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Generation Maybe: Wieso sich Jugendliche oft nicht mehr entscheiden können

Jungen Erwachsenen fällt es oft schwer, sich festzulegen. Roswitha Wurm nervt das. Aber ein bisschen maybe ist sie auch …

Vor ein paar Jahren verkündete meine Tochter wenige Wochen vor ihrem Geburtstag: „Ich feiere diesmal im Freien mit einem Picknick mit meinen acht besten Freunden!“ Wir planten gemeinsam die Location und das Essen. Zumindest zwei Tage lang. Denn dann beschloss meine Tochter, ihren Geburtstag „doch nicht mit Freunden, sondern nur mit der Familie“ zu verbringen. In den nächsten Tagen änderte sie wieder ihre Meinung. Nun wollte sie bei uns zu Hause eine Party geben, aber „nur für 12 Freunde“. In den zwei Wochen bis zum Geburtstag sagten einige Freunde zu und einige wieder ab.

Schließlich kamen 18 junge Menschen, von denen ursprünglich nur acht eingeladen waren. Mein Mann und ich verbrachten den Abend auswärts und überließen den jungen Leuten unsere Wohnung. Alles ging gut und alle waren glücklich. Nur ich fühlte mich überfordert. Ähnliches erlebte ich bei Gruppen, Familienfeiern und anderen Festen. Zusagen und Absagen von den (jungen) Besuchern in der letzten Minute, weil sich irgendetwas anderes Interessantes angeboten hatte. Mich verwirrte und verunsicherte dieses Hin und Her!

Alles ist möglich

Zum Glück klärte mich ein Buch von Oliver Jeges auf. Der in Wien geborene Journalist, Jahrgang 1982, outete sich: „Ich bin ein Maybe. Meine Freunde sind Maybes. Ich wäre zwar gern keiner, aber es ist nun mal so. Ich habe kein ADHS, dennoch tue ich mich schwer, Entscheidungen zu treffen. Mich festzulegen. Mich einer Sache intensiv zu widmen. Ich bin entscheidungsschwach. Ich sehe all die Optionen vor mir, die Verlockungen einer ultramodernen Welt, in der alles möglich ist.“

Unendlich viele Wahlmöglichkeiten

Die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden im digitalen Zeitalter sozialisiert. Ihre Kindheit und Jugend war geprägt vom immer stärker werdenden Einfluss von Social Media. Wer täglich über die verschiedenen Kanäle erfährt, was sich so alles tut im Leben seiner Bekannten, ist überzeugt: Ich habe unendlich viele Wahlmöglichkeiten. Vergleichbar ist das mit dem Gefühl, wenn man im Eisladen vor 25 Eissorten steht und sich für zwei entscheiden muss. Die verärgerte Menschenschlange hinter einem wird länger, während man unentschlossen, zaudernd und zögernd abwartet, bis man sich sicher ist, ob es Weiße Schokolade oder doch lieber Melonensorbet sein soll.

„Bis dass der Tod euch scheidet“ weicht „Solange es nicht zu kompliziert ist“

„Maybes“ tun sich zum Leidwesen ihrer Mitmenschen schwer, Entscheidungen zu treffen und Wort zu halten. Flexibilität und Bereitschaft, spontan etwas Neues zu wagen, sind die Schlagwörter dieser Generation. Wenn es sein muss, auch auf Kosten anderer. Die Generation der Maybes ist mitunter auch überzeugt davon, dass sie die Freiheit hat zu wählen, ob sie einen schwierigen Weg geht oder nicht. Die Frage ist jedoch, ob uns die vielen Wahlmöglichkeiten wirklich frei machen. Wir können vor Schwierigkeiten davonlaufen. Jeder findet das in Ordnung und hat Verständnis dafür. Schließlich muss jeder „auf seine Art glücklich werden“. Wir können Beziehungen, die uns nerven oder zu schwierig sind, einfach beenden. Wenn es uns zu schwerfällt, dem anderen dabei in die Augen zu schauen, sogar einfach per WhatsApp. „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist einem „Solange es nicht zu kompliziert ist“ oder einem „Bis ich etwas scheinbar Besseres für mich gefunden habe“ gewichen.

Unentschlossenheit bringt Stress

Diese scheinbare unendliche Freiheit bringt in vielen Fällen innere Leere und Orientierungslosigkeit mit sich, die eine ganze Generation zu befallen scheint. Oliver Jeges schreibt: „Wir sind die Generation, die nichts mit sich anzufangen weiß und sich permanent fragt: Leben – wie geht das? Wir wollen tun, worauf wir Lust haben, wollen nur Erlebnis, aber nie Alltag. Ist das vielleicht die Lebenslüge unserer Generation? Uns alle eint die Sorge, nicht dahin zu gelangen, wo wir uns in unseren Vorstellungen sehen. Die Sorge, dass wir vielleicht die falschen Entscheidungen treffen. Wir wollen unsere Träume wahr werden lassen, haben aber nie gelernt, was zu tun ist, wenn das nicht klappen sollte.“

So sehr wir uns als Über-Fünfunddreißigjährige auch an der Unschlüssigkeit und der Unverbindlichkeit der Jungen stoßen, vergessen wir nicht: Es ist für die Maybes gar nicht so angenehm, sich nicht entscheiden zu können. Schließlich verpasst man dann auch vieles, zum Beispiel Beziehungen, die bereits in jungen Jahren beginnen und ein Leben lang halten. Oder Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten ohne langes Zaudern anzunehmen. Auch auf das Wagnis hin, dass man erst nach und nach in etwas hineinwächst, wenn man wagt, es zu tun. Stattdessen ist da die Angst, man würde etwas verpassen, wenn man sich festlegt.

„Schauen wir mal“

Da ich nicht nur Mutter dreier Kinder der Maybe-Generation bin, sondern auch beruflich viel mit jungen Leuten zu tun habe, sind mir Aktionen wie die variable Geburtstagsfestplanung nichts Neues. Und ehrlich gesagt: Wir sind von der Generation Maybe vielleicht mehr beeinflusst, als uns lieb ist. Auch wir Eltern sind uns in der Fülle aller Angebote nicht immer sicher, wofür wir uns entscheiden sollen. In der Stadt, in der ich lebe, gibt es ein geflügeltes Wort: „Schauen wir mal!“

Wenn uns jemand fragt: „Wollen wir uns treffen?“, antworten wir gern mit diesem Satz. Ich ertappe mich auch immer wieder, dass ich mit „Schauen wir mal!“ antworte, wenn ich mich nicht festlegen möchte. Im Grunde genommen warte ich dann darauf, ob noch „etwas Besseres“ für dieses Datum in mein Leben kommt. Dabei bin doch gerade ich eine Verfechterin des wichtigen Bibelwortes: „Euer Ja sei ein Ja! Euer Nein ein Nein!“ (Matthäus 5,37). Das zitiere ich gern den lieben Maybes in meinem Leben.

Zusammenleben mit Maybes

Diese Erkenntnis hat mich den Maybes gegenüber verständnisvoller gestimmt. Es fällt tatsächlich schwer, aus dem riesigen Angebot zu wählen, das uns heute allerorts geboten wird.

Ich will Verständnis haben für die jungen Menschen, die so viel mehr Möglichkeiten vor Augen haben, als wir das in unserer vordigitalen Zeit hatten. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Verabredungen oder Familienfeiern nicht eingehalten werden können. Für uns als Familie haben wir eine Lösung gefunden, die meist alle glücklich macht. Wir sprechen uns am Sonntag jeder Woche ab: Wie ist der ungefähre Plan aller für die kommende Woche? Welche Termine, die uns alle betreffen, sind wirklich wichtig für jeden Einzelnen von uns? Es klappt manchmal gut, manchmal weniger gut. Aber seit wir darüber reden und mitunter lachen können, fällt es auch uns „Oldies“ leichter, mit der scheinbaren Unverbindlichkeit umzugehen. Nicht selten kommt ein Anruf unserer Kinder, die mit einem humorvollen Unterton meinen: „Mama, du weißt, hier spricht dein Maybe … Wegen Mittwochabend …“

Corona kann auch Segen sein

Unsere Maybe-Generation macht gerade eine schwere Zeit durch: Corona hat sie in die Knie gezwungen. Plötzlich sind die Möglichkeiten beschränkt. Es ist für uns alle eine harte, eine gute Schule. Ein Kurs im Dankbarsein für das, was wir trotz allem noch haben. Minimalismus im Angebot kann für geraume Zeit ein Segen sein. Jedenfalls habe ich unsere Maybes selten so entspannt erlebt wie in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen: „Endlich muss ich mich für nichts entscheiden, weil es nur eine Sache zu tun gibt!“

Einmal Maybe, immer Maybe?

Neulich fragte mich unser ältester Sohn per WhatsApp, ob wir an einem bestimmten Feiertag auf seine Kinder aufpassen könnten. Ich wollte mich zuerst mit meinem Mann absprechen. Dann vergaß ich es, und als es mir wieder einfiel, hatte ich gerade zu tun und dachte, vielleicht hat sich das Ganze ja schon erledigt und ich könnte an diesem Tag etwas mit Freunden unternehmen. Drei Tage vor dem Termin fragte mein Sohn nach: „Wisst ihr bereits, ob ihr das übernehmen könnt?“ Ich zögerte. Höflich wie er ist, fragte er nicht laut: „Mama, bist du jetzt auch ein Maybe?“ Aber im Unterton seiner Stimme meinte ich, genau das zu hören!

Tja, unsere Maybe-Kinder sind erwachsen geworden. Spätestens wenn sie selbst Eltern sind und Verantwortung tragen, weicht das Zaudern und Zögern einer Erkenntnis: Manchmal gibt es keine Wahlmöglichkeit! Es gilt vielmehr, den eingeschlagenen Weg mit der Hilfe Gottes zu bewältigen. Dann weicht dem „Vielleicht“ ein „So ist es“.

Roswitha Wurm ist Förderpädagogin und Kinderbuchautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien. Ihre Webseite ist lesenmitkindern.at

Die Schublade klemmt …

Wir haben Vorstellungen und Bilder von unseren Kindern. Aber Kinder verändern sich. Vor allem, wenn sie erwachsen werden, passen sie oft nicht mehr in unsere „Schublade“. Von Stefanie Diekmann

In unserer Familie gibt es Rollen, die gut ausgefüllt sind. Die laute, kreative, unruhige Mama. Der zugewandte, besonnene, gewohnheitsliebende Papa. Ein Kind liebte Puppen und rosa, die andere Freiheit und Unabhängigkeit und auf keinen Fall Puppen und rosa. In unserem Miteinander gab und gibt es einordnende Adjektive für jeden von uns.

Auf einigen Elternseminaren habe ich dazu viel gehört. Wie gut es ist, dass eine Erstgeborene aus den Umständen der Geschwisterfolge viel für ihre Persönlichkeit lernt. Oder dass unser Nesthäkchen mehr Verhandlungsgeschick entwickelt als seine großen Geschwister.
Gerade weil vieles sich so stereotyp herunterbrechen, beobachten und vermitteln ließ, hat es mich sehr beruhigt: Alles läuft. Wir entwickeln uns nach allgemein gültigem Plan. Ich habe viel Kraft investiert, zu erfassen, wie wir unsere Liebe so ausdrücken können, dass jeder seinen inneren Tank gefüllt weiß – gemäß des Modells der „Fünf Sprachen der Liebe“. Immer wieder halfen mir diese Abstraktionen, um mit meinem Kind in Kontakt zu kommen oder meiner Ehe einen neuen Stellenwert zu gönnen.

Auf Adjektive reduziert

Neben Geschwisterkonstellationen und Liebestypen habe ich mich viel mit Grundstrukturen der Persönlichkeit beschäftigt. Immer noch finde ich spannend, dass ein Kern in uns allgemeinen Beschreibungen zuzuordnen ist. Herrliche Schubladen zur Vereinfachung. Alles in allem habe ich mich in den Kinderjahren echt fit gemacht in der Persönlichkeits-Förderung.

Nun klemmt es. Und zwar schmerzhaft. Nun bin ich Begleiterin von drei erwachsenen Kindern und erlebe mich unsicher wie am ersten Tag. Die Schublade, in die ich mein Kind sorgsam eingeordnet habe, will nicht mehr zugedrückt werden. Durch das Reifen entstehen neue Persönlichkeitsfacetten, die ich in meinem Kind nicht vermutet habe. Während ich versuche, zu meiner eigenen inneren Sicherheit mein Kind zurück in diese Schublade zu stopfen, passieren hässliche Szenen.
„Immer“, nörgele ich ihm hilflos zu, „immer hast du so lange getrotzt und wolltest dein Recht laut und klar vermitteln. Und nun wieder … Ich weiß, dass du mit dieser Entscheidung Schwierigkeiten haben wirst. Lass es dir sagen: Ich weiß es!“ Die Reaktion des Kindes, das von mir auf Adjektive reduziert wird, tut uns nicht gut.
Die Festlegungen aus sorgsam recherchierten Zusammenhängen waren lange eine Orientierung für mich. Nun werden sie zu Hürden. Aber mein mutiges Kind darf Sorgennächte für Prüfungen haben. Und mein selbstbewusstes Kind braucht auch mit 1,90 Meter noch Kuscheleinheiten.

Brandheißer Tipp

Mich irritiert, wenn Menschen mir sagen: „Deine Tochter hat – so wie ich sie kenne – viel Heimweh. Sie ist ja nie sehr selbstständig gewesen.“ Die Schubladen von Beobachtern erscheinen mir noch fester verschlossen für die Überraschungen, die das Erwachsenwerden uns allen bringt. Mittlerweile übe ich mich zu sagen: „Meiner Beobachtung nach geht es ihr … Aber frag sie bitte selbst.“ Tatsächlich wollte sich letztens eine hartnäckige Seniorin damit nicht abfinden und kommentierte: „Eltern kennen ihre Kinder doch immer am besten, egal, wie alt sie sind. Wenn sie doch nur auf uns hören würden!“

Ja, am meisten haben wir als Eltern damit zu tun, dass unsere Familien-Schubladen sich wieder öffnen. Wir lieben unsere Kinder, auch wenn wir sie manchmal nicht wiedererkennen.
Erwachsene Kinder dürfen ihre Lebensthemen nach ihren Prioritäten ordnen. Keiner möchte dabei bevormundet oder entmündigt werden. Auch wenn wir durch alle gesammelten Infos der Persönlichkeitsschublade einen brandheißen Tipp auf Lager hätten.
Leise schleichen sich Fragen neben uns und legen uns eine Last aufs Herz: Sind wir ihnen gerecht geworden? Haben wir sie genug ermutigt, gebremst, ihre Reifung gefördert? Allein diese Last lässt uns als Eltern verspannter und rückwärtsgewandter wirken, als uns lieb ist. So beleidigt, streng und distanziert wollten wir nie sein.

Fragend bleiben

Robert fragt in einer Kaffeerunde: „Sind eure Kinder auch so grässliche Besserwisser? Ich kann es manchmal kaum mit ihnen am Tisch aushalten. Alles wissen sie: Politik, Kirche, Bildung. Und dabei muss ich ihnen immer noch erklären, wie man einen Brief frankiert!“ Beim Hören erschrecke ich: So etwas will ich nicht über meine Kinder sagen. Ich habe täglich darum gerungen, dass sie sich zu gesellschaftlichen Themen positionieren. Auch wenn ihre Ansichten auf Ältere unrund wirken, sind sie doch mutig, leidenschaftlich und vermeiden das Achselzucken, das meine Generation gerade gut beherrscht.

Ich lerne es wieder schätzen, Fragen zu stellen. Zu fragen: „Was brauchst du jetzt?“, hat mir in den Zeiten geholfen, in denen unsere Kleinkinder von Wut und Mut geschüttelt worden sind. Es passt wieder und noch zu fragen:

Wie möchtest du Zeit mit uns verbringen?
Brauchst du Hilfe in deinem Zeitmanagement?
Hast du Menschen, die dich im Glauben an Gott fördern?
Welche Charaktereigenschaft hast du neu an dir kennengelernt?

Nicht selten bewegt sich die verklemmte Schublade. Dann können wir eine Erinnerung an das Miteinander vor 18 Jahren erzählen oder unsere Einschätzung geben. Noch öfter aber kommen Wünsche und Gedanken zum Vorschein, die mich heimlich die Schublade öffnen lassen, um ein altes, verletzendes Adjektiv zu entsorgen und einen neuen, staunenden Eindruck über diesen jungen Menschen hineinzulegen.
Wenn diese Schubladen öfter mal geöffnet werden, haben auch wir als Eltern gute Chancen, dass eine Sicht auf uns verändert und angepasst wird.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei (fast) erwachsenen Kindern.

Auf das Loslassen kann man sich nicht vorbereiten

Wie eine alleinerziehende Mutter die Herausforderung meistert. Ein ehrlicher Bericht.

Mein Kind ist groß und ich lass los. – Das ist schön gereimt und hört sich einfach an. Ich dachte immer, ich hätte mich schon sehr früh darauf vorbereitet, dass mein Sohn irgendwann ein eigenes und selbstständiges Leben führen wird und ich ihn dann loslassen muss. Aber es kam anders. Und überhaupt lief das mit Familie nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Scheidungskind

Ich bin das Kind einer alleinerziehenden Mutter. Ich habe zwei Geschwister. Mein Vater ist Afrikaner, und wir lebten bis zu meinem elften Lebensjahr in seinem Heimatland. Unser Alltag war geprägt vom Bürgerkrieg und der Gewalt und den Missbrauch durch meinen Vater. Anfang der 80er-Jahre gelang meiner Mutter, die Deutsche ist, die Flucht in ihre Heimat.

Dadurch, dass ich die Älteste bin, hatte ich eine sehr große Verantwortung für meine Geschwister. Meine Mutter musste arbeiten, und wir Kinder waren oft uns selbst überlassen. Das führte dazu, dass ich sehr früh selbstständig und „erwachsen“ wurde.

Anfang 20 lernte ich während meiner Ausbildung meinen zukünftigen Ehemann kennen. Wir heirateten und unser Sohn kam auf die Welt. Sehr bald merkte ich, dass ich einen Mann mit zwei Gesichtern geheiratet hatte. Das Welt-Gesicht, mit dem ich ihn kennengelernt hatte, und das Privat-Gesicht, das dem meines Vaters sehr ähnelte. Kurz vor dem ersten Geburtstag meines Sohnes eskalierte eine Situation. Mir wurde bewusst, dass ich mich von diesem Mann trennen muss, um vor allem die Seele meines Sohnes zu schützen.

Die Last nicht Allein tragen

Da stand ich nun. Allein mit einem zehn Monate alten Säugling. Seelisch ein Wrack und sehr allein, da ich mein Leben lang eine Einzelgängerin war. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber ich wollte alles tun, um meinen Sohn zu beschützen und ihn zu einem Mann zu erziehen, der wertschätzend und rücksichtsvoll mit anderen Menschen und besonders mit Frauen umgeht. Ich habe mir und ihm versprochen, ihn niemals allein zu lassen. Aber zuerst musste ich selbst wieder auf die Beine kommen. Es begann eine jahrelange Odyssee mit Klinikaufenthalten und Therapien. Durch die Geschichte mit meinem Ex-Mann brach mein Kindheitstrauma auf, das ich komplett verdrängt hatte.

Gleichzeitig begann mein Weg im Glauben, mein Weg auf Jesus hin und Gott entgegen. Noch vor der Geburt meines Sohnes war ich einem Christen begegnet, der mir den Glauben nahegebracht hatte. Als mein Sohn etwa zwei Jahre alt war, wusste ich, dass ich die Verantwortung für die Erziehung nicht allein tragen konnte. Ich ließ ihn in einem Gottesdienst segnen. Und ich spüre noch heute, wie mir eine Last von den Schultern gehoben wurde, als der Segen über dieses Kind ausgesprochen war. Das war meine erste wirklich intensive Begegnung mit Jesus.

Schlechte Mutter?

Durch viele intensive Erlebnisse sind mein Sohn und ich eng zusammengewachsen. Mir war aber wichtig, dass er das Kind sein konnte und ich die Erwachsene. Aus den immer wieder auftauchenden Konflikten mit seinem Vater habe ich ihn herausgehalten. Trotzdem hielt ich mich immer für eine schlechte Mutter. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich es nicht geschafft hatte, die Ehe auszuhalten und die Familie zu bewahren. Aber ich hatte mich ja getrennt, um mich und meinen Sohn zu schützen. Das war das einzig Richtige, was ich tun konnte.

In der Gemeinde fanden wir eine neue „Familie“. Es dauerte lange, bis ich anfing, Vertrauen zu fassen. Meinem Sohn fiel das leichter, er tauchte in die Kinder- und später in die Teenie- und Jugendarbeit ein. Und wenn ich mal für ein paar Wochen in eine Klinik musste, gab es eine andere Familie mit vielen Söhnen, die ihn aufgenommen hat. Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine beste Freundin und bin Teil einer Gemeinschaft, die mir guttut, die mich trägt, die mir zeigt, wie man sich am Leben freuen kann, und die für mich betet, wenn ich durch ein dunkles Tal marschieren muss.

Unperfekte Familien

Als mein Sohn in der Pubertät war, bekam ich die Anfrage, als Assistentin für einen Mann zu arbeiten, der bei einem Missionswerk die Arbeit in der arabischen Welt leitete. Ich wusste sofort, dass ich das machen möchte. Die neue Aufgabe wäre zwar mit Reisen und langen Abwesenheiten von zu Hause verbunden. Aber ich war mir sicher, dass mein Sohn das hinbekommen würde, dass er ein verantwortungsbewusster junger Mann war, der keinen Mist machen würde. Er hatte seit etwa zwei Jahren einen kleinen, überschaubaren Freundeskreis, von dem ich dachte, dass er ihm guttut. Wie sehr hatte ich mich geirrt. Als ich von einer zweiwöchigen Konferenz zurückkam, merkte ich, dass etwas mit meinem Sohn nicht stimmte. Er schlief schlecht, war abwesend, suchte meine Nähe und meinen Trost. Zwei Wochen später erfuhr ich, dass er überredet worden war, die durch meine Abwesenheit sturmfreie Bude zu nutzen. Es war viel Alkohol im Spiel gewesen. Und mein Sohn hatte bis dahin kaum Alkohol getrunken. Es kam dann wohl zu einem Vorfall, der zu einer Anzeige führte. Allerdings wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Ich stellte alles in Frage: meinen Dienst in der Missionsgesellschaft, meine Erziehung, mein Muttersein, einfach alles. Schritt für Schritt bin ich durch diesen Prozess gegangen. Mir wurde bewusst, dass ich meinen Sohn alles andere als losgelassen hatte. Am meisten hat mich die Tatsache umgehauen, dass ich meinen Sohn nicht mehr beschützen kann. Er ist jetzt auf dem Weg, erwachsen zu werden. Und er ist in einem Alter, wo er seine eigenen Entscheidungen trifft und dafür auch die Konsequenzen tragen muss. Ich glaube, das war die härteste Erkenntnis, die ich aushalten muss.

Und was noch dazukam: Ich habe mich unendlich geschämt. Ich war überzeugt, mit niemandem in der Gemeinde darüber reden zu können. Sie haben alle ihre perfekten kleinen Familien … Als ich es schließlich schaffte, mich jemandem anzuvertrauen, begegneten mir Anteilnahme, Gebet und – ganz wichtig – unperfekte Geschichten von unperfekten Kindern aus unperfekten Familien. Das hat mir geholfen zu sehen, dass das Verhalten meines Sohnes nicht meine Schuld ist. Ich habe gelernt, es als ein Ereignis zu sehen, das jetzt zu seinem Leben gehört, und es zu akzeptieren. Er hat mit mir bis heute nicht darüber gesprochen, was eigentlich genau passiert ist. Und es ist auch nicht mehr wichtig. Ich habe ihm nur gesagt: „Egal, was geschehen ist, es ändert nichts an meiner Liebe zu dir.“ Auch das gehört zum Loslassen: zu akzeptieren, dass er nicht über alles mit mir redet.

Luft fürs Leben lassen

Ich weiß heute, dass man sich auf das Loslassen nicht vorbereiten kann, so sehr man sich auch anstrengt. Ich weiß heute, dass es wichtig ist, bei jedem Schritt, den das Kind in seine Selbstständigkeit vorwärtsgeht, selbst einen Schritt zurückzugehen. Ihn zu „entlassen“, den Radius zu erweitern und ihm Luft für sein Leben zu lassen. Vor den Gefühlen, die dabei in mir spürbar werden, kann ich mich nicht prophylaktisch schützen. Denn loslassen bedeutet, meine Gefühle in dem Moment anzuschauen, wenn ich

diesen Schritt zurück mache. Dazu gehört Weinen, weil ich meinen Sohn in eine ungewisse Zukunft entlasse, in der er sicher Entscheidungen treffen wird, die ich nicht gut finde. Aber auch Lachen und Freude, dass ich Anteil habe daran, dass dieser junge Mensch so sicher seinen Weg geht. Und ich weiß, dass er weiß, dass ich immer da bin.

Ich habe immer darüber nachgedacht, ob und wie ich mit ihm darüber reden soll, warum ich mich von seinem Vater getrennt habe, und ob er es mir zum Vorwurf macht. Ich wusste nie, wann der richtige Zeitpunkt ist. Vor einigen Wochen waren wir wandern und mein Sohn fragte auf einmal: „Mama, ginge es uns heute auch so gut, wenn du dich nicht von Papa getrennt hättest?“ Wow, was für eine Frage! Ich sagte ihm, dass es uns wahrscheinlich nicht so gut ginge und wir eher sehr verletzte Menschen wären. „Es war wegen seiner Aggressionen, oder?“, meinte er. Auch hier hat er die Zeit bestimmt, wann er so weit war, darüber zu reden.

Beziehungsfähig?

Heute ist der Prozess des Loslassens nicht vorbei. Aber er ist leichter, vielleicht auch, weil ich ihm nicht mehr ganz so viel Gewicht in meinem Leben gebe. Und ich muss sagen, dass die Gemeinde und auch das Gebet einen ganz großen Anteil haben. Als Alleinerziehende bin ich viel mehr auf Gott angewiesen. Er ist es, mit dem ich meine Alltagsprobleme bespreche, wo andere vielleicht einen Ehepartner haben.

Was bleibt, ist meine Sorge, ob mein Kind jemals in der Lage sein wird, eine Beziehung einzugehen. Ob er beziehungsfähig ist. Ich bin nun die vierte Generation von alleinerziehenden Frauen in unserer Familie. Ich bin die Einzige, die Jesus in ihrem Leben hat. Kann Gott die Verletzungen heilen, die auch mein Sohn schon sehr früh erlitten hat? Ich sehe, welche Heilung Gott mir hat zukommen lassen, und ich vertraue darauf, dass er auch meinen Sohn in seinen Händen hält.

Die Autorin möchte gern anonym bleiben, um sich und ihren Sohn zu schützen.

Nicht länger in einem Nest

Wenn die Kinder ausziehen, verändert sich das gesamte Familiengefüge. Christiane Lötter möchte dazu ermutigen, die Beziehungen neu zu gestalten.

Sind die Kinder klein und die Eltern zusammen, ist es einfach: Man ist Familie – so oder so. Der Auszug der Kinder bedeutet, dass Bewegung in die Familie kommt. Nichts ist mehr, wie es vorher war, so sehr mancher auch versucht, das Alte festzuhalten. Das, was bisher gut lief, wird auf den Prüfstand gestellt: Trägt es uns oder müssen wir neu gestalten? Halten wir anstehende Veränderungen aus? Wie gehen wir damit um, wenn wir loslassen müssen und es doch gar nicht wollen? Schnell fallen uns jede Menge wundervolle Ereignisse ein: Was haben wir nicht alles angestellt, unternommen und gefeiert? Wie viel Aufregungen und Abenteuer haben wir zusammen erlebt?

Furcht vor dem Neuen

Wenn unsere Kinder uns verlassen, fahren die Gefühle häufig Achterbahn zwischen „Endlich mehr Freiraum für uns!“ und „Wird es ihnen auch gut gehen?“. Die Kinder selbst gehen voller Enthusiasmus und Abenteuerlust. Wenn wir Glück haben, zeigen sie uns, dass sie sich auch ein wenig vor dem Neuen fürchten. Manch eine Mutter oder ein Vater fühlt sich vielleicht verletzt, weil sie uns scheinbar so leicht und selbstverständlich verlassen.

Studium, Partys, neue Freunde

Aber unsere Kinder erleben, was jedem Ende innewohnt: Abschied, Verlust und Loslassen. Sie zeigen das oft nicht, weil sie uns beschützen wollen. Und weil sie uns zeigen wollen, dass sie es schaffen, und weil die Aussicht auf ein neues, eigenes Leben alles überstrahlt. Deshalb erzählen sie nichts von Heimweh und Niederlagen. Das tun sie frühestens, wenn sie es überwunden haben. Sie erzählen uns von Ausbildung, Studium, Partys, neuen coolen Freunden und wie toll alles ist. Und das machen sie richtig, denn es geht uns nichts an, wie sie ihr Leben gestalten. Bleibt die Frage, ob wir auch in ein verändertes Leben gehen. Ob wir eigene Träume, die wir bisher zurückgestellt haben, verwirklichen und mit der Kraft, die aus unserer Familiengeschichte gewachsen ist, neue Wege beschreiten.

Was das Herz sagt

Wie soll nun aber unser neues Familienleben aussehen? Vieles hängt davon ab, wie unsere Kommunikation bisher ablief. Haben wir viel miteinander gesprochen? War die Atmosphäre von Vertrauen und Offenheit geprägt? Welche Typen sind wir? Wir können unsere Traditionen pflegen oder Neues ausprobieren. Reden wir mit unseren Familienmitgliedern darüber. Hören wir auf das, was der andere meint und auf das, was unser Herz sagt.

Natürlich können wir unseren Kindern davon erzählen, dass wir mit dem Abnabeln Schwierigkeiten haben, dass wir sie vermissen, dass wir das Beste für sie wollen und sie uns wichtig sind. Sie durch unsere Augen schauen zu lassen, zeigt ihnen, dass wir sie ernst nehmen. Und dann sind wir auch schon mittendrin in der Gestaltung.

Plötzlich frei

Die räumliche Entfernung bedeutet nicht gleichzeitig eine innere Distanz. Für Eltern kann es sehr befreiend sein, wenn ihnen eines Tages aufgeht: Wir haben zwar nicht mehr so viel Einfluss auf unser Kind, aber wir sind auch freier, weil wir keine Verantwortung für sein Handeln mehr haben. Eine Botschaft an die Kinder kann sein: „Wir sind immer für dich da, wenn du uns brauchst. Aber in den Zeiten, in denen du uns nicht brauchst, sorgen wir für uns.“

Kein Mausoleum

Gestalter des Familienlebens sind nicht nur die Eltern, auch die Kinder sind herausgefordert, daran mitzuwirken. Mama muss nicht jedes Mal ein vollkommenes Menü auf den Tisch zaubern. Kinder können ihr Bettzeug mitbringen, sie müssen nicht bei jedem Besuch ein Chaos hinterlassen. Die alten Kinderzimmer dürfen einer neuen Bestimmung übergeben werden. Sie sind kein Mausoleum, dass die Kindheit für immer aufbewahrt.

Wir dürfen sorgfältig prüfen, was bleiben kann und was gehen muss. Wir haben die Erlaubnis, für das Neue Platz zu schaffen, innerlich und äußerlich. Das Tempo bestimmen wir selbst. Gestaltung bezieht sich sehr auf die nicht greifbaren Dinge. Es kann hilfreich sein, das mit Praktischem sichtbar zu machen. Beide, die Nestflüchtlinge und die Zurückgebliebenen, sind herausgefordert, ihren Platz zu finden in diesem Familienkonstrukt.

Distanz halten, Nähe finden

Immer wieder berichten Eltern, dass es gut war, auf Distanz zu gehen, weil der Blick auf die Kinder nun freier war und die alltäglichen Reibereien aufgehört haben. Stattdessen sei nun Platz für lockere und für ernste Gespräche. Die gemeinsame Zeit werde als echte Gemeinschaft erlebt und nicht zwischen anderen Verpflichtungen eingeschoben.

Alte neue Gewohnheiten

Kinder erzählen häufig, dass sie selbst Gewohnheiten entwickeln, die sie früher im Elternhaus abgelehnt haben, inzwischen jedoch als praktisch empfinden. Es war gar nicht so schlecht, was die Eltern alles so gemacht haben. Wenn wir es schaffen, solche Offenbarungen nicht mit Genugtuung, sondern mit einem warmen Lächeln zu beantworten, haben wir sehr viel gewonnen.

Mit einer gewissen Distanz kann man auch beginnen, das anzusprechen, was nicht gut gelaufen ist oder wo es noch Klärungsbedarf gibt. Hier ist es wichtig, behutsam vorzugehen und herauszufinden, ob Gesprächsbereitschaft besteht. Wir dürfen uns den Raum schaffen für das Lachen über die tollen Erinnerungen und auch für Entschuldigungen, wo wir versagt haben. Es entsteht so auch die Möglichkeit, Missverständnisse aufzuklären.

Gute und schlechte Erinnerungen

Manches mag auch schockieren. Es kommt vor, das unsere Kinder über Erlebnisse berichten und wir denken: „War ich dabei? Daran erinnere ich mich gar nicht.“ Neben negativen tauchen auch viele gute Erfahrungen auf, wie oft wir die Kinder beschützt, versorgt und geliebt haben und wie sehr sie das in dem Moment auch gebraucht haben.

Zu hohe Maßstäbe

Solche Rückblicke und Erinnerungen dienen dazu, die Gemeinsamkeiten zu benennen und festzustellen, was uns verbindet und was uns trennt. Wir entscheiden als Familie, wie wir mit Verbindendem und Trennendem umgehen. Nicht alles muss jetzt und sofort geklärt werden, Kreativität ist gefragt.

Wir können das nicht? Das sind zu hohe Maßstäbe? Häufig schauen wir auf andere Familien, in denen alles scheinbar perfekt läuft. Beruflich und privat scheint alles im Lot. Sind wir uns bewusst, dass andere oft nur die Sonnenseiten zeigen? Da bleiben die, bei denen nicht alles rund läuft, schnell auf der Strecke. Merken wir, wie viel Stress das erzeugt? Sich davon zu distanzieren und bei sich selbst zu bleiben, ist gar nicht so einfach. Wichtig ist: Wir sind Familie, und wir sind genau richtig. Hier wird nach unseren Regeln gespielt, und nur wir dürfen diese Spielregeln hinterfragen oder ändern. Andere haben da nichts verloren.

Das Familien-Mobile

Das Mobile kommt mir in den Sinn: Wenn einer sich bewegt, bewegt sich das Ganze. Es schwankt eine Weile und balanciert sich neu aus. Manchmal hängt sich auch noch ein neues Element an, dann muss sich alles neu einpendeln. Vielleicht haben wir noch alte Bilder in unserem Herzen. Aber jetzt leben wir in einer neuen Situation.

Gestaltung bedeutet, das Neue anzunehmen und es aktiv mitzugestalten, damit es gelingt. Unser Familienmobile kann auch äußeren Veränderungen ausgesetzt sein. Dann müssen alle zusammenhalten, um die Balance wieder herzustellen. Bewegung von innen darf stattfinden. Jeder einzelne entscheidet, wie er sich bewegt. Familiengestaltung ermöglicht uns, uns in einem sicheren Rahmen auch dann noch zu entfalten, wenn die Kinder ausgezogen sind. Wir haben die Erlaubnis, Bewährtes zu behalten und Neues auszuprobieren. Was für ein Gewinn!

Christiane Lötter arbeitet als Familienberaterin und Coach und lebt in der Nähe von Osnabrück. Sie hat zwei erwachsene Kinder.

Mit 26 wieder zu Hause einziehen? Warum Sie das als Eltern nicht mitmachen sollten

„Unser Sohn (26) muss aus seiner WG ausziehen. Nun will er übergangsweise wieder bei uns wohnen. Kann ich ihm sagen, dass er sein Leben allein bewältigen können muss?“

Die erste Aufgabe von Eltern ist es, ihre Kinder in ein selbstständiges und verantwortungsvolles Erwachsenenleben zu begleiten. Dies haben Kinder in der Regel zwischen 18 und 20 Jahren gelernt. Hier hat auch die elterliche Einflussnahme ihren endgültigen Punkt erreicht. Wir bleiben Eltern und auf dieser Ebene verbunden, jedoch nun auf Augenhöhe. Das bedeutet auch, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist und es eigenständig gestaltet. Wie können Sie also mit der Situation umgehen?

SEIEN SIE GASTFREUNDLICH!

Als eines unserer Kinder mit 19 Jahren plötzlich vor der Tür stand, weil es aus verschiedenen Gründen kein Zuhause mehr hatte, mussten wir ihm deutlich machen, dass sein ehemaliges Kinderzimmer aus Kostengründen untervermietet war und wir keinen dauerhaften Platz in der Wohnung hatten. Aber wir halfen natürlich bei der Wohnungssuche und nahmen das inzwischen erwachsene Kind vorübergehend als Gast auf. Dazu war es notwendig, dass unser Wohnzimmer für diese Zeit als Gästezimmer und Wohnzimmer umgestaltet werden musste. Nehmen Sie doch Ihren Sohn ebenso als „Gast“ auf. Der Gast-Status macht deutlich: Er bleibt nur vorübergehend in Ihrem Haus.

SPRECHEN SIE OFFEN ÜBER IHRE ERWARTUNGEN

Mit Mitte Zwanzig lebt Ihr Sohn nicht mehr in der gewohnten Eltern-Kind- Beziehung. Sprechen Sie darüber, dass dies eine andere Situation ist als noch vor Jahren, als Sie eine andere Verantwortung für das Leben Ihres Sohnes hatten. Arbeiten Sie daran, dass Sie als Ehepaar gemeinsam agieren und sich einig sind.
Um Konflikte oder böse Überraschungen bereits vorab zu vermeiden, hätten Sie ihr Kind schon beim Auszug fragen können, ob es okay ist, nach seinem Auszug das ehemalige Kinderzimmer neu einzurichten und einer neuen Funktion zuordnen zu dürfen.

FINDEN SIE EINEN ABSCHLUSS

Als unsere Kinder auszogen, haben wir mit jedem von ihnen eine Abschiedsfeier gemacht. Wir luden das Kind zu einem besonders schönen Restaurantbesuch ein und sprachen miteinander. In diesem Gespräch fragten wir auch, wo wir als Eltern Fehler gemacht haben, ob wir ungerecht empfunden wurden und ob es zwischen uns etwas zu bereinigen gibt. Wir sprachen auch über die neue Situation und machten deutlich, dass sowohl für das Kind als auch für uns nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Sabine und Siegbert Lehmpfuhl haben vier Kinder im Alter zwischen 34 und 41 Jahren und sind Team.F-Regionalleiter.

Wieder zu Hause einziehen?

„Unser Sohn (26) muss aus seiner WG ausziehen, hat es aber nicht rechtzeitig auf die Reihe bekommen, sich etwas Neues zu suchen. Nun will er übergangsweise wieder bei uns wohnen. Wir nutzen sein Zimmer inzwischen als Arbeitszimmer. Ich finde, dass er sein Leben auch allein bewältigen können muss. Kann ich ihm das so sagen?“

Kinder ins Leben zu begleiten, ist manchmal eine echte Herausforderung. Ihre Frage ist eine von vielen Fragen, die Eltern erwachsener Kinder beschäftigt. Aber seien Sie sicher, dass Gott uns Kinder nicht zugemutet, sondern zugetraut hat.

Unser Erziehungsziel ist es, unsere Kinder in ein selbstständiges und verantwortungsvolles Erwachsenenleben zu begleiten. Dies haben Kinder in der Regel zwischen 18 und 20 Jahren gelernt. Hier hat auch die elterliche Einflussnahme ihren endgültigen Punkt erreicht. Wir bleiben Eltern und auf dieser Ebene verbunden, jedoch nun auf einer anderen Augenhöhe. Das bedeutet auch, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist und es eigenständig gestaltet. Wie können Sie also mit der Situation umgehen?

SEIEN SIE GASTFREUNDLICH!

Als eines unserer Kinder mit 19 Jahren plötzlich vor der Tür stand, weil es aus verschiedenen Gründen kein Zuhause mehr hatte, mussten wir ihm deutlich machen, dass sein ehemaliges Kinderzimmer aus Kostengründen untervermietet war und wir keinen dauerhaften Platz in der Wohnung hatten. Aber wir halfen natürlich bei der Wohnungssuche und nahmen das inzwischen erwachsene Kind vorübergehend als Gast auf. Dazu war es notwendig, dass unser Wohnzimmer für diese Zeit als Gästezimmer und Wohnzimmer umgestaltet werden musste.

Nehmen Sie doch Ihren Sohn ebenso als „Gast“ auf. Als Christen sollen wir gastfreundlich sein. Dazu hat Jesus uns aufgefordert. Aber ein Gast ist eben nur vorübergehend in unserem Haus. Sprechen Sie offen über Ihre Erwartungen. Sprechen Sie auch darüber, dass dies eine andere Situation ist als noch vor Jahren, als Sie eine andere Verantwortung für das Leben Ihres Sohnes hatten. Das Kind lebt nicht mehr in der gewohnten Eltern-Kind- Beziehung. Arbeiten Sie auch daran, dass Sie als Ehepaar gemeinsam agieren und sich einig sind.

ABSPRACHEN SCHON BEIM AUSZUG

Um Konflikte oder böse Überraschungen bereits vorab zu vermeiden, fragen Sie ihr Kind, wenn es auszieht, ob es okay ist, nach seinem Auszug das ehemalige Kinderzimmer neu einzurichten und einer neuen Funktion zuordnen zu dürfen. Finden Sie einen Abschluss. Als unsere Kinder auszogen, haben wir mit jedem von ihnen eine Abschiedsfeier gemacht. Wir luden das Kind zu einem besonders schönen Restaurantbesuch ein und sprachen miteinander. In diesem Gespräch fragten wir auch, wo wir als Eltern Fehler gemacht haben, ob wir ungerecht empfunden wurden und ob es zwischen uns etwas zu bereinigen gibt. Wir sprachen auch über die neue Situation und machten deutlich, dass sowohl für das Kind als auch für uns nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Sabine und Siegbert Lehmpfuhl haben vier Kinder im Alter zwischen 34 und 41 Jahren und sind Team.F-Regionalleiter.
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

Das erste Treffen mit der Freundin

„Unser Sohn studiert an einem anderen Ort und hat dort seine Freundin kennengelernt. Sie sind seit über einem Jahr zusammen. Nun möchte er sie uns vorstellen, worüber wir uns sehr freuen. Trotzdem machen wir uns Gedanken, wie wir dieses erste Treffen möglichst entspannt gestalten können.“

Dies ist wahrscheinlich eine neue Situation für Sie. Bisher haben Sie die meisten Freunde und Freundinnen Ihres Sohnes gekannt, weil sie im selben Ort lebten. Irgendwann hört dieser Zustand auf, und es treten Menschen in das Leben des erwachsenen Kindes, die wir als Eltern nicht mehr kennen. Und nun auch noch eine neue „Unbekannte“, die bisher nur vom Hörensagen eine Rolle in der Familie spielt. Als Eltern kann einem das schon mal die Schweißperlen auf die Stirn treiben: Wie wird sie sein? Werden wir uns mit ihr verstehen? Wird sie mit den Umgangsformen unserer Familie klarkommen? Da könnte schon allerhand schiefgehen – muss es aber nicht. Denn die junge Frau ist wahrscheinlich genauso aufgeregt und angespannt wie Sie auch. Sie wird sich freuen über ein lockeres und warmes Willkommen und über so viel Selbstverständlichkeit wie möglich.

DER ERSTE EINDRUCK
Ich denke gern an so ein erstes Kennenlernen in unserer Familie zurück. Die Freundin unseres Sohnes zeigte sich als unkomplizierte und freundliche junge Frau, die es uns leicht machte, ins Gespräch zu kommen. Am Anfang waren beide Seiten entsprechend aufgeregt, und auch unserem Sohn war der Stress der Situation anzumerken. Die Aufregung legte sich schnell, ein ausgedehntes Frühstück trug zur Lockerheit bei, und gemeinsame Gesprächsthemen waren schnell gefunden. Beiden Seiten scheint es wichtig zu sein, sich möglichst positiv zu zeigen, nach dem Motto: Der erste Eindruck zählt! Das kann, muss aber nicht so sein. Auch ein nicht so gelungener Auftakt, zu dem es vielleicht vor lauter Anspannung kommt, muss nicht der Anfang einer schlechten Beziehung sein. Mit etwas Humor und Gelassenheit kann sogar eine nicht so glücklich gelaufene erste Begegnung Anlass für ein entspanntes zukünftiges Miteinander sein. Mir hat der Gedanke geholfen, dass unser Sohn einen guten Geschmack hat und dass er ja schließlich mit der Freundin zurechtkommen muss. Als Eltern sind wir zwar irgendwie Teil des Ganzen, aber auch nur am Rande interessant. Gute Beziehungen brauchen Zeit zum Wachsen und zum Reifen, und so lohnt es sich, immer wieder neu dort zu investieren.

NEUE FARBE
Ich möchte Ihnen Mut machen, diese Begegnung als Chance zu sehen, sich selbst, die eigene Familie und eine ganz andere Familie mit anderen Werten, aber auch manchen Gemeinsamkeiten kennenzulernen. Durch die Partner unserer Kinder kommt oft eine neue Farbe in unsere Familie. Wir entdecken neue Seiten an uns und lassen uns auf kleine und große Herausforderungen im Miteinander ein. Offenheit und eine gute Portion Gottvertrauen helfen uns dabei, eine Chance in dem Neuen zu sehen, sich nicht zu verschließen und die Tür füreinander offenzuhalten.

 

Antje Rein leitet das Lebensnah Institut für Beratung, Bildung und Coaching, www.lebensnah-institut.de.

Wunsch vs. Wirklichkeit

Es kann herausfordernd sein, einen Weg zwischen dem zu finden, was sich Eltern erträumen und dem, was Kinder wollen. Und nicht immer ist das Ringen um einen Kompromiss stressfrei.

Es ist MEIN Leben!“ – Wie oft habe ich meinen Eltern diesen Satz unter Tränen an den Kopf geworfen? Nach dem Abitur ging ich für ein halbes Jahr von zu Hause weg. Für meine Eltern war der Abschied schmerzhaft, vor allem weil sie es nicht kannten, dass ihre Kinder für eine längere Zeit an einem anderen Ort lebten. Als ich nach sechs Monaten zurückkam, waren sie überglücklich und hatten bereits Pläne im Kopf, wie mein Leben nun weitergehen sollte.

LOSLASSEN LERNEN
Entgegen aller Hoffnungen und Erwartungen entschied ich mich für ein Studium, das etwas weniger als drei Stunden von meiner Heimat entfernt war. Für meine Mutter war es wie ein Stich ins Herz. Ich erinnere mich daran, wie oft sie mich überzeugen wollte, dass es doch ebenso in unserer Umgebung gute Studiengänge gebe. Und auch für mich war der Schritt nicht einfach. Der Gedanke, meine Familie nur noch ab und zu am Wochenende sehen zu können, machte mich traurig. Trotzdem wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte und es an der Zeit war, loszulassen. Loslassen – etwas, mit dem sich meine Mutter auch heute noch, fast drei Jahre nach meiner Entscheidung für das Studium, schwer tut. Im ersten Jahr nach meinem Umzug hatten wir fast täglich Kontakt, haben mehrmals die Woche telefoniert. Mir tat das gut und es hat mir geholfen, weil ich in meiner neuen Stadt noch niemanden kannte und plötzlich auch mit ganz praktischen Fragen konfrontiert war. Mit der Zeit wurde der Kontakt seltener und manchmal wünsche ich mir heute, dass sie öfter fragen würde, wie es mir geht.

FREIHEIT ERWÜNSCHT
Im Abstand von vier bis fünf Wochen fahre ich am Wochenende in die Heimat. Für meine Mama ist es nach wie vor nicht einfach, mich sonntagabends wieder gehen zu lassen. Besonders in der vorlesungsfreien Zeit ist die Erwartung meiner Eltern, dass ich für die gesamte Zeit nach Hause komme. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie noch immer nicht akzeptieren können, dass ich nun in einer anderen Stadt lebe und nicht nur studiere. Immer wieder haben meine Mutter und ich Meinungsverschiedenheiten bezüglich meiner Zukunft. Sie erzählt mir von ihren Wünschen für mein Leben. Ich spüre, dass sie unzufrieden mit meiner Studienwahl ist, dass sie sich etwas anderes für mich wünscht. Das setzt mich unter Druck und macht mich traurig. Was ich jedoch in den letzten drei Jahren lernen musste, ist, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss, weil es mein Leben ist! Was ich mir wünschen würde? Mehr Freiheit. Freiheit von Erwartungen; Freiheit, meine Zukunft selbst kreieren zu dürfen. Es ist okay, dass meine Eltern nicht bei jeder meiner Entscheidungen Beifall klatschen. Ich wünsche mir lediglich, dass sie hinter mir stehen – unabhängig davon, ob mein Weg ihrem Ideal entspricht. Zweifelsohne kann ich sagen, dass ich meinen Eltern sehr dankbar bin für ihre Liebe und Unterstützung. Ich danke meiner Mutter für all ihr Nachfragen, ihr Mitgefühl und ihre finanzielle Unterstützung. Und ich danke ihr, dass sie mich jedes Mal, nachdem ich zu Hause war, mit so vielen Lebensmitteln versorgt, dass ich die nächsten vier Wochen überleben kann. Letztendlich weiß ich, dass ich geliebt bin und das ist doch das, was zählt.

 

Die Autorin möchte anonym bleiben.

„Er macht jetzt seinen Doktor!“

Früher waren es die ersten Schritte. Die ersten Wörter. Die mehr oder weniger kunstvollen Bilder der Kinder. Nun ist es das Abi. Der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung. Das Diplom, der Bachelor, der Master, der Doktor, der Meisterbrief …

Viele Eltern sind stolz auf ihre großen Kinder. Das dürfen sie auch. Das sollen sie sogar. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass es gar nicht so sehr um die Kinder geht. Schwingt nicht oft der Gedanke mit: „Sehr her, ich bin eine gute Mutter, weil mein Sohn jetzt den Doktor macht.“?

Wir Eltern schmücken uns gern mit den Erfolgen unserer Kinder. Ist ja auch okay. Besser jedenfalls, als nur auf das Negative zu sehen: „Ja, er hat sein Studium in Mindestzeit absolviert, aber er hat immer noch keine feste Freundin.“ „Ja, sie hat eine feste Stelle, aber ich hatte gedacht, sie würde studieren …“ Hier sollten Eltern mal ganz schnell ein bisschen stolzer werden.

Aber wenn wir Erfolge in Schule, Ausbildung, Beruf oder Studium so stark hervorheben, kann das problematisch sein. Zum einen, wenn es bei den eigenen Kindern vielleicht doch mal nicht so gut läuft. Wenn der Einser-Abiturient plötzlich das Studium abbricht. Oder die erfolgreiche Uni-Absolventin keinen passenden Job findet. Schließlich muss unser Sohn, unsere Tochter auch in solchen Situationen sicher sein können, dass ihnen unsere Liebe und Wertschätzung gilt. Dass sie nicht abhängig ist von guten Noten und üppigen Gehaltsabrechnungen.

Und andererseits: Für Eltern, deren Kinder keine „Überflieger“ sind, ist es oft schwierig, wenn in ihrem Umfeld immer wieder von den Erfolgen der Kinder die Rede ist. Worüber soll ich reden, wenn mein Sohn keine Lehrstelle findet? Wenn die Tochter einen Beruf gewählt hat, der wenig Anerkennung erntet? Deshalb ist es wichtig, sensibel mit dem Stolz auf die eigenen Kinder umzugehen. Das wissen wir ja eigentlich schon seit Krabbelgruppenzeiten. Aber wir wissen auch: Jedes Alter der Kinder bringt neue Herausforderungen mit sich. Und gerade die Phase der beruflichen Orientierung und Ausbildung ist eine Steilvorlage für Eltern, in die Stolz-Falle zu tappen. Wie heißt es so schön: „Augen auf bei der Berufswahl!“ Ich würde sagen: „Eltern: Augen auf beim Reden über die Berufswahl!“

Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT.

Berufliche Sackgasse

„Unser Sohn (22) wird nach der Ausbildung nicht übernommen. In seinem Bereich sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht, er ist nun am Boden zerstört. Wie können wir ihm helfen?“

Das Begleiten der erwachsenen Kinder ist für uns Eltern gerade in einer Krise eine Herausforderung. Die Spannung zwischen Einmischung, Bevormundung und Alleinlassen schwebt wie zäher Nebel in den unausgesprochenen Gedanken nach solch einer schlechten Nachricht über die berufliche Zukunft des jungen Erwachsenen. Dass ein Kind kein „Projekt“ ist, das man als Eltern „am besten“ bewältigt, sollte schon in den ersten Lebensjahren klar werden, wenn Eltern üben, sich zurückzunehmen. Nicht die Eltern haben ein Projekt, sondern das Kind und später der Jugendliche hat sein Leben zu gestalten. Deshalb sollten Sie das Recherchieren über berufliche Alternativen unbedingt Ihrem Sohn überlassen. Auch Geschichten von anderen, denen Ähnliches passiert ist, sind nicht unbedingt hilfreich … Wenn Sie als Eltern das Heraussuchen von Stellen übernehmen oder ihm das Komplettpaket „Zuhause“ wieder anbieten, kann es im Selbstwert Ihres Sohnes deutliche Risse geben. Sie als Mutter und Vater sind aber Heimatgeber für die Seele und dürfen fragen: „Was kann ich für dich tun?“. Dabei dürfen Sie sich aber auch abgrenzen und deutlich machen, wenn Sie eine Bitte um Unterstützung als unpassend empfinden.

DEN U-TURN VERSUCHEN
Sie müssen aber nicht untätig bleiben. Nach der schlechten Nachricht vom Arbeitgeber ist es Ihre Aufgabe, den Blick zu weiten und Fragen zu stellen. Das Stopp-Schild zu fokussieren lähmt sowohl Sie als auch Ihren Sohn. Besser ist es, eine Art U-Turn zu versuchen: Wenn dieser Weg nicht gelingt, welcher ganz andere Weg kann denkbar sein? Sie könnten Ihrem Sohn folgende Fragen stellen: Ist die Ausbildung vielleicht eine Grundlage, um einen weiteren Beruf zu erlernen? Ist vielleicht eine Art Pause denkbar, wie sie zum Beispiel der Bundesfreiwilligendienst ermöglicht? Das würde den Freiraum geben, sich in Ruhe beraten zu lassen und Bewerbungen zu schreiben oder sich komplett neu zu orientieren.

GELASSENHEIT AUSSTRAHLEN
Wichtig ist dabei, dass Sie Ihren Sohn bewusst neu freigeben. Eine Veränderung der Planung kann auch bedeuten, dass er zum Beispiel nicht in einem Betrieb in Ihrer Nähe bleibt, sondern weiter weg zieht. Planungen freizugeben und offen zu sein, klingt ganz leicht, ist aber kraftaufwändig. Versuchen Sie, Gelassenheit auszustrahlen. Wenn Sie selbst die Bereitschaft zeigen, sich immer wieder neu auszurichten und Veränderungen als Chance sehen, wird Ihr Sohn sich daran orientieren können. Mit diesen Erfahrungen wird das nächste Stopp-Schild mit noch mehr Eigenverantwortung bearbeitet werden – zur Freude der Eltern.

 

Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.