augenhöhe kommunizieren, vermeiden wir viele Machtkämpfe. Auch Humor kann helfen, eine spannungsreiche Situation wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Statt lange mit dem Kind zu diskutieren, wirkt es oft Wunder, wenn man einen Scherz oder einfach mal Quatsch mit dem Kind macht. Auch ein Rollentausch oder ein Machtumkehrspiel kann Wunder wirken.

Teenager und ältere Kinder, die merken, dass ihre Meinung gehört wird, sind eher bereit, eine gemeinsame Lösung zu akzeptieren. Sätze wie: „Um 21 Uhr ist dein Handy aus“, klingen wie ein Befehl. Die Frage, „Wieviel Bildschirmzeit hältst du selbst für realistisch, damit noch genug Zeit für Freunde, Freizeit, Schule und Schlaf bleibt?“, drückt hingegen Wertschätzung und Respekt aus.

Eine Frage der Macht

Kommt es dennoch zu einem Machtkampf, müssen wir wissen, wie er entsteht. Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Grenzsetzung von uns erleben sie oft als Bedrohung. Hier ist es wichtig, dem Kind dies liebevoll zu spiegeln. „Du möchtest noch gern weiterspielen. Das verstehe ich. Trotzdem ist es jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.“ Hilfreich ist es, wenn wir uns mit dem Kind verbinden. Was läuft in ihm gerade ab? Welches Gefühl hat mein Kind? Kinder dürfen ihre Gefühle zeigen, aber gleichzeitig lernen, dass es auch Grenzen gibt. „Ich sehe, dass du ärgerlich bist, aber trotzdem ist jetzt die Zeit mit dem Smartphone vorbei.“

Klare Aussagen helfen unseren Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Drohungen hingegen zerstören die Beziehung und bewirken Einschüchterung. Das Kind gehorcht aus Angst und kann seine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Auch oppositionelles Verhalten kann auf diese Weise entstehen. Gefühle wollen gesehen und verstanden werden! Hierbei brauchen Kinder noch Unterstützung und Eltern oftmals Anleitung. Es lohnt sich, Hilfe in Form von Elterncoaching in Anspruch zu nehmen!

Wichtig ist aber auch zu wissen: Alle Eltern machen Fehler! Es gibt keine perfekten Eltern! Wir dürfen immer wieder aufstehen, unsere Verantwortung übernehmen und uns neu für den Weg der Liebe entscheiden. Und auch das hilft Kindern!

Um liebevolle Grenzen setzen zu können, müssen Eltern sich selbst daran erinnern, dass sie ihre Kinder wertschätzen und ihnen Respekt entgegenbringen. Kinder, die ihre Eltern als „Machthaber“ erleben, verbinden mit Grenzen Ablehnung, Strafe, Frust und Zwang.

Kinder, die beispielsweise mitentscheiden dürfen, wann sie ihre Hausaufgaben machen, fühlen sich respektiert. Sie erleben: „Meine Stimme wird gehört, meine Meinung ist wichtig.“

Kinder, die Eltern als Vorbilder erleben, die sich in einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zu ihnen sicher gebunden fühlen, spüren, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen.

Papa und Mama zählen auch

Um Kindern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen, kann man einüben, dem Kind kein spontanes „Nein“ zu sagen, sondern erst einmal: „Ja, ich sehe, du wünschst dir … Das verstehe ich gut! Wir hatten aber vereinbart …“ Wenn wir das als Eltern einüben und praktizieren, helfen wir dem Kind ein „Ja-Gehirn“ zu entwickeln, was hilft, positiv, entspannt und offenherzig in die Welt gehen zu können.

Für Eltern ist es wichtig einzuüben, empathisch mit sich selbst umzugehen, für nötige Ruhe- und Entspannungspausen zu sorgen. Im hektischen und stressigen Familienalltag ist es oft nicht leicht, gelassen seinem Kind liebevoll Grenzen zu setzen. Manchmal ist man müde und überfordert und reagiert übermäßig harsch. Manche Eltern ertappen sich dabei, dass sie so reagieren, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Alte Muster werden in Stresssituationen wieder reaktiviert. Das zu wissen, kann helfen und Mut machen, für sich zu sorgen. Kinder können es verstehen, wenn wir ihnen unsere Gefühle mitteilen. „Ich bin müde und brauche mal eine Pause, danach spiele ich noch mit dir“, kann man einem Kind mitteilen. Kinder, die erleben dürfen, dass Mama und Papa ihre eigenen Grenzen kommunizieren und gleichzeitig ihren Kindern einen verlässlichen Rahmen geben, reifen zu erwachsenen Menschen heran, die in der Lage sind, Liebe und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Uelzen.

Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt

Für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Königsweg: Bindungsorientierte Erziehung. Doch was genau ist das? Daniela Albert klärt auf und gibt Tipps, wie Eltern den passenden Erziehungsstil finden.

Bindungsorientierte Erziehung ist für manche Eltern der Königsweg zu einem gelungenen Zusammenleben. Für andere Eltern ist dieser Ansatz ein rotes Tuch, das sie mit Überforderung, verwöhnten Kindern und ständigem Körperkontakt in Verbindung bringen. Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob der Ansatz, der auch als bedürfnisorientierte Erziehung bezeichnet wird, nun das Potenzial hat, eine neue Generation friedfertiger Menschen hervorzubringen oder einen Haufen Egomanen, die nicht lebenstauglich sein werden.

Das mag überspitzt klingen. Schaut man sich aber an, wie unnachgiebig und kompromisslos unterschiedliche Richtungen in sozialen Medien aufeinander losgehen, wird klar, dass in dieser Debatte selten mit Augenmaß und Pragmatismus auf den Familienalltag geschaut wird.

Glücklicherweise begleite ich mittlerweile so lange Familien, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ein großer Teil von Menschen, die Kinder erziehen, längst ihren eigenen Weg gefunden haben, jenseits dieser Polarisierung. Diese Wege sind meist eine Mischung aus erlerntem Wissen über das, was kleine Menschen brauchen, einem guten Bauchgefühl und einer pragmatischen Anpassung der eigenen Ideale an das, was im Alltag machbar ist.

Feinfühlige Begleitung

Eine Methode, zu einem guten Miteinander in der Familie zu finden, ist für mich die Frage, was junge Menschen am Ende einmal mit ins Leben nehmen sollen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein grundsätzliches Gefühl von Verbundenheit mitnehmen, etwas, das sich nach Geborgenheit anfühlt und an das man anderswo anknüpfen kann. Natürlich wollen wir, dass junge Menschen mit einer gewissen Resilienz ausgestattet sind. Wir wünschen uns, dass sie in der Lage sind, soziale Beziehungen einzugehen, und dass sie wissen, was sie zufrieden macht und was ihnen weniger gut tut.

Für all das kann eine feinfühlige Begleitung einen Grundstein legen. Kinder, die mithilfe von Erwachsenen gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle besser zu verstehen, wissen später darum, wie sie emotional für sich sorgen können. In einem Zuhause, in dem ein gutes Miteinander vorgelebt wurde, kann die Fähigkeit entstehen, sich in soziale Gefüge einzufinden. Kinder, die Verlässlichkeit durch klare Regeln, gut gestaltete Übergänge und schöne Rituale erlebt haben, haben eine Idee von Geborgenheit mitbekommen. Diese wirkt sich positiv auf ihr weiteres Leben aus und kann sie in schwierigen Situationen tragen.

Begrenzte Kraft

Um all das mitzugeben, braucht es ein paar Grundzutaten, die wir im Vorratsschrank der bedürfnis- oder bindungsorientierten Erziehung finden und die wir nützlich einsetzen können. Doch wie genau das aussieht, bleibt am Ende jeder Familie selbst überlassen. Das hat, wie schon erwähnt, mit eigenen Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu tun. Für die einen spielt das gemeinsame Schlafen im Familienbett eine entscheidende Rolle, wenn es um das Geben von Sicherheit und Geborgenheit geht. Für andere ist allein die Vorstellung der Horror – und für viele liegen Wahrheit und praktische Ausgestaltung dazwischen.

Es hilft definitiv beim Verstehen der eigenen Emotionen und beim Lernen, diese sozialverträglich zu regulieren, wenn man in emotionalen Ausnahmesituationen wie Wutanfällen geduldig begleitet wird. Manche Eltern halten dies mit stoischer Ruhe sehr lange aus. Andere müssen den Raum verlassen oder an andere Erwachsene übergeben. Oder sie schimpfen doch irgendwann, und hinterher müssen sich alle beieinander entschuldigen – und lernen so auch etwas über soziales Miteinander.

Kraft, die man im Elternalltag hat, ist endlich und nicht verhandelbar – auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Mütter und Väter, die sich aufgrund von Perfektionsdruck und Erziehungsansätzen, die nicht zu ihnen passen, an den Rand eines Zusammenbruchs manövriert haben, können nicht mehr viel mitgeben. Manchmal sind klare Grenzen oder ein „Nein ohne Diskussion“ wichtig für die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Nicht weil Kinder, wie es in einem alten Ratgeber mal hieß, Grenzen brauchen. Sondern weil wir als Eltern dadurch gut für uns sorgen und somit dafür, dass wir weiterhin verlässlich an ihrer Seite sein können.

Sicher und geborgen

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Erkenntnisse der Bindungstheorie und Ableitungen, die dadurch in die alltägliche Erziehung eingesickert sind, gute Entwicklungen gebracht haben. Es ist eine positive Entwicklung, dass immer mehr Mütter und Väter sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinandersetzen. Auch ist es gut, dass sie sich Mühe geben, ihre Kinder feinfühlig zu begleiten und auf ihre verbalen und nonverbalen Signale einzugehen. Es hilft, wenn Kinder ihrem Alter angemessen verlässlich dabei unterstützt werden, nicht nur satt und sauber zu sein, sondern sich sicher und geborgen zu fühlen und sich eigenständig entwickeln zu können.

Gerade in meiner Arbeit in der Jugendhilfe sehe ich, wie viel nachhaltig kaputt gehen kann, wenn junge Menschen zu lange in einer Umgebung waren, in der ihnen dies nicht zuteilwerden konnte. Doch genau diese Arbeit dort hat mir auch noch einmal klar vor Augen geführt, dass wir uns diese ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie genau man es nun „richtig“ macht, sparen können – genauso wie den Perfektionsdruck, der dahintersteht.

Bauchgefühl und Liebe

Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Und es geht schon gar nicht darum, jeden neuen Trend, der im Fahrwasser von „Bindungsorientierung“ durch soziale Medien oder Feuilletons geistert, mitzumachen. Es geht einzig und allein darum, einen Weg zu finden, der in der eigenen Familie gut funktioniert.

Und nein, dabei ist es natürlich nicht völlig egal, was wir tun. Glücklicherweise hat sich mittlerweile auch breit herumgesprochen, dass es Erziehungsmethoden gibt, die nichts Gutes mit sich bringen. Gewalt gegen Kinder, harte Hände und starre autoritäre Familienhierarchien sind nicht hilfreich, um Menschen auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten. Auch wenn heute wieder vereinzelt danach gerufen wird. Wir können uns von der guten Mischung aus Bauchgefühl, Wissenschaft und einer kräftigen Portion Liebe leiten lassen, dann dürfen sich solche Ideen schnell erübrigen.

Doch dazwischen – zwischen dem Aufopfern und Verwöhnen und der Härte, die wir größtenteils hinter uns gelassen haben – liegt ein Raum, in dem Verbundenheit und Beziehung möglich ist. Ein Raum, in dem Liebe gelebt werden und Halt gegeben werden kann. Gestaltet diesen Raum nach euren Vorstellungen!

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

 

Buchtipps

Daniela Albert: Kleine Kinder, starke Wurzeln. Bedürfnisorientiert durch die ersten Jahre (Neukirchener)

Daniela Albert: Anlauf nehmen fürs Leben. Bedürfnisorientiert von der Grundschule in die Teenagerjahre (Neukirchener)

Das erste Taschengeld: So lernt Ihr Kind den Umgang mit Geld

Elternfrage: „Unser Sohn kommt bald in die Grundschule, und wir möchten nun das Taschengeld einführen. Wie können wir Kindern einen guten Umgang mit Geld beibringen, sodass sie auch verstehen, was Sparen oder Spenden bedeutet?“

Wie schön, dass Sie sich mit dem Thema Taschengeld beschäftigen und das so bewusst angehen. Die Einführung des Taschengeldes ist eine ideale Gelegenheit, um Kindern praktisch zu zeigen, wie Geld im Alltag funktioniert und wie wir damit gut umgehen können. Mit meinem jüngsten Sohn (inzwischen sieben Jahre alt) leben wir seit zwei Jahren ein Taschengeldsystem, das sich aus vier unterschiedlichen Bausteinen zusammensetzt. Er wendet es inzwischen selbstverständlich an, und ich möchte als Anregung erklären, wie das funktioniert.

Münzen auf vier Zwecke aufteilen

Beim Taschengeldsystem darf das Kind sein wöchentliches Geld auf vier Bereiche verteilen:

  • Portemonnaie: für alles, was es direkt ausgeben möchte
  • Sparen: für größere Wünsche
  • Investieren: für langfristiges Sparen, bei dem es „Zinsen von Mama“ gibt
  • Spenden: als Zeichen dafür, wie gut es uns geht und dass wir etwas davon abgeben können

Warum diese vier Bereiche? Weil Geld im Leben nicht nur für das Ausgeben da ist. Kinder lernen auf diese Weise spielerisch, dass man sich Wünsche erfüllen kann – aber eben nicht alle sofort. Sie verstehen dadurch auch, dass Geld (durch Zinsen) arbeiten kann und dass durch Teilen ein gutes Gefühl entsteht.

Bei uns besteht die Regel, dass das Taschengeld jedes Mal auf alle vier Bereiche aufgeteilt werden muss. Keiner der Zwecke darf ausgelassen werde. Wie viel wohin kommt, entscheidet das Kind jedoch selbst. Bei unserem Sohn hat sich das mit der Zeit stark verändert. In der Anfangszeit floss fast alles in das Portemonnaie. Der Reiz, sich sofort etwas zu kaufen, war am größten. Inzwischen ist das Investieren sein Favorit. Er hat schnell verstanden: Wenn das Geld dort bleibt, wächst es durch die Zinsen, die ich alle drei Monate auszahle. Diese kleinen Zinszahlungen sind nicht nur ein Anreiz, sondern auch ein kindgerechter Einstieg in ein späteres Finanzverständnis: Geld kann arbeiten, sei es später auf dem Tagesgeldkonto oder an der Börse.

Marmeladengläser gestalten

Mein Tipp für den Einstieg ist, dass Sie zunächst mit zwei bis drei Euro pro Woche starten. Damit lässt es sich gut aufteilen und ausprobieren. Kinder lieben es, Geld sichtbar aufzuteilen – aus diesem Grund nutzen wir dafür Gläser. Das funktioniert zum Beispiel mit Marmeladengläsern gut. Verwenden Sie außerdem auch ein Portemonnaie, in welches nur das Geld kommt, welches das Kind nach Lust und Laune ausgeben darf, ohne dass wir Eltern dazwischenfunken. Sie können die Gläser auch gemeinsam gestalten. Das ist kreativ und bringt Gespräche ins Rollen: Wofür sparen wir? Wem könnten wir mit dem Geld helfen? Was bedeutet langfristig? Was sind denn überhaupt Zinsen?

Ja, anfangs wird das meiste Geld vermutlich in Produkte aus dem Süßigkeitenregal investiert werden. Aber genau da steckt das Lernpotenzial. Fehler? Gibt es nicht! Es gibt nur Erfahrungen. Bleiben Sie geduldig mit Ihrem Kind. Das Taschengeld ist ein tolles Übungsfeld für das echte Leben. Wenn Kinder erleben, dass Geld viele verschiedene Aufgaben hat – ausgeben, sparen, vorsorgen, teilen – entwickeln bereits die Jüngsten Stück für Stück einen gesunden und selbstverständlichen Umgang damit. Und das ist in meinen Augen eines der schönsten Geschenke, das wir ihnen fürs Leben mitgeben können.

Deborah Scarpino-Helle ist Mutter von zwei Kindern und Gründerin von „Die Finanzkomplizin“. diefinanzkomplizin.de

„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Elternfrage: „Wir erziehen unsere Kinder bedürfnis­orientiert, aber unsere Eltern meinen, Kinder brauchen mehr Strenge und Regeln. Wie können wir ihnen unser Erziehungsverständnis erklären, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?“

Immer mehr Eltern entscheiden sich heute bewusst gegen autoritäre Erziehungsmethoden und orientieren sich stattdessen an einem beziehungsstarken, kindzentrierten Umgang – der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung. Studien belegen: Kinder, die in einem Umfeld von emotionaler Sicherheit und echtem Respekt aufwachsen, entwickeln ein stärkeres Selbstwertgefühl, sind empathischer und können besser mit Stress umgehen.

Es braucht keine Einigkeit

Doch genau hier beginnt oft der Generationskonflikt. Viele Großeltern wurden selbst noch autoritär erzogen – mit Sätzen wie „Da wird nicht diskutiert!“ oder „Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen!“. Kein Wunder also, dass der bedürfnisorientierte Ansatz für sie manchmal fremd, vielleicht sogar nachlässig wirkt. Ihre Sorge ist oft, dass Kinder keine Grenzen mehr kennen und machen dürfen, was sie wollen.

Als unser erstes Kind geboren wurde, hatten wir das Gefühl, Neuland zu betreten. Wir wollten einen liebevollen, bindungsorientierten Weg mit Nähe, Verständnis und Geduld gehen. Gleichzeitig merkten wir: In unseren Herkunftsfamilien hatte man sich früher weniger damit beschäftigt, was Kinder brauchen. Im Mittelpunkt stand eher, wie Kinder sich verhalten sollen. Es war nicht immer leicht, darüber im Gespräch zu bleiben. Aber genau das wurde zum Schlüssel: einander zuhören, statt zu überzeugen – in dem Vertrauen, dass Kinder nicht perfekte Einigkeit brauchen, sondern liebevolle Beziehungen. Sie spüren, dass sie geliebt werden. Die Kinder sehen, dass Menschen unterschiedlich handeln. Sie lernen, dass Vielfalt zum Leben gehört und entwickeln die Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Heute bin ich selbst Oma und darf erleben, wie sich die Erziehung weiter verändert und dass eines bleibt: die Kraft der echten Beziehung.

Verständnis statt Grundsatzdebatten

Diese vier Gedanken helfen dabei, Brücken zwischen euch und den eigenen Eltern zu bauen, anstatt Gräben zu ziehen:

  • Wertschätzung zuerst: „Ich sehe, wie viel Erfahrung ihr habt und wie sehr euch unsere Kinder am Herzen liegen.“
  • Eigene Haltung erklären, ohne zu belehren: „Für uns ist es wichtig, dass unser Kind lernt, dass seine Gefühle ernst genommen werden – auch wenn das mehr Geduld braucht.“
  • Gemeinsame Ziele betonen: „Wir wünschen uns alle, dass unser Kind selbstständig, verantwortungsvoll und innerlich stark wird.“
  • Gesprächsangebote statt Grundsatzdebatten: „Wenn ihr Lust habt, erzähle ich euch mehr über das, was uns an diesem Ansatz überzeugt hat.“

Verbindung ist wichtiger als Zustimmung. Ihr müsst eure Eltern nicht überzeugen, aber ihr könnt sie einladen, euch zu verstehen. Manchmal braucht es dafür weniger Worte und mehr gelebte Haltung: Geduld, Klarheit, Authentizität – und einen liebevollen Blick für alle Generationen.

Annette Sperling ist Familylab-Familienberaterin und Expertin für Großelternberatung. Mehr unter: grosselternberatung.de

Bindung schafft Sicherheit: Was Eltern ihren Kindern wirklich geben sollten

Was Brauchen Kinder wirklich, um es gut durchs Leben zu schaffen? Erziehungsberaterin Dorothea Beier verrät, wie Sie ihrem Kind die Bindung und Sicherheit geben können.

Bindung ist wie ein emotionales Band, eine feste Verbindung zwischen Mutter und Kind, die nicht erst mit der Geburt, sondern schon davor geschieht. Über die Nabelschnur besteht eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind. Diese Verbindung geht über die Ernährung und die Sauerstoffzufuhr weit hinaus. Das Kind ist auch am emotionalen Erleben der Mutter beteiligt, wissen wir heute aus der Hormonforschung. Nicht nur über die Nabelschnur, auch über die Sinnesorgane kann das Kind wahrnehmen, was die Mutter erlebt. Es reagiert auf ihre Gefühlszustände, auf ihre Stimme, kann bereits erste Erfahrungen machen, die prägend sein können für die Bindungsbeziehung.

In Bindung: Sicher in die Welt hinein

Mit der Geburt beginnt dann eine weitere prägende Phase im Bindungsaufbau. Das Kind braucht jetzt zuverlässige und warmherzige Zuwendung, damit sich eine sichere Bindung entwickeln kann. Dazu gehört auch, dass die Mutter feinfühlig auf die Signale ihres Kindes antwortet, dass sie in der Säuglingszeit prompt und angemessen darauf reagiert. Sieht das Kind immer wieder den Glanz in den Augen der Mutter, hört es ihre liebevolle, beruhigende Stimme, schmeckt es die Milch und riecht es die Mutter, so fördert das sichere Bindung. Das Kind wird sicher in sich selbst, es wird „am Du zum Ich“, wie Martin Buber es treffend ausdrückte.

Ein sicher gebundenes Kind ist dann auch in der Lage, seine Welt zu erkunden. Es kann sich von Mama lösen; denn es weiß, dass es immer wieder in den sicheren Hafen zurückkommen kann. Mama und Papa sind der Leuchtturm, sie geben Orientierung, die sich fest verankert. Daher ist Bindung eines der wichtigsten seelischen Grundbedürfnisse des Menschen, denn es zielt darauf ab, emotionale Sicherheit und Stabilität zu erlangen.

„Ich bin nicht okay!“

Sichere Bindung ist also das Ziel. Daneben gibt es auch unsichere Bindungsstile. Wir können diese unter anderem an einem mangelnden Selbstwertgefühl, an Verlassenheitsängsten, an einer unzureichenden Emotionsregulation, distanziertem oder auch klammerndem Verhalten, an Angst vor Nähe erkennen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, nicht okay zu sein und anders sein zu müssen. „Ich weiß gar nicht, wer ich bin, ich genüge nicht, mich mag keiner, ich mache alles falsch, ich bin ein Versager …“ Solche und andere Sätze kann man von Menschen hören, deren Bindung unsicher ist.

Wenn die Voraussetzungen für einen sicheren Bindungsstil nicht oder nur unzureichend erfüllt sind, entwickeln sich Defizite und dadurch unsichere Bindungsstile. Dies geschieht oft, weil Eltern, die selbst unsicher gebunden sind, unbewusst ihren erlernten Bindungsstil an die eigenen Kinder weitergeben.

Menschen, die bei sich Unsicherheit, Ängste, Misstrauen, Überforderung und Hilflosigkeit entdecken fragen oft: Kann man den früh erworbenen Bindungsstil verändern? Die gute Nachricht: Ja, das kann auf vielfältige Weise geschehen. Wir haben die Möglichkeit zur Resilienz, einer inneren Widerstandsfähigkeit. Um ein sicheres Bindungssystem nachträglich zu erlangen, brauchen wir gute Sozialkontakte. Schon für unsere Kinder, ob sicher oder unsicher gebunden, sind Freundschaften von großer Bedeutung. In einer guten Freundschaftsbeziehung kann Bindung erfahrbar werden. Bindungsverletzungen können durch neue, gute Erfahrungen heilen.

Wir brauchen das „Du“

Jeder Mensch, jedes Kind wünscht sich, verstanden, gesehen, gehört und berührt zu werden. Auch in einer Nachholphase oder bei Jugendlichen gilt: Wir brauchen Dualität, um Bindung erleben und installieren zu können. In dem Maße, wie unsere eigenen Kinder oder auch wir selbst erleben, dass wir geliebt und angenommen werden, auch wenn wir Fehler machen, dass wir nicht verurteilt oder bestraft, sondern verstanden werden, wird sichere Bindung wiederhergestellt und es kann Heilung geschehen. Einem Kind, das in seiner Bindung noch nie sicher war oder das durch negative Erfahrungen stark verunsichert wurde und nun durch Verhaltensauffälligkeiten (zum Beispiel durch Ängste, Wut oder Aggressionen) unbewusst Signale gibt, können wir helfen, Bindung durch Dualität wiederherzustellen. Ein Vater-Sohn-Wochenende, eine besondere Mutter-Tochter-Zeit, mit Wunschaktivitäten des Kindes oder des Jugendlichen können Wunder wirken. Täglich eine gemeinsame Zeit, in der das Kind einen Elternteil ganz für sich hat, stellt Bindung her.

Gemeinsames Spielen, Ausflüge, Besuche bei Freunden, Rituale wie täglich einmal dem Kind drei Dinge sagen, die uns positiv bei ihm aufgefallen sind, können ebenfalls hilfreich sein.

Bedürfnisse erkennen

Um aus fehlangepassten Mustern aussteigen zu können, ist es wichtig, diese zu erkennen. Oft „funktionieren“ wir im Alltag, ohne zu reflektieren. Wenn wir eine sichere Bindung nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder wünschen, ist ein erster Schritt das Benennen unserer Emotionen, die wir bei uns täglich entdecken. Auch das Benennen strafender Anteile, die nicht nur unser Denken über uns, sondern auch über unsere Kinder beeinflussen, ist wichtig, um eine sichere Bindung zu erlangen. Wir müssen erkennen, dass unsere Emotionen und unsere oft negativen Denkmuster in unserer frühen Kindheit entstanden sind. Unsere Verhaltensantworten, die sich daraus automatisch entwickelt haben, sind Bewältigungsstrategien und damit Selbstheilungsversuche. Diese gilt es anzuerkennen, bevor wir etwas verändern wollen.

Mit dem Erkennen unserer seelischen Bedürfnisse können wir anfangen, uns selbst zu reflektieren. „Welches Bedürfnis ist gerade nicht befriedigt?“, ist eine wichtige Frage, die ein Schlüssel zu den Gefühls- und Verhaltensweisen bei uns und unseren Kindern ist. Je mehr wir dies erkennen, können wir uns von alten bindungszerstörenden Mustern trennen. Auf diese Weise wird sichere Bindung zu uns selbst und damit auch zu unseren Kindern möglich.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs-und Resilienztrainerin, Spiel-und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin. Sie lebt in Uelzen, wo sie eine eigene Praxis hat.

Bereit für die erste Periode? Darüber solltest du mit deiner Tochter sprechen

Elternfrage: „Meine Tochter (10) hat mich gefragt, woran sie erkennen kann, dass ihre erste Blutung bevorsteht. Ich wusste es nicht! Wie kann ich sie auf ihre erste Periode vorbereiten?“

Wie schön, dass Ihre Tochter mit so einer wichtigen Frage zu Ihnen kommt. Das ist ein Zeichen von großem Vertrauen. Viele Mädchen spüren intuitiv, dass sich ihr Körper verändert, und suchen Orientierung. Als Elternteil können Sie hier eine wichtige Begleitung sein.

Mögliche Anzeichen

Die erste Monatsblutung, die Menarche, tritt meist zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr auf. Das ist allerdings individuell und vielleicht auch ein wenig Veranlagung. Es gibt verschiedene Zeichen des hormonellen Wandels, welche die Blutung ankündigen können:

  • Brustwachstum ist das wichtigste Zeichen im Hinblick auf das Auftreten der ersten Periodenblutung und beginnt etwa zwei Jahre vorher.
  • Haarwachstum im Intimbereich und unter den Achseln
  • Weißlicher Ausfluss aus der Scheide
  • Wachstumsschub, Hautveränderungen und Stimmungsschwankungen

Diese Veränderungen treten nicht immer alle zusammen auf, sondern auch nacheinander. Aber sie sind ein guter Anlass, mit Ihrer Tochter über das Thema Periode ins Gespräch zu kommen – offen, altersgerecht und unaufgeregt. Mädchen erleben die erste Blutung sehr unterschiedlich: Manche empfinden sie spannend, andere sind verunsichert. Das Wichtigste ist, dass sie überhaupt wissen, was passiert und dass sie vorbereitet sind.

Die Monatsblutung normalisieren

Rein praktisch hilft ein kleines Notfallset in der Schultasche mit Binden, Ersatzunterhose und Feuchttüchern. Vielleicht auch Periodenunterwäsche? Hier braucht es kein Anwendungswissen. Zeigen Sie ihr trotzdem, wie Binden funktionieren. Sprechen Sie darüber, dass die Periode auch unerwartet einsetzen kann, zum Beispiel beim Sport, und dass das völlig in Ordnung ist. Ermutigen Sie Ihre Tochter, sich bei Vertrauenspersonen (Lehrkraft, Freundinnen, die bereits ihre Periode haben) Hilfe zu holen, wenn sie es braucht.

Ich empfehle, kleine Gesprächsanlässe zu nutzen. Etwa beim Einkauf, beim Packen der Tasche oder wenn (bei Müttern) die eigene Periode ansteht. Und: Bleiben Sie offen für Fragen. Auch, wenn Sie nicht sofort alles beantworten können – gemeinsam finden Sie Antworten. Gute, kindgerechte Bücher oder Informationen im Internet, wie auf der Plattform Doctorial, können zusätzlich unterstützen. Gut zu wissen: Bei Mädchen und jungen Frauen kann die Periode noch sehr unregelmäßig kommen. Mal einen Monat nicht, dann wieder regelmäßig. Das ist normal.

Zum Frauenarzt?

Ein Gespräch mit dem Frauenarzt oder der Frauenärztin ist in dieser frühen Phase nicht zwingend notwendig, kann aber hilfreich sein – etwa in einer Mädchen-Sprechstunde, wie sie in vielen frauenärztlichen Praxen angeboten werden. Dabei stehen Gespräch und Kennenlernen im Vordergrund, nicht die Untersuchung. Wie der Berufsverband der Frauenärzte in seinen Empfehlungen schreibt, soll dieser erste Kontakt Vertrauen schaffen und Mädchen stärken, ihren Körper zu verstehen und gut für sich zu sorgen.

Wichtig ist, die Periode positiv zu besetzen, denn sie ist ein Schritt auf dem Weg in das Erwachsenwerden, ein Zeichen von Fruchtbarkeit und dass der weibliche Körper auf wunderbare Weise „funktioniert“.

Dr. Stephanie Eder ist Expertin des Berufsverbandes der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. und niedergelassene Frauenärztin aus Gräfelfing bei München. Als Mutter von drei Kindern liegt ihr insbesondere die Aufklärungs- und Präventionsarbeit mit Jugendlichen am Herzen.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Erziehung: Ein Kinderarzt erklärt den Zusammenhang

Kinder brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl etwas bewirken zu können, sonst fehlt ihnen später das Vertrauen in sich und andere. Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, warum Erziehung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eng zusammenhängen.

Herr Renz-Polster, viele Menschen in Deutschland sind gerade unzufrieden. Die Mieten sind hoch, bei Ärzten bekommt man keine Termine mehr und Familien finden keine Kinderbetreuung. Manche von ihnen reagieren mit Hass und Ablehnung, manche bemühen sich um Lösungen. Warum ist das so?

Klar haben manche einfach eine kürzere Zündschnur. Aber das hängt auch damit zusammen, was wir in unserer Kindheit gelernt haben. Habe ich erfahren, dass ich mit Herausforderungen umgehen kann? Konnte ich Sicherheit erfahren? Habe ich gespiegelt bekommen, dass ich etwas kann? Dass ich wertvoll bin? Kinder, die das nicht oder wenig erfahren haben, sind auch als Erwachsene noch sehr unsicher und neigen stärker zu Feindbildern. Das kann später zu Hass und Ablehnung führen. Und das kann dann durchaus auch eine politische Dimension annehmen, weil diese Menschen anfälliger sind für radikale, autoritäre politische Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite.

Innere Stimmigkeit

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass jedes Kind sich vier Grundfragen stellt: Nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Was passiert, wenn die Antworten darauf negativ ausfallen?

Positive Antworten auf diese Fragen führen dazu, dass das Kind so was ausbildet wie eine innere Heimat, ein Gefühl von Stimmigkeit. Es bildet ein grundlegendes Werkzeugset an Ressourcen, mit denen es der Welt gewachsen ist. Es lernt, seine Gefühle zu regulieren und wie es mit sich und anderen gut umgeht. Und auch, wie es aus schwierigen Situationen wieder herauskommt. Sind die Antworten auf diese Fragen negativ, dann ist sein Werkzeugkoffer leer. Das Kind hat nicht die Tools, mit Belastungen produktiv und konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird es vielleicht von Angst überflutet oder von Wut. Dann sieht es draußen möglicherweise nur Feindesland und empfindet die Menschen im Grunde als bedrohlich. Diese Grundhaltung nimmt es dann mit ins Erwachsenenalter.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Menschen, denen diese inneren Sicherheiten fehlen, suchen nach einem Ersatz. Einem Ersatz an Wert, an Größe und an Kontrolle. Welche Züge das annehmen kann, zeigt uns derzeit die MAGA-Bewegung (Make America Great Again, Anm. d. Red.), also die autoritäre Rechte in den USA. Da geht es gar nicht um die Lösung tatsächlicher Probleme, wie etwa der Klimakrise oder der sozialen Ungleichheit, sondern um Identitätsfragen: Wir sind stark, wir sind überlegen, wir sind auserwählt, wir sind die „richtigen Amerikaner“. So entsteht ein heilloses „wir“ gegen die „anderen“, getrieben von Misstrauen. Das zerreibt die ganze Gesellschaft.

Wir spüren das auch hierzulande, aber verglichen etwa mit den USA oder Frankreich leben wir auf einer Insel der Seligen. Wobei auch wir genug Grund zur Sorge haben. Ich sage das vor allem mit Blick auf die östlichen Bundesländer, wo sich gerade in den ländlichen Gebieten Wut und Frust mit extremen politischen Haltungen mischt. Und das ganz stark bei den jungen Männern.

Bedürfnisse beachten

Das heißt, wie wir unsere Kinder heute erziehen, wirkt sich später auch auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Ja, auf jeden Fall. Aber damit meine ich nicht, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Es geht vielmehr um tiefgreifende Entwertungsprozesse über einen längeren Zeitraum. Etwas, das so tief geht, dass das Kind diese innere Basis nicht mehr aufbauen kann, von der ich vorhin sprach. Eine permanente Unsicherheit zum Beispiel, das Wissen: Ständig kann ich verletzt werden, mir kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Meine lebenswichtigen Beziehungen tragen nicht, ich kann nicht vertrauen. Oder wenn Kinder die ganze Zeit hören, dass sie ein Versager sind und nichts richtig machen. Wenn auch die Wärme in der Familie fehlt. Oft sind die Eltern selbst stark überfordert, kämpfen psychisch ums eigene Überleben. Oder haben einfach nicht die Kraft, weil sie erkrankt sind, Suchtprobleme haben oder unter unsäglichem materiellem Dauerstress stehen.

Stress ist ein gutes Stichwort. Im Alltag ist es für Eltern manchmal nicht so leicht, den richtigen Ton zu finden. Was ist, wenn das nicht immer gelingt?

Nur weil ich meinem Kind mal eine Zeit lang nicht genug Rückenwind gegeben habe, muss ich mir nicht gleich Sorgen um mein Kind machen. Manche Eltern denken vielleicht, sie müssten immer die richtigen Worte finden und alles perfekt machen. Doch eigentlich geht es darum, „ganz normal“ mit den Kindern umzugehen. Damit meine ich: Mach einfach keinen Nonsens. Guck, dass dein Kind das bekommt, was du dir auch wünschen würdest. Was wünscht du dir zum Beispiel von einer erwachsenen Paarbeziehung? Wahrscheinlich, dass dein Partner dir keine Angst macht. Oder dass ihr nach einem Streit wieder zusammenfindet. Und dass ihr gemeinsam Dinge unternehmt, die euch Freude machen. Es ist in Erziehungsfragen mittlerweile alles so theoretisch geworden. Aber dabei geht es eigentlich nur darum, menschlich zu sein. Natürlich unter der Maßgabe dessen, dass Eltern eine Verantwortung für ihr Kind haben und für es sorgen. Aber die Grundhaltung sollte die gleiche sein.

Selbstwirksamkeit lernen

Kinder werden nicht nur durch ihre Eltern geprägt, sondern auch durch den Kindergarten und die Schule. Welche Erfahrungen machen sie dort?

Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der Schule und teils auch in der Kita an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Können sie über den Lehrplan mitdiskutieren? Nein. Können sie irgendetwas anderes dort beeinflussen? Im Gegenteil. Immer bestimmen ältere Menschen über sie. Dieses Gefühl des Kontrollverlusts oder der Hilflosigkeit, übertragen sie dann auf die Gesellschaft. Das betrifft vor allem diejenigen Kinder, die nicht das Glück eines bildungsnahen Elternhauses haben oder denen Mutter Natur keine hauptfächertauglichen Talente mitgegeben hat, sondern andere. Gerade diese Kinder könnten Ermutigung und Rückenwind in der Schule gut gebrauchen, machen aber oft Stress-, Angst- und Versagenserfahrungen, weil sie immer zu kurz springen. Was macht das über die Jahre mit einem Kind?

Kein Wunder, dass über die Hälfte der Jugendlichen glaubt, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Was brauchen junge Menschen, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?

Sie müssen beim Aufwachsen Vertrauen erfahren: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal Stress gibt, aber der sollte menschlich gelöst werden. Und dann brauchen sie Strukturen, in denen sie mitbestimmen und mitgestalten können – in den Dingen, die sie schon überblicken können, natürlich. In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Wie gehen die mir Überlegenen mit Macht um? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen? Wir dürfen das nicht unterschätzen. Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind ja nicht nur zuhause in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen. Wenn wir von der „Bildung“ reden, die dort passieren soll, dann gehört diese Persönlichkeitsbildung nach meinem Dafürhalten unbedingt dazu.

Rückgrat und innere Stärke

Sind wir da in Deutschland aktuell auf dem richtigen Weg?

Wir dürfen nicht blauäugig sein: Demokratie ist unglaublich schwierig. Sie bedeutet nicht nur irgendwo ein Kreuz zu setzen, sondern Kompromisse zu ertragen, konstruktiv zu denken, und auch die Schwächeren im Blick zu haben. An langfristigen Lösungen zu arbeiten, damit es der ganzen Gesellschaft besser geht. Demokratie braucht also Menschen, die empathisch sind und ein Interesse an anderen Menschen haben. Die mit sich selbst einigermaßen klarkommen und im Leben feststehen.

Wir haben in der Erziehung der Kinder eindeutig und messbar Land gewonnen. In den 70ern bis 90ern gab es eine Welle von positiven persönlichkeitsfördernden Entwicklungen für Kinder, eine neue, zugewandtere Haltung in der Erziehung etwa. Und es war auch die Zeit der letzten großen Bildungsreform. An den Schulen wurde beispielsweise versucht, den Kindern mehr eine Stimme zu geben.

Ich wünsche mir, dass wir uns weiter daran orientieren und das bewahren. Lasst uns weiterhin die Kinder so behandeln, dass sie an Rückgrat und innerer Stärke gewinnen. Und lasst uns die Familien im Blick behalten und sie entlasten so gut es geht, damit dort der Lebensstress nicht überhandnimmt. Fürsorge für die heranwachsenden Menschen ist ein gesellschaftliches Gut, vielleicht unser Wichtigstes.

Interview: Sarah Kröger ist freie Journalistin und Autorin.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Erziehungsexperte. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können.

Ausbildung abbrechen? Wann es sinnvoll ist

Unser Sohn hat eine Ausbildung angefangen, aber schon nach zwei Monaten möchte er abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneinig, was wir tun sollen.

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
  • Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
  • Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung abbrechen: 3 gute Gründe

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn

  • die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen
  • die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist
  • oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr (dein-lebenstraum.com).

Erste Periode: So kannst du deine Tochter vorbereiten

Elternfrage: „Meine Tochter (10) hat mich gefragt, woran sie erkennen würde, dass ihre erste Blutung bevorsteht. Ich wusste es nicht! Wie kann ich sie auf ihre erste Periode vorbereiten?“

Wie schön, dass Ihre Tochter mit so einer wichtigen Frage zu Ihnen kommt. Das ist ein Zeichen von großem Vertrauen. Viele Mädchen spüren intuitiv, dass sich ihr Körper verändert, und suchen Orientierung. Als Elternteil können Sie hier eine wichtige Begleitung sein.

Mögliche Anzeichen

Die erste Monatsblutung, die Menarche, tritt meist zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr auf. Das ist allerdings individuell und vielleicht auch ein wenig Veranlagung. Es gibt verschiedene Zeichen des hormonellen Wandels, welche die Blutung ankündigen können:

  • Brustwachstum ist das wichtigste Zeichen im Hinblick auf das Auftreten der ersten Periodenblutung und beginnt etwa zwei Jahre vorher.
  • Haarwachstum im Intimbereich und unter den Achseln
  • Weißlicher Ausfluss aus der Scheide
  • Wachstumsschub, Hautveränderungen und Stimmungsschwankungen

Diese Veränderungen treten nicht immer alle zusammen auf, sondern auch nacheinander. Aber sie sind ein guter Anlass, mit Ihrer Tochter über das Thema Periode ins Gespräch zu kommen – offen, altersgerecht und unaufgeregt. Mädchen erleben die erste Blutung sehr unterschiedlich: Manche empfinden sie spannend, andere sind verunsichert. Das Wichtigste ist, dass sie überhaupt wissen, was passiert und dass sie vorbereitet sind.

Die Monatsblutung normalisieren

Rein praktisch hilft ein kleines Notfallset in der Schultasche mit Binden, Ersatzunterhose und Feuchttüchern. Vielleicht auch Periodenunterwäsche? Hier braucht es kein Anwendungswissen. Zeigen Sie ihr trotzdem, wie Binden funktionieren. Sprechen Sie darüber, dass die Periode auch unerwartet einsetzen kann, zum Beispiel beim Sport, und dass das völlig in Ordnung ist. Ermutigen Sie Ihre Tochter, sich bei Vertrauenspersonen (Lehrkraft, Freundinnen, die bereits ihre Periode haben) Hilfe zu holen, wenn sie es braucht.

Ich empfehle, kleine Gesprächsanlässe zu nutzen. Etwa beim Einkauf, beim Packen der Tasche oder wenn (bei Müttern) die eigene Periode ansteht. Und: Bleiben Sie offen für Fragen. Auch, wenn Sie nicht sofort alles beantworten können – gemeinsam finden Sie Antworten. Gute, kindgerechte Bücher oder Informationen im Internet, wie auf der Plattform Doctorial, können zusätzlich unterstützen. Gut zu wissen: Bei Mädchen und jungen Frauen kann die Periode noch sehr unregelmäßig kommen. Mal einen Monat nicht, dann wieder regelmäßig. Das ist normal.

Zum Frauenarzt?

Ein Gespräch mit dem Frauenarzt oder der Frauenärztin ist in dieser frühen Phase nicht zwingend notwendig, kann aber hilfreich sein – etwa in einer Mädchen-Sprechstunde, wie sie in vielen frauenärztlichen Praxen angeboten werden. Dabei stehen Gespräch und Kennenlernen im Vordergrund, nicht die Untersuchung. Wie der Berufsverband der Frauenärzte in seinen Empfehlungen schreibt, soll dieser erste Kontakt Vertrauen schaffen und Mädchen stärken, ihren Körper zu verstehen und gut für sich zu sorgen.

Wichtig ist, die Periode positiv zu besetzen, denn sie ist ein Schritt auf dem Weg in das Erwachsenwerden, ein Zeichen von Fruchtbarkeit und dass der weibliche Körper auf wunderbare Weise „funktioniert“.

Dr. Stephanie Eder ist Expertin des Berufsverbandes der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. und niedergelassene Frauenärztin aus Gräfelfing bei München. Als Mutter von drei Kindern liegt ihr insbesondere die Aufklärungs- und Präventionsarbeit mit Jugendlichen am Herzen.