Schüchterne Menschen leben und lieben anders als gesellige. Wie unterschiedlich sie Urlaub, Job und Sex verstehen, zeigt Experte Jörg Berger mit einem Wörterbuch.
Wer ist eigentlich merkwürdiger? Menschen, die im größten Trubel auftanken und entspannen können? Oder Menschen, die unausstehlich werden, wenn man sie von ihren Rückzugsmöglichkeiten abschneidet? Bereits Ihre Antwort auf diese Frage verrät Ihnen, ob Sie eher introvertiert oder extravertiert sind. Nur selten finden in der Liebe zwei sehr introvertierte Menschen zusammen, auch zwei sehr extravertierte Persönlichkeiten gehen nicht oft eine Paarbeziehung ein. Denn stille Menschen schätzen die Tatkraft und Lebendigkeit extravertierter Persönlichkeiten. Umgekehrt reizt diese die Ruhe und Empfindungstiefe introvertierter Partner. Viele Paare haben daher ein Aha-Erlebnis, wenn sie dem Gegensatz auf die Spur kommen, wie Menschen die Welt erleben.
Gesellig oder unabhängig?
Die Persönlichkeitspsychologie wird auch Psychologie der Unterschiede genannt (Differenzielle Psychologie). Sie befasst sich also vor allem mit der Frage, in welcher Hinsicht sich Menschen unterscheiden. Zu den wenigen wissenschaftlich gesicherten Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden, gehört die Dimension Introversion – Extraversion. Als extravertiert (wörtlich: außengerichtet) gelten Menschen, die in Fragebögen angeben, dass sie gesellig, gesprächig, aktiv und beziehungsorientiert sind. Introvertierte (wörtlich: Innengerichtete) kreuzen dagegen an, dass sie gegenüber anderen Menschen zurückhaltend sind, ihre Unabhängigkeit lieben und Aktivitäten auch gerne alleine durchführen.
Extraversion und Introversion sind dabei nicht als zwei Schubladen zu verstehen, in die man die Menschheit sauber einteilen könnte. Es sind vielmehr zwei Pole, und Persönlichkeiten befinden sich irgendwo zwischen diesen Polen, manche also auch in der Mitte. Ob sich ein Mensch eher introvertiert oder extravertiert entwickelt, ist weitgehend angeboren, auch wenn natürlich die Lebenserfahrungen bestimmen, wie sich diese Neigung entfaltet. Wer aus seinem zurückhaltenden Partner einen Partylöwen machen will, wird aber genauso auf Grenzen stoßen, wie der, der einen erlebnishungrigen Partner für ein beschauliches Leben gewinnen will.
Menschen lieben unterschiedlich
Der Persönlichkeitsunterschied in diesem Bereich reicht jedoch noch tiefer als bei unterschiedlichen Vorlieben. Extravertierte haben ein starkes Stimulationsbedürfnis und können intensive Sinneseindrücke gut verkraften. Sie fühlen sich daher wohl, wenn etwas los ist. Wenn sie nur schwache Reize erleben, fühlen sie sich schnell leer, gelangweilt und unruhig. Introvertierte dagegen reagieren stark auf Sinneseindrücke, ihnen genügen schwächere Reize, um sich angeregt und berührt zu fühlen. Deshalb brauchen sie Zeiten allein, um die Eindrücke zu verarbeiten und ihren Sinnen eine Pause zu gönnen. Dass introvertierte Menschen als weniger beziehungsorientiert gelten, halte ich für ein Missverständnis. Sie brauchen nur eine andere Dosis in ihren Beziehungen. Wo extravertierte Menschen ihre Liebe durch viele gemeinsame Aktivitäten und intensiven Austausch ausdrücken, zeigt sich die introvertierte Liebe durch eine Empfindungstiefe und eine starke innere Verbundenheit.
Ob Menschen eher introvertiert oder extravertiert sind, beeinflusst auch in der Liebe, wie sie Situationen erleben und was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen. Das gleiche Wort kann etwas völlig anderes bedeuten, je nachdem ob Sie introvertiert oder extravertiert sind. Deshalb habe ich für Sie ein kleines Wörterbuch erstellt, das Ihnen Übersetzungshilfen für einige Schlüsselbegriffe der Liebe gibt.
Freizeit – runterkommen oder hochfahren?
Entspannung, die
introvertiert: Angenehme Abschirmung von Reizen; Möglichkeit, Erlebnisse im eigenen Inneren nachklingen zu lassen und auszukosten
extravertiert: Energiespendende Stimulation durch Begegnungen mit anderen Menschen und schöne Erlebnisse
Urlaub, der
introvertiert: Regeneration und Baumeln lassen der Seele an einem Ort sanfter Schönheit
extravertiert: Erlebnissteigerung durch neue, fremdartige Eindrücke und Aktivitäten
Freunde, die
introvertiert: Seelenverwandte, mit denen Gespräche in die Tiefe gehen; Menschen, die inspirieren, die eigene Entfaltung anregen und helfen, das Leben zu bewältigen
extravertiert: Interessante Persönlichkeiten, die Spaß an den gleichen Aktivitäten haben; Gefährten, die einander tatkräftig unterstützen und voranbringen.
Manche Paare fordert es heraus, in der Freizeitgestaltung auf einen Nenner zu kommen. Die Bedürfnisse des anderen können sich geradezu bedrohlich anfühlen: Der Erlebnishunger des einen kann beim anderen die Angst vor Überforderung und Überreizung wecken. Das Ruhebedürfnis des introvertierten Partners kann sich für den anderen wie eine Verurteilung zu Langeweile und einem verpassten Leben anfühlen. Diskussionen, welcher Lebensstil nun „normal“ oder „gut“ ist, bringen natürlich nicht weiter. Es bleibt nichts, als eine Wertschätzung dafür aufzubringen, wie der andere die Welt erlebt. Ein kleiner Trost: Das, was Sie am anderen schon immer lieben, hat auch mit ihrer/seiner Extraversion beziehungsweise Introversion zu tun. Wenn ich Paare berate, dann erlebe ich immer wieder: Wo Wertschätzung ist, finden sich auch Kompromisse. Warum soll der introvertierte Partner zum Beispiel nicht einfach später zur Party dazustoßen, damit jeder ein passendes Maß an Geselligkeit findet?
Nähe – Berührung oder Umarmung?
Gespräch, gutes
introvertiert: respektvolles Erkunden der inneren Welt des anderen; Anvertrauen von Gedanken und Gefühlen, die nicht viele erfahren
extravertiert: unzensierte Öffnung der eigenen Gedanken und Gefühle; fröhliches Eintreten in den inneren Raum des anderen
Medien, soziale
introvertiert: Möglichkeit, mit anderen verbunden zu sein, ohne dass es gleich intensiv und verpflichtend wird (Emoticons: in besonderen Momenten)
extravertiert: Möglichkeit, mit vielen Menschen gleichzeitig im Austausch zu sein (Emoticons: mehr davon!)
Sex, der
introvertiert: sanfte, wohlige Verschmelzung mit dem geliebten Menschen; Eintauchen in intensive Sinneseindrücke, gerne mit geschlossenen Augen
extravertiert: Fortsetzung der Kommunikation mit körperlichen Mitteln; Ort höchster Erlebnissteigerung mit intensivem Austausch und gemeinsamen Experimenten
Auch was Nähe angeht, kann es zu negativen Urteilen kommen: Der extravertierte Partner kann in seiner Direktheit und Intensität auf den anderen grob wirken. Die Vorsicht des introvertierten Partners kann dem anderen gehemmt vorkommen. Solche Urteile können Sie ablegen, wenn Sie nun die Gründe für die Unterschiede kennen. Das macht es leichter, sich in der Mitte zu treffen. Introvertierte Partner lernen dann, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie auch eine leichte Überreizung verkraften: Für ein Gespräch könnte das zum Beispiel eine Verabredung zu Hause sein, die hilft, sich auf die Begegnung einzustimmen, unnötige Reize (wie elektronische Medien) abzustellen und sich vielleicht auch mit sanften Reizen wie ruhiger Musik zu umgeben.
Eine ähnliche Einstimmung kann auch beim Sex helfen, sich auf intensivere Reize einzulassen und zum Beispiel den Blickkontakt zu halten oder im erotischen Gespräch zu bleiben. Umgekehrt kann der extravertierte Partner lernen, dass auch er Reize intensiver wahrnimmt, wenn er vorher zur Ruhe und bei sich ankommt. Dann kann auch eine behutsame Annäherung im Gespräch oder beim Sex herrlich intensiv sein.
Aufgaben – Tiefgang oder Tempo?
Job, guter
introvertiert: Möglichkeit, die eigenen Gaben und das eigene Wesen zu entfalten und etwas Gutes beizutragen; ausgewogene Mischung von Teamarbeit und Arbeit alleine
extravertiert: abwechslungsreiche Herausforderung, sich selbst, andere und Projekte in Bewegung zu setzen
Job, schlechter
introvertiert: aufreibende Überreizung; der Aggression anderer ausgesetzt sein, ohne fliehen zu können
extravertiert: lähmende Eintönigkeit und krank machende Freiheitsbeschneidung
Kinder, die
introvertiert: empfindsame Gegenüber, denen man Respekt entgegenbringt und die man gemäß ihrer einzigartigen Persönlichkeit erzieht
extravertiert: fröhliche Wesen, die man anregen, in Bewegung und manchmal auf Kurs bringen muss
In der Aufgabenteilung können sich introvertierte und extravertierte Partner zu einem unschlagbaren Team verbinden. Die Weisheit und das Feingefühl des einen Partners machen die Dynamik und Tatkraft des anderen treffsicherer. Dabei sollte der introvertierte Partner darauf achten, den anderen mit seiner Empfindsamkeit nicht auszubremsen. Der extravertierte Partner dagegen sollte lernen, vor jeder Aktion einen Seitenblick auf den anderen zu werfen und zu spüren, welche Auswirkungen die Aktion wohl auf den anderen hat. Oft genügt eine kleine Rückfrage oder Anpassung, um die Einheit mit dem introvertierten Partner zu wahren.
Vielleicht atmen Sie am Ende dieses Artikels auf, weil Ihre Unterschiede nicht so groß sind. Sie finden leicht Kompromisse, wie intensiv Sie Ihre Kommunikation und Erlebnisse gestalten. Dann helfen Ihnen die Gedanken vielleicht, in manchen Bereichen noch Feinabstimmungen vorzunehmen. Vor allem aber werden Sie andere Paare verstehen, die größere Gegensätze überbrücken müssen. Vielleicht seufzen Sie aber auch und fragen sich, warum die Liebe so kompliziert ist. Doch wenn Kompromisse Sie viel Energie und Kreativität kosten, gewinnen Sie als Paar etwas Wertvolles: eine Einheit, die sehr unterschiedliche Gaben umfasst und sehr unterschiedlichen Menschen Freundschaft bieten kann.
Jörg Berger arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg.
„Kenne keine einzige Familie, bei der alles perfekt läuft“ – Mutter ist überzeugt: Viele haben falsche Vorstellungen vom Mama-Sein
Wenn schwangere Freundinnen ihr von der Zukunft vorschwärmen, kann Simone Oswald nur lächeln. Sie weiß: Es wird schwerer als gedacht. Und genialer.
Lange bevor ich schwanger war, wusste ich genau, wie mein Leben als Mama und mein zukünftiges Kind sein würden. Ich hatte sehr genaue Vorstellungen, wie etwa „das mit dem Stillen“ oder „das mit dem Schlafen“ bei uns mal ablaufen würde – ich hätte es schon Jahre vorher beschreiben können. Dann wurde ich tatsächlich Mutter und – Überraschung! – konnte mich bald vom Großteil meiner Ideen verabschieden.
Völlig falsche Hoffnungen
In meinem Umfeld findet derzeit ein kleiner Babyboom statt. Ich führe daher recht häufig ein kleines Pläuschchen mit Frauen, die ihr erstes Kind erwarten und eine ganz genaue Vorstellung von allem haben. „Mein Kind wird, darf, soll und möchte später niemals …“ – Und ich? Ich habe das Gefühl, ein Déjà-vu zu erleben und mich in meiner früheren Version sprechen zu hören. Immer wieder stelle ich mir daher die Frage: Wie gehe ich richtig mit Bald-Mamas und ihren Vorstellungen von Mutterschaft und Kindererziehung um?
Völlig normal ist, dass man sich vor dem ersten Kind kaum in diese Situation hineinversetzen kann. Ich hatte früher immer etwas Sorge, mich bei Baby- oder Kleinkind-Beschäftigungen schnell zu langweilen. Heute schaue ich mit ehrlichem Interesse einem kleinen Marienkäfer beim Krabbeln zu und langweile mich dabei keine Sekunde, weil mein Kind vor Begeisterung kaum zu halten ist. Großen Respekt hatte ich auch vor dem allgegenwärtigen Schlafmangel. Und auch wenn sich meine Augenringe heute kaum überschminken lassen, so hätte ich mir niemals vorstellen können, wie mein Herz hüpfen würde, wenn mich mein Sohn um kurz vor fünf Uhr morgens fragt, ob ich auch etwas „Schönes däumt“ habe.
Mehr weinen als lachen
Andererseits hatte ich mir in der Schwangerschaft eine ganze Reihe an Fotomotiven abgespeichert, die ich mit meinem Neugeborenen nachstellen wollte. Dass ich in den ersten Wochen nach der Geburt mehr weinen als lachen würde und es daher kaum ein Foto aus dieser Zeit geben würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste damals noch nicht, dass ich viele Monate lang eine Höchst-Dusch-Dauer von zwei Minuten haben sollte und dass ich beim Verlassen der Dusche schon wieder durchgeschwitzt wäre, weil mein Baby wie am Spieß brüllen und mein Herz in Flammen stehen würde.
Wenn eine Schwangere mir von Ängsten und Sorgen berichtet, dann fällt es mir leicht, darauf zu reagieren. Ich zögere keine Sekunde, ihr vorzuschwärmen, wie viel leichter, umwerfender, großartiger und genialer das Leben als Mama ist, als sie es sich vorher ausmalen kann. Unsicher bin ich mir allerdings, ob ich im umgekehrten Fall auch sagen sollte, dass es manchmal sorgenvoller und zehrender wird, als sie es sich jetzt vorstellt …
Mehr Ehrlichkeit?
Milchstau, Schlafentzug, Streit, Überforderung … Für viele Mamas sind das keine Fremdwörter. Ich finde: Viele herausfordernden Situationen sind gerade dadurch herausfordernd, weil man nicht mit ihnen gerechnet hat und sich daher auch nicht auf sie einstellen konnte. Sollte ich meinen Freundinnen gegenüber also mehr von den schwierigen Seiten sprechen, damit sie davon nicht überrascht werden? Wären sie dann besser vorbereitet?
Einerseits bin ich für Offenheit bei vermeintlichen Tabuthemen – denn genau das scheinen manche Probleme in der Elternschaft zu sein. In den sozialen Netzwerken etwa braucht es sogar einen extra Hashtag #fürmehrRealität. Denn genau diese geht zwischen all den aufgeräumten Kinderzimmern mit zur Einrichtung passend gekleideten Kindern etwas unter. Einige Neu-Mamas werden von Problemen überrumpelt, auf die man sich durchaus hätte einstellen können – wenn nur andere Mamas offen reden würden. „Warum sagt einem das vorher keiner, wenn es doch offensichtlich allen so geht?“, mag sich manche Frau da fragen. Und auch ich habe mir gewünscht, dass ich manche Dinge vorher gesagt bekommen hätte.
Träumen ist erlaubt
Wenn ich mir auf der anderen Seite vorstelle, dass damals, als ich schwanger und beseelt von perfekten Zukunftsvisionen war, erfahrene Eltern ständig mit der Realitätskeule meine rosarot-hellblaue Blase zerplatzt hätten – ich wäre ihnen vermutlich nicht nur dankbar gewesen. Wenn man so voller Vorfreude ist, dann möchte man nicht permanent hören, wie unrealistisch der eigene Blick auf diese kommende Zeit ist. Man möchte träumen und seine überwältigende Vorfreude genießen. Sollte dann die Baby- oder Kleinkindzeit doch anders verlaufen als erhofft – erst dann ist der richtige Zeitpunkt, sich damit auseinanderzusetzen. Ich vertraue darauf, dass meine Freundinnen mich um meine Erfahrungswerte bitten, wenn sie diese auch tatsächlich brauchen können. Bis dahin versuche ich, nicht mit ungefragten „Rat-Schlägen“ um mich zu schmeißen.
So belasse ich es dabei, von meinen Problemen im Mama-Alltag zu erzählen. Ich vermeide es aber, anderen zu suggerieren, dass meine Sorgen auch zwangsläufig auf sie zukommen werden. So einzigartig jedes Kind ist, so individuell ist auch unser Mama-Leben und unser Weg. Sicherlich ist es kein schlechter Gedanke, eine werdende Mutter vorbereiten zu wollen – doch geht das kaum, ohne ihr auch ein bisschen die eigene Geschichte überzustülpen. Ich versuche, die richtige Balance zu finden und meinen Freundinnen weder ihre Vorfreude zu beschneiden, noch ihnen ein unrealistisch perfektes Leben vorzugaukeln.
Ein Baby ohne Hunger und Müdigkeit? Fehlanzeige
Tatsächlich muss ich (zumindest innerlich) meistens auch eher schmunzeln, wenn ich mir anhöre, was meine Freundinnen für die Zeit nach ihrer Schwangerschaft alles geplant haben. Die wichtigste Voraussetzung für ihre Pläne ist dummerweise meist ein Baby, das weder schlechte Laune noch Hunger, Müdigkeit, Schmerzen oder einen eigenen Willen kennt und mit recht wenig Zutun der Eltern zufrieden ist.
Wenn sie davon reden, dass sie den Beikostplan schon auswendig gelernt haben und das Kind die ersten Jahre zuckerfrei leben wird, dann grinse ich leicht skeptisch. Wenn sie mir erklären, wie albern sie den berühmten Ratschlag „Schlaf, wenn das Baby schläft“ finden – denn ein paar Wochen oder Monate etwas weniger schlafen, das wird ja wohl nicht so schlimm sein? –, dann muss ich mich schon anstrengen, ein vielsagendes Lachen zu unterdrücken. Und wenn sie erklären, dass ihr Kind später niemals in einem Supermarkt wegen einer verweigerten Süßigkeit losbrüllen wird, dann lächle ich beschämt und bin froh, dass sie uns letzte Woche nicht zu unserem Einkauf begleitet haben.
Unperfekt und wunderbar
Sicherlich: Einiges davon funktioniert tatsächlich wunderbar, keine Frage. Diese Perfektion, in der manche Freundin ihre eigene Mutterschaft vor sich sieht, ist aber vermutlich nur auf sozialen Medien hinter bearbeiteten und gestellten Fotos zu finden. Oder wie viele Familien kennen Sie, bei denen alles perfekt läuft? Auf allen Ebenen? Ich persönlich: keine einzige.
Und genau dieses Wissen, das ich schon erfahren durfte und das sicherlich auch meine Freundinnen früher oder später erkennen werden, ist der eigentliche Grund, zu lachen und zu lächeln. Weil es eben nicht perfekt ist, das Leben mit Kindern. Und genau deswegen ist es ja so wunderbar! Sobald man sich von der perfekten Bilderbuch-Familie innerlich verabschiedet hat, lebt es sich gleich viel angenehmer. Man versinkt im heimeligen Chaos mit Kleinkind (mit Schokomund!), trägt manchmal Milchflecken auf Shirts, Augenringe und ungekämmtes Haar und verspricht sich selbst, erst wieder mit Kindern zu backen, wenn sie alt genug sind, um hinterher auch beim Aufräumen zu helfen.
Hoffen auf das Gute
So bleibt mir also nur eine Reaktion: Ich schweige. Und ich denke mir meinen Teil. Manchmal lache ich dabei innerlich, manchmal träume ich ihn mit, den Traum vom perfekten Leben mit Kind. Denn obwohl ich nun eigentlich „die Realität“ kenne, stelle auch ich mir zukünftige Situationen mit älterem Kind schön und ideal vor. Ich denke heute noch nicht daran, dass mein Zweijähriger als Teenager in der Pubertät verrückte Dinge tun könnte. Ich denke nicht darüber nach, dass er als Erwachsener Geldprobleme haben könnte. Ich mache mir keine Sorgen, dass er als Rentner unglücklich mit seinem Eigenheim sein könnte …
Ich blicke positiv in die Zukunft, obwohl ich ahne, dass sie realistisch gesehen auch Herausforderungen bereithalten wird. Ich will ganz bewusst positiv sein, ich hoffe mit voller Absicht auf das Gute. Und ich weiß, dass die Zukunft so viel mehr an Schönem bereithält, als ich mir jemals ausmalen könnte. Und genau diesen Genuss des Träumens wünsche ich auch meinen schwangeren Freundinnen. Es werden Probleme kommen, aber sie werden zu meistern sein! Und sollten wir irgendwann ein Gespräch darüber führen, dass gerade alles anstrengend ist und sie sich manches anders vorgestellt hatten – dann werde ich für sie da sein, mit offenem Ohr und liebendem Herzen zuhören und sie wieder dazu bringen, von einem umwerfenden „Bald“ zu träumen.
Simone Oswald arbeitet als Lehrerin und freie Texterin. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie im Landkreis Deggendorf.
Musikalische Früherziehung: So bereiten Sie Ihr Kind optimal auf ein Instrument vor
Warum ist musikalische Früherziehung wichtig und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Das beantworten Claudia Pössnicker und Carina Beckmann von der Musikschule an der Ruhr im Interview.
Was ist musikalische Früherziehung und warum ist sie wichtig für Kinder?
Claudia Pössnicker: Musikalische Früherziehung beginnt mit vier Jahren, manchmal auch früher, in der Musikschule oder in Kooperation mit Musikschule und Kita und bedeutet zunächst einmal ganzheitliches Lernen. In den Kursen werden den Kindern zum einen allgemeine Kompetenzen wie sprechen, sehen, hören, tasten, Motorik, Geduld, Konzentration und Koordination beigebracht, aber auch soziale Kompetenzen wie Wertschätzung, Teamfähigkeit, Respekt, Empathie, Konflikt- und Kritikfähigkeit. Auch Selbstkompetenzen wie Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbeobachtung kommen nicht zu kurz. All diese Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen, ist deshalb so wichtig, weil sie das spätere Instrumentalspiel erleichtern. Interessant ist, dass die Kinder mit einem angeborenen Rhythmusgefühl auf die Welt kommen. Sie bewegen sich rhythmisch zur Musik. Wenn diese Fähigkeit nicht aufgegriffen und trainiert wird, kann sie schwächer werden.
Gemeinsam singen ist eine gute Übung
Was kann ich davon zu Hause umsetzen?
Carina Beckmann: Man kann gut mit den Kindern zusammen singen. Wir bauen es als Familie oft spielend mit ein, und so entstehen manchmal zu bekannten Melodien lustige neue Texte. Eltern können mit ihren Kindern tanzen, hüpfen, klatschen und vieles mehr. Wir machen uns oft einfach laut Musik an und tanzen herum, spielen Luftgitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard und singen dazu.
Ab wann ist es sinnvoll, „richtigen“ Musikunterricht zu nehmen?
Pössnicker: Was Instrumente betrifft, ist es immer dann sinnvoll, damit anzufangen, wenn man den Wunsch dazu verspürt. Das hat meines Erachtens nichts mit dem Alter zu tun, sondern nur mit dem Interesse.
Einfach Instrumente ausprobieren
Wie merke ich, dass mein Kind besonderes Interesse an einem Instrument hat?
Beckmann: Das Kind fordert die Eltern zum Beispiel auf, eine bestimmte Musik immer wieder zu hören oder überhaupt Musik zu hören. Es findet vielleicht auch Straßenmusikanten interessant, versucht mit vorhandenen Gegenständen und Spielzeugen Musik „nachzumachen“. Außerdem wird es das Instrument, welches es besonders interessant findet, wahrscheinlich öfter benennen. Wenn Eltern und Kind sich unsicher sind, kann es einfach zur Musikschule kommen und einige Instrumente ausprobieren.
Worauf sollte man achten?
Pössnicker: Ganz wichtig finde ich, dass die Musikpädagog/-innen Freude an der Arbeit haben und den Schülerinnen und Schülern diese auch vermitteln können. Dass sie geduldig sind, jedes Kind als Individuum sehen und flexibel auf die Interessen eingehen, keinen Druck ausüben und wissen, was sie tun.
Beckmann: … und dass das Kind Freude daran hat!
Interview: Ruth Korte
Flutwein als Belohnung?
Wie selbstlos muss Hilfe sein? Ein Kommentar.
Die Flutkatastrophe im Juli hat wohl die meisten von uns erschüttert. Menschen mussten schwere Verluste ertragen: Familienangehörige, Freunde, das Haus oder die Wohnung, die Lebensgrundlage, das Werk mehrerer Generationen … Neben all der Trauer steht das Staunen über die Hilfsbereitschaft: Helfer, die mit Schaufeln bewaffnet in Krisenregionen fahren, Berge an Sachspenden, Hilfsangebote in den sozialen Medien, kreative Spendenaktionen, bei denen viel Geld gesammelt wird.
Doch mittendrin kommen auch andere Gefühle ins Spiel. Da gibt es Konkurrenz unter den Helferinnen und Helfern: Warum darf das THW in die Region, private Helfer werden abgewiesen? Die Landwirte werden für ihre Unterstützung gelobt, aber bedankt sich jemand bei den Feuerwehrleuten? Auch bei denen, die spenden, gibt es Enttäuschungen, weil die Opfer der Flut (erst mal) kein Interesse an den angebotenen Möbeln oder Kleidersammlungen haben. Und schließlich gibt es Diskussionen, welche Spenden „besser“ sind: Ist es okay, einen Reitverein finanziell zu unterstützen, damit er bald wieder Reitstunden für die Kinder anbieten kann? Sollte man nicht lieber für eine Familie spenden, die ihr Haus verloren hat? Und ist es richtig, als Gegenleistung für meine Geldspende drei Flaschen Flutwein zu bekommen? Ist es nicht besser, „einfach so“ zu spenden? Oder darf der Baumarkt, der den betroffenen Verein mit einem Gutschein unterstützt, verlangen, dass ein Werbeschild aufgehängt wird? Es ist kompliziert.
Wie kann „richtige“ Hilfe aussehen? Folgende Schlüsse habe ich für mich aus dieser Erfahrung gezogen:
Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT. Sie lebt mit ihrer Familie in Bochum und engagiert sich in einem Reitverein, der im Juli überschwemmt wurde.
Psychotherapeut zeigt: So unterschiedlich sind introvertierte und extravertierte Partner
Schüchterne Menschen leben und lieben anders als gesellige. Wie unterschiedlich sie Urlaub, Job und Sex verstehen, zeigt Experte Jörg Berger mit einem Wörterbuch.
Wer ist eigentlich merkwürdiger? Menschen, die im größten Trubel auftanken und entspannen können? Oder Menschen, die unausstehlich werden, wenn man sie von ihren Rückzugsmöglichkeiten abschneidet? Bereits Ihre Antwort auf diese Frage verrät Ihnen, ob Sie eher introvertiert oder extravertiert sind. Nur selten finden in der Liebe zwei sehr introvertierte Menschen zusammen, auch zwei sehr extravertierte Persönlichkeiten gehen nicht oft eine Paarbeziehung ein. Denn stille Menschen schätzen die Tatkraft und Lebendigkeit extravertierter Persönlichkeiten. Umgekehrt reizt diese die Ruhe und Empfindungstiefe introvertierter Partner. Viele Paare haben daher ein Aha-Erlebnis, wenn sie dem Gegensatz auf die Spur kommen, wie Menschen die Welt erleben.
Gesellig oder unabhängig?
Die Persönlichkeitspsychologie wird auch Psychologie der Unterschiede genannt (Differenzielle Psychologie). Sie befasst sich also vor allem mit der Frage, in welcher Hinsicht sich Menschen unterscheiden. Zu den wenigen wissenschaftlich gesicherten Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden, gehört die Dimension Introversion – Extraversion. Als extravertiert (wörtlich: außengerichtet) gelten Menschen, die in Fragebögen angeben, dass sie gesellig, gesprächig, aktiv und beziehungsorientiert sind. Introvertierte (wörtlich: Innengerichtete) kreuzen dagegen an, dass sie gegenüber anderen Menschen zurückhaltend sind, ihre Unabhängigkeit lieben und Aktivitäten auch gerne alleine durchführen.
Extraversion und Introversion sind dabei nicht als zwei Schubladen zu verstehen, in die man die Menschheit sauber einteilen könnte. Es sind vielmehr zwei Pole, und Persönlichkeiten befinden sich irgendwo zwischen diesen Polen, manche also auch in der Mitte. Ob sich ein Mensch eher introvertiert oder extravertiert entwickelt, ist weitgehend angeboren, auch wenn natürlich die Lebenserfahrungen bestimmen, wie sich diese Neigung entfaltet. Wer aus seinem zurückhaltenden Partner einen Partylöwen machen will, wird aber genauso auf Grenzen stoßen, wie der, der einen erlebnishungrigen Partner für ein beschauliches Leben gewinnen will.
Menschen lieben unterschiedlich
Der Persönlichkeitsunterschied in diesem Bereich reicht jedoch noch tiefer als bei unterschiedlichen Vorlieben. Extravertierte haben ein starkes Stimulationsbedürfnis und können intensive Sinneseindrücke gut verkraften. Sie fühlen sich daher wohl, wenn etwas los ist. Wenn sie nur schwache Reize erleben, fühlen sie sich schnell leer, gelangweilt und unruhig. Introvertierte dagegen reagieren stark auf Sinneseindrücke, ihnen genügen schwächere Reize, um sich angeregt und berührt zu fühlen. Deshalb brauchen sie Zeiten allein, um die Eindrücke zu verarbeiten und ihren Sinnen eine Pause zu gönnen. Dass introvertierte Menschen als weniger beziehungsorientiert gelten, halte ich für ein Missverständnis. Sie brauchen nur eine andere Dosis in ihren Beziehungen. Wo extravertierte Menschen ihre Liebe durch viele gemeinsame Aktivitäten und intensiven Austausch ausdrücken, zeigt sich die introvertierte Liebe durch eine Empfindungstiefe und eine starke innere Verbundenheit.
Ob Menschen eher introvertiert oder extravertiert sind, beeinflusst auch in der Liebe, wie sie Situationen erleben und was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen. Das gleiche Wort kann etwas völlig anderes bedeuten, je nachdem ob Sie introvertiert oder extravertiert sind. Deshalb habe ich für Sie ein kleines Wörterbuch erstellt, das Ihnen Übersetzungshilfen für einige Schlüsselbegriffe der Liebe gibt.
Freizeit – runterkommen oder hochfahren?
Entspannung, die
introvertiert: Angenehme Abschirmung von Reizen; Möglichkeit, Erlebnisse im eigenen Inneren nachklingen zu lassen und auszukosten
extravertiert: Energiespendende Stimulation durch Begegnungen mit anderen Menschen und schöne Erlebnisse
Urlaub, der
introvertiert: Regeneration und Baumeln lassen der Seele an einem Ort sanfter Schönheit
extravertiert: Erlebnissteigerung durch neue, fremdartige Eindrücke und Aktivitäten
Freunde, die
introvertiert: Seelenverwandte, mit denen Gespräche in die Tiefe gehen; Menschen, die inspirieren, die eigene Entfaltung anregen und helfen, das Leben zu bewältigen
extravertiert: Interessante Persönlichkeiten, die Spaß an den gleichen Aktivitäten haben; Gefährten, die einander tatkräftig unterstützen und voranbringen.
Manche Paare fordert es heraus, in der Freizeitgestaltung auf einen Nenner zu kommen. Die Bedürfnisse des anderen können sich geradezu bedrohlich anfühlen: Der Erlebnishunger des einen kann beim anderen die Angst vor Überforderung und Überreizung wecken. Das Ruhebedürfnis des introvertierten Partners kann sich für den anderen wie eine Verurteilung zu Langeweile und einem verpassten Leben anfühlen. Diskussionen, welcher Lebensstil nun „normal“ oder „gut“ ist, bringen natürlich nicht weiter. Es bleibt nichts, als eine Wertschätzung dafür aufzubringen, wie der andere die Welt erlebt. Ein kleiner Trost: Das, was Sie am anderen schon immer lieben, hat auch mit ihrer/seiner Extraversion beziehungsweise Introversion zu tun. Wenn ich Paare berate, dann erlebe ich immer wieder: Wo Wertschätzung ist, finden sich auch Kompromisse. Warum soll der introvertierte Partner zum Beispiel nicht einfach später zur Party dazustoßen, damit jeder ein passendes Maß an Geselligkeit findet?
Nähe – Berührung oder Umarmung?
Gespräch, gutes
introvertiert: respektvolles Erkunden der inneren Welt des anderen; Anvertrauen von Gedanken und Gefühlen, die nicht viele erfahren
extravertiert: unzensierte Öffnung der eigenen Gedanken und Gefühle; fröhliches Eintreten in den inneren Raum des anderen
Medien, soziale
introvertiert: Möglichkeit, mit anderen verbunden zu sein, ohne dass es gleich intensiv und verpflichtend wird (Emoticons: in besonderen Momenten)
extravertiert: Möglichkeit, mit vielen Menschen gleichzeitig im Austausch zu sein (Emoticons: mehr davon!)
Sex, der
introvertiert: sanfte, wohlige Verschmelzung mit dem geliebten Menschen; Eintauchen in intensive Sinneseindrücke, gerne mit geschlossenen Augen
extravertiert: Fortsetzung der Kommunikation mit körperlichen Mitteln; Ort höchster Erlebnissteigerung mit intensivem Austausch und gemeinsamen Experimenten
Auch was Nähe angeht, kann es zu negativen Urteilen kommen: Der extravertierte Partner kann in seiner Direktheit und Intensität auf den anderen grob wirken. Die Vorsicht des introvertierten Partners kann dem anderen gehemmt vorkommen. Solche Urteile können Sie ablegen, wenn Sie nun die Gründe für die Unterschiede kennen. Das macht es leichter, sich in der Mitte zu treffen. Introvertierte Partner lernen dann, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie auch eine leichte Überreizung verkraften: Für ein Gespräch könnte das zum Beispiel eine Verabredung zu Hause sein, die hilft, sich auf die Begegnung einzustimmen, unnötige Reize (wie elektronische Medien) abzustellen und sich vielleicht auch mit sanften Reizen wie ruhiger Musik zu umgeben.
Eine ähnliche Einstimmung kann auch beim Sex helfen, sich auf intensivere Reize einzulassen und zum Beispiel den Blickkontakt zu halten oder im erotischen Gespräch zu bleiben. Umgekehrt kann der extravertierte Partner lernen, dass auch er Reize intensiver wahrnimmt, wenn er vorher zur Ruhe und bei sich ankommt. Dann kann auch eine behutsame Annäherung im Gespräch oder beim Sex herrlich intensiv sein.
Aufgaben – Tiefgang oder Tempo?
Job, guter
introvertiert: Möglichkeit, die eigenen Gaben und das eigene Wesen zu entfalten und etwas Gutes beizutragen; ausgewogene Mischung von Teamarbeit und Arbeit alleine
extravertiert: abwechslungsreiche Herausforderung, sich selbst, andere und Projekte in Bewegung zu setzen
Job, schlechter
introvertiert: aufreibende Überreizung; der Aggression anderer ausgesetzt sein, ohne fliehen zu können
extravertiert: lähmende Eintönigkeit und krank machende Freiheitsbeschneidung
Kinder, die
introvertiert: empfindsame Gegenüber, denen man Respekt entgegenbringt und die man gemäß ihrer einzigartigen Persönlichkeit erzieht
extravertiert: fröhliche Wesen, die man anregen, in Bewegung und manchmal auf Kurs bringen muss
In der Aufgabenteilung können sich introvertierte und extravertierte Partner zu einem unschlagbaren Team verbinden. Die Weisheit und das Feingefühl des einen Partners machen die Dynamik und Tatkraft des anderen treffsicherer. Dabei sollte der introvertierte Partner darauf achten, den anderen mit seiner Empfindsamkeit nicht auszubremsen. Der extravertierte Partner dagegen sollte lernen, vor jeder Aktion einen Seitenblick auf den anderen zu werfen und zu spüren, welche Auswirkungen die Aktion wohl auf den anderen hat. Oft genügt eine kleine Rückfrage oder Anpassung, um die Einheit mit dem introvertierten Partner zu wahren.
Vielleicht atmen Sie am Ende dieses Artikels auf, weil Ihre Unterschiede nicht so groß sind. Sie finden leicht Kompromisse, wie intensiv Sie Ihre Kommunikation und Erlebnisse gestalten. Dann helfen Ihnen die Gedanken vielleicht, in manchen Bereichen noch Feinabstimmungen vorzunehmen. Vor allem aber werden Sie andere Paare verstehen, die größere Gegensätze überbrücken müssen. Vielleicht seufzen Sie aber auch und fragen sich, warum die Liebe so kompliziert ist. Doch wenn Kompromisse Sie viel Energie und Kreativität kosten, gewinnen Sie als Paar etwas Wertvolles: eine Einheit, die sehr unterschiedliche Gaben umfasst und sehr unterschiedlichen Menschen Freundschaft bieten kann.
Jörg Berger arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg.
Eltern fragen sich: Wie sollen sie den ersten Geburtstag des Kindes feiern?
Braucht ein Einjähriger schon Geschenke? Und macht eine Geburtstagsfeier in dem Alter überhaupt Sinn? Pädagogin Stefanie Diekmann gibt Antworten.
„Mein Sohn Jonas wird bald ein Jahr alt. Natürlich wollen wir seinen ersten Geburtstag feiern, aber muss das gleich mit einer Mottoparty sein? Was gibt es für Alternativen?“
Der erste Geburtstag ist der Übergang vom Baby zum Kleinkind. Unweigerlich drängen sich bei den Eltern an diesem Tag Erinnerungen an die Geburt und das erste Lebensjahr auf. Viele Eltern wollen diesen Tag bewusst mit ihrem Sprössling feiern.
Babys spüren, dass es um sie geht
Eine Party ist keinesfalls zwecklos, auch wenn sich Ihr Baby später tatsächlich nicht bewusst daran erinnern wird. Einjährige haben, anders als wir Erwachsene, noch kein Ich-Bewusstsein. Ihr Erinnerungsvermögen ist somit noch nicht ausgereift. Sie sind aber durchaus in der Lage, die Aufmerksamkeit, die ihnen durch die Feier und die Gäste zuteil wird, zu bemerken. Babys können also durchaus spüren, dass sie der Grund für die Party sind.
Ein weiterer Grund, den ersten Geburtstag zu feiern, ist, Rituale einzuführen und damit das Familienleben zu gestalten. Eltern können beispielsweise einen Geburtstagstisch mit Kerzen, Blumen und Kuchen dekorieren oder die Haustür schmücken als sichtbares Zeichen: Hier hat jemand Geburtstag! Mit einem Foto im immerselben Türrahmen kann am ersten Geburtstag begonnen werden – dies ergibt eine tolle Fotostrecke zum 18. Geburtstag.
Geschenke begrenzen
Geschenke als Ausdruck von Liebe können schnell zu einem nicht zu bewältigenden Berg werden. Aber keine Sorge: Eltern haben die Möglichkeit, Ideen zu äußern. Nützlich dafür ist eine Einladung in Kartenform oder per Mail, in der sie zum einen ihre Erwartungen an den Tag (ob sie lieber mit bunter Kaffeetafel am Tag des Geburtstages oder mit einem Frühstück am folgenden Wochenende feiern möchten) und zum anderen Geschenkideen formulieren können.
Wie wäre es, wenn Sie den Gästen vorschlagen, jedes Jahr ein Teil zu einer dadurch immer größer werdenden Sammlung beizusteuern, zum Beispiel Spieltiere, Bücher oder Holzeisenbahnschienen? Auch immaterielle Geschenke wie eine Spende für Kinder ohne Geschenke im Überfluss (zum Beispiel: geschenke-der-hoffnung.org) sind eine schöne Idee.
Gemeinsam zurückerinnern
Übrigens: Auch das Zurückerinnern an das vergangene Lebensjahr ist ein wichtiger Moment vor dem Geburtstagstrubel. Eltern können dafür (gemeinsam mit ihrem Kind) am Vorabend des Geburtstages anhand von Fotos ihren Herausforderungen und Genusssmomenten des vergangenen Lebensjahres auf die Spur kommen.
Bei allem Auswerten, eins bleibt: Es ist ein Geschenk, miteinander auf dem Weg zu sein und die Persönlichkeit des Kindes reifen zu sehen. In diesem Sinne: Happy Birthday, kleiner Schatz!
Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.
„Mama, ich will ein Haustier“ – Expertin verrät, ob Hund, Katze oder Maus zu Ihnen passen
Sollte Ihre Familie ein Haustier kaufen? Und wenn ja: Welches Tier kann es werden? Anika Schunke verrät, wie Sie Frust vermeiden.
„Unsere Kinder wollen unbedingt ein Haustier. Was müssen wir beachten und welches ist das richtige Tier für uns?“
In jeder Familie kommt früher oder später die Diskussion auf, ob ein Tier Teil der Familie werden soll und wenn ja, welches das richtige ist. Auch wenn das Tier in den meisten Fällen für das Kind ausgesucht wird, muss Ihnen als Eltern bewusst sein, dass Sie besonders in den ersten Monaten ebenso Zeit für die Pflege des Tieres einplanen müssen. Junge Kinder müssen hier über einen gewissen Zeitraum konstant angeleitet werden. Daher ist es unabdingbar, das Sie sich genauestens über mögliche Haustiere informieren. Mit der Zeit kann alters- und entwicklungsgerecht immer mehr Verantwortung an die Kinder abgegeben werden.
Die Klassiker der Haustiere für Kinder sind kleine Nagetiere wie Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, oder Katzen und Hunde. Bei verschiedenen Tierarten ist es wie bei uns Menschen auch, jedes Individuum hat verschiedene Bedürfnisse. Ich würde möglichst junge Tiere aussuchen, denn diese wachsen, wie die Kinder auch, in die Situation und das Leben der Familie hinein. Wenn die Tiere von klein auf an das turbulente Familienleben gewöhnt sind, stresst sie das nicht so sehr. Darüber hinaus bleibt es spannend, denn die Aufgaben ändern sich mit dem Heranwachsen der Tiere.
Nager: Mitunter kurze Lebensdauer
Bei Hamstern und Mäusen gilt es zu bedenken, dass sie nachtaktive Tiere sind, nur eine kurze Zeit leben und meistens nicht so zahm werden wie Meerschweinchen oder Kaninchen. Meerschweinchen und Kaninchen sind in ihrer Haltung ziemlich ähnlich. Sie leben in Gruppen. Hier ist eine sorgfältige Pflege und Beschäftigung außerdem unabdingbar. Ob Kaninchen oder Meerschweinchen, ob in der Wohnung oder draußen, beide sollten einen großen Käfig und täglichen Auslauf haben.
Katzen: Auf die Rasse achten
Hier ist es sehr wichtig, ein besonderes Augenmerk auf die Rasse zu legen. Nervöse, ängstliche Katzen sind nicht für Familien mit Kindern geeignet. Je nach Wohnsituation sollten die Katzen Möglichkeiten zum Freigang haben. Wenn sie sich gegen den Freigang entscheiden, ist es wichtig, der Katze in der Wohnung verschiedene Plätze zu schaffen, an denen sie schlafen, spielen, klettern und kratzen kann. Hier ist die tägliche Beschäftigung durch den Menschen ebenfalls unabdingbar. Futter- und Such-Aufgaben sowie Jagdspiele sollten das Minimum sein.
Hunde: Echte Zeitfresser
Die Anschaffung eines Hundes muss wirklich gut durchdacht sein. Wenn Sie viel in der Natur unterwegs sind, spazieren gehen, Inliner oder Fahrrad fahren, ist das schon mal eine gute Voraussetzung. Verbringen Sie viel Zeit zu Hause, muss Ihnen klar sein, dass ein Hund einen kompletten Lebenswandel bedeutet, denn je nach Rasse muss er mindesten dreimal am Tag ca. 45 Minuten raus, bei Wind und Wetter. Hunde müssen geistig wie körperlich ausgelastet sein und fordern viel Zeit vom Menschen ein. Auch die Größe des Hundes spielt eine Rolle, denn große Hunde kosten im Unterhalt mehr als kleine.
Überstürzen Sie die Anschaffung eines Tieres nicht, sondern informieren Sie sich umfassend. Sprechen Sie mit Freunden, der Familie und Bekannten. Vielleicht können Sie auch erst mal ein Tier in Pflege nehmen (zum Beispiel, wenn jemand in den Urlaub fährt) und somit einen Probelauf starten.
Anika Schunke lebt in der Nähe von Karlsruhe, ist Erzieherin und bietet Bewegungskurse für Eltern und Kinder an: familie-bewegt.de. Außerdem ist sie Autorin des Buchs „Kleine Räume, großer Spaß“.
Spielen als Erwachsene: Aus diesen vier Gründen sollten Sie unbedingt Gesellschaftsspiele spielen
Spielen ist nur was für Kinder? Von wegen. Warum Spiele für Erwachsene derzeit so einen Hype erleben und wie auch Ältere vom Spielen profitieren können.
Deutschland ist im Spiele-Fieber – und das nicht nur dank Corona. Dass die Deutschen ein Gesellschaftsspiel-Völkchen sind, das ist spätestens seit „Siedler von Catan“ bekannt. Die Pandemie hat den Absatz von Spielen und Puzzles jedoch enorm erhöht, weiß PR-Managerin Katrin Seemann beim Buch- und Spielverlag Ravensburger. Denn die viele freie Zeit, die dank Lockdown, Ausgangssperre und ausfallender Veranstaltungen plötzlich zur Verfügung stand, wollte sinnvoll gefüllt werden. Spätestens, wenn Netflix leer geschaut war, mussten Gesellschaftsspiele herhalten. Besonders beliebt sind derzeit (Online-)Exit Games oder Krimidinner sowie Spiele, die man auch zu zweit gut spielen kann.
Flucht aus dem Alltag
Doch was macht das Spielen für Erwachsene so faszinierend? Insgesamt sind es vor allem vier Punkte, die Spiele auch für „große Kinder“ interessant machen. Da sei zum einen die Chance, in neue Rollen schlüpfen zu dürfen, sagt Seemann. Werwolf, Detektiv und flüchtiger Ganove – die Flucht aus dem Alltag hinein in eine abenteuerliche Fantasiewelt reißt viele Menschen mit. Wer spielt, lässt dem Kind in sich freien Raum.
„Kidult“ nennt die Spiele-Industrie Erwachsene, die sich für kindliches Spielzeug begeistern können: Nerf-Guns und Murmelbahnen zum Selberbauen sind nur zwei Beispiele hierfür. „Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass Spielen nur etwas für Kinder ist“, sagt auch Spiele-Entwickler und Kunsthistoriker Steffen Bogen (54). Er gewann 2014 für sein Spiel „Camel Up“ den Preis für das beste Spiel des Jahres. Zwar hat er auch schon als Kind gerne gespielt – bereits mit zehn Jahren erstellte er seinen ersten Prototypen für ein eigens entwickeltes Spiel – seine Lust am Spielen hat er aber bis heute erhalten.
Spielen stärkt die Gemeinschaft
Neben dem Eintauchen in neue Welten hat Spielen weitere positive Effekte. Es stärkt die Gemeinschaft, hilft, einander und sich selbst besser kennenzulernen. Das wusste sogar schon Dichter Friedrich Schiller, der gesagt haben soll: „[…] Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Für Bogen gehört der wöchentliche Spieleabend inzwischen fest zum Alltag und er möchte die fröhliche Runde nicht mehr missen. Positiver Nebeneffekt: Seine Spiele-Erfindungen werden hier gleich von seinen Freunden getestet.
Als Drittes kann Spielen sogar Stress reduzieren. „Beim Spielen gerät man leicht in einen sogenannten ‚Flow‘“, erklärt Katrin Seemann, „einen Zustand, in dem man alles um sich herum vergisst und die Zeit wie im Flug vergeht.“ Und ganz nebenbei ist Spielen auch sehr lehrreich. Verpackt in einen spielerischen Rahmen lassen sich viel leichter auch vermeintlich unangenehme Lerninhalte wie Mathe oder Vokabeln vermitteln. Nicht nur Schülerinnen und Schüler lernen gerne beim Spiel, auch Mitarbeitende vieler Firmen dürfen sich inzwischen mithilfe von „Gamification“ (auf Deutsch etwa: Spielifizierung) fortbilden. Belohnungssysteme wie Highscores oder Fortschrittsbalken sollen dabei die Lernenden motivieren und den Wettkampf unter Kolleginnen und Kollegen befeuern.
Spielen im Museum
Dies macht sich auch Professor Bogen zunutze: In seinen Seminaren an der Uni Konstanz vereint er seine beiden Leidenschaften Spiel und Kunst. Dass Spielen, Lernen und Kunstinteresse gut zusammenpassen, zeigt beispielsweise die App „SherLOOK“, die Bogen mit seinen Studierenden in Kooperation mit dem Kunstmuseum St. Gallen (Schweiz) entwickelt und inhaltlich gestaltet hat. Die Besucher des Museums erhalten am Eingang ein Tablet mit einer Kamera, die ihnen kleine Ausschnitte aus den Gemälden der Ausstellung zeigt. Aufgabe ist es nun, das zugehörige Kunstwerk zu finden. „SherLOOK“ hält anschließend Informationen über das entsprechende Ausstellungsstück bereit.
„Spielen hilft, flexibel und kreativ zu bleiben“, ist Steffen Bogen überzeugt. Kreativität steckt in jedem Menschen. Man muss sie nur manchmal herauskitzeln. Doch es ist nicht immer leicht, das innere Kind hervorzulocken, mal wieder albern oder verspielt zu sein. Wenn Stress und Sorgen die Lust am Spielen verschüttet haben, hilft nur eins: Die Schaufel schnappen und den Spieltrieb wieder ausgraben.
Disclaimer: Die Redaktion der Family hat im Rahmen der Recherche mit der PR-Redaktion von Ravensburger telefoniert. Weitergehende Kooperationen wie Testprodukte oder Werbezahlungen waren nicht Teil dieser Zusammenarbeit.
Text: Catharina Conrad
Unbegleiteter Flüchtling: Als Nayzgi (14) auf seine neue Familie trifft, laufen die Tränen
Maren und Rainer Koch haben 2016 Nayzgi, einem jugendlichen Flüchtling aus Eritrea, ein Zuhause gegeben. Einfach war das nicht …
Es sind zwei Sätze, die Maren und Rainer Koch im Spätsommer und Herbst 2015 immer wieder begegnen. Zwei Sätze aus der Bibel, die sie berühren und bewegen: „Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt – ohne es zu merken“, aus Hebräer 13,2 lautet der eine. „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken, ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen“, lautet der andere aus Matthäus 25. Sie sehen die bewegenden Bilder von ankommenden Geflüchteten, sie hören schreckliche Fluchtgeschichten und sie lesen, dass Gastfamilien für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge gesucht werden.
Und das lässt sie nicht mehr los. Sollen sie wirklich? Sie haben schon ein volles Haus – zwei Jungs (16 und 18) und zwei Mädchen (11 und 14). Rainer ist als Referent viel unterwegs. Wird ein Leben mit vier Kindern und einem geflüchteten Jugendlichen nicht zu einer zu großen Herausforderung? „Ich hatte die Sorge: Da kommt jemand in das Innerste unseres Hauses, in unsere Familie, von dem ich nichts weiß. Wie wird das werden?“, erinnert sich Rainer. Doch die Worte aus der Bibel, denen sie immer wieder auf unterschiedliche Weise begegnen, treiben sie um. So ruft Rainer beim Jugendamt an, und sie lassen sich beraten.
Plötzlich muss alles ganz schnell gehen
Weil alles so vage ist, erzählen sie nur ihren Kindern von ihrer Idee. Die sind damit einverstanden. Sie füllen ein Antragsformular als Gastfamilie für einen minderjährigen unbegleiteten Flüchtling aus. Doch lange Zeit passiert nichts. Immer wieder rufen sie beim Jugendamt an, doch aktuell gäbe es keine geflüchteten Jugendlichen, so die Auskunft.
Der Winter kommt, Weihnachten, das neue Jahr 2016 beginnt. Am 7. Januar, einem Donnerstag, ruft eine Mitarbeiterin vom Jugendamt an und teilt ihnen mit, am kommenden Dienstag würden acht Jugendliche in den Landkreis Schaumburg kommen, darunter auch ein Junge namens Nayzgi aus Eritrea, mit einem christlich-orthodoxen Background. Mehr Informationen bekommt die Familie nicht. Sie müssten sich bis morgen Nachmittag entscheiden, ob sie diesen Jungen wirklich aufnehmen wollen. Und so geht auf einmal alles sehr schnell. Die zwei biblischen Sätze aus der Anfangszeit entfalten noch mal ihre ganze Wirkkraft. Das Wochenende nutzt die Familie, um im Haus umzuräumen und das Zimmer von Nayzgi herzurichten. Und sie bekommen Klarheit, Rainer nennt es geistliche Verdichtung: „Es war eine sehr klare, gemeinsame, verdichtete Erfahrung, was jetzt unsere Sendung ist. Und ich habe gespürt, ich finde die diffuse Angst vom Anfang nicht mehr wieder.“
„Uns sind allen die Tränen gelaufen“
Am Dienstag, den 11. Januar 2016, fahren Maren und Rainer in die Kreisstadt, wo sie Nayzgi in Empfang nehmen sollen. Neben ihnen steht eine andere Gastmutter, ansonsten haben sich Mitarbeiter von Jugendwohngruppen eingefunden. Acht Jugendliche, manche mehr Kinder, kommen in den Raum. Für alle ein bewegender Moment. „Ich hab zum ersten Mal verstanden, was es heißt, mutterseelenallein zu sein“, erinnert sich Rainer. „Uns sind allen die Tränen gelaufen, so emotional war dieses erste Aufeinandertreffen. Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Moment ganz viel Liebe wie eine Welle durch uns hindurchfloss.“ Übersetzer helfen den Ankommenden und neuen Bezugspersonen, zueinanderzufinden. „Als Nayzgi hörte, dass er zu uns in die Familie kommen sollte, haben wir direkt in seinem Gesicht gesehen, dass er das auf keinen Fall wollte. Er hat später erzählt, dass ihn jemand davor gewarnt hatte, in eine Familie zu gehen. Doch in diesem Moment, ohne dieses Wissen, war es für uns schon irritierend“, denkt Maren zurück.
Nach neunmonatiger Flucht durch Äthiopien, den Sudan, Libyen und über das Mittelmeer versucht der 14-Jährige, in der neuen Welt, der neuen Umgebung anzukommen. Mit Hilfe von Händen, Füßen und Bildkarten sowie ein paar Brocken Englisch bemühen sich alle miteinander, ins Verstehen zu kommen. Doch die schwierige Kommunikation wird zur ersten großen Herausforderung. „Maren hat vieles verstanden, sie hat einen siebten Sinn dafür, eine Sprache des Herzens, während ich gar nichts verstanden habe“, erinnert sich Rainer. Einmal in der Woche kommt ein Dolmetscher, und so wird in dieser einen Stunde das Allerwichtigste geklärt und besprochen.
Kaum Menschen anderer Hautfarbe
Anfangs zieht sich Nayzgi viel in sein Zimmer zurück, macht seine traumatischen Erfahrungen während der Flucht mit sich aus – und vernetzt sich dank Facebook mit Freunden und Verwandten in der ganzen Welt. Ein Stück eritreische Heimat im deutschen Dorf. Die ersten Begegnungen mit den Menschen an ihrem Lebensort sind verhalten. „Uns ist zum ersten Mal bewusst geworden, dass es in unserem Umfeld kaum Menschen anderer Hautfarbe gibt“, erzählt Rainer. „Ich erinnere mich an eine Szene vom Anfang: Ich bin mit Nayzgi zum Fußballplatz gegangen. Als wir ankamen, merkte ich, wie er immer mehr in meinen Windschatten trat und wir vom gesamten Fußballplatz angestarrt wurden. Da hab ich das ‚Anderssein‘ richtig körperlich gespürt.“ Zum Glück reagieren enge Freunde und ihre Familien sehr positiv auf das Menschenkind, das sie als neues Familienmitglied kennenlernen. Der Fremde, der Andere hat ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte – und ein Zuhause.
Zwischen Freude und Frust
Die ersten Monate und Jahre waren sehr herausfordernd, berichten Maren und Rainer. Neben erfüllenden Momenten und vielen wertvollen, kulturellen Lernerfahrungen gibt es natürlich auch Konflikte und Frust. Nayzgi baut immer wieder eine Mauer um sich herum auf, reagiert abweisend und unfreundlich auf seine neue Familie. Kommunikation und Nähe fallen ihm schwer. Rainer erinnert sich: „Es war nicht leicht, herauszufinden, was an seinem Verhalten gerade Pubertätsdynamik war, was sein Charakter, was kulturell bedingt und was traumatisch.“ Sie suchen stetig nach Wegen, wie sie den Jungen gut und wohlwollend als Familie und mit Unterstützung von Freunden, Sozialarbeitern und dem Jugendamt begleiten können. Und so wird aus dem sechsmonatigen Gastaufenthalt recht schnell eine dauerhafte Lösung, ein andauerndes Lernen, „wie wir gemeinsam Zusammenleben und Familie leben“.
Als entscheidend in all den Jahren hat Maren vor allem ihre Herzenshaltung empfunden. Die echte Hingabe zu diesem Menschen, das tiefe Interesse, immer wiederkehrende Barmherzigkeit. Und auch die Erkenntnis, dass Nayzgi einen festen Platz in ihren Herzen hat, verbunden mit dem tiefen Wissen, dass er ihnen „nur“ anvertraut ist, da er Eltern in Eritrea hat, die die Familie auch würdigt. „Wir möchten achtsam auf all die Momente blicken, in denen wir beschenkt werden. Unsere Familie ist seither mit vielen eritreischen Geflüchteten freundschaftlich verbunden, hat an kultureller Sensibilität gewonnen, Fremdheitsgefühle überwunden und spürt auf eine besondere Weise, Teil der weltweiten Menschheitsfamilie zu sein“, resümiert Maren.
Noch einmal sieht Nayzgi seine Eltern
Ende 2017 reift in Maren und Rainer der Gedanke, ob sich ein Treffen von Nayzgi mit seinen Eltern arrangieren lassen könnte. Aktuelle Friedensverhandlungen zwischen Eritrea und Äthiopien würden eine Ausreise der Eltern ins Nachbarland ermöglichen, da eine Rückkehr nach Eritrea für Nayzgi nicht gefahrlos möglich ist. Als der Junge mit 13 Jahren floh, verabschiedete er sich nicht von seinen Eltern. Inzwischen ist sein Vater sehr alt, die Mutter nach wie vor voller Sorge um ihren Ältesten. Wie heilsam wäre da wohl eine reale Begegnung?
Anfang 2018 besuchen Maren, Rainer und Nayzgi dessen Eltern bei einer Cousine in Addis Abeba, Äthiopien. Endlich hat Nayzgi die Möglichkeit, sich von seinen Eltern zu verabschieden. Und seine Eltern lernen endlich die Menschen kennen, die ihrem Sohn ein Zuhause geben. Es ist eine sehr emotionale Begegnung, auch weil die Familie in Eritrea kaum Kontakt zu ihrem Sohn in Deutschland hat. Post gibt es nicht, ebenso besitzt die Familie weder einen Fernseher noch einen Computer, geschweige denn Internet. Alle paar Wochen, wenn das Mobilnetz stabil ist, telefoniert der Junge mit seinen Eltern. Dieses Zusammentreffen ist vielleicht das einzige, das Nayzgi mit seinen Eltern haben wird.
Endlich Bleiberecht
Aus dem verschlossenen Kerlchen ist mittlerweile ein starker junger Mann geworden, der seinen Platz in Deutschland gefunden hat. Nach der Realschule beginnt er eine Ausbildung, macht den Führerschein und bespielt einen eigenen YouTube-Kanal. Er hat engen Kontakt zu eritreischen Freunden und einer eritreisch-orthodoxen Gemeinde. Anfang 2021 wird – nach über fünf Jahren in Deutschland – der Aufenthaltsstatus von Nayzgi in ein dauerhaftes Bleiberecht überführt. Gefeiert hat die Familie das mit einem Lieblingsessen ihres Pflegesohns: Döner.
„Denn so haben einige von euch Engel bei euch aufgenommen.“ Oft war es nicht leicht, in dem Heranwachsenden, dem ruppigen Kerl einen Engel zu sehen, aber für Familie Koch ist Nayzgi ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes, was sein Name übersetzt bedeutet.
Hella Thorn lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Iserlohn. Sie arbeitet als Redakteurin, Texterin und Lektorin.
Im Bann der Dämonen?
„Schon lange geht unsere Tochter (18) nicht mehr mit uns zum Gottesdienst. Sie trägt dunkle Kleider und hört düstere Musik. Um ihren Hals baumelt ein umgedrehtes Kreuz und auf ihren Handrücken hat sie sich ein Pentagramm tätowieren lassen. Oft verschwindet sie über Nacht. Auch ihre Freunde sind düstere Gestalten. Ich habe Sorge, dass sie an Satanisten geraten ist. Wie kann ich ihr helfen?“
Mit dem Satanismus verbindet man gemeinhin bedrohliche und bedrückende Vorstellungen von schwarzen Messen mit ritueller Gewalt und vielleicht sogar mit rassistischen und rechtsradikalen Tendenzen. Doch ich möchte Sie beruhigen: Solche Extreme sind eher selten, ja unwahrscheinlich und lassen sich zudem recht gut erschließen.
Verständnis statt Ablehnung
Wenn Jugendliche, wie Ihre Tochter, sich mit dunkler Kleidung und satanischen Symbolen ausstatten und sich nachts treffen, handelt es sich womöglich um eine harmlose Adoleszenzerscheinung. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden müssen junge Menschen Entwicklungsaufgaben bewältigen. Dazu gehört auch die Entwicklung eigener Wertmaßstäbe. Auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit distanzieren sich Jugendliche daher häufig von den als Kind übernommenen elterlichen Wertmaßstäben. So gesehen ist es normal, dass Ihre Tochter nicht mehr mit Ihnen in den Gottesdienst geht. Im Zuge dieser Abgrenzung können sich die prägenden Familienwerte durchaus ins Gegenteil verkehren. Das ist jedoch keine endgültige Abkehr, sondern ein Ausdruck der Suche nach selbstbestimmten Werten.
Sie merken, das beunruhigende Verhalten folgt einer gewissen Logik. Versuchen Sie, Verständnis dafür aufzubringen, anstatt Ablehnung zum Ausdruck zu bringen. Es lohnt sich, offen und neugierig nachzufragen und quasi nebenbei als aktiv Zuhörende zu erfahren, ob und was Ihre Tochter in diesen nächtlichen Treffen praktiziert, wie es ihr in den neuen Kreisen geht, ob sie nur mit gleichgesinnten Jugendlichen Zeit verbringt, die sich auch näher kennenlernen lassen. Beziehung kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten aufrichtig sind. Bringen Sie Ihre Sorge zum Ausdruck, dass die neuen Kontakte womöglich gefährlich sein könnten, und lassen Sie sich vom Gegenteil überzeugen. Bleiben Sie dabei ruhig, aufmerksam und beharrlich.
Extrem verschwiegen?
Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Ihre Tochter sich einem praktizierenden Satanistenkreis angeschlossen hat. Sie erkennen das an der Offenheit Ihrer Tochter: Teilt sie Probleme weiterhin mit Ihnen oder ist sie extrem verschwiegen, ängstlich, verunsichert oder provozierend? Möglicherweise gibt es auch äußere Hinweise auf rituelle Praktiken: Gibt es zum Beispiel auffällige schwarze Kostüme, ein besonderes Interesse an schwarzen Kleintieren oder Gegenstände, die möglicherweise in schwarzen Messen benutzt wurden? Gibt es unerklärliche Schnittwunden, blaue Flecken oder verschnittenes Haar? Sollten sich Ihre Befürchtungen nicht zerstreuen lassen, finden Sie zum Beispiel bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen persönliche Beratungsangebote:
www.ezw-berlin.de
Marco Wolff ist Lehrer und pädagogischer Ausbilder, engagiert sich im Help!-Team der Zeitschrift Teensmag und lebt in Northeim bei Göttingen. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Streit in der Beziehung: Diese sechs Schritte helfen, Konflikte gesund zu klären!
Streit ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Aber richtig streiten müssen Paare lernen. Vor allem auf sechs Punkte kommt es an.
„Jeder ist normal, bis du ihn kennenlernst“, so lautet der Titel eines Buches von John Ortberg. Und tatsächlich: In jeder Beziehung, sei es zu Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen oder in einer Partnerschaft, entstehen früher oder später Irritationen und Meinungsverschiedenheiten. Der erste Streit ist nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, denn er zeigt, dass in der Beziehung eine gewisse Nähe entstanden ist. Solange Menschen sich noch wenig kennen und das Vertrauen gering ist, wagt es kaum jemand, den anderen wirklich zu konfrontieren. Da schleicht man eher noch vorsichtig umeinander herum und neigt dazu, sein Gegenüber mit der rosaroten Brille zu sehen – gerade in der Verliebtheitsphase, aber auch bei Freundschaften.
Streiten heißt also erst einmal: Es geht voran mit dieser Beziehung, es ist Nähe entstanden. So viel, dass wir jetzt auch Ecken und Kanten aneinander entdecken. Doch wie streitet man gesund, also so, dass Konflikte geklärt werden, ohne der Beziehung zu schaden? Dazu gibt es wertvolle Strategien, unter anderem aus der Gewaltfreien Kommunikation.
Abstand ist wichtig
1. Gefühlen in Ruhe Raum geben: Wut verführt dazu, sich in negative Gefühle hineinzusteigern, was selten zu guten Lösungen führt. Am besten ist es daher, den negativen Gefühlen zunächst eine gewisse Zeit allein Raum zu geben, bevor Sie das Gespräch suchen. Nehmen Sie sich eine Stunde, in der Sie einfach in sich hineinhorchen. Am besten schreiben Sie auf, was Sie wütend oder traurig macht.
2. Perspektivwechsel: Nachdem Sie Ihr eigenes Befinden ernst genommen haben, kommt Schwierigkeitslevel zwei: Versuchen Sie, sich in Ihr Gegenüber zu versetzen. Was könnte ein Grund für ihr/sein Verhalten sein? Wie fühlt er/sie sich womöglich gerade?
Vorwürfe schaden nur
3. Wertfrei einsteigen: Beginnen Sie nicht mit einem Vorwurf oder einer Bewertung (z. B. „Ich finde es richtig verletzend, dass …“ oder „Es nervt mich total, dass …“), denn damit treiben Sie Ihr Gegenüber schnell in eine defensive Position. Starten Sie stattdessen freundlich und vor allem sachlich. Beschreiben Sie so neutral wie möglich die Situation beziehungsweise das Anliegen, das Sie klären wollen – zum Beispiel: „Bei unseren letzten vier Unternehmungen war es so, dass du entschieden hast, was wir machen.“
4. Positives und Verständnis: Wann immer möglich, leiten Sie die Kritik mit einer wertschätzenden oder verständnisvollen Botschaft ein, beispielsweise: „Ich finde es wirklich toll, dass du so viele Ideen einbringst“ oder „Ich weiß, dass du gerade viel Stress hast“.
Bitten nicht vergessen
5. Eigene Gefühle schildern: Hier kommen die berühmten Ich-Botschaften. Versuchen Sie, Ihrem Gegenüber klarzumachen, warum die Situation für Sie schwierig ist. Versuchen Sie, dies als Ihr eigenes Gefühl darzustellen, nicht als Vorwurf – zum Beispiel: „Wenn du mich nicht in die Planung einbeziehst, fühle ich mich übergangen und ein wenig überrumpelt.“ Vielleicht erwischt die Kritik Ihr Gegenüber trotzdem auf dem falschen Fuß – dann gönnen Sie ihm ebenfalls etwas Zeit und Abstand und führen das Gespräch später weiter.
6. Bitte und Danke: Um wirklich eine Klärung herbeizuführen, überlegen Sie sich am besten schon vor dem Gespräch, was Sie sich konkret von Ihrem Gegenüber wünschen, und äußern Sie das dann als Ihre Bitte: „Bitte lass‘ uns in Zukunft gemeinsam planen, was wir unternehmen.“ Manchmal braucht es mehrere Anläufe, doch wenn Sie eine Lösung gefunden haben, erkennen Sie das an, beispielsweise so: „Danke, dass du so gut zuhörst. Wir haben das echt gut klären können, finde ich.“
Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin. Sie bietet (Online-)Beratung für Eltern von Babys und Kleinkindern mit Schrei- und Schlafproblemen an (neuewege.me).