Das Gefühl, keine gute Mutter zu sein, kann sehr lähmend wirken. Rachel Hollis kennt diese Gedanken und hat sie als Lüge enttarnt.
Ich bin die schlimmste Schwangere, die du je getroffen hast. Ich hasse einfach jeden Aspekt an einer Schwangerschaft – abgesehen davon, dass man am Ende ein Baby hat. Ich bin dankbar für meine Schwangerschaften – aus tiefstem Herzen dankbar dafür, dass Gott es mir geschenkt hat, drei wundervolle kleine Jungs und ein Mädchen austragen zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich. Aber jeder einzelne Aspekt einer Schwangerschaft setzt mir zu.
Die Wehen sind das Schlimmste
Doch als das wundervolle Ereignis schließlich geschah, war ich in Ekstase. Erstens, weil ich endlich Jackson Cage kennenlernen konnte – unser Wunschkind, dessen Namen wir schon vor Jahren bei einer Reise quer durchs Land festgelegt hatten. Zweitens, weil ich meinen Körper nun wieder für mich allein haben würde. Ich war euphorisch, dass ich die Wehen überstanden hatte, die ich offen gesagt für das Schlimmste am Muttersein halte.
Aber als wir mit Jackson in seiner ganzen Pracht zu Hause ankamen, traf mich völlig unvorbereitet das Gefühl, als frisch gebackene Mama vollkommen ungeeignet zu sein. Ich liebte ihn unbändig. Und ich hatte Angst um ihn. Ich konnte nachts kaum schlafen, weil ich mir sicher war, dass er aufhören würde zu atmen. Das Stillen war schwierig und schmerzhaft und ich produzierte nie genug Milch, um diesen gigantischen Nachwuchs satt zu kriegen. Mein Mann war immer mein bester Freund und mein Lieblingsmensch auf Erden, aber ich erinnere mich noch an die Zeit, in der Jackson anderthalb Monate alt war, und ich Dave ansah und ernsthaft dachte, ich würde ihn hassen. Aus tiefster Seele hassen.
Elternwerden ist ein Schwindel
Jackson war sechs Wochen alt – was übrigens genau die Zeit ist, in der ungetrübter Hass am häufigsten auftritt – und wachte nachts immer noch auf. Es ist wichtig an dieser Stelle die Worte immer noch zu betonen, denn mein junges, ahnungs- und kinderloses Ich hatte gedacht, am Ende des ersten Monats hätten wir alles überstanden und befänden uns auf bestem Wege ins elterliche Paradies. Ach, mein reines, unschuldiges Herz …
Elternwerden ist ein großer Schwindel. In den ersten Wochen schwimmt man auf der großen Euphoriewelle. Liebe Menschen bringen einem Aufläufe vorbei, die Mama ist noch da und hilft und man hat diesen wundervollen kleinen Engel. Aber dann vergehen die nächsten zwei Wochen und man gerät in eine Zombieroutine. Die Brüste tropfen durch die Kleidung und man hat schon eine Woche nicht gebadet. Die Haare sehen so schlimm aus wie nie zuvor – egal. Du schaffst das schon.
In mich reingefressen
Aber nach sechs Wochen ist die Luft raus. Man denkt: Warum bin ich so erschöpft? Warum sehe ich immer noch so aus, als wäre ich im fünften Monat schwanger? Warum mache ich immer noch nichts anderes außer stillen?
Nach sechs Wochen war ich ein wenig … äh … frustriert darüber, wie sehr ich damit beschäftigt war, mich ums Baby zu kümmern. Ich hatte das Gefühl, dass Dave nicht sehr viel dazu beitrug und fand die Verantwortung, das meiste allein stemmen zu müssen, ziemlich erdrückend. Aber ich sagte kein Wort zu ihm. Ich wickelte das Gefühl fest ein und schluckte es ganz tief hinunter, wo es niemandem in die Quere kam. Eines Tages unterhielten wir uns über irgendetwas, als die Bombe platzte. „Ich bin müde.“ Das war es, was er sagte. Das waren seine Worte. Meine Welt wurde aus den Angeln gerissen, und meine Augen nahmen das Achtfache ihrer normalen Größe an. Aber er war zu sehr mit Reden beschäftigt: „Ich bin todmüde, weil ich heute Morgen so früh aufgewacht bin … blablabla … weitere falsch verstandene Worte.“
Komplett ausgerastet
Ich rastete komplett aus. Ich weinte, ich lachte, ich überlegte, wer dieses Baby aufziehen würde, wenn ich Dave mit dem Plastikschlauch meiner Milchpumpe erdrosselte. Und um eins der berühmtesten Zitate unserer gesamten Ehe zu wiederholen: „Bei unserer Hochzeit hätte ich nie gedacht, dass ich dich einmal so sehr hassen könnte wie jetzt!“ Das war sicher nicht meine Sternstunde. Aber zu meinem Glück stecken Beziehungen voller Chancen für Gnade.
Selbst als das Baby anfing, durchzuschlafen (und wir auch), war ich ein Wrack. Ich liebte Jackson, aber ich hatte das Gefühl, keine richtige Bindung zu ihm zu haben. Ich hatte solche Angst, etwas falsch zu machen, dass ich mich nie entspannte. Ich war so darauf bedacht, den Haushalt zu erledigen und dafür zu sorgen, dass sein Strampler fleckenfrei blieb, dass ich es nie einfach nur genoss, eine junge Mutter zu sein. Ich glaube, ich hatte solche Angst, ihm gegenüber zu versagen, dass ich mir selbst gegenüber versagte.
Ich habe vergessen, wer ich bin
Weil ich so sehr darauf bedacht war, wie wir als Familie wirkten, hatte ich mir nie die Zeit genommen, eine Verbundenheit zu spüren. Und weil ich das Gefühl hatte, keine gute Mutter zu sein – die eine Sache, die man doch von Natur aus beherrschen sollte –, war ich mir sicher, restlos zu versagen. Im Rückblick erkenne ich, dass meine Wahrnehmung von Bildern aus dem Internet und aus Zeitschriften geprägt war. Ich verschwendete so viele Sorgen daran, irgendeinem Pinterest-Standard nicht zu entsprechen, dass ich komplett vergaß, wer ich eigentlich war.
Die einzig wahre To-do-Liste
Das hier ist wichtig für junge und werdende Mamas: Hör zu! Du brauchst nicht schon vorher alles geplant zu haben. Du brauchst auch nicht alles zu wissen. Die Handgriffe, die ein Neugeborenes am Leben erhalten, sind ziemlich simpel: füttern, kuscheln, liebhaben, feuchte Windeln wechseln, warmhalten, wieder kuscheln.
Die tägliche To-do-Liste einer frischgebackenen Mama sollte auf zwei Punkte zusammengestrichen werden:
1. Sich um das Baby kümmern.
2. Sich um sich selbst kümmern.
Peng. Ende.
Mist, du hast die Wäsche heute nicht gemacht? Guck auf deine Liste: Hast du dich um das Baby gekümmert? Ja. Hast du dich um dich selbst gekümmert? Auch ja. Na also, ich glaube, du hast die Mamasache drauf. Ich schätze, die Wäsche kann warten.
Wie bitte? Du bist traurig, weil du die Kilos von der Schwangerschaft noch nicht wieder runter hast? Nimm dir deine prima-praktische To-do-Liste mit den exakt zwei Punkten noch mal zur Hand. Lebt das Baby noch? Super. Was ist mit dir – atmest du noch ein und aus? Na dann – es klingt, als seist du die beste Mama überhaupt. Mach weiter!
Keine Angst vor dem Versagen
Pinterest ist klasse, und das Kinderzimmer in perfekt aufeinander abgestimmten Farben zu dekorieren, ist der halbe Spaß am Kinderkriegen. Durch Instagram surfen? Klar, ich sehe immer noch gern bei den ganzen schwangeren Insta-Frauen vorbei, immer auf der Suche nach tollen Outfits, die zur Kugel passen! Es ist gut, über den Tellerrand zu blicken, wenn wir unsicher sind, weil Neues anbricht – und selten sind wir so unsicher wie als junge Eltern. Aber lass mich dir eins sagen:
Der Gott, der Mond und Sterne und Berge und Meere geschaffen hat, glaubte, dass du und dein Baby zusammenkommen sollten. Das heißt nicht, dass ihr perfekt zusammenpasst. Das heißt nicht, dass du nicht auch Fehler machen wirst. Das heißt aber, dass du keine Angst vor dem Versagen haben brauchst, denn es ist unmöglich, in einer Aufgabe zu versagen, für die du geschaffen wurdest.
Du bist gut
Irgendwo denkt eine zynische Leserin gerade an all die Eltern, die dennoch versagen. Es gibt viele Mütter, die schlechte Entscheidungen treffen, die sich selbst oder ihren Kindern Verletzungen zufügen. Als frühere Pflegemutter weiß ich aus eigener Erfahrung, dass gerade jetzt in diesem Moment Säuglinge misshandelt und vernachlässigt werden, und selbst wenn ein heiliger Plan sie zu ihren Müttern brachte, ist es für sie vielleicht nicht das Beste, auch dort zu bleiben.
Aber über diese Mütter rede ich hier nicht. Ich spreche mit dir. Lass dich nicht von der Sorge zermürben, ob dein Kind einem festen Schlafrhythmus folgt, nur Bio-Gläschen isst oder schnell sitzen lernt. Ich spreche mit derjenigen, die all die Bücher und Artikel liest und sich überfordert fühlt bei der Frage, was denn das Richtige ist, wenn man doch so viele falsche Entscheidungen treffen kann. Allein, dass du dir so viele Gedanken machst, zeigt doch schon, dass du voll bei der Sache bist und das Beste erreichen willst. Das zeichnet die besten Eltern aus. Und der Rest regelt sich dann schon von allein.
Was mir geholfen hat:
1. Eine Clique finden. Suche dir eine Gruppe von Frauen, die wissen, was es bedeutet, eine junge Mutter zu sein. Solidarität ist eine große Kraft. Es tut gut, sich mit einer Frau zu unterhalten, deren Baby ihr auch aufs Shirt spuckt.
2. Mich von Pinterest fernhalten.
Aus Liebe zu allem, was mir heilig ist – niemand sollte nach einem großen Lebensereignis Zutritt zu Pinterest haben. Warum? Weil man entweder das Gefühl hat, etwas zu verpassen oder das eigene Leben, Kinderzimmer oder Gewicht dem anpassen zu müssen, was man im Internet sieht. Achte einmal darauf, was dir Angst macht und wodurch du an dir zweifelst. Wenn es die Sozialen Medien sind, tu deinem Herzen einen Gefallen und lege eine Pause ein. Ich verspreche dir, dass sie noch da sind, wenn du mehr Schlaf bekommst und emotional stabiler bist.
3. Aus dem Haus gehen. Jeden. Tag. Wieder. Das Beste, was du für dich selbst, deine Gesundheit und dein Kind tun kannst, ist, den Ort des Verbrechens zu verlassen. Verabschiede dich für eine Weile von dem Ort mit dem Geschirr in der Spüle und dem überquellenden Windeleimer. Pack dein Kind in die Trage oder Karre und spaziere durchs Viertel. Steck dir Kopfhörer ins Ohr und höre Beyoncé oder Adele oder einen Podcast über Firmenethik. Tu, was nötig ist, damit du nicht vergisst, dass ein Leben außerhalb deines Nestes existiert und dass du immer noch dazugehörst.
4. Mit jemandem über meine Gefühle sprechen. Lügen lassen sich wirksam aufdecken, wenn wir sie vor jemandem laut aussprechen. Egal, ob du dir dafür deinen Mann, deine Freundin oder eine liebe Verwandte aussuchst: Zu erzählen, dass du zu kämpfen hast, kann dir die notwendige Unterstützung verschaffen, um all die Irrtümer aufzuklären, die dein Leben bestimmen.
Rachel Hollis ist die Gründerin der Website The-ChicSite und Geschäftsführerin von Chic Media. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt sie in Austin, Texas. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „Schmink’s dir ab. Lass die Lügen los und lebe“, das gerade bei SCM Hänssler erschienen ist.
Der friedliche Kampf: Das schreibt der Nikolaikirchen-Pfarrer über die DDR-Demos 1989
Am 3. Oktober feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Tausende DDR-Bürger gingen im Herbst 1989 für ihre Freiheit auf die Straße. Vor seinem Tod schrieb Christian Führer, der damalige Pfarrer der Nikolaikirche, wie er diese Tage erlebt hat.
Teil 1: Hintergrund – Montag, 9. Oktober 1989
Wie zur Warnung trifft sich gerade heute Honecker mit der chinesischen Staatsdelegation des stellvertretenden Ministerpräsidenten Yao Yilin in Berlin. Die chinesische Gewaltlösung vom „Platz des Himmlischen Friedens“ scheint so nah wie nie. In Leipzig wird währenddessen über die Betriebe offiziell davor gewarnt, in die Innenstadt zu gehen, da man sich so als Staatsfeind zu erkennen gäbe. Im Volkspolizeiamt lautet die offizielle Devise für die Sicherheitskräfte: „Das Ziel des Einsatzes besteht in der Auflösung rechtswidriger Menschenansammlungen und (…) in der dauerhaften Zerschlagung gegnerischer Gruppierungen sowie der Festnahme der Rädelsführer.“ In den Krankenhäusern werden Blutkonserven gesammelt und Betten frei gemacht. Betriebskampfgruppen werden zusammengezogen und mit Gummiknüppeln bewaffnet. Hinter der „Runden Ecke“, wie die Stasizentrale im Volksmund heißt, nehmen Schützenpanzer Stellung.
Balkone werden abgesperrt
Schon am frühen Nachmittag besetzen 600 SED-Parteikader (ohne Parteiabzeichen) den Innenraum der Nikolaikirche, bevor Pfarrer Christian Führer die Balkone der Kirche absperrt – für die »Werktätigen«, die bis 17.00 Uhr arbeiten müssen, wie er bei der Begrüßung der Neulinge das Montagsgebet erklärt. Aber auch die Thomaskirche, die Michaeliskirche und die Reformierte Kirche bereiten sich auf die Friedensgebete vor.
„Wir sind das Volk“
Um 17.00 Uhr versammeln sich 10.000 Besucher in den vier völlig überfüllten Kirchen zum Montagsgebet. Bischof Johannes Hempel ruft in allen vier Kirchen die Besucher persönlich zum Gewaltverzicht auf und die Berichte aus Dresden machen Mut. Draußen warten Menschenmengen. Gemeinsam ziehen sie mit den Kerzen in der Hand zum Karl-Marx-Platz und von dort den Ring entlang. Sprechchöre skandieren „Wir sind das Volk“, „Gorbi, Gorbi“ und „Wir sind keine Rowdys“, daneben erschallen Lieder wie „We shall overcome“. Die 8.000 Einsatzkräfte kapitulieren angesichts der friedlichen 70.000. Den möglichen massiven Schusswaffeneinsatz will keiner anordnen. Selbst Einsatzleiter Helmut Hackenberg bekam von Egon Krenz keine klare Antwort. Erst als die Demonstranten schon den ganzen Innenstadtring ausfüllten, kam die Bestätigung der Leipziger Linie des Nichteingreifens, solange keine Gewalt von der Demo ausgeht. Mit Kerzenketten und dem Ruf „Keine Gewalt“ wird versucht, vor den sensiblen Punkten wie der Stasizentrale Provokationen auch aus der Demo heraus zu verhindern, was wie ein Wunder gelang.
Ein Lichtermeer
In Dresden lauschen derweil 20.000 Menschen in und vor den Kirchen den Berichten der Bürgervertreter der „Gruppe der 20“ über die Ergebnisse ihrer Gespräche mit Oberbürgermeister Berghofer am Morgen.
In Berlin bricht bei den 3.000 Besuchern in der Gethsemanekirche spontaner Jubel aus, als sie von dem friedlichen Verlauf in Leipzig hören. Der Platz rund um die Kirche wird zum Lichtermeer und auch hier ziehen sich die Sicherheitskräfte zurück. Lediglich in Halle gehen sie mit gewohnter Brutalität gegen 2.000 Demonstranten rund um die Marienkirche vor, wo sie eingekesselt massenhaft zu den „Zuführungspunkten“ gebracht werden.
Viel Gebet
Neben Leipzig, Berlin, Dresden und Halle finden Veranstaltungen in Magdeburg, Jena, Markneukirchen und Meerane statt, „die ihrem Charakter nach gegen die staatliche Ordnung in der DDR gerichtet waren“, wie ein Lagebericht am nächsten Tag meldet. Für einen friedlichen Verlauf der Montagsdemonstrationen haben an diesem Abend viele Gemeinden in der DDR gebetet.
Teil 2: Christian Führer berichtet
Was mich bis heute am meisten bewegt: Mit dem Ruf „Keine Gewalt!“ war die Bergpredigt Jesu auf den Nenner gebracht! Aus dem Volk geboren, nicht von einem Pfarrer oder Bischof formuliert. Und sie haben nicht nur „Keine Gewalt!“ gedacht oder gerufen, sondern haben die Gewaltlosigkeit konsequent auf der Straße praktiziert. Menschen, die in zwei unterschiedlichen atheistischen Weltanschauungsdiktaturen aufgewachsen waren. Bei den Nazis mit Rassenhass und Kriegsvorbereitungen. An die Stelle Gottes war die „Vorsehung“ getreten. Bei den Realsozialisten mit Klassenkampf und Feindbild und atheistischer Propaganda: „Euren Jesus hat’s nie gegeben und euer Gefasel von Gewaltlosigkeit ist gefährlicher Idealismus. In der Politik zählen Geld, Armee, Wirtschaft, Medien. Alles andere kannst du vergessen!“ Dass die so erzogenen Menschen im Geist Jesu der Gewaltlosigkeit draußen auf der Straße handelten– Carl Friedrich von Weizsäcker sagte zu mir: „Das ist ein erschütternder Vorgang.“ Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wenn je etwas das Wort „Wunder“ verdient, dann das. Ein Wunder biblischen Ausmaßes!
Zwischen Angst und Hoffnung
Als nach dem Friedensgebet alle aus der Kirche herausgekommen waren, setzte sich die Menschenmenge langsam in Bewegung. Die Kinder hatten sie zu Hause gelassen, weil es lebensgefährlich war. Zwischen Angst und Hoffnung bewegte sich der Zug Meter um Meter vorwärts auf dem Ring.
Mit allem gerechnet außer Kerzen und Gebeten
„Wir sind das Volk!“– das bedeutete auch: „Ihr ‚Volks‘-Polizisten, für wen steht ihr eigentlich hier? Für die paar Greise in Berlin – oder was?“ Wo das Volk steht, brauchst du bei 70.000 niemandem zu erklären. Die Staatsmacht war total überrascht und verunsichert. „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“, so der Volkskammerpräsident Horst Sindermann. Dafür hatten die Offiziere keinen Einsatzbefehl. Als der Zug der Menschen unangefochten den Innenstadtring passiert hatte und wieder am Ausgangspunkt angekommen war, herrschte eine ungeheure Erleichterung, dass nicht geschossen worden war. Keine zerstörte Schaufensterscheibe. Keine Sieger und Besiegten. Keiner verlor das Gesicht. Keiner büßte sein Leben ein.
Christian Führer (1943–2014), war 1989 Pfarrer in der Nikolaikirche in Leipzig. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Das Wunder der Freiheit und Einheit“, erschienen bei SCM Hänssler und der Evangelischen Verlagsanstalt.
„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt …“
Ihre Teenager für die Bibel begeistern? Ein schweres Unterfangen für Nicole Schweiger. Bis sie es mit Kreativem Schreiben versuchte.
Berührungspunkte suchen
Bei der Jüngeren klappt das ganz gut mit Bible Art Journaling (siehe Artikel S. X). Wir toben uns beide gern kreativ aus, und beim gemeinsamen Gestalten der Bibel kann man gut über Textinhalte ins Gespräch kommen. Wie aber könnte ein Zugang für unsere Große aussehen? Wo gibt es Berührungspunkte mit ihren Interessen?
Wir drei Frauen des Hauses sind Schreiberlinge. In der Schule besuchen unsere Töchter mit ungebrochener Begeisterung das Wahlfach „Kreatives Schreiben“. Wäre das vielleicht ein Ansatzpunkt? Ich wagte den Vorschlag und nach Äußerung ein paar kleinerer Bedenken stimmten beide Mädchen zu.
Konkret sieht das Kreative Schreiben zum Beispiel so aus:
„Zornszerbrochen“
Als Erste machte sich die 16-jährige Sophia ans Werk. Um an einen Text zu kommen, schlug sie die Bibel einfach irgendwo auf und landete bei Hiob. Manchmal hat Gott wirklich einen schrägen Humor, dachte ich. Da bringt man das Kind nach Jahren mal wieder freiwillig dazu, sich mit der Bibel zu beschäftigen und dann muss es ausgerechnet Hiob sein? Sophias aus zusammengestrichenen Textpassagen entwickeltes Gedicht liest sich durchaus literarisch, aber dem Kapitelinhalt nach entsprechend düster:
Ich fühlte mich einen Moment lang überfordert. Mein Plan sah vor, dass wir uns über den ursprünglichen und den neu entstandenen Text austauschten. Nach tiefem Durchatmen meinerseits ließen wir uns darauf ein und hatten zu meiner großen Überraschung und Erleichterung ein richtig gutes Gespräch. Wir diskutierten das Thema „Leid“ und die Frage, ob Gott sich tatsächlich auf Hiobs Kosten mit dem Teufel auf einen Handel eingelassen hat.
Kritische Auseinandersetzung
Ermutigt durch dieses tiefgehende Gespräch machte ich mich ein paar Tage später auf den Weg zu unserer 13-Jährigen. Sie entschied sich für die Fortsetzung eines vorgegebenen ersten Satzes und wollte diesen von mir. Ich ließ den Zufall (oder Gott?) entscheiden und war erleichtert über die Aussage „Ihr seid für die Welt wie Salz.“ Daraus müsste sich doch etwas Positives machen lassen. Doch Lina setzte sich mit diesem Anspruch sehr kritisch auseinander. In unserem anschließenden Gespräch ging es um Glaubenszweifel – die ihrer Mitschüler, ihre und auch meine eigenen. Diesen Austausch hätte es ohne unser Schreibexperiment sicher nicht gegeben.
Ich habe viel über die Gedanken und Gefühle meiner Töchter hinsichtlich ihres Glaubens erfahren. Und vielleicht wirken der Text und unser Austausch in den beiden nach. Gottes Wege sind unerschöpflich, und es ist lohnenswert, sich auf die Suche nach alternativen Zugängen zu seinem Wort zu machen.
Nicole Schweiger ist Sozial- und Montessoripädagogin. Sie wohnt mit ihrer Familie in Lauf a.d. Pegnitz und bloggt unter milchundhonig.jimdo.com.
„Welchen Zugang zu Gott kann ich ihnen anbieten?“
Bastian Erdmann ist Jugendpastor beim Gemeindejugendwerk Norddeutschland. Er hat sich damit auseinandergesetzt, welche Gottesbilder Kinder und Teens haben und wie sie entstehen.
Warum ist es dir wichtig, dich mit Gottesvorstellungen auseinanderzusetzen?
Mir ist erst einmal wichtig wahrzunehmen, dass meine eigene Gottesvorstellung nicht vom Himmel gefallen ist und ich die auch nicht allein aus der Bibel gewonnen habe. Ich glaube, meine Vorstellung von Gott ist immer in meiner bestimmten Lebenswelt gewachsen. Das ist schon in der Bibel zu sehen: Ein Nomadenvolk kann mit dem Bild eines Hirten sehr viel anfangen. Ein Volk in Gefangenschaft wünscht sich einen starken Retter. In den Zeiten der Könige, wo es in Israel viel Unrecht gab, hat die Menschen die Vorstellung von Gott als einem guten Richter abgeholt. Wenn ich es auf einen Satz bringen sollte, würde ich sagen: Gott ist für mich dort, wo ich ihn brauche. Und er begegnet mir so, wie ich es jetzt zum Leben brauche.
Wie entwickelt sich das Gottesbild von Kindern? Und welchen Einfluss haben Eltern darauf?
Eltern sind die erste Projektionsfläche für die Gottesvorstellung der Kinder. Deshalb prägen sie ihr Gottesbild. Für Kleinkinder ist Gott so etwas wie der ideale Papa oder die ideale Mama – eine tröstende, lächelnde, erwachsene Bezugsperson. Bis ins Alter von 12 Jahren stellen Kinder sich Gott wie eine Person vor, die sie anfassen können, und malen ihn auch so. Ab etwa 14 Jahren fangen Jugendliche an, in den so genannten theologischen Diskurs zu treten. Dann ändern sich auch die Gottesbilder nochmal, Symbole werden wichtig. Dann zeichnen sie Gott nicht mehr als Menschen, sondern vielleicht als Hand oder als Stütze oder als Licht.
Ist es denn möglich, zu steuern, wie das Gottesbild der Kinder und Teens aussieht?
Ja schon und zwar, indem ich gucke: Was ist das Thema der Kinder jetzt gerade, was brauchen sie und welchen Zugang zu Gott kann ich ihnen anbieten? Es ist meine Aufgabe als Vater oder Mutter, meinen Kindern zu vermitteln: Was auch immer in deinem Leben passiert, es gibt einen Gott, der für dich ansprechbar ist. Das lernen sie dadurch, dass ich ihnen Gott erlebbar und erfahrbar mache.
Was wäre für dich denn ein No-Go bei der Vermittlung von Gottesbildern?
Ein No-Go wäre für mich, ein Gottesbild zu fördern, das mir etwas bringt, aber nicht den Kindern. Also zum Beispiel Gott als Erziehungsverstärker zu nehmen. Wenn ich als Vater mit meinem Latein am Ende bin, dann den lieben Gott in den Zeugenstand zu rufen und zu sagen: „Gott sieht das.“ In der Arbeit mit Jugendlichen merke ich, dass sie oft ein Bedürfnis haben nach klaren Kategorien, sie haben oft ein Schwarz-Weiß-Denken. Das passt zu meinem Gottesbild nicht so. Aber manchmal muss ich mich dazu zwingen zu sagen: „Ich lasse mich auf euer Bedürfnis ein, auch wenn meine Welt so kompliziert ist, dass ich mit diesem Gottesbild nicht weit komme. Und ich hoffe, dass, wenn ihr ein differenziertes Gottesbild braucht, ihr das nochmal überdenkt.“ Ich meine es oft gut und komme mit meinen differenzierten und reflektierten Gottesbildern, aber damit mache ich den Kindern oder den Jugendlichen Gott uninteressant.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn ein Teenager ein „merkwürdiges“ Gottesbild hat? Sollen sie es korrigieren oder es ihm lassen?
Eltern sollen ihr Kind fragen! Damit können sie nur gewinnen. Vielleicht rebelliert das Kind ja gar nicht gegen Gott, sondern gegen mich. Und es ist ja wichtig, dass ich das erfahre. Außerdem: Was ist überhaupt ein merkwürdiges Gottesbild? Ist ein merkwürdiges Gottesbild, das meinen Vorstellungen widerspricht? Jesus selbst hatte ein merkwürdiges Gottesbild. Zumindest fanden das viele fromme Menschen damals so. Falsch ist ein Gottesbild dann, wenn es dem Leben im Weg steht und nicht guttut. Das kann passieren, wenn man fremde Bilder ungeachtet der eigenen Lage übernehmen will oder soll. Eltern haben manchmal das Gefühl, sie müssten das wahre biblische Gottesbild beschützen. Ich glaube, Gott kann ganz gut auf sich selbst aufpassen.
Das Interview führte Christiane Henrich.
Ernst nehmen, authentisch sein! 10 Tipps zum Beten mit Teens
1 Nimm deine Kinder ernst!
Wenn dein Kind für gutes Wetter am Geburtstag, ein pickelfreies Date oder für die nächste Matheklausur beten will, freue dich darüber. Gott liebt ehrliche Gebete. Er nimmt uns Menschen ernst, wenn wir ihn im Gebet ernst nehmen. Nimm die Gebete deiner Kinder ernst. Gott tut es auch!
2 Bete, wie du redest!
Jeder von uns kennt wahrscheinlich diese Menschen, die beim Beten plötzlich ihre Stimmlage und ihr Vokabular verändern. Vielleicht weil sie frommer klingen wollen, vielleicht weil sie es nicht anders gelernt haben, vielleicht aber auch, weil sie meinen, solche Gebete wären Gott mehr wert. Gott geht es aber nicht um fromme Worte, sondern um unser Herz. Du kannst deinen Kindern eine Menge Angst nehmen, wenn du so betest, wie du auch sonst redest. Freu dich, wenn deine Kinder in ihren Worten und in ihrer Sprache beten.
3 Bete und lebe dankbar!
Dankbarkeit zeigt, dass wir ein gutes Gedächtnis haben. Dankbarkeit hilft uns auch dabei, zuversichtlich und optimistisch zu sein und daran festzuhalten, dass Gott gut ist. Wenn wir als Eltern den Jugendlichen vorleben, dass wir dankbar sind, wird das unseren Kindern dabei helfen, den Blick für das Gute in unserem und ihrem Leben zu schärfen.
4 Bete für, nicht gegen andere!
Jemand sagte mal: Unter Christen gibt es keine Gerüchte, sondern nur Gebetsanliegen. So sehr uns dieser Satz vielleicht auch lächeln lässt, es ist etwas Wahres daran. Wie oft beten wir gegen andere, wenn wir gefrustet oder enttäuscht sind. Viel besser ist es aber, Menschen dem Segen und der Größe Gottes anzubefehlen, weil Gott alles kann, auch Menschen ändern. Im Gebet überlassen wir andere dem Urteil Gottes und vertrauen auf ihn. Jesus selbst hat für seine Feinde gebetet, aber nie, um die Mitbeter negativ zu beeinflussen, sondern um diese Menschen wirklich Gott zu überlassen und um sie zu segnen.
5 Mach Gebet zu einem Ritual!
Ich bete jeden Morgen mit meiner besten Freundin via Sprachnachricht. Für manche vielleicht eine seltsame Vorstellung, für mich aber mein bester Start in den Tag. Gebete, die einen festen Ort und Platz in unserem Leben haben, können uns dabei helfen, eine gesunde Gebetskultur zu entwickeln. Natürlich können wir ohne Unterlass und zu jeder Zeit beten. Ein festes Ritual hilft uns aber, gute Gewohnheiten zu entwickeln.
6 Gebet bleibt etwas Freiwilliges!
Jeder Teenie unterliegt Stimmungsschwankungen. Und das darf auch so sein! Wenn dein Kind feststellt, dass es lieber in der Jugendgruppe betet, weil es die intimsten Geheimnisse eben nicht mit seinen Eltern teilen will, dann ist das okay. Zwinge nie ein Kind zum gemeinsamen Gebet! Ermutige dein Kind zu beten, aber entmutige es nicht, wenn es nicht mit dir gemeinsam beten will.
7 Bete verheißungsvoll und positiv!
Unser Gott ist kein kleiner Gott – und er verspricht uns unter anderem, dass er uns alle Dinge zum Besten dienen lassen wird (Römer 8,28). Manchmal fällt es uns schwer, diese Wahrheit anzuerkennen, aber Gott hat sie uns gegeben. Daran festzuhalten, kann Kindern und Jugendlichen helfen, wenn sie selbst in schwierigen Situationen sind. Und deshalb bete verheißungsvoll und positiv. Gott ist gut – und er tut Gutes!
8 Nach dem Amen weiterbeten!
Gerade Teens sind extrem sensibel, was Authentizität angeht. Gebet ist aber viel mehr als bloße Worte, es soll ein Vertrauen und den Wunsch ausdrücken, Gott machen zu lassen. Und deshalb achte gut darauf, dass du nach dem Amen weiterbetest und beweist, dass dir ernst ist, was du sagst. Damit wirst du ein größerer Beter als mit salbungsvollen Worten.
9 Bete groß! Und bete für die kleinen Dinge, die dir zu groß werden!
Gott ist kein Ding unmöglich. Ich habe aber manchmal das Gefühl, wir Christen limitieren Gottes Kraft auf ein wenig Seelenfrieden und Ruhe im Sturm. Was ist, wenn Jesus aber den Sturm auch stillen kann? Egal, wie klein dein Glaube ist, wir haben einen großen Gott, der alles tun kann und der ans Ziel kommt. Deshalb dürfen wir groß beten. Aber Gott interessiert sich auch für die kleinen Dinge, weil er das Unscheinbare liebt. Ob es die Matheklausur, der anstrengende Lehrer oder das morgige Wetter ist: Du kannst deinen Kindern zeigen, dass Gott auch die kleinen Dinge, die uns zu groß werden, in der Hand hält.
10 Werdet ein Team!
Ich hatte einmal einen sehr anstrengenden Freund. Irgendwann fingen wir an, gemeinsam zu beten. Und das hat unsere Beziehung komplett geändert. Weil wir plötzlich ein Team wurden. Denn Gebet ist die intimste Gemeinschaft, die es gibt. Gott selbst begegnet uns im Gebet, ist mitten unter uns – und deshalb schafft Gebet eine göttliche Intimität. Und deshalb will ich dich ermutigen: It’s time to pray. Your relationship will stay.
Kathi Wnuk ist Lehrerin aus Leidenschaft und unterrichtet Religion und Deutsch am Gymnasium in Meinerzhagen. Sie ist Teil der Hillsong Church Düsseldorf.
Den Tag mit Gott beginnen
Bei Familie Böhmann gibt es ein gemeinsames Gebetsritual.
Das Gebet hat früher unserem Tag einen Anfang und den Abschluss gegeben. Der Anfang ist auch jetzt noch so geblieben. Morgens um 6.15 Uhr versammeln wir uns meistens als komplette Familie – je nachdem, wie unsere Teens aus dem Bett kommen – am Frühstückstisch, um den Tag nicht nur mit einem leckeren Frühstück, sondern auch mit Gottes Wort zu beginnen. Wir lesen die Losung, eine Auslegung dazu und tauschen kurz aus, was für jedes Familienmitglied an diesem Tag ansteht. Danach beten wir für diese Anliegen, ob Klassenarbeiten, Referate, Sport … Jeder geht dann unter dem erbetenen Schutz Gottes seinen Weg.
Gebet entlastet
Ich finde es wichtig, dass wir als Familie uns gegenseitig wahrnehmen und hören, was für jeden ansteht. Uns als Eltern entlastet das Gebet besonders, weil wir wissen, dass unsere Kinder unter dem Schirm Gottes unterwegs sind. Sonst würden wir uns viel mehr Sorgen machen und ihnen auch nicht so viel Freiheit lassen. Das Bibelwort, das wir lesen, gibt manchmal einen wichtigen Gedankenimpuls oder auch eine Ermutigung für den Tag mit auf den Weg. Unsere Teenies vergessen oft ganz schnell die Worte wieder. Darauf könnten sie auch verzichten, meinen sie, aber das Gebet ist – O-Ton Hannah – „ein schöner Start in den Tag.“
Als die Kinder kleiner waren, haben wir abends beim Gute-Nacht-Programm eine Geschichte vorgelesen und danach zusammen überlegt, was an dem Tag schön war. Dafür haben wir Gott Danke gesagt. Dieser Tagesbaustein ist mit den gut gefüllten und unterschiedlichen Zeitplänen unserer Kinder leider weggefallen. Aber auch für sie war es ein schöner und wichtiger Abschluss des Tages, weil durch die Dankbarkeit für die positiven Dinge die schweren Sachen manchmal ihre Kraft verloren haben und das Gute wieder in den Fokus kam.
Abschlussritual
Was heute noch geblieben ist, ist der Segen am Abend. Der ist ihnen und auch mir wichtig, weil ich ihnen damit im Namen Gottes etwas Gutes wünsche. Und ich möchte, dass Gott all das Gute, was er für unsere Kinder parat hat, auch über ihnen ausschüttet.
Hannah freut sich mit ihren 17 Jahren immer noch über ein „Ich habe dich lieb!“ nach dem Segen. Das beruhigt sie und gibt ihr die tiefe Gewissheit, dass alles in Ordnung ist. „Ohne dieses Abschlussritual fehlt einfach etwas,“ meint sie.
Stefanie Böhmann ist Hauptschullehrerin, verheiratet und Mutter von drei Kindern zwischen 12 und 17 Jahren. Sie lebt in Hamburg.
Welche Versicherungen brauchen wir?
„Wir erwarten bald unser erstes Baby und fragen uns, welche Versicherungen wir für unser Kind abschließen sollen und welche unnötig sind?“
Es ist gut, dass Sie sich schon vor der Geburt Gedanken über den wichtigen Versicherungsschutz Ihres Kindes und eventuell auch Ihren eigenen machen. Vieles lässt sich dann schneller und stressfreier regeln.
Bei der Krankenversicherung besteht in Deutschland eine Versicherungspflicht (zur Situation in der Schweiz siehe unten). Das Kind muss entweder über eine gesetzliche oder private Krankenversicherung versichert sein. Wie der Nachwuchs zu versichern ist, richtet sich nach der Versicherungs- und Einkommenssituation der Eltern. Sind beide Elternteile beispielsweise über die gesetzliche Krankenkasse pflichtversichert, ist ihr Kind im Rahmen der Familienversicherung beitragsfrei mitversichert.
Ein eigener beitragspflichtiger Vertragsteil ist für das Kind in der privaten Krankenversicherung in der Regel notwendig, wenn beide Eltern privat krankenvollversichert sind. Ist dagegen ein Elternteil privat und das andere gesetzlich pflichtversichert, kann das Kind in der gesetzlichen Krankenversicherung nur dann im Rahmen der beitragsfreien Familienversicherung mitversichert werden, wenn das Einkommen des privat Versicherten unterhalb der Versicherungspflichtgrenze liegt.
AUSLANDSSCHUTZ FÜR KINDER AUF REISEN
Zumindest dann, wenn ein Auslandsaufenthalt geplant ist, sollte für gesetzlich und für die meisten privat Versicherten eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen werden. Dies kann beispielsweise innerhalb eines Familientarifes erfolgen, bei dem das Kind dann mitversichert ist.
Möchte man später weitere Vorsorge bei gesundheitlichen Problemen für das Kind treffen, raten wir eher zu Kinderinvaliditätsversicherungen als zu Unfallversicherungen. Die Gefahr durch einen Unfall invalide zu werden, ist deutlich geringer als in einem Krankheitsfall. Im Rahmen der Kinderinvaliditätsversicherung besteht nicht nur für Unfallfolgen Versicherungsschutz, sondern auch bei einer Erkrankung. Bei einem solchen Vertrag soll für den Fall der Fälle neben einer Einmalzahlung auch eine regelmäßige Rentenzahlung erfolgen.
Allerdings sind Kinderinvaliditätsversicherungen entsprechend teuer. Sie kosten ungefähr das Vierfache einer guten Unfallversicherung, die etwa 100 Euro jährlich kostet. Ob eine und welche Absicherung gewählt wird, ist auch vom Haushaltsbudget abhängig.
AUCH EIGENEN VERSICHERUNGSSCHUTZ PRÜFEN!
Möchte man Geld beispielsweise für die Ausbildung des Kindes zur Seite legen, sollten Bankprodukte wie ein Banksparplan ins Auge gefasst werden. Ausbildungsversicherungen, bei denen eine Versicherung mit einer Kapitalbildung verknüpft wird, sind nicht empfehlenswert.
Ist ein Kind unterwegs, sollten die Eltern ihren eigenen Versicherungsschutz auf den Prüfstand stellen. Insbesondere wenn dem Hauptverdiener etwas passiert, sollte eine ausreichende Absicherung im Rahmen von Risiko-, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen bestehen. Versicherungen wie Hausrat- oder Kfz-Versicherung sind nur dann anzupassen, wenn sich etwas ändert, zum Beispiel, wenn eine größere Wohnung bezogen oder ein größeres Auto angeschafft wird.
Elke Weidenbach ist Volljuristin und arbeitet als Referentin für Versicherungen bei der Verbraucherzentrale NRW. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Krankenversicherung in der Schweiz
Schweizer müssen für ihr Kind eine obligatorische Krankenversicherung abschließen. Wenn das Kind in den ersten drei Monaten angemeldet wird, gilt der Versicherungsschutz von Geburt an. Die Grundversicherung bietet einen weitreichenden Schutz. Daneben gibt es verschiedene freiwillige Zusatzversicherungen, die extra kosten.
Das Baby und ich: Keine Ahnung vom Muttersein?
Das Gefühl, keine gute Mutter zu sein, kann sehr lähmend wirken. Rachel Hollis kennt diese Gedanken und hat sie als Lüge enttarnt.
Ich bin die schlimmste Schwangere, die du je getroffen hast. Ich hasse einfach jeden Aspekt an einer Schwangerschaft – abgesehen davon, dass man am Ende ein Baby hat. Ich bin dankbar für meine Schwangerschaften – aus tiefstem Herzen dankbar dafür, dass Gott es mir geschenkt hat, drei wundervolle kleine Jungs und ein Mädchen austragen zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich. Aber jeder einzelne Aspekt einer Schwangerschaft setzt mir zu.
Die Wehen sind das Schlimmste
Doch als das wundervolle Ereignis schließlich geschah, war ich in Ekstase. Erstens, weil ich endlich Jackson Cage kennenlernen konnte – unser Wunschkind, dessen Namen wir schon vor Jahren bei einer Reise quer durchs Land festgelegt hatten. Zweitens, weil ich meinen Körper nun wieder für mich allein haben würde. Ich war euphorisch, dass ich die Wehen überstanden hatte, die ich offen gesagt für das Schlimmste am Muttersein halte.
Aber als wir mit Jackson in seiner ganzen Pracht zu Hause ankamen, traf mich völlig unvorbereitet das Gefühl, als frisch gebackene Mama vollkommen ungeeignet zu sein. Ich liebte ihn unbändig. Und ich hatte Angst um ihn. Ich konnte nachts kaum schlafen, weil ich mir sicher war, dass er aufhören würde zu atmen. Das Stillen war schwierig und schmerzhaft und ich produzierte nie genug Milch, um diesen gigantischen Nachwuchs satt zu kriegen. Mein Mann war immer mein bester Freund und mein Lieblingsmensch auf Erden, aber ich erinnere mich noch an die Zeit, in der Jackson anderthalb Monate alt war, und ich Dave ansah und ernsthaft dachte, ich würde ihn hassen. Aus tiefster Seele hassen.
Elternwerden ist ein Schwindel
Jackson war sechs Wochen alt – was übrigens genau die Zeit ist, in der ungetrübter Hass am häufigsten auftritt – und wachte nachts immer noch auf. Es ist wichtig an dieser Stelle die Worte immer noch zu betonen, denn mein junges, ahnungs- und kinderloses Ich hatte gedacht, am Ende des ersten Monats hätten wir alles überstanden und befänden uns auf bestem Wege ins elterliche Paradies. Ach, mein reines, unschuldiges Herz …
Elternwerden ist ein großer Schwindel. In den ersten Wochen schwimmt man auf der großen Euphoriewelle. Liebe Menschen bringen einem Aufläufe vorbei, die Mama ist noch da und hilft und man hat diesen wundervollen kleinen Engel. Aber dann vergehen die nächsten zwei Wochen und man gerät in eine Zombieroutine. Die Brüste tropfen durch die Kleidung und man hat schon eine Woche nicht gebadet. Die Haare sehen so schlimm aus wie nie zuvor – egal. Du schaffst das schon.
In mich reingefressen
Aber nach sechs Wochen ist die Luft raus. Man denkt: Warum bin ich so erschöpft? Warum sehe ich immer noch so aus, als wäre ich im fünften Monat schwanger? Warum mache ich immer noch nichts anderes außer stillen?
Nach sechs Wochen war ich ein wenig … äh … frustriert darüber, wie sehr ich damit beschäftigt war, mich ums Baby zu kümmern. Ich hatte das Gefühl, dass Dave nicht sehr viel dazu beitrug und fand die Verantwortung, das meiste allein stemmen zu müssen, ziemlich erdrückend. Aber ich sagte kein Wort zu ihm. Ich wickelte das Gefühl fest ein und schluckte es ganz tief hinunter, wo es niemandem in die Quere kam. Eines Tages unterhielten wir uns über irgendetwas, als die Bombe platzte. „Ich bin müde.“ Das war es, was er sagte. Das waren seine Worte. Meine Welt wurde aus den Angeln gerissen, und meine Augen nahmen das Achtfache ihrer normalen Größe an. Aber er war zu sehr mit Reden beschäftigt: „Ich bin todmüde, weil ich heute Morgen so früh aufgewacht bin … blablabla … weitere falsch verstandene Worte.“
Komplett ausgerastet
Ich rastete komplett aus. Ich weinte, ich lachte, ich überlegte, wer dieses Baby aufziehen würde, wenn ich Dave mit dem Plastikschlauch meiner Milchpumpe erdrosselte. Und um eins der berühmtesten Zitate unserer gesamten Ehe zu wiederholen: „Bei unserer Hochzeit hätte ich nie gedacht, dass ich dich einmal so sehr hassen könnte wie jetzt!“ Das war sicher nicht meine Sternstunde. Aber zu meinem Glück stecken Beziehungen voller Chancen für Gnade.
Selbst als das Baby anfing, durchzuschlafen (und wir auch), war ich ein Wrack. Ich liebte Jackson, aber ich hatte das Gefühl, keine richtige Bindung zu ihm zu haben. Ich hatte solche Angst, etwas falsch zu machen, dass ich mich nie entspannte. Ich war so darauf bedacht, den Haushalt zu erledigen und dafür zu sorgen, dass sein Strampler fleckenfrei blieb, dass ich es nie einfach nur genoss, eine junge Mutter zu sein. Ich glaube, ich hatte solche Angst, ihm gegenüber zu versagen, dass ich mir selbst gegenüber versagte.
Ich habe vergessen, wer ich bin
Weil ich so sehr darauf bedacht war, wie wir als Familie wirkten, hatte ich mir nie die Zeit genommen, eine Verbundenheit zu spüren. Und weil ich das Gefühl hatte, keine gute Mutter zu sein – die eine Sache, die man doch von Natur aus beherrschen sollte –, war ich mir sicher, restlos zu versagen. Im Rückblick erkenne ich, dass meine Wahrnehmung von Bildern aus dem Internet und aus Zeitschriften geprägt war. Ich verschwendete so viele Sorgen daran, irgendeinem Pinterest-Standard nicht zu entsprechen, dass ich komplett vergaß, wer ich eigentlich war.
Die einzig wahre To-do-Liste
Das hier ist wichtig für junge und werdende Mamas: Hör zu! Du brauchst nicht schon vorher alles geplant zu haben. Du brauchst auch nicht alles zu wissen. Die Handgriffe, die ein Neugeborenes am Leben erhalten, sind ziemlich simpel: füttern, kuscheln, liebhaben, feuchte Windeln wechseln, warmhalten, wieder kuscheln.
Die tägliche To-do-Liste einer frischgebackenen Mama sollte auf zwei Punkte zusammengestrichen werden:
1. Sich um das Baby kümmern.
2. Sich um sich selbst kümmern.
Peng. Ende.
Mist, du hast die Wäsche heute nicht gemacht? Guck auf deine Liste: Hast du dich um das Baby gekümmert? Ja. Hast du dich um dich selbst gekümmert? Auch ja. Na also, ich glaube, du hast die Mamasache drauf. Ich schätze, die Wäsche kann warten.
Wie bitte? Du bist traurig, weil du die Kilos von der Schwangerschaft noch nicht wieder runter hast? Nimm dir deine prima-praktische To-do-Liste mit den exakt zwei Punkten noch mal zur Hand. Lebt das Baby noch? Super. Was ist mit dir – atmest du noch ein und aus? Na dann – es klingt, als seist du die beste Mama überhaupt. Mach weiter!
Keine Angst vor dem Versagen
Pinterest ist klasse, und das Kinderzimmer in perfekt aufeinander abgestimmten Farben zu dekorieren, ist der halbe Spaß am Kinderkriegen. Durch Instagram surfen? Klar, ich sehe immer noch gern bei den ganzen schwangeren Insta-Frauen vorbei, immer auf der Suche nach tollen Outfits, die zur Kugel passen! Es ist gut, über den Tellerrand zu blicken, wenn wir unsicher sind, weil Neues anbricht – und selten sind wir so unsicher wie als junge Eltern. Aber lass mich dir eins sagen:
Der Gott, der Mond und Sterne und Berge und Meere geschaffen hat, glaubte, dass du und dein Baby zusammenkommen sollten. Das heißt nicht, dass ihr perfekt zusammenpasst. Das heißt nicht, dass du nicht auch Fehler machen wirst. Das heißt aber, dass du keine Angst vor dem Versagen haben brauchst, denn es ist unmöglich, in einer Aufgabe zu versagen, für die du geschaffen wurdest.
Du bist gut
Irgendwo denkt eine zynische Leserin gerade an all die Eltern, die dennoch versagen. Es gibt viele Mütter, die schlechte Entscheidungen treffen, die sich selbst oder ihren Kindern Verletzungen zufügen. Als frühere Pflegemutter weiß ich aus eigener Erfahrung, dass gerade jetzt in diesem Moment Säuglinge misshandelt und vernachlässigt werden, und selbst wenn ein heiliger Plan sie zu ihren Müttern brachte, ist es für sie vielleicht nicht das Beste, auch dort zu bleiben.
Aber über diese Mütter rede ich hier nicht. Ich spreche mit dir. Lass dich nicht von der Sorge zermürben, ob dein Kind einem festen Schlafrhythmus folgt, nur Bio-Gläschen isst oder schnell sitzen lernt. Ich spreche mit derjenigen, die all die Bücher und Artikel liest und sich überfordert fühlt bei der Frage, was denn das Richtige ist, wenn man doch so viele falsche Entscheidungen treffen kann. Allein, dass du dir so viele Gedanken machst, zeigt doch schon, dass du voll bei der Sache bist und das Beste erreichen willst. Das zeichnet die besten Eltern aus. Und der Rest regelt sich dann schon von allein.
Was mir geholfen hat:
1. Eine Clique finden. Suche dir eine Gruppe von Frauen, die wissen, was es bedeutet, eine junge Mutter zu sein. Solidarität ist eine große Kraft. Es tut gut, sich mit einer Frau zu unterhalten, deren Baby ihr auch aufs Shirt spuckt.
2. Mich von Pinterest fernhalten.
Aus Liebe zu allem, was mir heilig ist – niemand sollte nach einem großen Lebensereignis Zutritt zu Pinterest haben. Warum? Weil man entweder das Gefühl hat, etwas zu verpassen oder das eigene Leben, Kinderzimmer oder Gewicht dem anpassen zu müssen, was man im Internet sieht. Achte einmal darauf, was dir Angst macht und wodurch du an dir zweifelst. Wenn es die Sozialen Medien sind, tu deinem Herzen einen Gefallen und lege eine Pause ein. Ich verspreche dir, dass sie noch da sind, wenn du mehr Schlaf bekommst und emotional stabiler bist.
3. Aus dem Haus gehen. Jeden. Tag. Wieder. Das Beste, was du für dich selbst, deine Gesundheit und dein Kind tun kannst, ist, den Ort des Verbrechens zu verlassen. Verabschiede dich für eine Weile von dem Ort mit dem Geschirr in der Spüle und dem überquellenden Windeleimer. Pack dein Kind in die Trage oder Karre und spaziere durchs Viertel. Steck dir Kopfhörer ins Ohr und höre Beyoncé oder Adele oder einen Podcast über Firmenethik. Tu, was nötig ist, damit du nicht vergisst, dass ein Leben außerhalb deines Nestes existiert und dass du immer noch dazugehörst.
4. Mit jemandem über meine Gefühle sprechen. Lügen lassen sich wirksam aufdecken, wenn wir sie vor jemandem laut aussprechen. Egal, ob du dir dafür deinen Mann, deine Freundin oder eine liebe Verwandte aussuchst: Zu erzählen, dass du zu kämpfen hast, kann dir die notwendige Unterstützung verschaffen, um all die Irrtümer aufzuklären, die dein Leben bestimmen.
Rachel Hollis ist die Gründerin der Website The-ChicSite und Geschäftsführerin von Chic Media. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt sie in Austin, Texas. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem Buch „Schmink’s dir ab. Lass die Lügen los und lebe“, das gerade bei SCM Hänssler erschienen ist.
Auf den Schlips getreten …
„Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht“, schrieb Kurt Tucholsky 1922 in einem Brief an Herbert Ihering. Leider aktuell, muss ich feststellen. Gestern war ich bei einer Klimademo von „Fridays for Future“. Viele Kommentare, die ich anschließend bei Facebook lesen musste, haben mich fassungslos zurückgelassen.
Da wird bemängelt, dass demonstrierende Schüler Kabelbinder aus Plastik für ihre Demoplakate verwendet haben. Und sie haben Smartphones. Und manche trinken auch aus Einweg-Wasserflaschen! – Also, wenn sie sowas machen, dürfen sie doch gar nicht demonstrieren für das Klima, schreibt einer. Sie sollen doch erst mal ihr Leben ändern. Und andere stimmen ihm begeistert zu. Mal ganz abgesehen von aggressiven und verletzenden Kommentaren …
Das macht mich traurig und wütend! Natürlich wären Mehrwegflaschen besser. Und Demoplakate ohne Plastik auch. Aber muss ich erst selbst perfekt sein, bevor ich von meinem Demonstrationsrecht Gebrauch machen kann? So ein Quatsch!
Wenn ich genauer hinschaue, stelle ich fest, dass sich besonders häufig Menschen 50+ über Jugendliche beschweren, die sich für Klimaschutz einsetzen und dafür auch mal die Schule schwänzen. Warum fühlen sie sich von den friedlich protestierenden Jugendlichen so dermaßen auf den Schlips getreten? Halten sie es nicht aus, dass ihnen der Spiegel vorgehalten wird? Dass sie, wenn sie ehrlich sind, zugeben müssen, dass sie häufig nicht sehr klima- und menschenfreundlich unterwegs sind?
Ja, es ist unbequem, wenn Jugendlichen einen kritisieren, herausfordern, zum Nach- und Umdenken bringen wollen. Aber ich finde es großartig, dass sich mittlerweile so viele Jugendliche engagieren. Und ich erlebe nicht, dass sie nur freitags demonstrieren und an den anderen Tagen so weitermachen wie bisher. Da entscheiden sich Jugendliche, auf Fleisch zu verzichten. Sie kaufen ein gebrauchtes Smartphone und Second-Hand-Klamotten. Und stecken mich damit an.
Zum Glück sind die krittelnden Midlife-Männer und -Frauen nur die eine Seite der Medaille. Bei der Demo gestern waren viele „ältere Semester“ engagiert dabei. Weil sie ihre jugendlichen Kinder oder Enkel unterstützen wollen. Und weil sie gut finden, dass die jungen Menschen „auf den Schmutz hinweisen“, wie Tucholsky sagen würde.
Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT und Mutter von zwei Teenagern.
Mutter mit zerbrochener Seele
Stefanie Bogner-Raab hat Paul (Name von der Redaktion geändert) als Pflegekind in ihre Familie aufgenommen. Seine Mutter hatte das Kind abgegeben. Weil sie sich nicht kümmern konnte. Weil sie gezwungen wurde, sich zu prostituieren. Und weil sie trotzdem stark und mutig war.
Mein Sohn kuschelt mit mir. „Du bist die beste Mama auf der Welt.” Ich streichle seinen Kopf und denke an seine leibliche Mutter. Sicher würde sie diese Worte auch gerne hören.
Paul ist unser Pflegesohn, eins von drei Pflegekindern, die wir aufgenommen haben. Er kam als Baby in unsere Familie. Zunächst waren mir die leiblichen Eltern der Pflegekinder nicht wichtig, aber nach und nach beschäftigte ich mich doch mit ihnen. Das Schicksal von Pauls Mutter berührte mich besonders, und ich empfand tiefes Mitleid und auch Verständnis für ihre Situation. Gott hat mir einen ganz anderen Blick auf Pauls leibliche Mutter geschenkt. Sie war nicht eine schwache Frau, die ihr Kind nicht erziehen konnte. Im Gegenteil, ich sehe nun ihre Stärke und auch ihre ausweglose Situation. Sie hat mit ihrer Entscheidung, Paul in eine Pflegefamilie zu geben, richtig gehandelt. Diese Entscheidung hat von ihr sehr viel Liebe, Kraft und Stärke erfordert.
Ein Brief an die Mutter
Weil mir ihr Schicksal nicht mehr aus dem Kopf ging, habe ich einen Text über sie geschrieben. Viele Fakten und Ereignisse in diesem Text sind wahr, andere könnten so passiert sein. Mit ihrer Geschichte möchte ich auf ein Schicksal hinweisen, das viele junge Frauen erleiden: Menschenhandel und Prostitution.
Wenn Paul alt genug ist, werde ich ihm diesen Text zeigen. Er soll wissen, dass seine leibliche Mutter ihn nicht einfach weggeben hat, sondern dass sie eine starke Frau voller Liebe war.
Aus einem armen Land
Liebe …,
Ich bewundere dich. Du konntest nichts dafür, dass du in einem Land geboren wurdest, in dem die Armut herrscht. Du hattest keine unbeschwerte Kindheit, musstest sehr früh mit anpacken. Die Kühe mussten versorgt werden, der Stall ausgemistet, die kleinen Geschwister geweckt und der Tisch gedeckt. Deine Eltern haben dich geliebt, aber sie waren einfache Menschen, die genauso früh lernen mussten, dass man hier nur mit harter Arbeit überleben kann.
Als du älter wurdest, hast du dich nach schönen Dingen gesehnt. Du wolltest gern ausgehen, das Leben genießen. Aus dem Fernsehen kanntest du diese wunderbaren Sachen, die man sich nur mit viel Geld kaufen kann. Mit 16 Jahren hast du dein Dorf, dein Leben gehasst. Du wolltest weg. Raus aus diesem einfachen, harten Leben.
Der Traum: Deutschland
Du trafst Alex, 9 Jahre älter als du. Er war nett, er hatte Geld und er kam aus Deutschland. Von Deutschland hattest du viel im Fernsehen gesehen und von Freunden gehört. „Es wäre ein Traum, dort zu leben“, dachtest du.
Du hast dich in Alex verliebt und er sich scheinbar auch in dich. Er hat dir Kleider und Schmuck geschenkt und dir schöne Geschichten über sein Leben in Deutschland erzählt. Von einem Au-Pair-Job berichtete er. Eine nette Familie suchte angeblich ein Mädchen wie dich. Konnte das wahr sein? Sollte der Traum tatsächlich Wirklichkeit werden?
Im Zimmer eingesperrt
Er wurde es – zunächst. Du hast deine Sachen gepackt, deine besorgte Familie hinter dir gelassen und bist mit Alex nach Deutschland gegangen. Kaum hier angekommen, änderte sich alles schlagartig. Alex war plötzlich nicht mehr nett. Dein Pass wurde dir weggenommen und du wurdest in einem Zimmer eingesperrt.
Ein älterer Mann erklärte dir, dass du nun für ihn arbeiten müsstest. Du hast erst gar nicht verstanden, was er von dir wollte, bis er sich auszog, dich aufs Bett presste und in dich eindrang. Du dachtest, du müsstest sterben. Tränen rollten über deine Wangen. In dir zerbrach etwas. Danach warst du ein anderer Mensch.
Ungewollt schwanger
Jeden Tag musstest du nun Männer an dich heranlassen und dabei noch sexy und freundlich sein. Dir wurde schnell klar: Ich kann nur überleben, wenn ich mitspiele. Also hast du deine zerbrochene Seele von deinem Körper gelöst. Du bist eine Prostituierte geworden, die ihrem Zuhälter viel Geld in die Taschen bringt. Mit 19 wurdest du ungewollt schwanger. Aber du hast nicht abgetrieben. Du hast dich für dein Kind entschieden. Wie mutig und liebevoll von dir!
Dein kleiner Junge kam zur Welt und du hast alles für ihn getan, was du nur konntest. Aber das Leben war hart. Du musstest weiter arbeiten, es gab keine Pause für dich und dein Baby. Deine Wohnung war kalt, keine Heizung, kein warmes Wasser. Dein kleiner Junge wurde krank und musste ins Krankenhaus. Dort hattest du das erste Mal Kontakt mit den Ämtern. Sie haben versucht zu helfen, aber es gab keinen wirklichen Ausweg für dich. Du hattest keinen Pass, warst in Deutschland nur geduldet, dein Zuhälter war mächtig, was solltest du tun? Du wolltest das Beste für dein Kind, und so hast du eine sehr schwere, aber ungeheuer tapfere und mutige Entscheidung getroffen: Du hast dein Kind einer Pflegefamilie anvertraut.
Trennung aus Liebe
Deine Seele ist wieder einmal zerbrochen. Was für ein Schmerz, sich von seinem eigenen Kind zu trennen! Unvorstellbar. Aber du hast es aus Liebe getan. Du warst dir sicher, dass es die richtige Entscheidung ist.
Nun sind fast zehn Jahre vergangen und du hast es geschafft: Du bist frei. Du hast dich entschieden zu kämpfen und hast den Kampf gewonnen. Keine Prostitution mehr, kein Zuhälter mehr. Mit fast 30 Jahren darfst du endlich leben. Es ist nicht leicht für dich. Du lebst unter dem Radar, aber alles ist besser als das Leben vorher.
Die gleichen braunen Augen
Du hast vor kurzem erfahren, dass es deinem kleinen Jungen gut geht. Er wird geliebt und entwickelt sich in der Pflegefamilie zu einem tollen Jungen. Und er hat die gleichen großen braunen Augen wie du. In ihnen kann man bis in die Seele blicken.
Deine Seele ist immer noch gebrochen, aber sie wohnt wieder in deinem Körper. Langsam, ganz langsam werden sich Narben über deine Risse bilden. Ich bewundere dich. Du lebst und gehst weiter. Du kämpfst.
Du bist eine starke Frau!
Deine Stefanie
Stefanie Bogner-Raab lebt mit ihrem Mann, drei Kindern, Hund und Katzen auf einem Hof im Münsterland. Wenn sie nicht liest oder schreibt, unterrichtet sie als Sprachtherapeutin freiberuflich Kinder und Jugendliche in Deutsch und Englisch.
Nutellafrühstück bei Oma
Mit den Eltern unter einem Dach zu leben, ist für eine Familie Gewinn und Herausforderung zugleich. Von Beate Kuhn
„Man sollte als junges Ehepaar so weit weg von den Eltern wohnen, dass man die Schürze ausziehen muss, um sich gegenseitig zu besuchen!“ Als junge Frau habe ich über diese Lebensweisheit den Kopf geschüttelt: Damals lebte ich als unerfahrene Mutter von zwei kleinen Kindern und mit einem vielbeschäftigten Ehemann 320 Kilometer entfernt von meinen Eltern und vermisste viel zu sehr den gegenseitigen Kontakt, um den Wahrheitskern zu erahnen. Erst später habe ich verstanden, dass ein gewisser Abstand beiden Seiten auch guttun kann.
Zurück nach Hause
Nach zwölf Jahren zogen wir aus beruflichen Gründen zurück in die alte Heimat und nahmen das großzügige Angebot meiner Eltern an: Ihnen war das Haus nach dem Tod meiner Großeltern zu groß geworden. Sie verkleinerten sich auf das Dachgeschoss und machten uns als fünfköpfiger Familie Platz. Den konnten wir gut gebrauchen. Nach Mehrfamilienhaus und Gemeinschaftsgarten fühlten wir uns auf nunmehr 200 Quadratmetern und Garten wie im Paradies und breiteten uns aus. Die darauffolgenden Jahre unter einem Dach sind angefüllt mit vielen schönen Erfahrungen, aber auch mit manchem Konfliktstoff. Kinder und Eltern wurden älter – und wir mittendrin: Verwoben in eine Gratwanderung zwischen dem Idealbild der harmonischen Großfamilie und der Realität, dass wir alle Fehler machen. Wenn ich darüber erzähle, möchte ich weder schwarzmalen noch idealisieren.
Heimliche Verschwörungen
Das Zusammenleben birgt eine Menge Vorteile: Die Kinder hatten Oma und Opa in greifbarer Nähe – für beide Seiten ein Schatz fürs Leben! Die Palette der großelterlichen Liebestaten ging vom großzügigen Nutellabrotfrühstück über geduldige Taxifahrten bis hin zu heimlichen „Verschwörungen“. So kennen wir bis heute nicht die wirklichen Geschehnisse jener ereignisreichen, spontanen Partynacht, in der wir als Eltern außer Haus waren und Oma und Opa Hintergrunddienst hatten.
Auch wir Älteren profitieren: Bis heute wandern alle Näharbeiten in den Nähkorb meiner Mutter – und mein Mann hat seine Schwiegereltern geduldig an die Finessen und Tücken eines Tablets und Smartphones herangeführt. Geteilte Arbeit ist halbe Arbeit: Mein Vater werkelt gern, und einmal in der Woche kocht meine Mutter für uns alle, was uns einiges an Arbeit abnimmt. Und sobald eine Regenwolke am Horizont auftaucht, bietet mir mein Vater sein Auto an. Wie lieb!
Im Notfall ganz nah
Als mein Vater schwer erkrankte, haben wir miteinander die Hände gefaltet und Gott in den Ohren gelegen. Tatsächlich offenbaren Krankheitstage den kostbaren Wert einer solchen Hausgemeinschaft: Schnell mal die Treppe hochzuspringen, nach dem Rechten zu schauen und ein freundliches Wort zu wechseln, kostet keine Minute. Die zumutbare Fürsorge für den Fall einer dauerhaften Pflegebedürftigkeit ist bisher nicht eingetreten, aber miteinander vereinbart.
Nicht zuletzt hat es finanzielle Vorteile, anfallende Kosten zu teilen – so sind wir alle an einem Ort, den wir lieben und der Platz und Freiheiten bietet, die sich eine Partei für sich allein auf Dauer nicht leisten könnte.
Bitte anklopfen!
Natürlich gibt es auch Konfliktfelder: Die in unseren ersten Ehejahren liebgewonnene Unabhängigkeit war nicht so leicht aufrechtzuerhalten. Mein Mann mag seine Schwiegereltern sehr, aber ebenso seine Privatsphäre. Er plädierte deshalb von Anfang an für den Einbau eines üblichen Türschlosses. Ich wiederum fürchtete, dass dies von meinen Eltern missverstanden würde und hoffte darauf, dass das vereinbarte Beachten der Privatsphäre funktionieren würde.
Und so gibt es immer wieder Situationen, die schwierig sind: Meine Eltern müssen sich bis heute dazu überwinden, im ehemals eigenen Haus den Weg in den Keller nicht durch unsere Wohnung, sondern außen um das Haus herum zu nehmen. Oder unseren Bereich tatsächlich nicht zu betreten, wenn niemand von innen „Herein“ ruft. Auch der Umgang mit Nacktheit in den eigenen vier Wänden erfordert Erfindungsreichtum und eine gehörige Portion Humor. Dann das Konfliktfeld Garten: Meine Eltern lieben gepflegte Beete, wir ziehen bei schönem Wetter einen Ausflug dem Rasenmähen vor. Kompromisse sind auf beiden Seiten nötig. Der Samstag war in meiner Herkunftsfamilie von jeher Arbeitstag, mein Mann freut sich jedoch nach einer stressigen Woche auf „lazy time“. So muss immer ein Mittelweg gefunden werden. Als Ehefrau und Tochter stehe ich öfter zwischen den Stühlen. Das empfinde ich als anstrengend.
Nicht alles mitbekommen
Beim Zusammenleben ist klare Kommunikation eine große Hilfe, hier war und ist mir mein Mann ein großer Lehrmeister.
Mittlerweile sind die Kinder ausgezogen und wir sind nur noch zu viert. Unsere Kinder und Enkelkinder leben alle weiter weg. Wenn ich sie treffen möchte, muss ich mir nicht nur „die Schürze abbinden“, sondern jedes Mal einen Koffer packen! Das bedaure ich schon mal. Aber auch wenn mein Omaherz dann seufzt, weiß mein Kopf: Die junge Familie ist eine Einheit für sich. Nichts braucht sie weniger als Großeltern, die alles mitbekommen. Und offen gestanden: Neben aller Sehnsucht genießen wir Alten ebenfalls, dass wir nicht alles mitbekommen!
Ganz viel Verständnis
Wir sind also nun selbst schon fast in der Phase angekommen, in der meine Eltern damals die Entscheidung getroffen haben, uns den Einzug anzubieten. Ihre damit verbundenen Opfer und Lernprozesse kann ich deshalb immer besser verstehen. Dazu kommt unsere wachsende Einsicht über die Prägung der Generation Kriegskinder, für die Ordnung und Besitz einen anderen Stellenwert haben als in meiner Generation. Ich verstehe meinen Vater, wenn er seinen Rasen pflegen möchte. Und ich verstehe mich, wenn ich bei schönem Wetter manchmal andere Pläne habe. Dazwischen liegt der weise Satz des Paulus: „Einer achte den anderen höher als sich selbst.“ – Lösung und Kunststück zugleich. Danke, Paulus!
Beate Kuhn ist Ehefrau, Mutter, Oma und Tochter, lebt in Bad Berleburg und bezeichnet ihre derzeitige Lebensphase als spannenden „Altweibersommer“.