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Artikel aus den Heften

Liebevoll loben, ehrlich ermutigen – Das müssen Kinder hören

Worte schaffen Realität. Das gilt umso mehr im Umgang mit Kindern. Wie sprechen wir mit ihnen? Welche Bewertungen äußern wir? Vermitteln wir etwas Positives oder etwas Negatives? Pädagoin Stefanie Diekmann klärt darüber auf, was Kinder wirklich hören müssen.

Mitte der 90er: Geburtstagsfeier einer Tante. Ich habe noch keine Kinder. Ein kleiner Junge tobt und donnert dabei mit seinem Kopf so an den Tisch, dass die Schwarzwälder Kirschtorte schwankt. Die Mutter greift sich ihren Sohn und sagt: „Was hast du gerade im Kopf? Den Teufel!“ Ich zucke zusammen und ringe nach Worten. Auch wenn ich sonst vieles stehen lassen kann, werde ich wachgerüttelt: Unbedachte Worte und Bewertungen sind machtvolle Stempel für die Selbstwahrnehmung eines Kindes.

Wir Eltern reden viel – locker, fröhlich, angespannt oder zornig. Ich denke nicht immer vorher über das nach, was ich sage. Gerade im Umgang mit meinen Kindern habe ich erlebt, wie schnell Worte aus mir herauspurzeln. Deshalb ist es mir wichtig, ein Bewusstsein für die Kraft meiner Worte zu entwickeln. Denn jedes Wort bewirkt etwas!

Ermutigung lernen

Anna (alle Namen geändert) berichtet, wie sie als Kind fast unsichtbar war. Immer wieder stellt ihre Mutter sie anderen mit diesen Worten vor: „Anna ist so, dass man sie immer vergisst und übersieht!“ Wahrscheinlich ist es liebevoll gemeint, denn Annas Brüder sind laut und präsent. Erst mit 40 Jahren gönnt sich Anna schließlich eine Beratung, um zu verstehen, was sie so unscheinbar macht und welchen Einfluss die Worte ihrer Mutter hatten.

Natürlich erlangt nicht jede Aussage so eine hohe Bedeutung im Leben eines Kindes – zum Glück. Wir können nie wissen, welche Bemerkung, welches Lob oder welche Rüge im Kind Resonanz auslöst. Deswegen sollten wir sorgsam mit unseren Worten umgehen. Worte sind kraftvoll. Sie können schwächen oder stärken, motivieren oder demotivieren, trennen oder verbinden. Das Tolle ist: Worte können eingeübt werden. Jede Familie kann Ermutigung und Lob lernen. Wir können dabei bewusst auf unsere Sprache und unsere Wortwahl achten.

Wir können zum Beispiel zuhören, wie andere Eltern ihre Kinder loben oder wie Ehepartner über den anderen sprechen. Und reflektieren: Welche bewertenden Formulierungen nutze ich häufig? „Da warst du lieb!“ „Sei schön leise!“ „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“ „Du kannst wirklich nichts!“ Wenn wir uns das bewusst gemacht haben, können wir üben, die Sätze umzuformen: „Deine Unterstützung hat mir gutgetan.“ „Danke, dass du gerade still zuhörst.“ „Ich spüre, du hast Schmerzen.“ „Ich möchte gern herausfinden, was du besonders gut kannst.“

Liebe ohne Bewertungen

Manchmal hilft es, mir auszumalen, was meine Bewertungen konkret heißen. „Da warst du lieb!“: Wäre mir das Kind denn nicht lieb, wenn es sich anders verhielte? „Lieb sein“ wird in Verbindung gebracht mit „still sein und mich nicht fordern“ und vermittelt automatisch, dass ein Kind nicht lieb ist, wenn es mehr körperliche Aktivität oder Fragen mitbringt. In diesem Moment stellen wir uns unbewusst über das Kind, um ihm zu sagen, wie es zu sein hat. Jedes Kind hat ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Kinder wollen mit den Eltern zusammenarbeiten und ihnen gefallen. Sie strengen sich an, die Kriterien für unsere Bewertungen zu erfüllen – auch, wenn sie sich dafür verbiegen müssen. „Lieb sein“ kann aber auch bedeuten: „Ich habe dich immer lieb, egal wie dein Verhalten gerade ist.“ Diese Zusage, diese eine Liebesbekundung sollte nicht mit einer Rüge oder einem Lob verbunden sein.

Das Selbstvertrauen von Kindern ist so sehr von Lob abhängig, dass sie es permanent einfordern. Manche Kinder verhalten sich ständig so, dass sie anderen gefallen. Oder sie tun Dinge nur, um ein Lob zu bekommen.

„Sei schön leise!“: Hier legen wir unsere Bewertung von „schön“ auf das Kind. Wer sagt denn, dass leise sein „schön“ ist? „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“: Ich habe auch Momente, in denen mir etwas Schmerzen verursacht. Wie wohltuend, wenn jemand diese Schmerzen nicht wegredet. „Du kannst wirklich nichts!“: Solche Bewertungen wischen den Respekt vor dem Einzelnen weg. Unserem Kind dürfen wir das nicht zumuten.

„Das hast du toll gemacht!“ Hier dürfen wir fragen, ob unser Kind selbst zufrieden ist. Denn um dieses innere eigene Bewerten geht es im Lob. Unser Kind wird ein gesundes Ich-Gefühl entwickeln, wenn es nicht auf positive Bewertungen von außen angewiesen ist. Lob ist eine Einladung zum Austausch über die Wahrnehmung des Gelungenen und des Noch-nicht-Gelungenen.

Orientierung geben

Auch wir selbst sind mit Worten geprägt worden – vielleicht mit guten, vielleicht mit weniger guten. Gerade in turbulenten Alltags-Situationen kann es zu spontanen Äußerungen kommen, die den Tiefen unserer eigenen Erfahrung entspringen. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Wie wäre es, eine Lobliste anzulegen? Es kann auch eine Liste werden, die eine Familie für sich erstellt: Was wertet mich auf? Was wärmt mich von innen? Was sagt Gott über mich?

Im Familienalltag bewerten wir uns ständig gegenseitig. Wir bewerten, indem wir ignorieren, Wohlwollen zeigen, mit den Augen rollen oder kommentieren. All das hilft unserem Kind, sich zu orientieren: „So ist mein Leben. Das finden meine Eltern wichtig.“ In manchen Familien, die ich berate, erlebe ich zu wenig Worte. Dabei sind Worte wichtiger Bestandteil zum Beispiel einer Mahlzeit: Wir hören zu, achten auf kleine Gesten der Höflichkeit und laden klar und liebevoll zum Sitzenbleiben ein. Worte leiten an und vermitteln ein Familiengefühl. Wir geben Kindern mit bewusst gewählten Worten Halt. Positive Äußerungen wie „Ich freue mich mit dir“, „Ich bin beeindruckt“ oder „Ich freue mich, wie stolz du bist“ bringen dem Kind Wertschätzung entgegen und stärken das Ich-Gefühl. Solche Worte rutschen tief ins Herz eines Kindes.

Positive Haltung

In einer Familie liegt schnell der Fokus auf Fehlern und dem, was „falsch“ läuft. Im Miteinander geht es aber nicht um Erfolg oder Misserfolg, sondern um eine wertfreie Begegnung miteinander und – in Familien mit christlichem Hintergrund – auch die Begegnung mit Gott. Wir dürfen den Sprachgebrauch unserer Erziehung hinterfragen und ersetzen und den Fokus auf die Fähigkeiten des Kindes oder die Möglichkeiten zur Unterstützung legen. Manchmal hilft es, den Teenager zu fragen: „Ich finde Erfolg nicht so wichtig. Wie geht es dir damit, wenn ich das nicht lobe?“ Unseren Sohn hat es beispielsweise verletzt, dass wir auf sein gelungenes Abitur nicht reagiert haben.

Wir können mit positiver Sprache eine positive Haltung fördern. Wir können zum Beispiel auf das Wort „falsch“ verzichten und lieber Alternativen oder Lösungswege anbieten. Anstelle von „Ach, Luisa, du hast ja schon wieder die Jacke falsch angezogen“ können wir sagen: „Schau mal, der Ärmel hängt da unten. Hier kannst du reinschlüpfen.“ Der Fokus liegt nicht auf dem Fehler, sondern wir bieten positive Unterstützung an. So entsteht eine ermutigende Atmosphäre.

Oft haben wir eine Bewertung im Kopf und im Herzen. Wir finden das Verhalten des Kindes zu laut oder sein Zögern zu ängstlich. Simone ärgert sich wiederkehrend über den fordernden Ton ihrer Tochter. Wenn Lenja in den Raum kommt, hat Simone oft den Impuls, zu fliehen oder zu meckern. Zunächst tauscht sie sich darüber mit ihrem Partner aus. So ein Austausch kann einen Perspektivwechsel bewirken, der den Zugang zum Kind verändert. Simone bekommt dadurch Orientierung über ihre eigenen Gefühle, sodass sie in der nächsten kritischen Situation statt eines Motzanfalls sagen kann: „Ich möchte gern mit dir reden. Aber wenn du mit mir in diesem Ton sprichst, macht mich das sauer.“ Simone wiederholt diesen Satz und findet heraus, dass es ihrer Tochter guttut, erst mal in den Arm genommen zu werden. Nun kann eine Wertschätzung ins Herz sacken.

Simone beschreibt in der Beratung: „Auch wenn das Kind meine Bemerkungen nicht hört, prägen sie doch die Wirklichkeit. Deswegen möchte ich mir zur Gewohnheit machen, gut über mein Kind zu sprechen. Gute Worte über andere verändern auch unsere Sicht auf sie und unsere Haltung ihnen gegenüber. Wir können aussprechen, was mit Gottes Hilfe in den Kindern Wirklichkeit werden kann und soll.“

Kraft und Segen

Johann ist erwachsen. Er berichtet von einer Mitarbeiterin in seiner Kirche, die immer wieder zu ihm gesagt hat: „Du wirst ein guter Leiter. Du hast Einfluss auf Menschen.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Johann gestottert, er war zurückgezogen und schrullig. Tatsächlich aber sah die Mitarbeiterin, wie er sich um die neuen Kinder bemühte oder Jüngeren half. Johann hat sich in diese Idee, dass Gott ihm wunderbare Gaben geschenkt hat, hineingelebt und ist heute tatsächlich ein hingebungsvoller Gruppenleiter.

Worte haben Kraft. Wo Wunden entstanden sind, dürfen wir um Vergebung bitten. Wenn uns unser Kind herausfordert, können wir es segnen. Denn im Segnen liegt der unfassbar starke Blick, den Gott auf unser Kind hat. Ich lade euch ein zum liebevollen Loben und ehrlichen Ermutigen!

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Göttingen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Lob-und-Ermutigung_BN_GettyImages_Studio4.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-21 16:24:142025-02-21 16:24:14Liebevoll loben, ehrlich ermutigen – Das müssen Kinder hören

Wie wir Erwartungen loslassen können

Sonntagsbesuche, Enkel und Pralinen: Oft haben wir bewusste oder unbewusste Erwartungen an unsere erwachsenen Kinder. Die gilt es zu hinterfragen.

Eine Schoki für ihn, ein paar Nüsse für sie und eine Dankeschön-Karte. Unsere Tochter kommt in ihr Wohnzimmer und überreicht uns, die wir bei ihr zu Besuch sind, zum Dank für eine Unterstützung diese Kleinigkeiten. Ich bin gerührt und erfreut, denn ich hatte (fast!) nichts erwartet. Ach, wie ist das schön, dass sie honoriert: Die Eltern haben sich Zeit genommen!

Upps, gestolpert!

Ich muss schmunzeln, denn ich habe so meine Geschichte mit den Erwartungen. Früher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber jede Menge Erwartungen gepflegt. Vor Jahren habe ich ein großes Opfer gebracht, nämlich als damals Schmerzkranke zugestimmt, dass noch eine Person mit in den Urlaub kommen könne. Ich wusste früher nie, wann ich aufgrund meiner Schmerz-Problematik ausfallen würde, und wollte meinen Besten nicht mit Mehrarbeit im Urlaub belasten. Deshalb habe ich es mir dreimal überlegt, ob ich das wage. Es wäre aber ein gutes Gegenüber für unseren Sohn. Der liebe Mensch wurde also eingeladen, sagte zu und genoss mit uns die Ostseewoche. Und dann kam der Tag des Abschieds. Ich war davon ausgegangen, dass ich eine Packung Pralinen in die Hand gedrückt oder ein paar Worte ins Ohr geflüstert bekomme. Aber nichts dergleichen geschah. Einfach „Tschüss“. Die Autotür fiel ins Schloss.

Was war ich enttäuscht! Meine schöne Urlaubsfreude bekam einen gewaltigen Knick. Ich schwelgte in Enttäuschung, Frust, Traurigkeit. Mein Bester ist stoisch tiefenentspannt, was die Erwartungen an andere Menschen angeht. Früher hat das in mir eine Mischung aus grenzenloser Bewunderung, etwas Wut und Neid erzeigt. Jedenfalls lehrte er mich, ins Loslassen zu finden. Recht hatte er, denn was würde ein erbetenes Dankeschön bedeuten? Gar nichts. Außerdem musste ich ehrlich eingestehen, dass ich als Teenie auch nicht weiter war als der liebe Mensch. Seit dieser Ostseestory bin ich aufmerksamer in Sachen Erwartungen.

Keine Enkel in Sicht

„Manchmal würde ich mir wünschen, sie kommen sonntags einfach mal zum Kaffeetrinken vorbei. Die haben komplett keine Zeit für sowas, sind voll in ihrer Kirche eingespannt“, drückt eine dreifache Mutter erwachsener Kinder ihre enttäuschte Sonntagserwartung aus. Manchmal geht’s um noch mehr als einen einsamen Sonntagnachmittag. Es geht um die richtig großen Knackpunkte enttäuschter Erwartungen.
Ein gemütlicher Abend bei mir zu Hause: Im vertrauten Kreis tauschen wir uns aus. Irgendwann kommt von einer Freundin der Satz: „Sie haben uns mitgeteilt, dass sie keine Kinder bekommen möchten.“ Große Betroffenheit. Keine in der Runde sagt: „Wie schön! Dann hast du ja viel Zeit für dich und brauchst keinen Enkel betreuen.“ Im Gegenteil, wir hätten ihr so sehr Enkel gegönnt. Es ist schön, dass wir so kinderlieb und menschenfreundlich reagieren. Aber lebt in uns allen, die wir erwachsene Kinder haben, vielleicht doch manchmal eine geheime Erwartung an die Bilderbuch-Familie? Zwei Enkel, Haus und Garten mit Apfelbaum? Allzeit entspannt und besuchsbereit?

Die Realität ist oft anders: Die Tochter kann keine Kinder bekommen. Dem Sohn stirbt die Verlobte. Die Tochter ist lesbisch und möchte als Single leben. Der Sohn ist chronisch krank und traut sich keine Kinder zu. Sie haben als Paar um ein Pflegekind gekämpft und es nach kurzer Zeit wieder abgeben müssen. Sie musste sich scheiden lassen, weil es nicht mehr gemeinsam ging. Er möchte in die Mission, und selbst wenn Kinder kämen, würden die Großeltern sie wenig zu Gesicht bekommen. Das alles ist für viele von uns die oft schmerzhafte Realität, wie für andere eine satte Enkelschar, die im Obstgarten schaukelt. Vielleicht ist es an der Zeit, uns von einigen Erwartungen zu lösen? Ich möchte einige Scheren anbieten, mit denen wir unsere Erwartungsballons abschneiden und steigen lassen können.

Berechtigt oder unberechtigt?

Gibt es unberechtigte Erwartungen? Diese Frage lohnt sich durchzuspielen. Denn sie führt uns zu unseren geheimen Schmerzpunkten. Bezogen auf unsere Beziehungen können wir das einmal durchdenken: Welche meiner Erwartungen sind berechtigt und welche nicht?

Wenn ich bei meinen erwachsenen Kindern bin, darf ich sicherlich erwarten, dass ich irgendwann etwas zu essen auf den Tisch gestellt bekomme. Ein dauerhaftes Recht auf einsamkeitsreduzierende Besuche oder ständige ausführliche Teilhabe am erwachsenen Leben unserer Kinder haben wir aber nicht. Ebenso haben wir natürlich kein Recht auf Enkelkinder oder ein Gästezimmer im Zuhause unserer Töchter und Söhne.
Es geht darum, unberechtigte Erwartungen loszulassen! Wir müssen sie finden, entlarven und anschließend loslassen. Wenn ich meine Erwartungen gefunden habe, schmunzele ich oft erstmal ein Ründchen: Da hat es mich doch wieder erwischt. Nun heißt es: den Schmerz fühlen. Denn der darf sein. Wie man sich vom Schmerz lösen kann? Durch Bewusstwerden, manchmal auch durch Teilen mit vertrauten Menschen. Mir hilft zum Loslassen außerdem, die Dinge mit Gott im Gebet zu bewegen. Und manchmal sage ich innerlich den Satz: „Ich gebe dich frei für dein Leben!“ Damit verabschiede ich das erwartete Geschenk, ein Dankeschön oder die Teilnahme an einem Fest.

Druck rausnehmen

Ich bin sensibler für meine Erwartungen geworden, denn ich kenne auch die andere Seite der Medaille: Andere Menschen haben ihre Erwartungen an mich. Wie das stressen kann! Du investierst dich und weißt schon vorher: Es genügt nicht! Du spürst Verbitterung, fühlst Vorwürfe, bekommst Schuldgefühle. Druck belastet. Druck entmutigt. Wie eine unsichtbare Wand steht er zwischen mir und den anderen.
Manchmal habe ich mich mit Hilfe eines Rituals von diesem Druck befreit: All den Ärger und die negativen Gefühle aufgeschrieben, den Zettel anschließend in Gottes Hände gelegt und im Kamin vernichtet. Weil ich das selbst so belastend erlebt habe, möchte ich großherziger meinen erwachsenen Kindern gegenüber sein. Denn worauf habe ich, haben wir, ein Recht? Meiner Meinung nach weder auf ein Geschenk noch auf einen Sonntagsausflug, ein Enkelkind oder auf Pflege im Alter. Generell habe ich auf fast nichts ein Recht. Alles, was von ihrer Seite zu mir zurückkommt, sind Geschenke. Da gibt es keine offenen Rechnungen, die beglichen werden müssen. So zumindest die gute Theorie …

Noch eine Extrarunde zum Druck: Ich glaube, dass man als Kind auch Druck spüren kann, wenn Eltern nicht klar sind in ihrer Position. Vielleicht spüren Kinder manchmal eine Last, weil Eltern nicht richtig wissen, wie sie zur Sache mit dem Sonntagsausflug, der Scheidung oder der Homosexualität stehen. Im besten Fall sollten die Kinder fühlen und wissen, dass alle Lebensentscheidungen von uns Eltern nicht nur verbissen, resigniert, unentschieden oder leicht angesäuert durchgewunken werden, sondern bejaht sind. Auch wenn sie unseren Überzeugungen nicht entsprechen. Das ist Respekt. Das ist Loslassen. Das ist Liebe. In dem Moment, wo wir andere aus unseren Erwartungen entlassen, entsteht eine unglaubliche Freiheit.

Jesus und die Erwartungen

Wir haben Erwartungen an andere und andere an uns. Das ist normal und kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Wir werden einander immer etwas schuldig bleiben. Wie schön ist das, wenn wir diesen Satz tief auf dem Herzensboden verankert haben! Denn er wird uns von unseren Idealvorstellungen befreien: Weder Partner, Kinder, Eltern, Freundinnen oder Vorbilder werden all unsere Erwartungen erfüllen können. Also „einfach“ die Erwartung spüren, die Enttäuschung bemerken, schmunzeln und zuletzt loslassen?

Vielleicht kann man von Jesus lernen: Er sollte sich in seine Familie einordnen, Sünder verurteilen, Sünder begnadigen, rechtzeitig da sein, sich für Prominente interessieren, er soll weggehen und nicht mehr hier das Reich Gottes wirken oder da bleiben und weiterhin Gottes Reich ausbreiten, er soll … Wenn wir die Evangelien daraufhin durchschauen, kann man sich fragen: Jesus, wie hast du das bewältigt? Die 1.000 Erwartungen, die andere teils lautstark geäußert haben?

Jesus hatte einen inneren Kompass. Häufig hat er sich ausgerichtet. Deshalb suchte er die Einsamkeit, damit der Fokus wieder klar war. Und was ist dabei herausgekommen? Dass er immer wieder für die Menschen da war, auch schon mal die zweite Meile mitgegangen ist und sich an anderer Stelle den Erwartungen entzogen hat. Nein, er vollbringt keine Wunder, nur um sich zu beweisen. Nein, er passt sich nicht an die Erwartung seiner Herkunftsfamilie an. Nein … Die Erwartungen Gottes, seines Vaters, haben für ihn weitaus größere Bedeutung als die Erwartungen der Menschen.

Loslassen

Können wir das abkupfern? Davon lernen, es verinnerlichen? Erst gestern wollte eine liebe Frau zeitnah ein Treffen mit mir vereinbaren. Sie erwartete, dass ich in der nächsten Woche Zeit hätte. Ich spürte beide Regungen: Gern möchte ich helfen, und gern möchte ich meine Grenzen achten. Nach einer halbwegs guten Nacht habe ich ihr erst einen Termin in vier Wochen zugesagt, damit ich mich nicht übernehme. Manchmal ist also Abstandstraining eine Lösung, um uns von Erwartungen zu befreien.

Das Schlüsselwort im Umgang mit den Erwartungen ist: loslassen. Fliegen lassen. Ziehen lassen. Dann entsteht Freiheit. Es ist der offene, erwartungsärmere, gute Umgang miteinander. Vielleicht passiert dann etwas völlig Unerwartetes. Nämlich, dass ein Kind doch sonntagnachmittags vor der Tür steht, du die Schoki in die Hand gedrückt bekommst oder ein Gespräch mit deinen großen Kids hast, das Gold wert ist.

Kerstin Wendel ist Autorin, Speakerin und Seminarleiterin aus Wetter/Ruhr. Gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich hat sie das Buch geschrieben: Vom Glück des Loslassens – wie Herz und Leben leicht werden (SCM R.Brockhaus).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Eltern-Paar-Kind-Besuch.jpg 475 800 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-21 09:23:152025-02-21 09:23:15Wie wir Erwartungen loslassen können

Wie Worte unsere Kinder prägen

Worte haben Kraft und prägen unsere Kinder entscheidend. Wie wir eine gesunde Selbstwahrnehmung fördern können.

Mitte der 90er: Geburtstagsfeier einer Tante. Ich habe noch keine Kinder. Ein kleiner Junge tobt und donnert dabei mit seinem Kopf so an den Tisch, dass die Schwarzwälder Kirschtorte schwankt. Die Mutter greift sich ihren Sohn und sagt: „Was hast du gerade im Kopf? Den Teufel!“ Ich zucke zusammen und ringe nach Worten. Auch wenn ich sonst vieles stehen lassen kann, werde ich wachgerüttelt: Unbedachte Worte sind machtvolle Stempel für die Selbstwahrnehmung eines Kindes.

Wir Eltern reden viel – locker, fröhlich, angespannt oder zornig. Ich denke nicht immer vorher über das nach, was ich sage. Gerade im Umgang mit meinen Kindern habe ich erlebt, wie schnell Worte aus mir herauspurzeln. Deshalb ist es mir wichtig, ein Bewusstsein für die Kraft meiner Worte zu entwickeln. Denn jedes Wort bewirkt etwas!

Ermutigung lernen

Anna (alle Namen geändert) berichtet, wie sie als Kind fast unsichtbar war. Immer wieder stellt ihre Mutter sie anderen mit diesen Worten vor: „Anna ist so, dass man sie immer vergisst und übersieht!“ Wahrscheinlich ist es liebevoll gemeint, denn Annas Brüder sind laut und präsent. Erst mit 40 Jahren gönnt sich Anna schließlich eine Beratung, um zu verstehen, was sie so unscheinbar macht und welchen Einfluss die Worte ihrer Mutter hatten.

Natürlich erlangt nicht jede Aussage so eine hohe Bedeutung im Leben eines Kindes – zum Glück. Wir können nie wissen, welche Bemerkung, welches Lob oder welche Rüge im Kind Resonanz auslöst. Deswegen sollten wir sorgsam mit unseren Worten umgehen. Worte sind kraftvoll. Sie können schwächen oder stärken, motivieren oder demotivieren, trennen oder verbinden. Das Tolle ist: Worte können eingeübt werden. Jede Familie kann Ermutigung und Lob lernen. Wir können dabei bewusst auf unsere Sprache und unsere Wortwahl achten.

Wir können zum Beispiel zuhören, wie andere Eltern ihre Kinder loben oder wie Ehepartner über den anderen sprechen. Und reflektieren: Welche bewertenden Formulierungen nutze ich häufig? „Da warst du lieb!“ „Sei schön leise!“ „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“ „Du kannst wirklich nichts!“ Wenn wir uns das bewusst gemacht haben, können wir üben, die Sätze umzuformen: „Deine Unterstützung hat mir gutgetan.“ „Danke, dass du gerade still zuhörst.“ „Ich spüre, du hast Schmerzen.“ „Ich möchte gern herausfinden, was du besonders gut kannst.“

Liebe ohne Wertung

Manchmal hilft es, mir auszumalen, was meine Bewertung konkret heißt. „Da warst du lieb!“: Wäre mir das Kind denn nicht lieb, wenn es sich anders verhielte? „Lieb sein“ wird in Verbindung gebracht mit „still sein und mich nicht fordern“ und vermittelt automatisch, dass ein Kind nicht lieb ist, wenn es mehr körperliche Aktivität oder Fragen mitbringt. In diesem Moment stellen wir uns unbewusst über das Kind, um ihm zu sagen, wie es zu sein hat. Jedes Kind hat ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Kinder wollen mit den Eltern zusammenarbeiten und ihnen gefallen. Sie strengen sich an, die Bewertungskriterien zu erfüllen – auch, wenn sie sich dafür verbiegen müssen. „Lieb sein“ kann aber auch bedeuten: „Ich habe dich immer lieb, egal wie dein Verhalten gerade ist.“ Diese Zusage, diese eine Liebesbekundung sollte nicht mit einer Rüge oder einem Lob verbunden sein. Das Selbstvertrauen von Kindern ist so sehr von Lob abhängig, dass sie es permanent einfordern. Manche Kinder verhalten sich ständig so, dass sie anderen gefallen. Oder sie tun Dinge nur, um ein Lob zu bekommen.

„Sei schön leise!“: Hier legen wir unsere Bewertung von „schön“ auf das Kind. Wer sagt denn, dass leise sein „schön“ ist? „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“: Ich habe auch Momente, in denen mir etwas Schmerzen verursacht. Wie wohltuend, wenn jemand diese Schmerzen nicht wegredet. „Du kannst wirklich nichts!“: Diese Bewertung wischt den Respekt vor dem Einzelnen weg. Unserem Kind dürfen wir das nicht zumuten. „Das hast du toll gemacht!“ Hier dürfen wir fragen, ob unser Kind selbst zufrieden ist. Denn um dieses innere eigene Bewerten geht es im Lob. Unser Kind wird ein gesundes Ich-Gefühl entwickeln, wenn es nicht auf positive Bewertungen von außen angewiesen ist. Lob ist eine Einladung zum Austausch über die Wahrnehmung des Gelungenen und des Noch-nicht-Gelungenen.

Orientierung geben

Auch wir selbst sind mit Worten geprägt worden – vielleicht mit guten, vielleicht mit weniger guten. Gerade in turbulenten Alltags-Situationen kann es zu spontanen Äußerungen kommen, die den Tiefen unserer eigenen Erfahrung entspringen. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Wie wäre es, eine Lobliste anzulegen? Es kann auch eine Liste werden, die eine Familie für sich erstellt: Was wertet mich auf? Was wärmt mich von innen? Was sagt Gott über mich?

Im Familienalltag bewerten wir uns ständig gegenseitig. Wir bewerten, indem wir ignorieren, Wohlwollen zeigen, mit den Augen rollen oder kommentieren. All das hilft unserem Kind, sich zu orientieren: „So ist mein Leben. Das finden meine Eltern wichtig.“ In manchen Familien, die ich berate, erlebe ich zu wenig Worte. Dabei sind Worte wichtiger Bestandteil zum Beispiel einer Mahlzeit: Wir hören zu, achten auf kleine Gesten der Höflichkeit und laden klar und liebevoll zum Sitzenbleiben ein. Worte leiten an und vermitteln ein Familiengefühl. Wir geben Kindern mit bewusst gewählten Worten Halt. Positive Äußerungen wie „Ich freue mich mit dir“, „Ich bin beeindruckt“ oder „Ich freue mich, wie stolz du bist“ bringen dem Kind Wertschätzung entgegen und stärken das Ich-Gefühl. Solche Worte rutschen tief ins Herz eines Kindes.

Positive Haltung

In einer Familie liegt schnell der Fokus auf Fehlern und dem, was „falsch“ läuft. Im Miteinander geht es aber nicht um Erfolg oder Misserfolg, sondern um eine wertfreie Begegnung miteinander und mit Gott. Wir dürfen den Sprachgebrauch unserer Erziehung hinterfragen und ersetzen und den Fokus auf die Fähigkeiten des Kindes oder die Möglichkeiten zur Unterstützung legen. Manchmal hilft es, den Teenager zu fragen: „Ich finde Erfolg nicht so wichtig. Wie geht es dir damit, wenn ich das nicht lobe?“ Unseren Sohn hat es beispielsweise verletzt, dass wir auf sein gelungenes Abitur nicht reagiert haben.

Wir können mit positiver Sprache eine positive Haltung fördern. Wir können zum Beispiel auf das Wort „falsch“ verzichten und lieber Alternativen oder Lösungswege anbieten. Anstelle von „Ach, Luisa, du hast ja schon wieder die Jacke falsch angezogen“ können wir sagen: „Schau mal, der Ärmel hängt da unten. Hier kannst du reinschlüpfen.“ Der Fokus liegt nicht auf dem Fehler, sondern wir bieten positive Unterstützung an. So entsteht eine ermutigende Atmosphäre.

Oft haben wir eine Bewertung im Kopf und im Herzen. Wir finden das Verhalten des Kindes zu laut oder sein Zögern zu ängstlich. Simone ärgert sich wiederkehrend über den fordernden Ton ihrer Tochter. Wenn Lenja in den Raum kommt, hat Simone oft den Impuls, zu fliehen oder zu meckern. Zunächst tauscht sie sich darüber mit ihrem Partner aus. So ein Austausch kann einen Perspektivwechsel bewirken, der den Zugang zum Kind verändert. Simone bekommt dadurch Orientierung über ihre eigenen Gefühle, sodass sie in der nächsten kritischen Situation statt eines Motzanfalls sagen kann: „Ich möchte gern mit dir reden. Aber wenn du mit mir in diesem Ton sprichst, macht mich das sauer.“ Simone wiederholt diesen Satz und findet heraus, dass es ihrer Tochter guttut, erst mal in den Arm genommen zu werden. Nun kann eine Wertschätzung ins Herz sacken.

Simone beschreibt in der Beratung: „Auch wenn das Kind meine Bemerkungen nicht hört, prägen sie doch die Wirklichkeit. Deswegen möchte ich mir zur Gewohnheit machen, gut über mein Kind zu sprechen. Gute Worte über andere verändern auch unsere Sicht auf sie und unsere Haltung ihnen gegenüber. Wir können aussprechen, was durch Gott in den Kindern Wirklichkeit werden kann und soll.“

Kraft und Segen

Johann ist erwachsen. Er berichtet von einer Mitarbeiterin in seiner Kirche, die immer wieder zu ihm gesagt hat: „Du wirst ein guter Leiter. Du hast Einfluss auf Menschen.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Johann gestottert, er war zurückgezogen und schrullig. Tatsächlich aber sah die Mitarbeiterin, wie er sich um die neuen Kinder bemühte oder Jüngeren half. Johann hat sich in diese Idee, dass Gott ihn gebrauchen kann, hineingelebt und ist heute tatsächlich ein hingebungsvoller Gruppenleiter.

Worte haben Kraft. Wo Wunden entstanden sind, dürfen wir um Vergebung bitten. Wenn uns unser Kind herausfordert, können wir es segnen. Denn im Segnen liegt der unfassbar starke Blick, den Gott auf unser Kind hat. Ich lade euch ein zum liebevollen Loben und ehrlichen Ermutigen!

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Göttingen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Eltern-Kind-Mama-Papa-Umarmung-Lob-Ermutigung-Familie-Sofa-Wohnzimmer-Tochter.jpg 1227 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-20 14:19:012025-02-20 14:20:41Wie Worte unsere Kinder prägen

Einsam im ersten Babyjahr: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt“

Den ganzen Tag mit dem Baby zusammen und dennoch einsam? Was paradox klingt, ist für manche Mütter und Väter im ersten Babyjahr leider Realität. Trotz Krabbelgruppen und Co fühlen sie sich einsam. Wie sie damit umgehen berichtet Lisa-Maria Mehrkens.

Das Einsamkeitsbarometer des Deutschen Familienministeriums von 2024 listet die Erziehung und Betreuung minderjähriger Kinder als „erhöhte Einsamkeitsbelastung“ auf. Als Eltern habe man weniger Zeit, soziale Kontakte zu pflegen. Vor allem im Coronajahr 2020 fühlte sich rund ein Drittel aller Eltern einsam, 2021 waren es noch über 12 Prozent, bei Alleinerziehenden sogar 16 Prozent. Im Internet findet man viele Berichte von Müttern, die sich mit Baby zu Hause einsam fühlen. Vor allem dann, wenn der Partner viel arbeitet oder Freunde und Familie weiter weg wohnen.

Auch ich habe mich in der Elternzeit sehr oft nicht nur allein, sondern einsam gefühlt. Mir fehlte der Austausch mit Erwachsenen. Zu Hause allein mit Baby war mir oft langweilig. In Spiel- und Krabbelgruppen fühlte ich mich aufgrund der oft so unterschiedlichen Erziehungsstile selten wirklich wohl. Sozialkontakte aus der Zeit vor den Kindern brachen teilweise weg, weil die Lebensentwürfe, Themen und Zeitpläne zu verschieden waren. Da ich nebenbei freiberuflich weiterarbeitete, ging mein Themenfeld über Gespräche über Babythemen hinaus, womit viele meiner Mama-Bekanntschaften nichts anfangen konnten.

Ich wollte Zeit mit meinem Kind verbringen und brauchte gleichzeitig auch Zeit für mich allein und meine Arbeit. Diese Zerrissenheit führte zu ständigen Schuldgefühlen, weil ich weder ganz in der einen noch in der anderen Welt war. Ich war verunsichert und fragte mich, was mit mir nicht stimmte, dass ich die Elternzeit nicht so genießen konnte, wie scheinbar alle anderen Mütter um mich herum. Später stellte ich fest, dass es vielen Müttern ähnlich ging – nur sprach kaum jemand offen darüber.

Nicht allein, aber einsam

Das Gefühl von Einsamkeit im ersten Babyjahr scheint ein Tabuthema zu sein. Keine Mutter – oder kein Vater – gibt gern zu, dass die Gesellschaft des Babys nicht immer reicht. Und dennoch kennen die meisten dieses Gefühl wahrscheinlich. So wie Sara. Als die rund einjährige Elternzeit mit ihrem Sohn begann, ging ihre zweieinhalbjährige Tochter in den Kindergarten. Sara und ihr Mann waren gerade in ein Haus auf einen ehemaligen Bauernhof zur Familie gezogen.

Vor der Elternzeit hatte Sara viele soziale Kontakte und ging gern zur Arbeit. Doch ihr Sohn schlief sehr schlecht, wachte nachts stündlich auf, weinte tagsüber viel. Der monatelange Schlafmangel erschöpfte Sara. „Ich war so müde, ich konnte weder Freunde treffen noch Babykurse besuchen. Nicht mal einkaufen war möglich“, sagt sie über ihren Zustand damals. Trotz der Unterstützung von Mann und Mama fühlte sich Sara überfordert und einsam. „Es war schwierig, die Verantwortung und Belastungen die meiste Zeit des Tages nicht teilen oder sich darüber austauschen zu können“, erzählt sie.

Während andere Eltern vom schönen ersten Babyjahr schwärmten, konnte Sara dieses Empfinden nicht teilen. Manche Freundinnen und Freunde reagierten mit Unverständnis, andere zeigten keinerlei Reaktion, wenn sie von ihren Problemen erzählte. Einige brachen den Kontakt sogar ab. Nur ein paar wenige zeigten sich empathisch, verständnisvoll und interessiert. Vor allem kinderlose Menschen können das Gefühl von Einsamkeit in den ersten Babymonaten nur schwer nachvollziehen – wie kann das denn sein, wo man doch den ganzen Tag mit einem kleinen Menschen zusammen ist?!

Doch Einsamkeit ist nicht mit Alleinsein zu verwechseln. Einsamkeit ist subjektiv. Das Einsamkeitsbarometer beschreibt Einsamkeit als „wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Erwartungen an soziale Beziehungen und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen“, sowohl bezogen auf die Anzahl als auch Qualität der Sozialkontakte. Es gibt Menschen, die von außen betrachtet in ein großes soziales Netzwerk eingebunden sind und sich dennoch einsam fühlen. Und es gibt Menschen, die oft allein sind, ohne darunter zu leiden. Auch Sara kennt das Gefühl, einsam, aber nie allein zu sein: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt und gleichzeitig nach Zeit, mal wirklich allein für mich zu sein. Ich war zerrissen zwischen mehreren Herzenswünschen“, erinnert sie sich.

Sehnsucht nach Austausch

Natürlich empfindet es nicht jedes Elternteil so. Manche schaffen es, ihre früheren Sozialkontakte aufrechtzuerhalten oder in Spielgruppen neue zu finden. Bei manchen leben Eltern und Geschwister im gleichen Ort. So wie bei Tabea und Linda. Tabea ist seit rund zehn Monaten in Elternzeit mit ihrem ersten Kind. „Ich bin sehr gern zu Hause, es macht mir viel Freude und ich habe viel Spaß mit meiner Tochter“, sagt sie. Vor allem die ersten vier Monate nach der Geburt war sie froh, die Zeit mit ihrer „pflegeleichten Tochter“ ohne Verpflichtungen oder Termine genießen zu können. Wenn sie sich nach Austausch sehnt, besucht sie ihre Geschwister oder Eltern, die nur wenige Gehminuten entfernt wohnen. Eine Freundin mit einem gleichaltrigen Kind wohnt im Nachbarort. Tabeas Schwägerin war ihre Hebamme und ist jetzt selbst schwanger.

Die vielen Kontakte sind „ein großer Segen“ für Tabea. Auch in ihrer Gemeinde ist sie tief verwurzelt, ihr Mann und sie arbeiten bei den Konfirmanden mit. Demnächst wollen sie dort in einen Spielkreis gehen. Aber eine Sache fehlt Tabea: eine Austauschgruppe für Mütter. „Vor allem zu Beginn hätte ich mir eine Online-Austauschgruppe gewünscht“, sagt sie. So hätte jede Mama entspannt mit Baby zu Hause bleiben und sich gleichzeitig über eigene Herausforderungen austauschen können. Leider gab es eine solche Gruppe nicht. „Beim nächsten Kind werde ich es selbst in die Hand nehmen und eine Gruppe gründen“, plant Tabea.

Als Lindas erster Sohn geboren wurde, war ihr Mann als Austauschpartner noch oft zu Hause. Das gab ihr zudem die Zeit, Elterngruppen für neue Kontakte zu finden. Einige Mütter kannte sie bereits aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Später kamen Bekanntschaften aus dem Mutter-Kind-Kreis ihrer Gemeinde hinzu. „Ich war also Gott sei Dank von Anfang an recht gut sozial eingebunden“, erinnert sie sich. Deshalb fühlte sie sich nicht einsam, jedoch oft „alleingelassen mit meinen Fragen und Sorgen“. Die vielen unterschiedlichen Ansichten der anderen Mütter verunsicherten sie. Sie wünschte sich ehrlichen Austausch und gegenseitige Unterstützung. „Ich habe lange nach jemandem gesucht, bei dem ich mich mit meinen Unsicherheiten gut aufgehoben fühle und der mir hilfreich zur Seite steht, ohne mich zu belehren und zu sagen, was richtig und was falsch ist“, sagt Linda. Selbst sozial gut eingebundenen Eltern fehlt es also manchmal in der Elternzeit an ehrlichem Austausch auf Augenhöhe.

Wege aus der Einsamkeit

Was hilft nun also, aus der Einsamkeit herauszukommen? Nicht jeder kann auf die Unterstützung von Freunden oder Familie in der Nähe bauen. Wer vor der Geburt des Babys noch kein gutes soziales Netzwerk hatte, kann Krabbelgruppen, Spielplatztreffen und Co dazu nutzen, um neue Bekanntschaften zu finden. Aktivitäten gemeinsam mit dem Kind wirken der Einsamkeit entgegen, weil man vielleicht neue Bekannte mit gleichen Interessen findet. Nebenbei stärken sie die Bindung zum Kind. Das können Sportkurse sein sowie Kreativ- und Musikangebote, bei denen Babys und Kleinkinder willkommen sind. Du hast keine Gruppe, die dir gefällt, in deiner Nähe? Dann gründe wie Tabea selbst eine – vielleicht in deiner Gemeinde – und mach Werbung dafür, um Gleichgesinnte zu finden. Für alle, die sich dazu nicht überwinden können oder sich wie ich in solchen Gruppen nicht wirklich wohl fühlen, sind vielleicht Online-Foren zum Austauschen eine gute Idee.

Falls du neben dem Elternsein noch einen weiteren Lebenssinn suchst: Auch Ehrenämter sind mit Baby und Kleinkind möglich. Zum Beispiel Besuche bei Senioren in der Gemeinde oder einem Altenheim, die etwa der Besuchsdienst des Roten Kreuzes vermittelt. Die meisten Senioren freuen sich über kleine Kinder! An besonders schlechten Tagen habe ich es nicht geschafft, meine Einsamkeit zu überwinden und persönlich nach Kontakten zu suchen. Dann half es mir, meinen Partner einzubinden. Teilweise hat er dann bei befreundeten Familien angefragt und als ersten Schritt ein Treffen zwischen uns Frauen oder Mamas organisiert. Auch der Glaube kann eine große Stütze sein. Sara sagt, Gott habe in dieser schwierigen Zeit mit ihr „das Leben aufgearbeitet, wie es sonst nie möglich gewesen wäre“. Es half ihr zu wissen, „dass da jemand ist, der mich hält und sieht, auch in den dunkelsten Stunden und allein im dunklen Schlafzimmer“.

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Mama-mit-Baby.jpg 1058 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-18 10:28:042025-02-18 10:28:04Einsam im ersten Babyjahr: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt“

Der Küchentisch – ein Ort, an dem Gott nah ist

Dorothea Bronsema hatte den Eindruck, dass ihr Glaube in der Kleinkindphase eine Pause macht. Bis sie merkte, dass Gott ihr gerade in dieser Zeit besonders nah ist.

Viele Jahre habe ich meinen eigenen Weg gesucht, Gott zu begegnen. Ich habe Bücher gelesen und Gottes Wort studiert. Ich habe Menschen in meinem Beruf als Jugendreferentin angeleitet, Gott zu begegnen. Habe geübt, still zu sein, mich Gott hinzuhalten. Ich habe Seminare besucht, Lobpreis gemacht, um in Gottes Nähe zu kommen. Viel Zeit habe ich in meinem gemütlichen Lesesessel verbracht, mit einem Buch in der Hand und mit Gottes Wort in meinen Gedanken.

Dann wurde ich Mama. Das Mamawerden und -sein katapultierte mich in eine Art geistlichen Ausnahmezustand. Plötzlich war mein ganzes Leben ein anderes. Ein Baby auf einer Intensivstation. Durchwachte und durchsorgte Nächte. Ein Leben von Tag zu Tag. Keine Pause mehr und keine Nacht mit Tiefschlaf. Kein Sonntag. Sieben Tage volle Konzentration auf unser neues Familienmitglied. Gott war zwar mitten im Ausnahmezustand, aber ich war weit weg von jeglicher Alltagsroutine.

Meilenweit entfernt

Als irgendwann der Alltag einkehrte und wir wieder eine Art „Normalzustand“ erreichten, merkte ich, dass mir viel Vertrautes verloren gegangen war. Mein gewohntes Glaubensleben passte nicht mehr. Es war schlichtweg nicht mehr so umsetzbar, wie es mir bisher vertraut gewesen war.

Ich hatte keine Zeit mehr für „Stille Zeit“, dafür ganz viel Müdigkeit. Keine Zeit mehr für langes Studieren in Gottes Wort. Aber viel Sehnsucht nach Gott im Hier und Jetzt. Meine Gebete waren eher müde Hilfeschreie als langes Erzählen aus meiner Welt. Bücher las ich kaum noch. In der Gemeinde befand ich mich plötzlich im Krabbelraum. Hinter einer Glasscheibe. Nah am Geschehen des Gottesdienstes, aber innerlich meilenweit entfernt. Im Krabbelraum war es laut. Eine Gemeinschaft von müden Müttern und Vätern, oft beladen und bedrückt, fragend und im Grenzbereich ihrer Kräfte.

An einem Sonntag brachte uns jemand das Abendmahl in diesen Raum. Das löste etwas in mir aus. Ich musste weinen. Später sagte ich meinem Mann, dass ich das Gefühl habe, kein Teil mehr von echter Gemeinschaft zu sein. Dass ich es vermisse, dabei zu sein. Und wenn ich mal dabei bin, kann ich kaum noch folgen. Die Predigten sind zu weit weg, zu sehr fokussiert auf den Kopf, der bei mir kaum Platz für kluge Worte und Gedanken hatte. Ich versuchte zuzuhören, merkte aber, dass ich nicht andocken kann und dass die Inhalte mein Herz nicht mehr berühren.

Heiliger Tiefpunkt

Ich fragte mich, ob der Glaube in der Kleinkindphase eine Pause macht. Ob die Gemeinde uns überhaupt noch auf dem Schirm hat. Und wie ich dranbleiben kann, ohne mir zusätzlichen Stress zu machen. Ich befand mich an einem Tiefpunkt. Ich, die andere beruflich in die Nähe von Gott gebracht hatte, saß im lauten Kinderraum und fand den Weg zu Gott nicht.

Im Rückblick habe ich den Eindruck, dass dieser Tiefpunkt ein heiliger war. Heilig, weil ich nicht mehr in der Lage war, selbst etwas zu machen, mich innerlich oder äußerlich anzustrengen, viele Bücher zu lesen und tolle Gebetszeiten zu absolvieren. Heilig, weil mir an diesem Tiefpunkt deutlich wurde, was bleibt, wenn äußere Formen wegbrechen. Heilig, weil ich zutiefst ahnte und spürte, dass Gott genau hier mit mir ist – am Boden der Tatsachen. Denn schließlich geht es Gott doch um mein Herz und nicht um Leistung und Äußerlichkeiten. Gott ist nicht an heilige Orte und Räume gebunden. Er hat Wege, mir zu begegnen – da, wo ich jetzt bin.

Ich habe an diesem Tiefpunkt Gott gegenüber formuliert – trotzig und vielleicht auch etwas frech: „Wo bist du? Ich brauche dich da, wo ich bin. In meiner Müdigkeit. In meiner Erschöpfung. Am Boden der Tatsachen. Ich werde wahrscheinlich die nächsten Jahre kaum an Gemeindeveranstaltungen, Kursen und Projekten teilnehmen können. Werde andere nicht anleiten können, sondern nur sein können. Mehr will und kann ich nicht. Begegne mir da, wo ich bin.“

Gott wohnt im Alltag

Ich kann nicht davon erzählen, dass nach diesem Gebet von heute auf morgen alles anders war. Aber ich kann von einem heilsamen Weg erzählen, der mit diesem Gebet begann und mein Glaubensleben verändert hat: Ich habe nicht mehr auf heilige Zeiten und Orte gewartet. Ich habe mir bewusst gemacht, dass Gott in meinem Alltag wohnt, dass er mit mir ist, wenn ich nachts mit einem schreienden Baby auf dem Arm durch unser Haus laufe. Dass er da ist, wenn ich Erbrochenes aufwische. Dass er mit mir wütend ist, wenn ich verzweifelt auf einen Therapieplatz für mein Kind warte.

Ich fing an zu begreifen, dass der Küchentisch ein Ort der Nähe Gottes ist. Weil Gott mit uns am Tisch sitzt. Weil er das Licht ist, das wir brauchen. Weil er wärmt wie der Becher Kakao. Er sieht mein ganzes Ich, meinen Körper und meine Seele. Ich hörte Gott plötzlich reden: im ersten Vogelzwitschern nach einer durchwachten Nacht. Ich spürte seine Umarmung in der Umarmung meiner Kinder. Begriff ihn in Bildern, die das Leben mir jeden Tag zeigte. Hörte ihn reden durch meine Kinder, denn oft waren meine Kinder mir die Stimme Gottes, die ich so nötig brauchte. Es waren keine Blitze aus dem Himmel, keine große geistliche Erkenntnis, aber ich spürte, dass Gott da ist, wo ich bin. Dass er in dieser Zeit wohnt.

Gleichzeitig merkte ich, wie schwer es ist, Vertrautes loszulassen und zu vertrauen, dass das, was ist, gut ist und reicht. Ich lese immer noch gern, glaube aber nicht, dass ich es brauche, um Gott zu begegnen. Ich bin immer noch gern in Gemeinschaft – fremdle aber mit starren Formen. Ich glaube, dass Gemeinden sich dringend mit dem Thema „Familie in Gemeinde“ beschäftigen müssen. Denn diese Zeit verändert Menschen und bringt sie an Grenzen, während Gemeinden oft sehr fokussiert auf Veranstaltungen und Pläne sind. Familien brauchen Unterstützung und Rückenwind. Sie brauchen es, gesehen zu werden.

Gebet zwischen Duplo-Steinen

Ich habe aufgehört, auf die scheinbar perfekten Orte und Gebetszeiten zu warten. Ich nutze spontane Chancen. Manchmal sitze ich mit einer Freundin auf dem Boden zwischen Duplo-Steinen und kreischenden Kindern, und wir beten kurz füreinander. Manchmal sehe ich die Müdigkeit und den Frust im Gesicht meines Gegenübers und frage, ob ich etwas Gutes tun kann. Manchmal formuliere ich, wie es mir gerade geht. Ich zögere nicht mehr so lange, teile mein Inneres, weil ich es so sehr brauche, verstanden zu werden.

Und Gott ist da – auf dem Spielplatz, im Badezimmer, am Abend und am Morgen und in der tiefsten Nacht. Gott ist mir begegnet – so anders, so nah. Oft mitten in meinen Tränen und meiner Erschöpfung. Gott klammert diese Zeit nicht aus. Er geht mit uns mitten durch. Wir brauchen nichts zu tun. Er ist alles. Er tut alles. In dieser Zeit habe ich etwas verstanden, das ich sonst wahrscheinlich nicht begriffen hätte: Gott ist in meinem Alltag. In meinem Hier und Jetzt. Er wird mich nicht verlassen noch von mir weichen. Er sucht und findet mich. Ich darf ganz entspannt meinen Leistungsanspruch herunterschrauben.
Er traut mir zu, eine Mama zu sein. Er traut mir diesen Grenzbereich meiner Kräfte zu. Das bedeutet nicht, dass ich eine schlechte Mama oder eine schlechte Christin bin. Aber doch, dass es eine Zeit ist, in der er mit mir anders reden wird. Eine Einladung, anders zu leben und Glauben neu zu entdecken mit meiner ganzen Familie.

Als Familie begegnen wir Gott gemeinsam auf neue, einfache Weise. Wir feiern zusammen Abendmahl mit einfachen Worten und erleben das als einen Kraftort im Alltag. Wir reden mit Gott, wann immer wir seine Hilfe brauchen. Manchmal weinend zwischen Scherben, manchmal laut lobend und singend. Wir legen den Kindern die Hände auf und segnen sie morgens auf ihren Wegen. Wir bitten Gott um sein Mitgehen in Situationen, die sich unserer Aufmerksamkeit als Eltern entziehen. Wir spüren seinen Segen im Hier und Jetzt. Eine spannende Reise, die mich in meinem Leben mit Gott völlig verändert, hat begonnen. Sie ist nicht fertig oder perfekt, aber geprägt von der spürbaren Nähe Gottes im Alltag.

Dorothea Bronsema ist freiberufliche Referentin, Autorin, Bloggerin und Podcasterin und wohnt mit ihrer Familie in Nordhessen. Im Sommer erscheint ihr zweites Buch, in dem sie über ihre Erfahrungen im Mamasein schreibt.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Familie-Essen-Kueche-Tisch-Papa-Kinder-Sohn-Tochter.jpg 1024 2120 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-15 16:20:502025-02-20 16:21:07Der Küchentisch – ein Ort, an dem Gott nah ist

0 bis 2 – Fitness nach der Schwangerschaft

Elternfrage: „Ich möchte nach meiner dritten Schwangerschaft und entsprechend langer sportlicher Pause wieder mehr Sport treiben. Wie lässt sich Fitness im Alltag mit Baby und kleinen Kindern umsetzen?“

Gratuliere! Wie gut, dass es dir gelingt, trotz trubeligem Alltagschaos diesen Wunsch nach Fitness wahrzunehmen, der in erster Linie dich im Blick hat. In der Kleinkindphase rutschen eigene Bedürfnisse oft viel zu stark in den Hintergrund. Nimm dir zunächst einen Moment Zeit und nutze folgende Fragen als Anregungen für dich, um herauszufinden, welche Sportart und Intensität zu dir passt:

1. Ist fitter zu werden gerade ein wichtiger Wunsch von mir oder kommt er von außen?
2. Was steckt hinter meinem Wunsch? Geht es mir darum, mich wieder wohler zu fühlen oder um Schmerzen, die damit verschwinden sollen? Ist es mein Beckenboden oder sind es die zu vielen Schwangerschaftskilos?
3. Welche Sportart würde mir am meisten Spaß machen, wenn ich mehr Zeit für mich hätte?

Ernährung im Blick behalten

Sport ist nicht immer die einzige Lösung, um fitter zu werden. Ich erlebe in meinen Sportkursen häufig eine große Frustration bei jungen Müttern, die gehofft hatten, ihre überschüssigen Kilos durch den Kurs loszuwerden. So viel können wir uns gar nicht bewegen, dass sich allein über diesen Hebel auf der Waage etwas tut! Hier spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle. Mein Ratschlag ist deshalb immer, den Body-Mass-Index (BMI) checken zu lassen und sich gegebenenfalls über eine Ernährungsumstellung zu informieren. Auf diesem Weg wirst du automatisch auch deine Fitness verbessern. Ganz wichtig: Wir brauchen keine Modelmaße, sondern ein gesundes Normalgewicht. Und damit ist nicht das Wunschgewicht gemeint.

Unter Umständen steckt hinter deinem Wunsch nach Fitness auch eine Beckenbodenproblematik. Diese solltest du immer ernst nehmen. Schmerzen, Unlust oder Unwohlsein beim Sex, Inkontinenz oder Druckgefühl am Beckenboden sind keine Seltenheit und können sehr belastend für dich und deine Beziehung werden. Wenn du deinen Beckenboden stärken möchtest, ist es wichtig, dass beim Sport kein übermäßiger Druck im Bauchraum entsteht. Sportliches Trampolinspringen solltest du ebenfalls vermeiden.

Fitness-Übungen für den Alltag

Ich habe dir ein paar Anregungen zusammengestellt, mit denen du mitten im Kleinkindtrubel etwas für deine Fitness tun kannst:

1. Kinderwagen-Training

Greife den Kinderwagen seitlich vom Griff und lenke ihn über den Druck der Hände.

2. Jede Treppe ein Workout

Gehe zwei Stufen hoch und direkt wieder runter, spiele dabei mit dem Tempo. Wechsle nach einer Minute das Bein, mit dem du den ersten Schritt machst.

3. Zwischendurch ein paar Squats

Kniebeugen sind eine super Basisübung für ein stabiles Becken und kraftvolle Beine. Wechsle nach zehn Wiederholungen zehnmal in den Ballenstand (Zehenspitzenstand).

4. Brücke üben auf dem Spielteppich

Das Bridging in der Rückenlage tut dem Beckenboden gut und hilft bei Schmerzen in der Wirbelsäule. Rolle das Schambein Richtung Bauchnabel und hebe mit dem Ausatmen das Becken hoch, bis dein Gewicht auf den Schulterblättern ruht. Atme oben tief ein und rolle Wirbel für Wirbel zurück.

Mein wertvollster Tipp für dich ist: Gehe ohne Handy und Fitnessuhr walken. Sei nur bei dir. Nimm immer die gleiche Route. Das hilft, um Routinen zu etablieren.

Maren Seitzinger ist Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Frauengesundheit und hat ein Pilates-Studio in der Nähe von Köln. Sie lebt mit ihrem Mann Christian, ihren zwei Söhnen Leo und Mats sowie der Hündin Nala in Pulheim.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Elternfrage-Fitter-werden.png 960 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-10 08:41:382025-02-10 08:41:380 bis 2 – Fitness nach der Schwangerschaft

Sexualisierte Gewalt an Kindern: Expertin gibt Tipps zur Prävention

Wie lernen Kinder, die Grenzen körperlicher Nähe wahrzunehmen und zu benennen? Und wie kann man Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen? Im Interview gibt Präventionsexpertin Agota Lavoyer Tipps, worauf Eltern achten sollten.

Wann würdest du beginnen, mit Kindern über körperliche Nähe und Grenzen zu sprechen?

Agota Lavoyer: Darüber kann man sehr früh mit Kindern sprechen, sobald man ihnen auch andere Dinge erklärt. Als Eltern bekommt man ja mit, wie viel Nähe ein Kind mag. Diese Beobachtungen sollte man unbedingt aufgreifen und dem Kind beibringen, dass sein Körper ihm gehört und es selbst darüber entscheiden darf. Als Erwachsene ist es wichtig, uns bewusst zu machen: Auch Kinder haben Grenzen. Diese Erkenntnis ist relativ neu in unserer Gesellschaft, weil wir von einer Pädagogik kommen, in der körperliche Gewalt ganz normal Teil der Erziehung war. Viele sträuben sich noch dagegen, Grenzen von Kindern genauso zu achten wie von Erwachsenen.

Kein öffentlicher Gegenstand

Ja, da wird schnell mal ungefragt einem Kind über den Kopf gestreichelt, auch von fremden Personen. Was kann ich als Elternteil in so einem Fall tun?

Am wichtigsten finde ich, dem Kind die Rückmeldung zu geben: Das ist nicht okay. Der Kopf eines Kindes ist kein öffentlicher Gegenstand, der einfach berührt werden darf. Diese klare Haltung seiner Eltern gibt dem Kind Sicherheit, selbst zu bestimmen, wie viel Nähe es zulassen möchte. Und wenn man solche Vorfälle im eigenen Umfeld immer wieder thematisiert, sensibilisiert das auch diejenigen, die so etwas vielleicht selbst manchmal tun.

Wie können wir als Eltern unser Kind noch darin stärken, eigene Grenzen zu kommunizieren?

Ich finde es gut, sich bei alltäglichen Dingen wie Umarmungen oder Küssen immer mal rückzuversichern, ob unser Kind das noch mag oder ob es vorher gefragt werden möchte. Wenn wir dem Kind unsere eigenen Grenzen vorleben, lernt es, dass es normal und in Ordnung ist, diese auch zu kommunizieren.

Grenzen einhalten

Ich habe mich mal überwunden, einem Verwandten zu sagen, dass ich das Gefühl habe, mein Vierjähriger möchte nicht jedes Mal gekuschelt werden und dass er ihn vorher fragen soll. Er geht nun sehr achtsam mit dem Kind um. Und mein Sohn fühlt sich ernst genommen und sucht von sich aus viel Nähe zu diesem Verwandten.

Das ist ein schönes Beispiel. Als Eltern müssen wir uns darüber bewusst sein: Wir sind dafür zuständig, dass die Grenzen unserer Kinder gewahrt werden. Ein Kind ist in den meisten Fällen überfordert damit. Ich finde es wichtig, Kindern in diesem Zusammenhang auch beizubringen: „Du musst niemals Nähe oder Zärtlichkeit erdulden, um Liebe, Aufmerksamkeit oder ein Geschenk zu bekommen.“ Es ist in der Gesellschaft noch nicht selbstverständlich, über körperliche Grenzen zu sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass sich das in der Zukunft ändern kann. Unsere Kinder können wir von Anfang an sprachfähig machen.

Jetzt haben wir viel über Grenzen gesprochen. Wieso ist es so wichtig, Kinder auch konkret über die Gefahren sexualisierter Gewalt aufzuklären?

Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern ist enorm – etwa jedes siebte Kind ist betroffen –, doch viele Kinder haben keine Ahnung, was sexualisierte Gewalt ist. Wir klären sie selbstverständlich über die Gefahren im Straßenverkehr oder von Feuer auf. Auch über sexualisierte Gewalt sollten wir unaufgeregt mit ihnen ins Gespräch kommen. Das ist für viele Erwachsene schwierig, weil sie diese Gespräche mit ihren Eltern selbst nicht erlebt haben. Doch um Übergriffe erkennen und mit uns darüber sprechen zu können, müssen Kinder wissen, was okay ist und was nicht.

Klare Sprache

Ich habe von dem Beispiel gehört, dass ein Kind von den sexuellen Übergriffen durch seinen Großvater erzählt hat: „Der Opa fährt immer den Traktor in die Garage.“ Weshalb ist es so wichtig, die Körperteile im Intimbereich korrekt zu benennen?

Einerseits stärkt es die Selbstwirksamkeit und das Körpergefühl, wenn ein Kind weiß, wie Körperteile heißen, und andererseits macht es Kinder sprachfähig. Das gilt für sexualisierte Gewalterlebnisse in der Kindheit und ist genauso wichtig für die schöne Seite von Nähe, um Bedürfnisse äußern und Konsens herstellen zu können. In meinem Umfeld erlebe ich: Wenn Kinder mit den Begriffen Vulva, Vagina und Penis aufwachsen, sind das normale Worte für sie.

Fast alle Täter und Täterinnen stammen aus dem nahen Umfeld. Was können Eltern tun, um Übergriffen vorzubeugen?

Potenzielle Tatpersonen werden abgeschreckt, wenn sie miterleben, dass offen über Grenzen gesprochen wird und die Kinder darüber Bescheid wissen. Ich würde auch in allen Einrichtungen und Vereinen, die mein Kind besucht, nachfragen, ob es ein Schutzkonzept für sexualisierte Gewalt gibt und wie mit Grenzverletzungen umgegangen wird. Oder auch, was dafür getan wird, damit es nicht zu grenzverletzendem Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern kommt und wie mit grenzverletzendem Verhalten unter Kindern umgegangen wird. Wenn man das beim Elternabend fragt, werden auch die anderen Eltern sensibilisiert. Außerdem finde ich es enorm wichtig, dass Lehrpersonen sich mit diesen Themen beschäftigen und mit den Schülerinnen und Schülern darüber sprechen. Niemand kann dafür sorgen, dass alle Eltern mit ihren Kindern über Grenzen und Grenzverletzungen sprechen, doch in die Schule müssen alle Kinder gehen.

Sexualisierte Gewalt: Fragen stellen und zuhören

Und wie können Eltern ihr Kind ermutigen, von grenzverletzendem Verhalten zu erzählen?

Ich habe lange in der Opferberatung gearbeitet und viele Erwachsene gefragt, was sie als Kinder gebraucht hätten, um darüber zu sprechen. Neben der Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, haben nicht wenige gesagt: „Es hat nie jemand gefragt.“

Gerade wenn wir uns um ein Kind Sorgen machen, weil es sich verändert hat, oft traurig ist oder schlecht schläft, stellen wir dem Kind viele Fragen, wie: „Wirst du gemobbt, hast du Probleme in der Schule oder mit den Freunden …?“ Ich finde es wichtig, auch immer mal wieder zu fragen: „Ist dir schon mal jemand zu nahe getreten, hat dich im Intimbereich berührt oder dir eine sexualisierte Nachricht geschickt?“

Je alltäglicher diese Themen in einer Familie sind, desto einfacher ist es, darüber zu sprechen.

So helfen Eltern betroffenen Kindern

Angenommen, mein Kind erzählt mir von einem Vorfall, wie soll ich als Elternteil reagieren?

Unsere Reaktion ist für die Verarbeitung des Kindes sehr ausschlaggebend. Mein wichtigster Rat ist, in dem Moment zu versuchen, ruhig zu bleiben, dem Kind zuzuhören, es ernst zu nehmen und nichts zu überstürzen. Dem Kind immer die Rückmeldung zu geben: „Ich finde es stark, dass du mir das erzählt hast. Vielen, vielen Dank!“

Idealerweise schreibt man wortwörtlich auf, was das Kind erzählt hat. In den meisten Fällen ist man emotional so aufgewühlt, dass man schon am nächsten Tag nicht mehr genau weiß, was das Kind erzählt hat. Priorität Nummer eins ist: das Kind vor Begegnungen mit der mutmaßlichen Tatperson schützen. Es ist okay, wenn das Kind für ein paar Tage mal nicht in die Schule geht. Wir sollten die Tatperson auf keinen Fall direkt mit der Tat konfrontieren. Ich rate immer, sich unbedingt Hilfe von Fachpersonen zu holen. Es gibt keine pauschale Handlungsstrategie für sexualisierte Gewalt, sondern die Fachleute werden jeden Fall genau anschauen und individuell raten, was zu tun ist. Es gibt sehr viele gute Stellen, an die man sich wenden kann, auch telefonisch oder per Chat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Koppri.

Anlaufstellen

Nummer gegen Kummer für Eltern (D):
0800 111 0 550

hilfe-portal-missbrauch.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Sexualisierte-Gewalt_BN_GettyImagesTassii-989858883.jpg 1414 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-07 14:49:172025-02-07 14:49:17Sexualisierte Gewalt an Kindern: Expertin gibt Tipps zur Prävention

Zur Hoffnung erziehen: Diese Botschaft müssen Kinder hören

Was hilft uns, wenn alles scheinbar den Bach runtergeht? Wie können wir unsere Kinder zur Hoffnung erziehen? Erziehungsexpertin Daniela Albert rät: Wir können den Herausforderungen nur gemeinsam begegnen.

Beim Konsumieren meiner Eltern-Bubble in Social Media bin ich in den letzten Jahren immer wieder an meine Grenzen gekommen. Ich folge vielen Müttern und Vätern, die sich für die Belange dieser Welt engagieren – in der Klima­bewegung, in politischen Parteien, NGOs oder in christlichen Werken und Organisationen. Alle haben sie gemeinsam, dass sie für ihre Themen brennen, sie immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und für Entwicklungen sensibilisieren, die ich sonst sicher nicht mitbekommen oder nicht in diesem Maße durchdringen würde. Mir gefällt das. Ich mag Menschen, die meinen Horizont erweitern und sich sinnvoll einbringen. Das macht Hoffnung.

Auf Halt angewiesen

Doch in vielen Bereichen, in denen man sich für Gottes Welt einsetzen kann, herrscht gerade eine eher schwierige Stimmung, weil unser Planet durch eine krisenhafte Zeit geht. Und so finde ich in besagten Profilen leider auch eine zunehmende Lust am Untergang. Wenn Menschen ihre Themen platzieren, dann gern aus Sicht des schlimmstmöglichen Ausgangs. Wir sehen das bei der Klimakrise, wir konnten es in teilweise verstörendem Maß seit Beginn des Kriegs in der Ukraine wahrnehmen, und während ich das schreibe, sind nicht wenige davon überzeugt, dass in den USA das Ende der Demokratie bevorsteht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir offenbar alle Teil eines riesigen Sozialexperiments namens „Smartphone“ sind, das unsere Kinder und Jugendlichen in bisher ungeahntem Maß dauerhaft schädigen wird.

Wow! Geht es auch eine Nummer kleiner? Besonders wenn diejenigen, die den Weltuntergang beschwören, nebenbei auch Kinder betreuen. Denn gerade sie sind doch darauf angewiesen, dass sie von Erwachsenen begleitet werden, die ihnen Halt und Hoffnung geben. Und die nicht mit der Einstellung umherlaufen, dass wir unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern. Schließlich wollen wir, dass die kommenden Generationen den multiplen Krisen, in die sie hereinwachsen, etwas entgegensetzen können. Doch wie geht das eigentlich? Wie werden Kinder stark und resilient? Wie können sie sich zu Menschen entwickeln, die sich mutig den Herausforderungen stellen, statt sich ängstlich zurückzuziehen? Ich bin der festen Überzeugung: Dafür brauchen sie Eltern, die ihnen Hoffnung vermitteln.

Ein erster Schritt zur Hoffnung

Wenn Krisen – globale oder persönliche – in unser Leben treten, fühlen wir uns oft erst mal machtlos. Wichtig ist es, nicht in diesem Zustand zu verweilen, sondern zu schauen, was wir selbst tun können, um die Situation zu verändern. Dabei kann es oft nicht darum gehen, ein Problem umfassend zu lösen. Gerade die globalen Themen sind dazu viel zu komplex. Selbst private Krisen lassen sich meist nicht mit einem Fingerschnipp beseitigen. Aber irgendwas geht immer: ein erster Schritt, eine kleine Erleichterung, ein schöner Moment inmitten von Schmerz, Wildblumensamen, die neben sterilen Gärten ausgestreut werden. Und all solche Schritte mögen klein – vielleicht sogar sinnlos – erscheinen. Sie sind es aber nicht. In der Rückschau auf persönliche Krisen, die ich erlebt habe, ist mir das bewusst geworden. Den Unterschied hat am Ende die Ansammlung von vielen kleinen, für sich genommen scheinbar unwichtigen Dingen gemacht. Wie eine Patchworkdecke fügen sie sich zusammen zu etwas, das die Macht hat, Geborgenheit zu geben und Kälte draußen zu halten.

Wenn Kinder einen kleinen Anteil zur Bewältigung einer Krise leisten dürfen, erleben sie Selbstwirksamkeit. Und das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, wenn es um die Bewältigung von Herausforderungen geht. Unsere Aufgabe ist es, die Stellen, an denen sie etwas bewirkt haben, für sie auch sichtbar zu machen. Denn oft fühlen sie sich weiterhin klein. So haben die ausgestreuten Blumensamen vielleicht nicht die Macht, den schlechten Nachrichten über Klimakatastrophen etwas entgegenzusetzen. Doch wenn wir den Kindern an einem Frühsommermorgen zeigen, wie viel Leben sich zwischen diesen Blüten tummelt, ist das doch ziemlich beeindruckend. Der schwerkranke Opa wird vielleicht nicht wieder gesund, wenn man ihn besucht. Doch wir können das Augenmerk der Kinder darauf richten, dass wir ihm inmitten von all der Schwere eine Freude machen konnten.

Wir sind nicht allein

Neben der Erfahrung, selbst etwas an der Situation verändern zu können, brauchen Kinder eine zweite wichtige Sicherheit: Dass es Menschen gibt, auf die sie sich verlassen können. Oft fühlen wir uns in Krisen alleingelassen, haben das Gefühl, dass das Anliegen, für das wir uns engagieren, von anderen kaum beachtet wird. Und überhaupt denken die meisten doch vor allem an sich, oder? Nein – das ist nicht wahr! Bei all dem Schlechten, das wir in den Nachrichten sehen oder uns von anderen berichtet wird, geht oft eines unter: Die meisten Menschen sind bereit, sich um andere zu kümmern und tun das auch, wenn es hart auf hart kommt.

Wir lesen immer wieder Geschichten von Notfällen, bei denen keiner zu Hilfe gekommen ist. Doch das liegt nicht etwa daran, dass alle immer ignoranter werden, sondern daran, dass so etwas selten vorkommt. Deshalb berichten Medien darüber. All die anderen 1.000 Notfälle, bei denen sofort helfende Hände da waren, schaffen es seltener in die Nachrichten, weil sie selbstverständlich sind – und keine Schnappatmung und somit weniger Klicks im Internet auslösen. Wenn wir unsere Kinder also zu hoffnungsvollen und mutigen Menschen erziehen wollen, können wir darauf achten, dass wir ihnen die guten Geschichten erzählen – die, in denen Menschen einander etwas Gutes tun, sich helfen. Und nicht zuletzt finde ich es, neben dem Vertrauen in sich und in andere, unfassbar hilfreich, dass unsere Kinder mit dem Glauben an einen Gott heranwachsen, der uns sogar Hoffnung über dieses Leben hinaus schenkt.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Kaufungen und bloggt: eltern-familie.de. In ihrem Buch „Was trägt? Was zählt? Was bleibt?“ (Neukirchener) gibt sie weitere Anregungen zum Thema.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/F-und-FN_Albert_Hoffnung-in-Familie_BN_Getty-Images_Imgorthand-905836626-scaled.jpg 1931 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-04 16:44:062025-02-04 16:44:06Zur Hoffnung erziehen: Diese Botschaft müssen Kinder hören

Nach der Scheidung: „Ich musste zu mir zurückfinden“

Nach ihrer Scheidung fühlte Christine Poppe sich völlig zerbrochen. Trotz Druck und zerstörten Selbstbildern kämpfte sie sich ins Leben zurück.

Ein zerbrochenes Selbstbild

Scheidung bedeutet Zerbruch – von Liebe, Freundschaften, Zukunftsträumen, Idealen. Wie hast du das erlebt?
Ja, mir ging es sehr ähnlich. Vor allem war mein Selbstbild damals auch zerbrochen. Ich hatte bis zu der Scheidung geglaubt, dass ich alles schaffen kann, dass es nichts gibt, was mir zu schwer ist und dass mit Gottes Hilfe und Gebet alles möglich ist. In diesem Glauben bin ich auch in diese Ehe gegangen. Jahrelang habe ich mir größte Mühe gegeben, alles versucht, bin über meine Grenzen gegangen. Aber es hat nie gereicht, und wir sind gescheitert.

Wie hat dein Umfeld auf die Scheidung reagiert?
Leider habe ich viele Freunde und Bekannte, vor allem aus der Gemeinde, verloren und bin auf Unverständnis gestoßen, weil ich diejenige war, die die Beziehung beendet hat. Zwar habe ich auch viel Unterstützung und Mitgefühl erfahren, auch von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Allerdings konnte ich mich damals nicht gut innerlich von anderen abrenzen, da tat jede Bemerkung weh. Und es gab auch Leute, von denen ich mich verraten gefühlt habe. Von einigen Personengruppen musste ich mich ganz abschotten, um mich zu schützen.

Identifizierst du dich als „geschiedene Frau“?
Nein, das spielt keine entscheidende Rolle. Es ist Teil meiner Geschichte. Jede Geschichte hat Brüche und Fehler. Ich war 21, als ich geheiratet habe. In einem Umfeld ohne diese Prägung mit sehr enger Sexualmoral hätte ich nicht so früh geheiratet. Daher ist es eher wie eine schlechte Ex-Freund-Geschichte. Ich habe viel daraus gelernt und mich weiterentwickelt. Aber es bestimmt nicht meine Identität. Ich bin jetzt jemand anderes. Ich bin in erster Linie einfach ich. Und dann die Frau meines zweiten Ehemanns, ich bin die Mutter meiner Tochter, ich bin Traumasensible Coachin – diese Dinge machen mich aus. Heute fühlt es sich so an, dass nicht mein wahres Selbst damals geheiratet hat, sondern etwas in mir, das sehr zerbrochen war und inzwischen heilen konnte.

Meilensteine auf dem Weg der Heilung

Du hast – das beschreibst du auch in deinem Buch – bis zur Selbstaufgabe für deine Ehe gekämpft. Wie ist es dir gelungen, dein Selbst wieder zurückzugewinnen?
Das ist ein langer Prozess, der noch bis heute andauert. Das Wichtigste war die Therapie, die ich bei einem christlichen Therapeuten gemacht habe, der auf Trauma spezialisiert war. Mit dem habe ich direkt nach der Trennung circa zwei Jahre gearbeitet. In der Zeit habe ich meine Trennung aufgearbeitet. Jahre später, nachdem ich meine Tochter geboren habe, ist bei mir noch mal einiges aufgebrochen, was in meiner Kindheit passiert ist und wozu ich vorher keinen Zugang hatte. Mir wurde klar, dass diese Erfahrungen erst der Grund waren, warum ich mich auf jemanden eingelassen hatte, der selbst nicht wusste, ob er mich liebte oder nicht. Ich konnte Zugang zu meinem unversehrten Kern finden, zu dem in mir, was trotz allem, was mir passiert ist, in Ordnung geblieben ist. Ich durfte verschiedene innere Anteile in mir kennenlernen, auch Anteile, die miteinander in Konflikt sind, sie in Einklang bringen, und konnte ein, wie man sagt, kohärentes Selbst finden. Ich habe gelernt, was eine sichere Beziehung ist: eine Beziehung, in der ich nicht abgewertet werde, in der meine Gefühle relevant sind, in der meine Grenzen akzeptiert werden. Durch meinen jetzigen Mann und meine beste Freundin durfte ich lernen, was Bindungssicherheit bedeutet. Ich habe gelernt, dass es okay ist, zu zeigen, wer ich wirklich bin und was ich möchte. Ich konnte eine Beziehung zu mir selbst gewinnen und das war entscheidend.

Gab es denn spezielle innere und äußere Schritte oder Meilensteine auf diesem Weg?
Ein wichtiger Schritt war, als ich das erste Mal bei meinem Therapeuten Michael saß und ihm gesagt habe, dass ich glaube, dass ich komplett kaputt bin, dass alles furchtbar ist, ich überhaupt keine Hoffnung habe, dass ich Hilfe brauche und nicht weiß, wie ich weiterkomme. Er konnte mir glaubhaft vermitteln, dass ich nicht kaputt bin, sondern nur das Bild, das ich von mir habe. Das hat mich aufatmen lassen und mir Hoffnung gegeben, dass ich mich davon wieder erholen kann. In der Therapie hatte ich dann eine krasse Begegnung mit Jesus. Er hat mir den Rucksack mit meiner Schuld abgenommen. Da habe ich gemerkt, dass ich tief im Inneren überzeugt war, dass ich schuld war, weil ich einfach generell schlecht bin. So hatte ich das immer gelernt. In der Jesusbegegnung habe ich erlebt, dass er zu mir sagt, dass ich nicht selbst schuld bin und dass er mir da, wo ich Mist gebaut habe, die Schuld abnimmt. Gott macht mir keinen Vorwurf – nur ich mir selbst. Korrigierende Erfahrungen in Beziehungen waren für mich relevante Meilensteine. Die Beziehung zu meiner besten Freundin und die zu meinem zweiten Mann. In diesen zwei Beziehungen habe ich zum ersten Mal im Leben wirkliche emotionale Sicherheit gespürt. Das war eine sehr positive Erfahrung für mich.

Was war für dich nötig, um wieder neu ins Leben und in eine neue Beziehung zu starten?
Eigentlich bin ich in die Beziehung zu meinem zweiten Mann gestolpert, ohne dafür bereit gewesen zu sein. Ich hatte ausgeprägte Bindungsängste. Mein Mann war sehr sensibel und hat mir durch sein Verhalten immer wieder signalisiert, dass er da ist und sich kümmert. Anfangs war es auch keine feste Beziehung. Er hat sich aber immer verhalten wie ein fester Freund. Er hat mir handwerklich geholfen und als ich immer wieder ins Krankenhaus kam, hat er seine beruflichen Termine abgesagt und ist zu mir gekommen. Ich hatte ihm das gar nicht erzählt, aber er hat es mitbekommen, fand heraus, wo ich war und hat mich damit nicht alleine gelassen. Immer wieder hat er sich gekümmert und mich priorisiert. So ein Verhalten kannte ich nicht und mir wurde klar, dass mir das immer gefehlt hat. Gerade weil er so war, hatte ich Angst und wollte deswegen die Beziehung immer wieder beenden. Ich dachte, er ist jetzt so nett, weil er verliebt ist, ich gewöhne mich daran und komme dann nicht mehr klar, wenn er so wird, wie ich es bisher von Menschen kannte. Daher brauchte ich Mut, mich auf die Beziehung einzulassen, der Angst entgegenzutreten und das Gute zu erwarten.

Erkenntnisse aus der Scheidung

Was war für dich die größte Hürde, wieder du selbst zu sein?
Ich glaube, die Loyalität, die ich gespürt habe, gegenüber meiner Familie und auch der Glaubensgemeinschaft. Die Entwicklung, die ich in meinem Glauben erlebt habe, widersprach dem, was mein engstes Umfeld glaubte und das fühlte sich an wie Verrat. Dazu kam die Angst, dass ich, wenn ich so bin, wie ich bin, meine wichtigsten Bezugspersonen verliere. Aber durch die Verbindung zu mir selbst, meiner besten Freundin und meinem Mann war ich schließlich in der Lage, das Risiko, ich selbst zu sein, einzugehen.

Empfindest du Groll gegenüber deinem Ex-Mann?
In den ersten zwei Jahren nach der Trennung war das schon so. Ich war sehr verletzt und hatte das Gefühl, er tut absichtlich Dinge, um mich zu verletzen. Dann habe ich versucht, zu vergeben und loszulassen. Ich wollte alles hinter mir lassen und mich auf mein neues Leben fokussieren. Einmal sagte meine Mutter zu mir, wie sauer sie darüber sei, dass er mein Leben zerstört habe. Einerseits hat mich ihre Solidarität getröstet. Aber ich habe dann zu ihr gesagt, dass er es nicht zerstört hat. Mir geht es gut, er hat keine Macht mehr über mein Leben. Ich kann mich um meine Angelegenheiten kümmern. Ich habe mich von ihm getrennt. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben und gestalte meine Zukunft.

Was hat dir geholfen, deine Zukunft aktiv zu gestalten?
Es gab einen entscheidenden Moment. Es war ein Tiefpunkt, an dem ich dachte, es würde alles nur immer schlimmer werden. Danach habe ich mich zusammengerissen, habe mir überlegt, wie ich denn leben will. Ich habe für alle Lebensbereiche aufgeschrieben, was ich mir vorstelle. Wer sollen meine Freunde sein? Wie sollen sich Freundschaften anfühlen? Welchen Job möchte ich machen? Welche Träume habe ich? Und so weiter. Dann habe ich bewusst meine Energie auf die Zukunft fokussiert. Kurz entschlossen habe ich Wirtschaftspsychologie studiert, eine Ausbildung zur Traumasensiblen Coachin gemacht, den Job gewechselt, mir unterschiedliche berufliche Standbeine aufgebaut. Dann bin ich schwanger geworden. Insgesamt habe ich mir ein Leben gebaut, das mir entspricht. Diese Freiheit und Ausrichtung hat mir unfassbar viel Motivation und Energie gegeben.

Wenn du ein Resümee ziehen solltest, was wäre deine wichtigste Erkenntnis aus oder nach deiner Scheidung?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass wir einen unversehrten Kern haben, der unfassbar stark ist, der sehr viel überstehen kann. Unsere Fehler definieren nicht, wer wir sind. Und dass das Einzige, was Gott mir schenken will, Liebe ist. Das hat mein Leben verändert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Scheidung.jpg 1151 1732 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-02-04 15:56:332025-02-21 10:49:30Nach der Scheidung: „Ich musste zu mir zurückfinden“

So gelingt gesunde Ernährung als Familie

Gesunde und nachhaltige Ernährung? Das klingt für viele Familien nach einer Herausforderung. Ernährungsexpertin Elke Decher ist überzeugt: Mit ein bisschen Kreativität ist das gar nicht so schwierig.

Regionale Vielfalt entdecken

Was würden Sie im Supermarkt eher kaufen: Bio-Äpfel, die in Plastik verpackt sind, oder „normale“, lose Äpfel?
Ich würde regionale Produkte aus meiner Umgebung kaufen. Sie haben kurze Transportwege, ich kann erkennen, woher sie kommen, vielleicht kenne ich den Hof sogar. Das ist bei Bio-Produkten nicht unbedingt der Fall. Es gibt viele regionale Produkte, die nicht so stark gespritzt werden. Die kann man gründlich waschen und dann auch mit Schale mit gutem Gewissen essen.

Wie kann man auf die große Auswahl im Supermarkt verzichten und sich mehr auf regionales Obst und Gemüse einlassen?
Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass man auch mal eine exotische Frucht probiert. Dinge, die einen langen Transportweg haben, sind manchmal unumgänglich. Aber an dem Beispiel Erdbeeren wird es ziemlich klar: Natürlich gibt es Erdbeeren im Winter, aber diese sind entsprechend behandelt, nicht sehr aromatisch und haben neben langen Transportwegen auch einen deutlich geringeren Vitamin-C-Gehalt. Das kann man Kindern auch vermitteln und wirklich mal gucken: Was hat denn gerade Saison? Kinder bekommen viel Ernährungserziehung von ihren Vorbildern mit. Viele Organisationen stellen Saisonkalender zur Verfügung, die man in der Küche aufhängen kann. In vielen Medien gibt es auch saisonale Rezepte. So kann man sein eigenes Repertoire nochmal überdenken und Neues ausprobieren. Wenn das von klein auf eingeübt wird, ist auch bei den Kindern die Bereitschaft dazu größer.

Gesund durch den Alltag

Bedeutet gesund und nachhaltig immer dasselbe?
Eine ernährungsphysiologisch ausgebildete Person hat immer ein gewisses Problem mit dem Wort „gesund“. (lacht) Grundsätzlich ist der heimische Apfel ein gesundes Nahrungsmittel. Wenn Sie aber nur noch Äpfel essen, entstehen natürlich Nährstoffdefizite. Auch Fisch ist sehr gesund, je nach Zucht aber nicht nachhaltig. Es kommt also insgesamt auf eine vollwertige Ernährung an.

Wie kann man so eine bedarfsgerechte, vollwertige Ernährung im Alltag effizient umsetzen?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt Nährstoffhinweise für eine bedarfsgerechte Ernährung aller Altersgruppen heraus. Die hat das Bundeszentrum für Ernährung in der sogenannten Ernährungspyramide zusammengefasst. Wenn jeden Tag alle Bausteine aus der Pyramide abgedeckt sind, ist eine gesunde, bedarfsgerechte Ernährung erfüllt. Mittlerweile ist auch der Nachhaltigkeitsaspekt in die Pyramide integriert.
Wasser ist die Basis der Pyramide. Als nächstes kommen verstärkt pflanzliche Lebensmittel. Mit frischen Sachen kann man relativ viel machen, das gar nicht so viel Arbeit erfordert. Dass viele eine gesunde Ernährung als zu aufwendig empfinden, ist häufig eine Schutzbehauptung. Auch, wenn jemand wenig Budget hat, muss man kreativ werden und schauen: Was hat Saison?

Das Problem fängt immer da an, wo Menschen insgesamt nicht gern kochen und alles schnell gehen muss. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber das Kochen in den Familien oder Kitas kann man auch als gemeinsame Zeit ansehen. Einen Pizzateig selbst zu machen und mit frischen Sachen zu belegen, ist eigentlich kein großer Aufwand und im Vergleich zur Fastfood-Pizza werden dabei auch ein paar Kalorien eingespart. Gemüse, das nicht mehr so schön aussieht, kann man zu Cremesuppen verarbeiten – das essen die meisten Kinder super gern. Auch aus Kartoffeln kann man vieles machen. Ich denke, dass man sich vor dem frischen Kochen nicht scheuen darf und die Zeit mit den Kindern zusammen verbringen sollte – Kochen ist ein sehr verbindender Akt.

In vielen Familien gehört ein – häufig ungesunder – Snack zur täglichen Routine. Wie kann man sicherstellen, dass Süßigkeiten nicht zur Selbstverständlichkeit werden?
Eine Portion Pommes oder Süßigkeiten am Tag sind durchaus erlaubt. Aber wenn es ganz viele werden, ist das natürlich nicht sinnvoll. Süße Nachtische haben leider oft den Effekt, dass sie das eigentliche Hauptgericht verdrängen. Deshalb würde ich sie voneinander loskoppeln und statt Nachtisch einen Snack im Nachmittagsbereich anbieten. Das Mittagessen soll dazu dienen, dass man sich an Gemüse, an Beilagen, vielleicht auch einer kleinen Portion Fleisch satt isst.

Viele süße Snacks wie Pudding oder Müsliriegel kann man auch gut selbst machen. Das ist am Anfang sicher gewöhnungsbedürftig, aber mit der Zeit kann man die Menge an Zucker langsam reduzieren. Dann bekommt man einen anderen Süßgeschmack – und sensibilisiert sich wieder in Richtung „weniger süß“. Routinen aufzubrechen und die Zuckermenge beim Selbst-Zubereiten zu reduzieren, ist sinnvoll. Und auch da muss man ein bisschen kreativ sein. Ich glaube, die meisten bekommen das ganz gut hin.

Veganer müssen sich gut informieren

Viele Menschen ernähren sich und teilweise auch ihre Kinder vegetarisch oder vegan, um die Umwelt zu schützen. Ist das gesund?
Insgesamt hat man lange gesagt, dass heranwachsende Kinder auf keinen Fall vegan ernährt werden sollten. Bei einer vegetarischen, also pflanzenbasierten Vollwerternährung ist es deutlich einfacher, wichtige Nährstoffe wie Jod und Eisen auf natürlichem Wege aufzunehmen.

Für eine ausgewogene vegane Ernährung muss man schon sehr gut informiert sein und schauen: Was könnte mir an Vitaminen oder Mineralstoffen fehlen? Häufig muss man substituieren und zusätzliche Nährstoffe zuführen, damit keine Mangelerscheinungen auftreten. Gerade bei Heranwachsenden ist das noch problematischer, weil sich das Gehirn noch entwickelt und der Körper noch im Aufbau ist.

Trotzdem reicht die ernährungsphysiologische Perspektive da allein nicht aus, denn das hat ja auch ethische Gründe und hängt mit einer inneren Haltung zusammen. Diese zwei Paar Schuhe muss man nebeneinander stehen lassen. Grundsätzlich finde ich es positiv, dass viele sich dadurch mit ihrer Ernährung auseinandersetzen. Eine vegetarische Ernährung kann man als Familie gut machen. Aber eine vegane Ernährung würde ich für Kinder nicht empfehlen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Malin Georg. Sie ist Volontärin bei Family und FamilyNEXT.

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