Kinder brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl etwas bewirken zu können, sonst fehlt ihnen später das Vertrauen in sich und andere. Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, warum Erziehung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eng zusammenhängen.
Herr Renz-Polster, viele Menschen in Deutschland sind gerade unzufrieden. Die Mieten sind hoch, bei Ärzten bekommt man keine Termine mehr und Familien finden keine Kinderbetreuung. Manche von ihnen reagieren mit Hass und Ablehnung, manche bemühen sich um Lösungen. Warum ist das so?
Klar haben manche einfach eine kürzere Zündschnur. Aber das hängt auch damit zusammen, was wir in unserer Kindheit gelernt haben. Habe ich erfahren, dass ich mit Herausforderungen umgehen kann? Habe ich Sicherheit erfahren? Habe ich gespiegelt bekommen, dass ich etwas kann? Dass ich wertvoll bin? Kinder, die das nicht oder wenig erfahren haben, sind auch als Erwachsene noch sehr unsicher und neigen stärker zu Feindbildern. Das kann später zu Hass und Ablehnung führen. Und das kann dann durchaus auch eine politische Dimension annehmen, weil diese Menschen anfälliger sind für radikale, autoritäre politische Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite.
Innere Stimmigkeit
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass jedes Kind sich vier Grundfragen stellt: Nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Was passiert, wenn die Antworten darauf negativ ausfallen?
Positive Antworten auf diese Fragen führen dazu, dass das Kind so was ausbildet wie eine innere Heimat, ein Gefühl von Stimmigkeit. Es bildet ein grundlegendes Werkzeugset an Ressourcen, mit denen es der Welt gewachsen ist. Es lernt, seine Gefühle zu regulieren und wie es mit sich und anderen gut umgeht. Und auch, wie es aus schwierigen Situationen wieder herauskommt. Sind die Antworten auf diese Fragen negativ, dann ist sein Werkzeugkoffer leer. Das Kind hat nicht die Tools, mit Belastungen produktiv und konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird es vielleicht von Angst überflutet oder von Wut. Dann sieht es draußen möglicherweise nur Feindesland und empfindet die Menschen im Grunde als bedrohlich. Diese Grundhaltung nimmt es dann mit ins Erwachsenenalter.
Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Menschen, denen diese inneren Sicherheiten fehlen, suchen nach einem Ersatz. Einem Ersatz an Wert, an Größe und an Kontrolle. Welche Züge das annehmen kann, zeigt uns derzeit die MAGA-Bewegung (Make America Great Again, Anm. d. Red.), also die autoritäre Rechte in den USA. Da geht es gar nicht um die Lösung tatsächlicher Probleme, wie etwa der Klimakrise oder der sozialen Ungleichheit, sondern um Identitätsfragen: Wir sind stark, wir sind überlegen, wir sind auserwählt, wir sind die „richtigen Amerikaner“. So entsteht ein heilloses „wir“ gegen die „anderen“, getrieben von Misstrauen. Das zerreibt die ganze Gesellschaft.
Wir spüren das auch hierzulande, aber verglichen etwa mit den USA oder Frankreich leben wir auf einer Insel der Seligen. Wobei auch wir genug Grund zur Sorge haben. Ich sage das vor allem mit Blick auf die östlichen Bundesländer, wo sich gerade in den ländlichen Gebieten Wut und Frust mit extremen politischen Haltungen mischt. Und das ganz stark bei den jungen Männern.
Bedürfnisse beachten
Das heißt, wie wir unsere Kinder heute erziehen, wirkt sich später auch auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?
Ja, auf jeden Fall. Aber damit meine ich nicht, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Es geht vielmehr um tiefgreifende Entwertungsprozesse über einen längeren Zeitraum. Etwas, das so tief geht, dass das Kind diese innere Basis nicht mehr aufbauen kann, von der ich vorhin sprach. Eine permanente Unsicherheit zum Beispiel, das Wissen: Ständig kann ich verletzt werden, mir kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Meine lebenswichtigen Beziehungen tragen nicht, ich kann nicht vertrauen. Oder wenn Kinder die ganze Zeit hören, dass sie ein Versager sind und nichts richtig machen. Wenn auch die Wärme in der Familie fehlt. Oft sind die Eltern selbst stark überfordert, kämpfen psychisch ums eigene Überleben. Oder haben einfach nicht die Kraft, weil sie erkrankt sind, Suchtprobleme haben oder unter unsäglichem materiellem Dauerstress stehen.
Stress ist ein gutes Stichwort. Im Alltag ist es für Eltern manchmal nicht so leicht, den richtigen Ton zu finden. Was ist, wenn das nicht immer gelingt?
Nur weil ich meinem Kind mal eine Zeit lang nicht genug Rückenwind gegeben habe, muss ich mir nicht gleich Sorgen um mein Kind machen. Manche Eltern denken vielleicht, sie müssten immer die richtigen Worte finden und alles perfekt machen. Doch eigentlich geht es darum, „ganz normal“ mit den Kindern umzugehen. Damit meine ich: Mach einfach keinen Nonsens. Guck, dass dein Kind das bekommt, was du dir auch wünschen würdest. Was wünscht du dir zum Beispiel von einer erwachsenen Paarbeziehung? Wahrscheinlich, dass dein Partner dir keine Angst macht. Oder dass ihr nach einem Streit wieder zusammenfindet. Und dass ihr gemeinsam Dinge unternehmt, die euch Freude machen. Es ist in Erziehungsfragen mittlerweile alles so theoretisch geworden. Aber dabei geht es eigentlich nur darum, menschlich zu sein. Natürlich unter der Maßgabe dessen, dass Eltern eine Verantwortung für ihr Kind haben und für es sorgen. Aber die Grundhaltung sollte die gleiche sein.
Selbstwirksamkeit lernen
Kinder werden nicht nur durch ihre Eltern geprägt, sondern auch durch den Kindergarten und die Schule. Welche Erfahrungen machen sie dort?
Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der Schule und teils auch in der Kita an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Können sie über den Lehrplan mitdiskutieren? Nein. Können sie irgendetwas anderes dort beeinflussen? Im Gegenteil. Immer bestimmen ältere Menschen über sie. Dieses Gefühl des Kontrollverlusts oder der Hilflosigkeit, übertragen sie dann auf die Gesellschaft. Das betrifft vor allem diejenigen Kinder, die nicht das Glück eines bildungsnahen Elternhauses haben oder denen Mutter Natur keine hauptfächertauglichen Talente mitgegeben hat, sondern andere. Gerade diese Kinder könnten Ermutigung und Rückenwind in der Schule gut gebrauchen, machen aber oft Stress-, Angst- und Versagenserfahrungen, weil sie immer zu kurz springen. Was macht das über die Jahre mit einem Kind?
Kein Wunder, dass über die Hälfte der Jugendlichen glaubt, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Was brauchen junge Menschen, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?
Sie müssen beim Aufwachsen Vertrauen erfahren: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal Stress gibt, aber der sollte menschlich gelöst werden. Und dann brauchen sie Strukturen, in denen sie mitbestimmen und mitgestalten können – in den Dingen, die sie schon überblicken können, natürlich. In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Wie gehen die mir Überlegenen mit Macht um? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen? Wir dürfen das nicht unterschätzen. Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind ja nicht nur zuhause in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen. Wenn wir von der „Bildung“ reden, die dort passieren soll, dann gehört diese Persönlichkeitsbildung nach meinem Dafürhalten unbedingt dazu.
Rückgrat und innere Stärke
Sind wir da in Deutschland aktuell auf dem richtigen Weg?
Wir dürfen nicht blauäugig sein: Demokratie ist unglaublich schwierig. Sie bedeutet nicht nur irgendwo ein Kreuz zu setzen, sondern Kompromisse zu ertragen, konstruktiv zu denken, und auch die Schwächeren im Blick zu haben. An langfristigen Lösungen zu arbeiten, damit es der ganzen Gesellschaft besser geht. Demokratie braucht also Menschen, die empathisch sind und ein Interesse an anderen Menschen haben. Die mit sich selbst einigermaßen klarkommen und im Leben feststehen.
Wir haben in der Erziehung der Kinder eindeutig und messbar Land gewonnen. In den 70ern bis 90ern gab es eine Welle von positiven persönlichkeitsfördernden Entwicklungen für Kinder, eine neue, zugewandtere Haltung in der Erziehung etwa. Und es war auch die Zeit der letzten großen Bildungsreform. An den Schulen wurde beispielsweise versucht, den Kindern mehr eine Stimme zu geben.
Ich wünsche mir, dass wir uns weiter daran orientieren und das bewahren. Lasst uns weiterhin die Kinder so behandeln, dass sie an Rückgrat und innerer Stärke gewinnen. Und lasst uns die Familien im Blick behalten und sie entlasten so gut es geht, damit dort der Lebensstress nicht überhandnimmt. Fürsorge für die heranwachsenden Menschen ist ein gesellschaftliches Gut, vielleicht unser Wichtigstes.
Interview: Sarah Kröger ist freie Journalistin und Autorin.
Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Erziehungsexperte. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können.
Kinder und Medien: Welche Videos dürfen Kleinkinder schauen?
Viele Eltern fragen: „Woran kann ich mich bei der Auswahl von Videos bei einem dreijährigen Kind orientieren? Kann ich das Geschwisterkind (2) mitschauen lassen?“
Wenn Dreijährige Medieninhalte entdecken, ist es sehr wichtig, sich über das Was und Wie Gedanken zu machen. Das Format muss den Bedürfnissen und der Auffassungsgabe der Kleinen angepasst sein. Dabei ist eine kurze Laufzeit der Videos wesentlich. Die Länge von fünf bis maximal 20 Minuten sollte nicht überschritten werden. Außerdem empfiehlt es sich, darauf zu achten, dass die Videos eine langsame Schnittfolge und ein insgesamt behutsames, ruhiges Erzähltempo haben.
Aber nicht nur die richtige Videoauswahl ist wichtig, auch auf das Wie kommt es an. Am meisten profitieren kleine Kinder davon, wenn sie die bewegten Bilder gemeinsam mit Bezugspersonen anschauen. Eltern können Dinge benennen, erklären oder beruhigen, wenn etwas zu aufregend wird. Ist das gemeinsame Schauen mal nicht möglich, sollten die Eltern zumindest in Hörweite sein.
Wenn das Ausschalten schwerfällt
Manchmal reagieren Kinder mit Wut oder Frust, wenn das Video zu Ende ist und das Gerät ausgeschaltet wird. Das ist verständlich, die Kleinen müssen erst lernen, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. Weil sie das Gesehene so gefesselt hat, braucht es eine Phase, um wieder zurückzukommen.
Manchen Kindern hilft es, im Anschluss zu kuscheln oder durch gemeinsames Malen, Spielen oder Toben auf andere Gedanken zu kommen. In anderen Fällen ist Geduld gefragt, bis sich der Ärger gelegt hat. Auf keinen Fall sollten dem Kind Vorwürfe gemacht werden oder aus dem Affekt heraus Verbote ausgesprochen werden. Wichtig ist es, selbst ruhig zu bleiben und zu erklären, warum nicht weitergeschaut werden darf.
Kurze Clips ab 2?
Generell gilt, dass Kinder erst ab etwa drei Jahren in der Lage sind, Geschichten auf dem Bildschirm zu folgen und sie zu verstehen. Jüngere Kinder können von den bewegten Bildern überfordert werden. Aus diesem Grund wird empfohlen, dass Kinder unter drei Jahren noch möglichst wenig Zeit vor dem Bildschirm verbringen sollten.
Wenn zweijährige Geschwister in Ausnahmefällen mitschauen, gibt es einiges zu beachten: Geeignet sind dann nur kurze Clips mit maximal fünf Minuten Länge. Statt der ganzen Folge einer Serie können in sich abgeschlossene Teile daraus gezeigt werden. Zum Beispiel die Clips mit Maus und Elefant aus „Die Sendung mit der Maus“ oder kurze Puppentrickgeschichten aus „Unser Sandmännchen“. Der Einstieg fällt leichter, wenn die bewegten Bilder von Stil und Optik an Bücher erinnern, die das Kind schon kennt; zum Beispiel „Die Raupe Nimmersatt“ oder „Bobo Siebenschläfer“. Eine ruhige Erzählstimme, die in sehr einfachen Sätzen das Gesehene kommentiert, ist für die Kleinsten besonders geeignet. Auch Geschichten, die ganz ohne Sprache auskommen, haben ihren Reiz.
Übrigens: Kinder brauchen nicht viel Auswahl, sie lieben Wiederholungen. So können sie Bekanntes und Vertrautes (wieder-)entdecken, das Gesehene besser nachvollziehen und verarbeiten. Eine Sammlung empfehlenswerter Inhalte und weitere Tipps zum Medienstart finden Eltern auf der Website von FLIMMO.
Michael Gurt ist verantwortlicher Redakteur und Projektleiter von FLIMMO, dem Elternratgeber zu TV, Streaming, Social Media und Kino. FLIMMO ist ein Projekt des Vereins Programmberatung für Eltern e. V., mit der Durchführung ist das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis betraut.
Sind Stoffwindeln wirklich nachhaltiger? Expertin klärt auf
Immer mehr Eltern schwören auf Stoffwindeln. Aber sind sie wirklich nachhaltiger als Einwegwindeln? Ein genauer Blick lohnt sich.
Ein Kind benötigt, bis es mit durchschnittlich zweieinhalb Jahren trocken ist, etwa 5.000 Windeln. Das entspricht bei Einwegwindeln ungefähr 1.000 Kilogramm Müll. Das ist eine ganze Menge! Allein aus diesem Grund entscheiden sich immer mehr Familien dafür, ihre Kinder mit Stoffwindeln statt Einmalwindeln zu wickeln. Stoffwindeln sind waschbar und können bei entsprechender Pflege für mehrere Kinder genutzt werden. Doch sorgt genau das auch für Diskussion: Sind sie wirklich nachhaltiger, wenn so viel Wasser beim Waschen und unter Umständen auch Strom für den Trockner verbraucht wird?
Wirklich umweltschonender?
Frühere Studien haben die Stoffwindel bei der Energiebilanz teilweise auf die gleiche Stufe mit der Einwegwindel gesetzt oder sogar schlechter dargestellt. Dies lag allerdings an den für die Studien erhobenen Daten, die nach meinem Empfinden nicht der Wickelrealität entsprechen. Es wurde zum Beispiel vorausgesetzt, dass nur ein Kind die Windel nutzt und die Waschmaschine nur halb befüllt läuft. Bis heute gibt es keine genauen Studien und Angaben darüber, ab wann Stoffwindeln nachhaltiger sind.
Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2023 zeigt aber, dass mit der richtigen Waschroutine der ökologische Fußabdruck beeinflusst werden kann. Dazu gehört, dass die Waschmaschine voll beladen wird, indem die Windeln mit anderer Wäsche gewaschen werden, und der Trockner nur in Ausnahmen genutzt wird. Entscheidend dafür, ob Stoffwindeln nachhaltiger als Einwegwindeln sind, ist auch, welche Energieeffizienz-Klasse die Waschmaschine hat. Wird sie sogar mit erneuerbaren Energien betrieben?
All das zeigt: Die Frage, ab wann Stoffwindeln mit Blick auf das viele Waschen tatsächlich nachhaltiger sind, lässt sich pauschal nicht beantworten. Bei anderen Faktoren erweisen sich Stoffwindeln hingegen als deutlich besser für die Umwelt.
Deutlich weniger Müll
Bei der Herstellung und Entsorgung können Stoffwindeln durchaus ökologischer als Wegwerfwindeln sein. Während Einwegwindeln aus Kunststoffen, Klebern und Vliesstoffen bestehen, sind die Hauptbestandteile von Stoffwindeln nachwachsende Rohstoffe wie Baumwolle, Bambus, Hanf und Wolle. Landet die Einwegwindel im Müll, braucht sie ungefähr 500 Jahre, bis sie sich zu Mikroplastik zersetzt hat. Stoffwindeln hingegen sind, bei richtiger Entsorgung, nach jahrelanger Nutzung fast komplett biologisch abbaubar. Das natürliche Material schont darüber hinaus die empfindliche Haut der Kinder. Eine hohe Atmungsaktivität und temperaturregulierende Eigenschaften sorgen für ein gutes Klima im Windelbereich.
Zudem werden Stoffwindeln in der Regel nicht nur von einem Kind genutzt. Das gleicht auch die hohen Anschaffungskosten zu Beginn aus. Was viele nicht wissen: Auf die gesamte Wickelzeit gesehen, lässt sich mit der Stoffwindel tatsächlich Geld sparen. Sie kann Kindern helfen, schneller trocken zu werden – um bis zu acht Monate früher als bei der Nutzung von Einwegwindeln. Vermutlich rettet die Nutzung von Stoffwindeln nicht unseren Planeten, aber sie ist ein Gamechanger im bewussteren Umgang mit unseren Ressourcen. Und für die Gesundheit unserer Kinder ist sie allemal gut.
Marie Isabel Schäle ist Mutter und macht sich gerade als Stoffwindelberaterin selbstständig. Sie ist aktives Mitglied im Stoffwindelverein Deutschland.
Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen
Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“
Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.
Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.
Handlungsbedarf!
Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.
„Was beschäftigt dich?“
Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.
Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.
Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt in der Kindheit: Ein Kinderarzt erklärt den Zusammenhang
Kinder brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl etwas bewirken zu können, sonst fehlt ihnen später das Vertrauen in sich und andere. Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, warum Erziehung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eng zusammenhängen.
Herr Renz-Polster, viele Menschen in Deutschland sind gerade unzufrieden. Die Mieten sind hoch, bei Ärzten bekommt man keine Termine mehr und Familien finden keine Kinderbetreuung. Manche von ihnen reagieren mit Hass und Ablehnung, manche bemühen sich um Lösungen. Warum ist das so?
Klar haben manche einfach eine kürzere Zündschnur. Aber das hängt auch damit zusammen, was wir in unserer Kindheit gelernt haben. Habe ich erfahren, dass ich mit Herausforderungen umgehen kann? Habe ich Sicherheit erfahren? Habe ich gespiegelt bekommen, dass ich etwas kann? Dass ich wertvoll bin? Kinder, die das nicht oder wenig erfahren haben, sind auch als Erwachsene noch sehr unsicher und neigen stärker zu Feindbildern. Das kann später zu Hass und Ablehnung führen. Und das kann dann durchaus auch eine politische Dimension annehmen, weil diese Menschen anfälliger sind für radikale, autoritäre politische Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite.
Innere Stimmigkeit
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass jedes Kind sich vier Grundfragen stellt: Nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Was passiert, wenn die Antworten darauf negativ ausfallen?
Positive Antworten auf diese Fragen führen dazu, dass das Kind so was ausbildet wie eine innere Heimat, ein Gefühl von Stimmigkeit. Es bildet ein grundlegendes Werkzeugset an Ressourcen, mit denen es der Welt gewachsen ist. Es lernt, seine Gefühle zu regulieren und wie es mit sich und anderen gut umgeht. Und auch, wie es aus schwierigen Situationen wieder herauskommt. Sind die Antworten auf diese Fragen negativ, dann ist sein Werkzeugkoffer leer. Das Kind hat nicht die Tools, mit Belastungen produktiv und konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird es vielleicht von Angst überflutet oder von Wut. Dann sieht es draußen möglicherweise nur Feindesland und empfindet die Menschen im Grunde als bedrohlich. Diese Grundhaltung nimmt es dann mit ins Erwachsenenalter.
Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Menschen, denen diese inneren Sicherheiten fehlen, suchen nach einem Ersatz. Einem Ersatz an Wert, an Größe und an Kontrolle. Welche Züge das annehmen kann, zeigt uns derzeit die MAGA-Bewegung (Make America Great Again, Anm. d. Red.), also die autoritäre Rechte in den USA. Da geht es gar nicht um die Lösung tatsächlicher Probleme, wie etwa der Klimakrise oder der sozialen Ungleichheit, sondern um Identitätsfragen: Wir sind stark, wir sind überlegen, wir sind auserwählt, wir sind die „richtigen Amerikaner“. So entsteht ein heilloses „wir“ gegen die „anderen“, getrieben von Misstrauen. Das zerreibt die ganze Gesellschaft.
Wir spüren das auch hierzulande, aber verglichen etwa mit den USA oder Frankreich leben wir auf einer Insel der Seligen. Wobei auch wir genug Grund zur Sorge haben. Ich sage das vor allem mit Blick auf die östlichen Bundesländer, wo sich gerade in den ländlichen Gebieten Wut und Frust mit extremen politischen Haltungen mischt. Und das ganz stark bei den jungen Männern.
Bedürfnisse beachten
Das heißt, wie wir unsere Kinder heute erziehen, wirkt sich später auch auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?
Ja, auf jeden Fall. Aber damit meine ich nicht, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Es geht vielmehr um tiefgreifende Entwertungsprozesse über einen längeren Zeitraum. Etwas, das so tief geht, dass das Kind diese innere Basis nicht mehr aufbauen kann, von der ich vorhin sprach. Eine permanente Unsicherheit zum Beispiel, das Wissen: Ständig kann ich verletzt werden, mir kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Meine lebenswichtigen Beziehungen tragen nicht, ich kann nicht vertrauen. Oder wenn Kinder die ganze Zeit hören, dass sie ein Versager sind und nichts richtig machen. Wenn auch die Wärme in der Familie fehlt. Oft sind die Eltern selbst stark überfordert, kämpfen psychisch ums eigene Überleben. Oder haben einfach nicht die Kraft, weil sie erkrankt sind, Suchtprobleme haben oder unter unsäglichem materiellem Dauerstress stehen.
Stress ist ein gutes Stichwort. Im Alltag ist es für Eltern manchmal nicht so leicht, den richtigen Ton zu finden. Was ist, wenn das nicht immer gelingt?
Nur weil ich meinem Kind mal eine Zeit lang nicht genug Rückenwind gegeben habe, muss ich mir nicht gleich Sorgen um mein Kind machen. Manche Eltern denken vielleicht, sie müssten immer die richtigen Worte finden und alles perfekt machen. Doch eigentlich geht es darum, „ganz normal“ mit den Kindern umzugehen. Damit meine ich: Mach einfach keinen Nonsens. Guck, dass dein Kind das bekommt, was du dir auch wünschen würdest. Was wünscht du dir zum Beispiel von einer erwachsenen Paarbeziehung? Wahrscheinlich, dass dein Partner dir keine Angst macht. Oder dass ihr nach einem Streit wieder zusammenfindet. Und dass ihr gemeinsam Dinge unternehmt, die euch Freude machen. Es ist in Erziehungsfragen mittlerweile alles so theoretisch geworden. Aber dabei geht es eigentlich nur darum, menschlich zu sein. Natürlich unter der Maßgabe dessen, dass Eltern eine Verantwortung für ihr Kind haben und für es sorgen. Aber die Grundhaltung sollte die gleiche sein.
Selbstwirksamkeit lernen
Kinder werden nicht nur durch ihre Eltern geprägt, sondern auch durch den Kindergarten und die Schule. Welche Erfahrungen machen sie dort?
Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der Schule und teils auch in der Kita an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Können sie über den Lehrplan mitdiskutieren? Nein. Können sie irgendetwas anderes dort beeinflussen? Im Gegenteil. Immer bestimmen ältere Menschen über sie. Dieses Gefühl des Kontrollverlusts oder der Hilflosigkeit, übertragen sie dann auf die Gesellschaft. Das betrifft vor allem diejenigen Kinder, die nicht das Glück eines bildungsnahen Elternhauses haben oder denen Mutter Natur keine hauptfächertauglichen Talente mitgegeben hat, sondern andere. Gerade diese Kinder könnten Ermutigung und Rückenwind in der Schule gut gebrauchen, machen aber oft Stress-, Angst- und Versagenserfahrungen, weil sie immer zu kurz springen. Was macht das über die Jahre mit einem Kind?
Kein Wunder, dass über die Hälfte der Jugendlichen glaubt, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Was brauchen junge Menschen, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?
Sie müssen beim Aufwachsen Vertrauen erfahren: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal Stress gibt, aber der sollte menschlich gelöst werden. Und dann brauchen sie Strukturen, in denen sie mitbestimmen und mitgestalten können – in den Dingen, die sie schon überblicken können, natürlich. In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Wie gehen die mir Überlegenen mit Macht um? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen? Wir dürfen das nicht unterschätzen. Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind ja nicht nur zuhause in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen. Wenn wir von der „Bildung“ reden, die dort passieren soll, dann gehört diese Persönlichkeitsbildung nach meinem Dafürhalten unbedingt dazu.
Rückgrat und innere Stärke
Sind wir da in Deutschland aktuell auf dem richtigen Weg?
Wir dürfen nicht blauäugig sein: Demokratie ist unglaublich schwierig. Sie bedeutet nicht nur irgendwo ein Kreuz zu setzen, sondern Kompromisse zu ertragen, konstruktiv zu denken, und auch die Schwächeren im Blick zu haben. An langfristigen Lösungen zu arbeiten, damit es der ganzen Gesellschaft besser geht. Demokratie braucht also Menschen, die empathisch sind und ein Interesse an anderen Menschen haben. Die mit sich selbst einigermaßen klarkommen und im Leben feststehen.
Wir haben in der Erziehung der Kinder eindeutig und messbar Land gewonnen. In den 70ern bis 90ern gab es eine Welle von positiven persönlichkeitsfördernden Entwicklungen für Kinder, eine neue, zugewandtere Haltung in der Erziehung etwa. Und es war auch die Zeit der letzten großen Bildungsreform. An den Schulen wurde beispielsweise versucht, den Kindern mehr eine Stimme zu geben.
Ich wünsche mir, dass wir uns weiter daran orientieren und das bewahren. Lasst uns weiterhin die Kinder so behandeln, dass sie an Rückgrat und innerer Stärke gewinnen. Und lasst uns die Familien im Blick behalten und sie entlasten so gut es geht, damit dort der Lebensstress nicht überhandnimmt. Fürsorge für die heranwachsenden Menschen ist ein gesellschaftliches Gut, vielleicht unser Wichtigstes.
Interview: Sarah Kröger ist freie Journalistin und Autorin.
Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Erziehungsexperte. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können.
Bindung in der Paarbeziehung: Expertin verrät, wie das gelingt
Die Bindung ist der entscheidende Faktor für eine glückliche Paarbeziehung. Im Interview verrät Paartherapeutin Ira Schneider ihre Tipps.
Unser Auto bringen wir regelmäßig in die Inspektion und zum TÜV, viele andere Geräte, die wir benutzen, werden regelmäßig gewartet, nur bei der Beziehung sind wir oft nachlässig. Warum ist das so?
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann sein, dass ein Paar so betriebsam ist, dass das gegenseitige emotionale Nähren gar nicht möglich ist. Es kann auch daran liegen, dass man das Gegenüber vielleicht nicht mehr so richtig spürt oder nicht mehr den Zugang dazu hat, wie schön es ist, gemeinsam innezuhalten, sich anzuschauen und sich Raum zu geben. Manche Paare scheuen sich, innezuhalten, weil das auch ein gewisses Maß an Konfrontationen bedeuten könnte. Das Innehalten zu vermeiden, kann unbewusster Widerstand sein, weil da etwas bedrohlich sein und ungemütliche Gefühle wecken könnte.
Man darf nicht vergessen, dass das Leben einfach auch viel fordert. Berufliches, Krankheiten, Übergänge, Umzüge und so weiter. Da sind die meisten Paare und Eltern froh, wenn sie den Alltag überleben.
Da ist dann eine stabile Bindung wichtig. Denn Bindung hat nicht nur etwas mit Erziehung zu tun, sondern betrifft auch Erwachsene. Was macht das Thema Bindung besonders relevant in der Paarbeziehung?
Eine Bindung zu den Fürsorgepersonen ist für Kinder im Grunde eine Lebensversicherung. Kinder können gar nicht anders, als sich zu binden. Eine Kollegin von mir sagt immer: „Kinder binden sich, weil sie nicht anders überleben können. Sie überprüfen dabei ihre Eltern nicht auf pädagogische Eignung.“ Im besten Falle ist das Kind sicher gebunden. Das ist aber nichts, was das Kind beeinflussen kann. Der Bindungsstil ist immer die bestmögliche Strategie, sich der Umwelt anzupassen. Für eine möglichst sichere Bindung braucht es Feinfühligkeit und Responsivität seitens der Fürsorgepersonen. Für das Kind ist wichtig, dass die Fürsorgepersonen überwiegend in der Lage sind, Bedürfnisse zu erspüren und darauf angemessen und versorgend einzugehen.
Das ist bei Paaren nicht viel anders. In der Paartherapie sprechen wir von der sicheren Paarbindung. Das Ziel, auf das ich mit den Paaren hinarbeite, ist, dass sie beieinander emotional sicher sind und sich verletzlich zeigen können. Ein Indikator für eine sichere Paarbindung ist die Responsivität. Dabei geht es darum, ob das Paar tendenziell innerlich bereit ist, auf das Gegenüber einzugehen und emotional verfügbar und aufgeschlossen ist. Paare strecken sich nach Bindung aus und versuchen einander zu erreichen. Im besten Falle haben beide Partner das Gefühl, sich gegenseitig mit positiven Bindungssignalen zu erreichen. Wer sich fallen lassen kann, spürt, dass die Paarbeziehung ein sicherer Ort, ein Bindungshafen ist.
Solche Bindung ist besonders wichtig, auch in Krisensituationen. Was sind die häufigsten Krisenherde, die Ehen erleben?
Leidensdruck entsteht, wenn die Paarbindung erschüttert ist und nicht mehr ganz sicher ist. Dann geraten Paare immer häufiger in bestimmte Interaktionszyklen. Das sind oft schmerzliche Reaktionskreisläufe, die sich dauernd wiederholen, die oft zu Rückzugsverhalten führen oder zu einem emotionalen Protestverhalten. Es kann sein, dass der eine Teil immer vehementer, immer beharrlicher, immer lauter wird und der andere Teil immer verschlossener und sich immer mehr zurückzieht. Das Rückzugsverhalten wird in der Paartherapie oft als Schutzverhalten vor dem Druck, nicht zu genügen, verstanden. Das Protestverhalten wird als Kampf gegen das Gefühl des Unverbunden- und Abgeschnitten-Seins eingeordnet. Manchmal schluckt der Rückzügler länger viel Frust und explodiert dann. Oder der protestierende Teil ist so erschöpft vom Versuch, Bindung wiederherzustellen, dass er oder sie sich abspaltet und aussteigt.
Was können kleine Rituale sein, die der Beziehung und der Bindung dienlich sind?
Was ich wichtig finde, ist beispielsweise Blickkontakt. Den anderen bewusst anzuschauen. Manchmal bitte ich Paare in der Therapie, einander einfach anzuschauen. Ich gehe dafür kurz raus aus der Sitzung. Und viele sagen mir anschließend, dass es das erste Mal seit Monaten sei, dass sie sich wieder ansehen. Einige weinen vor Ergriffenheit und spüren wieder etwas Wärme füreinander.
Eine Idee ist, auch tagsüber in Kontakt zu bleiben. Vielleicht durch einen kurzen Anruf, eine kurze Nachricht oder einfach durch ein kleines Liebes-Emoji. So ist die Kommunikation nicht nur funktional im Sinne der Absprachen, sondern schafft auch eine Herzensverbindung.
Manchmal ist die Belastung durch Kinder, Job und andere Dinge so groß, dass man als Ehepaar zu zerbrechen droht. Was hilft in solchen Situationen, den Partner nicht aus dem Blick zu verlieren?
Es kann hilfreich sein, das große Ganze im Blick zu behalten und sich immer wieder daran zu erinnern, dass es Phasen gibt, die wirklich intensiv sind. Alle Phasen haben ein Anfang und ein Ende. Wichtig ist, dass eine Phase nicht in einen langanhaltenden Zustand übergeht. Deshalb sollte man Frühwarnzeichen nicht ignorieren und feinfühlig bleiben.
Der zweite Punkt ist, daran festzuhalten, dass das Band der Liebe stark ist, auch wenn ein Paar nicht jeden Tag die Zeit hat, die es gerne miteinander hätte. Sich das gegenseitige Vermissen dann zuzusprechen, kann guttun. Und sich so viel Wertschätzung entgegenzubringen wie möglich, für all die Dinge, die das Paar gerade miteinander wuppt. So entsteht ein Grundgefühl von: „Ich sehe dich und du siehst mich.“
Welchen Stellenwert hat aus deiner Sicht die gemeinsame Verbindung zu Gott?
Für mich persönlich ist das sehr wichtig. Ich glaube, dass es wohltuend ist, als Paar zu wissen, dass man nicht allein mit den Herausforderungen ist. Wir haben einen Gott an unserer Seite, der wohlwollend ist und wir können uns zu ihm immer wieder hinwenden und mit seiner Unterstützung rechnen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.
Ira Schneider ist Paartherapeutin, Autorin und Referentin. In Ihrem Podcast „Voll Liebe! Der Beziehungspodcast“ spricht sie ausführlich über Bindung in der Partnerschaft. Zu hören unter erfplus.de oder überall, wo es Podcasts gibt. schneider-ira.com
Trigger erkennen: Experte verrät, wie Traumaforschung in der Paarbeziehung hilft
Das Verhalten des Partners kann uns emotional aus der Bahn werfen. Die Trigger liegen oft in früheren Erfahrungen. Sind das schon Traumata? Ein Experte erklärt.
Eine Patientin streitet mit ihrem Mann (Beispiele anonymisiert). Nach einem Streit zieht er sich zurück. Über Stunden fühlt sie sich unruhig und verlassen. Doch ihr Mann braucht Zeit. Er will im Streit nichts sagen, was er später bereut. Lieber geht er in sich, um herauszufinden, wie er zu dem strittigen Thema steht. Was ihm entspricht und ihm guttut, ist für meine Patientin ein schrecklicher Trigger. Was ist passiert? Welche alten Erfahrungen können heute getriggert werden? Das macht eine Therapiemethode sichtbar, die ich gerne einsetze.
Die Gefühlsbrücke
Ich lade meine Patientin ein, sich mit mir anzuschauen, was genau in ihr abläuft: „Versetzen Sie sich noch einmal in Gedanken in die Situation mit Ihrem Mann. Dann leite ich Sie an, eine Kindheitssituation auftauchen zu lassen, in der Sie sich einmal ähnlich gefühlt haben.“ Über diese Gefühlsbrücke gehen wir zurück in eine ferne Vergangenheit.
Meine Patientin erinnert sich an eine Situation, in der sie etwa fünf Jahre alt ist. Ihre Mutter ist überfordert. Sie zieht sich ins Schlafzimmer zurück. In dieser Zeit leidet die Mutter an Depressionen und liegt häufig im Bett. An manchen Tagen geht es der Mutter besser. Dann meistert sie den Alltag und kann für meine Patientin da sein. Doch wenn das Mädchen einmal wütend wird oder weint und sich nicht beruhigen kann, wird es der Mutter zu viel. Sie sagt noch ein paar halbherzige Worte. Dann geht sie in ihr Bett und ruht sich aus. Ihre kleine Tochter bleibt allein und verstört zurück. Schrecklich.
Obwohl dieser Zusammenhang naheliegend ist, hat meine Patientin ihn noch nicht entdeckt. Mit seinem Rückzug triggert ihr Mann die alte Erfahrung, verlassen zu werden. Natürlich ist es ist nicht angenehm, wenn sich der Partner nach einem Streit zurückzieht. Doch zur Not kann man das aushalten. Wer aber mit Gefühlen aus der Vergangenheit überflutet wird, gerät in eine bedrohliche und unerträgliche Situation. Das macht einen Unterschied: Es ist nicht der Ehemann, der die schlimmen Gefühle verursacht. Er löst sie nur aus.
Was getriggert werden kann
Ist meine Patientin nun traumatisiert? Ja und nein. Um die Diagnose einer Traumafolgestörung zu stellen, müssten die Erfahrungen aus der Vergangenheit immer wieder in gefühlsgeladenen Erinnerungen auftauchen, auch nachts in Alpträumen. Betroffene vermeiden dann alles, was an die traumatische Erfahrung erinnern könnte. Sie bleiben in einem körperlichen und geistigen Alarmzustand, der sich nur selten beruhigt.
So weit geht es bei meiner Patientin nicht. Doch vollständig verarbeitet ist ihre kindliche Verlassenheit nicht. Sie kann durch entsprechende Auslöser wieder aktiv werden. Insofern liegt eine traumatische Erfahrung vor. Neben der Verlassenheit, die meine Patientin durchlitten hat, gibt es auch andere Kindheitserfahrungen, die später getriggert werden können, zum Beispiel:
Welches Verhalten meiner Frau oder meines Mannes bringt mich aus dem Gleichgewicht? Welche Verhaltensweisen von mir triggern meine Frau oder meinen Mann? Und welche frühen Erfahrungen werden dabei berührt? Die Chancen sind gut, dass Sie die Antwort auf diese Fragen in der Liste finden.
Es gibt allerdings noch andere, seltenere Prägungen. Wenn Sie psychisch stabil sind, können Sie selbst einmal versuchen, über die Gefühlsbrücke zu gehen. Dazu versetzen Sie sich in eine Situation, in der Sie das Verhalten Ihres Partners emotional aus dem Gleichgewicht gebracht hat: Was fühlen Sie genau? Was noch? Wenn es Wut ist, gibt es unter der Wut vielleicht noch ein zarteres Gefühl? Wie spüren Sie die Gefühle im Körper? Und nun bleiben Sie bei den Gefühlen und Körperempfindungen. Öffnen Sie sich für eine Kindheitssituation, in der Sie sich einmal ähnlich gefühlt haben. Lassen Sie sich einfach ein wenig Zeit und warten ab, was kommt.
In den meisten Fällen taucht eine Situation auf, die man leicht einordnen kann, eine Erfahrung ähnlich wie die in der Liste auf Seite 51. Manchmal muss man ein wenig nachdenken, worin die Ähnlichkeit zur heutigen Situation besteht und warum eine Kindheitssituation wie die, die einem eingefallen ist, noch heute eine Rolle spielen könnte.
Liebevoll mit dem Trigger umgehen
Wenn ein Paar um seine Triggerpunkte weiß, erleichtert das vieles. Eine Ehefrau könnte zum Beispiel sagen: „Ich fühle mich gerade furchtbar dominiert von dir. Aber ich weiß, dass du offener für meine Wünsche bist, als ich gerade denke.“ Der Partner fühlt sich dann nicht mehr wie ein Tyrann, wie es in vergangenen Konflikten der Fall war. Dagegen hat er sich gewehrt.
Nun kann er vielleicht sehen, womit er dieses Gefühl seiner Partnerin ausgelöst hat. Vielleicht hat er seine Sicht der Dinge zu kämpferisch vertreten und nicht nach der Sicht seiner Partnerin gefragt. Er könnte nun auf die Triggerpunkte seiner Partnerin achten. Dann würde er sich in seiner Selbstbehauptung bremsen und nach ihren Wünschen fragen. Seiner Partnerin würde es so viel bedeuten, in einer Beziehung zu leben, in der ihre Bedürfnisse etwas zählen. Er würde sogar dazu beitragen, dass ihre alte Wunde der Fremdbestimmung heilt. Denn jede neue gute Erfahrung überschreibt alte Erfahrungen. Der Partner würde staunen, wie entspannt Situationen werden, die früher zu Konflikten geführt haben. Schließlich wäre er überwältigt davon, wie viel Liebe sein neues Verhalten bei ihr weckt – und das alles nur, weil er sich zwischendurch bremst und sich für ihre Bedürfnisse interessiert.
Doch es ginge sogar ohne Veränderung auf seiner Seite. Auch die Partnerin kann das Triggerthema lösen. Dazu reicht es, wenn sie sich Luft verschafft, wie mit den zwei Sätzen, die ich ihr in den Mund gelegt habe. Sie zeigt, wie sie sich fühlt, übernimmt aber die Verantwortung für ihre Gefühle. Dadurch hören sich ihre Worte nicht wie ein Vorwurf an. Gleichzeitig macht sie sich selbst bewusst, dass sie ihre Wünsche heute vertreten darf und nicht sofort nachgeben muss, nur weil ihr Partner gerade so kämpferisch diskutiert. Auch das kann eine entspannende Lösung sein.
Über Heute und Damals sprechen
Manchmal kann man den Zusammenhang zwischen heute und früher sogar ansprechen. Dann könnte ein Partner erklären: „Wenn du dir Sorgen machst, fühle ich mich wie früher, als die Sorgen meines Vaters das ganze Familienleben bestimmt haben. Ich habe mich damals so eingeengt und beschwert gefühlt. Du bist ja nicht wie mein Vater, trotzdem bekomme ich manchmal Beklemmungen, wenn du Sorgen aussprichst.“
Auch hier kann von jedem der beiden Partner eine entspannende Lösung ausgehen. Die besorgte Partnerin könnte prüfen, ob sie die Dinge nicht auch zuversichtlicher sehen und optimistischer reagieren kann. Vielleicht würde ihr das auch selbst guttun. In jedem Fall würde sie ihrem Partner die Erfahrung schenken, dass er endlich einmal wichtiger ist als die Sorgen. Aber sie muss sich nicht verändern. Es würde auch reichen, wenn sich ihr Partner den Unterschied zwischen heute und früher bewusst macht. Dann kann er entspannter auf die Sorgen seiner Frau reagieren: „Ich bin da gerade zuversichtlicher und selbst, wenn etwas schiefgeht, könnte ich damit umgehen. Denkst du, wir können das trotzdem wagen und dabei eine gute Zeit haben?“ Er ist den Sorgen seiner Frau nicht so ausgeliefert wie den Sorgen seines Vaters damals.
Wahrscheinlich lässt sich seine Frau für mehr Zuversicht gewinnnen, wenn man darüber spricht. Vielleicht wird sie aus Liebe einen Kompromiss eingehen, dabei ängstlich sein, aber tapfer mit ihren Sorgen umgehen. Wo es sie wirklich überfordert, kann ihr Mann Dinge vielleicht auch ohne sie machen. Er muss den sorgenvollen Gedanken seiner Frau auch nicht so lange zuhören, bis es ihn selbst runterzieht. Zwei Minuten Zuhören und Mitgefühl reichen für die meisten Sorgen, dann darf man unauffällig das Thema wechseln. Oder man steht auf und kocht einen Tee – auch Unterbrechungen bringen oft auf andere Gedanken. Heute gibt es einfach so viel mehr gute Möglichkeiten als damals.
Trigger: Eine Mode, die uns dient
Der Traumahype mag übertrieben sein, wenn etwa Sendungen oder Podcasts von Triggerwarnungen eingeleitet werden: „Die Mordfälle unserer Sendung sind auf keinen Fall für Ihre Kinder geeignet. Auch nicht für Menschen, die darauf sensibel reagieren.“
Doch der Hype um die Trigger macht uns auch ein Geschenk. Denn allmählich wird es zum Allgemeinwissen: Die meisten Menschen haben auch schwere Erfahrungen gemacht und diese sind oft nicht vollständig verarbeitet. Sie können deshalb getriggert werden. Dann bricht eine alte Erfahrung ins Heute durch. Das ist bedrohlich und verwirrend, weil wir dabei früher und damals verwechseln. Wir nehmen eine Person heute schlimmer wahr, als sie es verdient hat. Wir zeigen ein Verhalten, das eigentlich der Person gilt, die uns vor langer Zeit beeinträchtigt hat.
Wer hier zu unterscheiden lernt, kann Situationen entspannen. Er kann außerdem verständlich machen, wie er fühlt und was er braucht. Gäbe es einen Führerschein für Liebesbeziehungen, würde ich eine Trauma-Lektion in den Prüfungsstoff aufnehmen.
Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in eigener Praxis in Heidelberg. Sein Buch zum Thema zeigt wunde Punkte in Beziehungen auf: „Meine Stacheln. Wie Sie Ihre Liebe vor Verletzungen schützen.“
Hat mein Kind eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen
Wenn junge Menschen wenig essen, machen sich die Eltern schnell Sorgen: Handelt es sich um eine Essstörung? Eine Psychologin klärt auf.
Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.
Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.
Handlungsbedarf!
Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.
„Was beschäftigt dich?“
Dass Eltern oft Hemmungen haben, ihre Kinder direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten des Sohnes oder der Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an dem gesamten Befinden Ihres Kindes, nicht nur an seinem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt es etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.
Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.
Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Wenn der Klassenkamerad das Geschlecht wechselt
Elternfrage: „Ein Klassenkamerad meines Sohnes (16) hat vom Selbstbestimmungsgesetz Gebrauch gemacht und hat jetzt einen weiblichen Namen. Wie würdet ihr das mit euren Teenagern thematisieren?“
Das ist nicht „Iiiiiihhh“
Über dieses Thema haben wir als Familie immer wieder diskutiert und die Argumente, die für und gegen die Akzeptanz der Geschlechtsänderung sprechen, offen zusammengetragen. Meine Kinder forderten von mir schon sehr früh die volle Akzeptanz, wenn ich mich eher herausgefordert gezeigt habe. Ihre Meinung haben sie durch die Schule und Social Media geformt. Ich erlebe jedoch auch, dass Jugendliche an der Schule, an der ich arbeite, mit einem „Iiihhh!“ und völligem Unverständnis reagieren, wenn sie eine Geschlechtsumwandlung mitbekommen.
Ich frage sie dann, ob sie der Richter sind und genau wissen, was richtig und falsch sei. Ob sie nachgefragt haben, was die Person dazu bewegt habe, sich für eine andere Geschlechterrolle zu entscheiden und wie sie das Gebot der Nächstenliebe deuten, wenn sie jemanden abstempeln und unüberlegt mit einem „Iiihhh!“ in eine Ecke katapultieren. Steht uns das als Menschen zu? Und was macht es mit meinem Nächsten, wenn ich so mit ihm oder ihr umgehe? Als Familie haben wir uns dazu entschlossen, diese Personen als Nächste zu sehen und auch so zu behandeln.
Stefanie Böhmann ist Pädagogin und individual-psychologische Beraterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Suche nach Frieden
Mir wäre es wichtig, mit meinem Sohn zunächst darüber zu reden, dass Jesus diesen Mitschüler unendlich liebt. Ich würde ihn sensibel dafür machen wollen, dass sein Mitschüler bis zu dieser Entscheidung bestimmt eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht hat und dass er einen Weg sucht, um innerlich Frieden zu finden, sich körperlich und seelisch stimmig zu fühlen, sich als ganz zu erleben. Die Änderung seines Geschlechtseintrages und Namens ist sein Weg, den er mit der Hoffnung einschlägt, dadurch Frieden zwischen Körper und Seele zu finden.
Gleichzeitig würde ich meinem Sohn aufzeigen, dass ich davon überzeugt bin, dass ihm diese äußeren Veränderungen keinen schlussendlichen Frieden schenken können, weil er mit diesem Weg gegen seinen Körper „arbeitet“. Und gegen einen Teil von sich selbst zu sein, wird ihn immer in Unfrieden lassen. Deshalb wäre es mir ein Anliegen, meinen Sohn zu ermutigen, (mit mir) für seinen Mitschüler zu beten, dass Gott ihm in seiner Liebe begegnet, er Jesus kennenlernt und er Körper und Seele zueinander finden lässt, sodass seine Identität als junger Mann ganz hergestellt wird.
Tobi Schöll ist Papa von drei Kids, leitet den Christus-Treff Berlin und ist als Jugendevangelist unterwegs.
Entscheidung akzeptieren
Ich würde den Mut der Person loben, die diese Entscheidung getroffen hat. Unfreiwillig von der Norm abzuweichen, kann für viele Menschen ein hartes Los sein. Sich dieser Abweichung zu stellen und zu ihr zu stehen, verdient Respekt. Ja, die Bibel, so wie ich sie verstehe, sieht diese Abweichungen nicht vor. Da gibt es nur Mann und Frau, die jeweils das andere Geschlecht lieben. Doch unabhängig davon, wie man sich in diesem Dilemma zwischen biblischer Sexualethik und heutigen Moral- oder Gendervorstellungen positioniert: Diese Positionierung spielt bei der Entscheidung des Klassenkameraden keine Rolle.
Denn es ist seine Entscheidung, nicht meine. Und da seine Entscheidung keine andere Person schädigt, seine Freiheit also nicht die Freiheit anderer berührt, kann sie einfach akzeptiert werden. Und das tun junge Menschen für gewöhnlich auch – schwer tun sich nur die Erwachsenen.
Hauke Hullen ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften und hat fünf Kinder.
Nicht von Gottes Liebe abgeschnitten
In meinem nahen Umfeld gibt es zwei Jugendliche, die sich als transgender und queer geoutet haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht, sich nicht in ihrem Körper wohlzufühlen. Ich kann mir nur annähernd die Zerrissenheit vorstellen, die diese Erkenntnis und die daraus resultierende Selbstfindungsreise für die Familie bedeutet. Das Selbstbestimmungsgesetz wurde in ihren Kernfamilien gemeinsam mit Sekt gefeiert und zeigte ihnen, dass sie gesehen und ernst genommen werden.
Die beiden haben genau wie alle anderen auch Menschenrechte. Sie brauchen vor allem Unterstützung von der Gesellschaft, damit sie die Möglichkeit haben, ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Es ist nicht an mir, das von außen zu be- und verurteilen. Glücklicherweise, so denke ich, sind wir nicht von Gottes Liebe abgeschnitten, weil wir uns in unserem Geburtskörper nicht wohlfühlen. Seine Liebe ist so groß, dass sie uns in unseren individuellen Lebenswegen umhüllt, sodass wir uns bei ihm gehalten wissen können, wenn es uns schier innerlich zerreißt.
Priska Lachmann lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Sie ist Theologin, Journalistin und Autorin.
„Unsere Kinder könnten sich doch mal verabreden“ – Kann man Freundschaft erzwingen?
Elternfrage: „Wiederholt hat mich eine Freundin gefragt, ob sich unsere Töchter (11) nicht mal verabreden möchten. Aber meine Tochter verabredet sich nicht so gern mit ihrer Tochter. Mir fällt es schwer, ihnen abzusagen. Soll ich meine Tochter überreden oder meiner Freundin die Wahrheit sagen?“
Ihre Tochter steht an der Schwelle zum Jugendalter und braucht in ihren sozialen Beziehungen ein immer größer werdendes Mitbestimmungsrecht. Aus diesem Grund sollten Sie das Nein Ihrer Tochter unbedingt ernst nehmen und die Grenze Ihrer Tochter schützen.
Solange Kinder noch jünger sind, stehen sie häufig in Kontakt miteinander, weil sich ihre Eltern treffen. Kleinere Kinder spielen miteinander, ohne dass sie untereinander immer die besten Freunde sein müssen. Das ändert sich jedoch mit dem Alter. Kinder lösen sich von den Eltern und ändern ihre Bedürfnisse. Dann sind Gleichaltrige nicht mehr vorrangig zum Spielen da, sondern um sich über ihre Lebenswelt, Interessen und Träume auszutauschen. So können tiefere Freundschaften entstehen, die ein Vertrauensverhältnis und eine Freiwilligkeit voraussetzen. Dies sollte unbedingt geachtet werden.
Selbstbestimmung des Kindes
Wenn die Wellenlänge zwischen Ihrer Tochter und der Tochter Ihrer Freundin nicht stimmt, ist das schade, aber kein Grund, aus Gefälligkeit der Mutter gegenüber Druck auf die eigene Tochter auszuüben. Denn Verabredungen oder gar Freundschaften können nicht erzwungen werden. Auf der einen Seite ist Ihr Wunsch, Ihre Freundin nicht vor den Kopf zu stoßen, berechtigt und nachvollziehbar. Auf der anderen Seite ist es aber Ihre Aufgabe als Mutter, Ihrer Tochter in ihren Beziehungen möglichst viel Gestaltungsfreiheit zu geben. In dieser Abwägung ist es ratsam, dass Sie die Selbstbestimmung Ihrer Tochter über das eigene Harmoniebedürfnis stellen.
Als Mütter befreundet bleiben
Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie mit Ihrer Freundin in einen offenen und ehrlichen Austausch gehen. Hier könnten Sie das Gespräch mit der Frage beginnen, warum es ihr so wichtig ist, dass sich die Mädchen treffen. Vielleicht steckt hinter diesem Wunsch die Sorge, dass sich die Tochter zu sehr isoliert oder ihre Freizeit nicht sinnvoll gestalten kann. Vielleicht sind es falsche Freunde, mit denen sich das Mädchen trifft, weshalb Ihre Freundin einen Handlungsbedarf sieht. Auch die Frage, was denn die Tochter selbst möchte, könnte helfen, die Situation etwas klarer werden zu lassen.
Durch solche Fragen schaffen Sie eine Vertrauensbasis, und Ihre Freundin fühlt sich mit ihren Anliegen gesehen. Möglicherweise können Sie auf diesem Weg gemeinsam Ideen entwickeln, wie Ihre Freundin gut für ihre eigene Tochter sorgen kann.
Wenn Sie an dieser Stelle klar benennen, dass Sie die Grenze Ihrer Tochter bewahren wollen, kostet das sicherlich etwas Überwindung, aber ohne Ehrlichkeit wird das Thema langfristig nicht zur Ruhe kommen. Erklären Sie Ihrer Freundin, dass Sie persönlich einen Kontakt zwischen den beiden Mädchen befürworten würden, aber die Entscheidung Ihrer Tochter respektieren möchten. Ich bin sicher, dass Ihre Tochter Ihnen das danken wird. Und eine Freundschaft unter Erwachsenen sollte es aushalten, dass eine Bitte abgelehnt wird, wenn das in Wertschätzung und Respekt geschieht.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.
„Mein Kind ist eine Naschkatze“ – Wie viele Süßigkeiten sind okay?
Elternfrage: „Unsere Tochter (10) ist eine Naschkatze und liebt Süßigkeiten. Ich mache mir Sorgen, dass sie sich eine ungesunde Ernährungsweise angewöhnt und ertappe mich dabei, dass ich ständig an ihr herumkritisiere. Woher weiß ich, wie viel Zucker oder Fett okay ist?“
Kinder lieben Süßes. Das ist völlig normal. Entwicklungsgeschichtlich sind wir Menschen auf süß gepolt. Die Muttermilch schmeckt bereits durch den enthaltenen Milchzucker leicht süß. Sogar das Fruchtwasser im Mutterleib hat einen süßlichen Geschmack und wird gern von den Babys getrunken. Dennoch ist Ihre Sorge nicht unbegründet. Leider haben Süßigkeiten und der darin enthaltene Zucker ein „Suchtpotenzial“. Wir gewöhnen uns schnell an den Geschmack und brauchen immer mehr davon, um es als angenehm zu empfinden.
Alles in Maßen
Zucker und Fett sind in vielen Lebensmitteln enthalten. In Süßigkeiten werden Zucker und Fett kombiniert: Kalorienbomben pur! Wer zu viel Zucker isst, ist häufiger von Zahnkaries, Übergewicht und daraus entstehenden Zivilisationskrankheiten (wie zum Beispiel Diabetes mellitus Typ II) betroffen. Sich über die Ernährung der Kinder Gedanken zu machen, ist also absolut wichtig. Die wünschenswerte Menge der einzelnen Lebensmittel pro Tag ist gut durch die Pyramide des Bundeszentrums für Ernährung wiedergegeben und lässt sich dort nachlesen. Dabei entspricht die Menge eines Bausteins in etwa einer Handgröße (kleine Hand = kleine Portion). Doch wie lassen sich diese Angaben und Maßstäbe umsetzen?
Zwischen „sollen“ und „wollen“
Kinderernährung kann und muss nicht zuckerfrei sein. Aber der Umgang mit Snacks will gelernt sein. Eltern sind dabei ein wichtiges Vorbild. Denn Kinder tun bekanntlich nicht unbedingt das, was wir sagen, sondern was wir tun. Erwachsene sollten – unter Mitbestimmung der Kinder – zum Essen einladen: Sie entscheiden, wann, was und wie gegessen wird. Aber es ist die Entscheidung der Kinder, ob und wie viel sie essen. Dabei wird die Herausforderung beim Thema Essen deutlich: Wir möchten unsere Kinder besonders gesund und nachhaltig ernähren. Aber Kinder haben eben auch ihre eigenen Bedürfnisse.
Folglich sitzen sich am Esstisch das „Sollen“ und „Wollen“ häufig gegenüber. Wie es trotzdem gelingen kann, auf einen Nenner zu kommen als Eltern mit Naschkatzen im Haus, habe ich in den nachstehenden Tipps zusammengetragen. Bleiben Sie entspannt: Mithilfe von Regeln legen Sie einen Rahmen für die Ernährung Ihrer Tochter fest; innerhalb dieses Rahmens kann sie dann aber – ohne Ihre Anmerkungen – frei entscheiden.
8 Tipps für eine gesunde Kinderernährung
Elke Decher ist Diplom-Oecotrophologin und unterrichtet Ernährung, Hauswirtschaft, Gesundheits- und Naturwissenschaften an einem Berufskolleg.