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Facharzt: „Psychische Belastungen bei Jugendlichen sind durch die Lockdowns gestiegen“

Vor allem Depressionen und Angststörungen treten bei Jugendlichen durch die Corona-Pandemie verstärkt auf. Von einer „verlorenen Generation“ will Professor Paul Plener im Interview aber nicht sprechen.

Was sind die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Die Liste wird angeführt von den Angststörungen in verschiedenen Formen. Gerade im Jugendalter nehmen soziale Ängste deutlich zu, was damit zu tun hat, dass das Orientieren im Raum der gleichaltrigen sozialen Kontakte eine hohe Wertigkeit hat. Außerdem sind es im Jugendalter auch affektive Erkrankungen, Depressionen zum Beispiel. Wir sehen auch vermehrt Erkrankungen mit Substanzkonsum. Prinzipiell ist das Jugendalter aufgrund der vielen Umbauvorgänge im Gehirn eine Altersperiode, in der sich viele psychische Erkrankungen zum ersten Mal manifestieren.

Was sind Ursachen für diese Erkrankungen?

Es gibt relativ unspezifische Risikofaktoren, von denen wir wissen, dass sie das Risiko von verschiedenen psychischen Erkrankungen beeinflussen, zum Beispiel der sozioökonomische Status, also das Aufwachsen unter finanziell schwächeren Bedingungen. Auch Misshandlungs-, Missbrauchs- und Vernachlässigungserlebnisse erhöhen bei vielen psychischen Krankheiten das Risiko. Es gibt auch einen Einfluss genetischer Faktoren. Der ist, je nach Krankheit, geringer oder deutlicher ausgeprägt. Und natürlich ist nicht zu leugnen, dass es viele Erkrankungen gibt, bei denen es einen starken soziokulturellen Einfluss gibt, etwa bei den Essstörungen, wo das zwar nicht als alleinige Ursache zu nehmen ist, er aber trotzdem auch immer mitprägt.

Wer ist schuld?

Die meisten Eltern fühlen sich schuldig, wenn ihr Kind an einer psychischen Erkrankung leidet. Zu Recht?

Wenn man als Familie betroffen ist, hat man ja oft das Gefühl, es trifft nur einen selbst. Und das ist oft begleitet von dem Stigma, dass es gegenüber psychischen Krankheiten gibt, dass man da als Eltern etwas falsch gemacht hätte. Es gibt natürlich Erkrankungen, bei denen Eltern die Verantwortung übernehmen müssen. Wenn es zum Beispiel zu einem Rosenkrieg in Folge einer Trennung gekommen ist, bei dem die Kinder massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, oder bei Vernachlässigungs- oder Misshandlungserlebnissen. Da können sich die Eltern nicht aus der Verantwortung nehmen, sondern nur versuchen, sich anders zu verhalten. Aber gerade bei genetischen Ursachen oder bei Erkrankungen, die damit zu tun haben, was im Gleichaltrigen-Umfeld passiert, zum Beispiel Mobbing –was ein massiver Risikofaktor für psychische Erkrankungen ist –, haben Eltern in der Ursache erst einmal wenig damit zu tun.

Eltern von Jugendlichen haben oft das Problem, dass sie sich, anders als bei jüngeren Kindern, nicht so gut mit anderen Eltern über die psychische Erkrankung ihres Kindes austauschen können, weil die Jugendlichen das nicht wollen. Wie können Eltern damit umgehen?

Ich denke, dass sich generell Eltern nur mit anderen Eltern austauschen sollten, wenn das mit den Kindern oder Jugendlichen abgesprochen ist. Es wäre angebracht, dass man das vor den Jugendlichen transparent macht und auch die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit thematisiert. Oder die eigene Belastung, die sich ergibt. Eltern können sagen: „Ich habe damit ein Problem und es ist mir wichtig, einen Austausch darüber zu haben.“ Ich finde es auch legitim, wenn die Jugendlichen nicht wollen, dass ihre Eltern im Familienkreis beispielsweise über ihre Essstörung sprechen. Aber es gibt ja auch professionelle Hilfe, an die man sich wenden kann, Familienberatungsstellen und ähnliches. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, die Jugendliche akzeptieren können, weil es da eine Schweigepflicht gibt. Wichtig ist, die eigene Betroffenheit zu thematisieren und zu sagen, dass man selbst ratsuchend ist.

Wann sollte ich mir Hilfe von außen holen?

Wann sollten Eltern für ihren Jugendlichen professionelle Hilfe holen bzw. ihr erwachsenes Kind dazu motivieren?

Ich glaube, dass zunächst einmal viele Familien eigene Lösungen suchen. Und das ist auch prinzipiell gut so, dass man überlegt: Was kann ich aus dem eigenen System für Ressourcen aktivieren? Das müssen ja nicht nur die Eltern sein, das können auch Tanten, Onkel, Großeltern sein, die vielleicht gerade in einer Entwicklungsphase, in der Jugendliche mehr Konflikte mit den Eltern haben, einen besseren Zugang haben. Aber wenn man sieht, dass diese familiären Ressourcen erschöpft sind oder dass die Situation, die der Jugendliche hat, zur Belastung für die Familie wird, dann ist auch der Punkt gekommen, wo ich aus meiner Sicht sage: Da braucht es Hilfe von außen. Natürlich auch, wenn es ganz akut ist, wenn Gedanken geäußert werden, nicht mehr leben zu wollen. Da braucht es sofort eine Abklärung von außen.

Welche Auswirkungen haben die Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Es gibt mittlerweile eine relativ gute Datenlage – weltweit, aber auch aus den deutschsprachigen Ländern. Vor allem bei diesen längeren Lockdown-Bedingungen, die wir gegen Ende des letzten, Anfang diesen Jahres hatten und noch haben, sehen wir, dass es zu einer deutlichen Belastung der Jugendlichen kommt. Studien zeigen, dass die Rate der psychischen Belastungen gestiegen ist. Wir haben eine Studie unter mehreren tausend österreichischen Jugendlichen gemacht, in der wir zeigen konnten, dass mehr als die Hälfte der Befragten über mittelgradige bis schwergradige depressive Symptome berichten und etwa die Hälfte über Angststörungen. Das ist eine Auswirkung, die wir weltweit sehen. Und da ist die Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen auch weltweit diejenige, die am stärksten belastet zu sein scheint.

Manche sprechen schon von einer „verlorenen“ Generation.

Das ist ein Begriff, den ich für unzulässig halte. Der kommt ein bisschen aus dieser Idee heraus: „Die haben ja alle nur zu Hause herumgesessen, und es ist nichts passiert.“ Das vermag ich so nicht zu sehen. Denn auch wenn bei den klassischen Lerninhalten weniger passiert ist, so ist doch im Lernen einiges weitergegangen. Viele Jugendliche haben fundamentale Lernerfahrungen gemacht, was digitales Lernen angeht, aber auch, was das Thema Selbstorganisation und Strukturierung angeht. Diese Themen stehen zwar nicht im Lehrplan, aber trotzdem gab es in diesem Jahr einen immensen Lernzuwachs auf vielen anderen Ebenen.

Wie kann ich Angsstörung und Depression erkennen?

Sie haben gerade gesagt, dass vor allem Depressionen und Angststörungen im Lockdown häufiger zu beobachten sind. Wie können Eltern denn erkennen, dass das ein ernstzunehmendes Problem ist?

Es geht immer um das Erkennen von Veränderungen. Das Kernkriterium der Angststörung ist, dass – oft mit großer Anstrengung – Situationen vermieden werden, vor denen die Betroffenen Angst haben, auch wenn man davor eigentlich keine Angst haben muss. Das klassische Beispiel ist die Spinnenphobie: Die Spinne wird einen nicht töten. Trotzdem verlassen Menschen beim Anblick einer Spinne panisch den Raum, wenn sie eine Spinnenphobie haben. Es wird ein Verhalten vermieden oder es kommt zu einem irrationalen Verhalten, weil wir eine Stresskaskade lostreten, die unserem Körper innewohnt. Eigentlich ist diese Reaktion für Situationen gedacht, die tatsächlich bedrohlich sind. Aber hier werden Situationen, die objektiv nicht bedrohlich sind, vom Körper und von der Psyche als bedrohlich wahrgenommen.

Bei der Depression nehmen die meisten Eltern zuerst einen sozialen Rückzug wahr. Das ist im Lockdown natürlich schwer zu erkennen, weil das Nach-draußen-Gehen ohnehin sehr stark limitiert ist. Man kann auch wahrnehmen, dass betroffene Jugendliche sich von der Familie zurückziehen, was aber natürlich auch ein tendenziell typisches Jugendverhalten ist. Aber wenn es wieder Möglichkeiten gibt, sich mit anderen zu treffen oder in die Schule zu gehen oder andere Aktivitäten auszuüben, werden diese von betroffenen Jugendlichen nicht mehr wahrgenommen. Das andere Anzeichen, das viele schildern, die an einer Depression leiden, ist ein Antriebs- oder Energieverlust. Sie schaffen es morgens nicht mehr aus dem Bett und schaffen es auch gar nicht mehr, am Distanzlernen teilzunehmen. Viele beklagen eine Konzentrationsproblematik oder Schlafstörungen. Und was wir vielfach erlebt haben im Rahmen der Corona-Pandemie, war eine komplette Entgleisung des Tag-Nacht-Rhythmus.

Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Was können Eltern denn tun, wenn sie denken, dass ihr Jugendlicher betroffen ist?

Zuerst sollte man sagen, was man selbst wahrnimmt und das als Ich-Botschaft formulieren. Das gibt dem Jugendlichen die Möglichkeit, zu sagen: „Das ist deine Perspektive, meine schaut anders aus.“ Natürlich wäre es vermessen zu glauben, dass man als Elternteil damit immer weit kommt bei Jugendlichen. Weil sie ja in einer Entwicklungsphase sind, wo die Gleichaltrigen eine höhere Wertigkeit im Austausch haben, gerade, wenn es um Probleme geht. Wenn der Jugendliche das Gespräch blockiert, kann man überlegen, wen es im familiären System gibt, der vielleicht besser geeignet ist, ein solches Gespräch zu führen. Wer wird von dem Jugendlichen eher als Gesprächspartner angenommen? Wenn auch da nichts weitergeht, kann man sagen: „Ich habe große Sorgen, ich weiß nicht weiter. Können wir uns bitte an jemanden wenden, der Profi ist? Und wenn der sagt, es ist alles in Ordnung, dann nehme ich das zur Kenntnis und dann ist es für mich auch gut. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl und hätte gern, dass wir gemeinsam zu jemandem gehen, der sich das anschaut.“

Sie betonen in Ihrem Buch „Sie brauchen uns jetzt“, dass es wichtig ist, dass Eltern sich ihrer eigenen Werte und Gefühle bewusst sind. Warum?

Wir leben in sehr herausfordernden Zeiten. In Zeiten, die eine extreme Flexibilität und Anpassung von uns fordern. Und es fällt generell Menschen leichter, sich anzupassen, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, was ihnen wichtig ist. Wenn es darauf ankommt, mich verändern zu müssen und Entscheidungen zu treffen, geht es immer auch um Priorisierungen. Ich muss abwägen: Kann ich auf das eine verzichten oder auf das andere? Und da tun sich Leute wesentlich leichter, die folgende Fragen beantworten können: Was hat in meinem Leben eine zentrale Bedeutung? Was muss ich unbedingt aufrechterhalten, damit ich mein Leben führen kann? Wo stecke ich Anstrengungen rein, um das aufrechtzuerhalten? Und wo ist es auch okay, wenn Dinge gerade nicht sein können? Das fällt natürlich Leuten leichter, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, wo ihre Prioritäten liegen.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Prof. Dr. Paul Plener studierte Medizin und absolvierte eine Facharztausbildung für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie in Ulm. 2018 übernahm er nach leitenden Funktionen in Deutschland die Professur für Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Leitung der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien/Universitätsklinikum AKH. Er ist neben vielen weiteren Funktionen Mitglied des während der Corona-Krise eingerichteten psychosozialen Krisenstabs der Stadt Wien.

Das Interview führte FamilyNEXT-Redakteurin Bettina Wendland.

„Psychische Belastungen sind durch die Lockdowns gestiegen“

Vor allem Depressionen und Angststörungen treten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie verstärkt auf. Von einer „verlorenen Generation“ will Prof. Dr. Paul Plener aber nicht sprechen. Im FamilyNEXT-Interview erklärt er, welche psychischen Erkrankungen allgemein im Jugendalter häufig vorkommen und wie Eltern damit umgehen können.

Was sind die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Die Liste wird angeführt von den Angststörungen in verschiedenen Formen. Gerade im Jugendalter nehmen soziale Ängste deutlich zu, was damit zu tun hat, dass das Orientieren im Raum der gleichaltrigen sozialen Kontakte eine hohe Wertigkeit hat. Außerdem sind es im Jugendalter auch affektive Erkrankungen, Depressionen zum Beispiel. Wir sehen auch vermehrt Erkrankungen mit Sub-stanzkonsum. Prinzipiell ist das Jugendalter aufgrund der vielen Umbauvorgänge im Gehirn eine Altersperiode, in der sich viele psychische Erkrankungen zum ersten Mal manifestieren.

Was sind Ursachen für diese Erkrankungen?

Es gibt relativ unspezifische Risikofaktoren, von denen wir wissen, dass sie das Risiko von verschiedenen psychischen Erkrankungen beeinflussen, zum Beispiel der sozioökonomische Status, also das Aufwachsen unter finanziell schwächeren Bedingungen. Auch Misshandlungs-, Missbrauchs- und Vernachlässigungserlebnisse erhöhen bei vielen psychischen Krankheiten das Risiko. Es gibt auch einen Einfluss genetischer Faktoren. Der ist, je nach Krankheit, geringer oder deutlicher ausgeprägt. Und natürlich ist nicht zu leugnen, dass es viele Erkrankungen gibt, bei denen es einen starken soziokulturellen Einfluss gibt, etwa bei den Essstörungen, wo das zwar nicht als alleinige Ursache zu nehmen ist, er aber trotzdem auch immer mitprägt.

Die meisten Eltern fühlen sich schuldig, wenn ihr Kind an einer psychischen Erkrankung leidet. Zu Recht?

Wenn man als Familie betroffen ist, hat man ja oft das Gefühl, es trifft nur einen selbst. Und das ist oft begleitet von dem Stigma, dass es gegenüber psychischen Krankheiten gibt, dass man da als Eltern etwas falsch gemacht hätte. Es gibt natürlich Erkrankungen, bei denen Eltern die Verantwortung übernehmen müssen. Wenn es zum Beispiel zu einem Rosenkrieg in Folge einer Trennung gekommen ist, bei dem die Kinder massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, oder bei Vernachlässigungs- oder Misshandlungserlebnissen. Da können sich die Eltern nicht aus der Verantwortung nehmen, sondern nur versuchen, sich anders zu verhalten. Aber gerade bei genetischen Ursachen oder bei Erkrankungen, die damit zu tun haben, was im Gleichaltrigen-Umfeld passiert, zum Beispiel Mobbing –was ein massiver Risikofaktor für psychische Erkrankungen ist –, haben Eltern in der Ursache erst einmal wenig damit zu tun.

Eltern von Jugendlichen haben oft das Problem, dass sie sich, anders als bei jüngeren Kindern, nicht so gut mit anderen Eltern über die psychische Erkrankung ihres Kindes austauschen können, weil die Jugendlichen das nicht wollen. Wie können Eltern damit umgehen?

Ich denke, dass sich generell Eltern nur mit anderen Eltern austauschen sollten, wenn das mit den Kindern oder Jugendlichen abgesprochen ist. Es wäre angebracht, dass man das vor den Jugendlichen transparent macht und auch die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit thematisiert. Oder die eigene Belastung, die sich ergibt. Eltern können sagen: „Ich habe damit ein Problem und es ist mir wichtig, einen Austausch darüber zu haben.“ Ich finde es auch legitim, wenn die Jugendlichen nicht wollen, dass ihre Eltern im Familienkreis beispielsweise über ihre Essstörung sprechen. Aber es gibt ja auch professionelle Hilfe, an die man sich wenden kann, Familienberatungsstellen und ähnliches. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, die Jugendliche akzeptieren können, weil es da eine Schweigepflicht gibt. Wichtig ist, die eigene Betroffenheit zu thematisieren und zu sagen, dass man selbst ratsuchend ist.

Wann sollten Eltern für ihren Jugendlichen professionelle Hilfe holen bzw. ihr erwachsenes Kind dazu motivieren?

Ich glaube, dass zunächst einmal viele Familien eigene Lösungen suchen. Und das ist auch prinzipiell gut so, dass man überlegt: Was kann ich aus dem eigenen System für Ressourcen aktivieren? Das müssen ja nicht nur die Eltern sein, das können auch Tanten, Onkel, Großeltern sein, die vielleicht gerade in einer Entwicklungsphase, in der Jugendliche mehr Konflikte mit den Eltern haben, einen besseren Zugang haben. Aber wenn man sieht, dass diese familiären Ressourcen erschöpft sind oder dass die Situation, die der Jugendliche hat, zur Belastung für die Familie wird, dann ist auch der Punkt gekommen, wo ich aus meiner Sicht sage: Da braucht es Hilfe von außen. Natürlich auch, wenn es ganz akut ist, wenn Gedanken geäußert werden, nicht mehr leben zu wollen. Da braucht es sofort eine Abklärung von außen.

Welche Auswirkungen haben die Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Es gibt mittlerweile eine relativ gute Datenlage – weltweit, aber auch aus den deutschsprachigen Ländern. Vor allem bei diesen längeren Lockdown-Bedingungen, die wir gegen Ende des letzten, Anfang diesen Jahres hatten und noch haben, sehen wir, dass es zu einer deutlichen Belastung der Jugendlichen kommt. Studien zeigen, dass die Rate der psychischen Belastungen gestiegen ist. Wir haben eine Studie unter mehreren tausend österreichischen Jugendlichen gemacht, in der wir zeigen konnten, dass mehr als die Hälfte der Befragten über mittelgradige bis schwergradige depressive Symptome berichten und etwa die Hälfte über Angststörungen. Das ist eine Auswirkung, die wir weltweit sehen. Und da ist die Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen auch weltweit diejenige, die am stärksten belastet zu sein scheint.

Manche sprechen schon von einer „verlorenen“ Generation.

Das ist ein Begriff, den ich für unzulässig halte. Der kommt ein bisschen aus dieser Idee heraus: „Die haben ja alle nur zu Hause herumgesessen, und es ist nichts passiert.“ Das vermag ich so nicht zu sehen. Denn auch wenn bei den klassischen Lerninhalten weniger passiert ist, so ist doch im Lernen einiges weitergegangen. Viele Jugendliche haben fundamentale Lernerfahrungen gemacht, was digitales Lernen angeht, aber auch, was das Thema Selbst- organisation und Strukturierung angeht. Diese Themen stehen zwar nicht im Lehrplan, aber trotzdem gab es in diesem Jahr einen immensen Lernzuwachs auf vielen anderen Ebenen.

Sie haben gerade gesagt, dass vor allem Depressionen und Angststörungen im Lockdown häufiger zu beobachten sind. Wie können Eltern denn erkennen, dass das ein ernstzunehmendes Problem ist?

Es geht immer um das Erkennen von Veränderungen. Das Kernkriterium der Angststörung ist, dass – oft mit großer Anstrengung – Situationen vermieden werden, vor denen die Betroffenen Angst haben, auch wenn man davor eigentlich keine Angst haben muss. Das klassische Beispiel ist die Spinnenphobie: Die Spinne wird einen nicht töten. Trotzdem verlassen Menschen beim Anblick einer Spinne panisch den Raum, wenn sie eine Spinnenphobie haben. Es wird ein Verhalten vermieden oder es kommt zu einem irrationalen Verhalten, weil wir eine Stresskaskade lostreten, die unserem Körper innewohnt. Eigentlich ist diese Reaktion für Situationen gedacht, die tatsächlich bedrohlich sind. Aber hier werden Situationen, die objektiv nicht bedrohlich sind, vom Körper und von der Psyche als bedrohlich wahrgenommen. Bei der Depression nehmen die meisten Eltern zuerst einen sozialen Rückzug wahr. Das ist im Lockdown natürlich schwer zu erkennen, weil das Nach-draußen-Gehen ohnehin sehr stark limitiert ist. Man kann auch wahrnehmen, dass betroffene Jugendliche sich von der Familie zurückziehen, was aber natürlich auch ein tendenziell typisches Jugendverhalten ist. Aber wenn es wieder Möglichkeiten gibt, sich mit anderen zu treffen oder in die Schule zu gehen oder andere Aktivitäten auszuüben, werden diese von betroffenen Jugendlichen nicht mehr wahrgenommen. Das andere Anzeichen, das viele schildern, die an einer Depression leiden, ist ein Antriebs- oder Energieverlust. Sie schaffen es morgens nicht mehr aus dem Bett und schaffen es auch gar nicht mehr, am Dis-tanzlernen teilzunehmen. Viele beklagen eine Konzentrationsproblematik oder Schlafstörungen. Und was wir vielfach erlebt haben im Rahmen der Corona-Pandemie, war eine komplette Entgleisung des Tag-Nacht-Rhythmus.

Was können Eltern denn tun, wenn sie denken, dass ihr Jugendlicher betroffen ist?

Zuerst sollte man sagen, was man selbst wahrnimmt und das als Ich-Botschaft formulieren. Das gibt dem Jugendlichen die Möglichkeit, zu sagen: „Das ist deine Perspektive, meine schaut anders aus.“ Natürlich wäre es vermessen zu glauben, dass man als Elternteil damit immer weit kommt bei Jugendlichen. Weil sie ja in einer Entwicklungsphase sind, wo die Gleichaltrigen eine höhere Wertigkeit im Austausch haben, gerade, wenn es um Probleme geht. Wenn der Jugendliche das Gespräch blockiert, kann man überlegen, wen es im familiären System gibt, der vielleicht besser geeignet ist, ein solches Gespräch zu führen. Wer wird von dem Jugendlichen eher als Gesprächspartner angenommen? Wenn auch da nichts weitergeht, kann man sagen: „Ich habe große Sorgen, ich weiß nicht weiter. Können wir uns bitte an jemanden wenden, der Profi ist? Und wenn der sagt, es ist alles in Ordnung, dann nehme ich das zur Kenntnis und dann ist es für mich auch gut. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl und hätte gern, dass wir gemeinsam zu jemandem gehen, der sich das anschaut.“

Sie betonen in Ihrem Buch „Sie brauchen uns jetzt“, dass es wichtig ist, dass Eltern sich ihrer eigenen Werte und Gefühle bewusst sind. Warum?

Wir leben in sehr herausfordernden Zeiten. In Zeiten, die eine extreme Flexibilität und Anpassung von uns fordern. Und es fällt generell Menschen leichter, sich anzupassen, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, was ihnen wichtig ist. Wenn es darauf ankommt, mich verändern zu müssen und Entscheidungen zu treffen, geht es immer auch um Priorisierungen. Ich muss abwägen: Kann ich auf das eine verzichten oder auf das andere? Und da tun sich Leute wesentlich leichter, die folgende Fragen beantworten können: Was hat in meinem Leben eine zentrale Bedeutung? Was muss ich unbedingt aufrechterhalten, damit ich mein Leben führen kann? Wo stecke ich Anstrengungen rein, um das aufrechtzuerhalten? Und wo ist es auch okay, wenn Dinge gerade nicht sein können? Das fällt natürlich Leuten leichter, die ein Gefühl dafür entwickelt haben, wo ihre Prioritäten liegen.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte FamilyNEXT-Redakteurin Bettina Wendland.

Geld von den Kindern erbitten?

„Jahrelang habe ich als alleinerziehende Mutter finanziell zu kämpfen gehabt. In der Corona-Krise sind für mich wichtige Einnahmequellen weggebrochen, meinen Kindern geht es finanziell gut. Ist es legitim, sich von ihnen unterstützen zu lassen?“

Auf den ersten Blick steckt in diesem Gedanken eine gewisse Logik. Nachdem Sie viel investiert haben, liegt es nahe, dass nun die Kinder Ihrerseits die unterstützende Rolle einnehmen können. Gerade wenn es Ihren Kindern finanziell gut geht, ist es durchaus denkbar, dass sie Ihnen nun unter die Arme greifen und Sie entlasten. Auf den zweiten Blick lauert hinter diesem Gedanken aber auch eine Gefahr.

Unsere Kinder schulden uns nichts

Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist, wie stabil und offen Ihr Verhältnis ist und welche Erwartungshaltung Sie mitbringen. Wenn Sie mit Ihren Kindern grundsätzlich in einem guten Kontakt sind und Ihre Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden, spricht nichts dagegen, Ihre Kinder um eine finanzielle Unterstützung zu bitten. Wenn aber der Anspruch im Raum steht: „Nachdem ich mich jahrelang aufgeopfert habe, bist nun endlich du dran“, wird es kompliziert. Denn dieser Umkehrschluss unterliegt einem gewissen Denkfehler – nämlich, dass unsere Kinder uns etwas für unsere Arbeit als Eltern zurückgeben müssen.

Grundlegend tragen Eltern die Verantwortung, für ihre Kinder zu sorgen, bis diese selbst auf eigenen Füßen stehen. Das ist ein Job, der für alleinerziehende Eltern doppelt anspruchsvoll ist, den sie aber trotzdem erfüllen müssen. Eltern sind dafür verantwortlich, dass ihre Kinder alles bekommen, was sie zum Leben brauchen, sowohl finanziell als auch emotional. Für all dieses Engagement schulden uns unsere Kinder nichts. Sie müssen es nicht wiedergutmachen, dass wir sie ins Leben begleitet haben. Das ist ein wichtiger Aspekt, damit Kinder frei handeln und entscheiden können und nicht mit einer Erwartung belastet werden.

Freiwilligkeit ist wichtig

Auch wenn die Eltern-Kind-Beziehung ein Leben lang eine besondere bleibt, sollte es keine ungesunden Abhängigkeiten geben, sondern ein freundschaftliches Miteinander. Genauso wie wir unter Freunden auch nicht argumentieren würden, dass sie uns jetzt helfen müssen, weil wir irgendwann mal etwas für sie gemacht haben, sollten wir das bei unseren Kindern auch nicht tun. Wichtig ist, dass die Unterstützung auf Freiwilligkeit ausgelegt und nicht auf eine Wiedergutmachung gegründet ist.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, möchte ich Ihnen Mut machen, sich Ihren Kindern anzuvertrauen. Erzählen Sie von Ihren Nöten, erklären Sie Ihre Situation und suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung. Klären Sie, ob es sich dabei um einen Kredit handeln könnte oder ob für Sie nur eine Schenkung möglich ist. Vielleicht gibt es ja Ihrerseits eine Idee, wie Sie die finanzielle Unterstützung auf eine andere Art ausgleichen können. Ich bin sicher, dass Sie von Ihren Kindern nicht hängen gelassen werden, wenn Sie ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen haben und ein solches Gespräch in aller Freiheit und auf Augenhöhe führen können.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet gemeinsam mit ihrem Mann die TEAM.F Regionalarbeit im Rheinland. sonja-brocksieper.de

Eltern fragen sich: „Sollen wir für die Wohnung unseres Sohnes bürgen?“

Eine Bürgschaft ist schnell abgeschlossen, kann aber weitereichende Folgen haben. Ein Rechtsanwalt gibt Tipps für Eltern.

„Unser Sohn hat uns gefragt, ob wir für seine neue Wohnung eine Bürgschaft übernehmen würden. Da unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, fällt es uns schwer, ihm das zuzusagen. Was würde denn im schlimmsten Fall auf uns zukommen?“

Zunächst ist die Frage zu stellen: Geht es um die Miete oder den Kauf der Wohnung? Dann: Ist die Bürgschaft auf einen gewissen Teil beschränkt oder auf alles? Verfügen Sie über ein gewisses Vermögen? Besitzen Sie etwa ein belastungsfreies Haus, mehrere tausend Euro Rücklagen oder „nur“ eine kleine Rente und leben Sie zur Miete?

Was ist eine Bürgschaft?

In einem Bürgschaftsvertrag verspricht man als Bürge, dass man, falls die Person, für die man bürgt, eine Verbindlichkeit nicht zahlen kann, diese gegenüber dem Gläubiger ausgleichen wird. Dies ist üblich bei Kredit-, aber auch bei Mietverträgen – wie im Beispiel Ihres Sohnes. Der Umfang und das Risiko einer Bürgschaft ist vom Vertrag abhängig.
Bei Mietverträgen haftet man für alle Forderungen aus dem Mietvertrag, bei Darlehensverträgen für das gesamte Darlehen, wenn es schiefgehen sollte. Es gibt sogenannte Höchstbetragsbürgschaften. Dort kann man den Betrag, für den man im Zweifel haftet, festschreiben.

Die Höhe der Bürgschaft festschreiben

Wenn Sie also für einen Mietvertrag bürgen wollen, sollten Sie im Vorhinein die Höhe der Bürgschaft festschreiben. Ansonsten könnte es Ihnen passieren, dass der Sohn auszieht, seine Freundin aber nicht, und der Mietvertrag einfach weiterläuft. Dann könnte nach mehreren Jahren der Vermieter auf Sie zukommen und die offenstehenden Mietbeträge von Ihnen fordern. Dasselbe gilt auch für Kreditverträge. Wenn man unbeschränkt bürgt, kann tatsächlich das gesamte angesparte Vermögen verloren sein.

Wenn kein Vermögen da ist und man unterhalb der Pfändungsfreigrenze Einkommen hat, kann man auch unbeschränkt bürgen. Man bürgt zwar, kann aber zwangsweise nicht zur Zahlung geführt werden. Für jeden, der Einkommen, also laufende Einnahmen hat, hat der Gesetzgeber einen Mindestbetrag an pfändungsfreiem Einkommen festgeschrieben. In normalen Haushalten wird man nichts Pfändbares finden.

Reden Sie mit ihrem Kind!

Die Bürgschaft hat aber oft auch eine emotionale Seite, die ein Problem sein könnte. Erwartet Ihr Sohn, dass Sie als seine Eltern für ihn bürgen? Diesen Druck sollte man unbedingt aus der Situation herausnehmen. Vielleicht ist die Frage nach der Bürgschaft auch eine Möglichkeit, über die Fragen des finanziellen Ergehens Ihres Sohnes zu sprechen? Oft fehlt nämlich, insbesondere bei Mietverträgen, die sogenannte Bonität. Das ist oft ein Zeichen, dass irgendwelche Verträge schon geplatzt sind. Das Problem sollte man grundständig angehen und darüber sprechen. Aber auch dort: Bitte keinen Druck aufbauen, zuhören und Lösungsalternativen finden.

Wenn eine Wohnung eigentlich nicht finanzierbar ist (mehr als 30-50 Prozent des Einkommens dadurch gebunden werden), ist die Inanspruchnahme vorprogrammiert. Die Weisheit „Über Schulden spricht man nicht“ ist auch im verwandtschaftlichen Rahmen nicht sinnvoll. Schweigen ist dann nicht Gold.

Steffen Bundrück ist Rechtsanwalt in Bochum und vertritt als Fachanwalt für Insolvenzrecht hauptsächlich Menschen, die Verbindlichkeiten haben.

Sollen wir für ihn bürgen?

„Unser Sohn hat uns gefragt, ob wir für seine neue Wohnung eine Bürgschaft übernehmen würden. Da unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, fällt es uns schwer, ihm das zuzusagen. Was würde denn im schlimmsten Fall auf uns zukommen?“

Zunächst ist die Frage zu stellen: Geht es um die Miete oder den Kauf der Wohnung? Dann: Ist die Bürgschaft auf einen gewissen Teil beschränkt oder auf alles? Verfügen Sie über ein gewisses Vermögen? Besitzen Sie etwa ein belastungsfreies Haus, mehrere tausend Euro Rücklagen oder „nur“ eine kleine Rente und leben Sie zur Miete?

In einem Bürgschaftsvertrag verspricht man als Bürge, dass man, falls die Person, für die man bürgt, eine Verbindlichkeit nicht zahlen kann, diese gegenüber dem Gläubiger ausgleichen wird. Dies ist üblich bei Kredit-, aber auch bei Mietverträgen – wie im Beispiel Ihres Sohnes. Der Umfang und das Risiko einer Bürgschaft ist vom Vertrag abhängig.
Bei Mietverträgen haftet man für alle Forderungen aus dem Mietvertrag, bei Darlehensverträgen für das gesamte Darlehen, wenn es schiefgehen sollte. Es gibt sogenannte Höchstbetragsbürgschaften. Dort kann man den Betrag, für den man im Zweifel haftet, festschreiben.

Die Höhe der Bürgschaft festschreiben

Wenn Sie also für einen Mietvertrag bürgen wollen, sollten Sie im Vorhinein die Höhe der Bürgschaft festschreiben. Ansonsten könnte es Ihnen passieren, dass der Sohn auszieht, seine Freundin aber nicht, und der Mietvertrag einfach weiterläuft. Dann könnte nach mehreren Jahren der Vermieter auf Sie zukommen und die offenstehenden Mietbeträge von Ihnen fordern. Dasselbe gilt auch für Kreditverträge. Wenn man unbeschränkt bürgt, kann tatsächlich das gesamte angesparte Vermögen verloren sein.

Wenn kein Vermögen da ist und man unterhalb der Pfändungsfreigrenze Einkommen hat, kann man auch unbeschränkt bürgen. Man bürgt zwar, kann aber zwangsweise nicht zur Zahlung geführt werden. Für jeden, der Einkommen, also laufende Einnahmen hat, hat der Gesetzgeber einen Mindestbetrag an pfändungsfreiem Einkommen festgeschrieben. In normalen Haushalten wird man nichts Pfändbares finden.

Offen reden

Die Bürgschaft hat aber oft auch eine emotionale Seite, die ein Problem sein könnte. Erwartet Ihr Sohn, dass Sie als seine Eltern für ihn bürgen? Diesen Druck sollte man unbedingt aus der Situation herausnehmen. Vielleicht ist die Frage nach der Bürgschaft auch eine Möglichkeit, über die Fragen des finanziellen Ergehens Ihres Sohnes zu sprechen? Oft fehlt nämlich, insbesondere bei Mietverträgen, die sogenannte Bonität. Das ist oft ein Zeichen, dass irgendwelche Verträge schon geplatzt sind. Das Problem sollte man grundständig angehen und darüber sprechen. Aber auch dort: Bitte keinen Druck aufbauen, zuhören und Lösungsalternativen finden.

Wenn eine Wohnung eigentlich nicht finanzierbar ist (mehr als 30-50 Prozent des Einkommens dadurch gebunden werden), ist die Inanspruchnahme vorprogrammiert. Die Weisheit „Über Schulden spricht man nicht“ ist auch im verwandtschaftlichen Rahmen nicht sinnvoll. Schweigen ist dann nicht Gold.

Steffen Bundrück ist Rechtsanwalt in Bochum und vertritt als Fachanwalt für Insolvenzrecht hauptsächlich Menschen, die Verbindlichkeiten haben.

Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

 

18 werden sie nur einmal…

Lange fiebern Jugendliche auf diesen Tag hin: endlich erwachsen, endlich volljährig! Juliane Just gibt Anregungen, wie man diesen besonderen Tag angemessen würdigen kann – auch in Zeiten von Corona.

Nicht nur das Geburtstagskind selbst – auch Eltern, Freunde und Verwandte planen oft lange im Vo-raus, wie der 18. Geburtstag gefeiert werden kann. In der Regel gibt es eine Party, Familie und Freunde kommen. Vielleicht trinkt man endlich den Wein, den der Vater vor 18 Jahren zur Geburt des Kindes gekauft hat. Oder besucht den damals gepflanzten Baum. Aber auch wer nicht so vorausschauend war und bereits bei der Geburt für das Erreichen der Volljährigkeit vorgesorgt hat, kann diesen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem machen. Und trotz Corona-Einschränkungen ist es möglich, einen 18. Geburtstag zu feiern, der für bleibende Erinnerungen sorgt.

Vorab zwei Denkanstöße: Ein 18. Geburtstag kann eine ganze Menge Druck erzeugen, sowohl beim Geburtstagskind als auch bei den Menschen, die die Feier ausrichten. Erwartungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen – all das kann den Tag überfrachten und verderben. Ich finde es wichtig, die Wünsche und Vorstellungen des Geburtstagskindes in Erfahrung zu bringen und zu respektieren. Welchen Schwerpunkt die Geburtstagsfeier haben soll, ist recht individuell, und es ist wichtig, die Grundrichtung gemeinsam festzulegen.
Als zweites möchte ich dafür plädieren, die Feier nicht einfach sang- und klanglos auf die Zeit „nach Corona“ zu verschieben. Natürlich darf und soll die große Party nachgeholt werden, sobald es möglich ist. Trotzdem ist es wichtig, den eigentlichen Tag angemessen zu begehen.

Kreative Geschenke

Rituale nachholen

Wein gekauft, Baum gepflanzt – alles, was man vor 18 Jahren nicht getan hat, kann man nachholen. Natürlich wäre der Zeitpunkt vor 18 Jahren cool gewesen, aber der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. Also nicht das „Versäumnis“ bedauern, sondern jetzt die Gelegenheit ergreifen: Pflanzt den Baum, kauft den Wein oder was es sonst für Rituale und Ideen gibt.

Eine Lebenserinnerung zusammenstellen

Das geht auf verschiedene Weisen:

Vor 18 Jahren wurde schon gefilmt, zunehmend auch digital. Neben den stolzen Eltern sind es oft Oma und Opa, die Filmmaterial über ihr Enkelchen zusammengetragen und aufbewahrt haben – zu feierlichen Meilensteinen, Schulaufführungen oder im Alltag. Daraus kann ein Film werden, der das Leben des Geburtstagskindes liebevoll begleitet. Das hat natürlich eine Menge Peinlichkeitspotenzial, da ist Feingefühl gefragt.
Fotos lassen sich ähnlich verarbeiten. Ein Rundruf in der Verwandtschaft, bei Paten und Freunden sorgt für Material über die familieninternen Bilder hinaus. Die Fotos kann man auf eine Leinwand als Diashow projizieren oder ein Fotobuch oder -album erstellen. Ein analoges Album hat den Vorteil, dass man es immer noch mal zur Hand nehmen und durchblättern kann.
Denkbar ist auch eine Foto-Collage mit einem Foto aus jedem Lebensjahr. Hier wird auf einen Blick die Entwicklung des Kindes sichtbar.

Album der Wertschätzung

Bekannte baten für den 18. Geburtstag ihrer Tochter da-rum, dass alle ein persönliches Blatt gestalten mit Gedanken oder Erlebnissen und dem, was sie am Geburtstagskind lieben. Aus diesen einzelnen Blättern haben die Eltern ein Buch zusammengestellt und es ihrer Tochter am Geburtstag überreicht.

Video der Begegnungen

Andere Eltern haben zusammen mit Freunden des Kindes ein Video aus eher aktuellen Filmschnipseln zusammengestellt. Das spiegelt zwar keinen Entwicklungsverlauf wider, zeigt aber sehr schön ein Blitzlicht des 18-jährigen Ist-Zustands.

Mit Einschränkungen feiern

Viele Jugendliche entscheiden sich dafür, die große Party zu verschieben auf eine Zeit ohne Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln. Das ist okay, solange es für das Geburtstagskind okay ist. Aber es gibt Alternativen:

Virtuelles Essen

Alle Partyteilnehmer kochen jeweils zu Hause und essen auch dort – verbunden per Videokonferenz. Jeder bereitet das gleiche Essen vor, man erzählt und lacht miteinander und verspeist seine Eigenkreation vor dem Bildschirm. Eine charmante Alternative, bei der erfreulich viel Stimmung aufkommt. Rechtzeitig vorher können Rezepte oder gleich ganze Zutatenpakete verschickt werden.

Filmabend

Einige Anbieter haben es mittlerweile standardmäßig im Programm, dass man sich mit anderen zusammenschaltet und einen gemeinsamen Chat hat, während man einen Film schaut. Alternativ kann man eine Telefonkonferenz schalten und so gemeinsam den Film schauen und quatschen. Auch hier ist es nett, wenn zum Beispiel Snacks vorher rumgeschickt werden.

Spieleabend

Ob Online Escape Rooms, Among Us oder klassische Spiele – ein digitaler Spieleabend ist witzig! Bei meinen Kindern der entsprechenden Altersgruppe ist Among Us das angesagteste Spiel – sie verabreden sich zum Spielen und schalten eine Telefonkonferenz, um dabei miteinander quatschen zu können. Es gibt aber auch kostenlose Spiele-Apps wie „Houseparty“, bei denen man sich per Video-Chat verbinden kann.

Das besondere Outfit

Nur weil die Party digital und zu Hause stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass man in Jogginghose teilnehmen sollte. Alle stylen sich wie für einen „echten“ Partyabend und erscheinen so im Video-Chat. Screenshots und virtuelle Modenschau (wenn gewünscht) nicht vergessen!

Juliane Just lebt mit ihrer großen Patchworkfamilie in der Nähe von Berlin. Sie ist Kreisbeauftragte für die Arbeit mit Kindern im Kirchenkreis Neukölln, unterrichtet Religion und macht musikalische Früh-erziehung. Als Juliane Jacobsen schreibt sie Kinderbücher.

Als beim knapp 18-jährigen Marius Skoliose diagnostiziert wird, ist seine Mutter zum Nichtstun verdammt

Marius ist fast volljährig, als bei ihm eine Krümmung der Wirbelsäule festgestellt wird. Die Entscheidung für oder gegen eine OP muss er eigenständig treffen. Für seine Mutter heißt das: loslassen.

Tag 1 nach der Operation meines 20-jährigen Sohnes: Ich stehe in der Intensivstation und sehe den erst wenige Stunden aus der Narkose zurückgeholten Marius. Es ist der Moment, den ich seit Monaten gefürchtet und doch auch herbeigewünscht habe, um die Anspannung des Ungewissen hinter mir lassen zu können. Marius’ Gesicht und Extremitäten sind geschwollen von Medikamenten. Er hat Schmerzen und hängt an Schläuchen und Geräten. Doch die mehr als siebenstündige OP ist der Beginn eines neuen Lebensabschnittes unseres Sohnes: ein harter, schmerzhafter Einschnitt, für den er sich selbst entscheiden musste.

Was ist Skoliose?

Gut zweieinhalb Jahre zuvor war bei Marius eine deutliche Skoliose festgestellt worden. Dabei handelt es sich um eine Wachstumsstörung, bei der sich die Wirbelsäule krümmt. Je nach Ausmaß dieser Fehlbildung können die inneren Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Zudem hat die Fehlhaltung Auswirkungen auf die gesamte Körperhaltung mit diversen Folgeproblemen. Marius stand bei Diagnosestellung kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag und seinem Abitur. Fachärzte rieten zur Operation.

Er muss sich selbst entscheiden

Ein Schock für uns als Eltern: Hätten wir nicht früher aufmerksam werden müssen auf diese Fehlentwicklung? Und natürlich erst recht ein Schock für unseren Sohn: Er hatte sich bisher „normal“ gefühlt und galt plötzlich als behandlungsbedürftig. Seine Wirbelsäule sollte in einer OP aufgerichtet und mit Titanstäben in dieser Form gehalten werden. Im Verlauf eines Jahres würden die Wirbel über die aufgerichtete Strecke hin verknöchern, also unbeweglich werden. Zu einer Entscheidung für die Operation konnte Marius sich zunächst nicht durchringen. Als Eltern drängten wir anfangs, verstanden aber mit der Zeit: Er muss sich entscheiden, er muss mit den Folgen leben, auch mit einem – im schlimmsten Fall – misslungenen Eingriff.

Gerade noch minderjährig, jetzt Patient

Die Situation war für uns alle neu: Marius war volljährig. Das hieß einerseits: Als Eltern haben wir weder das Recht noch die Pflicht, eine Entscheidung zu forcieren, geschweige denn sie zu treffen. Andererseits war Marius überfordert mit der Situation: Gerade noch war er ein minderjähriger Schüler. Jetzt war er zum Patienten geworden, der Entscheidungen über Arztbesuche treffen und lange Fragebögen zu seiner Gesundheit ausfüllen musste. Ich konnte diese für uns alle neue Situation im Lauf der Zeit auch als Entlastung sehen: Ich bin nicht verantwortlich für die Konsequenzen jener Entschlüsse, die er trifft. Ich kann und will meinem Sohn aber auf seinem Weg mit der Skoliose zur Seite stehen. Und ich kann um Weisheit und Beistand für uns Eltern und für unseren Sohn beten.

Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen

Mein anfängliches Drängen auf eine OP hatte etwas damit zu tun, dass ich alles wieder richten wollte: mein Versagen, die Fehlbildung schon früher zu erkennen. Und den Schmerz, dass mein gesund geborenes und sich zunächst normal entwickelndes Kind scheinbar plötzlich unter einer gravierenden Fehlbildung litt.

Nach und nach versuchte ich, diese Entwicklung zu akzeptieren. Ja, bei anderen Jugendlichen wird eine Skoliose früher entdeckt, und sie haben so die Chance, sie durch Tragen einer Orthese zu therapieren. Ja, auch ein gesund geborenes Kind kann Behinderungen und Krankheiten entwickeln. Ich trage als Mutter einen Teil der Verantwortung für die Entwicklung. Ich bin aber auch „nur“ ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Mich in Schuldgefühlen zu vergraben, würde weder Marius noch mir helfen. Entscheidend war, was in der konkreten Situation zu tun war. Das hieß für mich und für meinen Mann: sich informieren, Marius beraten, Arzttermine ausmachen, zu den Terminen begleiten und den Ärzten Fragen stellen, die Marius nicht in den Sinn kamen.

Die Situation verschlimmert sich

Anfangs musste ich mich zur Gelassenheit zwingen, später konnte ich sie zu einem gewissen Grad finden. Ich sprach das Thema der OP nur gelegentlich an. Ich nahm Kontakt zu einer Skoliose-Selbsthilfegruppe auf. Meine dort gewonnenen Informationen wollte Marius für sich aber nicht annehmen. Erschreckend für uns war, dass sich innerhalb der zwei Jahre seit der ersten Röntgenaufnahme der Zustand seines Rückens noch einmal massiv verschlechtert hatte. Bei schlechterer Ausgangslage sind auch die Korrekturmöglichkeiten weniger optimal. Allerdings hatte Marius nun auch öfter Rückenschmerzen und war dadurch mehr motiviert, die OP in Angriff zu nehmen. Wieder kamen bei mir Schuldgefühle auf: Hätte ich, hätten wir ihn doch mehr drängen sollen?

Marius hat uns Eltern nie dafür verantwortlich gemacht, dass seine Skoliose erst so spät erkannt wurde. Er ist ein Pragmatiker, der seine Lebensaufgaben möglichst ressourcensparend angeht. Über Gefühle spricht er kaum, Schmerzen werden erst im Nachhinein erwähnt. So erfuhren wir zum Teil erst nach der Operation, wie eingeschränkt er zuvor war.

Mit Kummer in der Kirche

Im Sommer 2019 fiel schließlich der Entschluss zur OP. Im November sollte der Termin sein. Erneut war ich emotional sehr mitgenommen. Meine Gebete wurden sehr intensiv. Oft betrat ich im Vorbeigehen eine der Kirchen unserer Stadt, um meine Sorgen und Ängste vor Jesus zu bringen. Ich rang dabei um die rechte Haltung: Ich wollte und durfte Gott meinen Kummer, meine Ängste und Sehnsüchte vor die Füße legen. Zugleich aber wollte ich Gott nicht beschwören: „Du musst doch, wenn ich so bitte!“ – Nein, musste er nicht!

In den Händen des OP-Teams

Die Zeit bis zum Eingriff schien sich ewig hinzuziehen. Ich war nervös, schlief schlecht und wollte doch meinem Sohn eine Stütze sein. Dieser brauchte Hilfe, war deswegen aber auch genervt. Er, der doch seinen Kram sonst allein macht und kein Kind mehr ist, wird nun wieder mit allerlei Ratschlägen belästigt.

Schließlich mussten wir unseren Sohn in die Hände eines OP-Teams übergeben, wohl wissend, dass er letztlich in Gottes Hand liegt. Marius’ fast acht Stunden dauernder OP schloss sich eine Nacht in Narkose an. Die diensthabende Ärztin der Intensivstation sprach am späten Abend sehr empathisch zu uns: „Er ist noch in Narkose, es geht ihm gut, versuchen sie zu schlafen.“ Ich fand es sehr einfühlsam von ihr, uns damit die „Erlaubnis“ zum Schlafen zu geben: Wir konnten im Moment nichts für ihn tun, würden unsere Kräfte noch brauchen.

Schwere Tage

Marius verbrachte drei Tage auf der Intensivstation und eine Woche auf der Normalstation. Es war schwer für mich zu sehen, dass er Schmerzen hatte. Und es war schwer, das endgültige Ergebnis der OP wegen des langen Heilungsprozesses noch nicht wissen zu können.

Aber Marius hatte – mit Gottes Hilfe – diesen großen Eingriff hinter sich gebracht und wir mit ihm. Und nachdem wir uns erst nicht vorstellen konnten, wie er zu Hause zurechtkommen sollte, so eingeschränkt wie er war, erlebten wir es wie ein Wunder, als alle Drainagen und Infusionen und Katheter nach einigen Tagen entfernt worden waren, wie er – zwar mühevoll – allein zur Toilette ging und ein paar Schritte den Flur auf und ab gehen konnte. Am Tag der Entlassung schließlich brauchte er im Bad, beim Anziehen und Essen keine Hilfe mehr.

Corona wird zum Glücksfall

Zu Hause ging es langsam, aber stetig aufwärts. Marius schaffte es pragmatisch – wie es seine Art ist –, nach und nach von den schweren Schmerzmitteln loszukommen und den Alltag zu bewältigen. Die Nachuntersuchung nach drei Monaten verlief zufriedenstellend. Marius klinkte sich im Sommersemester wieder in das für ein Semester unterbrochene Studium der Verfahrenstechnik ein. Er gehörte zu den „Corona-Gewinnern“: Die Veranstaltungen fanden online statt, Marius konnte sie vom bequemen Stuhl am heimischen Schreibtisch aus verfolgen.

Ich bin dabei zu lernen, die Behinderung meines erwachsenen Sohnes endgültig in seine Verantwortung zu übergeben. Und zu respektieren, dass er mit Erfahrungen anders umgeht als ich. Wo ich reflektiere, schreibe, Lehren zu ziehen versuche, sagt er, auf möglicherweise gewonnene Erfahrungsschätze aus dem Krankenhausaufenthalt angesprochen: „Das war ’ne Scheißzeit, was soll ich da viel drüber nachdenken.“

Keine „Skoliose-Mutter“

Und so erlebe ich nach wie vor die Unsicherheit darüber, was dieser Sohn von mir braucht. Wahrscheinlich bräuchte er so manches, aber ich bin oft nicht (mehr) die, die es ihm geben kann. Er ist erwachsen und muss auch hier seinen Weg gehen und gegebenenfalls Wegbegleiter finden. Nach der Corona-Zeit will ich die Skoliose-Selbsthilfegruppe noch einmal besuchen, um von unseren OP-Erfahrungen zu berichten. Das werde ich gern tun, mich dann aber dort verabschieden. Mein Sohn ist erwachsen, er braucht keine „Skoliose-Mutter“, die seine Gesundheit zu ihrem Problem macht. Aber eine Mutter, die für ihn betet und ihm – wo nötig – zuhört, möchte ich ihm noch lange sein.

Die Autorin möchte anonym bleiben.

Generation Maybe: Wieso sich Jugendliche oft nicht mehr entscheiden können

Jungen Erwachsenen fällt es oft schwer, sich festzulegen. Roswitha Wurm nervt das. Aber ein bisschen maybe ist sie auch …

Vor ein paar Jahren verkündete meine Tochter wenige Wochen vor ihrem Geburtstag: „Ich feiere diesmal im Freien mit einem Picknick mit meinen acht besten Freunden!“ Wir planten gemeinsam die Location und das Essen. Zumindest zwei Tage lang. Denn dann beschloss meine Tochter, ihren Geburtstag „doch nicht mit Freunden, sondern nur mit der Familie“ zu verbringen. In den nächsten Tagen änderte sie wieder ihre Meinung. Nun wollte sie bei uns zu Hause eine Party geben, aber „nur für 12 Freunde“. In den zwei Wochen bis zum Geburtstag sagten einige Freunde zu und einige wieder ab.

Schließlich kamen 18 junge Menschen, von denen ursprünglich nur acht eingeladen waren. Mein Mann und ich verbrachten den Abend auswärts und überließen den jungen Leuten unsere Wohnung. Alles ging gut und alle waren glücklich. Nur ich fühlte mich überfordert. Ähnliches erlebte ich bei Gruppen, Familienfeiern und anderen Festen. Zusagen und Absagen von den (jungen) Besuchern in der letzten Minute, weil sich irgendetwas anderes Interessantes angeboten hatte. Mich verwirrte und verunsicherte dieses Hin und Her!

Alles ist möglich

Zum Glück klärte mich ein Buch von Oliver Jeges auf. Der in Wien geborene Journalist, Jahrgang 1982, outete sich: „Ich bin ein Maybe. Meine Freunde sind Maybes. Ich wäre zwar gern keiner, aber es ist nun mal so. Ich habe kein ADHS, dennoch tue ich mich schwer, Entscheidungen zu treffen. Mich festzulegen. Mich einer Sache intensiv zu widmen. Ich bin entscheidungsschwach. Ich sehe all die Optionen vor mir, die Verlockungen einer ultramodernen Welt, in der alles möglich ist.“

Unendlich viele Wahlmöglichkeiten

Die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden im digitalen Zeitalter sozialisiert. Ihre Kindheit und Jugend war geprägt vom immer stärker werdenden Einfluss von Social Media. Wer täglich über die verschiedenen Kanäle erfährt, was sich so alles tut im Leben seiner Bekannten, ist überzeugt: Ich habe unendlich viele Wahlmöglichkeiten. Vergleichbar ist das mit dem Gefühl, wenn man im Eisladen vor 25 Eissorten steht und sich für zwei entscheiden muss. Die verärgerte Menschenschlange hinter einem wird länger, während man unentschlossen, zaudernd und zögernd abwartet, bis man sich sicher ist, ob es Weiße Schokolade oder doch lieber Melonensorbet sein soll.

„Bis dass der Tod euch scheidet“ weicht „Solange es nicht zu kompliziert ist“

„Maybes“ tun sich zum Leidwesen ihrer Mitmenschen schwer, Entscheidungen zu treffen und Wort zu halten. Flexibilität und Bereitschaft, spontan etwas Neues zu wagen, sind die Schlagwörter dieser Generation. Wenn es sein muss, auch auf Kosten anderer. Die Generation der Maybes ist mitunter auch überzeugt davon, dass sie die Freiheit hat zu wählen, ob sie einen schwierigen Weg geht oder nicht. Die Frage ist jedoch, ob uns die vielen Wahlmöglichkeiten wirklich frei machen. Wir können vor Schwierigkeiten davonlaufen. Jeder findet das in Ordnung und hat Verständnis dafür. Schließlich muss jeder „auf seine Art glücklich werden“. Wir können Beziehungen, die uns nerven oder zu schwierig sind, einfach beenden. Wenn es uns zu schwerfällt, dem anderen dabei in die Augen zu schauen, sogar einfach per WhatsApp. „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist einem „Solange es nicht zu kompliziert ist“ oder einem „Bis ich etwas scheinbar Besseres für mich gefunden habe“ gewichen.

Unentschlossenheit bringt Stress

Diese scheinbare unendliche Freiheit bringt in vielen Fällen innere Leere und Orientierungslosigkeit mit sich, die eine ganze Generation zu befallen scheint. Oliver Jeges schreibt: „Wir sind die Generation, die nichts mit sich anzufangen weiß und sich permanent fragt: Leben – wie geht das? Wir wollen tun, worauf wir Lust haben, wollen nur Erlebnis, aber nie Alltag. Ist das vielleicht die Lebenslüge unserer Generation? Uns alle eint die Sorge, nicht dahin zu gelangen, wo wir uns in unseren Vorstellungen sehen. Die Sorge, dass wir vielleicht die falschen Entscheidungen treffen. Wir wollen unsere Träume wahr werden lassen, haben aber nie gelernt, was zu tun ist, wenn das nicht klappen sollte.“

So sehr wir uns als Über-Fünfunddreißigjährige auch an der Unschlüssigkeit und der Unverbindlichkeit der Jungen stoßen, vergessen wir nicht: Es ist für die Maybes gar nicht so angenehm, sich nicht entscheiden zu können. Schließlich verpasst man dann auch vieles, zum Beispiel Beziehungen, die bereits in jungen Jahren beginnen und ein Leben lang halten. Oder Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten ohne langes Zaudern anzunehmen. Auch auf das Wagnis hin, dass man erst nach und nach in etwas hineinwächst, wenn man wagt, es zu tun. Stattdessen ist da die Angst, man würde etwas verpassen, wenn man sich festlegt.

„Schauen wir mal“

Da ich nicht nur Mutter dreier Kinder der Maybe-Generation bin, sondern auch beruflich viel mit jungen Leuten zu tun habe, sind mir Aktionen wie die variable Geburtstagsfestplanung nichts Neues. Und ehrlich gesagt: Wir sind von der Generation Maybe vielleicht mehr beeinflusst, als uns lieb ist. Auch wir Eltern sind uns in der Fülle aller Angebote nicht immer sicher, wofür wir uns entscheiden sollen. In der Stadt, in der ich lebe, gibt es ein geflügeltes Wort: „Schauen wir mal!“

Wenn uns jemand fragt: „Wollen wir uns treffen?“, antworten wir gern mit diesem Satz. Ich ertappe mich auch immer wieder, dass ich mit „Schauen wir mal!“ antworte, wenn ich mich nicht festlegen möchte. Im Grunde genommen warte ich dann darauf, ob noch „etwas Besseres“ für dieses Datum in mein Leben kommt. Dabei bin doch gerade ich eine Verfechterin des wichtigen Bibelwortes: „Euer Ja sei ein Ja! Euer Nein ein Nein!“ (Matthäus 5,37). Das zitiere ich gern den lieben Maybes in meinem Leben.

Zusammenleben mit Maybes

Diese Erkenntnis hat mich den Maybes gegenüber verständnisvoller gestimmt. Es fällt tatsächlich schwer, aus dem riesigen Angebot zu wählen, das uns heute allerorts geboten wird.

Ich will Verständnis haben für die jungen Menschen, die so viel mehr Möglichkeiten vor Augen haben, als wir das in unserer vordigitalen Zeit hatten. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Verabredungen oder Familienfeiern nicht eingehalten werden können. Für uns als Familie haben wir eine Lösung gefunden, die meist alle glücklich macht. Wir sprechen uns am Sonntag jeder Woche ab: Wie ist der ungefähre Plan aller für die kommende Woche? Welche Termine, die uns alle betreffen, sind wirklich wichtig für jeden Einzelnen von uns? Es klappt manchmal gut, manchmal weniger gut. Aber seit wir darüber reden und mitunter lachen können, fällt es auch uns „Oldies“ leichter, mit der scheinbaren Unverbindlichkeit umzugehen. Nicht selten kommt ein Anruf unserer Kinder, die mit einem humorvollen Unterton meinen: „Mama, du weißt, hier spricht dein Maybe … Wegen Mittwochabend …“

Corona kann auch Segen sein

Unsere Maybe-Generation macht gerade eine schwere Zeit durch: Corona hat sie in die Knie gezwungen. Plötzlich sind die Möglichkeiten beschränkt. Es ist für uns alle eine harte, eine gute Schule. Ein Kurs im Dankbarsein für das, was wir trotz allem noch haben. Minimalismus im Angebot kann für geraume Zeit ein Segen sein. Jedenfalls habe ich unsere Maybes selten so entspannt erlebt wie in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen: „Endlich muss ich mich für nichts entscheiden, weil es nur eine Sache zu tun gibt!“

Einmal Maybe, immer Maybe?

Neulich fragte mich unser ältester Sohn per WhatsApp, ob wir an einem bestimmten Feiertag auf seine Kinder aufpassen könnten. Ich wollte mich zuerst mit meinem Mann absprechen. Dann vergaß ich es, und als es mir wieder einfiel, hatte ich gerade zu tun und dachte, vielleicht hat sich das Ganze ja schon erledigt und ich könnte an diesem Tag etwas mit Freunden unternehmen. Drei Tage vor dem Termin fragte mein Sohn nach: „Wisst ihr bereits, ob ihr das übernehmen könnt?“ Ich zögerte. Höflich wie er ist, fragte er nicht laut: „Mama, bist du jetzt auch ein Maybe?“ Aber im Unterton seiner Stimme meinte ich, genau das zu hören!

Tja, unsere Maybe-Kinder sind erwachsen geworden. Spätestens wenn sie selbst Eltern sind und Verantwortung tragen, weicht das Zaudern und Zögern einer Erkenntnis: Manchmal gibt es keine Wahlmöglichkeit! Es gilt vielmehr, den eingeschlagenen Weg mit der Hilfe Gottes zu bewältigen. Dann weicht dem „Vielleicht“ ein „So ist es“.

Roswitha Wurm ist Förderpädagogin und Kinderbuchautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien. Ihre Webseite ist lesenmitkindern.at

„Mit wem trifft sie sich?“ Wenn Eltern die Freunde ihrer Kinder nicht mehr kennen …

Ab einem gewissen Alter haben Teenager elternfreie Zonen mit eigenen Freunden. Pädagogin Sonja Brocksieper rät dabei zur Gelassenheit.

„Früher wussten wir immer, mit wem unsere Tochter (16) befreundet ist. Mittlerweile kennen wir ihre Freundinnen und Freunde nicht mehr. Ist das normal oder sollten wir uns irgendwie bemühen, sie kennenzulernen?“

Jahrelang haben Sie Ihre Tochter intensiv begleitet, waren in die Kinderfreundschaften involviert, haben diese gefördert oder eben auch bewusst nicht. So ist es erstmal seltsam und befremdlich, wenn Sie nicht mehr alle ihre Freunde so gut kennen, wie das früher der Fall war. Vermutlich schwingt auch die Sorge mit, dass Ihre Tochter Kontakte pflegt, die ihr nicht guttun könnten?

Jugendliche brauchen Freiraum

Es ist ein normaler Entwicklungsschritt, wenn Jugendliche immer mehr eigene Lebensbereiche haben. Für die Heranwachsenden sind elternfreie Zonen wichtig, in denen sie sich unter Gleichaltrigen ausprobieren und ihre Sozialkompetenzen schulen können. Sie brauchen den Freiraum, Freundschaften eigenständig gestalten zu können. Solange Sie nicht den Eindruck haben, dass Ihnen Ihre Tochter extra etwas verheimlicht, ist diese Entwicklung also unbedenklich.

Interesse zeigen

Das bedeutet aber nicht, dass Sie sich als Eltern komplett aus den Kontakten Ihrer Tochter heraushalten sollten. Auch in diesem Alter ist es angemessen, Interesse an den Freundschaften zu zeigen und über die engsten Freunde Bescheid zu wissen. Fragen Sie ruhig immer wieder mal vorsichtig nach, mit wem und wo sich Ihre Tochter trifft. Ist die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Tochter entspannt, wird es ihr vermutlich leichtfallen, von ihren Freunden zu erzählen. Etwas schwieriger ist es, wenn der Umgang insgesamt eher spannungsreich ist, sodass Sie vermutlich weniger Infos bekommen.

Party Zuhause?

Aus diesem Grund ist es zunächst wichtig, dass Sie in eine vertrauensvolle Beziehung investieren. Je mehr Vertrauen Eltern signalisieren, desto mehr sind Jugendliche bereit, sie in ihr Leben schauen zu lassen. Auf dieser Grundlage können Sie ruhig zum Ausdruck bringen, dass Sie die Freunde auch mal kennenlernen möchten. Öffnen Sie Ihr Haus und geben Sie Ihrer Tochter die Gelegenheit, ihre Freunde mitzubringen. Wenn sie sie zum Beispiel zu ihrer Geburtstagsparty nach Hause einlädt, ist ein netter und lockerer Kontakt zu den Freunden zu Beginn der Party durchaus angemessen. Aber dann ist es auch ratsam, die Jugendlichen ihre eigene Party feiern zu lassen. Zeigen Sie Präsenz, ohne sich dabei den Freunden und Ihrer Tochter aufzudrängen oder gar anzubiedern.

Aufmerksam bleiben

Wenn Ihre Tochter ein selbstbewusster Teenager ist, können Sie mit einer gesunden Portion Gelassenheit an das Thema herangehen. Vertrauen Sie Ihrer Tochter, dass Sie sich ein gutes Umfeld aussuchen wird. Wenn es allerdings ernsthafte Gründe für die Annahme gibt, dass sich Ihre Tochter in einem gefährlichen Umfeld aufhält oder wenn sie Veränderungen an ihr wahrnehmen, sollten Sie nicht tatenlos zusehen. Sobald Sie das Gefühl haben, dass die Freunde Ihrer Tochter schaden oder dass sie Ihnen entgleitet, sollten Sie bewusst das Gespräch mit ihr suchen und eventuell auch externe Hilfe in Anspruch nehmen.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. 

Nicht länger in einem Nest

Wenn die Kinder ausziehen, verändert sich das gesamte Familiengefüge. Christiane Lötter möchte dazu ermutigen, die Beziehungen neu zu gestalten.

Sind die Kinder klein und die Eltern zusammen, ist es einfach: Man ist Familie – so oder so. Der Auszug der Kinder bedeutet, dass Bewegung in die Familie kommt. Nichts ist mehr, wie es vorher war, so sehr mancher auch versucht, das Alte festzuhalten. Das, was bisher gut lief, wird auf den Prüfstand gestellt: Trägt es uns oder müssen wir neu gestalten? Halten wir anstehende Veränderungen aus? Wie gehen wir damit um, wenn wir loslassen müssen und es doch gar nicht wollen? Schnell fallen uns jede Menge wundervolle Ereignisse ein: Was haben wir nicht alles angestellt, unternommen und gefeiert? Wie viel Aufregungen und Abenteuer haben wir zusammen erlebt?

Furcht vor dem Neuen

Wenn unsere Kinder uns verlassen, fahren die Gefühle häufig Achterbahn zwischen „Endlich mehr Freiraum für uns!“ und „Wird es ihnen auch gut gehen?“. Die Kinder selbst gehen voller Enthusiasmus und Abenteuerlust. Wenn wir Glück haben, zeigen sie uns, dass sie sich auch ein wenig vor dem Neuen fürchten. Manch eine Mutter oder ein Vater fühlt sich vielleicht verletzt, weil sie uns scheinbar so leicht und selbstverständlich verlassen.

Studium, Partys, neue Freunde

Aber unsere Kinder erleben, was jedem Ende innewohnt: Abschied, Verlust und Loslassen. Sie zeigen das oft nicht, weil sie uns beschützen wollen. Und weil sie uns zeigen wollen, dass sie es schaffen, und weil die Aussicht auf ein neues, eigenes Leben alles überstrahlt. Deshalb erzählen sie nichts von Heimweh und Niederlagen. Das tun sie frühestens, wenn sie es überwunden haben. Sie erzählen uns von Ausbildung, Studium, Partys, neuen coolen Freunden und wie toll alles ist. Und das machen sie richtig, denn es geht uns nichts an, wie sie ihr Leben gestalten. Bleibt die Frage, ob wir auch in ein verändertes Leben gehen. Ob wir eigene Träume, die wir bisher zurückgestellt haben, verwirklichen und mit der Kraft, die aus unserer Familiengeschichte gewachsen ist, neue Wege beschreiten.

Was das Herz sagt

Wie soll nun aber unser neues Familienleben aussehen? Vieles hängt davon ab, wie unsere Kommunikation bisher ablief. Haben wir viel miteinander gesprochen? War die Atmosphäre von Vertrauen und Offenheit geprägt? Welche Typen sind wir? Wir können unsere Traditionen pflegen oder Neues ausprobieren. Reden wir mit unseren Familienmitgliedern darüber. Hören wir auf das, was der andere meint und auf das, was unser Herz sagt.

Natürlich können wir unseren Kindern davon erzählen, dass wir mit dem Abnabeln Schwierigkeiten haben, dass wir sie vermissen, dass wir das Beste für sie wollen und sie uns wichtig sind. Sie durch unsere Augen schauen zu lassen, zeigt ihnen, dass wir sie ernst nehmen. Und dann sind wir auch schon mittendrin in der Gestaltung.

Plötzlich frei

Die räumliche Entfernung bedeutet nicht gleichzeitig eine innere Distanz. Für Eltern kann es sehr befreiend sein, wenn ihnen eines Tages aufgeht: Wir haben zwar nicht mehr so viel Einfluss auf unser Kind, aber wir sind auch freier, weil wir keine Verantwortung für sein Handeln mehr haben. Eine Botschaft an die Kinder kann sein: „Wir sind immer für dich da, wenn du uns brauchst. Aber in den Zeiten, in denen du uns nicht brauchst, sorgen wir für uns.“

Kein Mausoleum

Gestalter des Familienlebens sind nicht nur die Eltern, auch die Kinder sind herausgefordert, daran mitzuwirken. Mama muss nicht jedes Mal ein vollkommenes Menü auf den Tisch zaubern. Kinder können ihr Bettzeug mitbringen, sie müssen nicht bei jedem Besuch ein Chaos hinterlassen. Die alten Kinderzimmer dürfen einer neuen Bestimmung übergeben werden. Sie sind kein Mausoleum, dass die Kindheit für immer aufbewahrt.

Wir dürfen sorgfältig prüfen, was bleiben kann und was gehen muss. Wir haben die Erlaubnis, für das Neue Platz zu schaffen, innerlich und äußerlich. Das Tempo bestimmen wir selbst. Gestaltung bezieht sich sehr auf die nicht greifbaren Dinge. Es kann hilfreich sein, das mit Praktischem sichtbar zu machen. Beide, die Nestflüchtlinge und die Zurückgebliebenen, sind herausgefordert, ihren Platz zu finden in diesem Familienkonstrukt.

Distanz halten, Nähe finden

Immer wieder berichten Eltern, dass es gut war, auf Distanz zu gehen, weil der Blick auf die Kinder nun freier war und die alltäglichen Reibereien aufgehört haben. Stattdessen sei nun Platz für lockere und für ernste Gespräche. Die gemeinsame Zeit werde als echte Gemeinschaft erlebt und nicht zwischen anderen Verpflichtungen eingeschoben.

Alte neue Gewohnheiten

Kinder erzählen häufig, dass sie selbst Gewohnheiten entwickeln, die sie früher im Elternhaus abgelehnt haben, inzwischen jedoch als praktisch empfinden. Es war gar nicht so schlecht, was die Eltern alles so gemacht haben. Wenn wir es schaffen, solche Offenbarungen nicht mit Genugtuung, sondern mit einem warmen Lächeln zu beantworten, haben wir sehr viel gewonnen.

Mit einer gewissen Distanz kann man auch beginnen, das anzusprechen, was nicht gut gelaufen ist oder wo es noch Klärungsbedarf gibt. Hier ist es wichtig, behutsam vorzugehen und herauszufinden, ob Gesprächsbereitschaft besteht. Wir dürfen uns den Raum schaffen für das Lachen über die tollen Erinnerungen und auch für Entschuldigungen, wo wir versagt haben. Es entsteht so auch die Möglichkeit, Missverständnisse aufzuklären.

Gute und schlechte Erinnerungen

Manches mag auch schockieren. Es kommt vor, das unsere Kinder über Erlebnisse berichten und wir denken: „War ich dabei? Daran erinnere ich mich gar nicht.“ Neben negativen tauchen auch viele gute Erfahrungen auf, wie oft wir die Kinder beschützt, versorgt und geliebt haben und wie sehr sie das in dem Moment auch gebraucht haben.

Zu hohe Maßstäbe

Solche Rückblicke und Erinnerungen dienen dazu, die Gemeinsamkeiten zu benennen und festzustellen, was uns verbindet und was uns trennt. Wir entscheiden als Familie, wie wir mit Verbindendem und Trennendem umgehen. Nicht alles muss jetzt und sofort geklärt werden, Kreativität ist gefragt.

Wir können das nicht? Das sind zu hohe Maßstäbe? Häufig schauen wir auf andere Familien, in denen alles scheinbar perfekt läuft. Beruflich und privat scheint alles im Lot. Sind wir uns bewusst, dass andere oft nur die Sonnenseiten zeigen? Da bleiben die, bei denen nicht alles rund läuft, schnell auf der Strecke. Merken wir, wie viel Stress das erzeugt? Sich davon zu distanzieren und bei sich selbst zu bleiben, ist gar nicht so einfach. Wichtig ist: Wir sind Familie, und wir sind genau richtig. Hier wird nach unseren Regeln gespielt, und nur wir dürfen diese Spielregeln hinterfragen oder ändern. Andere haben da nichts verloren.

Das Familien-Mobile

Das Mobile kommt mir in den Sinn: Wenn einer sich bewegt, bewegt sich das Ganze. Es schwankt eine Weile und balanciert sich neu aus. Manchmal hängt sich auch noch ein neues Element an, dann muss sich alles neu einpendeln. Vielleicht haben wir noch alte Bilder in unserem Herzen. Aber jetzt leben wir in einer neuen Situation.

Gestaltung bedeutet, das Neue anzunehmen und es aktiv mitzugestalten, damit es gelingt. Unser Familienmobile kann auch äußeren Veränderungen ausgesetzt sein. Dann müssen alle zusammenhalten, um die Balance wieder herzustellen. Bewegung von innen darf stattfinden. Jeder einzelne entscheidet, wie er sich bewegt. Familiengestaltung ermöglicht uns, uns in einem sicheren Rahmen auch dann noch zu entfalten, wenn die Kinder ausgezogen sind. Wir haben die Erlaubnis, Bewährtes zu behalten und Neues auszuprobieren. Was für ein Gewinn!

Christiane Lötter arbeitet als Familienberaterin und Coach und lebt in der Nähe von Osnabrück. Sie hat zwei erwachsene Kinder.