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Artikel aus den Heften

Unter einem Dach – Endlich ausziehen

Elternfrage: „Unsere Tochter (22) hat ihre Ausbildung abgeschlossen und startet demnächst in ihren ersten Job. Sie möchte gern weiter bei uns wohnen. Wir denken aber, dass es ihr guttun würde, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Wie können wir ihr das vermitteln, ohne dass der Eindruck entsteht, dass wir sie loswerden wollen?“

Schön, dass Sie sich vor dem Gespräch mit Ihrer Tochter Gedanken machen möchten. Das ist wichtig, weil tatsächlich schnell das Gefühl bei Ihrem Kind entstehen kann, vor die Tür gesetzt zu werden. Um das zu verhindern, ist es hilfreich, sich darüber klar zu werden, mit welcher Haltung Sie in das Gespräch gehen wollen. Wenn Sie eine ergebnisoffene Haltung einnehmen, vermitteln Sie, dass Sie an den Bedürfnissen, Wünschen, Plänen, vielleicht auch Ängsten oder schon vorhandenen Überlegungen Ihrer Tochter interessiert sind. Dadurch fühlt sie sich gehört und vermutlich auch verstanden. Und vermutlich ist sie danach auch offen dafür, sich Ihre Überlegung und Einstellung zum Ausziehen anzuhören.

Zu teure Wohnungen?

Normalerweise haben die meisten jungen Menschen den Drang, endlich von zu Hause ausziehen zu können. Sie wollen gern in die Selbstständigkeit. Welche Beweggründe könnten bei Ihrer Tochter hinter dem Wunsch stehen, noch weiter bei Ihnen wohnen zu bleiben? Vielleicht genießt sie das „Hotel Mama“ und es ist einfach bequem? Oder will Ihre Tochter erst sichergehen, dass sie auch die Probezeit im neuen Job schafft, bevor sie sich an das nächste große Projekt „Umzug“ macht? Möchte sie erst Geld ansparen, damit sie problemlos eine Wohnungseinrichtung und eine Kaution finanzieren kann? Oder hat Ihre Tochter vielleicht Angst vor dem Alleinsein und befürchtet, sich einsam zu fühlen? Womöglich plagt sie auch die Sorge, mit der neuen Verantwortlichkeit überfordert zu sein. Unter Umständen sind die Mieten in der Umgebung zudem so hoch, dass sie es sich nicht zutraut, eine eigene Wohnung finanziell zu stemmen?

Flügge werden

Wenn Sie wissen, welche Gründe für Ihre Tochter gegen das Ausziehen sprechen, dann wissen Sie auch, was sich verändern lässt, um sie für den Auszug zu befähigen. Sie könnten zum Beispiel gemeinsam darüber nachdenken, wie Sie die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit Ihrer Tochter fördern und zu Hause erlebbar machen. Haushaltsorganisation und Budgetplanung darf schon jetzt besprochen und eingeübt werden. Vielleicht gibt es auch von Ihrer Seite Bedürfnisse, die bisher unausgesprochen im Raum standen, warum Sie sich einen Auszug wünschen? Sehnen Sie sich vielleicht nach mehr Ungestörtheit, Unabhängigkeit und Zweisamkeit als Ehepaar? Dann überlegen Sie, wie Sie dies auch ohne Auszug der Tochter umsetzen können.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie durch diese Ideenanregungen mit Neugier in einen Austausch starten. Ein Austausch, in dem Sie Neues über Ihr Kind erfahren und in dem auch Sie mit Ihren Überlegungen Gehör finden. Solange Ihre Tochter noch bei Ihnen wohnt, wünsche ich Ihnen Freude daran, dass Ihr Verhältnis offensichtlich so gut ist, dass sie gern bei und mit Ihnen wohnt.

Michaela Schnabel wohnt in Witten. Ihre Kinder sind schon länger flügge und so eigenständig, dass es nicht immer leicht ist, gemeinsame Zeiten zu finden.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/11/tochter_ausziehen.jpg 270 367 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-01-06 12:03:172025-01-06 12:03:17Unter einem Dach – Endlich ausziehen

Einsamkeit im ersten Babyjahr – was tun?

Den ganzen Tag mit dem Baby zusammen und dennoch einsam? Das klingt paradox – doch Einsamkeit ist für manche Eltern im ersten Babyjahr Realität.

Das Einsamkeitsbarometer des Deutschen Familienministeriums von 2024 listet die Erziehung und Betreuung minderjähriger Kinder als „erhöhte Einsamkeitsbelastung“ auf. Als Eltern habe man weniger Zeit, soziale Kontakte zu pflegen. Vor allem im Coronajahr 2020 fühlte sich rund ein Drittel aller Eltern einsam, 2021 waren es noch über 12 Prozent, bei Alleinerziehenden litten sogar 16 Prozent an Einsamkeit. Im Internet findet man viele Berichte von Müttern, die sich mit Baby zu Hause einsam fühlen. Vor allem dann, wenn der Partner viel arbeitet oder Freunde und Familie weiter weg wohnen.

Auch ich habe mich in der Elternzeit sehr oft nicht nur allein, sondern einsam gefühlt. Mir fehlte der Austausch mit Erwachsenen. Zu Hause allein mit Baby war mir oft langweilig. In Spiel- und Krabbelgruppen fühlte ich mich aufgrund der oft so unterschiedlichen Erziehungsstile selten wirklich wohl. Sozialkontakte aus der Zeit vor den Kindern brachen teilweise weg, weil die Lebensentwürfe, Themen und Zeitpläne zu verschieden waren. Da ich nebenbei freiberuflich weiterarbeitete, ging mein Themenfeld in Gesprächen über Babythemen hinaus, womit viele meiner Mama-Bekanntschaften nichts anfangen konnten. Ich wollte Zeit mit meinem Kind verbringen und brauchte gleichzeitig auch Zeit für mich allein und meine Arbeit. Diese Zerrissenheit führte zu ständigen Schuldgefühlen, weil ich weder ganz in der einen noch in der anderen Welt war. Ich war verunsichert und fragte mich, was mit mir nicht stimmte, dass ich die Elternzeit nicht so genießen konnte, wie scheinbar alle anderen Mütter um mich herum. Später stellte ich fest, dass es vielen Müttern ähnlich ging – nur sprach kaum jemand offen darüber.

Nicht allein, aber einsam

Das Gefühl von Einsamkeit im ersten Babyjahr scheint ein Tabuthema zu sein. Keine Mutter – oder kein Vater – gibt gern zu, dass die Gesellschaft des Babys nicht immer reicht. Und dennoch kennen die meisten dieses Gefühl wahrscheinlich. So wie Sara. Als die rund einjährige Elternzeit mit ihrem Sohn begann, ging ihre zweieinhalbjährige Tochter in den Kindergarten. Sara und ihr Mann waren gerade in ein Haus auf einen ehemaligen Bauernhof zur Familie gezogen. Vor der Elternzeit hatte Sara viele soziale Kontakte und ging gern zur Arbeit. Doch ihr Sohn schlief sehr schlecht, wachte nachts stündlich auf, weinte tagsüber viel. Der monatelange Schlafmangel erschöpfte Sara. „Ich war so müde, ich konnte weder Freunde treffen noch Babykurse besuchen. Nicht mal einkaufen war möglich“, sagt sie über ihren Zustand damals.

Trotz der Unterstützung von Mann und Mama fühlte sich Sara überfordert und einsam. „Es war schwierig, die Verantwortung und Belastungen die meiste Zeit des Tages nicht teilen oder sich darüber austauschen zu können“, erzählt sie. Während andere Eltern vom schönen ersten Babyjahr schwärmten, konnte Sara dieses Empfinden nicht teilen. Manche Freundinnen und Freunde reagierten mit Unverständnis, andere zeigten keinerlei Reaktion, wenn sie von ihren Problemen erzählte. Einige brachen den Kontakt sogar ab. Nur ein paar wenige zeigten sich empathisch, verständnisvoll und interessiert.

Vor allem kinderlose Menschen können das Gefühl von Einsamkeit in den ersten Babymonaten nur schwer nachvollziehen – wie kann das denn sein, wo man doch den ganzen Tag mit einem kleinen Menschen zusammen ist?! Doch Einsamkeit ist nicht mit Alleinsein zu verwechseln. Einsamkeit ist subjektiv. Das Einsamkeitsbarometer beschreibt Einsamkeit als „wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Erwartungen an soziale Beziehungen und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen“, sowohl bezogen auf die Anzahl als auch Qualität der Sozialkontakte. Es gibt Menschen, die von außen betrachtet in ein großes soziales Netzwerk eingebunden sind und sich dennoch einsam fühlen. Und es gibt Menschen, die oft allein sind, ohne darunter zu leiden. Auch Sara kennt das Gefühl, einsam, aber nie allein zu sein: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt und gleichzeitig nach Zeit, mal wirklich allein für mich zu sein. Ich war zerrissen zwischen mehreren Herzenswünschen“, erinnert sie sich.

Sehnsucht nach Austausch

Natürlich empfindet es nicht jedes Elternteil so. Manche schaffen es, ihre früheren Sozialkontakte aufrechtzuerhalten oder in Spielgruppen neue zu finden. Bei manchen leben Eltern und Geschwister im gleichen Ort. So wie bei Tabea und Linda. Tabea ist seit rund zehn Monaten in Elternzeit mit ihrem ersten Kind. „Ich bin sehr gern zu Hause, es macht mir viel Freude und ich habe viel Spaß mit meiner Tochter“, sagt sie. Vor allem die ersten vier Monate nach der Geburt war sie froh, die Zeit mit ihrer „pflegeleichten Tochter“ ohne Verpflichtungen oder Termine genießen zu können. Wenn sie sich nach Austausch sehnt, besucht sie ihre Geschwister oder Eltern, die nur wenige Gehminuten entfernt wohnen. Eine Freundin mit einem gleichaltrigen Kind wohnt im Nachbarort.

Tabeas Schwägerin war ihre Hebamme und ist jetzt selbst schwanger. Die vielen Kontakte sind „ein großer Segen“ für Tabea. Auch in ihrer Gemeinde ist sie tief verwurzelt, ihr Mann und sie arbeiten bei den Konfirmanden mit. Demnächst wollen sie dort in einen Spielkreis gehen. Aber eine Sache fehlt Tabea: eine Austauschgruppe für Mütter. „Vor allem zu Beginn hätte ich mir eine Online-Austauschgruppe gewünscht“, sagt sie. So hätte jede Mama entspannt mit Baby zu Hause bleiben und sich gleichzeitig über eigene Herausforderungen austauschen können. Leider gab es eine solche Gruppe nicht. „Beim nächsten Kind werde ich es selbst in die Hand nehmen und eine Gruppe gründen“, plant Tabea.

Als Lindas erster Sohn geboren wurde, war ihr Mann als Austauschpartner noch oft zu Hause. Das gab ihr zudem die Zeit, Elterngruppen für neue Kontakte zu finden. Einige Mütter kannte sie bereits aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Später kamen Bekanntschaften aus dem Mutter-Kind-Kreis ihrer Gemeinde hinzu. „Ich war also Gott sei Dank von Anfang an recht gut sozial eingebunden“, erinnert sie sich. Deshalb fühlte sie sich nicht einsam, jedoch oft „alleingelassen mit meinen Fragen und Sorgen“. Die vielen unterschiedlichen Ansichten der anderen Mütter verunsicherten sie. Sie wünschte sich ehrlichen Austausch und gegenseitige Unterstützung. „Ich habe lange nach jemandem gesucht, bei dem ich mich mit meinen Unsicherheiten gut aufgehoben fühle und der mir hilfreich zur Seite steht, ohne mich zu belehren und zu sagen, was richtig und was falsch ist“, sagt Linda. Selbst sozial gut eingebundenen Eltern fehlt es also manchmal in der Elternzeit an ehrlichem Austausch auf Augenhöhe.

Wege aus der Einsamkeit

Was hilft nun also, aus der Einsamkeit herauszukommen? Nicht jeder kann auf die Unterstützung von Freunden oder Familie in der Nähe bauen. Wer vor der Geburt des Babys noch kein gutes soziales Netzwerk hatte, kann Krabbelgruppen, Spielplatztreffen und Co dazu nutzen, um neue Bekanntschaften zu finden. Aktivitäten gemeinsam mit dem Kind wirken der Einsamkeit entgegen, weil man vielleicht neue Bekannte mit gleichen Interessen findet. Nebenbei stärken sie die Bindung zum Kind. Das können Sportkurse sein sowie Kreativ- und Musikangebote, bei denen Babys und Kleinkinder willkommen sind. Du hast keine Gruppe, die dir gefällt, in deiner Nähe? Dann gründe wie Tabea selbst eine – vielleicht in deiner Gemeinde – und mach Werbung dafür, um Gleichgesinnte zu finden. Für alle, die sich dazu nicht überwinden können oder sich wie ich in solchen Gruppen nicht wirklich wohlfühlen, sind vielleicht Online-Foren zum Austauschen eine gute Idee.

Falls du neben dem Elternsein noch einen weiteren Lebenssinn suchst: Auch Ehrenämter sind mit Baby und Kleinkind möglich. Zum Beispiel Besuche bei Senioren in der Gemeinde oder einem Altenheim, die etwa der Besuchsdienst des Roten Kreuzes vermittelt. Die meisten Senioren freuen sich über kleine Kinder! An besonders schlechten Tagen habe ich es nicht geschafft, meine Einsamkeit zu überwinden und persönlich nach Kontakten zu suchen. Dann half es mir, meinen Partner einzubinden. Teilweise hat er dann bei befreundeten Familien angefragt und als ersten Schritt ein Treffen zwischen uns Frauen oder Mamas organisiert. Auch der Glaube kann eine große Stütze sein. Sara sagt, Gott habe in dieser schwierigen Zeit mit ihr „das Leben aufgearbeitet, wie es sonst nie möglich gewesen wäre“. Es half ihr zu wissen, „dass da jemand ist, der mich hält und sieht, auch in den dunkelsten Stunden und allein im dunklen Schlafzimmer“.

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Mama-mit-Baby.jpg 1058 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-01-03 15:48:062025-02-18 17:48:51Einsamkeit im ersten Babyjahr – was tun?

11 bis 15 – Teens und Alkohol

Elternfrage: „Meine Tochter wird bald 16 Jahre alt. Ich merke, dass Alkohol immer interessanter für sie wird. Ich würde sie gern vor unüberlegten Erfahrungen schützen. Habt ihr Anregungen, wie man gut mit Alkohol bei Teenagern umgehen kann?“

Nicht gleich verteufeln

Ich habe meine beiden Jungs (15 und 18) gefragt, welche Gesprächsmomente zum Thema Alkohol am besten bei ihnen angekommen sind. Ihre Tipps:

1. Nicht gleich verteufeln: Alkohol ist eine Sache des Maßes und kommt sogar in positiver Weise in der Bibel vor. Wir Eltern glauben häufig, dass es mehr bewirkt, wenn wir etwas extrem darstellen. Aber das stimmt nicht. Es entsteht eher ein größeres Interesse für die Sache, wenn wir übertreiben.

2. Verständnis zeigen: Es hat seine Gründe, warum sich Teenager für Alkohol interessieren. Vielleicht geht es um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, das Ansehen oder es steckt Neugier dahinter. Diese Gründe sind nachvollziehbar, nicht per se schlecht und eine Aufforderung an uns Eltern, den Rücken unserer Kinder zu stärken.

3. Eigene Erfahrungen ehrlich teilen: Damit meine ich gute wie auch schlechte Erlebnisse. Es verbindet, wenn Kinder erfahren, dass die Entscheidungen ihrer Eltern auch nicht alle gut waren. Außerdem kann es für sie hilfreich sein zu hören, dass wir als Jugendliche vielleicht auch nicht alles mitgemacht haben, obwohl es uns etwas gekostet hat.

4. Fakten sachlich darstellen: Es stimmt, dass Alkohol gefährlich sein kann. Da sprechen Geschichten, Zahlen über Unfälle, Süchte und ihre Folgen für sich – diese muss man gar nicht besonders ausführlich ausschmücken, um die Nachteile klarzustellen.

5. Ratschläge als Frage formulieren: „Überleg dir vor dem Alkoholkonsum: Was würdest du hinterher bereuen oder wofür würdest du dich schämen? Das mach dann nicht!“ Diesen Rat hat mein 15-jähriger Sohn formuliert, und ich finde ihn sehr weise.

Judith Böttcher ist Ärztin und Mama von zwei Jungs. Sie backt gerne Rotweinmuffins und bloggt unter juiis.wordpress.com.

Einen Klopfer probieren?

Kürzlich war unsere 15-jährige Tochter auf einer Party und rief mich von dort an, um zu fragen, ob sie „so einen Klopfer“ trinken dürfe. Ich sagte, sie dürfe das gern probieren. Sie müsse aber wissen, dass man bei süßen alkoholischen Getränken oft nicht sofort merkt, dass man Alkohol zu sich nimmt und sie es bei dem einen Fläschchen belassen solle. Zehn Minuten später rief die Tochter wieder an und teilte mit, dass ihr das nicht geschmeckt habe und sie das nie mehr trinken wolle. Das führte zu großer Freude bei uns Eltern, denn dieser Anruf zeigte, dass unsere Tochter uns vertraut und in ihre Lebensfragen mit einbezieht.

Ob das immer so bleiben wird, kann ich nicht sagen. Aber in diesem Punkt hat unser offenes Reden über Alltagsfragen, Sorgen und Nöte, ohne pauschale Verbote sowie Gebote zu verhängen, funktioniert. Wir können ehrlich miteinander reden. Ich trinke keinen Alkohol, weil er mir nicht schmeckt und ich die Wirkung nicht mag. Mein Mann dagegen liebt guten Wein und Bier. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder einen guten Umgang mit Alkohol lernen und sie das Standing haben, ihre persönlichen Werte und Normen auch dann zu leben, wenn es ihr Umfeld vielleicht anders leben wird.

Kathrin Lederer ist Sozialpädagogin und lebt mit ihren sieben angenommenen Kindern und Ehemann Frank in Delmenhorst.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/11/teens_alkohol.jpg 486 599 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2024-12-30 12:10:442024-12-30 12:10:4411 bis 15 – Teens und Alkohol

6 bis 10 – Verbunden bleiben

Elternfrage: „Mein Sohn ist neun Jahre alt, und ich vermisse das Alter, in dem er noch mehr meine Nähe gesucht hat. Wie schafft man es, eine tiefe Verbundenheit zu Kindern zu halten, die einen immer weniger brauchen?“

Bindung ist von Anfang an eins der größten Grundbedürfnisse von Kindern. Das Bedürfnis verschwindet nicht, wenn sie älter werden. Es ändert sich jedoch mit der Zeit die Art, wie Eltern die Verbindung zu ihren Kindern leben und vertiefen. Ich habe drei Ideen für den Alltag gesammelt, die dabei helfen können, eine tiefe Verbundenheit zu unseren Kindern zu fördern.

1. Den Moment nutzen

Kinder, die selbstständig werden, verändern ihren Alltag: Sie gestalten die Nachmittage eigenständiger als zuvor, sind länger in der Schule und oft nicht mehr zu den gewohnten, festen Zeiten zu Hause. Umso wichtiger ist es als Eltern, die wenigen Verbindungsmomente wahrzunehmen, die uns das Leben schenkt. Die Herausforderung dabei ist, dass es sich für uns Eltern häufig nicht nach einem günstigen Moment anfühlt, weil wir gerade das Geschirr spülen, eine E-Mail schreiben oder die Zähne putzen wollten. Wir dürfen lernen, die Momente zu erkennen und zu nutzen, in denen unsere Kinder offen für Verbindung sind. Auch wenn dabei etwas anderes erstmal liegen bleibt.

2. Interesse zeigen

Wenn unsere Kinder größer werden, ändern sich oft auch ihre Interessen. Es kommt vielleicht auch ein neues Hobby hinzu, das nicht zu unseren eigenen Vorlieben gehört. Für eine gute Verbundenheit ist es wichtig, dass wir genau dafür Interesse entwickeln. Wir können lernen, nicht nur nach der Schule zu fragen, sondern nach dem, was gerade wirklich wichtig für das Kind ist – auch, wenn wir das womöglich nicht verstehen. Frag nach, wie der YouTuber heißt, den dein Kind toll findet und erkundige dich, was es an ihm so mag. Lass dir seine liebsten Videos zeigen oder die Lieblingsmusik vorspielen. Setz dich daneben, wenn es zockt und lass dir erklären, wie das funktioniert.

3. Körpernähe anbieten

Nichts fördert die Bindung so sehr wie positiver Körperkontakt. Bei Berührungen wie einer Umarmung schüttet der Körper Oxytocin aus. Dieses Hormon wird auch als Bindungshormon bezeichnet. Es intensiviert die Verbundenheit, verstärkt das Vertrauen zueinander, baut Stress ab und löst Ängste. Sind unsere Kinder klein, entstehen Kuschelzeiten meist von allein. Das ändert sich jedoch oft, wenn sie älter werden. Trotzdem ist diese Art der Nähe wichtig. Wir dürfen auch unseren großen Kindern Körperkontakt anbieten, zum Beispiel durch eine Umarmung, eine Massage oder ein nahes Beieinandersitzen auf dem Sofa.

Zum Schluss noch ein kleiner Gedanke: Genauso wichtig, wie die Verbundenheit zu deinen Kindern ist die Verbundenheit zu dir selbst, deinem Partner und Gott. Vielleicht darfst du erleben, dass dafür jetzt, wenn dein Kind größer wird, wieder mehr Zeit und Raum entsteht. Ich wünsche dir, dass du das ganz bewusst für dich nehmen und genießen kannst.

Judith Oesterle ist Mama von drei Kindern, Pädagogin, Künstlerin und Coach.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/11/innige_momente.jpg 514 593 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2024-12-20 10:39:012024-12-20 10:39:206 bis 10 – Verbunden bleiben

Beziehungs-Zoff vermeiden, auf Augenhöhe leben

Wenn es in der Partnerschaft kracht, liegt es oft daran, dass unterschiedliche Persönlichkeitsanteile aufeinandertreffen. Paartherapeutin Ira Schneider erklärt, wie Partner auf Augenhöhe zusammenfinden.

Als Paar seid ihr eine Dyade, also ein System aus zwei Personen. Wenn Kinder dazukommen, entstehen mehrere Dyaden. Die Mutter-Kind-Dyade, die Vater-Kind-Dyade und auch eine neue Triade entsteht, denn ihr seid dann zu dritt. Je mehr Kinder dazukommen, desto komplexer wird es. Aber schon in der Dyade als Paar steckt genug Zündstoff, den es anzuschauen gilt. Das geschieht, wenn sich die Parter nicht auf Augenhöhe begegnen.

Innere Anteile verstehen

Zunächst einmal: Eine Paarbeziehung bewegt sich immer zwischen Fortschritt (Progression) und kindlichen Anteilen (Regression). Denn auch als Erwachsene tragen wir unsere kindlichen Anteile weiterhin in uns. Die Progression steht für unsere selbstständigen Anteile, wie „Identität, Stabilität, Autonomie, Reife, Tatkraft und Kompetenzen“ (Heidrun Ferguson, Partnerschaftsprobleme und chronischer Stress). Die Regression steht für „Einssein, Pflege, Umsorgung, Schutz, Geborgenheit und Abhängigkeit“ (Ferguson). Diese bedürftigen Anteile in uns werden innerhalb unserer Ehe aktiviert, und es geht darum, beweglich und flexibel mit ihnen umgehen zu können. Das können Paare miteinander lernen. Diese inneren Anteile begegnen jedem Paar in verschiedensten Abschnitten und Momentaufnahmen immer wieder. In der Paartherapie und zur Reflexion hat sich die Transaktionsanalyse als hilfreich erwiesen. Die Transaktionsanalyse ist eine „sozialpsychologische Theorie und Methode, welche Austausch und die Begegnungen von Menschen in den Vordergrund stellt und dabei unterschiedliche Kontexte sowie Persönlichkeitsanteile und Lebensgeschichten der Menschen berücksichtigt“ (Jürg Bolliger, Grundlagen der Transaktionsanalyse). Dabei reagieren Paare in der Interaktion meist auf drei verschiedenen Ebenen (vgl. Bolliger):

  • Eltern-Ich: Ein Teil des Paares kann aus dem Eltern-Ich reagieren. Dieses Eltern-Ich kann fürsorglich oder kritisch sein.
  • Kind-Ich: Ein Teil des Paares kann aber auch aus einem Kind-Ich reagieren. Dieses Kind-Ich kann angepasst, rebellisch oder frei sein.
  • Erwachsenen-Ich: Ein Teil des Paares kann aus dem Erwachsenen-Ich reagieren. Dieses kann realitätsbezogen, problemlösend und sachbezogen sein.

Im ungünstigen Zustand

Das Ziel einer Paarbeziehung ist, dass sich beide auf Augenhöhe im Erwachsenen-Ich begegnen. Nehmen wir folgende Paarsituation an: Greta und Ben sind mit Freunden im Kino verabredet. Sie machen sich im Flur fertig. Draußen regnet es in Strömen. Ben nimmt noch schnell einen Regenschirm zur Hand. Greta nimmt eine dünne Übergangsjacke und wirft sie sich über. Die beiden sind ohnehin spät dran. Ben verspürt einen Fürsorgedrang und will nicht, dass Greta sich erkältet.

Gleichzeitig erlebt er innerlich einen Kontrollverlust: Wenn Greta krank wird, liegt sie mehrere Tage flach und fällt bei der Kinderbetreuung aus. Ben verwandelt sich in ein kritisches und fürsorgliches Eltern-Ich zugleich. Aus ihm schießt es heraus: „Du nimmst doch nicht etwa bei dem Regen eine Übergangsjacke. Zieh dir doch was Richtiges an. Hier, deine Regenjacke.“ Greta fühlt sich augenblicklich angegriffen. Ihr wurde suggestiv eine umgekehrte Rolle zugewiesen. Statt bei sich zu bleiben, springt sie in die Dynamik mit rein und reagiert aus einem trotzigen Kind-Ich heraus. Sie zischt: „Das ist ja wohl meine Sache. Ich brauche eigentlich gar keine Jacke.“ Sie lässt sowohl die Übergangsjacke als auch die Regenjacke drinnen liegen und stapft raus. Schon ist die Stimmung im Eimer. Greta könnte einen weichen Blick auf Ben einnehmen und nachhorchen, wovor er sich schützt, weshalb er so vehement auf die Jacke pocht.

Wenn Paare sich wie Kinder oder Eltern verhalten, passiert das in der Regel unbewusst. Die Begleitaffekte können jedoch oft Wut oder eine diffuse und nicht greifbare Stimmung sein. Eine Möglichkeit wäre hier, dass Greta Ben erklärt, dass sie gern für sich selbst sorgen und dementsprechend auch gern allein entscheiden möchte, wie sie sich kleidet. Ben muss lernen, Gretas Grenzen und Autonomie zu wahren. Auch würde es ihm in dieser Situation helfen, seine eigentliche Angst, nämlich die Fantasie einer kranken Greta, die nicht mehr ihren Fürsorgeanteil bezüglich der Kinder übernehmen kann, zu kommunizieren.

Gemeinsame Augenhöhe finden

Es kann sehr kräftezehrend und wohltuend zugleich sein, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Keine Herkunftsfamilie, kein Paar ist perfekt. Doch allein die Tatsache, dass ihr euch mit diesen Fragen auseinandergesetzt habt, ist ein enormer Schritt. Sicher, eure kindlichen Anteile werden immer ein Stück weit bleiben und es ist wichtig, sie liebevoll zu umsorgen und anzunehmen. Ihr könnt mit eurer Ehe aber auch vieles, wenn nicht sogar alles überschreiben und wiedergutmachen und Ja zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe sagen.

Hilfreiche Fragen für eure Beziehung

  • Rutscht ihr manchmal in verdrehte Rollen? Wenn ja, welche Situationen kommen euch hier in den Sinn?
  • Wenn ihr gerade nicht im Erwachsenen-Ich reagiert, zu was neigt ihr eher: zum Eltern-Ich oder zum Kind-Ich?
  • Welches kleine Signalwort könntet ihr verabreden, um euch daran zu erinnern, wieder aus dem Erwachsenen-Ich zu reagieren?

Ira Schneider arbeitet als Paartherapeutin und Autorin. Der Artikel stammt leicht verändert aus ihrem frisch erschienenen Buch „Jeden Tag ein neues Ja“ (SCM Hänssler).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/12/F_Schneider-JA_BN_GettyImagesjavi_indy-1948087665-scaled-e1734438680918.jpg 1615 2695 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-12-18 12:29:312024-12-18 12:29:31Beziehungs-Zoff vermeiden, auf Augenhöhe leben

3 bis 5 – Kinder in Trauer begleiten

Elternfrage: „Der Kindergartenfreund meines Sohnes (5) hat seinen Papa bei einem Unfall verloren. Das tut uns allen sehr weh, und wir fragen uns, ob und wie wir den Jungen in seiner Trauer unterstützen können.“

Die Nachricht vom Verlust eines Elternteils ist für ein Kind, insbesondere in einem so jungen Alter, eine tiefgreifende und schmerzhafte Erfahrung, die große Unsicherheit auslösen kann. Gern möchte ich Ihnen einige Wege aufzeigen, wie Sie den Kindergartenfreund Ihres Sohnes und auch Ihren eigenen Sohn in dieser schwierigen Zeit der Trauer begleiten können.

Über den Tod reden

Es ist wichtig, dem betroffenen Kind Mitgefühl und Verständnis entgegenzubringen. Bieten Sie dem Jungen Raum für seine Gefühle an – egal ob er weint, wütend ist oder einfach nur still sein möchte. Vermeiden Sie es, ihm zu sagen, dass er stark sein soll oder über seine Gefühle reden muss. Lassen Sie ihn einfach wissen, dass Sie da sind und ihm zuhören, wenn er bereit dazu ist, sich zu öffnen. Verstecken Sie auch Ihre eigene Betroffenheit nicht, sondern zeigen Sie dem Jungen, dass Sie traurig sind. Kinder spüren unsere Emotionen und fühlen sich verstanden, wenn wir sie teilen.

Kinder in diesem Alter haben oft noch kein vollständiges Verständnis vom Konzept des Todes. Überlegen Sie sich eine altersgerechte und ehrliche Erklärung – auch Ihrem eigenen Sohn gegenüber. Beschönigende Aussagen wie „Er ist eingeschlafen“, sind dabei weniger hilfreich, da sie möglicherweise Ängste auslösen. Stattdessen könnten Sie zum Beispiel zu Ihrem Sohn sagen: „Der Papa deines Freundes ist bei einem Unfall gestorben. Das bedeutet, dass er nicht mehr zurückkommen kann. Wir sind alle sehr traurig darüber.“ Vergessen Sie nicht, dass Trauer ein Prozess ist, der Zeit braucht. Seien Sie geduldig und verständnisvoll, auch wenn der Freund Ihres Sohnes oder Ihr eigener Sohn sich zurückzieht. Geben Sie allen Betroffenen die Zeit, die sie brauchen, um den Verlust zu verarbeiten.

Sicherheit schenken

In Krisenzeiten benötigen Kinder stabile und verlässliche Beziehungen. Sie helfen dem Kindergartenfreund Ihres Sohnes, indem Sie ihn willkommen heißen. Wenn er zu Ihnen zu Besuch kommt, können kleine Routinen dabei helfen, ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Hilfreich ist es auch, wenn Sie positive Erinnerungen an den verstorbenen Vater bewahren. Je nachdem wie nahe Ihnen das Kind steht, können Sie beispielsweise alte Geschichten erzählen, Fotos anschauen oder ein Erinnerungsstück gemeinsam basteln. Solche Aktivitäten spenden Trost und halten das Gefühl der Verbindung aufrecht. Eine weitere Idee, um den Jungen in seiner Trauer zu unterstützen, besteht darin, seiner Mutter Hilfe anzubieten. Fragen Sie nach, ob Sie etwas für sie tun können, zum Beispiel einkaufen gehen. Auf diesem Weg tragen Sie dazu bei, dass der Junge wertvolle Zeit mit seiner Mutter verbringen kann.

Insgesamt ist es wichtig, dass ein Kind spürt, dass es mit der Trauer nicht allein ist und dass es Menschen gibt, die sich um es kümmern und seine Gefühle ernst nehmen. Ich hoffe, diese Tipps helfen Ihnen dabei, dem Freund Ihres Sohnes in dieser schwierigen Zeit zur Seite zu stehen. Denken Sie daran: Ihre Präsenz, Ihr Einfühlungsvermögen und Ihre Geduld sind die beste Unterstützung, die Sie ihm und auch Ihrem Sohn geben können.

Natalie Papanikolaou ist systemische Familienberaterin und ehrenamtliche Sterbe- und Trauerbegleiterin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/11/vater_tot.jpg 511 594 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2024-12-16 08:45:592024-12-16 08:45:593 bis 5 – Kinder in Trauer begleiten

Glaube und Weihnachten: In der Familie über große Fragen sprechen

Während Plätzchen, Glühwein und Geschenke heute die Weihnachtszeit dominieren, liegt der Ursprung für das Fest in der biblischen Geschichte um Christ Geburt. Das Kind in der Krippe löst in Familien aber auch Diskussionen rund um den Glauben aus. So können Eltern damit umgehen.

„Also naja, so ganz kann die Geschichte ja nicht stimmen!“, ruft die kleine Nele entschlossen, „Denn Engel gibt es doch nicht in echt.“ Hanno schluckt. Gemütlich sitzt er neben seinen Kindern am Küchentisch, mit Lebkuchen und Waffeln, und war gerade dabei, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Schon ist der Glaube im Gespräch.

Der Kommentar seiner sechsjährigen Tochter erwischt ihn kalt. „Mhm, meinst du …?“, bringt er verunsichert hervor, „Woher weißt du denn das?“

Gespräche auf Augenhöhe

Kinder sind keine leeren Gefäße, in die wir Erwachsenen vorgefertigte Inhalte gießen sollten. Kinder sind nicht einfach Lernende und Zuhörende, sondern sie machen sich eigene Gedanken und Vorstellungen – auch und gerade über Gott und die Welt. Diese Vorstellungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von dem, was wir als Erwachsene glauben und annehmen. Und das ist gut so!

Wenn wir als Erwachsenen mit Kindern über Fragen des Lebens und des Glaubens sprechen, sollten wir darauf achten, das nie von oben herab zu tun. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wusste schon Sokrates und selbst der Apostel Paulus rief die Gläubigen zur Bescheidenheit über die eigenen Erkenntnisse auf: „Denn unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Korinther 13,9).

Wir sollten es also für möglich halten, dass auch unsere vermeintlichen Wahrheiten nur begrenzte Erkenntnisse sind. Und das sollten wir auch den Kindern gegenüber zugeben. Wichtig ist, Interesse zu zeigen an den Ansichten der Kinder und unsere Ideen nicht als alleingültige Wahrheiten präsentieren. Eine solche Haltung kann zum Beispiel deutlich werden in Formulierungen wie:

„Also, wir haben natürlich beide noch nie einen Engel gesehen, du und ich, oder? Und ich glaube auch persönlich nicht, dass sie so aussehen wie die kleinen Porzellanfiguren, die Oma Hilde sammelt. Und vieles können wir uns nicht so vorstellen. Aber so wie ich die Bibelgeschichten verstehe, gibt es doch so etwas wie Botschafter, die Gott immer mal wieder zu den Menschen geschickt hat.“

Oder:

„Oh wirklich, du glaubst, dass es gar keine Engel gibt? Das finde ich interessant. Was meinst du denn, wie das alles damals stattdessen gewesen sein könnte?“

Und auch ein ganz schlichtes: „Ehrlich gesagt, ich bin mir auch nicht sicher.“ ist völlig legitim. Das macht uns Erwachsene zu einem guten Vorbild darin, nicht immer alles (besser) wissen zu müssen.

Fragen stellen und notfalls korrigieren

Wir Erwachsenen dürfen offen kommunizieren, wenn wir selbst etwas nicht wissen oder zwischen verschiedenen Ansichten stehen. Für Kinder kann es sehr wertvoll sein, zu erfahren, welche unterschiedlichen Ideen es zu einem bestimmten Thema gibt, im Sinne von:

„Ich weiß es selbst nicht genau. Manche Menschen glauben fest daran, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat oder sogar mehrere. Andere sagen, das mit den Engeln ist nur so symbolisch gemeint, um zu zeigen, dass Gott nah bei uns Menschen ist. Vielleicht gibt es auch doch Engel, aber die sind ganz anders, als wir sie uns vorstellen. Was denkst du denn? Was erscheint dir am logischsten?“

Gelegentlich kann es wichtig sein, dass Erwachsene doch korrigierend eingreifen, wenn Kinder zum Beispiel religiöse Inhalte auf eine bedrohliche und beängstigende Art verstanden haben. Das sollte aber behutsam und zurückhaltend geschehen, zum Beispiel:

„Du hast also in dem Film einen bösen, gefährlichen Engel gesehen und kannst jetzt nicht schlafen? Ich bin mir sehr sicher, dass Gott uns niemals solche bösen Engel schicken würde. In allen Geschichten der Bibel schickt Gott immer gute Engel, die den Menschen helfen. Denn Gott ist gut und genauso auch die Botschafter, die für ihn arbeiten.”

Auch mit kritischen Fragen können wir das Denken der Kinder herausfordern: „Hast du schonmal in einer Bibelgeschichte gelesen, dass Gott einen bösen Engel schickt? Kannst du dir vorstellen, dass Gott so etwas tut? Was meinst du, wer ist stärker – ein böser Engel, wenn es so einen überhaupt gibt? Oder Gott?“

Von den Kindern lernen

Ebenso dürfen aber auch wir Erwachsenen von den eigenen Vorstellungen der Kinder lernen. Oft staunen Eltern über die theologischen Ideen ihrer Kinder und fühlen sich davon ganz unerwartet inspiriert. Das dürfen wir dann auch ruhig verdeutlichen – damit fördern wir die Freude der Kinder, sich Gedanken zu machen und auszudrücken.

Grundsätzlich sollten Erwachsene versuchen, Fragen nicht immer gleich zu beantworten, sondern die Kinder mit Gegenfragen und kleinen Hinweisen selbst zum Nachdenken herauszufordern. Auch am Ende eines Gesprächs muss keine Einigung auf die eine richtige Antwort stehen.

Anders ist das mit Sachfragen zur Bibel, zum Beispiel: „Aus wie vielen Büchern besteht die Bibel?“ Aber auch hier lohnt es sich, nicht gleich zu antworten, sondern gemeinsam mit den Kindern zu recherchieren. Das fördert ihre Fähigkeit, sich Informationen zu beschaffen und diese eigenständig zu verarbeiten.

Glaube und Zweifel

Je nach eigener religiöser Prägung und Einstellung mag es Eltern leichter oder schwerer fallen, kindliche Zweifel an Glaubensinhalten zuzulassen. Die Prämisse sollte immer sein, Kindern wertvolle, stärkende Impulse mit auf den Weg zu geben, ohne sie zu einer bestimmten Weltsicht zu zwingen.

Wenn Sie selbst dem Glauben skeptisch gegenüberstehen und lieber über den Weihnachtsmann als über Jesus sprechen, wird es Ihnen vielleicht manchmal nicht behagen, wenn in der Kita christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Doch Ihrem Kind tun Sie den größten Gefallen, wenn Sie Glaubensfragen offen und urteilsfrei gegenüberstehen. Sie müssen ihrem Kind nichts vorspielen. Sie dürfen Zweifel und Bedenken altersgerecht äußern – aber lassen Sie Ihr Kind seinen eigenen Weg finden. „Ich bin zwar nicht gläubig, aber mein Kind soll trotzdem zum Konfirmationsunterricht gehen“, sagte mir mal ein Bekannter, „Wenn er den Glauben auch ablehnt, soll er wenigstens wissen, wogegen er sich entscheidet.“ Diese Haltung empfand ich als stark und beeindruckend.

Weitergeben, was uns wichtig ist

Gönnen Sie ihrem Kind das Kennenlernen vieler verschiedener Ansichten und auch das Ausprobieren und Testen von unterschiedlichen Herangehensweisen und Einstellungen. Das ist die beste Voraussetzung für eine gelingende Identitätsentwicklung!

Und wenn Sie selbst den Glauben als wertvolle Ressource erleben, dann ist es nur verständlich, dass Sie diese Erfahrung auch Ihrem Kind wünschen. Erzählen Sie ihm von dem, was Sie am Glauben begeistert. Beten Sie gemeinsam, lesen Sie die Weihnachtsgeschichte und was Ihnen sonst am Herzen liegt. Doch auch in diesem Fall gilt – ein von den Eltern aufgezwungener Glaube hält selten den Stürmen des Lebens stand.

Und wenn Zweifel und Kritik immer im Keim erstickt werden, empfinden viele Kinder oder Jugendliche den Glauben irgendwann als enges Korsett, das sie nur noch abstreifen wollen. Deshalb lassen Sie als Erwachsene Einwände und Zweifel zu, stehen Sie zu Ihren Ansichten, aber seien Sie auch offen für andere Meinungen und seien Sie bereit, dazuzulernen – auch und gerade von Ihrem Kind.

Mit einer solchen Haltung kann die Weihnachtszeit uns im Alltag mit Kindern viele spannende, lebendige und inspirierende Gespräche bescheren.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/12/Glaube-und-Weihnachten_BN_GettyImages_Jacob-Wackerhausen-scaled.jpg 1582 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-12-11 15:55:452024-12-11 15:55:45Glaube und Weihnachten: In der Familie über große Fragen sprechen

0 bis 2 – Einschlafen mit Papa

Elternfrage: „Ich möchte meiner Tochter (11 Monate) das Einschlafstillen abgewöhnen, damit mein Mann sie abends ins Bett bringen kann. Ich kann mir nur gar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Habt ihr Ideen oder Tipps?“

Es ist ein ganz natürliches Verhalten, wenn Kinder in den Schlaf gestillt werden. Stillen ist eine Art angeborenes Narkoseprogramm. Das Anlegen an die Brust bedeutet Geborgenheit, Liebe, Nahrung, Wärme und Körperkontakt. Natürlich ist es aber verständlich, dass sich Mamas mehr Pausen wünschen oder das Einschlafstillen zu viel wird.

Ich finde es wichtig zu betonen, dass nicht immer das Stillen der Grund dafür ist, dass die Mütter die Einschlafbegleitung übernehmen. Auch ein nicht (mehr) gestilltes Baby kann nach seiner Mama für die Schlafroutine verlangen und auch ein gestilltes Kind kann vom Papa ins Bett gebracht werden. Ich habe deshalb drei Tipps aufgelistet, die dabei helfen, dass der Vater die Einschlafbegleitung übernimmt – unabhängig davon, ob ein Abstillen geplant ist oder nicht.

1. Tagsüber ausprobieren

Am Tag ist alles viel leichter als in der Nacht. Startet mit der Umgewöhnung am besten erst mal mit dem Mittagsschlaf und lasst den Papa probieren, euer Kind zum Schlafen zu bringen. Wenn es tagsüber funktioniert, könnt ihr es auch abends versuchen.

2. Es muss nicht das Bett sein

Oft steckt das Bild in unseren Köpfen, dass Babys und Kleinkinder ein Bett zum Schlafen brauchen. Das stimmt nicht! Was sie wirklich brauchen, ist Geborgenheit. Die Art, wie ein Vater sein Kind in den Schlaf begleitet, kann völlig anders aussehen als bei der Mutter. Ist es bei den Mamas das Stillen und Kuscheln, so kann es bei Papas Tragen und Singen sein. Ihr seid dabei auch nicht an die Wohnung gebunden. Ihr könnt das Einschlafen auch im Kinderwagen oder im Auto ausprobieren. Wichtig ist, dass sich beide wohlfühlen, das Kind nicht allein gelassen und liebevoll begleitet wird. Beim Thema Einschlafen gibt es nicht den einen richtigen Weg und es ist eine tolle Aufgabe für die Väter, ihren eigenen Weg zu finden.

3. Üben, üben, üben!

Eine Mama braucht am Anfang Zeit, um sich mit dem Stillen einzuspielen. Genauso braucht auch der Papa mit dem Kind seine Zeit, um einen guten Einschlafweg zu finden. Je öfter ihr es ausprobiert, desto besser wird es funktionieren. Häufig hilft es, wenn die Mütter das Haus dabei verlassen. Unsere Kinder haben ein sehr gutes Gespür und merken, wenn wir uns irgendwo in den eigenen vier Wänden verstecken. Es ist deshalb einfacher, wenn sich die Mama in der Nähe aufhält und bei Bedarf wieder zu Mann und Kind zurückkehrt.

Ich hoffe sehr, dass euch diese Tipps weiterhelfen. Und ich wünsche deinem Mann viel Erfolg und eurem Kind eine gute Nacht.

Laura Lösch ist EISL Stillberaterin und Artgerecht Coach. Sie hält Workshops zu verschiedenen Kleinkindthemen wie Beikost, Baby-Schlaf und nächtliches Abstillen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/11/papa_einschlafen.jpg 461 594 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2024-12-09 11:11:002024-12-09 11:11:000 bis 2 – Einschlafen mit Papa

Fürsorge und Verlangen

Wir kümmern uns um die Sorgen und Bedürfnisse unserer Liebsten. In der Partnerschaft kann das jedoch das sexuelle Verlangen stören. Wie der Gegensatz aus Begehren und Unterstützung eine Bereicherung wird, verrät Tabea Müller.

Endlich schlafen die Kinder. Luise räumt auf, legt frische Kleidung raus und macht das Nachtlicht an. Dann geht sie in die Küche, um die Brotboxen für den nächsten Tag zu füllen. Tim schlurft aus dem Büro und schenkt sich und Luise einen Schluck Wein ein. Zu müde für eine geistreiche Konversation setzen sie sich, um zumindest den Tag in stiller, aber zufriedener Zweisamkeit zu beenden. Seit die Kinder ihre Ehe bereichern, hat sich vieles geändert. Das sexuelle Verlangen leidet darunter.

Mehr Zeit fließt in Alltagsorganisation und Versorgung. Zeiten der Muße und der Langeweile sind rar geworden. Das entbehrliche Schöne in ihrem Leben stellen sie hinten an, bis die vermeintlich dringlichen Dinge erledigt sind – so auch den Sex. Als letzter Punkt auf der To-do-Liste am Abend muss er mit dem ersehnten Schlaf konkurrieren und zieht dabei oft den Kürzeren. Die wenigen Male, die er gewinnt, ähnelt er mehr einem Sandwich im Drive-in als einem festlich gedeckten Mahl: uninspirierend, fantasielos, unkreativ.

Auf andere ausgerichtet

Luise und Tim sind in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Je länger eine Beziehung dauert, desto mehr erlebt ein Paar miteinander. Neben all den schönen und aufregenden Dingen kommen auch Stressphasen, Zusammenbrüche und Krankheiten hinzu, in denen der Partner mehr Fürsorge braucht als in den ersten gemeinsamen Urlauben. Den Kaffee ans Bett zu bringen ist dann nicht mehr nur romantisch, sondern notwendig, da die Partnerin das Bett nicht verlassen kann.

Diese Phasen gemeinsam zu meistern, ist einer der vielen Vorteile einer lebendigen Beziehung. Durch die gegenseitige Fürsorge fühlen sich die Partner zugehörig, sicher und geliebt. Sie lässt beide spüren, dass sie jemandem so viel bedeuten, dass dieser nachts für sie aufsteht und seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt.Betreten Kinder die Bühne, wird es komplizierter: Plötzlich reicht es nicht mehr, sich nur umeinander und um sich selbst zu kümmern. Tag, Nacht und Hormone werden über den Haufen geworfen, um den Bedürfnissen der neuen hilflosen Wesen nachzukommen. Sogar das mütterliche Gehirnvolumen schrumpft während Schwangerschaft und Kleinkindphase, um sich laut wissenschaftlicher Vermutung auf die Erkennung der nonverbalen Zeichen des Kindes zu spezialisieren. In dieser Zeit mutieren Eltern zu wahren Fürsorgeprofis, immer auf das Wohl eines anderen bedacht.

Selbstfürsorge, und damit die Quelle für sexuelles Verlangen, bleibt häufig auf der Strecke. Denn während Fürsorge stets gedanklich und emotional auf einen anderen ausgerichtet ist, bleibt Verlangen bei sich selbst.

Lustkiller Fürsorge

So edel Fürsorge auch sein mag, wenn du deine Identität darin findest, verwandelt sie sich in selbstgefällige Bemutterung. Statt dem anderen gutzutun, schränkt sie dessen Individualität ein und wird kontrollierend. Sie betrachtet ihn oder sie nicht mehr als Gegenüber, sondern als Hilfsbedürftigen – und wirkt dadurch wie ein echter Lustkiller. Wenn du deinen Partner bemutterst, dann habt ihr sicherlich weniger Sex. Es fällt schwer, jemanden zu begehren, den du als hilfsbedürftig wahrnimmst.

Genauso schwer ist es aber auch, den attraktivsten und selbstständigsten Partner auf dem Planeten zu begehren, wenn du selbst erschöpft und ausgelaugt bist. Von der Mutterrolle in die erotische Ehefrau zu wechseln, sobald die Kinder schlafen, ist nicht einfach. Ebenso schwer kann es sein, als Vater den Stress beiseitezuschieben, um ganz im Hier und Jetzt der müden Frau zuzuhören und dabei sexuelles Begehren aufflammen zu lassen. Hier hilft immer wieder eine Standortbestimmung, wie du dich nicht nur gegenüber deiner Partnerin oder deinem Partner verhältst, sondern auch gegenüber dir selbst.

Um deinen Partner oder deine Partnerin wieder zu begehren, musst du zuerst dich selbst lieben und dafür sorgen, dass deine Bedürfnisse gestillt und dein Liebestank gefüllt ist. Eine Gedichtzeile von Bernhard von Clairvaux drückt das ganz passend aus: „Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.“ So machst du das Geliebtwerden nicht mehr vom anderen abhängig. Du begehrst aus der Fülle heraus und nicht aus Mangel. Doch auch das Verlangen kann Schatten werfen. Wenn du dich so auf deine eigenen Wünsche fokussierst, dass du den Zustand des anderen nicht mehr richtig wahrnimmst, verwandelt sich dein Begehren in Begierde.

Darin steckt ein schönes Wortspiel: Ehre wird zur Gier. Gier ehrt den Partner nicht, selbstsüchtig und rücksichtslos trampelt sie über dessen moralische und emotionale Grenzen. Das kann dazu führen, dass deine Partnerin oder dein Partner Druck empfindet. Sex passiert dann mehr aus Pflichtgefühl als aus freien Stücken.

Erotik statt Aufopferung

Lassen wir Fürsorge und Verlangen also wieder miteinander tanzen, so führt die Fürsorge das Verlangen so, dass dieses die Grenzen seines Gegenübers wahrt und ihn begehrt. Gleichzeitig sorgen die Tanzfiguren des Verlangens dafür, dass die Fürsorge beeindruckt bleibt und ihr Gegenüber nicht diskreditiert, sondern bewundernd zu ihm aufschaut. Fürsorge und Verlangen sind Gegensätze, die einander brauchen, um eine Beziehung dynamisch zu halten. Sie spannen einen Raum auf, in dem Spannung und Abenteuer, aber auch Sicherheit und Heimat Platz finden.Monate vergehen, bis der Leidensdruck von Tim und Luise groß genug ist, um etwas dagegen zu unternehmen. So sehr Tim auch die Hingabe und Aufopferung von Luise bewundert, so stark vermisst er ihre verspielte, erotische Seite.

Auch Luise vermisst diese Seite an sich, hat aber keine Idee, wie sie sie auf die Schnelle hervorzaubern kann.Um ihre Sexualität wieder wie ein Kunstwerk zu behandeln, krempeln sie ihr Leben um. Sie schaufeln sich einen Vormittag in der Woche frei, an dem die Kinder versorgt sind. Ohne Müdigkeit und Zeitdruck verabreden sie sich regelmäßig zu einer erotischen Begegnung, bei der sie ihre Lust kultivieren können.

Diese Entscheidung kostet sie nicht wenig. Da Tim dafür seine Arbeitszeit auf 80 % reduziert, bleibt weniger Geld übrig, das an anderen Stellen gespart werden muss. Doch die frische Lebendigkeit ihrer Beziehung ist ihnen jeden Euro wert.Dieser Lösungsansatz ist ziemlich radikal und sicherlich nicht für jedes Paar geeignet. Die Frage dahinter kann aber jeder beantworten: Wie viel ist mir eine Veränderung unserer aktuellen Situation wert? Kostet mich die Lösung mehr, als einfach das Problem zu behalten? Dann ist vielleicht die Lösung das Problem und ihr habt gar keins mehr. Oder ihr versucht es erst einmal mit kleineren Veränderungen.

Vier Stellschrauben, um das sexuelle Verlangen nach dem Partner zu erhalten:

1. Kümmere dich zuerst um dich selbst
Wie bei der Sicherheitseinweisung im Flugzeug: Erst die eigene Maske, dann anderen helfen. Es lohnt sich ein regelmäßiger Self-Check: Auf einer Skala von 1 (zu wenig) bis 10 (tiptop): Wie viel Schlaf erlaube ich mir? Plane ich regelmäßig Zeit für Sport ein? Wie viel Wert lege ich auf gute Ernährung? Nehme ich meine Bedürfnisse gut genug wahr? Wie begehrenswert fühle ich mich? Wo du keine 10 Punkte vergeben kannst, lohnt sich eine Anpassung.Ein häufiges Selbstsabotage-Symptom ist die sogenannte Bedtime-Prokrastination, also das sinnfreie Hinauszögern der Schlafenszeit trotz Müdigkeit. Hier gibt es viel Energie zu holen. Also: Handy aus, Schlafi an!

2. Entrümpele deinen Alltag
Je weniger du besitzt, umso weniger Dinge wollen, dass du dich um sie kümmerst. Einmal komplett zu entrümpeln ist zwar viel Arbeit, danach bleibt aber definitiv mehr Zeit für Muße und Selbstfürsorge. Auch ein kritischer Blick in den Kalender lohnt sich: Sind all deine Termine sinnvoll, notwendig oder beflügelnd? Wende auch hier wieder die 10-Punkte-Skala an. Was nicht mindestens eine 9 bekommt, kann weg.

3. Plane bewusste Intimität ein
Es geht nicht nur um die Häufigkeit von Sex und ob beide Partner zum Orgasmus kommen. Vielmehr geht es um die Qualität der gemeinsamen Zeit, wohin die Erfahrung euch trägt und welche Träume und Fantasien sie anregt. Es kann sehr intim sein, sich gegenseitig zu berühren, ohne Sex haben zu dürfen. Auch spielerisch mal den Liebesdiener zu spielen und beim nächsten Mal den Bestimmer, kann aufschlussreich darüber sein, ob dir das Geben oder das Nehmen leichterfällt. Bist du mental gern ganz bei dir oder lieber beim anderen? Wie hast du dich in der jeweiligen Rolle gefühlt?

4. Tauscht regelmäßig die Rollen
Oft werden die Aufgaben nach Kompetenz und Präferenz aufgeteilt. Dadurch wirst du in manchen Dingen zum Experten, während du andere Dinge vielleicht sogar verlernst. Die Rollen immer wieder zu tauschen, hilft, dem Partner ebenfalls alles zuzutrauen und schützt vor der Bemutterungs- oder Bevaterungsfalle.

Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe. www.tabeasarah.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/12/F_Mueller_Gegensaetze_BN_GettyImages_evgenyatamanenko-1222297699-scaled.jpg 1972 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-12-05 14:36:302024-12-05 14:37:04Fürsorge und Verlangen

Bemuttern oder begehren? Wie das Knistern in der Beziehung erhalten bleibt

Wir kümmern uns um die Sorgen und Bedürfnisse unserer Liebsten. In der Partnerschaft kann das jedoch das sexuelle Verlangen stören. Psychologin Tabea Müller verrät, wie es im Bett trotzdem spannend bleibt.

Endlich schlafen die Kinder. Luise räumt auf, legt frische Kleidung raus und macht das Nachtlicht an. Dann geht sie in die Küche, um die Brotboxen für den nächsten Tag zu füllen. Tim schlurft aus dem Büro und schenkt sich und Luise einen Schluck Wein ein. Zu müde für eine geistreiche Konversation setzen sie sich, um zumindest den Tag in stiller, aber zufriedener Zweisamkeit zu beenden. Seit die Kinder ihre Ehe bereichern, hat sich vieles geändert. Das sexuelle Verlangen leidet darunter.

Mehr Zeit fließt in Alltagsorganisation und Versorgung. Zeiten der Muße und der Langeweile sind rar geworden. Das entbehrliche Schöne in ihrem Leben stellen sie hinten an, bis die vermeintlich dringlichen Dinge erledigt sind – so auch den Sex. Als letzter Punkt auf der To-do-Liste am Abend muss er mit dem ersehnten Schlaf konkurrieren und zieht dabei oft den Kürzeren. Die wenigen Male, die er gewinnt, ähnelt er mehr einem Sandwich im Drive-in als einem festlich gedeckten Mahl: uninspirierend, fantasielos, unkreativ.

Auf andere ausgerichtet

Luise und Tim sind in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Je länger eine Beziehung dauert, desto mehr erlebt ein Paar miteinander. Neben all den schönen und aufregenden Dingen kommen auch Stressphasen, Zusammenbrüche und Krankheiten hinzu, in denen der Partner mehr Fürsorge braucht als in den ersten gemeinsamen Urlauben. Den Kaffee ans Bett zu bringen ist dann nicht mehr nur romantisch, sondern notwendig, da die Partnerin das Bett nicht verlassen kann.

Diese Phasen gemeinsam zu meistern, ist einer der vielen Vorteile einer lebendigen Beziehung. Durch die gegenseitige Fürsorge fühlen sich die Partner zugehörig, sicher und geliebt. Sie lässt beide spüren, dass sie jemandem so viel bedeuten, dass dieser nachts für sie aufsteht und seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt.Betreten Kinder die Bühne, wird es komplizierter: Plötzlich reicht es nicht mehr, sich nur umeinander und um sich selbst zu kümmern. Tag, Nacht und Hormone werden über den Haufen geworfen, um den Bedürfnissen der neuen hilflosen Wesen nachzukommen. Sogar das mütterliche Gehirnvolumen schrumpft während Schwangerschaft und Kleinkindphase, um sich laut wissenschaftlicher Vermutung auf die Erkennung der nonverbalen Zeichen des Kindes zu spezialisieren. In dieser Zeit mutieren Eltern zu wahren Fürsorgeprofis, immer auf das Wohl eines anderen bedacht.

Selbstfürsorge, und damit die Quelle für sexuelles Verlangen, bleibt häufig auf der Strecke. Denn während Fürsorge stets gedanklich und emotional auf einen anderen ausgerichtet ist, bleibt Verlangen bei sich selbst.

Lustkiller Fürsorge

So edel Fürsorge auch sein mag, wenn du deine Identität darin findest, verwandelt sie sich in selbstgefällige Bemutterung. Statt dem anderen gutzutun, schränkt sie dessen Individualität ein und wird kontrollierend. Sie betrachtet ihn oder sie nicht mehr als Gegenüber, sondern als Hilfsbedürftigen – und wirkt dadurch wie ein echter Lustkiller. Wenn du deinen Partner bemutterst, dann habt ihr sicherlich weniger Sex. Es fällt schwer, jemanden zu begehren, den du als hilfsbedürftig wahrnimmst.

Genauso schwer ist es aber auch, den attraktivsten und selbstständigsten Partner auf dem Planeten zu begehren, wenn du selbst erschöpft und ausgelaugt bist. Von der Mutterrolle in die erotische Ehefrau zu wechseln, sobald die Kinder schlafen, ist nicht einfach. Ebenso schwer kann es sein, als Vater den Stress beiseitezuschieben, um ganz im Hier und Jetzt der müden Frau zuzuhören und dabei sexuelles Begehren aufflammen zu lassen. Hier hilft immer wieder eine Standortbestimmung, wie du dich nicht nur gegenüber deiner Partnerin oder deinem Partner verhältst, sondern auch gegenüber dir selbst.

Um deinen Partner oder deine Partnerin wieder zu begehren, musst du zuerst dich selbst lieben und dafür sorgen, dass deine Bedürfnisse gestillt und dein Liebestank gefüllt ist. Eine Gedichtzeile von Bernhard von Clairvaux drückt das ganz passend aus: „Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.“ So machst du das Geliebtwerden nicht mehr vom anderen abhängig. Du begehrst aus der Fülle heraus und nicht aus Mangel. Doch auch das Verlangen kann Schatten werfen. Wenn du dich so auf deine eigenen Wünsche fokussierst, dass du den Zustand des anderen nicht mehr richtig wahrnimmst, verwandelt sich dein Begehren in Begierde.

Darin steckt ein schönes Wortspiel: Ehre wird zur Gier. Gier ehrt den Partner nicht, selbstsüchtig und rücksichtslos trampelt sie über dessen moralische und emotionale Grenzen. Das kann dazu führen, dass deine Partnerin oder dein Partner Druck empfindet. Sex passiert dann mehr aus Pflichtgefühl als aus freien Stücken.

Erotik statt Aufopferung

Lassen wir Fürsorge und Verlangen also wieder miteinander tanzen, so führt die Fürsorge das Verlangen so, dass dieses die Grenzen seines Gegenübers wahrt und ihn begehrt. Gleichzeitig sorgen die Tanzfiguren des Verlangens dafür, dass die Fürsorge beeindruckt bleibt und ihr Gegenüber nicht diskreditiert, sondern bewundernd zu ihm aufschaut. Fürsorge und Verlangen sind Gegensätze, die einander brauchen, um eine Beziehung dynamisch zu halten. Sie spannen einen Raum auf, in dem Spannung und Abenteuer, aber auch Sicherheit und Heimat Platz finden.Monate vergehen, bis der Leidensdruck von Tim und Luise groß genug ist, um etwas dagegen zu unternehmen. So sehr Tim auch die Hingabe und Aufopferung von Luise bewundert, so stark vermisst er ihre verspielte, erotische Seite.

Auch Luise vermisst diese Seite an sich, hat aber keine Idee, wie sie sie auf die Schnelle hervorzaubern kann.Um ihre Sexualität wieder wie ein Kunstwerk zu behandeln, krempeln sie ihr Leben um. Sie schaufeln sich einen Vormittag in der Woche frei, an dem die Kinder versorgt sind. Ohne Müdigkeit und Zeitdruck verabreden sie sich regelmäßig zu einer erotischen Begegnung, bei der sie ihre Lust kultivieren können.

Diese Entscheidung kostet sie nicht wenig. Da Tim dafür seine Arbeitszeit auf 80 % reduziert, bleibt weniger Geld übrig, das an anderen Stellen gespart werden muss. Doch die frische Lebendigkeit ihrer Beziehung ist ihnen jeden Euro wert.Dieser Lösungsansatz ist ziemlich radikal und sicherlich nicht für jedes Paar geeignet. Die Frage dahinter kann aber jeder beantworten: Wie viel ist mir eine Veränderung unserer aktuellen Situation wert? Kostet mich die Lösung mehr, als einfach das Problem zu behalten? Dann ist vielleicht die Lösung das Problem und ihr habt gar keins mehr. Oder ihr versucht es erst einmal mit kleineren Veränderungen.

Vier Stellschrauben, um das sexuelle Verlangen nach dem Partner zu erhalten:

1. Kümmere dich zuerst um dich selbst
Wie bei der Sicherheitseinweisung im Flugzeug: Erst die eigene Maske, dann anderen helfen. Es lohnt sich ein regelmäßiger Self-Check: Auf einer Skala von 1 (zu wenig) bis 10 (tiptop): Wie viel Schlaf erlaube ich mir? Plane ich regelmäßig Zeit für Sport ein? Wie viel Wert lege ich auf gute Ernährung? Nehme ich meine Bedürfnisse gut genug wahr? Wie begehrenswert fühle ich mich? Wo du keine 10 Punkte vergeben kannst, lohnt sich eine Anpassung.Ein häufiges Selbstsabotage-Symptom ist die sogenannte Bedtime-Prokrastination, also das sinnfreie Hinauszögern der Schlafenszeit trotz Müdigkeit. Hier gibt es viel Energie zu holen. Also: Handy aus, Schlafi an!

2. Entrümpele deinen Alltag
Je weniger du besitzt, umso weniger Dinge wollen, dass du dich um sie kümmerst. Einmal komplett zu entrümpeln ist zwar viel Arbeit, danach bleibt aber definitiv mehr Zeit für Muße und Selbstfürsorge. Auch ein kritischer Blick in den Kalender lohnt sich: Sind all deine Termine sinnvoll, notwendig oder beflügelnd? Wende auch hier wieder die 10-Punkte-Skala an. Was nicht mindestens eine 9 bekommt, kann weg.

3. Plane bewusste Intimität ein
Es geht nicht nur um die Häufigkeit von Sex und ob beide Partner zum Orgasmus kommen. Vielmehr geht es um die Qualität der gemeinsamen Zeit, wohin die Erfahrung euch trägt und welche Träume und Fantasien sie anregt. Es kann sehr intim sein, sich gegenseitig zu berühren, ohne Sex haben zu dürfen. Auch spielerisch mal den Liebesdiener zu spielen und beim nächsten Mal den Bestimmer, kann aufschlussreich darüber sein, ob dir das Geben oder das Nehmen leichterfällt. Bist du mental gern ganz bei dir oder lieber beim anderen? Wie hast du dich in der jeweiligen Rolle gefühlt?

4. Tauscht regelmäßig die Rollen
Oft werden die Aufgaben nach Kompetenz und Präferenz aufgeteilt. Dadurch wirst du in manchen Dingen zum Experten, während du andere Dinge vielleicht sogar verlernst. Die Rollen immer wieder zu tauschen, hilft, dem Partner ebenfalls alles zuzutrauen und schützt vor der Bemutterungs- oder Bevaterungsfalle.

Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe. tabeasarah.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/12/Fuersorge-und-Begehren_GettyImages_KatarzynaBialasiewicz.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-12-05 09:38:482024-12-05 09:38:48Bemuttern oder begehren? Wie das Knistern in der Beziehung erhalten bleibt
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