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Archiv für die Kategorie: Wir beide

Der gefangene Mann

Wenn die Arbeit Ehemänner und Väter fesselt, leiden Partnerschaft und Familie. Doch es gibt Auswege aus den Zwängen. Von Jörg Berger

Er ist freundlich und gewinnend. Er begeistert sich schnell und setzt sich voll ein. Auch Ausdauer, Belastbarkeit und Verlässlichkeit gehören zu seinen Qualitäten. Trotzdem erzählen Ehefrauen ihren Freundinnen mit einem Seufzen von ihm, manchmal auch mit Tränen in den Augen. Kleinkinder fremdeln und lassen die Mama nicht alleine weg, obwohl doch der Papa da ist. Schulkinder beklagen sich: „Du bist nie da.“ Jugendliche behandeln ihn wie einen WG-Mitbewohner.

Der gefangene Mann hätte das Zeug zum perfekten Ehemann und Vater. Aber eine dunkle Macht zieht ihn immer wieder aus dem Haus, raubt ihm das Beste, was er zu geben hat und entlässt ihn erst spät abends – müde und zerstreut – nach Hause. Natürlich hat das Ehepaar schon oft über das Thema Arbeit gesprochen. Es hat gestritten, Vorsätze gefasst und Schlachtpläne geschmiedet. Es hat kleine Siege über die Fremdbestimmung errungen wie zum Beispiel ein völlig freies Wochenende. Aber sobald das gemeinsame Bemühen nur ein wenig erlahmt, nimmt die Arbeit wieder zu. Die Macht der Arbeit erweist sich als stärker als die Macht der Liebe.

Als ich meiner Familie beim Mittagessen von dem anstehenden Artikel erzähle, verstehe ich das Gelächter nicht gleich. Ob sie als Betroffene etwas dazu schreiben soll, fragt meine Frau. Nein, ich schreibe hier über die anderen, die richtig schweren Fälle. Oder doch nicht? Bin ich auch schon auf dem Weg zum gefangenen Mann? Oder komme ich in manchen Wochen dem Prototyp, den ich hier beschrieben habe, schon bedenklich nahe? Auch wenn Sie noch nicht im Endstadium angelangt sind, kann es spannend sein, einmal das eigene Arbeitsverhalten und die Beweggründe dafür unter die Lupe zu nehmen. Ich schreibe bei diesem Thema über Männer, weil es mir bei ihnen in der Praxis häufiger begegnet. Auch Frauen kann die Arbeit gefangen nehmen, dies zeigt sich aber in anderen Formen, und auch die Beweggründe sind andere.

Wenn Arbeit gefangen nimmt, hat das unterschiedliche Gründe. Vier davon stelle ich Ihnen im Folgenden genauer vor.

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/09/Family_2016_5_DS_Seite_17.jpg 495 700 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2016-09-14 11:50:222016-09-14 11:50:22Der gefangene Mann

Auf Namenssuche

WEICHENSTELLUNG – Bei der Suche nach einem schönen Namen für ihr Kind haben die Hullens schon eine gewisse Routine, aber das hilft nur bedingt.

Katharina: Unglaublich: Bald wird ein fünfter kleiner Hullen diese Welt ein bisschen bunter machen! Wir freuen uns riesig – und grübeln nun darüber nach, wie unser Kind wohl heißen soll. Die Verantwortung, die Eltern in dieser Frage tragen, wiegt schwer. Der Name kann dem Kind den Weg in ein leichteres oder schwereres Leben ebnen. So viele Dinge, die beachtenswert sind:

  • Passt der Name zum Nachnamen? Luis Hullen – zuviel U, Smilla Hullen – zu viel L …
  • Welche Bedeutung hat der Name? Irgendwie ist es nicht so toll, wenn mein Kind „die Hinkende” (Claudia), die „Bittere” (Miriam) oder „der Gehörnte” (Cornelius) heißt. Ganz egal, wie schön der Name ist.
  • Überhaupt, wie klingt der Name, wenn ich das Kind mal rufen muss? „JASON!“ über den Spielplatz gebrüllt ist ganz nah dran an: „SCHE_I_SSEN!” Auch bei Max würde es mir schwerfallen, beim Schimpfen ernst zu bleiben. MAX! Max, Mux, mix … maunz!
  • Was assoziiert man mit einem Namen? Alle Kevins und Chantalles wissen, was ich meine. Welchen ersten Eindruck vermittele ich, wenn ich mich mit Bosse Hullen vorstelle? Denkt nicht jeder sofort an ADHS, wenn mein Kind Sturmius- Vito heißt?
  • Außerdem gibt es noch die historischen Vorbilder, die man unter die Lupe nehmen sollte, bevor man sich für Namen wie Kain, Nero oder Brutus entscheidet. Darum ist auch „Mats” seit der letzten Bundesliga- Rückrunde für meinen Mann keine Option mehr.
  • Und nicht zuletzt sollen die Namen der Geschwister in Klang und Länge gut zusammenpassen. Wenn man aber bereits vier Kinder mit Doppelnamen hat, sind die besten schon weg.

In unserem Fall kommt noch hinzu, dass Hauke Lehrer ist und viele Namen durch Schüler „verbrannt” sind. Er will sein Kind nicht nach den größten Chaoten benennen. Ebensowenig kann er seiner Tochter den Namen der tollsten Schülerin geben. Wie sähe denn das aus?

Das ist wohl der Grund, warum er sich weitestgehend raushält aus der Namensfrage. Ich versuche zwar seit Wochen, ihm das Vornamen-Lexikon unterzujubeln – lege es ans Bett, auf die Klausuren, neben den Teller beim Abendbrot. Aber letztlich läuft es wohl wieder so:

Ich wälze wochenlang dieses Buch, erstelle eine Liste meiner Favoriten. Hauke liest sich nur noch diese Essenz durch, streicht die Schülernamen, findet meinen Vorschlag eigentlich ganz gut, will aber selbst nochmal überlegen. Und dann entscheiden wir uns. Für meinen Vorschlag, denn Hauke findet, dass man sich irgendwann sicher an jeden Namen gewöhnt – und irgendwie muss das Kind ja heißen. Und wir sind beide glücklich! Hoffentlich unser Kind auch.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie und Ehemann Hauke haben vier quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

NOMEN EST NONSENSE – Verbaut man mit dem falschen Namen die Karriere des Sprösslings?

Hauke: Puh, eine Namenssuche ist echt schwer! Klang, Form und Bedeutung – auf was man da alles achten muss! Nun glaube ich nicht daran, dass vom Namen eine magische Wirkung ausgeht, die Charakter oder Schicksal des Kindes bestimmt. Nicht jede Bianca (= weiß) ist blond, nicht jede Melanie (= schwarz) dunkelhaarig, nicht jede Sophie (= Weisheit) klug. Und die Frage, ob mein eigener Name ein Fehlgriff war (Hauke = Geist, Verstand), würden meine Mutter und meine Frau möglicherweise unterschiedlich beantworten. Möglicherweise bejahen sie auch beide.

Trotzdem: Ich möchte mein Kind mit etwas Positivem benennen! Linus ist süß, heißt aber „der Klagende” – ist das ein Hinweis auf eine Anwaltskarriere? Cecilia-Lea ist die blinde Wildkuh, Edwin der Besitzliebende, Cameron der Schiefnasige … und selbst schöne Bedeutungen wie „edler Wolf” (Adolf) scheiden aus historischen Gründen aus.

Früher war‘s unkomplizierter. Einfach die Namen der Großeltern kombinieren, fertig. Heute verteile ich Lebenschancen, das will gut durchdacht sein! Ein Maximilian wird für intelligenter gehalten als ein Justin-Maurice, ein Alexander für erfolgreicher als ein Alex. Namen vorne im ABC machen leichter Karriere – wahrscheinlich weil hier und da Leistungen in alphabetischer Reihenfolge abgefragt werden, der Alexander also immer glänzen kann, der Xaver aber nicht mehr drankommt. Vernünftigerweise sollte ich meinen Sohn Drago Philipp Alexander nennen, dann kann er sich direkt mit Dr. phil. Alexander Hullen abkürzen.

Dummerweise heißt schon jeder Zweite Alexander. Leon ist doch eigentlich schon Kevin 2.0, oder? Ein bisschen eigen sollte der Name schon sein, aber auch nicht zu abgedreht. Die Verteilung bekloppter Vornamen in der Gesellschaft beschreibt ja ungefähr eine U-förmige Parabel: In der Unterschicht gibt es deutlich mehr „Josephine-Estelle-Priscilla Kunzes” als in der Mittelschicht, dafür tauchen ganz oben wieder die abgefahrensten Kreationen auf. Paradebeispiel sind die vier Kinder des Schauspielers Uwe Ochsenknecht, welche „Blue- Cheyenne-Gonzales-Jimi-Rocco-Savannah-Stark-Wilson” heißen. Ich habe die Namen alphabetisch sortiert, suchen Sie sich einfach eine lustige Kombination aus … Und sollte ich in Hollywood-Manier mein Kind wirklich „Duisburg” nennen, nur weil es dort gezeugt wurde?!?

Also, was nun? Je mehr Namen ich recherchiere, desto mehr scheiden aus. Darum plädiere ich für Durchnummerierung. Wie bei den Borg von Star Trek: Seven of Nine. Dann ist unser Kind Nummer 5 von 7. Einfach, eindeutig, einprägsam. Jetzt muss ich nur noch meine Frau überzeugen.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben vier quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/09/Family_2016_5_DS_Seite_19.jpg 495 700 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2016-09-13 16:45:262016-09-13 17:09:35Auf Namenssuche

Kritik ist wie Salz

Eine Dosierungsanleitung für eine Zutat der Liebe. Von Jörg Berger

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/06/Family_2016_4_DS_Seite_19.jpg 495 700 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2016-06-21 11:39:422016-09-13 14:03:58Kritik ist wie Salz

Kommunizieren wie ein Profi

Wenn sich der Partner verschließt, gerät das Gespräch in eine Sackgasse. Doch es gibt Strategien, um aus der Sackgasse herauszufinden. Von Jörg Berger

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/04/Family_2016_3_DS_Seite_24.jpg 495 700 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2016-04-20 12:31:362016-06-28 09:45:43Kommunizieren wie ein Profi

„Ein ’sorry‘ reicht mir nicht“

Es ist wichtig, eigene Fehler einzugestehen. Doch nicht immer erreicht ein „Tut mir leid“ den Partner so, dass ein Verzeihen möglich ist.

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/02/40_41-Sorry.jpg 1362 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2016-02-18 11:44:112016-06-28 09:45:43„Ein ’sorry‘ reicht mir nicht“

Der böse Cop – der geistesabwesende Cop

Katharina Hullen erkennt ihr Heim nicht mehr, wenn sie nach der Arbeit in die eigenen Wände zurückkehrt – Hauke Hullen freut sich, wenn seine Kinder in selbst erschaffene Welten eintauchen und er in Ruhe arbeiten kann.

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/02/Cops.jpg 3022 4611 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2016-02-17 17:31:252016-06-28 09:45:43Der böse Cop – der geistesabwesende Cop

Gegensätze ziehen sich an…

… doch wie lebt man langfristig damit? Susanne Büscher erklärt, wie unterschiedliche Typen gut miteinander klarkommen.

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2015/12/Bildschirmfoto-2015-12-02-um-10.16.21.png 895 1268 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2015-12-02 16:01:182016-02-18 13:23:46Gegensätze ziehen sich an…

Verhängnisvolle Einigkeit

Paare ergänzen sich, korrigieren einander – und oft gleicht einer die Fehler des anderen aus. Aber was geschieht, wenn ein Paar gemeinsame Schwächen hat? Von Jörg Berger

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https://www.family.de/wp-content/uploads/2012/08/FAMILY_2015_6_DS_Seite_151.jpg 495 700 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2015-10-12 15:57:222016-02-18 13:22:14Verhängnisvolle Einigkeit

Der unerotische Hausmann

Männer, die viel im Haushalt machen, haben weniger Sex, besagt eine Studie. Was tun? Weniger Haushalt?

Fleißige Forscher werden einfach nicht müde, die Geheimnisse der menschlichen Sexualität zu ergründen. Dabei sind sie auf eine interessante Beobachtung zwischen Mann und Frau gestoßen.

Wenn bei einem Ehepaar der Mann vermehrt im Haushalt „typisch weibliche“ Aufgaben übernimmt, hat das Paar weniger Sex als Paare, deren Mann das nicht tut. Man befragte 4500 Ehepaare, Altersdurchschnitt Mitte 40, nach deren Haushaltsaktivitäten und dem Sexualleben. Die Hausarbeit wurde aufgeteilt in traditionell weibliche Aufgaben (kochen, waschen, einkaufen) und traditionell männliche Aufgaben (Auto waschen, Gartenarbeit , Rechnungen bezahlen). Paare, bei denen die Frau alle typisch weiblichen Aufgaben erledigte, hatten 60 Prozent mehr Sex als Paare, bei denen der Mann etwa ein Fünftel der klassischen Frauenarbeiten übernahm und nur etwas mehr als die Hälte der typisch männlichen Aufgaben.

Die Forscher um den Soziologen Dr. Sabino Kornrich schlossen aus, dass dominantere Männer den Sex ihren Frauen aufdrängten, denn die Frauen mit häufigeren körperlichen Begegnungen waren nicht unzufriedener mit dem Sex als die anderen Frauen. Die Berufstätigkeit (einer oder beide), das Einkommen der Frau, Geschlechterideologie und Religionszugehörigkeit kamen anhand der Statistik als Erklärung nicht in Frage.

Stattdessen vermuten die Wissenschaftler drei mögliche Gründe:

> 1. Das Erleben des Partners in geschlechtstypischen Rollen könnte das Verlangen steigern.

> 2. Frauen, die die komplette weibliche Hausarbeit erledigen, könnten aus ihrem Rollenverständnis als gute Hausfrau heraus regelmäßigen Sex als ihre Pflicht empfinden.

> 3. Das Eheleben in den klassischen Rollen könnte zufriedener machen und deshalb haben die Paare mehr Sex.

Rollen haben sich entlang der Genetik und der Kultur entwickelt. Durch unsere Gene sind wir von Geburt an männlich oder weiblich. Die Grundlagen sind da, mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen. Dann werden wir durch Familie und Gesellschaft an das herangeführt, was sich seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden bewährt hat für die beiden Geschlechter. Je nach Kultur unterschiedlich und natürlich mit allen eingeschlossenen Irrtümern. Früher bot es sich zum Beispiel an, dass der Mann den Büffel jagt (Kraft, Aggression, Risikobereitschaft), währenddessen die Frau auf die Kinder aufpasst und das Essen zubereitet (Geburt, Bindung, Zugewandtheit). Die Zeiten haben sich geändert. Auch die Frau kann heute das Steak im Supermarkt beschaffen. In unserer Zeit jagen die Männer dafür dem Geld hinterher, mit dem das bereits erlegte Tier bezahlt werden kann.

In einer traditionellen Rolle zu leben, ist nicht verkehrt. Sie bietet uns einen Rahmen, hilft uns, eine Identität zu entwickeln. Der Einzelne muss nicht alles für sich neu erfinden und mit der Umwelt und später dem Partner verhandeln. Das gibt Sicherheit und entspannt. Jeder füllt die Rolle dann noch entsprechend seiner Persönlichkeit. Ich fragte Frauen, was ihnen an ihrer Rolle gefällt: Freundinnen haben, Kinder bekommen, sehr viele Möglichkeiten haben, schwach sein dürfen. Die Männer guckten meist ratlos drein oder fanden positiv, dass sie sich darüber keine Gedanken machen brauchten oder ihre Rolle nicht begründen mussten.
Wenn eine Rolle für den Einzelnen subjektive Nachteile mit sich bringt, dann sind wir in unserem Land in der glücklichen Lage, Dinge zu ändern. Kein Mann wird mehr schief angeguckt, wenn er Erziehungsurlaub nimmt und keine Frau, wenn sie nicht kochen mag und ihm das überlässt. Wir dürfen die Rollen alle verändern und es ist gut, wie unkompliziert die Aufgaben heute getauscht werden. Aber wir zahlen scheinbar doch — so die Studie — einen Preis dafür.
Alte Werte auch in der Sexualität sind abgeschafft worden, aber dafür keine neuen gekommen. Die Rollen im Bett sind nicht mehr klar. Es gibt nicht mehr das Normale, das Natürliche, das Korrekte in der Sexualität. Wir müssen wählen, was wir sexuell wollen. Mit der Wahlfreiheit haben die sexuelle Unzufriedenheit und Lustlosigkeit allerdings deutlich zugenommen. Die Erotik leidet. Wählen müssen, wie man Sexualität leben möchte, bringt für das Paar mit sich, über alles zu verhandeln. Das ist anstrengend, manche überfordert es. Dann lässt man es lieber gleich.

Ein Zusammenhang zwischen dem Engagement im Haushalt und der Leidenschaft im Bett ist mit diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Funktion der Rollen noch nicht zwangsläufig hergestellt. Wie stichhaltig sind also die Erklärungsversuche der Forscher?

Hier ein paar Anmerkungen:

1. In der Tat ist es so, dass Erotik und Sexualität sehr viel von Ungleichheit und Distanz leben. Als Frau z.B. sind mir weibliche Gefühle und Gedanken vertraut. Das Männliche ist anders, immer ein bisschen fremd und damit interessant. Gleichzeitig spüre ich die Möglichkeit der Ergänzung. Das andere Geschlecht hat etwas, das ich nicht habe, das ich reizvoll finde und das mir sogar gut tun würde: sei es die Stärke, die Schwäche, das Durchsetzungsvermögen, die Beziehungsorientiertheit. Jeder darf die Stärken seines Geschlechts ausleben. Wer sich in seinem Geschlecht sicher fühlt, der wird auch im anderen Geschlecht etwas zum Schwingen bringen. Kennen Sie das Gefühl, Ihren Mann dafür zu bewundern, dass er sich im Beruf durchsetzt, am Haus beeindruckend handwerkelt oder den kaputten Wagen wieder ans Laufen bringt? Wer war nicht schon mal ganz fasziniert davon, wie toll die eigene Frau das Haus dekoriert, geduldig mit den Kindern bastelt oder einen schönen Abend mit Freunden organisiert hat? Gibt man dem Partner diese Anerkennung zu spüren, ist das sehr attraktiv, das heißt es löst Anziehung aus. (Achtung: auch wenn eine Frau eine geschickte Handwerkerin ist und ein Mann geduldig mit Kindern spielt, schließt das nicht aus, in den „typischen“ Rollen stark zu sein).

Nur um das Prinzip zu verdeutlichen, möchte ich die so genannte Womanizer erwähnen, Männer – so kann man das Wort aus dem Englischen verstehen – die „Frauen zu Frauen“ machen. Es sind Männer, in deren Gegenwart sich Frauen besonders weiblich fühlen. Noch extremer ist das Bild vom Schuft im sexuellen Sinne (auch nur als Erklärung, nicht als Empfehlung!). Was macht ihn für eine Frau interessant? Er muss nicht bemuttert werden. Er verspricht Führung und Entscheidungsstärke. Sie wäre nach dem Geschlechtsverkehr diesem Mann nichts schuldig. Bedürftige Männer, die nicht auf irgendeine Stärke zurückgreifen können, sind erotisch meistens uninteressant. Mehr Frauen, als Sie ahnen, träumen davon, heiß begehrt zu werden und davon weiche Knie zu bekommen! Ulrich Clement (Systemischer Sexualtherapeut) sagt „Anziehung passiert nicht durch Demokratie“. Und da wären wir wieder beim

Verhandeln über den Haushaltsplan …

2. Die zweite Erklärungstheorie geht davon aus, dass Frauen die gesamte Hausarbeit aus ihrem Rollenverständnis heraus tun. Also nicht, weil es zum Beispiel aus praktischen Gründen sinnvoll ist. Sie widmen sich pflichtbewusst der Sexualität so wie sie pflichtbewusst ihre Hausarbeit erledigen. Als störend kann man dabei den negativen Beigeschmack des Wortes Pflicht empfinden. Doch selbst wenn dem so wäre, dass häufiger Sex aus Pflicht stattfindet, dann wirkt sich die bewusste Entscheidung zu Geschlechtsverkehr scheinbar nicht negativ aus: laut Studie waren die befragten Ehefrauen gleich zufrieden mit ihrer Sexualität. Man könnte es auch so sehen: weil die Frau die Rolle und die Bedürfnisse des Mannes verstanden hat (und damit die Bedeutung der Sexualität für ihn und so auch für sie) schenkt sie ihm – und sich- gerne regelmäßig dieses körperliche Erleben.

3. Zum dritten Erklärungsversuch: Selbstbewusstsein ist eine wichtige Voraussetzung für Erotik. Dazu gehört es, sich seiner Rolle als Mann oder Frau bewusst zu sein und gerne in ihr zu leben. Das heißt, ich darf meine Weiblichkeit oder Männlichkeit ausleben und brauche dem anderen Geschlecht nichts zu neiden. Ich kann zu den Vorteilen und Nachteilen meines Geschlechts stehen und muss nicht dagegen ankämpfen. Eine Frau, die gerne Frau ist und ein Mann, der gerne Mann ist, haben eine erotische Grundausstrahlung. Nicht die Glücklichen sind die Dankbaren, sondern die Dankbaren sind die Glücklichen. Allgemeine Zufriedenheit wiederum ist eine gute Basis für schöne körperliche Erfahrungen. Kein Zweifel.

Emanzipation und Intimität

Eine Beobachtung unter Sexualtherapeuten ist folgende: Frauen, die im Ehealltag großen Wert darauf legen, emanzipiert zu sein und stark dafür kämpfen (Emanzipation als Zugewinn von Gleichheit und Freiheit) , haben oft ein Problem, sich bei der Initmität „hinzugeben“. Ein Wechsel der inneren Haltung „über Tag“ (Abwehr der weiblichen Rolle) und der Haltung bei Sexualität (Annahme) ist schwer. Schon rein physiologisch ist Sexualität für Frauen eher rezeptiv, aufnehmend und damit hingebend (Scheide nimmt Penis auf). Trotzdem schließen sich Hingabe und Aktivität in keiner Weise aus!
Auch wenn man Liebe und Respekt unter den Partnern voraussetzt, kann man feststellen: Erotik und die gelebte Sexualität leiden häufig daran, dass Männer zu viel oder zu wenig aggressiv sind und das Frauen zu viel oder zu wenig hingebungsvoll sind. Das hat oft mit einem konflikthaften Rollenverständnis zu tun. Es geht nicht darum, dass Frauen allzeit bereite, graue Mäuschen werden, die unterwürfig und freudlos im Bett mitmachen. Genauso wenig ist es gut, Männer zu arroganten Mackern zu machen, damit sie ihre Macho-Allüren ausleben können. Beides ist unerotisch. Ganz im Gegenteil. Mit Selbstbewusstsein und mit Freude die eigene Rolle einnehmen, sich in ihr wertgeschätzt und akzeptiert wissen und das auch bei der körperlichen Liebe nutzen und ausleben: das macht Sexualität spannend und hält sie lebendig.

Zurück zur Studie: Der Studienleiter, Dr. Kornich stellt fest „Die Bedeutung des Geschlechts hat mit der Zeit nachgelassen, aber es hat noch immer starken Einfluss auf das individuelle Verhalten“. Er empfiehlt, die anfallenden Arbeiten gemäß der klassischen Rollenverteilung zu erledigen. Das ist eine Möglichkeit.

Wir drehen das Rad der Zeit aber nicht zurück. Hausarbeit wird heute in großen Stücken geteilt, da sehr viele Notwendigkeiten einfach nicht mehr bestehen. Die Aufgaben verändern sich definitiv; wer würde heute noch dem zustimmen, dass volle Windeln nur was für Frauen sind? Ebenfalls in Studien wird gezeigt, wie positiv sich die Mithilfe auf die Partnerschaft auswirkt. Wahrscheinlich liegt der Schlüssel darin, wie der Mann die vermeintlich weibliche Hausarbeit macht, mit welcher inneren Haltung. Er kann kochen und putzen mit dem Gefühl „jetzt bin ich wie eine Frau“. Oder er kann die Aufgaben „als Mann“ und mit Selbstbewusstsein machen. Viele Männer kochen leidenschaftlich, wobei sie überhaupt nicht weiblich rüber kommen. Tolle Werkzeuge, Maschinen und Erfindungen spielen dabei interessanterweise oft eine wichtige Rolle! (wer hat eigentlich den Staubsaugerroboter erfunden?) Ein leidenschaftlicher Kloputzer ist mir zwar noch nicht begegnet, aber auch das wird ein Mann auf seine Weise tun. Das sollte eine Frau akzeptieren, dass ihr Mann jede Hausarbeit auf seine Art erledigt.
Der Mann, der mit seiner Männlichkeit und seiner Rolle im Reinen ist und sich damit identifiziert, egal welche Aufgabe er im Haushalt übernimmt, hat sicher eine erotische, anziehende Ausstrahlung, die nicht ohne Folgen bleibt.

Dr. Cordula Kehlenbach ist Sexualtherapeutin in Krefeld.

Anregungen für das Paargespräch:

Was magst du an deinem Mannsein / Frausein besonders gerne?
Wie erlebst du mich in meiner Rolle?
Wie wirkt sich unser Rollenverhalten auf unsere Sexualität aus?

https://www.family.de/wp-content/uploads/2012/08/Wäschekorb22.jpg 666 1000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2013-12-11 12:42:572013-12-11 13:23:00Der unerotische Hausmann

„Jetzt bin ich mal dran!“

Wenn Ehepartner einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen finden, sind sie glücklicher. Das muss aber erst einmal gelingen …

Bestimmt passiert das in Ihrer Ehe nicht: Unter Stress geraten meine Frau und ich ins Aufrechnen. In verantwortungsschweren Worten schildere ich meinen Einsatz für die Steuererklärung, das Auto, Reparaturen und PC-Probleme. Myriam kontert mit ihrem größeren Anteil an der Hausarbeit, dem Besorgen von Kinderkleidung, Geschenken und Schulsachen.

Nach dieser Eröffnung werfen wir die Vorteile in den Ring, die sich aus unseren unterschiedlichen Begabungen ergeben. Ich bin etwas effektiver, wofür ich schnell Beispiele finde, von denen Myriam profitiert. Daran knüpfen sich allerdings Situationen, die mir Myriams größere Ausdauer vor Augen führen. Wenn diese Runde ausgekämpft ist, legen wir harte Bandagen an, die auf das Gewissen des anderen zielen.

Dann beschreibe ich Tätigkeiten, die mich frustrieren, und Situationen, in denen ich für die Familie zurückstelle, was für mich schön und wichtig ist. Aber auch Myriam kann leistungsmasochistische Verdienste für sich in Anspruch nehmen. Schlauer sind wir nach solchen Auseinandersetzungen nicht. Sie laufen eigentlich immer nach demselben Schema ab. Sie zeigen aber, wie wichtig uns Gerechtigkeit in unserer Beziehung ist.

Es gibt wohl keinen Blick auf die Liebe, der nüchterner ist als der sozialpsychologischer Paarforscher. Liebe – so die Theorie des sozialen Austauschs – bedeutet einen Austausch von Ressourcen: Informationen, Status, Zuneigung, Dienstleistungen, Güter und Geld. Muss man sich in einen solchen Ansatz vertiefen? Man müsste es nicht, würden Liebesbeziehungen nicht sehr sensibel auf Ungerechtigkeit reagieren. Gerechtigkeit zeigt sich Paarforschern als wichtiger Baustein einer tragfähigen Paarbeziehung.

Glücksformel Ausgewogenheit

Ausgewogenheit in Paarbeziehungen wird mit einem einfachen Ansatz erforscht. In einem ersten Schritt werden Paare nach dem Geben und Nehmen in ihrer Beziehung befragt. Manche Studien fragen nach dem Gesamteindruck, andere durchleuchten bis zu 24 verschiedene Bereiche der Beziehung, in denen Geben und Nehmen eine Rolle spielt.

In einem zweiten Schritt suchen die Paarforscher nach Größen, auf die Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit einen Einfluss haben könnten: die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, das Gefühlsleben, die Sexualität und die Trennungsrate. Tatsächlich finden sich viele Zusammenhänge: Paare, die ihre Beziehung als ausgewogen erleben, sind zufriedener mit ihrer Partnerschaft, erleben mehr positive Gefühle und weniger Ärger.

Sogar auf die Sexualität wirkt sich Ausgewogenheit aus, die erleben Paare im Schnitt als erfüllter, wenn ihr Geben und Nehmen sich ausgleicht. Überraschenderweise ist auch der Partner unzufrieden mit der Beziehung, der von sich sagt, dass er mehr nimmt, als er gibt. Das mag daran liegen, dass Geben genauso zum Glück beiträgt wie Nehmen, außerdem können sich an der Unausgewogenheit Konflikte entzünden.

Schließlich kann Unausgewogenheit auch zur Gefahr für die Liebe werden. Paare, die ihre Beziehung unausgewogen finden, blicken weniger optimistisch in die gemeinsame Zukunft und trennen sich häufiger. In unausgewogenen Beziehungen gehen Partner häufiger fremd und zwar meist diejenigen, die mehr geben als nehmen.

Offenbar sind Menschen von Natur aus mit einem Gespür für Gerechtigkeit ausgestattet und mit einem Bedürfnis nach fairen Beziehungen. Unausgewogenheit löst negative Gefühle aus und lässt die Beziehung weniger wertvoll erscheinen. Weil Gerechtigkeit ein so wichtiger Baustein für das Liebesglück ist, verdient sie ein besonderes Augenmerk. Die folgenden Anregungen können helfen, Gerechtigkeit zu stärken und mit einem Rest an Ungerechtigkeiten zu leben.

Den anderen erwischen, wie er mir etwas Gutes tut

So heißt eine Übung, die zum Standardprogramm verhaltenstherapeutischer Paartherapie gehört: aufmerksam wahrnehmen und aufschreiben, was der Partner alles tut, das angenehm, beglückend und hilfreich ist. Je bewusster ich wahrnehme, was mir meine Frau alles schenkt, desto mehr habe ich davon und desto mehr Punkte gehen in meine Beziehungsbilanz ein. Ein Beispiel dafür ist die Verteilung der Hausarbeit, ein Politikum der Geschlechtergerechtigkeit, das gut erforscht ist.

Unbestritten ist, dass Frauen auch dann den größeren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn beide berufstätig sind. Interessant ist aber auch der folgende Befund: Wenn man ein Paar fragt, wie viel Prozent der Hausarbeit jeder erledigt und die beiden Angaben addiert, kommt man auf mehr als 100 %.

Frauen wie Männer überschätzen ihren Anteil an der Hausarbeit. Diesen Effekt dürfte es auch auf anderen Ebenen geben: Der eigene Einsatz steht einem deutlicher vor Augen als der des Partners. Hier kann das Aufrechnen eine positive Wendung bekommen: ein wertschätzendes Aufzählen dessen, was der Partner in die Liebe und in das gemeinsame Leben investiert. Wie wichtig die Wertschätzung ist, zeigt ein Befund, der aus männlicher Sicht zwar peinlich, aber entlastend ist: Es schadet der Liebe nicht, wenn der Mann im Haushalt etwas schuldig bleibt, solange er die Hausarbeit der Frau schätzt und lobt.

[…]

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Jörg Berger
ist Psychotherapeut in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2012/08/jetztbinichmaldran_orig.jpg 1149 807 https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg 2013-06-11 07:00:372013-08-28 14:50:44„Jetzt bin ich mal dran!“
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