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Schlagwortarchiv für: Ehe

Beiträge

Der Beziehungs-Booster: 12 Monate – 12 Challenges

Das Jahr läuft, die Neujahrsvorsätze sind längst vergessen. Ein guter Zeitpunkt, etwas für die Partnerschaft zu tun. Paartherapeutin Ira Schneider stellt eine 12-Monats-Challenge vor.

Der Frühling ist angebrochen. Meine Fantasie malt sich einen weiten Raum. Voller Hoffnung blicke ich in diesen neuen Horizont. Zugleich sehe ich ein unbeschriebenes Blatt. Was wird das weitere Jahr mit sich bringen? Werden sich Sorgen bestätigen? Oder freudige Erwartungen erfüllen? Vieles haben wir nicht selbst in der Hand. Doch manches können wir selbst gestalten.

Gemeinsam unterwegs

Zu wissen, dass mein engster Vertrauter, mein bester Freund und Lieblingsmensch an meiner Seite ist, beflügelt mich. Wir können gemeinsam losgehen. Staunen. Lernen. Loslassen. Annehmen. Uns Vortasten. Ausprobieren. Fallen. Aufstehen. Trösten. Das Leben leben. Mein Mann und ich lieben es, den Alltag zu feiern und uns kleine Challenges, sprich kleine Strategien zu überlegen, um dem anderen eine unerwartete Freude zu bereiten. Hier findet ihr eine Auswahl kleiner Portionen Extraliebe zum Ausprobieren.

Bevor ihr die 12 Challenges lest, empfehle ich, die Monate zu verteilen. Im besten Fall wechselt ihr euch ab. So hat jeder sechs Challenges. Oder machen beide alles? Auf geht’s in 12 Monate lieben und sich lieben lassen. Bist du dabei?

April

Es gibt Tage, da habe ich große Augenringe, zerzauste Haare und meine Haut fühlt sich trocken an. Ich stehe vor dem Spiegel und denke: „Alltag halt …“ Doch genau an solchen Tagen ein Kompliment zu erhalten, kann den Tag in ein anderes Licht rücken.

Sprich deinem Partner oder deiner Partnerin diesen Monat bewusste Komplimente zu. Wie wäre es mit mindestens einem besonderen Kompliment pro Woche?

Mai

Zu einer Beziehung gehört, Erinnerungen im Herzen zu bewahren. Sie sind wie Blumen entlang unseres Lebenspfades als Paar.

Kramt euer Fotoalbum raus und feiert eure gemeinsamen Erinnerungen.

Juni

Freunde von mir haben in Zeiten, in denen Zoom, WhatsApp oder E-Mails noch nicht üblich waren, eine Fernbeziehung zwischen Deutschland und Japan geführt. Sie haben sich in langen Briefen aus ihrem Alltag erzählt. Dann mussten sie warten, bis der Brief ankam und sie eine Antwort erhielten. Ein ganzes Jahr haben sie das geschafft. Wirklich beeindruckend!

Wie wäre es in diesem Monat mit einem Liebesbrief oder einem Brief, in dem du von dem erzählst, was dich bewegt, oder Fragen stellst, um herauszufinden, was dein Gegenüber bewegt?

Juli

Meine Liebessprache sind Geschenke. Wenn ein anderer Mensch an mich denkt und sich in meiner Abwesenheit etwas Liebevolles überlegt, ist das für mich wundervoll. Das Geschenk ist wie ein Stück Liebe, die greifbar wird. Was dann alles toppt, ist, wenn das Geschenk auch noch liebevoll verpackt ist.

Das ist doch mal eine Challenge: Ein unerwartetes und wundervoll verpacktes Geschenk. Es muss nicht teuer sein, aber eine kleine Freude soll es bereiten.

August

Zeitgeschenke sind immer besonders. Wenn ihr kleine Kinder habt, kann es ein kostbares Geschenk sein, dem anderen einen freien Tag zu ermöglichen. So kann der Partner oder die Partnerin einen Tag lang nach Lust und Laune tun, was ihm oder ihr beliebt. Wenn ihr keine (kleinen) Kinder habt, könnt ihr euch dennoch eine größere Aufgabe abnehmen, um einander Zeit für sich oder eigene Aktivitäten zu schenken.

Nimm deinem Schatz Aufgaben oder die Kinderbetreuung ab, damit er oder sie einen Tag für sich gestalten kann.

September

Ein Bereich, der Intimität als Paar schafft, ist der intellektuelle und kreative Austausch. Im Alltag prasseln – in Print oder digital – alle möglichen Informationen und Texte auf uns ein.

Was bewegt oder begeistert dich momentan? Lies deinem Lieblingsmenschen etwas Inspirierendes aus einem Buch, einem Artikel oder der Bibel vor.

Oktober

Jetzt wird es experimentell. Ich lade euch ein, zu verweilen und Stille miteinander auszuhalten und zu genießen.

Stellt euch einen Timer und schaut euch eine Minute lang in die Augen. Das ist alles. Welche Erfahrung macht ihr dabei?

November

Von einem Tag auf den anderen bricht die Kuschelsockenzeit an. Die Heizung wird aufgedreht und die Winterjacke liegt bereit.

Das ist die richtige Zeit für Massagen. Ob Kopf-, Fuß- oder Rückenmassage, du weißt am besten, worüber sich deine Liebste oder dein Liebster am meisten freuen würde. Vielleicht holst du noch eine Flasche Zitronen- oder Orangenöl, dann ist die Wellnessoase perfekt.

Dezember

In den Nikolausstiefeln müssen nicht nur Kekse zerbröseln oder die Schokolade schmelzen. Manchmal bringen Worte das Herz zum Schmelzen.

Schreibe eine Dankeskarte für all die Dinge, Eigenschaften und wunderbaren Eigenarten, die du an deinem Partner oder deiner Partnerin wertschätzt.

Januar

Draußen ist es kalt. Die Festlichkeiten liegen hinter uns. Vielleicht schleppen wir ein paar Kilo mehr mit uns. Jedenfalls ist es nachmittags schnell dunkel und der Frühling lässt noch auf sich warten. Der Weihnachtsbaum ist erloschen, der Adventskranz abgebaut. Trotzdem wollen wir hell erleuchtet ins neue Jahr starten.

Da helfen Teelichter! Zünde sie an und erhelle den Raum. Vielleicht muss dein Lieblingsmensch lange arbeiten und kommt dann unerwartet in ein gemütliches Zuhause. Bei einer Tasse Tee kann der Abend noch richtig gut werden.

Februar

Im Februar wird der Winter zäh. Es war nun lange genug kalt, grau und ungemütlich. Nun erwacht die Vorfreude auf längere Tage. Dieser Ungemütlichkeit kann man zum Beispiel mit einem kulinarischen Vergnügen entgegenwirken – Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Aber nicht nur irgendeine Liebe geht durch irgendeinen Magen, sondern es geht um euch!

Hat dein Schatz ein besonderes Lieblingsessen, ein Lieblingsgetränk oder eine Lieblingsleckerei vom Bäcker? Nichts wie hin zum Bäcker, Supermarkt, an den Herd oder zum Coffee-Shop.

März

„Morgenstund hat Gold im Mund“, weiß der Volksmund. Aber vor allem morgens ist es hektisch. Gerade dann nehme ich mir vor der Arbeit, wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten gehen, vor, achtsam innezuhalten und eine WhatsApp-Nachricht an meinen Mann zu schreiben. Ein paar warme Guten Morgen-Worte ermutigen und er darf wissen, dass ich an ihn denke.

Schnapp dir diesen Monat öfter morgens dein Handy und hinterlasse eine liebevolle Nachricht für den Tag.

 

Ira Schneider arbeitet als psychologische Beraterin in einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/F_Schneider_PaarChallenges_BN_FatCamera_Getty-Images-scaled-e1681481290422.jpg 1065 1600 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-20 14:33:072023-04-20 16:32:14Der Beziehungs-Booster: 12 Monate – 12 Challenges

Gefangen in ungesunden Mustern

Bei manchen Streitpunkten kommen Paare nicht weiter und Konflikte vertiefen sich. Dann ist eine neue Perspektive nötig.

Raphael ist schleierhaft, was eigentlich Katrins Problem ist. Er weiß nur, dass sie „zu emotional“ und „sehr vorwurfsvoll“ ist. Er sagt: „Ich bemühe mich, ein guter Partner zu sein, und es ist wohl nicht mein Fehler, dass ich nun mal kein gefühlsbetonter Mensch bin.“ Katrin fällt ihm ins Wort: „Ein Stein bist du!“ Raphael schweigt. Deshalb macht Katrin weiter: „Dir geht es nur darum, wie wir unsere Beziehung am besten um deine Arbeit herumorganisieren können. Du warst nicht einmal da für mich, als meine Mutter gestorben ist.“

Raphael zuckt mit den Schultern und blickt starr an die Wand. Katrins Botschaft ist dringend, aber sie kommt bei Raphael nicht an. In seinen Augen macht sie einfach wieder mal ein furchtbares Theater.

Die Verbindung halten

Wenn die Verbindung zum Gegenüber in Gefahr ist, ist das sehr bedrohlich. Diese Bedrohung führt bei Katrin dazu, dass sie Vorwürfe macht. Sie reagiert emotional und will von Raphael eine Reaktion sehen. Ihre Angriffe sind ein Ausdruck ihres Wunsches nach Nähe. Sie will spüren, dass er noch hier ist.

Raphael hat auch Angst, dass ihre Beziehung in die Brüche geht. Nur reagiert er ganz anders. Er spielt alles runter und versucht, die Wogen zu glätten. Er will rationale Lösungen für ihre Probleme finden und die Gespräche in geordneten Bahnen halten. Um sich vor Katrins Angriffen zu schützen, geht er auf Distanz.

Das führt zu einem Teufelskreis. Katrin greift an, um eine Verbindung herzustellen. Raphael geht in Deckung und zieht sich zurück. Deshalb spürt ihn Katrin noch weniger und macht noch aggressivere Vorwürfe, was aber wiederum dazu führt, dass er sich noch mehr distanziert. So geht das immer weiter. Sie sitzen in dieser Abwärtsspirale fest.

Gemeinsam statt gegeneinander

Beide haben das gleiche Ziel: Sie wollen Nähe herstellen und ihre Beziehung stärken. Doch ihre Strategien sind kontraproduktiv. Um aussteigen zu können, müssen sie dieses Muster durchschauen. So können sie sich entscheiden, gemeinsam gegen die negative Dynamik zu kämpfen. Wenn sie diesen gemeinsamen Feind haben, kann es ihnen gelingen, sich verletzlich zu zeigen und über ihre Gefühle und ihren Wunsch nach Nähe zu sprechen.

Vielleicht gelingt Katrin dann ein sanfterer Einstieg: „Ich weiß nicht, ob du für mich da bist, wenn ich dich brauche. Ich liebe dich und ich mache mir Sorgen um unsere Beziehung.“

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter www.familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/Paar-streitet_GettyImages_skynesher_E-e1679061137159.jpg 1023 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-12 16:04:122023-04-12 16:21:25Gefangen in ungesunden Mustern

„Was willst du eigentlich von mir?“- richtig Streiten will gelernt sein

Sie diskutiert hochemotional, er schweigt. Eine neue Perspektive ist nötig, um diesem Teufelskreis zu entkommen.

Raphael ist schleierhaft, was eigentlich Katrins Problem ist. Er weiß nur, dass sie „zu emotional“ und „sehr vorwurfsvoll“ ist. Er sagt: „Ich bemühe mich, ein guter Partner zu sein, und es ist wohl nicht mein Fehler, dass ich nun mal kein gefühlsbetonter Mensch bin.“ Katrin fällt ihm ins Wort: „Ein Stein bist du!“ Raphael schweigt. Deshalb macht Katrin weiter: „Dir geht es nur darum, wie wir unsere Beziehung am besten um deine Arbeit herumorganisieren können. Du warst nicht einmal da für mich, als meine Mutter gestorben ist.“

Raphael zuckt mit den Schultern und blickt starr an die Wand. Katrins Botschaft ist dringend, aber sie kommt bei Raphael nicht an. In seinen Augen macht sie einfach wieder mal ein furchtbares Theater.

Die Verbindung halten

Wenn die Verbindung zum Gegenüber in Gefahr ist, ist das sehr bedrohlich. Diese Bedrohung führt bei Katrin dazu, dass sie Vorwürfe macht. Sie reagiert emotional und will von Raphael eine Reaktion sehen. Ihre Angriffe sind ein Ausdruck ihres Wunsches nach Nähe. Sie will spüren, dass er noch hier ist.

Raphael hat auch Angst, dass ihre Beziehung in die Brüche geht. Nur reagiert er ganz anders. Er spielt alles runter und versucht, die Wogen zu glätten. Er will rationale Lösungen für ihre Probleme finden und die Gespräche in geordneten Bahnen halten. Um sich vor Katrins Angriffen zu schützen, geht er auf Distanz.

Das führt zu einem Teufelskreis. Katrin greift an, um eine Verbindung herzustellen. Raphael geht in Deckung und zieht sich zurück. Deshalb spürt ihn Katrin noch weniger und macht noch aggressivere Vorwürfe, was aber wiederum dazu führt, dass er sich noch mehr distanziert. So geht das immer weiter. Sie sitzen in dieser Abwärtsspirale fest.

Gemeinsam statt gegeneinander

Beide haben das gleiche Ziel: Sie wollen Nähe herstellen und ihre Beziehung stärken. Doch ihre Strategien sind kontraproduktiv. Um aussteigen zu können, müssen sie dieses Muster durchschauen. So können sie sich entscheiden, gemeinsam gegen die negative Dynamik zu kämpfen. Wenn sie diesen gemeinsamen Feind haben, kann es ihnen gelingen, sich verletzlich zu zeigen und über ihre Gefühle und ihren Wunsch nach Nähe zu sprechen.

Vielleicht gelingt Katrin dann ein sanfterer Einstieg: „Ich weiß nicht, ob du für mich da bist, wenn ich dich brauche. Ich liebe dich und ich mache mir Sorgen um unsere Beziehung.“

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familyife.cd/five 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/03/Paar-streitet_GettyImages_skynesher_E-e1679061137159.jpg 1023 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-03-21 09:08:462023-03-21 09:08:46„Was willst du eigentlich von mir?“- richtig Streiten will gelernt sein

Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Grenzüberschreitungen sind in der Partnerschaft keine Seltenheit. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt die Hintergründe und gibt Tipps, um Konflikte gut zu gestalten.

Liebende öffnen ihre Grenzen. Sie geben einander immer mehr von sich preis und beeinflussen sich gegenseitig. Irgendwann teilen sie Bad und Bett, Geld und Gegenstände. Und doch haben auch Liebende in alledem ein Gespür dafür, ob sie frei bleiben oder ihrer Freiheit beraubt werden. Wo die Freiheit verloren geht, hat ein Partner eine Grenze überschritten. Wie leicht das geschieht, zeigen folgende Beispiele.

Grenzüberschreitung: 4 Beispiele

 

  1. Aus Mangel Grenzen überschreiten. Wenn Ilva etwas fehlt, wird sie schnell von ihren Gefühlen überwältigt. Dann überredet sie Gerd. Sie zeigt ihre Wut oder ihre Sorgen so stark, bis Gerd schließlich mehr auf ihre Wünsche eingeht, als ihm eigentlich recht ist. Dass Gerd Belastungsgrenzen hat, zum Beispiel in Konflikten, kann Ilva nicht immer akzeptieren. Sie hindert ihn daran, sich zurückzuziehen, und hält ihn in Aussprachen fest, die Gerd eigentlich viel zu lange dauern. Aber Ilva kann nicht locker lassen, bis das Gespräch zumindest irgendein Ergebnis hat, das sie zufriedenstellt. Gerd würde seine Ehe als glücklich bezeichnen, denn mit der gleichen Leidenschaft, mit der Ilva manchmal Grenzen überschreitet, liebt, lobt und begehrt sie ihn auch. Trotzdem wirken sich Ilvas Grenzüberschreitungen auf das gemeinsame Leben aus. Gerd ist im Lauf der Beziehung immer passiver geworden und überlässt Ilva die meisten Entscheidungen. Manche Gedanken behält Gerd einfach für sich, wenn er ahnt, dass Ilva gegen seine Vorstellungen ankämpfen würde.
  2. Aus Überverantwortlichkeit Grenzen überschreiten. Ingo war der Älteste unter vier Geschwistern. Er hat früh Verantwortung übernommen, wohl zu früh und zu viel. Patrizia dagegen war die zweite und damit die Kleine, neben den Eltern und der älteren Schwester. Sie kann die Dinge auch einmal laufen lassen, im Augenblick leben und ihn genießen. Patrizias Leichtigkeit war sicher ein Grund dafür, warum Ingo sich in sie verliebt hat. Aber im Alltag setzt ihn Patrizia unter Stress, wenn sie zum Beispiel die Zeit aus dem Blick verliert, Aufgaben nicht effizient erledigt und Verpflichtungen anderen gegenüber lockerer sieht. Dann gibt ihr Ingo knappe Anweisungen, nimmt ihr Aufgaben aus der Hand oder trifft Entscheidungen, die eigentlich beide angehen, einfach allein. Damit überschreitet er aber Patrizias Grenzen, die der Respekt vor ihrer Freiheit setzt. Wenn Patrizia entspannt ist, lässt sie Ingo einfach machen. Schließlich meint er es ja gut. Manchmal fühlt sich Patrizia aber auch entmündigt.
  3. Aus Angst Grenzen überschreiten. Martina war schon immer anhänglich und verschmust. Als sie sich kennengelernt haben, hat man Martina und Klaus nur im Doppelpack gesehen. Klaus kommt aus einer kühlen Familie und hat sich als Junge manchmal einsam gefühlt. Martinas Herzlichkeit und Nahbarkeit haben Klaus eine wunderbare Welt eröffnet. Nur wenn er sehr aufgewühlt ist, muss sich Klaus manchmal zurückziehen. Dann bemerkt er, wie schwierig das für Martina ist. Auch wenn er sich freundlich verabschiedet, kommt sie bald in sein Arbeitszimmer und vergewissert sich, ob wirklich alles in Ordnung ist. Wenn Klaus auf Geschäftsreise ist, erwartet sie regelmäßig Anrufe. Er fühlt sich dann verfolgt, wenn er auf sein Hotelzimmer zurückkehrt und drei WhatsApp-Nachrichten von Martina erhalten hat. Er kommt sich auch ausgefragt vor, wenn sich Martina erkundigt, ob seine Kollegin hübsch ist, ob diese in einer Beziehung lebt und ob Klaus noch in der Hotelbar mit ihr zusammensitzt. Klaus hat ihr noch nie einen Grund gegeben, an seiner Treue zu zweifeln. In solchen Situationen ist Klaus schon wütend geworden, hat Zärtlichkeiten zurückgewiesen und nichts mehr gesprochen.
  4. Aus Scham Grenzen überschreiten. Jenny kommt aus einer Arbeiterfamilie. Sie ist geradeheraus und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie ist eine aufregend attraktive Frau, die das auch weiß. Philipp, der aus einer gebildeten Familie stammt, gelingt es meist, zu seiner Liebe zu stehen. Doch es gibt Momente, die ihn aus seinem inneren Gleichgewicht bringen: wenn Jenny zu sexy gekleidet zum Gottesdienst geht, wenn sie Fremdwörter falsch verwendet oder den beruflich erfolgreichen Freunden ausschweifend erzählt, wie sie das Sortiment ihres Drogeriemarktes umorganisiert hat. Philipp belehrt und korrigiert Jenny dann häufig. Wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass er eine Art Erziehungsprogramm für sie auflegt, um ihr den Schliff zu geben, den sie für das jetzige Umfeld benötigt. „Du denkst wohl, du bist etwas Besseres?“, konfrontiert ihn Jenny dann. Philipp wird dann traurig. Er nimmt Jenny in den Arm, die das widerstrebend zulässt. „Ich weiß“, sagt Philipp, „ich habe nicht das Recht, dich so zu kritisieren.“

Grenzüberschreitungen folgen unterschiedlichen Gefühlen: dem Drängen ungestillter Bedürfnisse, einem Druck, den Überverantwortlichkeit erzeugt, einer Verlustangst oder einer Scham, die kaum erträgt, dass sich der andere eine Blöße gibt. Doch immer schränken Grenzüberschreitungen die Freiheit des Partners ein. Außerdem entsteht ein Machtgefälle in der Beziehung: Partner, die Grenzen überschreiten, verhalten sich, als hätten sie mehr Rechte, wie ein Elternteil gegenüber einem Kind oder der Chef gegenüber einem Mitarbeiter. Oft sind es gerade die veränderten Machtverhältnisse, die sich auf das gemeinsame Leben auswirken.

Die Folgen von Grenzüberschreitungen

Unsere Stressreaktionen folgen unseren angeborenen biologischen Möglichkeiten: Unterwerfung, Flucht oder Kampf. Im zwischenmenschlichen Bereich kann man auch von Anpassung, Vermeidung und Kampf sprechen. Eine dieser drei Stressreaktionen aktiviert sich meist, wenn wir auf den Stachel unseres Partners treffen. Je nachdem, welche Reaktion Sie bevorzugen, hat das für die Liebe verschiedenartige Folgen.

  • Anpassung. Bei dieser Stressreaktion lassen Partner Grenzüberschreitungen einfach zu und gewöhnen sich daran. So entstehen keine Konflikte. Nur Außenstehende machen manchmal Bemerkungen, weil sie es für sich selbst nicht akzeptieren könnten, wenn ihre Freiheit derart
    beschnitten würde. Denn ein Partner, der sich immer wieder einmal erziehen, bestimmen oder vereinnahmen lässt, macht sich damit auch klein. Er gibt ein Stück seiner Persönlichkeit und seiner Lebensart auf. Das hemmt das Wachstum der Liebe, die am besten gedeiht, wenn beide
    Partner ihre ganze Persönlichkeit in der Beziehung entfalten. Partner, die zulassen, dass der andere ihre Grenzen überschreitet, haben dann manchmal das Gefühl, sich selbst in der Beziehung zu verlieren.
  • Kampf. Manche Partner werden zornig über die Grenzüberschreitung und wollen sich diese nicht bieten lassen. In einer Überreaktion richten sie dann manchmal Grenzen auf, die viel enger sind, als sie normalerweise in einer Liebesbeziehung verlaufen. Sie reagieren zum Beispiel gereizt, wenn sie etwas allein unternommen haben und der andere dann fragt, wie es war. Der Partner, der ab und zu Grenzen überschreitet, fühlt sich dann zu Recht abgewiesen und kämpft gegen die überstarke Grenzsetzung an. Solche Situationen können Anlass für Streit werden.
  • Vermeidung. Diese Stressreaktion entzieht sich dem Kampf, will sich aber auch nicht unterwerfen. Nicht selten weichen daher Partner, denen Freiheit genommen wird, in die Heimlichkeit aus: Wenn die Ehefrau nichts vom Treffen mit der Studienfreundin weiß, wird sie keine
    misstrauischen Fragen stellen. Partner teilen auch weniger von ihren Gedanken mit, denn je weniger der andere weiß, desto weniger kann er oder sie sich einmischen. Solche Entwicklungen schwächen aber die Nähe und das Vertrauen, das ein Paar zueinander hat.

Alle drei Schutzmechanismen – Anpassung, Vermeidung und Kampf – haben also auch ihre Nebenwirkungen. Deshalb zeigt dieser Artikel Möglichkeiten auf, wie Sie den Stachel der Grenzüberschreitung entschärfen können. Der nächste Abschnitt richtet sich an Partner, die manchmal Grenzen überschreiten. Sie lernen, wie sie aus Liebe Freiheit schenken. Der darauf folgende Abschnitt wendet sich dann an Partner, die mit Grenzüberschreitungen konfrontiert sind. Sie lernen, wie Sie die Grenzen in der Beziehung liebevoll befrieden.

Selbstkorrektur: Loslassen und Freiheit schenken

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, finden Sie hier einen Weg, auf dem Sie sich selbst korrigieren können. Dabei müssen Sie Grenzüberschreitungen nicht durch Willenskraft unterdrücken. Sie entdecken positive und faire Einflussmöglichkeiten. Sie erfahren, wie selbst ein Verzicht zum Gewinn werden kann, und lernen schließlich, wie Sie aufgewühlte Gefühle beruhigen können.

Liebevoll beeinflussen

Womöglich haben Sie schon einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang gesetzt: Sie haben vielleicht Gefühle gezeigt und dann Grenzen überschritten. Dann deutet Ihr Partner schon Ihre Gefühle als ein Vorzeichen einer drohenden Grenzüberschreitung. Sie haben vielleicht Ihre Meinung vertreten und sind bei Widerstand immer bestimmender geworden. Dann könnte Ihr Partner bereits abwehrend reagieren, wenn Sie nur Ihre Meinung aussprechen. In diesem Fall muss Ihr Partner erst wieder ein Vertrauen aufbauen, dass Sie zwar Ihre Gefühle zeigen oder Ihren Standpunkt vertreten, ihr oder ihm aber trotzdem ihre oder seine Freiheit lassen.

Im Folgenden stelle ich Ihnen Möglichkeiten vor, wie Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner liebevoll beeinflussen. Ein Gefühl von Einfluss ist für Sie besonders wichtig, damit Sie den Stachel der Grenzüberschreitung überwinden können. Was ich im Folgenden empfehle, gelingt vielleicht in einer Weise, die Sie überraschen wird. Falls das Vertrauen schon ein wenig angegriffen ist, braucht Ihr Partner jedoch etwas Zeit, um sich wieder Ihrem Einfluss zu öffnen.

  • Gefühle beschreiben. Offenbaren Sie Ihre Gefühle ohne Rechtfertigung und ohne Forderungen. Benennen Sie möglichst genau, was Sie fühlen. Beschreiben Sie zum Beispiel, wie Sie eine Situation empfunden haben, die Ihre Gefühle ausgelöst hat. Verwenden Sie Vergleiche und Bilder, um Ihre Gefühle anschaulich zu machen.
    Beispiel: „Wenn ich nach einem harten Arbeitstag nach Hause komme, dann sehne ich mich nach einer Belohnung. Wenn du ausgerechnet dann Zeit für dich selbst brauchst, fühle ich mich alleingelassen und um das betrogen, was den Tag für mich schön macht.“
  • Bedürfnisse ausdrücken. Beschreiben Sie, was Sie brauchen und auf welche Weise Ihr Bedürfnis gestillt werden könnte.
    Beispiel: „Ich kann mich nicht so schnell von einer Aufgabe lösen wie du. Ich brauche immer eine Weile, um wirklich bei dir anzukommen. Wenn du dann ungeduldig wirst und dich zurückziehst, komme ich unter Druck. Ich bräuchte einfach etwas Zeit, bis mein Kopf frei wird und ich mich entspannen kann.“
  • Wünsche offenbaren. Es gehört zu den Realitäten unseres Lebens, dass sich unsere Wünsche nicht immer erfüllen lassen. Trotzdem fühlen wir uns von Menschen geliebt, wenn sie unsere Wünsche verstehen und akzeptieren.
    Beispiel: „Ich weiß, vielleicht ist es unrealistisch, aber ich würde unwahrscheinlich gerne einmal aus unserem Alltag ausbrechen und etwas erleben, was wir noch nie erlebt haben.“
    Vielleicht beschäftigt sich Ihr Partner mit Ihrem Wunsch und kommt auf Ideen, wie er zu verwirklichen wäre. Wenn nicht, können Sie selbst einen Schritt weitergehen.
  • Vorschläge machen. Vorschläge sind konkret und haben daher eine gute Chance auf eine Umsetzung. Außerdem sind sie eine gute Verhandlungsgrundlage. Oft führen sie zu Kompromissen, die etwas anders sind als der ursprüngliche Vorschlag.
    Beispiel: „Wie wäre es, wenn wir uns einmal zu einem Malkurs in der Provence anmelden, im Juli, wenn der Lavendel blüht?“
  • Für Überzeugungen einstehen. Wenn Werte ins Spiel kommen, üben wir schnell Macht über das Gewissen des anderen aus. Gerade hier können wir leicht Abwehrreaktionen hervorrufen. Entsprechend behutsam sollten wir vorgehen, wenn sich kein moralischer Druck aufbauen soll.
    Beispiel: „Ich würde gerne mehr von unserem Wohlstand abgeben. Es geht uns so gut. Lass uns ruhig klein anfangen. Wir könnten uns nach sozialen Projekten erkundigen und sehen, was uns wirklich überzeugt, und dann überlegen, wie viel uns das wert ist. Was meinst du?“
    Wenn Sie behutsam für eine gute Sache einstehen, haben Sie gute Chancen, den Partner zu gewinnen.
  • Loben. Nichts ist motivierender, als wenn unser liebevolles Verhalten auch wahrgenommen und geschätzt wird. Deshalb ist Wertschätzung eine starke Motivation für Ihren Partner, auf Sie einzugehen, vielleicht sogar häufiger als bisher.
    Beispiele: „Ich liebe die Art und Weise, wie du mir gerade zuhörst. Ich fühle mich total verstanden.“ Oder: „Als du mir so intensiv zugehört hast, habe ich erst richtig verstanden, wie es mir eigentlich mit der Sache geht.“
  • Ein Vorbild sein. Paare werden sich im Lauf der Jahre ähnlicher. Wie der eine sein Leben gestaltet, prägt den anderen. Ihr Vorbild ist daher eine unaufdringliche Möglichkeit, den anderen zu beeinflussen. Wenn Sie Ihren Partner zu mehr Ordnung motivieren wollen, dann leben Sie am besten eine ansprechende, zeitsparende Ordnung vor und vertrauen drauf, dass dies im Laufe der Zeit auch Ihren Partner prägt. Mit liebevollen Einflussmitteln schenken Sie Ihrem Partner täglich die Chance, Liebe zu zeigen. Zugleich lassen Sie ihm die volle Freiheit. In den Beispielen hat sich auch schon angedeutet, dass ein liebevoller Einfluss manchmal auch Loslassen bedeutet.

Liebe heißt loslassen

Manchmal zeigt sich der Effekt sofort: Wir hören auf zu drängen und unser Partner öffnet sich. Wir fordern nicht mehr und unser Partner geht plötzlich auf unsere Wünsche ein. Während unser Kämpfen einen Widerstand hervorgerufen hat, hat unser Loslassen den Widerstand gelöst. Folgende Einstellungen helfen dabei.

  • „Lieber will ich weniger nehmen, weiß aber, dass mein Partner dies gerne gibt. Das ist besser, als wenn er mir mehr gibt, nur weil ich ihn dazu gedrängt habe.“
  • „Ich darf meine Wünsche immer mal wieder in Erinnerung bringen. Dann aber lasse ich los und warte ab.“
  • „Auch wenn ich enttäuscht bin, werde ich dem anderen weiter vertrauen. Ich glaube, dass es mein Partner gut mit mir meint und gibt, was sie/er im Augenblick geben kann. Manches braucht vielleicht noch Zeit.“

In der Ehetherapie habe ich schon viele Partner überzeugt, die Grenzen des anderen zu akzeptieren und loszulassen. Mit der Zeit hat sich der Widerstand des andern verringert. Dadurch wurden wieder tiefere Gespräche und mehr Intimität möglich. Jeder setzte sich wieder mehr für den anderen ein. Natürlich wird man auch einmal an einen Punkt kommen, an dem das Loslassen schmerzhaft wird. Denn nicht jeder Partner kann jedes Bedürfnis stillen. Auch in der Liebe gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung. Das Bedürfnis nach Sexualität zum Beispiel kann bei einem
Paar sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dann bleiben manche Wünsche auf Dauer unerfüllt. Einen Partner kostet es vielleicht viel Überwindung, sich auf tiefere Gespräche einzulassen, sodass diese nur selten möglich sind. Andere Partner brauchen ihren Rückzug – einen ganzen Tag lang alles zusammen zu machen, das geht mit ihnen einfach nicht.

Liebe bedeutet dann, nicht nur die guten Eigenschaften des anderen zu genießen, sondern auch den anderen in den Grenzen anzunehmen, die die Persönlichkeit des anderen steckt. Hier kann das Loslassen wie ein Trauerprozess verlaufen: Wellen von Schmerz und innerer
Auflehnung schwellen an und ebben ab, bis sie im Lauf der Monate allmählich schwächer werden. Doch der Verzicht verändert auch Ihre Persönlichkeit und Ihre Bedürfnisse. Sie richten Ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte mit der Zeit anders aus. Oft lässt sich dann ein Mangel gut bewältigen und ausgleichen. Dann wird auch die Freude an dem, was ist, wieder stärker.

Ungestillte Bedürfnisse kann man vielleicht in Freundschaften einbringen, andere Wünsche kann man mit den eigenen Kindern verwirklichen, wenn diese alt genug sind. Ungestillte Bedürfnisse können auch ein starker Antrieb dafür sein, die eigene Gottesbeziehung zu vertiefen, eine Leidenschaft für eine gute Sache zu entwickeln oder kreativ zu werden. Am Ende kommt vielleicht sogar etwas Besseres heraus, als wenn ein Bedürfnis einfach so gestillt worden wäre oder sich ein Wunsch erfüllt hätte. Die Grenzen unseres Partners können wir als einen Wink vom Himmel verstehen und daraufhin zu einem leidenschaftlichen, schöpferischen und einsatzbereiten Leben aufbrechen.

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine weitere Hilfe zum Loslassen geben. Dazu müssen Sie sich vor Augen führen, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Möglichkeiten hat, mit denen er seine Gefühle reguliert. Zurückhaltende Menschen reagieren innerlich, wenn ihre Gefühle zu stark werden. Oft ziehen sie sich zurück oder distanzieren sich von den Menschen und Dingen, die die Gefühle auslösen. Erst wenn sich ihre Gefühle beruhigt haben, zeigen Sie, was in ihnen vorgeht, oder setzen etwas in ihrem Leben in Bewegung. Beziehungsorientierte Menschen dagegen regulieren ihre Gefühle durch Handlungen. Sie versuchen etwas bei anderen Menschen zu bewegen. Sie treffen Entscheidungen oder verändern die Situation, die Gefühle verursacht. Beide Strategien haben ihre Stärken und Schwächen.

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, gehören Sie sicher zum zweiten Typ beziehungsorientierter Menschen, die Gefühle durch Handlungen regulieren. Wenn Sie zum Beispiel wütend sind und den anderen dazu bringen, dass er nachgibt, sind Sie damit Ihre Wut los. In manchen Fällen führt eine schnelle Reaktion zu den besten Ergebnissen für beide. In anderen Fällen würde eine impulsive Reaktion die Grenzen des anderen überschreiten. Daher hilft es, wenn Sie es lernen, Gefühle auch so zu regulieren, wie es zurückhaltende Menschen tun.

  • Schauen Sie erst einmal nach innen: Was ist mit Ihnen gerade los? Was empfinden Sie genau? Was fehlt Ihnen? Wenn Sie verstehen, was in Ihnen vorgeht, dann beruhigen sich die Gefühle oft schon ein wenig und Sie können planvoller vorgehen, also in einer Weise, die sowohl Ihre Bedürfnisse als auch die Grenzen Ihres Partners berücksichtigt.
  • Führen Sie ein Selbstgespräch und beruhigen Sie sich selbst: „Ja, ich komme mir im Stich gelassen vor und habe damit bestimmt auch recht. Mein Partner versteht einfach noch nicht, dass er mich gerade hängen lässt. Wenn ich mich beruhigt habe, werde ich mit ihr/ihm einfach noch einmal darüber reden. Bestimmt finden wir einen Kompromiss, mit dem ich einigermaßen zufrieden bin.“
  • Ziehen Sie sich zurück und bauen Sie starke Gefühle durch Aktivitäten ab, zum Beispiel durch Sport, Haus- oder Gartenarbeit, Musik hören oder selbst musizieren, Beten, Tagebuch schreiben oder kreativ sein. Wenn Sie Ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben, treffen Sie bessere Entscheidungen und können auch in Ihrer Beziehung gezielter für das eintreten, was Sie brauchen.

Auch mit fairen Mitteln gewinnen Sie Ihren Partner. Sie können ihn einladen, seine Liebe so zu zeigen, wie Sie es brauchen. Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ab und zu einen unerfüllbaren Wunsch zu verschmerzen, sind Sie bereits auf dem besten Weg. Auf diesem Weg kann Sie auch Ihr Partner unterstützen.

Den Partner befrieden

Konflikte um Grenzen würden wir am liebsten ein für alle Mal regeln: mit klaren Vereinbarungen, an die sich dann auch beide Seiten halten. Doch unser Leben ist vielfältig und verändert sich. Bestimmte Fragen stellen sich immer wieder neu, oft in einer Weise, die man nicht vorhergesehen hat. Was haben wir gemeinsam und wo hat jeder seinen eigenen Bereich? Welche Freiheiten lassen wir einander? Wie treffen wir Entscheidungen? Deshalb lässt sich nur ein kleiner Teil des gemeinsamen Lebens durch dauerhafte Absprachen regeln. Außerdem gehört es ja gerade zur Schwäche Ihres Partners, dass sie oder er gelegentlich gute Gründe findet, um Vereinbarungen außer Kraft zu setzen. Die Auseinandersetzung um Grenzen gehört daher zu Ihrer Beziehung wie das Aufräumen zur Haushaltsführung, das Waschen zur Körperpflege oder das Tanken zum Autofahren. Gerne würde man es sich sparen, es gehört aber nun einmal dazu.

Diese Sichtweise hilft Ihnen auch, Grenzüberschreitungen Ihres Partners nicht persönlich zu nehmen. Die meisten Menschen reagieren auf Grenzüberschreitungen mit Angst. Denn diese dringen in ihr Territorium ein und bedeuten tatsächlich eine Art Kriegserklärung, auch wenn diese selten bewusst und auch nicht böse gemeint ist. Nicht wenige fühlen sich durch Grenzüberschreitungen auch beschämt: „Bin ich dir so wenig wert, dass du meine Freiheit nicht achtest und über mich bestimmen willst? Wen oder was siehst du in mir? Ein Kind? Einen Diener? Einen Menschen zweiter Klasse?“ Auch wenn es sowohl für die Angst als auch für die Beschämung gute Gründe gibt, führt es weiter, wenn Sie die Grenzüberschreitungen nicht persönlich nehmen.

Denn Grenzüberschreitungen wollen keine Aussagen über Ihre Person machen. Sie sind eine Überreaktion Ihrer Partnerin/Ihres Partners, die von bestimmten Gefühlen ausgelöst wird und automatisch abläuft. Daher bauen Sie am besten eine liebevolle Routine auf, wie Sie mit
Grenzüberschreitungen umgehen. Dieser Artikel hilft Ihnen dabei.

Lernen Sie den Nahkampf lieben

Konflikte, Diskussionen, Streit – wenn wir uns auseinandersetzen müssen, erleben wir das oft als negativ. Es kostet Energie und macht nicht gerade gute Laune. Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen in Beziehungen am wohlsten, in denen die nötigen Abstimmungen ohne Streit und schwierige Verhandlungen gelingen.

Aber wo sich die Auseinandersetzung nicht vermeiden lässt, möchte ich für ihren Wert werben. Für Kinder zum Beispiel ist es wichtig, dass sie sich an ihren Eltern reiben und mit ihnen auseinandersetzen dürfen. Wenn Eltern Konflikte vermeiden, können Kinder keine starke
Persönlichkeit entwickeln. Sowohl nachgiebiges als auch übertrieben autoritäres Verhalten nimmt Kindern die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen. Sie spüren dann weder ihrer eigene Position noch die ihrer Eltern. Sie lernen nicht, für ihre Interessen zu kämpfen, und genießen nicht das gute Gefühl, sich etwas erkämpft zu haben. Sie erleben auch nicht die Geborgenheit, die entsteht, wenn Eltern in ihren Grenzen festbleiben, ihre Kinder überzeugen und sie auch einmal in die Schranken weisen. Manchmal haben wir dieses Bedürfnis auch als Erwachsene: unseren eigenen Standpunkt in der Auseinandersetzung spüren oder vielleicht erst finden zu dürfen; ein Gegenüber haben, an dem man sich reiben kann; einen starken Partner haben, der um seine Position weiß und der nicht umfällt, wenn wir einmal emotional und kämpferisch werden.

Vielleicht hilft Ihnen diese Sichtweise dabei, in der Auseinandersetzung nicht nur eine lästige Notwendigkeit zu sehen. Sie schenken Ihrem Partner damit die Erfahrung, sich selbst und auch Sie zu spüren. Sie vermitteln die Geborgenheit, die eine klare Position und ein starkes
Gegenüber bedeuten. Auch Sie werden dabei gewinnen. Zunächst wird Ihnen Ihr Standpunkt klarer werden. Sie werden immer deutlicher spüren, wo Sie flexibel sind und welche Position für Sie unaufgebbar ist, wo Sie tolerant sind und was Sie nicht akzeptieren können. Auf diese Weise gewinnen Sie Profil. Sie werden immer mehr zu dem, was wir meinen, wenn wir von einer starken Persönlichkeit sprechen. Sie gewinnen außerdem an Autorität, je mehr Sie zu Ihren Überzeugungen und Grenzen stehen und diese zur Not auch mit klaren Worten vertreten.

Sehen Sie das Kind im anderen

Wenn wir unseren Stachel ausfahren, schützen wir damit einen wunden Punkt. Wo genau unsere wunden Punkte liegen, hängt mit unserer Lebensgeschichte zusammen und vor allem mit den Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. Grenzüberschreitungen sind in der Regel eine Reaktion auf die folgenden Kindheitserfahrungen.

  • Das vernachlässigte Mädchen, der vernachlässigte Junge. Manche Kinder haben immer wieder Momente eines emotionalen Mangels erlebt. Ihre Eltern waren zu abgelenkt, zu gestresst oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Kind die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Mangelgefühle können ein Kind sehr verzweifelt machen. Es sucht dann unter Umständen immer drastischere Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Erwachsenen können alte Mangelgefühle wieder aufbrechen, oft sind nur kleine Unaufmerksamkeiten des anderen der Auslöser dafür. Dann greifen Partner zu den Strategien, die als Kind geholfen haben, und drücken zum Beispiel Gefühle sehr intensiv aus, lassen sich nicht abwimmeln oder verhalten sich fordernd. Der Partner wird dies allerdings als Druckmittel empfinden, weil er ja einem Erwachsenen gegenübersteht. Wenn Sie ein Mangelgefühl hinter der Grenzüberschreitung erkennen, können Sie auf das vernachlässigte Mädchen oder den vernachlässigten Jungen eingehen. Schenken Sie ein Zeichen der Liebe und Zuwendung, hören Sie aufmerksam zu, bieten Sie einen Kompromiss oder eine Unterstützung an. Das wird es Ihnen leichter machen, wenn Sie auf der einen oder anderen Grenze bestehen müssen.
  • Das überverantwortliche Mädchen, der überverantwortliche Junge. Viele Partner, die heute gelegentlich Grenzen überschreiten, haben als Kind früh Verantwortung getragen. Sie haben sich um jüngere Geschwister gekümmert oder ein Elternteil gestützt, dem es nicht gut ging. Manche Kinder wurden unter starkem Druck zu Ordnung, Anstand oder Leistung angehalten. Diese Überverantwortlichkeit kann auch im Erwachsenenalter aktiviert werden. Partner geraten dann unter Druck, wenn es darum geht, Bedürfnisse anderer zu stillen oder einem Maßstab gerecht zu werden. Sie geben den Druck weiter und überschreiten dabei Grenzen. Wenn Sie ein überverantwortliches Mädchen oder einen überverantwortlichen Jungen hinter dem Verhalten Ihres Partners spüren, können Sie eine Entlastung anbieten: „Entspanne dich. Es passiert überhaupt nichts, wenn das jetzt nicht auf Anhieb klappt.“
  • Das alleingelassene Mädchen, der alleingelassene Junge. An kleinen Kindern können wir es beobachten: alleingelassen werden verursacht zuerst Unbehagen und schließlich Verzweiflung. Wenn ein Kind das zu früh und zu oft erlebt, prägt sich Verlassenheit als emotionale Reaktionsbereitschaft ein. In der Paarbeziehung zeigt sich das oft als anklammerndes Verhalten. Wenn das geschieht, sollten Sie zunächst das alleingelassene Mädchen oder den alleingelassenen Jungen beruhigen. Dann nehmen Sie nach einer anstrengenden Aussprache Ihren Partner zum Beispiel in den Arm und sagen: „Ich habe dich lieb, aber ich kann gerade nicht mehr. Lass uns morgen noch einmal darüber reden.“
  • Das beschämte Mädchen, der beschämte Junge. Hier geht es vor allem um Kinder, die sich für andere geschämt haben, zum Beispiel für einen alkoholabhängigen Vater, ein unschönes Zuhause armer Eltern oder für einen verhaltensauffälligen Bruder. Sich nicht mehr zu schämen, wird dann zu einem starken Motiv. Entsprechend intensiv reagieren Erwachsene mit dieser Prägung auf alles, was peinlich werden könnte. Sie selbst achten sehr darauf, sich keiner Peinlichkeit mehr auszusetzen. Wenn der andere das lockerer sieht, wirken Partner manchmal in grenzüberschreitender Weise auf den anderen ein. Auch das beschämte Kind in Ihrem Partner können Sie beruhigen: „Stimmt, das war peinlich. Aber auch nicht peinlicher als das, was anderen auch hin und wieder passiert. Daran, dass mich andere schätzen, wird das sicher nichts ändern. Da bin ich mir sicher.“

Wenn Sie das Kind in Ihrem Partner verstehen und unterstützen, dann haben Sie bereits für Entspannung gesorgt. Sie können Ihre Grenzen nun leichter behaupten.

Setzen Sie liebevoll Grenzen

Aus Ihren Erfahrungen können Sie sicher bestätigen: Es ist gar nicht einfach, dem Partner Grenzen zu setzen. Sie bewegen sich hier wie bei einer Wanderung auf einem schmalen Grat, zu beiden Seiten geht es steil bergab. Wenn Sie die Grenzüberschreitung einfach hinnehmen, fühlen Sie sich immer unfreier. Wenn Sie aber Grenzen setzen, wirkt das für Ihren Partner wie eine Zurückweisung. Sie oder er gerät dann aus dem Gleichgewicht und reagiert darauf unter Umständen mit weiteren Grenzüberschreitungen.

Wenn Sie liebevoll Grenzen setzen, dann behalten Sie den wunden Punkt Ihres Partners im Blick: die Erfahrung, nicht genug Zuwendung, Schutz und Unterstützung zu bekommen. Zwar dürfen Sie Ihre Grenzen standhaft verteidigen, Ihre Begründung sollte aber eine Verbundenheit und Wohlwollen ausdrücken. Dafür stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

„Das tut uns nicht gut.“

Alles, was sich in einer Liebesbeziehung abspielt, wirkt sich auf beide aus. Damit können Sie argumentieren.

  • „Wenn du einfach alleine planst, was wir am Wochenende machen, dann fühle ich mich nicht mehr auf Augenhöhe mit dir. Ich werde dann wütend. Das tut uns nicht gut. Deshalb möchte ich mit dir gemeinsam planen, wie das Wochenende laufen soll.“
  • „Wenn du mich so oft korrigierst wie heute, dann komme ich mir vor wie ein Kind, das erzogen wird. Klar, du hast auch immer einen guten Grund dafür. Aber wollen wir als Paar wirklich so miteinander umgehen? Würde dir nicht etwas fehlen, wenn ich mich mehr wie ein Kind verhalte, das es dir recht machen will? Deshalb ist es mir viel lieber, dass du mich nur korrigierst, wenn es wirklich ganz wichtig ist. Ansonsten brauche ich die Freiheit, die Dinge auf meine Art und Weise zu tun, auch wenn ich dabei Fehler mache.“

Aus dieser Quelle können Sie immer wieder gute Gründe schöpfen, warum Sie eine Grenze verteidigen: Liebe gedeiht, wenn ein Paar auf Augenhöhe miteinander umgeht, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wenn beide ihre Vorstellungen verwirklichen können und sich so beide im gemeinsamen Leben zu Hause fühlen.

„Ich bin dir ein besserer Partner, wenn …“

Wir wollen für den anderen ein guter Partner sein: aufmerksam, warmherzig, humorvoll, kreativ und unterstützend. Aber um so sein zu können, müssen wir uns einigermaßen wohl und sicher fühlen. Unsere Fähigkeit, ein guter Partner zu sein, nimmt dagegen ab, wenn uns unsere Freiheit genommen wird. Auch mit diesem Argument können Sie Ihre Grenzen begründen, wie folgende Beispiele zeigen.

  • „Ich erzähle dir gerne von unseren Messetagen und ich beruhige dich auch gerne, dass mein Umgang mit Sandra distanziert ist. Aber wenn du so nachfragst wie jetzt, fühle ich mich wie in einem Verhör. Ich werde dann trotzig und würde am liebsten ganz dichtmachen. Aber das möchte ich nicht. Ich will offen dir gegenüber bleiben.“
  • „Du, wir haben darüber jetzt bestimmt schon eine halbe Stunde gesprochen. Und ich habe schon zweimal angedeutet, dass es mir für heute erst mal reicht. Wenn du mich jetzt aber weiter festhältst, dann fühle ich mich eingesperrt. Ich bekomme dann Panik. In solchen Situationen habe ich dich sogar schon angeschrien. So will ich dich aber nicht behandeln. Dann musst du aber auch einfach akzeptieren, wenn es für mich genug ist. Wir können ja dann später weiterreden, zum Beispiel morgen Abend.“

Darüber hinaus können Sie Ihren Partner auch an eigene Werte und Überzeugungen erinnern.

„Das möchtest du doch selbst nicht.“

Dies ist ein unschlagbares Argument für Grenzen. In entspannten Momenten weiß Ihr Partner ja, welche Freiheit jedem zusteht, was im Streit in Ordnung ist und was nicht, wie man gemeinsame Entscheidungen trifft. Auf diese Grundlage können Sie zurückkommen:

  • „Schatz, in entspannten Momenten würdest du nie so über meine Familie urteilen. Lass es uns doch auch dann so halten, wenn unser Gespräch etwas hitziger wird.“
  • „Den Termin hast du ausgemacht, ohne mich zu fragen. Deshalb fühle ich mich daran nicht gebunden. Es ist dir doch auch wichtig, dass keiner den anderen bei Entscheidungen übergeht.“

Wenn Ihr Partner gerade emotional bewegt ist, wird er Ihnen natürlich nicht unbedingt sofort zustimmen. Aber er/sie wird sich durch Ihre Grenze nicht missachtet oder abgelehnt fühlen.

„Wenn …, dann …“

Wenn nichts anderes hilft, dann bleibt eine letzte Möglichkeit. Sie können Konsequenzen einsetzen und begründen. Diese Maßnahme ist heikel und ihr Einsatz erfordert Fingerspitzengefühl. Denn Konsequenzen gehören normalerweise in den Bereich der Kindererziehung. Unter Erwachsenen sind sie eine Notlösung, ein letztes Mittel. Aber natürlich müssen wir auch als Erwachsene mit Konsequenzen leben, wenn wir zum Beispiel unsere Arbeit nicht ernst nehmen, zu schnell fahren, Freundschaften vernachlässigen oder ungesund leben. Wir akzeptieren, dass unser Handeln Konsequenzen hat.

Liebevoll sind Konsequenzen dann, wenn sie nicht der Durchsetzung, sondern nur Ihrem Schutz dienen. Manchmal schützen Konsequenzen auch beide Partner, weil sie auf etwas reagieren, was der Liebe nicht guttut. Sie lassen stets eine Tür zu einem besseren Miteinander offen. Folgende Konsequenzen werden in aller Regel akzeptiert.

  • „Es ist völlig okay, dass du wütend bist. Aber der Vorwurf, dass ich dich nicht liebe, ist mir zu heftig. So möchte ich nicht mit dir streiten. Kannst du dich ein wenig beruhigen? Wenn nicht, gehe ich jetzt und wir können die Sache später austragen.“
  • „Ich bin nicht einverstanden, dass du persönliche Dinge von mir erzählst, ohne mich zu fragen. Wenn du das nicht respektierst, dann erzähle ich vorerst nur noch Dinge, die ich auch bei Facebook posten würde.“

Auch wenn diese Konfrontationen entschlossen klingen, spürt der andere, dass sie fair sind. Denn Ihr Gegenüber behält die Kontrolle über die Situation. Es muss nur den Stachel ein wenig zurückziehen und schon kann das Gespräch weitergehen. Dadurch erübrigt sich auch die Konsequenz. Vielleicht finden Sie es gar nicht so einfach, auf gute Weise Grenzen zu setzen. Denn dazu muss man geistesgegenwärtig und auch ein wenig schlagfertig sein. Daher wird Ihnen sicher nicht immer eine Möglichkeit einfallen, wie Sie eine Grenze behaupten können. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Denn in einer Liebesbeziehung wiederholen sich Situationen ja häufig. Für das nächste Mal kann man sich dann Sätze zurechtlegen, die einem Gespräch oder einer Begegnung eine andere, bessere Richtung geben.

Wenn Sie die positiven Seiten von Konflikten schätzen lernen und liebevoll Grenzen setzen, dann befrieden Sie Ihre Paarbeziehung auch in hitzigen Momenten. Das wird Ihnen vielleicht noch leichter gelingen, wenn Sie sich auf einen spirituellen Weg begeben.

Aus den Quellen des Glaubens schöpfen

Jedes Thema der Liebe hat auch eine spirituelle Seite. Sie wird sichtbar, wenn wir das, was ein Paar miteinander austrägt, zu Gott hin öffnen. In der christlichen Tradition fügen sich Grenzüberschreitungen in folgenden existenziellen Rahmen ein.

Der Einzige, der ein Recht hat, über einen Menschen zu bestimmen, ist Gott als Schöpfer des Menschen. Er teilt dem Menschen seine Freiheit zu und setzt zugleich die Grenzen seiner Freiheit. Er nimmt Menschen in Verantwortung und weist ihnen ihre persönliche Bestimmung zu. Nach biblischer Auffassung liegt Gottes Recht dazu nicht allein in seiner Schöpfermacht, sondern vor allem darin, dass Gott das einzige Wesen im Universum ist, das wirklich selbstlos lieben kann. Nur bei Gott selbst ist sicher, dass seine Herrschaft über Menschen nicht missbräuchlich oder ausbeutend ist.

Umgekehrt folgt daraus auch: Kein Mensch hat das Recht über einen anderen zu bestimmen und ihm seine Freiheit zu rauben. (Wo Menschen das im Rahmen der Erziehung, als Vorgesetzte oder Politiker tun, dürften sie es eigentlich nur, soweit es anderen dient.) Jesus entfaltet den Glauben als einen Weg der Freiheit. Allein die Liebe zu Gott und zum Nächsten setzen dieser Freiheit Grenzen. Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, dann lädt Sie der Glaube zu einem Vertrauen ein. Zugleich entdeckt Ihr Partner einen höheren Grund, die eigene Freiheit zu wahren.

Grenzen annehmen und Gott vertrauen

Wenn Sie Freiheit als ein Geschenk Gottes an Ihren Partner akzeptieren, bleiben Sie an den Grenzen stehen, die die Freiheit Ihres Partners setzt. Manchmal müssen Sie dafür vorübergehend Wünsche loslassen oder einen Mangel aushalten. Dabei können Sie auch spirituelle Mittel
einsetzen. Eine sehr alte Glaubenserfahrung könnte Sie hier auf einen guten Weg führen. Sie drückt sich im Alten Testament aus: In Psalm 23 betet der israelische König David, dessen Leben etwa auf das Jahr 1.000 v. Chr. datiert wird:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

David beschreibt eine umfassende Fürsorge, die Körper und Seele einschließt, aber auch den Geist, also den Teil in uns, der sich auf Gott beziehen kann. Manche Menschen erleben in Momenten des Mangels tatsächlich eine unbegreifliche Geborgenheit und Freude, nachdem sie sich an Gott gewandt haben. Andere entdecken in dem, wie ihr weiterer Tag verläuft, Zeichen von Gottes Freundlichkeit und Versorgung. Vielleicht versuchen Sie das auch einmal: Vertrauen Sie sich der Fürsorge Gottes an, wenn in Ihrer Beziehung einmal etwas Wichtiges fehlt. Beten Sie den Psalm und beobachten Sie in den nächsten Stunden, was geschieht. Die Erfahrung, dass Gott in Momenten des Mangels da ist und hilft, macht Sie in der Liebe gelassen. Grenzüberschreitungen werden Ihnen dann ganz unpassend vorkommen.

Aber auch Situationen der Überverantwortlichkeit können zum Anlass spiritueller Erfahrungen werden. Hier hat Jesus eine berühmte Einladung ausgesprochen:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28-30).

In unserer heutigen Sprache könnte man vielleicht sagen: „Bürde dir nicht zu viel auf. Ich treibe dich nicht an und setze dich nicht unter Druck. Übernimm nur, was ich dir auferlege, das kannst du tragen. Den Rest lass liegen und lass los. Das wird ich entspannen.“ Auch diese Sätze können Sie einmal betend nachvollziehen, wenn Sie das nächste Mal unter Druck kommen. Vielleicht hilft Ihnen Ihr Glaube auch, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und so die Last der Verantwortung zu erleichtern. Sie geraten seltener unter Druck und lassen sich dann sicher auch seltener zu Grenzüberschreitungen hinreißen.

So führt die Grenzüberschreitung zum existenziellen Thema von Mangel und Überverantwortlichkeit und die wiederum auf einen Weg des Glaubens.

  • Karina und Paul sind diesen Weg gegangen. Ihre Tochter war noch in der Grundschule, als Karina bereits den Bruch gespürt hat. Auf vieles, was Karina sagte oder tat, reagierte ihre Tochter mit Rückzug, Abwehr oder sogar Ablehnung. Das hat Karina in ihren Muttergefühlen verletzt und es war ihr kaum möglich, die Ablehnung zu ertragen. Karina hat natürlich vieles versucht, um wieder einen Zugang zu ihrer Tochter zu finden. Aber je mehr sich Karina bemühte, desto schlimmer schien es zu werden. Das hat sich auch auf die Ehe ausgewirkt. Karina hat sich von Paul im Stich gelassen gefühlt und ihren Mann damit stark konfrontiert. Sie hat von ihm gefordert, er solle mehr hinter ihr stehen und dies auch der Tochter zeigen.
    Irgendwann hat Karina sich mit ihrem Schmerz in ihre Gottesbeziehung fallen lassen. Die Verantwortung, der sie in ihrer Familie nicht gerecht geworden ist, hat sie einfach losgelassen. Sie hat Momente von tiefem Trost erfahren, auch wenn sich an der Familiensituation zunächst nichts verändert hat. Sie versuchte, in den alltäglichen Begegnungen mit ihrer Tochter zurückhaltend, aber doch freundlich, wertschätzend und fürsorglich zu sein. Irgendwann spürte sie Anzeichen eines Neubeginns. Ihre Tochter konnte sich mehr öffnen und reagierte auf die Erziehung nicht mehr so abwehrend. Heute kann sich Karina weder erklären, wie es zu dem Bruch kam, noch was diesen wieder überbrückt hat. Sie nahm es einfach als Geschenk.

Freiheit durch Gehorsam

Wenn Ihr Partner gelegentlich Grenzen überschreitet, dann sieht Ihr spiritueller Weg etwas anders aus, auch wenn er von der gleichen Frage ausgeht, nämlich der Ihrer Freiheit. Natürlich kann man seine Freiheit verteidigen, einfach weil man ein Recht auf sie hat. Doch das haben wir in diesem Artikel trotzdem vermieden. Denn es klingt schnell nach einer kleinlichen Selbstbezogenheit, die sich selbst wichtiger nimmt als die Liebe. Stattdessen haben wir uns darauf berufen, dass die Liebe nur gedeihen kann, wenn keiner seine Freiheit verliert.

Aus einer spirituellen Perspektive gibt es einen weiteren Grund, die eigene Freiheit zu schützen. Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört es nämlich auch, sich in einem Akt freiwilliger Liebe der guten Herrschaft Gottes unterzuordnen. „Die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen“, das ist die Kernbotschaft Jesu, wie sie in den vier Evangelien überliefert ist. Seine Lehre widmet sich hauptsächlich der Frage, wie Gottes Herrschaft aussieht: dass sie unsere religiösen Vorstellungen auf den Kopf stellt und warum sie ganz anders ist als das, was wir als menschliche Herrschaft erfahren. Wie sich Glaubende in diese Herrschaft einfügen, dazu leitet jede Konfession etwas anders an und stützt diesen Vorgang mit unterschiedlichen Ritualen. Auf verschiedenen Wegen machen Glaubende aber den Willen Gottes für sich verbindlich, wie er sich ihnen in der biblischen Überlieferung offenbart. Glaubende bitten darüber hinaus, dass Gott seine guten Absichten für ihr Leben auch ganz individuell zeigt, und üben sich im Gehorsam demgegenüber, was ihnen als Gottes Wille erscheint.

Wer die Erfahrung menschlicher Herrschaft auf Gott überträgt, für den wäre es ein abstoßender Gedanke, die eigene Freiheit in einem Willen Gottes aufgehen zu lassen. Weil Gottes Wille aber ein Ausdruck seiner selbstlosen Liebe ist, entfaltet Gehorsam die menschliche Persönlichkeit, statt sie einzuengen. Wer sich in Gottes Willen fügt, vergrößert die Freiheit, was die wesentlichen Dinge des Lebens angeht: die Freiheit, Liebe zu geben und zu empfangen, die Freiheit, glücklich zu machen und glücklich zu sein, die Freiheit, schöpferisch tätig zu sein und auch das schöpferische Potenzial anderer Menschen freizusetzen. Glaubende erfahren also ein Paradox: Die Bindung an Gott vergrößert ihre Freiheit. Das wirkt sich auch auf eine Paarbeziehung aus. Lassen Sie uns an einigen Beispiele betrachten, wie das praktisch wird.

  • Leonhard hat als introvertierter Mensch seine kontemplative Gabe entdeckt. Wenn er sich für einige Tage in ein Kloster zurückzieht, einen Tag allein in der Natur verbringt oder abends ein gehaltvolles Buch liest, fühlt er sich Gott sehr nahe. Sein Inneres wird wie von einer guten Kraft geordnet, danach fühlt er sich gelassener, fröhlicher, liebevoller und kann sich ganz neu auf Beziehungen einlassen. Marga dagegen, ein Beziehungsmensch und gelegentlich grenzüberschreitend, plant gerne. Sie würde Leonhard von seinen Rückzugsräumen abschneiden und seinen inneren Raum mit einem Übermaß an Erlebnissen füllen. Ganz ohne Kampf konnte Leonhard seine stillen Stunden nicht verteidigen. Aber je mehr er Marga von seinen kontemplativen Erfahrungen anvertraute und je mehr sie die positiven Auswirkungen erlebte, desto leichter konnte sie Leonhards Grenzen annehmen, wenn er sich einmal zurückziehen muss.
  • Sven hat ein Gespür für Qualität. Oder ist er bereits perfektionistisch? Jedenfalls spannt er Anke gewohnheitsmäßig ein, wenn er das Haus umbaut, eine Party organisiert oder den Garten neu anlegt. Anke kann durchaus genießen, was Sven alles auf die Beine stellt, aber manchmal fühlt sie sich in ihrem durchgestylten Leben nicht mehr richtig zu Hause. Ihre Gegenwehr ist immer zaghaft ausgefallen, denn Sven trägt seine Pläne einfach überzeugend vor. Das hat sich geändert, seit sie ihr Herz für die Obdachlosenarbeit ihrer Kirchengemeinde entdeckt hat. Anke findet einen Zugang zu den Männern, die sich ihr gegenüber respektvoll verhalten. Sie gibt es nicht vielen Menschen preis, doch sie fühlt sich dann wie ein „Werkzeug der Liebe Gottes“, wie es in dem Friedensgebet heißt, das Franz von Assisi zugeschrieben wird. Sven hat zunächst getobt, als Anke auch in einer Bauphase an ihrem Ehrenamt festgehalten hat. Inzwischen hat er ein anderes Maß gefunden und plant Anke nicht mehr so stark ein. Er hat sogar Respekt für Ankes Einsatz: „Ich könnte das nicht.“

Auf einem spirituellen Weg nähern sich beide von unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Thema Freiheit. Einer bleibt aus Gottesfurcht an der Grenze stehen, die nicht nur die zwischenmenschliche Fairness setzt, sondern für die auch Gott selbst einsteht. Wo die menschliche Überreaktion ausbleibt, öffnet sich ein Raum für neue Erfahrungen mit Gott, die von Mangel und Überverantwortlichkeit entlasten. Die andere Seite findet in der Hingabe an Gottes Willen einen höheren Grund, die eigene Freiheit vor Vereinnahmung zu schützen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Stacheln in der Partnerschaft – Wie Sie Ihre Liebe vor Verletzungen schützen“ von Jörg Berger. Er ist Psychotherapeut in Heidelberg. Persönlich sowie mit Büchern und Videokursen begleitet er Paare.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Paar-1.jpg 1235 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-29 14:53:072026-01-30 14:45:55Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Viel Drama um nichts

Manchmal ergeben sich aus Banalitäten skurrile und schräge Streitigkeiten. Paarberaterin Ira Schneider berichtet, wie sie mit ihrem Mann aneinandergerät und dabei feststellt, wie wunderbar Unterschiede sind.

Ich knalle die Autotür ordentlich hinter mir zu und höre mich pampig „Dann fahr doch alleine!“ sagen. Ich verweile noch auf dem Parkplatz. David war nun also losgefahren.

Die Wasserkaraffe

Inhaltlich hatte alles ganz harmlos mit einer von mir ausgeliehenen Wasserkaraffe begonnen. Nun ging es nur darum, wer unsere ausgeliehene Wasserkaraffe zum Auto bringt. Doch dahinter versteckten sich unsere Unterschiedlichkeiten: Meine manchmal zu ausschweifende Gelassenheit, wenn es darum geht, etwas zurückzugeben, und Davids Gewissenhaftigkeit. Ich hatte die Wasserkaraffe versehentlich vor einigen Wochen aus unserer Kirche mitgenommen. Für mich war völlig klar: In unserer Kirche stehen genug Karaffen rum und wahrscheinlich wird sie niemand vermissen, auch wenn sie erst in ein paar Wochen – oder Monaten – wieder auftaucht. Im Ergebnis prallten nicht nur Davids Gewissenhaftigkeit, sondern auch sein Bedürfnis nach Ordnung – und dass die Dinge nicht ewig bei uns rumstehen – und meine Gelassenheit aufeinander.

Ein kleiner Machtkampf

Nun gut. Gerade hatten wir noch diskutiert und versucht, auszuhandeln, wer nun diese große, schwere und wirklich unzumutbare Aufgabe übernimmt, die Wasserkaraffe ganz alleine die 50 langen Meter bis zum Auto zu tragen. Doch wie sind wir eigentlich bei der zuknallenden Autotür gelandet? Das Ganze hatte sich dann nämlich ordentlich hochgeschaukelt. Ich wollte die Karaffe inzwischen gar nicht erst mitnehmen und habe in den Dickkopfmodus gewechselt. David wiederum wollte sie nun umso dringender unbedingt an jenem Sonntag zurückgeben. Wir beide sahen die Aufgabe, sie zum Auto zu tragen, definitiv bei der anderen Person. Ich sah die Verantwortung bei ihm, schließlich wollte er sie ja wegbringen. Er sah sie bei mir, weil ich sie ausgeliehen hatte. Eins stand fest: Keiner war bereit, nachzugeben und sich zu opfern und sie in einem Akt tiefgreifender Selbstaufgabe bis hin zum Auto zu tragen. David erweckte den Anschein, nahm sie in die Hand, schmuggelte sie unterwegs aber vorsichtig und flink in meine Tasche. In meinem grenzenlosen Scharfsinn bemerkte ich dies, ließ die Tasche einfach stehen und ging weiter. Hinter diesem Hin und Her verbarg sich ein kleiner Machtkampf ums Gewinnen und ums Rechthaben. Eigentlich ja ein Konfliktklassiker. Einer, den wir doch längst begraben glaubten. Einer, der uns nicht mehr passieren würde. Unsere Ehe ist doch erwachsen und reif. Wir? Nein. Wir zanken doch nicht unnütz! Wir hängen uns auch nicht an überflüssigen Themen auf. Scheinbar doch!

Und plötzlich haben wir einen Lachanfall

Nun stehe ich da und warte. Ein nicht allzu kleines Fünkchen in mir hofft und wiegt sich in dem Glauben, dass es nur wenige Sekunden dauern wird, bis wir uns wiedersehen. Er fährt sicherlich nur eine Runde um den Block und kommt dann wieder. Er fährt ja nicht wirklich los, denke ich mir. Tatsächlich drehe ich mich zur Seite und er kommt angefahren. Ich steige ins Auto ein und muss schon währenddessen irgendwie schmunzeln, aber ich verkneife mir mein Grinsen noch einen Moment.

Ich will noch einen Blick in sein Gesicht erhaschen und stelle fest, dass er ebenfalls krampfhaft versucht, nicht draufloszulachen. Da sitzen wir beide also und haben einen Lachanfall.

Nur ein wenig Drama

So einen intensiven Konflikt hatten wir lange nicht mehr, dachte ich mir. Aber irgendwas sagt mir, dass der Konflikt gar nicht so tragisch war. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass er künstlich aufgeblasen war; einfach ein wenig Drama. Schon mitten im Konflikt hatte ich den Eindruck, als würde ich uns, wie in einem Kino, von außen zuschauen. Ich fand uns amüsant, lächerlich und sogar etwas kindisch. Als wir einige Tage später nochmal darüber sprachen, berichtete David, dass er das ganz ähnlich wahrgenommen hatte – wie anders der Konflikt war –, verglichen mit einer ernsthaften Streitigkeit. Ich genieße dieses verbindende Gefühl, wenn wir in unserer Ehe eine gleiche Feststellung machen.

Viel geschafft, aber noch nicht fertig

Etwas in uns hatte sich verändert. Vielleicht hat uns der Konflikt sogar ein Stück weit Spaß gemacht. Uns zu zanken, uns zu necken, uns aneinander zu reiben und abzuarbeiten, den anderen als starkes Gegenüber zu erleben und herauszufordern, kann guttun. Konflikte sind immer auch eine Suche nach Verbindung. Wir leben die feste Überzeugung, dass eine Streitkultur gesund, wichtig und notwendig ist. Gutes Streiten ist eine Kompetenz. Es heißt ja nicht umsonst KonfliktFÄHIGKEIT. Eins war mir zumindest klar: Wir hatten dazugelernt. Wir verheddern uns weniger lang im Streit und verlieren die Außenperspektive nicht. Wir können mitten im Streit lachen, weil wir ein gemeinsames Grundverständnis gefunden haben und wissen, dass der Streit nicht die Oberhand behält, sondern dass wir ihn im Griff haben. Wir können uns selbst sogar ein bisschen zuschauen und uns über uns kompetente Zankexperten amüsieren.

Über sich selbst zu lachen und vor allem miteinander zu lachen, ist Gold wert. In dem Moment, in dem das Lachen ausbricht, haben wir nicht nur das beste Rettungsmanöver im Gepäck, sondern können einander feiern und schätzen! Denn wenn ich ehrlich bin, bin ich über Davids Gewissenhaftigkeit und Ordnung an den meisten Tagen überaus froh. Ohne unseren Putzplan, den er erstellt hat, würden wir im Chaos versinken. Ja, unser Anderssein beißt sich manchmal, aber darin liegt gleichzeitig eine riesige Chance. Wir können uns ergänzen, denn wir sind beide genau richtig und gut so, wie wir sind.

Auch wir als Paarberater sehen in Konflikten immer wieder eine Chance, uns langfristig besser zu verstehen. Wir lernen einander ebenfalls immer weiter kennen und auch, unsere Unterschiede zu zelebrieren.

Ira Schneider arbeitet als psychologische Beraterin in einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet sie Paarberatungen an.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/BN_Frizi_iStock_Getty-Images-Plus-scaled.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-15 16:00:392022-12-15 16:00:39Viel Drama um nichts

Geliebt und genervt: Wie ich meinen Partner ändern kann

Alle wissen, dass man den Partner nicht ändern kann. Paarberater Marc Bareth verrät, wie es trotzdem klappt.

Wir kennen es alle: Unser Partner oder unsere Partnerin verhält sich nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Je länger wir in einer Partnerschaft sind, desto mehr springen uns Charaktereigenschaften ins Auge, die so richtig nerven. Da stellt sich schnell einmal die Frage: Wie kann ich mein Gegenüber ändern? Wer sich mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass die Aussagen vieler Fachleute und der Literatur darauf hinauslaufen, dass dies eben gar nicht möglich ist. Und auch unsere Erfahrung zeigt, dass das Unterfangen ziemlich aussichtslos ist. Wir können unsere Mitmenschen nur sehr bedingt verändern. Der berühmte amerikanische Paartherapeut Dan Wile sagt: „Wenn du einen Partner wählst, wählst du damit unweigerlich auch ein bestimmtes Set an unlösbaren Problemen.“ Deshalb der Tipp: Nimm dein Gegenüber an, wie sie oder er ist, und nicht wie sie oder er sein sollte. Ändern kannst du ihn oder sie sowieso nicht.

Ich kann mich ändern

Meinen Partner kann ich also nicht ändern. Doch es gibt einen Weg, sein oder ihr Verhalten nachhaltig zu verändern. Hier kommt die Paardynamik ins Spiel. Das Verhalten des Mannes ist jeweils die Reaktion auf das Verhalten der Frau und umgekehrt. Das weitaus erfolgversprechendste Mittel ist es also, sein eigenes Verhalten zu ändern. Genau: Du gibst deinem Gegenüber die Chance, sich zu ändern, indem du dich selbst anders verhältst.

Was langfristig nicht funktioniert, sind Druck, Vorwürfe, Nörgeln und Forderungen. Denn Druck erzeugt Gegendruck und führt nicht zu einer Verhaltensänderung.

Ein Beispiel: Sandra kommt aus einer Familie, in der man Konflikte direkt und auch mal laut angeht. Wenn sie Philipp mit dem konfrontiert, was ihrer Meinung nach schiefläuft und alles auf den Tisch legt, reagiert der sehr einsilbig. Sandra lässt dann aber nicht locker. Sie fühlt sich durch Philipps Passivität provoziert und wird immer lauter, bis Philipp sich irgendwann einfach verdrückt, was Sandra noch mehr verärgert.

Andere Wege suchen

In Philipps Familie wurde offener Streit um jeden Preis vermieden, weil niemand damit umgehen konnte und Konflikte häufig Beziehungsabbrüche bedeutet haben. Lernt Sandra, ihr Anliegen so anzusprechen, dass Philipp sich nicht in die Enge gedrängt fühlt, wird sie viel mehr erreichen, als wenn sie ihn anbrüllt, er solle doch auch mal was sagen. Wenn Philipp die Erfahrung macht, dass Meinungsverschiedenheiten mit Sandra nicht zum Beziehungsabbruch führen, wird er anders auf sie reagieren können. Sandra kann also Philipps Verhalten nur verändern, indem sie sich selbst anders verhält.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/12/Paar-streitet_Getty-Images_urbazon_E-Plus-e1670236018549.jpg 1208 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-12-06 15:27:232022-12-06 15:27:23Geliebt und genervt: Wie ich meinen Partner ändern kann

Soziologieprofessor sagt: Diese drei Dinge machen eine gesunde Beziehung aus

Laut Aaron Antonovsky braucht es drei Stellschrauben für eine gute Partnerschaft. Paarberaterin Ira Schneider sagt, wie sie sich in der Praxis umsetzen lassen.

Mitten im Alltag zwischen all den Aufgaben bleibt die Partnerschaft die klitzekleinste Zelle unserer Gesellschaft. Wenn diese kleine feine Zelle gesund bleibt und munter ist, dann ist das Resultat eine pure Freude. Paare in gesunden Partnerschaften schöpfen aus einer besonderen Kraftquelle. Ich finde es spannend, dass es beispielsweise nachgewiesen ist, dass sie seltener krank werden oder auch beruflich erfolgreicher sind. Doch wie kann eine solche nachhaltig blühende und gesunde Partnerschaft gestaltet werden? Wie gesund ist unsere Beziehung? An welchen Stellschrauben können wir drehen, wenn es nicht so gut läuft?

Antanovskys Theorie

Ich stelle mir die Fragen für meine eigene Partnerschaft, aber auch im Kontext unserer Paarberaterarbeit. Vor allem aber stelle ich sie mir immer wieder neu. Von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt sind andere Herangehensweisen passend. Vor einigen Jahren bin ich auf Aaron Antonovsky, einen Gesundheitssoziologen aus dem 20. Jahrhundert, gestoßen. Immer wieder entdecke ich, wie sich seine Definition von Gesundheit auf die unterschiedlichsten Paardynamiken übertragen lässt. Er behauptet, dass für die Gesundheit ein Dreiklang bestehend aus Bewältigbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit notwendig sei.

Wie können wir unseren Alltag bewältigen? Wie können wir einander verstehen? Wie können wir tiefe Sinnhaftigkeit erleben? Für uns bedeutet das konkret: Wie können uns diese Parameter helfen, Bedürfnissen nach Spaß und Abenteuer, nach emotionaler Nähe und gegenseitiger Anteilnahme und gemeinsamer Ausrichtung zu begegnen? Hier geht es vor allem um die Prophylaxe, also darum, gesund zu bleiben. Seine Definition scheint mir sehr einleuchtend, da er Komponenten nennt, die wir unkompliziert innerhalb unserer Partnerschaften einbauen können und die uns zugleich einen bunten Gestaltungsspielraum eröffnen.

1. Alltag muss schaffbar bleiben

Den Alltag zu regeln – das bestimmt bei den allermeisten Paaren sowieso die Kommunikation: Wie lange dauert deine Sitzung? Wann holst du die Kleine ab? Brauchen wir noch Bananen? Es gibt tausend Dinge zu klären. Sind wir in der Lage, unseren Alltag zu bewältigen? Die Frage mag banal klingen, denn wenn es klappt, dann denken wir gar nicht groß darüber nach. Wenn es allerdings nicht gelingt, die täglichen Anforderungen des Lebens gemeinsam zu meistern, dann ist das eine stetige Quelle der Unzufriedenheit und ruft zahlreiche Konflikte hervor: Ich hatte dich doch gebeten … Warum kannst du nicht einmal …? Siehst du denn nicht, dass ich fürchterlich im Stress bin?

Die Partnerschaft kann schweren Schaden nehmen, wenn Lasten ungleich verteilt sind, man den Eindruck hat, sich nicht aufeinander verlassen zu können oder einer von beiden sich dauerhaft überfordert fühlt. Deshalb ist es so wichtig, hier miteinander im Gespräch zu bleiben: Beim anderen nachfragen, sich gegenseitig unterstützen, einander überraschen mit kleinen Gesten der Zuwendung, einander trösten, sich austauschen und etwas von den alltäglichen Erlebnissen preisgeben. Statt sich von dem tückischen Alltag überwältigen zu lassen, können wir ihn durch unsere tiefe Verbindung und unser Füreinander-da-Sein zusammen bewältigen. So viele Herausforderungen zerren an uns. Auf der Arbeit, in der Ausbildung, in der Kindererziehung oder auch in der Familie.

In der Praxis: Eheabend

Bei uns sieht das ganz praktisch so aus, dass wir einander von unseren täglichen Erlebnissen berichten und gemeinsam unsere Verpflichtungen wie Haushalt, Termine, Einkauf besprechen. Zu Beginn unserer Beziehung fand vor allem die Anteilnahme über das täglich Erlebte völlig automatisch statt, da wir uns extra verabredeten, um einander zu sehen und uns auszutauschen. Doch als wir zusammenzogen, merkten wir schnell: Jeder braucht erst mal Zeit für sich und das ist gut und okay. Dann müssen wir uns nun gemeinsam in der Wohnung verabreden. Wir wollen up to date in den Prozessen und Erlebnissen des anderen sein. Dabei helfen uns folgende tägliche Fragen, gemeinsam den Alltag zu bewältigen: Wie war dein Tag? Wie geht es dir? Welche Absprachen stehen noch an?

Um im Alltag sowohl mit den Absprachen zufrieden zu sein als auch emotional verbunden zu sein, haben wir seit einigen Jahren einen festen Eheabend und einen festen Abend für Terminabsprachen. Genau an diesen Stellen ist Raum, die genannten Bedürfnisse zu äußern, wie zum Beispiel Spaß und Abenteuer bewusst einzubauen, in den Kalender zu schauen und zu überlegen: Wo und wann könnten wir einen Ausflug machen?

2. Wir müssen einander verstehen

In all unseren Bemühungen, den Alltag gemeinsam zu meistern, werden wir an Grenzen stoßen. Eine Grenze ist unsere Unterschiedlichkeit. Wir verstehen oft nicht, warum unser Partner Dinge auf diese Weise tut oder auch nicht tut. Statt dem anderen unfaire Motive zu unterstellen oder schnell mit mehr oder minder gutem Rat beizustehen, ist es hilfreich, nach dem Wozu und nach dem Warum zu fragen. Warum handelt sie so? Kennt er oder sie diese Gewohnheiten woandersher? Helfen ihm oder ihr diese Handlungen in anderen Momenten weiter? Die Handlung als Strategie zu erfassen, ist der Schlüssel. Was braucht er eigentlich? Was für ein Bedürfnis steckt hinter der Handlung? Nachfragen lohnt sich, denn häufig steckt mehr dahinter, als wir denken. Unsere Erinnerungen und Erfahrungen prägen und begleiten uns und finden Ausdruck in unserem Alltag.

In der Praxis: Das Kuchen-Beispiel

Hier ein kleines Beispiel: Mein Mann und ich geraten immer wieder aneinander, wenn es ums Essen geht. Ihm ist wichtig, dass ein Stück Kuchen mehr oder weniger genau geteilt wird. Es geht für ihn um Gerechtigkeit. Zu Hause wurde unter den Geschwistern immer fair geteilt. Ich hingegen öffne den Kühlschrank und bediene mich an dem, was da ist. Es würde mich nicht stören, wenn er das auch tun würde. Dann kauft man halt einen neuen Kuchen.

Kein großes Ding, aber durchaus spannend, wenn man mal genauer draufschaut. Es bedurfte einiger Gespräche, um zum Kern des Problems durchzudringen. Meine Rücksichtslosigkeit fand mein Mann oftmals ärgerlich. Dass ich ihm auch einfach das ganze Stück überlassen konnte, hat er wiederum als großzügig empfunden. Für mich galt lange die Einstellung: Was weg ist, ist weg. So kannte ich es von zu Hause. Inzwischen verstehen wir den anderen und können schmunzeln. Mein Bruder kam zur Welt, da war ich 16. Mein Mann hingegen ist mit zwei Schwestern großgeworden. Beide Erfahrungen des Aufwachsens gingen mit verschiedenen oder in meinem Fall vielmehr mit wenigen Regeln einher. In unseren Elternhäusern herrschten unterschiedliche Kulturen zum Umgang mit Essen und vor allem zum Teilen von Essen. Das musste ich erst lernen und lerne es immer noch.

3. Die Beziehung muss Sinn haben

Aber in einer Beziehung geht es nicht nur darum, den Alltag zu meistern und einander zu verstehen – mindestens genauso wichtig für unsere seelische Gesundheit ist es, dass wir unser Tun und Sein als sinnhaft erleben. Gemeinsam zu träumen, tiefe Wünsche auszusprechen und in die Zukunft zu schauen, verschafft ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Wir schauen etwas Größerem als unserem Alltag entgegen. Wir begreifen tiefer, weshalb wir die Dinge tun, die wir tun, und richten uns gemeinsam aus.

In der Praxis: Wochenende mit Realitätsabgleich

Da für uns die Sinnhaftigkeit einen besonders hohen Stellenwert hat, haben wir dafür ein kleines Ritual entwickelt. Wir nehmen uns regelmäßig eine Auszeit, fahren übers Wochenende weg und schauen auf unser Leben. Es ist eine Zeit, in der wir das, was wir täglich tun, mit unseren Zielen, Träumen und Wünschen abgleichen. Es ist beispielsweise ein Traum von uns, immer wieder Menschen mit Gottes Liebe zu erreichen, ihnen zu zeigen, dass Gott in jedem Mangel an ihrer Seite ist. In unserer Auszeit fragen wir uns, welche Rolle dieser Traum in unserem Alltag spielt. Wo sind wir da einzeln und als Paar unterwegs? Wer könnte unsere Unterstützung brauchen? Sich das bewusst zu machen, verändert wieder unsere Gestaltung des Alltags und räumt Zeit ein für das, was uns wichtig ist.

20 Minuten reichen

Ich bin überzeugt, dass die drei Parameter von Antonovsky eine Menge darüber aussagen, wie wir gemeinsam unterwegs sind. Die Bewältigbarkeit richtet dabei den Blick auf die tagtäglichen Erlebnisse. Die Verstehbarkeit versucht das Handeln und Sein des anderen anzunehmen, zu erforschen und auszuhalten, dass es anders ist als das eigene. Die Verstehbarkeit erinnert uns auch daran, dass wir einen langen Lebensabschnitt ohne unseren Partner durchlebt haben. Und die Sinnhaftigkeit träumt und malt ein Bild der Zukunft.

Was benötigt ihr gerade? Ist einfach ein intensiverer Austausch über das Alltagsgeschehen dran? Tut es euch vielleicht gut, euch über Vergangenes und Aspekte aus der Herkunftsfamilie auszutauschen? Oder wünscht ihr euch neue gemeinsame Träume und Visionen für die Zukunft? Denn zack, da ist er, der gute, liebe, nervige, mühsame, manchmal bunte und gemütliche, manchmal nicht vor To-dos enden wollende Alltag. Aber eine kleine Frage und 20 Minuten Zeit zum Durchatmen können schon genügen. Und plötzlich sind wir überrascht von den Antworten unseres Gegenübers und erleben wieder ein abenteuerliches kurzes Gespräch, emotionale Nähe oder merken, wie unser Zusammensein ein gemeinsames Ziel verfolgt.

Ira Schneider ist Lehrerin für Englisch und Theater und Paarberaterin (Euer-Paarcoaching@web.de). In ihrer Freizeit ist sie gerne kreativ und hat einen kleinen Onlineshop unter dem Label murmel.design. Unter „ira.schneider_“ ist sie auf Instagram zu finden. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/06/family_beziehung.jpg 1415 2119 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-06-09 10:53:352022-06-09 10:53:35Soziologieprofessor sagt: Diese drei Dinge machen eine gesunde Beziehung aus

Schmetterlinge auf Irrwegen

Frisch verliebt in den Freund meines Mannes – und dann?

„Was war das?“, dachte ich erschrocken. Dieser Blickkontakt dauerte etwas zu lange und ging mir viel zu tief. Zwar fühlte sich das ungewohnt schön an, aber natürlich auch zutiefst falsch. Mir wurde sofort bewusst, dass etwas Ungewöhnliches passierte, aber dass das der Beginn einer emotionalen Achterbahnfahrt mit heftigen Zerwürfnissen für meine Ehe war, ahnte ich nicht.

Zu Tom (alle Namen geändert), einem langjährigen Freund meines Ehemannes, pflegten wir als Familie ein freundschaftliches Verhältnis und teilten viele Alltagsmomente. Dass wir uns schon so viele Jahre kannten, erschwerte es mir, den Ernst der Lage zu erkennen. Nach diesem Blick nahm ich den jahrelangen Freund plötzlich anders wahr. Ich sammelte meinen Mut, schrieb Tom und konfrontierte ihn mit dem nicht zu leugnenden Knistern zwischen uns. Das war der Beginn vieler Nachrichten.

Zerrissen zwischen Glücksgefühl und Scham

Eine Grenze war überschritten. Es ging nicht mehr nur um Absprachen zur nächsten Grillparty oder zum nächsten Gottesdienstplan. Nein, plötzlich ging es um uns beide. Wir teilten uns einander mit. Wir schrieben über das, was wir fühlten, dachten und erlebten. Damit gossen wir Öl in das beginnende Feuer und beschleunigten die Gefühlslawine massiv.

Eine Zeit der Zerrissenheit in mir hatte begonnen. Auf der einen Seite die Glücksmomente mit Tom in unserer Nachrichtenwelt, auf der anderen die tiefe Scham gegenüber David, meinem Ehemann. Das Tempo der wachsenden Gefühle überstieg meine rationale Entscheidungsfähigkeit.

Kein Kontakt – unmöglich!

Nach wenigen Wochen erzählte ich David von meinen Gefühlen und dem Kontakt zu unserem gemeinsamen Freund. Er reagierte sanft schockiert, aber auch noch zuversichtlich und nicht verurteilend. Darüber war ich sehr dankbar. Jedoch wünschte er sich mit Nachdruck, dass Tom und ich keinen weiteren Kontakt haben sollten, damit es nicht schwieriger für alle Beteiligten werden würde.

Doch zu dem Zeitpunkt dachte ich noch völlig naiv, dass das nicht nötig sei. „Ich habe meine Gefühle doch im Griff und kenne meine Grenzen!“, behauptete ich. Dabei hatte ich die Situation schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Ich schrieb Tom noch eine Weile offiziell, später dann heimlich.

Erfüllender als der Ehealltag

All die virtuellen Momente mit Tom erschienen mir schöner, romantischer und erfüllender als mein Ehealltag. Alles fühlte sich so echt, tief und unglaublich nah an, obwohl wir uns ausschließlich in unseren Nachrichten „trafen“. Ich nutzte jede freie Minute, um ihm zu schreiben.

Auf diese Weise nahm ich ihn virtuell fast überall mit – auf Geburtstagspartys, zur Beerdigung, zum Trainieren, zum Unkrautjäten. Ohne dass ich es wahrnahm, entwickelte er sich zu einem riesengroßen Teil meines Lebens. So permanent umgeben von Schmetterlingen gab es allerdings keinen einzigen Tag, an dem mich nicht mein Gewissen plagte und mich stumm anschrie. Ich schrie innerlich eine Menge an Rechtfertigungen zurück: „Wir schreiben uns doch nur und mehr passiert nicht!“, „Es ist doch gar keine echte Affäre!“ …

Die Ehe bröckelt

David spürte, dass ich nicht ganz bei ihm war, dass meine Gefühle und Gedanken bei einem anderen Mann festhingen. Es schmerzte ihn sehr, dass ich es nicht schaffte, den Kontakt zu Tom komplett zu unterbinden. Am meisten verletzte es ihn, dass ich nicht ehrlich zu ihm war. Häufig kam es zu Streit. Derart schwere Auseinandersetzungen hatten wir noch nie zuvor in unserer Ehe miteinander erlebt. Es wurde laut, emotional verletzend und aufwühlend. Nach vielen Diskussionen und Streitereien musste etwas passieren. Als Ehepaar waren wir uns mittlerweile so fremd geworden, dass ich an unserer Liebe zweifelte. Zweimal überlegte ich, ob es vielleicht besser sei, getrennte Wege zu gehen. Wir taten uns nicht mehr gut und verletzten uns permanent mit Worten. Es war keine Freude mehr, in Davids Nähe zu sein. Wir konnten zwar noch gut als Eltern-WG funktionieren, aber natürlich spürten unsere Kinder die Spannungen zwischen uns.

Allerdings gab es hin und wieder Momente der Nähe. Ohne viele Worte zu verlieren, konnten wir uns trotz allem Frust und aller Distanz intim nah sein. Dies war fast unsere einzige Brücke, die noch geblieben war. Wieso konnte es so weit kommen? Ich war doch während der letzten zehn Jahre glücklich in meiner Ehe, oder? Wie konnte Tom einen Platz in meinem Herzen einnehmen, den ich eigentlich meinem Partner versprochen hatte?

„Er hatte etwas in mir geweckt, was viele Jahre schlummerte“

Tom fand mich toll und war begeistert von mir, von meinem Wesen und von Eigenschaften, die David eher nicht so spannend oder erwähnenswert fand. Tom schätzte meine Kreativität, meine Ideen, meine Sensibilität und fand mich als Frau einfach wunderbar. David brachte Lob und Wertschätzung nur sporadisch zum Ausdruck. Eigentlich hatte ich mich damit abgefunden, dass David mir auf andere Weise seine Liebe zeigte.

Ich hatte meine Bedürfnisse vernachlässigt und viel zu selten reflektiert, was mir guttun würde. In den Kleinkindjahren war es leider fast ein Luxus für mich, mal ganz bewusst nach innen zu sehen und zu erkennen, was gerade für mich und uns als Paar dran ist.

Und plötzlich kommt jemand, der mich genau mit meinen Gaben wertschätzt, meine Bedürfnisse versteht und die offenbar brachliegenden Facetten meiner Persönlichkeit wahrnimmt. Er hatte etwas in mir geweckt, was viele Jahre einfach nur schlummerte. Ich sog die Aufmerksamkeit und Wertschätzung von Tom wie ein Schwamm auf. Da war jemand, der mich wirklich sah.

Abschied von Tom

Ein heftiger Streit zwischen David und mir ließ mich plötzlich realisieren, dass es so nicht weitergehen konnte. Meine Gewissensbisse türmten sich zu einer großen Welle, die über mich hereinbrach. Mein Herz schlug, meine Beine zitterten ununterbrochen und ich weinte. David konfrontierte mich damit, dass ich mich entscheiden musste. Das tat ich auch! Nur ein paar Stunden nach diesem Vorfall beendete ich die Verbindung mit Tom. Schweren Herzens, aber klar und bestimmt.

Der Abschied von Tom war schmerzhaft. Es fühlte sich an, als würde ein Teil in mir sterben und zerfallen. Gleichzeitig entwickelte sich eine tiefe Erleichterung und ein Frieden in mir. Endlich gab es keine Gewissensbisse mehr, die mir täglich zusetzten. Außerdem wurde mir mehr und mehr bewusst, was passieren hätte können, wenn wir über das Schreiben hinaus weitere Schritte gegangen wären …

Und heute?

Es hat gedauert, bis ich wieder im Ehealltag ankam. In den Jahren davor waren David und ich mit unseren zwei Kindern vor allem als Team, als WG, als Mini-Management-Group unterwegs. In der Krise haben wir uns als zwei individuelle Persönlichkeiten neu entdeckt. Es war gut, sich selbst neu zu betrachten und zu fragen: Wo stehe ich? Was ist von mir als Persönlichkeit noch da und was ist zu einem großen Wir verschmolzen?

Mittlerweile sind die Gefühle für Tom tatsächlich abgeklungen. Zu Beginn war der Verzicht auf die Nachrichten von Tom wie eine Entwöhnung. Tatsächlich stellten sich mit der Entscheidung für David Vertrautheit, Gefühle und Frieden in unserer Ehe nach und nach wieder ein. Davids Vertrauen in mich und uns musste wieder aufgebaut werden. Es wurde stetig besser, brauchte aber sehr viel Zeit.

Ich bin keineswegs dankbar für diese Erfahrung – zu schmerzhaft und auslaugend war diese Zeit. Dennoch durften wir so viel lernen. Dafür bin ich absolut dankbar!

Unsere Autorin möchte anonym bleiben.

Was hat geholfen?

  • Viele, viele Gespräche zu zweit: Wir versuchten, erst über dieses Thema zu reden, wenn die Kinder schliefen, aber es nicht zu spät werden zu lassen, weil unser Austausch nach 23 Uhr oft aus dem Ruder lief.
  • Körperliche Nähe: Auch wenn dies vielleicht paradox klingt: In manchen Phasen konnten wir uns nur auf körperlicher Ebene nahe sein – das hat unsere Ehe mit gerettet.
  • Freunde und Familienangehörige, die sich trauten, nachzufragen: Dies war leider wirklich eine Seltenheit. Wir versuchten, unsere Ehekrise nicht zu verheimlichen. Die wenigsten trauten sich aber, konkret nachzufragen. Dabei hätte ich mir so sehr mutiges Interesse gewünscht! Seitdem frage ich viel konkreter in meinem Freundes- und Familienkreis nach, wie es in den Ehen geht. Einsamkeit in schweren Zeiten ist kein guter Begleiter.
  • Ehe-Beratung: Wir haben beide schnell gemerkt, dass wir alleine nicht weiterkommen. Die Unterstützung einer Beratungsstelle war für uns massiv hilfreich. Eine Aussage der Beraterin half mir besonders: „Gefühle für jemanden außerhalb der Ehe zu entwickeln, ist völlig normal. Die Frage ist nur: Wie fair und ehrlich gehe ich damit um? Was mache ich draus?“
  • Professionelle Einzelberatung: Jeder von uns nahm persönliche Beratung oder psychologischen Support für sich in Anspruch. Es war gut, einen Rahmen zu haben, um diese Erlebnisse allein und ganz frei mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten.
  • Der Eheabend: Unsere Eheberatung empfahl uns, einen festen Abend pro Woche für uns beide zu reservieren, und das machen wir seitdem. An diesem Termin wurde selbst in den schlimmsten Zeiten nicht gerüttelt, selbst wenn es alles andere als romantisch war. Doch diese Abende wurden zu einem emotionalen Anker für uns beide.
  • Eine Freundin: Für ihre Hartnäckigkeit und Ehrlichkeit war ich sehr dankbar. Sie ermutigte mich, an unserer Ehe festzuhalten und daran zu arbeiten. Sie sagte mir sehr oft: „Jeder Mensch hat wundervolle, aber auch herausfordernde Seiten. Das wird auch mit einem anderen Partner so sein.“ Völlig logisch, aber eben nur, wenn man nicht gerade frisch verliebt ist.
https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/01/photocase_272280-by-willma-scaled.jpg 2250 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-02-08 11:24:372022-01-19 16:04:03Schmetterlinge auf Irrwegen

Paartherapeut warnt: Verfallen Sie nicht dem Optimierungswahn!

Unzufriedene Paare müssen nicht alles ändern, meint Jörg Berger. Manchmal kann es auch helfen, die Ideale anzupassen.

„Wir nehmen einander an, wie wir sind. Jeder wusste vorher, worauf er sich einlässt.“ „Nein, unsere Ehe gelingt nur, wenn wir auch an uns arbeiten.“ Die Partnerin, die die zweite Überzeugung vertritt (häufiger ist es die Frau), hat den Termin bei mir vereinbart. Sie kann auf meine Unterstützung zählen. Hoffentlich. Paartherapeuten helfen doch bei der Veränderung. Und können den motivieren, der nicht an sich arbeiten will, oder? Der zufriedene Partner kommt widerstrebend. Vielleicht entdeckt der Fachmann das Problem ja bei seiner Frau. Ihm muss doch auffallen, dass sie zu Unzufriedenheit und zum Kritisieren neigt.

Wir leben in der Spannung zwischen unseren Idealen von einer Liebesbeziehung und der Wirklichkeit, die wir erfahren. Damit können wir unterschiedlich umgehen. Wir können unsere Vorstellung von Liebe an die Realität anpassen. Oder wir versuchen, die Liebesbeziehung in Richtung unserer Ideale zu entwickeln. Doch darin, sagt Arnold Retzer, liegt eine Ursache für gemeinsames Unglück. Er ist Paar- und Familientherapeut. In seinem Anti-Ratgeber „Lob der Vernunftehe“ wirbt er für Realismus in der Liebe: Glück nicht als machbar zu verstehen und eine „resignative Reife“ zu entwickeln, die auch mit dem zurechtkommt, was nicht ideal ist. Einige spannende Gedanken aus seiner Streitschrift stelle ich hier vor.

Ist Zufriedenheit schlecht?

Zufriedene Partner können diesen Beitrag als kleine Entschädigung lesen. Denn ihnen machen wir vermutlich in unseren Beiträgen immer wieder Stress – mit unseren unermüdlichen Tipps, den Porträts von glücklichen Ehen oder zumindest tapfer durchgestandenen Krisen. Wozu das alles? Eine Paarbeziehung kann eben immer noch schöner, krisenfester und – wie paradox – gleichzeitig entspannter werden. Und wer das nicht in Anspruch nimmt? Muss der sich nicht träge, oberflächlich und letztlich schuldig an der Beziehung fühlen?

In meiner Praxis versuche ich in der Frage, ob man Dinge verändern oder annehmen muss, unparteiisch zu bleiben. Der Veränderung suchende Partner ist dann häufig irritiert. Der zufriedene Partner glaubt mir das dagegen kaum. Wie kann ich gegen mein eigenes Geschäftsmodell vertreten: „Man kann es auch so lassen“?

Eine Ehe ist wie eine Heizung

Arnold Retzer beschreibt die Not mancher Ehen mit dem Bild einer Heizung, die durch ein Thermostat gesteuert wird. Das Thermostat stellt man auf einen Soll-Wert ein, zum Beispiel behagliche 23° C. Liegt der Ist-Wert darunter, heizt der Brenner, und zwar so lange, bis der Soll-Wert erreicht ist. Ein Soll-Wert kann aber auch überfordern: Die Heizkosten entgleisen oder ein Brenner geht durch den Dauerbetrieb kaputt. Auch für Ehen gibt es Soll-Werte: ein bestimmtes Maß gegenseitiger Aufmerksamkeit und Gespräche im Alltag, die Freizeit gemeinsam verbringen, so und so oft Sex. Ehekonflikte drehen sich meist um einen solchen Soll-Wert, der nicht erreicht wird: Einer wünscht sich mehr, der andere fühlt sich überfordert oder unter Druck gesetzt. Nicht selten verschlechtert dieser Konflikt dann andere Bereiche der Beziehung, die dem Ideal vom gemeinsamen Glück schon sehr nahekamen.

Aber deshalb einfach den Soll-Wert anpassen? Und hinter dem zurückbleiben, was man sich für die Liebe ersehnt und auch für möglich gehalten hat? Manchmal ist das vernünftig. „Wie war das eigentlich zu Beginn Ihrer Beziehung?“, frage ich immer, wenn nur einer zufrieden ist. Oft stellt sich dann heraus, dass das Konfliktthema noch nie die Soll-Größe erreicht hat: Franziska war nie der Kuscheltyp. Sie hat die leidenschaftlichen Momente geliebt, wenn die Stimmung dafür da war. Aber Händchen halten im Alltag, Umarmungen in der Küche oder beim Filmgucken umschlungen auf dem Sofa sitzen – das war noch nie ihr Ding. Patrick war tatsächlich Franziskas Dornröschenprinz, der so manches wachgeküsst hat. Aber er kann nur wachküssen, was auch in Franziska angelegt ist, und er hat auf mehr gehofft.

Umstände können sich ändern

Oft bleiben Menschen auch ihrem Lebensstil ein ganzes Leben lang treu: „Fabian war schon immer ein Chaot“, berichtet Caroline. Trotzdem hat Caroline gehofft, dass er sich mit dem ersten Kind in einen gut organisierten Familienvater verwandelt. Schließlich hat er jetzt Verantwortung. Sie versucht, ihn dahin zu bringen. Aber kann das gelingen?

Manche Beziehungsbereiche verschlechtern sich auch einfach durch Anforderungen. Viele introvertierte Partner zum Beispiel verbrauchen ihre Beziehungsenergie durch die Bedürfnisse kleiner Kinder. Ihre Seele schreit dann nach Rückzug und für den Partner bleibt nicht mehr viel übrig. Wenn emotional verwundbare Menschen einer starken beruflichen Belastung ausgesetzt sind, reichen ihre seelischen Pufferzonen nur noch dafür aus. Zu Hause verhalten sie sich dann selbstbezogen, einfach weil ihre seelische Kraft aufgebraucht ist. Kann das nicht eine Therapie verändern? Ein bisschen schon, aber nicht so weit, wie es sich der Ehepartner wünschen würde, der unter dem Rückzug oder einer Selbstbezogenheit des anderen leidet. Es bleibt oft nur ein Realismus: akzeptieren, was nicht zu verändern ist, und gemeinsam das Beste daraus machen.

Das Glück nehmen, wie es kommt

„Eine der herausragenden Möglichkeiten, Verzweiflung zu erzeugen, besteht darin, dass zwei sich zusammentun und heiraten, um gemeinsam glücklich zu sein“, schreibt Arnold Retzer provozierend. Was Paare daran zur Verzweiflung bringe, sei die Vorstellung von Machbarkeit eines solchen Glücks. Denn wenn Glück machbar ist, muss man den anderen auch glücklich machen und selbst glücklich sein.

Retzer dagegen wirbt dafür, das Glück als „Widerfahrnis“ zu verstehen, etwas, das kommt und geht, das wir aber weder herstellen noch festhalten können: „Dadurch hätten wir sogar mehr Möglichkeiten, Energie und Zeit zur Verfügung, uns auf das zu konzentrieren, was wir beeinflussen können, wofür wir also auch die Verantwortung übernehmen können. Wir könnten uns auf die Launen des Glücks vorbereiten. Wir könnten mit dem Unwahrscheinlichen rechnen, sodass wir, wenn wir das Glück auch nicht erzeugen können, dennoch nicht versäumen, es zu bemerken und zu genießen, wenn es sich denn einstellen sollte. Wir könnten eine Überraschungs- und Glückssensibilität entwickeln.“

Alle Segnungen moderner Gesellschaften – Wohlstand, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit – haben eine Schattenseite. Wir leben im Glauben, dass wir einen Anspruch auf das alles haben, zumindest, wenn wir die richtigen Entscheidungen treffen und entsprechend leben. Materielle Not und Krankheit, auch viele Schicksalsschläge und Zwänge erscheinen vermeidbar und damit selbstverschuldet. So ist es auch mit dem Glück, das angeblich jeder selbst schmiedet. Doch wer offen ist für Glück, es aber nicht beansprucht, kommt auch mit manchen Ehesituationen besser zurecht.

Probleme sind oft gescheiterte Lösungsversuche

Arnold Retzer ist ein prominenter Vertreter der sogenannten systemischen Therapie, eines Ansatzes, der das ganze „System“ – eine Familie, eine Organisation oder auch die Paarbeziehung – betrachtet. Seine Therapierichtung geht davon aus, dass Probleme oft Lösungsversuche sind: Lösungen, die nicht zum gewünschten Ergebnis geführt haben, an denen Betroffene aber trotzdem festhalten. Retzer beschreibt das zum Beispiel so: „Ein Ehepartner, der ständig aufgefordert wird, sich zu verändern, fühlt sich, seinen Lebensstil, seine Überzeugungen und seine Autonomie in Frage gestellt. Er reagiert daher vernünftigerweise mit Verteidigung. Die Folge: Die Verteidigungsmaßnahmen stabilisieren genau das, was angegriffen wird.“ Manchmal verändert sich erst dann etwas, wenn der Kampf um die Veränderung befriedet ist. Manchmal lassen sich die lösbaren Probleme angehen, wenn weniger Aufmerksamkeit an ein unlösbares Problem gebunden ist.

Wie aber helfe ich meinem Paar, wenn einer zufrieden ist, der andere sich aber so dringend eine Veränderung wünscht? Zwei Zufriedene haben ja kein Problem – auch wenn man als Außenstehender vielleicht denkt, sie könnten es noch schöner haben. Zwei, die sich von Idealen beflügeln lassen, freuen sich, dass ihre Liebe in Bewegung bleibt – auch wenn man als Außenstehender vielleicht denkt, dass sie sich dadurch manchmal Stress machen.

Der Mittelweg kann helfen

Wenn aber der Veränderungswunsch einseitig ist, versuche ich, ein Paar für einen Mittelweg zu gewinnen. Dabei entdeckt der zufriedene Partner: Ein wenig Veränderung ist der Schlüssel zu der Ruhe und Zufriedenheit, die ihm in den Konflikten verloren gegangen ist. Dafür nimmt er auch einmal Momente in Kauf, in denen er sich überfordert oder gezwungen fühlt. Die Partnerin, die sich mehr wünscht, entdeckt: Mehr Annahme öffnet dem anderen endlich wieder Ohr und Herz und man kann gemeinsam über Möglichkeiten nachdenken, die für beide in Ordnung sind. Dafür kann sie auch einmal verzichten oder ein Ideal loslassen, das sich als unerreichbar herausstellt.

Ab und zu aber kann sich der zufriedene Partner auf keinerlei Veränderung einlassen. Als Therapeut bliebe mir nur, die Rolle des Unzufriedenen einzunehmen: einladen, motivieren, erklären, über die Folgen aufklären … und so immer mehr unterschwelligen Druck aufbauen. Das will ich nicht und beende die Begleitung. Die Partnerin (oder auch der Partner, wenn es umgekehrt ist) bleibt dann mit einer großen Enttäuschung zurück. Besonders ihr kann dann die Weisheit der Vernunftehe helfen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in Heidelberg. Neben Ratgebern veröffentlicht er Online-Kurse, die Paaren helfen (epaartherapie.de; derherzenskompass.de/schwereliebe).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/12/family_glueck.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-12-07 14:02:252021-12-07 14:02:25Paartherapeut warnt: Verfallen Sie nicht dem Optimierungswahn!

Gegensätze in der Ehe – Kraft oder Sprengstoff?

„Warum siehst du das so ganz anders, als ich mir das vorstelle?“ „Warum bist du so weit weg?“ Dr. Michael Hübner erzählt von einem Paar, das sich neu finden musste.

Das gibt’s doch einfach nicht! Ohne sich mit mir abzusprechen, hat mein Mann einen Urlaub in Norwegen gebucht. Einfach alles: Häuschen am See, Überfahrt mit der Fähre und vieles mehr. Ich bin so enttäuscht! Bin ich denn eine Marionette, dass ich da überhaupt nicht mitreden kann? Er ruft auch einfach den Lehrer von unserem Sohn an wegen der Rechtschreibschwierigkeiten, oder er leitet den Neukauf eines Elektroautos ein. Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass ich da auch mitentscheiden möchte?“

Verstehe ich den Kummer von Marina (Person, Situation und Name verändert) recht? Ihr Ehemann Mark entscheidet über wichtige Dinge wie den Familienurlaub und den Autokauf einfach, ohne seine Frau einzubeziehen? Ich kenne seine Ziele, Zwecke und Motivationen nicht. Ist er denn so ein gemeiner, rücksichtsloser Mensch? Hat er so wenig Kooperationsbereitschaft und Gemeinsinn? Bei der Ehefrau macht sich Feindseligkeit ihm gegenüber breit.

Häufig entwickeln Paare an diesem Punkt automatisch Wut, Ärger und Aggressionen, ohne sich bewusst zu machen, was sie da tun. Manchmal „knallt es“, die Gegensätzlichkeit von beiden ist zum Sprengstoff geworden. Sie verstehen einander nicht mehr und wenden sich deshalb vom Partner ab, gehen in den Rückzug, schmollen und sind verletzt. Gedanken an Trennung schleichen sich ein.
Ich kann schon nachvollziehen, dass man hier sauer reagiert. Gleichzeit gebe ich dem bedeutenden Individualpsychologen Rudolf Dreikurs recht, wenn er meint: „Brauchen wir feindliche Gefühle, um Konflikte zu lösen? Die meisten Menschen sind geneigt, das zu glauben. Wie unrecht haben sie doch! Konstruktive Veränderungen bedürfen keiner Feindseligkeit, im Gegenteil …“ (Die Ehe – eine Herausforderung, S. 112) Sicherlich werden viele Paare diesem Gedanken etwas abgewinnen können. Wenn sie als Christen ihre Beziehung an Jesus ausrichten möchten, dann ist das ein guter Ansatzpunkt: Jesus ging es nie um Feindseligkeit, um Konflikte zu lösen.
Es ergibt für mich wenig Sinn, dass ich nur Marina höre. Ich kann das Denken ihres Partners Mark ja nur erahnen. Also vereinbaren wir einen Termin zu dritt und treffen uns etwa eine Woche später. Sie berichtet alles noch einmal. Dann kommt ihr erstaunter Mann zu Wort: „Liebling, zu Beginn unserer Ehe hat es dir doch so gefallen, wenn ich unseren Urlaub geplant habe. Kannst du dich noch an meine Überraschung damals mit Korsika erinnern? Was hast du mich damals gelobt, wenn ich die Dinge in die Hand genommen habe! Da habe ich mir gesagt, das mache ich ab jetzt weiter für dich und unsere Familie. Du hast doch genug mit den Kindern um die Ohren, und wer macht’s denn, wenn nicht ich …?“
Fast verschämt schaut sie zu Boden. Das ist eine ganz andere Perspektive. Für mich ist sie wichtig, um das gemeinsame Problem verstehen zu können.

Unsere gewollte und doch ungewollte Unterschiedlichkeit

Die Ursache für offene und versteckte Ehekonflikte liegt oft in der Unterschiedlichkeit der Partner: Es gibt schnell zupackende Menschen und eher langsame. Es gibt die „Peacemaker“ und kritisch „eckige“ Menschen. Die lauten „Vielredner“ mit einem eher zurückhaltenden stillen Partner. Die mehr gefühlsbetonten und die „trockenen“, nüchternen. Einer ist ein Nähemensch und der Partner der Distanztyp. Der eine sieht schon wieder die nächste drohende Pandemiewelle über sich zusammenschlagen, und der andere …?

Und hier ist längst nicht Schluss. Selbst in Glaubensdingen kann sich das zeigen: Ein eher innig gläubiger Mensch zieht einen in der Gottesbeziehung skeptischen oder sogar ungläubigen Menschen an. Beziehungen beruhen also auf Wechselwirkungen. Beide Partner spielen unbewusst einander fortwährend in die Hände. Aus der Eheberatung wissen wir: Selbst „Tyrannei in der Ehe kann ohne nachgiebige Unterwürfigkeit des anderen Teils nicht aufrechterhalten werden“ (Dreikurs, S. 114).
Ein Lehrsatz aus der Eheberatung mag dabei aufschlussreich sein: „Der Punkt der Anziehung wird in der Partnerschaft leicht zum Punkt des Konfliktes.“ Fazit: Es ist das Phänomen jedes Verliebtseins, dass wir zu Beginn unbewusst wählten, was wir von unserer eigenen Persönlichkeit nicht kannten. Ohne uns dessen bewusst zu sein, war die fremde Andersartigkeit das, was uns reizte. Das kann später zum Konflikt werden.
Der bereits erwähnte Rudolf Dreikurs bringt es so auf den Punkt: „Wir fühlen uns angezogen, wenn wir jemandem begegnen, der uns durch seine Persönlichkeit die Möglichkeit bietet, unsere persönliche Eigenart zu verwirklichen, […] der uns erlaubt, Pläne, die wir seit der Kindheit mit uns getragen haben, fortzusetzen oder wiederzubeleben.“ (S. 114) Dieses unbewusste Verhalten geht noch weiter. Wir können sogar mit Sicherheit sagen: Unser Verhalten beeinflusst den Partner positiv und sogar negativ, weil wir irgendetwas davon haben, was uns selbst meist völlig unklar ist. Fazit: Wir spielen einander unbewusst fortwährend in die Hände und schaffen die Voraussetzung für das, was wir beim anderen erleben.

Beziehung braucht Zeit zur Reflexion

Zurück zu Marina und ihrem Mann Mark: Sie stellen zunächst einmal fest, dass sie sich bisher wenig Zeit genommen haben, ihre Beziehung miteinander zu reflektieren. In vielerlei Richtung sind sie engagiert: Mark ist rastlos in gehobener Stellung als Geschäftsführer tätig. Marina hat durch eine Fortbildung alle Hände voll zu tun. Hinzu kommt aktuell der Hausbau, der durch den Familienzuwachs notwendig wurde, und vieles mehr. Paare, die sich zu wenig Zeit nehmen, um anhand ihrer gemeinsamen Erlebnisse ihre Beziehung zu reflektieren, kommen zweifellos leichter in Konflikte. Meist verlieren sie ihr anfangs gemeinsames Ziel, das Leben miteinander liebevoll zu teilen, aus den Augen. Manche denken, das Motto „Dass ich dich liebe, habe ich dir ja bei unserer Hochzeit schon gesagt!“ sei zielführend.

Verbreitet unter uns ist auch der Glaube, Ehe müsse in einem fast mechanischen Sinne „funktionieren“. Wenn es funktioniert, bedeutet das: „Dann passen wir zueinander.“ Wenn es nicht klappt, heißt das umgekehrt, dass die Rädchen nicht ineinandergreifen. Also passen A und B nicht zueinander. Das ist ein Trugschluss. Eheleute „machen sich passend“. Indem sie sich teils bewusst, teils unbewusst an den Partner und die neuen Gegebenheiten anpassen, verlieren sie nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Sie gewinnen und genießen eine immer mehr gelingende Beziehung. Dieses „Anpassen“ bedeutet nicht, dass sie in allem immer nachgeben, sich selbst aus dem Auge verlieren oder gar unterwerfen. Weil der Mensch keine „Maschine“ ist, die „passt“ oder „funktioniert“, ist auch die Ehe dynamisch und nicht als „Mechanismus“ zu verstehen. Der Mensch ist also ständig veränderbar und nicht festgelegt.
Darum sollten Eheleute immer wieder über ihr „Projekt Ehe“ reden, das sie einmal in eigener Verantwortung gegründet haben. Jede/r sollte zur Sprache bringen, wo sie oder er sich benachteiligt fühlt. Paare werden dann vor allem die Bereiche ansprechen, in denen sie ein gewisses Ungleichgewicht, eine Benachteiligung empfinden. Uns ist meist nicht klar, dass wir schon bald nach unserem ersten Kennenlernen nach diesem Gleichgewicht in unserer Beziehung suchen, eine gewisse Ausgewogenheit, eine ausbalancierte „Waage“. Wird sie nicht empfunden, entsteht Unzufriedenheit.
Es kann beispielsweise sein, dass einer von beiden, der sowieso dazu neigte, weniger zu reden, jetzt noch stiller wird, weil der andere meist eher das Wort ergreift. Oder jemand anderes entwickelt noch mehr Zurückhaltung und zieht sich eher zurück, weil der andere als Person der Öffentlichkeit überall bekannt ist. Wenn zwei Leute ähnlich ordentlich sind, werden sie sich nach meiner Erfahrung unbewusst anders ergänzen wollen. Bei einem Paar wurde die geradezu zwanghafte Ordnungsliebe so stark, dass sich einer nur noch „genervt“ sah.
Dieses ergänzende Gleichgewicht darf sein. Sobald allerdings einer von ihnen ein Verhalten als einseitig oder gar störend empfindet, sollte es angesprochen werden. Wo dies nicht geschieht, entwickeln sie sich je länger, desto mehr auseinander, ohne dass es ihnen klar ist.
Bei Marina und Mark lag der erste Korsika-Urlaub bereits fünfzehn Jahre zurück. Muss man sich da nicht ganz nüchtern betrachtet die Frage stellen: Sollten die beiden sich seitdem so wenig in ihrer Persönlichkeit entwickelt haben? Und plötzlich empfindet Mark schmerzhaft, dass er, wie er sagte, sich an einem Ort wiederfindet, wo er gar nicht alleine hinwollte. Er schaut sich um und die Partnerin scheint sehr weit weg vom eigenen Denken, Fühlen und Wollen. Das Gegenüber ist im wörtlichen Sinne „ver-rückt“. Dieses Empfinden hatte auch Marina aufgeschreckt. Deshalb hat sie die Eheberatung aufgesucht. Erst das Reflektieren macht klarer: „Der Partner tickt doch ganz anders als ich. Das muss ich immer wieder neu verstehen. Und ich bin es, die sich auf ihn einstellen, ihn abholen soll, mit ihm das Leben zusammen gestalten will. Das soll fester Entschluss sein.“

Die Frage nach dem Warum

Marina hatte angefangen, Fragen zu stellen. Es waren Fragen wie: „Warum machst du das?“ „Warum übergehst du mich?“ „Warum fühle ich mich nur noch als Anhängsel deiner bereits getroffenen Entschlüsse?“ „Ich fühle mich, als ob ich hinter dir herlaufe und du nur noch den Ton angibst.“

Hilflosigkeit kann wütend, aggressiv, arglistig und hart machen. Hoffnungsvoll und hilfreich kann es dagegen durchaus sein, dass Marina nach dem Warum fragt, wenn es tatsächlich darum geht, den anderen zu verstehen. Solche Fragen können Reibung erzeugen, doch einen Konflikt zur Sprache zu bringen, ist viel besser, als in einem unzufriedenen Nebeneinanderher weiterzumachen.
Marina und Mark sind ins Gespräch gekommen. Sie versuchen, ihre Motive zu klären und sich besser verstehen zu lernen. Ihnen wird langsam klar, warum sie da gelandet sind, wo sie sich jetzt befinden. Gleichzeitig wird ihnen bewusst, dass sie in diesem Zustand nicht verharren möchten und das auch nicht müssen. Es gibt Veränderungsmöglichkeiten und die wollen sie in Angriff nehmen. Dabei hilft ihnen ein weiterer Schritt zurück: Paare können einander besser verstehen, wenn beide ihre Rolle in ihrer Biografie verstehen. Wenn sie sich klarmachen, woher sie kommen und was sie aus ihrer Ursprungsfamilie bewusst und unbewusst einbringen.
Wie Marina und Mark in diesem Prozess weitergekommen sind und was ihre Herkunftsfamilien und Biografien für ihre Ehe bedeuten, darum soll es in der nächsten Ausgabe gehen.

Dr. (theol.) Michael Hübner ist verheiratet und hat fünf erwachsene Kinder. Er ist Gründer und Dozent der Stiftung Therapeutische Seelsorge und Leiter einer Beratungs- und Psychotherapiepraxis in Neuendettelsau. Sein neues Buch: „Der Kick für die Partnerschaft – Vitaminkur für das Ehegespräch“ (Concepcion SEIDEL)

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