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„Unsere Kinder könnten sich doch mal verabreden“ – Kann man Freundschaft erzwingen?

Elternfrage: „Wiederholt hat mich eine Freundin gefragt, ob sich unsere Töchter (11) nicht mal verabreden möchten. Aber meine Tochter verabredet sich nicht so gern mit ihrer Tochter. Mir fällt es schwer, ihnen abzusagen. Soll ich meine Tochter überreden oder meiner Freundin die Wahrheit sagen?“

Ihre Tochter steht an der Schwelle zum Jugendalter und braucht in ihren sozialen Beziehungen ein immer größer werdendes Mitbestimmungsrecht. Aus diesem Grund sollten Sie das Nein Ihrer Tochter unbedingt ernst nehmen und die Grenze Ihrer Tochter schützen.

Solange Kinder noch jünger sind, stehen sie häufig in Kontakt miteinander, weil sich ihre Eltern treffen. Kleinere Kinder spielen miteinander, ohne dass sie untereinander immer die besten Freunde sein müssen. Das ändert sich jedoch mit dem Alter. Kinder lösen sich von den Eltern und ändern ihre Bedürfnisse. Dann sind Gleichaltrige nicht mehr vorrangig zum Spielen da, sondern um sich über ihre Lebenswelt, Interessen und Träume auszutauschen. So können tiefere Freundschaften entstehen, die ein Vertrauensverhältnis und eine Freiwilligkeit voraussetzen. Dies sollte unbedingt geachtet werden.

Selbstbestimmung des Kindes

Wenn die Wellenlänge zwischen Ihrer Tochter und der Tochter Ihrer Freundin nicht stimmt, ist das schade, aber kein Grund, aus Gefälligkeit der Mutter gegenüber Druck auf die eigene Tochter auszuüben. Denn Verabredungen oder gar Freundschaften können nicht erzwungen werden. Auf der einen Seite ist Ihr Wunsch, Ihre Freundin nicht vor den Kopf zu stoßen, berechtigt und nachvollziehbar. Auf der anderen Seite ist es aber Ihre Aufgabe als Mutter, Ihrer Tochter in ihren Beziehungen möglichst viel Gestaltungsfreiheit zu geben. In dieser Abwägung ist es ratsam, dass Sie die Selbstbestimmung Ihrer Tochter über das eigene Harmoniebedürfnis stellen.

Als Mütter befreundet bleiben

Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie mit Ihrer Freundin in einen offenen und ehrlichen Austausch gehen. Hier könnten Sie das Gespräch mit der Frage beginnen, warum es ihr so wichtig ist, dass sich die Mädchen treffen. Vielleicht steckt hinter diesem Wunsch die Sorge, dass sich die Tochter zu sehr isoliert oder ihre Freizeit nicht sinnvoll gestalten kann. Vielleicht sind es falsche Freunde, mit denen sich das Mädchen trifft, weshalb Ihre Freundin einen Handlungsbedarf sieht. Auch die Frage, was denn die Tochter selbst möchte, könnte helfen, die Situation etwas klarer werden zu lassen.

Durch solche Fragen schaffen Sie eine Vertrauensbasis, und Ihre Freundin fühlt sich mit ihren Anliegen gesehen. Möglicherweise können Sie auf diesem Weg gemeinsam Ideen entwickeln, wie Ihre Freundin gut für ihre eigene Tochter sorgen kann.

Wenn Sie an dieser Stelle klar benennen, dass Sie die Grenze Ihrer Tochter bewahren wollen, kostet das sicherlich etwas Überwindung, aber ohne Ehrlichkeit wird das Thema langfristig nicht zur Ruhe kommen. Erklären Sie Ihrer Freundin, dass Sie persönlich einen Kontakt zwischen den beiden Mädchen befürworten würden, aber die Entscheidung Ihrer Tochter respektieren möchten. Ich bin sicher, dass Ihre Tochter Ihnen das danken wird. Und eine Freundschaft unter Erwachsenen sollte es aushalten, dass eine Bitte abgelehnt wird, wenn das in Wertschätzung und Respekt geschieht.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Mehr Freundschaft, weniger Leidenschaft? Beziehungsexperte klärt auf

Schadet es dem Sexualleben, wenn man einander zu gut kennt? Paarcoach Marc Bareth erklärt, wie Sie dieser Dynamik entgehen und wie die Leidenschaft bleibt.

Alex fragt sich, ob die größere emotionale Nähe auch ein Grund für die fehlende Leidenschaft zwischen Julia und ihm sein könnte. Wehmütig denkt er an ihre Anfänge zurück, als sie kaum die Finger voneinander lassen konnten. Inzwischen ist ihre Freundschaft gewachsen und sie fühlen sich viel vertrauter. Gemeinsam haben sie Hürden überwunden, eine tiefe Verbundenheit aufgebaut. Doch genau diese Nähe erscheint Alex jetzt wie ein Hindernis für ihr Liebesleben.

Bindung durch Sex

Vielen Menschen fällt es leicht zu glauben, dass emotionale Nähe zu einer unbefriedigenderen Sexualität führt, weil es sich mit ihren eigenen Erfahrungen zu decken scheint. Sie erinnern sich, dass sie in ihren schlechtesten Beziehungen am meisten sexuelle Anziehung verspürten. Oder dass sie sich in emotional distanzierten Phasen körperlich besonders zueinander hingezogen fühlten. Solche Erfahrungen sind weit verbreitet. Sie bedeuten aber nicht, dass weniger emotionale Nähe zu besserem Sex führt, sondern lassen sich dadurch erklären, dass in diesen Beziehungen die Bindung bedroht war und die Partner sich deshalb durch Sex aneinander binden wollten.

Wenn die emotionale Nähe in einer Beziehung wächst, entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese Intimität kann die anfängliche Aufregung und sexuelle Spannung, die oft mit dem Unbekannten und Abenteuerlichen verbunden ist, verringern. Dieser Effekt wird jedoch mehr als aufgewogen durch die Tatsache, dass Menschen sich sicherer, offener und freier fühlen, ihre sexuellen Wünsche zu äußern und auszuleben, wenn eine starke emotionale Bindung besteht. Emotionale Nähe schafft Vertrauen, Offenheit und emotionale Sicherheit – alles wichtige Grundlagen für eine erfüllende Sexualität. Deshalb ist sich die überwiegende Mehrheit von Wissenschaftlerinnen und Experten einig, dass mehr emotionale Nähe zu einem besseren, nicht zu einem schlechteren Sexualleben führt.

Zuviel Routine

Dass es bei Julia und Alex im Bett nicht mehr rundläuft, kann alle möglichen Gründe haben. Vielleicht hat das Älterwerden bei beiden Spuren hinterlassen, oder sie haben inzwischen andere Lebensprioritäten, die weniger Raum für Intimität lassen. Es könnte aber auch an mangelnder Offenheit und Neugier für Neues liegen, dass das Liebesleben zu routiniert und damit langweilig geworden ist. Ungeklärte Konflikte, die unbewusst in ihre Sexualität hineinwirken und die Leidenschaft hindern, könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Hinzu kommen möglicherweise veränderte Hormonspiegel, die das Verlangen beeinflussen, oder eine zu enge Vorstellung davon, was Sex eigentlich ist und wie er ablaufen soll.

All das sind mögliche Erklärungen. Aber ganz sicher liegt es nicht daran, dass sich die beiden jetzt emotional näher sind als zu Beginn ihrer Partnerschaft. Diese Interpretation ist nicht nur falsch, sie ist auch schädlich. Sie führt zu Resignation, anstatt den Blick für die wahren Auslöser zu öffnen. Wenn Paare hingegen gemeinsam an den Ursachen arbeiten oder neue, für die aktuelle Lebensphase passende Formen der gemeinsamen Sexualität suchen, können sie die Sexualität in ihrer Beziehung mit Leidenschaft wiederbeleben.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Er bloggt unter familylife.ch/five

Unter einem Dach – Nur noch Augen für die Freundin?

Elternfrage: „Mein Sohn (16) hat zum ersten Mal eine Freundin. Er ist sehr glücklich und fast jeden Tag mit ihr zusammen. Mit seinen Freunden trifft er sich kaum noch. Sollte ich ihn darauf hinweisen?“

In meiner Ausbildung zur Beraterin habe ich gelernt, dass wir Kindern keine Ratschläge erteilen sollten, denn es seien doch Schläge. Schläge kommen nicht gut an und führen meistens zum Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen. Alles schön und gut, aber wenn es um das eigene Kind geht, sieht die Sache anders aus, oder? Denn manchmal würde man sie doch am liebsten rütteln, die lieben Pubertiere, wenn sie ganz andere Vorstellungen haben als wir Eltern. Es ist schwer zu ertragen, wenn sie unsere wohlgemeinten Ratschläge nicht hören wollen. Wenn sie dann auch noch mit dem anderen Geschlecht ins Haus kommen, die Hormone verrücktspielen und sich alles in die rosarote Wolke einhüllt: Dann bekommen wir Eltern unsere Kinder gar nicht mehr zu sehen. Da stehen wir dann mit unseren Erfahrungen und Wahrnehmungen und fragen uns, wie wir durch den rosaroten Dunst und die Hormone zu unseren Kindern durchdringen und sie vor dem Untergang retten können.

Ehrlich sein

Mir helfen in diesen Momenten die banalen Ich-Botschaften. Ich möchte mir und meinen Gefühlen genauso treu bleiben, wie meine Kinder eine Chance verdienen, ihren eigenen Weg finden zu dürfen. Meine Kinder wissen: Wenn ich sie frage, ob sie mal kurz Zeit für mich hätten, sollten sie am besten nicht „Nein!“ sagen. Dann benenne ich die Dinge, die mir aus meiner Mama-Perspektive auf der Seele brennen, die mir aufgefallen sind oder warum ich vielleicht Sorge um ihr Wohl habe. Mit diesen Ich-Botschaften versuche ich, sie nicht mit wohlgemeinten Ratschlägen zu erschlagen, sondern ihnen auf Augenhöhe meine Wahrnehmung sowie die Konsequenzen ihres Handels zu präsentieren. Sie dürfen dann entscheiden, wie für sie das beste weitere Vorgehen aussehen könnte. Ich weiß nach einem solchen Gespräch: Ich konnte ihnen sagen, was mir wichtig ist, und ich habe authentisch gehandelt.

Aus Erfahrung lernen

Ihr Sohn wird womöglich erfahren, dass sich Freunde abwenden, weil er eine ganze Zeit lang nur Augen für die Freundin hatte. Aber er wird aus den gewonnenen Erfahrungen lernen und vielleicht mehr mitnehmen, als wenn Sie als Eltern ihn in Watte gepackt oder von oben herab interveniert hätten. Er hat aber auch Ihre elterliche Perspektive gehört und nun die Wahl, diese zu überdenken und anzuwenden. Und dann stellt er vielleicht fest, dass Eltern in der Pubertät nicht immer nur schwierig sind, sondern es ab und zu auch mal gut meinen.

Stefanie Böhmann ist Pädagogin und individual-psychologische Beraterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Schüchternes Kind findet keine Freunde? Das können Eltern tun!

Wenn schüchterne Kinder Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden, können Eltern helfen. Bestseller-Autorin Nicola Schmidt gibt vier Tipps.

Es ist gut, sich die Frage zu stellen, wie wir in die Freundschaften unserer Kinder investieren können: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).

6 bis 10 – Wie finden schüchterne Kinder Freunde?

Elternfrage: „Meine Tochter (7) ist schüchtern und zurückhaltend gegenüber anderen Kindern. Ihr fällt es schwer, Freunde zu finden. Wie können wir sie dabei unterstützen?“

Es ist gut, diese Frage zu stellen und in die Freundschaften unserer Kinder zu investieren: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).

Auf das, was da noch kommt!

Das „leere Nest“ schenkt Freiräume für Beziehungen, die mal nichts mit den Kindern zu tun haben. Irina Ort mit Anregungen, wie alte Freundschaften wiederbelebt und neue gewonnen werden können.

Zwischen Geburt und Loslassen der Kinder stecken jede Menge Erlebnisse, Geschichten und Erfahrungen. Durch oder wegen der Kinder haben sich ein paar von den damals bereits bestehenden Freundschaften gefestigt. In der Kleinkind- und Kindergartenphase sind aber auch neue Freundschaften entstanden. Ich erinnere mich an unzählige Male, wo wir uns mit oder wegen unserer Kinder trafen und zwischen uns Erwachsenen eine Freundschaft begann. Diese Freundschaften waren praktisch, alltagstauglich und gleichzeitig Gold wert. Wir trafen uns auf Spielplätzen, unternahmen gemeinsame Ausflüge und halfen uns gegenseitig mit dem Babysitten aus. Wenn wir uns als Paar ein paar kinderfreie Tage gönnen wollten, vertrauten wir uns gegenseitig die Kinder an. Kinder waren ein großer gemeinsamer Nenner unserer Freundschaften.

Jetzt sind die Kinder erwachsen. Die Lebensschwerpunkte verlagern sich. Ich stelle fest, dass ich und wir als Paar immer mehr Freiräume haben. Wir haben mehr Zeit. Ich habe mehr Zeit. Doch wie sieht es eigentlich mit meinen und unseren Freundschaften aus? Ich stelle auch fest, dass ich mich nun tatsächlich weniger mit Freunden treffe und gefühlt auch weniger Freunde habe. Das bringt mich dazu, über das Thema Freundschaft nachzudenken.

Freundschaft zu mir selbst

 

In dieser Umbruchzeit wird es mir besonders wichtig, mir selbst eine gute Freundin zu werden oder wieder zu sein. Eine Freundschaft zu mir selbst bedeutet, bewusst „Ja“ zu mir zu sagen, mich selbst annehmen zu können, meine Begrenzungen und Schwächen zu kennen und meinen Stärken mehr Raum zu geben. Ich darf neugierig werden, auf Entdeckungsreise gehen und Neues mit meinen bereits erworbenen Erfahrungen kombinieren. Ich darf aber auch lernen, das Älterwerden zu akzeptieren. Die einzige Konstante ist bekanntlich die Veränderung. Wie begegne ich ihr in diesem neuen Lebensabschnitt?

Freundschaft zu meinem Mann 

 

Schon am Anfang unserer Ehe war uns beiden klar: Wenn wir eines Tages Kinder bekommen, werden diese nach einer gewissen Zeit unser Nest verlassen. Genauso klar war und ist es, dass wir beide bleiben werden. Für jedes Paar ist es eine besondere Herausforderung, sich zwischen den Wäschebergen, den beruflichen Weiterbildungen, dem Hausbau, dem Ehrenamt und vielem mehr nicht aus den Augen zu verlieren. Für uns beide war die Wochenendbeziehung, der wir beruflich bedingt fünfeinhalb Jahre ausgesetzt waren, ein zusätzlicher Spagat.

Jetzt, in dieser neuen Lebensphase mit den neuen Freiräumen, stellen wir uns bewusst diese Fragen: Was wollen wir in unserer Beziehung wiederbeleben? Was wollen wir neu entdecken? Welchen Traum (den wir durch die intensive Familienphase auf Eis gelegt haben) wollen wir weiterverfolgen?

Die Anschaffung eines Fahrradanhängers macht es uns möglich, unsere fast vergessene Leidenschaft des gemeinsamen Fahrradfahrens wiederzubeleben und auszuweiten. Mit dem wöchentlichen Terminblocker „unsere Zeit“ halten wir uns bewusst die Zeit füreinander frei. Auch wenn das nicht immer klappt, wissen wir: Wer nicht plant, der wird vom Alltag überrollt und verplant. Wir beide haben Träume, einer davon ist es, ein Sabbat(halb)jahr im Ausland zu verbringen.

Alte Freundschaften wiederbeleben

 

Beim Gedanken an die alten Freundschaften habe ich bestimmte Gesichter vor Augen. „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ – dieser Spruch auf einer Karte, die ich bei mir zu Hause entdeckt hatte, brachte mich auf den Gedanken, selbst aktiv zu werden.

Mir ist klar, dass eine Freundschaft kein Selbstläufer ist. Freundschaften sind enorm wichtig und wollen, ja sollten gepflegt werden. Dann kommt das ABER: Wenn die räumliche Distanz nicht wäre … Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesprochen … Wir leben in ganz unterschiedlichen Welten … Es ist schwierig, einen gemeinsamen Termin zu finden … Die könnte sich auch mal melden … Diese Gedanken verhindern häufig das Wiederbeleben alter Freundschaften.

Ich habe mich meinem ABER in den Weg gestellt, indem ich den Kontakt zu der Tochter meiner Freundin aufnahm. Ich erklärte ihr mein Vorhaben, ihre Mutter – meine Freundin – zu überraschen und beauftragte sie, ein paar wichtige Dinge für mich in Erfahrung zu bringen. Bevor ich mir ein paar Tage freinahm, musste ich ganz sicher sein, dass meine Freundin an dem Tag keine weiteren Termine und tatsächlich Zeit hätte. Nachdem ich von der Tochter grünes Licht bekam, reservierte ich auf den Namen meiner Freundin einen Tisch für uns zwei. Meine Vorfreude und die Aufregung wuchsen. Ich würde die Freundin bald wiedersehen, die ich durch den Kindergarten unserer Kinder kennen- und schätzen gelernt hatte. Wir beide sind wie Hanni und Nanni durch dick und dünn gegangen. Ganz zufällig bekamen wir zeitgleich eine Mutter-Kind-Kur genehmigt. Gemeinsam mit unseren sechs Töchtern (wir haben jeweils drei) verbrachten wir eine unvergessliche Zeit in Cuxhaven. Lang ist es her. Ich wollte diese Freundschaft auf jeden Fall wiederbeleben.

Zwei Tage vor unserem gemeinsamen Date erfuhr meine Freundin von ihrer Tochter, dass sie an dem besagten Donnerstag ein Date habe. Sie teilte ihr auch mit, dass der Tisch auf ihren Namen reserviert sei und sie sich auf das Date freuen könne. Nun wuchs die Spannung auch bei meiner Freundin. Sie fragte sich, wen sie dort wohl antreffen würde. Endlich kam der Tag unseres Treffens. Ich war absichtlich etwas früher im Lokal. Meine Freude war groß, auch, weil wir einen tollen Tisch abseits, mit einem Ausblick, bekamen. Nachdem ich mit der Kellnerin gesprochen und ihr von meinem ganz besonderen Date erzählt hatte, war sie gerührt und auch bereit, „mitzumachen“. Ich bat sie, meine Freundin zum Tisch zu führen (währenddessen stand ich in einem „Versteck“, von dem aus ich alles beobachten konnte). Ich bat die Kellnerin außerdem da-rum, meiner Freundin die Speisekarte und auch die Karte mit dem Spruch „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ zu überreichen. Ich wartete etwas, um die Spannung noch mehr aufzubauen. Dann ging ich zum Tisch …

Mit einer gelungenen Überraschung, einer unbezahlbaren Erinnerung und unendlich dankbar fuhr ich wieder nach Hause. Es war so wie früher gewesen – unbeschreiblich wertvoll und schön. Jetzt bin ich gespannt, wann und wo die Karte, die ich nach unserem Treffen mit dem Datum versehen habe und diese als „Wanderpokal“ meiner Freundin überlassen habe, in meine Hände zurückkommen wird.

Das beste Mittel, alte Freundschaften wiederzubeleben, ist, sich bewusst Zeit zu nehmen. Übe Gastfreundschaft, lade alte Freunde einfach mal wieder zu dir ein. Vielleicht ist auch ein neutraler Ort eine bessere Variante, zum Beispiel ein ganzes Wochenende gemeinsam in einem Ferienhaus. Zusammen kochen, reden, spazieren gehen, spielen, lachen – das wie in früheren Zeiten zu erleben, tut so gut!

Nicht alle Freundschaften, die ich versucht habe wiederzubeleben, ließen es tatsächlich zu. Einige musste ich schweren Herzens loslassen. Die Erkenntnis, dass es Freundschaften für eine bestimmte Zeit gibt und diese nicht lebenslang halten müssen, befreite mich von einer falschen Erwartungshaltung. Beziehungen baut man nicht, man sät sie. Diese Tatsache machte mir klar, dass ich in der neuen Lebensphase auch neue Beziehungen säen will.

Neue Freundschaften säen

 

Die erste Frage, die sich beim Säen stellt: Geht da überhaupt etwas auf? Wird da tatsächlich eine Freundschaft entstehen? Wenn ja, was wird da wohl wachsen? Ich möchte keine Freundschaft erzwingen, vielmehr einen Freiraum für die einzigartige Entfaltung geben.

Eine gemeinsame Israelreise ist der Ursprung einer neuen Freundschaft gewesen. Diese flüchtige Urlaubsbekannte war eine der ersten Frauen, die ich als Teilnehmerin beim Body-Spirit-Soul-Kurs, den ich für Frauen anbiete, begrüßen durfte. Nach dem Kurs sprang der Freundschaftsfunke über. Heute sind wir Freundinnen und mit einem großen Herzen für die Arbeit mit Frauen gemeinsam unterwegs.

Wenn wir säen, haben wir keine Garantie, dass etwas aufgehen und wachsen wird. Wir können mit einer einjährigen Blume, einem Begleiter für eine bestimmte Zeit, beschenkt werden. Wir können aber auch mit einem Baum, der Jahr für Jahr Früchte tragen wird, überrascht werden. Bei beidem ist es wichtig, aktiv zu werden, sich auf Menschen einzulassen, zu geben und abzuwarten, ob dies erwidert wird.

Die gemeinsamen Nenner der neu entstehenden Freundschaft werden jetzt sicherlich nicht mehr die Kinder sein. Vielleicht ist es zuerst der gemeinsame Kaffee, das gemeinsame Wandern, die Leidenschaft fürs Nähen oder eine Weiterbildung. Für den Beginn einer neuen Freundschaft können es ganz unterschiedliche gemeinsame Nenner sein. Hüte nicht nur die Schätze der Vergangenheit: Werde aktiv, öffne dich, öffne dein Haus für neue Freundschaften.

Irina Ort lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Heidelberg. Sie arbeitet als Lebensberaterin, DISG-Trainerin und Lebe-leichter-Coach in ihrer eigenen Praxis. www.einblick-schafft-durchblick.de

„Mit wem trifft sie sich?“ Wenn Eltern die Freunde ihrer Kinder nicht mehr kennen …

Ab einem gewissen Alter haben Teenager elternfreie Zonen mit eigenen Freunden. Pädagogin Sonja Brocksieper rät dabei zur Gelassenheit.

„Früher wussten wir immer, mit wem unsere Tochter (16) befreundet ist. Mittlerweile kennen wir ihre Freundinnen und Freunde nicht mehr. Ist das normal oder sollten wir uns irgendwie bemühen, sie kennenzulernen?“

Jahrelang haben Sie Ihre Tochter intensiv begleitet, waren in die Kinderfreundschaften involviert, haben diese gefördert oder eben auch bewusst nicht. So ist es erstmal seltsam und befremdlich, wenn Sie nicht mehr alle ihre Freunde so gut kennen, wie das früher der Fall war. Vermutlich schwingt auch die Sorge mit, dass Ihre Tochter Kontakte pflegt, die ihr nicht guttun könnten?

Jugendliche brauchen Freiraum

Es ist ein normaler Entwicklungsschritt, wenn Jugendliche immer mehr eigene Lebensbereiche haben. Für die Heranwachsenden sind elternfreie Zonen wichtig, in denen sie sich unter Gleichaltrigen ausprobieren und ihre Sozialkompetenzen schulen können. Sie brauchen den Freiraum, Freundschaften eigenständig gestalten zu können. Solange Sie nicht den Eindruck haben, dass Ihnen Ihre Tochter extra etwas verheimlicht, ist diese Entwicklung also unbedenklich.

Interesse zeigen

Das bedeutet aber nicht, dass Sie sich als Eltern komplett aus den Kontakten Ihrer Tochter heraushalten sollten. Auch in diesem Alter ist es angemessen, Interesse an den Freundschaften zu zeigen und über die engsten Freunde Bescheid zu wissen. Fragen Sie ruhig immer wieder mal vorsichtig nach, mit wem und wo sich Ihre Tochter trifft. Ist die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Tochter entspannt, wird es ihr vermutlich leichtfallen, von ihren Freunden zu erzählen. Etwas schwieriger ist es, wenn der Umgang insgesamt eher spannungsreich ist, sodass Sie vermutlich weniger Infos bekommen.

Party Zuhause?

Aus diesem Grund ist es zunächst wichtig, dass Sie in eine vertrauensvolle Beziehung investieren. Je mehr Vertrauen Eltern signalisieren, desto mehr sind Jugendliche bereit, sie in ihr Leben schauen zu lassen. Auf dieser Grundlage können Sie ruhig zum Ausdruck bringen, dass Sie die Freunde auch mal kennenlernen möchten. Öffnen Sie Ihr Haus und geben Sie Ihrer Tochter die Gelegenheit, ihre Freunde mitzubringen. Wenn sie sie zum Beispiel zu ihrer Geburtstagsparty nach Hause einlädt, ist ein netter und lockerer Kontakt zu den Freunden zu Beginn der Party durchaus angemessen. Aber dann ist es auch ratsam, die Jugendlichen ihre eigene Party feiern zu lassen. Zeigen Sie Präsenz, ohne sich dabei den Freunden und Ihrer Tochter aufzudrängen oder gar anzubiedern.

Aufmerksam bleiben

Wenn Ihre Tochter ein selbstbewusster Teenager ist, können Sie mit einer gesunden Portion Gelassenheit an das Thema herangehen. Vertrauen Sie Ihrer Tochter, dass Sie sich ein gutes Umfeld aussuchen wird. Wenn es allerdings ernsthafte Gründe für die Annahme gibt, dass sich Ihre Tochter in einem gefährlichen Umfeld aufhält oder wenn sie Veränderungen an ihr wahrnehmen, sollten Sie nicht tatenlos zusehen. Sobald Sie das Gefühl haben, dass die Freunde Ihrer Tochter schaden oder dass sie Ihnen entgleitet, sollten Sie bewusst das Gespräch mit ihr suchen und eventuell auch externe Hilfe in Anspruch nehmen.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. 

Kein Beziehungsratgeber half diesem Paar. So wurden sie trotzdem ein Team

Früher schrien sich Jennifer Zimmermann und ihr Mann wochenlang abends an. Heute ist ihr Partner gleichzeitig ihr bester Freund.

Man sollte es gleich zu Anfang wissen: Wir sind kein Vorzeigepaar. Ich sehe uns heute noch in unserer ersten Wohnung am Frankfurter Westbahnhof sitzen. Draußen donnerten die Güterzüge und drinnen las ich mit roten Ohren das Kapitel über Sex aus unserem Eheratgeber vor. Zehn von zwanzig Kapiteln lang übten wir uns in größtmöglicher Offenheit und wälzten Vorstellungen über Geld und Rollenbilder. Die letzten zehn Einheiten lasen wir nie. Das einzige Buch, das wir gemeinsam (fast) bis zum Ende gelesen haben, enthielt gesammelten Poetry Slam. Das Ehebuch lag unterdessen auf dem Couchtisch und starrte uns vorwurfsvoll an, weil wir offenbar keinen stabilen Grundstein für unsere Beziehung legen wollten.

Viele Ratschläge

Ich kam mit neuen Büchern und Seminarangeboten nach Hause. Mein Angetrauter verdrehte die Augen. Zurecht. Er konterte mit einer Auswahl von Restaurants, in die er mich für ein Ehedate entführen wollte. Ich seufzte, weil in mir ein kleiner grummeliger Zwerg mit Kontrollzwang wohnte, der es überhaupt nicht leiden konnte, wenn jemand anderes sein Essen kochte. Freunde erzählten mir, wie sie in ihre Beziehung investierten. Welche Rituale sie bewusst in ihren Alltag einflochten. Wie sie das gemeinsame Gebet jeden Abend durch persönliche Probleme trug. Wie dieses oder jenes Kommunikationsseminar die Weichen für ihre gemeinsame Zukunft gestellt hatte. Und ich seufzte wieder und schämte mich ein bisschen.

Bedienungsanleitung falsch verstanden

Zu Beginn unserer Ehe war ich mir sicher: Wir hatten etwas an der Bedienungsanleitung für unsere Ehe falsch verstanden. Wie konnte all das, was uns stark machen sollte, all das, was eine Partnerschaft bereichern sollte, sich so verkehrt anfühlen? So furchtbar verkrampft? Würde unsere Ehe es ohne all die Investitionen und die wohlgepflegten Rituale durch die Abgründe schaffen, die sich im Leben manchmal so plötzlich auftun?

Augenringe bis zum Boden

Der erste Abgrund kam schneller als gedacht. Schwerfällig stapften wir durch den unerwartet tiefen Sumpf frisch gebackener Elternschaft: durchwachte Nächte und völlige Fremdbestimmung. Mein Mann machte sein Examen und startete ins Referendariat. Wir bekamen ein zweites Kind. Tageweise entlud sich all die Anspannung in erbitterten Kämpfen, die wir abends auf dem Sofa ausfochten. Tagsüber waren wir zwei abgeschaffte, zerzauste Menschen mit hängenden Schultern und Augenringen bis zum Boden, die um alles in der Welt versuchten, ihre Kinder nicht anzuschreien.

Zwei Freunde

In dieser Zeit waren wir vor allem eins: Freunde. Zwei Freunde, die sich hin und wieder auf die Schultern klopften. Zwei Freunde, die beschlossen hatten, gemeinsam durch die guten und die schlechten Zeiten zu gehen. Und das taten wir. Ein heimlicher Beobachter hätte vielleicht diagnostiziert, dass wir nebeneinander her lebten, so still, wie wir unserer Wege gingen. Aus unserer Perspektive aber sah alles ganz anders aus. Ausgelaugt und verzweifelt klammerten wir uns wortlos an den einzigen anderen Menschen, der mit im Boot saß. Abends trafen wir uns auf der Couch zu unserer Lieblingskrimiserie. Ich schlief auf der Couch ein. Er weckte mich und schickte mich ins Bett. Und am nächsten Morgen standen wir wieder auf und stellten uns gemeinsam dem Chaos, das unser Leben geworden war. Jeder an seiner Front.

Sonntage in der Notaufnahme

Von allen Seiten schien man uns zuzuschmettern, dass wir um alles in der Welt nicht „nur“ Eltern sein dürften. Wir hörten uns schlotternd die Warnungen an. Was würde mit uns passieren, wenn die Kinder eines Tages auszögen? Das Ende war wohl vorprogrammiert. Wir zitterten. Kurz. Dann wechselten wir wieder Windeln, machten die Nächte durch, gingen arbeiten und verbrachten unzählige Sonntage mit einem fiebernden Kind in der Notaufnahme.

Immer noch ein Team

Und eines Tages blickten wir über die Schultern und stellten fest, dass wir das Schlimmste hinter uns hatten. Wir blickten an uns herab und stellten fest, dass wir uns immer noch an den Händen hielten. Irgendwann in dieser Zeit kam der Moment, in dem mir klar wurde, dass wir uns nicht mehr zu dem Paar entwickeln würden, das in meinem Kopf wohnte. Wir waren anders, als ich gedacht hatte. Wir konnten einander immer noch zum Lachen bringen. Wir bewunderten einander immer noch für den Umgang mit unseren Kindern. Wir arbeiteten immer noch als Team. Und wir lernten zu schätzen, was wir miteinander hatten, statt uns krampfhaft in eine Form zu pressen, in die wir nicht passten.

Nur überleben

Zeiten des Ausnahmezustands sind keine glorreichen Zeiten. Egal, ob wir ein neues Familienmitglied durch die ersten Monate begleiten, ein Elternteil pflegebedürftig wird oder eine Krankheit die Familie durchschüttelt – es gibt Zeiten, in denen wir nur überleben. Es gibt Zeiten, in denen unsere Ehe nur überlebt. Aber zu wissen, dass der Mann an meiner Seite versprochen hat, mich auch noch morgen zu lieben, egal, wie müde und elend ich heute durch die Wohnung geschlurft bin – das ist eins der größten Geschenke in meinem Leben.

Trotz allem

Es sind Zeiten wie diese, in denen ich den Wert von Treue schätzen gelernt habe. Von Zuverlässigkeit. Und Freundschaft. Es sind Zeiten wie diese, in denen ich gelernt habe, dass Liebe etwas anderes ist als die Summe der schönen gemeinsamen Stunden. Denn wie mein Mann in dieser Zeit zu seiner müden Frau gehalten hat, das erklärt meinem Herz etwas darüber, wie treu auch Gott ist. Wie zuverlässig. In einer Zeit, in der auch mein Glaube nur knapp überlebte, gab es keine deutlichere Botschaft, als jeden Morgen aufzuwachen und meinen Mann neben mir zu finden. Immer noch. Trotz allem.

Alle suchen den idealen Partner

In dem Buch „Ehe“, das der US-amerikanische Pastor Timothy Keller 2011 gemeinsam mit seiner Frau Kathy veröffentlichte, beschreibt er einen Wandel im Verständnis von Ehe. „Früher ging es in der Ehe um uns, jetzt geht es um mich.“ Vergangene Jahrhunderte haben die Ehe als ökonomische und soziale Institution begriffen. Heute tritt der verständliche Wunsch nach Selbstverwirklichung in den Vordergrund, wenn es um die Erwartungen an eine Beziehung geht. In einer von Keller zitierten Studie suchen die befragten Singles vor allem nach Partnern, für die sie sich nicht ändern müssen. Sie suchen „den idealen Partner, einen Menschen, der glücklich, gesund, interessant und mit dem Leben zufrieden ist. Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es eine Gesellschaft gegeben, die so voller Menschen war, die alle den idealen Partner suchten.“

Der Prinz auf dem weißen Pferd

In einer Zeit, in der die Geschichte vom Prinzen auf seinem weißen Pferd in allen Schattierungen von Hollywood ausgeschlachtet worden ist, drängt sich die Überlegung auf, ob das Warten auf den idealen Partner, den „Seelenverwandten“, nicht alles leichter gemacht hätte. Meist kann ich diese Frage nach einigem Gedankenwälzen unter „Selbstoptimierung“ verstauen. In meinem Leben nimmt sie einen ähnlichen Stellenwert ein wie die Frage, ob regenbogenfarbene Haare mein Leben besser – weil bunter – machen würden. Etwa fünf Minuten lang erscheint sie wirklich dringend. Dann rastet mein Fünfjähriger aus, weil die Nudeln alle sind und ich blicke in das tiefenentspannte Gesicht meines Mannes und weiß wieder, dass ich hier richtig bin. Aber die Frage nach dem idealen Partner ist nicht für jeden so eindeutig zu lösen wie für mich. Und manchmal scheint es so, als ob wir, wenn wir an der Optimierung unserer Partnerwahl scheitern – und das tun wir immer, egal wie gründlich wir suchen – mit der Optimierung unserer Beziehungen weitermachen.

Gegen den Optimierungswahn

Wie wir mit Ehe umgehen, erinnert mich manchmal an meinen Pinterest-Account. Ständig werden mir Bilder von perfekten Lösungen für meine Wohnprobleme vorgeschlagen. Aber Paare lassen sich viel schwerer optimieren als Wohnzimmer. Paare sind zwei komplexe Menschen mit vielen Jahren Leben im Gepäck und jeder hat einen Reisekoffer voller rumpelnder Gedanken, den er hinter sich herzieht.

Ich durfte zu der liebevollen Erkenntnis kommen, dass es ok ist, nicht das Paar zu sein, das ständig investiert und optimiert. Dass es sogar ok ist, ein paar Wochen lang das Paar zu sein, das sich abends anschreit, wenn uns das am Ende einen Schritt weiterbringt. Es kann sich vollkommen richtig anfühlen, Eheratgeber zu lesen und gemeinsam Seminare zu besuchen. Aber es gibt tausend andere Möglichkeiten, eine Ehe zu einem guten Ort für beide Partner zu machen. Für uns ist es tausendundein Gespräch, das wir den Tag über zwischen Tür und Angel führen. Es sind die Insider, die nur wir verstehen. Der gelegentliche kinderfreie Nachmittag mit einem heimlichen Eis. Und dann gibt es die schlechten Zeiten. Die, in denen wir auf dem Zahnfleisch gehen. Manchmal reicht es dann, wenn der andere über deinen schrägen Witz lacht. Wenn einer weiß, wie du deinen Kaffee trinkst. Wenn du mit deinem besten Freund unter einem Dach wohnst und irgendwie versuchst, das Lebenschaos zu managen. Ja, wirklich, es gibt Zeiten, da reicht Freundschaft voll und ganz. Vergiss nur nicht, ab und zu auf die starke Schulter neben dir zu klopfen.

Jennifer Zimmermann lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Bad Homburg. Vor einigen Monaten ist ihr erstes Buch erschienen: „Als Gott mich fallenließ. Vom Ausharren und Weitergehen mit ihm“ (SCM R.Brockhaus).

Freundschaft in Wüstenzeiten

Jennifer Zimmermann hatte immer mit einem Idealbild von der christlichen Ehe zu kämpfen. Mittlerweile hat sie gemerkt: Eine Ehe lässt sich nicht so leicht optimieren und die Freundschaft zu ihrem Mann trägt auch durch Wüstenzeiten.

Man sollte es gleich zu Anfang wissen: Wir sind kein Vorzeigepaar. Ich sehe uns heute noch in unserer ersten Wohnung am Frankfurter Westbahnhof sitzen. Draußen donnerten die Güterzüge und drinnen las ich mit roten Ohren das Kapitel über Sex aus unserem Eheandachtsbuch vor. Zehn von zwanzig Kapiteln lang übten wir uns in größtmöglicher Offenheit, wälzten Vorstellungen über Geld und Rollenbilder, endeten in abwechselndem Gebetsgestotter. Die letzten zehn Andachten lasen wir nie. Das einzige Buch, das wir gemeinsam (fast) bis zum Ende gelesen haben, enthielt gesammelten Poetry Slam. Ohne Gebetsaufforderungen. Das Andachtsbuch lag unterdessen auf dem Couchtisch und starrte uns vorwurfsvoll an, weil wir offenbar keinen stabilen Grundstein für unsere Ehe legen wollten.

Ich kam mit neuen Büchern und Seminarangeboten nach Hause. Mein Angetrauter verdrehte die Augen. Zurecht. Er konterte mit einer Auswahl von Restaurants, in die er mich für ein Ehedate entführen wollte. Ich seufzte, weil in mir ein kleiner grummeliger Zwerg mit Kontrollzwang wohnte, der es überhaupt nicht leiden konnte, wenn jemand anderes sein Essen kochte. Freunde erzählten mir, wie sie in ihre Beziehung investierten. Welche Rituale sie bewusst in ihren Alltag einflochten. Wie sie das gemeinsame Gebet jeden Abend durch persönliche Probleme trug. Wie dieses oder jenes Kommunikationsseminar die Weichen für ihre gemeinsame Zukunft gestellt hatte. Und ich seufzte wieder und schämte mich ein bisschen.

BEDIENUNGSANLEITUNG FALSCH VERSTANDEN

Zu Beginn unserer Ehe war ich mir sicher: Wir hatten etwas an der Bedienungsanleitung für unsere Ehe falsch verstanden. Wie konnte all das, was uns stark machen sollte, all das, was eine Partnerschaft bereichern sollte, sich so verkehrt anfühlen? So furchtbar verkrampft? Würde unsere Ehe es ohne all die Investitionen, die wohlgepflegten Rituale und die gemeinsamen Gebete durch die Abgründe schaffen, die sich im Leben manchmal so plötzlich auftun?

Der erste Abgrund kam schneller als gedacht. Schwerfällig stapften wir durch den unerwartet tiefen Sumpf frisch gebackener Elternschaft: durchwachte Nächte und völlige Fremdbestimmung. Mein Mann machte sein Examen und startete ins Referendariat. Wir bekamen ein zweites Kind. Tageweise entlud sich all die Anspannung in erbitterten Kämpfen, die wir abends auf dem Sofa ausfochten. Tagsüber waren wir zwei abgeschaffte, zerzauste Menschen mit hängenden Schultern und Augenringen bis zum Boden, die um alles in der Welt versuchten, ihre Kinder nicht anzuschreien.

In dieser Zeit waren wir vor allem eins: Freunde. Zwei Freunde, die sich hin und wieder auf die Schultern klopften. Zwei Freunde, die beschlossen hatten, gemeinsam durch die guten und die schlechten Zeiten zu gehen. Und das taten wir. Ein heimlicher Beobachter hätte vielleicht diagnostiziert, dass wir nebeneinander her lebten, so still, wie wir unserer Wege gingen. Aus unserer Perspektive aber sah alles ganz anders aus. Ausgelaugt und verzweifelt klammerten wir uns wortlos an den einzigen anderen Menschen, der mit im Boot saß. Abends trafen wir uns auf der Couch zu unserer Lieblingskrimiserie. Ich schlief auf der Couch ein. Er weckte mich und schickte mich ins Bett. Und am nächsten Morgen standen wir wieder auf und stellten uns gemeinsam dem Chaos, das unser Leben geworden war. Jeder an seiner Front.

Von allen Seiten schien man uns zuzuschmettern, dass wir um alles in der Welt nicht „nur“ Eltern sein dürften. Wir hörten uns schlotternd die Warnungen an. Was würde mit uns passieren, wenn die Kinder eines Tages auszögen? Das Ende war wohl vorprogrammiert. Wir zitterten. Kurz. Dann wechselten wir wieder Windeln, machten die Nächte durch, gingen arbeiten und verbrachten unzählige Sonntage mit einem fiebernden Kind in der Notaufnahme.

IMMER NOCH EIN TEAM

Und eines Tages blickten wir über die Schultern und stellten fest, dass wir das Schlimmste hinter uns hatten. Wir blickten an uns herab und stellten fest, dass wir uns immer noch an den Händen hielten. Irgendwann in dieser Zeit kam der Moment, in dem mir klar wurde, dass wir uns nicht mehr zu dem „guten christlichen Paar“ entwickeln würden, das in meinem Kopf wohnte. Wir waren anders, als ich gedacht hatte. Wir konnten einander immer noch zum Lachen bringen. Wir bewunderten einander immer noch für den Umgang mit unseren Kindern. Wir arbeiteten immer noch als Team. Und wir lernten zu schätzen, was wir miteinander hatten, statt uns krampfhaft in eine Form zu pressen, in die wir nicht passten.

Zeiten des Ausnahmezustands sind keine glorreichen Zeiten. Egal, ob wir ein neues Familienmitglied durch die ersten Monate begleiten, ein Elternteil pflegebedürftig wird oder eine Krankheit die Familie durchschüttelt – es gibt Zeiten, in denen wir nur überleben. Es gibt Zeiten, in denen unsere Ehe nur überlebt. Aber zu wissen, dass der Mann an meiner Seite versprochen hat, mich auch noch morgen zu lieben, egal, wie müde und elend ich heute durch die Wohnung geschlurft bin – das ist eins der größten Geschenke in meinem Leben.

Es sind Zeiten wie diese, in denen ich den Wert von Treue schätzen gelernt habe. Von Zuverlässigkeit. Und Freundschaft. Es sind Zeiten wie diese, in denen ich gelernt habe, dass Liebe etwas anderes ist als die Summe der schönen gemeinsamen Stunden. Denn wie mein Mann in dieser Zeit zu seiner müden Frau gehalten hat, das erklärt meinem Herz etwas darüber, wie treu auch Gott ist. Wie zuverlässig. In einer Zeit, in der auch mein Glaube nur knapp überlebte, gab es keine deutlichere Botschaft, als jeden Morgen aufzuwachen und meinen Mann neben mir zu finden. Immer noch. Trotz allem.

DER PRINZ AUF DEM WEISSEN PFERD

In dem Buch „Ehe“, das der US-amerikanische Pastor Timothy Keller 2011 gemeinsam mit seiner Frau Kathy veröffentlichte, beschreibt er einen Wandel im Verständnis von Ehe. „Früher ging es in der Ehe um uns, jetzt geht es um mich.“ Vergangene Jahrhunderte haben die Ehe als ökonomische und soziale Institution begriffen. Heute tritt der verständliche Wunsch nach Selbstverwirklichung in den Vordergrund, wenn es um die Erwartungen an eine Beziehung geht. In einer von Keller zitierten Studie suchen die befragten Singles vor allem nach Partnern, für die sie sich nicht ändern müssen. Sie suchen „den idealen Partner, einen Menschen, der glücklich, gesund, interessant und mit dem Leben zufrieden ist. Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es eine Gesellschaft gegeben, die so voller Menschen war, die alle den idealen Partner suchten.“

In einer Zeit, in der die Geschichte vom Prinzen auf seinem weißen Pferd in allen Schattierungen von Hollywood ausgeschlachtet worden ist, drängt sich die Überlegung auf, ob das Warten auf den idealen Partner, den „Seelenverwandten“, nicht alles leichter gemacht hätte. Meist kann ich diese Frage nach einigem Gedankenwälzen unter „Selbstoptimierung“ verstauen. In meinem Leben nimmt sie einen ähnlichen Stellenwert ein wie die Frage, ob regenbogenfarbene Haare mein Leben besser – weil bunter – machen würden. Etwa fünf Minuten lang erscheint sie wirklich dringend. Dann rastet mein Fünfjähriger aus, weil die Nudeln alle sind und ich blicke in das tiefenentspannte Gesicht meines Mannes und weiß wieder, dass ich hier richtig bin. Aber die Frage nach dem idealen Partner ist nicht für jeden so eindeutig zu lösen wie für mich. Und manchmal scheint es so, als ob wir, wenn wir an der Optimierung unserer Partnerwahl scheitern – und das tun wir immer, egal wie gründlich wir suchen – mit der Optimierung unserer Beziehungen weitermachen.

GEGEN DEN OPTIMIERUNGSWAHN

Wie wir mit Ehe umgehen, erinnert mich manchmal an meinen Pinterest-Account. Ständig werden mir Bilder von perfekten Lösungen für meine Wohnprobleme vorgeschlagen. Aber Paare lassen sich viel schwerer optimieren als Wohnzimmer. Paare sind zwei komplexe Gotteskinder mit vielen Jahren Leben im Gepäck und jeder hat einen Reisekoffer voller rumpelnder Gedanken, den er hinter sich herzieht. Wenn irgendwer vor Selbstoptimierung Halt machen sollte – sei sie körperlicher, psychischer oder geistiger Natur – dann sollten wir Christen es sein, die wir an einen Gott glauben, der die Machtverhältnisse der Welt einfach auf den Kopf stellt und die Letzten zu Ersten erklärt. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der mit mir so geduldig ist wie er. Und wenn es Ecken und Kanten in unserer Beziehung gibt, dann hat er Zeit genug, sie rund zu lieben. Oder uns beizubringen, wie wir sie lieben lernen.

Ich durfte zu der liebevollen Erkenntnis kommen, dass es ok ist, nicht das Paar zu sein, das ständig investiert und optimiert. Dass es sogar ok ist, ein paar Wochen lang das Paar zu sein, das sich abends anschreit, wenn uns das am Ende einen Schritt weiterbringt. Es kann sich vollkommen richtig anfühlen, Andachtsbücher zu lesen und gemeinsam Seminare zu besuchen. Aber es gibt tausend andere Möglichkeiten, eine Ehe zu einem guten Ort für beide Partner zu machen. Für uns ist es tausendundein Gespräch, das wir den Tag über zwischen Tür und Angel führen. Es sind die Insider, die nur wir verstehen. Der gelegentliche kinderfreie Nachmittag mit einem heimlichen Eis. Und dann gibt es die schlechten Zeiten. Die, in denen wir auf dem Zahnfleisch gehen. Manchmal reicht es dann, wenn der andere über deinen schrägen Witz lacht. Wenn einer weiß, wie du deinen Kaffee trinkst. Wenn du mit deinem besten Freund unter einem Dach wohnst und irgendwie versuchst, das Lebenschaos zu managen. Ja, wirklich, es gibt Zeiten, da reicht Freundschaft voll und ganz. Vergiss nur nicht, ab und zu auf die starke Schulter neben dir zu klopfen.

Jennifer Zimmermann lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Bad Homburg. Vor einigen Monaten ist ihr erstes Buch erschienen: „Als Gott mich fallenließ. Vom Ausharren und Weitergehen mit ihm“ (SCM R.Brockhaus).

Immer nur zu Hause

„Mein Sohn geht, außer zur Schule, nie weg und ist fast immer nur zu Hause. Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt Freunde hat. Müssen wir uns Sorgen machen, dass er vereinsamt?“

Prinzipiell sind wir Menschen auf Beziehungen angelegt. Von Anfang an gehen Kinder in Kontakt mit anderen Menschen – zuerst mit den Eltern und dann mehr und mehr mit Gleichaltrigen, mit denen sie Freundschaften aufbauen. Gerade im Jugendalter, wenn sie sich von den Eltern lösen, spielen Freunde eine wichtige Rolle – sie geben Anerkennung, stiften Identität und sind Ansprechpartner bei Problemen.

INTROVERTIERTE KINDER BRAUCHEN RUHE

Vor diesem Hintergrund ist es schon berechtigt, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihr Sohn außerhalb der Schule keinerlei Kontakte pflegt. Hier stellt sich zunächst die Frage, ob er schon immer ein eher introvertiertes Kind war, für das Freundschaften nicht so bedeutsam sind. Solche Kinder gibt es. Es sind die Kinder, die vielleicht schon in der Kindergartenzeit weniger Lust auf Gruppenspiele und gemeinsame Aktionen hatten und lieber für sich allein herumtüftelten. Auch in der Schulzeit sind für sie weniger die anderen Kinder im Fokus, sondern das Gespräch mit den Lehrern und die spannenden Sachthemen. Sind Kinder grundlegend eher so veranlagt, sind sie mit ein, zwei Freunden glücklich und zufrieden.

Wenn Sie Ihren Sohn diesem Charaktertyp zuordnen können, er einen ausgeglichenen Eindruck macht und die Zeit zu Hause positiv gestaltet, dann können Sie gelassen sein. Vielleicht ist sein Bedürfnis nach einem anstrengenden Schultag einfach nur Ruhe. Gleichzeitig würde ich aber auch empfehlen, Ihren Sohn ohne Druck immer wieder mal zu motivieren, wenige Kontakte zu pflegen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob er in der Schule wirklich gar keine Freunde hat. Fragen Sie ruhig vorsichtig nach, wenn ihr Sohn nicht viel erzählt. Außerdem wäre es sinnvoll, die Lehrer um ein Gespräch zu bitten, damit Sie eine Einschätzung bekommen, wie es ihm im Schulalltag ergeht und welche Kontakte er hat.

HAT SICH IHR KIND VERÄNDERT?

Mehr Grund zur Sorge besteht, wenn ihr Sohn sich in der letzten Zeit verändert hat. Gab es vorher Freundschaften und Aktivitäten am Nachmittag, die er aufgegeben hat? Welchen Eindruck haben Sie insgesamt von Ihrem Sohn? Wirkt er zufrieden oder könnte ihn etwas beschäftigen? Wie verbringt er die Nachmittage zu Hause? Welche Rolle spielt der Medienkonsum? Wenn aus Ihrem kontaktfreudigen und aktiven Sohn ein Stubenhocker geworden ist, der sich mehr und mehr zurückzieht, besteht tatsächlich Handlungsbedarf.

Auf der einen Seite kann es sein, dass ihm „nur“ die Herausforderungen der Pubertät zu schaffen machen und er deswegen viel mit sich selbst beschäftigt ist. Dann kann schon das eine oder andere vertrauensvolle Gespräch hilfreich sein. Auf der anderen Seite können aber auch schwerwiegende Probleme dahinterstehen wie Mobbing, Missbrauchserfahrungen, Streit unter Freunden oder Ähnliches. Dann braucht Ihr Sohn Hilfe. Sollte sich die Situation schon so zugespitzt haben, dass Sie als Eltern an Ihren Sohn nicht mehr herankommen, ist eine professionelle Unterstützung unbedingt ratsam.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. www.sonja-brocksieper.de Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com