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Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

Kontaktabbruch von Jugendlichen: Das können Eltern vorsorglich tun

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

Stress vor Weihnachten: Wenn im Advent der Burnout brennt

Der „besinnliche“ Advent ist die stressigste Zeit des Jahres. Das belastet auch die Paarbeziehung. Paartherapeutin Ira Schneider erklärt, was die Adventszeit retten kann.

Der Dezember ist angebrochen: Hiermit heiße ich euch Herzlich Willkommen in dem wohl stressigsten Monat des Jahres! Gleichzeitig ist es ein Monat, der besinnlich, kuschelig, ruhig und gemütlich sein soll. So richtig passt dieses Bild eines entschleunigten Ruhemomentes nicht zu dem von außen geforderten Marathon. Nicht zuletzt ist der Dezember der Monat, der gesellschaftlich den höchsten Anspruch hat, „perfekt“ zu werden. Ein Monat, der voller Erwartungen steckt. So können wir in diesem Sinne alle ein altbekanntes Lied umdichten: Statt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt“ heißt es dann „Advent, Advent, unsere Energie brennt aus!“ Es ist ein Monat, der nicht nur Energie bindet, sondern diese auch Paaren regelrecht raubt.

Nicht mit mir!

Eigentlich soll der Monat doch besinnlich und fast schon magisch sein. Das Essen muss schmecken. Die Deko muss stehen. Die Geschenke sollen gefälligst gefallen. Kein Wunder, dass sich viele Paare im Dezember zerreißen. Im Job müssen sie Jahresabschlüsse durchpeitschen, für die Kinder werden Adventskalender gebastelt, Festlichkeiten werden organisiert, Päckchen verschickt, Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt und Termine und Adventsfeiern werden auch noch im Wochenkalender untergebracht.

Es gäbe sicherlich zahlreiche Tipps, was Paare tun oder lassen könnten. Ganze Listen darüber ließen sich niederschreiben. Am besten schreibe ich eine neue Liste: mit Not-To-Dos, also, was man alles lassen sollte. Wenn das eure Hoffnung war, kurze und schnelle Tipps für den Advent zu erhalten, dann muss ich euch leider enttäuschen. Aber was ich euch entgegenwerfen kann, ist hoffentlich eine warme Woge der Entlastung. Zwei Dinge sind während des Dezembers wahr: Egal, wie ihr den Dezember dreht und wendet. Er bleibt wohl oder übel immer etwas knackig. Was aber auch wahr ist: Ihr dürft neue Grenzen setzen.

Tradition im Advent: Stress

Starten wir mit dem ersten Teil der Wahrheit. Es ist in Ordnung, wenn euch dieser Monat stresst. Ihr dürft gestresst sein. Ihr müsst nicht auch noch das nicht-gestresst sein leisten. Es ist ok, wenn ihr euch zwischen Stille und Eile nicht entscheiden könnt. Es ist ok, wenn ihr euch rastlos und überfordert fühlt. Euer Zeitmanagement ist nicht schuld daran. Euer Abwägen, euer Zusagen und euer Absagen sind nicht der Knackpunkt. Wie wir Weihnachten feiern, ist ein strukturelles Problem. Eins, das sich zutiefst in unsere Gesellschaft hineintradiert hat. In diesem Monat zahlt nicht nur unser Portemonnaie einen hohen Preis, auch unser Nervenkostüm wird auf die Probe gestellt.

Wenn Paare sich diesen Ist-Zustand gewähren, weicht der der Druck möglichst, „entspannt sein zu müssen“. Ohne Druck möchte ich euch behutsam zusprechen, dass es kein „Ihr müsst kürzertreten“ sein muss. Es ist vielmehr ein „Ihr dürft kürzertreten“. Wie oft verwehren Paare sich selbst ihre eigentlichen Bedürfnisse, weil der Druck von außen so hoch ist. Ihnen fehlt nachvollziehbarerweise eine gewisse innere Erlaubnis.

Zuviel

Der zweite Teil der Wahrheit, verkennt den ersten Teil nicht, aber er macht euch Mut eigene Wege zu gestalten und Grenzen zu setzen. Daher dürft ihr beides: Zum einem vollkommen gestresst sein und euch der Akzeptanz hingeben, dass der Dezember ein besonderer Monat ist und bleibt. Ende. Ihr dürft aber auch das Nein-Sagen und Absagen ausprobieren, wenn ihr beispielsweise bestimmte Konstellationen bei Zusammenkünften vermeidet, weil sie euch zu viel sind. Oder ihr dürft Feierlichkeiten früher verlassen. Ihr dürft kürzertreten, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht. Ihr dürft Weihnachtspost weglassen, wenn sie euch zu viel wird. Ihr dürft all das, was euch zu viel ist wahrnehmen und dürft euch selbst begrenzen.

Auch wenn die Harmonie rund um die Festlichkeiten euch hoch oben auf der Agenda schweigend anschreit, ist es okay, wenn ihr für euch als Paar sorgt. Not-To-Do-Listen umzusetzen oder grundsätzlich Grenzen rundum die Feiertage zu setzen, kann im ersten Moment eine unliebsame Aufgabe sein. Abgrenzung kann durch Unverständnis im Außen Spannungen erzeugen. Das heißt: Es müssen die Folgen der eigenen Grenzen ausgehalten werden oder sie müssen zumindest aushaltbar sein. Es ist eine besondere Herausforderung für Paare, für sich selbst und für sich als Familie zu entscheiden und folglich auszuhalten, dass Erwartungen enttäuscht werden. Doch nur enttäuschte Erwartung haben die Chance in gedämpfter und weniger fordernder Kleidung im kommenden Jahr wieder anzuklopfen. Es hilft. Denn dann werden aus überhöhten Anforderungen vielleicht realistische Erwartungen. Das kann entlasten!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Mehr unter: @ira.schneider_

Warum Kinder Grenzen brauchen…

… und sie für uns Eltern noch wichtiger sind.

Von Anna Koppri

Wegen sowas muss man doch nicht weinen.“ „Jetzt stell dich nicht so an.“ „Iss deinen Spinat, die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen.“ „Weil ich das sage.“ „Nichts passiert, steh wieder auf.“ „Gib Opa einen Kuss.“ – Diese Liste könnte ich ewig fortführen. Als ich Kind war, gehörten solche Sätze in vielen Familien selbstverständlich zur Erziehung – genau wie körperliche Züchtigungen. Permanent wurde über uns Kinder und unsere Körper bestimmt. Die Erwachsenen wussten am besten, was gut für uns war und wie wir uns zu fühlen oder zu verhalten hatten. Man war der Überzeugung, dass Kinder erst zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden müssten. Sie sollten sich möglichst gut anpassen und wenig auffallen. Heute fällt es mir noch immer schwer, meine Bedürfnisse wahrzunehmen, mich selbst ernst zu nehmen und meinen Empfindungen zu trauen.

Ich möchte, dass meine Kinder anders aufwachsen. Sie sollen frei ihre individuelle Persönlichkeit entfalten können und sich angenommen und geliebt wissen. Die intuitive Wahrnehmung für ihre Bedürfnisse und ihre individuellen Emotionen möchte ich ihnen nicht abtrainieren. Trotzdem sollen sie mich als Autorität wahrnehmen, an der sie sich orientieren können und die im Zweifelsfall die Richtung vorgibt. Deshalb habe ich jede Menge Ratgeber über beziehungs- und bedürfnisorientierte Erziehung gelesen, über Begleiten ohne Strafen und unverbogene Kinder. Doch weshalb fällt es mir oft so schwer, das alles in die Tat umzusetzen? Warum sage ich trotzdem Wenn-dann-Sätze und weiß mir manchmal nicht anders zu helfen, als mit Belohnung zu locken oder mit Einschränkungen zu drohen? Warum werde ich laut oder nutze meine körperliche Überlegenheit, um meine Kinder zu etwas zu bringen, das sie nicht wollen

Mehr Grenzen setzen

Nach der Geburt meines zweiten Kindes bekam ich die Rückmeldung von einer weisen Mutter, der ich vertraue, dass ich meinem willens- und gefühlsstarken Großen (damals 3) nicht genug Grenzen setzen würde. Zuerst war ich innerlich empört: „Ich will ihm ja auch gar keine Grenzen setzen!“ Doch dann habe ich mich auf eine Reise begeben zu Grenzen und zu mir, und ich habe erfahren, welche Art von Grenzen meine Kinder von mir brauchen.

Nora Imlau schlüsselt in ihrem Buch „Mein Familienkompass“ auf, wie unterschiedlich das Wort Grenzen von verschiedenen pädagogischen Strömungen gefüllt wurde und wird. In der autoritären Erziehung sind Grenzen Regeln, die Erwachsene mehr oder weniger willkürlich setzen und denen Kinder Folge zu leisten haben, um Disziplin zu erlernen.

In der autoritativen Erziehung werden Grenzen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt. Sind sie einmal gesetzt, müssen sie eingehalten werden, um dem Kind Halt und Orientierung zu geben. Ausnahmen gibt es nicht, es sei denn, die Regel wird im Dialog neu verhandelt und verändert. Ich denke, dass wir alle diese Art von Grenzen in unsere Familiensysteme aufgenommen haben, und ich bin überzeugt, dass sie vieles erleichtern. So muss nicht jeden Abend neu darüber diskutiert werden, dass sich alle die Zähne putzen. Damit diese Grenzen die Kinder jedoch nicht entmündigen oder in ihrer Entwicklung einschränken, halte ich es für wichtig, festgesetzte Regeln immer wieder zu überprüfen: ob sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder noch angemessen sind, ob alle einen Konsens darüber haben und ob sie eine sinnvolle Funktion erfüllen. Grundsätzlich halte ich es für wertvoll, wenn wir dialogbereit sind und Regeln situativ anpassen, anstatt diese stur durchzusetzen, um unseren Alltag zu erleichtern.

Die eigenen Grenzen wahren

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hielt gar nichts davon, Kindern Grenzen in Form von starren Regeln zu setzen. Stattdessen empfand er es als essenziell, die eigenen Grenzen zu wahren und auch dem Kind dieses Recht zuzugestehen.

Das war für mich ein „Aha-Erlebnis“. Meinen Kindern tut es gut, wenn ich ihnen meine eigenen Grenzen aufzeige. Nicht um sie zu begrenzen oder ihnen vermeintlichen Halt durch einen „Gartenzaun von Regeln“ zu geben. Sondern um ihnen zu vermitteln, dass jeder Mensch Grenzen hat, die geachtet werden sollen. Kinder orientieren sich an uns, besonders, wenn sie noch klein sind. Deshalb ist es kein Wunder, dass mein Großer bei Tisch immer auf meinen Schoß geklettert kam, sobald er aufgegessen hatte. Ständig habe ich ihm gesagt, dass ich selbst noch in Ruhe aufessen will und er mich so lange in Ruhe lassen soll. Doch er hat gespürt, dass ich mir innerlich gar nicht so sicher war, ob es okay ist, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Die Glaubenssätze, die tief in mir eingebrannt sind, flüsterten mir etwas anderes zu: „Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als deine eigenen Grenzen. Wenn du etwas nicht magst, musst du es halt aushalten.“

Im Arbeitskontext mit Kindern habe ich immer wieder Bewunderung von Kolleginnen und Kollegen für meine scheinbar nie versiegende Geduld geerntet. Dass ich häufig schon längst innerlich gekocht habe, konnten sie ja nicht sehen. Damals im Job ist es selten vorgekommen, dass mein Geduldsfaden riss. Umso stärker bin ich nun mit meinen eigenen Kindern herausgefordert. Denn jetzt kann ich nicht mehr nach einer Schicht nach Hause fahren und mich ins Bett legen, um wieder zu mir selbst zu finden. Jetzt muss ich, wenn es hart auf hart kommt, 24 Stunden am Tag „funktionieren“. So anstrengend das manchmal ist und so bestürzt ich bin, wenn ich wieder einmal anders reagiere, als ich eigentlich möchte, so dankbar bin ich für diese „harte Schule zu mir selbst“.

Wenn alles aus dem Ruder läuft

Manchmal, wenn ich vor Müdigkeit oder Stress nicht mehr klar denken kann und mein großer Sohn wiederholt über meine Grenzen trampelt, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Ich verliere aus dem Blick, dass mir ein gefühlsstarker Fünfjähriger gegenübersteht und fühle mich wie das kleine Mädchen, dessen Grenzen mutwillig übertreten werden. Das tut weh, und im Kurzschluss habe ich meinen Sohn einmal an den Schultern gepackt und geschüttelt. Das geht natürlich gar nicht. Ich hätte früher nie geglaubt, dass ich zu so etwas in der Lage wäre. Gewaltfreiheit war immer schon mein höchstes Erziehungsideal. Umso wichtiger ist es zu lernen, endlich gut für mich zu sorgen und für solche Situationen ein Frühwarnsystem mit entsprechenden Handlungsstrategien zu finden.

Seit ich weiß, dass es am wichtigsten ist, meine eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen, mache ich mir immer häufiger bewusst, dass ich genauso wichtig und ernst zu nehmen bin wie jeder andere Mensch. Ich muss dafür sorgen, dass meine Bedürfnisse befriedigt und meine Grenzen geachtet werden. Anstatt allzu hart mit mir ins Gericht zu gehen, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, versuche ich immer wieder eine gütige Haltung mir selbst gegenüber einzunehmen.

Eine Stunde Rückzug mit einem Buch kann Wunder wirken oder auch nur ein paar bewusste tiefe Atemzüge am Fenster. Wenn ich bei mir angekommen und in meiner Kraft bin, kann ich meinen Kindern ein viel stärkeres und klareres Gegenüber sein.

Ich erlaube es mir, mir Zeit zu lassen und zu überlegen, ob ich etwas möchte oder nicht, wenn meine Kinder mich etwas fragen. Wenn ich müde bin oder keine Lust habe, die fünfte Geschichte zu erzählen, sage ich das ganz klar. Und es hilft mir zu wissen, dass ich damit nicht nur zu mir selbst und meinen Bedürfnissen stehe, sondern meine Söhne dadurch lernen, dass sie auch Grenzen setzen und Nein sagen dürfen.

Die Wut aus dem Körper tanzen

Mit kleinen Kindern ist es natürlich nicht immer so einfach, gut für sich zu sorgen. Manchmal muss ich stundenlang ein schreiendes Kind wiegen, obwohl ich viel lieber endlich „Feierabend“ hätte. Da hilft es, mir innerlich bewusst zu machen, dass es mich gerade echt nervt, dass der Kleine schon zum fünften Mal aufgewacht ist. Ich fühle mich in meiner kostbaren Zeit für mich selbst beschnitten. Darüber darf ich traurig oder wütend sein. Anstatt die Wut runterzuschlucken und weiter tapfer auszuhalten und über meine Grenzen zu gehen, mache ich Musik an und tanze die Wut aus meinem Körper, bevor sich das Babyfon das nächste Mal meldet. Das hilft mir, bei mir zu bleiben. Oder ich gönne mir zur Belohnung bewusst etwas Besonderes, um mir zu zeigen, dass ich auch wichtig bin: ein Eis, einen Film oder eine geplante Auszeit am nächsten Tag.

Wäre es nicht schön, wenn wir – die Kinder, die allzu viel aushalten und sich anpassen mussten – es durch unsere Kinder endlich schaffen, zu dem zu finden, was uns ausmacht? Wenn wir zu unseren individuellen Empfindungen, Interessen und Begabungen durchdringen und damit unseren Platz in der Gesellschaft finden würden? Wenn wir unseren eigenen Raum einnehmen, werden wir es auch besser schaffen, unseren Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei zu entfalten. Wenn sie schon in ihren ersten Lebensjahren erleben dürfen, dass sie mit ihrem individuellen Wesen angenommen sind, wir wirkliches Interesse an ihnen haben und ihre Grenzen respektieren, brauchen sie in ihrer Jugend viel weniger Grenzen zu übertreten, um sich selbst zu finden – so eine These von Susanne Mierau aus ihrem Buch „Frei und unverbogen“.

Anna Koppri lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und bei der Berliner Stadtmission.

Warum Kinder Grenzen brauchen – und Eltern erst recht

Eltern setzen Kindern Grenzen, klar. Es gibt aber zwei verschiedene Arten von Grenzen. Welche das sind und wie man sie unterscheidet, erklärt die Autorin und Mutter Anna Koppri.

Wegen sowas muss man doch nicht weinen.“ „Jetzt stell dich nicht so an.“ „Iss deinen Spinat, die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen.“ „Weil ich das sage.“ „Nichts passiert, steh wieder auf.“ „Gib Opa einen Kuss.“ – Diese Liste könnte ich ewig fortführen. Als ich Kind war, gehörten solche Sätze in vielen Familien selbstverständlich zur Erziehung – genau wie körperliche Züchtigungen. Permanent wurde über uns Kinder und unsere Körper bestimmt. Die Erwachsenen wussten am besten, was gut für uns war und wie wir uns zu fühlen oder zu verhalten hatten. Man war der Überzeugung, dass Kinder erst zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden müssten. Sie sollten sich möglichst gut anpassen und wenig auffallen. Heute fällt es mir noch immer schwer, meine Bedürfnisse wahrzunehmen, mich selbst ernst zu nehmen und meinen Empfindungen zu trauen.

Ich möchte, dass meine Kinder anders aufwachsen. Sie sollen frei ihre individuelle Persönlichkeit entfalten können und sich angenommen und geliebt wissen. Die intuitive Wahrnehmung für ihre Bedürfnisse und ihre individuellen Emotionen möchte ich ihnen nicht abtrainieren. Trotzdem sollen sie mich als Autorität wahrnehmen, an der sie sich orientieren können und die im Zweifelsfall die Richtung vorgibt. Deshalb habe ich jede Menge Ratgeber über beziehungs- und bedürfnisorientierte Erziehung gelesen, über Begleiten ohne Strafen und unverbogene Kinder. Doch weshalb fällt es mir oft so schwer, das alles in die Tat umzusetzen? Warum sage ich trotzdem Wenn-dann-Sätze und weiß mir manchmal nicht anders zu helfen, als mit Belohnung zu locken oder mit Einschränkungen zu drohen? Warum werde ich laut oder nutze meine körperliche Überlegenheit, um meine Kinder zu etwas zu bringen, das sie nicht wollen

Mehr Grenzen setzen

Nach der Geburt meines zweiten Kindes bekam ich die Rückmeldung von einer weisen Mutter, der ich vertraue, dass ich meinem willens- und gefühlsstarken Großen (damals 3) nicht genug Grenzen setzen würde. Zuerst war ich innerlich empört: „Ich will ihm ja auch gar keine Grenzen setzen!“ Doch dann habe ich mich auf eine Reise begeben zu Grenzen und zu mir, und ich habe erfahren, welche Art von Grenzen meine Kinder von mir brauchen.

Nora Imlau schlüsselt in ihrem Buch „Mein Familienkompass“ auf, wie unterschiedlich das Wort Grenzen von verschiedenen pädagogischen Strömungen gefüllt wurde und wird. In der autoritären Erziehung sind Grenzen Regeln, die Erwachsene mehr oder weniger willkürlich setzen und denen Kinder Folge zu leisten haben, um Disziplin zu erlernen.

In der autoritativen Erziehung werden Grenzen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt. Sind sie einmal gesetzt, müssen sie eingehalten werden, um dem Kind Halt und Orientierung zu geben. Ausnahmen gibt es nicht, es sei denn, die Regel wird im Dialog neu verhandelt und verändert. Ich denke, dass wir alle diese Art von Grenzen in unsere Familiensysteme aufgenommen haben, und ich bin überzeugt, dass sie vieles erleichtern. So muss nicht jeden Abend neu darüber diskutiert werden, dass sich alle die Zähne putzen. Damit diese Grenzen die Kinder jedoch nicht entmündigen oder in ihrer Entwicklung einschränken, halte ich es für wichtig, festgesetzte Regeln immer wieder zu überprüfen: ob sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder noch angemessen sind, ob alle einen Konsens darüber haben und ob sie eine sinnvolle Funktion erfüllen. Grundsätzlich halte ich es für wertvoll, wenn wir dialogbereit sind und Regeln situativ anpassen, anstatt diese stur durchzusetzen, um unseren Alltag zu erleichtern.

Die eigenen Grenzen wahren

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hielt gar nichts davon, Kindern Grenzen in Form von starren Regeln zu setzen. Stattdessen empfand er es als essenziell, die eigenen Grenzen zu wahren und auch dem Kind dieses Recht zuzugestehen.

Das war für mich ein „Aha-Erlebnis“. Meinen Kindern tut es gut, wenn ich ihnen meine eigenen Grenzen aufzeige. Nicht um sie zu begrenzen oder ihnen vermeintlichen Halt durch einen „Gartenzaun von Regeln“ zu geben. Sondern um ihnen zu vermitteln, dass jeder Mensch Grenzen hat, die geachtet werden sollen. Kinder orientieren sich an uns, besonders, wenn sie noch klein sind. Deshalb ist es kein Wunder, dass mein Großer bei Tisch immer auf meinen Schoß geklettert kam, sobald er aufgegessen hatte. Ständig habe ich ihm gesagt, dass ich selbst noch in Ruhe aufessen will und er mich so lange in Ruhe lassen soll. Doch er hat gespürt, dass ich mir innerlich gar nicht so sicher war, ob es okay ist, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Die Glaubenssätze, die tief in mir eingebrannt sind, flüsterten mir etwas anderes zu: „Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als deine eigenen Grenzen. Wenn du etwas nicht magst, musst du es halt aushalten.“

Im Arbeitskontext mit Kindern habe ich immer wieder Bewunderung von Kolleginnen und Kollegen für meine scheinbar nie versiegende Geduld geerntet. Dass ich häufig schon längst innerlich gekocht habe, konnten sie ja nicht sehen. Damals im Job ist es selten vorgekommen, dass mein Geduldsfaden riss. Umso stärker bin ich nun mit meinen eigenen Kindern herausgefordert. Denn jetzt kann ich nicht mehr nach einer Schicht nach Hause fahren und mich ins Bett legen, um wieder zu mir selbst zu finden. Jetzt muss ich, wenn es hart auf hart kommt, 24 Stunden am Tag „funktionieren“. So anstrengend das manchmal ist und so bestürzt ich bin, wenn ich wieder einmal anders reagiere, als ich eigentlich möchte, so dankbar bin ich für diese „harte Schule zu mir selbst“.

Wenn alles aus dem Ruder läuft

Manchmal, wenn ich vor Müdigkeit oder Stress nicht mehr klar denken kann und mein großer Sohn wiederholt über meine Grenzen trampelt, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Ich verliere aus dem Blick, dass mir ein gefühlsstarker Fünfjähriger gegenübersteht und fühle mich wie das kleine Mädchen, dessen Grenzen mutwillig übertreten werden. Das tut weh, und im Kurzschluss habe ich meinen Sohn einmal an den Schultern gepackt und geschüttelt. Das geht natürlich gar nicht. Ich hätte früher nie geglaubt, dass ich zu so etwas in der Lage wäre. Gewaltfreiheit war immer schon mein höchstes Erziehungsideal. Umso wichtiger ist es zu lernen, endlich gut für mich zu sorgen und für solche Situationen ein Frühwarnsystem mit entsprechenden Handlungsstrategien zu finden.

Seit ich weiß, dass es am wichtigsten ist, meine eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen, mache ich mir immer häufiger bewusst, dass ich genauso wichtig und ernst zu nehmen bin wie jeder andere Mensch. Ich muss dafür sorgen, dass meine Bedürfnisse befriedigt und meine Grenzen geachtet werden. Anstatt allzu hart mit mir ins Gericht zu gehen, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, versuche ich immer wieder eine gütige Haltung mir selbst gegenüber einzunehmen.

Eine Stunde Rückzug mit einem Buch kann Wunder wirken oder auch nur ein paar bewusste tiefe Atemzüge am Fenster. Wenn ich bei mir angekommen und in meiner Kraft bin, kann ich meinen Kindern ein viel stärkeres und klareres Gegenüber sein.

Ich erlaube es mir, mir Zeit zu lassen und zu überlegen, ob ich etwas möchte oder nicht, wenn meine Kinder mich etwas fragen. Wenn ich müde bin oder keine Lust habe, die fünfte Geschichte zu erzählen, sage ich das ganz klar. Und es hilft mir zu wissen, dass ich damit nicht nur zu mir selbst und meinen Bedürfnissen stehe, sondern meine Söhne dadurch lernen, dass sie auch Grenzen setzen und Nein sagen dürfen.

Die Wut aus dem Körper tanzen

Mit kleinen Kindern ist es natürlich nicht immer so einfach, gut für sich zu sorgen. Manchmal muss ich stundenlang ein schreiendes Kind wiegen, obwohl ich viel lieber endlich „Feierabend“ hätte. Da hilft es, mir innerlich bewusst zu machen, dass es mich gerade echt nervt, dass der Kleine schon zum fünften Mal aufgewacht ist. Ich fühle mich in meiner kostbaren Zeit für mich selbst beschnitten. Darüber darf ich traurig oder wütend sein. Anstatt die Wut runterzuschlucken und weiter tapfer auszuhalten und über meine Grenzen zu gehen, mache ich Musik an und tanze die Wut aus meinem Körper, bevor sich das Babyfon das nächste Mal meldet. Das hilft mir, bei mir zu bleiben. Oder ich gönne mir zur Belohnung bewusst etwas Besonderes, um mir zu zeigen, dass ich auch wichtig bin: ein Eis, einen Film oder eine geplante Auszeit am nächsten Tag.

Wäre es nicht schön, wenn wir – die Kinder, die allzu viel aushalten und sich anpassen mussten – es durch unsere Kinder endlich schaffen, zu dem zu finden, was uns ausmacht? Wenn wir zu unseren individuellen Empfindungen, Interessen und Begabungen durchdringen und damit unseren Platz in der Gesellschaft finden würden? Wenn wir unseren eigenen Raum einnehmen, werden wir es auch besser schaffen, unseren Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei zu entfalten. Wenn sie schon in ihren ersten Lebensjahren erleben dürfen, dass sie mit ihrem individuellen Wesen angenommen sind, wir wirkliches Interesse an ihnen haben und ihre Grenzen respektieren, brauchen sie in ihrer Jugend viel weniger Grenzen zu übertreten, um sich selbst zu finden – so eine These von Susanne Mierau aus ihrem Buch „Frei und unverbogen“.

Anna Koppri lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und bei der Berliner Stadtmission.

Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Grenzüberschreitungen sind in der Partnerschaft keine Seltenheit. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt die Hintergründe und gibt Tipps, um Konflikte gut zu gestalten.

Liebende öffnen ihre Grenzen. Sie geben einander immer mehr von sich preis und beeinflussen sich gegenseitig. Irgendwann teilen sie Bad und Bett, Geld und Gegenstände. Und doch haben auch Liebende in alledem ein Gespür dafür, ob sie frei bleiben oder ihrer Freiheit beraubt werden. Wo die Freiheit verloren geht, hat ein Partner eine Grenze überschritten. Wie leicht das geschieht, zeigen folgende Beispiele.

Grenzüberschreitung: 4 Beispiele

 

  1. Aus Mangel Grenzen überschreiten. Wenn Ilva etwas fehlt, wird sie schnell von ihren Gefühlen überwältigt. Dann überredet sie Gerd. Sie zeigt ihre Wut oder ihre Sorgen so stark, bis Gerd schließlich mehr auf ihre Wünsche eingeht, als ihm eigentlich recht ist. Dass Gerd Belastungsgrenzen hat, zum Beispiel in Konflikten, kann Ilva nicht immer akzeptieren. Sie hindert ihn daran, sich zurückzuziehen, und hält ihn in Aussprachen fest, die Gerd eigentlich viel zu lange dauern. Aber Ilva kann nicht locker lassen, bis das Gespräch zumindest irgendein Ergebnis hat, das sie zufriedenstellt. Gerd würde seine Ehe als glücklich bezeichnen, denn mit der gleichen Leidenschaft, mit der Ilva manchmal Grenzen überschreitet, liebt, lobt und begehrt sie ihn auch. Trotzdem wirken sich Ilvas Grenzüberschreitungen auf das gemeinsame Leben aus. Gerd ist im Lauf der Beziehung immer passiver geworden und überlässt Ilva die meisten Entscheidungen. Manche Gedanken behält Gerd einfach für sich, wenn er ahnt, dass Ilva gegen seine Vorstellungen ankämpfen würde.
  2. Aus Überverantwortlichkeit Grenzen überschreiten. Ingo war der Älteste unter vier Geschwistern. Er hat früh Verantwortung übernommen, wohl zu früh und zu viel. Patrizia dagegen war die zweite und damit die Kleine, neben den Eltern und der älteren Schwester. Sie kann die Dinge auch einmal laufen lassen, im Augenblick leben und ihn genießen. Patrizias Leichtigkeit war sicher ein Grund dafür, warum Ingo sich in sie verliebt hat. Aber im Alltag setzt ihn Patrizia unter Stress, wenn sie zum Beispiel die Zeit aus dem Blick verliert, Aufgaben nicht effizient erledigt und Verpflichtungen anderen gegenüber lockerer sieht. Dann gibt ihr Ingo knappe Anweisungen, nimmt ihr Aufgaben aus der Hand oder trifft Entscheidungen, die eigentlich beide angehen, einfach allein. Damit überschreitet er aber Patrizias Grenzen, die der Respekt vor ihrer Freiheit setzt. Wenn Patrizia entspannt ist, lässt sie Ingo einfach machen. Schließlich meint er es ja gut. Manchmal fühlt sich Patrizia aber auch entmündigt.
  3. Aus Angst Grenzen überschreiten. Martina war schon immer anhänglich und verschmust. Als sie sich kennengelernt haben, hat man Martina und Klaus nur im Doppelpack gesehen. Klaus kommt aus einer kühlen Familie und hat sich als Junge manchmal einsam gefühlt. Martinas Herzlichkeit und Nahbarkeit haben Klaus eine wunderbare Welt eröffnet. Nur wenn er sehr aufgewühlt ist, muss sich Klaus manchmal zurückziehen. Dann bemerkt er, wie schwierig das für Martina ist. Auch wenn er sich freundlich verabschiedet, kommt sie bald in sein Arbeitszimmer und vergewissert sich, ob wirklich alles in Ordnung ist. Wenn Klaus auf Geschäftsreise ist, erwartet sie regelmäßig Anrufe. Er fühlt sich dann verfolgt, wenn er auf sein Hotelzimmer zurückkehrt und drei WhatsApp-Nachrichten von Martina erhalten hat. Er kommt sich auch ausgefragt vor, wenn sich Martina erkundigt, ob seine Kollegin hübsch ist, ob diese in einer Beziehung lebt und ob Klaus noch in der Hotelbar mit ihr zusammensitzt. Klaus hat ihr noch nie einen Grund gegeben, an seiner Treue zu zweifeln. In solchen Situationen ist Klaus schon wütend geworden, hat Zärtlichkeiten zurückgewiesen und nichts mehr gesprochen.
  4. Aus Scham Grenzen überschreiten. Jenny kommt aus einer Arbeiterfamilie. Sie ist geradeheraus und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie ist eine aufregend attraktive Frau, die das auch weiß. Philipp, der aus einer gebildeten Familie stammt, gelingt es meist, zu seiner Liebe zu stehen. Doch es gibt Momente, die ihn aus seinem inneren Gleichgewicht bringen: wenn Jenny zu sexy gekleidet zum Gottesdienst geht, wenn sie Fremdwörter falsch verwendet oder den beruflich erfolgreichen Freunden ausschweifend erzählt, wie sie das Sortiment ihres Drogeriemarktes umorganisiert hat. Philipp belehrt und korrigiert Jenny dann häufig. Wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass er eine Art Erziehungsprogramm für sie auflegt, um ihr den Schliff zu geben, den sie für das jetzige Umfeld benötigt. „Du denkst wohl, du bist etwas Besseres?“, konfrontiert ihn Jenny dann. Philipp wird dann traurig. Er nimmt Jenny in den Arm, die das widerstrebend zulässt. „Ich weiß“, sagt Philipp, „ich habe nicht das Recht, dich so zu kritisieren.“

Grenzüberschreitungen folgen unterschiedlichen Gefühlen: dem Drängen ungestillter Bedürfnisse, einem Druck, den Überverantwortlichkeit erzeugt, einer Verlustangst oder einer Scham, die kaum erträgt, dass sich der andere eine Blöße gibt. Doch immer schränken Grenzüberschreitungen die Freiheit des Partners ein. Außerdem entsteht ein Machtgefälle in der Beziehung: Partner, die Grenzen überschreiten, verhalten sich, als hätten sie mehr Rechte, wie ein Elternteil gegenüber einem Kind oder der Chef gegenüber einem Mitarbeiter. Oft sind es gerade die veränderten Machtverhältnisse, die sich auf das gemeinsame Leben auswirken.

Die Folgen von Grenzüberschreitungen

Unsere Stressreaktionen folgen unseren angeborenen biologischen Möglichkeiten: Unterwerfung, Flucht oder Kampf. Im zwischenmenschlichen Bereich kann man auch von Anpassung, Vermeidung und Kampf sprechen. Eine dieser drei Stressreaktionen aktiviert sich meist, wenn wir auf den Stachel unseres Partners treffen. Je nachdem, welche Reaktion Sie bevorzugen, hat das für die Liebe verschiedenartige Folgen.

  • Anpassung. Bei dieser Stressreaktion lassen Partner Grenzüberschreitungen einfach zu und gewöhnen sich daran. So entstehen keine Konflikte. Nur Außenstehende machen manchmal Bemerkungen, weil sie es für sich selbst nicht akzeptieren könnten, wenn ihre Freiheit derart
    beschnitten würde. Denn ein Partner, der sich immer wieder einmal erziehen, bestimmen oder vereinnahmen lässt, macht sich damit auch klein. Er gibt ein Stück seiner Persönlichkeit und seiner Lebensart auf. Das hemmt das Wachstum der Liebe, die am besten gedeiht, wenn beide
    Partner ihre ganze Persönlichkeit in der Beziehung entfalten. Partner, die zulassen, dass der andere ihre Grenzen überschreitet, haben dann manchmal das Gefühl, sich selbst in der Beziehung zu verlieren.
  • Kampf. Manche Partner werden zornig über die Grenzüberschreitung und wollen sich diese nicht bieten lassen. In einer Überreaktion richten sie dann manchmal Grenzen auf, die viel enger sind, als sie normalerweise in einer Liebesbeziehung verlaufen. Sie reagieren zum Beispiel gereizt, wenn sie etwas allein unternommen haben und der andere dann fragt, wie es war. Der Partner, der ab und zu Grenzen überschreitet, fühlt sich dann zu Recht abgewiesen und kämpft gegen die überstarke Grenzsetzung an. Solche Situationen können Anlass für Streit werden.
  • Vermeidung. Diese Stressreaktion entzieht sich dem Kampf, will sich aber auch nicht unterwerfen. Nicht selten weichen daher Partner, denen Freiheit genommen wird, in die Heimlichkeit aus: Wenn die Ehefrau nichts vom Treffen mit der Studienfreundin weiß, wird sie keine
    misstrauischen Fragen stellen. Partner teilen auch weniger von ihren Gedanken mit, denn je weniger der andere weiß, desto weniger kann er oder sie sich einmischen. Solche Entwicklungen schwächen aber die Nähe und das Vertrauen, das ein Paar zueinander hat.

Alle drei Schutzmechanismen – Anpassung, Vermeidung und Kampf – haben also auch ihre Nebenwirkungen. Deshalb zeigt dieser Artikel Möglichkeiten auf, wie Sie den Stachel der Grenzüberschreitung entschärfen können. Der nächste Abschnitt richtet sich an Partner, die manchmal Grenzen überschreiten. Sie lernen, wie sie aus Liebe Freiheit schenken. Der darauf folgende Abschnitt wendet sich dann an Partner, die mit Grenzüberschreitungen konfrontiert sind. Sie lernen, wie Sie die Grenzen in der Beziehung liebevoll befrieden.

Selbstkorrektur: Loslassen und Freiheit schenken

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, finden Sie hier einen Weg, auf dem Sie sich selbst korrigieren können. Dabei müssen Sie Grenzüberschreitungen nicht durch Willenskraft unterdrücken. Sie entdecken positive und faire Einflussmöglichkeiten. Sie erfahren, wie selbst ein Verzicht zum Gewinn werden kann, und lernen schließlich, wie Sie aufgewühlte Gefühle beruhigen können.

Liebevoll beeinflussen

Womöglich haben Sie schon einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang gesetzt: Sie haben vielleicht Gefühle gezeigt und dann Grenzen überschritten. Dann deutet Ihr Partner schon Ihre Gefühle als ein Vorzeichen einer drohenden Grenzüberschreitung. Sie haben vielleicht Ihre Meinung vertreten und sind bei Widerstand immer bestimmender geworden. Dann könnte Ihr Partner bereits abwehrend reagieren, wenn Sie nur Ihre Meinung aussprechen. In diesem Fall muss Ihr Partner erst wieder ein Vertrauen aufbauen, dass Sie zwar Ihre Gefühle zeigen oder Ihren Standpunkt vertreten, ihr oder ihm aber trotzdem ihre oder seine Freiheit lassen.

Im Folgenden stelle ich Ihnen Möglichkeiten vor, wie Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner liebevoll beeinflussen. Ein Gefühl von Einfluss ist für Sie besonders wichtig, damit Sie den Stachel der Grenzüberschreitung überwinden können. Was ich im Folgenden empfehle, gelingt vielleicht in einer Weise, die Sie überraschen wird. Falls das Vertrauen schon ein wenig angegriffen ist, braucht Ihr Partner jedoch etwas Zeit, um sich wieder Ihrem Einfluss zu öffnen.

  • Gefühle beschreiben. Offenbaren Sie Ihre Gefühle ohne Rechtfertigung und ohne Forderungen. Benennen Sie möglichst genau, was Sie fühlen. Beschreiben Sie zum Beispiel, wie Sie eine Situation empfunden haben, die Ihre Gefühle ausgelöst hat. Verwenden Sie Vergleiche und Bilder, um Ihre Gefühle anschaulich zu machen.
    Beispiel: „Wenn ich nach einem harten Arbeitstag nach Hause komme, dann sehne ich mich nach einer Belohnung. Wenn du ausgerechnet dann Zeit für dich selbst brauchst, fühle ich mich alleingelassen und um das betrogen, was den Tag für mich schön macht.“
  • Bedürfnisse ausdrücken. Beschreiben Sie, was Sie brauchen und auf welche Weise Ihr Bedürfnis gestillt werden könnte.
    Beispiel: „Ich kann mich nicht so schnell von einer Aufgabe lösen wie du. Ich brauche immer eine Weile, um wirklich bei dir anzukommen. Wenn du dann ungeduldig wirst und dich zurückziehst, komme ich unter Druck. Ich bräuchte einfach etwas Zeit, bis mein Kopf frei wird und ich mich entspannen kann.“
  • Wünsche offenbaren. Es gehört zu den Realitäten unseres Lebens, dass sich unsere Wünsche nicht immer erfüllen lassen. Trotzdem fühlen wir uns von Menschen geliebt, wenn sie unsere Wünsche verstehen und akzeptieren.
    Beispiel: „Ich weiß, vielleicht ist es unrealistisch, aber ich würde unwahrscheinlich gerne einmal aus unserem Alltag ausbrechen und etwas erleben, was wir noch nie erlebt haben.“
    Vielleicht beschäftigt sich Ihr Partner mit Ihrem Wunsch und kommt auf Ideen, wie er zu verwirklichen wäre. Wenn nicht, können Sie selbst einen Schritt weitergehen.
  • Vorschläge machen. Vorschläge sind konkret und haben daher eine gute Chance auf eine Umsetzung. Außerdem sind sie eine gute Verhandlungsgrundlage. Oft führen sie zu Kompromissen, die etwas anders sind als der ursprüngliche Vorschlag.
    Beispiel: „Wie wäre es, wenn wir uns einmal zu einem Malkurs in der Provence anmelden, im Juli, wenn der Lavendel blüht?“
  • Für Überzeugungen einstehen. Wenn Werte ins Spiel kommen, üben wir schnell Macht über das Gewissen des anderen aus. Gerade hier können wir leicht Abwehrreaktionen hervorrufen. Entsprechend behutsam sollten wir vorgehen, wenn sich kein moralischer Druck aufbauen soll.
    Beispiel: „Ich würde gerne mehr von unserem Wohlstand abgeben. Es geht uns so gut. Lass uns ruhig klein anfangen. Wir könnten uns nach sozialen Projekten erkundigen und sehen, was uns wirklich überzeugt, und dann überlegen, wie viel uns das wert ist. Was meinst du?“
    Wenn Sie behutsam für eine gute Sache einstehen, haben Sie gute Chancen, den Partner zu gewinnen.
  • Loben. Nichts ist motivierender, als wenn unser liebevolles Verhalten auch wahrgenommen und geschätzt wird. Deshalb ist Wertschätzung eine starke Motivation für Ihren Partner, auf Sie einzugehen, vielleicht sogar häufiger als bisher.
    Beispiele: „Ich liebe die Art und Weise, wie du mir gerade zuhörst. Ich fühle mich total verstanden.“ Oder: „Als du mir so intensiv zugehört hast, habe ich erst richtig verstanden, wie es mir eigentlich mit der Sache geht.“
  • Ein Vorbild sein. Paare werden sich im Lauf der Jahre ähnlicher. Wie der eine sein Leben gestaltet, prägt den anderen. Ihr Vorbild ist daher eine unaufdringliche Möglichkeit, den anderen zu beeinflussen. Wenn Sie Ihren Partner zu mehr Ordnung motivieren wollen, dann leben Sie am besten eine ansprechende, zeitsparende Ordnung vor und vertrauen drauf, dass dies im Laufe der Zeit auch Ihren Partner prägt. Mit liebevollen Einflussmitteln schenken Sie Ihrem Partner täglich die Chance, Liebe zu zeigen. Zugleich lassen Sie ihm die volle Freiheit. In den Beispielen hat sich auch schon angedeutet, dass ein liebevoller Einfluss manchmal auch Loslassen bedeutet.

Liebe heißt loslassen

Manchmal zeigt sich der Effekt sofort: Wir hören auf zu drängen und unser Partner öffnet sich. Wir fordern nicht mehr und unser Partner geht plötzlich auf unsere Wünsche ein. Während unser Kämpfen einen Widerstand hervorgerufen hat, hat unser Loslassen den Widerstand gelöst. Folgende Einstellungen helfen dabei.

  • „Lieber will ich weniger nehmen, weiß aber, dass mein Partner dies gerne gibt. Das ist besser, als wenn er mir mehr gibt, nur weil ich ihn dazu gedrängt habe.“
  • „Ich darf meine Wünsche immer mal wieder in Erinnerung bringen. Dann aber lasse ich los und warte ab.“
  • „Auch wenn ich enttäuscht bin, werde ich dem anderen weiter vertrauen. Ich glaube, dass es mein Partner gut mit mir meint und gibt, was sie/er im Augenblick geben kann. Manches braucht vielleicht noch Zeit.“

In der Ehetherapie habe ich schon viele Partner überzeugt, die Grenzen des anderen zu akzeptieren und loszulassen. Mit der Zeit hat sich der Widerstand des andern verringert. Dadurch wurden wieder tiefere Gespräche und mehr Intimität möglich. Jeder setzte sich wieder mehr für den anderen ein. Natürlich wird man auch einmal an einen Punkt kommen, an dem das Loslassen schmerzhaft wird. Denn nicht jeder Partner kann jedes Bedürfnis stillen. Auch in der Liebe gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung. Das Bedürfnis nach Sexualität zum Beispiel kann bei einem
Paar sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dann bleiben manche Wünsche auf Dauer unerfüllt. Einen Partner kostet es vielleicht viel Überwindung, sich auf tiefere Gespräche einzulassen, sodass diese nur selten möglich sind. Andere Partner brauchen ihren Rückzug – einen ganzen Tag lang alles zusammen zu machen, das geht mit ihnen einfach nicht.

Liebe bedeutet dann, nicht nur die guten Eigenschaften des anderen zu genießen, sondern auch den anderen in den Grenzen anzunehmen, die die Persönlichkeit des anderen steckt. Hier kann das Loslassen wie ein Trauerprozess verlaufen: Wellen von Schmerz und innerer
Auflehnung schwellen an und ebben ab, bis sie im Lauf der Monate allmählich schwächer werden. Doch der Verzicht verändert auch Ihre Persönlichkeit und Ihre Bedürfnisse. Sie richten Ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte mit der Zeit anders aus. Oft lässt sich dann ein Mangel gut bewältigen und ausgleichen. Dann wird auch die Freude an dem, was ist, wieder stärker.

Ungestillte Bedürfnisse kann man vielleicht in Freundschaften einbringen, andere Wünsche kann man mit den eigenen Kindern verwirklichen, wenn diese alt genug sind. Ungestillte Bedürfnisse können auch ein starker Antrieb dafür sein, die eigene Gottesbeziehung zu vertiefen, eine Leidenschaft für eine gute Sache zu entwickeln oder kreativ zu werden. Am Ende kommt vielleicht sogar etwas Besseres heraus, als wenn ein Bedürfnis einfach so gestillt worden wäre oder sich ein Wunsch erfüllt hätte. Die Grenzen unseres Partners können wir als einen Wink vom Himmel verstehen und daraufhin zu einem leidenschaftlichen, schöpferischen und einsatzbereiten Leben aufbrechen.

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine weitere Hilfe zum Loslassen geben. Dazu müssen Sie sich vor Augen führen, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Möglichkeiten hat, mit denen er seine Gefühle reguliert. Zurückhaltende Menschen reagieren innerlich, wenn ihre Gefühle zu stark werden. Oft ziehen sie sich zurück oder distanzieren sich von den Menschen und Dingen, die die Gefühle auslösen. Erst wenn sich ihre Gefühle beruhigt haben, zeigen Sie, was in ihnen vorgeht, oder setzen etwas in ihrem Leben in Bewegung. Beziehungsorientierte Menschen dagegen regulieren ihre Gefühle durch Handlungen. Sie versuchen etwas bei anderen Menschen zu bewegen. Sie treffen Entscheidungen oder verändern die Situation, die Gefühle verursacht. Beide Strategien haben ihre Stärken und Schwächen.

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, gehören Sie sicher zum zweiten Typ beziehungsorientierter Menschen, die Gefühle durch Handlungen regulieren. Wenn Sie zum Beispiel wütend sind und den anderen dazu bringen, dass er nachgibt, sind Sie damit Ihre Wut los. In manchen Fällen führt eine schnelle Reaktion zu den besten Ergebnissen für beide. In anderen Fällen würde eine impulsive Reaktion die Grenzen des anderen überschreiten. Daher hilft es, wenn Sie es lernen, Gefühle auch so zu regulieren, wie es zurückhaltende Menschen tun.

  • Schauen Sie erst einmal nach innen: Was ist mit Ihnen gerade los? Was empfinden Sie genau? Was fehlt Ihnen? Wenn Sie verstehen, was in Ihnen vorgeht, dann beruhigen sich die Gefühle oft schon ein wenig und Sie können planvoller vorgehen, also in einer Weise, die sowohl Ihre Bedürfnisse als auch die Grenzen Ihres Partners berücksichtigt.
  • Führen Sie ein Selbstgespräch und beruhigen Sie sich selbst: „Ja, ich komme mir im Stich gelassen vor und habe damit bestimmt auch recht. Mein Partner versteht einfach noch nicht, dass er mich gerade hängen lässt. Wenn ich mich beruhigt habe, werde ich mit ihr/ihm einfach noch einmal darüber reden. Bestimmt finden wir einen Kompromiss, mit dem ich einigermaßen zufrieden bin.“
  • Ziehen Sie sich zurück und bauen Sie starke Gefühle durch Aktivitäten ab, zum Beispiel durch Sport, Haus- oder Gartenarbeit, Musik hören oder selbst musizieren, Beten, Tagebuch schreiben oder kreativ sein. Wenn Sie Ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben, treffen Sie bessere Entscheidungen und können auch in Ihrer Beziehung gezielter für das eintreten, was Sie brauchen.

Auch mit fairen Mitteln gewinnen Sie Ihren Partner. Sie können ihn einladen, seine Liebe so zu zeigen, wie Sie es brauchen. Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ab und zu einen unerfüllbaren Wunsch zu verschmerzen, sind Sie bereits auf dem besten Weg. Auf diesem Weg kann Sie auch Ihr Partner unterstützen.

Den Partner befrieden

Konflikte um Grenzen würden wir am liebsten ein für alle Mal regeln: mit klaren Vereinbarungen, an die sich dann auch beide Seiten halten. Doch unser Leben ist vielfältig und verändert sich. Bestimmte Fragen stellen sich immer wieder neu, oft in einer Weise, die man nicht vorhergesehen hat. Was haben wir gemeinsam und wo hat jeder seinen eigenen Bereich? Welche Freiheiten lassen wir einander? Wie treffen wir Entscheidungen? Deshalb lässt sich nur ein kleiner Teil des gemeinsamen Lebens durch dauerhafte Absprachen regeln. Außerdem gehört es ja gerade zur Schwäche Ihres Partners, dass sie oder er gelegentlich gute Gründe findet, um Vereinbarungen außer Kraft zu setzen. Die Auseinandersetzung um Grenzen gehört daher zu Ihrer Beziehung wie das Aufräumen zur Haushaltsführung, das Waschen zur Körperpflege oder das Tanken zum Autofahren. Gerne würde man es sich sparen, es gehört aber nun einmal dazu.

Diese Sichtweise hilft Ihnen auch, Grenzüberschreitungen Ihres Partners nicht persönlich zu nehmen. Die meisten Menschen reagieren auf Grenzüberschreitungen mit Angst. Denn diese dringen in ihr Territorium ein und bedeuten tatsächlich eine Art Kriegserklärung, auch wenn diese selten bewusst und auch nicht böse gemeint ist. Nicht wenige fühlen sich durch Grenzüberschreitungen auch beschämt: „Bin ich dir so wenig wert, dass du meine Freiheit nicht achtest und über mich bestimmen willst? Wen oder was siehst du in mir? Ein Kind? Einen Diener? Einen Menschen zweiter Klasse?“ Auch wenn es sowohl für die Angst als auch für die Beschämung gute Gründe gibt, führt es weiter, wenn Sie die Grenzüberschreitungen nicht persönlich nehmen.

Denn Grenzüberschreitungen wollen keine Aussagen über Ihre Person machen. Sie sind eine Überreaktion Ihrer Partnerin/Ihres Partners, die von bestimmten Gefühlen ausgelöst wird und automatisch abläuft. Daher bauen Sie am besten eine liebevolle Routine auf, wie Sie mit
Grenzüberschreitungen umgehen. Dieser Artikel hilft Ihnen dabei.

Lernen Sie den Nahkampf lieben

Konflikte, Diskussionen, Streit – wenn wir uns auseinandersetzen müssen, erleben wir das oft als negativ. Es kostet Energie und macht nicht gerade gute Laune. Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen in Beziehungen am wohlsten, in denen die nötigen Abstimmungen ohne Streit und schwierige Verhandlungen gelingen.

Aber wo sich die Auseinandersetzung nicht vermeiden lässt, möchte ich für ihren Wert werben. Für Kinder zum Beispiel ist es wichtig, dass sie sich an ihren Eltern reiben und mit ihnen auseinandersetzen dürfen. Wenn Eltern Konflikte vermeiden, können Kinder keine starke
Persönlichkeit entwickeln. Sowohl nachgiebiges als auch übertrieben autoritäres Verhalten nimmt Kindern die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen. Sie spüren dann weder ihrer eigene Position noch die ihrer Eltern. Sie lernen nicht, für ihre Interessen zu kämpfen, und genießen nicht das gute Gefühl, sich etwas erkämpft zu haben. Sie erleben auch nicht die Geborgenheit, die entsteht, wenn Eltern in ihren Grenzen festbleiben, ihre Kinder überzeugen und sie auch einmal in die Schranken weisen. Manchmal haben wir dieses Bedürfnis auch als Erwachsene: unseren eigenen Standpunkt in der Auseinandersetzung spüren oder vielleicht erst finden zu dürfen; ein Gegenüber haben, an dem man sich reiben kann; einen starken Partner haben, der um seine Position weiß und der nicht umfällt, wenn wir einmal emotional und kämpferisch werden.

Vielleicht hilft Ihnen diese Sichtweise dabei, in der Auseinandersetzung nicht nur eine lästige Notwendigkeit zu sehen. Sie schenken Ihrem Partner damit die Erfahrung, sich selbst und auch Sie zu spüren. Sie vermitteln die Geborgenheit, die eine klare Position und ein starkes
Gegenüber bedeuten. Auch Sie werden dabei gewinnen. Zunächst wird Ihnen Ihr Standpunkt klarer werden. Sie werden immer deutlicher spüren, wo Sie flexibel sind und welche Position für Sie unaufgebbar ist, wo Sie tolerant sind und was Sie nicht akzeptieren können. Auf diese Weise gewinnen Sie Profil. Sie werden immer mehr zu dem, was wir meinen, wenn wir von einer starken Persönlichkeit sprechen. Sie gewinnen außerdem an Autorität, je mehr Sie zu Ihren Überzeugungen und Grenzen stehen und diese zur Not auch mit klaren Worten vertreten.

Sehen Sie das Kind im anderen

Wenn wir unseren Stachel ausfahren, schützen wir damit einen wunden Punkt. Wo genau unsere wunden Punkte liegen, hängt mit unserer Lebensgeschichte zusammen und vor allem mit den Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. Grenzüberschreitungen sind in der Regel eine Reaktion auf die folgenden Kindheitserfahrungen.

  • Das vernachlässigte Mädchen, der vernachlässigte Junge. Manche Kinder haben immer wieder Momente eines emotionalen Mangels erlebt. Ihre Eltern waren zu abgelenkt, zu gestresst oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Kind die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Mangelgefühle können ein Kind sehr verzweifelt machen. Es sucht dann unter Umständen immer drastischere Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Erwachsenen können alte Mangelgefühle wieder aufbrechen, oft sind nur kleine Unaufmerksamkeiten des anderen der Auslöser dafür. Dann greifen Partner zu den Strategien, die als Kind geholfen haben, und drücken zum Beispiel Gefühle sehr intensiv aus, lassen sich nicht abwimmeln oder verhalten sich fordernd. Der Partner wird dies allerdings als Druckmittel empfinden, weil er ja einem Erwachsenen gegenübersteht. Wenn Sie ein Mangelgefühl hinter der Grenzüberschreitung erkennen, können Sie auf das vernachlässigte Mädchen oder den vernachlässigten Jungen eingehen. Schenken Sie ein Zeichen der Liebe und Zuwendung, hören Sie aufmerksam zu, bieten Sie einen Kompromiss oder eine Unterstützung an. Das wird es Ihnen leichter machen, wenn Sie auf der einen oder anderen Grenze bestehen müssen.
  • Das überverantwortliche Mädchen, der überverantwortliche Junge. Viele Partner, die heute gelegentlich Grenzen überschreiten, haben als Kind früh Verantwortung getragen. Sie haben sich um jüngere Geschwister gekümmert oder ein Elternteil gestützt, dem es nicht gut ging. Manche Kinder wurden unter starkem Druck zu Ordnung, Anstand oder Leistung angehalten. Diese Überverantwortlichkeit kann auch im Erwachsenenalter aktiviert werden. Partner geraten dann unter Druck, wenn es darum geht, Bedürfnisse anderer zu stillen oder einem Maßstab gerecht zu werden. Sie geben den Druck weiter und überschreiten dabei Grenzen. Wenn Sie ein überverantwortliches Mädchen oder einen überverantwortlichen Jungen hinter dem Verhalten Ihres Partners spüren, können Sie eine Entlastung anbieten: „Entspanne dich. Es passiert überhaupt nichts, wenn das jetzt nicht auf Anhieb klappt.“
  • Das alleingelassene Mädchen, der alleingelassene Junge. An kleinen Kindern können wir es beobachten: alleingelassen werden verursacht zuerst Unbehagen und schließlich Verzweiflung. Wenn ein Kind das zu früh und zu oft erlebt, prägt sich Verlassenheit als emotionale Reaktionsbereitschaft ein. In der Paarbeziehung zeigt sich das oft als anklammerndes Verhalten. Wenn das geschieht, sollten Sie zunächst das alleingelassene Mädchen oder den alleingelassenen Jungen beruhigen. Dann nehmen Sie nach einer anstrengenden Aussprache Ihren Partner zum Beispiel in den Arm und sagen: „Ich habe dich lieb, aber ich kann gerade nicht mehr. Lass uns morgen noch einmal darüber reden.“
  • Das beschämte Mädchen, der beschämte Junge. Hier geht es vor allem um Kinder, die sich für andere geschämt haben, zum Beispiel für einen alkoholabhängigen Vater, ein unschönes Zuhause armer Eltern oder für einen verhaltensauffälligen Bruder. Sich nicht mehr zu schämen, wird dann zu einem starken Motiv. Entsprechend intensiv reagieren Erwachsene mit dieser Prägung auf alles, was peinlich werden könnte. Sie selbst achten sehr darauf, sich keiner Peinlichkeit mehr auszusetzen. Wenn der andere das lockerer sieht, wirken Partner manchmal in grenzüberschreitender Weise auf den anderen ein. Auch das beschämte Kind in Ihrem Partner können Sie beruhigen: „Stimmt, das war peinlich. Aber auch nicht peinlicher als das, was anderen auch hin und wieder passiert. Daran, dass mich andere schätzen, wird das sicher nichts ändern. Da bin ich mir sicher.“

Wenn Sie das Kind in Ihrem Partner verstehen und unterstützen, dann haben Sie bereits für Entspannung gesorgt. Sie können Ihre Grenzen nun leichter behaupten.

Setzen Sie liebevoll Grenzen

Aus Ihren Erfahrungen können Sie sicher bestätigen: Es ist gar nicht einfach, dem Partner Grenzen zu setzen. Sie bewegen sich hier wie bei einer Wanderung auf einem schmalen Grat, zu beiden Seiten geht es steil bergab. Wenn Sie die Grenzüberschreitung einfach hinnehmen, fühlen Sie sich immer unfreier. Wenn Sie aber Grenzen setzen, wirkt das für Ihren Partner wie eine Zurückweisung. Sie oder er gerät dann aus dem Gleichgewicht und reagiert darauf unter Umständen mit weiteren Grenzüberschreitungen.

Wenn Sie liebevoll Grenzen setzen, dann behalten Sie den wunden Punkt Ihres Partners im Blick: die Erfahrung, nicht genug Zuwendung, Schutz und Unterstützung zu bekommen. Zwar dürfen Sie Ihre Grenzen standhaft verteidigen, Ihre Begründung sollte aber eine Verbundenheit und Wohlwollen ausdrücken. Dafür stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

„Das tut uns nicht gut.“

Alles, was sich in einer Liebesbeziehung abspielt, wirkt sich auf beide aus. Damit können Sie argumentieren.

  • „Wenn du einfach alleine planst, was wir am Wochenende machen, dann fühle ich mich nicht mehr auf Augenhöhe mit dir. Ich werde dann wütend. Das tut uns nicht gut. Deshalb möchte ich mit dir gemeinsam planen, wie das Wochenende laufen soll.“
  • „Wenn du mich so oft korrigierst wie heute, dann komme ich mir vor wie ein Kind, das erzogen wird. Klar, du hast auch immer einen guten Grund dafür. Aber wollen wir als Paar wirklich so miteinander umgehen? Würde dir nicht etwas fehlen, wenn ich mich mehr wie ein Kind verhalte, das es dir recht machen will? Deshalb ist es mir viel lieber, dass du mich nur korrigierst, wenn es wirklich ganz wichtig ist. Ansonsten brauche ich die Freiheit, die Dinge auf meine Art und Weise zu tun, auch wenn ich dabei Fehler mache.“

Aus dieser Quelle können Sie immer wieder gute Gründe schöpfen, warum Sie eine Grenze verteidigen: Liebe gedeiht, wenn ein Paar auf Augenhöhe miteinander umgeht, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wenn beide ihre Vorstellungen verwirklichen können und sich so beide im gemeinsamen Leben zu Hause fühlen.

„Ich bin dir ein besserer Partner, wenn …“

Wir wollen für den anderen ein guter Partner sein: aufmerksam, warmherzig, humorvoll, kreativ und unterstützend. Aber um so sein zu können, müssen wir uns einigermaßen wohl und sicher fühlen. Unsere Fähigkeit, ein guter Partner zu sein, nimmt dagegen ab, wenn uns unsere Freiheit genommen wird. Auch mit diesem Argument können Sie Ihre Grenzen begründen, wie folgende Beispiele zeigen.

  • „Ich erzähle dir gerne von unseren Messetagen und ich beruhige dich auch gerne, dass mein Umgang mit Sandra distanziert ist. Aber wenn du so nachfragst wie jetzt, fühle ich mich wie in einem Verhör. Ich werde dann trotzig und würde am liebsten ganz dichtmachen. Aber das möchte ich nicht. Ich will offen dir gegenüber bleiben.“
  • „Du, wir haben darüber jetzt bestimmt schon eine halbe Stunde gesprochen. Und ich habe schon zweimal angedeutet, dass es mir für heute erst mal reicht. Wenn du mich jetzt aber weiter festhältst, dann fühle ich mich eingesperrt. Ich bekomme dann Panik. In solchen Situationen habe ich dich sogar schon angeschrien. So will ich dich aber nicht behandeln. Dann musst du aber auch einfach akzeptieren, wenn es für mich genug ist. Wir können ja dann später weiterreden, zum Beispiel morgen Abend.“

Darüber hinaus können Sie Ihren Partner auch an eigene Werte und Überzeugungen erinnern.

„Das möchtest du doch selbst nicht.“

Dies ist ein unschlagbares Argument für Grenzen. In entspannten Momenten weiß Ihr Partner ja, welche Freiheit jedem zusteht, was im Streit in Ordnung ist und was nicht, wie man gemeinsame Entscheidungen trifft. Auf diese Grundlage können Sie zurückkommen:

  • „Schatz, in entspannten Momenten würdest du nie so über meine Familie urteilen. Lass es uns doch auch dann so halten, wenn unser Gespräch etwas hitziger wird.“
  • „Den Termin hast du ausgemacht, ohne mich zu fragen. Deshalb fühle ich mich daran nicht gebunden. Es ist dir doch auch wichtig, dass keiner den anderen bei Entscheidungen übergeht.“

Wenn Ihr Partner gerade emotional bewegt ist, wird er Ihnen natürlich nicht unbedingt sofort zustimmen. Aber er/sie wird sich durch Ihre Grenze nicht missachtet oder abgelehnt fühlen.

„Wenn …, dann …“

Wenn nichts anderes hilft, dann bleibt eine letzte Möglichkeit. Sie können Konsequenzen einsetzen und begründen. Diese Maßnahme ist heikel und ihr Einsatz erfordert Fingerspitzengefühl. Denn Konsequenzen gehören normalerweise in den Bereich der Kindererziehung. Unter Erwachsenen sind sie eine Notlösung, ein letztes Mittel. Aber natürlich müssen wir auch als Erwachsene mit Konsequenzen leben, wenn wir zum Beispiel unsere Arbeit nicht ernst nehmen, zu schnell fahren, Freundschaften vernachlässigen oder ungesund leben. Wir akzeptieren, dass unser Handeln Konsequenzen hat.

Liebevoll sind Konsequenzen dann, wenn sie nicht der Durchsetzung, sondern nur Ihrem Schutz dienen. Manchmal schützen Konsequenzen auch beide Partner, weil sie auf etwas reagieren, was der Liebe nicht guttut. Sie lassen stets eine Tür zu einem besseren Miteinander offen. Folgende Konsequenzen werden in aller Regel akzeptiert.

  • „Es ist völlig okay, dass du wütend bist. Aber der Vorwurf, dass ich dich nicht liebe, ist mir zu heftig. So möchte ich nicht mit dir streiten. Kannst du dich ein wenig beruhigen? Wenn nicht, gehe ich jetzt und wir können die Sache später austragen.“
  • „Ich bin nicht einverstanden, dass du persönliche Dinge von mir erzählst, ohne mich zu fragen. Wenn du das nicht respektierst, dann erzähle ich vorerst nur noch Dinge, die ich auch bei Facebook posten würde.“

Auch wenn diese Konfrontationen entschlossen klingen, spürt der andere, dass sie fair sind. Denn Ihr Gegenüber behält die Kontrolle über die Situation. Es muss nur den Stachel ein wenig zurückziehen und schon kann das Gespräch weitergehen. Dadurch erübrigt sich auch die Konsequenz. Vielleicht finden Sie es gar nicht so einfach, auf gute Weise Grenzen zu setzen. Denn dazu muss man geistesgegenwärtig und auch ein wenig schlagfertig sein. Daher wird Ihnen sicher nicht immer eine Möglichkeit einfallen, wie Sie eine Grenze behaupten können. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Denn in einer Liebesbeziehung wiederholen sich Situationen ja häufig. Für das nächste Mal kann man sich dann Sätze zurechtlegen, die einem Gespräch oder einer Begegnung eine andere, bessere Richtung geben.

Wenn Sie die positiven Seiten von Konflikten schätzen lernen und liebevoll Grenzen setzen, dann befrieden Sie Ihre Paarbeziehung auch in hitzigen Momenten. Das wird Ihnen vielleicht noch leichter gelingen, wenn Sie sich auf einen spirituellen Weg begeben.

Aus den Quellen des Glaubens schöpfen

Jedes Thema der Liebe hat auch eine spirituelle Seite. Sie wird sichtbar, wenn wir das, was ein Paar miteinander austrägt, zu Gott hin öffnen. In der christlichen Tradition fügen sich Grenzüberschreitungen in folgenden existenziellen Rahmen ein.

Der Einzige, der ein Recht hat, über einen Menschen zu bestimmen, ist Gott als Schöpfer des Menschen. Er teilt dem Menschen seine Freiheit zu und setzt zugleich die Grenzen seiner Freiheit. Er nimmt Menschen in Verantwortung und weist ihnen ihre persönliche Bestimmung zu. Nach biblischer Auffassung liegt Gottes Recht dazu nicht allein in seiner Schöpfermacht, sondern vor allem darin, dass Gott das einzige Wesen im Universum ist, das wirklich selbstlos lieben kann. Nur bei Gott selbst ist sicher, dass seine Herrschaft über Menschen nicht missbräuchlich oder ausbeutend ist.

Umgekehrt folgt daraus auch: Kein Mensch hat das Recht über einen anderen zu bestimmen und ihm seine Freiheit zu rauben. (Wo Menschen das im Rahmen der Erziehung, als Vorgesetzte oder Politiker tun, dürften sie es eigentlich nur, soweit es anderen dient.) Jesus entfaltet den Glauben als einen Weg der Freiheit. Allein die Liebe zu Gott und zum Nächsten setzen dieser Freiheit Grenzen. Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, dann lädt Sie der Glaube zu einem Vertrauen ein. Zugleich entdeckt Ihr Partner einen höheren Grund, die eigene Freiheit zu wahren.

Grenzen annehmen und Gott vertrauen

Wenn Sie Freiheit als ein Geschenk Gottes an Ihren Partner akzeptieren, bleiben Sie an den Grenzen stehen, die die Freiheit Ihres Partners setzt. Manchmal müssen Sie dafür vorübergehend Wünsche loslassen oder einen Mangel aushalten. Dabei können Sie auch spirituelle Mittel
einsetzen. Eine sehr alte Glaubenserfahrung könnte Sie hier auf einen guten Weg führen. Sie drückt sich im Alten Testament aus: In Psalm 23 betet der israelische König David, dessen Leben etwa auf das Jahr 1.000 v. Chr. datiert wird:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

David beschreibt eine umfassende Fürsorge, die Körper und Seele einschließt, aber auch den Geist, also den Teil in uns, der sich auf Gott beziehen kann. Manche Menschen erleben in Momenten des Mangels tatsächlich eine unbegreifliche Geborgenheit und Freude, nachdem sie sich an Gott gewandt haben. Andere entdecken in dem, wie ihr weiterer Tag verläuft, Zeichen von Gottes Freundlichkeit und Versorgung. Vielleicht versuchen Sie das auch einmal: Vertrauen Sie sich der Fürsorge Gottes an, wenn in Ihrer Beziehung einmal etwas Wichtiges fehlt. Beten Sie den Psalm und beobachten Sie in den nächsten Stunden, was geschieht. Die Erfahrung, dass Gott in Momenten des Mangels da ist und hilft, macht Sie in der Liebe gelassen. Grenzüberschreitungen werden Ihnen dann ganz unpassend vorkommen.

Aber auch Situationen der Überverantwortlichkeit können zum Anlass spiritueller Erfahrungen werden. Hier hat Jesus eine berühmte Einladung ausgesprochen:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28-30).

In unserer heutigen Sprache könnte man vielleicht sagen: „Bürde dir nicht zu viel auf. Ich treibe dich nicht an und setze dich nicht unter Druck. Übernimm nur, was ich dir auferlege, das kannst du tragen. Den Rest lass liegen und lass los. Das wird ich entspannen.“ Auch diese Sätze können Sie einmal betend nachvollziehen, wenn Sie das nächste Mal unter Druck kommen. Vielleicht hilft Ihnen Ihr Glaube auch, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und so die Last der Verantwortung zu erleichtern. Sie geraten seltener unter Druck und lassen sich dann sicher auch seltener zu Grenzüberschreitungen hinreißen.

So führt die Grenzüberschreitung zum existenziellen Thema von Mangel und Überverantwortlichkeit und die wiederum auf einen Weg des Glaubens.

  • Karina und Paul sind diesen Weg gegangen. Ihre Tochter war noch in der Grundschule, als Karina bereits den Bruch gespürt hat. Auf vieles, was Karina sagte oder tat, reagierte ihre Tochter mit Rückzug, Abwehr oder sogar Ablehnung. Das hat Karina in ihren Muttergefühlen verletzt und es war ihr kaum möglich, die Ablehnung zu ertragen. Karina hat natürlich vieles versucht, um wieder einen Zugang zu ihrer Tochter zu finden. Aber je mehr sich Karina bemühte, desto schlimmer schien es zu werden. Das hat sich auch auf die Ehe ausgewirkt. Karina hat sich von Paul im Stich gelassen gefühlt und ihren Mann damit stark konfrontiert. Sie hat von ihm gefordert, er solle mehr hinter ihr stehen und dies auch der Tochter zeigen.
    Irgendwann hat Karina sich mit ihrem Schmerz in ihre Gottesbeziehung fallen lassen. Die Verantwortung, der sie in ihrer Familie nicht gerecht geworden ist, hat sie einfach losgelassen. Sie hat Momente von tiefem Trost erfahren, auch wenn sich an der Familiensituation zunächst nichts verändert hat. Sie versuchte, in den alltäglichen Begegnungen mit ihrer Tochter zurückhaltend, aber doch freundlich, wertschätzend und fürsorglich zu sein. Irgendwann spürte sie Anzeichen eines Neubeginns. Ihre Tochter konnte sich mehr öffnen und reagierte auf die Erziehung nicht mehr so abwehrend. Heute kann sich Karina weder erklären, wie es zu dem Bruch kam, noch was diesen wieder überbrückt hat. Sie nahm es einfach als Geschenk.

Freiheit durch Gehorsam

Wenn Ihr Partner gelegentlich Grenzen überschreitet, dann sieht Ihr spiritueller Weg etwas anders aus, auch wenn er von der gleichen Frage ausgeht, nämlich der Ihrer Freiheit. Natürlich kann man seine Freiheit verteidigen, einfach weil man ein Recht auf sie hat. Doch das haben wir in diesem Artikel trotzdem vermieden. Denn es klingt schnell nach einer kleinlichen Selbstbezogenheit, die sich selbst wichtiger nimmt als die Liebe. Stattdessen haben wir uns darauf berufen, dass die Liebe nur gedeihen kann, wenn keiner seine Freiheit verliert.

Aus einer spirituellen Perspektive gibt es einen weiteren Grund, die eigene Freiheit zu schützen. Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört es nämlich auch, sich in einem Akt freiwilliger Liebe der guten Herrschaft Gottes unterzuordnen. „Die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen“, das ist die Kernbotschaft Jesu, wie sie in den vier Evangelien überliefert ist. Seine Lehre widmet sich hauptsächlich der Frage, wie Gottes Herrschaft aussieht: dass sie unsere religiösen Vorstellungen auf den Kopf stellt und warum sie ganz anders ist als das, was wir als menschliche Herrschaft erfahren. Wie sich Glaubende in diese Herrschaft einfügen, dazu leitet jede Konfession etwas anders an und stützt diesen Vorgang mit unterschiedlichen Ritualen. Auf verschiedenen Wegen machen Glaubende aber den Willen Gottes für sich verbindlich, wie er sich ihnen in der biblischen Überlieferung offenbart. Glaubende bitten darüber hinaus, dass Gott seine guten Absichten für ihr Leben auch ganz individuell zeigt, und üben sich im Gehorsam demgegenüber, was ihnen als Gottes Wille erscheint.

Wer die Erfahrung menschlicher Herrschaft auf Gott überträgt, für den wäre es ein abstoßender Gedanke, die eigene Freiheit in einem Willen Gottes aufgehen zu lassen. Weil Gottes Wille aber ein Ausdruck seiner selbstlosen Liebe ist, entfaltet Gehorsam die menschliche Persönlichkeit, statt sie einzuengen. Wer sich in Gottes Willen fügt, vergrößert die Freiheit, was die wesentlichen Dinge des Lebens angeht: die Freiheit, Liebe zu geben und zu empfangen, die Freiheit, glücklich zu machen und glücklich zu sein, die Freiheit, schöpferisch tätig zu sein und auch das schöpferische Potenzial anderer Menschen freizusetzen. Glaubende erfahren also ein Paradox: Die Bindung an Gott vergrößert ihre Freiheit. Das wirkt sich auch auf eine Paarbeziehung aus. Lassen Sie uns an einigen Beispiele betrachten, wie das praktisch wird.

  • Leonhard hat als introvertierter Mensch seine kontemplative Gabe entdeckt. Wenn er sich für einige Tage in ein Kloster zurückzieht, einen Tag allein in der Natur verbringt oder abends ein gehaltvolles Buch liest, fühlt er sich Gott sehr nahe. Sein Inneres wird wie von einer guten Kraft geordnet, danach fühlt er sich gelassener, fröhlicher, liebevoller und kann sich ganz neu auf Beziehungen einlassen. Marga dagegen, ein Beziehungsmensch und gelegentlich grenzüberschreitend, plant gerne. Sie würde Leonhard von seinen Rückzugsräumen abschneiden und seinen inneren Raum mit einem Übermaß an Erlebnissen füllen. Ganz ohne Kampf konnte Leonhard seine stillen Stunden nicht verteidigen. Aber je mehr er Marga von seinen kontemplativen Erfahrungen anvertraute und je mehr sie die positiven Auswirkungen erlebte, desto leichter konnte sie Leonhards Grenzen annehmen, wenn er sich einmal zurückziehen muss.
  • Sven hat ein Gespür für Qualität. Oder ist er bereits perfektionistisch? Jedenfalls spannt er Anke gewohnheitsmäßig ein, wenn er das Haus umbaut, eine Party organisiert oder den Garten neu anlegt. Anke kann durchaus genießen, was Sven alles auf die Beine stellt, aber manchmal fühlt sie sich in ihrem durchgestylten Leben nicht mehr richtig zu Hause. Ihre Gegenwehr ist immer zaghaft ausgefallen, denn Sven trägt seine Pläne einfach überzeugend vor. Das hat sich geändert, seit sie ihr Herz für die Obdachlosenarbeit ihrer Kirchengemeinde entdeckt hat. Anke findet einen Zugang zu den Männern, die sich ihr gegenüber respektvoll verhalten. Sie gibt es nicht vielen Menschen preis, doch sie fühlt sich dann wie ein „Werkzeug der Liebe Gottes“, wie es in dem Friedensgebet heißt, das Franz von Assisi zugeschrieben wird. Sven hat zunächst getobt, als Anke auch in einer Bauphase an ihrem Ehrenamt festgehalten hat. Inzwischen hat er ein anderes Maß gefunden und plant Anke nicht mehr so stark ein. Er hat sogar Respekt für Ankes Einsatz: „Ich könnte das nicht.“

Auf einem spirituellen Weg nähern sich beide von unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Thema Freiheit. Einer bleibt aus Gottesfurcht an der Grenze stehen, die nicht nur die zwischenmenschliche Fairness setzt, sondern für die auch Gott selbst einsteht. Wo die menschliche Überreaktion ausbleibt, öffnet sich ein Raum für neue Erfahrungen mit Gott, die von Mangel und Überverantwortlichkeit entlasten. Die andere Seite findet in der Hingabe an Gottes Willen einen höheren Grund, die eigene Freiheit vor Vereinnahmung zu schützen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Stacheln in der Partnerschaft – Wie Sie Ihre Liebe vor Verletzungen schützen“ von Jörg Berger. Er ist Psychotherapeut in Heidelberg. Persönlich sowie mit Büchern und Videokursen begleitet er Paare.

Party statt Schule

„Meine Tochter (17) will nur noch Party machen. Sie hält sich an keine Absprachen, kommt und geht, wann sie will. Schule ist ihr egal. Was kann ich tun?“

 

Zunächst einmal ein kleiner Trost: Es ist nichts Neues, dass Jugendliche auf Regeln pfeifen und nicht auf ihre Eltern hören: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dieser Satz wird dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben, der von 470 – 399 v. Chr. lebte. Schon er hatte mit dem provokanten Verhalten der Jugend zu kämpfen.

SOUVERÄN BLEIBEN
Wenn Jugendliche sich über Grenzen hinwegsetzen, ist es wichtig, dass die Eltern souverän bleiben und sich nicht provozieren lassen. Natürlich ist es schwer, einfach zu Hause abzuwarten, ob das Kind tatsächlich wieder pünktlich und heil von der Party zurückkommt. Dieses Loslassen ist für alle Eltern ein Lernprozess. Je schwerer er uns fällt, umso mehr rebelliert unser Kind und hält die vorgegebenen Zeiten erst recht nicht ein. Deshalb ist es wichtig, eine eigene Souveränität zu erlangen. Gebet ist dabei eine wesentliche Hilfe. Trotzdem müssen sich die Kinder natürlich daran halten, zu den vereinbarten Zeiten wieder zu Hause zu sein.

GESETZLICHE AUSGEHREGELN
Der deutsche Gesetzgeber hilft hier, denn er gibt sehr genau vor, wie lange Heranwachsende in welchem Alter wegbleiben dürfen (in der Schweiz gibt es leider keine einheitliche Regelung). 16- bis 18-jährige dürfen bis 24 Uhr in einer Disco oder Gaststätte bleiben. Reden Sie mit Ihrer 17-Jährigen und sagen Sie ihr, dass Sie sich Sorgen machen, wenn sie sich nicht an Absprachen hält. Weisen Sie Ihr Kind unaufgeregt und sachlich auf die Konsequenzen hin, die dieses Verhalten nach sich zieht. Sollte sie sich nicht an die Regeln halten, wird der Ausgang ganz gestrichen, oder Sie überlegen sich eine andere Konsequenz.

PARTYS STATT REGELN
Wenn Ihrer Tochter die Schule egal ist, gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Finden Sie heraus, ob der Grund für die schlechten Noten im fehlenden Interesse für die Schule oder in einer zunehmenden Überforderung liegt. Im ersten Fall hat es Sinn, die Prioritäten – eventuell mit Hilfe von Lehrergesprächen – wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Im zweiten Fall sollten Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter nach Alternativen Ausschau halten, wie eine andere Schulart oder eine Ausbildung. Manchmal hilft es auch, einfach die Klasse zu wiederholen. Überforderung kann durchaus ein Grund dafür sein, dass Ihr Kind mehr Sinn daran sieht, Partys zu machen, als sich um die Schule zu kümmern. Wenn Ihre Tochter Sie nicht mehr in ihr Leben hineinlässt, dann müssen Sie das akzeptieren. Sie wird erwachsen und will sich abgrenzen. Sie müssen es allerdings nicht akzeptieren, wenn Ihre Tochter Ihre Regeln nicht mehr einhält. Machen Sie Ihr klar, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen darf, dass sie sich aber trotzdem an die Regeln zu halten hat, die Sie ihr vorgeben.

 

Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.

Oktopus-Sehnsucht

Ingrid Jope hätte manchmal gern zehn Arme.

Mamaaaa!“ – Unüberhörbar dringt der Ruf aus der Richtung des stillen Örtchens an mein Ohr. Unser Dreijähriger hat sein großes Geschäft fabriziert. Während ich abwische, fordert er mich (als späte Nachwirkung des Ohne-Windel-Trainings) auf: „Du kannst sagen: Ich bin stolz auf dich!“ Ich muss schmunzeln, und anerkennende Worte kommen ganz von selbst über meine Lippen. Die Drittklässlerin hat eine Frage bei den Mathehausaufgaben. Noch bevor ich die Antwort geben kann, klingelt das Telefon. Der Handwerker schafft es nicht rechtzeitig und fragt, ob er zwei Stunden später kommen kann. Zu diesem Zeitpunkt bin ich allerdings mit den Kindern beim Zahnarzt vorgemerkt. Das Essen auf dem Herd riecht verdächtig angebrannt. Es klingelt an der Haustür. Eine Nachbarin bringt das Paket, das sie heute Vormittag für uns angenommen hat. Aus dem Kinderzimmer höre ich frustriertes Heulen. Das fast fertiggestellte Bügelperlen-Herz ist auf den Boden gefallen. Die Perlen sind auf dem ganzen Fußboden verteilt. Manchmal wünsche ich mir, Gott hätte sich Mütter mit zehn Armen und zehn Händen ausgedacht. Die fehlenden acht könnten doch während der Schwangerschaft dazuwachsen. Mit dieser Oktopus-Ausstattung könnte man gleichzeitig im Suppentopf rühren, mit der Arztpraxis telefonieren, bei den Hausaufgaben assistieren, den umgekippten Saft aufwischen und Bügelperlen aufsammeln. Oder wahlweise das Baby trösten, mit dem Kindergartenkind puzzeln und nebenbei noch ein berufliches Meeting per Telefonkonferenz bewältigen und die Einträge im Kalender machen. Ja, warum eigentlich nicht? Er muss sich etwas dabei gedacht haben. Darin, dass Gott uns keine zehn Hände zugedacht hat, steckt die Botschaft: Er wollte keine Multitasking-fähige, ständig beschäftigte Alleskönner-Super-Mutti. Er schenkt uns Zeit und Kraft und Liebe – aber eben nur für 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche. Er schenkt uns so viel Kraft und Nerven, wie man mit zwei Händen und einem Herzen aufbringen kann. Wir dürfen Grenzen haben. Wenn wir alles könnten, was wir wollten und was andere in Form von Bedürfnissen und Wünschen an uns herantragen – Hand aufs Herz –, dann würden wir noch mehr hetzen und uns noch mehr in den Tag packen. In unserer Begrenzung liegt die Chance, dass wir lernen, gute Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen, dass wir den Wald der Erwartungen ausforsten und im Stehenlassen von Lücken barmherzig werden mit uns selbst und anderen. Nebenbei buchstabieren unsere Kinder, was es heißt, zu warten, Verständnis zu haben, nicht alle Wünsche erfüllt zu bekommen – auch wenn das manchmal ein mühsamer Weg ist. Und daran, dass ihre Eltern keine Alles- gleichzeitig-super-Könner sind, lernen sie, gut mit ihren eigenen Gaben und Grenzen zu leben. Alles in allem bin ich doch froh, dass ich keine Oktopus- Mutter sein muss.

Ingrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/Ruhr. Weitere Mutmach-Texte für Mütter sind in ihrem neuen Buch zu finden: „Mit dem Papst nach Bullerbü. Von Mamastress und Maxiglück“ (Brunnen)

Die Wut der Kinder aushalten

Wie schafft man es, Kindern bedingungslose Liebe zu vermitteln und gleichzeitig klare Grenzen zu setzen? Anregungen von Stefanie Diekmann

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Nicht nur auf die Grenzen blicken!

Grenzen bestimmen unser Leben. Georgia Mix plädiert dafür, nicht immer nur auf die Grenzen zu sehen, sondern das „Lebensland“ innerhalb der Grenzen zu kultivieren.

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