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Artikel aus den Heften

Auf eigenen Füßen – „Meine Tochter wirkt rastlos“

Elternfrage: „Meine Tochter (23) tanzt sprichwörtlich immer auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig. Ihr fällt es schwer, Einladungen abzusagen, und sie wirkt oft getrieben. Welche Anregungen könnten ihr helfen, den Alltag fokussierter zu gestalten?“

Ihre Tochter tanzt sich durchs Leben. Wie schön ist das! Sie ist in der Blüte ihrer Kraft, scheint beliebt zu sein, wird eingeladen. Auch das ist wunderschön, denn es zeigt, dass sie Menschen wichtig ist. Es ist häufig so, dass etwas Gutes auch seine Schattenseite hat. Sie als Elternteil haben das bereits bemerkt. Ihre Tochter eventuell noch nicht? Das ist nun die große Herausforderung: Wie können Sie sie neugierig machen auf Lösungen, die sie selbst anscheinend noch nicht sucht?

Antreiber und Erlauber

Vielleicht haben Sie eine gemeinsame Bekannte, die sich auch durchs Leben tanzt, aber bereits mehr Fokus im Leben hat. Dann lohnt ein zarter Hinweis von Ihnen: „Schau mal, die Saskia! Die ist ja auch richtig beliebt, aber sie nimmt sich ganz bewusst auch Zeiten für sich allein. Ich finde das toll. Sie chillt in der Badewanne mit einem leckeren Kakao samt Buch. So was lässt doch immer wieder gut runterkommen.“ Könnte sein, dass Sie damit geheime Sehnsüchte Ihrer Tochter wecken können.

Sollten Sie beide es gewöhnt sein, auch über Persönliches miteinander ins Gespräch zu kommen, können Sie natürlich auch tiefer einsteigen. Teilen Sie ehrlich Ihre Befürchtungen mit: „Du, Große, manchmal wirkst du etwas gehetzt. Kann es sein, dass du privat ganz schön viel um die Ohren hast?“ Wenn es gut läuft, könnte sich ein Austausch über unsere Antreiber anschließen. Es sind die geheimen Prägungen, die unser Denken, Fühlen und Handeln oft unbewusst bestimmen. Jeder Mensch hat sie, und es ist lohnenswert, sie zu finden. Vielleicht möchte Ihre Tochter es gern allen recht machen? Vielleicht fällt es ihr schwer, Nein zu sagen? Sobald sie ihre Antreiber gefunden hat, kann sie sich eine Suchrunde gönnen. Denn wir dürfen uns Erlauber geben. Also Sätze, die dem alten Antreiber die Macht über uns nehmen. Der Erlauber könnte lauten: „Ich darf auch mal Nein sagen. Ich darf mir etwas Gutes gönnen, statt überall mitzumischen.“ Es wird Ihrer Tochter guttun, wenn sie anschließend erlebt: Meine Freundinnen oder Verwandten bedauern meine Absage, haben mich aber genauso lieb wie vorher, auch wenn ich mal nicht mit von der Partie bin. Andere sind oft wesentlich verständnisvoller als wir denken.

Mit Abstand entscheiden

Neben dieser inneren Schiene kann man sich im Alltagswahnsinn eine gute Ampel aufstellen. Ich persönlich gönne mir bei jeder Einladung oder Anfrage erst mal „einmal drüber schlafen“. Also zunächst rot statt grün. Dadurch entsteht Abstand. Den kann man nutzen für ein Abstandstraining:

  • zum Beten: Gott, ist das für mich dran?
  • zum Fühlen: Was sagt denn mein Bauchgefühl?
  • zum Planen: Was gibt mein Kalender in dieser Woche her?

Dadurch entsteht gesunder Fokus auf das Wesentliche. Nach den ersten positiven Erfahrungen, in denen Ihre Tochter hoffentlich erfährt, dass sie viel entspannter durch die Woche kommt, fällt es deutlich leichter als am Anfang, eigene Grenzen fcund Bedürfnisse zu achten.

 

Kerstin Wendel ist Rednerin, Seminarleiterin und Autorin des Buches: Weniger. Was wir brauchen, um mehr Leben zu haben (SCM R.Brockhaus).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-Tochter-rastlos.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-04-14 08:44:262025-04-14 08:44:26Auf eigenen Füßen – „Meine Tochter wirkt rastlos“

Unter einem Dach – Ist mein Sohn rechtsextrem?

Elternfrage: „Im Freundeskreis meines Sohnes (18) sind rechtsextreme Aussagen gefallen. Er meint, das sei nur ein Witz. Ich finde daran jedoch gar nichts witzig. Wie kann ich meinen Sohn für Rechtsextremismus sensibilisieren?“

In der Jugendphase werden wichtige Weichen für die Entwicklung unserer politischen Identität gestellt. Junge Menschen beginnen damit, sich mit ihrer Umwelt und mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Deshalb sollten es Eltern ernst nehmen, wenn Jugendliche von Rechtsextremismus in ihrem Freundeskreis berichten oder sie rechtsextreme Äußerungen bei ihren Kindern wahrnehmen.

Sehnsucht nach Sinn

Rechtsextreme Positionen können bei jungen Erwachsenen aus unterschiedlichen Gründen an Attraktivität gewinnen. Zum einen sinkt durch den Ablöseprozess des Kindes der Einfluss der Familie als erste (politische) Sozialisationsinstanz. Einflüsse von Gleichaltrigen sowie von Menschen aus dem weiteren sozialen Umfeld, auch den sozialen Medien, werden dagegen wichtiger. Ein weiterer möglicher Grund besteht darin, dass Rechtsextremismus, gerade auch in unserer aktuell politisch stark polarisierten Gesellschaft, Raum für Provokation bietet. Rechtsextreme Parolen, auch in Popsong-Verkleidung, erregen Aufmerksamkeit, ecken an und bedienen damit das bei manchen Jugendlichen besonders stark ausgeprägte Bedürfnis nach Grenzüberschreitung.

Hinzu kommt, dass das Jugendalter für viele junge Menschen eine krisenhafte Zeit darstellt. Sie müssen zunehmend eigenständig Alltagsaufgaben bewältigen und beginnen, sich auf die Herausforderungen des Erwachsenenalters vorzubereiten. Sie blicken dabei in eine komplexe und durch vielfältige globale Krisen erschütterte Zukunft. Jugendliche können sich daher nach einfachen Sinnangeboten sehnen. Solche einfachen, pauschalen Deutungsmuster bieten rechtsextreme Ideologien.

Nicht lustig!

Vor dem Hintergrund so unterschiedlicher Attraktivitätsmomente ist es wichtig, jungen Erwachsenen mit rechten Meinungen mit einer sorgenden und wertschätzenden Haltung zu begegnen, um zu ergründen, was genau dahintersteckt. Dabei sollten Eltern ihren Kindern zuhören, aber auch selbst ihre Sorgen aussprechen, Gefahren benennen und die Jugendlichen ermuntern, ihren eigenen Standpunkt auch gegenüber Freunden zu vertreten. Sie sollten verdeutlichen, dass Rechtsextremismus kein Witz ist, sondern eine menschenverachtende Ideologie, die Menschen zu Opfern wie auch zu Tätern macht. Das illustrieren Biografien von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene sehr eindrücklich.

Im besten Fall verstehen die Jugendlichen das und bleiben mit ihren Eltern im Gespräch. Falls nicht, sollten Eltern die Entwicklung ihrer Kinder und deren Freundeskreis beobachten. Wenn Eltern sich hierfür zu wenig informiert fühlen, bieten Ratgeber zu Rechtsextremismus sowie Beratungsstellen für Angehörige und Betroffene Unterstützung. Außerdem ist es hilfreich, wenn betroffene Eltern sich nicht für das Thema schämen, sondern es im eigenen Freundeskreis ansprechen und sich auf diese Weise emotionale Unterstützung holen.

Sally Hohnstein ist wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in Halle (Saale). Sie forscht zu Rechtsextremismus im Jugendalter und Rechtsextremismusprävention.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-Rechtsextrem.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-04-07 08:23:382025-04-07 08:23:38Unter einem Dach – Ist mein Sohn rechtsextrem?

Nicht einfach, aber doch schön: Familienalltag mit Autismus

Autismus ist bekannt, aber mit vielen Klischees behaftet. Wie groß die Bandbreite der Krankheit ist, wissen nur Wenige. Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Eine vierköpfige Familie erzählt, wie sie ihren Alltag mit zwei autistischen Teenagern erlebt.

Schon beim morgendlichen Anziehen gehen die Schwierigkeiten los: Wenn an einem Kleidungsstück ein Schildchen oder eine Naht drückt, fühlt sich der 13-jährige Daniel (Namen geändert) nicht wohl. Eine Zeit lang mussten Hosen und Schuhe bei ihm aber auch ganz eng geschnürt werden. „Damit er sich besser spürt“, erklärt Mutter Katja. Daniels Schwester Laura (15) mag es nicht, wenn man sie mit nassen Händen anfasst und auch sonst mag sie es kaum, berührt zu werden. Beide haben Autismus.

Autismus-Spektrum-Störung (ASS), so lautet die Diagnose von Daniel und Laura, die sie vor zwei Wochen von einer Psychotherapeutin bekommen haben. Eins von hundert geborenen Kindern ist heute von dieser komplexen neurologischen Entwicklungsstörung betroffen. Menschen mit Autismus nehmen Dinge anders wahr und haben Schwierigkeiten im sozialen Miteinander. Viele sind zum Beispiel besonders empfindlich gegenüber Licht, Geräuschen oder Berührungen. Oft können sie sich nicht gut in ihre Mitmenschen einfühlen und es fällt ihnen schwer, Beziehungen aufzubauen. In der Kommunikation verstehen sie das Gesagte häufig wörtlich, Zwischentöne oder sogar Ironie sind für sie schwer zu deuten.

Schnelle Überforderung

Dass Daniel und Laura Autismus haben, hatte die Familie schon seit Jahren geahnt. Jetzt endlich haben sie es auch schwarz auf weiß. Das macht es für sie einfacher, ihre Kinder zu erklären, zum Beispiel gegenüber der Schule oder Verwandten. Denn ihr Alltag ist auch so schon herausfordernd genug. Zum Beispiel beim gemeinsamen Essen: Die Teenager essen kein Fleisch, Gemüse nur roh. Laura bekommt bei der Konsistenz von Kartoffelbrei Würgereiz, Salzkartoffeln gehen wiederum. Vater Jark, der für die Familie kocht, ist bei der Essensauswahl sehr eingeschränkt. Und so wiederholt sich der Familienspeiseplan alle zwei Wochen.

Auch Ausflüge als Familie sind nicht spontan möglich, sondern müssen vorher gut geplant werden. Denn wenn die Kinder nicht wissen, was auf sie zukommt, macht sie das nervös. Ein Besuch im Freizeitbad oder bei Ikea geht eher nur selten – die vielen Menschen und die wenigen Ruhe-Oasen führen bei Laura und Daniel schnell zu Überforderung. Und der Besuch von neuen Städten kann auch herausfordernd sein. Letztens waren sie am Wochenende in Oldenburg. „Da hat Daniel mitten in der Stadt einen Zusammenbruch bekommen und losgeheult, weil ihm alles zu viel war – er ließ sich kaum beruhigen“, erzählt Jark. Woanders übernachten sei für Daniel schlimm. Das andere Bett, die fremden Gerüche – alles große Herausforderungen für ihn.

Das ist häufig so bei Menschen mit Autismus: Sie haben feste Rituale und brauchen geregelte Abläufe und Strukturen im Alltag. Die genauen Ursachen von Autismus sind bis heute nicht geklärt. „Klar ist: Autismus ist hochgenetisch, aber auch biologische Umweltfaktoren können einwirken und mit Genen interagieren“, sagt Sven Bölte, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seit dem Jahr 2000 steigen die Autismus-Spektrum-Störungen weltweit. Sven Bölte vermutet, dass das unter anderem mit der besseren und schnelleren Diagnostik zusammenhängt, die es heute gibt. Und mit unserer Anforderung an Gesundheit: „Die Menschen haben heute unglaublich hohe Ansprüche daran, was es heißt, gesund zu sein.“ Auch in den Schulen würden die Ansprüche an die Kinder steigen. So würden Autismus-Spektrum-Störungen früher auffallen.

Wer passt sich wem an?

Dass sie anders war als die anderen, bemerkte Laura schon in der ersten Klasse: „In der Schule war ich oft abgelenkt und bin häufig allein über den Schulhof gegangen, weil ich eine Pause von den ganzen Reizen brauchte“, sagt sie. Der Lehrerin fiel auf, dass sie nicht mit anderen Kindern spielte. Laura war auch oft verträumt, sie brauchte zum Beispiel lange, um ihren Schulranzen einzuräumen. Bald darauf bekam sie eine ADHS-Diagnose. Die Medikamente, die sie verschrieben bekam, hätten ihr zwar geholfen, sich besser zu konzentrieren, erzählt Katja. Aber sie hätten auch dazu geführt, dass Laura immer trauriger wurde. Das ging den Eltern zu weit, sie setzten die Medikamente ab. „Für uns war klar: Wir versuchen nicht unser Kind um jeden Preis an sein Umfeld anzupassen,“ sagt Katja. Stattdessen wechselte Laura an eine andere Schule.

Wegen Autismus: Keine passende Schule für Daniel

Als Daniel auf das Gymnasium kam, versuchte er lange Zeit, sich anzupassen. Es kostete ihn unheimlich viel Kraft, die unzähligen Reize – Geräusche, Licht, Gerüche – auszuhalten. Ständig befand er sich nervlich in einer Ausnahmesituation. Nachmittags zog er sich in sein verdunkeltes Zimmer zurück. Morgens mussten Katja und Jark mit Engelszungen auf ihn einreden, um ihn wieder herauszulocken. Eines Tages fanden sie statt des selbstbewussten 12-Jährigen einen 5-Jährigen vor, erzählt Jark: „Er weinte, wimmerte und bat darum, dass wir ihn nicht wieder zur Schule schickten.“ Daniel war total erschöpft, hatte keinen Antrieb mehr und nur wenig Freude am Leben.

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin diagnostizierte ihm eine Anpassungsstörung, er wurde krankgeschrieben. Seit einem Jahr beschulen ihn die Eltern zuhause. Die Schule und die Behörden halten an der Präsenz-Schulpflicht fest. Deswegen sei neulich auch das Jugendamt unangekündigt vorbeigekommen. „Anfang März hat die Bezirksregierung einen Bußgeldbescheid über 1.500 Euro an uns verschickt“, erzählt Jark. Der Druck ist groß. Doch in der Heimatstadt gibt es keine geeignete Schule für Daniel. Nun reisen sie an den Wochenenden durch ganz Deutschland, um nach passenden Schulen für ihn zu schauen.

Dass autistische Kinder vorübergehend nicht zur Schule gehen, ist nicht selten. Verschiedene internationale Studien geben an, dass zwischen 23 und 72% der autistischen Kinder und Jugendliche ab und zu oder langfristig nicht in die Schule gehen. Für Deutschland gibt es keine repräsentativen Daten. Die Gründe für die Nicht-Beschulung sind unterschiedlich: Mal schaffen es die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in die Schule, mal sollen sie zu Hause bleiben, weil Fachpersonal fehlt. „Unser Schulsystem ist auf neurotypische Schülerinnen und Schüler ausgerichtet und nicht autismus-sensibel“, sagt Stephanie Meer-Walter, Pädagogin und Autismus-Beraterin. Sie wünscht sich, dass die Lehrkräfte durch Weiterbildungen besser auf autistische Kinder vorbereitet werden und Schulen dafür besser ausgestattet werden. Zum Beispiel durch Ruheräume als Rückzugsmöglichkeit bei Überreizung oder durch feste Strukturen und klare Kommunikation im Unterricht.

Gemeinsam Kompromisse finden

Für viele Schwierigkeiten hat die Familie inzwischen Lösungen gefunden. Zum Mittagessen gibt es wenige, ausgewählte Mahlzeiten, wie Pellkartoffeln oder Chili sin Carne. Sehr gut funktioniert auch das Salatbuffet oder Raclette, bei dem die Teenager selbst auswählen, was sie essen. Laura besucht jetzt ein Gymnasium, von der Klassenlehrerin fühlt sie sich unterstützt. „Heute komme ich ganz gut mit meinem Autismus klar“, sagt sie. Wenn sie Anschluss zu Freundinnen suche, nerve sie ihr Autismus schon. Es falle ihr schwer, zu entschlüsseln, was sie von ihr erwarten. „Im Endeffekt gibt es aber für alles eine Lösung.“

Daniel schaffe es im Alltag immer besser, sich selbst zu helfen, sagt Katja. Früher hätte er Wutanfälle bekommen, wenn sich die Klamotten falsch anfühlten. „Mittlerweile schneidet er die Schilder selbst heraus oder sagt uns klar, wie wir ihm helfen können.“ Und auch wenn die Beschulung zu Hause für Daniel nur eine Notlösung ist, geht es Daniel damit besser als noch zu Schulzeiten. „Er kommt jetzt wieder mehr aus sich heraus und nimmt sich auch mal das Skateboard, um auf den Skateplatz zu gehen“, sagt Jark. Er brauchte die Pause, sagt Katja. „Jetzt kann er sich wieder auf eine neue Schule einlassen“. Beide Kinder wirken auf die Eltern im Alltag inzwischen ausgeglichen.

Katja und Jark wünschen sich, dass andere Menschen in ihrem Umfeld mehr Offenheit und Verständnis für ihre Kinder zeigen und ihre Bedürfnisse nicht klein reden. Und sie wünschen sich mehr Aufklärung: Wenn sie anderen erzähle, dass ihre Kinder Autismus haben, seien diese oft erschrocken, sagt Katja. Die würden dann wahrscheinlich gleich an Filme wie „Rain Man“ denken. „Aber Autismus ist ein riesiges Spektrum. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen mehr darüber informieren, wie vielfältig Autismus ist.“

Manche Menschen mit Autismus lernen in ihrem Leben nie zu sprechen und sind auch als Erwachsene auf eine Rundumbetreuung angewiesen. Andere haben studiert und führen ein selbständiges Leben. „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, fasst Jark zusammen. „Jeder Mensch bringt seine individuelle Persönlichkeit mit und niemand will in eine Schublade gesteckt werden.“ Auch Kitas, Schulen und Arbeitgeber müssten aus der Sicht der Familie besser auf den Umgang mit autistischen Menschen vorbereitet werden.

Janna Degener-Storr und Sarah Kröger

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/04/Autismus_Alex-Potemkin_GettyImages-2177297951-scaled-e1743490010105.jpg 1600 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-04-01 12:24:142025-04-01 12:24:14Nicht einfach, aber doch schön: Familienalltag mit Autismus

11 bis 15 – Kinder vor Mobbing schützen

Elternfrage: „In der Schule meiner Kinder (12+14) gab es einen schweren Mobbingfall. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht. Was kann ich tun, um meine Kinder vor Mobbing zu schützen?“

Meine klare Überzeugung: Eltern können viel tun, um ihre Kinder vor Mobbing zu schützen! Aber vorweg noch ein paar Informationen: Schätzungsweise jeder dritte Schüler in Deutschland hat Mobbingerfahrung, jeder zweite ist bereits Opfer von Cybermobbing geworden. Alarmierende Zahlen! Betroffen sein kann jeder, egal wie alt, egal ob Junge oder Mädchen. Bisherige Untersuchungen haben aber gezeigt, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften das Risiko erhöhen, ein Mobbingopfer zu werden. Häufig trifft es Menschen, die durch Glamour, Intelligenz oder genau das Gegenteil auffallen. Sie stechen aus der Menge hervor, sehen zu gut oder zu schlecht aus, zu reich, zu arm, haben eine andere Hautfarbe, eine Brille, eine körperliche Beeinträchtigung, eine besondere Begabung. Sogar der Siegertyp kann Opfer sein. Im Klartext: Wer anders ist, fällt auf und reizt die Mobber.

Rundum-Powerdrink: Wertschätzung

Soll man jetzt nicht mehr anders sein? Keineswegs, nur stark genug, sich trotz Anderssein zu widersetzen. Damit Kinder und Jugendliche nicht zum Opfer werden, kann besonders in der Familie präventiv gearbeitet werden. Es gibt zum Glück wirksame Strategien, die Kinder stark machen und deshalb schützen.

Was kann man als Eltern also konkret tun? Das Zauberwort heißt Wertschätzung, der Rundum-Powerdrink für ein starkes Selbstbewusstsein. „Ich lobe mein Kind so oft“, sagen mir Eltern häufig und das ist auch gut so. Aber Eltern können das Ganze noch toppen. Wertschätzung ist umfassender, denn bei der Vermittlung von Wertschätzung versteht das Kind, dass sein Verhalten ein positives Gefühl im Adressaten hervorruft. Das fördert die Motivation, weiterzumachen, verstärkt die Bindung, verbessert letztlich das Selbstbewusstsein. Das Kind kann jubeln, sich freuen, stolz sein. „Ich werde gesehen, wahrgenommen, habe einen Wert, kann etwas geben.“

Und wie macht man das als Elternteil richtig gut? Ganz einfach: Man beschreibt die positive Handlung und das Gefühl, das in einem entstanden ist und schildert, warum man so angetan und erfreut ist. Ich liefere ein Beispiel, wie eine Reaktion aussehen könnte: „Wir haben heute geübt, wie du künftig allein mit dem Fahrrad zum Sport fährst. Du hast alle Verkehrsregeln perfekt beachtet. Damit hast du mir eine große Sorge genommen und ich bin richtig erleichtert. Es ist wunderbar, dass du die Regeln so gut behalten und umgesetzt hast.“

Gesundes Selbstwertgefühl

Wertschätzung ist für Kinder und Jugendliche die Basis, um Vertrauen und eine sichere Bindung aufzubauen, sich stark und zugehörig zu fühlen. Deshalb mein Rat: Machen Sie Ihr Kind in der Familie stark, für die Schule und alle Situationen, die danach kommen.

Nicht vergessen: Selbstbewusstsein schützt lebenslang, in der Schule, am Ausbildungsplatz oder an der Universität und auch im späteren Arbeitsleben. Die Folge ist klar: Ein junger Mensch, der seinen Wert sieht, gibt sich stark und selbstbewusst, und das strahlt er auch aus. „Warum soll ich mich kleinmachen lassen von einem Mobber? Weder in der Schule noch am Arbeitsplatz! Mobbing? Nee, wagt es erst gar nicht, nicht mit mir!“

Andrea Micus ist Autorin zahlreicher Ratgeber. Ihr Buch „Schnell heraus aus der Mobbingfalle“ gibt wertvolle Tipps. www.andreamicus.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-Mobbing-vorbeugen.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-03-24 08:47:422025-03-24 08:47:4211 bis 15 – Kinder vor Mobbing schützen

Wer bin ich? Expertin erklärt, was unsere Identität ausmacht

Die Frage „Wer bin ich?“ ist eine der Kernfragen unseres Lebens. Pädagogin Julia Otterbein erklärt, wie sich unsere Identität formt und wie sie sich verändert. Und sie gibt Tipps, wie wir uns selbst auf die Schliche kommen.

Wer bin ich? Die zentrale Frge der Identität lässt sich von zwei Perspektiven aus betrachten: einmal von innen heraus (Wie sehe ich mich selbst?) und einmal von außen (Wer bin ich für andere? Wie sehen/erleben mich andere?). Die Außenperspektive ist für viele Menschen oft die leichtere, denn im Außen nehmen wir verschiedene Rollen ein, die sich klar benennen lassen: Mutter oder Vater sein, der Beruf, den wir ausüben, das Ehrenamt in der Gemeinde …

An diese und andere Rollen werden häufig bestimmte Erwartungen geknüpft, deren Erfüllung uns die Sicherheit gibt, anerkannt und zugehörig zu sein. Weil soziale Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis ist und wir vor allem als Kind auf sie angewiesen sind, achten Menschen auch als Erwachsene noch sehr darauf, sich so zu verhalten, dass sie anderen gefallen. Sie bemühen sich, nicht zu sehr anzuecken, um ihre soziale Sicherheit nicht zu gefährden.

Wenn äußere Erwartungen zu „Identitätszwängen“ werden, führt das aber nicht nur dazu, dass Menschen sich für andere verbiegen – sie verlieren auch den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und zur eigenen inneren Identität. Denn wir sind selbstverständlich mehr als nur unsere Rollen oder das, was von uns im zwischenmenschlichen Miteinander sichtbar wird.

Wer bin ich von innen?

Zur Identität eines Menschen gehört immer auch eine Innenperspektive, die sich dadurch auszeichnet, was wir (über uns) denken und wie wir uns fühlen. Die Gedankenschleifen über uns selbst werden durch innere Stimmen genährt, die wiederum durch unsere Lebenserfahrungen mit engen Bezugspersonen geprägt sind. Stimmen Innen- und Außenperspektive überein, erleben wir das als Authentizität.

Manchmal setzen wir aber auch bewusst eine Maske im Außen auf, um unsere Identität im Innen zu schützen. Zum Beispiel, wenn wir Menschen begegnen, zu denen wir nicht das nötige Vertrauen haben, um uns so (verletzlich) zu zeigen, wie wir uns im Inneren fühlen. Das ist okay. Jeder kann entscheiden, wem sie oder er sich wie zeigt, mit welchen Aspekten und aus welcher Perspektive.

Kinder begleiten

Auch Kinder haben schon eine Identität, selbst wenn diese noch nicht vollständig ausgereift ist. Einige ihrer Eigenschaften sind in ihnen angelegt. Andere werden durch biografische Erfahrungen beeinflusst, seien es prägende Lebensereignisse oder das Miteinander mit ihren engsten Bezugspersonen. Dieses Miteinander wird wiederum durch die Identität der Bezugspersonen beeinflusst. Als Eltern prägen wir mit unserer Identität die Identität unserer Kinder. Gleichzeitig ist es für uns Eltern wichtig, offen zu sein für die sich entwickelnden Eigenschaften unserer Kinder, die anders sind als unsere eigenen.

Die Würde eines Menschen zu achten, ist das Zugeständnis, ihn so sein zu lassen, wie er ist. Für mich bedeutet würdevolles Erziehen, dem Kind die Erlaubnis zu geben, das, was in seinem Inneren ist, nach außen sichtbar werden zu lassen. „So wie du bist, bist du okay!“ Eine schöne Möglichkeit, den Kindern diese Botschaft zu vermitteln, sind Lieder wie „Vergiss es nie“ oder auch „Ich bin ich“ von der Kinderlieder- und Hörspielmacherin MIRA.

Wer bin ich – Wer werde ich? – Identität im Wandel

Identität ist eine Momentaufnahme: Manche Aspekte bleiben das ganze Leben über bestehen, andere entwickeln oder verändern sich. Und das ist gut so! Unsere Identität verändert sich gerade an den Schwellenübergängen des Lebens: in den unterschiedlichen Autonomiephasen eines Kindes, beim Erwachsenwerden, wenn wir einen Beruf ergreifen, wenn wir Mutter oder Vater werden, beim Begleiten der verschiedenen Entwicklungsphasen der eigenen Kinder bis hin zum Loslassen der Kinder, wenn sie als Heranwachsende eigene Wege gehen. Aber auch die sogenannte „Midlife-Crisis“, ein Jobwechsel oder das Beschäftigen mit der eigenen Endlichkeit haben Einfluss auf unser Identitätsgefühl.

Auch das bewusste Beschäftigen mit der eigenen Identität, das Ergründen, warum man heute so ist, wie man ist, verändert das Erleben des eigenen Selbst. Das kann durch eine persönliche Reflexion geschehen, zum Beispiel mit den Fragen am Ende des Artikels. Man kann sich in einem solchen Prozess aber auch von einem Coach oder einer Therapeutin begleiten lassen. So eine Innenschau kann hilfreich sein, prägende Erfahrungen, die unseren Charakter geformt haben, nachträglich neu zu bewerten. Dies kann die Entwicklung der eigenen Identität ermöglichen, um zum Beispiel Schüchternheit loslassen zu können.

In Beziehungen wachsen

Wir werden geprägt von den Menschen in unserem Umfeld. Oft umgeben wir uns auch mit Menschen, die uns ähnlich sind. Das kann auf der einen Seite schön und angenehm sein, denn dieser Umstand sorgt dafür, dass wir uns in unserem Umfeld zugehörig fühlen. Aber es kann auch dazu führen, dass wir unsere Identität limitieren und sich bestimmte Seiten unserer Identität in diesem Umfeld nicht entfalten können.

Es lohnt sich also, genauer in sich hineinzuhorchen, ob es eine Diskrepanz zwischen dem inneren Identitätsgefühl und den äußeren Verhaltensweisen innerhalb meines sozialen Umfeldes gibt. Es ist gut und richtig, dass wir an Begegnungen und in Beziehungen mit anderen wachsen und ein Stück weit auch geformt werden. Aber es ist nicht richtig, wenn sich das für uns einengend anfühlt und wir das Gefühl haben, so sein zu müssen wie unser Umfeld. Dann ist es vielleicht Zeit für ein anderes Umfeld und neue Beziehungen, die Facetten unserer Identität stärken, die bisher nur in uns schlummerten.

Bewusste Prägungen

Manche Prägungen, vor allem die, die früh in unserem Leben gewirkt haben, konnten wir uns nicht selbst auswählen. Sie haben unsere Identität geprägt, ohne dass wir es kontrollieren konnten. Heute als Erwachsene können wir uns diesen Prägungen gezielt zuwenden und reflektieren, warum sie in unserem bisherigen Leben wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig waren. Aber wir können uns auch bewusst entscheiden, uns ab jetzt von anderen Menschen und neuen Einflussfaktoren prägen zu lassen, korrigierende Erfahrungen machen und unsere Identität dadurch neu erblühen lassen.

Während manche Menschen mit einer Haltung von „Ich bin halt so“ durch ihr Leben gehen, wird an anderer Stelle mit dem Slogan geworben: „Du kannst alles werden.“ Ich persönlich denke, dass die individuelle Wahrheit für jede und jeden irgendwo dazwischen liegt. Manche Facetten von uns sind sehr tief in uns verankert. Wir wollen sie vielleicht auch gar nicht ablegen. Gleichzeitig dürfen wir belastende Prägungen mutig hinterfragen: Soll ich mich ein Leben lang limitieren? Oder gibt es Möglichkeiten, diese Prägung hinter mir zu lassen?

Identität sollte in erster Linie für uns selbst und nicht für andere sein. Sie ist ein dynamisches Zusammenspiel von Innen- und Außenperspektive, das sich im Laufe des Lebens ständig weiterentwickelt. Indem wir unsere Prägungen reflektieren und den Mut aufbringen, belastende Muster loszulassen, schaffen wir Raum für persönliches Wachstum und Authentizität. Wichtig ist dabei, auch unsere Kinder in ihrer individuellen Identitätsentwicklung achtsam zu begleiten. Ein erster Schritt könnte die ehrliche Auseinandersetzung mit den Impulsfragen unter dem Artikel sein.

Julia Otterbein ist Dipl.-Sozialpädagogin und Coach für friedvolle Elternschaft i.A. (FREL®-Coach). Sie lebt mit ihrer Familie in Süderbrarup. familywithlove.de

 

Impulsfragen zur Identitätsentwicklung

1 Welche Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mich geprägt?
Oft hinterfragt man solche Erfahrungen gar nicht mehr. Deshalb lohnt es sich, einmal gezielt darüber nachzudenken: Haben diese Erfahrungen „das Recht“, mich dauerhaft in dieser Art und Weise zu prägen? Es gibt die Chance auf eine Neubewertung dieser Erfahrungen, insbesondere wenn sie durch Scham geprägt sind. Es muss sich auch nicht um formal große Ereignisse handeln. Wie wäre es gewesen, wenn diese Erfahrungen anders gewesen wären? Sogenannte korrigierende Erfahrungen können wichtig für den Heilungsprozess sein.

2 Wie würde ich mein Leben gestalten, wenn ich keine Angst vor dem Urteil anderer hätte?
Diese Frage wirft einen Blick auf die Erwartungen an uns in verschiedenen Rollen und Kontexten, in denen wir agieren. Inwiefern limitieren sie uns? Die Bewertung von anderen Menschen hat sehr viel Macht, weil sie unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit betrifft. Nach wessen Urteil soll man sich richten? Eigentlich nur nach dem eigenen. Was bleibt von einem, wenn man die Bewertung der anderen subtrahiert? Wie viel Erlaubnis gebe ich mir?

3 In welchen Momenten fühle ich mich lebendig, verbunden und im Einklang mit mir?
Diese Momente sind oft mit körperlichen Reizen verbunden, zum Beispiel mit Gänsehaut oder einem warmen, wohligen Gefühl. Es sind die Momente, wenn man am meisten im Hier und Jetzt ist. Eine ergänzende Frage könnte sein: Wofür begeistere ich mich?

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/03/Identitaet_GettyImages_Peopleimages.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-19 11:01:252025-03-19 11:01:25Wer bin ich? Expertin erklärt, was unsere Identität ausmacht

Partner fürs Leben: Paar-Expertin verrät, wie die Beziehung glücklich bleibt

Den Partner fürs Leben finden! Das wünschen sich viele. Aber ist der Traum von der ewigen Liebe nicht der Stoff für kitschige Liebesromane? Nein, sagt Psychologin Tabea Müller und gibt Tipps, wie die Liebe im Alltag lebendig bleibt und ein Leben lang halten kann.

Es war ein Novembertag in Paris, als er niederkniet und die Frage aller Fragen stellt. „Jaaaaa!“, antworte ich. Er steckt mir einen Ring an. Wir küssen uns, lachen erleichtert. Nur wenige Schritte entfernt erfüllt ein Straßenmusiker die Luft mit Geigenklängen. Zu unseren Füßen liegt Paris mit seinen verwinkelten Gassen und unendlichen Möglichkeiten – wie ein Spiegel unserer gemeinsamen Zukunft. Der Partner fürs Leben – der Traum ist zum Greifen nahe.

Der perfekte Moment

Nicht nur der Moment schien perfekt, sondern auch der Mann an meiner Seite. Mein kleines Herz konnte das große Glück gar nicht fassen, dieses vor uns liegende gemeinsame Abenteuer, das für immer halten sollte.

Niemals zuvor war ich mir einer Entscheidung so sicher wie in jenem Augenblick, auf den Stufen von Sacré-Cœur vor einem Dutzend Jahren. Ja, ich wollte seine Frau werden. Er sollte mein Mann werden. Mein one and only, mein Partner fürs Leben. Der, der besser zu mir passt als alle, die bisher meinen Weg gekreuzt haben. Auch wenn wir beide nicht perfekt sind, füreinander sind wir es – oder werden es jeden Tag ein Stückchen mehr. Und noch immer bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben.

Der Traum von der ewigen Liebe

Der Traum von der ewigen Liebe ist zeitlos – der Wunsch, den einen Partner fürs Leben zu finden, begleitet die Menschheit durch alle Generationen hindurch. Auch heute noch wollen 67 Prozent der „Generation Z“ laut einer österreichischen Jugendstudie einmal heiraten. Kein Wunder, denn die positiven Auswirkungen sind enorm: Glücklich Verheiratete leben zum Beispiel im Durchschnitt vier bis acht Jahre länger als unglücklich verheiratete oder geschiedene Paare. Sie haben mehr natürliche Killerzellen in ihren weißen Blutkörpern und sind dadurch weniger anfällig für Krankheiten.

Die tatsächliche Zahl der Eheschließungen sinkt trotzdem seit 1950 stetig. Das kann an der erschlagenden Auswahl an potenziellen Partnern liegen, die wir dank Internet inzwischen weltweit haben. Aber auch an unseren Erwartungen, die höher sind als je zuvor. Als ich meine Oma fragte, wie sie sich unter ihren Verehrern für meinen Opa entschieden hatte – ich wusste, dass es mehrere Anwärter gab –, antwortete sie: „Er hatte ein Motorrad.“

Partner fürs Leben und veränderte Ansprüche

Ein Motorrad! Das hätte heute bei Weitem nicht gereicht. Wir sehnen uns nach dem einen Menschen, der uns so sehr in seinen Bann zieht, dass uns alle anderen völlig egal sind. Wir träumen von einer Zukunft, in der wir alles teilen, beste Freunde, anregende Gesprächspartner und leidenschaftliche Liebhaber sind. Und wir wollen, dass eine einzige Person all unsere oft widersprüchlichen Bedürfnisse erfüllt – sei es Nähe, Freiheit, Verbundenheit und Erotik. Die Psychologin Esther Perel bringt es auf den Punkt: „Heute erwarten wir von einem Partner fürs Leben, was früher ein ganzes Dorf geleistet hat – und wir leben doppelt so lang wie damals.“ Kein Wunder, dass Enttäuschungen kommen, wenn wir uns diese Erwartungen nicht bewusst machen.

Den one and only kann es trotzdem geben, davon bin ich überzeugt und mit mir alle, die heutzutage noch heiraten wollen. Dabei hat das gar nicht so viel mit diesem Jemand zu tun, sondern damit, wie wir ihn oder sie wahrnehmen und behandeln. Der one and only bekommt von uns den Stellenwert, wichtiger zu sein als alles andere in unserem Leben. Diese Person ist die einzige Familie, die wir uns aussuchen können. Wir lieben sie und behandeln sie dementsprechend wie etwas ganz Wertvolles. In den ersten zwei Jahren ist das auch easy, denn da sind wir vollgepumpt mit Liebeshormonen, wie auf Drogen. Wir vergeben kleine Macken, finden sie vielleicht sogar süß. Pendeln sich die Hormone nach geraumer Zeit wieder im Normalbereich ein, stören uns Eigenheiten immer mehr. Zudem haben wir uns an die Gegenwart des Partners oder der Partnerin gewöhnt und nehmen sie oder ihn für selbstverständlich.

Was eine glückliche Ehe ausmacht

Wenn wir das Agieren unseres Partners zudem als persönliche Angriffe empfinden – was selten wirklich der Fall ist –, schleichen sich nach und nach negative Gefühle ein, und die Beziehung gerät in einen Abwärtsstrudel. Wir gehen in Gegenangriff, der Rosenkrieg beginnt: Einer kritisiert, der andere verteidigt sich, findet für jedes Fehlverhalten einen Grund. Wenn der Kritisierende auf seinem Standpunkt beharrt und mit verächtlichen, sarkastischen Bemerkungen reagiert, zieht sich der andere meist stillschweigend zurück. Gar nicht mal böswillig, sondern aus Selbstschutz vor der Flut an negativen Gefühlen, die eine leichte, humorvolle Wendung der Situation unmöglich machen.

Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Rückzug: Das sind laut dem Psychotherapeuten John Gottman die vier apokalyptischen Reiter, die das Ende einer Ehe ankündigen. Seit einem halben Jahrhundert erforscht er mit seinem Team im „Liebeslabor“ in Seattle Ehen und liefert beeindruckende Ergebnisse. Nicht nur können sie nach einer kurzen Beobachtungsphase mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % vorhersagen, ob sich ein Paar im Laufe seines Lebens scheiden lassen wird, viel wichtiger: Sie fanden auch heraus, was glückliche Ehen ausmacht. Denn auch glückliche Paare streiten – aber sie haben Strategien, die verhindern, dass Konflikte eskalieren. Kleine Rettungsversuche wie ein humorvoller Kommentar oder eine Entschuldigung wirken wahre Wunder. So kann das Stresslevel im Streit sinken und eskaliert nicht. Aus all seinen physiologischen Messungen und Beobachtungen siebte Gottman sieben Geheimnisse heraus, die glückliche Paare gemeinsam haben. Ich habe mir erlaubt, diese ein bisschen zu würzen.

7 Tipps für glückliche Paare

1. Gefährten

Glückliche Paare sind beste Freunde. Sie wissen, was den anderen gerade beschäftigt, wovon er träumt oder was ihn belastet.

Konkret: Geh nicht schlafen, bevor du weißt, wie es deinem Partner heute erging und was er oder sie erlebt hat. Erwarte stets, dass er/sie dir etwas erzählt, was du so nicht erwartet hast. Falls das nicht der Fall ist, stell kreativere Fragen.

2. Verehrer

Selbst nach vielen Ehejahren bewundern und respektieren glückliche Paare einander und erzählen ihre gemeinsame Liebesgeschichte positiv und detailliert.

Konkret: Behandle deinen Partner so respektvoll wie einen Kunden und gib ihm am Ende des Tages nicht nur deine müden „Reste“. Würdest du mit ihr oder ihm genauso umgehen, wenn dein Chef oder Jesus selbst zu Gast wäre? Merkt der andere, dass er oder sie dir kostbar ist?

3. Cheerleader – oder Anästhesisten

Glücklich Liebende wenden sich einander zu, kommen in der Gegenwart des anderen zur Ruhe und bauen im Gespräch den Stress des Tages ab. Egal, was passiert ist, sie stärken einander den Rücken.

Konkret: Kommt dein Partner bei dir zur Ruhe und kann entspannen? Falls nicht, hilft: Handy weglegen, aktiv mit Augenkontakt zuhören und Verständnis äußern. Dazu eine ordentliche, nicht zu sanfte Massage und der Stress fühlt sich definitiv unwohl.

4. Influencer

Glückliche Paare lassen sich vom anderen beeinflussen und schätzen ihre oder seine Sichtweise und Expertise.

Konkret: Werde selbst zum Traumpartner und zeige dich von deiner besten Seite. Dabei hilft folgende Frage: Bin ich jemand – gesund, produktiv, sauber, großzügig, ehrlich und geduldig –, mit dem man unbedingt zusammenbleiben möchte? Dann ist der andere nämlich mit Sicherheit auch offen für deine Ideen.

5. Harte Weicheikocher

Die nicht lösbaren Konflikte – das sind übrigens zwei Drittel –, die es in jeder Beziehung gibt, lassen glückliche Paare stehen und akzeptieren, dass sie Teil ihres gemeinsamen Lebens sind. Die lösbaren Konflikte lösen sie.

Konkret: Unterstelle deinem Partner NIE eine böse Absicht, höchstens Unachtsamkeit oder Unwissenheit. Dazu gehört auch, nicht aufzurechnen. 50:50 ist eine nette, aber unrealistische Idee von Beziehung, manchmal sind es 100:100, manchmal 80:20, manchmal 30:30 … Das Energielevel schwankt und das ist okay.

6. Diplomaten

Auch bei Konflikten, die zu Patt-Situationen führen, bleiben sie im Gespräch. Sie versuchen, die Grundmotivation des anderen hinter dem Standpunkt zu verstehen, bauen im Gespräch durch Rettungsversuche Stress ab und halten die nicht verhandelbaren Aspekte so gering wie möglich.

Konkret: Oft steckt irgendeine Angst hinter nicht verhandelbaren Standpunkten. Wenn du dazu neigst, ängstlich zu sein, versuche mutiger zu werden und dir häufiger die bestmöglichen Szenarien vorzustellen. Neurotizismus ist einer der wenigen Charakterzüge, die mit einer unglücklichen Ehe einhergehen.

7. Sinnfluencer

Durch Zukunftsträume, Finanzpläne oder Gottmomente im Alltag haben sich glückliche Paare einen gemeinsamen Sinn geschaffen. Wiederkehrende Familienrituale wie das gemeinsame Planen von Kindergeburtstagen oder ein ganz besonderer Ablauf an Heiligabend verbinden und definieren ein Wir-Gefühl.

Konkret: Nehmt euch Zeit und schreibt auf, was ihr in 1/3/10 Jahren besitzen sowie gelernt und erlebt haben möchtet. Dann fangt an, eure gemeinsamen Nenner probezuleben.

Lass dich von dieser Masse nicht erschlagen. Sie soll lediglich als Inspiration dienen, ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet.“ Vieles liegt in deiner Hand und du musst nicht warten, bis sich dein Partner oder deine Partnerin verändert.

Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe. tabeasarah.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Glueckliches-Paar-Eheapaar-Ehe-Partnerschaft.jpg 1170 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-12 15:18:112025-03-12 15:18:11Partner fürs Leben: Paar-Expertin verrät, wie die Beziehung glücklich bleibt

6 bis 10 – Wie finden schüchterne Kinder Freunde?

Elternfrage: „Meine Tochter (7) ist schüchtern und zurückhaltend gegenüber anderen Kindern. Ihr fällt es schwer, Freunde zu finden. Wie können wir sie dabei unterstützen?“

Es ist gut, diese Frage zu stellen und in die Freundschaften unserer Kinder zu investieren: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-Freunde-finden.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-03-10 12:31:172025-03-10 12:31:176 bis 10 – Wie finden schüchterne Kinder Freunde?

Expertin warnt: Tradwives sind keine Beziehungsratgeber

Ein Trend aus den USA, die sogenannten Tradwives, suggeriert ein neues altes Bild von Frauen und Familie. Doch hinter dem Vorhang lauern bedenkliche Ideale. Paarexpertin Ira Schneider nimmt deren Beziehungstipps unter die Lupe.

„Oh, ein leckerer Kuchen“, denke ich und betrachte das vor mir aufpoppende Video genauer. Eine Frau in blumiger Schürze, strenger Körperhaltung und adrett gelocktem Haar steht am Küchentresen voller Backutensilien. Die Szene füllt das Bild auf meinem Handy. Ich bin neugierig und schaue etwas genauer hin. Der Algorithmus von Instagram hat inzwischen registriert, dass ich dem Video einen Moment zu viel Aufmerksamkeit gewidmet habe. Schon füllen ähnliche Videos von Tradwives meinen Feed.

Damals und heute

Die Videos erinnern mich an True Womanhood und Culture of Domesticity. Das waren Schlagworte aus der amerikanischen Literaturgeschichte im 19. Jahrhundert, die kennzeichneten, wie eine wahre Frau zu sein hatte. Sie sei häuslich und der öffentliche Raum wurde ihr verwehrt. Geschichtsnarrative wiederholen sich. Die Gemeinsamkeit der Frauenbilder damals und heute: Ihre Hauptwirkungsstätte scheint ausschließlich häuslich zu sein. Doch eins ist heute anders: Obwohl die Frauen in den Videos sich im häuslichen Raum bewegen, bedienen sich einem riesigen öffentlichen und schnell zugänglichen Raum – dem medialen – um ihr Narrativ der wahren Frau zu verbreiten. Das zugrundeliegende Bild ist allerdings zutiefst patriarchalisch. Es geht um eine immer willige, stets schöne und nie erschöpfte Frau. Eine, die zuhause bleibt und dessen einziges Lebensglück das Wohl der anderen ist und die dabei die eigenen vier Wände in eine wohlige Heimat verwandelt.

Die Videos der Tradwives spielen mit Gegenüberstellung dualistischer Prinzipien einer schwarz-weißen Welt. Die Tradwife sei liebevoll, bescheiden und sogar schlank, weil sie zuhause gesund kochen könne. Eine Frau, die erwerbstätig ist, sei übergewichtig, da sie keine Zeit habe, sich gesund zu ernähren und habe einen schlechten Selbstwert. Diese selbsternannten fürsorglichen Frauen sind jedoch gar nicht so herzerwärmend wie ihre frisch aus dem Ofen gezauberten Cookies, sondern ziemlich hart – nämlich allen Frauen gegenüber, die eigene Wünsche und Bedürfnisse außer der Fürsorgearbeit ihrer Familie verspüren.

Mehr als Limonadenrezepte

Was ich als Paartherapeutin als sehr besorgniserregend empfinde, sind aber vor allem die Beziehungstipps der Tradwives. Es gibt nämlich nicht nur Cup Cake-, Limonaden- und Sauerteigrezepte im Angebot, sondern auch kostenfreie Beziehungstipps von diesen Frauen in ihren fluffigen Kleidern. Es sind Tipps für ein harmoniegeschwängertes Ehe- und Familienleben. Damit das gelinge, müsse Frau sich ihrer ureigenen Bestimmung als Hausfrau und Mutter zurückbesinnen. So zumindest das Postulat dieser Videos.

Das Ganze wird dann über Schuld- und Schammechanismen verstärkt, indem raffiniert moralisiert wird. Hierfür wird noch das Christentum hinzugezogen und Zitate aus biblischen Texten werden wie eine Collage zusammen geclustert. Dabei wird der ursprüngliche historisch-kulturelle Hintergrund ignoriert. Diese Textstellen werden so instrumentalisiert, dass vor allem Frauen ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie nicht diesem einen bestimmten Bild entsprechen.

Dieser Trend aus den USA, der auch nach Deutschland herübergeschwappt ist, arbeitet mit Stilmitteln der Übergeneralisierung. Dabei entbehren diese Gedanken und jeglicher therapeutischen Basis. Stattdessen werden hoch emotionalisiert die Beziehungstipps aus dem Ärmel beziehungsweise aus der Schürze geschüttelt. Sie tauchen plakativ als Texttitel in Videos auf, während kitschige Musik im Hintergrund läuft und um die Rührschüssel herumgetänzelt wird. Die Allgemeingültigkeit dieser Tipps wird dabei mit keiner Silbe hinterfragt. Perspektivvielfalt? Fehlanzeige!

Beziehungstipps der Tradwives im Faktencheck

Diese Frauen wissen angeblich, wie man Ehemänner glücklich macht. Dabei schreiben sich die Tradwives Ratschläge auf ihren Accounts jeweils ab. Drei Tipps tauchen interessanterweise immer wieder auf. Diese möchte ich mir genauer anschauen:

  • Die Tradwife empfiehlt, dass sich Frauen ihrem Mann immer frisch geschminkt, frisiert und fein angezogen präsentieren.

Sich für das Gegenüber frisch zu machen, ein Parfüm anzulegen, vielleicht auch mal das Oberteil zu tragen, von dem man weiß, dass der oder die andere es besonders schätzt, finde ich für Paarbeziehungen sehr achtsam, wärme-schenkend und entzückend. Aber dass hier Frauen im Grunde Frauen zu Objekten machen, finde ich empörend. Was für ein Druck, immer besonders herausgeputzt sein zu müssen und das mitten im Familienalltag, der doch oft mit kleinen Kindern unkontrollierbar und unvorhersehbar ist. Was auf Paarebene besonders problematisch ist, ist der Gedanke, sich nicht wahrhaftig zeigen zu können. Da wird etwas versteckt, nämlich die wuscheligen Haare und die verschwitzte Jogginghose. Solche Tipps nehmen einer intimen und vertrauten Beziehung die Natürlichkeit. Aber nicht nur das: Sie rauben auch das Gefühl tiefer Annahme. Denn ein wichtigstes Kriterium von Nähe ist, sich unbekümmert und frei so zu zeigen, wie man gerade ist.

  • Die Tradwife empfiehlt, sexuell großzügig zu sein.

Sexuelle Bedürfnisse im Blick zu haben, einander zu fragen, was der oder die gerade braucht, eine gemeinsame Sprache über das Sexualleben zu entfalten, sind wichtige Entwicklungsaufgaben eines Paares. Jede Frau befindet sich in unterschiedlichen Lebensphasen. Vielleicht ist gerade Wochenbettruhe angesagt oder womöglich ist das innere Nähekontingent durch Kinder, die gerade viel kuscheln wollen, bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft. Möglicherweise ist der Alltag auch so stressig, dass für romantisch-lustvollen Sex gerade keine Kraft mehr da ist. Vielleicht liegt aber auch eine hormonelle Störung vor oder es gibt schwerwiegende traumatische Erfahrungen in Zusammenhang mit Sexualität. Einfach großzügig sein impliziert, dass fehlende Sexualität im Gegenzug emotionaler Geiz wäre. Diese Form der Unterstellung ist für keine Paarbeziehung konstruktiv. Ein hilfreicherer Tipp wäre, beide Teile des Paares zu ermuntern, sich über Wünsche und Fantasien auszutauschen.

  • Die Tradwife empfiehlt, morgens dem Ehemann Mittagessen für die Arbeit mitzugeben.

In vielen Videos sieht man Frauen, die noch vor Sonnenaufgang Fleisch anbraten und große Brotboxen richten. Gegenseitige Fürsorge, kulinarische Gelüste erfüllen, für den anderen, die andere mitdenken, einander überraschen und sich gegenseitig versorgen bringt viel Halt und Geborgenheit in Paarbeziehungen. Was diese Videos allerdings empfehlen, ist eine sehr einseitige Form der leiblichen Versorgung. Eine, bei der der Mann nicht mehr auf Augenhöhe bleibt, sondern eher auf die Kinderebene rutscht. Ich frage mich, wo hier das Elternpaar als Team ist, das die Kinder gemeinsam versorgt. Davon sehe ich in den Videos wenig. Für eine langfristig gesunde Beziehung ist es wichtig, dass Eltern miteinander kooperieren und nicht ein Teil das Gefühl hat, ein weiteres Kind versorgen zu müssen. Da braucht es Erwachsene, die selbstfürsorglich sind, was nicht bedeutet, dass auch gegenseitige Versorgung und Entlastung stattfinden kann.

Einen individuellen Weg finden

Was ich festhalten möchte: Als Paartherapeutin werte ich nicht die Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit. Das ist nicht mein Auftrag. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Kinder gute Bindungspersonen haben, die zuverlässig sind, und dass sie einen sicheren Lebensraum erfahren. Für mich ist entscheidend, dass beide Teile einer Partnerschaft sich in dem gesehen fühlen, was sie zum Familienleben beitragen. Für jedes Paar und jede Familie funktioniert etwas anderes. In meiner Arbeit und in meinem privaten Umfeld habe ich sehr viele unterschiedliche Paare kennengelernt. Alle geben ihr Bestes. Paritätische Partnerschaft kann man nicht pedantisch in stündlichen Tabellen ausmessen. Tabellen und Listen finden manche Paare hilfreich. Aber schlussendlich geht es darum, ob emotionale Prinzipien im Gleichgewicht sind. Beispielsweise, dass eine achtungsvolle Wertschätzung da ist oder dass das Gefühl der Gleichwertigkeit im Gleichgewicht ist.

Es ist hilfreich, wenn beide Teile des Paares sich mit Altersvorsorge beschäftigen und ein für sich gutes Modell ausarbeiten. Wenn ein Paar sich Rollen traditionell aufteilt, kann das für das Paar wunderbar funktionieren. Oft beobachte ich auch, dass Paare sich in Lebensphasen abwechseln. Mal ist der eine Teil mehr, mal der andere Partner erwerbstätig. Paarbeziehungen sind ein vertrauensvolles gegenseitiges Wechselspiel an Unterstützung. Das entscheiden Paare für sich. Hingegen ein rigides Bild zu malen, in dem Ehe und Familie nur nach einem Modell funktioniert, wie es die Tradwives in flatternden Röcken behaupten, streut rechtspopulistische Werte. Es ist ein Nährboden derer, die Frauen in ihrer Freiheit beschneiden wollen und stärkt die strukturelle Benachteiligung, die Frauen ohnehin schon erleben.

Ira Schneider arbeitet als Paartherapeutin. Ihr Ratgeber ,,Jeden Tag ein neues Ja“ ist im Juni erschienen. @ira.schneider_

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/TradWife_GettyImages_Tijana87.jpg 1415 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-04 14:48:512025-03-04 14:48:51Expertin warnt: Tradwives sind keine Beziehungsratgeber

Partnerschaft eintönig? Vielleicht ist es eine „Bierdeckelallianz“

Gleiche Hobbies, gleicher Freundeskreis, alles gemeinsam machen. Eine solche Partnerschaft wird irgendwann eintönig. Paarexperte Marc Bareth nennt das eine „Bierdeckelallianz“ und erklärt, wie neuer Schwung in die Partnerschaft kommt.

Herr und Frau Flückiger verbindet eine innige Beziehung. Sie haben jung geheiratet und sind nicht nur Ehepartner, sondern auch beste Freunde. Sie verbringen gerne ihre Freizeit zusammen und haben einen großen gemeinsamen Freundeskreis. Doch schleichend wurde die Partnerschaft eintönig.

Wie ein gedrosselter Sportwagen

Dennoch hat sich bei den Flückigers in den letzten Jahren eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrer Partnerschaft breitgemacht. Frau Flückiger beklagt immer öfter, dass ihr Ehealltag eintönig sei. Sie vermisst das Neue, das Überraschende in ihrer Beziehung. Und Herr Flückiger empfindet seine Ehe zunehmend als anstrengend. Sie entzieht ihm Energie. Kürzlich hat er einem Freund anvertraut, dass er sich zu Hause wie ein Sportwagen fühlt, dessen Motor auf 80 km/h gedrosselt ist.

Eine solche Partnerschaft nenne ich eine Bierdeckelallianz. Sie sind wie zwei Bierdeckel, die sich aneinanderlehnen. Sie stützen sich gegenseitig und können dank dem anderen stehen. Sie brauchen einander, denn gemeinsam schaffen sie, was jeder für sich nicht schafft. Zwei aneinandergelehnte Bierdeckel sind aber auch voneinander abhängig. Keiner darf sich zu fest bewegen, verändern oder gar wachsen, sonst könnte das Ganze einstürzen.

Das erlebt das Ehepaar Flückiger. Weil beide nicht allein durchs Leben gehen können, klammern sie sich aneinander und suchen die Verschmelzung. Das führt dazu, dass sich ihr Leben zunehmend auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner abspielt. In der Freizeit machen sie nur noch das, worauf beide Lust haben. Lebensbereiche und Themen, zu denen sie unterschiedliche Ansichten haben, verdrängen sie.

Nähe und Freiheit

Der Preis dafür, ein Herz und eine Seele zu sein, ist, dass beide alle Eigenschaften und Interessen gekappt haben, die nicht mit denen des Partners übereinstimmen. Eine solche Beziehung ist eine falsch verstandene Art von Einssein. Sie führt zu den Symptomen, unter denen die Flückigers heute leiden: Langeweile, Stagnation, Leblosigkeit und Verkümmerung.

Ein gesundes Einssein ist keine Bierdeckelallianz, sondern lässt sich mit dem Bild zweier starker Bäume beschreiben, deren Kronen sich zu einem gemeinsamen Blätterdach verbinden. Es ist die volle Nähe zweier Menschen, die beide auch unabhängig voneinander im Leben stehen könnten. Es ist eine Nähe, die dem anderen Freiheit, Entwicklung und Veränderung zugesteht, weil dies für den fest verwurzelten und selbst stehenden Baum nicht bedrohlich ist. Der Weg zu mehr Lebendigkeit in der Partnerschaft besteht darin, in enger Verbindung mit dem Partner und trotzdem ganz bei sich selbst zu bleiben.

Wenn die Flückigers wieder mehr Lebendigkeit in ihre Beziehung bringen wollen, führt kein Weg daran vorbei, sich die eigene Individualität in kleinen Schritten zurückzuerobern. Dazu gehören zwei Seiten. Zum einen, sich zu trauen, den Partner nicht ständig zu schonen, sondern zu seinen Bedürfnissen zu stehen und sich selbst in seiner Andersartigkeit dem Partner zuzumuten. Und andererseits dem anderen eine eigene Meinung, andere Bedürfnisse und eine Entwicklung zuzugestehen, auch wenn sich das bedrohlich anfühlt.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/eintoenige-Partnerschaft_GettyImages_skynesher.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-26 14:24:292025-02-26 14:24:29Partnerschaft eintönig? Vielleicht ist es eine „Bierdeckelallianz“

3 bis 5 – Stressfrei reisen mit Kindern

Elternfrage: „Lange Autofahrten in den Urlaub oder zu Familienfeiern enden bei uns stimmungsmäßig immer in einer absoluten Katastrophe. Ich frage mich oft, ob sich der Stress überhaupt lohnt oder ob wir lieber daheimbleiben sollten. Habt ihr Empfehlungen für das Reisen mit Kleinkindern?“

Kids mitentscheiden lassen

Jedes Kind ist anders, und deshalb gibt es sicherlich keine Patentlösung zum Reisen mit Kindern. Aber gern teile ich mit euch, was bei uns gut funktioniert.

Verständnis und Geduld: Der beste Tipp, den mein Mann und ich auf unseren Reisen als Familie umsetzen konnten, ist, auf unsere Haltung gegenüber den Kindern zu achten und unsere Gefühle daran anzupassen. Wir wertschätzen sie, wenn sie geduldig sind und zeigen Verständnis, wenn ihnen der Weg zu lange dauert.

Realistische Erwartungen: Wir haben gelernt, uns von der Wunschvorstellung zu verabschieden, dass alles harmonisch läuft und jeder gleichzeitig eine gute Zeit hat. Eine lange Reise ist anstrengend, und das dürfen unsere Kinder auch äußern. Das Kind muss nicht einfach „da durch“, sondern wir versuchen es hindurchzutragen. Manchmal klappt das super und manchmal nicht so gut. Wir entschuldigen uns, wenn wir den Stress an unseren Kindern ausgelassen haben.

Mitspracherecht: Wir fragen die Kinder, was ihnen helfen würde. „Braucht ihr eine Pause?“ Vielleicht gibt es einen tollen Spielplatz, für den sich ein kleiner Umweg lohnt. Oder ihr könntet anhalten und ein spontanes Bewegungsspiel machen. Sowas wie: „Alle hüpfen jetzt, alle stampfen und alle machen, was das Kind sagt.“ So fühlen sich auch die Jüngsten ernst genommen. Pausen an kindergerechten Orten sind generell für uns eine gute Idee. Die Kinder haben Spaß, Bewegung und frische Luft.

Gella Scheven ist Erzieherin und Mama von drei Kindern.

Nachts fahren oder es sein lassen

Mein Mann und ich lieben weite Distanzen. Unser Erstgeborener ist mit uns einmal quer durch Europa im Van gefahren. Das war streckenweise auch nicht immer easy going, aber so richtig anstrengend empfinde ich lange Reisen erst, seitdem noch ein Kind inklusive Bedürfnisse Teil der Crew geworden ist. Trotzdem fahren wir jährlich mehrmals nach Schweden in unser Ferienhaus – über 14 Stunden eine Strecke. Das funktioniert. Zumindest dann, wenn wir die Nacht durchfahren und die Kinder schlafen. Und es lohnt sich. Weil wir uns vor Ort erfahrungsgemäß nach wenigen Minuten von den Strapazen erholt haben. Andere Reisen wiederum machen wir nicht mehr, weil Nervenaufwand und Genuss am Zielort nicht im Verhältnis stehen. Ich wäge deshalb vor jeder langen Fahrt gut ab und finde die Frage „Lohnt sich die weite Strecke für uns als Familie?“ völlig berechtigt. Wer dafür kein Verständnis hat, der stand noch nie in einem fiesen Baustellenstau auf der A8 am letzten Ferientag mit brüllenden Kindern auf der Rückbank.

Annabel Breitkreuz ist crossmediale Redakteurin. Über ihre Reiserouten durch Europa schreibt sie unter anderem in ihrem Buch „Wild.Frei.Authentisch – Aufbruch ins Abenteuer Familie“ (Brunnen Verlag).

Kurzstrecke mit Musik, Langstrecke mit dem Zug

Für meine Großstadt-Jungs (7+4) ist Autofahren nicht alltäglich. Nachdem wir knapp zwei Jahre kein eigenes Auto hatten, haben wir jetzt wieder einen alten „Pablo“ (Citroën Picasso) – quasi unser fünftes Familienmitglied. Am Wochenende fahren wir öfter zu unserem Campingplatz, der knapp zwei Stunden entfernt im Wald liegt. Die beiden Jungs schauen aus dem Fenster, manchmal spielen wir Tiere-Entdecken oder zählen Autos, die eine bestimmte Farbe oder Marke haben, schlafen, knabbern oder hören Hörspiele. Wir haben auch günstige LCD-Schreibtafeln (ähnlich wie eine Zaubertafel), auf denen sie im Auto malen können. Egal, wie lang die Fahrt ist, circa 20 Minuten vor Ankunft fangen sie meist an zu quengeln, besonders als sie noch jünger waren. Da hilft es nur noch, ihre Lieblings-CD von Rage against the Machine voll aufzudrehen und wild zu zappeln. Für längere Strecken nehmen wir am liebsten den Zug, da vergeht die Fahrt bei ein paar Partien UNO oder beim Vorlesen wie im Flug.

Anna Koppri ist Sozialpädagogin und Systemische Familientherapeutin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-stressfrei-reisen.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-24 08:55:052025-02-24 08:55:053 bis 5 – Stressfrei reisen mit Kindern
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