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Motorradunfall in Peru: „Ich habe meine Tochter verloren, aber nicht meinen Glauben.“

Vor einem Jahr starb Lara Barthel während eines Auslandsaufenthaltes. Ihre Mutter Anja schreibt darüber, wie sie diese schreckliche Zeit durchgestanden und was ihr geholfen hat.

Im Sommer 2018 empfinde ich eine ganz neue, ungewohnte Leichtigkeit. Meine Kinder sind jetzt 13, 17 und 18 Jahre alt. Im September möchte ich eine Ausbildung zur PTA beginnen, nachdem ich mich 18 Jahre lang außer Minijobs fast ausschließlich um Kinder und Haushalt gekümmert habe.

Alles ist gut

Ich bin stolz auf Lara, unsere älteste Tochter, die nun ihr Abitur, ihren Führerschein, große Lust auf das Leben und eine Menge Pläne hat. Am 23. August bringen wir sie zum Flughafen. Sie möchte für ein Jahr in einem Projektzentrum in Peru arbeiten. Dafür hat sie extra Spanisch gelernt. Sie wird sich dort für die Rechte der indianischen Völker, sozial benachteiligte Kinder und den nachhaltigen Umgang mit der Natur einsetzen und ist voller Vorfreude und Tatendrang. Lara kommt gut in Peru an, lebt sich prima in ihrer neuen Umgebung ein, hat weder Heimweh noch sonstige Schwierigkeiten. Sie meldet sich selten, schickt kaum Fotos, und ich möchte ihr nicht mit meiner Anhänglichkeit auf die Nerven gehen. Am 19. September, sie ist inzwischen seit vier Wochen in Peru, ruft sie mich zum ersten Mal per Videoanruf an. Auch ihre Geschwister sind da, und wir können über eine Stunde mit ihr sprechen. Es geht ihr ausgesprochen gut. Darüber bin ich sehr glücklich. Das Leben erscheint mir spannend und unbeschwert. Doch es sollte das letzte Mal sein, dass wir miteinander sprechen können.

Polizisten vor der Tür

Zwei Tage später ist es mit dieser Unbeschwertheit vorbei. Um 23:45 Uhr klingelt es an der Haustür. Mein Mann ist in Rom auf Klassenfahrt, die beiden Kinder schlafen schon. Ich öffne das Fenster und sehe zwei Polizisten. Im ersten Moment denke ich, dass ich falsch geparkt oder aus Versehen ein Auto angefahren habe. Sie fragen, ob ich Frau Anja Barthel sei und ob sie hereinkommen können.

Mir wird etwas komisch, aber noch befürchte ich nichts wirklich Schlimmes. Als sie im Hausflur stehen, fragen sie mich, ob ich eine Tochter namens Lara habe, die in Peru arbeitet. Vielleicht wurden bei Lara Drogen entdeckt, denke ich. Oder es gibt politische Unruhen. Aber mein Herz klopft schon gewaltig, und ich bekomme Angst. Dann sagen sie den fürchterlichen Satz, den ich nur aus Filmen kenne: „Wir haben eine traurige Nachricht für Sie …“ Es fängt in meinen Ohren an zu rauschen, meine Knie werden weich, ich hebe abwehrend die Hände und sage immer wieder „Nein, nein, nein …“ Ich weiß, was jetzt kommt. Nun weiß ich es sicher. Und da sagt der Polizist: „Ihre Tochter Lara hatte einen Motorradunfall. Sie ist tot.“

Im Schockzustand

Alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich versuche, meine Augen aufzureißen, weil ich glaube, mich in einem Alptraum zu befinden. Ich fühle mich wie gelähmt und stumm. Ich kann mich nicht erinnern, was dann geschieht. Irgendwann sitzen meine Schwiegereltern bei uns im Wohnzimmer. Sie erscheinen mir um Jahre gealtert. Irgendwann kommen Nachbarn rüber, dann meine Freundin. Sie bleibt die ganze Nacht bei mir. Ich bin in einem absoluten Schockzustand. Die folgende Nacht ist die schlimmste meines Lebens. Ich schlafe nicht eine einzige Minute. Irgendwie erzähle ich es den anderen beiden Kindern. Ganz schonungslos.

Endlose Traurigkeit

Die folgenden Tage erlebe ich wie in Trance. Das Haus füllt sich, es kommen Freunde und Familie. Man stellt mir Essen und Trinken hin, sagt, ich solle schlafen. Aber ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht denken. Als mein Mann am Samstagmittag von der Klassenfahrt nach Hause kommt, wirft er sich auf den Boden und weint laut. Wir liegen uns mit den Kindern in den Armen und fallen in eine endlose Traurigkeit und Verzweiflung. Ich bin noch zu erstarrt, um richtig zu weinen. Man bringt mir Beruhigungsmittel, aber ich will sie nicht nehmen. Ich will alles, was jetzt kommt, ganz genau spüren, auch wenn es noch so weh tut.

Motorradunfall

Die ersten Tage übernehmen enge Freunde und Nachbarn Telefonate mit Versicherungen, Botschaft und Beerdigungsinstitut. Ich schaffe es auch nicht, entfernt wohnende Angehörige und Freunde über Laras Tod zu informieren. Meine Familie aus Süddeutschland trifft ein und kümmert sich. Mein Schwager findet über Facebook ein Video, in welchem von einem peruanischen Radiosender über den Unfall in Villa Rica berichtet wird. Lara befand sich als Beifahrerin auf einem Motorrad. Wegen eines entgegenkommenden LKWs wich die Fahrerin aus, wobei Lara gegen den LKW geschleudert wurde. Durch den Aufprall erlitt sie einen Genickbruch. Sie war sofort tot. Die Fahrerin überlebte schwerverletzt.

Ich sehe den riesigen LKW auf dem Bildschirm des Laptops, und ich sehe mein totes Kind auf der Straße liegen. Es ist furchtbar. Viele Menschen stehen dort herum, und mitten auf der Straße liegt mein Kind. Tot. Und ich kann nicht bei ihr sein. Wie soll ein Mensch das ertragen?

Zum allerletzten Mal

Die folgenden Tage lebe ich darauf hin, Lara noch einmal wiedersehen zu können. Am Abend des 2. Oktober kommt Laras Körper bei unserem Bestatter an. Wir wollen sie gern selbst ankleiden und in den Sarg betten. Doch nachdem der Bestatter den Zinksarg geöffnet hat, kommt er persönlich bei uns zu Hause vorbei und rät uns davon ab, Lara noch einmal zu sehen. Sie ist nun schon zwölf Tage tot, musste quer über die Anden transportiert werden und durch den Genickbruch und die anderen Verletzungen sei ihr Körper nicht in einem Zustand, den man uns zumuten möchte. Aber ich muss mein Kind sehen, um ihren Tod zu begreifen! Es ist mir egal, wie Lara aussieht. Wir einigen uns darauf, dass die Bestatter Lara ankleiden und sie so herrichten, dass wir uns am nächsten Tag von ihr verabschieden können.

Lara ist längt fort

Als ich Lara im Sarg liegen sehe, erkenne ich sie nicht wieder. Sie sieht nicht schlimm aus, nur ganz anders. Wir haben drei Tage hintereinander viel Zeit, um uns von ihr zu verabschieden. Ich kann sie sehen und anfassen und begreife, dass das der Körper meines Kindes ist. Aber Lara ist längst fort. Ich erkenne ihre Hände, ihr Muttermal am Bauch, ihre Augenbrauen. Aber ihr Körper ist mir fremd. Ich streichle über ihre wunderschönen, blonden Haare, ihr Gesicht. Es ist kaum etwas „kaputt“ an ihrem Körper, sie hat nur ein paar Schürfwunden und eine Verletzung am Ohr. Sie ist eiskalt. Alles an ihr ist schwer. Ich bin froh, dass ich mich so von ihr verabschieden kann, ihr noch mal nah sein kann. Dass ich sie noch mal berühren kann. Zum allerletzten Mal.

Und gleichzeitig ist so offensichtlich, dass Lara schon längst nicht mehr in diesem Körper ist, dass sie längst woanders ist, an einem schöneren Ort. Ich spüre, dass es ihr dort gut geht. Es wird mir nicht so schwerfallen, diese Hülle von ihr zu beerdigen. Die Vorstellung, mein Kind in die dunkle, kalte Erde hinunterzulassen, erschien mir zuvor unerträglich. Ich dachte, die Beerdigung könnte ich nicht überstehen. Doch nun weiß ich, dass ich es schaffen werde.

Ort des Trostes

Die nächsten Tage sind ausgefüllt mit den Vorbereitungen für die Beerdigung und den Abschiedsgottesdienst. Am Tag der Beerdigung bin ich ganz ruhig. Und ich bin überwältigt, als ich die vielen Menschen – etwa 500 – wahrnehme, die gekommen sind, um Lara auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Während des Abschiedsgottesdienstes vergieße ich keine einzige Träne. Danach wird Laras Sarg zu uns nach Hause gebracht. Von dort wird er von engen Freunden und Verwandten zum Friedhof getragen. Als der Sarg in die Erde hinuntergelassen wird, werde ich mir zum ersten Mal dieser Endgültigkeit bewusst. Der Schmerz ist kaum zu ertragen. Lara ist tot. Nie wieder wird sie zu uns nach Hause zurückkehren. Wir müssen uns nun von ihr verabschieden. Für immer.

Wir werden es gemeinsam durchstehen

Wir werfen Blütenblätter und Physalis hinunter auf ihren Sarg. Mein Mann, Mila, Silas und ich. Dann gehen wir zur Seite und bleiben neben Laras Grab stehen. Viele Menschen kommen zu uns, nehmen uns in den Arm und wünschen uns viel Kraft, diesen schweren Verlust zu überstehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das durchstehen würde. Aber nun fühle ich mich getröstet. Jede einzelne Umarmung gibt uns Trost und Kraft, und ich bin zuversichtlich, auch wenn wir das Schlimmste erfahren müssen, was Eltern passieren kann: Wir werden es gemeinsam durchstehen.

Bei uns zu Hause hat die gesamte Nachbarschaft ein Zusammenkommen organisiert. Dort stehen Pavillons vor dem Haus, Tische und Bänke. Es gibt reichlich Essen und Trinken, und es sieht alles schön und einladend aus. Die Sonne wärmt uns mit ihren letzten, herbstlichen Sonnenstrahlen. Man meint, sie hätte ihre allerletzten Kräfte genau für diesen Tag aufgespart, um uns in unserer Trauer und unserem Schmerz zu wärmen. Es wird viel geredet und viel geweint. Und trotz all dieses ungeheuerlichen Schmerzes und der endlosen Trauer empfinden wir unser Zuhause mit all den nahestehenden Menschen und dieser liebevollen Nachbarschaft als einen Ort des Trostes und der Hoffnung.

Erinnerungen teilen

Was mir sehr geholfen hat, ist ein Buch von Roland Kachler („Meine Trauer wird dich finden“), der selbst einen Sohn durch einen Unfall verloren hat. Es erleichterte mich zu lesen, dass die Liebe niemals aufhört und ich weiter eine Beziehung zu Lara haben kann. Und so zweifle ich nicht mehr an meinen Gefühlen, sondern lasse sie zu, weil sie richtig sind. Außerdem hilft mir meine Familie, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Ich habe noch zwei Kinder, die ich liebe und die mich brauchen. Und einen Mann, der mich liebt und den ich liebe. Außerdem freue ich mich über meine kleine Nichte Lina, die im Dezember geboren wurde und die zum Gedenken an unsere Tochter mit zweitem Namen Lara heißt.

Was mich trägt, ist die Hoffnung, dass wir Lara eines Tages wiedersehen. Ich habe meinen Glauben an Gott nicht verloren. Ich weiß nicht, warum Gott den Unfall nicht verhindert hat, aber ich vertraue ihm, dass er weiter für uns sorgt. Wenn alles nur glatt liefe auf dieser Welt, dann würde Gott uns nur wie Marionetten in einem Puppenspiel unsere Rollen spielen lassen. Ich habe mich für Gott entschieden, und ohne diese Entscheidung und ohne die Hoffnung, Lara wiederzusehen, könnte ich nicht weiterleben.

Menschen sind da

Was mich tröstet, sind all die lieben Menschen, die mich immer wieder anrufen und besuchen, die uns Mittagessen oder Kuchen vorbeibringen, die uns auf der Straße ansprechen und uns nicht aus dem Weg gehen. Die Verkäuferin aus dem Bioladen, die mich einfach in den Arm nimmt. Die Kieferorthopädin meiner Kinder, die mit einem Blumenstrauß vor unserer Tür steht und mir zum 42. Geburtstag gratuliert, den ich vergessen habe. Die Freundinnen von Lara, die mir so viel Schönes von Lara erzählen, was ich noch nicht wusste. Meine Nachbarin, die mir täglich eine Nachricht schreibt und mich mit guten Ratschlägen verschont.

Was es etwas leichter macht, ist, dass Lara keine Angst hatte, dass sie sofort tot war und nicht gelitten hat, und dass sie in den letzten Wochen ihres Lebens glücklich war.

An Laras Grab

Was mir gut tut, ist eine gute Balance zwischen Alleinsein und Zusammensein mit Menschen, die mir nahe stehen. Es hilft mir auch, über Lara zu sprechen und mich an schöne Erlebnisse mit ihr zu erinnern, auch wenn es gleichzeitig schmerzt. Ich bin auch gern an Laras Grab und mache dort alles schön. Nahe fühle ich mich Lara dort nicht. Ich kann auch nicht mit ihr reden. Aber ich zeige ihr meine Liebe, indem ich etwas einpflanze und schöne Blumen niederlege. Lara ist in meinem Herzen und überall um mich herum. Im Wind, in der Wärme der Sonne. Bei Gott. Eine konkrete Vorstellung davon habe ich nicht, aber ich habe das Vertrauen, dass es ihr bei Gott gut geht.

Was den Schmerz lindert? Der Schmerz kann durch nichts gelindert werden, er wird mich mein Leben lang begleiten. Ich will ihn auch gar nicht loswerden, weil ich mich durch ihn mit Lara verbunden fühle. Ich glaube nicht, dass ich einmal wieder richtig glücklich werde. Zu viel wurde mir genommen. Ich freue mich über Mila und Silas und meinen Mann und gute Freunde. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder tiefes Glück empfinden kann.

Ein besserer Mensch

Was sich verändert hat: Es kamen neue Menschen in unser Leben, und andere sind verschwunden. Zu sehr hat es mich verletzt, dass einige Menschen sich nie wieder gemeldet haben. Kleinigkeiten regen mich nicht mehr auf. Früher habe ich mich ständig geärgert oder aufgeregt, doch nun nehme ich diese Dinge gar nicht mehr wahr. Ich bin langsamer, aufmerksamer, geduldiger, demütiger, nachsichtiger und verständnisvoller geworden. Eigentlich bin ich ein besserer Mensch geworden und finde es tragisch, dass ich dies erst wurde, nachdem ich mein Kind verloren habe.

Was verletzt, sind Menschen, die uns aus dem Weg gehen, als hätten wir eine ansteckende Krankheit, und Leute, die meinen, uns Ratschläge geben zu müssen.

Briefe an Lara

Die Zukunft ist ungewiss. Ich habe zu viel verloren und habe niemals im Leben die Sicherheit, dass nicht noch ein weiterer Verlust folgt. Ich habe Angst. Wenn mein Sohn den Motorradführerschein hat, werde ich immer Angst haben, wenn er unterwegs ist. Aber ich will ihn mit meiner Angst auch nicht behindern, Dinge zu tun, die er gerne tun möchte. Ich habe Angst vor dem Zeitpunkt, an dem auch unsere jüngste Tochter auszieht und ihre eigenen Wege geht. Angst vor Einsamkeit. Aber ich vertraue weiter auf Gott, dass er mich trägt und mir einen Weg zeigt, den ich gehen kann. Meine Ausbildung zur PTA werde ich nicht fortsetzen. Mir fehlt die Kraft dazu. Ich brauche viel Zeit und Ruhe, schlafe und lese viel, und ich schreibe Briefe an Lara und schreibe meine Träume auf. Diese intensive Zeit der Trauer ist wichtig für mich. Ich möchte sie mir nehmen. Mein Mann hat fünf Wochen nach Laras Tod wieder angefangen zu arbeiten. Ihm tut die Ablenkung gut. Die Kinder sind eine Woche nach Laras Tod wieder zur Schule gegangen. Sie wollten das und es tut ihnen gut, eine Tagesstruktur und Aufgaben zu haben.

Die Liebe ist das Wichtigste

Der Glaube an Gott ist wichtig, und das Vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Auch wenn wir manches nicht verstehen. Und die Hoffnung ist wichtig. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben, und dass wir Lara eines Tages wiedersehen. Aber die Liebe ist das Wichtigste im Leben. Und das Füreinanderdasein. Das habe ich gelernt.

Für die Liebe lohnt es sich zu leben. Denn sie hört niemals auf. Sie bleibt bis in alle Ewigkeit.

Anja Barthel ist seit 20 Jahren verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist gelernte ländliche Hauswirtschafterin, zur Zeit Hausfrau und Mutter und lebt in Velbert.

„Das Kind meiner Freundin haut“

„Der Sohn meiner Freundin schlägt manchmal andere Kinder und Erwachsene – auch mich. Meine Freundin greift aber oft nicht ein. Was kann ich tun?“

Das ist eine heikle Situation. Auf der einen Seite verhält sich das Kind Ihrer Freundin so, dass Sie eingreifen möchten, auf der anderen Seite ist es nicht einfach, in den Verantwortungsbereich einer anderen Mutter einzudringen. Aber Ihr Gefühl, dass man nicht einfach darüber hinwegsehen darf, ist absolut gerechtfertigt.

DAS HAUEN HAT EINEN GRUND

Die Frage, die sich mir als Erstes stellt, ist, warum der Junge andere Kinder schlägt. In der Regel kann man davon ausgehen, dass dieses Hauen nicht einfach nur frech ist, sondern dass ein ungesehenes Bedürfnis oder eine Not dahintersteckt. Vielleicht fühlt sich der Junge mit anderen Kindern gestresst oder ungerecht behandelt? Oder er fühlt sich in einer bestimmten Situation übersehen und erhofft sich mehr Aufmerksamkeit? Nicht selten hat so ein Verhalten auch damit zu tun, dass Kinder selbstbestimmt leben wollen und ihre Gefühle in diesem Alter noch nicht regulieren können, wenn sie an eine Grenze stoßen. Es kann also viele Gründe für solche Reaktionen geben. Deswegen ist es sinnvoll zu überlegen, was die Ursache sein könnte, und sie vorsichtig mit der Mutter zu thematisieren.

Fragen Sie Ihre Freundin auch, warum sie das so laufen lässt. Auch hier können unterschiedliche Gründe vorliegen. Ist es Unsicherheit, Resignation oder Überforderung, unter der sie leidet? Dann ist Ihre Freundin vielleicht sogar dankbar, wenn sie sich austauschen kann und Unterstützung bekommt. Ist es aber Gleichgültigkeit oder eine bewusste Entscheidung für diesen Erziehungsstil, könnte das Gespräch etwas schwieriger oder sogar kontrovers werden. Aber auch dann dürfen Sie klar und liebevoll Ihre Position vertreten und auf den Missstand aufmerksam machen.

EIGENE GRENZEN KLAR FORMULIEREN

Natürlich ist es nie leicht, andere mit Kritik zu konfrontieren. Aber wenn Sie vorrangig von ihren Empfindungen und Sorgen sprechen, könnte das Gespräch zu einer Haltungsänderung führen. Wie sehr Sie sich selbst in diesen Konflikt investieren möchten und können, hängt sicherlich auch von der Intensität Ihrer Freundschaft ab. Je enger der Kontakt ist und je häufiger sich die Problematik aufdrängt, desto wichtiger ist es, eine Lösung zu finden. Doch letztlich müssen wir uns bewusst machen, dass wir andere Menschen nicht ändern können, wenn Sie keine Einsicht haben.

Erleben sie eine konkrete Situation, in der Sie selbst geschlagen werden, ist es angebracht zu reagieren, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem Konflikt mit der Freundin führt. Wenn Ihre Freundin über das Hauen ihres Kindes hinweggeht, können Sie trotzdem Ihre Grenze klar formulieren: „Stopp, ich möchte nicht, dass du mich haust.“ Diese Rückmeldung braucht das Kind unbedingt. Genauso wichtig ist es, andere Kinder, die gehauen werden, zu schützen und den Sohn ihrer Freundin zu begrenzen und aus der Situation zu nehmen. Auch wenn das eigentlich vorrangig die Aufgabe der Mutter wäre, ist es angemessen, sich hier einzumischen, weil es um andere Kinder geht.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F.
www.sonja-brocksieper.de
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

Ein Truckerfrühstück für die Freundschaft

Christof Matthias startet später, dafür aber mit voller Kraft in den Arbeitstag.

Eigentlich haben wir beide keine Zeit. Der Terminer ist voll, und einige unerledigte Baustellen verlangen jetzt eher Vollgas als ein freundschaftliches Treffen am Morgen. Zum Glück kann ich meine Arbeitszeit relativ frei einteilen und mein Freund hat die Möglichkeit, auch mal erst um 09.30 zu beginnen, wenn er dafür am Nachmittag länger bleibt. Also setze ich mich nach der üblichen Morgenroutine ins Auto und fahre zehn Kilometer über Land, um mich mit einem Freund zum Frühstücken zu treffen. In dem Café brummt es an dem Morgen wieder. Viele Tische sind bereits besetzt, einige noch frei, aber reserviert. Im hinteren Bereich finden wir noch ein Plätzchen für uns beide. Eine eher gehetzt wirkende Frau bringt uns die Speisekarte. Ich weiß eigentlich schon, was ich will: das Truckerfrühstück – reichlich Rührei und Speck, frisches Brot. Mein Freund braucht etwas länger, entscheidet sich schließlich für das Vitalfrühstück. Na ja, jedem das Seine. Erst jetzt nehme ich eine bequemere Sitzposition ein und frage: „Nun, mein Freund, wie schaut‘s?“ Aus dieser Frage entwickelt sich ein tief gehender, persönlicher Austausch. Wir erfahren voneinander und hören aufeinander. Es geht um die letzte Nacht, Träume, Beruf und Berufung, alte Eltern, Kinder, Enkelkinder, Ehe, Pläne, Visionen – haben wir die noch? Eine geordnete Struktur ist weder angedacht, noch erkennbar. Was interessant erscheint, wird vertieft, bevor ein neuer Gedanke ins Spiel kommt. Ausgemacht haben wir eine gute Stunde. Die ist aber längst vorbei. Nun müssen wir beide unbedingt los. Die Pflichten rufen unüberhörbar. Ich mache immer wieder die gleiche Erfahrung – Männer können reden und wollen es auch. So viele Gelegenheiten, anderen im vertrauten Rahmen von dem zu berichten, was mich beschäftigt und umtreibt, habe ich nicht. Freunde fallen nicht vom Himmel, und Freundschaften müssen gepflegt werden. In einer Gruppe fremder Leute lädt mein Akku nicht. Ich suche und brauche eher das Vertraute. Da, wo ich sein kann, tiefere Töne angeschlagen und Oberflächlichkeiten durchdrungen werden. In der herzhaften, männlichen Umarmung zur Verabschiedung spüre ich noch etwas, das Worte nicht ausdrücken können. Als ich wieder nach Hause komme, weiß meine Frau sofort, dass ich eine gute Zeit hatte. Sie merkt mir an, dass ich aufgetankt habe. Sie hat Recht.

Christof Matthias ist freiberuflicher Supervisor und Regionalleiter von Team.F, Vater von drei leiblichen Söhnen, einem mehrfach behinderten Pflegesohn, zwei Schwiegertöchtern und Opa von zwei Enkeltöchtern.

 

Einen Freund mit 9?

„Meine Tochter (9) hat schon seit der Kindergartenzeit immer wieder einen Freund. Mehr als Händchenhalten und kleine Küsse läuft angeblich nicht. Aber mir fällt es schwer damit umzugehen. Gibt es Tipps, wie ich sie stärken und schützen kann?“

Das ist tatsächlich eine Herausforderung, und ich kann Ihr Gefühl, dass das alles sehr früh ist, nachvollziehen. Jedes Kind kommt als sexuelles Wesen mit Bedürfnissen und Empfindungen zur Welt und durchläuft in seiner Entwicklung einen Prozess, bis die Sexualität im Erwachsenenalter ausgereift ist. Mit etwa vier, fünf Jahren – in der so genannten „genitalen Phase“ – zeigen Kinder vermehrt Interesse an den eigenen Geschlechtsorganen und entdecken die Unterschiede der Geschlechter. So manche Kinder erleben schon im Kindergartenalter ein bisschen Kribbeln im Bauch und Herzklopfen, wenn „er“ oder „sie“ auftaucht. In der Grundschulzeit geht diese Phase in die „Latenzphase“ über, in der sich diese Gefühle wieder verändern. Die meisten Mädchen finden Jungs dann eher doof und umgekehrt.

AUSTAUSCH ANREGEN
Aber nicht alle Kinder sind gleich, und es gibt es auch Kinder, die weiter für ihren Freund oder ihre Freundin schwärmen. Auch wenn Freundschaften zwischen Jungs und Mädchen nicht die Regel sind, sollten sie nicht direkt als unnormal oder falsch eingestuft werden. Verhält sich Ihre Tochter grundsätzlich altersangemessen und erleben Sie keine weiteren Besonderheiten, kann ich Sie beruhigen. Dann sind die Küsschen und das Händchenhalten sicherlich harmlose Freundschaftsbekundungen. Sobald sich die Beziehung aber intensiviert oder Sie weitere Auffälligkeiten Ihrer Tochter wahrnehmen, sollten Sie genauer hinschauen und fachliche Beratung in Anspruch nehmen. Grundsätzlich möchte ich Ihnen Mut machen, einen natürlichen und entspannten Umgang mit ihrer Tochter zu haben. Kinder brauchen altersangemessene Informationen über Liebe, Freundschaft und Sexualität. Da Ihr Kind hier schon ein frühes Interesse zeigt, ist der Austausch absolut notwendig. Hierbei sollten Sie Ihrer Tochter vermitteln, dass Sie ihre Gefühle wertschätzen und dass Sie ihr diese Zuneigung gönnen. Gleichzeitig braucht Ihre Tochter aber auch die Information, dass sich „richtiges Verliebtsein“ später noch ganz anders anfühlen und eine ganz andere Dimension haben wird.

REGELN ABSPRECHEN
Und genau so sollten Sie in diesem Alter auch auf sanfte Art und Weise Einfluss darauf nehmen, wie intensiv diese Freundschaft gestaltet wird. Sprechen Sie als Mutter mit Ihrer Tochter einige Regeln ab. Es ist durchaus angemessen zu formulieren, dass es über das Händchenhalten und Küssen nicht hinausgehen soll. Und begründen Sie das. Es wäre auch ratsam, die Freundschaften zu anderen Freundinnen zu fördern. Geben Sie Ihrem Kind ein gutes Selbstwertgefühl mit auf den Weg, indem Sie als Eltern betonen, dass Ihre Tochter ein wertvolles und hübsches Mädchen ist. Und achten Sie darauf, dass der Liebestank ihres Kindes auf körperlicher und emotionaler Ebene im Elternhaus gefüllt wird. Kinder, die sich zu Hause geliebt fühlen, haben auf jeden Fall einen guten Schutz, sich nicht zu früh in Beziehungen zum anderen Geschlecht zu begeben.

 

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrer Familie in Remscheid, www.sonja-brocksieper.de.

Wenn aus Fremden Freunde werden

Was tun, wenn in der Nachbarschaft ein Asylbewerberheim eröffnet? Ganz einfach: klingeln, Hallo sagen, unglaublich süßen Tee schlürfen. Aber Vorsicht: Am Ende entstehen dabei womöglich Freundschaften! Katrin Faludi und ihre Familie haben das erlebt

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Wertvolle Freundschaft

Ingrid Jope schätzt tiefgehende Beziehungen – auch zu Büchern.

Manchmal kostet es mich einiges an Überwindung. Wenn an einem Abend mal keine Behördenpost zur Erledigung ansteht, mir kein Abgabetermin im Nacken sitzt, kein Elternabend stattfindet und auch kein Treffen in der Gemeinde, wenn keines der Kinder Fieber hat oder Husten oder Albträume oder einfach nur Einschlafschwierigkeiten, kein wichtiges Telefonat Aufmerksamkeit fordert – dann lasse ich beim feierabendlichen Zusammensinken auf unseren Polstermöbeln gern mal die aufschiebbare Arbeit Arbeit sein. Bei Wäschebergen und Nadel-und-Faden-Reparaturen besteht schließlich keine akute Fluchtgefahr.

Dann widerstehe ich der Versuchung namens Fernbedienung und greife stattdessen zu einem der vielen Bücher auf meinem Stapel. Gute Lektüre hilft mir, aus dem Alltag auszusteigen, mal auf andere Gedanken zu kommen. Sie inspiriert mich mehr als das Allermeiste, was aus der Kiste flimmert. Zum Besten gehört für mich gelebtes Leben zwischen zwei Buchdeckeln.

Zwei davon haben mich in den vergangenen Monaten bereichert: Die Biografie von William Wilberforce und die von John Newton, beides Engländer. Newton hat einen echten Vom-Saulus-zum-Paulus-Lebenslauf: Zunächst brutaler Sklavenkapitän, später Pfarrer und passionierter Prediger der Gnade Gottes. Er war nicht nur der Verfasser des weltweit bekanntesten Chorals „Amazing Grace“, sondern auch Mentor und Wachstumshelfer für Schlüsselpersonen seiner Zeit in Kirche und Politik. William Wilberforce war kein Prediger, sondern schnöder Politiker. Mehr als zwei Jahrzehnte lang setzte er sich im britischen Unterhaus für die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei ein. Er verwirklichte damit auf politischer Ebene, wovon Newton so leidenschaftlich predigte. Wilberforce kämpfte unermüdlich dafür, das Herzensanliegen seines Freundes in praktische Gesetze und tatsächliches Handeln zu übersetzen. Newton wiederum war ein entscheidender Mentor und unerlässliche Inspirationsquelle für seinen jüngeren Freund. Ohne ihn hätte es Wilberforce‘ Lebenswerk nicht gegeben. So unterschiedlich die Betätigungsfelder der beiden Männer waren, ihre Freundschaft zueinander stärkte ihre jeweilige Lebensberufung. Ohne den einen hätte es die Leistung des jeweils anderen nicht gegeben. An diesem Punkt hat ihr Leben viel mit mir zu tun.

Gute Freundinnen helfen mir, meine Berufung zu entdecken, zu entfalten und nachzujustieren, wenn der Alltag mir das Ruder aus der Hand gerissen hat. Bücher selbst können in gewissem Maß solche Freunde sein. Aber es braucht auch Exemplare aus Fleisch und Blut. Die Freundin, die ich anrufen kann, wenn mir das Wasser bis zum Halse steht. Die mir zuhört und gute Fragen stellt, mir Gedankenblitze schenkt, mich begleitet, für mich betet, die mir hilft, meinen Lebensmarathon nicht mittendrin aufzugeben. Freundinnen helfen einander, das ureigene Leben zu leben, das Gott sich gedacht hat, als er sie geschaffen hat. So knapp bemessen die Zeit auch ist – es lohnt sich immer, eine oder wenige solcher Freundschaften zu pflegen. Das Problem der Langeweile hatten Wilberforce und Newton garantiert nicht, aber sie wussten um den Wert von tiefgehenden Beziehungen.

JopeIngrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/ Ruhr.

 

 

KIND = FREUNDSCHAFTSKILLER?

Wie man Eltern wird und Freunde bleibt. Von Nicole Schenderlein

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Keine falsche Scham

Ingrid Jope plädiert dafür, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen.

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Wann ist ein Ratschlag gut?

„Mir ist aufgefallen, dass du deinen Jüngsten behandelst wie ein deutlich jüngeres Kind“, meint eine Freundin. Bingo! – sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der „Kleine“ ist zwar schon acht, aber irgendwie immer noch mein Baby. Da muss ich wohl stärker drauf achten, mit ihm umzugehen, wie es zu einem Achtjährigen passt.

Dieser Ratschlag war gut. Er passte, war vorsichtig und liebevoll vorgetragen und die Freundin ist im Bereich Beziehung äußerst kompetent – da fiel es mir nicht schwer, ihre Kritik anzunehmen. Leider werden Ratschläge aber nicht immer gut und passend angebracht. „Was, du stillst immer noch?“ „Wollt ihr euer Kind wirklich in diesen Kindergarten schicken?“ „Müsstest du nicht langsam wieder in deinen Job einsteigen?“ – Fragen wie diese sind selten hilfreich. Sie verunsichern und belasten nicht selten die Beziehung.

Andererseits: Soll ich um des lieben Friedens willen immer den Mund halten? Auch wenn ich überzeugt bin, dass meine Freundin sich und ihrem Kind schadet?

Wie haltet ihr es mit (guten) Ratschlägen? Seid ihr bereit dazu, sie zu hören? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Und gebt ihr anderen Ratschläge mit auf den Weg? Wie reagieren sie darauf?

Ich würde mir wünschen, dass unter Eltern eine Offenheit herrscht, die gute und hilfreiche Ratschläge möglich macht. Aber bitte mit ausreichend Feingefühl!

Bettina Wendland

Family-Redakteurin

Der schwarze Hund und das Licht

Friedel Hild musste drei schwere Verluste verkraften und schlitterte in eine schwere Depression. Sie schreibt, warum daran Freundschaften zerbrachen, wie ihr Mann ihr half – und warum ein schwer erziehbarer Welpe eine wichtige Rolle spielte. Weiterlesen