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Beruflicher Neustart: So triffst du eine gute Entscheidung

Die Lebensmitte bietet die Chance, sich beruflich neu zu orientieren. Businesscoach Carmen Gladhofer erklärt, worauf es in der Entscheidungsphase ankommt.

Im ersten Teil meiner Artikelserie ging es um das Nachdenken über den Status quo. Er endete mit der Aufforderung, zunächst eine eigene Vorstellung im Hinblick auf das weitere berufliche Leben zu entwickeln, bevor es um die gemeinsame Entscheidungsfindung als Paar geht. Die Grundlage dafür bildet die jeweilige Vision des Lebens und die berufliche Mission.

Die Vision deines Lebens

Deine Vision entspricht einem Bild davon, wie du dir die Welt, in der du lebst, im Idealfall vorstellst. Eine Vision hat Zugkraft für dich. Oft bezieht sich die Vision auf einen bestimmten Teilaspekt der großen Themen dieser Welt. Beispiel: Klima, Gerechtigkeit, Hunger, Konflikte, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Bildung, technologischer Fortschritt … Es ist ein Thema, das dich in deinem Leben immer wieder bewegt, begeistert oder aufrüttelt.

Beispiel Klimaschutz: Dieses Thema ist dir in der Gestaltung deines Alltags sehr wichtig – bei möglichen Anschaffungen, deiner Einrichtung oder der Wahl des Arbeitgebers. Dir fällt es nicht schwer, dich diesem Thema zu stellen. Es bereitet dir sogar Freude – sehr im Unterschied zu anderen Personen. Wenn es nach dir ginge, würden sich alle Menschen ähnlich verhalten. Daher ist eine Vision auch die Beschreibung des Idealzustandes. Denn fairerweise solltest du anderen zugestehen, dass sie ein eigenes Thema haben, für das sie brennen. Warum hilft dir eine Vision dennoch?

Irgendwann reicht es nicht mehr, nur punktuelle Veränderungen bei beruflicher Unzufriedenheit vorzunehmen. Zumindest dann nicht, wenn du nachhaltige Ruhe und Zufriedenheit anstrebst. Dann ist es wichtig zu verstehen, was dich tief in deinem Inneren antreibt, welche Vision deine ist und wofür du brennst, damit du dies auch bei deiner Jobwahl berücksichtigen kannst. Ein Beispiel für eine Vision bezogen auf das Thema Bildung könnte sein: Du trägst die Vision von einer Welt in dir, in der es allen Menschen möglich ist, zu lernen.

Deine berufliche Mission

Deine berufliche Mission ist eine Konkretisierung deiner Vision zum aktuellen Zeitpunkt. Sie zahlt auf deine Vision vom Leben ein – unter Berücksichtigung deiner Kompetenzen, freudespendenden Aufgaben sowie deiner Bedürfnisse und Werte. Das Spannende an der beruflichen Mission ist: Sie kann sich im Zeitablauf verändern. Für das Thema Bildung könnte das wie folgt aussehen:

A) Du arbeitest auch heute noch als Lehrer oder Lehrerin an einer Schule.
Veränderung im Zeitablauf: Zu Beginn der Arbeit hast du dich über die Verantwortung als Klassenleitung sowie weitere Fortbildungen gefreut. Mittlerweile freust du dich, wenn du dich mit weniger Stunden ausschließlich dem Unterricht widmen kannst.

B) Du hast damals ein Start-up gegründet, dessen wesentliches Produkt eine selbst programmierte App mit Sprachkursen für Senioren ist.
Veränderung im Zeitablauf: Bei Gründung des Unternehmens hast du noch selbst programmiert. Mittlerweile kümmerst du dich um das Management sowie die strategische Entwicklung des erfolgreichen Unternehmens und eine zielgerichtete Vernetzung.

Das sind unterschiedliche berufliche Missionen, die jeweils beide darauf einzahlen, Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen. Welche Mission schließlich gewählt wird, hängt einerseits von den persönlichen Kompetenzen, andererseits von den Aufgaben ab, die die meiste Freude bereiten. Hinzu kommen bei der Arbeitgeber- und/oder Teamauswahl deine individuellen Werte.

Ein weiterer wesentlicher Teil der beruflichen Mission sind schließlich die individuell zu erfüllenden Bedürfnisse in der jeweiligen Lebensphase. Mögliche Bedürfnisse für die zwei Beispiele könnten diese sein:

  • Zu Jobbeginn: Entwicklung, Erfolg
  • Mit Familiengründung: Sicherheit, Ruhe
  • Nachdem die Kinder aus dem Haus sind: Sinnhaftigkeit, Qualität, Nachhaltigkeit

So können deine Bedürfnisse dich auch in scheinbar unterschiedliche Richtungen führen.

Eine Entscheidung treffen

Ist dir deine Vision klar und das Puzzle deiner beruflichen Mission zusammengesetzt, dann kannst du vielleicht bereits eine belastbare Entscheidung treffen, weil du diese spürst.

Nein – kannst du nicht? Was sind die Gründe dafür? Damit eine Entscheidung mit einem guten Gefühl getroffen werden kann, müssen sich dein Verstand und dein Bauch weitestgehend einig sein. Denn bei Entscheidungen spielt nie nur das Bewusstsein („dein Verstand“), sondern auch das Unterbewusstsein („dein Bauch“) eine Rolle. Daher kann es gut sein, dass du dir trotz umfangreicher Reflexion noch unsicher bist.

Denn dein Bauch verarbeitet und bewertet über deine Gefühle unbewusst und zudem sehr schnell einen Großteil der eingehenden Informationen. Dabei kann es zu voreiligen Schlüssen kommen, denn das Unterbewusstsein hat ein gutes Gedächtnis und mag es sicher und bequem. Dein Kopf ist zwar vergleichsweise langsamer in der Bewertung von Entscheidungen, verschafft sich aber über das bewusste Nachdenken, Impulskontrolle und Reflexion mehr Überblick. Auf diese Weise entstehen mehr Freiräume in der Planung, und die Verarbeitung in Entscheidungssituationen erfolgt flexibler. Diese unterschiedliche Vorgehensweise von Bewusstsein und Unterbewusstsein führt dazu, dass sich manche Entscheidung noch nicht stimmig für dich anfühlt.

Hilfreich kann sein, auf die Empfindungen deines Körpers zu achten. Dies kann dabei helfen, eine Einigkeit zwischen Verstand und Bauch herbeizuführen, sodass sich Empfindungen deines Körpers, wie beispielsweise Bauchschmerzen bezogen auf die Entscheidung, nicht mehr zeigen.

Mögliche Konflikte

Wenn ihr ein Paar seid und jeder von euch für sich Klarheit gewonnen hat, wird es Zeit, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Es lohnt sich, dafür Zeit einzuplanen und ein paar lockere „Spielregeln“ zu vereinbaren, zum Beispiel:

  • Lasst einander ausreden.
  • Hört das Gesagte, bewertet es aber nicht sofort.
  • Die Selbsteinschätzung (insbesondere Vision, Bedürfnisse und Werte) des anderen sollte nicht korrigiert, sondern höchstens kritisch hinterfragt werden.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Es kann sein, dass es im Zuge der gegenseitigen Vorstellung eurer Ergebnisse zu Konflikten kommt – selbst wenn euch eine ähnliche Vision eint. So kann es beispielsweise Unterschiede in dem Bedürfnis nach Sicherheit und einem Maximum an Freiheit geben. Ist dies der Fall, ist es wichtig, nicht in typische oder alte Entscheidungsmuster zurückzufallen, zum Beispiel: „Wer mehr verdient, entscheidet.“ Denn eine einseitige Fokussierung auf die Bedürfnisse führt nicht zu einer dauerhaft tragfähigen Lösung in eurem Paaralltag, deren Ziel es ist, größere berufliche Zufriedenheit auf beiden Seiten zu erreichen. Versucht stattdessen, über ein vertiefendes Gespräch ein Verständnis für das eigene Bedürfnis beim anderen zu erzeugen.

  • Bewertet die Bedürfnisse nicht, sondern hört einander aufmerksam zu.
  • Achtet auf eure Gefühle, die beim Erzählen des anderen hochkommen.
  • Wenn gewünscht: Teilt diese Gefühle. Aber: Die Verantwortung für das bei dir entstandene Gefühl trägt nicht dein Partner. Verantwortlich dafür ist dein ungestilltes Bedürfnis. Das Erzählen des Partners ist nur der Auslöser dafür, dass sich dein Bedürfnis meldet.
  • Versucht abschließend, die Konsens-Lösung zu finden, bei der euer beider Bedürfnisse bestmöglich erfüllt sind. Dies ermöglicht langfristige Zufriedenheit. Auch ein Kompromiss, bei dem von jedem ein Teil der Bedürfnisse erfüllt, beziehungsweise nicht erfüllt ist, ist denkbar.

Sehnsuchtsziele loslassen

Was auch immer deine berufliche Sehnsucht ausmacht: Spätestens jetzt ist die Gelegenheit, dich damit zu beschäftigen und eine finale Entscheidung zu treffen, ob es an der Zeit ist, diese Sehnsucht aufzugeben, damit sie für die Zukunft keine Belastung darstellt. Das bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, die zugesteht, über das Aufgeben dieser Sehnsucht zu trauern, die aber auch dabei hilft, den Blick nach vorn zu richten. Welche Gründe gibt es, berufliche Sehnsüchte loszulassen? Einige Beispiele:

  • Veränderte Rahmenbedingungen: Das Startkapital für die erträumte Selbstständigkeit fehlt.
  • Deine Kompetenzen in Form deiner Ausbildung/deines Studium passen nicht zu dem beruflichen Ziel, das du dir erträumt hast.
  • Dein Wunsch, beruflich einen längeren Auslandsaufenthalt zu erleben, ist noch nicht in Erfüllung gegangen und passt nicht mehr in die Lebensplanung.

Gerade das Aufgeben von lang gehegten Sehnsuchtszielen ist nicht leicht und darf nicht nur mit Kummer, sondern auch einer gewissen Skepsis gegenüber neuen Alternativen einhergehen. Mit der Suche nach neuen Alternativen kannst du aber versuchen, einen Teil der Sehnsüchte auf andere Art und Weise zu erfüllen.

Das wichtigste Ziel aber ist – nicht nur beim Loslassen der Sehnsuchtsziele, sondern überhaupt bei der Diskussion über eine mögliche Neugestaltung des beruflichen Weges –, zu spüren, dass du selbstwirksam bist und deinen oder euren Weg beeinflussen kannst! Hab Mut, diesen Weg zu beschreiten!

Wenn du nicht weißt, wie du selbstwirksam werden kannst: Gerade bezogen auf die Lösung von (inneren) Konflikten, bei der Entscheidungsfindung oder dem Loslassen von Sehnsuchtszielen gibt es Methoden und Lösungsansätze des Systemischen Coachings, die dir zielgerichtet bei der Neugestaltung des beruflichen Weges helfen können.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Hier geht es zu Teil 1: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Hier geht es zu Teil 4: Wie der Bewerbungsprozess gelingt 

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Vater sein mit Leidenschaft: „Ich bin nur meinem Kind etwas schuldig“

Der Journalist und Autor Tillmann Prüfer ist leidenschaftlich gern Vater. Wie er die Rolle und Aufgaben eines modernen Vaters sieht und woran sich Väter heute orientieren können, erzählt er im Interview.

Sie sind Vater von vier Töchtern. Was ist die wichtigste Lektion, die Sie durch Ihre Kinder gelernt haben?
Tillman Prüfer: Dass man mehr von den Kindern beigebracht bekommt, als man selbst den Kindern beibringt. Man denkt normalerweise, dass Erziehung so funktioniert: Da kommt ein junger Mensch wie ein unbeschriebenes Blatt zur Welt und wird dann durch die Eltern gebildet, mit Werten versorgt und so etwas. Wenn man dann aber mit Kindern zu tun hat, merkt man, dass man von ihnen mindestens genauso viel lernen kann, wie sie von einem selbst lernen, und dass man sich selbst durch die Kinder genauso verändert. Es ist ein beidseitiges Beeinflussen. Einem wird ein Mensch ins Leben geschenkt, der aber schon, wenn er da ist, ein vollkommener Mensch ist, also eine vollkommene Persönlichkeit, mit der man dann das Leben bestreitet.

Andererseits brauchen Kinder Sicherheit und Richtungsweisung. Ist das ein Widerspruch?
Nein, das ist kein Widerspruch. Natürlich lernt das Kind von den Eltern und von seinem Vater. Aber es lernt nicht in dem Sinne, dass man Regeln und Vorgaben gibt. Das braucht man natürlich für ein gesundes Zusammenleben. Aber es lernt vor allem durch das Vorbild der Eltern. Und wenn ich Vater eines Kindes bin, lernt das Kind vorrangig durch die Anschauung meiner Person: Wie kommt er durch sein Leben, was ist ihm wichtig, worauf achtet er besonders, wie löst er Probleme, was macht ihn glücklich? Das bedeutet Sicherheit und Richtung. Das verlangt viel Auseinandersetzung mit sich selbst. Denn wenn ich meinem Kind etwas vorleben möchte, muss ich erst mal wissen, was das eigentlich ist. Und dann kommt die entscheidende Frage: Wann lebe ich das eigentlich vor? Wann ist die Zeit dafür? Wann haben wir eigentlich Zeit, miteinander Dinge zu erleben? Das ist der Rahmen der Eltern-Kind-Beziehung.

Orientierung für Väter

Woran sollten sich Väter orientieren, gerade wenn sie kein optimales Vorbild hatten?
Umfragen haben ergeben, dass die meisten Männer ihre Väter lieben und positive Erinnerungen an sie haben. Aber leider ist der Normalfall ein Vater, der zu wenig Zeit hatte, um sie mit seinen Kindern zu genießen, weil seine Aufgabe in der Familie die des Alleinernährers war. Das ist leider immer noch das übliche Modell. Aber dadurch verpasst er viel. Später tut es ihm leid und er sieht sich im Defizit. Um das zu kompensieren, würde ich mich hinsetzen – allein oder mit der Partnerin – und auf einen Zettel schreiben, was mir wichtig ist, was meine Erwartungen an Vaterschaft sind, woran sich mein Kind erinnern soll. Was soll es gelernt haben, was soll rübergekommen sein? Anders gesagt: Was soll diese Vaterschaft nachher ausgemacht haben?

Wenn dann vier oder fünf Begriffe da stehen, kann ich mir überlegen, wie ich das weitergeben kann: Sind das gemeinsame Urlaube, Gespräche, gemeinsame Unternehmungen? Wenn ich zum Beispiel gern Fußball spiele, kann ich mit meinem Kind Fußball spielen oder ins Stadion gehen. Plötzlich ergeben sich sehr konkrete Dinge. Dann kann ich mir im dritten Schritt überlegen, wann dafür Zeit ist. Da wird es manchmal schwieriger, wenn ich merke, dass die Zeit zwischen 20 Uhr, wenn ich nach Hause komme, und 7 Uhr morgens, wenn ich das Kind in die Schule bringe, gar nicht so lang ist. Da kann ich ja gar nichts transportieren. Wann ist dann die Zeit, in der nur ich allein mit meinem Kind etwas machen kann? Dann geht es weiter mit dem Überlegen: Bin ich damit zufrieden? Kann ich das anders anstellen? Ich würde empfehlen, möglichst konkrete Aufgaben und Probleme zu benennen.

Rollen und Herausforderungen

Als Vater hat man verschiedene Rollen. Welche genau sind das?
Die Mutter- und Vaterrolle sind Begriffe aus der Entwicklungspsychologie, die gut eingeführt sind, aber die nicht grundsätzlich an Geschlechter geheftet sind. Da sind einfach zwei Menschen, Vorbilder, die ein Kind für eine günstige Entwicklung haben sollte. An der Vaterrolle ist das Wichtigste, dass man einen Elternpart hat, der eher den Herausforderer spielt, das Kind mit neuen Aufgaben konfrontiert, das Kind mehr lockt und ermutigt. Das heißt aber nicht unbedingt, dass das immer der Vater sein muss.

Es gibt Situationen in unserer Ehe, da ist meine Frau eher in der Rolle der Herausforderin. Wenn wir im Urlaub sind, steigt sie mit dem Kind auf irgendwelche Klippen und springt wieder runter. Ich denke dann: „Spinnt ihr, ihr könnt euch wehtun! Bleibt doch besser hier, das ist doch viel zu gefährlich!“ Da bin ich eher der schützende, behütende Part. Das sind die zwei wesentlichen Dinge, die einem Kind guttun: Es sollte einen Part geben, bei dem es sich eher Schutz suchend zurückziehen kann, und einen Part, der eher nach außen zieht, der sagt: „Guck mal, geh doch mal da hin! Du kannst das!“ Das können sich Partner natürlich hin- und herspielen, wie es für sie passt. Nur diese Dualität ist gut.

Als Mann, als Vater, steht man vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen: Man möchte ein guter Vater sein, für die Kinder da sein, für die Ehefrau, man soll genug Geld verdienen, erfolgreich im Beruf sein. Wie sollte man mit diesen Erwartungen umgehen?
Indem man sich nur eine Person vornimmt, der man irgendetwas schuldig ist – und das ist das Kind. Natürlich kommen tausend Erwartungen: die des Chefs, der Partnerin, der Freunde, der Eltern und so weiter. Aber die einzige Person, der ich wirklich etwas schuldig bin, ist das Kind. Und das ist auch der einzige wirkliche Referenzpunkt, ob man seine Sache gut gemacht hat oder nicht. Das wird das Kind einem schon irgendwann sagen. Leider haben wir heute gar nicht so seltene Fälle von Vätern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, nachdem sie ausgezogen sind. Und die leiden darunter, weil da einiges grundlegend falsch gelaufen ist. Wichtig ist: Man kann Dinge ganz anders machen, als die Gesellschaft das sagt. Man kann Dinge auch anders machen, als die eigene Frau das gut findet. Es geht einzig um das Kind. Wenn das Kind der Verlierer ist, dann ist etwas schiefgelaufen.

Vater – zwischen Beruf und Familie

Gibt es Berufe, die nicht familienkompatibel sind?
Mein Beruf gilt als nicht familienkompatibel. Und trotzdem arbeite ich seit über zwanzig Jahren in Teilzeit und habe ein abwechslungsreiches Arbeitsleben. Wir Männer glauben, wir können alles verändern, alles schaffen. Das männliche Bild ist: „The sky is the limit“, „Wir schaffen das!“ Aber dann diktiert der Job unser Leben. Das soll unabänderlich sein? Das glaube ich nicht! Wenn ich es will, dann kann ich mir die Dinge so biegen, dass ich für andere Menschen auch greifbar bin. Und wenn man sagt, das ist ein Job, der nicht kompatibel sei – ja, was soll das denn für ein Job sein? Einer, der mit einem glücklichen Leben nicht kompatibel ist? Ich glaube, wir müssen uns abgewöhnen zu denken, dass viele Überstunden das Maß der Dinge sind. Und mal ehrlich: Vierzig Stunden mehr in der Woche am Computer zu sitzen, ist, mit etwas Distanz betrachtet, auch nicht so toll.

Was würden Sie einem jungen oder werdenden Vater als wichtigsten Rat mit auf den Weg geben?
Das Wichtigste ist, dass er sich vergegenwärtigt, dass Vatersein – genauso wie das Muttersein – das Leben komplett ändert. Und es ist das größte Abenteuer, das man als Mensch bestehen kann, einen anderen Menschen großzuziehen.

Das Zweite ist, dass es kein Job ist. Wenn Männer von ihrer angehenden Vaterschaft sprechen, dann sagen sie häufig, eine große Verantwortung liege jetzt vor ihnen und das alte Leben sei vorbei. Nein, es ist nicht vorbei. Das alte Leben ist das Leben, das man einem Kind vorlebt. Und es ist ganz wichtig, dass man Spaß daran hat und dass man es so macht, wie es für einen passt, weil es dann auch für das Kind meistens ganz gut passt. Man kriegt dafür keine Beförderung, es gibt keine Sternchen. Es gibt aber ein fantastisches Leben mit einem anderen Menschen.

Und das Dritte ist, dass man Vaterschaft auf die Lebensspanne sehen muss. Oft hat man das als Vater so im Kopf: Ich muss Geld verdienen und für das Kind sorgen, bis es ausgezogen ist, dann habe ich meine Arbeit gemacht. Nein, man ist ein Leben lang Vater – und ein Referenzpunkt für das Kind. Es guckt zu, wie man alt wird, wie man sein Leben in den Griff kriegt. Das, was sich dabei ändert, ist der zeitliche Horizont, in dem man tatsächlich Zeit mit dem Kind verbringen und sich als Vater einbringen kann. Es gibt eine Zahl – ich habe sie leider nicht nachgeprüft –, dass mit dem 12. Lebensjahr des Kindes die Face-to-Face-Zeit, die ein Kind mit seinen Eltern verbringt, schon zu 80 Prozent rum ist. Danach bleiben noch 20 Prozent. Das heißt, bis zum 12. Lebensjahr passiert das meiste.

Aber das ist gleichzeitig die Zeit, in der die Väter meistens voll im Job sind, das Häuschen abbezahlen, aber die wertvollste Zeit verpassen. Meist bemerkt man erst spät, wie krass das ist, weil man danach auch nicht mehr alles nachholen kann. Daher würde ich immer dazu raten, dies bei den wichtigen Entscheidungen zu bedenken.

Verlorenes aufholen

Wenn ein Vater in den Teenager-Jahren der Kinder feststellt, dass er im Kleinkindalter kaum zu Hause war und viel verpasst hat, kann man das zumindest teilweise nachholen?
Man kann einiges nachholen, anderes nicht. Ich glaube, es ist auch die Frage, wie weit man bereit ist, dem Kind gegenüber Fehler zuzugeben. Auch ich musste mit meiner ältesten Tochter viel sprechen und viel nacharbeiten. Das ist nicht einfach! Es ist einfacher, wenn man Dinge zusammen erlebt, als wenn man das später nacharbeitet. Man kann viel Vertrauen und Tiefe in der Beziehung später herstellen, aber man muss es wirklich wollen und das dem Kind von Herzen zeigen. Ich glaube, Kinder reagieren nicht gut darauf, wenn sie denken: „Aha, jetzt, wo sein Job nicht mehr so wichtig ist, bin ich plötzlich wichtig!“ Um diesen Eindruck zu vermeiden, braucht es schon ein bisschen Überzeugungskraft.

Sie haben Kinder sowohl im Teenager-Alter als auch schon erwachsene, und Sie haben die ganze Entwicklung schon durchgemacht. Wie verändert sich das Vatersein mit dem Aufwachsen der Kinder?
Es ist natürlich immer mehr ein Reden auf Augenhöhe. Kinder sind vom ersten Tag an als Persönlichkeit da. Und ihr Feedback wird konkreter. Meine Tochter Lotta hat mir kürzlich gesagt, dass es für sie immer wichtig war, dass ihre Eltern mit ihr auf Augenhöhe sprechen. Denn wenn man von oben herab behandelt wird, erzählt man irgendwann auch nichts mehr. Man kann sich früh bewusst machen, dass es nur sehr kurze Zeit ein echtes Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern gibt. Der Einfluss, den Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder haben, in der sie alles in der Hand haben, existiert nur im Kleinkindalter. Aber danach nimmt es rasch ab und ist irgendwann gar nicht mehr da. Und wenn ich mich nicht darauf einlasse, meine Kinder ernst zu nehmen, dann kann ich auch nicht erwarten, dass meine Kinder mich ernst nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch und die wertvollen Anregungen!

Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.

Tillmann Prüfer ist stellvertretender Chefredakteur des Zeitmagazins und Autor mehrere Bücher. Zuletzt erschien sein Buch „Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“ (Rowohlt/Kindler)