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Skinfluencer: Wo der Trend zur Gefahr wird

Elternfrage: „Meine Töchter (13,14) schauen sich auf Social Media Videos an, in denen andere Teens, Skinfluencer, teure Pflegeprodukte für die Haut bewerben. Das brauchen Kinder doch gar nicht – oder?“

Immer häufiger fragen mich besorgte Eltern, ob ihre Töchter wirklich schon Anti-Aging-Produkte brauchen. Der Grund: Auf TikTok, Instagram und YouTube präsentieren sogenannte Skinfluencer eine tägliche Hautpflegeroutine – oft mit Produkten, die für deutlich ältere Haut entwickelt wurden. Das wirkt professionell, modern und ist für junge Menschen faszinierend. Aber ist es auch sinnvoll?

Pflegewahn mit 13

Die Antwort ist klar: Nein. Kinder- oder Teenagerhaut kann sich in der Regel selbst versorgen, es sei denn, es liegen Hauterkrankungen wie zum Beispiel Neurodermitis, Schuppenflechte oder schwere Akne vor. Aber auch dann sind Ratschläge durch Skinfluencer weniger sinnvoll als der Gang zum Hautarzt. Abgesehen von einem zuverlässigen Sonnenschutz ist in diesem Alter keine aufwendige Pflegeroutine nötig

Im Gegenteil: Viele Anti-Aging-Produkte enthalten Wirkstoffe wie Retinol, Fruchtsäuren oder hochkonzentrierte Hyaluronsäure, die die empfindliche Haut von Jugendlichen reizen oder sogar schädigen können. Unreine Haut, Irritationen oder langfristige Störungen der Hautbarriere sind als Folge möglich – ganz ohne medizinische Notwendigkeit.

DIY-Trends mit Hyaluronsäure

Ich sehe Skinfluencer grundsätzlich nicht als Gefahr, sondern als einen zeitgemäßen Kanal für Aufklärung. Sie können helfen, das Bewusstsein für Hautgesundheit zu ­schärfen – vorausgesetzt, die Inhalte sind wissenschaftlich fundiert, altersgerecht und sorgfältig geprüft. Was problematisch ist: Wenn komplexe Produkte ohne fachliche Einordnung empfohlen werden oder sogar riskante Behandlungen verharmlost dargestellt werden.

Besonders alarmierend sind DIY-Trends, bei denen sich junge Menschen Hyaluronsäure online bestellen und selbst anwenden – manchmal sogar injizieren. Dabei wird suggeriert, das sei harmlos. Tatsächlich aber kann eine unsachgemäße Anwendung ernste gesundheitliche Schäden mit sich bringen, etwa Gefäßverschlüsse, was zu abgestorbenem Gewebe führen kann. Das ist kein Hautpflege-Hack, sondern grob fahrlässig.

Hautpflege beginnt mit Wissen, nicht mit Influencern

Eltern sollten sich deshalb mit dem Content ihrer Kinder auseinandersetzen. Welche Quellen nutzen sie? Was wird empfohlen und für wen ist es überhaupt gedacht? Es geht nicht darum, jede neue Pflegeroutine zu verbieten, sondern um einen bewussten Umgang mit der eigenen Haut. Meine Empfehlung: Bei Unsicherheiten lieber gemeinsam zum Hautarzt gehen, als sich von Social-Media-Trends leiten zu lassen. Denn Hautpflege ist keine Frage des Hypes, sondern der Gesundheit – und die beginnt mit Wissen, nicht mit Werbung.

Dr. Afschin Fatemi ist Facharzt für Dermatologie mit Schwerpunkt Dermatochirurgie und ästhetischer Medizin sowie Gründer der S-thetic Gruppe.

Ausbildung abbrechen: Ist das wirklich sinnvoll?

Elternfrage: „Unser Sohn hat eine Ausbildung zum Elektroniker (19) angefangen. Schon nach zwei Monaten meint er, das sei nichts für ihn. Er möchte die Ausbildung abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneins. Ich denke, er sollte sich etwas anderes suchen, meine Frau meint, er müsse sich da durchbeißen. Habt ihr einen Rat?“

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
    Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
    Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung beenden, wenn …

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen, die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke und Vertrauen auf Gott.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr. Er ist stolz auf seinen Sohn (19), der trotz einer Krise im 2. Lehrjahr seine Lehre als KFZ-Mechatroniker nicht abgebrochen hat und sie bis zum Ende durchziehen will.

Erstes Handy? Digitaltrainer klärt auf, ab wann es sinnvoll ist

Elternfrage: „In der Klasse unseres Kindes (8) bekommen Smartphones immer mehr Bedeutung. Wir fragen uns, ab wann ein Kind überhaupt ein erstes Handy haben sollte und ab wann es einem Klassenchat beitreten darf. Woran können wir uns orientieren?“

Diese Fragen beschäftigen viele Eltern. Allgemeingültige Antworten, die für jede Familie und jedes Kind passen, gibt es zwar nicht, doch einige Orientierungshilfen, wann ein erstes Handy sinnvoll ist, kann ich euch mitgeben.

Ohne Angst vor Bestrafung

Ein Smartphone ist kein Spielzeug, sondern ein komplexes Kommunikationsmittel, das viele Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Deshalb empfehle ich, dass euer Kind schrittweise und begleitet Erfahrungen mit digitalen Medien sammelt. Verwendet dafür anfangs beispielsweise eure eigenen Geräte in gemeinsam genutzten Räumen wie dem Wohnzimmer. So seid ihr nah genug, um bei Fragen rasch zu helfen, ohne ständig direkt daneben sitzen zu müssen. Wichtig ist vor allem der Aufbau eines stabilen Vertrauensverhältnisses. Euer Kind sollte immer wissen, dass es sich jederzeit mit Fragen oder Problemen an euch wenden kann, ohne Angst vor Strafen zu haben – auch dann nicht, wenn etwas am Handy schiefläuft. Vertrauen entsteht nicht plötzlich, sondern durch viele kleine Gespräche, echtes Interesse und gemeinsam vereinbarte Regeln.

Mediennutzungsvertrag

Grundsätzlich benötigen Kinder in der Grundschule noch kein eigenes digitales Endgerät (wie Smartphone oder Tablet). Fachleute empfehlen oft ein Mindestalter von etwa elf bis zwölf Jahren. Doch die individuelle Reife eures Kindes sowie das soziale Umfeld sind ebenso entscheidend. Der soziale Druck in der Klasse sollte nicht unterschätzt werden, denn völlige Ausgrenzung ist auch nicht sinnvoll. Ein Leihgerät, an dem sich euer Kind für einen gewissen Zeitraum (sechs bis zwölf Monate) ausprobieren darf, kann ein guter Kompromiss sein, um zu testen, ob es schon verantwortungsvoll genug ist. Es dient als eine Art Zwischenlösung, um Kinder selbstständig machen zu lassen, in dem Wissen, dass sie mit den Geräten nicht machen können, was sie wollen. Ein gemeinsamer Mediennutzungsvertrag, den ihr beispielsweise auf www.mediennutzungsvertrag.de erstellen könnt, hilft, klare Regeln zu definieren. Lasst euer Kind unbedingt mitbestimmen, um Verständnis und Akzeptanz für die vereinbarten Regeln zu fördern.

Handyfreies Kinderzimmer

Besonders wichtig ist es, Smartphones oder andere digitale Geräte konsequent aus dem Kinderzimmer und speziell aus dem Bett fernzuhalten. Gerade nachts passieren oft problematische Dinge wie verletzende Nachrichten oder heimliches Scrollen, von denen Eltern wenig mitbekommen. Eine einfache Regel wie „Alle Handys nachts in die Küche“ schafft Klarheit und Sicherheit. Zum Thema Klassenchat: Wenn euer Kind in einer Chatgruppe aktiv ist, schaut regelmäßig gemeinsam hinein und besprecht offen und ohne Vorwurf, was ihr dort findet – immer mit dem Ziel, euer Kind zu schützen. Hilfreich ist es, wenn ihr euch dabei mit anderen Eltern abstimmt, um die Gefahr zu minimieren, dass einzelne Kinder als „Petze“ gelten.

Medienerziehung beginnt nicht erst mit dem ersten Smartphone, sondern viel früher – durch Gespräche über Werbung, gemeinsam genutzte Tablets oder handyfreie Zeiten. Kinder lernen am meisten durch Vorbilder. Wenn ihr euer eigenes Medienverhalten reflektiert und bewusst vorlebt, fällt es eurem Kind leichter, gesunde Mediengewohnheiten zu entwickeln. Ich wünsche euch viel Erfolg und Freude bei der Medienerziehung!

Daniel Dell‘Aquia ist Digitaltrainer und bietet Vorträge, Fortbildungen und Seminare an Schulen zur Medienerziehung an.

Experte klärt auf: Wie viel Hautpflege brauchen Teenager?

Elternfrage: „Meine Töchter (13,14) schauen sich auf Social Media Videos an, in denen andere Teens teure Pflegeprodukte für die Haut bewerben. Das brauchen Kinder doch gar nicht – oder?“

Immer häufiger fragen mich besorgte Eltern, ob ihre Töchter wirklich schon Anti-Aging-Produkte brauchen. Der Grund: Auf TikTok, Instagram und YouTube präsentieren sogenannte Skinfluencer eine tägliche Hautpflegeroutine – oft mit Produkten, die für deutlich ältere Haut entwickelt wurden. Das wirkt professionell, modern und ist für junge Menschen faszinierend. Aber ist es auch sinnvoll?

Pflegewahn mit 13

Die Antwort ist klar: Nein. Kinder- oder Teenagerhaut kann sich in der Regel selbst versorgen, es sei denn, es liegen Hauterkrankungen wie zum Beispiel Neurodermitis, Schuppenflechte oder schwere Akne vor. Aber auch dann sind Ratschläge durch Skinfluencer weniger sinnvoll als der Gang zum Hautarzt. Abgesehen von einem zuverlässigen Sonnenschutz ist in diesem Alter keine aufwendige Pflegeroutine nötig

Im Gegenteil: Viele Anti-Aging-Produkte enthalten Wirkstoffe wie Retinol, Fruchtsäuren oder hochkonzentrierte Hyaluronsäure, die die empfindliche Haut von Jugendlichen reizen oder sogar schädigen können. Unreine Haut, Irritationen oder langfristige Störungen der Hautbarriere sind als Folge möglich – ganz ohne medizinische Notwendigkeit.

DIY-Trends mit Hyaluronsäure

Ich sehe Skinfluencer grundsätzlich nicht als Gefahr, sondern als einen zeitgemäßen Kanal für Aufklärung. Sie können helfen, das Bewusstsein für Hautgesundheit zu ­schärfen – vorausgesetzt, die Inhalte sind wissenschaftlich fundiert, altersgerecht und sorgfältig geprüft. Was problematisch ist: Wenn komplexe Produkte ohne fachliche Einordnung empfohlen werden oder sogar riskante Behandlungen verharmlost dargestellt werden.

Besonders alarmierend sind DIY-Trends, bei denen sich junge Menschen Hyaluronsäure online bestellen und selbst anwenden – manchmal sogar injizieren. Dabei wird suggeriert, das sei harmlos. Tatsächlich aber kann eine unsachgemäße Anwendung ernste gesundheitliche Schäden mit sich bringen, etwa Gefäßverschlüsse, was zu abgestorbenem Gewebe führen kann. Das ist kein Hautpflege-Hack, sondern grob fahrlässig.

Hautpflege beginnt mit Wissen, nicht mit Influencern

Eltern sollten sich deshalb mit dem Content ihrer Kinder auseinandersetzen. Welche Quellen nutzen sie? Was wird empfohlen und für wen ist es überhaupt gedacht? Es geht nicht darum, jede neue Pflegeroutine zu verbieten, sondern um einen bewussten Umgang mit der eigenen Haut. Meine Empfehlung: Bei Unsicherheiten lieber gemeinsam zum Hautarzt gehen, als sich von Social-Media-Trends leiten zu lassen. Denn Hautpflege ist keine Frage des Hypes, sondern der Gesundheit – und die beginnt mit Wissen, nicht mit Werbung.

Dr. Afschin Fatemi ist Facharzt für Dermatologie mit Schwerpunkt Dermatochirurgie und ästhetischer Medizin sowie Gründer der S-thetic Gruppe.

Das erste Handy: Digitaltrainer erklärt, wann es sinnvoll ist

Elternfrage: „In der Klasse unseres Kindes (8) bekommen Smartphones immer mehr Bedeutung. Wir fragen uns, ab wann ein Kind überhaupt eines haben sollte und ab wann es einem Klassenchat beitreten darf. Woran können wir uns bei diesen Entscheidungen orientieren?“

Diese Fragen beschäftigen viele Eltern. Allgemeingültige Antworten, die für jede Familie und jedes Kind passen, gibt es zwar nicht, doch einige Orientierungshilfen kann ich euch mitgeben.

Ohne Angst vor Bestrafung

Ein Smartphone ist kein Spielzeug, sondern ein komplexes Kommunikationsmittel, das viele Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Deshalb empfehle ich, dass euer Kind schrittweise und begleitet Erfahrungen mit digitalen Medien sammelt. Verwendet dafür anfangs beispielsweise eure eigenen Geräte in gemeinsam genutzten Räumen wie dem Wohnzimmer. So seid ihr nah genug, um bei Fragen rasch zu helfen, ohne ständig direkt daneben sitzen zu müssen. Wichtig ist vor allem der Aufbau eines stabilen Vertrauensverhältnisses. Euer Kind sollte immer wissen, dass es sich jederzeit mit Fragen oder Problemen an euch wenden kann, ohne Angst vor Strafen zu haben – auch dann nicht, wenn etwas am Handy schiefläuft. Vertrauen entsteht nicht plötzlich, sondern durch viele kleine Gespräche, echtes Interesse und gemeinsam vereinbarte Regeln.

Mediennutzungsvertrag

Grundsätzlich benötigen Kinder in der Grundschule noch kein eigenes digitales Endgerät (wie Smartphone oder Tablet). Fachleute empfehlen oft ein Mindestalter von etwa elf bis zwölf Jahren. Doch die individuelle Reife eures Kindes sowie das soziale Umfeld sind ebenso entscheidend. Der soziale Druck in der Klasse sollte nicht unterschätzt werden, denn völlige Ausgrenzung ist auch nicht sinnvoll. Ein Leihgerät, an dem sich euer Kind für einen gewissen Zeitraum (sechs bis zwölf Monate) ausprobieren darf, kann ein guter Kompromiss sein, um zu testen, ob es schon verantwortungsvoll genug ist. Es dient als eine Art Zwischenlösung, um Kinder selbstständig machen zu lassen, in dem Wissen, dass sie mit den Geräten nicht machen können, was sie wollen. Ein gemeinsamer Mediennutzungsvertrag, den ihr beispielsweise auf www.mediennutzungsvertrag.de erstellen könnt, hilft, klare Regeln zu definieren. Lasst euer Kind unbedingt mitbestimmen, um Verständnis und Akzeptanz für die vereinbarten Regeln zu fördern.

Handyfreies Kinderzimmer

Besonders wichtig ist es, Smartphones oder andere digitale Geräte konsequent aus dem Kinderzimmer und speziell aus dem Bett fernzuhalten. Gerade nachts passieren oft problematische Dinge wie verletzende Nachrichten oder heimliches Scrollen, von denen Eltern wenig mitbekommen. Eine einfache Regel wie „Alle Handys nachts in die Küche“ schafft Klarheit und Sicherheit. Zum Thema Klassenchat: Wenn euer Kind in einer Chatgruppe aktiv ist, schaut regelmäßig gemeinsam hinein und besprecht offen und ohne Vorwurf, was ihr dort findet – immer mit dem Ziel, euer Kind zu schützen. Hilfreich ist es, wenn ihr euch dabei mit anderen Eltern abstimmt, um die Gefahr zu minimieren, dass einzelne Kinder als „Petze“ gelten.

Medienerziehung beginnt nicht erst mit dem ersten Smartphone, sondern viel früher – durch Gespräche über Werbung, gemeinsam genutzte Tablets oder handyfreie Zeiten. Kinder lernen am meisten durch Vorbilder. Wenn ihr euer eigenes Medienverhalten reflektiert und bewusst vorlebt, fällt es eurem Kind leichter, gesunde Mediengewohnheiten zu entwickeln. Ich wünsche euch viel Erfolg und Freude bei der Medienerziehung!

Daniel Dell‘Aquia ist Digitaltrainer und bietet Vorträge, Fortbildungen und Seminare an Schulen zur Medienerziehung an.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt in der Kindheit: Ein Kinderarzt erklärt den Zusammenhang

Kinder brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl etwas bewirken zu können, sonst fehlt ihnen später das Vertrauen in sich und andere. Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, warum Erziehung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eng zusammenhängen.

Herr Renz-Polster, viele Menschen in Deutschland sind gerade unzufrieden. Die Mieten sind hoch, bei Ärzten bekommt man keine Termine mehr und Familien finden keine Kinderbetreuung. Manche von ihnen reagieren mit Hass und Ablehnung, manche bemühen sich um Lösungen. Warum ist das so?

Klar haben manche einfach eine kürzere Zündschnur. Aber das hängt auch damit zusammen, was wir in unserer Kindheit gelernt haben. Habe ich erfahren, dass ich mit Herausforderungen umgehen kann? Habe ich Sicherheit erfahren? Habe ich gespiegelt bekommen, dass ich etwas kann? Dass ich wertvoll bin? Kinder, die das nicht oder wenig erfahren haben, sind auch als Erwachsene noch sehr unsicher und neigen stärker zu Feindbildern. Das kann später zu Hass und Ablehnung führen. Und das kann dann durchaus auch eine politische Dimension annehmen, weil diese Menschen anfälliger sind für radikale, autoritäre politische Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite.

Innere Stimmigkeit

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass jedes Kind sich vier Grundfragen stellt: Nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Was passiert, wenn die Antworten darauf negativ ausfallen?

Positive Antworten auf diese Fragen führen dazu, dass das Kind so was ausbildet wie eine innere Heimat, ein Gefühl von Stimmigkeit. Es bildet ein grundlegendes Werkzeugset an Ressourcen, mit denen es der Welt gewachsen ist. Es lernt, seine Gefühle zu regulieren und wie es mit sich und anderen gut umgeht. Und auch, wie es aus schwierigen Situationen wieder herauskommt. Sind die Antworten auf diese Fragen negativ, dann ist sein Werkzeugkoffer leer. Das Kind hat nicht die Tools, mit Belastungen produktiv und konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird es vielleicht von Angst überflutet oder von Wut. Dann sieht es draußen möglicherweise nur Feindesland und empfindet die Menschen im Grunde als bedrohlich. Diese Grundhaltung nimmt es dann mit ins Erwachsenenalter.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Menschen, denen diese inneren Sicherheiten fehlen, suchen nach einem Ersatz. Einem Ersatz an Wert, an Größe und an Kontrolle. Welche Züge das annehmen kann, zeigt uns derzeit die MAGA-Bewegung (Make America Great Again, Anm. d. Red.), also die autoritäre Rechte in den USA. Da geht es gar nicht um die Lösung tatsächlicher Probleme, wie etwa der Klimakrise oder der sozialen Ungleichheit, sondern um Identitätsfragen: Wir sind stark, wir sind überlegen, wir sind auserwählt, wir sind die „richtigen Amerikaner“. So entsteht ein heilloses „wir“ gegen die „anderen“, getrieben von Misstrauen. Das zerreibt die ganze Gesellschaft.

Wir spüren das auch hierzulande, aber verglichen etwa mit den USA oder Frankreich leben wir auf einer Insel der Seligen. Wobei auch wir genug Grund zur Sorge haben. Ich sage das vor allem mit Blick auf die östlichen Bundesländer, wo sich gerade in den ländlichen Gebieten Wut und Frust mit extremen politischen Haltungen mischt. Und das ganz stark bei den jungen Männern.

Bedürfnisse beachten

Das heißt, wie wir unsere Kinder heute erziehen, wirkt sich später auch auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Ja, auf jeden Fall. Aber damit meine ich nicht, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Es geht vielmehr um tiefgreifende Entwertungsprozesse über einen längeren Zeitraum. Etwas, das so tief geht, dass das Kind diese innere Basis nicht mehr aufbauen kann, von der ich vorhin sprach. Eine permanente Unsicherheit zum Beispiel, das Wissen: Ständig kann ich verletzt werden, mir kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Meine lebenswichtigen Beziehungen tragen nicht, ich kann nicht vertrauen. Oder wenn Kinder die ganze Zeit hören, dass sie ein Versager sind und nichts richtig machen. Wenn auch die Wärme in der Familie fehlt. Oft sind die Eltern selbst stark überfordert, kämpfen psychisch ums eigene Überleben. Oder haben einfach nicht die Kraft, weil sie erkrankt sind, Suchtprobleme haben oder unter unsäglichem materiellem Dauerstress stehen.

Stress ist ein gutes Stichwort. Im Alltag ist es für Eltern manchmal nicht so leicht, den richtigen Ton zu finden. Was ist, wenn das nicht immer gelingt?

Nur weil ich meinem Kind mal eine Zeit lang nicht genug Rückenwind gegeben habe, muss ich mir nicht gleich Sorgen um mein Kind machen. Manche Eltern denken vielleicht, sie müssten immer die richtigen Worte finden und alles perfekt machen. Doch eigentlich geht es darum, „ganz normal“ mit den Kindern umzugehen. Damit meine ich: Mach einfach keinen Nonsens. Guck, dass dein Kind das bekommt, was du dir auch wünschen würdest. Was wünscht du dir zum Beispiel von einer erwachsenen Paarbeziehung? Wahrscheinlich, dass dein Partner dir keine Angst macht. Oder dass ihr nach einem Streit wieder zusammenfindet. Und dass ihr gemeinsam Dinge unternehmt, die euch Freude machen. Es ist in Erziehungsfragen mittlerweile alles so theoretisch geworden. Aber dabei geht es eigentlich nur darum, menschlich zu sein. Natürlich unter der Maßgabe dessen, dass Eltern eine Verantwortung für ihr Kind haben und für es sorgen. Aber die Grundhaltung sollte die gleiche sein.

Selbstwirksamkeit lernen

Kinder werden nicht nur durch ihre Eltern geprägt, sondern auch durch den Kindergarten und die Schule. Welche Erfahrungen machen sie dort?

Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der Schule und teils auch in der Kita an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Können sie über den Lehrplan mitdiskutieren? Nein. Können sie irgendetwas anderes dort beeinflussen? Im Gegenteil. Immer bestimmen ältere Menschen über sie. Dieses Gefühl des Kontrollverlusts oder der Hilflosigkeit, übertragen sie dann auf die Gesellschaft. Das betrifft vor allem diejenigen Kinder, die nicht das Glück eines bildungsnahen Elternhauses haben oder denen Mutter Natur keine hauptfächertauglichen Talente mitgegeben hat, sondern andere. Gerade diese Kinder könnten Ermutigung und Rückenwind in der Schule gut gebrauchen, machen aber oft Stress-, Angst- und Versagenserfahrungen, weil sie immer zu kurz springen. Was macht das über die Jahre mit einem Kind?

Kein Wunder, dass über die Hälfte der Jugendlichen glaubt, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Was brauchen junge Menschen, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?

Sie müssen beim Aufwachsen Vertrauen erfahren: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal Stress gibt, aber der sollte menschlich gelöst werden. Und dann brauchen sie Strukturen, in denen sie mitbestimmen und mitgestalten können – in den Dingen, die sie schon überblicken können, natürlich. In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Wie gehen die mir Überlegenen mit Macht um? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen? Wir dürfen das nicht unterschätzen. Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind ja nicht nur zuhause in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen. Wenn wir von der „Bildung“ reden, die dort passieren soll, dann gehört diese Persönlichkeitsbildung nach meinem Dafürhalten unbedingt dazu.

Rückgrat und innere Stärke

Sind wir da in Deutschland aktuell auf dem richtigen Weg?

Wir dürfen nicht blauäugig sein: Demokratie ist unglaublich schwierig. Sie bedeutet nicht nur irgendwo ein Kreuz zu setzen, sondern Kompromisse zu ertragen, konstruktiv zu denken, und auch die Schwächeren im Blick zu haben. An langfristigen Lösungen zu arbeiten, damit es der ganzen Gesellschaft besser geht. Demokratie braucht also Menschen, die empathisch sind und ein Interesse an anderen Menschen haben. Die mit sich selbst einigermaßen klarkommen und im Leben feststehen.

Wir haben in der Erziehung der Kinder eindeutig und messbar Land gewonnen. In den 70ern bis 90ern gab es eine Welle von positiven persönlichkeitsfördernden Entwicklungen für Kinder, eine neue, zugewandtere Haltung in der Erziehung etwa. Und es war auch die Zeit der letzten großen Bildungsreform. An den Schulen wurde beispielsweise versucht, den Kindern mehr eine Stimme zu geben.

Ich wünsche mir, dass wir uns weiter daran orientieren und das bewahren. Lasst uns weiterhin die Kinder so behandeln, dass sie an Rückgrat und innerer Stärke gewinnen. Und lasst uns die Familien im Blick behalten und sie entlasten so gut es geht, damit dort der Lebensstress nicht überhandnimmt. Fürsorge für die heranwachsenden Menschen ist ein gesellschaftliches Gut, vielleicht unser Wichtigstes.

Interview: Sarah Kröger ist freie Journalistin und Autorin.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Erziehungsexperte. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können.

Stress in der Grundschule: Lehrerin verrät, was hilft

Jedes dritte Grundschulkind fühlt sich überfordert. Wie Eltern Stress bei ihren Kindern wahrnehmen und sie unterstützen können.

Das Phänomen „Stress“ ist zum ständigen Begleiter für viele Grundschulkinder geworden. Der tägliche Spagat zwischen Terminen, Schulpflichten und äußeren Bedingungen löste laut einer Studie des Deutschen Kinderschutzbundes 2012 bei jedem dritten Grundschulkind ein Gefühl der Überforderung aus. Aktuelle Studien bestätigen, dass diese Thematik immer noch eine zentrale Rolle im Alltag von Grundschulkindern spielt.

Von Schulstress bei Grundschulkindern sprechen wir, wenn der schulische Alltag in Kindern ein Gefühl der Überforderung auslöst. Gestresste Kinder zeigen oft auch Symptome von körperlicher oder psychischer Belastung. „Die Kinder haben beispielsweise Ängste wie etwa Versagens- oder Leistungsängste“, erklärt Dr. Anja Ozik-Scharf, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Sie leiden unter Schlafstörungen, Rückzugstendenzen oder auch depressiven Verstimmungen, zeigen kompensatorisches Verhalten – indem sie sich beispielsweise über andere lustig machen, sich wegträumen – oder auch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Manche Kinder klagen, sind überfordert oder unterfordert, können Probleme nicht eigenständig lösen und können sich selbst nicht ermutigen.“

Die Ursachen für Schulstress sind vielfältig: Laut dem Präventionsradar der Krankenkasse DAK liegt der größte Anteil der Stressfaktoren im Leistungsdruck etwa beim Schreiben von Tests oder Klassenarbeiten. Aber auch Probleme mit Lehrkräften oder Mitschülerinnen und Mitschülern wirken sich auf das Wohlbefinden von Grundschulkindern aus. Rund 54 Prozent der Kinder fühlen sich durch Hausaufgaben gestresst, 22 Prozent empfinden Druck durch die Eltern.

„Ich werde gesehen“

Eltern, die bei ihrem Kind ein verändertes Verhalten oder körperliche Beschwerden beobachten, sollten ihre Wahrnehmung ernst nehmen. Sie können zunächst das Gespräch mit dem Kind suchen und es nach seinen möglichen Sorgen fragen. Auch ist es sinnvoll, den Kontakt zur Klassenlehrkraft des Kindes aufzunehmen, um nach deren Eindrücken zu fragen.

Anja Ozik-Scharf sieht Eltern als „Expertinnen und Experten für ihr Kind“. Deshalb rät sie grundsätzlich dazu, „eher einmal mehr Unterstützung in Anspruch zu nehmen.“ Das kann ein Besuch beim Kinderarzt oder einer Kinderärztin sein. Diese können zu weiteren Schritten raten. Bei Unsicherheiten empfiehlt Anja Ozik-Scharf, eine psychotherapeutische Sprechzeit, also ein psychotherapeutisches Erstgespräch, wahrzunehmen. Auch der schulpsychologische Dienst, die kommunalen Erziehungs- und Familienberatungsstellen oder Coaches beziehungsweise Lerncoaches können hilfreiche Anlaufstellen sein.

Wichtig sei, dass Eltern feste Strukturen schaffen, betont Anja Ozik-Scharf: „In jeder Familie sollte es Werte geben und auch Regeln – und Beziehung. Für mich ist es besonders bedeutsam, Blickkontakt zum Kind herzustellen und zu halten. Das schafft Beziehung, und das Kind erhält das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes gesehen zu werden.“ Eltern seien wichtige Vorbilder, wenn es darum geht, wie sie selbst mit Stress umgehen. Wenn es ihnen gelingt, reflektiert mit eigenen Belastungen umzugehen, können sie ihr Kind effektiv bei der Stressregulation stärken.

Ein Ausflug ins Schwimmbad

Bei der Co-Regulation unterstützen Eltern ihr Kind dabei, mit dem Schulstress umzugehen. Beispielsweise durch feste Regeln und Strukturen innerhalb des familiären Alltags kann vieles bewirkt werden. Die Kinderpsychotherapeutin ermutigt an dieser Stelle auch dazu, mit positiven Verstärkungen zu arbeiten. Wenn also ein Ziel geschafft ist – und sei es noch so klein –, dürfen zuvor verabredete kleine Wünsche eingelöst werden: zum Beispiel ein gemeinsames Eis essen, ein Ausflug ins Schwimmbad oder ein Spielenachmittag.

Auch sei es wichtig, den Kindern Strategien gegen den Stress zu vermitteln. Das können Entspannungsübungen sein oder das gemeinsame Beten. Kinder sollten zudem die Gelegenheit erhalten, Stress über Bewegung abbauen zu können, sei es im Verein, beim Besuch auf dem Spielplatz oder beim gemeinsamen Sport mit den Eltern. Auch kreatives Tun wie Malen, Schreiben, Musizieren oder Töpfern trägt dazu bei, den Stress hinter sich zu lassen.

Wenn Grundschulkinder unter Schulstress leiden, ist es für sie besonders wichtig, den Rückhalt ihrer Eltern zu erleben und ihr Verständnis zu erfahren. Gemeinsam können Lösungswege erarbeitet werden. Durch Beobachten und offene Kommunikation unterstützen Eltern ihr Kind zielgerichtet und nachhaltig dabei, die seelische Gesundheit zu stärken.

Alexandra von Plüskow-Kaminski war mehr als 20 Jahre als Grundschullehrerin tätig. Sie ist Fachjournalistin und zweifache Mutter.

Zur Konfliktfähigkeit erziehen

Um in Familien Frieden zu leben, brauchen wir eine gesunde Konfliktkultur. Für Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
praxis-dbeier.de

Konflikte mit Kindern: Worauf es in der Erziehung ankommt

In Familien gehören Konflikte zur Tagesordnung. Da braucht es eine gesunde Konfliktkultur. Für Erziehungscoach Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
praxis-dbeier.de

Wer bin ich? Expertin erklärt, was unsere Identität ausmacht

Die Frage „Wer bin ich?“ ist eine der Kernfragen unseres Lebens. Pädagogin Julia Otterbein erklärt, wie sich unsere Identität formt und wie sie sich verändert. Und sie gibt Tipps, wie wir uns selbst auf die Schliche kommen.

Wer bin ich? Die zentrale Frge der Identität lässt sich von zwei Perspektiven aus betrachten: einmal von innen heraus (Wie sehe ich mich selbst?) und einmal von außen (Wer bin ich für andere? Wie sehen/erleben mich andere?). Die Außenperspektive ist für viele Menschen oft die leichtere, denn im Außen nehmen wir verschiedene Rollen ein, die sich klar benennen lassen: Mutter oder Vater sein, der Beruf, den wir ausüben, das Ehrenamt in der Gemeinde …

An diese und andere Rollen werden häufig bestimmte Erwartungen geknüpft, deren Erfüllung uns die Sicherheit gibt, anerkannt und zugehörig zu sein. Weil soziale Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis ist und wir vor allem als Kind auf sie angewiesen sind, achten Menschen auch als Erwachsene noch sehr darauf, sich so zu verhalten, dass sie anderen gefallen. Sie bemühen sich, nicht zu sehr anzuecken, um ihre soziale Sicherheit nicht zu gefährden.

Wenn äußere Erwartungen zu „Identitätszwängen“ werden, führt das aber nicht nur dazu, dass Menschen sich für andere verbiegen – sie verlieren auch den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und zur eigenen inneren Identität. Denn wir sind selbstverständlich mehr als nur unsere Rollen oder das, was von uns im zwischenmenschlichen Miteinander sichtbar wird.

Wer bin ich von innen?

Zur Identität eines Menschen gehört immer auch eine Innenperspektive, die sich dadurch auszeichnet, was wir (über uns) denken und wie wir uns fühlen. Die Gedankenschleifen über uns selbst werden durch innere Stimmen genährt, die wiederum durch unsere Lebenserfahrungen mit engen Bezugspersonen geprägt sind. Stimmen Innen- und Außenperspektive überein, erleben wir das als Authentizität.

Manchmal setzen wir aber auch bewusst eine Maske im Außen auf, um unsere Identität im Innen zu schützen. Zum Beispiel, wenn wir Menschen begegnen, zu denen wir nicht das nötige Vertrauen haben, um uns so (verletzlich) zu zeigen, wie wir uns im Inneren fühlen. Das ist okay. Jeder kann entscheiden, wem sie oder er sich wie zeigt, mit welchen Aspekten und aus welcher Perspektive.

Kinder begleiten

Auch Kinder haben schon eine Identität, selbst wenn diese noch nicht vollständig ausgereift ist. Einige ihrer Eigenschaften sind in ihnen angelegt. Andere werden durch biografische Erfahrungen beeinflusst, seien es prägende Lebensereignisse oder das Miteinander mit ihren engsten Bezugspersonen. Dieses Miteinander wird wiederum durch die Identität der Bezugspersonen beeinflusst. Als Eltern prägen wir mit unserer Identität die Identität unserer Kinder. Gleichzeitig ist es für uns Eltern wichtig, offen zu sein für die sich entwickelnden Eigenschaften unserer Kinder, die anders sind als unsere eigenen.

Die Würde eines Menschen zu achten, ist das Zugeständnis, ihn so sein zu lassen, wie er ist. Für mich bedeutet würdevolles Erziehen, dem Kind die Erlaubnis zu geben, das, was in seinem Inneren ist, nach außen sichtbar werden zu lassen. „So wie du bist, bist du okay!“ Eine schöne Möglichkeit, den Kindern diese Botschaft zu vermitteln, sind Lieder wie „Vergiss es nie“ oder auch „Ich bin ich“ von der Kinderlieder- und Hörspielmacherin MIRA.

Wer bin ich – Wer werde ich? – Identität im Wandel

Identität ist eine Momentaufnahme: Manche Aspekte bleiben das ganze Leben über bestehen, andere entwickeln oder verändern sich. Und das ist gut so! Unsere Identität verändert sich gerade an den Schwellenübergängen des Lebens: in den unterschiedlichen Autonomiephasen eines Kindes, beim Erwachsenwerden, wenn wir einen Beruf ergreifen, wenn wir Mutter oder Vater werden, beim Begleiten der verschiedenen Entwicklungsphasen der eigenen Kinder bis hin zum Loslassen der Kinder, wenn sie als Heranwachsende eigene Wege gehen. Aber auch die sogenannte „Midlife-Crisis“, ein Jobwechsel oder das Beschäftigen mit der eigenen Endlichkeit haben Einfluss auf unser Identitätsgefühl.

Auch das bewusste Beschäftigen mit der eigenen Identität, das Ergründen, warum man heute so ist, wie man ist, verändert das Erleben des eigenen Selbst. Das kann durch eine persönliche Reflexion geschehen, zum Beispiel mit den Fragen am Ende des Artikels. Man kann sich in einem solchen Prozess aber auch von einem Coach oder einer Therapeutin begleiten lassen. So eine Innenschau kann hilfreich sein, prägende Erfahrungen, die unseren Charakter geformt haben, nachträglich neu zu bewerten. Dies kann die Entwicklung der eigenen Identität ermöglichen, um zum Beispiel Schüchternheit loslassen zu können.

In Beziehungen wachsen

Wir werden geprägt von den Menschen in unserem Umfeld. Oft umgeben wir uns auch mit Menschen, die uns ähnlich sind. Das kann auf der einen Seite schön und angenehm sein, denn dieser Umstand sorgt dafür, dass wir uns in unserem Umfeld zugehörig fühlen. Aber es kann auch dazu führen, dass wir unsere Identität limitieren und sich bestimmte Seiten unserer Identität in diesem Umfeld nicht entfalten können.

Es lohnt sich also, genauer in sich hineinzuhorchen, ob es eine Diskrepanz zwischen dem inneren Identitätsgefühl und den äußeren Verhaltensweisen innerhalb meines sozialen Umfeldes gibt. Es ist gut und richtig, dass wir an Begegnungen und in Beziehungen mit anderen wachsen und ein Stück weit auch geformt werden. Aber es ist nicht richtig, wenn sich das für uns einengend anfühlt und wir das Gefühl haben, so sein zu müssen wie unser Umfeld. Dann ist es vielleicht Zeit für ein anderes Umfeld und neue Beziehungen, die Facetten unserer Identität stärken, die bisher nur in uns schlummerten.

Bewusste Prägungen

Manche Prägungen, vor allem die, die früh in unserem Leben gewirkt haben, konnten wir uns nicht selbst auswählen. Sie haben unsere Identität geprägt, ohne dass wir es kontrollieren konnten. Heute als Erwachsene können wir uns diesen Prägungen gezielt zuwenden und reflektieren, warum sie in unserem bisherigen Leben wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig waren. Aber wir können uns auch bewusst entscheiden, uns ab jetzt von anderen Menschen und neuen Einflussfaktoren prägen zu lassen, korrigierende Erfahrungen machen und unsere Identität dadurch neu erblühen lassen.

Während manche Menschen mit einer Haltung von „Ich bin halt so“ durch ihr Leben gehen, wird an anderer Stelle mit dem Slogan geworben: „Du kannst alles werden.“ Ich persönlich denke, dass die individuelle Wahrheit für jede und jeden irgendwo dazwischen liegt. Manche Facetten von uns sind sehr tief in uns verankert. Wir wollen sie vielleicht auch gar nicht ablegen. Gleichzeitig dürfen wir belastende Prägungen mutig hinterfragen: Soll ich mich ein Leben lang limitieren? Oder gibt es Möglichkeiten, diese Prägung hinter mir zu lassen?

Identität sollte in erster Linie für uns selbst und nicht für andere sein. Sie ist ein dynamisches Zusammenspiel von Innen- und Außenperspektive, das sich im Laufe des Lebens ständig weiterentwickelt. Indem wir unsere Prägungen reflektieren und den Mut aufbringen, belastende Muster loszulassen, schaffen wir Raum für persönliches Wachstum und Authentizität. Wichtig ist dabei, auch unsere Kinder in ihrer individuellen Identitätsentwicklung achtsam zu begleiten. Ein erster Schritt könnte die ehrliche Auseinandersetzung mit den Impulsfragen unter dem Artikel sein.

Julia Otterbein ist Dipl.-Sozialpädagogin und Coach für friedvolle Elternschaft i.A. (FREL®-Coach). Sie lebt mit ihrer Familie in Süderbrarup. familywithlove.de

 

Impulsfragen zur Identitätsentwicklung

1 Welche Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mich geprägt?
Oft hinterfragt man solche Erfahrungen gar nicht mehr. Deshalb lohnt es sich, einmal gezielt darüber nachzudenken: Haben diese Erfahrungen „das Recht“, mich dauerhaft in dieser Art und Weise zu prägen? Es gibt die Chance auf eine Neubewertung dieser Erfahrungen, insbesondere wenn sie durch Scham geprägt sind. Es muss sich auch nicht um formal große Ereignisse handeln. Wie wäre es gewesen, wenn diese Erfahrungen anders gewesen wären? Sogenannte korrigierende Erfahrungen können wichtig für den Heilungsprozess sein.

2 Wie würde ich mein Leben gestalten, wenn ich keine Angst vor dem Urteil anderer hätte?
Diese Frage wirft einen Blick auf die Erwartungen an uns in verschiedenen Rollen und Kontexten, in denen wir agieren. Inwiefern limitieren sie uns? Die Bewertung von anderen Menschen hat sehr viel Macht, weil sie unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit betrifft. Nach wessen Urteil soll man sich richten? Eigentlich nur nach dem eigenen. Was bleibt von einem, wenn man die Bewertung der anderen subtrahiert? Wie viel Erlaubnis gebe ich mir?

3 In welchen Momenten fühle ich mich lebendig, verbunden und im Einklang mit mir?
Diese Momente sind oft mit körperlichen Reizen verbunden, zum Beispiel mit Gänsehaut oder einem warmen, wohligen Gefühl. Es sind die Momente, wenn man am meisten im Hier und Jetzt ist. Eine ergänzende Frage könnte sein: Wofür begeistere ich mich?