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Narzisst, oder was? Warum Beziehungen Anerkennung brauchen

Wir streben ständig nach Bestätigung. Doch gerade in der Partnerschaft führt diese Erwartung nicht immer ans Ziel. Paarexperte Marc Bareth erklärt, warum das nichts mit Narzissmus zutun hat.

„Ich halte das nicht mehr aus. Er versteht mich einfach nicht. Er versucht nicht einmal, auf meine Bedürfnisse einzugehen. Je länger ich mit ihm zusammen bin, desto klarer wird mir, dass er so ist und immer so bleiben wird. Er ist ein Narzisst, der sich nur um sich selbst dreht.“

So klingt es heute in unzähligen Gesprächen unter Freundinnen, in Coachings und Therapiesitzungen. Vor zwanzig Jahren hätte das niemand so gesagt, heute ist es weit verbreitet. Als kleines Experiment habe ich ChatGPT gebeten, diese Klage zu datieren. Die Antwort war eindeutig: „Diese Art von Klage ist typisch 2020er.“ Was könnte dahinterstecken?

Wir sind großartig

Wir leben in einem Umfeld, das viel Bestätigung spendet. Kinder werden gelobt, wenn sie Regeln befolgen, und statt auf ihren Schwächen herumzureiten, werden ihre individuellen Stärken betont. Beim Halbmarathon gilt jeder Finisher als Sieger und bekommt eine Medaille. Im Mitarbeitergespräch erhalten wir Kritik nach dem Sandwichprinzip: eingepackt zwischen zwei Komplimenten. Und auf Social Media sammeln wir Likes. Immer wird uns vermittelt, wie großartig und einzigartig wir sind.

Und dann kommen wir nach Hause. Dort läuft es anders. In der Beziehung bekommen wir bei weitem nicht die Bestätigung, die wir uns erhoffen. Unsere Partnerin kann oder will nicht immer unsere Cheerleaderin sein. Anstatt bei uns selbst, suchen wir die Ursache für dieses Problem beim anderen. Wenn sie mich nicht genug lobt und nicht immer wunderbar findet, muss das daran liegen, dass sie mich nicht versteht. Und weshalb es zu wenig um mich und mein Ego geht, ist auch klar: Weil sie sich nur um sich selbst dreht. Und weil wir inzwischen alle schon den einen oder anderen Psychologie-­Podcast gehört haben, ist das Wort „Narzisst“ schnell zur Hand.

Zwei Wege

Natürlich ist dieses Bild überzeichnet. Aber die Tendenz ist unbestreitbar – nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern in jedem von uns: Da wir in einer Welt leben, die unseren Drang nach Anerkennung ständig nährt, ist der Aufprall im Beziehungsalltag umso härter. Ich schlage zwei Wege vor, um dem entgegenzuwirken. Erstens dürfen wir uns auf einen Weg des Wachstums begeben. Raus aus einer Abhängigkeit von der Bestätigung anderer, hin zu einer selbstbestätigten Identität. Für Christen geht es sogar noch weiter – eine gottbestätigte Identität. Das bedeutet, dass mein Selbstbild nicht an der Anerkennung anderer hängt, sondern aus eigenem Zuspruch und innerer Gewissheit lebt. Und mit einer gottbestätigten Identität meine ich, dass das Selbstverständnis nicht allein auf menschlicher Anerkennung beruht, sondern von Gott bestätigt und getragen ist.

Zweitens lohnt es sich, dem anderen das zu schenken, was wir uns selbst wünschen. Nicht nur du sehnst dich nach mehr Bestätigung von deinem Partner – er sehnt sich wahrscheinlich genauso nach deiner. Wir können nur begrenzt beeinflussen, wie wir behandelt werden. Aber wir haben es in der Hand, wie wir unseren Partner behandeln. Wenn beide anfangen, einander Anerkennung zu geben, entsteht etwas Gutes.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

Glück nur zu zweit?

Marcus Beier ist überzeugt: Wer sich selbst nicht annehmen kann, wird durch die Ehe nicht glücklich.

Um es vorwegzusagen: Ich bin gern verheiratet. Und ich bin glücklich verheiratet. Aber bin ich nur glücklich, weil ich verheiratet bin? Mit anderen Worten: Ist meine Frau verantwortlich für mein Glück? Bin ich nur glücklich, weil ich sie habe?

Damit ich richtig verstanden werde: Ich bin maximal glücklich, dass ich meine Frau (und meine Kinder) habe und möchte das keineswegs missen! Das steht fest. Trotzdem mache ich meine Frau nicht für mein Glück verantwortlich. Einerseits wäre das eine völlige Überforderung. Andererseits würde es bedeuten, dass ich unglücklich gewesen wäre, bevor ich sie kennengelernt habe. Aber war ich unvollständig, als ich Single war? Konnte ich zu mir selbst erst Ja sagen, als ich endlich unter der Haube war?

Ein vollständiger Mensch

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Menschen ihr Glück im Leben zu zweit suchen. Schließlich ist das der Stoff, aus dem Kitschromane und Liebesfilme gemacht sind. Emotional schließt sich das durchaus an unser Erleben an. Wir Menschen fühlen uns oft unfertig und mangelhaft. Biblisch gesehen ist das auch nicht falsch. Wir sind unvollkommen, erlösungsbedürftig, und ein Gegenüber ist eine wunderbare Ergänzung. Aber es kann eben nur das sein: ein Gegenüber. Erlösung? Nein, die gibt es nur bei Gott.

Wie ist das nun mit dem Glück? Meine knallharte These: Wenn ich allein nicht glücklich bin, werde ich es auch in der Ehe nicht. Ich kann von meiner Partnerin nicht erwarten, dass sie mich glücklich macht. Diese Last kann niemand tragen. Denn die Identität eines jeden Menschen liegt nicht in seinem Gegenüber. Er ist ein vollständiges, in sich geschlossenes Individuum. Sein Wert liegt in sich selbst begründet – denn Gott hat Wunderbares in jeden Menschen hineingelegt. Das kann niemand wegnehmen, und dem kann niemand etwas hinzufügen. Leider tendieren wir dazu, etwas anderes haben oder jemand anders sein zu wollen. Wir arbeiten gegen uns selbst.

Ehrlich gesagt kenne ich das sehr gut: Ich würde gern anders aussehen, wäre gern schlauer, witziger, schlagfertiger, belesener … Anstatt zu sein, wer ich bin, lehne ich mich ab und bemühe mich bestmöglich, jemand anderes zu sein. Das ist die Wurzel des Unglücks. Glücklich zu sein bedeutet, zu lernen, ich selbst zu sein und mich selbst zu lieben. Natürlich arbeite ich an mir und an meinen Schwächen. Ich will die beste Version meiner Selbst werden – aber nicht jemand anderes. Meine Frau kann mir auf diesem Weg helfen. Aber Ich-Sein ist meine Aufgabe! Wenn ich mich nicht selbst annehmen kann, wird auch ein Ehepartner das Problem nicht beheben. Wenn ich mich selbst annehme, ist ein Ehepartner eine wunderbare Ergänzung – aber nicht das Glück selbst.

Marcus Beier ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT. Er lebt mit seiner Familie in Wiesloch bei Heidelberg.

Unterschiedliche Bedürfnisse? So klappt es in der Partnerschaft

Ruhe oder Action, Gespräche oder Spaziergänge? Wie Paare unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen, erklären die Paar-Coaches Kim und Kristian Reschke.

Kennt ihr das Gefühl: Die Liebe ist da, der Alltag läuft – und trotzdem prägt eine innere Spannung das Miteinander? So ein Zustand kann uns jahrelang unterschwellig begleiten, bis er schließlich in eine Krise mündet. Häufig liegt der Grund darin, dass Bedürfnisse übersehen oder missverstanden werden. Sie bilden das unsichtbare Fundament unserer Partnerschaft. Werden sie ignoriert, entstehen Frust und Distanz. Werden sie ernst genommen, wird unsere Beziehung zum sicheren Ort. Vertrauen, Nähe und Hingabe wachsen.

Bedürfnisse wahrnehmen

Um Bedürfnisse besser zu verstehen, lohnt es sich, zwei Ebenen zu unterscheiden: Grundbedürfnisse und persönliche Bedürfnisse. Grundbedürfnisse gelten für alle Menschen gleich – etwa Sicherheit, Gesundheit, Schlaf, Nahrung oder Zugehörigkeit. Persönliche Bedürfnisse hingegen sind individueller: Der eine tankt Kraft durch Ruhe und Abgeschiedenheit, die andere blüht im Gespräch und im sozialen Miteinander auf. Einer braucht mehr körperliche Nähe, die andere sehnt sich nach kreativen Freiräumen, Spontaneität oder Abenteuer.

Erkennen wir diese Unterschiede, verstehen wir besser, warum Fehlannahmen und Beziehungsengpässe entstehen – und wie sie gelöst werden können.

Bei uns ist es so: Für Kim ist beispielsweise ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Flexibilität wichtig. Kristian hingegen bevorzugt klare Absprachen, ein enges Miteinander und Teamdenken. In den ersten Jahren führte das zu Spannungen und Unverständnis. Inzwischen haben wir gelernt, aufeinander einzugehen. Die Unterschiedlichkeit bedroht uns nicht mehr. Dennoch bleiben humorvolle Augenblicke, wenn unsere Vorstellungen von derselben Situation teils Welten auseinanderliegen.

Schritt 1: Wahrnehmen, was in mir vorgeht

Sind wir durch Sozialisation oder Umstände stark darauf trainiert, die Erwartungen anderer zu erfüllen, fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu spüren. Dieses Gespür können wir in schwierigen Beziehungszeiten regelrecht verlernen. Doch erst wenn wir wissen, was wir wirklich brauchen, können wir es auch mitteilen.

Wir erleben das unterschiedlich: Kristian ist meist klar darin, was er braucht. Kim dagegen tut sich manchmal schwer, sich selbst wahrzunehmen – geschweige denn ihre Wünsche zu formulieren. Für sie ist das eine ständige Lernkurve.

Eine Selbstklärung beginnt mit den ehrlichen Fragen: Was tut mir gerade gut – und was fehlt mir? Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, entdeckt Muster. Sind wir uns unsicher, kann es helfen, über ein bis zwei Wochen eine Liste zu führen und die Ergebnisse mit dem Partner zu teilen. Anfangs fällt uns vielleicht wenig ein, nach einigen Tagen aber immer mehr. Diese Übung braucht Mut – und die Ermutigung des Partners.

Schritt 2: Zuhören, was der andere braucht

Nachdem wir unsere eigenen Bedürfnisse wahrgenommen haben, geht es darum, die des Partners zu hören. Diese werden oft nicht direkt ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen – in Stimmung, Körpersprache oder kleinen Signalen.

Wer aufmerksam zuhört, lernt, den Partner liebevoll wie ein Buch zu lesen. Wichtig ist, dies ohne Wertung oder vorschnelle Ratschläge zu tun. Nur so entsteht beim Gegenüber das wohltuende Gefühl: Ich werde wirklich gesehen.

Allerdings dürfen wir vom Partner keine Hellseherei erwarten. Verantwortung tragen beide: sich verständlich zu machen – und den anderen wahrzunehmen. Denn unsere Fähigkeit, Bedürfnisse zu lesen, ist unterschiedlich ausgeprägt. Kim ist bei ihren eigenen Bedürfnissen eher zurückhaltend, dafür spürt sie die der anderen extrem fein. Bei Kristian ist es umgekehrt. Beides hat Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, sich der eigenen Tendenz bewusst zu sein – und der des Partners.

Schritt 3: Respektvoll verhandeln, ohne zu verlieren

Nicht alle Bedürfnisse lassen sich sofort erfüllen. Und nicht alle müssen erfüllt werden. Manche stehen sogar im Widerspruch. Dann ist Aushandeln gefragt – respektvoll und auf Augenhöhe. Ein Nein kann genauso liebevoll sein wie ein Ja, wenn es klar ausgesprochen wird.

Für uns ist dabei wichtig: Wir sind Partner, aber keine Bedürfnis-Erfüllmaschinen. Ziel ist nicht, dass einer gewinnt und der andere verliert. Ziel ist, dass beide sich gesehen fühlen. Respektvolles Verhandeln stärkt Beziehung und Vertrauen: Wir können unterschiedliche Wünsche haben – und trotzdem den gleichen Weg gehen.

Unterschiedliche Lautstärken

Bedürfnisse werden mit unterschiedlicher Lautstärke kommuniziert. Manche Menschen äußern sie klar und direkt, andere eher leise. Häufig zeigt sich hier ein Unterschied zwischen Männern und Frauen – nicht, weil Frauen weniger Bedürfnisse hätten, sondern weil sie durch Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungen so geprägt sind, die eigenen Wünsche um des Familienfriedens willen zurückzustellen.

Das bedeutet: In vielen Partnerschaften gibt es eine leise und eine lautere Stimme. Wenn der leisere Partner nicht aktiv ermutigt wird, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen, besteht die Gefahr, dass sie übergangen werden. Ein bewusster Umgang mit dieser Dynamik ist entscheidend, damit keiner untergeht.

Bedürfnisdominanz

Gerade wenn wir die Kommunikationslautstärke unseres Partners nicht beachten, können sich die Bedürfnisse des einen so stark in den Vordergrund drängen, dass der andere kaum noch Raum hat. Das kann schleichend geschehen oder durch Veränderungen im Familiensystem – etwa durch Krankheit, Geburt oder einen Jobwechsel.

Verfestigt sich eine Bedürfnisdominanz, kippt das Gleichgewicht. Schlimmstenfalls mutieren wir zu Vater oder Mutter unseres Partners – und dies bringt Probleme mit sich, die wirklich niemand braucht!

Ein erster Schritt ist, dieses Ungleichgewicht wahrzunehmen und zu benennen. Danach braucht es ein offenes Gespräch: „Wie wirkt sich deine Dominanz auf uns beide aus?“ Entscheidend ist, dass nicht einer als Problemträger abgestempelt wird. Bedürfnisse sind nicht falsch – aber sie brauchen Balance. Eine Partnerschaft bleibt tragfähig, wenn beide erleben: Meine Stimme zählt, und deine auch.

Typische Fehlannahmen

Zum Abschluss möchten wir einige typische Fehlannahmen benennen, die wir selbst durchlebt haben oder in unserer Arbeit als Paar-Coaches häufig antreffen:

  • „Bedürfnisse zu äußern, ist egoistisch.“ Das Gegenteil ist wahr. Bedürfnisse sind vorhanden, ob wir sie benennen oder nicht. Schweigen lässt sie im Untergrund brodeln – und blockiert den Partner darin, Liebe auszudrücken. Wer klar benennt, was er braucht, macht es dem anderen leichter, gut zu reagieren.
  • „Wenn du mich wirklich liebst, solltest du wissen, was ich brauche.“ Das nennen wir das Hellseher-Phänomen. Doch niemand kann Gedanken lesen. Unausgesprochene Erwartungen führen fast immer zu Enttäuschung. Kommunikation hingegen schafft Klarheit – und eröffnet die Chance auf tiefere Verbundenheit.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse zurückhalte, bin ich stärker.“ In Wahrheit führt diese vermeintliche Stärke zu Distanz. Ja, vielleicht sind wir nun weniger verwundbar – aber auch weniger berührbar. Nähe geht verloren.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse äußere, müssen sie sofort erfüllt werden.“ Sichtbar machen heißt nicht automatisch erfüllt werden. Manchmal braucht es Kompromisse, manchmal Geduld, manchmal ein liebevolles Nein. In einer langfristigen Beziehung werden wir jede dieser Spielarten mal erleben müssen und an ihnen wachsen dürfen.
  • „Unsere Bedürfnisse sind sich sehr ähnlich.“ Nach zehn oder mehr gemeinsamen Jahren kennen wir uns gut – und übersehen leicht, dass Bedürfnisse sich verändern. Besonders in der Lebensmitte verschieben sich Prioritäten. Wer diese Neuausrichtung nicht mitteilt oder sie beim Partner nicht versteht, lässt zu, dass die Partnerschaft in gefährliche Gewässer gerät. Besonders der Midlife-Umbruch lässt Sandbänke entstehen, an denen etliche Beziehungen Schiffbruch erleiden.

Praktische Übungen

Wir geben euch vier Übungen mit, die helfen, beim Thema Bedürfnisse auf die Sonnenseite zu kommen:

1. Gewöhnt euch die Frage an: „Was brauchst du heute, damit dies ein toller Tag wird? Welche Rolle könnte ich dabei spielen?“

2. Macht einen wöchentlichen Rückblick. Fragt einander: „Was hat dir gutgetan? Was hat dir gefehlt?“

3. Achtet darauf, dem Partner mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass ihr die jeweiligen Bedürfnisse wahrnehmt.

4. Nehmt euch bewusst Zeit für Konflikt-Aussprachen. Ein Spaziergang oder ein Glas Wein können als Herzens-öffner helfen. Besprecht Konflikte nicht nur auf der Sachebene, sondern fragt: Welches Bedürfnis von dir und mir steckt hinter unserem Konflikt?

Einander achten

Am Ende geht es nicht darum, einander alle Bedürfnisse perfekt zu erfüllen. Die Haltung zählt: Deine Bedürfnisse sind mir wichtig – und meine auch.

Wenn wir so miteinander umgehen, stehen wir auf einem Fundament, das trägt. Nicht, weil keine Stürme kommen, sondern weil wir gelernt haben: Wir hören einander zu, wir nehmen einander ernst, wir wachsen miteinander.

Kim und Kristian Reschke sind Autoren und begleiten als HerrUndFrauCoaching online Paare mit Mentoring und Coaching.

Beziehungsentwicklung: So hilft ein Tagebuch für’s Versagen

Ist man Beziehungskrisen machtlos ausgeliefert? Nein, sagt Paarexperte Marc Bareth und verrät einen Trick für eine gesunde Beziehungsentwicklung.

Wenn sich zwei Menschen aufeinander einlassen, passieren nicht nur wunderbare, sondern auch schwierige Dinge. Und das ständig. Das gehört zur natürlichen Beziehungsentwicklung. Wir treffen einander an wunden Punkten. Der andere enttäuscht uns, weil er einen tiefen Wunsch von uns nicht erfüllen kann oder nicht will. Konflikte tauchen auf, wenn Bedürfnisse und Meinungen nicht übereinstimmen. Wir verändern uns, und nicht immer geschieht das im gleichen Tempo oder in dieselbe Richtung. Es gibt Missverständnisse, und wichtige Dinge bleiben unausgesprochen. Oder es entwickeln sich Ungleichgewichte, beispielsweise wenn eine Person mehr Verantwortung übernimmt oder Entscheidungen dominiert.

Machtlos ausgeliefert?

Die Frage ist nicht, ob diese Dinge in unserer Partnerschaft geschehen, sondern wie wir damit umgehen. Ich beobachte oft drei destruktive Reaktionen. Die eine ist, dass wir in Selbstmitleid baden, weil uns das alles passiert. Eine andere ist, dass wir uns selbst zerfleischen, weil wir es wieder und wieder nicht auf die Reihe kriegen. Und die dritte ist, dass wir unseren Partner mit Vorwürfen überhäufen, weil es ja offensichtlich an ihm liegen muss – ohne ihn hätten wir diese Probleme nicht.

Das Problem bei diesen drei Umgängen ist, dass wir so tun, als wären wir den Tatsachen machtlos ausgeliefert, ohne Gestaltungsraum. Das führt dazu, dass wir nichts aus unseren Schwierigkeiten lernen und Hoffnung verlieren.

Zwei leere Zeilen

Um das zu verhindern, schlage ich einen anderen Umgang mit schwierigen Situationen vor, den ich vom Harvard-Professor Arthur C. Brooks abgekupfert habe. Immer, wenn etwas Schwieriges in deiner Partnerschaft geschieht, schreibst du es in ein Beziehungs-Failure-Journal auf. Unter jedem Eintrag lässt du zwei Zeilen frei und setzt dir zwei Reminder, einen nach einem Monat und einen nach sechs Monaten. Nach einem Monat schreibst du auf die erste leere Zeile, was du aus dieser schlimmen Erfahrung gelernt hast. Und nach sechs Monaten schreibst du auf die zweite leere Zeile, was daraus Gutes entstanden ist. Solche Erinnerungen helfen der Beziehungsentwicklung

Nehmen wir zum Beispiel an, ihr habt euch nach einem Familienbesuch gestritten, weil einer von euch das Gefühl hatte, vom anderen nicht unterstützt worden zu sein. Du schreibst das mit Datum in dein Beziehungs-Failure-Journal. Nach einem Monat schlägst du die Seite erneut auf und notierst darunter etwas, was du daraus gelernt hast, zum Beispiel: „Ich habe gelernt, dass es mir wichtig ist, in solchen Situationen klar zu sagen, wenn ich mich überfordert oder alleingelassen fühle.“ Nach sechs Monaten, schreibst du darunter, was sich daraus Positives ergeben hat, wie: „Seitdem sprechen wir vor Familientreffen darüber, wie wir uns gegenseitig den Rücken stärken können – das hat unsere Beziehung spürbar gestärkt.“

Durch das Führen eines solchen Journals lernst du mehr, lebst hoffnungsvoller und gehst mit der Zeit schwierige Situationen aktiver an, statt sie zu vermeiden. Das sind entscheidende Grundlagen für eine gesunde, lebendige Beziehung.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

In Krisensituationen weisen sich Paare gegenseitig die Schuld zu: Wer ist Täter, wer Opfer? Paartherapeutin Piroska Gavallér-Rothe zeigt, wie wir Verantwortung übernehmen und zu tiefer Versöhnung finden können.

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis. Er ist tief verletzt und stellt den Fortbestand der Ehe infrage: Auf einer Dienstreise hatte seine Frau ein einmaliges erotisches Intermezzo mit einem Kollegen – entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung, sich sexuell treu zu sein. Als er davon erfährt, ist er tief enttäuscht, wütend und verzweifelt und hat das Gefühl, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Und tatsächlich: Wer diesen Vorfall isoliert betrachtet, findet die Rollen von Opfer und Täter schnell verteilt. Ganz offensichtlich war es die Frau, die den Mann zum Opfer ihrer Untreue machte. Oder anders ausgedrückt: Sie hat gesündigt und Schuld auf sich geladen.

Schuld – schafft Ordnung und klare Verhältnisse

Schuld ist ein tragender Bestandteil unserer Kultur – tief verankert in rechtlichen und sozialen Denkmustern, aber auch als moralisches Konzept in der christlichen Tradition. Sie strukturiert unsere Vorstellung von richtig und falsch, schafft Ordnung, verlangt Ausgleich. Wer Opfer ist, darf Strafe fordern. Wer Täter ist, muss büßen.

In meiner Praxis nutze ich gerne mein 4-Stühle-Modell, um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen das Denken in Schuld auf den einzelnen Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen hat:

Stuhl 1: Ich bin schuld. Ich bin falsch. Ich habe versagt. Das ist der Ort der Selbstvorwürfe, der Selbstabwertung und der Scham. Die Folge ist oft der Rückzug ins Schneckenhaus – oder ins Büßerhemd.

Stuhl 2: Du bist schuld. Du bist falsch. Du hast mich verletzt. Wer dort sitzt, ist überzeugt: Mich trifft keine Schuld! Wenn jemand schuld ist, dann bist das du! Menschen auf Stuhl 2 klagen an, zeigen mit dem Finger auf andere – und fühlen sich moralisch im Recht. Die Rollen sind klar verteilt: Der oder die andere ist Täterin oder Täter – man selbst ist fein raus.

Weil sich die Schuldfrage in der Regel auf ein einzelnes moralisch oder rechtlich zu verurteilendes Verhalten fokussiert, ist es einfach, in Schuld zu denken. Doch sie verengt auch den Blick: Wie die Situation entstanden ist, bleibt unerheblich. Die Frage: „Wer ist schuld?“ spaltet zusammengehörendes Beziehungsgeschehen und reduziert das Geschehen auf Opfer und Täter.

Obwohl ich es im Grunde weiß, bin ich doch immer wieder überrascht – und erschrocken zugleich –, wie viele Menschen in den Haltungen von Stuhl 1 und Stuhl 2 verhaftet sind. Das zeigt, wie sehr Schuld- und Täter-Opfer-Narrative unser Denken und unsere Gesellschaft prägen. Und wie sehr ein solch vereinfachtes Denken Versöhnungsprozesse bremst oder sogar verhindert.

Schuld oder Beitrag zum Beziehungsgeschehen?

Zurück zu meinem Paar. Wie so häufig verändert sich der Blick auf die Situation, als es ausführlicher zu erzählen beginnt: Es stellt sich heraus, dass die Sexualität zwischen den beiden seit einigen Jahren nur noch auf Sparflamme läuft. Die drei Kinder, die berufliche Selbstständigkeit der beiden und die zahlreichen sozialen Aktivitäten fordern Kraft, Zeit und körperliche Ressourcen. Während der Mann mit der gegebenen Situation „den Umständen entsprechend zufrieden“ ist, sieht die Frau die Situation nicht so entspannt. Ihre insbesondere in den letzten Monaten zunehmende Unzufriedenheit hatte sie ihrem Mann bereits mehrfach explizit zum Vorwurf gemacht – ohne damit aber wesentliche Veränderungen der Situation bewirkt zu haben.

In der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 wird es mit diesen neuen Informationen kurzfristig recht ungemütlich, denn hinsichtlich der dort alles entscheidenden Schuldfrage ergibt sich durch die Erzählungen ein neues Bild:

Wenn es tatsächlich so ist, wie die beiden erzählen – ist dann die Frau immer noch schuld? Oder liegt die Schuld nun doch eher beim Mann, der offenbar so geflissentlich die Bedürfnisse seiner Frau ignorierte? Und auch wenn damit die Ahnung von der Mitverantwortung des Mannes „um die Ecke weht“, wird häufig am Ende doch die „moralische Keule“ gezückt. Der finale Schlag klingt in der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 etwa so: Auch wenn der Mann sich sicherlich im Hinblick auf die sexuellen Bedürfnisse seiner Frau „nicht ganz richtig“ verhalten habe, so könne man ihm ja nicht den „Vorwurf“ machen, dass er jetzt „schuld“ sei, wenn ihn seine Frau am Ende betrüge. Mit diesem Denken in schwarz und weiß kommt schnell wieder Ordnung in die Welt, denn so bleibt es einfach auszumachen, wer letztlich die Schuld an der ganzen Misere trägt.</p>

Verantwortung übernehmen – eine Haltung der Reife

Anders gestaltet sich auf Stuhl 3 und Stuhl 4 der Blick auf die Welt: Während Stuhl 1 und Stuhl 2 den Fokus auf die Schuldfrage legen, eröffnen Stuhl 3 und Stuhl 4 den Raum für neue Perspektiven:

Stuhl 3: Worum geht es mir im Grunde? Statt Rückzug oder Vorwurf richtet sich der Blick auf Stuhl 3 nach innen: Welche Bedürfnisse wurden verletzt? Welche Sehnsucht steht hinter meinem Schmerz? Und nicht zuletzt: Was ist mein Anteil daran, dass sich dieses Bedürfnis nicht erfüllt hat?

Stuhl 4: Worum geht es dir im Grunde? Stuhl 4 ist der Raum, in dem auch das Gegenüber Platz bekommt. Wer hier sitzt, hört zu, fragt nach, lässt sich berühren vom Erleben des oder der anderen – von seiner Not oder ihrer Sehnsucht.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Paartherapeutin ist es, Menschen zu sich selbst – und damit auf Stuhl 3 – zu begleiten. Für unser Paar bedeutet das:

Er erkannte, wie wichtig ihm Vertrauen und Ehrlichkeit sind – aber auch Würdigung, Wertschätzung sowie der achtsame Umgang mit der Exklusivität ihrer sexuellen Beziehung. Statt sich weiter auf die Schuld seiner Frau zu fokussieren, begann er zu spüren, wie sehr ihn das Geschehene schmerzt – ohne ins Drama eines Opfer-Narrativs zu fallen.

Sie wiederum begann zu begreifen, wie groß ihre eigene Not eigentlich war und wie sehr sie sich danach sehnt, von ihrem Mann nicht nur als Mutter und Alltagsbewältigerin, sondern auch als Frau gesehen und begehrt zu werden.

Stuhl 4 wiederum ermöglicht es, das Gegenüber einfühlsam aufzunehmen und emotional mit dem Gesagten in Verbindung zu kommen. Wenn Menschen nicht nur Argumente verstehen, sondern innere Beweggründe auf der Gefühls- und Bedürfnisebene nachvollziehen können, kann sich auch die Bedeutung eines ursprünglich verletzenden Verhaltens verändern.

Eine neue Perspektive

Diese einfühlsamen und bedürfnisorientierten Sichten auf sich selbst und das Gegenüber sind wichtig, damit die Beteiligten sich aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen lösen und stattdessen nach und nach den Blick auch auf die eigene Verantwortung für das Geschehene richten können. Das eröffnet nicht nur Räume des persönlichen Lernens, sondern ebnet auch den Weg zu einer tiefgreifenden Versöhnung.

Nicht: Wer hat recht?

Sondern: Was ist geschehen – und was lernen wir daraus?

Nicht: Wer ist Täter, wer Opfer?

Sondern: Welche Verantwortung trage ich – und welche trägst du?

Für das Paar bedeutete das:

Auf Seiten der Frau:

  • Wie klar und eindeutig habe ich meine „Bedürfnisse in Not“ an meinen Mann herangetragen?
  • Habe ich mich und meine Bedürfnisse – jenseits meiner Ausbrüche im Streit – wirklich ernst genommen und sie nachhaltig zum Ausdruck gebracht?
  • War ich mir selbst überhaupt bewusst, wie sehr ich mit meinen unerfüllten Bedürfnissen in Not war?

Auf Seiten des Mannes:

  • Wie ernst habe ich die geäußerte Unzufriedenheit meiner Frau genommen?
  • Wie sehr habe ich es mir in unserer Beziehung bequem eingerichtet – und darauf vertraut, dass „es schon passt“, egal, was meine Frau sagt?
  • Was hält mich davon ab, mit meiner Frau regelmäßig und für beide erfüllend intim zu werden?

Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen konnte ein Bewusstsein dafür wachsen, wo jeweils die eigene Verantwortung für das oberflächlich sichtbare Problem („erotisches Intermezzo“) liegt. So entstand ein gemeinsames Lernfeld. Darin konnten beide Seiten miteinander und aneinander wachsen – im Blick auf die Ursachen der Krise ebenso wie auf ihren persönlichen Umgang damit.

So kann Entwicklung entstehen – persönlich wie gemeinsam. Das 4-Stühle-Modell lässt sich auf viele andere Situationen übertragen und ermöglicht Menschen, das zu bewirken, was uns innerlich Frieden schenkt: Versöhnung, die verbindet.

Piroska Gavallér-Rothe ist Paartherapeutin und Autorin von „Wertschätzend Klartext reden“. In Vorträgen und Seminaren vermittelt sie zudem ihr 4-Stühle-Modell als praxisnahes Werkzeug für gelingende Kommunikation und reife Beziehungsgestaltung.

 

Das 4-Stühle-Modell: Wege aus der Schuldspirale

Stuhl 1: Ich bin schuld.

Selbstvorwürfe, Scham, Rückzug – oft verbunden mit Hilflosigkeit.

Stuhl 2: Du bist schuld.

Vorwürfe, Rechthaberei, moralische Überlegenheit – oft mit viel Wut.

Stuhl 3: Was brauche ich?

Selbstverbindung, Klärung der eigenen Bedürfnisse und Anteile.

Stuhl 4: Was brauchst du?

Empathie, Zuhören, Bereitschaft, das Gegenüber wirklich zu sehen.

Wer tiefer einsteigen möchte: In ihrem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschreibt Piroska Gavallér-Rothe ausführlich, wie der Wechsel von Stuhl 1 und Stuhl 2 in die Welt von Stuhl 3 und Stuhl 4 gelingt – von der inneren Selbst(bewusst)werdung bis zur Kunst des einfühlsamen, bedürfnisorientierten Zuhörens.

Die gemeinsame Zukunft zimmern: 7 Tipps für Langzeitpaare

Die Kinder sind groß und gehen langsam aus dem Haus. Wie seht ihr auf die gemeinsame Zukunft? Mit Vorfreude oder Alltagssorgen? Die Paarcoaches Susanne und Marcus Mockler geben 7 Ideen für eine Paarbeziehung mit Vision.

Stell dir vor, du stehst mit deinem Partner vor einer riesigen Leinwand. Die Farben leuchten, die Pinsel sind bereit. Aber anstatt einfach loszulegen, fragt ihr euch: Was wollen wir eigentlich malen? Wie soll unser gemeinsames Werk aussehen? Diese Frage ist nicht nur für Künstler mega-wichtig, sondern auch für uns Paare, die ihre gemeinsame Zukunft zusammen gestalten wollen.

Die Vision: Euer innerer Kompass für die gemeinsame Zukunft

Ein altes schottisches Sprichwort sagt: „Wenn wir heiraten, übernehmen wir einen versiegelten Brief, dessen Inhalt wir erst auf hoher See lesen.“ Krass, oder? Am Anfang der Beziehung hätten wir nie gedacht, welche Stürme das Leben bringt. Kinder, Karriere, Krankheiten, Krisen – all das verändert uns. Deshalb ist es so wichtig, immer wieder innezuhalten und zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin?

Insbesondere dann, wenn die Kinder größer werden und aus dem Haus gehen, ergeben sich neue Spielräume, um Ideen zu entwickeln, Neues zu wagen oder nochmals durchzustarten – vielleicht beruflich, aber vor allem als Paar. Die Kraft ist noch da, nun ist auch mehr Zeit verfügbar, weil die Kinder nicht mehr so viel brauchen. Dann kann es losgehen. Nur wohin?

Eine gemeinsame Vision ist wie ein Kompass. Sie kann uns im Alltag leiten. Paare mit einer klaren Vorstellung und Perspektive sind glücklicher und stärker als Paare, die ziellos irgendwohin driften. Denn sie ziehen an einem Strang und lassen sich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Aber wie entsteht so eine Vision? Die findet ihr nur heraus, wenn ihr miteinander sprecht. Hier ein paar konkrete Schritte, wie das einfacher wird.

Sieben Schritte zur Vision

Schritt 1: Euer Dreamday

Einmal im Jahr solltet ihr euch einen „Dreamday“ gönnen. Das ist kein Tag zum Ausruhen, sondern ein Date, an dem ihr über eure Träume und Ziele sprecht. Wo seht ihr euch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren? Was wollt ihr unbedingt erleben? Welche Wünsche habt ihr als Paar – und welche Wünsche hat jeder für sich?

Folgende Fragen können euch dabei helfen:

  • Was wollen wir gemeinsam unbedingt erreichen?
  • Welche aufregenden Orte wollen wir sehen?
  • Welche Fähigkeiten wollen wir uns aneignen?
  • Welches gemeinsame Hobby oder Ehrenamt könnten wir starten?
  • Wie stellen wir uns den Ruhestand vor, wenn wir alt und grau sind?

Schreibt eure Antworten auf, visualisiert eure Ziele mit Bildern oder Collagen. Ein Traumhaus, eine Weltreise, ein Gartenprojekt – alles ist erlaubt!

Schritt 2: Die Finanzen klären

Geld ist ein Thema, das viele Paare lieber umgehen. Aber wer die gemeinsame Zukunft gestalten will, kann das nicht beiseite lassen. Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit der Vorsorge anzufangen? Die Antwort: vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt!

Analysiert eure Ausgaben. Wofür gebt ihr unnötig Geld aus? Wo könnt ihr sparen? Setzt euch finanzielle Ziele: Wie viel wollen wir für den Ruhestand auf die hohe Kante legen? Welche Versicherungen brauchen wir wirklich? Was wollen wir unseren Erben hinterlassen?

Wichtig: Mach deinen Partner zum Co-Piloten. Wenn einer allein die Finanzen regelt, gibt es oft Stress. Und es kann schwierig werden, wenn nur einer von euch beiden Einblick in die Vermögenssituation hat. Was, wenn diesem Partner mal etwas zustößt? Es ist ratsam, dass beide genug wissen, um im Notfall die Finanzen übernehmen zu können.

Schritt 3: Gesundheit und Fitness stärken

Natürlich hat man vieles in Bezug auf die gemeinsame Zukunft nicht im Griff. Das Älterwerden bringt Veränderungen mit sich, die nicht immer schön und angenehm sind. Statt dagegen anzukämpfen, solltet ihr lernen, damit umzugehen. Und ihr könnt euren persönlichen Beitrag dazu leisten, damit ihr mit höherer Wahrscheinlichkeit gesund alt werdet.

Investiert in eure Körper und Seelen. Bewegt euch regelmäßig, esst gesund und gönnt euch Auszeiten. Bleibt mental fit: Lest Bücher, löst Rätsel oder lernt eine neue Sprache.

Ein weiterer Punkt: Sorgt dafür, dass ihr beide für den Notfall Bescheid wisst. Wüsstest du, wo wichtige Dokumente und Konten sind, wenn dein Partner im Krankenhaus liegt? Habt ihr Vorsorgevollmachten und eine Patientenverfügung unterschrieben? Auch das ist ein unschönes, aber wichtiges Thema. Sprecht darüber, wie ihr euch im schlimmsten Fall euer Ende vorstellt. Dann muss niemand raten.

Schritt 4: Soziale Netze pflegen

Eine starke Beziehung lebt nicht nur von der Zweisamkeit, sondern auch von den Beziehungen nach außen. Freunde, Familie, Nachbarn – all das gehört dazu. Macht Fahrradtouren, Grillpartys, Spieleabende. Ein guter sozialer Zusammenhalt ist wichtig.

Es muss übrigens nicht alles gemeinsam unternommen werden. Unternehmt was mit anderen. Ob Männerrunde oder Mädelsabend – tut auch jeder persönlich etwas zur Pflege von Beziehungen. Gerade Männer tun sich hier oft schwer. Aber es ist wichtig, gute Freundschaften zu haben, um sich auszutauschen und auch um mit Problemen nicht allein zu bleiben.

Helft andererseits als Ehe-Team Freunden beim Umzug oder engagiert euch ehrenamtlich. Das stärkt eure Bindung und verstärkt in euch die Gewissheit, Teil von etwas Größerem zu sein.

Schritt 5: Glauben vertiefen

Für viele Paare ist der Glaube wichtig. „Couples who pray together stay together“ („Paare, die gemeinsam beten, bleiben zusammen“) – da ist was dran. Wir beobachten, dass Paare, die ihren Glauben teilen, tendenziell stärkere Beziehungen haben und weniger trennungsgefährdet sind. Das ist natürlich keine Garantie. Man muss auch gemeinsam an der Ehe arbeiten. Aber der gemeinsame Glaube stärkt die Bindung zwischen euch.

Fangt lieber klein an, als gar nichts zu machen: Betet vor dem Essen, lest jeden Morgen eine Bibelstelle oder die Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine. Engagiert euch gemeinsam in eurer Gemeinde oder unterstützt ein Hilfsprojekt. Das schweißt zusammen und gibt eurer Beziehung Tiefe.

Schritt 6: Krisen als Booster nutzen

Keine Beziehung ist perfekt. Aber gerade in schweren Zeiten zeigt sich, was ein Paar wirklich verbindet. Seid ehrlich miteinander. Teilt eure Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Sucht euch professionelle Hilfe, wenn ihr allein nicht weiterkommt. Statt euch auseinanderzuleben, seht Veränderungen als Chance, euch neu kennenzulernen.

Schritt 7: Den Alltag begeisternd leben

Letztendlich geht es darum, euer Leben mit kleinen Dingen zu etwas Besonderem zu machen. Anstatt im Alltagstrott zu versinken, gestaltet ihn proaktiv. Kocht zusammen neue Rezepte. Tanzt in der Küche. Macht spontane Ausflüge oder überrascht euch gegenseitig. Denkt daran: Glück entsteht nicht durch große Events, sondern durch die kleinen Momente, die wir bewusst erleben.

Fazit: Eure gemeinsame Zukunft startet jetzt!

Eines Tages werden wir sterben – aber an allen anderen Tagen nicht. Also lasst uns die Zeit nutzen, um unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Redet miteinander, träumt zusammen und arbeitet Hand in Hand an euren Zielen. Denn eines ist sicher: Eine Beziehung, die gepflegt wird, kann auch nach Jahren noch mega-aufregend sein und vor allem zunehmendes und tieferes Glück bringen.

Also: Pinsel raus und los geht’s mit dem Malen! Eure Zukunft wartet!

Susanne & Marcus Mockler sind seit über 30 Jahren verheiratet und engagieren sich für starke Ehen (geliebtes-leben.de). Sie haben acht erwachsene Kinder. Susanne arbeitet als Paartherapeutin, Marcus ist Journalist. Gemeinsam haben sie das Buch „Da geht noch was! 7 Liebes-Booster für Langzeitpaare“ (adeo) geschrieben.

Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst und dünnhäutig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal ist Überforderung das, erklärt Psychotherapeut Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“ Sind das Beziehungsprobleme? Oder doch Überforderung?

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Überforderung erkennen

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

Ein Kind zu viel!?

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst, dünnhäutig und wenig umsichtig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal liegt das Problem woanders, erklärt Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Eine entlastende Sicht

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Beantworten sich Fragen der Familienplanung anders, wenn ein Paar glaubt und mit Gottes Hilfe im Familienleben rechnet? Aus meiner Perspektive würde ich sagen: Eher nicht, weil der Glaube unsere Grenzen nicht grundsätzlich verschiebt, die uns unsere leib-seelische Ausstattung und unsere Lebenssituation setzen. Paare müssen manchmal umgekehrt ihren Zugang zum Glauben anpassen, wenn dieser nicht auch noch zur Stressquelle werden soll.

Eine Wende im Glauben

Überforderte Paare, die glauben, bräuchten Gott dringend als Kraftquelle. Doch viele aktive Kirchengemeinden sind blind für die Engpässe, die das Familienleben mit sich bringen kann. Selbst ein Paar, das offensichtlich auf dem Zahnfleisch geht, wird mit allerlei Anfragen zur Mithilfe heimgesucht. Oft erwartet das ein Paar auch selbst von sich, weil es so geprägt ist. Wenn sich ein Paar innerlich sicher wird, dass es in seiner Kirchengemeinde auftanken darf und nicht helfen muss, kann es das den meisten verständlich machen und das Unverständnis weniger ignorieren. Es kann eine andere Seite des Glaubens entdecken als eine, die engagiert dient. Jesus hat denen, die ihm folgen, auch Erfrischung und Ruhe für die Seele versprochen und eine Aufgabenlast, die sanft auf den Schultern liegt (Matthäus 11,28). Wäre das nicht auch eine Facette des Glaubens, die man seinen Kindern vorleben möchte?

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

Mehr Freundschaft, weniger Leidenschaft? Beziehungsexperte klärt auf

Schadet es dem Sexualleben, wenn man einander zu gut kennt? Paarcoach Marc Bareth erklärt, wie Sie dieser Dynamik entgehen und wie die Leidenschaft bleibt.

Alex fragt sich, ob die größere emotionale Nähe auch ein Grund für die fehlende Leidenschaft zwischen Julia und ihm sein könnte. Wehmütig denkt er an ihre Anfänge zurück, als sie kaum die Finger voneinander lassen konnten. Inzwischen ist ihre Freundschaft gewachsen und sie fühlen sich viel vertrauter. Gemeinsam haben sie Hürden überwunden, eine tiefe Verbundenheit aufgebaut. Doch genau diese Nähe erscheint Alex jetzt wie ein Hindernis für ihr Liebesleben.

Bindung durch Sex

Vielen Menschen fällt es leicht zu glauben, dass emotionale Nähe zu einer unbefriedigenderen Sexualität führt, weil es sich mit ihren eigenen Erfahrungen zu decken scheint. Sie erinnern sich, dass sie in ihren schlechtesten Beziehungen am meisten sexuelle Anziehung verspürten. Oder dass sie sich in emotional distanzierten Phasen körperlich besonders zueinander hingezogen fühlten. Solche Erfahrungen sind weit verbreitet. Sie bedeuten aber nicht, dass weniger emotionale Nähe zu besserem Sex führt, sondern lassen sich dadurch erklären, dass in diesen Beziehungen die Bindung bedroht war und die Partner sich deshalb durch Sex aneinander binden wollten.

Wenn die emotionale Nähe in einer Beziehung wächst, entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese Intimität kann die anfängliche Aufregung und sexuelle Spannung, die oft mit dem Unbekannten und Abenteuerlichen verbunden ist, verringern. Dieser Effekt wird jedoch mehr als aufgewogen durch die Tatsache, dass Menschen sich sicherer, offener und freier fühlen, ihre sexuellen Wünsche zu äußern und auszuleben, wenn eine starke emotionale Bindung besteht. Emotionale Nähe schafft Vertrauen, Offenheit und emotionale Sicherheit – alles wichtige Grundlagen für eine erfüllende Sexualität. Deshalb ist sich die überwiegende Mehrheit von Wissenschaftlerinnen und Experten einig, dass mehr emotionale Nähe zu einem besseren, nicht zu einem schlechteren Sexualleben führt.

Zuviel Routine

Dass es bei Julia und Alex im Bett nicht mehr rundläuft, kann alle möglichen Gründe haben. Vielleicht hat das Älterwerden bei beiden Spuren hinterlassen, oder sie haben inzwischen andere Lebensprioritäten, die weniger Raum für Intimität lassen. Es könnte aber auch an mangelnder Offenheit und Neugier für Neues liegen, dass das Liebesleben zu routiniert und damit langweilig geworden ist. Ungeklärte Konflikte, die unbewusst in ihre Sexualität hineinwirken und die Leidenschaft hindern, könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Hinzu kommen möglicherweise veränderte Hormonspiegel, die das Verlangen beeinflussen, oder eine zu enge Vorstellung davon, was Sex eigentlich ist und wie er ablaufen soll.

All das sind mögliche Erklärungen. Aber ganz sicher liegt es nicht daran, dass sich die beiden jetzt emotional näher sind als zu Beginn ihrer Partnerschaft. Diese Interpretation ist nicht nur falsch, sie ist auch schädlich. Sie führt zu Resignation, anstatt den Blick für die wahren Auslöser zu öffnen. Wenn Paare hingegen gemeinsam an den Ursachen arbeiten oder neue, für die aktuelle Lebensphase passende Formen der gemeinsamen Sexualität suchen, können sie die Sexualität in ihrer Beziehung mit Leidenschaft wiederbeleben.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Er bloggt unter familylife.ch/five

Auf eigenen Füßen – Ehe mit Nichtchristen

Elternfrage: „Unsere Tochter (22) und ihr Verlobter planen zu heiraten. Er teilt unseren christlichen Glauben nicht. Wie können wir als Eltern, die sich einen gläubigen Schwiegersohn gewünscht hätten, weise mit dieser Situation umgehen?“

Die Hoffnung auf eine Ehe des eigenen Kindes, die auf Gott ausgerichtet ist, kann ein starkes Motiv für das elterliche Handeln gegenüber dem Fast-Schwiegersohn und der Tochter sein. Um die Beziehung zur Tochter zu stabilisieren und gleichzeitig die Beziehung zum Schwiegersohn aufzubauen, ist daher Feingefühl vonnöten. Auch, weil Christen von Menschen, die Gott nicht kennen, manchmal als bewertend, kontrollierend oder sogar ausgrenzend empfunden werden. Eine Triebfeder für das Miteinander kann der Bibelvers aus Johannes 13,35 sein: „Eure Liebe zueinander wird der Welt zeigen, dass ihr meine Jünger seid.“

Keine Distanz aufbauen

Fragen, mit denen Sie sich beschäftigen können, um gut mit der Situation umzugehen, sind: Was hilft dem jungen Mann, das persönliche Christsein zu entdecken und zu verstehen? Gibt es Rituale, die Ihre Tochter als einengend wahrgenommen hat oder sogar als sinnentleert empfindet? Gibt es Momente des christlichen Glaubens, die sie auch in ihrer Ehe mit einem Nichtchristen weiterverfolgen möchte? Durch einen inneren Schritt zurück auf einen Beobachtungsposten können Sie als Eltern sogar etwas über Ihren eigenen Glauben lernen. Wo sind die persönlichen Werte tatsächlich auf Jesus Christus ausgerichtet? Wo geht es um Rituale und Traditionen? Gemeinsam können Sie überlegen, welche Geschenke Sie im christlichen Glauben sehen, um diese dann weiterzugeben: Beispielsweise ein ausgesprochener Segen für die Ehe, ein bewusst gewählter Bibelvers für die Tochter oder ein Brief mit Wünschen für die Ehe …

Dabei geht es nicht darum, zu jedem Geburtstag oder möglichen Anlass ein frommes Buch oder einen Bibelverskalender zu schenken. Es geht auch nicht darum, alle Entscheidungen und alle Wochenendaktionen durch Kommentare zu bewerten und stetig zu fragen, ob das junge Paar schon eine Gemeinde für sich ausprobiert hat. Diese Punkte führen zu Distanz. Es führt womöglich auch dazu, dass sich Ihre Tochter falsch fühlt. Es geht darum, etwas mit wirklichem Wert aus Ihrer persönlichen Beziehung zu Jesus an Ihre Tochter und gegebenenfalls auch an das Paar zu schenken.

Die Kraft des Segens

Es beweist dienende Liebe, wenn Sie als Eltern mit den Grenzen und Abgrenzungen des jungen Paares gelassen umgehen. Die Beziehung wird stärker durch die Bereitschaft, Ihrer Tochter den Freiraum für eigene Entscheidungen zu lassen. Sie haben auf Ihrer Seite etwas, was unschlagbar ist: die Kraft des Gebetes und des Segens. Mit Ihrem engagierten Einsatz als Betende können Sie persönlich, aber auch im Leben Ihrer Tochter mit spannenden Entwicklungsschritten rechnen.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.