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Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“
Die Kinder von Raffi Messerlian verlassen den Libanon aus wirtschaftlichen Gründen. Der Vater trauert – und doch weiß er keine andere Lösung. Ein Interview.
Reverend Raffi, Sie leben in Beirut im Libanon. Nehmen Sie uns mit hinein in die Welt der Gerüche, Farben und Geräusche Ihres Heimatlandes.
Ich denke an die duftende Zeder, mit ihren Farben grün, weiß und rot, wie sie auf unserer Landesflagge abgebildet ist. Der Baum erinnert an eine lange Geschichte, über die auch die Bibel viel zu sagen hat. Auch der Duft von Kiefern ist typisch für den Libanon. Kirchenglocken, deren Klang sich mischt mit den Rufen der Muezzin von den Minaretten im Land, weisen auf die Werte im Libanon hin, wo Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Sie leben miteinander in einer einzigartigen Kultur.
Das ist die eine Seite des Landes. Es gibt auch die andere. Erzählen Sie von der wirtschaftlichen Situation im Libanon.
Der Libanon hat sehr große soziale, wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Die krasse Inflation im Land führt dazu, dass die Menschen von Tag zu Tag ärmer und hoffnungsloser werden. Eins unserer größten Probleme ist, dass es uns an Strom fehlt. Vom Staat bekommen wir zwei Stunden Strom täglich. Alles andere müssen wir privat dazukaufen. Möchte ich für meine Familie 14 bis 16 Stunden Strom am Tag haben, habe ich meinen kompletten Lohn dafür ausgegeben. Dann ist für nichts anderes mehr Geld übrig. Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen, wenn man in einem Land lebt, in dem es normal ist, 24 Stunden am Tag Strom nutzen zu können.
Menschen protestieren – ohne Sicht auf Besserung
Gegen diese Entwicklung haben Menschen in Beirut Ende 2019 protestiert.
Und seither ist es immer schlimmer geworden. Nach der Explosion am Hafen von Beirut im August 2020 gab es wieder verstärkt Proteste. Die Krise hat sich immer weiter zugespitzt und die Menschen verlieren den Mut. Im November 2019 hat mein Sohn Hovsep angefangen, davon zu sprechen, dass er wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme keine Perspektive im Libanon für sich sieht.
Was sind stattdessen seine Pläne?
Hovsep möchte sein Studium beenden und das Land dann verlassen. Als Vater verstehe ich ihn, weil die Situation hier tatsächlich hoffnungslos und sehr schwer ist. Aber natürlich sind wir auch sehr traurig, wenn er unsere Familie verlässt. Ich kann es ihm nicht übel nehmen, weil der Libanon gefühlt alle 15 Jahre eine Krise durchmacht, die das Leben hier extrem unsicher macht. Von 1975 bis 1990 hatten wir Bürgerkrieg im Land. Nun ist es die wirtschaftliche Situation und eine korrupte politische Führung, die Leute daran hindert, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen.
Junge Menschen können keine Familie gründen
Die Situation verbessert sich nicht, wenn die jungen Leute abwandern.
Das nicht, aber sie finden hier im Land kaum Jobs, nachdem sie vorher ein kleines Vermögen in ihre Ausbildung gesteckt haben. Und selbst wenn sie einen Job bekommen, ist ihr Lohn im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Geldes so gering, dass sie sich davon kein Haus oder irgendwas leisten können, was ihnen ermöglichen würde, eine eigene Familie zu gründen. Manche sehen auch deswegen die Auswanderung als Perspektive, weil sie auf diese Weise ihre Familie, die im Libanon zurückbleibt, unterstützen können.
Wie ist es denn mit Ihrer Tochter? Wo lebt sie?
Meine Tochter Nayiry ist eine Woche nach ihrer Hochzeit in die Niederlande ausgewandert. Uns war klar, dass sie auswandern würde. Dazu muss man wissen: Wir leben auf dem Campus der Armenischen Kirche in Beirut, wo wir auch eine Schule betreiben. Unser Viertel ist sehr stark bevölkert. Es gibt auch viele arme Menschen dort, Afrikaner und vor allem syrische Flüchtlinge. Unsere Tochter hat einen Syrer geheiratet, der mit seiner Familie geflohen ist, als der Krieg dort begonnen hat. Unser Schwiegersohn wollte auf keinen Fall zurück nach Syrien, sollte die Situation sich so ändern, dass sie gezwungen wären, zurückzugehen. Deswegen war es ihm wichtig, einen europäischen Pass zu bekommen, und er hat eine gute Arbeitsstelle in den Niederlanden gefunden.
Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie darüber nachdenken?
Wir sind einerseits glücklich für sie, weil sie es geschafft haben, in ein stabiles Land zu ziehen und der Situation, die wir hier im Mittleren Osten haben, entkommen sind. Andererseits sind wir natürlich sehr traurig, weil wir uns sehr nahestanden und sie jetzt weg sind. Es ist auch völlig klar, dass sie nie mehr zurückkommen werden.
Kontakt zur Tochter über WhatsApp
Wie oft können Sie Ihre Tochter sehen?
Ich habe das Glück, beruflich viel reisen zu können. Deswegen kann ich sie alle paar Monate besuchen. Für meine Frau ist es unglaublich schwer. Sie vermisst sie sehr. Wir reden über WhatsApp miteinander. Natürlich wünschen wir uns, dass die Situation hier besser wäre und sie bei uns leben könnten. Das würde unser Leben reicher machen.
Sie sind Pastor. Haben Sie sich bei Gott über die Situation beklagt?
Ehrlich gesagt habe ich nicht mit Gott gehadert. Ich habe es ziemlich schnell so akzeptiert, wie es ist. Ich bete, dass Gott meine Kinder segnet, egal, wo sie sind.
Vielen Familien geht es ähnlich
Befinden sich viele Familien in einer ähnlichen Situation?
Ja, ich kenne viele Familien, deren Kinder auswandern. Wir haben alle dieselben Sorgen. Aber wir können uns auch damit arrangieren, weil wir wissen, dass es für die Zukunft unserer Kinder besser ist, wenn sie den Libanon verlassen.
Was sagen Sie jungen Menschen, die nach Perspektiven suchen?
Natürlich ermutigen wir sie, hierzubleiben. Aber ich versuche sie auch zu verstehen, wenn sie – wie meine Kinder – keine Hoffnung hier sehen, wo wir leben. Wenn sie reisen, geben wir ihnen mit auf den Weg, ihre christlichen Werte beizubehalten. Ich empfehle ihnen auch dringend, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten und in dem Land, in dem sie sind, ihre libanesischen Wurzeln nicht zu vergessen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Reverend Raffi Messerlian ist am 13. Februar 1968 geboren. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine 24-jährige Tochter lebt in den Niederlanden, sein 21-jähriger Sohn noch im Libanon. Raffi Messerlian hat Pädagogik und Theologie studiert und arbeitet seit 1996 als Pastor in Beirut. Als Präsident des Jugendverbandes „World Christian Endeavor“, in Deutschland als EC-Verband bekannt, ist er auch international viel unterwegs.
Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.
Hintergrund: Libanon
Die Weltbank hat die Situation im Libanon zu einer der weltweit zehn schwersten ökonomischen Krisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt. Die Inflation ist immens: Die libanesische Währung hat in den vergangenen Jahren 90 Prozent ihres Wertes verloren. Korruption und Unsicherheit prägen die politische Situation im Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Dass es an Strom mangelt, ist nicht nur ein Problem für Privathaushalte, sondern auch im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel für Krankenhäuser.
„Ich vermisse unseren Sohn“
„Unser Sohn ist ausgezogen. Nun drehen sich meine Gedanken den ganzen Tag darum, was er gerade macht, vor welchen Schwierigkeiten er stehen könnte und ob ich ihm helfen sollte. Ich weiß, dass ich loslassen muss, aber es fällt mir schwer. Wie kann ich es lernen?“
Unsere Kinder in die Selbstständigkeit zu entlassen, ist ein wichtiger und oft auch schmerzhafter Prozess. Er vollzieht sich in vielen kleinen Schritten, die schon früh beginnen: Das erste Mal allein im Kindergarten, das erste Mal allein zu Fuß zur Schule gehen, das erste Mal allein zum Zahnarzt – all das sind wichtige Meilensteine. Wenn eines der wichtigsten Erziehungsziele ist, dass aus den Kindern selbstständige, verantwortungsvolle Menschen werden, die ihren Platz in der Welt finden, ist jeder dieser Schritte ein Grund zur Freude. Es ist eine wichtige Aufgabe von uns Eltern, unsere Kinder darin zu fördern und diese Dinge nicht für sie zu erledigen.
Vermeiden Sie zu häufige Telefonate!
Wenn dann der große Schritt des Auszugs nach Ausbildung oder Abitur kommt, sind die jungen Erwachsenen hoffentlich gut darauf vorbereitet, auch die nächsten Schritte zu gehen: eine passende WG aussuchen, sich in einer neuen Stadt orientieren, dafür sorgen, dass man genug zu essen im Kühlschrank hat, Menschenkenntnis in den vielen neuen Begegnungen anwenden … Wer seine Kinder darauf in den ersten 20 Jahren vorbereitet hat, hat gute Grundlagen gelegt.
Für die meisten Kinder ist der Auszug ein großes Abenteuer und eine aufregende Zeit, die sie genießen und zelebrieren. Das sollten wir ihnen gönnen und uns über die Erfolge freuen. Widerstehen Sie auf jeden Fall der Versuchung, mehr als einmal in der Woche anzurufen oder unablässig Nachrichten zu schicken. Telefone funktionieren in beide Richtungen. Wenn es unlösbare Fragen gibt, wird Ihr Sohn sich schon melden.
Loslassen ist ein Trauerprozess
Und trotzdem bleibt die innere Unruhe und Trauer. Ja, es ist wirklich ein Trauerprozess, den wir als Eltern durchlaufen. Vom Nicht-wahr-haben-Wollen („Mein Sohn kommt ja noch ganz oft nach Hause, das Kinderzimmer lassen wir so, wie es ist“) über eine gewisse Wut („Anderes ist ihm jetzt viel wichtiger als ich, obwohl ich alles für ihn getan habe“) bis zum Einrichten in die neue Situation, die ja auch Angenehmes hat. Aber zunächst muss ich loslassen. Ich konnte meine Kinder viele Jahre umsorgen und mich für sie einsetzen, aber jetzt weiß ich nicht mehr, wo sie sich Tag für Tag genau aufhalten und wie es ihnen geht.
Die Beziehung zum Kind wird nicht mehr die gleiche sein wie vorher. Allein das anzunehmen, kostet Kraft und Zeit. Mir persönlich hat es geholfen, Sorgen und Ablösungsschmerzen bei Gott abzugeben. Ihm konnte ich sowohl die Sicherheit meiner Kinder als auch meinen eigenen Schmerz anvertrauen. Kontrolle, Klammern und ständiges Nachfragen sind dagegen keine Option. Wir werden als Eltern aber auch auf uns selbst geworfen, wenn die Kinder ausziehen: Eine neue Lebensphase beginnt, in der wir viel Freiheit haben. Wie will ich diese Lücke füllen? Was kommt jetzt für mich als Vater oder Mutter? Es dauert meistens eine ganze Weile, bis man darin etwas Positives entdecken kann.
Anke Kallauch ist Referentin für Kindergottesdienst im Bund Freier evangelischer Gemeinden und Mutter von drei erwachsenen Kindern.
10 Tipps: So können Sie den Auszug der Kinder feiern
Wenn die Großen das Haus verlassen, ist das ein wichtiger Moment. Zweifach-Mama Kerstin Wendel gibt Tipps, wie Tag X zum Highlight wird.
Der Tag X – im Leben vieler Familien gibt es ihn: den Tag, an dem der Sohn oder die Tochter das Haus verlässt. Sie brechen auf zum Freiwilligen Sozialen Jahr oder zum Studium, zur Ausbildung oder zur „Weltreise“, um sich mit Work and Travel über Wasser zu halten. Herrliche Freiheit ruft. Großartige Erfahrungen locken. Das pralle Leben wartet. So die Erwartung der Aufbrechenden, verbunden vielleicht mit ein bisschen Wehmut oder Respekt vor dem Neustart ganz allein.
Für die Familie ist Tag X ein großer Einschnitt – für die loslassenden Eltern, das freiheitsliebende Kind, aber auch für eventuell vorhandene Geschwister. Der gemeinsame Alltag mit seiner Routine, der Geborgenheit, dem Spaß und den Möglichkeiten, aber auch mit allen Reibungspunkten wird so in Zukunft nicht mehr stattfinden. Das riecht ein bisschen nach Abschied vor dem Neubeginn.
Erinnerungen teilen
Unsere beiden Kids drängten beide ins Freiwillige Soziale oder Ökologische Jahr „raus ans Meer“. Wir Wendels haben ihre Entscheidungen sehr begrüßt. Wir wissen um unsere Begrenztheit als Eltern und vertrauten darauf, dass unsere Kids woanders gut weiterwachsen würden.
Am Abend vor dem Tag X haben wir jeweils ein Abschiedsfest gefeiert. Nur wir vier (nach Lisannes Auszug wir drei). Es gab leckeres Essen, das ich vorher mit der Familie abgesprochen hatte. Außerdem hat das ausziehende Kind ein persönliches Lesebuch bekommen. Darin waren Erinnerungen und Sprüche aus der Kindheit notiert, gesammelt in den 18 Lebensjahren. Es hat Spaß gemacht, noch mal die eine oder andere Erinnerung zu teilen und kräftig zu lachen. Da gibt es ja genug Stürze, Sprüche, Missgeschicke, Witziges, Chaotisches, was zu den gemeinsamen Erinnerungen gehört. Weißt du noch? Wir haben an dem Abend auch miteinander gebetet und unseren Sohn beziehungsweise unsere Tochter für den neuen Lebensabschnitt gesegnet.
Neustart ohne Auszug
Und was ist, wenn es den Tag X nicht in Form eines Auszuges gibt? Vielleicht bleibt das Kind zu Hause und studiert von dort aus? Oder es hat eine Ausbildung oder einen FSJ-Platz am Heimatort? Oder es ist krank oder behindert, sodass ein Umzug aktuell nicht in Frage kommt? Auch wenn kein Umzug mit dem Neustart verbunden ist, bietet sich ein Fest an. Denn der junge Mensch ist nun erwachsen. Es sollte klar sein, dass er nun mehr Rechte und vielleicht auch mehr Pflichten zu Hause hat. Man kann trotzdem ein Abschiedsfest gestalten, vielleicht auch gemeinsam planen, wie das Miteinander nun weiterlaufen kann. Was gibt es für Wünsche, Hoffnungen, Ideen?
Für mich als Mutter ist die Erinnerung an dieses Abschiedsfest wichtig gewesen, besonders in der Abschiedszeit, die zunächst etwas tränenreich war. Sie hat mir geholfen, in mein neues Leben hineinzufinden.
10 Ideen für ein Abschiedsfest
- Leckeres Essen vorbereiten
- Alternativ gemeinsam kochen oder ein Picknick an einem Lieblingsplatz gestalten
- Erinnerungen von früher teilen: Fotos anschauen, Geschichten vorlesen
- Gemeinsam beten und das ausziehende Kind segnen
- Tief miteinander reden: sich für etwas entschuldigen oder wichtige Wünsche für die Zukunft des Kindes aussprechen
- Einen Film gucken, der typisch für die Kinder- oder Teeniejahre war
- Das Lieblings-Spiel noch einmal spielen Wenn es ein gemeinsames Hobby gab, dieses noch mal aufleben lassen: beispielsweise Musik machen, etwas gemeinsam basteln, angeln gehen …
- Möglich ist auch, eine gemeinsame Collage zu erstellen oder auf großem Poster zu notieren: „Woran ich mich gern erinnere …“ Jedes Familienmitglied schreibt oder malt auf, was es mit dem nun Ausziehenden verbindet
- Ideen für die neue Zeit sammeln
Kerstin Wendel, Referentin und Autorin aus Wetter/Ruhr, findet Abschiedsrituale klasse, weil sie stärken und freisetzen.
Streit mit erwachsenen Kindern: „Hört auf, mich ständig kontrollieren zu wollen“, schreibt Daniel per WhatsApp
Wenn junge Erwachsene den Eltern Vorwürfe machen oder Forderungen stellen, wird das Bild einer guten Beziehung schnell zerrüttet. Wie Sie in solchen Situationen reagieren können.
„Hört auf, mich ständig kontrollieren zu wollen, das habt ihr bis jetzt mein ganzes Leben lang gemacht!“ Diesen Satz knallte uns Daniel (Name geändert), unser 20-jähriger Sohn, per WhatsApp hin. Obwohl schon tagelang heftige Diskussionen liefen, ließ mich dieser Vorwurf erst einmal völlig gelähmt aufs Sofa sinken.
Es ging um ein Konto für Ausbildungszwecke, über das er selbst verfügen wollte. Ein kräftiger Streit folgte mit der immer stärker werdenden Forderung von Daniel nach Verfügungsgewalt und unseren Bedenken dagegen. Dieser Konflikt gipfelte in dem eingangs genannten Vorwurf: „Ihr habt mich schon mein Leben lang kontrolliert!“ Auch davor waren schon harte Worte gefallen – die meisten davon auf die aktuelle Situation bezogen, vermutlich aus der Wut heraus geschrieben und eindeutig übertrieben. Obwohl sie verletzend waren, konnten wir sie dementsprechend einordnen und nicht so persönlich nehmen.
Die Mütter-sind-an-allem-schuld-Alarmglocken
Dieser Vorwurf aber bezog sich nun auch auf die Vergangenheit. Sofort gingen meine Mütter-sind-an-allem-schuld-Alarmglocken an: Hatte da etwas jahrelang in unserem Sohn gegärt, was nie angesprochen wurde und nun in einem Streit hervorbrach? Haben wir durch unser Verhalten seine gute Entwicklung behindert, eine Belastung in sein Leben gelegt, die ihn negativ prägt und unsere Beziehung nun belastet?
Andererseits kamen mir auch gleich Rechtfertigungen: Ja, manchmal habe ich ihn zum Lernen gedrängt. Aber von sich aus hätte er viel weniger gemacht. Und ja, ich habe nachgefragt, mit wem er abends fortgeht und wann er wiederkommt – ist das schon zu viel Kontrolle? Immerhin haben wir Eltern ihm nie Freundschaften ausgeredet oder gar verboten. Auch konnte er Hobbys und Ausbildung selbst wählen. Wir haben ihn auch dort unterstützt, wo wir mit seiner Wahl nicht glücklich waren. So schlimm kann das mit der Kontrolle ja nicht gewesen sein …
Der Auszug kann zu Konflikten führen
Ich berichte deshalb so ausführlich, weil ich weiß, dass meine Reaktionen ziemlich typisch sind. Vermutlich haben viele Leserinnen und Leser Ähnliches durchlebt oder durchleben es gerade. Der Auszug eines Kindes ist für alle Beteiligten ein großer Umbruch. Da liegen manchmal die Nerven blank. Die Belastung durch viel Neues, das bewältigt werden muss, aber auch die Erregung über all die Möglichkeiten, die sich nun bieten, können dazu führen, dass alte Verletzungen aufbrechen, die bisher verborgen waren. Eltern sind dann oft wie vor den Kopf gestoßen, wenn plötzlich Vorwürfe auftauchen, die das bisherige Bild völlig über den Haufen werfen: „Meine Schwester war ja immer euer Liebling.“ „Euer Einsatz für die Gemeinde hatte immer Vorrang, für uns blieb kaum Zeit.“ „Ich konnte euch nie etwas recht machen.“
Andere Kinder stellen nach dem Auszug Forderungen, aus denen ein heftiger, verletzender Konflikt entsteht: mehr finanzielle Unterstützung etwa, die sich die Eltern nicht leisten können oder die für einen Lebensstil „gebraucht“ wird, den die Eltern nicht gutheißen. Jeder fühlt sich mit seinen Forderungen oder seinem Verhalten im Recht. Zudem werden dabei oft grundlegende Werte berührt, die keiner leicht aufgeben kann. So ein Konflikt kann deshalb schnell eskalieren und die Beziehung in der Familie sehr belasten.
Allerdings sind die „Kinder“ ja erwachsen. Sie sollen und müssen ihre Entscheidungen selbst treffen, ihr Leben selbst gestalten. Die Zeit der Erziehung ist vorbei. Was bleibt uns Eltern an Möglichkeiten, solche Konflikte zu lösen? Oder zumindest einen Weg zu finden, der die Beziehung zum Kind erhält? Und der auch für die Eltern gangbar ist? Hier einige Impulse für die oben genannten zwei Konfliktarten: Vorwürfe über (frühere) Fehler der Eltern und Forderungen, die wir als Eltern nicht erfüllen können oder wollen.
Herausfinden, was dahintersteckt
Wie in unserem Fall tauchen Vorwürfe oft im Lauf eines Streites auf, manchmal aber auch in einem „normalen“ Gespräch. Im Idealfall kann ich nach dem ersten Schock eine kurze Auszeit nehmen, in der ich mir meine Reaktion auf den Vorwurf erst einmal bewusst mache. Dazu kann ich das Gespräch unterbrechen, um es später fortzuführen („Das muss ich jetzt erst mal verdauen – ich ruf dich nachher nochmal an.“). Dann höre ich in mich hinein, was da alles hochkommt: Schuldgefühle, Rechtfertigung, Leugnen, Scham, Trauer usw. – ohne etwas zu bewerten! Dieser erste Schritt ist wichtig, um eine gewisse Distanz zu meinen Gefühlen zu bekommen. Dadurch nehme ich sie wahr, lasse mich aber nicht von ihnen überschwemmen.
Auf dieser Grundlage kann dann eine weitere Klärung erfolgen, die erst einmal hauptsächlich aus Zuhören und Nachfragen bestehen sollte: Kannst du mir ein Beispiel erzählen? Wann hast du das zum ersten Mal/besonders stark erlebt? Hast du früher schon versucht, mir das zu vermitteln? Wie bist du bisher damit umgegangen? Wie hättest du es dir anders gewünscht?
Ob das, was das Kind dann erzählt, objektiv genau so stimmt oder nicht – es ist seine Wahrnehmung und damit für sie oder ihn die Wirklichkeit, das, was sein oder ihr Leben im Moment prägt. Dieser Gedanke kann helfen, nicht vorschnell alles zu relativieren oder zu leugnen nach dem Motto: „So schlimm war das doch nicht.“
Fehler eingestehen
Erst, nachdem ich möglichst konkret erfahren habe, was mein Kind verletzt hat, sollte von mir eine Reaktion kommen. Dafür kann man sich auch wieder Zeit nehmen, wenn nötig. Vielleicht kann ich zunächst die Aussagen von Sohn oder Tochter zusammenfassen, damit sicher ist, dass alles richtig ankam. Dann darf ruhig auch meine Sicht der Ereignisse auf den Tisch, wenn ich Situationen anders erlebt habe – ohne den Anspruch, dass eines falsch und das andere richtig ist! Für Versäumnisse kann ich um Vergebung bitten, Fehler eingestehen oder auch Entscheidungen neu bewerten: „Damals war uns diese Arbeit ein großes Anliegen, es ist uns auch heute noch total wichtig. Aber wenn ich nun höre, wie du dich dadurch nicht genug geliebt gefühlt hast, dann tut mir das sehr leid. Mit diesem Wissen würde ich es heute anders machen.“
Das Vergangene lässt sich nicht mehr ändern, es lässt sich nur vergeben. Und die Auswirkungen lassen sich abmildern. Für den Blick nach vorn kann ich deshalb die Frage stellen: Was würde dir helfen, dass diese Verletzung heilen kann und unsere Beziehung gefestigt wird?
Kompromisse beim Geld finden
Als Eltern kennen wir Forderungen unserer Kinder eigentlich ab deren Geburt. Mit dem Auszug kann es jedoch sein, dass nicht erfüllte Forderungen viel tiefergehende Folgen haben: Ohne ein eigenes Auto ist der Studienort nicht zu erreichen. Wenn die Oma nicht das Baby nimmt, kann die Ausbildung nicht beendet werden. Ohne zusätzliches Geld dauert das Studium länger. – Wo viel davon abhängt, ist auch die Gefahr eines langen Streits darum größer.
Hier wäre für Eltern die erste Überlegung: Kann ich die Forderung erfüllen? Wenn ja – will ich sie erfüllen? Warum nicht? Auch hier ist der nächste Schritt das Gespräch mit dem Kind. Dabei sollten die Bedürfnisse und Möglichkeiten so klar wie möglich auf den Tisch: Wie viel Geld oder wie viele Betreuungstage sind nötig? Was können Eltern höchstens aufbringen? Wenn diese Zahlen weit auseinanderliegen, kann man gemeinsam nach Alternativen suchen.
Wertvorstellungen führen zu Konflikten
Schwieriger wird es, wenn bei den Eltern Wertvorstellungen berührt sind: Der Sohn will eine Wohnung mit der Freundin finanziert haben, aber die Eltern lehnen unverheiratetes Zusammenleben ab. Oder die Tochter strebt eine Model-Karriere an, die die Eltern nicht unterstützen wollen. Da tritt besonders deutlich das Dilemma des Jung-Erwachsenseins auf: Man ist weitgehend selbstständig, aber finanziell noch von den Eltern abhängig.
Konflikte, die sich daraus ergeben, lassen sich – man muss es so klar benennen – nicht wirklich zufriedenstellend für alle lösen. Letztlich werden Eltern entweder dem Kind seinen eigenen Weg verweigern – was zu dauerhafter Entfremdung führen kann – oder sie haben das Gefühl, etwas Falsches auch noch zu unterstützen – was ihr eigenes Gewissen belasten kann. Es bleibt ihnen nicht erspart, zwischen diesen Möglichkeiten abzuwägen und das kleinere Übel zu wählen.
Liebe hat Priorität
Meiner Ansicht nach sollte die Beziehung zum Kind die oberste Priorität haben. In unserem Fall haben wir letztlich entschieden, dass ein Beharren auf unserem „Recht“ die Beziehung zu unserem Sohn nachhaltig vergiften könnte – und deshalb nachgegeben. Das finanzielle Polster war für uns nachrangig. Schließlich sollten sich Eltern immer wieder bewusst machen, dass sie nicht mehr verantwortlich sind für Entscheidungen der erwachsenen Kinder – selbst, wenn sie diese mitfinanzieren!
Als Christin glaube ich, dass Gott uns unsere Kinder anvertraut hat, um sie zu lieben und sie zur Eigenständigkeit zu führen. Die Eigenständigkeit ist irgendwann erreicht – die Liebe aber bleibt. Ich wünsche allen konfliktgeplagten Eltern, dass dieser Gedanke ihnen Mut gibt, auch in Konflikten die Hoffnung nie aufzugeben und die Gesprächstür für die Kinder immer geöffnet zu halten!
Susanne Bosch lebt mit ihrem Mann im Raum Hohenlohe, ihre beiden Söhne sind schon ausgezogen. Sie arbeitet in eigener Beratungspraxis und ist als Referentin unterwegs. seelsorge-susannebosch.de
Auf diese 6 möglichen Streitpunkte sollten Sie achten, wenn Sie die Ausbildung Ihres Kindes finanzieren
Wie und wie lange sollten Eltern ihre Kinder finanziell unterstützen? Die Antwort darauf ist ganz individuell und hat gleich mehrere Spannungsfelder.
Zur Finanzierung der eigenen Kinder macht der Gesetzgeber klare Vorgaben zur Verantwortlichkeit von Eltern (s. untenstehende Links). Das Ziel besteht darin, dem Kind eine Berufsausbildung und damit eine finanzielle Eigenständigkeit zu ermöglichen. Das Kind ist im Gegenzug verpflichtet, eine Ausbildung zielstrebig abzuschließen. Diese auch zahlenmäßig festgelegten Vorgaben stellen einen guten Orientierungsrahmen dar, der im individuellen Fall noch weiter ausgestaltet werden will.
Individuell bedeutet: Nicht nur Familien sind ganz unterschiedlich in ihren Werten und Möglichkeiten, sondern auch jedes Kind ist ein Individuum mit seinen je eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Möglichkeiten.
Die Frage der Finanzierung ist nicht nur eine der reinen Zahlen. Das Thema Geld ist auch hochemotional. Deshalb fließen in die Überlegungen, ob und mit wie viel und wie lange man das Kind unterstützen möchte, immer auch die eigenen Werte, Beweggründe, Vorbehalte und Ängste mit ein. Diese zu entdecken oder sich noch mehr bewusst zu machen, dazu sollen die im Folgenden aufgeführten Spannungsfelder und Fragen als Nachdenk- und Diskussionsgrundlage dienen.
Spannungsfeld Möglichkeiten und Rahmenbedingungen
Entgegen der Redewendung „Über Geld spricht man nicht“ muss jetzt das Gespräch gesucht werden. Zum Beispiel über die elterlichen Möglichkeiten: Wie viel Unterstützung ist mir überhaupt möglich? Und in welcher Form? Als Geschenk, als Darlehen, als Sparguthaben, über das das Kind eigenständig verfügen kann? Und wenn mir eine finanzielle Beihilfe nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist, kann ich das Kind vielleicht darin unterstützen, an andere Gelder und Fördermöglichkeiten zu kommen? In diesem Zusammenhang ist zu beachten: Wie sah die Erziehung des Kindes in Bezug auf Finanzen aus? Traue ich meinem Kind Budgetierung, Sparsamkeit und Bankgeschäfte zu? Wie ausführlich habe ich das mit meinem Kind besprochen und eingeübt? Was fehlt vielleicht noch?
Spanungsfeld Emotionen und Werte
Beim Thema Geld geht es nicht nur um nüchterne Zahlen. Sondern auch um Gefühle, Bedürfnisse und Werte. Bei Geld geht es um meine Existenzgrundlage, um Sicherheit, Macht, Möglichkeiten, Zukunft, Vertrauen, Großzügigkeit, Angst oder Geiz. Welche Sorgen und Befürchtungen entdecke ich da in mir?
Ein Kind zu finanzieren, vor allem in einem längeren Studium in einer anderen Stadt, kostet mich richtig was. Erwarte ich ausgesprochen oder unausgesprochen Dankbarkeit? Und wie soll sich diese ausdrücken? Oder ist meine Unterstützung ein bedingungsloses Einkommen, auf das sich das Kind verlassen kann, auch wenn es zwischen uns mal kriselt? Oder setze ich Bedingungen: Ich erwarte das Kind zum Sonntagskaffee, möchte mitbestimmen, wie das Studium ablaufen soll?
Ob und inwieweit ich mein Kind unterstütze, hängt auch von meinen Werten und Zielen ab. Ist es mir wichtig, dass so frühzeitig wie möglich eigenes Geld verdient wird? Oder finde ich Bildung und Horizonterweiterung von größter Bedeutung, und das darf auch ein paar Jahre dauern, Umwege nehmen, ein „Vollzeitjob“ sein?
Spannungsfeld Entwicklungsphase
Die jungen Erwachsenen befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der sie sich abnabeln wollen von den Eltern. Endlich selbstständig, unabhängig und eigenverantwortlich ihr Leben gestalten. Im Gegensatz dazu verdeutlicht das (ausbildungsbedingte) Angewiesensein auf finanzielle Unterstützung die immer noch bestehende Abhängigkeit von den Eltern.
Spannungsfeld Umwege
Man hat miteinander ausgearbeitet, wie die Finanzierung der nächsten Zeit laufen kann – und dann verändern sich die Umstände. Orientierungslosigkeit, ein „Gap Year“, Ausbildungs- oder Studienfachwechsel oder langwierige Krankheiten lassen den Weg nicht mehr geradlinig, sondern verschlungen und ziellos erscheinen. Wie lange und wie oft kann und will ich das mittragen? Ab wann ist die Begrenzung meiner finanziellen Unterstützung sinnvoll? Wie können wir in diesen konfliktbehafteten Themen miteinander im Gespräch, in Kontakt, im gemeinsamen Ringen um eine gute Lösung bleiben?
Spannungsfeld Gerechtigkeit
Die Ungleichheiten, die in den Persönlichkeiten der Geschwister und in unterschiedlichen Ausbildungsgängen begründet liegen, werden zur Folge haben, dass die elterliche Unterstützung unterschiedlich, individuell ausfällt. Das eine Kind ist vielleicht in der Ausbildung, gibt Geld ab, weil es zu Hause wohnt und versorgt wird. Das andere befindet sich im Studium mit eigener Wohnung und erhält Geld. Eine Ausbildung kann in zwei Jahren beendet sein, ein Studium kann mehrere Jahre dauern. Viele Studierende verdienen etwas Geld dazu. Aber je nach Studiengang sind die Anforderungen unterschiedlich. Bei manchen Studiengängen und je nach Energielevel des Kindes ist es gut machbar, nebenher zu arbeiten. Bei anderen Studiengängen ist man mit den Veranstaltungen, dem Lernpensum und Langzeitpraktika komplett ausgelastet. Es hilft, wenn finanzielle Entscheidungen transparent sind und von den Geschwistern als gerecht empfunden werden.
Spannungsfeld Gemeinsame Lösung
Das Ziel ist, auch in diesen Finanzfragen zu einer Lösung zu kommen, mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Prinzipiell gilt, wie bei vielen anderen Themen auch, dass ein offenes und ehrliches Gespräch die Beziehung stärkt und eine einvernehmliche Lösung greifbar werden lässt. Doch was ist, wenn Ehepartner (oder Ex-Ehepartner) die Situation und ihre Erfordernisse unterschiedlich bewerten? Oder wenn das Kind Forderungen stellt, sich ungerecht behandelt fühlt oder aus anderen Gründen meint, mit dem Ergebnis nicht leben zu können und dies die gegenseitige Beziehung negativ beeinflusst? Sich hier Hilfe von außen zu holen, ist dem emotionalen und sensiblen Thema durchaus angemessen.
Ausbildungswege verlaufen nicht immer geradlinig. Diese Entwicklungen als Eltern mitzuerleben, mitzubangen und mitzuhoffen, können diese Jahre anstrengend machen. Umso schöner, wenn dann der Tag kommt, an dem der Ausbildungsabschluss gefeiert werden darf. Dieser Tag signalisiert: Jetzt ist mein Kind in der Lage, sich selbst zu unterhalten. Damit ist eine große Aufgabe der Elternschaft beendet. Und das ist ein guter Grund zu feiern.
Michaela Schnabel ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern, die drei unterschiedliche Ausbildungsgänge in unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Finanzierung absolviert haben. Sie arbeitet als Sozialpädagogin und lebt in Witten.
Weitere Infos:
Deutschland:
Zahlen und Infos zu Unterhaltshöhen und Selbstbehalt finden Sie in der „Düsseldorfer Tabelle“: olg-duesseldorf.nrw.de/infos/Duesseldorfer_Tabelle
Studium finanzieren: studierenplus.de/bildung-finanzieren/studiumfinanzieren-ohne-bafoeg / arbeiterkind.de/studium-finanzieren
Infos zur Höhe von BAfÖG und Anspruchsvoraussetzungen: bafoeg-rechner.de
Stipendienprogramme: stipendienlotse.de / mystipendium.de / squeaker.net/de/Studium/Stipendium/Stipendien-Bewerbung/Uebersicht-Stipendienprogramme
Studienkredite: studentenwerke.de/de/content/studienkredite
Wenn der Weg zur Ausbildung Umwege aufweist: scheidung.org/kindesunterhaltausbildung/#Orientierungsphase_erlaubt
Schweiz:
Infos zur Ausbildungs-/Studienfinanzierung: berufsberatung.ch/dyn/show/7770 / ch.ch/de/stipendien-und-ausbildungsdarlehen/
Österreich:
Infos zur Studienfinanzierung: studieren.at/studienfinanzierung/
Im Bann der Dämonen?
„Schon lange geht unsere Tochter (18) nicht mehr mit uns zum Gottesdienst. Sie trägt dunkle Kleider und hört düstere Musik. Um ihren Hals baumelt ein umgedrehtes Kreuz und auf ihren Handrücken hat sie sich ein Pentagramm tätowieren lassen. Oft verschwindet sie über Nacht. Auch ihre Freunde sind düstere Gestalten. Ich habe Sorge, dass sie an Satanisten geraten ist. Wie kann ich ihr helfen?“
Mit dem Satanismus verbindet man gemeinhin bedrohliche und bedrückende Vorstellungen von schwarzen Messen mit ritueller Gewalt und vielleicht sogar mit rassistischen und rechtsradikalen Tendenzen. Doch ich möchte Sie beruhigen: Solche Extreme sind eher selten, ja unwahrscheinlich und lassen sich zudem recht gut erschließen.
Verständnis statt Ablehnung
Wenn Jugendliche, wie Ihre Tochter, sich mit dunkler Kleidung und satanischen Symbolen ausstatten und sich nachts treffen, handelt es sich womöglich um eine harmlose Adoleszenzerscheinung. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden müssen junge Menschen Entwicklungsaufgaben bewältigen. Dazu gehört auch die Entwicklung eigener Wertmaßstäbe. Auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit distanzieren sich Jugendliche daher häufig von den als Kind übernommenen elterlichen Wertmaßstäben. So gesehen ist es normal, dass Ihre Tochter nicht mehr mit Ihnen in den Gottesdienst geht. Im Zuge dieser Abgrenzung können sich die prägenden Familienwerte durchaus ins Gegenteil verkehren. Das ist jedoch keine endgültige Abkehr, sondern ein Ausdruck der Suche nach selbstbestimmten Werten.
Sie merken, das beunruhigende Verhalten folgt einer gewissen Logik. Versuchen Sie, Verständnis dafür aufzubringen, anstatt Ablehnung zum Ausdruck zu bringen. Es lohnt sich, offen und neugierig nachzufragen und quasi nebenbei als aktiv Zuhörende zu erfahren, ob und was Ihre Tochter in diesen nächtlichen Treffen praktiziert, wie es ihr in den neuen Kreisen geht, ob sie nur mit gleichgesinnten Jugendlichen Zeit verbringt, die sich auch näher kennenlernen lassen. Beziehung kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten aufrichtig sind. Bringen Sie Ihre Sorge zum Ausdruck, dass die neuen Kontakte womöglich gefährlich sein könnten, und lassen Sie sich vom Gegenteil überzeugen. Bleiben Sie dabei ruhig, aufmerksam und beharrlich.
Extrem verschwiegen?
Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Ihre Tochter sich einem praktizierenden Satanistenkreis angeschlossen hat. Sie erkennen das an der Offenheit Ihrer Tochter: Teilt sie Probleme weiterhin mit Ihnen oder ist sie extrem verschwiegen, ängstlich, verunsichert oder provozierend? Möglicherweise gibt es auch äußere Hinweise auf rituelle Praktiken: Gibt es zum Beispiel auffällige schwarze Kostüme, ein besonderes Interesse an schwarzen Kleintieren oder Gegenstände, die möglicherweise in schwarzen Messen benutzt wurden? Gibt es unerklärliche Schnittwunden, blaue Flecken oder verschnittenes Haar? Sollten sich Ihre Befürchtungen nicht zerstreuen lassen, finden Sie zum Beispiel bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen persönliche Beratungsangebote:
www.ezw-berlin.de
Marco Wolff ist Lehrer und pädagogischer Ausbilder, engagiert sich im Help!-Team der Zeitschrift Teensmag und lebt in Northeim bei Göttingen. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Geld von den Kindern erbitten?
„Jahrelang habe ich als alleinerziehende Mutter finanziell zu kämpfen gehabt. In der Corona-Krise sind für mich wichtige Einnahmequellen weggebrochen, meinen Kindern geht es finanziell gut. Ist es legitim, sich von ihnen unterstützen zu lassen?“
Auf den ersten Blick steckt in diesem Gedanken eine gewisse Logik. Nachdem Sie viel investiert haben, liegt es nahe, dass nun die Kinder Ihrerseits die unterstützende Rolle einnehmen können. Gerade wenn es Ihren Kindern finanziell gut geht, ist es durchaus denkbar, dass sie Ihnen nun unter die Arme greifen und Sie entlasten. Auf den zweiten Blick lauert hinter diesem Gedanken aber auch eine Gefahr.
Unsere Kinder schulden uns nichts
Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist, wie stabil und offen Ihr Verhältnis ist und welche Erwartungshaltung Sie mitbringen. Wenn Sie mit Ihren Kindern grundsätzlich in einem guten Kontakt sind und Ihre Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden, spricht nichts dagegen, Ihre Kinder um eine finanzielle Unterstützung zu bitten. Wenn aber der Anspruch im Raum steht: „Nachdem ich mich jahrelang aufgeopfert habe, bist nun endlich du dran“, wird es kompliziert. Denn dieser Umkehrschluss unterliegt einem gewissen Denkfehler – nämlich, dass unsere Kinder uns etwas für unsere Arbeit als Eltern zurückgeben müssen.
Grundlegend tragen Eltern die Verantwortung, für ihre Kinder zu sorgen, bis diese selbst auf eigenen Füßen stehen. Das ist ein Job, der für alleinerziehende Eltern doppelt anspruchsvoll ist, den sie aber trotzdem erfüllen müssen. Eltern sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder alles bekommen, was sie zum Leben brauchen, sowohl finanziell als auch emotional. Für all dieses Engagement schulden uns unsere Kinder nichts. Sie müssen es nicht wiedergutmachen, dass wir sie ins Leben begleitet haben. Das ist ein wichtiger Aspekt, damit Kinder frei handeln und entscheiden können und nicht mit einer Erwartung belastet werden.
Freiwilligkeit ist wichtig
Auch wenn die Eltern-Kind-Beziehung ein Leben lang eine besondere bleibt, sollte es keine ungesunden Abhängigkeiten geben, sondern ein freundschaftliches Miteinander. Genauso wie wir unter Freunden auch nicht argumentieren würden, dass sie uns jetzt helfen müssen, weil wir irgendwann mal etwas für sie gemacht haben, sollten wir das bei unseren Kindern auch nicht tun. Wichtig ist, dass die Unterstützung auf Freiwilligkeit ausgelegt und nicht auf eine Wiedergutmachung gegründet ist.
Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, möchte ich Ihnen Mut machen, sich Ihren Kindern anzuvertrauen. Erzählen Sie von Ihren Nöten, erklären Sie Ihre Situation und suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung. Klären Sie, ob es sich dabei um einen Kredit handeln könnte oder ob für Sie nur eine Schenkung möglich ist. Vielleicht gibt es ja Ihrerseits eine Idee, wie Sie die finanzielle Unterstützung auf eine andere Art ausgleichen können. Ich bin sicher, dass Sie von Ihren Kindern nicht hängen gelassen werden, wenn Sie ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen haben und ein solches Gespräch in aller Freiheit und auf Augenhöhe führen können.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet gemeinsam mit ihrem Mann die TEAM.F Regionalarbeit im Rheinland. sonja-brocksieper.de
„Unsere Aufgabe ist: zugewandt bleiben“
Eltern bleibt man ein Leben lang, aber die Verantwortung für ihr Leben und ihren Glauben müssen die Kinder irgendwann selbst tragen. Wann das soweit ist und wie man dahin kommt, erklären Cathy Zindel-Weber und Daniel Zindel im FamilyNEXT-Interview.
Es gibt immer wieder Aussagen, ab welchem Alter der Kinder das Erziehen „vorbei“ sei – manche sagen ab 12, andere ab 16. Wie seht ihr das?
Cathy Zindel-Weber: Die Frage ist: Was heißt erziehen? Wenn der 16- oder 18-Jährige noch bei uns wohnt, ist klar: Wir haben Regeln, und er ordnet sich ein. Es gibt Unverhandelbares und Verhandelbares. Wir bleiben Eltern, und doch wachsen die Kinder zu Gegenübern, welche selbst bestimmen. Das eine Kind ist früher eigenverantwortlich unterwegs, das andere später. Die 12-Jährige gestaltet zum Beispiel selbstständig, wann sie ihre Hausaufgaben erledigt, wie sie ihre Zeit einteilt und zu den Freunden Beziehungen pflegt. Es kann aber auch sein, dass der 16-Jährige bei der Tagesstruktur noch die elterliche Hilfe braucht. Auch ein Kind mit einem Handicap braucht länger und wird vielleicht nie ganz eigenverantwortlich leben können. Die Freiheit ist gekoppelt an die Eigenverantwortung. Das ist ein Prozess, der schon beim Kleinkind anfängt und der je nach Bereich früher oder später ein Ende zwischen Eltern und Kind findet. Das Ziel ist, dass das Kind lernt, selbst wahrzunehmen, was ihm und anderen guttut und was dem Leben und den Beziehungen dient.
Daniel Zindel: In dieser Phase gibt es immer wieder schwierige Entscheidungen, zum Beispiel: Soll der 16-Jährige seine Freundin über Nacht bei sich auf dem Zimmer haben? Wie gestalten sie ihre Sexualität? Was ist unsere Verantwortung dabei? Oft ist man da ja als Eltern nicht im selben Boot. Man muss damit ringen: Sollen sie das selbstständig gestalten mit 16 oder 17? Haben wir da auch einen Part? Stellen wir Fragen zur Verhütung? Ich denke, es kommt immer mehr zum Begleiten, zum Dialog. Wir müssen dranbleiben und aushalten, dass Kinder Wege gehen, die wir für uns nicht gewählt haben. Das ist ja auch eine Form von Erziehung: mitgehen, aushalten, zugewandt bleiben.
Ihr würdet also sagen: So viel Freiheit wie möglich – das Ziel ist, dass das Kind selbst entscheidet. Nur wenn ich merke, es kriegt es allein nicht hin, dann muss ich noch unterstützen …
Daniel: Ja, aber immer in dem Spannungsfeld: so viel Freiheit und so viel Verantwortung wie möglich. Ich gebe dir Freiheit, und zugleich hast du die Verantwortung, dich zu führen und dich nicht zu schädigen. Dein Leben soll gelingen. Du sollst dich gut an die Hand nehmen können und die Verantwortung für dich selbst wahrnehmen.
Cathy: Das ist bei allen Kindern ein langer Prozess des Dranbleibens und Nicht-Aufgebens. Wichtig ist, dass man ihnen die Verantwortung nicht wieder abnimmt. Es gibt auch 18- oder 19-Jährige, die diese Verantwortung noch nicht wirklich tragen können, die zum Beispiel mit Finanzen nicht zurechtkommen. Und auch von der Entwicklung und der Reife her länger brauchen. Es sind nicht immer nur die Eltern, die das nicht frühzeitig gemacht haben. Es kann aber sein, dass man ihnen zu lange nur Befehle erteilt oder ihnen zu viel Freiheit gegeben hat, und dann sollen sie auf einmal alles können. Das geht nicht. Jugendliche brauchen Übungsfelder, und da braucht es viel Vertrauen. Wir müssen sie auch in ihren Fehlern begleiten und dann nicht sagen: „Ich hab’s doch gewusst.“ Sondern eher: „Du musst die Konsequenzen tragen, aber wir unterstützen dich und begleiten dich, dass du den Sprung ins Leben schaffst.“
Daniel: Die Familie muss immer wieder neu die Verteilung von Verantwortlichkeiten regeln.
Cathy: Und da ist die Spannung, was wir als Eltern noch bestimmen und was wir als „Wohngemeinschaft“ zusammen entscheiden. Jugendliche entscheiden und gestalten ihr Leben oft nicht nach unseren Vorstellungen und trotzdem lieben wir sie. So ist Gott mit uns allen: Er bleibt uns zugewandt. Wir wählen nicht immer das Gute und Richtige. Und das gilt für unsere Kinder auch. Das braucht Geduld und Spannkraft. Wir haben die Aufgabe, unsere Angst und auch unser Schuldgefühl zu bearbeiten
Schuldgefühle sind ein wichtiges Thema. Wie gehe ich denn damit um, wenn ich erkenne, dass ich in der Erziehung oder der Beziehung zu meinem Kind Fehler gemacht habe?
Daniel: Dazu habe ich ein Beispiel. Bevor unsere Tochter heiratete, sagte sie: „Papa, ich möchte mit dir noch eine Bergwanderung machen.“ Und beim Aufstieg erklärte sie: „Jetzt sag ich dir, was du in meinen Augen alles gut gemacht hast. Und was du in meinen Augen schlecht gemacht hast.“ Sie meinte: „Du hast mich nur gelobt, wenn ich etwas gut gemacht habe.“ Ich erwiderte: „Aber ich habe dich doch immer geliebt.“ Darauf sagte sie: „Das hättest du doch mal sagen können, auch wenn ich nicht unbedingt etwas geleistet habe.“ – Das ist passiert. Das ist nicht reversibel. Ich kann nicht wieder von vorn anfangen. Es gibt wohl bei allen Eltern irgendein Thema, bei dem sie sagen: „Mit der heutigen Erfahrung, mit dem jetzigen Wissen würde ich es anders machen.“ Ich glaube, man kann das nur für sich selbst bereinigen. Es schmerzt. Ich schäme mich vielleicht, bin schuldig geworden. Und ich kann es mit Gott bearbeiten, Vergebung empfangen. Und so wie wir das gemacht haben: Wir konnten es besprechen, es klären. Wir haben Gott sei Dank Kinder, die uns nichts nachtragen. Es gehört auch zur Erziehungsarbeit, dass man auch Biografiearbeit mit den erwachsenen Kindern macht und Dinge klärt. Dass man so miteinander ins Reine kommt. Das ist ein spannender Prozess.
Cathy: Vielleicht gibt es auch Fehler, bei denen ich merke: Das ist echte Schuld. Da haben wir den Kindern etwas zugemutet und sind schuldig geworden. Das hat sie sehr stark verletzt. Aber im Allgemeinen sind es Dinge, die in unserem Unvermögen ohne Absicht geschehen sind.
Daniel: Manchmal haben Eltern Schuldgefühle und versuchen dann, ihr Kind im Nachhinein zufriedenzustellen, indem sie zum Beispiel Finanzen hinterherschieben. Gut abgelöst zu sein heißt auch, bereinigte Beziehungen zu haben.
Cathy: Manchmal kann man das mit den Kindern direkt klären, manchmal muss man einseitig vor Gott seine Fehler bekennen und aushalten, dass die Kinder damit noch einen Weg bis zur Aussöhnung mit den Eltern gehen müssen.
Daniel: Diese Klärung ist auch eine wichtige Voraussetzung für eine gute Großelternrolle. Bereinigte Beziehungen zu den Kindern sind ein Steilpass für gute Beziehungen zu den Enkeln und Schwiegerkindern.
Christliche Eltern sind oft enttäuscht, wenn ihre großen Kinder sich vom Glauben entfernen. Wie können sie gut damit umgehen?
Daniel: Das ist eine echte Not von uns Eltern, wenn unsere Kinder das, was uns am liebsten ist, wie ein Kleid abstreifen. Das tut weh. Diesen Schmerz muss man bei Gott abfließen lassen. Und auch hier muss man dann die Kinder loslassen. Es steckt ja oft auch eine gesunde Autonomie hinter ihrer Absetzbewegung. Wenn es zum Beispiel eine enge Frömmigkeit ist, die sie kennengelernt haben, brauchen sie vielleicht Luft zum Atmen. Wir Eltern denken, sie haben Gott verlassen. Aber vielleicht haben sie einfach unsere Spiritualität, unsere Frömmigkeit verlassen und sind geistlich auf ihrer eigenen Suche.
Cathy: Wenn die Kinder nicht mehr zur Gemeinde gehen oder wenn sie sagen: „Ich will nicht mehr beten“ oder „Ich will nichts mehr mit deinem Gott zu tun haben“, heißt das nicht, sie verlassen Gott. Sie verlassen ein Gottesbild, eine Form und müssen sich manchmal vehement dagegen abgrenzen, besonders wenn eine bestimmte Form sehr dominant war. Manche Kinder brauchen starke Abgrenzungen, um sich durchzusetzen. Eigentlich ist es eine Stärke. Wir können darauf vertrauen, dass die Kinder gerade dadurch ihren eigenen Glauben, ihre Beziehung zu Gott finden. Gott hat keine Enkel, er hat nur Kinder. Jede Generation braucht wieder einen neuen, einen eigenen Zugang zu diesem lebendigen Gott und kann nicht nur einfach etwas übernehmen.
Daniel: Wir haben das als Eltern auch schmerzlich erlebt. Wir haben dann auch erlebt, dass Kinder, wenn sie selbst Kinder bekommen, wieder ganz neu die Frage nach Gott stellen. Und ich vertraue auf die Treue Gottes, der über die Generationen hinweg immer wieder Glauben schenkt.
Cathy: Der Same ist gelegt. Jetzt müssen wir Gott vertrauen. Es ist nicht mehr unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist: zugewandt bleiben.
Das Interview führte FamilyNEXT-Redakteurin Bettina Wendland.
Als beim knapp 18-jährigen Marius Skoliose diagnostiziert wird, ist seine Mutter zum Nichtstun verdammt
Marius ist fast volljährig, als bei ihm eine Krümmung der Wirbelsäule festgestellt wird. Die Entscheidung für oder gegen eine OP muss er eigenständig treffen. Für seine Mutter heißt das: loslassen.
Tag 1 nach der Operation meines 20-jährigen Sohnes: Ich stehe in der Intensivstation und sehe den erst wenige Stunden aus der Narkose zurückgeholten Marius. Es ist der Moment, den ich seit Monaten gefürchtet und doch auch herbeigewünscht habe, um die Anspannung des Ungewissen hinter mir lassen zu können. Marius’ Gesicht und Extremitäten sind geschwollen von Medikamenten. Er hat Schmerzen und hängt an Schläuchen und Geräten. Doch die mehr als siebenstündige OP ist der Beginn eines neuen Lebensabschnittes unseres Sohnes: ein harter, schmerzhafter Einschnitt, für den er sich selbst entscheiden musste.
Was ist Skoliose?
Gut zweieinhalb Jahre zuvor war bei Marius eine deutliche Skoliose festgestellt worden. Dabei handelt es sich um eine Wachstumsstörung, bei der sich die Wirbelsäule krümmt. Je nach Ausmaß dieser Fehlbildung können die inneren Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Zudem hat die Fehlhaltung Auswirkungen auf die gesamte Körperhaltung mit diversen Folgeproblemen. Marius stand bei Diagnosestellung kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag und seinem Abitur. Fachärzte rieten zur Operation.
Er muss sich selbst entscheiden
Ein Schock für uns als Eltern: Hätten wir nicht früher aufmerksam werden müssen auf diese Fehlentwicklung? Und natürlich erst recht ein Schock für unseren Sohn: Er hatte sich bisher „normal“ gefühlt und galt plötzlich als behandlungsbedürftig. Seine Wirbelsäule sollte in einer OP aufgerichtet und mit Titanstäben in dieser Form gehalten werden. Im Verlauf eines Jahres würden die Wirbel über die aufgerichtete Strecke hin verknöchern, also unbeweglich werden. Zu einer Entscheidung für die Operation konnte Marius sich zunächst nicht durchringen. Als Eltern drängten wir anfangs, verstanden aber mit der Zeit: Er muss sich entscheiden, er muss mit den Folgen leben, auch mit einem – im schlimmsten Fall – misslungenen Eingriff.
Gerade noch minderjährig, jetzt Patient
Die Situation war für uns alle neu: Marius war volljährig. Das hieß einerseits: Als Eltern haben wir weder das Recht noch die Pflicht, eine Entscheidung zu forcieren, geschweige denn sie zu treffen. Andererseits war Marius überfordert mit der Situation: Gerade noch war er ein minderjähriger Schüler. Jetzt war er zum Patienten geworden, der Entscheidungen über Arztbesuche treffen und lange Fragebögen zu seiner Gesundheit ausfüllen musste. Ich konnte diese für uns alle neue Situation im Lauf der Zeit auch als Entlastung sehen: Ich bin nicht verantwortlich für die Konsequenzen jener Entschlüsse, die er trifft. Ich kann und will meinem Sohn aber auf seinem Weg mit der Skoliose zur Seite stehen. Und ich kann um Weisheit und Beistand für uns Eltern und für unseren Sohn beten.
Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen
Mein anfängliches Drängen auf eine OP hatte etwas damit zu tun, dass ich alles wieder richten wollte: mein Versagen, die Fehlbildung schon früher zu erkennen. Und den Schmerz, dass mein gesund geborenes und sich zunächst normal entwickelndes Kind scheinbar plötzlich unter einer gravierenden Fehlbildung litt.
Nach und nach versuchte ich, diese Entwicklung zu akzeptieren. Ja, bei anderen Jugendlichen wird eine Skoliose früher entdeckt, und sie haben so die Chance, sie durch Tragen einer Orthese zu therapieren. Ja, auch ein gesund geborenes Kind kann Behinderungen und Krankheiten entwickeln. Ich trage als Mutter einen Teil der Verantwortung für die Entwicklung. Ich bin aber auch „nur“ ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Mich in Schuldgefühlen zu vergraben, würde weder Marius noch mir helfen. Entscheidend war, was in der konkreten Situation zu tun war. Das hieß für mich und für meinen Mann: sich informieren, Marius beraten, Arzttermine ausmachen, zu den Terminen begleiten und den Ärzten Fragen stellen, die Marius nicht in den Sinn kamen.
Die Situation verschlimmert sich
Anfangs musste ich mich zur Gelassenheit zwingen, später konnte ich sie zu einem gewissen Grad finden. Ich sprach das Thema der OP nur gelegentlich an. Ich nahm Kontakt zu einer Skoliose-Selbsthilfegruppe auf. Meine dort gewonnenen Informationen wollte Marius für sich aber nicht annehmen. Erschreckend für uns war, dass sich innerhalb der zwei Jahre seit der ersten Röntgenaufnahme der Zustand seines Rückens noch einmal massiv verschlechtert hatte. Bei schlechterer Ausgangslage sind auch die Korrekturmöglichkeiten weniger optimal. Allerdings hatte Marius nun auch öfter Rückenschmerzen und war dadurch mehr motiviert, die OP in Angriff zu nehmen. Wieder kamen bei mir Schuldgefühle auf: Hätte ich, hätten wir ihn doch mehr drängen sollen?
Marius hat uns Eltern nie dafür verantwortlich gemacht, dass seine Skoliose erst so spät erkannt wurde. Er ist ein Pragmatiker, der seine Lebensaufgaben möglichst ressourcensparend angeht. Über Gefühle spricht er kaum, Schmerzen werden erst im Nachhinein erwähnt. So erfuhren wir zum Teil erst nach der Operation, wie eingeschränkt er zuvor war.
Mit Kummer in der Kirche
Im Sommer 2019 fiel schließlich der Entschluss zur OP. Im November sollte der Termin sein. Erneut war ich emotional sehr mitgenommen. Meine Gebete wurden sehr intensiv. Oft betrat ich im Vorbeigehen eine der Kirchen unserer Stadt, um meine Sorgen und Ängste vor Jesus zu bringen. Ich rang dabei um die rechte Haltung: Ich wollte und durfte Gott meinen Kummer, meine Ängste und Sehnsüchte vor die Füße legen. Zugleich aber wollte ich Gott nicht beschwören: „Du musst doch, wenn ich so bitte!“ – Nein, musste er nicht!
In den Händen des OP-Teams
Die Zeit bis zum Eingriff schien sich ewig hinzuziehen. Ich war nervös, schlief schlecht und wollte doch meinem Sohn eine Stütze sein. Dieser brauchte Hilfe, war deswegen aber auch genervt. Er, der doch seinen Kram sonst allein macht und kein Kind mehr ist, wird nun wieder mit allerlei Ratschlägen belästigt.
Schließlich mussten wir unseren Sohn in die Hände eines OP-Teams übergeben, wohl wissend, dass er letztlich in Gottes Hand liegt. Marius’ fast acht Stunden dauernder OP schloss sich eine Nacht in Narkose an. Die diensthabende Ärztin der Intensivstation sprach am späten Abend sehr empathisch zu uns: „Er ist noch in Narkose, es geht ihm gut, versuchen sie zu schlafen.“ Ich fand es sehr einfühlsam von ihr, uns damit die „Erlaubnis“ zum Schlafen zu geben: Wir konnten im Moment nichts für ihn tun, würden unsere Kräfte noch brauchen.
Schwere Tage
Marius verbrachte drei Tage auf der Intensivstation und eine Woche auf der Normalstation. Es war schwer für mich zu sehen, dass er Schmerzen hatte. Und es war schwer, das endgültige Ergebnis der OP wegen des langen Heilungsprozesses noch nicht wissen zu können.
Aber Marius hatte – mit Gottes Hilfe – diesen großen Eingriff hinter sich gebracht und wir mit ihm. Und nachdem wir uns erst nicht vorstellen konnten, wie er zu Hause zurechtkommen sollte, so eingeschränkt wie er war, erlebten wir es wie ein Wunder, als alle Drainagen und Infusionen und Katheter nach einigen Tagen entfernt worden waren, wie er – zwar mühevoll – allein zur Toilette ging und ein paar Schritte den Flur auf und ab gehen konnte. Am Tag der Entlassung schließlich brauchte er im Bad, beim Anziehen und Essen keine Hilfe mehr.
Corona wird zum Glücksfall
Zu Hause ging es langsam, aber stetig aufwärts. Marius schaffte es pragmatisch – wie es seine Art ist –, nach und nach von den schweren Schmerzmitteln loszukommen und den Alltag zu bewältigen. Die Nachuntersuchung nach drei Monaten verlief zufriedenstellend. Marius klinkte sich im Sommersemester wieder in das für ein Semester unterbrochene Studium der Verfahrenstechnik ein. Er gehörte zu den „Corona-Gewinnern“: Die Veranstaltungen fanden online statt, Marius konnte sie vom bequemen Stuhl am heimischen Schreibtisch aus verfolgen.
Ich bin dabei zu lernen, die Behinderung meines erwachsenen Sohnes endgültig in seine Verantwortung zu übergeben. Und zu respektieren, dass er mit Erfahrungen anders umgeht als ich. Wo ich reflektiere, schreibe, Lehren zu ziehen versuche, sagt er, auf möglicherweise gewonnene Erfahrungsschätze aus dem Krankenhausaufenthalt angesprochen: „Das war ’ne Scheißzeit, was soll ich da viel drüber nachdenken.“
Keine „Skoliose-Mutter“
Und so erlebe ich nach wie vor die Unsicherheit darüber, was dieser Sohn von mir braucht. Wahrscheinlich bräuchte er so manches, aber ich bin oft nicht (mehr) die, die es ihm geben kann. Er ist erwachsen und muss auch hier seinen Weg gehen und gegebenenfalls Wegbegleiter finden. Nach der Corona-Zeit will ich die Skoliose-Selbsthilfegruppe noch einmal besuchen, um von unseren OP-Erfahrungen zu berichten. Das werde ich gern tun, mich dann aber dort verabschieden. Mein Sohn ist erwachsen, er braucht keine „Skoliose-Mutter“, die seine Gesundheit zu ihrem Problem macht. Aber eine Mutter, die für ihn betet und ihm – wo nötig – zuhört, möchte ich ihm noch lange sein.
Die Autorin möchte anonym bleiben.