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Archiv für die Kategorie: Dossier

Ein perfekt unperfektes Zuhause: Warum es kein Idyll braucht

Kinder brauchen kein rosarotes Idyll. Sie brauchen das Recht, sich zu streiten und wütend zu sein, meint Familienberaterin Marina Hoffmann.

„Ich will nicht mehr zu dieser blöden Familie gehören!“ Diesen Satz schrie mein siebenjähriger Sohn mir entgegen und rannte weg. Total perplex hielt ich inne, um zu begreifen, was gerade passiert war. Mein Sohn wollte einen neuen Fußball haben. Nicht, dass wir ihm keinen Fußball gönnen, aber er hatte schon drei gute Fußbälle, die in der Ecke seines Zimmers lagen.

„Wieso sagt er sowas? Das hätte ich mir als Kind nicht erlaubt! Kann er nicht dankbar sein für das, was er hat? Immer will er mehr und mehr, jetzt muss damit mal Schluss sein.“ Am liebsten wäre ich ihm hinterhergelaufen und hätte ihm all diese Gedanken entgegengeworfen. Aber ich blieb stehen. Und in diesem Moment stellte sich mir eine Frage, die mich seitdem immer wieder begleitet: Was macht ein Zuhause aus, in dem sich ein Kind wirklich willkommen fühlt?

Friede, Freude, Harmonie?

Wenn wir Eltern gefragt werden, was Kindern ein gutes Zuhause schenkt, denken wir oft zuerst an Geborgenheit, gemeinsame Rituale, harmonische Zeit miteinander. Das klingt nach vielen schönen Gefühlen und sollte natürlich auch Teil eines Zuhauses sein. Aber es gibt einen Aspekt, der in christlichen Familien besonders leicht übersehen wird: das Recht, auch die unbequemen Gefühle zeigen und in eine Auseinandersetzung gehen zu dürfen.

Wir tragen die Vorstellung in uns, dass eine friedvolle Familie bedeutet, dass es keinen Streit gibt, jeder immer Rücksicht aufeinander nimmt und Konflikte friedlich im Gespräch ausgetragen werden. Und mit dieser Vorstellung entwickeln wir eine Erwartungshaltung, die, wie ich finde, viel Druck auslösen kann.

Denn die Realität ist: In einer Familie, wo viele Menschen mit eigenen Grenzen auf engem Raum miteinander leben, wird und darf es auch mal krachen. Aber solange wir Konflikte, Geschwisterstreit und Gefühlsausbrüche als etwas Schlechtes, etwas von Gott Verbotenes einordnen oder glauben, wir seien keine guten Eltern, wenn dies bei uns zu Hause passiert, werden wir versuchen, diese Reibereien mit allen Mitteln zu verhindern oder zu unterdrücken. Wir werden versuchen, Wut zu unterbinden und „Ruhe und Frieden“ zu erzwingen, indem wir unsere elterliche Macht gebrauchen – oder vielleicht sogar missbrauchen.

Bin ich willkommen?

Ein Kind sollte nicht nur willkommen sein, wenn es dankbar, freundlich und angepasst ist. Es sollte genauso willkommen sein, wenn es sagt: „Das finde ich gerade blöd.“ „Ich bin wütend auf dich.“ „Das ist nicht fair.“ Und auch wenn es Ausdrücke verwendet, die wie bei meinem Sohn nicht besonders elegant daherkommen.

Kinder können ihre Gefühle noch nicht so formulieren, wie wir Erwachsenen uns das wünschen. Ein siebenjähriges Gehirn, das gerade mitten in der Wut steckt, ist schlicht noch nicht so weit entwickelt, dass es Enttäuschung sauber in Worte packen kann, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen. Was mein Kind eigentlich sagen wollte, war vermutlich: „Ich bin sauer und enttäuscht, dass ich den Fußball nicht bekomme. Und in diesem Moment fühlt sich das an, als würde ich gar nichts von euch bekommen.“ Das ist etwas anderes als Undankbarkeit. Es ist eine unreife Gefühlsäußerung.

Prägung fürs Leben

Wenn wir auf so einen Ausbruch mit Strafe, Konsequenz oder einer Moralpredigt reagieren, lernt unser Kind zwar etwas, aber nicht das, was wir eigentlich vermitteln wollen. Es lernt: „Meine unangenehmen Gefühle sind hier nicht willkommen, ich muss sie allein für mich behalten. Wenn es mir schlecht geht, darf ich das nicht zeigen. Ich werde nicht gehört, sondern zurechtgewiesen.“ Diese Erfahrungen prägen seine innere Stimme und seine Beziehungen bis ins Erwachsenenalter.

Und genau das erlebe ich in meiner Familienberatung immer wieder – bei erwachsenen Menschen. Sie erzählen mir, dass sie oberflächlich betrachtet eine gute Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie haben. Doch wenn wir tiefer schauen, wird deutlich: Sie wissen genau, was sie ansprechen dürfen und was nicht. Sie wissen, was von ihnen erwartet wird, und haben früh gelernt, sich anzupassen. Die Beziehungen sind vielleicht freundlich und wirken harmonisch, aber sie sind nicht tief. Es fehlt die Vertrautheit, die entsteht, wenn man auch die eigenen Ecken und Kanten zeigen durfte und trotzdem gehalten und ernst genommen wurde.

Kein Zeichen von Scheitern

Wir dürfen als christliche Eltern neu lernen: Konflikte sind keine Angriffe auf den Familienfrieden, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Werden Konflikte erlaubt und nicht im Namen der Harmonie unterdrückt, lernen Kinder etwas sehr Wertvolles: Sie lernen, über ihre Grenzen zu sprechen und auszudrücken, wie es ihnen geht. Und sie machen die Erfahrung: „Hier werde ich ernst genommen, auch wenn ich es noch nicht besonders freundlich sagen konnte. Mir wird geholfen, Worte für meine Gefühle und Bedürfnisse zu finden.“

Dabei ist mir wichtig zu betonen: Es gibt einen Unterschied zwischen echtem Frieden und einem Frieden, der nur so aussieht. Wir können Streit im Keim ersticken, mit einer Drohung wie: „Wenn du mit diesen frechen Sätzen nicht sofort aufhörst, nehme ich die ganze Legokiste weg!“ Oder wir beenden Geschwisterstreit mit Manipulation: „Schämt ihr euch nicht, ihr macht mich ganz wütend und traurig, wie ihr euch verhaltet. Vertragt euch jetzt sofort.“ Oder wir erheben unsere Stimme so laut und streng, dass die Kinder aus Angst verstummen.

Es wird dann still zu Hause. Aber es ist kein Friede, der da entsteht. Der Konflikt ist nicht gelöst, er ist nur nicht mehr hörbar. Und unsere Kinder lernen dabei etwas anderes, als wir eigentlich vermitteln wollen: dass der Stärkere gewinnt, dass Gefühle gefährlich sind und dass es sicherer ist zu schweigen, als sich ehrlich und echt zu zeigen.

Ein offenes Herz

An jenem Tag bin ich meinem Sohn nicht direkt nachgegangen, um ihm meine Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Stattdessen habe ich selbst erstmal tief durchgeatmet, mich hingesetzt und mir folgende Fragen gestellt: „Wie geht es meinem Kind gerade? Ist es wirklich der Fußball oder steckt dahinter noch etwas anderes? Wie ist unser Alltag in letzter Zeit? Ist er zu vollgepackt? Gibt es genug Raum für Bindungsmomente, für Zeiten ohne Agenda, fürs Spielen und Lachen? Bin ich selbst eher angespannt unterwegs? Was könnte mein Kind aktuell vielleicht noch belasten oder frustrieren?“

Diese kurze Reflexion half mir, die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht mit dem Blick: „Welche negative Konsequenz braucht mein Kind, damit es sowas nicht mehr sagt?“ Sondern mit dem Blick: „Wie kann es ihm und uns gemeinsam wieder besser gehen?“

Ich habe mich anschließend zu ihm gesetzt und gesagt: „Du bist gerade richtig enttäuscht, dass du den Fußball nicht bekommst, oder?“ Er nickte. Seine Augen schimmerten feucht. Ich fragte: „Gibt es noch etwas, was dich gerade stört?“ Und ja, da gab es noch einige Punkte, die mein Sohn nun äußern durfte und die ihn schon seit Tagen nervten und belasteten. Jetzt durfte alles raus. Tränen liefen. Er öffnete mir sein Herz. Das wäre nicht passiert, wenn ich mit einem drohenden Zeigefinger auf ihn zugekommen wäre.

Schlussendlich lagen wir uns in den Armen, und mein Sohn sagte: „Ich hab‘ unsere Familie lieb.“ Und ich sagte: „Ja, wir sind schon ein ziemlich gutes Team, auch wenn wir streiten. Du kannst immer zu mir kommen, wenn dich was beschäftigt. Nächstes Mal kannst du vielleicht sagen: Ich find es grad richtig doof, wie es hier läuft!“

Kein Ort ohne Reibung

Dieses Erleben, willkommen zu sein, löst tatsächlich etwas in Körper und Nervensystem unserer Kinder aus. Wenn ein Gefühl Raum bekommt, statt weggedrückt zu werden, kann das Kind zur Ruhe kommen. Es atmet durch. Und genau daraus wächst über die Zeit Vertrauen – die Basis für eine sichere Bindung.

Ein Zuhause, in dem sich Kinder wirklich wohlfühlen, ist kein Ort ohne Reibung. Es ist ein Ort, an dem Reibung sein darf mit dem Wissen: Unsere Beziehung hält das aus. Ein Ort, an dem ein Kind auch sagen darf: „Das war heute blöd“, ohne dafür bestraft zu werden. Und ein Ort, an dem es erfährt: „Ich werde geliebt, nicht weil ich immer freundlich und dankbar bin, sondern weil ich dazugehöre, so wie ich bin, mit allem, was gerade in mir los ist.“

Und falls dir das nicht immer gelingt: Auch das darf sein. Du musst nicht immer perfekt verstehen, was in deinem Kind vorgeht. Es reicht, wenn du es immer wieder versuchst. Genau daraus wächst über die Jahre ein perfekt unperfektes Zuhause, in dem sich dein Kind willkommen fühlt.

Marina Hoffmann ist verheiratet, Mama von zwei Söhnen und systemische, bindungsorientierte Familienberaterin. Infos zu ihren Angeboten und Onlineevents: www.das-weiche-herz.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/10/GettyImages-2279472474.jpg 1414 2121 emilia.berns https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg emilia.berns2026-10-16 13:23:322026-10-16 13:23:32Ein perfekt unperfektes Zuhause: Warum es kein Idyll braucht

Verloren: Wie Gott dir den Weg nach Hause zeigt

Wie findet man in Zeiten der Veränderung ein Zuhause bei Gott? Eine Spurensuche auf zwei unterschiedlichen Wegen.

„Zuhause ist, wo du den Bauch nicht einziehen musst“, stand auf dem Kühlschrankmagneten. Manchmal braucht die Wahrheit weder viele Buchstaben noch tiefe Weisheit. Manchmal reicht ihr eine Alltagsbeobachtung.

In diesem Fall fand ich sie in einem älteren kleinen Wohnwagen. Er stand fertig gepackt an der Straße vor unserem Haus. Die Nachbarn hatten zur Besichtigung eingeladen, sie hatten ihn erst vor ein paar Tagen gekauft. Gebraucht zwar, aber noch gut in Schuss und innen zum Wohlfühlen. „So haben wir immer alles dabei. Am Meer oder in den Bergen – egal, wo wir sind. Wir machen die Tür zu und sind zu Hause!“ Der Magnet stammte noch vom Vorbesitzer. Für den hatte der Wagen offenbar die gleiche Bedeutung.

Was wäre das für ein wunderbares Bild für Gott! Eine Art inneres Zuhause auf unserer Reise durch die Zeit. Egal, wie es draußen zugeht, egal, wo uns der Weg hinführt: Wir haben unser Zuhause immer dabei. Gott: ein Zuhause im Herzen. Diese Sehnsucht habe ich in mir. Aber meine Erfahrung ist eine andere: Wenn ich Heimat finden will bei Gott, muss ich mich auf den Weg machen.

Eine Geschichte. Zwei Wege.

Es gibt diese große Erzählung in der Bibel über das Nachhausekommen: „Der verlorene Sohn“ handelt eigentlich von zwei Söhnen und ihrem Vater. Der ältere Sohn tut seine Pflicht und bleibt auf dem elterlichen Hof, der jüngere verjubelt sein Erbe in der Fremde. Kurz vor dem Hungertod treibt es ihn zurück nach Hause, wo er keine Gnade erwartet. Er will nur als Knecht arbeiten. Als er sich dem Hof nähert, vergisst der Vater vor Freude das angemessene Verhalten eines antiken Familienvorstands und rennt ihm entgegen. Es gibt ein großes Fest, und der „Verlorene“ bekommt den Ring des Vaters angesteckt. Alle sollen sehen, dass er ohne Wenn und Aber wieder als Sohn angenommen ist.

Der andere Sohn fühlt sich – was weder unter Geschwistern noch sonst in der Welt selten ist – ungerecht behandelt. Der Vater lässt sich die Freude nicht verderben. Er lädt den Enttäuschten ein, sich über die Rückkehr des anderen zu freuen. Schließlich sei er ja jeden Tag mit dem Vater zusammen und würde alles mit ihm teilen. Welchen Grund gäbe es also, neidisch zu sein? Wie dieser, der zweite Sohn, reagiert, wissen wir nicht. Die Geschichte hat vor allem den Vater im Blick. Das Ende bleibt offen, weil wir, die wir die Geschichte hören, uns entscheiden müssen: Soll das unser Zuhause sein?

Dies ist eins von 40 Gleichnissen Jesu, die allesamt versuchen, bildhaft zu erklären, was schwer in Worte zu fassen ist: Wie ist Gott? Wie ist das Zuhause, in das er uns einlädt? Was ist wichtig im Leben? Allerdings: Es ist nicht irgendeine Geschichte. Für Martin Luther ist es das wichtigste Stück aus der Bibel. Wenn die Heilige Schrift verloren ginge und nur dieses Gleichnis gerettet würde – dann wäre das ganze Evangelium, die ganze Gute Nachricht von der Gnade Gottes ebenfalls für die Menschheit gerettet. So der Reformator. Und wichtig ist sie tatsächlich, weil sie zwei unterschiedliche Wege in das Zuhause bei Gott zeigt. Der eine äußerlich, der andere innerlich. Der eine lang, aus einer offensichtlich großen Entfremdung von Gott. Der andere kurz, aus einer scheinbaren Nähe. Zwei sehr menschliche Wege.

„Der Verlorene“

Welcher der beiden Söhne ist eigentlich „der Verlorene“? Derjenige, der weg war und Sehnsucht nach Hause hat? Oder der andere, der dageblieben ist? Denn zu Hause zu sein, ohne das als Wert zu empfinden, ist genauso schlimm, wie kein Zuhause zu haben.

Schauen wir uns den ersten Sohn an: Er muss sehr weit gehen, um bei sich selbst anzukommen. „Ich schaffe es nicht allein“ – das ist kein schönes Eingeständnis. Heute noch weniger als damals. Denn heute können wir uns weniger als früher als Opfer der Umstände verstehen. Wir haben mehr Möglichkeiten als alle Generationen vor uns. Was sich aber nicht geändert hat: Wir können unseren Weg nicht allein gehen. So ist der Weg zurück zu Gott vor allem ein Weg zurück in die Wahrheit über unser Leben. Und dazu gehört, dass wir vielleicht sogar noch mehr auf Gott angewiesen sind als die Menschen zur Zeit Jesu, weil wir mehr eigene Fehler machen können.

Ohne es zu merken, bin ich genau diesen Weg zurück in die Wahrheit schon oft selbst gegangen. Und zwar in einem Gebet, das ich seit etwa einem Jahr regelmäßig bete. Es ist dem Weg des jüngeren Sohns ähnlich, denn auch ich versuche, durch einen äußeren Weg innerlich bei Gott anzukommen. Dafür suche ich die absolute Stille im Haus, zünde eine Kerze an und beginne meinen Weg zurück zu Gott mit einem wenig bekannten Vers aus einem alten Pilgerlied. Es wurde während der tagelangen Anreise zum Tempel in Jerusalem gesungen: „Sende dein Licht und deine Wahrheit. Sie sollen mich sicher führen. Sie sollen mich zu dem Berg bringen, wo dein Heiligtum ist, deine Wohnung“ (Psalm 43,3). Das sprich mehrfach hintereinander.

Das Zuhause kann verloren gehen

Es geht mir wie dem ersten Sohn: Die Wahrheit, dass ich Gott brauche und den Weg nicht allein gehen kann, zeigt mir den Weg zurück. Richtig ist dann der Abzweig, der mich näher zu Gott bringt. Während sich der Puls beruhigt, finde ich inneren Frieden. Das ist der Moment, ab dem es möglich wird, Gott zu begegnen. Ob es passiert, ist seine Sache. Aber ich bin da und bereit.

Sich ganz auf die Gegenwart einzulassen, ist eine zentrale Fähigkeit im Leben wie im Glauben. Sie fällt uns immer schwerer. Ablenkungen gibt es massenhaft. Wenn sich in Bezug auf Gott ein „Zuhausegefühl“ einstellen soll, braucht es vor allem die eigene Anwesenheit. Und das ist erst einmal eine rein äußerliche Frage.

„Aber wieso?“, kann man einwenden. „Es gibt doch auch das Gefühl, das Gott einen irgendwie trägt, begleitet und hält. Das ist doch ein Stück Zuhause!“ Ja, das gibt es. Aber jede Beziehung ist nur so stark wie ihre tiefsten Berührungspunkte. Vertrauen passiert nicht einfach, es wächst in wenigen Augenblicken echter emotionaler Verbundenheit. Und ein Zuhause kann man verlieren, wenn man nur oberflächlich nebeneinanderher lebt. So wie der andere Sohn.

Ein Streit führt nach Hause

Der zweite Sohn geht einen anderen Weg, den des Konflikts. Es klingt vielleicht absurd, aber ein offener Konflikt kann helfen, Nähe herzustellen. So wie im Gleichnis der Unmut des Sohnes über die Ungerechtigkeit des Vaters ihn daran erinnert, dass der alltägliche Kontakt selbst schon großen Wert hat. „Du hast jeden Tag das, wonach andere ihr Leben lang suchen. Was mein ist, ist auch dein“, so die Botschaft. „Du bist nicht Gast in meinem Zuhause, das ist unser gemeinsames Heim. Und ich finde das wunderbar!“ Wie jede andere Beziehung kann auch diese den Tod der Langeweile sterben. Der Konflikt macht sichtbar, was der Alltag versteckt: Es steht viel auf dem Spiel. Entweder wir finden wieder zueinander und erkennen gemeinsam, was wir aneinander haben. Oder wir entdecken dies nicht. Dann geht das gemeinsame Heim verloren. Manchmal muss man bis an die Grenze gehen, um sich wieder auf das Zuhause einlassen zu können.

Und auch da finde ich mich wieder: Gemeinde, Gebet, Gottesdienst, Bibel, der christliche Lieblings-­Influencer – das alles kann Alltag werden und anfangen, schal zu schmecken. Es besteht akute Verwechslungsgefahr: Die Mittel des Glaubens können mit dem Inhalt – Gott – gleichgesetzt werden. Und schon ist die Krise da. Was man von dem zweiten verlorenen Sohn lernen kann: Es muss ausgesprochen werden. Vielleicht nicht nur im Gebet bei Gott, sondern auch im Gespräch mit anderen Menschen. Und natürlich zuallererst bei mir selbst: Ich muss mir eingestehen, dass es nicht gut läuft, dass das „Zuhausegefühl“ eher eine Erinnerung ist, aber keine Gegenwart.

Und wenn es sich nicht anfühlt wie zu Hause?

In beiden Fällen sehen wir: Am Anfang steht ein Eingeständnis, dass es nicht allein geht. Dann folgt die Entscheidung, sich wieder auf den Weg zu machen, sei es auch durch Konflikte hindurch. Und dann?

Was dabei herauskommt, wissen wir nicht. Manchmal machen wir alles richtig, und trotzdem stellt sich das ersehnte Gefühl nicht ein. Aber mal ehrlich: Das ist vielleicht gar nicht so schlimm. Wenn wir noch einmal an den Wohnwagen vom Anfang denken, der ein Zuhause auf Rädern ist – er ist nur ein Zuhause auf Zeit. Die eigentliche Heimat ist eine andere. Wenn er ein „Zuhause­gefühl“ erzeugt, ist es trotzdem nur ein Gefühl. Das echte Zuhause wartet noch.

So ist es auch im Glauben: Unser „Zuhausegefühl“ bei Gott ist nicht schon das Ziel. Es ist nur ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen, sind veränderbar und von so vielen Faktoren abhängig, dass wir oft nicht wissen, warum wir uns gerade so fühlen, wie wir uns fühlen. Das echte Zuhause ist die Ewigkeit bei Gott. Das ist der eigentliche Ort der Sehnsucht. Und der Weg dahin ist nicht kompliziert. Er ist auch nicht verborgen, sondern zum Greifen nah. Denn der Weg in die Ewigkeit ist der, den diese Geschichte von den beiden Söhnen und ihrem Vater erzählt: Es ist Jesus. Wer den Weg in die Ewigkeit sucht, findet seine Antwort nur bei ihm.

Matthias Kleiböhmer ist Theologe, Autor und Communitypastor der Stiftung Creative Kirche in Witten. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/10/jordan-mcqueen-956I1peiMi4-unsplash.jpg 1280 1920 emilia.berns https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg emilia.berns2026-10-16 09:44:342026-10-16 09:44:34Verloren: Wie Gott dir den Weg nach Hause zeigt

Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können

Eltern können ihre Kinder nicht glücklich machen. Aber sie können ihnen Tools mitgeben, die helfen, das Glück zu finden. Von Sandra Geissler

Als die freundliche Anfrage zu diesem Artikel in mein Postfach flatterte, zuckte ich kurz zusammen. „Kann ich meine Kinder glücklich machen?“, „Bin ich für das Glück meiner Kinder verantwortlich?“ und „Wie kann ich ihnen eine glückliche Kindheit schenken?“ „Huch“, dachte ich. „Das wird ein kurzer Artikel. Nein, nein und nochmals nein. Fertig.“

Dann dachte ich daran, wie oft ich schon alles dafür tun wollte, dass aus dem „Nein“ irgendwie ein „Ja“ werden möge. Elternherzen sehnen sich danach, bei der Geburt ihrer Kinder eine Glücksgarantie mitgeliefert zu bekommen. Und wenn schon keine Garantie, dann zumindest eine Betriebsanleitung für die glückliche Kindheit, die schlussendlich in ein glückliches Erwachsenenleben mündet.

Bullerbü und Zimtschnecken

Es ist ein Sehnen gegen jede Vernunft. Übermächtig groß kann es werden, gespeist aus überwältigender Liebe und der großen Verantwortung für das Menschenkind, das uns anvertraut wurde. Kaum ist der erste Herzschlag auf einem Monitor sichtbar, kommt bei den meisten Eltern mit der Freude auch das Gefühl auf, ab jetzt alles – aber auch wirklich alles – richtig machen zu wollen für dieses winzig kleine Lebewesen. Dem Glück soll bloß kein Hindernis in den Weg gelegt werden.

Ziegenkäse wird umgehend zur potenziellen Waffe, Folsäure muss her und die Katze dafür weg. Von Anfang an wartet ein ganzer Dschungel an Möglichkeiten und Ratschlägen für die Baby- und Kinderpflege, für Lebensgestaltung und Erziehung. Und mit jedem Jahr scheint er größer zu werden. „Nimmst du die falsche Abzweigung“, nagt eine Stimme im Kopf, „dann wird es Folgen haben!“

Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder, wollen sie glücklich sehen, wollen Bullerbü und Sicherheit und Gesundheit und Zimtschnecken und Rituale und Versicherungen, ein „woom“-Bike und liebevolle Lehrer und, und, und … Da kann man schon mal atemlos werden. Vor allem aber spürt man die ganze Schwere der Verantwortung auf den eigenen Schultern.

Die Krux an der Sache: Egal, wie sehr wir uns abmühen, egal, wie wohlhabend, gut oder gläubig wir sind – es wird uns keine goldene Garantiekarte fürs Kinder- und Familienglück ausgestellt. Das Glück lässt sich nicht bei Amazon bestellen, es ist flüchtig und ein wenig eigenwillig. Und es verspricht niemals, dauerhaft im Leben unserer Kinder zu bleiben.

Das ganze Paket

Diese Erkenntnis hat etwas sehr Befreiendes. Stell dir vor, du wärst tatsächlich verantwortlich für das Glück deiner Kinder. Wärst du auch verantwortlich für Krankheiten, die keiner kommen sah, für Schicksalsschläge, das Scheitern von Beziehungen oder einen garstigen Mathelehrer? Wärst allein du verantwortlich, wenn der Schulabschluss nicht gelingt, eine Depression dein Kind umfängt, die große Liebe auf sich warten lässt? Hättest du dich einfach mehr anstrengen müssen? Nein, natürlich nicht. Das wäre fast schon anmaßend.

Denn auch Eltern sind nur Menschen. Auf die meisten Umstände haben wir so viel Einfluss wie auf das Wetter. Schließlich gehören Scheitern und Verlust, Grenzerfahrungen und sogar Ungerechtigkeit zu jedem Menschenleben dazu – auch zu dem unserer Kinder. Wir können sie davor nicht bewahren, so sehr wir es uns auch wünschen.

Das Leben in Fülle beinhaltet das ganze Paket: Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, Verlieren und Finden, Leichtigkeit und Schwere. Es wäre schade, wenn diese Fülle an einer glatten, kantenfreien Kindheit abgleiten würde. Kinder sind ganze Menschen und zum ganzen Menschen gehören Herausforderungen genauso wie ein schlagendes Herz.

Geschenke an der Straßenecke

Ich glaube fest daran, dass Glück nicht die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Glück lässt sich auch in den dunkelsten Zeiten entdecken. Es blitzt unverhofft im Alltag auf, klopft leise an die Tür, wenn du es eigentlich nicht erwartest, streicht dir unvermittelt übers Haar. Du kannst es suchen und ihm still die Hand hinhalten, auch wenn der Sturmwind um dich tobt und Steine in deinem Herzen liegen.

Wir können als Eltern kein umfassendes Glück garantieren. Aber wir können unseren Kindern die hohe Kunst beibringen, das Glück zu entdecken. Es will in den kleinen Dingen gefunden werden – egal, was der Tag bereithält. Es versteckt sich auch an dunklen Regentagen in einer warmen Decke und einer Tasse Kakao. Es lässt sich trotz der Fünf in Mathe finden: in einer festen Umarmung, in einem freundlichen Wort, in einem befreienden Fußballspiel. Vielleicht muss dein Kind damit leben lernen, eine Niete in Sport zu sein, aber es findet das Glück im Ausdenken von Geschichten und als Experte für Dinosaurier.

Du kannst lehren, hinzuhören: auf das erste Vogelzwitschern nach einem langen Winter, auf den richtig guten Witz, auf das Pladdern des Sommerregens. Du darfst lehren, hinzusehen und zu entdecken, welche Wunder und Geschenke das Leben an jeder Straßenecke bereithält. Die meisten sind völlig kostenfrei.

Wir sollten es gemeinsam üben, wie Schuhe binden und Zähneputzen. Denn wenn es hart auf hart kommt, kann das Suchen nach dem kleinen Glück die Rettungsleine sein. Dann kann dein Kind auch an traurigen Tagen die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht spüren und mit der Wärme die Hoffnung fühlen.

Ein dickes Bündel Gewissheit

Es ist nicht unser Auftrag, unsere Kinder glücklich zu machen. Aber es ist unser Auftrag, ihnen einen Werkzeugkasten mit an die Hand zu geben. Einen Werkzeugkasten fürs Leben und für alles, was es unseren Kindern vor die Füße wirft.

Liebe und Geborgenheit dürfen nicht fehlen, und das Wissen um Menschen, die bedingungslos da sind und Rückhalt bieten. Annahme muss hinein, Gnade und die Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu finden. Selbstbewusstsein und eine Portion praktische Intelligenz. So viel Gottvertrauen wie möglich, gemeinsame Erinnerungen und ganz viel Zutrauen. Ein dickes Bündel Gewissheit, dass Scheitern nie das Ende ist, Eigenverantwortung und Gemeinschaft.

Ich glaube, dass ein solcher Werkzeugkasten ein guter Begleiter für ein Leben ist, das zwar kein dauerhaftes Glück garantiert, aber reich an Erfahrungen in allen Farben ist. Du kannst nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Aber mit dieser Grundausrüstung ist dein Kind in der Lage, über sie zu klettern oder die Extrameile zu laufen.

„Ich bin nicht Gott“

Leider gibt es keine Garantie und keine Betriebsanleitung für ein glückliches Leben. Obwohl ich das weiß, sehne ich mich immer wieder danach, alles zu tun, damit meine Kinder ungetrübt glücklich sein dürfen. Dann gerate ich in Versuchung, Probleme zu lösen, die nicht meine sind, Schmerz wegzureden, der ausgehalten werden will und unter der Last meines Pflichtgefühls zu schwanken.

Kürzlich hörte ich in einem Podcast einen Satz, der mich sehr berührt hat: „Es gibt einen Gott. Du bist es nicht!“ Ich kann einen Werkzeugkasten packen, ich kann das kleine Glück mit meinen Kindern an der Hand suchen gehen, aber mehr kann ich nicht. Und mehr muss ich auch nicht. Es gibt einen Gott, und ihm darf ich alles andere überlassen. Mit dieser Gewissheit darf ich mich aufrichten, die Last abschütteln, und wir nehmen das Leben, wie es eben kommt.

Sandra Geissler ist katholische Diplomtheologin und arbeitet als Lehrerin und Schulseelsorgerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Nierstein am Rhein.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/glueckliche-Kinder_GettyImages_mikimad_E.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-18 14:40:332026-06-18 14:40:33Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können

Glück nur zu zweit?

Marcus Beier ist überzeugt: Wer sich selbst nicht annehmen kann, wird durch die Ehe nicht glücklich.

Um es vorwegzusagen: Ich bin gern verheiratet. Und ich bin glücklich verheiratet. Aber bin ich nur glücklich, weil ich verheiratet bin? Mit anderen Worten: Ist meine Frau verantwortlich für mein Glück? Bin ich nur glücklich, weil ich sie habe?

Damit ich richtig verstanden werde: Ich bin maximal glücklich, dass ich meine Frau (und meine Kinder) habe und möchte das keineswegs missen! Das steht fest. Trotzdem mache ich meine Frau nicht für mein Glück verantwortlich. Einerseits wäre das eine völlige Überforderung. Andererseits würde es bedeuten, dass ich unglücklich gewesen wäre, bevor ich sie kennengelernt habe. Aber war ich unvollständig, als ich Single war? Konnte ich zu mir selbst erst Ja sagen, als ich endlich unter der Haube war?

Ein vollständiger Mensch

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Menschen ihr Glück im Leben zu zweit suchen. Schließlich ist das der Stoff, aus dem Kitschromane und Liebesfilme gemacht sind. Emotional schließt sich das durchaus an unser Erleben an. Wir Menschen fühlen uns oft unfertig und mangelhaft. Biblisch gesehen ist das auch nicht falsch. Wir sind unvollkommen, erlösungsbedürftig, und ein Gegenüber ist eine wunderbare Ergänzung. Aber es kann eben nur das sein: ein Gegenüber. Erlösung? Nein, die gibt es nur bei Gott.

Wie ist das nun mit dem Glück? Meine knallharte These: Wenn ich allein nicht glücklich bin, werde ich es auch in der Ehe nicht. Ich kann von meiner Partnerin nicht erwarten, dass sie mich glücklich macht. Diese Last kann niemand tragen. Denn die Identität eines jeden Menschen liegt nicht in seinem Gegenüber. Er ist ein vollständiges, in sich geschlossenes Individuum. Sein Wert liegt in sich selbst begründet – denn Gott hat Wunderbares in jeden Menschen hineingelegt. Das kann niemand wegnehmen, und dem kann niemand etwas hinzufügen. Leider tendieren wir dazu, etwas anderes haben oder jemand anders sein zu wollen. Wir arbeiten gegen uns selbst.

Ehrlich gesagt kenne ich das sehr gut: Ich würde gern anders aussehen, wäre gern schlauer, witziger, schlagfertiger, belesener … Anstatt zu sein, wer ich bin, lehne ich mich ab und bemühe mich bestmöglich, jemand anderes zu sein. Das ist die Wurzel des Unglücks. Glücklich zu sein bedeutet, zu lernen, ich selbst zu sein und mich selbst zu lieben. Natürlich arbeite ich an mir und an meinen Schwächen. Ich will die beste Version meiner Selbst werden – aber nicht jemand anderes. Meine Frau kann mir auf diesem Weg helfen. Aber Ich-Sein ist meine Aufgabe! Wenn ich mich nicht selbst annehmen kann, wird auch ein Ehepartner das Problem nicht beheben. Wenn ich mich selbst annehme, ist ein Ehepartner eine wunderbare Ergänzung – aber nicht das Glück selbst.

Marcus Beier ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT. Er lebt mit seiner Familie in Wiesloch bei Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/Glueck-und-zu-zweit_GettyImages_Rowan-Jordan_iStock-Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-18 12:28:442026-06-18 12:28:44Glück nur zu zweit?

Zur Konfliktfähigkeit erziehen

Um in Familien Frieden zu leben, brauchen wir eine gesunde Konfliktkultur. Für Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
praxis-dbeier.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Familie_GettyImages_AleksandarNakic.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-02 08:45:522025-06-10 08:48:02Zur Konfliktfähigkeit erziehen

Familienfreundliche Gemeinden?

Es hängt sehr stark von den einzelnen (Kirchen-)Gemeinden ab, wie sehr sich Familien willkommen und zu Hause fühlen. Lisa-Maria Mehrkens hat bei Familien nachgefragt, wie sie ihr Gemeindeleben gestalten und was sie sich von Gemeinden wünschen.

Wie familienfreundlich Gemeinden wahrgenommen werden, ist sehr unterschiedlich. In den meisten Gemeinden gibt es über die Woche verteilt Angebote für verschiedene Altersgruppen, zum Beispiel Mama-Kind-Kreise, Krabbelgruppen, Jungschar, Teenkreis oder Junge Gemeinde. Auch parallel zum sonntäglichen Gottesdienst finden Angebote für Kinder und Teens statt. Manche Gemeinden haben für Eltern mit Kleinkindern spezielle und gut ausgestattete Spielräume, in die der Gottesdienst per Ton oder Bild übertragen werden kann. Doch nicht jede Kirche oder Gemeinde hat die baulichen Möglichkeiten, einen extra Raum für Familien einzurichten. „Ungemütlich, zu klein, zu laut“ nannten einige Eltern die bei ihnen vorhandenen Räume. Einige wünschten sich zusätzliche Still- oder Wickelmöglichkeiten sowie Rückzugsmöglichkeiten, wenn es den Kindern zu viel wird.

„Wir kommen immer auf den letzten Drücker zum Mutti-Kind-Kreis. Oft ist es leider nur ein weiterer Termin im stressigen Alltag“, beschreibt eine Mutter das Problem vieler Familien. Der Alltag ist so vollgepackt, dass – selbst familienfreundliche – Gemeindeveranstaltungen manchmal nur zusätzlicher Stress sind. Dabei können enge Beziehungen, die über die kirchlichen Veranstaltungen hinaus Bestand haben, günstig für das eigene Glaubensleben und Wohlbefinden sein. Deshalb plädieren viele Eltern dafür, bei Gemeindeveranstaltungen mehr Zeit für Austausch und die Pflege von Beziehungen einzuräumen. Zum Beispiel bei Familientreffen mit viel gemeinsamer Zeit und einem kurzen geistlichen Impuls. Ein gemeinsames Mittagessen nach dem Gottesdienst würde den Druck verringern, sich zu Hause um das Essen kümmern zu müssen und für Gemeinschaft und Austausch sorgen. Gleichzeitig hätten die Kinder gleichaltrige Freunde zum Spielen, was auch die Eltern entlastet. „Je mehr die Menschen aus der Gemeinde auch Teil des alltäglichen Lebens sind, umso einfacher ist es auch, Glaube in den Alltag zu bringen. Besonders wenn auch die Freunde der Kinder Teil der Gemeinde sind“, betont ein Vater.

Gottesdienst als Familie erleben

Der Besuch des wöchentlichen Gottesdienstes ist vor allem für die Eltern herausfordernd, deren Kinder noch nicht alt genug für den Kindergottesdienst sind. Dann kann bei Paaren nur ein Elternteil bewusst dem Gottesdienst folgen, während der andere den Nachwuchs betreut. Für Alleinerziehende ist es noch schwieriger. Einige Eltern bemängeln die ungünstigen Zeiten oder die zu lange Dauer der Gottesdienste. „Familienfreundliche Gottesdienste sollten zu familienfreundlichen Zeiten stattfinden sowie abwechslungsreich, kurz und prägnant gestaltet werden“, schlägt eine Mutter vor. Dennoch gehen einige Familien auch mit Babys und (Klein-) Kindern fast jeden Sonntag in den Gottesdienst. „Für mich schafft der Gottesdienst Zeit und Raum für Begegnungen mit Gott, die mir im Alltag fehlen. Zudem ist mir die Zeit auch wichtig für die Begegnung mit anderen und weil meine Kinder im Kindergottesdienst etwas vom Glauben hören“, erklärt ein Vater seine Beweggründe. Eine Mutter betont, dass es wichtig sei, gemeinsam als Familie Erfahrungen mit Gott zu machen. Die altersspezifischen Angebote unter der Woche nehme meist nur ein Teil der Familienmitglieder wahr. „Im Gottesdienst können wir zumindest zeitweise alle zusammen sein. Das stärkt uns als Familie gemeinsam in unserem Glauben.“

Zum Fußball oder in die Gemeinde?

Neben jüngeren Kindern sind auch Teenager ein wichtiger Teil von Gemeinden, der gelegentlich zu wenig beachtet wird. Manchmal konkurrieren ihre Hobbys, wie ein Fußballspiel oder eine Theateraufführung, zeitlich mit Gemeindeangeboten. Für viele Teenager ist entscheidend, zu welchem Angebot ihre Freunde gehen. Spezielle Jugendgottesdienste, gemeinsame Ausflüge, Mahlzeiten oder (Online-)Treffen unter der Woche stärken die Gemeinschaft und Freundschaften der Teens innerhalb der Gemeinde. Einige Eltern finden, ihre Teens könnten mehr in die Gemeindestrukturen eingebunden werden und Aufgaben übernehmen, damit sie Verantwortung lernen und sich gebraucht fühlen. „Man kann Jugendlichen schon mehr Verantwortung und Aufgaben übertragen, als man manchmal denkt“, meint eine Mutter. Auf diese Art können sich die jüngeren Gemeindemitglieder auch in verschiedenen Bereichen ausprobieren und ihre Begabungen entdecken und stärken. Gottesdienste und andere Angebote sollten so gestaltet werden, dass sie die Lebenswelt der Jugendlichen ansprechen. So fühlen sich Teenager auch nach der Konfirmation oder dem Ende des Bibelunterrichts noch als Teil der Gemeinde.

Anschluss nicht verlieren

„Seit wir Kinder haben, gehen wir nicht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst. Es ist einfach zu anstrengend, die Kinder ruhig zu halten, mit ihnen zu spielen und gleichzeitig noch dem Lobpreis oder der Predigt zu folgen. Ein Kinderprogramm gibt es erst ab drei Jahren. Da bleiben wir lieber zu Hause.“ Das berichtet eine Mutter von Zwillingen im Alter von einem Jahr. Und sie ist mit dieser Erfahrung nicht allein. Seit die Corona-Pandemie verschiedene Online-Angebote wachsen ließ, nutzen besonders Familien mit Babys und Kleinkindern, die noch zu jung für die Kindergottesdienste sind, die Möglichkeit, vom gemütlichen Sofa aus an Online-Treffen teilzunehmen oder den Gottesdienst im Livestream zu verfolgen. Eine Mutter berichtet, dass auch ihr spezieller Hauskreis für Mütter mit Babys meist online stattfindet: „So kann man sich stummschalten, wenn das Baby schreit. Und jede Mama kann füttern und wickeln, wie es gerade passt“, berichtet sie. Auch bei Hausgottesdiensten innerhalb der Familie oder zusammen mit Gästen kann durch mehr Flexibilität besser auf die einzelnen Bedürfnisse eingegangen werden.

Dennoch berichten manche Eltern, sich durch den fehlenden persönlichen Kontakt nicht mehr richtig als Teil der Gemeinde zu fühlen. Deshalb stellt sich neben der Frage, wie familienfreundlich Gemeinden sind, auch die Frage, wie gemeindefreundlich eine Familie ist. Die Möglichkeiten der Eltern, sich in die Gemeinde einzubringen, sind vielfältig: einen Hauskreis oder die Jugendgruppe leiten, den Gottesdienst moderieren, sich im Lobpreis, dem Leitungskreis oder der Technik engagieren. Die Verantwortung zwischen dem Dienst in der Gemeinde und der Betreuung der Kinder kann dabei abwechselnd aufgeteilt werden. Oder man nimmt die Kinder mit und integriert sie, soweit es geht. „Wenn ich den Beamer-Dienst im Gottesdienst habe, sitzt mein Sohn meist mit auf meinem Schoß. Manchmal lasse ich ihn eine Folie weiterklicken und er freut sich, dass er mir helfen kann“, berichtet ein Vater.

In Gemeinden Talente für Gott einsetzen

Eine andere Familie erzählt, dass sie sich gemeinsam als „Familienband“ in der Lobpreisarbeit beteiligen. „Das ist für uns perfekt. Wir haben als Familie ein gemeinsames Hobby, können gleichzeitig Zeit in der Gemeinde verbringen und unsere Talente für Gott einsetzen“, erklärt die Mutter. Gemeinsame Mahlzeiten nach Gottesdiensten, Aktivitäten mit anderen Familien oder feste wöchentliche Treffen tragen die gemeindeinternen Beziehungen in den Alltag und können auch von den Familien selbst initiiert werden. Zudem können sich Eltern für regelmäßige Familiengottesdienste stark machen und aktiv dort mitwirken. Wenn die Eltern-Kind-Räume nicht zufriedenstellend sind, können sich Familien zusammenschließen und selbst für eine Verbesserung einsetzen.

Sowohl die Gemeinden als auch die Familien selbst sind durch gegenseitiges Verständnis, Austausch und Kompromisse in der Verantwortung, eine gemeinsame Basis zu finden. Nur so kann eine Gemeinde für alle gelebt werden. Eine Mutter betont, Gemeinden sollten Familien als „stark prägende Konstante für das Glaubensleben“ wertschätzen und unterstützen. Ihre Idee: eine „Patenschaft“ von älteren Eltern für jüngere Familien.

Lisa-Maria Mehrkens ist Journalistin, Autorin und Psychologin. Mit ihrer Familie wohnt sie in Chemnitz. Mehr auf Instagram unter: mehrkens.journalismus und himmelslichtfuerdich

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/07/BN_Megan-Flick_lightstock_489171_full_-scaled.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-07-11 07:07:012024-07-11 07:10:05Familienfreundliche Gemeinden?

Schicksal Sandwichkind?

Wie stark prägt die Geschwisterkonstellation die Persönlichkeit von Kindern? Daniela Albert räumt mit einigen Missverständnissen auf.

„Mama, ich habe es eigentlich am besten! Ich hatte immer irgendwen zum Spielen. Ich bin voll froh, das mittlere Kind zu sein!“ Na also, geht doch, denke ich mir, als mein Sandwichkind mir die Vorteile seiner Position inmitten seiner Geschwister erklärt. Normalerweise führe ich nämlich ganz andere Gespräche, wenn es um die Vor- und Nachteile geht, die dieses Kind, das gleichzeitig kleine und große Schwester ist, mit ins Leben nimmt.

Sandwichkindern haftet die Vorstellung an, dass sie von ihren Eltern oft übersehen oder vernachlässigt werden. Die Aufmerksamkeit der Eltern, so die These, wird eher vom ältesten und vom jüngsten Kind beansprucht. „Die Arme“, habe ich schon das eine oder andere Mal in Bezug auf unser mittleres Kind gehört. Doch wie arm sind Sandwichkinder wirklich? Und wie führungsstark und extrovertiert die Großen? Eine rebellische, unternehmungslustige Kleine hätte ich hier bei uns im Haushalt definitiv im Angebot – die Frage ist nur, ob das Zufall ist oder tatsächlich der Geburtenreihenfolge geschuldet.

Die fürsorgliche große Schwester

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschwisterforschung. Lange Zeit galten dort bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch die Position innerhalb der Familie ergeben, als erwiesen. Verschiedene Studien haben bestimmte Typen identifiziert. So scheinen die kleinen Brüder in einer reinen Jungs-Familie besonders wettbewerbsfreudig und ehrgeizig zu sein und eigentlich immer darauf aus, andere zu übertrumpfen. Große Schwestern hingegen gelten als besonders mütterlich und fürsorglich. Kleine Schwestern, besonders, wenn sie mit großen Brüdern aufwuchsen, sollen besonders weiblich sein und bei Männern zeitlebens einen Beschützerinstinkt wecken.

Du ahnst es: Solche Typen mögen zwar einst in Studien aufgefallen sein, doch sie eignen sich nicht besonders gut als Aussage über die Auswirkung der Konstellation der Geschwister. Vielmehr sind sie Kinder ihrer Zeit gewesen – denn viele dieser Erkenntnisse sind bereits 30 oder 40 Jahre alt, einige sogar noch älter. Erziehung fand in unserer eigenen Kindheit und besonders in der der Generation davor noch stark entlang von Geschlechtergrenzen statt. So war es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass eine große Schwester von der Mutter auch Aufgaben im Bereich der Betreuung und Versorgung jüngerer Geschwister zugeteilt bekommen hat und sich so auch für diesen Bereich mitverantwortlich fühlte. Daraus ist eine prägende Erfahrung für das weitere Leben entstanden.

Die Erziehung von Jungs hingegen erfolgte wettbewerbsorientiert. Schon früh wurden sie dazu ermutigt, miteinander ihre Kräfte zu messen und sich bei Sport und Spiel zu übertrumpfen. Kleinere Brüder mussten sich hier doppelt und dreifach anstrengen. Meistens gelang es ihnen nicht, mit den Großen mitzuhalten. Es trotzdem immer wieder zu versuchen, kann für sie ein starker Antrieb gewesen sein – und darin gemündet haben, dass sie Zeit ihres Lebens mithalten oder besser sein wollten.

Der entscheidende Faktor

Heute haben wir eine größere Achtsamkeit entwickelt, was Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie angeht. Jungs haben immer häufiger Väter als Vorbilder, die sich ebenfalls in der Kindererziehung und der Hausarbeit einbringen. Und Mädchen werden zu Hause genauso ermutigt, Leistung zu erbringen und sich etwas zuzutrauen, wie ihre Brüder dies seit jeher wurden. Doch bedeutet das, dass es im Kontext von moderner Erziehung egal ist, in welcher Reihenfolge wir geboren werden?

Nicht ganz. Denn zum einen mögen wir heute viele Klischees hinterfragt haben und uns in unserer Erziehung nicht mehr so sehr von traditionellen Rollenverständnissen leiten lassen – frei davon sind wir aber noch lange nicht. Auch heute noch müssen Töchter weit häufiger im Haushalt helfen oder die Betreuung der kleinen Geschwister übernehmen als Söhne. Bei Jungen werden Leistungs- und Wettbewerbsgedanken noch immer stärker gefördert, während wir Mädchen noch immer unbewusst beibringen, lieber bescheiden und zurückhaltend zu sein. Wir können aber festhalten, dass das Erziehungsverhalten von uns Eltern der entscheidende Faktor ist, wenn es darum geht, wie sich unsere Kinder entwickeln.

Geschwister – die längste Beziehung

Neben den eher geschlechtsspezifischen Eigenschaften, die durch Erziehung und den Platz in der Geschwisterkonstellation geprägt werden, gibt es ja auch noch die allgemeineren Vorstellungen davon, wie Kinder aufgrund ihrer Geburtsreihenfolge sein können. Was ist denn nun dran an den führungsstarken Ältesten, den teamfähigen Sandwichkindern und den rebellischen Kleinen?

Selbstverständlich hängt unsere Entwicklung auch davon ab, wie wir aufwachsen und welchen Platz wir in unserer Familie und unter unseren Geschwistern einnehmen. Die Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten und intensivsten Beziehungserfahrungen, die wir machen. Anders als die Beziehung zu unseren Eltern, die von einem starken Machtgefälle geprägt ist, sind Geschwisterbeziehungen mehr auf Augenhöhe. Unterschiede, die vor allem in den frühen Jahren bestehen, gleichen sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr an. Und Hierarchien werden im Lauf des Lebens mehrfach neu verhandelt.

Ältere Kinder übernehmen in der Interaktion mit ihren jüngeren Geschwistern oft automatisch die Führung. Sie erklären Spiele, leiten ihre kleinen Brüder und Schwestern in sozialen Situationen an und sind Vorbilder. Die Jüngeren sind in diesem Konstrukt immer bestrebt, mit den Großen mitzuhalten, hinterherzukommen, dabei zu sein. Sie versuchen, das Gefälle, das es oft zwischen ihnen gibt, weil die Großen nun einmal mehr können und mehr dürfen, wettzumachen, indem sie sich besonders anstrengen. Manchmal machen sie Entwicklungsschritte dadurch deutlich früher, als es bei ihren großen Geschwistern der Fall war. Natürlich prägt auch all das die Persönlichkeit.

Die mittleren Kinder sind – wie meine Tochter es so schön beschrieben hat – die, die immer mit jemandem eng verbunden sind. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase sie sich gerade befinden, fühlen sie sich mal mehr den Älteren und dann wieder den Jüngeren zugehörig. Sie können auch als Bindeglied zwischen den Großen und Kleinen dienen, weil sie sich aufgrund ihrer Position in beide hineinversetzen können. Die ihnen zugeschriebenen positiven Eigenschaften Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kompromissbereitschaft konnten gut erlernt werden.

Nicht in Schubladen stecken

Nur: Pauschalisieren kann man all dies nicht. Geschwisterkonstellationen haben einen Einfluss darauf, wie wir uns entwickeln, aber dieser ist weit weniger von der Geburtsreihenfolge abhängig, als lange Zeit angenommen. Vielmehr kommt es darauf an, was für Persönlichkeiten in unserer Familie miteinander leben und wie wir als Eltern mit unseren Kindern umgehen. Welche Rolle jemand in einer Familie einnimmt, ist von vielen verschiedenen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Auch kann sich die Rolle der jeweiligen Kinder im Lauf des Lebens verändern. Wir sind nicht auf einen bestimmten Platz im Familiensystem festgeschrieben.

Als Eltern können wir einen großen Teil dazu beitragen, dass unsere Kinder nicht in Schubladen geraten, die vermeintlich an ihrem Platz in der Geschwisterreihenfolge hängen. Beispielsweise können wir Rollenklischees, die wir mit uns herumtragen, reflektieren und bewusst aufbrechen. Auch diese Fragen können wir uns stellen: Sehen wir unsere Kinder so, wie sie sind, und gehen wir entsprechend auf sie ein? Wie werden bei uns zu Hause Probleme besprochen, wie darf Streit ausgetragen werden, wo werden wir selbst als Vermittler zwischen unseren Kindern tätig? Schlagen wir uns unbewusst oft auf die Seite eines bestimmten Kindes? Haben wir Erwartungen an eines unserer Kinder, die wir an die anderen nicht haben? Fördern wir Konkurrenz zwischen den Geschwistern oder Kooperation?

Wichtig ist, dass wir im Hinterkopf behalten, dass wir es mit kleinen Menschen zu tun haben, die jenseits ihres Alters und der Frage, als wievielter sie in unsere Familie gekommen sind, gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Mit kleinen Menschen, die in unserer Familie Übungsfelder brauchen, in denen sie ihre Fähigkeiten und Talente entfalten dürfen und auf denen ihre ganz eigene Persönlichkeit einen sicheren Platz hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/05/BN_Imgorthand_GettyImages-496026852-scaled-e1715334196735.jpg 1540 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-05-14 08:30:252024-05-14 08:30:25Schicksal Sandwichkind?

Warum Faulsein nicht immer schlecht ist

Faulsein hat einen schlechten Ruf. Zu Recht? Family-Redakteurin Bettina Wendland findet, dass Faulheit sowohl hilfreich als auch hinderlich sein kann.

Pippi Langstrumpf hat uns diesen Ohrwurm beschert: „Faulsein ist wunderschön, denn die Arbeit hat noch Zeit.“ Allerdings assoziiere ich die Efraimstochter eher mit „hyperaktiv“ als mit „faul“. In meiner Erinnerung ist sie immer in Bewegung: Sie jagt Verbrecher, klettert Wände hoch, bespaßt ihre Freunde und reist durch die Südsee. Aber ja, es gibt auch diese andere Seite bei ihr: Sie schwänzt die Schule, chillt in der Villa Kunterbunt und schwebt mit dem Heißluftballon über die schwedische Landschaft. Und das ist irgendwie typisch für das Thema Faulsein: Es ist vielschichtig und wird, je nachdem, aus welcher Perspektive man es anschaut, sehr unterschiedlich bewertet.

Der Begriff „Faulsein“ oder „Faulheit“ ruft verschiedene, zum Teil sogar gegensätzliche Assoziationen hervor. Eher positive wie ausruhen, Pause, Entspannung, das Leben genießen … Und eher negative wie Trägheit, Arbeitsscheu, Bequemlichkeit, abhängen … Die Synonyme Nichtstun und Müßiggang sind ähnlich mehrdeutig. „Nichtstun macht nur dann Spaß, wenn man eigentlich viel zu tun hätte“, wird der englische Schriftsteller und Komponist Noël Coward (1899-1973) zitiert. Ein wahres Wort. In stressigen Zeiten ist die Sehnsucht danach, einfach mal nichts zu machen, besonders hoch. Für Menschen, die aufgrund ihres Alters oder einer Erkrankung nur wenig aktiv sein können, ist das Nichtstun dagegen eher eine Belastung. Und die Herausforderung des Alltags liegt für sie eher darin, „die Zeit totzuschlagen“.

Zwischen Todsünde und Dolce far niente

Von der Antike bis in die Neuzeit hinein war der Müßiggang kulturell meist höher angesehen als die Arbeit. Sokrates lobte die Muße als „Schwester der Freiheit“. Die Arbeit war eher etwas für das einfache Volk und mit Mühsal und Nöten verbunden. Diese Einstellung zur Arbeit – und damit zum Nichtstun – änderte sich maßgeblich mit der Reformation. Luther zitiert ein Sprichwort seiner Zeit: „Wer treu arbeitet, der betet zweifach.“ Gott nachzufolgen und die irdischen Pflichten zu erfüllen, gehört für ihn zusammen. Damit knüpft er an die katholische Tradition an, in der die Acedia (Nichtstun, Trägheit) seit dem Ende des vierten Jahrhunderts zu den sieben Todsünden gehörte. Der Dichter Hans Sachs, ein Zeitgenosse und Anhänger Martin Luthers, bringt die Kritik an der Faulheit in seinem Gedicht „Die frau Sorg und frau Faulkeit“ auf den Punkt: „ste auf, sunst bist verloren!/wiltu der Faulkeit hulden,/so mustu armut dulden./Faulkeit tregt auf dem rücke/wol mengerlei unglücke.“

Für den Reformator Calvin waren Fleiß und der damit im Idealfall verbundene Reichtum Begleitumstände eines gottgefälligen Lebens und der Gnade Gottes. Die sich in dieser Zeit entwickelnde so genannte protestantische Arbeitsethik prägt viele von uns bis heute.

Wohlergehen braucht Auszeiten

Allerdings hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahrnehmung des Nichtstuns in unserer Gesellschaft gewandelt. Dr. Yvonne Robel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg hat erforscht, wie sich die gesellschaftliche Haltung zum Müßiggang historisch verändert hat: „In den 50er- und 60er-Jahren herrschten auf der einen Seite extreme Sehnsüchte, etwa nach dem sogenannten ‚Dolce far niente‘ – dem süßen Nichtstun im Italienurlaub. Auf der anderen Seite gab es bis 1969 Arbeitshäuser zur Disziplinierung von sogenannten Arbeitsscheuen.“ (zit. n. uni-hamburg.de). Seitdem hat sich einiges geändert, wie Dr. Yvonne Robel feststellt: „Inzwischen steht mehr im Fokus, dass jeder für sich und sein Wohlergehen verantwortlich ist – und dazu gehört eben auch, sich um Auszeiten zu kümmern.

Nichtstun erfährt dabei übrigens eine vermehrte Bedeutungsaufladung. Das eine wichtige Stichwort ist Gesundheit, ein weiteres ist Kreativität. Nichtstun ist ja nicht einfach nur Rumhängen, sondern wird mit Ratgebern, die erklären, wie man richtig und effektiv nichts tun kann und dabei noch kreativ wird, quasi gestaltet.“ Das Faulsein ist salonfähig geworden.

Schöpferisches Faulsein

„Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause“, sagte schon die englische Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861). Was zu ihrer Zeit nur der „Upper Class“ vorbehalten war, ist heute Allgemeingut. Nichtstun, Ausruhen, Pausieren ist wichtig. Ohne regelmäßiges Abschalten brennen wir aus. Wie unsere technischen Geräte müssen auch wir uns immer wieder herunterfahren und ausschalten, bevor wir neu durchstarten können.

Allerdings geht es meist weniger darum, dass wir uns von etwas erholen, sondern dass wir uns für etwas ausruhen – um anschließend mit voller Kraft weiterzuarbeiten. Die Faulheit und das Nichtstun sind nicht in sich selbst wertvoll, sondern weil sie uns gesundheitlich und kreativ weiterbringen. Nicht umsonst sprechen wir gern von einer schöpferischen Pause. Eine Pause ist nur dann „erlaubt“, wenn dabei etwas herausspringt. So richtig faul ist das nicht.

Es fällt uns wohl tatsächlich schwer, einfach nur faul zu sein. Ohne Hintergedanken. Ohne Überlegung, wie wir davon wieder profitieren können. Dabei ist doch das Nichtstun um seiner selbst willen wertvoll. Aber in unserer Lebensrealität kaum auszuhalten. Das schlechte Gewissen ist unser ewiger Begleiter. Wenn wir mal faul sind, dann nur mit gutem Grund und einer Entschuldigung oder Erklärung auf den Lippen.

Hinderliches Faulsein

Aber das ist ja auch nachvollziehbar. Denn faul zu sein ist nicht nur wunderschön. Faulheit kann uns Wege verbauen, Entwicklungen behindern – unsere eigenen oder auch die unserer Kinder. Wobei ich an dieser Stelle eher von Bequemlichkeit sprechen würde. Bequemlichkeit hindert uns daran, notwendige Schritte zu gehen und positive Veränderungen einzuleiten. Wem es zu anstrengend ist, Jobmöglichkeiten zu recherchieren und Bewerbungen zu schreiben, der wird aus seinem ungeliebten Berufsalltag nicht herauskommen und möglicherweise immer unzufriedener. Wer zu bequem ist, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, verliert vielleicht die enge Beziehung zu ihnen. Auch in Bezug auf die Bewahrung unserer Schöpfung ist Bequemlichkeit eine der größten Hürden. Mit dem Auto lassen sich Wege schneller und vor allem bequemer zurücklegen als mit dem Rad oder der Bahn. Nachhaltig einzukaufen kann anstrengend sein. Müll trennen nervt …

Problematisch finde ich auch Faulheit im zwischenmenschlichen Bereich. Beziehungen zu pflegen, kann anstrengend sein. Gemeinschaft zu leben, fordert uns heraus, weil der andere so anders ist als ich. Dabei lohnt es sich, hier zu investieren, weil gute Beziehungen echte Lebensqualität bedeuten.

Und jetzt?

Mein persönliches Fazit nach meiner intensiven Beschäftigung mit dem Faulsein – was in sich ja schon irgendwie unlogisch ist: Im Kleinen, Alltäglichen ist Faulsein, ist Nichtstun überlebenswichtig, um den Kopf freizubekommen, den Moment zu genießen, neue Kraft zu schöpfen und eine gesunde Balance für sein Leben zu entwickeln. Das heißt nicht, dass ich nun bei meinen alltäglichen Aufgaben schluderig werden soll. Aber ich darf es mir leisten und gönnen, auch mal einfach nur faul zu sein und in die Luft zu gucken.

Vor allem in großen Entscheidungen des Lebens kann Faulheit allerdings dazu führen, dass ich Chancen verpasse und Träume irgendwann ausgeträumt habe, weil es zu spät ist, sie umzusetzen. Das kann berufliche Entscheidungen betreffen, Erziehungsziele, Ideen, wie ich meine Begabungen auslebe oder mich persönlich weiterentwickeln kann. Ich möchte mich nicht im Nachhinein ärgern, dass ich aus Bequemlichkeit etwas nicht getan habe, was ich eigentlich gern tun und erreichen wollte. Aber es fällt mir definitiv leichter, mich für die großen Schritte zu motivieren, wenn ich mir im Kleinen ein bisschen Faulheit gönne. Und deshalb brauche ich jetzt erst mal eine Pause!

Bettina Wendland ist Redaktionsleiterin von Family und FamilyNEXT.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/01/BN_stevecoleimages_GettyImages-1305106324-scaled-e1704902890263.jpg 2070 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-01-17 14:14:222024-04-10 17:37:55Warum Faulsein nicht immer schlecht ist

Eine göttliche Ruhezeit

Bisher dachte Miriam Koller, dass der Sabbat nichts mit unserem Leben heute zu tun hat. Doch als sie sich näher damit beschäftigt, stellt sie fest, wie sehr ein Ruhetag in der Woche das Leben bereichert.

Manchmal habe ich das Gefüh, dass Gott mir etwas Bestimmtes sagen will. Wenn mir ein Thema – scheinbar wie durch Zufall – immer und immer wieder über den Weg läuft, ich mich jedes Mal direkt angesprochen fühle und spüre, hier „stupst“ Gott mich gerade an. Vor Kurzem ging es mir so mit dem Thema „Sabbat“. In drei unterschiedlichen Büchern, die ich zeitgleich las, kam wie aus dem Nichts plötzlich in allen diese biblische Tradition zur Sprache. Zunächst dachte ich, das Thema beträfe mich im Heute nicht mehr, schließlich haben wir in unserer westlichen Welt den Sonntag als Ruhetag und ich arbeite an diesem Tag auch nicht. Und doch ahnte ich: Sabbat ist mehr als unser Sonntag und Gott will mich auf die Spuren dessen führen. Ich verschlang die besagten Bücher. Eines davon war „Das Ende der Rastlosigkeit“ von John Mark Comer. Was ich da las, entfachte ein Feuer in mir. Das wollte ich ausprobieren; das erleben, was diese Menschen hier beschrieben. Die „Sehnsucht Sabbat“ war in mir geweckt, und ich forschte weiter.

Mehr als nur ein Gebot

In der Bibel machte ich folgende Entdeckungen: Für Jesus, der uns ein Vorbild sein will, war der Sabbat ein fester Bestandteil seines Lebensrhythmus. Man kann aber noch sehr viel weiter zurückgehen in der Bibel, um der Wichtigkeit dieses Tages auf den Grund zu kommen. Genau genommen bis an den Anfang der Welt. Gott schuf die Welt in sechs Tagen und am siebten Tag ruhte er. Und in den Zehn Geboten hielt er seine Geschöpfe dazu an, es ihm gleichzutun. Der Sabbat schien für Gott also etwas ganz Essenzielles zu sein. Und wenn ich ehrlich in mich hineinlauschte, merkte ich, dass meine Seele sich eigentlich auch danach sehnt: einen Tag pro Woche wirkliche Ruhe!

Dann wurden jedoch andere Stimmen in mir laut: Du hast eine kleine Tochter, die auch sonntags bespaßt und bekocht werden will. Du hast sonntags Dienste in der Gemeinde. Und nie und nimmer schaffst du es, alles pünktlich zum Samstagabend fertigzuhaben: deinen Haushalt picobello fertig, das Essen für einen Tag vorgekocht, alle Arbeiten deiner To-do-Liste erledigt. Wie bitte soll ein Tag völliger Ruhe praktisch aussehen?

Sabbat – ein Verb

Eine Schlüsselerkenntnis war für mich die wörtliche Übersetzung des jüdischen Wortes „sabbat“. Es ist ein Verb und bedeutet „aufhören/innehalten“. Für mich frei übersetzt: liegen lassen, ganz aktiv liegen lassen! Ich beschloss: Ich probiere es einfach mal aus. Ich lasse am Vorabend unseres Sabbats alles stehen und liegen, atme tief durch und nehme wahr, welche Freiheit mir diese Akzeptanz gibt. Die Akzeptanz der Staubschicht auf meinen Regalen, des noch nicht zusammengelegten Wäschebergs, der noch unbeantworteten E-Mails. Ich darf jetzt einfach 24 Stunden aus dem alltäglichen Hamsterrad der Aufgaben und Erledigungen aussteigen, innehalten, aufhören, durchatmen, ausruhen, meine Hände in den Schoß legen und einmal nicht produktiv sein. Und kann mich dadurch tatsächlich neu für Gottes Gegenwart öffnen.

Wie geht es dann aber weiter? Was genau mache ich dann? Studierende, Rentner, Ehepaare mit großen Kindern – sie alle würden sich damit leichttun. Meine Tochter dürfte jedoch von der Vorstellung eines ganzen Tages des Nichtstuns weniger zu überzeugen sein … Wie kann Sabbat praktisch gelebt werden in einer jungen Familie?

John Mark Comer schreibt: „Am Sabbat tun wir nichts als ausruhen und Gott anbeten. Wenn ich Sabbat halte, prüfe ich alles, was ich tun will, an diesem Doppelraster: Ist es Ruhe und Anbetung?“ Als ich unseren Ruhetag unter diesem Blickwinkel begutachtete, fielen mir einige Dinge ein, die ich selbst mit kleinem Kind machen konnte: bewusstes Zeitnehmen, um in der Kinderbibel zu lesen, gemeinsames Musikmachen und Gott mit Liedern loben, für ihn tanzen, malen, lachen, reden, kuscheln, spielen, ein entspanntes Treffen mit engen Freunden, ein Spaziergang im Wald, ein gemeinsames Familien-Mittagsschläfchen und immer wieder am Tag bewusst Gespräche mit Gott führen – die Gebete ruhig laut ausgesprochen und gemeinsam mit dem Kind. Ich kann meiner Tochter so viel von klein auf mitgeben – warum nicht auch diese wichtige Praxis: einen Ruhetag pro Woche zu begehen, der dem Herrn geweiht ist und an dem wir ihm Dank bringen für die Fülle, die er uns in unserem Leben schenkt.

Zeit für Gott und Genuss

Und wenn die Kleine im Bett liegt, beginnt für mich eine ganz besondere Zeit. Ich mache mir schönes Licht an, öffne vielleicht eine Flasche alkoholfreien Sekt und mache es mir bewusst gemütlich – mit Gott: Ich lese in der Bibel, spreche intensiv mit ihm, versinke im Lobpreis und genieße es, seine Gegenwart zu spüren. Im trubeligen Alltag geht eine solche bewusste „Zeit mit Gott“ oft unter – leider. Umso mehr genieße ich es, dass ich nun am Sabbat einen festen Abend pro Woche extra dafür reserviert habe. Es tut mir und meiner Beziehung zu Gott so gut.

Mir ist inzwischen unser Ruhetag so zum Gewinn geworden, dass ich ihn nun fest in meinen Terminkalender einplane. Mal kann ich uns den Samstag, mal den Sonntag blockieren, je nachdem, welche Termine und Verpflichtungen anstehen. Es gab auch schon Wochen, in denen kein Sabbat möglich war, weil bereits das ganze Wochenende verplant war. Nach einem solchen Wochenende habe ich am Montagmorgen aber einen erheblichen Unterschied gespürt: Ich kam vor Erschöpfung kaum aus dem Bett, war ungeduldig und unzufrieden mit mir selbst. Ich stellte fest, wie sehr ich einen Ruhetag pro Woche tatsächlich brauche. Ich nahm meinen Kalender zur Hand und habe für die ganzen restlichen Wochen des Jahres gleich meine „Sabbat“-Eintragung gesetzt, damit mir das nicht noch öfter passiert.

„Genuss“ ist auch noch ein wichtiger Bestandteil unseres Ruhetags: Den Sabbatabend beginnen wir ganz feierlich mit einem besonderen Essen bei Kerzenschein. Wir lesen einen Psalm zusammen, ich spreche meiner Tochter einen Segen zu, wir genießen Traubensaft und Challa-Brot – das traditionelle jüdische Zopfbrot, das daran erinnert, dass Gott in alle Wochentage eingeflochten ist – und danken für Gottes Versorgung. Hinterher gibt es einen besonderen Nachtisch, zum Frühstück am nächsten Morgen Obstsalat, den alle gemeinsam schnippeln. Zum Mittag gibt es ein Wunsch-Lieblingsessen, im Winter nachmittags Tee mit Lebkuchen, im Sommer mal ein Eis mit Schokostreuseln. Wir wollen uns bewusst etwas gönnen und nebenbei die strahlenden Kinderaugen genießen. Und so wird der siebte Tag der Woche zu einem richtigen kleinen „Feiertag“ – mitten im Alltag. Oder wie ein Urlaubstag. Was habe ich mich früher immer quälend von Urlaub zu Urlaub gehangelt … Nun erlebe ich es als einen Quell der Energie, das jetzt einmal pro Woche erleben zu dürfen, und empfinde solch eine Dankbarkeit meinem Schöpfer gegenüber, dass er das so perfekt für uns Menschen eingerichtet hat.

Ausklinken aus der Welt

Was bedeutet Sabbat für mich noch? Kein Kaufen und kein Verkaufen an diesem Tag – auch kein Onlineshopping, kein Essengehen, keinen Lieferservice anrufen. Gezielt nichts unterstützen, das andere Menschen dazu zwingt, an diesem Tag arbeiten zu müssen und keinen Ruhetag zu haben – egal, ob wir samstags oder sonntags unseren Sabbat halten.

Und dann noch das, was für mich die einschneidendste und gleichzeitig gewinnbringendste Übung wurde: Ich schalte mit Beginn des Sabbats mein Handy aus. Ja, so richtig. Für einen kompletten Tag. Auch alle anderen Multimedia-Geräte bleiben am Sabbat bei uns aus. Es ist immens, welchen Effekt das auf mich und uns hat. Erst dadurch fiel mir zum Beispiel auf, wie viel Zeit ich pro Tag mit meinem Handy verbringe (eigentlich: verschwende). Es fühlt sich an wie ein „Ausklinken“ aus dieser lauten Welt. Und auch wenn es anfangs schwer ist, das auszuhalten, diese neue Ruhe in unserer Wohnung und in meinem Kopf – sie ist so unglaublich wohltuend für mich.

Die schönste Erfahrung, die ich machen durfte, war, dass dieser eine Ruhetag pro Woche auch meine restlichen Wochentage verändert hat. Ich komme nicht mehr so sehr an meine Grenzen. Vermutlich lebe ich am Wochenbeginn noch aus der Kraft heraus, die ich am vergangenen Sabbat schöpfen durfte. Und für die letzten Tage der Woche gibt mir die Vorfreude auf den bevorstehenden Sabbat den nötigen Energieschub. Christina Schöffler hat in ihrem Buch „Slow living – Aus der Ruhe leben“ ein wunderschönes Gedicht veröffentlicht. Es beschreibt genau das, was ich Woche für Woche fühle, und was der Grund dafür ist, warum ich unser neues liebgewonnenes Ritual des Sabbats nicht mehr aus unserem Alltag streichen möchte:

Aus dem Nähkästchen
Das Leben reißt und zerrt,
sechs Tage die Woche,
dann hole ich am Sonntag meinen Flickkorb,
nehme einfach den Faden, der gerade obenauf liegt,
und lege ihn in Gottes Hände.
Und dann beobachte ich,
wie er die zerrissenen Teile
Stich für Stich wieder zusammenfügt.
Und während es draußen schon dunkel wird
und er die letzten Fäden abschneidet,
breitet sich sein Schalom in mir aus.
„So, das müsste halten, zumindest bis zum nächsten
Sonntag!“, sagt Gott lächelnd
und legt das Leben zurück in meine Hände.

Christina Schöffler, aus: „Slow living – Aus der Ruhe leben“ (Gerth Medien)

Miriam Koller lebt und arbeitet in Weinstadt in der Nähe von Stuttgart. Sie ist Buchhändlerin in einer christlichen Buchhandlung und Mutter einer Tochter im Kindergartenalter.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/08/F_Koller_Sabbat_BN_Halfpoint_GettyImages-scaled.jpg 1997 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-07-11 11:10:192023-09-01 11:41:30Eine göttliche Ruhezeit

Unsichtbare Krise – Eheprobleme hinter der perfekten Fassade

Viele Paare geben nach außen hin ein perfektes Bild ab. Doch oft genug kriselt es hinter den Kulissen. Da kann mehr Offenheit helfen – oder eine Paarberatung. Von Marcus und Susanne Mockler

Betty und Jonas (Namen geändert) sind seit fünf Jahren verheiratet und bereits am Tiefpunkt ihrer Beziehung angelangt. So hatten sie sich das nicht vorgestellt: Betty, die seit der Geburt der beiden Kinder in Elternzeit ist, ist super gern Mama. Dennoch fürchtet sie manchmal, beruflich aufs Abstellgleis zu geraten, und es belastet sie das Gefühl, dass zu Hause so vieles an ihr hängen bleibt.

Jonas treibt die Aussicht auf einen bevorstehenden Karrieresprung an. Es scheint unvermeidlich, dass er mehr Zeit in der Firma verbringt als früher. Schließlich macht er das auch für seine Familie – Betty und die Kinder sollen es gut haben und materiell abgesichert sein. Er fühlt sich von ihr nicht gesehen in seinen guten Absichten und kann die ewige Unzufriedenheit von Betty nicht mehr ertragen.

In der wenigen Zeit, in der die beiden Gelegenheit zum Reden hätten, streiten sie sich inzwischen regelmäßig. Und so pendelt die Beziehung zwischen gegenseitigen Vorhaltungen und tiefer Frustration. Aber – und das ist das Spannende – nach außen zeigen sie sich immer noch als Bilderbuchfamilie. Wenn sie zum Beispiel sonntags zum Gottesdienst in ihre Gemeinde gehen, bemühen sich Betty und Jonas, intakt zu wirken und sich nicht hinter die Fassade schauen zu lassen.

Die beiden sind keine Ausnahme. In vielen Paarbeziehungen kriselt es und die wenigsten lassen sich dabei in die Karten schauen.

Kultur der Schwäche

Warum ist es so schwer, zu seinen Schwächen zu stehen und offen über die Schwierigkeiten, die man miteinander hat, zu reden? Niemand gibt gern zu, an bestimmten Stellen das Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Probleme sind in unserer Kultur meist ein Ausdruck von Schwäche. Praktisch jeder hat irgendwann im Leben die Erfahrung gemacht, für Schwächen kritisiert, ausgelacht oder gar bestraft zu werden. Das tut weh und ist erniedrigend, deshalb verbergen wir sie lieber nach außen.

Allerdings ist das fatal, denn durch die vielen Paare, die nach außen eine heile Ehe-Fassade präsentieren, wirkt es auf Krisen-Paare, als seien sie die einzigen, die den oft überhöhten Maßstäben und Erwartungen nicht gerecht werden. Dabei gilt eine ganz einfache Faustformel: „Beneide niemanden um seine perfekte Ehe – du weißt ja nicht, wie es hinter deren Fassade aussieht.“

Insbesondere Christen brauchen unbedingt eine Kultur der Offenheit, in der man nicht nur über seine Siege, sondern besonders auch über Niederlagen offen redet. In der man ehrlich zugibt, wo man noch Lernbedarf hat oder in welchen Herausforderungen man als Paar steht.

In unseren Eheseminaren legen wir Wert darauf, immer auch von eigenen Schwächen zu berichten und uns nicht als perfektes Paar zu präsentieren. Wir erzählen, wie wir Phasen durchlitten haben, in denen wir am liebsten ausgebrochen wären, wie lange es gedauert hat, bis wir das mit dem Sex für beide befriedigend hingekriegt haben oder wie wir nach Jahren immer noch in dieselben Fallen tappen. Hinterher bedanken sich die Paare nicht für die gute Präsentation oder die wertvollen Inhalte, sondern sie danken uns für die Authentizität. Das baut eine Brücke, um auch eigene Probleme ansprechen zu können. Und es macht Mut: „Wenn die das hinkriegen, dann können wir es auch schaffen.“

Vier Anzeichen einer echten Krise

Konflikte, Unzufriedenheit, Gefühle der Vernachlässigung – all das gibt es gelegentlich in jeder normalen Beziehung. Vier gravierende Anzeichen, dass bei einem Paar etwas so schiefläuft, dass sie Hilfe brauchen, beschreibt der Paarpsychologe John Gottman. Er nennt sie die „Apokalyptischen Reiter der Paarbeziehung“ und meint damit Kritik, Rechtfertigung, Verachtung und Rückzug.
Kritik: Natürlich kommt es vor, dass man sich an Dingen stört, die der oder die andere macht oder vernachlässigt. Gefährlich wird es, wenn sich eine Grundstimmung des Kritisierens und Nörgelns eingestellt hat. Wenn nämlich nicht deutlich mehr Ermutigung und Dankbarkeit ausgesprochen wird, als dass kritisiert wird, ist das Grundbedürfnis, vom anderen geliebt und akzeptiert zu sein, bedroht.
Verachtung: Das ist noch eine Nummer härter, wenn nämlich einer den anderen regelrecht herabwürdigt. Das zeigt sich in sehr abfälligen Worten dem anderen gegenüber, aber auch darin, wie man schlecht über den Partner oder die Partnerin vor Dritten redet.
Rechtfertigung: Die eigene Reaktion in Schutz nehmen, weil sie angeblich ja nur die Antwort auf das schlechte Verhalten des Partners war. Wer nie Verantwortung für einen Streit übernimmt, sondern die Schuld immer dem Gegenüber zuschiebt, ist genau in diesem Verhaltensmuster gefangen.
Rückzug: Ab und zu einander aus dem Weg zu gehen oder seine Ruhe zu brauchen, ist natürlich kein Problem. Wenn aber zwei Menschen unsichtbare Mauern zwischen sich errichten und den anderen gar nicht mehr an sich heranlassen, wenn jeder sein Leben lebt und kaum noch Berührungspunkte da sind, wenn sich vielleicht sogar einer von beiden schon in eine Konkurrenzbeziehung investiert, dann hat bereits eine innere Trennung stattgefunden.

Wenn diese vier Verhaltensweisen permanent vorhanden sind, dann ist es höchste Zeit, dass sich ein Paar Hilfe sucht. Und wie könnte diese Hilfe dann aussehen?

Der Wert von Freundschaften

In Krisen zeigt sich der Wert von guten Freundschaften ganz besonders. Paare sollten daher unbedingt nicht nur einander genügen, sondern Beziehungen mit Freunden pflegen. Dort sollten sie sich um eine Kultur der Ehrlichkeit und Offenheit bemühen. Die wird am ehesten dann entstehen, wenn sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und nicht nur berichten, was gut läuft, sondern auch über die Probleme sprechen. Eine Frau, die mit ihrem Mann in einer tiefen Krise steckte, wurde von ihrem Mann darum beneidet, dass sie so gute Freundinnen hatte, mit denen sie jetzt über vieles reden konnte. „Das war auch richtig harte Arbeit“, sagte sie ihm. „Es war nicht leicht, dranzubleiben, die Freundinnen regelmäßig zu treffen, sich zu öffnen und eigene Defizite vor den anderen zuzugeben.“

Bewährt haben sich auch Paar-Hauskreise, in denen man sich regelmäßig zu Fragen der Paarbeziehung austauscht, gemeinsam Beziehungsratgeber liest und sich in Schwierigkeiten gegenseitig Gebets- und praktische Unterstützung gibt.

Seelsorge- und Therapieangebote

Wer merkt, dass er oder sie allein nicht weiterkommt, sollte nicht zu spät den Weg zu Seelsorge oder Paartherapie suchen. Dazu gibt es jede Menge gute Angebote. Viele Gemeinden haben Ansprechpersonen dafür. Es gibt zudem Organisationen wie C-Stab oder Team.F, die Listen von möglichen Ansprechpartnern führen. Die Seelsorgerinnen und Berater stehen immer unter Schweigepflicht und bei einem unverbindlichen Erstgespräch kann man in der Regel feststellen, ob man die geeigneten Helfer gefunden hat.

Ein junges Paar, das in einer sexuellen Problematik feststeckte und nahe daran war, zu verzweifeln, fand den Weg in eine Paartherapie. Sie brauchten nur zwei Beratungsgespräche und die Probleme waren gelöst! Wie viele Jahre des Leidens blieben ihnen dadurch erspart, weil sie sich getraut haben, sich jemandem zu öffnen!

Oft dauert es jedoch länger. Manchmal kann die Beratung allerdings nicht mehr weiterhelfen; auch das darf nicht verschwiegen werden. Eine Erfolgsgarantie wird kein seriöser Berater geben. Das liegt allerdings manchmal auch daran, dass das Paar zu lange gewartet hat, bevor es sich Hilfe geholt hat.

Eine Kultur der Ermutigung für Paare

Ein Dach deckt man, wenn die Sonne scheint. Genauso sollten Paare an ihrer Beziehung in guten Zeiten arbeiten. Deshalb ist Prophylaxe so wichtig. Praktisch jede Paarbeziehung verliert mit der Zeit an Qualität, wenn sie nicht regelmäßig gepflegt wird und beide in das Beziehungskonto einzahlen.

Zum einen kann man als Paar selbst viel dafür tun: regelmäßige Dates, Eheabende, Gesprächszeiten, für die man sich Zeit im Kalender reserviert – egal, ob morgens beim Frühstück oder auch mal abends, wenn die meiste Arbeit erledigt ist oder die Kinder schlafen. Zeit zu zweit ist so wichtig, weil damit das Gegenüber das Gefühl bekommt: „Du bist mir wirklich wichtig.“

Ein toller Weg, an der Beziehung dranzubleiben und schwierige Situationen rechtzeitig zu beackern, ist das Mentoring. Einige Gemeinden haben sich da inzwischen Programmen angeschlossen und bieten das Paaren grundsätzlich an. Ein Paar könnte sich aber auch selbst ein geeignetes anderes, erfahrenes Paar suchen, von dem sie sich begleiten lassen und mit dem sie offene Gespräche über ihre kritischen Themen führen können.

Nicht zuletzt können Paare regelmäßige Beziehungs-Updates bekommen, indem sie Seminare (zum Beispiel von Team.F oder den Alpha-Ehe-Kurs) besuchen, Beziehungsratgeber zusammen lesen oder regelmäßig nach Vortragsangeboten (auch online) Ausschau halten. Die MarriageWeek Deutschland bietet ebenfalls eine Plattform, auf der Paare immer wieder gute Angebote finden können.

Wir träumen davon, dass in jeder Gemeinde dieses Bewusstsein erwacht, wie wichtig es ist, Paare zu ermutigen, an ihrer Beziehung zu arbeiten. Denn nur eines ist selbstverständlich: dass keine Paarbeziehung perfekt ist.

Marcus und Susanne Mockler – er Journalist, sie Paartherapeutin mit eigener Praxis und Vorsitzende der MarriageWeek Deutschland. Gemeinsam haben sie den Eheratgeber „Das Emma*-Prinzip – Sieben Schlüssel zu einer richtig guten Ehe“ geschrieben. geliebtes-leben.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/05/Mockler_unsichtbare-Krisen_BN_Getty-Images_urbazon-scaled-e1685002139853.jpg 1200 1800 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-06-20 11:48:352023-07-06 11:49:01Unsichtbare Krise – Eheprobleme hinter der perfekten Fassade
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