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Artikel aus den Heften

Sorgenkind: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

Hochbegabt, gemobbt und depressiv: Ihr Erstgeborenes ist ein echtes Sorgenkind. Ehrliche Einblicke einer Mutter.

Dieser Artikel erzählt von unserem Erstgeborenen. Wobei mir wichtig ist zu betonen, dass der Begriff „Sorgenkind“ nur eine Seite unserer Geschichte darstellt. Unser Sohn ist auch oder vor allem ein toller Kerl! Blitzgescheit, fantasievoll, kreativ und begeisterungsfähig. Als Ältester hat er mit seinem Wissensdurst und seinen sprudelnden Ideen wertvolle Weichen für unser Familienleben gestellt.

Aber was heißt überhaupt Sorgenkind? Sorgenmachen gehört doch zum Elternsein dazu, genauso wie Lachen, Streiten und Pausenbrote. Jedes Kind ist mal ein Sorgenkind, zumindest phasenweise. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel der Sorge über deinem Kopf kreisen, aber du kannst verhindern, dass sie Nester bauen.“

Sorgenkinder sorgen allerdings dafür, dass diese Vögel sehr penetrant werden. Sie kreisen ausdauernd und dicht über elterlichen Köpfen. Manchmal dringt kaum noch die Sonne durch ihre Flügel, und der Kampf gegen ihre Nester ist schwer. Aber natürlich haben alle Eltern die berechtigte Hoffnung, dass diese Plagegeister im Laufe der Jahre ihren Radius immer weiter ziehen und schließlich ganz verschwinden.

Hochbegabtes Schreibaby?

Ich habe mit einigen Sorgenkind-Eltern gesprochen – beruflich und privat. Die Palette ist bunt. Sie reicht von chronischen Krankheiten über Verhaltensauffälligkeiten und massiven Lernproblemen bis hin zu vielfältigen psychischen Problemen wie sozialen Ängsten, Essstörungen, Selbstverletzung …

Mein Mann und ich allerdings starteten jung und völlig sorglos in unser Abenteuer Familie. Zwar wurden wir überrascht von den Komplikationen rund um die Geburt, aber als wir unseren Sohn in den Armen halten durften, waren wir überzeugt, vor uns liege nun ein Weg voller Harmonie und Freude. Dieser Weg war leider sehr kurz, denn unser Kind entpuppte sich als Schreibaby. Wer das selbst erlebt hat, kennt alle Facetten elterlicher Erschöpfung und Verzweiflung.

Als Kleinkind erlebten wir ihn aufgeweckt und neugierig, aber auch weiterhin unruhig und zu heftigen Wutausbrüchen neigend. Aufgrund seiner guten Sprachentwicklung äußerte schon früh jemand in unserem Umfeld den Verdacht der Hochbegabung. Tatsächlich interessierten ihn Gleichaltrige wenig, stattdessen brachte er sich schon im Kindergartenalter selbst das Lesen bei. Bücher wurden seine besten Freunde.

Ausgegrenzt und gemobbt

Die starke Diskrepanz zwischen sozial-emotionaler und kognitiver Entwicklung wurde immer deutlicher. Wie schon im Kindergarten fiel er auch bald in der Schule durch seine Unruhe und sein Verhalten auf. Wir suchten Rat bei Fachleuten und ließen ihn eine Klasse überspringen. Das half nur kurz. Er blieb ein Problemschüler – ging ungern hin, war unterfordert und überfordert zugleich und eckte häufig an. Unsere Hoffnung, dass es auf dem Gymnasium besser werden würde, erfüllte sich nicht. Es kamen Ausgrenzung und Mobbing hinzu. Unser Sohn litt und wir mit ihm. Wir taten, was wir konnten, um ihn zu trösten und zu stärken. Eine neuerliche Diagnose ergab neben der Hochbegabung auch Anzeichen von ADHS und dem Asperger-Syndrom. Aber irgendwie passte er in keine Schublade. Die vorgeschlagenen Medikamente und Therapien überzeugten uns nicht.

In den Pubertätsjahren entspannte sich die Lage erstaunlicherweise. Unser Sohn wurde ruhiger, seine sozialen Fähigkeiten reiften. Er fand einen netten, kleinen Freundeskreis, der Schulbesuch wurde weniger verhasst. Die letzten beiden Schuljahre waren unbeschwert wie nie zuvor. An seinem Abiball hörte ich zum ersten Mal aus dem Mund eines Lehrers: „Sie haben einen tollen Sohn!“ Er ahnte sicher nicht, welch Balsam das für mein Mutterherz war.

Depression nach Liebeskummer

Nun schien alles rundzulaufen. Er bekam seinen Traumstudienplatz in unserer Stadt, spielte in einer Jugendband und erlebte seine erste Liebe. Wie waren wir erleichtert und dankbar! Wir hatten unser Kind mit Gottes Hilfe durch eine schwierige Kindheit begleitet, und nun wurde es erwachsen und es war an der Zeit, Schritt um Schritt loszulassen.

Der erste Liebeskummer setzte unseren Hoffnungen ein jähes Ende. Unser Sohn rutschte in kürzester Zeit in eine Depression. Er zog sich von seinen Freunden zurück, ging nicht mehr zu den Vorlesungen und schmiss schließlich sein Studium. Auch uns ließ er nicht mehr an sich heran. Unser Drängen, professionelle Hilfe anzunehmen, stieß auf taube Ohren. Er war seit Kurzem volljährig und bestand darauf, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Nach einigen schweren Wochen überraschte er uns schließlich mit der Nachricht, er habe sich für ein Psychologiestudium beworben und eine Zulassung in einer anderen Stadt erhalten. Wir schluckten unsere Bedenken hinunter und halfen ihm bei Zimmersuche und Umzug. Dann war es so weit – unser erstes Kind verließ das Nest.

Hochs und Tiefs im Studium

In den folgenden Wochen brodelten in mir die widersprüchlichsten Gefühle. Neben die Sorge, dass mein verletzliches Kind nun ganz allein in einer fremden Stadt zurechtkommen musste, mischte sich Stolz auf seinen Mut, trotz aller Hindernisse voranzugehen. Und obwohl ich ihn sehr vermisste, machte sich auch ein gewisses Gefühl der Erleichterung breit – gefolgt von typisch mütterlichen Schuldgefühlen. Doch unser Sohn fand sich erstaunlich schnell zurecht, genoss die neue Freiheit und reifte an der Selbstständigkeit. Er fand gute Freunde, das Studienfach begeisterte ihn. An dieser Stelle gäbe es nun zum zweiten Mal die Option für ein Happy End.

Tatsächlich aber konnten auch die guten Umstände nicht verhindern, dass die Depression ihn in Abständen immer wieder einholte. In diesen Phasen vernachlässigte er sein Studium, aber auch soziale und finanzielle Verpflichtungen, was zu zusätzlichen Problemen führte. Obwohl ich dankbar war, dass er mittlerweile darüber sprechen konnte, traf es mich doch bis ins Mark, wenn er am Telefon weinte: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

Für uns Eltern war es schwer, in diesen Momenten Hunderte von Kilometern entfernt zu sein. Wie oft haben wir ihn aus der Ferne und unter Tränen im Gebet in Gottes liebende und heilende Hände gelegt. Wie schon durch seine Schulzeit haben wir ihn auch durch dieses Studium hindurchgebetet. Er hat nach vielen zusätzlichen Semestern tatsächlich einen guten Abschluss geschafft.

Mann und Freunde helfen bei Sorgenkind

Wenn ich heute zurückschaue, staune ich, dass unsere Familie entgegen mancher Prognosen so gut durch diese Jahre gekommen ist. Sorgenkinder belasten und gefährden nicht selten die seelische Gesundheit und die Ehe der Eltern. Auch Geschwisterkinder leiden unter den Spannungen. Sie fühlen sich oft übersehen oder spüren den Druck, dass doch wenigstens sie gut funktionieren sollten.

In unserer Familie war wohl ich es, die am dichtesten dran war. Mir halfen vor allem mein Mann, der die Last mit mir teilte, aber auch offene Gespräche mit guten Freunden. Trotzdem gab es immer wieder Zeiten, in denen ich mich schwach, verzweifelt und hilflos fühlte – aber tatsächlich nie allein! Keine Lektion meines Lebens hat mich tiefer gelehrt, was es heißt, alle Sorgen auf Gott zu werfen und ihm zu vertrauen. Unser Sohn ist mittlerweile ein erwachsener Mann. Wir stehen in gutem Kontakt und sind dankbar, dass er an seinem Wohnort einen stabilen Freundeskreis und eine Gemeinde gefunden hat. Er hat gelernt, Depressionsschübe rechtzeitig zu erkennen und lässt sich professionell helfen. Allerdings gestaltet sich sein Berufsweg bisher noch eher holprig, und auch im Privaten läuft längst nicht alles rund. Die Vögel kreisen noch! Und wir Eltern leben weiterhin in der Spannung zwischen Sorge und Zuversicht. Und in der festen Hoffnung, dass alles in guten Händen liegt.

Die Autorin möchte anonym bleiben, um ihren Sohn zu schützen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_sorgenkind.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-05-20 15:08:362022-05-20 15:08:36Sorgenkind: „Mama, ich bin mal wieder dabei, mein Leben an die Wand zu fahren!“

„Ich hab Angst, Papa!“ – Leidet mein Kind an einer Angststörung?

Dass Kinder Angst haben, ist normal. Aber welches Maß an Sorge gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu und wann sollten Eltern Hilfe holen?

Der neunjährige Ben (alle Namen geändert) fürchtet sich seit Beginn der Covid-Pandemie davor, allein zu seinem Freund zu laufen, obwohl dessen Haus um die Ecke liegt. Lana ist im zweiten Schuljahr und wagt nicht, in der Schule zu sprechen, weil andere Kinder sie auslachen könnten. Gian gruselt sich mit fünf Jahren davor, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen oder nachts auf die Toilette zu gehen. Die elfjährige Julia hat so starke Angst davor, keine Luft mehr zu bekommen, dass ihre Eltern sie immer wieder von der Schule abholen.

Ängste begleiten unsere Kinder auf jedem Schritt ihrer Entwicklung. So sehr wir es ihnen wünschen würden, eine Kindheit ohne Furcht gibt es nicht. Aber warum spüren Kinder so starke Furcht? Welche Ängste sind normal in ihrer Entwicklung – und wann brauchen Kinder fachkundige Hilfe?

Warum gibt es Angst?

„Mama, warum muss es überhaupt Angst geben? Es wäre viel schöner ohne sie …“, fragte mich unsere jüngste Tochter verzweifelt, als sie sieben Jahre alt war. Als Biologin antwortete ich darauf: Wir Menschen sind eine sehr verwundbare Spezies. Uns schützen kein dicker Panzer, keine Reißzähne und keine Beine, die schneller als andere Tiere laufen können. Wir brauchen zum Überleben ein Frühwarnsystem.

Genau diese Funktion übernimmt die Angst. Unsere Sinne scannen die Umgebung permanent danach ab, ob uns etwas bedrohlich werden könnte. Dazu gehört neben körperlichen Gefahren auch das Risiko, dass wir andere falsch einschätzen oder uns selbst unangemessen verhalten, denn Menschen können nur in der Gruppe überleben. Aus diesem Grund sind soziale Ängste so ausgeprägt.

In der frühen Menschheitsgeschichte hatten vorsichtige Menschen eher die Chance zu überleben und Nachwuchs zu bekommen. Auch Kinder, deren Bindungssystem aktiviert wird von Ängsten, blieben nahe bei den schützenden Erwachsenen. So wurde die Angst tief in uns verankert.

Diese Kinderängste sind normal

Kinder durchlaufen verschiedene Ängste als Teil ihrer gesunden Entwicklung. Dazu gehören:

  • beim Säugling das Erschrecken bei lauten Geräuschen und die Angst, allein zu sein: So lebensbedrohlich, wie es früher für ein Baby gewesen wäre, schutzlos in die Nachbarshütte gelegt zu werden, fühlt sich auch heute noch das Alleingelassen-Sein an.
  • bei Babys ab 6 bis 8 Monaten das Fremdeln: Ab diesem Alter unterscheiden Kinder zwischen vertrauten Personen und Fremden, die ihnen Angst einflößen. So wird das zunehmend mobile Kind an seine schützen den Bezugspersonen gebunden.
  • ab dem Kleinkindalter die Furcht vor einer Begegnung mit Tieren wie Hunden, Schlangen, Spinnen: Als Menschen noch naturnäher lebten, hätte dies dafür gesorgt, dass Kinder sich zunächst an Erwachsenen oder älteren Kindern orientieren, bevor sie sich potenziell gefährlichen Tieren vorsichtig nähern.
  • als Kindergartenkind die Angst vor der Dunkelheit: Nachts waren Menschenkinder am sichersten in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern und Verwandten. Hinzu kommt, dass Kinder ab diesem Alter die Fantasie entwickelt haben, sich ausmalen zu können, wie Einbrecher durchs Fenster klettern oder Monster unter dem Bett sein könnten.
  • ab dem Grundschulalter die Sorge, schulisch nicht mitzukommen oder von anderen Kindern ausgeschlossen zu werden: Den Schulkindern wird bewusst, wie wichtig es ist, die geforderte Leistung zu bringen und als Teil einer Gruppe funktionieren zu können. Auch Ängste vor Tod und Krankheit können in diesem Alter vermehrt auftauchen.

Häufige Angststörungen

Von einer Störung spricht man, wenn die Manifestationen der Angst so übersteigert sind, dass sie das alltägliche Leben der Kinder stark beeinträchtigen, schweren Stress und/oder ein längerfristiges Vermeidungsverhalten auslösen. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen durchleben eine Angststörung. Seit Beginn der Covid-Pandemie haben Ängste und Sorgen bei Kindern deutlich zugenommen: Im Herbst 2021 empfanden etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Corona-Krise als „ziemlich oder äußerst belastend“, knapp 30 Prozent hatte ein Risiko für psychische Auffälligkeiten. Vor Corona waren es ca. 18 Prozent (COPSY-Studie 3). Angststörungen zeigen sich bei Kindern besonders häufig als:

Trennungsängste: Die Kinder fürchten sich davor, dass ihnen oder ihren Eltern etwas zustoßen könnte, während sie getrennt sind. Diese Störung kann auch zum Verweigern von Kindergarten oder Schule führen oder dem Ablehnen von Übernachtungen und Ausflügen ohne die Eltern.

Phobien: Wenn spezifische Situationen oder Objekte unangemessen starke Ängste auslösen, spricht man von einer Phobie. Kinder können Phobien entwickeln vor Tieren, Höhen, engen Räumen, Blut und Spritzen, Naturkatastrophen etc. Phobien treten intensiv und dauerhaft auf und hemmen das Kind in seiner Entwicklung.

Ungenügende Leistungen werden zur Katastrophe

Soziale Ängstlichkeit: Kinder mit sozialen Ängsten fürchten übermäßig, sich zu blamieren, kritisiert zu werden oder in sozialen Situationen „Fehler“ zu machen. Sie fühlen sich gehemmt, wenn sie in der Schule im Fokus stehen und wagen kaum, sich zu melden. Oft reden sie wenig und leise, vermeiden Blickkontakt und fühlen sich anderen gegenüber unterlegen.

Prüfungs- und Leistungsängste: Kinder und Jugendliche fürchten sich davor, den Ansprüchen von anderen oder sich selbst nicht zu genügen. Oft zeigen sie ein rigides Lernverhalten, das mit Gedanken einhergeht wie: „Ich muss alles wissen!“, und interpretieren ungenügende Leistungen als Katastrophe. Viele zweifeln ihre eigene Leistungsfähigkeit stark an und glauben, dass Lernen allen anderen leichter fällt.

Generalisierte Angststörung: Bei dieser Störung wirken Kinder dauerhaft ernst und betrübt, leiden unter geringem Selbstwertgefühl und ausgeprägten Sorgen in vielen Lebensbereichen. Sie grübeln oft darüber nach, ob sie nicht einen Fehler gemacht haben, in der Schule nicht gut genug sind oder nicht genügend Freunde haben. Weitere Symptome können Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme sein.

Bei Angststörung unbedingt Hilfe holen!

Als Eltern sollten wir bei ersten Hinweisen auf eine Angststörung unbedingt handeln und mit unseren Kindern eine erfahrene Fachperson aufsuchen. Ohne Behandlung kann es zu einem chronischen Verlauf kommen, bei dem das Leben des Kindes immer stärker von Ängsten dominiert und eingeschränkt wird oder weitere Ängste und Depressionen hinzukommen.

Angststörungen sind gut behandelbar, wobei die Erfolgschancen umso höher sind, je früher mit einer Behandlung begonnen wird. Es gibt unterschiedliche Therapie-Ansätze gegen Ängste, die unseren Kindern effektiv helfen. Dabei hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen.

Wie helfe ich meinem Kind bei Angst?

Kindern hilft es, wenn sie ihre Ängste besser kennenlernen. Das gelingt, wenn sie offen über die Angst sprechen, ihr sogar eine Stimme und Gestalt verleihen, sie malen und beschreiben dürfen. Es gibt viele Kinderbücher, wie das Sach- und Mitmach-Buch „Huch, die Angst ist da!“, die zum Reflektieren einladen. Sie können sehr wertvoll sein, um ins Gespräch zu kommen und sich mit den Ängsten in der Familie auszusöhnen. Auch Lieder und Gebete sind hilfreich.

So lernen unsere Kinder: Die Angst besucht jeden von uns manchmal. Wenn wir sie annehmen, kann sie uns wie ein freundliches Wesen warnen und helfen, gut auf uns aufzupassen. Manchmal übertreibt unsere Angst aber auch und veranstaltet ein großes Kopfkino. Dann können wir lernen, sie weniger ernst zu nehmen, vielleicht sogar über sie zu schmunzeln.

Als Erwachsene begleiten

Wenn Befürchtungen zu einem riesigen, bedrohlichen Angstmonster anwachsen, gibt es viele Wege, sie wieder zu einem hilfreichen Begleiter zu zähmen: Atem- und Entspannungs-Übungen helfen Kindern bei akuten Angstwellen. Sicher gebunden und begleitet durch Erwachsene können sie erfahren, wie man für angsteinflößende Situationen einen Plan machen und sich ihnen in kleinen Schritten nähern kann.

So merken die Kinder: „Zusammen mit meinen Eltern konnte ich mich meiner Angst stellen und sie aushalten. Jetzt ist mein Angstmonster schon ein Stückchen kleiner geworden, mein Mut und mein Selbstvertrauen sind größer!“

So bringen Bens Eltern ihn nur noch bis zur Straßenecke, ab dort läuft er zu seinem Freund allein. Lana bespricht ihre Sorgen mit einem Kinderpsychologen und schafft es in der Schule schon, in einer Kleingruppe zu sprechen. Gian schläft jetzt in seinem Zimmer bei offener Tür ein, darf aber nachts ins Elternschlafzimmer schleichen und sich dort auf eine Matratze legen. Und Julia lernt bei der Atemtherapeutin, wieder tief durchzuatmen und sich auf ihren Körper zu verlassen. Auf ein Leben mit einer schützenden, hilfreichen Angst sind sie gut vorbereitet.

Ulrike Légé arbeitet als freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Basel. Zusammen mit Fabian Grolimund hat sie das Buch „Huch, die Angst ist da!“ (Hogrefe) geschrieben – es eignet sich für Kinder von 6 bis 11. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_angst.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-05-18 08:21:062022-05-18 08:21:06„Ich hab Angst, Papa!“ – Leidet mein Kind an einer Angststörung?

Hilfe für Ukraine: Wir können nicht alles stehen und liegen lassen

Menschen (nicht nur) aus der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Doch wie viel können wir ihnen geben? Ein Kommentar.

„Man muss doch etwas tun!“ – Dieser Gedanke ist wohl vielen in den letzten Wochen durch den Kopf geschossen. Angesichts des Leids in der Ukraine, angesichts der Menge an Geflüchteten spüren wir den dringenden Wunsch zu helfen. Und viele packen mit an: spenden Geld, Lebensmittel, Kleidung. Helfen an Sammelstellen, Spenden zu verladen. Fahren Hunderte Kilometer, um Hilfsgüter auszuliefern und Menschen mitzunehmen. Viele öffnen ihr Haus, ihre Wohnung, um eine Familie bei sich aufzunehmen.

Ich weiß nicht, was von all dem du schon gemacht hast. Ich kann nicht groß prahlen mit meinen guten Taten. Ja, ich habe gespendet. Ja, ich habe Dinge, die benötigt wurden, zu einer Sammelstelle gebracht. Ja, ich habe mitgeholfen, als an einem Wochenende 50 Menschen aus der Ukraine in unserer Gemeinde untergebracht werden mussten. Aber ich bin nicht mit einem Sprinter an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Ich habe keine Familie bei mir aufgenommen. Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Weil andere so viel mehr machen. Weil ich mein normales Leben weiterführe, während andere Menschen gerade alles verloren haben.

Komfortzone verlassen – ja, aber nicht um jeden Preis

„Wir müssen einfach mal unsere Komfortzone verlassen“, meint Britta, die sich über Tage intensiv bei der Unterbringung von Geflüchteten in unserer Gemeinde engagiert. Aber es ist auch klar: Diese Notaktion für ein Wochenende, das können wir leisten. Dauerhaft schaffen wir es nicht. Wir können ja nicht alles stehen und liegen lassen – unsere Kinder, unsere Jobs, unser Engagement in anderen Bereichen. Und so verbringe ich tatsächlich mit gutem Gewissen ein Wochenende damit, den Geburtstag meines Sohnes zu feiern. Weil er zwei Jahre lang kaum Highlights hatte in seinem Leben. Und weil das für ihn jetzt wichtig ist.

Es bleibt – wie so vieles – ein Spagat. Besondere Situationen erfordern einen besonderen Einsatz. Wir müssen immer wieder unsere Komfortzone verlassen. Aber wir müssen auch unsere Grenzen sehen – und unsere realistischen Möglichkeiten. Also: Augen auf und sehen, wo wir helfen können. Und dafür auch mal alles stehen und liegen lassen. Aber auch akzeptieren, was nicht geht. Und übrigens: Unabhängig davon, ob ich etwas tun kann oder nicht, hilft es mir, ein Gebet für die Menschen und Situationen an Gott zu richten.

Bettina Wendland ist Redaktionsleiterin von Family und FamilyNEXT und lebt mit ihrer Familie in Bochum.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2020/10/jenna-jacobs-mVH02yefmUs-unsplash-scaled.jpg 2000 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-05-05 11:52:312022-05-05 11:52:31Hilfe für Ukraine: Wir können nicht alles stehen und liegen lassen

Gehörlose Mutter: So meistert Influencerin Christine ihren Alltag

Instagram-Influencerin und Mutter Christine Eggert ist gehörlos zur Welt gekommen. Ihr Alltag bewegt sich zwischen Ablehnung und Mutterstolz.

„Gebärdensprache ist die schönste Sprache“, schreibt die 30-jährige Christine Eggert auf ihrem Instagram-Profil. Und: „Ich bin stolz, taub zu sein. So, wie ich lebe, bin ich stolz.“ Die zweifache Mama aus dem kleinen Ort Hettstadt bei Würzburg hat auf Instagram fast 40.000 Follower. Auf ihrem Account „_chocosecret_“ postet sie täglich über Lifestyle-Themen wie Mode, Beauty oder Reisen – und über ihre Gehörlosigkeit.

Das war nicht immer so: Als sie 2014 ihren Account startete, verlor sie in ihren Posts kein Wort darüber, dass sie taub ist. Erst knapp vier Jahre später wagte sie das „Outing“: „Ich habe lange überlegt“, signalisiert Christine ihrer Freundin, die sie heute als „Übersetzerin“ eingeladen hat, auf Gebärdensprache. Grund zu zögern hatte sie: „In meinem Alltag habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Hörende zurückziehen, wenn sie mit uns Gehörlosen konfrontiert werden.“ Versucht sie Hörende, die sie nicht kennen, etwas zu fragen, komme es vor, dass sie einfach stehen gelassen wird. „Viele reagieren schockiert und gehen weg“, berichtet Christine. „Das ist typischer Alltag für mich: Viele geben sich überhaupt keine Mühe, mit mir zu kommunizieren.“

Vater lernte nie Gebärdensprache

Auch in ihrer Familie habe sie sich oft als Außenseiterin gefühlt, erzählt Christine. Ihre Eltern haben nicht gewusst, wie sie mit der Gehörlosigkeit ihrer Kinder umgehen sollen. Bis heute könne ihr Vater keine Gebärdensprache, ihre Mutter und ihre Schwester nur rudimentär. Auch ihr kleiner Bruder ist taub zur Welt gekommen, spreche aber mehr als sie, so Christine.

Ihre Befürchtung, auch ihre Instagram-Follower könnten sie wegen ihrer Gehörlosigkeit ablehnen, hat sich nicht bestätigt: „Einige haben sich sogar dafür interessiert, die Gebärdensprache zu lernen“, sagt Christine. Wir sitzen im hell und clean eingerichteten Wohn- und Esszimmer der Eggerts. Christines zweijähriger Sohn Levian schläft, Töchterchen Emilie ist in der Nachmittagsbetreuung ihrer Grundschule. Bevor sie Mama wurde, hat Christine eine Ausbildung zur Köchin gemacht. „Ich war sehr unsicher mit meiner Berufswahl und habe nur Party im Kopf gehabt, keine Ziele“, erinnert sie sich.

Während ihrer Ausbildung lernt sie ihren Mann Ringo kennen, der auch taub ist. Sie zieht nach Nürnberg, wo Ringo eine Arbeitsstelle gefunden hat – und drei Monate später ist sie schwanger. „Das war nicht geplant“, erzählt sie. „Es war eine harte Zeit, alles ging so schnell und wir mussten uns entscheiden, ob wir das Kind behalten wollen. Ich war erst 21 Jahre alt.“

Implantat oder nicht?

Ihr Gefühl habe ihr gesagt, dass ihr Kind hören können wird, sagt Christine. Als Tochter Emilie zur Welt kommt, ist sich der Arzt nicht sicher. Nach sechs Monaten wird bei Emilie unter Narkose ein Hörtest gemacht. Das Ergebnis: Emilie ist komplett gehörlos. „Ich war schockiert und konnte das erst nicht akzeptieren“, sagt Christine. „Ich wollte Emilie gleich Cochlea-Implantate einsetzen lassen, Ringo war erst skeptisch.“ Solche Implantate ermöglichen tauben Menschen das Hören und damit auch den Spracherwerb. Aber sollte ein Implantat mal einen Defekt haben, müsste Emilie wieder operiert werden.

Christine hat selbst ein Implantat auf einem Ohr. Die Erfahrung, die sie bei der Operation als Siebenjährige gemacht hat, hielt sie davon ab, ein zweites Implantat einsetzen zu lassen: „Es war ein Schock für mich, nach der Operation auf einmal mit einem Verband am Kopf aufzuwachen.“ Vor der Operation habe ihr niemand verständlich erklärt, was mit ihr geschehen würde.

Später sei sie natürlich überglücklich gewesen, als sie schließlich hören konnte, sagt Christine. Doch ihre Sprachentwicklung konnte sie nicht mehr aufholen: „Ich war sehr faul mit dem Sprechen“, sagt Christine. „Es war mir nicht so wichtig, besonders als 2002 die Gebärdensprache anerkannt wurde.“ Ohne ihr Implantat, sagt Christine, könnte sie nicht leben. Auch wenn sie es in der Tasche lasse, wenn sie allein zu Hause oder nur mit Gehörlosen zusammen ist.

Kindergarten für Hörgeschädigte ist keine Lösung

Durch Christines Wohnung schießen Lichtblitze: Ihr „Alarm“, der signalisiert, dass ihr Sohn aufgewacht ist. Wenige Minuten später machen sich alle auf den zwanzigminütigen Fußweg zu Emilies Schule. Mit ihrer pinkfarbenen Schultasche kommt Emilie durchs Schultor gerannt. Ein Erzieher ruft ihr etwas hinterher. Emilie dreht sich um: „In Ordnung!“ Sie versteht und spricht ausgezeichnet. Einziger Hinweis darauf, dass sie taub ist, sind die beiden Implantate, die man unter ihren langen, braunen Haaren erst auf den zweiten Blick sieht.

„Mit der Sprache hat sich Emilie als Kleinkind schwergetan. Sie hat nur mit Gebärdensprache kommuniziert.“ Als Emilie zwei Jahre alt ist, findet Christine Arbeit im Frühstücksservice eines Hotels. Die kleine Familie ist inzwischen aus Nürnberg weg- und zurück in die Nähe beider Eltern gezogen. „Ich habe Emilie im Kindergarten für Hörgeschädigte angemeldet, aber das hat nicht gut funktioniert“, erzählt Christine. „Zu Hause hat sie viel gebärdet, aber im Kindergarten und nach außen hin war sie sehr verschlossen.“

Glücklich in der Regelschule

Ein bilingualer Kindergarten in Würzburg war die Lösung: „Emilie konnte mit und ohne Gebärdensprache sprechen und war glücklich“, erinnert sich Christine. Heute geht Emilie in die Regelschule am Ort und hat dort einen Dolmetscher. „Sie spricht sehr gut und will nicht in die Schule für Gehörlose“, sagt Christine. „22 Kinder ihrer Schulklasse lernen durch sie sogar Gebärdensprache – ich bin sehr stolz auf sie.“

Nach der Nachmittagsbetreuung gehen Christine und ihre Kids regelmäßig zum Bäcker. So auch heute – Emilie führt an und hat ihren kleinen Bruder auf seinem Kinderfahrrad stets im Blick. Beim Bäcker bestellt sie für alle und vergewissert sich bei ihrer Mama auf Gebärdensprache, dass auch nichts fehlt.

Levian wächst zweisprachig auf

Wenig später geht’s zum Spielplatz. Auf dem Weg sieht Emilie immer wieder Freunde aus der Nachbarschaft, grüßt und winkt. „Emilie möchte nicht als Gehörlose wahrgenommen werden, sondern als Hörende“, sagt Christine. „In der Öffentlichkeit gebärdet sie nicht so gern und sie will ihre Haare lieber offen tragen, um ihre Implantate zu verstecken.“ Christine ist froh, sich früh für die Implantate für Emilie entschieden zu haben: „Freunde haben mich gewarnt, dass Emilie sich eines Tages ärgern könnte, aber so ist es nicht: Sie liebt ihre CIs und trägt sie von morgens bis abends.“

Genau wie Emilie hat auch Levian im Alter von einem Jahr zwei Cochlea-Implantate bekommen, denn auch er ist von Geburt an gehörlos. „Levian war ein Wunschkind“, erzählt Christine. „Wir hätten gern noch mehr Kinder gehabt, aber da nun auch Levian taub zur Welt gekommen ist und die CI-Operationen so anstrengend sind, haben wir uns gegen weitere Kinder entschieden.“

Wie Emilie wird Levian „zweisprachig“ aufwachsen. Vormittags kommt die Frühförderung ins Haus und bringt ihm bei, mit dem Mund zu sprechen. Für den Rest des Tages kümmern sich seine Eltern darum, dass er auch mit Mimik und Händen sprechen kann. „Bis jetzt hat er keine Lust zu sprechen, und er gebärdet noch wenig“, sagt Christine. „Er hört wie ein ganz normales Kind, aber er muss sich erst langsam an Töne gewöhnen und Geräusche kennenlernen.“

„Taubstumm“ ist eine Beleidigung

Dank CIs und der frühen Förderung werden Christines Kids nicht mit Situationen zu kämpfen haben, die für Christine zum Alltag gehören: Emilie und Levian werden beispielsweise problemlos ohne Dolmetscher beim Notarzt erklären können, was ihnen fehlt. „In Deutschland gibt es für Gehörlose noch sehr viele Barrieren“, sagt Christine. „Wir leben in einer modernen Zeit, und doch ist die Zeit in vieler Hinsicht zurückgeblieben.“ Rückständig sei etwa der Begriff ‚taubstumm‘: „Eine Beleidigung“, sagt Christine. „Schließlich sprechen wir sehr wohl – nur eben mit Gebärdensprache.“ Diese kennt übrigens auch Dialekte, in jedem Land gibt es andere Zeichen.

„Viele Unternehmen möchten keine gehörlosen Mitarbeiter einstellen, die nur mit Gebärdensprache sprechen können“, sagt Christine. „Dass sich Gehörlose viel besser auf ihre Arbeit konzentrieren, gerade weil sie nicht hören und daher weniger abgelenkt sind, sehen Firmen meist nicht.“ Als Christines Mann in der Corona-Krise seinen Job als Fensterbauer verlor und drei Monate lang arbeitslos war, wurde Christines Einkommen als Instagram-Influencerin dringend gebraucht. „Es war eine Unterstützung, aber allein davon können wir nicht leben“, sagt Christine. Sie könnte erfolgreicher sein, wenn sie die Gesichter ihrer Kinder auf den Fotos zeigen würde. Das komme für sie aber nicht in Frage: „Auf Social Media gibt es Menschen, die Hass verbreiten“, erklärt sie. „Meine Kinder zu zeigen, wäre mir zu unsicher.“ Inzwischen hat ihr Mann eine neue Arbeitsstelle gefunden, und der Familien-Rhythmus hat sich wieder eingependelt. „Familie ist das wahre Glück des Lebens“, schreibt Christine in einem ihrer Posts. Dieses Glück hat sie gefunden.

Nadine Wilmanns ist Lifestyle-Journalistin, -Fotografin und Modedesignerin. Auf ihrem Blog nadinewilmanns.com schreibt sie über Kreativität und Fotografie. Sie lebt in Metzingen und in London.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/05/family_eggert-scaled-e1651562745588.jpg 1710 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-05-03 09:44:352022-05-03 09:44:35Gehörlose Mutter: So meistert Influencerin Christine ihren Alltag

Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“

Die Kinder von Raffi Messerlian verlassen den Libanon aus wirtschaftlichen Gründen. Der Vater trauert – und doch weiß er keine andere Lösung. Ein Interview.

Reverend Raffi, Sie leben in Beirut im Libanon. Nehmen Sie uns mit hinein in die Welt der Gerüche, Farben und Geräusche Ihres Heimatlandes.
Ich denke an die duftende Zeder, mit ihren Farben grün, weiß und rot, wie sie auf unserer Landesflagge abgebildet ist. Der Baum erinnert an eine lange Geschichte, über die auch die Bibel viel zu sagen hat. Auch der Duft von Kiefern ist typisch für den Libanon. Kirchenglocken, deren Klang sich mischt mit den Rufen der Muezzin von den Minaretten im Land, weisen auf die Werte im Libanon hin, wo Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Sie leben miteinander in einer einzigartigen Kultur.

Das ist die eine Seite des Landes. Es gibt auch die andere. Erzählen Sie von der wirtschaftlichen Situation im Libanon.
Der Libanon hat sehr große soziale, wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Die krasse Inflation im Land führt dazu, dass die Menschen von Tag zu Tag ärmer und hoffnungsloser werden. Eins unserer größten Probleme ist, dass es uns an Strom fehlt. Vom Staat bekommen wir zwei Stunden Strom täglich. Alles andere müssen wir privat dazukaufen. Möchte ich für meine Familie 14 bis 16 Stunden Strom am Tag haben, habe ich meinen kompletten Lohn dafür ausgegeben. Dann ist für nichts anderes mehr Geld übrig. Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen, wenn man in einem Land lebt, in dem es normal ist, 24 Stunden am Tag Strom nutzen zu können.

Menschen protestieren – ohne Sicht auf Besserung

Gegen diese Entwicklung haben Menschen in Beirut Ende 2019 protestiert.
Und seither ist es immer schlimmer geworden. Nach der Explosion am Hafen von Beirut im August 2020 gab es wieder verstärkt Proteste. Die Krise hat sich immer weiter zugespitzt und die Menschen verlieren den Mut. Im November 2019 hat mein Sohn Hovsep angefangen, davon zu sprechen, dass er wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme keine Perspektive im Libanon für sich sieht.

Was sind stattdessen seine Pläne?
Hovsep möchte sein Studium beenden und das Land dann verlassen. Als Vater verstehe ich ihn, weil die Situation hier tatsächlich hoffnungslos und sehr schwer ist. Aber natürlich sind wir auch sehr traurig, wenn er unsere Familie verlässt. Ich kann es ihm nicht übel nehmen, weil der Libanon gefühlt alle 15 Jahre eine Krise durchmacht, die das Leben hier extrem unsicher macht. Von 1975 bis 1990 hatten wir Bürgerkrieg im Land. Nun ist es die wirtschaftliche Situation und eine korrupte politische Führung, die Leute daran hindert, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen.

Junge Menschen können keine Familie gründen

Die Situation verbessert sich nicht, wenn die jungen Leute abwandern.
Das nicht, aber sie finden hier im Land kaum Jobs, nachdem sie vorher ein kleines Vermögen in ihre Ausbildung gesteckt haben. Und selbst wenn sie einen Job bekommen, ist ihr Lohn im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Geldes so gering, dass sie sich davon kein Haus oder irgendwas leisten können, was ihnen ermöglichen würde, eine eigene Familie zu gründen. Manche sehen auch deswegen die Auswanderung als Perspektive, weil sie auf diese Weise ihre Familie, die im Libanon zurückbleibt, unterstützen können.

Wie ist es denn mit Ihrer Tochter? Wo lebt sie?
Meine Tochter Nayiry ist eine Woche nach ihrer Hochzeit in die Niederlande ausgewandert. Uns war klar, dass sie auswandern würde. Dazu muss man wissen: Wir leben auf dem Campus der Armenischen Kirche in Beirut, wo wir auch eine Schule betreiben. Unser Viertel ist sehr stark bevölkert. Es gibt auch viele arme Menschen dort, Afrikaner und vor allem syrische Flüchtlinge. Unsere Tochter hat einen Syrer geheiratet, der mit seiner Familie geflohen ist, als der Krieg dort begonnen hat. Unser Schwiegersohn wollte auf keinen Fall zurück nach Syrien, sollte die Situation sich so ändern, dass sie gezwungen wären, zurückzugehen. Deswegen war es ihm wichtig, einen europäischen Pass zu bekommen, und er hat eine gute Arbeitsstelle in den Niederlanden gefunden.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie darüber nachdenken?
Wir sind einerseits glücklich für sie, weil sie es geschafft haben, in ein stabiles Land zu ziehen und der Situation, die wir hier im Mittleren Osten haben, entkommen sind. Andererseits sind wir natürlich sehr traurig, weil wir uns sehr nahestanden und sie jetzt weg sind. Es ist auch völlig klar, dass sie nie mehr zurückkommen werden.

Kontakt zur Tochter über WhatsApp

Wie oft können Sie Ihre Tochter sehen?
Ich habe das Glück, beruflich viel reisen zu können. Deswegen kann ich sie alle paar Monate besuchen. Für meine Frau ist es unglaublich schwer. Sie vermisst sie sehr. Wir reden über WhatsApp miteinander. Natürlich wünschen wir uns, dass die Situation hier besser wäre und sie bei uns leben könnten. Das würde unser Leben reicher machen.

Sie sind Pastor. Haben Sie sich bei Gott über die Situation beklagt?
Ehrlich gesagt habe ich nicht mit Gott gehadert. Ich habe es ziemlich schnell so akzeptiert, wie es ist. Ich bete, dass Gott meine Kinder segnet, egal, wo sie sind.

Vielen Familien geht es ähnlich

Befinden sich viele Familien in einer ähnlichen Situation?
Ja, ich kenne viele Familien, deren Kinder auswandern. Wir haben alle dieselben Sorgen. Aber wir können uns auch damit arrangieren, weil wir wissen, dass es für die Zukunft unserer Kinder besser ist, wenn sie den Libanon verlassen.

Was sagen Sie jungen Menschen, die nach Perspektiven suchen?
Natürlich ermutigen wir sie, hierzubleiben. Aber ich versuche sie auch zu verstehen, wenn sie – wie meine Kinder – keine Hoffnung hier sehen, wo wir leben. Wenn sie reisen, geben wir ihnen mit auf den Weg, ihre christlichen Werte beizubehalten. Ich empfehle ihnen auch dringend, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten und in dem Land, in dem sie sind, ihre libanesischen Wurzeln nicht zu vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Reverend Raffi Messerlian ist am 13. Februar 1968 geboren. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine 24-jährige Tochter lebt in den Niederlanden, sein 21-jähriger Sohn noch im Libanon. Raffi Messerlian hat Pädagogik und Theologie studiert und arbeitet seit 1996 als Pastor in Beirut. Als Präsident des Jugendverbandes „World Christian Endeavor“, in Deutschland als EC-Verband bekannt, ist er auch international viel unterwegs.

Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Hintergrund: Libanon

Die Weltbank hat die Situation im Libanon zu einer der weltweit zehn schwersten ökonomischen Krisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt. Die Inflation ist immens: Die libanesische Währung hat in den vergangenen Jahren 90 Prozent ihres Wertes verloren. Korruption und Unsicherheit prägen die politische Situation im Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Dass es an Strom mangelt, ist nicht nur ein Problem für Privathaushalte, sondern auch im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel für Krankenhäuser.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_libanon-scaled.jpg 2250 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-26 10:38:432022-04-26 10:38:43Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“

Ab ins Beet – auch schwanger?

„Ich möchte im Garten mit meinem Kind etwas Gemüse und Obst anpflanzen. Nun bin ich aber schwanger und frage mich, ob ich das wegen möglicher Krankheitserreger überhaupt sollte und ob ich dabei irgendetwas bedenken muss?“

Es ist wunderbar, im Frühjahr zu sehen, wie alles wieder zum Leben erwacht! Kinder lassen sich gern anstecken, lieben es, dem Wachsen zuzuschauen und lernen dadurch, wie man gärtnert, wo unser Obst und Gemüse herkommt und schätzen es wert. Gartenarbeit in der Schwangerschaft ist gut möglich, wenn auf ein paar Dinge geachtet wird. Zwei Erkrankungen schauen wir uns deswegen genauer an: Toxoplasmose und Listeriose. Hierbei ist es aber nur von Bedeutung, wenn die werdende Mutter diese Infektion das erste Mal in ihrem Leben bekommt. Rund die Hälfte aller werdenden Mütter hatte bereits vor der Schwangerschaft eine Toxoplasmose, und jeder dritte Erwachsene hat bereits eine Listeriose durchgemacht. Bezüglich der Toxoplasmose wird zu Beginn der Schwangerschaft der Antikörperstatus im Blut untersucht, bei Listeriose allerdings nicht. Auf jeden Fall ist es wichtig, eine Erstinfektion dieser beiden Erkrankungen in der Schwangerschaft zu verhindern.

MÖGLICHE GEFAHREN

Viele Tiere, speziell Katzen, sind von Toxoplasmose-Parasiten befallen. Ihre Ausscheidungen enthalten sehr widerstandsfähige Larven, die auf Pflanzen lange überleben. Über kontaminierte Lebensmittel, besonders Gemüse und Obst, kommen sie in den Körper. Abhängig vom Schwangerschaftsalter und dem Immunsystem der Mutter kann es in seltenen Fällen zu einer Infektion des Kindes kommen, was beim Kind später zu Sehstörungen und Entwicklungsverzögerungen führen kann.

Listerien sind Bakterien. Viele Haustiere, Vögel und Nagetiere tragen sie in sich und scheiden sie aus. Durch Schmutz- und Schmierinfektion, aber auch befallene Nahrungsmittel wie Salat und andere Roh-Produkte gelangen sie in den Körper. Je nach Schwangerschaftsalter können sie zu Fehl- oder Frühgeburten führen oder nach der Geburt zu schweren Infektionen. Listeriose- und Toxoplasmose-Infektionen können symptomlos verlaufen oder wie leichte grippale Infekte. Bei vielen Infektionen bleiben die Kinder trotzdem quietschfidel!

SCHÜTZENDE MASSNAHMEN

Benutzen Sie bei der Gartenarbeit Handschuhe! Besonders, wenn Sie rissige oder verletzte Haut an den Händen haben. Waschen Sie sich nach der Gartenarbeit oder beim Hantieren mit Obst, Gemüse oder rohen Lebensmitteln die Hände stets gründlich mit Seife! Was aus der Natur kommt, vor dem Verzehr gut waschen! Vor den Mahlzeiten immer noch einmal die Hände waschen.
Und noch ein paar kleine Tipps für die Gartenarbeit in der Schwangerschaft: Behalten Sie die Körperhaltung beim Gärtnern im Blick! Gehen Sie eher auf einem Kissen auf die Knie! Den Bauch nicht zu sehr einengen oder strecken! Bitten Sie andere, schwere Säcke oder Steine zu tragen!

Und nun, auf in den Garten!

Antje Voß ist verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und arbeitet als Hebamme in Gießen. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/schwanger_garten.jpg 1464 1296 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-25 13:02:082022-04-05 15:32:43Ab ins Beet – auch schwanger?

Wie ehrlich sollten Partner miteinander sein? Das sagen die Experten

Ist die kleine Notlüge in der Beziehung erlaubt? Wann Ehrlichkeit zwingend notwendig ist und wann nicht, darauf gibt es keine leichte Antwort.

Paul [Name von der Redaktion geändert] hat seit mehreren Wochen eine Affäre. Seine Ehefrau und seine Familie liebt er, so sagt er. Sexuell fehlt ihm seit Jahren etwas in seiner Ehe. Trennen will er sich auf keinen Fall. Denn seine Familie steht für Paul an erster Stelle und er fühlt sich moralisch verpflichtet, zu seinem Ehegelübde zu stehen. Ehrlichkeit ist für ihn keine Option. Seine sexuellen Bedürfnisse permanent hintanstellen kann er aber auch nicht.

Auch Clara [Name von der Redaktion geändert] hat ein Geheimnis. Sie verschweigt ihrem Mann, dass ihre Konten jeden Monat überzogen sind, sie überall Schulden hat und ihre Kreditkarte glüht. Clara kauft Kleidung. Ihr Selbstwertgefühl ist nicht sehr hoch und sie kompensiert diesen Mangel mit einem kurzen Glücksgefühl, wenn sie eine neue Tüte mit Kleidung in ihren Händen trägt. Sie versteckt die neuen Sachen vor ihrem Mann. So lange, bis sie ihm ohne zu lügen sagen kann, dass ihre angeblich neuen Sachen doch schon etwas älter sind.

Die Frage nach Ehrlichkeit stellt sich in einer Beziehung oft erst, wenn einer oder beide Partner sich unehrlich verhalten. Wird die Beziehung die Wahrheit aushalten? Oder kann sie scheitern an Lüge und Verschwiegenheit? Wie Menschen diese Frage für sich beantworten, ist entscheidend dafür, wie offen sie gegenüber der Partnerin oder dem Partner sind.

Verletzende Wahrheiten besser verschweigen?

Was, wenn man genau weiß, dass die eigene Ehrlichkeit verletzend sein wird? Gerade bei Paul würde seine Ehrlichkeit sehr viel Schmerz auslösen. Es ist jedoch illusorisch, zu denken, Verletzungen in der Partnerschaft ließen sich vermeiden. „Dinge nicht anzusprechen kann genauso verletzend sein wie sie auszusprechen“, sagt Veronika Schmidt, klinische Sexologin und systemische Beraterin. Letztlich traue man dann dem anderen und der Beziehung Herausforderungen nicht zu. Durch Frustrationen und Belastungen würden wir stärker, die Beziehung brauche sie. Könne eine Beziehung das nicht aushalten, könne sie letztlich vielleicht auch langfristig nicht bestehen. „Wenn man ehrlich ist, so sollte man sich bewusst sein, dass der eigenen Ehrlichkeit ein schmerzhafter Weg folgt, den man mitzugehen bereit sein sollte. Ist man das nicht, könnte Schweigen vielleicht sogar angebrachter sein“, ergänzt die Beraterin.

Diesem Ansatz widerspricht Dr. Tatiana Gorbacheva, Professorin für Psychologie an der LEE University in Cleveland, Tennessee. Sie plädiert für ehrliche Beziehungen, weil es darin keine Zweideutigkeiten und dadurch hervortretenden Stress gibt. Sie ist der Meinung, dass das Eingestehen eines Fehlverhaltens, die Reue und die Konfrontation mit den Folgen der Verletzung des Anderen helfen kann, einander näherzukommen. „Im Allgemeinen sind Geheimnisse schädlich für Beziehungen und Menschen“, betont Dr. Tatiana Gorbacheva. Sie entzweiten Ehepartner und führten zu einer ungesunden Dynamik, weil einer etwas vor dem anderen verbergen müsse. Geheimnisse seien oft mit Scham verbunden. „Und: Man sagt auch ‚Du bist so krank, wie deine Geheimnisse‘.“

Paare sollten unveränderliche Fehler nicht ansprechen

Clara hat eine Schwäche fürs Shoppen. An ihrer Schwäche kann sie arbeiten. Oftmals aber ist es ähnlich wie bei Übergewicht, Rauchen, Zuckersucht, Bequemlichkeit, mangelndem Selbstvertrauen oder Unpünktlichkeit: Es sind Gewohnheiten, die sich in der eigenen Persönlichkeit manifestiert haben und die sich aus eigener Kraft kaum überwinden und verändern lassen.

Manche Makel lassen sich außerdem gar nicht ändern. Dazu können gehören: schlechter Orientierungssinn, Nervosität vor fremden Menschen, körperliche Schönheitsfehler und noch vieles mehr. Solch einen Makel dem Partner vorzuhalten, ist nicht nützlich, meint der Psychotherapeut Jörg Berger. Besser sei es, einen Weg zu finden, um den Partner anzunehmen. „Auch dass man darum ringt, muss der Partner nicht unbedingt erfahren. Denn wenn es sich bei seinem Makel um einen wunden Punkt handelt, könnte dies die Sicherheit in der Beziehung und das Gefühl des Geliebtseins erschüttern.“

Zwanghafte Ehrlichkeit

Wenn sich ein Paar dazu entscheidet, miteinander ehrlich alles zu teilen, müssen sie sich bewusst machen, dass das Leben zu kurz und zeitlich begrenzt ist, um tatsächlich alles miteinander teilen zu wollen. Auch gibt es eine Form der sogenannten „tyrannischen Intimität“, die beinah zwanghaft vom Gegenüber fordert, jeden Gedanken offenzulegen. „Man will ständig in den Kopf, die Gedanken und Gefühle des anderen eindringen. Das hat letztlich nichts mit Ehrlichkeit zu tun, sondern mit Kontrolle“, sagt Veronika Schmidt. Aus dieser Kontrolle resultiert oft, dass der oder die Andere noch eher versuchen wird, Dinge zu verheimlichen, weil die Person sich nicht vollständig ausliefern will.

Der Psychotherapeut Jörg Berger plädiert ebenfalls dafür, Respekt vor dem Geheimnis des Partners oder der Partnerin zu haben und nicht zu sehr in diese Intimsphäre einzudringen. „Es ist ein Geschenk, wenn Partner sich einander öffnen, sich in ihren tiefen Gedanken und Gefühlen mitteilen können. Doch Menschen tragen ihre schwersten Kämpfe in einer existenziellen Einsamkeit aus, an Orten, zu denen kein anderer Zutritt findet“, schreibt er in einem Artikel für die Zeitschrift Family: „Wenn man nach diesen Kämpfen in ein freundliches Zuhause tritt und eine Umarmung spürt, dann ist das Glück.“

Paare sollten sich grundsätzliche Fragen stellen

Die grundsätzliche Frage, die sich ein Paar laut Veronika Schmidt gemeinsam stellen sollte, ist: Wie ehrlich wollen wir sein? Ist das etwas, was wir gemeinsam als Wert festlegen wollen? Oder: Warum können wir voreinander nicht ehrlich sein? Und: Habe ich mich genug selbst reflektiert, um überhaupt ehrlich sein zu können? Die Antworten auf diese Fragen können Paare auf eine zukunftsorientierte und tragende Diskussionsebene bringen.

Von Priska Lachmann

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/12/family_enttaeuschung.jpg 1415 2120 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-14 15:27:012022-04-14 15:27:01Wie ehrlich sollten Partner miteinander sein? Das sagen die Experten

„Das schaffst du doch mit links!“ – Expertin gibt Tipps für linkshändige Kinder

Psychotherapeutin Dr. Johanna Barbara Sattler leitet die erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder. Sie erklärt Dos und Don’ts für Eltern, wenn ihr Kind mit der linken Hand malt, isst und bastelt.

Ab welchem Alter können Eltern erkennen, ob ihr Kind Rechts- oder Linkshänder ist?
Bei manchen Kindern sieht man es schon sehr früh. Bei den meisten klärt es sich bis zum Alter von drei bis vier Jahren. Wenn es bei einem Vierjährigen noch nicht klar ist, sollte man mit dem Kinderarzt sprechen, was die Gründe dafür sein könnten. Bei diesen Kindern gibt es manchmal auch motorische Probleme oder Auffälligkeiten. Dann ist es sinnvoll, therapeutisch einzugreifen.

Der Besteck-Trick zeigt dominante Hand

Manche Eltern, deren Kind häufig die linke Hand benutzt, hoffen, „dass sich das noch gibt“. Ist diese Hoffnung berechtigt?
Bei Linkshändern ist die gegenüberliegende, also die rechte Gehirnhälfte motorisch dominant, sie gibt die stärkeren Signale. Eltern sollten nicht versuchen, das Kind zur Benutzung der rechten Hand anzuregen oder es gar umzuschulen. Denn wenn ein Kind in die falsche Händigkeit kommt, kann das negative Auswirkungen haben wie Konzentrationsstörungen oder Lernschwierigkeiten. Deshalb sollten Eltern nicht versuchen, das Kind zu beeinflussen. Wenn die Händigkeit unklar ist, sollten sie zum Beispiel das Besteck mittig in den Teller legen und dem Kind die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, welche Hand es nimmt.

Und wenn Eltern sicher sind, dass das Kind ein Linkshänder ist?
Dann sollten sie das Glas oder Besteck auf die linke Seite legen oder stellen. Damit verhindern sie, dass das Glas umfällt oder dass der Ärmel immer durch die Suppe geht. Außerdem sollten sie rechtzeitig auf eine lockere Mal- und Schreibhaltung bei ihrem Kind achten. So helfen sie dem Kind, dass es später nicht über das gerade Geschriebene wischt und dass es den Text gut lesen kann und nicht mit der Hand verdeckt. Dazu gibt es für linkshändige Kinder auch vorbereitende Kindergruppen, die seit der Coronapandemie auch online angeboten werden.

Kindergarten informieren

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Linkshänder und Linksfüßer?
Was wir mit den Händen und was wir mit den Füßen tun, ist grundlegend unterschiedlich. Füße brauchen Gleichgewicht. Um mit einem Bein zu schießen, muss man auf dem anderen Bein gut stehen können. Deshalb kommt es oft vor, dass ein Kind, das eigentlich linkshändig ist, mit dem rechten Fuß schießt – und umgekehrt.

Sollten Eltern die ErzieherInnen im Kindergarten auf die Linkshändigkeit hinweisen?
Ich würde nachfragen, wie sie mit Linkshändern umgehen und ob sie Linkshänder-Scheren haben. Es ist auch wichtig, dass das Kind beim Essen und Basteln nicht rechts von einem Rechtshänder sitzt, sonst kommen sich die beiden in die Quere.

Interview: Bettina Wendland

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/family_linkshaenderin.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-13 10:58:352022-04-13 10:58:35„Das schaffst du doch mit links!“ – Expertin gibt Tipps für linkshändige Kinder

Die Kirschen in Nachbars Garten …

Oder: Warum Vergleichen keine gute Idee ist. Von Tabea Gruhn

So, da hätten wir ihn mal wieder: den Tag, an dem die Kirschen in Nachbars Garten saftiger, roter und üppiger sind! Ich habe zwar gar keinen Kirschbaum (hätte aber gern einen), trotzdem bin ich mir sicher, dass es hinterm Gartenzaun besser läuft als in unserem (Alp-) Traumschloss: Die Küche dort ist sauberer, die Kinder sind friedlicher, das Wohnzimmer ist traumhaft eingerichtet, in der Besteckschublade passt alles zusammen, hinter der akkurat gestutzten Hecke sind die Mama-Bäuche flacher, die Kleiderschränke spucken morgens das perfekte Outfit aus, die Kinder streiten harmonischer, die Männer sind philosophischer. Dazu sind sie auch noch handwerklich begabter (was mit Blick auf meinen Mann zwar gar nicht geht – aber trotzdem!).

DIE WURZEL ALLEN ÜBELS

Die Feste hinter der gepflegten Mauer sind bunter, fröhlicher, wundervoll organisiert, die Kinder der anderen schaffen es, im Gottesdienst die Predigt über allerliebst und ruhig auf ihren Plätzen zu sitzen. Die freundlichen Nachbar-Eltern engagieren sich im Elternbeirat, schaffen es neben der Berufstätigkeit, die kunstvollsten Muffins zu kreieren und finden die Zeit, dem Kindergartenpersonal auch noch einen kleinen, selbstgemachten Gruß aus der heimischen Traumküche mitzubringen. Ach ja, und das Worship-Team im Gottesdienst wäre um einiges ärmer ohne ihren Einsatz!

Hört sich toll an! Ja, eben. Und ich? Kann nicht mithalten. Aber ich suhle mich in meinen Vergleichen, die nur ein Ergebnis haben können: Es geht mir schlecht, ich fühle mich jämmerlich und die Welt ist gegen mich! Vergleichen ist die Wurzel allen Übels. Ja, weiß ich, nützt aber nichts. Ich bin drin in der Spirale, meine Gedanken haben sich selbstständig gemacht und präsentieren mir immer wieder neue Ansichten der ach-so-perfekten Welt um mich herum.

DAS GEDANKENKARUSSELL STOPPEN

In meinen Gedanken gefangen schaue ich auf mein Handy. Und was präsentiert mir der Status: die wunderschöne Geburtstagstorte einer Bekannten für ihre Tochter. Na also, ich sag’s ja! Und trotzdem: Ich finde den Kuchen so schön, dass ich der anderen Mama das schreibe und sie für ihre tolle Arbeit lobe. Ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Sie war dem Nervenzusammenbruch nahe, weil sie die Zuckerverzierung schon am Abend davor draufgemacht hatte und am Morgen war sie total zerlaufen. Das kenne ich … Und die Bilder, die sie mir von der verunglückten Torte schickt, lassen mich mitfühlen – aber auch aufatmen. Ich schreibe ihr aufmunternd, dass mir das auch schon passiert ist und das Kunstwerk heute neu verziert noch viel schöner aussieht – was tatsächlich so ist. Und dann? Nichts. Ruhe. Gedankenkarussell gestoppt!

Eine Gelassenheit macht sich breit. Und auch Erleichterung, jemand anderem sagen zu können, dass nicht immer alles läuft, wie wir uns das vorstellen. Und das beruhigende Gefühl (für uns beide), dass der Blick ins scheinbare Schloss der anderen uns ein ganz normales Zuhause mit Höhen und Tiefen präsentiert.

Tabea Gruhn lebt mit Mann und fünf Kindern zwischen 4 und 13 Jahren in Augsburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/Mila-Usmanova_GettyImages-1258018143-scaled.jpg 2158 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-10 10:00:422022-04-05 16:05:59Die Kirschen in Nachbars Garten …

Ein Paar, zwei Perspektiven: Glückwunschkarten

Wertschätzung brauchen wir alle

Katharina Hullen steckt viel Zeit in Geburtstagskarten. Leider wird sie häufig trotzdem nicht rechtzeitig fertig.

Katharina: Heute sind unsere Zwillinge zum Geburtstag ihrer Freundin eingeladen. Das Geschenk ist besorgt und hübsch verpackt. Ich frage die Mädchen, ob sie Karten zu ihrem Geschenk geschrieben haben. Und es ist wie jedes Mal: Die eine Tochter zückt ein effektvoll gebasteltes Karten-Kunstwerk voller Pop-up-Elemente und Geheimfächer, wohingegen die andere motzig in ihrem Zimmer verschwindet, um noch schnell auf ein nacktes DIN A4-Blatt ein paar Glückwünsche zu kritzeln. Sticker drauf, fertig! Sie pfeffert ihr Werk neben das Geschenk mit den Worten: „Echt, Mama, kein Mensch schreibt mehr Karten! Die will auch keiner lesen und am Ende werden sie eh weggeworfen!“ Offenkundig scheint es eine Typfrage zu sein, ob man seinen Mitmenschen wenigstens zu bestimmten Anlässen auch ein paar nette Worte schreiben will. Aber ist es nicht so, dass jeder gern persönliche Karten bekommt? Ein paar Zeilen voll ehrlicher Wertschätzung und guter Wünsche? Ein Bildmotiv passend gewählt, eine liebevolle Bastelei, ein besonderer Umschlag? Alles doch Zeichen für: Ich habe an dich gedacht! Zwar wird es so ein Papier natürlich nicht gleich in den Nachlass des Beschenkten schaffen, doch ich hoffe, dass es ihm wenigstens für diesen Moment das Herz erwärmt. Wie sagte Mark Twain? „Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben.“ Doch das Problem ist: Um wirklich bedeutsame und tiefergehende Worte zu finden, braucht es leider auch viel mehr Zeit. Wie soll man es bloß schaffen, all die guten Wünsche, all die gemeinsamen Erfahrungen, all die Sympathie in wenigen Sätzen auf ein kleines Kärtchen zu quetschen? Oft schon habe ich stundenlang an den richtigen Formulierungen gefeilt – und dann die Karte doch in Haukes Hände gegeben. Einfach, weil wir jetzt wirklich losmussten. Und weil Hauke, obwohl er ein Beziehungsmuffel ist, ironischerweise dann doch die witzigsten Karten schreibt. Zwar nicht besonders tiefgründig, aber eben sehr unterhaltsam. Diese Texte fließen ihm einfach so aus der Feder – was für eine Gabe! Der Beschenkte hat immer ein Lächeln auf den Lippen! Und schmeißt die Karte dann nachher weg.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

Ein Jahr älter – na und?

Hauke Hullen findet das Tamtam, das um Geburtstage gemacht wird, völlig überzogen.

Hauke: Ich muss zugeben: Ich gratuliere nicht gerne. Vor allem nicht schriftlich. Und mündlich eigentlich auch nicht. Irgendwie erschließt sich mir der Sinn dieses Rituals nicht: Wofür soll ich gratulieren? Dass jemand es geschafft hat, ein Jahr älter zu werden? In der Regel war dazu keine besondere Leistung nötig – älter werden wir von ganz allein, das kann jeder bestätigen, der sich wie ich beim Schuhezubinden jedes Mal überlegt, was man bei der Gelegenheit noch alles erledigen könnte, wenn man schon mal da unten ist.

Nein – Anerkennung fürs Überleben verdienen nur diejenigen, die unter prekären Bedingungen aufwachsen, weil vielleicht im Stadtteil Gewalt grassiert, im Land eine Hungersnot wütet oder die Eltern Volksmusik hören. Logischerweise sollte man daher eher der Mutter des Jubilars zum Jahrestag ihrer Niederkunft gratulieren – war sie doch die einzige, die an dem Tag etwas Produktives gemacht hat. Die beste Ehefrau von allen will trotzdem, dass ich Leuten zu ihrem Geburtstag beglückwünsche, weil es darum gehe, dem anderen seine tiefe Wertschätzung zu zeigen. Wirklich? Einmal im Jahr? Und ausgerechnet an diesem einen Tag? Immerhin mag man seine Freunde und Bekannten ja meistens durchaus langfristiger als nur 24 Stunden, da müsste man ja eigentlich täglich oder wenigstens im Wochentakt ein paar warme Worte wechseln, oder? Außerdem gibt es auch Menschen, mit denen mich gar nicht so wahnsinnig viel verbindet. Sie teilen sich nur dank einer Laune der Natur den gleichen Lebensraum mit mir in Firma, Verein oder Kirche. Doch statt sich konsequenterweise neutral zu verhalten, muss man sich auch dort eine Gratulation abringen, vor allem, weil das Geburtstagskind den Weg zum Kuchenbuffet versperrt. Auch der Empfänger interessiert sich doch nicht wirklich für die wohlgesetzten und tiefsinnigen Sentenzen, die wir mit Herzblut auf die Karte gezirkelt haben. Für meine Kinder ist das Kartenlesen eine lästige Pflicht vor dem Auspacken, dessen einziger Sinn darin besteht, die Spannung auf das Geschenk zu erhöhen. Wozu also der ganze Stress? Am nervigsten sind Chatgruppen auf WhatsApp & Co. Irgendwer sammelt immer ein Fleißkärtchen und schickt um kurz nach Mitternacht den ersten Glückwunsch auf die Reise. Danach pingt und brummt es, bis der Akku leer ist. Irgendwann sieht man sich genötigt, sich den zahlreichen Vorrednern anzuschließen. Man möchte ja nicht wie ein gefühlskalter Idiot erscheinen, weil man als Einziger nicht gratuliert. Vor ein paar Wochen hatte ich übrigens selbst Geburtstag. Viele haben mir gratuliert. Hat mich sehr gefreut.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/04/MicrosoftTeams-image-6.jpg 1668 2224 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-04-07 11:00:162022-04-05 15:15:57Ein Paar, zwei Perspektiven: Glückwunschkarten
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