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„Mama, ich will keine Kinder“ – So können Eltern mit der Enttäuschung umgehen

Elternfrage: „Meine Tochter (23) meinte neulich, dass sie keine Kinder haben will. Ich bin mit Blick auf mögliche Enkelkinder ein bisschen enttäuscht und frage mich, ob ich ihr das Muttersein so unschön vorgelebt habe. Wie kann ich das ansprechen, ohne ihr Druck zu machen?“

Es geht nicht um die eigenen Lebensziele

Die Tatsache, dass Ihre Tochter ihre Gedanken zum Muttersein geteilt hat, lässt vermuten, dass sie gesprächsbereit ist. Das dürfen Sie nutzen! Um ihr jedoch keinen Druck zu machen, würde ich empfehlen, diese Entscheidung nicht infrage zu stellen, sondern nachzufragen, was Ihre Tochter zu diesen Gedanken bewogen hat. Denn Gedankenspiele ohne den direkten Austausch führen nur zu Spekulationen und schaffen keine echte Klarheit. In einem solchen Gespräch sollte es nicht um Rechtfertigung, sondern um Verständnis gehen: „Was sind deine Beweggründe? Was verbindest du mit dem Muttersein? Was magst du darin nicht?“ All das darf ausgesprochen werden. Je weniger Sie die Gedanken Ihrer Tochter bewerten oder in eine bestimmte Richtung lenken, desto offener können Sie ins Gespräch kommen.

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Ihre Tochter Ihnen keine Enkelkinder schenken wird. Ihre Enttäuschung darüber darf sein und auch zum Ausdruck gebracht werden. Aber letztlich können Eltern die Entscheidungen der erwachsenen Kinder nur respektieren. Kinder haben nicht die Aufgabe, die Träume und Wünsche der Eltern zu erfüllen. Deswegen sollte ein Austausch zu diesem Thema nicht das primäre Ziel haben, Einfluss zu nehmen, um die eigenen Lebensziele zu erreichen, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wer weiß? Vielleicht kann Ihre Tochter auf der Grundlage dieser Freiheit und durch den ehrlichen Austausch mit Ihnen sogar eine neue Perspektive und ein Ja zur Mutterschaft entwickeln.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Wenn es sich fremd anfühlt

Eltern können eine Entscheidung des Kindes in Themen, die sie grundlegend anders getroffen haben, wie einen unbekannten Gast behandeln. Was bringt dieser Gast mit? Was macht den Schmerz aus? Woher kommt die Enttäuschung? Neugierig und offen können Sie sich selbst Fragen stellen: Was war oder ist so erfüllend an der Elternschaft für mich? Wie hätte mein Leben ohne Kind ausgesehen?

Nach dem „Beschnuppern“ der fremden Entscheidung, dem unbekannten Gast, könnte ein gemeinsames Gespräch mit der Tochter folgen. Dabei hilft ein klarer, unter Umständen bisher unüblicher Gesprächsrahmen: „Ich habe etwas, das ich in Ruhe mit dir besprechen möchte. Hast du in den nächsten Tagen einen Zeitpunkt, der gut für dich ist?“ Außerdem tut es dem gegenseitigen Verständnis gut, den Austausch in eine liebevolle Haltung der Annahme zu kleiden: „Ich nehme deine Aussage sehr ernst. Hilf mir, das besser zu verstehen. Hast du das Muttersein bei mir als belastend erlebt?“ Eltern dürfen dabei auch ehrlich fragen: „Gibt es etwas, in dem dich unser gemeinsamer Weg verletzt hat?“

Jede Antwort des Kindes in diesem Gespräch ist kein Gesetzesentwurf, sondern ein Statement mit dem aktuellen Tagesdatum. Darauf ohne Wertung mit „Ich denke weiter darüber nach …“ oder „Danke, für den Einblick in deine Gedanken“ zu antworten, stärkt das Vertrauen. Es kann helfen, die Akzeptanz für die Entscheidung wachsen zu lassen, bis eine vorsichtige Freundschaft zu dem zuvor fremden Gast entsteht.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“

Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Hat mein Kind eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Wenn junge Menschen wenig essen, machen sich die Eltern schnell Sorgen: Handelt es sich um eine Essstörung? Eine Psychologin klärt auf.

Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Eltern oft Hemmungen haben, ihre Kinder direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten des Sohnes oder der Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an dem gesamten Befinden Ihres Kindes, nicht nur an seinem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt es etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Midlife: Wann steht eine berufliche Veränderung an?

In der Lebensmitte bietet sich die Chance für eine berufliche Veränderung. Businesscoach Carmen Gladhofer gibt Tipps für den Entscheidungsprozess.

Rums! Der Kofferraum unseres Autos ist zu. Wir steigen ein und machen uns auf den Rückweg nach Hause. Gerade haben wir nun auch das jüngste Kind ausgezogen – in ein WG-Zimmer am neuen Studienort. In mir dreht ein Karussell seine Runden: Freude, Angst, Traurigkeit und Wut wechseln sich munter bei der Steuerung meiner Gefühle ab. Wir wissen beide, dass jetzt auch für uns ein neues Leben beginnt – und damit auch die unausweichliche Frage im Raum steht: Was kommt nun?

So könnte ein Roman beginnen. Oder euer echtes Leben aussehen. Denn so oder ähnlich ergeht es allen, die Kinder haben und diese irgendwann in das eigene Leben entlassen: Die Kinder werden flügge, auch wenn die Zimmer vielleicht noch nicht komplett leer sind. Die Freude über die wiedergewonnene Freiheit hat sich gegenüber der Traurigkeit über das Ende der intensiven Familienphase vielleicht noch nicht durchgesetzt. Und dennoch gilt es, sich in diesem irgendwie neuen Leben wieder einzufinden. Als Mutter, Vater, als Paar – im Alltag und im Berufsleben. Oft stellen sich die Fragen: Soll sich beruflich noch einmal etwas ändern? Wollen wir noch einmal neu durchstarten? Oder soll alles bleiben, wie es ist?

Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen: Bei einem Paar will einer endlich die berufliche Veränderung, der oder die andere möchte die berufliche Komfortzone auf keinen Fall verlassen. Das Leben bietet schließlich mehr als Arbeit. So oder so geht es nun darum, die Ist-Situation darzustellen, neue Möglichkeiten durchzuspielen, Entscheidungen zu treffen und mögliche (finanzielle) Auswirkungen auf die Familie abzuwägen.

Berufliche Veränderung – was bedeutet das?

Wichtig ist, sich die Frage zu stellen, was berufliche Veränderung für dich oder euch konkret heißt. Bedeutet Veränderung …

  • dass der erlösende Ausstieg aus dem Hamsterrad des täglichen Jobfrustes möglich wird?
  • eine Anpassung des groben Rahmens der Arbeit: den inhaltlichen Schwerpunkt oder den Grad der Verantwortung leicht anzupassen?
  • einen Neustart zu wagen: den Wechsel in eine andere Abteilung, ein (neuer) Job an einem anderen Ort, das Absolvieren einer Weiterbildung?
  • endlich Gerechtigkeit zu erfahren im Hinblick auf den Anteil von Familienorganisation und eigener beruflicher Entwicklung oder bezogen auf das Erwirtschaften des Familieneinkommens?
  • die Möglichkeit, ein lange erträumtes Projekt gemeinsam Realität werden zu lassen?
  • die Arbeitszeitmodelle anzupassen?

Sicherlich schwingt in den meisten Fällen die Frage mit, ob man sich die gewünschte Veränderung überhaupt leisten kann.

Reflexion hilft

Ein gewisses Gedankenkarussell ist normal, wenn es darum geht, ob und welche Art von beruflicher Veränderung ansteht. Das ist schon bei Alleinstehenden so. Bei Paaren verdoppeln sich die Fragen, zudem werden die Antwortkombinationen um ein Vielfaches komplexer. Umso wichtiger ist es, die bisherigen Muster in eurer Entscheidungsfindung (zum Beispiel einer gibt die Richtung vor, oder ihr hört vor allem auf das Bauchgefühl) aufzubrechen und euch eine Struktur in der Bestandsaufnahme sowie der Entscheidungsfindung zu geben.

Denn um die Frage beantworten zu können, wie eure gemeinsame berufliche Zukunft aussieht, solltet ihr einige grundlegende Fragen zunächst individuell beantworten. Dafür braucht es Zeit – sowohl sehr fokussiert, aber auch mit einer inneren Gelassenheit. Also gebt euch mehr als ein paar Abende oder Tage dafür. Solltet ihr zu den Paaren gehören, bei denen die Fragen (bald) anstehen, hier einige Gedanken für eure individuelle Reflexion:

1. Steht eine Veränderung an?

Wirf für die Beantwortung dieser Frage einen Blick auf deine Bedürfnisse. Jeder Mensch trägt in gewissem Maße zum Beispiel ein Bedürfnis nach Erholung, Sicherheit, Miteinander, Wertschätzung und Erfolg sowie einer gewissen Form von Weiterentwicklung in sich. Die vermeintlich pragmatische Antwort: „In Summe passt es schon“ hilft bei der Beantwortung aber nicht wirklich weiter – sie vermeidet eine echte Antwort. Was solltest du also tun?

  • Frag dich: Welche Bedürfnisse habe ich konkret?
  • Priorisiere deine Bedürfnisse!
  • Frag dich: Wie gut sind diese erfüllt?

Wichtig: Bedürfnisse gehören zu dir. Sie sind stabil, das heißt: Ein Bedürfnis begegnet dir nicht nur im Job, sondern auch im Privaten und kann damit in beiden Bereichen erfüllt werden. Wenn du zum Beispiel das Bedürfnis der Zielerreichung hast, kann das beruflich deine zentrale Motivation sein und privat der Antrieb, um für einen Halbmarathon zu trainieren. Liegt dein Bedürfnis eher in der Sinnhaftigkeit, willst du deine Zeit weder privat noch beruflich verschwenden.

Deine Gefühle liefern den entscheidenden Hinweis, ob deine Bedürfnisse ausreichend erfüllt sind – auch wenn die Kollegen ganz anders empfinden. Neben den Bedürfnissen spielen weitere Faktoren bei der Frage nach einer Veränderung eine wichtige Rolle. Denn auch wenn dir beispielsweise Qualität sehr wichtig ist, heißt dies nicht zwangsläufig, dass du in der Qualitätssicherung am besten aufgehoben bist.

2. Was sind deine Kompetenzen?

Es ist wichtig, zu wissen, welche Kompetenzen du hast. Dabei sind folgende Kompetenzen voneinander zu unterscheiden:

  • Welche fachlichen Kompetenzen hast du erworben (aufgrund einer Ausbildung/Studium oder der praktischen Erfahrung)?
  • Welche Kompetenzen hast du in der Zusammenarbeit?
  • Wie steht es um deine Führungskompetenzen – bezogen auf deine Selbstführung und die Führung von Mitarbeitenden?

Verlass dich bei der Einschätzung deiner Kompetenzen nicht nur auf deine Führungskraft. Führe auch eine Selbsteinschätzung durch. Und bitte nahestehende Personen ebenfalls um eine Rückmeldung. Hab dabei im Hinterkopf: Selbst wenn einige Kompetenzen als sehr stark ausgeprägt beurteilt werden, musst du dennoch nicht die ultimative Erfüllung darin finden.

Vielleicht kommt nun auch die Frage auf, die dir während der intensiven Familienjahre immer wieder in den Sinn gekommen ist: Soll ich endlich eine andere Ausbildung oder ein weiteres Studium wagen? Woher kommt dieser Gedanke eigentlich?

3. Was bereitet dir wirkliche Freude?

Weißt du, welche (kleinteiligen) Tätigkeiten dir wirkliche Freude bereiten? Dieses Wissen bietet Hinweise auf ein mögliches Betätigungsfeld – eventuell auch ohne neue Ausbildung oder Studium. Verbiete dir Totschlagargumente wie „Das ist brotlose Kunst“. Denn damit beraubst du dich spannender Gedankenexperimente. Wie kannst du also vorgehen?

  • Beobachte dich und deine bisherigen Aufgaben zwei Wochen lang – beruflich und privat. Notiere dir: Welche Aufgaben – auch sehr kleine – hast du erledigt?
  • Frage dich: Welche Aufgaben bringen dir Spaß (Skaliere dafür: 1 = sehr wenig bis 10 = besser geht es nicht)?
  • Überlege: Was tust du nur aus Pflichtbewusstsein? Welche Aufgaben fehlen dir?
  • Informiere dich: Welche Jobs beinhalten die Dinge, die dir besondere Freude bereiten? Auch wenn sie zunächst nichts mit deinem erlernten Beruf zu tun haben. Auch wenn du glaubst, dass sich das finanziell alles nicht darstellen lässt. Lass die Themen auf dem Zettel stehen und eine Zeit ergebnisoffen auf dich wirken.
  • Sprich mit einer Vertrauensperson über deine Ideen und Gedanken – ohne direkt zu bewerten oder zu entscheiden.

4. Der Einfluss deiner Werte

Einfach nur den Arbeitgeber zu wechseln, ist in der Regel keine Lösung. Gerade dann, wenn du dir sicher bist, dass es nicht dein eigentlicher Job ist, der dich frustriert. Wirf dazu einen Blick auf deine Werte, um anschließend zu klären, inwieweit dein aktueller oder ein potenzieller Arbeitgeber diese Werte teilt. Denn auch hier kann Frustrationspotenzial liegen. Deine Werte werden damit zu einer Art Richtschnur, um ein mögliches neues Umfeld auf Passgenauigkeit hin zu testen. Frag dich also beispielsweise:

  • Welche Kultur des Miteinanders, was für ein Umfeld benötigst du?
  • Wie wichtig sind dir eine klare Hierarchie im Vergleich zu dem individuellen Freiheitsgrad?
  • Wie wichtig ist dir (und was daran genau) das Miteinander im Team und mit deinen Vorgesetzten?
  • Wie wichtig ist dir nachhaltiges Denken und Handeln eines Arbeitgebers?

Setz dich mit dir und deinen Werten auseinander und prüfe anhand der Unternehmensphilosophie, der proklamierten Werte oder (eingeschränkt) auch der Erfahrungsberichte in den sozialen Medien, inwieweit dein (möglicher neuer) Arbeitgeber gut zu dir passt.

5. Wie wird entschieden?

Die kompetenteste Person, um einen Entschluss für deine weitere berufliche Zukunft zu treffen, bist du! Deshalb solltest du auch, bevor ihr als Paar wieder miteinander in das Gespräch einsteigt, eine eigene Entscheidung treffen, welche Präferenz du für dich hast.

Die Vision deines Lebens und die darauf einzahlende berufliche Mission (die all die zuvor genannten Aspekte umfasst) bieten eine abschließende Entscheidungshilfe und bereiten den Weg in das gemeinsame Gespräch und die anstehende Entscheidungsfindung. Wie darauf basierend die Entscheidungsfindung gelingen kann? Die Antwort darauf gibt es in Teil 2 dieser Serie.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Hier geht es zu Teil 3: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Hier geht es zu Teil 4: Wie der Bewerbungsprozess gelingt

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Mental Load: Was hinter dem neuen Stressbegriff steckt

Mental Load: Der Modebegriff lässt Familienarbeit hauptsächlich als Belastung erscheinen. Ist das gerechtfertigt?

Wenn unsere Kinder heranwachsen und als Erwachsene eine Partnerschaft gestalten, tauchen Themen aus unserem eigenen Leben plötzlich in einem anderen Licht auf. Ich erlebe, dass unsere Töchter über manches Arrangement zwischen meinem Mann und mir die Augen rollen. Sie werfen uns vor, dass wir in patriarchalen Strukturen festhängen und dass ich null feministische Entwicklung durchgemacht habe.

Ich kann das in der Regel wohlwollend als eigene Meinung einer neuen und selbstbestimmten Generation einordnen. Eine Diskussionsebene jedoch hat sich bei mir anders angefühlt: Schon länger lese ich in sozialen Medien vom Sichtbarmachen des Mental Loads. Und ich gebe zu: Für mich ist das beim ersten Betrachten totaler Quatsch. Wenn mein Mann und ich unseren Alltag mit dem dazugehörigen Mental Load sichtbar machen würden, wäre schnell klar: Ich habe viel. Er hat viel.

Ich habe nie verstanden, warum feministisch geprägte Frauen darum kämpfen, ihre Gedanken als „Load“, als Belastung zu beschreiben. Für mich ist diese Definition eine falsche Grundannahme. Es ist für mich kein „Load“, keine Belastung, wenn ich an Zahnarzttermine, Kindergeburtstagsgeschenke oder den Elternbrief für die Schule denken muss. Klar – es fordert mich. Aber ich habe mich in dieses Abenteuer Familie mit all den unsichtbaren und sichtbaren Aufgaben begeben. Sie gehören für mich dazu.

Erschöpfende Care-Arbeit

Wenn ich in den sozialen Medien von Mental Load lese, spüre ich, dass es mich piekst, wenn Familienarbeit und Care-Arbeit als Belastung, als Erschöpfungsquelle gesehen werden. Natürlich sind Nächte mit weniger als drei Stunden Schlaf und tägliche Diskussionen beim Anziehen eine große körperliche Aufgabe. Natürlich kostet es unglaublich viel Kraft, wenn ein vierjähriges Kind seine Emotionen trainiert. Ich habe oft heulend vor Wut auf mich selbst auf dem Badewannenrand gekauert und mich lieber in ein Meeting gewünscht. Aber mich stört die grundsätzliche Annahme, dass Alltagstätigkeiten in der Familie eine Belastung sind. Diese Annahme macht mich ratlos. Ich möchte am liebsten sofort, wenn jemand dieses Wort benutzt, ein kleines Grundsatz-Referat halten.

Während ich also meine Meinung über Mental Load ausplaudere, explodieren meine Kinder. Sie sind irritiert und entsetzt. Sie verstehen nicht, warum ich grundsätzlich so anders an dieses Thema herangehe, weil sie so viel Gutes daran finden. Meine Tochter und ihr Mann besprechen viele der für mich natürlich zugeordneten Aufgaben, um zu schauen, wer was erledigt. Da gibt es keine Zuordnung für Mülleimer, Abwasch, Geburtstagsgeschenke. Stattdessen werden diese Themen täglich oder wöchentlich besprochen und durchdacht. Für mich scheint das energiebindend, für sie nicht. In der Diskussion spüre ich ihren Eifer, und das bewegt mich. Liege ich so falsch mit meiner inneren Distanz zu dem Thema?

Keine echte Wahl

Ich hole mir Rat bei Priska Lachmann, die ihre Masterarbeit über Mental Load geschrieben hat. Sie gibt mir einiges zu bedenken:

  • Patricia Cammarata, eine der führenden deutschen Autorinnen zu Mental Load, betont in ihrem Buch „Musterbruch“, dass es auch Frauen gibt, die es als erfüllend empfinden, Mutter und Hausfrau zu sein. In einer gerechten Welt hätten die Menschen die Wahl, ob sie erwerbstätig sein oder sich um ihre Kinder kümmern wollten. Eine gerechte Welt würde aber auch dafür sorgen, dass Menschen unabhängig von ihrer Entscheidung nicht finanziell abhängig sind und auf Altersarmut zusteuern. Dann hinge die Wahl auch nicht davon ab, wer mehr verdient. Und es würde auch nicht der Eindruck entstehen, dass Pflegearbeit etwas Lästiges ist.
  • Die Philosophin Tove Soiland betont, Fürsorge sei ein Geschenk, das nicht in Handlungen besteht, sondern in der Beziehung: „Die Gebende gibt einen Teil von sich.“ Fürsorge brauche unverplante Zeiten, tiefe Gespräche, emotionalen Austausch, schreibt auch Patricia Cammarata. Sie könne nicht mit bloßer Versorgung gleichgesetzt und nicht zweitrangig neben der Erwerbsarbeit gesehen werden.
  • Wir halten es für erstrebenswert, uns auf die Erwerbsarbeit zu konzentrieren und dem männlichen Stereotyp zu folgen, führt Cammarata weiter aus. Doch damit werten wir Sorgearbeit ab und ignorieren, dass das männliche Stereotyp auch Nachteile haben kann

Scheinbar klassische Rollen

Ich verstehe neu in der Diskussion, dass es sowohl meinen Kindern als auch den Autorinnen darum geht, sichtbar zu machen, was unsichtbar ist. Sie wollen das Innerdynamische der Familie aufwerten. Und zwar nicht auf der Ebene der praktischen To-do-Liste, sondern tiefer und grundlegender. Es geht um eine Unsichtbarkeit, die in einer Ehe oder Beziehung zu einem Ungleichgewicht führen kann. Das hat nichts mit Begabung zu tun, sondern mit Bequemlichkeit oder gar mit sozialem und auch falsch verstandenem Druck.

Vielleicht sind mir diese Diskussionen auch deshalb fremd, weil bei meinem Mann und mir die scheinbar klassischen Rollen zu unseren Begabungen passen. Ich bin eine Chaotin, mir machen volle Mülleimer nichts. Mein Mann hingegen kann entspannt über mit Zahnpasta verzierte Spiegel hinwegsehen, was mich rasend macht. Während ich mir im Januar eines Jahres verschiedene Vorsorgetermine setze und immer auch gleich die der Kinder mitgeplant habe, erträgt mein Mann die Situation in einem Wartezimmer besser. Deshalb hat er sich mit den Kindern zu geplanten und ungeplanten Arztterminen begeben.

In einer Phase unserer Familie war ich 100 Prozent zu Hause und Henrik 100 Prozent in Erwerbsarbeit. Einige Jahre später war ich 100 Prozent erwerbstätig und Henrik hat neben seiner 50-Prozent-Stelle wichtige Fürsorgearbeit geleistet – unsichtbare Arbeit, die ihm keine Rentenpunkte ermöglichte. Ich finde unser Miteinander gut und fühle mich wohl darin. Unsere starken Töchter und unser empathischer Sohn zeigen mir jedoch: Im Leben heute wird eine Rollenneutralität verlangt, ja fast schon gefordert. Eine kochende, selbstbewusste junge Frau ist fast schon zu hinterfragen und ein handwerklich begeisterter junger Mann wird irritiert zur Kenntnis genommen.

Mental Load: Eine unsichtbare Last

Aber zurück zum Mental Load: Wenn ich an die Kleinkindphase unserer Familie zurückdenke, kann ich mir kaum vorstellen, wie ich die kleinen und unsichtbaren Aufgaben auf einer Tafel oder in einer Handy-App hätte benennen sollen. Wie wäre wohl mein junges Mama-Ich heute? Würde ich die Postkarte an meine Großmutter auf die To-do-Liste schreiben oder die Postkarte einfach schreiben und meinem Mann zur Unterschrift vorlegen? Würde ich Freunde zum Essen einladen und unsere Speisekammer durchchecken, ob Essbares da ist? Oder würde ich die Idee zur Einladung auf die To-do-Liste schreiben und mehr nicht?

Ich übe mich darin zu spüren, dass das Sichtbarmachen der Care-Arbeit keine Verkomplizierung bedeutet, sondern eine Aufwertung. Und dass es darum geht, dem anderen zuzutrauen, dass er sich auch kümmern will. Dass das Leben gemeinsam zu gestalten ist. Es soll nicht eine Person in der Partnerschaft über Gebühr erschöpft, sondern der Alltag gemeinsam gestaltet werden. Nun fallen mir mehr und mehr Beispiele ein, die den Wert von Fürsorge unsichtbar machen. Immer mehr Momente, in denen ich meinen Partner mehr einbinden will. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr merke ich: Es gibt tatsächlich eine Last, die ich trage. Ich empfinde es als Last, ein bezahlbares Urlaubsdomizil zu finden, die Beziehung zu den Kindern zu gestalten und als Paar den Glauben zu leben.

Nachdem ich mich ausreichend über das Wort aufgeregt habe, spüre ich, dass es auch in meinem Leben Mental Load gibt, den ich nicht teile. Bei manchen Aufgaben wünsche ich mir, dass wir gemeinsam darauf schauen und zusammen eine Lösung entwickeln: bei der Gestaltung des nächsten Erntedankfestes mit unseren Kindern oder der inneren Nähe zu Freunden. Ich wünsche mir, dass meine Fürsorgearbeit genauso wertvoll ist wie die Bankgeschäfte meines Mannes.

Wow! Wieder einmal haben meine Kinder mir etwas Neues beigebracht. Ich darf die kleinen Nuancen der Alltagsideen, die in meinem Kopf hin- und herspringen wie lustige Tischtennisbälle, auf die To-do-Liste schreiben. Und während Henrik morgens Zeitung liest, kann ich ihm diese Liste zeigen. Erstaunlicherweise hat er praktische und entlastende Ideen, wie aus meinen hüpfenden Gedanken eine sinnvolle Reihung von Alltagsperlen wird. Wie gut, dass wir darüber reden und zusammen unsere Jobs und Familie gut füllen wollen. Dass wir sichtbar machen wollen, was auch in unserem Alltag immer noch verborgen ist. So suche ich weiter nach einem Wort, das Familienarbeit mehr würdigt, und bin doch sensibler geworden durch die aktuelle Diskussion.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und lebt mit ihrem Mann Henrik in Göttingen.

Wie wir Erwartungen loslassen können

Sonntagsbesuche, Enkel und Pralinen: Oft haben wir bewusste oder unbewusste Erwartungen an unsere erwachsenen Kinder. Die gilt es zu hinterfragen.

Eine Schoki für ihn, ein paar Nüsse für sie und eine Dankeschön-Karte. Unsere Tochter kommt in ihr Wohnzimmer und überreicht uns, die wir bei ihr zu Besuch sind, zum Dank für eine Unterstützung diese Kleinigkeiten. Ich bin gerührt und erfreut, denn ich hatte (fast!) nichts erwartet. Ach, wie ist das schön, dass sie honoriert: Die Eltern haben sich Zeit genommen!

Upps, gestolpert!

Ich muss schmunzeln, denn ich habe so meine Geschichte mit den Erwartungen. Früher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber jede Menge Erwartungen gepflegt. Vor Jahren habe ich ein großes Opfer gebracht, nämlich als damals Schmerzkranke zugestimmt, dass noch eine Person mit in den Urlaub kommen könne. Ich wusste früher nie, wann ich aufgrund meiner Schmerz-Problematik ausfallen würde, und wollte meinen Besten nicht mit Mehrarbeit im Urlaub belasten. Deshalb habe ich es mir dreimal überlegt, ob ich das wage. Es wäre aber ein gutes Gegenüber für unseren Sohn. Der liebe Mensch wurde also eingeladen, sagte zu und genoss mit uns die Ostseewoche. Und dann kam der Tag des Abschieds. Ich war davon ausgegangen, dass ich eine Packung Pralinen in die Hand gedrückt oder ein paar Worte ins Ohr geflüstert bekomme. Aber nichts dergleichen geschah. Einfach „Tschüss“. Die Autotür fiel ins Schloss.

Was war ich enttäuscht! Meine schöne Urlaubsfreude bekam einen gewaltigen Knick. Ich schwelgte in Enttäuschung, Frust, Traurigkeit. Mein Bester ist stoisch tiefenentspannt, was die Erwartungen an andere Menschen angeht. Früher hat das in mir eine Mischung aus grenzenloser Bewunderung, etwas Wut und Neid erzeigt. Jedenfalls lehrte er mich, ins Loslassen zu finden. Recht hatte er, denn was würde ein erbetenes Dankeschön bedeuten? Gar nichts. Außerdem musste ich ehrlich eingestehen, dass ich als Teenie auch nicht weiter war als der liebe Mensch. Seit dieser Ostseestory bin ich aufmerksamer in Sachen Erwartungen.

Keine Enkel in Sicht

„Manchmal würde ich mir wünschen, sie kommen sonntags einfach mal zum Kaffeetrinken vorbei. Die haben komplett keine Zeit für sowas, sind voll in ihrer Kirche eingespannt“, drückt eine dreifache Mutter erwachsener Kinder ihre enttäuschte Sonntagserwartung aus. Manchmal geht’s um noch mehr als einen einsamen Sonntagnachmittag. Es geht um die richtig großen Knackpunkte enttäuschter Erwartungen.
Ein gemütlicher Abend bei mir zu Hause: Im vertrauten Kreis tauschen wir uns aus. Irgendwann kommt von einer Freundin der Satz: „Sie haben uns mitgeteilt, dass sie keine Kinder bekommen möchten.“ Große Betroffenheit. Keine in der Runde sagt: „Wie schön! Dann hast du ja viel Zeit für dich und brauchst keinen Enkel betreuen.“ Im Gegenteil, wir hätten ihr so sehr Enkel gegönnt. Es ist schön, dass wir so kinderlieb und menschenfreundlich reagieren. Aber lebt in uns allen, die wir erwachsene Kinder haben, vielleicht doch manchmal eine geheime Erwartung an die Bilderbuch-Familie? Zwei Enkel, Haus und Garten mit Apfelbaum? Allzeit entspannt und besuchsbereit?

Die Realität ist oft anders: Die Tochter kann keine Kinder bekommen. Dem Sohn stirbt die Verlobte. Die Tochter ist lesbisch und möchte als Single leben. Der Sohn ist chronisch krank und traut sich keine Kinder zu. Sie haben als Paar um ein Pflegekind gekämpft und es nach kurzer Zeit wieder abgeben müssen. Sie musste sich scheiden lassen, weil es nicht mehr gemeinsam ging. Er möchte in die Mission, und selbst wenn Kinder kämen, würden die Großeltern sie wenig zu Gesicht bekommen. Das alles ist für viele von uns die oft schmerzhafte Realität, wie für andere eine satte Enkelschar, die im Obstgarten schaukelt. Vielleicht ist es an der Zeit, uns von einigen Erwartungen zu lösen? Ich möchte einige Scheren anbieten, mit denen wir unsere Erwartungsballons abschneiden und steigen lassen können.

Berechtigt oder unberechtigt?

Gibt es unberechtigte Erwartungen? Diese Frage lohnt sich durchzuspielen. Denn sie führt uns zu unseren geheimen Schmerzpunkten. Bezogen auf unsere Beziehungen können wir das einmal durchdenken: Welche meiner Erwartungen sind berechtigt und welche nicht?

Wenn ich bei meinen erwachsenen Kindern bin, darf ich sicherlich erwarten, dass ich irgendwann etwas zu essen auf den Tisch gestellt bekomme. Ein dauerhaftes Recht auf einsamkeitsreduzierende Besuche oder ständige ausführliche Teilhabe am erwachsenen Leben unserer Kinder haben wir aber nicht. Ebenso haben wir natürlich kein Recht auf Enkelkinder oder ein Gästezimmer im Zuhause unserer Töchter und Söhne.
Es geht darum, unberechtigte Erwartungen loszulassen! Wir müssen sie finden, entlarven und anschließend loslassen. Wenn ich meine Erwartungen gefunden habe, schmunzele ich oft erstmal ein Ründchen: Da hat es mich doch wieder erwischt. Nun heißt es: den Schmerz fühlen. Denn der darf sein. Wie man sich vom Schmerz lösen kann? Durch Bewusstwerden, manchmal auch durch Teilen mit vertrauten Menschen. Mir hilft zum Loslassen außerdem, die Dinge mit Gott im Gebet zu bewegen. Und manchmal sage ich innerlich den Satz: „Ich gebe dich frei für dein Leben!“ Damit verabschiede ich das erwartete Geschenk, ein Dankeschön oder die Teilnahme an einem Fest.

Druck rausnehmen

Ich bin sensibler für meine Erwartungen geworden, denn ich kenne auch die andere Seite der Medaille: Andere Menschen haben ihre Erwartungen an mich. Wie das stressen kann! Du investierst dich und weißt schon vorher: Es genügt nicht! Du spürst Verbitterung, fühlst Vorwürfe, bekommst Schuldgefühle. Druck belastet. Druck entmutigt. Wie eine unsichtbare Wand steht er zwischen mir und den anderen.
Manchmal habe ich mich mit Hilfe eines Rituals von diesem Druck befreit: All den Ärger und die negativen Gefühle aufgeschrieben, den Zettel anschließend in Gottes Hände gelegt und im Kamin vernichtet. Weil ich das selbst so belastend erlebt habe, möchte ich großherziger meinen erwachsenen Kindern gegenüber sein. Denn worauf habe ich, haben wir, ein Recht? Meiner Meinung nach weder auf ein Geschenk noch auf einen Sonntagsausflug, ein Enkelkind oder auf Pflege im Alter. Generell habe ich auf fast nichts ein Recht. Alles, was von ihrer Seite zu mir zurückkommt, sind Geschenke. Da gibt es keine offenen Rechnungen, die beglichen werden müssen. So zumindest die gute Theorie …

Noch eine Extrarunde zum Druck: Ich glaube, dass man als Kind auch Druck spüren kann, wenn Eltern nicht klar sind in ihrer Position. Vielleicht spüren Kinder manchmal eine Last, weil Eltern nicht richtig wissen, wie sie zur Sache mit dem Sonntagsausflug, der Scheidung oder der Homosexualität stehen. Im besten Fall sollten die Kinder fühlen und wissen, dass alle Lebensentscheidungen von uns Eltern nicht nur verbissen, resigniert, unentschieden oder leicht angesäuert durchgewunken werden, sondern bejaht sind. Auch wenn sie unseren Überzeugungen nicht entsprechen. Das ist Respekt. Das ist Loslassen. Das ist Liebe. In dem Moment, wo wir andere aus unseren Erwartungen entlassen, entsteht eine unglaubliche Freiheit.

Jesus und die Erwartungen

Wir haben Erwartungen an andere und andere an uns. Das ist normal und kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Wir werden einander immer etwas schuldig bleiben. Wie schön ist das, wenn wir diesen Satz tief auf dem Herzensboden verankert haben! Denn er wird uns von unseren Idealvorstellungen befreien: Weder Partner, Kinder, Eltern, Freundinnen oder Vorbilder werden all unsere Erwartungen erfüllen können. Also „einfach“ die Erwartung spüren, die Enttäuschung bemerken, schmunzeln und zuletzt loslassen?

Vielleicht kann man von Jesus lernen: Er sollte sich in seine Familie einordnen, Sünder verurteilen, Sünder begnadigen, rechtzeitig da sein, sich für Prominente interessieren, er soll weggehen und nicht mehr hier das Reich Gottes wirken oder da bleiben und weiterhin Gottes Reich ausbreiten, er soll … Wenn wir die Evangelien daraufhin durchschauen, kann man sich fragen: Jesus, wie hast du das bewältigt? Die 1.000 Erwartungen, die andere teils lautstark geäußert haben?

Jesus hatte einen inneren Kompass. Häufig hat er sich ausgerichtet. Deshalb suchte er die Einsamkeit, damit der Fokus wieder klar war. Und was ist dabei herausgekommen? Dass er immer wieder für die Menschen da war, auch schon mal die zweite Meile mitgegangen ist und sich an anderer Stelle den Erwartungen entzogen hat. Nein, er vollbringt keine Wunder, nur um sich zu beweisen. Nein, er passt sich nicht an die Erwartung seiner Herkunftsfamilie an. Nein … Die Erwartungen Gottes, seines Vaters, haben für ihn weitaus größere Bedeutung als die Erwartungen der Menschen.

Loslassen

Können wir das abkupfern? Davon lernen, es verinnerlichen? Erst gestern wollte eine liebe Frau zeitnah ein Treffen mit mir vereinbaren. Sie erwartete, dass ich in der nächsten Woche Zeit hätte. Ich spürte beide Regungen: Gern möchte ich helfen, und gern möchte ich meine Grenzen achten. Nach einer halbwegs guten Nacht habe ich ihr erst einen Termin in vier Wochen zugesagt, damit ich mich nicht übernehme. Manchmal ist also Abstandstraining eine Lösung, um uns von Erwartungen zu befreien.

Das Schlüsselwort im Umgang mit den Erwartungen ist: loslassen. Fliegen lassen. Ziehen lassen. Dann entsteht Freiheit. Es ist der offene, erwartungsärmere, gute Umgang miteinander. Vielleicht passiert dann etwas völlig Unerwartetes. Nämlich, dass ein Kind doch sonntagnachmittags vor der Tür steht, du die Schoki in die Hand gedrückt bekommst oder ein Gespräch mit deinen großen Kids hast, das Gold wert ist.

Kerstin Wendel ist Autorin, Speakerin und Seminarleiterin aus Wetter/Ruhr. Gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich hat sie das Buch geschrieben: Vom Glück des Loslassens – wie Herz und Leben leicht werden (SCM R.Brockhaus).

Was uns wichtig ist

Erwachsene Kinder haben einen anderen Blick auf die Welt als ihre Eltern. Trotzdem können wichtige Werte noch weitergegeben werden.

Wir sind mit unserem erwachsenen Sohn und seinen zwei Kumpels zusammen in Italien im Urlaub. Eine schöne Zeit für uns: Wir sehen, wie diese drei jungen Erwachsenen ihren Tag planen, wie sie miteinander umgehen und wie sie diskutieren und die Welt sehen. Dabei stellen wir fest, dass sich unser Blick auf die Welt von ihrem unterscheidet. So diskutieren wir unter anderem darüber, wieso sich die Freunde unseres Sohnes nicht ehrenamtlich engagieren. Oder wieso sie den Klimawandel für sich als gegeben annehmen und nicht mehr kämpfen.

In einem kurzen Moment in der Küche nimmt mein Sohn mich in den Arm und sagt: „Na, Mama, du merkst, ihr habt einiges richtig gemacht. Wir haben als Kinder immer gelernt, wie wichtig es ist, sich in andere zu investieren. Und mir fällt das gar nicht schwer!“ Können wir am Leben unserer Kinder sehen, welche Werte Bestand haben? Können wir sogar nach der prägenden Familienphase noch Werte weitergeben?

In den Teenager-Jahren und der ersten Zeit als junge Erwachsene werden viele Werte aus dem Familienleben von den Heranwachsenden überprüft. Dabei gehen sie in Distanz zu ihren Eltern und betrachten deren Leben kritisch. Das beginnt mit den Mahlzeiten und dem Freizeitverhalten, richtet sich darauf, wie man sich kleidet oder einrichtet und reicht bis hin zu großen ethischen Themen und Debatten. Nicht selten haben mein Mann und ich diese Diskussionen als Erschütterungen wahrgenommen: „Eben fandet ihr doch alles noch gut und jetzt …?“ Mir hat es geholfen, mich den Auseinandersetzungen mit unseren Kindern zu stellen, um in ihrer Nähe zu bleiben – auch wenn es wehtat. Umso mehr begeistert es mich, wenn ich an ihrem Handeln plötzlich entdecke: Da schimmert ein Wert durch, der meinem Mann und mir auch wichtig ist.

Kleine T-Rex-Ärmchen

Werte sind eine Art innerer Kompass. Werte legen den Grundstein dafür, wie wir leben und arbeiten. Sie sind Grundprinzipien für das Miteinander und legen Eigenschaften und Ideale fest. Bei all der Schnelllebigkeit heutzutage geben Werte eine Grundausrichtung vor, eine Art roten Faden, der Kräfte bündelt und dabei hilft, die eigenen Grundsätze nicht aus den Augen zu verlieren. Meine Werte bieten mir die Möglichkeit, wie bei einem Sandkasten meine Handlungen, Ideen oder Möglichkeiten durch ein Sieb zu geben und die wichtigsten Dinge herauszufiltern. Dazu gehören für mich die klassischen christlichen Werte. Als Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird (Markus 12,28 ff), stellt er ein Beziehungsgeflecht vor, das von Wertschätzung, Respekt und Achtung lebt: „Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Immer wieder hat uns diese Schablone motiviert, von uns weg zu sehen. Das ist ein Blick, den wir besonders mit den erwachsenen Kindern brauchen. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie liebevoll sie ihre Geburtstagsessen dekorieren, wie sie Waffelbacktage veranstalten, wie sie für jemanden da sind oder die Schulden des anderen bezahlen. Das sind Werte, die sie durch das Leben mit uns mitbekommen haben.

Werte sind in unserer Familie immer wieder Thema. Wir freuen uns darüber, wie die anderen sich entwickeln. Wir sehen uns gern und stellen uns dabei immer wieder einer gemeinsamen Reflexion. Das haben wir schon gemacht, als die Kinder im Kindergartenalter waren. Bis heute wird erst zwinkernd gefrotzelt: „Na, Mama, hast du wieder eine pädagogische Übung für uns?“ Trotzdem erleben wir diesen Wert des qualitativen Austausches. Und ich sehe daran, wie sie ihre Freundschaften gestalten, dass sie sich bemühen, auf die Bedürfnisse des anderen zu achten und in eine Reflexion mit dem anderen kommen. Es ist schön und spannend zu sehen, wie unsere Werte in ihrem Leben präsent bleiben, sich aber auch verändern. Wenn wir zum Beispiel über das Schlafverhalten von Babys oder vegane Ernährung diskutieren oder über eigenständiges Handeln mit Aktien, ohne einen soliden Bankberater hinzuzuziehen, verwandle ich mich in einen kleinen Dinosaurier. Ich rudere empört mit den kleinen T-Rex-Ärmchen und fühle mich manchmal ungerecht behandelt.

Ins Gespräch kommen

Als wir mit den Freunden unseres Sohnes im Italienurlaub darüber reden, blickt mich einer von ihnen ernst an und sagt: „Meine Eltern haben mit uns nie über so etwas geredet. Das sind Gedanken, die ich mir heute zum ersten Mal mache.“ Manchmal brauchen wir in unserem Familienalltag Hilfe darin, Worte zu finden. Es geht darum, nicht nur einfach zu leben und tatkräftig zu sein, sondern auch darüber zu sprechen. Warum höre ich der Nachbarin am Gartenzaun zu? Warum bemühe ich mich, den Müll zu trennen? Warum finde ich es wichtig, zu spenden? Warum verteidige ich meine Kinder oder spreche liebevoll über meinen Ehemann? Es ist nie zu spät, diese Diskussion aufleben zu lassen. Dabei kann es herausfordernd sein, wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt und das Gespräch scheinbar zum Erliegen kommt. Mir hilft es, Fragen zu stellen: Warum möchtet ihr kein Auto haben? Weshalb hast du dich gegen die Mitarbeit in der Kirchengemeinde entschieden? Gibt es eine gesellschaftliche Entwicklung, die dir gerade Sorgen macht? Bist du jemandem in den letzten Wochen eine Hilfe gewesen? So bleiben Werte in Kopf und Herz.

Vor ein paar Tagen saß ich in einem Gottesdienst neben einem alten Mann. Er stützte sich auf seinen Rollator, hörte zu, sang aber nicht mit. Nach dem Gottesdienst habe ich mich ihm zugewandt, weil ich nicht unfreundlich sein wollte. Ich hörte an seinem Akzent, dass er nicht in dieser Region geboren ist und erfuhr, dass er seit 55 Jahren zu dieser Gemeinde gehört. Nach ein bisschen Erzählen wusste ich, dass er 44 Enkel und zehn Urenkel hat. Dass er und seine Frau jeden Tag mit einem dieser Enkel telefonieren und für zwei dieser Enkel und Urenkel beten. Dass sie von allen wissen, was sie gerade tun und brauchen, und dass sie versuchen, an ihrem Leben Interesse zu zeigen. Beim Zuhören flossen mir die Tränen. Was für ein großartiges Geschenk! Was für ein Reichtum! Ich hoffe, dass die Enkel dieser Familie diesen Wert schätzen können und ihn weitergeben: Interesse am anderen zu haben.

In Italien haben wir unter anderem darüber gesprochen, dass mein Mann und ich uns wünschen, dass die junge Generation idealistischer wird. Vielleicht beginnt es damit, dass wir unsere Ideale prüfen und weiter vorleben, sichtbar werden lassen und so diese Werte stetig ins Gespräch bringen.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Göttingen.

Erwachsene Kinder: Wie viel Neugier ist okay?

Sobald die Kinder aus dem Haus sind und ihr eigenes Leben führen, muss sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern neu ordnen. Wieviel Nähe und Nachfragen ist nötig oder gewünscht?

Die Eltern-Kind-Beziehung in dieser Lebensphase wandelt sich stark – und sollte dies auch, damit sie langfristig für beide Seiten als befriedigend erlebt werden kann.

Beziehung auf Augenhöhe

Der größte Unterschied liegt darin, dass kleine Kinder abhängig sind und ich sie erziehen, also in eine Richtung lenken will. Jetzt aber besteht kein Abhängigkeitsverhältnis mehr. So bin ich gefordert, in eine neue Rolle hineinzuwachsen. Bin aufgefordert, die Beziehung neu zu klären. Was macht mein Elternsein bei erwachsenen Kindern eigentlich aus? Eine besondere Form von Freundschaft über die Generationsgrenze hinweg? Was hilft beim Hineinwachsen in eine gleichberechtigtere Beziehung zwischen Erwachsenen, die auf Augenhöhe sind?

  • Ganz grundsätzlich ist, dass ich darauf vertraue und mir sicher bin, dass mein erwachsenes Kind sein Leben gut bewältigen wird. Wenn es diese Sicherheit von mir spürt, wird das schon die Beziehung entspannen.
  • Ich kann mir vornehmen, ab einem gewissen Alter Lebensentscheidungen (Beruf, Partnerschaft) des Kindes nicht mehr in Frage zu stellen. Und nachzufragen, ob es meine Meinung hören möchte.
  • Ich übe ein, mich auf eine lebendige Beziehung einzulassen. Lebendig bedeutet, dass das Nähe-Distanz-Verhältnis in Bewegung ist, wellenförmig verläuft. Deshalb bleibe ich wachsam und sensibel für mein Gegenüber mit seinen gegenwärtigen Bedürfnissen und seiner Offenheit für Nähe im persönlichen Austausch. Dieser persönliche Austausch sollte auf Gegenseitigkeit beruhen. Das heißt, die Fragen, die ich stelle, bin ich auch bereit, selbst zu beantworten.
  • Ich übe eine gleichberechtigte Beziehung ein, in der sich beide aktiv einbringen und die von beiden Seiten aus gepflegt wird. Eine Beziehung, in der Nachfragen Zeichen von gegenseitigem Interesse aneinander ist, nicht von Kontrolle.

Diese Wandlung hin zu einer Beziehung auf Augenhöhe ist ein Weg, ein Prozess. Es ist ein bewusstes Einüben, für das ich mich in jeder Begegnung neu aktiv entscheiden muss.

Zwei Problemfälle

Es gibt Eltern, die einen intensiven Kontakt einfordern, ungefragt Ratschläge erteilen und erwarten, dass diese befolgt werden. Solch ein Verhalten entspricht der alten, fürsorglichen und verantwortlichen Elternrolle, wird jetzt aber als bevormundend erlebt. Hier befindet sich die Beziehung in Schräglage, weil sie nicht mit der Unabhängigkeit des Kindes mitgewachsen ist.

Kinder, die große Probleme bewältigen müssen, zum Beispiel gesundheitlich oder psychisch, und deshalb nicht immer als Erwachsene agieren können, sind weiterhin auf unterstützende Eltern angewiesen. Um dem Kind aus seinen Schwierigkeiten wieder herauszuhelfen, bewegt man sich in einem Eiertanz zwischen Augenhöhe und Verantwortungsübernahme.

Und egal, an welchem Punkt man steht, man darf sich jederzeit zugestehen, dass man als Elternteil Unterstützung braucht. Man kann sich diese über den Austausch mit Freunden oder durch professionelle Hilfe holen. Wichtig ist, man holt sie sich.

Michaela Schnabel arbeitet als Sozialpädagogin und ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern.

Jetzt müssen die Kinder selbst entscheiden

Gut gemeinte Ratschläge der Eltern kommen nicht immer gut an. Denn die Kinder müssen ihren Weg finden – nicht die Eltern. Von Birgit Ortmüller

Als die Kinder klein waren und unseren täglichen Alltag bestimmten, habe ich immer wieder den Satz gehört: „Die Kinder werden so schnell groß.“ Im Stillen habe ich mich dann müde und erschöpft gefragt: „Wann wird das denn endlich sein?“ Ich fühlte mich Lichtjahre von diesem Zeitpunkt entfernt und spürte gleichzeitig eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit. Und dann ging doch alles so schnell. Und ich komme gedanklich und emotional kaum hinterher. Ich weiß, es ist an der Zeit. Wenn ich unsere Kinder so betrachte, dann überragen sie mich längst mit ihrer Körpergröße. Sie sind zu jungen Menschen herangewachsen, von Kindern keine Spur mehr. Meine jüngste Tochter meinte kürzlich: „Mama, wir sind doch beide aus dem Alter raus!“ Ehrlich, deutlich und unmissverständlich.

Steine aus dem Weg räumen

Ein neues Lebenskapitel für uns Eltern und auch für die Kinder beginnt. Sie suchen ihren Lebensweg und ihre berufliche Zukunft. Viele Entscheidungen sind abzuwägen und zu treffen. Welche Ausbildung, welcher Studiengang ist richtig? An welchem Ort kann man eine selbstbestimmte Heimat finden? Das Bildungsangebot ist vielfältig und die Fragen berechtigt. In so manchen Gesprächen versuche ich, eine Antwort zu finden und weiterzuhelfen. Mehr geht nicht, entscheiden müssen die Kinder selbst. So mancher gut gemeinte Ratschlag trifft auf Unverständnis. Ich muss lernen, ruhig zu bleiben. Eigene Erfahrungswerte können wertvolle Lebensbegleiter der Kinder sein. Es fällt mir nicht leicht, ihre Gedanken und Ziele anzunehmen. Zu gern möchte ich auch jetzt mögliche Steine aus dem Weg räumen und mich schützend vor sie stellen. Doch ich kann sie nicht mehr vor allem bewahren.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Søren Kierkegaard. Ich spüre: So manche Entscheidung meiner Lieben könnte in die falsche Richtung gehen. Das kann nicht gut gehen, denke ich. Die gesteckten Ziele und Vorstellungen der Kinder sind nur schwer realisierbar. Mein Herz sagt ziemlich laut „Nein“. Doch dann schreit mein Verstand ein lautes „Ja“. Ich muss es einfach aushalten! Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.

Ohne Groll und Vorhaltungen

In diesen Situationen kommt mir immer meine Lieblingsgeschichte aus der Bibel vom „verlorenen Sohn“ in den Sinn (nachzulesen in Lukas 15). Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Er versorgt ihn finanziell und materiell mit allem, was er benötigt, er ist großzügig im Geben. Ein letztes Mal nimmt er ihn fest in die Arme. Welche Gedanken werden ihm durch den Kopf gegangen sein? Ob er da schon ahnte, dass dieser Weg der falsche ist? Dennoch macht er keine Vorhaltungen, er lässt seinen Sohn ziehen. Lange schaut er ihm nach und schickt seine Liebe und seinen Segen mit auf dessen Lebensreise. Nach vielen Wochen kehrt der Sohn heim, er ist nicht mehr der, der er bei der Abreise war. Abgemagert, am Ende und mit leeren Händen kehrt er zurück. Wie oft wird der Vater nach seinem Sohn bereits Ausschau gehalten haben, vielleicht sogar täglich? Und dann ist der Tag da und er sieht ihn von ferne. Ohne Groll und Vorhaltungen läuft er ihm mit offenen Armen entgegen, so schnell seine alten Beine ihn noch tragen. Der geschundene und gezeichnete Körper seines Sohnes hindert ihn nicht, er drückt ihn fest an sein Herz. Diese tiefe Vaterliebe überstrahlt alle Vorwürfe und Fehler. Der Sohn ist auf- und angenommen. Ein großes Festmahl mit feierlicher Kleidung bringt die Freude des Vaters über diesen verlorenen und wiedergefundenen Sohn zum Ausdruck.

Offene Arme und Türen

Von dieser bedingungslosen Annahme und Liebe will ich lernen, auch wenn alles „schiefgelaufen“ ist und die Befürchtungen des Vaters sich bewahrheitet haben. Und auch wenn unsere Kinder Wege einschlagen, die wir als Eltern nicht befürworten oder bei denen wir Zweifel haben, will ich sie fürsorglich verabschieden, sie ziehen lassen. Im Gebet befehle ich sie meinem Gott an, halte Ausschau nach ihnen und erkundige mich. Und egal, wie sich ihr Weg und ihre Entscheidung gestalten, möchte ich sie stets aufnehmen. Ohne ein „Ich habe es doch gewusst …“ stets die Türen offenhalten und meine Arme entgegenstrecken.

Wir alle leben täglich von der Vergebung und Annahme unseres himmlischen Vaters. Auch er lässt uns laufen, selbst wenn er wie kein anderer unseren Lebensweg schon lange kennt. Er lässt seine Kinder ziehen, selbst wenn wir gar nicht nach seinem Rat fragen. Gott bleibt ruhig, bedrängt nicht und drängt sich nicht auf. Doch er verliert uns nicht aus seinem Blick. Er ist aufmerksam, wenn wir ihn suchen, und er liebt uns bedingungslos. Mit Freude und tiefer Liebe öffnet er seine Arme und drückt uns an sein Vaterherz.

Dieses Bild will ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn mein Herz anders denkt und fühlt, möchte ich ebenso wie der Vater den Weg frei machen. Und egal, wie sich die Kinder entscheiden und welche Erfahrungen sie auf ihrem Lebensweg machen: Die Türen und Arme sind immer geöffnet.

Birgit Ortmüller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Buchenau. Sie ist als Dozentin an der Hochschule und in der Erwachsenenbildung tätig.

Mutter erkennt: „Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.“

Wenn Kinder erwachsen werden, müssen sie ihre Entscheidungen selbst treffen. Das ist ein Lernprozess für die Kinder und ihre Eltern. Eine Mutter berichtet von ihrem Weg.

Als die Kinder klein waren und unseren täglichen Alltag bestimmten, habe ich immer wieder den Satz gehört: „Die Kinder werden so schnell groß.“ Im Stillen habe ich mich dann müde und erschöpft gefragt: „Wann wird das denn endlich sein?“ Ich fühlte mich Lichtjahre von diesem Zeitpunkt entfernt und spürte gleichzeitig eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit. Und dann ging doch alles so schnell. Und ich komme gedanklich und emotional kaum hinterher. Ich weiß, es ist an der Zeit. Wenn ich unsere Kinder so betrachte, dann überragen sie mich längst mit ihrer Körpergröße. Sie sind zu jungen Menschen herangewachsen, von Kindern keine Spur mehr. Meine jüngste Tochter meinte kürzlich: „Mama, wir sind doch beide aus dem Alter raus!“ Ehrlich, deutlich und unmissverständlich.

Steine aus dem Weg räumen

Ein neues Lebenskapitel für uns Eltern und auch für die Kinder beginnt. Sie suchen ihren Lebensweg und ihre berufliche Zukunft. Viele Entscheidungen sind abzuwägen und zu treffen. Welche Ausbildung, welcher Studiengang ist richtig? An welchem Ort kann man eine selbstbestimmte Heimat finden? Das Bildungsangebot ist vielfältig und die Fragen berechtigt. In so manchen Gesprächen versuche ich, eine Antwort zu finden und weiterzuhelfen. Mehr geht nicht, entscheiden müssen die Kinder selbst. So mancher gut gemeinte Ratschlag trifft auf Unverständnis. Ich muss lernen, ruhig zu bleiben. Eigene Erfahrungswerte können wertvolle Lebensbegleiter der Kinder sein. Es fällt mir nicht leicht, ihre Gedanken und Ziele anzunehmen. Zu gern möchte ich auch jetzt mögliche Steine aus dem Weg räumen und mich schützend vor sie stellen. Doch ich kann sie nicht mehr vor allem bewahren.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Søren Kierkegaard. Ich spüre: So manche Entscheidung meiner Lieben könnte in die falsche Richtung gehen. Das kann nicht gut gehen, denke ich. Die gesteckten Ziele und Vorstellungen der Kinder sind nur schwer realisierbar. Mein Herz sagt ziemlich laut „Nein“. Doch dann schreit mein Verstand ein lautes „Ja“. Ich muss es einfach aushalten! Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.

Ohne Groll und Vorhaltungen

In diesen Situationen kommt mir immer meine Lieblingsgeschichte aus der Bibel vom „verlorenen Sohn“ in den Sinn (nachzulesen in Lukas 15). Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Er versorgt ihn finanziell und materiell mit allem, was er benötigt, er ist großzügig im Geben. Ein letztes Mal nimmt er ihn fest in die Arme. Welche Gedanken werden ihm durch den Kopf gegangen sein? Ob er da schon ahnte, dass dieser Weg der falsche ist? Dennoch macht er keine Vorhaltungen, er lässt seinen Sohn ziehen. Lange schaut er ihm nach und schickt seine Liebe und seinen Segen mit auf dessen Lebensreise. Nach vielen Wochen kehrt der Sohn heim, er ist nicht mehr der, der er bei der Abreise war. Abgemagert, am Ende und mit leeren Händen kehrt er zurück. Wie oft wird der Vater nach seinem Sohn bereits Ausschau gehalten haben, vielleicht sogar täglich? Und dann ist der Tag da und er sieht ihn von ferne. Ohne Groll und Vorhaltungen läuft er ihm mit offenen Armen entgegen, so schnell seine alten Beine ihn noch tragen. Der geschundene und gezeichnete Körper seines Sohnes hindert ihn nicht, er drückt ihn fest an sein Herz. Diese tiefe Vaterliebe überstrahlt alle Vorwürfe und Fehler. Der Sohn ist auf- und angenommen. Ein großes Festmahl mit feierlicher Kleidung bringt die Freude des Vaters über diesen verlorenen und wiedergefundenen Sohn zum Ausdruck.

Offene Arme und Türen

Von dieser bedingungslosen Annahme und Liebe will ich lernen, auch wenn alles „schiefgelaufen“ ist und die Befürchtungen des Vaters sich bewahrheitet haben. Und auch wenn unsere Kinder Wege einschlagen, die wir als Eltern nicht befürworten oder bei denen wir Zweifel haben, will ich sie fürsorglich verabschieden, sie ziehen lassen. Ich bete für sie, halte Ausschau nach ihnen und erkundige mich. Und egal, wie sich ihr Weg und ihre Entscheidung gestalten, möchte ich sie stets aufnehmen. Ohne ein „Ich habe es doch gewusst …“ stets die Türen offenhalten und meine Arme entgegenstrecken.

Dieses Bild aus der Geschichte vom verlorenen Sohn will ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn mein Herz anders denkt und fühlt, möchte ich ebenso wie der Vater den Weg frei machen. Und egal, wie sich die Kinder entscheiden und welche Erfahrungen sie auf ihrem Lebensweg machen: Die Türen und Arme sind immer geöffnet.

Birgit Ortmüller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Buchenau. Sie ist als Dozentin an der Hochschule und in der Erwachsenenbildung tätig.