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Archiv für die Kategorie: Wir beide

Das Liebessparbuch: Wie die Ehe reich wird

Lächeln oder ignorieren, umarmen oder abblocken, wertschätzen oder kritisieren – unser Verhalten prägt unsere Ehe. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt, wie auf das Beziehungs-Konto eingezahlt wird.

In die Liebe zu investieren und einen Ertrag zu bekommen – das klingt nicht gerade romantisch. Doch weil es auch zu unserem Glück beiträgt, nehme ich das Liebessparbuch als nützlichen Gegenstand in diese Serie auf. Als Junge habe ich noch die Faszination eines Sparbuchs erlebt: Mit einem Heftchen in der Größe eines Reisepasses bin ich zur Bank gegangen. Nach einer Einzahlung oder Abhebung wurde ein neuer Betrag eingedruckt. Immer habe ich mich dabei reich gefühlt: entweder durch die größer werdende Zahl oder durch das Gefühl, mir schon als kleiner Mensch etwas leisten zu können.

Auch in Beziehungen können wir reich werden oder verarmen. Paarpsychologen sprechen auch von einem Beziehungskonto, auf das Paare einzahlen und von dem sie abheben. Positive Verhaltensweisen sind Einzahlungen, negative Abhebungen. Positiv sind zum Beispiel lächeln, Verständnis zeigen, Unterstützung anbieten, eine Spannung mit Humor auflösen, um Entschuldigung bitten, eine schöne Unternehmung initiieren oder nach einem Streit wieder auf den anderen zugehen.

Als negatives Verhalten gilt, wenn man den anderen abblockt, kritisiert, Vorwürfe macht, beschämt oder abwertet. Überwiegen die positiven Verhaltensweisen, dann fühlen sich Paare zufrieden und glücklich. Von der „Gottman-Konstante 5:1“ haben Sie vielleicht schon gehört. Mit ihr hat der amerikanische Psychologe John Gottman seine Forschung zusammengefasst: Fünf positive Verhaltensweisen wiegen eine negative auf. Ganz so konstant ist die Konstante allerdings nicht. In einer anderen Studie waren sogar 15 positive Verhaltensweisen nötig, um eine einzige negative auszugleichen. Es hängt davon ab, wie Forscher positives und negatives Verhalten in ihrer Studie definieren und natürlich reichen fünf Nettigkeiten nicht aus, um eine schwere Verletzung auszugleichen.

Warum es mehr Positives als Negatives braucht

Bevor wir überlegen, wie wir das Liebessparbuch füllen, führe ich Sie in die Psychologie des Negativen ein. Sie zeigt eine Besonderheit unseres Menschseins. Wir sind verletzbare Wesen in einer gefährlichen Welt. Eine giftige Beere schadet uns mehr als uns zehn leckere und vitaminreiche Beeren nutzen. Aus gutem Grund reagiert unser Gehirn stärker auf das, was uns bedroht, als auf das, was wir Gutes empfangen. Doch nicht immer und überall ist das nötig. Dann ist die Gefahrenorientierung unseres Gehirns ein Nachteil, zum Beispiel wenn eine Kränkung tiefere Spuren hinterlässt als ein Kompliment. Psychologen sprechen von einer Negativitätsverzerrung unserer Wahrnehmung.

Ein ähnliches Phänomen wird als Verlustaversion bezeichnet: Wenn wir 10 Euro verlieren, berührt uns das mehr, als wenn wir 10 Euro auf der Straße finden. In einem klassischen Experiment hat man Versuchspersonen eine Kaffeetasse geschenkt (Kahneman u. a., 1990). Etwas später hat man sie gefragt, für welchen Preis sie die Kaffeetasse wieder verkaufen würden. Andere Versuchspersonen, denen man keine Kaffeetasse geschenkt hat, hat man gefragt, für welchen Preis sie eine Tasse kaufen würden.

Wäre es nicht logisch, dass der Geldbetrag, den beide Gruppen nennen, etwa gleich ist – so wie es dem Wert der Tasse entspricht? Doch der Verkaufspreis, den die einen verlangten, war höher als der Kaufpreis, den die anderen zu zahlen bereit waren. Das illustriert die Psychologie von Gewinn und Verlust: Sobald etwas mir gehört, steigt dessen Wert. Es ist mein. Ich hege und pflege es. Es tut weh, wenn ich es verliere – mehr als mich gefreut hat, es zu bekommen.

Die Psychologie des Negativen wirkt auch in der Liebe. Bedrohliche Erfahrungen berühren uns tiefer als schöne. Wenn uns unser Selbstwert, unsere Freiheit, unsere Sicherheit oder unsere gute Stimmung geraubt werden, spüren wir das meist intensiver, als wenn wir diese geschenkt bekommen. Wir brauchen deshalb einen positiven Überfluss, damit wir uns glücklich fühlen.

Reichlich einzahlen

In der Liebe sollte es doch nicht so schwer sein, das Positive überwiegen zu lassen. Überschütten wir einander nicht mit Gutem? Anfangs schon, deshalb ist die erste, verliebte Phase für viele so überwältigend. Sie setzt die Negativitätspsychologie außer Kraft. Doch irgendwann verändert sich unser Fokus. Der Alltag stresst und bindet unsere Kräfte. Paare müssen Kompromisse finden und damit leben, dass sie in manchem unterschiedlich sind. Nicht alles, was unser Partner tut oder lässt, erfüllt uns mit Freude. Wie können wir trotzdem unser Sparbuch füllen?

Bewährt hat es sich, einerseits Höhepunkte zu schaffen, in denen ein Paar viele schöne Erfahrungen erlebt, und den Alltag andererseits mit kleinen Aufmerksamkeiten zu füllen. Wo Paare in einen negativen Kreislauf geraten sind, fördert eine Paartherapie genau das. Höhepunkte können Abende zu zweit sein, ein Ausflug, ein Kurzurlaub oder andere Zeiten zu zweit in einer schönen Umgebung oder mit einer schönen Aktivität. Auch wenn sie nicht so oft stattfinden können, wirken Höhepunkte nach. Sie haben das Liebessparbuch wieder gefüllt.

Im Alltag konzentriert man sich am besten auf Verhaltensweisen, die einen selbst nicht viel kosten, beim anderen aber viel bewirken. Vieles erfordert wenig Kraft und Mühe, wir müssen es nur tun: Wertschätzung und Komplimente, Kuscheln und kleine Zärtlichkeiten, ein Abschiedskuss, Aufmerksamkeiten wie ein Blümchen oder eine ermutigende Karte, ein Mitdenken und Hilfsbereitschaft, Nachfragen und ein paar Minuten aufmerksames Zuhören. Das folgt der Erfahrung junger Sparer, die noch nicht viel einzahlen können. Immer wieder ein bisschen lässt auch einen Betrag anwachsen.

Was wie Geiz aussieht, aber keiner ist

Oft müssen Liebende Blockaden überwinden, die sie geiziger wirken lassen, als sie in Wirklichkeit sind. Eine Blockade besteht in überhöhten Ansprüchen an sich selbst. Dann erwartet man vielleicht von sich, dass Komplimente einem authentischen Gefühl entspringen und zu einem günstigen Zeitpunkt platziert werden müssen. Darauf wartet man lange und hält sich mit der Wertschätzung zurück. Eine zweite Blockade kann entstehen, wenn ein Partner mehr braucht, als wir gerade geben können. Sollte man küssen, wenn es heute nur dazu und nicht zum Sex reicht? Was macht man, wenn der andere dann mehr will? Sollen wir zuhören, wenn wir nur für eine Viertelstunde Kraft haben, unsere Partnerin aber eine Stunde erzählen müsste, um alles loszuwerden? Wäre es nicht besser, es ganz zu lassen, als den anderen mit etwas abzuspeisen, was nicht ausreicht?

Für das Liebessparbuch jedenfalls wäre es nicht besser. Denn auch kleine Einzahlungen zählen. Die Blockade kann sich auflösen, wenn ein Paar darüber spricht, wie es Situationen gestalten möchte, in denen ein Partner ein Bedürfnis nur ein wenig stillen kann, aber nicht ganz. In aller Regel geht das so aus: Ein wenig ist im Alltag besser als nichts, solange ein Bedürfnis ab und zu voll gestillt wird. Wenn das vereinbart ist, kann der Partner, der mehr bräuchte, sogar ein Gefühl von Frustration oder Bedauern zeigen, obwohl er gerade etwas bekommen hat. Denn die oder der andere weiß: „Es ist in Ordnung. Wir haben es so besprochen. Umgekehrt ist es ja auch so, dass meine Bedürfnisse nicht immer voll gestillt werden. Was ich geben kann, zählt trotzdem.“

Klug abheben

Wir können nicht zusammenleben, ohne auch etwas vom Liebessparbuch abzuheben. Es gibt einfach Situationen, in denen wir etwas ansprechen müssen, was den anderen vielleicht herausfordert, verletzt oder verunsichert. Manchmal müssen wir uns gegen eine Schwäche des anderen wehren oder einen Wunsch zurückweisen, der nicht erfüllbar ist. Doch je nachdem, wie wir das tun, entsteht eine kleine oder eine gewaltige Abhebung von unserem Liebessparbuch. Wenn wir Verständnis vorausschicken und sanfte Worte wählen, bleibt die Abhebung klein. Es reicht außerdem, wenn wir ein Verhalten hinterfragen. Den Charakter unseres geliebten Menschen müssen wir nicht kritisieren („Du bist immer so …“). Wir können auf Augenhöhe bleiben statt besserwissend, belehrend oder beschämend aufzutreten. Dann gehen wir mit unseren Worten so um wie wir mit unserem Geld umgehen wollen: Wir lassen uns nicht zu unnötigen Ausgaben hinreißen.

Vielleicht motivieren Sie diese Gedanken, ab und zu einen Blick auf Ihr Liebessparbuch zu werfen. Dann gehen Sie bewusster mit den Einzahlungen und Abhebungen um. Man muss das nicht ängstlich tun, wie es die weitere Forschung zur Gottman-Konstante gezeigt hat. Manchmal reduziert negative Kommunikation zwar die augenblickliche Zufriedenheit mit der Beziehung, steigert aber die künftige (Woodin, 2011). Offenbar gibt es manchmal auch etwas zu klären, was zwar das Liebesguthaben belastet, sich aber in einer entspannteren Zukunft auszahlt. Manche Entscheidungen machen uns vorübergehend unausgeglichen, tun uns aber gut und damit auch der Beziehung. Wer gespart hat, kann ins Risiko gehen und auch einmal in Entwicklungen investieren, bei denen man vorher nicht weiß, wann und wie sie sich auszahlen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg. Die nicht genannten Quellen dieses Artikels finden sich in seinem Buch „Liebe, die immer noch schöner wird“.

 

 

 

 

 

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/10/GettyImages-1150680843.jpg 1414 2121 emilia.berns https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg emilia.berns2026-10-15 09:01:282026-10-15 09:01:28Das Liebessparbuch: Wie die Ehe reich wird

Der Abschiedskuss: Wie eine kleine Geste unseren Liebes-Alltag bestimmen kann

Stell dir vor, es gäbe ein Wundermittel, das dein Leben um fünf Jahre verlängert, dich vor Autounfällen schützt und ganz nebenbei dein Gehalt um 30 Prozent steigert. Das Beste daran: Es ist ohne Nebenwirkungen, kostet nichts und dauert jeden Morgen nur ein paar Sekunden.

Ein Phantom-Doktor

In den letzten Jahren habe ich mehrmals von einer deutschen Studie gehört und gelesen, die genau dieses Geheimrezept gefunden hat. Die simple wie geniale Formel des Wissenschaftlers Dr. Szabo lautet: Männer, die ihren Frauen jeden Morgen einen Abschiedskuss geben, sind messbar erfolgreicher, gesünder und glücklicher.

Das Problem: Ich habe die Studie nie selbst gesehen, sondern immer nur aus zweiter oder dritter Hand davon gelesen. Deshalb ging ich der Sache nach. Der Artikel von Dr. Arthur Szabo von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel soll im westdeutschen Ärztemagazin „Selecta“ in den 60er oder 80er Jahren erschienen sein. Doch alle meine Recherchen führten in eine Sackgasse. Es stellte sich sogar heraus, dass es in der besagten Zeit an der Universität Kiel gar keinen Arthur Szabo gab.

Die Studie ist ein Mythos. Doch warum also hält sich diese Geschichte so beharrlich? Ich glaube, der Grund liegt darin, dass wir intuitiv spüren, dass ein Abschiedskuss tatsächlich positive Effekte hat. Die angeblichen Auswirkungen sind plausibel, wenn auch übertrieben.

Jenseits des Mythos

Wenn wir den morgendlichen Abschiedskuss zu einem täglichen Ritual machen, nutzen wir damit zwei Mechanismen, die positive Auswirkungen auf unsere Partnerschaft haben. Einerseits bauen wir damit eine kurze, verbindende Geste in unseren Alltag ein. Ein liebevoller Moment am Morgen ist eine Einzahlung auf das emotionale Beziehungskonto – für beide Partner.

Der zweite Mechanismus hat mit unseren Hormonen zu tun. Küssen und Umarmungen sorgen dafür, dass unser Gehirn das Bindungshormon Oxytocin ausschüttet, während gleichzeitig der Spiegel des Stresshormons Cortisol messbar sinkt. Das Resultat ist ein regelrechter biologischer Schutzpanzer gegen die Widrigkeiten des Alltags. Dr. Szabos Studie mag also erfunden sein, aber die heilende und beziehungsstärkende Wirkung eines Kusses ist eine biologische und psychologische Tatsache.

Damit ein Abschiedskuss größtmögliche Wirkung entfaltet, müssen diese beiden Mechanismen bestmöglich ausgenutzt werden. Der Abschiedskuss soll ein tägliches Ritual sein, wie das Zähneputzen. Und um die hormonelle Wirkung zu nutzen, braucht es einen Kuss, der lang genug ist, um den Autopiloten auszuschalten. Ein Kuss, der fünf Sekunden oder länger dauert, erfordert, wirklich innezuhalten, den Partner anzusehen und den Moment bewusst zu erleben. Genau dieses kurze, aber intensive Verweilen reicht bereits aus, um Oxytocin auszuschütten und den Stresslevel für den anstehenden Tag spürbar zu senken.

Und so behält der Mythos „Dr. Szabo“ am Ende trotzdem irgendwie recht: Ein täglicher, fünfsekündiger Abschiedskuss ist eine winzige Investition, die eine gewaltige Rendite abwirft.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: www.familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/10/cassie-lopez-4Af9-WqBO7I-unsplash-1.jpg 1280 1920 emilia.berns https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg emilia.berns2026-10-14 14:50:552026-10-15 14:51:12Der Abschiedskuss: Wie eine kleine Geste unseren Liebes-Alltag bestimmen kann

Ein Kind zu viel!?

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst, dünnhäutig und wenig umsichtig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal liegt das Problem woanders, erklärt Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Eine entlastende Sicht

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Beantworten sich Fragen der Familienplanung anders, wenn ein Paar glaubt und mit Gottes Hilfe im Familienleben rechnet? Aus meiner Perspektive würde ich sagen: Eher nicht, weil der Glaube unsere Grenzen nicht grundsätzlich verschiebt, die uns unsere leib-seelische Ausstattung und unsere Lebenssituation setzen. Paare müssen manchmal umgekehrt ihren Zugang zum Glauben anpassen, wenn dieser nicht auch noch zur Stressquelle werden soll.

Eine Wende im Glauben

Überforderte Paare, die glauben, bräuchten Gott dringend als Kraftquelle. Doch viele aktive Kirchengemeinden sind blind für die Engpässe, die das Familienleben mit sich bringen kann. Selbst ein Paar, das offensichtlich auf dem Zahnfleisch geht, wird mit allerlei Anfragen zur Mithilfe heimgesucht. Oft erwartet das ein Paar auch selbst von sich, weil es so geprägt ist. Wenn sich ein Paar innerlich sicher wird, dass es in seiner Kirchengemeinde auftanken darf und nicht helfen muss, kann es das den meisten verständlich machen und das Unverständnis weniger ignorieren. Es kann eine andere Seite des Glaubens entdecken als eine, die engagiert dient. Jesus hat denen, die ihm folgen, auch Erfrischung und Ruhe für die Seele versprochen und eine Aufgabenlast, die sanft auf den Schultern liegt (Matthäus 11,28). Wäre das nicht auch eine Facette des Glaubens, die man seinen Kindern vorleben möchte?

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Ueberforderung_GettyImages_PeopleImages-e1750927338977.jpg 1120 2180 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-26 06:58:262025-06-26 06:58:26Ein Kind zu viel!?

Verhalten und Gefühle

Warum es manchmal hilft, zu handeln, als ob man sich anders fühlt.

Lisa hat verschlafen und ist zu spät zur Teamsitzung gekommen. Sie ist frustriert. An der Kaffeetheke drängelt sich ihr Kollege Max versehentlich vor. Normalerweise würde Lisa nichts sagen, aber heute fährt sie ihn gereizt an: „Hast du nicht gesehen, dass ich hier stehe?“ Max entschuldigt sich verdutzt.

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen, ist allen klar. Lisa hätte nicht so unfreundlich reagiert, wenn sie sich besser gefühlt hätte. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Unser Verhalten beeinflusst unsere Gefühle. Tom ist nach einem langen Tag gestresst und schlecht gelaunt. Obwohl er keine Lust hat, geht er mit ein paar Freunden essen. Die Stimmung ist gut und im Laufe des Abends merkt er, wie seine Laune sich hebt und der Stress langsam verschwindet. Unsere Gefühle und unser Handeln beeinflussen sich also gegenseitig. Das kann auch hilfreich für die Partnerschaft sein.

Keine schnelle Lösung

Es ist schwierig, unsere Gefühle gegenüber dem Partner auf die Schnelle zu ändern. Wenn er den Abwasch nicht gemacht hat oder sie vor anderen eine abfällige Bemerkung über dich macht, fühlst du dich alleingelassen oder nicht wertgeschätzt. Da nützt es herzlich wenig, wenn du versuchst, dich jetzt anders zu fühlen.

In der Regel lassen wir in einem solchen Fall unsere Emotionen unser Handeln bestimmen. Unsere negativen Gefühle führen zu einer angriffigen oder schmollenden Reaktion, die uns direkt in einen Konflikt schlittern lässt.

Zum Glück ist es kein Naturgesetz, dass wir uns unseren Gefühlen entsprechend verhalten müssen. Im Gegenteil: Wir können unser Verhalten einsetzen, um unsere negativen Gefühle zu verändern. Wenn wir uns so verhalten, als ob wir ein bestimmtes Gefühl für unseren Partner oder unsere Partnerin hätten, wird sich dieses Gefühl oft auch einstellen. Wenn wir unseren Partner zum Beispiel freundlich behandeln, werden wir uns bald auch so fühlen, auch wenn wir vorher vielleicht wütend waren.

Wohlwollend und versöhnlich

Ich plädiere auf keinen Fall dafür, Gefühle zu übergehen und immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist ungesund und vor allem nicht nachhaltig. Negative Gefühle sollen wahrgenommen und als Signale anerkannt werden, dass etwas nicht stimmt. Die Kunst besteht darin, sich dann nicht von ihnen leiten zu lassen, sondern sich trotzdem liebevoll, wohlwollend oder versöhnlich zu verhalten. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Gefühle nachziehen. Mit etwas Abstand können wir dann die Situation nochmals anschauen, die die negativen Gefühle ausgelöst hat.

Konkret könnte das so aussehen: Julia ist wütend auf ihren Partner Ben, weil er einen wichtigen Termin vergessen hat. Sie würde am liebsten distanziert bleiben und ihn ignorieren. Doch bewusst entscheidet sie sich, freundlich mit ihm zu reden und ihm von ihrem Tag zu erzählen. Während sie spricht und er ihr aufmerksam zuhört, merkt sie, wie ihr Ärger langsam abklingt und sie sich ihm wieder näher fühlt. Weil sich ihre Gefühle durch ihr Handeln verändert haben, kann sie nun auf eine konstruktive Art mit Ben ins Gespräch über die vergessene Verabredung kommen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: www.familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Verhalten-und-Gefuehle_BN_GettyImages_Vuk-Saric.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-10 08:53:502025-06-10 08:53:08Verhalten und Gefühle

Nach der Scheidung: „Ich musste zu mir zurückfinden“

Nach ihrer Scheidung fühlte Christine Poppe sich völlig zerbrochen. Trotz Druck und zerstörten Selbstbildern kämpfte sie sich ins Leben zurück.

Ein zerbrochenes Selbstbild

Scheidung bedeutet Zerbruch – von Liebe, Freundschaften, Zukunftsträumen, Idealen. Wie hast du das erlebt?
Ja, mir ging es sehr ähnlich. Vor allem war mein Selbstbild damals auch zerbrochen. Ich hatte bis zu der Scheidung geglaubt, dass ich alles schaffen kann, dass es nichts gibt, was mir zu schwer ist und dass mit Gottes Hilfe und Gebet alles möglich ist. In diesem Glauben bin ich auch in diese Ehe gegangen. Jahrelang habe ich mir größte Mühe gegeben, alles versucht, bin über meine Grenzen gegangen. Aber es hat nie gereicht, und wir sind gescheitert.

Wie hat dein Umfeld auf die Scheidung reagiert?
Leider habe ich viele Freunde und Bekannte, vor allem aus der Gemeinde, verloren und bin auf Unverständnis gestoßen, weil ich diejenige war, die die Beziehung beendet hat. Zwar habe ich auch viel Unterstützung und Mitgefühl erfahren, auch von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Allerdings konnte ich mich damals nicht gut innerlich von anderen abrenzen, da tat jede Bemerkung weh. Und es gab auch Leute, von denen ich mich verraten gefühlt habe. Von einigen Personengruppen musste ich mich ganz abschotten, um mich zu schützen.

Identifizierst du dich als „geschiedene Frau“?
Nein, das spielt keine entscheidende Rolle. Es ist Teil meiner Geschichte. Jede Geschichte hat Brüche und Fehler. Ich war 21, als ich geheiratet habe. In einem Umfeld ohne diese Prägung mit sehr enger Sexualmoral hätte ich nicht so früh geheiratet. Daher ist es eher wie eine schlechte Ex-Freund-Geschichte. Ich habe viel daraus gelernt und mich weiterentwickelt. Aber es bestimmt nicht meine Identität. Ich bin jetzt jemand anderes. Ich bin in erster Linie einfach ich. Und dann die Frau meines zweiten Ehemanns, ich bin die Mutter meiner Tochter, ich bin Traumasensible Coachin – diese Dinge machen mich aus. Heute fühlt es sich so an, dass nicht mein wahres Selbst damals geheiratet hat, sondern etwas in mir, das sehr zerbrochen war und inzwischen heilen konnte.

Meilensteine auf dem Weg der Heilung

Du hast – das beschreibst du auch in deinem Buch – bis zur Selbstaufgabe für deine Ehe gekämpft. Wie ist es dir gelungen, dein Selbst wieder zurückzugewinnen?
Das ist ein langer Prozess, der noch bis heute andauert. Das Wichtigste war die Therapie, die ich bei einem christlichen Therapeuten gemacht habe, der auf Trauma spezialisiert war. Mit dem habe ich direkt nach der Trennung circa zwei Jahre gearbeitet. In der Zeit habe ich meine Trennung aufgearbeitet. Jahre später, nachdem ich meine Tochter geboren habe, ist bei mir noch mal einiges aufgebrochen, was in meiner Kindheit passiert ist und wozu ich vorher keinen Zugang hatte. Mir wurde klar, dass diese Erfahrungen erst der Grund waren, warum ich mich auf jemanden eingelassen hatte, der selbst nicht wusste, ob er mich liebte oder nicht. Ich konnte Zugang zu meinem unversehrten Kern finden, zu dem in mir, was trotz allem, was mir passiert ist, in Ordnung geblieben ist. Ich durfte verschiedene innere Anteile in mir kennenlernen, auch Anteile, die miteinander in Konflikt sind, sie in Einklang bringen, und konnte ein, wie man sagt, kohärentes Selbst finden. Ich habe gelernt, was eine sichere Beziehung ist: eine Beziehung, in der ich nicht abgewertet werde, in der meine Gefühle relevant sind, in der meine Grenzen akzeptiert werden. Durch meinen jetzigen Mann und meine beste Freundin durfte ich lernen, was Bindungssicherheit bedeutet. Ich habe gelernt, dass es okay ist, zu zeigen, wer ich wirklich bin und was ich möchte. Ich konnte eine Beziehung zu mir selbst gewinnen und das war entscheidend.

Gab es denn spezielle innere und äußere Schritte oder Meilensteine auf diesem Weg?
Ein wichtiger Schritt war, als ich das erste Mal bei meinem Therapeuten Michael saß und ihm gesagt habe, dass ich glaube, dass ich komplett kaputt bin, dass alles furchtbar ist, ich überhaupt keine Hoffnung habe, dass ich Hilfe brauche und nicht weiß, wie ich weiterkomme. Er konnte mir glaubhaft vermitteln, dass ich nicht kaputt bin, sondern nur das Bild, das ich von mir habe. Das hat mich aufatmen lassen und mir Hoffnung gegeben, dass ich mich davon wieder erholen kann. In der Therapie hatte ich dann eine krasse Begegnung mit Jesus. Er hat mir den Rucksack mit meiner Schuld abgenommen. Da habe ich gemerkt, dass ich tief im Inneren überzeugt war, dass ich schuld war, weil ich einfach generell schlecht bin. So hatte ich das immer gelernt. In der Jesusbegegnung habe ich erlebt, dass er zu mir sagt, dass ich nicht selbst schuld bin und dass er mir da, wo ich Mist gebaut habe, die Schuld abnimmt. Gott macht mir keinen Vorwurf – nur ich mir selbst. Korrigierende Erfahrungen in Beziehungen waren für mich relevante Meilensteine. Die Beziehung zu meiner besten Freundin und die zu meinem zweiten Mann. In diesen zwei Beziehungen habe ich zum ersten Mal im Leben wirkliche emotionale Sicherheit gespürt. Das war eine sehr positive Erfahrung für mich.

Was war für dich nötig, um wieder neu ins Leben und in eine neue Beziehung zu starten?
Eigentlich bin ich in die Beziehung zu meinem zweiten Mann gestolpert, ohne dafür bereit gewesen zu sein. Ich hatte ausgeprägte Bindungsängste. Mein Mann war sehr sensibel und hat mir durch sein Verhalten immer wieder signalisiert, dass er da ist und sich kümmert. Anfangs war es auch keine feste Beziehung. Er hat sich aber immer verhalten wie ein fester Freund. Er hat mir handwerklich geholfen und als ich immer wieder ins Krankenhaus kam, hat er seine beruflichen Termine abgesagt und ist zu mir gekommen. Ich hatte ihm das gar nicht erzählt, aber er hat es mitbekommen, fand heraus, wo ich war und hat mich damit nicht alleine gelassen. Immer wieder hat er sich gekümmert und mich priorisiert. So ein Verhalten kannte ich nicht und mir wurde klar, dass mir das immer gefehlt hat. Gerade weil er so war, hatte ich Angst und wollte deswegen die Beziehung immer wieder beenden. Ich dachte, er ist jetzt so nett, weil er verliebt ist, ich gewöhne mich daran und komme dann nicht mehr klar, wenn er so wird, wie ich es bisher von Menschen kannte. Daher brauchte ich Mut, mich auf die Beziehung einzulassen, der Angst entgegenzutreten und das Gute zu erwarten.

Erkenntnisse aus der Scheidung

Was war für dich die größte Hürde, wieder du selbst zu sein?
Ich glaube, die Loyalität, die ich gespürt habe, gegenüber meiner Familie und auch der Glaubensgemeinschaft. Die Entwicklung, die ich in meinem Glauben erlebt habe, widersprach dem, was mein engstes Umfeld glaubte und das fühlte sich an wie Verrat. Dazu kam die Angst, dass ich, wenn ich so bin, wie ich bin, meine wichtigsten Bezugspersonen verliere. Aber durch die Verbindung zu mir selbst, meiner besten Freundin und meinem Mann war ich schließlich in der Lage, das Risiko, ich selbst zu sein, einzugehen.

Empfindest du Groll gegenüber deinem Ex-Mann?
In den ersten zwei Jahren nach der Trennung war das schon so. Ich war sehr verletzt und hatte das Gefühl, er tut absichtlich Dinge, um mich zu verletzen. Dann habe ich versucht, zu vergeben und loszulassen. Ich wollte alles hinter mir lassen und mich auf mein neues Leben fokussieren. Einmal sagte meine Mutter zu mir, wie sauer sie darüber sei, dass er mein Leben zerstört habe. Einerseits hat mich ihre Solidarität getröstet. Aber ich habe dann zu ihr gesagt, dass er es nicht zerstört hat. Mir geht es gut, er hat keine Macht mehr über mein Leben. Ich kann mich um meine Angelegenheiten kümmern. Ich habe mich von ihm getrennt. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben und gestalte meine Zukunft.

Was hat dir geholfen, deine Zukunft aktiv zu gestalten?
Es gab einen entscheidenden Moment. Es war ein Tiefpunkt, an dem ich dachte, es würde alles nur immer schlimmer werden. Danach habe ich mich zusammengerissen, habe mir überlegt, wie ich denn leben will. Ich habe für alle Lebensbereiche aufgeschrieben, was ich mir vorstelle. Wer sollen meine Freunde sein? Wie sollen sich Freundschaften anfühlen? Welchen Job möchte ich machen? Welche Träume habe ich? Und so weiter. Dann habe ich bewusst meine Energie auf die Zukunft fokussiert. Kurz entschlossen habe ich Wirtschaftspsychologie studiert, eine Ausbildung zur Traumasensiblen Coachin gemacht, den Job gewechselt, mir unterschiedliche berufliche Standbeine aufgebaut. Dann bin ich schwanger geworden. Insgesamt habe ich mir ein Leben gebaut, das mir entspricht. Diese Freiheit und Ausrichtung hat mir unfassbar viel Motivation und Energie gegeben.

Wenn du ein Resümee ziehen solltest, was wäre deine wichtigste Erkenntnis aus oder nach deiner Scheidung?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir einen unversehrten Kern haben, der unfassbar stark ist, der sehr viel überstehen kann. Unsere Fehler definieren nicht, wer wir sind. Und dass das Einzige, was Gott mir schenken will, Liebe ist. Das hat mein Leben verändert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Scheidung.jpg 1151 1732 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-04 15:56:332025-02-21 10:49:30Nach der Scheidung: „Ich musste zu mir zurückfinden“

Das steckt hinter den Gefühlen

Starke Gefühle werden häufig von unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen ausgelöst. Wie gehen wir damit um?

Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken, fällt vielen Menschen schwer. Wenn Kleinkinder Bedürfnisse haben, äußert sich das in einem Ausdruck von Gefühlen. Es wird lautstark gerufen, geschrien oder geweint. Sobald wir Menschen sprechen lernen, fangen wir an, unsere Bedürfnisse verbal auszudrücken. Dennoch bleibt da auch immer eine gewisse Unfähigkeit, sie transparent in Worte zu fassen.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Es gibt grundlegende Bedürfnisse, deren Erfüllung wir zum Überleben brauchen. Die sogenannte Bedürfnispyramide nach Maslow geht davon aus, dass bestimmte Grundbedürfnisse erfüllt werden müssen, bevor andere Arten von Bedürfnissen angestrebt werden können. Die Bedürfnispyramide besteht aus fünf Ebenen. Zur untersten und überlebenswichtigsten Ebene gehören die körperlichen Bedürfnisse. Sie beziehen sich auf grundlegende Dinge wie Schlaf und Nahrung. Auf der zweiten Ebene steht Sicherheit. Hier geht es um einen Zustand der Stabilität in Bezug auf unsere Umgebung, aber auch um finanzielle und seelische Sicherheit. Auf der dritten Ebene stehen soziale Bedürfnisse. Dazu gehören Freundschaften und ein gutes Beziehungsnetzwerk. Die vierte Ebene ist Anerkennung. Hier geht es darum, Respekt und Wertschätzung von anderen Menschen zu bekommen. Auf der fünften Ebene geht es schließlich um Selbstverwirklichung. Auf dieser Ebene möchten Menschen ihre Potenziale ausschöpfen, Ziele erreichen und Neues erschaffen.

Die ersten vier Ebenen werden als Defizitbedürfnisse bezeichnet und die höchste Stufe als Wachstumsmotiv. Werden Defizitbedürfnisse nicht befriedigt, kann der Mensch physischen oder psychischen Schaden erleiden. Hingegen wird das Wachstumsmotiv, also Selbstverwirklichung, nie vollkommen erfüllt werden. Wir brauchen Selbstverwirklichung also nicht zum Überleben, aber wir brauchen sie für unsere Zufriedenheit.

In meinem Nachdenken über Bedürfnisse möchte ich nicht vergessen, dass sich Selbstverwirklichung nur wenige Menschen auf der Erde leisten können. Viele Menschen werden durch Krieg, Flucht, Armut und aus weiteren Gründen niemals die Chance haben, sich um dieses Bedürfnis zu kümmern. Trotz aller Probleme in unserer Gesellschaft möchte ich niemals vergessen, dass es ein Privileg ist, sich um Selbstverwirklichung kümmern zu dürfen.

Gefühle nicht kleinhalten

Ich bin aufgewachsen mit Eltern und Großeltern, die mit dem Wahrnehmen von Bedürfnissen wenig anfangen konnten. Der Umgang mit Schwächen, Bedürfnissen und Gefühlen ist kulturell geprägt und abhängig von dem pädagogischen Mainstream der Zeit. Weder meine Großeltern noch meine Eltern durften als Kinder lernen, über ihre eigenen Bedürfnisse, Gefühle oder Schwächen zu sprechen. Seitdem hat sich viel verändert. Unsere Kinder erleben eine bedürfnisorientierte und gleichwürdige Erziehung. Uns ist es wichtig, was sie fühlen und was hinter ihren Gefühlen steckt. Bestenfalls bieten wir ihnen Wörter für ihre Gefühle an. Das bedeutet nicht, dass wir ihre Bedürfnisse immer erfüllen müssen. Aber wir möchten sie wahrnehmen, anhören und mit ihnen im Gespräch darüber bleiben.

Marshall B. Rosenberg hat mit dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation den Satz geprägt, dass hinter jedem Gefühl ein Bedürfnis steckt. „Ach so ist das“, dachte ich, als ich diesen Ansatz vor zehn Jahren kennenlernte. Dann steckt hinter meiner Wut also ein Bedürfnis. Aber welches? Zu Hause wurde mir keine Sprache dafür mitgegeben. Gefühle wurden kleingehalten und nicht akzeptiert. Wie soll ich denn jetzt an mein Bedürfnis herankommen?

Bedürfnisse herausfinden und anerkennen

Der erste wichtige Schritt dafür ist, das Bedürfnis hinter dem Gefühl herauszufinden. Der zweite ist, mich mit diesem Bedürfnis mitzuteilen. Unsere Gefühle zeigen uns, in welchem Maße unsere Bedürfnisse erfüllt werden oder auch nicht. Gefühle sind wichtige Boten. Wenn wir unser Bedürfnis hinter dem Gefühl erkennen und dieses mitteilen, dann gibt man dem Gegenüber die Möglichkeit, das Gefühl zu verstehen.

Als ich vor zehn Jahren auf eine Liste von Bedürfnissen blickte, wurde mir klar: „Ja, ich habe da einige Bedürfnisse, die nicht gestillt sind und die anfangen zu schmerzen. Aber ich kann ja sowieso nichts daran ändern.“ Außerdem hatte ich gelernt, dass ich nicht bedürftig zu sein habe und dass meine Bedürfnisse nicht wichtig sind. Inzwischen weiß ich: Das ist Blödsinn. Natürlich darf ich bedürftig sein und Bedürfnisse aussprechen. Nur so schaffe ich Nahbarkeit. Erst wenn mein Gegenüber weiß, was ich brauche und was mir wichtig ist, kann ein gesundes Gleichgewicht in einer Beziehung entstehen. Bedürfnisse können auch ausgehandelt werden: Können wir gerade umziehen? Kann ich meinen Job wechseln? Können wir etwas an unserer Partnerschaft verändern? Können wir weniger arbeiten? Kann ich in der Woche Zeit nur für mich allein haben? Bedürfnisse zu teilen, kostet Mut, denn ich zeige mein Inneres und mache mich verletzlich. Es besteht die Gefahr, dass mein Gegenüber die Bedürfnisse nicht versteht. Jeder von uns hat unterschiedliche Bedürfnisse. Das kann uns in Konflikte bringen. Aber es hat auch die Kraft, uns zu verbinden. Das Risiko, das damit einhergeht, wenn wir uns ehrlich mitteilen, lohnt sich. Denn am Ende steht die Chance einer tieferen Verbundenheit.

Sich von Wünschen nicht beherrschen lassen

„Ein Bedürfnis ist Hunger, ein Wunsch ist Pizza“, meinte neulich ein Freund zu mir. Wünsche resultieren aus Bedürfnissen. Dabei haben wir oft eine klare Vorstellung davon, wie unsere Bedürfnisse gestillt werden sollen. Ich war Gott schon ab und an dankbar, dass er mir meine Wünsche nicht erfüllt hat. Gleichermaßen habe ich schon oft gelitten, weil ich einen Wunsch hatte, wie jenes Bedürfnis gestillt werden sollte, und es ist ebenfalls nicht passiert. Das sind manchmal qualvolle Zeiten, in denen ein Wunsch nicht in Erfüllung geht und ein Bedürfnis nicht gestillt wird. Es ist ein Ringen. Und doch darf ich erleben, dass Bedürfnisse oft anders erfüllt werden als gedacht. Manchmal habe ich versucht, meine Bedürfnisse mit meiner Vernunft abzuschneiden. Erfolglos. Sie machen sich an anderer Stelle wieder bemerkbar. Bedürfnisse sind wichtig und können nicht einfach abgeschnitten werden. In ihnen liegt auch ein Teil meiner Persönlichkeit. Meine Bedürfnisse geben mir Antrieb für Veränderung. Ist etwas im Hier und Jetzt nicht gut, dann melden sich meine Bedürfnisse durch ein ungutes Gefühl. Bedürfnisse schaffen neue Ideen, Räume und Begegnungsflächen.

Sehnsüchte und Wünsche, wie ein Bedürfnis erfüllt werden soll, haben auch die Schlagkraft, mich zu beherrschen. Wenn mein ganzer Fokus auf der Erfüllung meines Wunsches liegt, dann wird er zerstörerisch und sorgt dafür, dass ich das Schöne, das neben dem unerfüllten Wunsch steht, nicht mehr wahrnehme. Dankbarkeit für das, was da ist, hilft gegen den Frust der unerfüllten Wünsche. Auch helfen weitere Perspektiven, wie Bedürfnisse gestillt werden könnten. Es gibt viele Wege dafür und wenn sie mir selbst nicht in den Sinn kommen, haben Freunde und Gott oft weitere kreative Ideen. Folgende Haltung hilft mir: Ich halte meine Handflächen nach unten und lasse los: Alles, was mich beschwert, gebe ich an Gott ab. Ich halte inne. Dann drehe ich meine Handflächen nach oben: Ich empfange. Ich bete mein persönliches Gebet. Mein Taufvers lautet: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Darauf will ich vertrauen.

Tamara von Abendroth arbeitet in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Beduerfnisse-Emotionen-Gefuehle-Anna-Nechaieva_GettyImages-1276702269-scaled.jpg 1744 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-01-14 18:02:322025-02-18 18:11:19Das steckt hinter den Gefühlen

Wenn das innere Kind dazwischenfunkt

Ausraster, Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle: Das innere Kind bringt die Harmonie zwischen vielen Ehepartnern durcheinander. Psychotherapeutin Melanie Schüer erklärt die Zusammenhänge.

„Tut mir leid, ich weiß auch nicht, warum ich mich so aufgeregt habe. Irgendwas hat mich daran total getroffen … aber es ist nicht deine Schuld“, murmelt Lea. Wieder mal ist sie ziemlich wütend geworden in einer Situation, die so ähnlich immer wieder für Konflikte sorgt.
„Wenn ich darüber ­nachdenke, fühle ich mich bei meinen Ausrastern, als wäre ich vergessen worden.“ Und tatsächlich: Gerade hat ihr Mann den Käse vergessen, den sie gern morgen zum Frühstück genossen hätte. Ihr Sohn hat gestern nicht daran gedacht, ihren Brief zur Post zu bringen, und ihre beste Freundin hatte sich nicht, wie angekündigt, gemeldet. In all diesen Situationen hatte Lea übertrieben wütend reagiert – eigentlich unreif, kindlich. Tatsächlich wecken diese Situationen Dinge in Leas Biografie, die das innere Kind betreffen.

Innerer Erwachsener – inneres Kind

Manchmal nehmen wir Menschen in uns verschiedene Stimmen wahr. Das ist die normale Tatsache, dass jeder Mensch verschiedene innere Anteile besitzt. Diese hängen auch mit unseren unterschiedlichen Rollen zusammen, die wir im Alltag einnehmen – zum Beispiel der Rolle als Freundin, als Partner, als Mutter, Vater, Angestellter oder als Schülerin.

Zwei sehr gegensätzliche innere Anteile sind das sogenannte ‚Erwachsenen-Ich‘ und das ‚innere Kind‘. Wenn wir sicher in der Rolle als Erwachsene agieren und uns dem, was uns begegnet, gewachsen fühlen, dann ist das Erwachsenen-Ich in uns besonders präsent. Wir fühlen uns dann souverän, selbstsicher und kompetent. Diese Gefühle sind stärker als Ängste, Sorgen oder Selbstzweifel. Es ist buchstäblich der erwachsene, reife Teil in uns – man könnte auch sagen, „die Stimme der Vernunft“. Das mag positiv klingen, beinhaltet aber auch negatives Potenzial wie Perfektionismus und Verlust von Lebensfreude. Wer immer nur auf den inneren Erwachsenen hört, schwächt oft wichtige Aspekte des Lebens wie Fantasie, Unbeschwertheit, Freude oder Spontaneität.

In diesen Zuständen kommt ein anderer Anteil besonders stark zum Vorschein: unser inneres Kind. Es kann uns befähigen, das Leben zwischendurch leicht zu nehmen und zu genießen. Wir können herumalbern und völlig im Moment sein. Gleichzeitig sind mit dem inneren Kind auch bestimmte negative Erfahrungen verbunden. Wenn das innere Kind in uns stark wird, dann kann es passieren, dass wir uns unzulänglich, gedemütigt, abgelehnt, hilflos oder belächelt fühlen. Diese Gefühle hängen mit Erfahrungen aus unserer Kindheit zusammen, die natürlich individuell unterschiedlich sind. Sie werden in Momenten wach, in denen wir an Situationen aus unserer Kindheit erinnert werden – oft sprechen wir dann von „Triggern“. Es fühlt sich an, als wären wir in die Situation von früher zurückversetzt. So wie Lea, die in Trigger-Situationen ein Muster erkennt, dass sie sich fühlt wie die kleine Lea in bestimmten Momenten.

Grundüberzeugungen auf der Spur

Prägende und wiederkehrende Erfahrungen in der Kindheit führen zur Entwicklung fester Grundüberzeugungen. Das sind Glaubenssätze, die unbewusst unsere Sicht auf uns selbst, andere Menschen und Situationen formen, zum Beispiel:

  • Wenn ich nicht alles perfekt mache, werde ich nicht akzeptiert.
  • Wenn ich anders als andere bin, werde ich zurückgewiesen.
  • Egal, was ich tue, es ist nie genug.
  • Meine Meinung und Wünsche zählen nicht.
  • Ich muss alles kontrollieren, weil ich sonst nicht sicher bin.
  • Die anderen können alles besser.

Selbstverständlich gibt es auch positive Überzeugungen, zum Beispiel „Ich kann etwas leisten!“ oder „Meine Meinung zählt etwas!“. Aber in Krisen und Problemen, insbesondere in der Paarbeziehung, bekommen die negativen Grundüberzeugungen stärkeres Gewicht. Das liegt daran, dass wir uns in einer Paarbeziehung besonders öffnen und dadurch verletzlich machen und an unser Gegenüber Bedürfnisse und Erwartungen herantragen, die denen eines Kindes gegenüber den Eltern ähneln.

Lea könnte die negative Grundüberzeugung so formulieren: „Ich werde oft vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Lea wuchs bei ihrem alleinerziehenden Vater auf, der völlig überfordert war. Oft vergaß er, Lea etwas zu essen vorzubereiten oder sie vom Kindergarten abzuholen. Sie erinnert sich genau, dass sie oft als letztes Kind wartete, während ihr Erzieher versuchte, den Vater zu erreichen. Wenn Lea ihren Vater dann weinend begrüßte, nahm er sie nicht ernst: „Mach doch nicht so ein Theater. Ich komme doch immer!“ Irgendwann mischte sich Leas Traurigkeit mit Wut. Diese Wut über das Verhalten ihres Vaters konnte das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ein wenig abschwächen. Und genau diese Gefühle kommen auch jetzt wieder hoch, wenn sie sich vergessen und nicht wertgeschätzt fühlt.

Das innere Kind und die Paarbeziehung

Solche negativen Grundüberzeugungen aus der Kindheit mit den dazugehörigen Gefühlen wie Scham, Angst, Traurigkeit, Wut, gepaart mit Verhaltensweisen wie Konfliktvermeidung, übertriebener Anpassung oder mangelnder Offenheit haben einen enormen Einfluss auf die Paarbeziehung.

Im Paar-Alltag entstehen immer wieder Situationen, die uns unbewusst an Erlebnisse aus der Kindheit erinnern. Die Ähnlichkeit der Situation (zum Beispiel eine frustrierte Reaktion meines Partners, weil ich etwas nicht schaffe) kann die vertrauten Denkmuster, Gefühle und entsprechende Verhaltensweisen auslösen, zum Beispiel, wenn Lea ihren Mann anschreit, weil sie sich in diesem Moment wieder wie die kleine, vergessene Lea fühlt, sie von Traurigkeit überwältigt ist und mit Wut reagiert.

Diese Dynamik kann Konflikte immer wieder befeuern, weil beide Partner nicht verstehen, was eigentlich gerade passiert. Scheinbar kindische, unreife Verhaltensweisen treten immer wieder auf, denn handlungsleitend ist in diesen Fällen tatsächlich das innere Kind!

Das innere Kind auf frischer Tat ertappen

Um diese Zusammenhänge zu erkennen, ist es wichtig zu verstehen, welche Situationen zu Konflikten führen. Welche Muster sind erkennbar? Was haben die letzten Konfliktanlässe, an die Sie sich erinnern, gemeinsam? Was sind Themen, die ähnlich sind – zum Beispiel Äußerung von Kritik, Umgang mit Verschiedenheit, Einstellungen zu bestimmten Fragen wie Haushaltsführung, Finanzen, Alltagsgestaltung. Meist kommen schnell Muster zum Vorschein und zeigen an, was Ihr inneres Kind oder das Ihres Gegenübers triggert.

Dann gilt es, ein wenig in der Zeit zurückzureisen: Inwiefern kennen Sie dieses Thema beziehungsweise ähnliche Situationen aus Ihrer Kindheit? Was haben Sie damals empfunden? Was war damals belastend und stressig? Was hat Sie verletzt, beschämt, wütend gemacht oder geängstigt?

Das innere Kind beruhigen

Wichtig ist, in so einem Reflexionsprozess das innere Kind nicht einfach beiseitezuschieben. Das wäre auf Dauer nicht hilfreich. Denn das innere Kind meldet sich an ähnlichen Stellen wieder, weil dieses Thema in der Kindheit nicht ausreichend verarbeitet werden konnte. Es gilt daher, die Verletzung des inneren Kindes ernst zu nehmen und wie ein liebevoller Erwachsener mit Verständnis zu reagieren.

Es klingt vielleicht komisch, aber hier hilft ein wenig Kopfkino. Stellen Sie sich sich selbst als Kind in einer belastenden Situation vor, an die Sie sich noch erinnern können. Und dann gehen Sie in Ihrer Fantasie als heutiges, erwachsenes Ich auf Ihr jüngeres Ich zu und blicken es freundlich an. Sagen Sie ihm das, was Sie damals schon hätten hören müssen. Sprechen Sie ihm Mut und Trost zu und erklären Sie, dass die Situa­tion heute anders ist als damals. Wenn Sie offen dafür sind, stellen Sie sich auch gerne vor, wie Sie sich dem inneren Kind zuwenden, es trösten und stärken.

Grundüberzeugungen verändern

Der nächste Schritt ist die Frage, welche Grundüberzeugung hinter dem Konflikt stehen könnte – im Beispiel von Lea: „Ich werde vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Welche Erfahrungen haben zu dieser Überzeugung geführt – und welche anderen, positiven Erfahrungen und Erkenntnisse stehen dagegen? Sammeln Sie Argumente, was gegen die Wahrheit dieser Überzeugung spricht. Und wenn sie der Realität nicht standhält, dann formulieren Sie – am besten schriftlich – eine positive, realistische Grundüberzeugung – wie beispielsweise „Ich bin Gott so wichtig, dass er sogar die Zahl der Haare auf meinem Kopf kennt. Ich bin mir selbst wichtig. Und es gibt Menschen, denen ich wichtig bin, wie …“

Vergegenwärtigen Sie sich die positiven Sätze immer wieder, um neue Denkpfade zu prägen, die Ihre Wahrnehmung prägen und zur Realität werden. Womöglich fühlt sich das anfangs künstlich an – das ist normal, denn Ihr Gehirn hat ja jahrelang das Gegenteil gedacht! Geben Sie dem Training also etwas Zeit.

Nicht alles geht in Eigenregie

Vieles können wir selbst durch Reflexion erreichen. Manche Prozesse brauchen aber Begleitung und Hilfe. Einige Grundüberzeugungen sitzen so tief, haben eine so destruktive Wirkung, manche Erfahrungen unseres inneren Kindes waren so massiv, dass eine Aufarbeitung allein nicht gelingt. Ein freundliches, professio­nelles Gegenüber macht einen großen Unterschied und kann einen sehr heilsamen Prozess in Gang bringen.

Melanie Schüer ist Mutter von zwei Kindern und berufstätig als Kinder- und Jugendlichenpsycho­therapeutin und Autorin im Osnabrücker Land. In Freundschaften und ihrer Paarbeziehung stößt auch sie immer wieder auf ihr inneres Kind.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Inneres-Kind_BN_Getty-Images_fizkes-1289162194-1.jpg 1106 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-01-08 16:28:502025-02-17 16:35:33Wenn das innere Kind dazwischenfunkt

Fürsorge und Verlangen

Wir kümmern uns um die Sorgen und Bedürfnisse unserer Liebsten. In der Partnerschaft kann das jedoch das sexuelle Verlangen stören. Wie der Gegensatz aus Begehren und Unterstützung eine Bereicherung wird, verrät Tabea Müller.

Endlich schlafen die Kinder. Luise räumt auf, legt frische Kleidung raus und macht das Nachtlicht an. Dann geht sie in die Küche, um die Brotboxen für den nächsten Tag zu füllen. Tim schlurft aus dem Büro und schenkt sich und Luise einen Schluck Wein ein. Zu müde für eine geistreiche Konversation setzen sie sich, um zumindest den Tag in stiller, aber zufriedener Zweisamkeit zu beenden. Seit die Kinder ihre Ehe bereichern, hat sich vieles geändert. Das sexuelle Verlangen leidet darunter.

Mehr Zeit fließt in Alltagsorganisation und Versorgung. Zeiten der Muße und der Langeweile sind rar geworden. Das entbehrliche Schöne in ihrem Leben stellen sie hinten an, bis die vermeintlich dringlichen Dinge erledigt sind – so auch den Sex. Als letzter Punkt auf der To-do-Liste am Abend muss er mit dem ersehnten Schlaf konkurrieren und zieht dabei oft den Kürzeren. Die wenigen Male, die er gewinnt, ähnelt er mehr einem Sandwich im Drive-in als einem festlich gedeckten Mahl: uninspirierend, fantasielos, unkreativ.

Auf andere ausgerichtet

Luise und Tim sind in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Je länger eine Beziehung dauert, desto mehr erlebt ein Paar miteinander. Neben all den schönen und aufregenden Dingen kommen auch Stressphasen, Zusammenbrüche und Krankheiten hinzu, in denen der Partner mehr Fürsorge braucht als in den ersten gemeinsamen Urlauben. Den Kaffee ans Bett zu bringen ist dann nicht mehr nur romantisch, sondern notwendig, da die Partnerin das Bett nicht verlassen kann.

Diese Phasen gemeinsam zu meistern, ist einer der vielen Vorteile einer lebendigen Beziehung. Durch die gegenseitige Fürsorge fühlen sich die Partner zugehörig, sicher und geliebt. Sie lässt beide spüren, dass sie jemandem so viel bedeuten, dass dieser nachts für sie aufsteht und seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt.Betreten Kinder die Bühne, wird es komplizierter: Plötzlich reicht es nicht mehr, sich nur umeinander und um sich selbst zu kümmern. Tag, Nacht und Hormone werden über den Haufen geworfen, um den Bedürfnissen der neuen hilflosen Wesen nachzukommen. Sogar das mütterliche Gehirnvolumen schrumpft während Schwangerschaft und Kleinkindphase, um sich laut wissenschaftlicher Vermutung auf die Erkennung der nonverbalen Zeichen des Kindes zu spezialisieren. In dieser Zeit mutieren Eltern zu wahren Fürsorgeprofis, immer auf das Wohl eines anderen bedacht.

Selbstfürsorge, und damit die Quelle für sexuelles Verlangen, bleibt häufig auf der Strecke. Denn während Fürsorge stets gedanklich und emotional auf einen anderen ausgerichtet ist, bleibt Verlangen bei sich selbst.

Lustkiller Fürsorge

So edel Fürsorge auch sein mag, wenn du deine Identität darin findest, verwandelt sie sich in selbstgefällige Bemutterung. Statt dem anderen gutzutun, schränkt sie dessen Individualität ein und wird kontrollierend. Sie betrachtet ihn oder sie nicht mehr als Gegenüber, sondern als Hilfsbedürftigen – und wirkt dadurch wie ein echter Lustkiller. Wenn du deinen Partner bemutterst, dann habt ihr sicherlich weniger Sex. Es fällt schwer, jemanden zu begehren, den du als hilfsbedürftig wahrnimmst.

Genauso schwer ist es aber auch, den attraktivsten und selbstständigsten Partner auf dem Planeten zu begehren, wenn du selbst erschöpft und ausgelaugt bist. Von der Mutterrolle in die erotische Ehefrau zu wechseln, sobald die Kinder schlafen, ist nicht einfach. Ebenso schwer kann es sein, als Vater den Stress beiseitezuschieben, um ganz im Hier und Jetzt der müden Frau zuzuhören und dabei sexuelles Begehren aufflammen zu lassen. Hier hilft immer wieder eine Standortbestimmung, wie du dich nicht nur gegenüber deiner Partnerin oder deinem Partner verhältst, sondern auch gegenüber dir selbst.

Um deinen Partner oder deine Partnerin wieder zu begehren, musst du zuerst dich selbst lieben und dafür sorgen, dass deine Bedürfnisse gestillt und dein Liebestank gefüllt ist. Eine Gedichtzeile von Bernhard von Clairvaux drückt das ganz passend aus: „Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.“ So machst du das Geliebtwerden nicht mehr vom anderen abhängig. Du begehrst aus der Fülle heraus und nicht aus Mangel. Doch auch das Verlangen kann Schatten werfen. Wenn du dich so auf deine eigenen Wünsche fokussierst, dass du den Zustand des anderen nicht mehr richtig wahrnimmst, verwandelt sich dein Begehren in Begierde.

Darin steckt ein schönes Wortspiel: Ehre wird zur Gier. Gier ehrt den Partner nicht, selbstsüchtig und rücksichtslos trampelt sie über dessen moralische und emotionale Grenzen. Das kann dazu führen, dass deine Partnerin oder dein Partner Druck empfindet. Sex passiert dann mehr aus Pflichtgefühl als aus freien Stücken.

Erotik statt Aufopferung

Lassen wir Fürsorge und Verlangen also wieder miteinander tanzen, so führt die Fürsorge das Verlangen so, dass dieses die Grenzen seines Gegenübers wahrt und ihn begehrt. Gleichzeitig sorgen die Tanzfiguren des Verlangens dafür, dass die Fürsorge beeindruckt bleibt und ihr Gegenüber nicht diskreditiert, sondern bewundernd zu ihm aufschaut. Fürsorge und Verlangen sind Gegensätze, die einander brauchen, um eine Beziehung dynamisch zu halten. Sie spannen einen Raum auf, in dem Spannung und Abenteuer, aber auch Sicherheit und Heimat Platz finden.Monate vergehen, bis der Leidensdruck von Tim und Luise groß genug ist, um etwas dagegen zu unternehmen. So sehr Tim auch die Hingabe und Aufopferung von Luise bewundert, so stark vermisst er ihre verspielte, erotische Seite.

Auch Luise vermisst diese Seite an sich, hat aber keine Idee, wie sie sie auf die Schnelle hervorzaubern kann.Um ihre Sexualität wieder wie ein Kunstwerk zu behandeln, krempeln sie ihr Leben um. Sie schaufeln sich einen Vormittag in der Woche frei, an dem die Kinder versorgt sind. Ohne Müdigkeit und Zeitdruck verabreden sie sich regelmäßig zu einer erotischen Begegnung, bei der sie ihre Lust kultivieren können.

Diese Entscheidung kostet sie nicht wenig. Da Tim dafür seine Arbeitszeit auf 80 % reduziert, bleibt weniger Geld übrig, das an anderen Stellen gespart werden muss. Doch die frische Lebendigkeit ihrer Beziehung ist ihnen jeden Euro wert.Dieser Lösungsansatz ist ziemlich radikal und sicherlich nicht für jedes Paar geeignet. Die Frage dahinter kann aber jeder beantworten: Wie viel ist mir eine Veränderung unserer aktuellen Situation wert? Kostet mich die Lösung mehr, als einfach das Problem zu behalten? Dann ist vielleicht die Lösung das Problem und ihr habt gar keins mehr. Oder ihr versucht es erst einmal mit kleineren Veränderungen.

Vier Stellschrauben, um das sexuelle Verlangen nach dem Partner zu erhalten:

1. Kümmere dich zuerst um dich selbst
Wie bei der Sicherheitseinweisung im Flugzeug: Erst die eigene Maske, dann anderen helfen. Es lohnt sich ein regelmäßiger Self-Check: Auf einer Skala von 1 (zu wenig) bis 10 (tiptop): Wie viel Schlaf erlaube ich mir? Plane ich regelmäßig Zeit für Sport ein? Wie viel Wert lege ich auf gute Ernährung? Nehme ich meine Bedürfnisse gut genug wahr? Wie begehrenswert fühle ich mich? Wo du keine 10 Punkte vergeben kannst, lohnt sich eine Anpassung.Ein häufiges Selbstsabotage-Symptom ist die sogenannte Bedtime-Prokrastination, also das sinnfreie Hinauszögern der Schlafenszeit trotz Müdigkeit. Hier gibt es viel Energie zu holen. Also: Handy aus, Schlafi an!

2. Entrümpele deinen Alltag
Je weniger du besitzt, umso weniger Dinge wollen, dass du dich um sie kümmerst. Einmal komplett zu entrümpeln ist zwar viel Arbeit, danach bleibt aber definitiv mehr Zeit für Muße und Selbstfürsorge. Auch ein kritischer Blick in den Kalender lohnt sich: Sind all deine Termine sinnvoll, notwendig oder beflügelnd? Wende auch hier wieder die 10-Punkte-Skala an. Was nicht mindestens eine 9 bekommt, kann weg.

3. Plane bewusste Intimität ein
Es geht nicht nur um die Häufigkeit von Sex und ob beide Partner zum Orgasmus kommen. Vielmehr geht es um die Qualität der gemeinsamen Zeit, wohin die Erfahrung euch trägt und welche Träume und Fantasien sie anregt. Es kann sehr intim sein, sich gegenseitig zu berühren, ohne Sex haben zu dürfen. Auch spielerisch mal den Liebesdiener zu spielen und beim nächsten Mal den Bestimmer, kann aufschlussreich darüber sein, ob dir das Geben oder das Nehmen leichterfällt. Bist du mental gern ganz bei dir oder lieber beim anderen? Wie hast du dich in der jeweiligen Rolle gefühlt?

4. Tauscht regelmäßig die Rollen
Oft werden die Aufgaben nach Kompetenz und Präferenz aufgeteilt. Dadurch wirst du in manchen Dingen zum Experten, während du andere Dinge vielleicht sogar verlernst. Die Rollen immer wieder zu tauschen, hilft, dem Partner ebenfalls alles zuzutrauen und schützt vor der Bemutterungs- oder Bevaterungsfalle.

Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe. www.tabeasarah.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/12/F_Mueller_Gegensaetze_BN_GettyImages_evgenyatamanenko-1222297699-scaled.jpg 1972 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-12-05 14:36:302024-12-05 14:37:04Fürsorge und Verlangen

Empathisch

Was ist Empathie? Nicht das, was viele denken.

Wenn ich mit Menschen über ihre Partnerschaft spreche, sagen mir viele, dass sie sich wünschten, ihr Partner oder ihre Partnerin hätte mehr Empathie. Vor allem von Frauen höre ich, dass es ihren Männern schwerfällt, das Mitgefühl aufzubringen, das sie eigentlich bräuchten. Stattdessen bekommen sie viele gut gemeinte Hinweise, wie man die Situation lösen könnte. Auch Aufmunterungen im Sinne von „Du schaffst das schon!“ stehen hoch im Kurs.

Anknüpfungspunkte

Wenn uns der andere erzählt, was ihn bedrückt, ist es manchmal schwer, einfühlsam darauf zu reagieren. Wenn wir ehrlich sind, finden wir das Gehörte oft schwer nachvollziehbar, manchmal sogar haarsträubend. Meistens findet der Zuhörer keinen Anknüpfungspunkt an die Erfahrungen seines Gegenübers, weil er selbst die gleichen Ereignisse ganz anders wahrgenommen und interpretiert hätte. Wie kann man mitfühlen, wenn man selbst nie etwas Ähnliches erlebt hat? Und wahrscheinlich auch nie etwas Ähnliches erleben wird, weil man anders gestrickt ist und anders mit dem Leben umgeht?

Diesen Überlegungen liegt ein großes Missverständnis über Empathie zugrunde. Als Gesellschaft haben wir hier eine kollektive Bildungslücke. Empathisch zu sein, bedeutet nämlich nicht, dass ich das Erleben meines Partners/meiner Partnerin nachvollziehen kann. Vielmehr bedeutet es, dass ich ihm/ihr aufmerksam zuhöre und ihm/ihr glaube, wenn er/sie mir davon erzählt, was ein bestimmtes Erlebnis bei ihm/ihr ausgelöst hat. Auch wenn das nicht mit meinem Erleben zusammenpasst. Die Empathieforscherin Brené Brown bringt es auf den Punkt: „Empathie bedeutet nicht, sich mit einer Erfahrung zu verbinden, sondern mit den Gefühlen, die durch eine Erfahrung ausgelöst wurden.“

Ungerecht behandelt

Als empathische Zuhörerinnen und Zuhörer versuchen wir also, in uns selbst etwas zu finden, das das Gefühl kennt, das unser Gegenüber beschreibt, und daran anzudocken. Ein Beispiel: Nadine erzählt Tobias, wie schwierig es für sie ist, dass ihr Kollege alle Lorbeeren für ein Projekt erhält, zu dessen Erfolg hauptsächlich sie beigetragen hat. Gerade heute hat ihr Vorgesetzter wieder vor dem ganzen Team die hervorragende Arbeit des Kollegen gelobt und ihren Beitrag mit keinem Wort erwähnt.

Tobias liegt die Lösung auf der Zunge: „Dann musst du dich halt wehren.“ So hätte er es gemacht. Ist ja absurd, dass man sich so etwas bieten lässt. Doch stattdessen fragt er sich: „Gibt es etwas in mir, das mir helfen könnte, zu erkennen und mich mit dem zu verbinden, was Nadine fühlt?“ Und tatsächlich kennt auch Tobias Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt fühlt oder das Gefühl hat, dass ihn niemand wahrnimmt. Und wenn er dort anknüpft, wird es ihm gelingen, einfühlsam auf Nadine zu reagieren.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/07/Empathie_BN_GettyImages_fizkes-1263543065.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-07-24 11:58:592024-07-19 11:59:48Empathisch

Als Paar einen Treuebruch überleben

Wenn ein Treuebruch passiert, fällt die betrogene Person oft aus allen Wolken. Ist eine Ehe nach einer Affäre noch zu retten? Von Christina Glasow

Kati (alle Namen geändert) hatte schon wochenlang so ein Gefühl … Jetzt hält sie Tills Handy in der Hand und starrt mit klopfendem Herzen auf seinen Chatverlauf mit Lena. Kati kennt sie schon lange. Sie arbeitet für die gleiche Firma wie Till. Was sie da liest, lässt sie erstarren: Herzchen, Küsschen, „Ich vermisse dich“, „Ich sehne mich nach dir“ …

In Katis Kopf und Herz bricht Chaos aus: Schmerz. Wut. Angst. Enttäuschung. Scham. Wie konnte er das nur tun? Bin ich nicht gut genug? Ist unsere Beziehung eine einzige Lüge? Wie lange geht das schon so? Was hat er ihr über uns erzählt? Ich werfe ihn raus. Ich will ihn nicht verlieren.

Mit Katis Entdeckung konfrontiert, kommt Till stammelnd mit der Wahrheit heraus. Er hat Angst und ist gleichzeitig von einer tonnenschweren Last befreit. Till hatte sich mit Lena so lebendig gefühlt, so begehrt. Aber Kati anzulügen, war schwer. Er liebt sie doch. Er war ständig in Angst, aufzufliegen. Aber auch unfähig, aufzuhören.

Wo und wie beginnt Treuebruch?

Treuebruch ist ein Durchbrechen der getroffenen Vereinbarung über die Exklusivität einer Partnerschaft. Ein Aufbauen von Intimität mit einer dritten Person. Wie genau diese aussieht, wo die Grenze liegt, ist sehr unterschiedlich. Treuebruch hat viele Gesichter: einmalig oder länger andauernd, mit einer Person aus dem Umfeld oder jemand Unbekanntem, mit oder ohne Gefühle, „nur“ emotional oder auch körperlich … Es finden Heimlichkeiten, Hintergehen und damit ein Vertrauensbruch statt, der die betrogene Person in unterschiedlichem Maße erschüttert.

Oft entsteht Untreue schleichend und mit einer Person aus dem Lebensumfeld (Freundeskreis, Job, Hobby, Gemeinde), der man mehr und mehr Aufmerksamkeit schenkt, die auch erwidert wird. Unmerklich wird so der Punkt der Freundschaftlichkeit überschritten. Der Partner oder die Partnerin dürfte jetzt nicht mehr danebenstehen, wenn Nachrichten ausgetauscht werden. Ist dieser Punkt erreicht, wird es schwierig, aus der Situation wieder herauszukommen.

Was ist jetzt wichtig?

Auch wenn die Hürde riesengroß ist: Es ist besser, wenn die untreue Person den Treuebruch selbst beichtet, als dass es durch andere oder durch die betrogene Person herausgefunden wird. Nach dem Aufdecken der Untreue können auf beiden Seiten schwer aushaltbare Gefühle wie Enttäuschung, Verrat, Hilflosigkeit, Schmerz, Angst, Zerrissenheit, Wut und Scham aufkommen. Eine Trennung scheint eine naheliegende, schnelle Lösung zu sein. Es ist jedoch wichtig, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen.

Ein Treuebruch muss nicht das Ende einer Beziehung sein. Wenn beide grundsätzlich die Beziehung weiterführen möchten (von diesem Fall gehe ich im Weiteren aus), ist es möglich, einen Treuebruch zu verarbeiten. In meiner Praxis durfte ich schon viele Paare begleiten, die sich diesem schmerzhaften Prozess gestellt haben und anschließend als Paar gestärkt aus dieser Krise hervorgegangen sind. Ob ein Treuebruch verarbeitet werden kann, hängt davon ab, wie empathisch der Verursacher mit der Verletztheit des Gegenübers umgeht, sodass das verlorene Vertrauen wieder wachsen kann. Im zweiten Schritt muss geschaut werden, ob und welche Faktoren es in der Beziehungsdynamik gibt, die den Boden für den Treuebruch bereitet haben könnten.

Wichtige Schritte für die Verarbeitung

Kontaktabbruch und Transparenz: Die untreue Person um die grenzüberschreitenden Interaktionen beziehungsweise muss den anderen Kontakt beenden. Und zwar in Form von klarer und fairer Kommunikation, zum Beispiel: „Meine Frau/mein Mann weiß jetzt über uns Bescheid. Ich entscheide mich, an meiner Beziehung zu arbeiten. Das zwischen uns ist aus.“ Etwaige Kontaktversuche der dritten Person sollten sofort mitgeteilt werden.

Faktencheck und Gefühlslage: Es braucht jetzt Zeit, über die Gefühle und das Geschehene zu sprechen. Immer wieder und solange es nötig ist. Die betrogene Person hat jetzt Gedankenspiele darüber, wie genau der Treuebruch ausgesehen haben mag. Auch wenn es schmerzhaft ist, ist es wichtig, die Fakten zu kennen, damit die Gedanken darüber irgendwann zur Ruhe kommen können. Manchmal sind die Befürchtungen schlimmer als das, was tatsächlich geschehen ist. Bitte nicht, um die eigene Haut zu retten oder den anderen zu schonen, die „Salamitaktik“ anwenden und Informationen erst nach und nach preisgeben. Das erschüttert immer wieder das Vertrauen und sorgt für Rückschläge im Prozess.

Zum eigenen Schutz sollte nicht zu detailliert nachgefragt werden. Welche genauen Wortlaute oder Zärtlichkeiten ausgetauscht wurden, ist nicht unbedingt relevant, um ein Bild vom Geschehenen zu bekommen. Die Devise lautet: so viel Information wie nötig und so wenig wie möglich. Sollten auch nach dem Aufdecken noch Emotionen für die dritte Person vorhanden sein, durchläuft die ehemals untreue Person parallel einen Prozess des Loslassens und der Trennung.

Oft ist mit dem Aufdecken jedoch die Affäre auch emotional vorbei. Die Gedanken und Gefühle sind bald wieder sortiert und fokussiert auf die ursprüngliche Beziehung. Für die betrogene Person fängt aber alles erst an. Die Verarbeitung dauert ihre Zeit und ist anstrengend. Je geduldiger und gründlicher sich beide Partner dem Prozess der Verarbeitung stellen, desto besser sind die Chancen, die Krise zu bewältigen. Es braucht jetzt von beiden Personen vor allem Geduld.

Sätze wie „Darüber haben wir doch jetzt schon x-mal gesprochen, du musst jetzt auch mal darüber wegkommen“ oder „Wir haben doch nur geschrieben, es ist doch nichts passiert“ bringen den Verarbeitungsprozess nicht voran. Im Gegenteil: Die verletzte Person fühlt sich nicht gesehen und im Schmerz alleingelassen. Nun ist es wichtig, Empathie zu zeigen, die emotionale Achterbahn des oder der anderen liebevoll auszuhalten und die Konsequenz des eigenen Handelns verantwortungsvoll zu tragen. Wenig hilfreich für den Prozess ist es, wenn die betrogene Person verdrängt und schnell und oberflächlich vergibt. Es ist wichtig, die Gefühle zuzulassen, auch wenn das unangenehm ist.

Nur durch gemeinsames Tragen dieser schmerzhaften Folgen kann die Beziehung heilen und wachsen. Es führt kein gesunder Weg daran vorbei! Es kann in dieser Phase zu langen, kräftezehrenden Gesprächen kommen. Hilfreich ist es hier, vor dem Gespräch einen Zeitrahmen zu vereinbaren, um zu einem Ende zu finden, auch wenn noch nicht alles besprochen ist.

Freiwillige Rechenschaft: Für die meisten betrogenen Partner ist es in der ersten Zeit schwierig, mit bestimmten Trigger-Situationen umzugehen, ohne ständig zu kontrollieren, zum Beispiel wenn die ehemals untreue Person allein ausgeht. In der ersten Zeit kann es helfen, freiwillig Rechenschaft abzulegen: Wenn Till ins Büro fährt, hat Kati jedes Mal Angst, dass er dort Lena treffen und sich wieder Heimlichkeiten zwischen den beiden einstellen könnten. Till versteht das. Die beiden haben verabredet, dass er von sich aus erzählt, wenn er Lena gesehen hat. Wenn Kati unsicher ist, fragt sie zusätzlich nach. Langsam kann so Vertrauen und Sicherheit zurückkehren.

Es ist eine besondere Herausforderung, wenn sich die dritte Person weiterhin im Umfeld des Paares befindet. Den Job oder den Freundeskreis zu verlassen, sind große Schritte, die man nicht unbedingt gehen kann oder möchte. Diese Situationen können sehr knifflig sein und werden am besten professionell begleitet. Als Richtschnur kann dienen, dass die betrogene Person das Tempo vorgibt, wie und ob wieder ein Treffen oder gar eine Annäherung an die dritte Person stattfindet. Es muss weder alles schnell wieder normal sein, noch muss es bedeuten, dass nie wieder miteinander gesprochen wird. Zunächst ist es am wichtigsten, dass das Paar wieder zueinander findet. Alles, was das weitere Umfeld betrifft, kann dann zu seiner Zeit folgen, sofern das gewünscht ist.

Wie konnte das passieren?

In Studien zum Thema Untreue geben 40 Prozent der Befragten an, in ihrem Leben schon einmal untreu gewesen zu sein, wobei es Männer und Frauen etwa gleichermaßen betrifft. Wie kommt es dazu? Die Gründe sind sehr individuell und können an dieser Stelle nur angerissen werden. Oft beobachte ich in meiner Arbeit mit betroffenen Paaren aber das gleiche Grundprinzip:

Die Lebensumstände eines Menschen verändern sich stetig. Sie wandeln sich in Bezug auf den Job, Wohnort, Kinder, Hobbys, Ehrenamt oder Freundschaften. Aber auch Krankheiten oder der Verlust eines geliebten Menschen führen zu Veränderungen. Man passt sich den Gegebenheiten an und setzt Prioritäten. Manches muss weichen, weil die Kraft oder die Zeit dazu fehlt. Vor allem in der Kleinkind-Phase bleibt häufig wenig Raum für anderes.

Oft fällt diesem Lauf des Lebens die Pflege der Paarbeziehung, also die ungeteilte Zeit mit dem Partner/der Partnerin, als Erstes zum Opfer. Man funktioniert zusammen als Team, aber den Bedürfnissen des Gegenübers wird weniger Beachtung geschenkt. In seinem Buch „Die 5 Sprachen der Liebe“ beschreibt Gary Chapman, was Menschen brauchen, um sich geliebt zu fühlen und wie man es schaffen kann, trotz Unterschiedlichkeit beim Gegenüber keinen Mangel aufkommen zu lassen. Das Bedürfnis nach ungeteilter Zeit mit dem Partner spielt eine große Rolle. Tritt über einen längeren Zeitraum ein Mangel auf, der von einer dritten Person gestillt wird, besteht die Gefahr, dass sich eine Außenbeziehung anbahnt.

Die eigene Prägung, alte Glaubenssätze, das Selbstbewusstsein und auch bereits vorangegangene ungeklärte Verletzungen in der Beziehung tragen außerdem dazu bei. Das bedeutet, dass für die Umstände, die den Treuebruch begünstigt haben, in der Regel beide Verantwortung tragen. Für den Treuebruch an sich trägt aber ausschließlich die untreue Person die Verantwortung. Die Gründe sind also sehr individuell und oft komplex. Es lohnt sich, hier mit professioneller Unterstützung hinzuschauen, um die Basis der Beziehung nachhaltig zu festigen. Das gilt besonders, wenn Untreue wiederholt ein Thema ist. Meist spielen die psychologischen und lebensgeschichtlichen Hintergründe eine relevante Rolle. Aber auch als Opfer wiederholter Untreue ist es wichtig, sich Hilfe zu holen und abzuwägen, ob eine Trennung die bessere Alternative wäre, als sich immer wieder so tief verletzen zu lassen.

Wann ist die Krise bewältigt?

Um mit einem erlittenen Treuebruch abzuschließen, ist es wichtig, sich irgendwann zu entscheiden, die zugefügte Verletzung loszulassen und zu vergeben. Nicht, weil man das tun müsste oder das Gegenüber das erwartet, sondern um des eigenen Herzens willen. Ich glaube, dass Gott uns die Möglichkeit zu vergeben hauptsächlich um unseretwillen geschenkt hat, damit unser Herz nicht bitter wird. Unvergebenes liegt als Last auf der eigenen Seele. Vergebung ermöglicht es einem selbst, wieder frei zu werden. Vergeben bedeutet nicht vergessen. Es ist aber der Schritt, den beide brauchen, damit das Geschehene irgendwann nicht mehr zwischen ihnen steht.

Jedes Paar sollte an den Stellschrauben für eine gesunde und reife Beziehung arbeiten: Kommunikation auf Augenhöhe, Arbeit an den eigenen Themen sowie ein aufmerksames, wertschätzendes und liebevolles Miteinander. Wer gerade in einer Krise dieser Art steckt, dem möchte ich Mut machen: Es wird sich nicht für immer so anfühlen. Wer die wichtigen oben genannten Punkte beachtet, hat eine gute Chance, das Geschehene zu verarbeiten und reifer daraus hervorzugehen. Es braucht Zeit und Vertrauen in den Prozess. Aber es lohnt sich!

Ein Jahr später schauen Kati und Till auf eine schmerzhafte Zeit zurück. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. Die aufreibenden Gespräche sind vorbei. Ab und zu kommen Erinnerungen hoch, aber sie schmerzen nur noch kurz. Die beiden sind wieder aufmerksamer füreinander geworden und haben gelernt, über ihre Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Tills Kontakt zu Lena beschränkt sich auf ein „Hallo“ im Büro. Katis Groll ihr gegenüber hat sich abgeschwächt. Aber ob und wie Kati ihr wieder begegnen möchte, darüber ist sie sich noch nicht sicher.

Christina Glasow ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und lebt mit ihrer Familie in Pulheim. christinaglasow.de

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