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Schlagwortarchiv für: Partnerschaft

Beiträge

Paartherapeut erklärt: Warum glückliche Paare nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen

Manchmal gehen Dinge einfach schief. Muss man deswegen gleich die Beziehung in Frage stellen? Beziehungsexperte Jörg Berger verrät, was wirklich auf die Goldwaage gehört.

„Lege deine Worte auf die Goldwaage“, rät Jesus Sirach in seinem Weisheitsbuch (Sirach 28,25). Heute hören wir eher das Gegenteil: „Lege nicht jedes Wort auf die Goldwaage.“ Offenbar macht es einen Unterschied, ob Worte schon ausgesprochen sind oder nicht. Die Goldwaage ist ein Gegenstand, der nur hilfreich ist, wenn wir ihn richtig gebrauchen. Was gehört nun darauf und was nicht? Das möchte ich für unsere Paarbeziehungen untersuchen.

Keinen Mist auf die Goldwaage legen

Wenn Paare zu mir kommen, versuche ich bald Verständnis für etwas zu wecken, was im Englischen entspannt klingt: „shit happens“ (etwa: „Mist passiert eben.“). Paare brauchen eine Kategorie für Ereignisse, mit denen man sich nicht beschäftigen muss – Ereignisse, die man eben besser nicht auf die Goldwaage legt. Es sind Situationen wie die folgenden:

Moritz (alle Personen und Situationen verfremdet) hat nicht bedacht, dass sein Meeting am Nachmittag länger dauern könnte. Nun kommt er eine Stunde später heim und war auch nicht erreichbar. Auf seinem Smartphone sieht er Sabrinas Versuche, ihn zu erreichen. Oh, oh. Tatsächlich ist Sabrina wütend, als Moritz die Wohnung betritt. Sabrina hatte einen Termin und konnte wegen der Kinder nicht los. Normalerweise sprechen sich die beiden gut ab. Lohnt es sich nun zu klären, wer schuld ist? Sollte man Dinge jetzt grundsätzlich anders regeln oder klären, was in der Beziehung nicht stimmt? Nein, es ist einfach dumm gelaufen. Das passiert.

Beate ist noch aufgewühlt von dem Konflikt mit ihren Eltern. Sie macht sich beim Abendessen Luft, Felix hört aufmerksam zu. Danach zieht sich Beate zurück. Sie hört Musik, betet und nimmt ein Bad, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Als Felix sie in der Wanne sieht, schlägt er für den späteren Abend Sex vor. „Was?“, denkt Beate. „Wie kann Felix so unsensibel sein? Ausgerechnet heute? An einem so dunklen Tag? Denkt er immer nur an sich?“ – „Was?“, denkt Felix, als Beate ihre Empörung ausspricht. „Ich war doch so einfühlsam und unterstützend. Muss ich hellsehen können, um niemals etwas vorzuschlagen, was für Beate nicht passt? Warum bin ich nie gut genug für sie?“

Gehört das auf die Goldwaage? Nein, besser nicht. Felix kann es akzeptieren, wenn Beate heute nicht nach Sex ist. Für Beate ist es normalerweise kein Problem, dass Felix andere Strategien hat, um mit Belastungen umzugehen, und er erstmal von dem ausgeht, was ihm selbst guttun würde. Es ist heute einfach dumm gelaufen.

Vor dem Wiegen sieben

Hobby-Goldsucher versuchen es am besten in Flüssen. Dort muss man keine Stollen graben und nichts aus Erzen lösen. Stattdessen siebt man den Schlamm im Flussbett. Die kostbaren Körnchen sind schwerer und setzen sich schneller ab. So können wir auch mit dem umgehen, was im Fluss unseres gemeinsamen Alltags aufgewirbelt wird.

„Jetzt weiß ich, wie du wirklich über mich denkst!“ Sanjas Stimme klingt kalt, ihr Gesicht drückt Schmerz und Fassungslosigkeit aus. Roger ist nicht stolz auf das, was ihm da herausgerutscht ist: „Warum brauchst du immer jemanden, der dir sagt, wie du entscheiden sollst? Oder jemanden, der dich anschiebt, damit du unangenehme Sachen erledigst?“ Das war nicht gerade eine Ich-Botschaft oder gewaltfreie Kommunikation. Trotzdem erschrickt Roger darüber, wie sein Vorwurf bei Sanja ankommt. Denn für sie wird es grundsätzlich: Hat Roger sie immer schon für etwas verachtet, was sonst niemanden stört? Wie soll sie seiner Liebe je wieder vertrauen?

Gehört es auf die Goldwaage, was uns im Streit herausrutscht? Zeigen wir am Ende in solchen Momenten unser wahres Gesicht? Nein, im Gegenteil. Was wir im Streit sagen, ist zugespitzt und übertrieben. Roger sieht Sanja nicht so, wie es in diesem Moment klingt. Außerdem gibt es keinen Streit, in dem nicht auch Erfahrungen aufgewirbelt werden, die älter sind als unsere Liebe. Rogers Mutter war überfordert mit einer chronischen Erkrankung, ihren drei Kindern und einem Mann, der sich wenig in die Familie eingebracht hat. Sie hat ihre Kinder oft machen lassen und sogar ihren Rat angenommen. Als Ältester hat sich Roger oft um seine Mutter gekümmert, eine verhängnisvolle Rollenumkehr. Er hat genug davon, Verantwortung für überforderte Frauen zu übernehmen. Aber Sanja ist nicht Rogers Mutter. Sie hat ihr Leben gut im Griff. Das sieht Roger auch so, wenn sich seine Emotionen beruhigt haben.

Sieben wir also besser die emotionalen Übertreibungen heraus und auch die Übertragungen aus der Kindheit. Dann bleiben einige Körnchen Wahrheit: Sanja tut sich manchmal mit Entscheidungen schwer und prokrastiniert ein wenig – Roger fühlt sich schnell verantwortlich und reagiert dann übertrieben abwehrend. Das darf man auf die Goldwaage legen: Wie wollen die beiden damit umgehen? Wie viel Unterstützung erwartet Sanja wirklich? Mit welcher Rolle könnte sich Roger wohlfühlen in solchen Situationen? Das dürfte gut zu lösen sein.

Dabei schürfen Paare Gold: Wenn wir an den Knackpunkten unser Liebe weiterkommen, vertiefen sich unsere Einfühlung und unser Verständnis füreinander. Wir fühlen uns tiefer geliebt, wenn wir uns auch an unseren wunden Punkten angenommen und unterstützt fühlen.

Finden, was auf die Goldwaage gehört

Der Mist, der im Alltag passiert, gehört also nicht auf die Goldwaage und auch nicht alles, was im Flussbett unserer Beziehung aufgewirbelt wird. Gibt es nicht auch etwas, das immer auf die Goldwaage gehört? Unbedingt! Es sind die kleinen Worte und Taten der Liebe, die wir auch dann austauschen, wenn viel los ist: ein Mitdenken, eine Hilfestellung, eine tröstliche Berührung, eine humorvolle Bemerkung, der Blick für das Schöne und so vieles mehr. Besonders, wenn wir gestresst und genervt sind, übersehen wir manchmal, was wirklich zählt. Wo wir unseren Blick für das Liebevolle verlieren, ist unser Lebenstempo zu hoch. Wir sind zu vielen anderen Reizen ausgesetzt. Hätten wir Spielraum, um Tempo rauszunehmen und uns von weniger wichtigen Dingen abzuschirmen? Dann sollten wir das unbedingt tun, bis wir wieder all das Gute spüren, was wir einander sind und schenken.

Doch nicht immer liegt es in unserer Hand, wie hoch das Lebenstempo ist und was uns alles beschäftigt. Dann können wir auch in wenigen Minuten unsere Aufmerksamkeit schärfen, wie das Achtsamkeitsübungen für Gestresste und Ausgebrannte tun. Man nimmt sich ein paar Minuten und führt sich all das Gute, was in der Liebesbeziehung gerade ist, bewusst vor Augen.

Anfangs wird unsere Wahrnehmung das Grobe erfassen, was unser Partner oder unsere Partnerin für uns tut und welche positiven Eigenschaften uns positiv berühren. Doch mit der Zeit verfeinert sich unsere Wahrnehmung. Wir spüren, wieviel Annahme und Wertschätzung in einer Berührung, einem Lachen oder einem Moment der Geduld des anderen liegen. Wieder erfahren wir, wie sehr der Partner mit seinem ganzen Wesen eine Antwort auf unsre tiefe Bedürfnisse ist. Davon fühlen wir uns wieder beschenkt, dass sich der oder die andere auf das gemeinsame Leben einlässt, was immer auch einen Preis hat und mit Loslassen verbunden ist.

Manchmal müssen wir sogar nachhelfen, damit der andere unsere Liebe wahrnehmen kann.

„Sie müssen Ihre Liebe besser verkaufen“, sage ich manchmal einem zurückhaltenden Partner im Paargespräch. Denn ich ahne: Viele der liebevollen Gedanken, Absichten und Handlungen hat der andere im Alltag gar nicht wahrgenommen. Dann darf man das Gold der Liebe ruhig ein wenig herausputzen. Das hat schon manchen Paaren gutgetan:

  • „Ich habe mir gedacht, so passt es besser für dich, stimmt das?“
  • „Das kostet mich echt Mut. Aber ich möchte dir das trotzdem ermöglichen.“
  • „Ich finde dich gerade richtig klasse!“

Sätze wie diese legen auf die Goldwaage, was wirklich darauf gehört: Wir legen eine liebevolle Absicht offen, die hinter unseren Handlungen steht. Wir sprechen aus, wenn uns die Liebe etwas kostet. Wir stellen sicher, dass unsere Gefühle beim anderen auch ankommen.

Jedes Paar wird seine Goldwaage etwas anders einsetzen. Manchmal ist sie auch ein umkämpfter Gegenstand:

  • „Lass uns das mal ernst nehmen!“ – „Nein, bitte nicht. Lass uns lieber locker bleiben.“
  • „Müssen wir daraus ein großes Thema machen?“ – „Wenn es nach dir ginge, würden wir überhaupt nicht reden.“

Beides hat Vorteile, Dinge ernst nehmen und Dinge leichtnehmen. Oft verlieben sich Menschen, die hier unterschiedlich sind. Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit ergänzen sich gut. Paare können diesen Unterschied wieder genießen, wenn sie einen Kompromiss finden: Den wenigen Dingen Gewicht geben, auf die es wirklich ankommt – und das übrige nicht auf die Goldwaage legen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Zufriedenes-Paar_GettyImages-Studio4_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-28 15:46:162026-07-28 15:46:16Paartherapeut erklärt: Warum glückliche Paare nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen

Steter Tropfen höhlt den Stein – Warum Beziehungen Beständigkeit brauchen

Große Gesten in der Beziehung sind schön. Aber echtes Vertrauen wächst im täglichen Miteinander, verrät Paarberater Marc Bareth.

Als unser Guide die Stirnlampe ausschaltete, war es vollkommen dunkel und fast völlig still. Nur alle paar Sekunden löste sich ein Tropfen von der Felsdecke und klatschte auf den Höhlenboden. Es war das einzige Geräusch, das zu hören war. Da stand ich in diesem kilometerlangen Höhlensystem, von dem für Laien wie mich nur die ersten paar hundert Meter zugänglich sind, und starrte ins Dunkle. Ich war beeindruckt, dass ein wenig Wasser das Innere eines Berges so gestalten kann. Das Wasser war einfach da. Tag für Tag, über viele Jahre hinweg. Diese Beständigkeit bewirkte weitaus mehr als die Gewitter, die ein paar Mal im Jahr gewaltige Wassermassen brachten. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Beständigkeit zahlt sich aus

Mit unserer Partnerschaft verhält es sich genau gleich. Eine tragfähige Liebe entsteht nicht durch vereinzelte Großtaten, sondern durch die hunderttausend kleinen Dinge, die wir jeden Tag tun, ein ganzes Leben lang. Es ist ein grundlegendes Prinzip unserer Welt. Wenn ich für einen Marathon trainiere, muss ich über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals pro Woche die Laufschuhe schnüren. Und die Tomaten auf meinem Balkon brauchen jeden Tag ein bisschen Wasser und nicht einmal im Monat ganz viel.

Und doch neigen wir dazu, uns einzureden, dass in einer Beziehung vor allem die großen Gesten zählen: das pompöse Hochzeitsfest, der Urlaub auf den Malediven, der vierteljährliche Gourmet-Sex oder das teure Geburtstagsgeschenk.

Es wächst langsam

Tatsache ist jedoch, dass unsere täglichen, kleinen Handlungen viel bedeutsamer sind. An ihnen entscheidet sich der Erfolg unserer Beziehung. Mit jeder Umarmung bauen wir an unserer Liebe. Jedes Kompliment stärkt die gegenseitige Wertschätzung. Mit jedem angenommenen Beziehungsangebot wächst unsere Verbindung. Jedes Mal, wenn wir uns verletzlich zeigen, vertiefen wir unsere Beziehung. Immer, wenn wir unserer Partnerin Priorität geben, wächst das Vertrauen.

Liebe ist eine Lebensweise. Sie fällt uns nicht einfach zu, sondern ist vielmehr die Summe unserer Entscheidungen und Taten. Und wenn wir uns täglich für liebevolle Handlungen entscheiden, über viele Jahre hinweg, werden wir erleben, wie etwas Wundervolles heranwächst.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Vertrautes-Paar_GettyImages_FG-Trade_E-Plus.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-21 15:54:372026-07-21 15:54:37Steter Tropfen höhlt den Stein – Warum Beziehungen Beständigkeit brauchen

Narzisst, oder was? Warum Beziehungen Anerkennung brauchen

Wir streben ständig nach Bestätigung. Doch gerade in der Partnerschaft führt diese Erwartung nicht immer ans Ziel. Paarexperte Marc Bareth erklärt, warum das nichts mit Narzissmus zutun hat.

„Ich halte das nicht mehr aus. Er versteht mich einfach nicht. Er versucht nicht einmal, auf meine Bedürfnisse einzugehen. Je länger ich mit ihm zusammen bin, desto klarer wird mir, dass er so ist und immer so bleiben wird. Er ist ein Narzisst, der sich nur um sich selbst dreht.“

So klingt es heute in unzähligen Gesprächen unter Freundinnen, in Coachings und Therapiesitzungen. Vor zwanzig Jahren hätte das niemand so gesagt, heute ist es weit verbreitet. Als kleines Experiment habe ich ChatGPT gebeten, diese Klage zu datieren. Die Antwort war eindeutig: „Diese Art von Klage ist typisch 2020er.“ Was könnte dahinterstecken?

Wir sind großartig

Wir leben in einem Umfeld, das viel Bestätigung spendet. Kinder werden gelobt, wenn sie Regeln befolgen, und statt auf ihren Schwächen herumzureiten, werden ihre individuellen Stärken betont. Beim Halbmarathon gilt jeder Finisher als Sieger und bekommt eine Medaille. Im Mitarbeitergespräch erhalten wir Kritik nach dem Sandwichprinzip: eingepackt zwischen zwei Komplimenten. Und auf Social Media sammeln wir Likes. Immer wird uns vermittelt, wie großartig und einzigartig wir sind.

Und dann kommen wir nach Hause. Dort läuft es anders. In der Beziehung bekommen wir bei weitem nicht die Bestätigung, die wir uns erhoffen. Unsere Partnerin kann oder will nicht immer unsere Cheerleaderin sein. Anstatt bei uns selbst, suchen wir die Ursache für dieses Problem beim anderen. Wenn sie mich nicht genug lobt und nicht immer wunderbar findet, muss das daran liegen, dass sie mich nicht versteht. Und weshalb es zu wenig um mich und mein Ego geht, ist auch klar: Weil sie sich nur um sich selbst dreht. Und weil wir inzwischen alle schon den einen oder anderen Psychologie-­Podcast gehört haben, ist das Wort „Narzisst“ schnell zur Hand.

Zwei Wege

Natürlich ist dieses Bild überzeichnet. Aber die Tendenz ist unbestreitbar – nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern in jedem von uns: Da wir in einer Welt leben, die unseren Drang nach Anerkennung ständig nährt, ist der Aufprall im Beziehungsalltag umso härter. Ich schlage zwei Wege vor, um dem entgegenzuwirken. Erstens dürfen wir uns auf einen Weg des Wachstums begeben. Raus aus einer Abhängigkeit von der Bestätigung anderer, hin zu einer selbstbestätigten Identität. Für Christen geht es sogar noch weiter – eine gottbestätigte Identität. Das bedeutet, dass mein Selbstbild nicht an der Anerkennung anderer hängt, sondern aus eigenem Zuspruch und innerer Gewissheit lebt. Und mit einer gottbestätigten Identität meine ich, dass das Selbstverständnis nicht allein auf menschlicher Anerkennung beruht, sondern von Gott bestätigt und getragen ist.

Zweitens lohnt es sich, dem anderen das zu schenken, was wir uns selbst wünschen. Nicht nur du sehnst dich nach mehr Bestätigung von deinem Partner – er sehnt sich wahrscheinlich genauso nach deiner. Wir können nur begrenzt beeinflussen, wie wir behandelt werden. Aber wir haben es in der Hand, wie wir unseren Partner behandeln. Wenn beide anfangen, einander Anerkennung zu geben, entsteht etwas Gutes.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/Bestaetigung_GettyImages_Jacob-Wackerhausen_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1413 2122 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-24 09:37:402026-06-24 09:37:40Narzisst, oder was? Warum Beziehungen Anerkennung brauchen

Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt

Auch wenn in Hollywood alles so einfach aussieht und dort immer alles zu klappen scheint, ist Sex kein Selbstläufer. Sexualtherapeut Marvin Leu gibt Tipps für mehr Schwung im Bett.

Unsere Sexualität ist schon eine interessante Sache. Obwohl sie oft als schönste Nebensache der Welt bezeichnet wird, kann sie doch den ganzen Alltag beeinträchtigen, uns steuern und uns mit lauter Stimme rufen. Es gibt kaum etwas in unserem Leben, was so viel Bedeutung hat und doch so wenig Sprache findet. Die komplette Beziehung kann durch Sex verbessert, verändert oder mit Konflikten belagert werden. Obwohl uns Sex und Erotik ständig umgeben, finden wir kaum Worte dafür. Und der Weg in eine gelingende Intimität ist schwierig.

Wenn es um das Intimste geht, macht man sich angreifbar und verletzlich. Aber genau diese Facetten machen den Sex so umwerfend. Verknüpfen wir das körperliche Erleben mit der emotionalen Intensität, wird der Sex besser. Aber wie bekomme ich das hin? Wie kann ich mich fallen lassen und meinem Gegenüber in einer Tiefe begegnen?

Zurückhaltung ist fehl am Platz

Es kursiert leider die Meinung, dass man entweder „gut im Bett“ ist oder eben nicht. Das ist ein großer Irrtum, denn wie das Erlernen eines Instrumentes, ist auch Sex lernbar. Niemand muss alles können. Sondern wir dürfen es lernen. Diesen Grundsatz finde ich sehr entspannend!

Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren. Und wenn ich ein wenig übe, werde ich erfahrener, kompetenter und handlungsfähig. Das Gelernte fängt an Spaß zu machen. Egal ob es dabei um Berührungen, Sexstellungen oder Oralverkehr geht.

Im Umkehrschluss muss ich der eigenen Sexualität eine gewisse Bedeutung geben, mir Zeit nehmen zum Üben und offen sein für Neues. Denn wenn über Jahre hinweg immer alles gleich bleibt, dann funktioniert das zwar meist reibungslos. Es kann jedoch auch eintönig und langweilig werden.

Ich stelle immer wieder in der Beratung fest, dass viele christliche Paare ihr sexuelles Potential nicht annähernd ausnutzen aus Angst, Grenzen zu überschreiten. Nach dem Motto, Lust und Begehren zu spüren gehört sich nicht oder ist sündhaft. Doch ist im gemeinsamen Ehebett religiös bedingte Zurückhaltung fehl am Platz.

Ich darf mich ausprobieren, mich selbst berühren und dabei Erregung spüren. Ich darf laut atmen oder sogar stöhnen. Ich darf mich zeigen und alles probieren, was für uns als Paar stimmig ist – sei es wild, sanft, kraftvoll, bestimmt, einfühlsam, zögernd, schnell oder langsam.

Verführung wagen

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich meine Frau für ein sexuelles Projekt gewinnen möchte und verfalle unbewusst in Vorwürfe. Im Nachhinein fällt mir auf: Ich hätte sie einfach verführen können.

Wichtig ist: Verführen bedeutet, mein Gegenüber für ein sexuelles Projekt zu gewinnen, ohne den Ausgang zu kennen. Ich muss also davon ausgehen, dass meine Verführung nicht immer gelingt und muss mich auch auf Zurückweisung einstellen. Wie reagiere ich, wenn meine Idee nicht gut ankommt? Bin ich dann beleidigt oder versuche ich es später nochmal? Vorwürfe zu machen ist einfacher, aber ein absoluter Lustkiller. Verführung dagegen entfacht Leidenschaft und Erotik.

Meine Frau und ich machen regelmäßig Eheabende. Als ein solcher Abend näher rückte, versprach ich, etwas Besonderes vorzubereiten. Ich habe eine Menge Essen organisiert. Obst, Snacks, Antipasti, Brötchen – ein richtiges kleines Buffet. Ich habe alles auf dem Tisch verteilt. Dann habe ich mich mitten auf den Tisch zwischen die Speisen gelegt, quasi als Teil des Buffets.

Bei den Vorbereitungen hatte ich, ehrlich gesagt, Angst, wie es meine Frau finden würde. Ich dachte: „Das ist doch lächerlich!“ Als sie ins Zimmer kam, strahlte sie. Die Idee war also gut, die Verführung hat geklappt.

Die Angst und die Aufregung haben sich gelohnt. Das Prickeln setzte ein. Aber es hätte auch schiefgehen können. Das war mir im Vorfeld bewusst. Aber ich bin überzeugt: Wenn man sich mutig für ein Verführungsprojekt entscheidet, sind die Chancen gut, dass man gewinnt und am Ende beide gewinnen. Also nur Mut – das Projekt lohnt sich!

Leidenschaft entfachen

Leidenschaft ist kein Selbstläufer. Manchmal kommt sie schwer in Gang, manchmal geht sie sogar verloren. Aber was hilft dabei, die Leidenschaft zu entfachen? Die Antwort lautet: Berührung.

Berührungen können Wunder vollbringen. Ich kann meinem Gegenüber etwas Gutes tun oder es selber genießen und den anderen Körper erkunden. Dabei kann ich mir vorstellen, meine Finger und Handflächen würden eine Landschaft erforschen. Jeden Millimeter. Stück für Stück. Ich kann dabei hauchzart berühren, streichen, kräftig drücken, massieren oder sogar zupacken. Eine zarte Berührung löst unweigerlich eine Reaktion beim Partner oder der Partnerin aus. Hoffentlich eine positive. Denn die meisten Menschen möchten berührt und liebkost werden. Es kann aber sein, dass dabei der negative oder gar vorwurfsvolle Gedanke kommt, dass das Gegenüber „ja nur Sex will“. Da empfehle ich, zu fragen, warum es so schwierig ist, dies zuzulassen. Und weiter ist die Frage, ob es besser wäre, wenn das Gegenüber Sie nicht mehr auf diese Art berühren sollte? Über solche Gedanken sollten Paare in jedem Fall kommunizieren.

Kommunikation

Es gibt jede Menge Ratgeber, wie ich am besten meine Anliegen kommuniziere. Beim Reden über Sex ist es sehr wichtig zu wissen, dass jede Kritik mein Gegenüber tief treffen kann. Gerade Männer verknüpfen ihre Sexualität oft mit ihrer Identität. Da können unbedachte Äußerungen sehr verletzend sein.

Versuchen Sie ihr Anliegen in einer ruhigen, angenehmen Atmosphäre zu besprechen. Nehmen Sie sich Zeit für das Gespräch. Bereiten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin auf das Thema vor, indem Sie ankündigen, über das Thema Sex reden zu wollen. Äußern Sie Ihr Anliegen in Ich-Botschaften. „Ich fühle mich …“, „Ich wünsche mir …“, „Ich habe das Gefühl …“ und so weiter.

Wir alle haben hin und wieder Wünsche, was den gemeinsamen Sex angeht. Oft ist es schwierig, diese anzusprechen, da unser Gegenüber ja mit Ablehnung reagieren könnte. Ich möchte dazu ermutigen, Anliegen und Wünsche zu äußern. Denn es ist wichtig, dass meine Partnerin, mein Partner weiß, wie ich mir die Sexualität vorstelle. Auf der anderen Seite darf ich versuchen, für Vorschläge offen zu sein und nicht zu verurteilen.

Selbstannahme

Wie stehe ich eigentlich zu meinem eigenen Körper? Kann ich ihn so annehmen, wie er ist – mit allen Macken und Fehlern? Denn kein Körper ist perfekt. Körperliche Selbstannahme beginnt mit wohlwollenden Selbstberührungen. Das fördert meine erotische Kompetenz. Jedes Mal, wenn ich mich berühre, lerne ich, was sich gut anfühlt, was ich mag und was weniger interessant ist. Und wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich dies auch besser kommunizieren.

Eng verbunden ist die Frage, ob ich mich als erotische Person nicht nur fühlen, sondern auch zeigen darf. Und darf mein Gegenüber meine Erregung sehen? Darf eine Frau stolz sein auf ihre Brüste, ihre Vulva, ihre Vagina? Und darf ein Mann stolz auf seinen Penis oder seine Rundungen sein? Unbedingt!

Denn wenn ich meinen Genuss zeigen kann, löst dies auch ein angenehmes Gefühl bei meinem Gegenüber aus. In der Beratung habe ich noch nie erlebt, dass jemand es störend fand, wenn seine Partnerin oder sein Partner seine Erregung zeigt.

Damit ich mich jedoch mit Stolz zeigen kann, brauche ich einen wohlwollenden Blick für mich selbst und einen guten Bezug zu meinem eigenen Körper. Und den erlange ich, wenn ich mich immer wieder und mit Freude berühre. Zusätzlich schule ich zudem meine Körperwahrnehmung und schaffe einen positiven Einfluss auf meine Gesundheit.

Gemeinsam einen Weg finden

Damit Sex immer wieder stattfinden kann, muss ich ihn auf meiner Prioritätenliste weiter hochschieben. Das braucht immer wieder bewusst eingeplante Zeit. Damit Sex regelmäßig stattfindet, darf man nicht warten, bis eines Tages die Lust auf Sex spontan entsteht. Denn es ist keinesfalls so, dass nur spontaner Sex guter Sex ist. Und wer auf den spontanen Sex wartet, kann unter Umständen sehr lange warten.

Nehmen Sie sich Zeit für Sex und zelebrieren Sie ihn. Reduzieren Sie Stress, indem Sie Internet, Telefon und Smartphone ausschalten. Suchen Sie einen Ort, an dem Sie sich wohlfühlen. Und wenn der Kontext passt, kann auch der Sex schön werden. Auch bei geplantem Sex.

Jedes Paar ist anders. Jeder Partnerteil bringt eine andere Geschichte in die Beziehung mit. Egal was gerade im Bett läuft, können Sie sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Mut, Wohlwollen und ein bisschen Einsatz, um am Thema Sex zu arbeiten.

Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich daran denke, was noch alles vor mir liegt. Ich darf immer wieder neue Facetten entdecken und die Früchte meiner Sexualität genießen.

Marvin Leu ist Sexualtherapeut. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/04/Romantisches-Paar_BN_GettyImages_AleksandarNkic_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-04-16 12:37:152026-04-16 12:37:15Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt

Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

In Krisensituationen weisen sich Paare gegenseitig die Schuld zu: Wer ist Täter, wer Opfer? Paartherapeutin Piroska Gavallér-Rothe zeigt, wie wir Verantwortung übernehmen und zu tiefer Versöhnung finden können.

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis. Er ist tief verletzt und stellt den Fortbestand der Ehe infrage: Auf einer Dienstreise hatte seine Frau ein einmaliges erotisches Intermezzo mit einem Kollegen – entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung, sich sexuell treu zu sein. Als er davon erfährt, ist er tief enttäuscht, wütend und verzweifelt und hat das Gefühl, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Und tatsächlich: Wer diesen Vorfall isoliert betrachtet, findet die Rollen von Opfer und Täter schnell verteilt. Ganz offensichtlich war es die Frau, die den Mann zum Opfer ihrer Untreue machte. Oder anders ausgedrückt: Sie hat gesündigt und Schuld auf sich geladen.

Schuld – schafft Ordnung und klare Verhältnisse

Schuld ist ein tragender Bestandteil unserer Kultur – tief verankert in rechtlichen und sozialen Denkmustern, aber auch als moralisches Konzept in der christlichen Tradition. Sie strukturiert unsere Vorstellung von richtig und falsch, schafft Ordnung, verlangt Ausgleich. Wer Opfer ist, darf Strafe fordern. Wer Täter ist, muss büßen.

In meiner Praxis nutze ich gerne mein 4-Stühle-Modell, um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen das Denken in Schuld auf den einzelnen Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen hat:

Stuhl 1: Ich bin schuld. Ich bin falsch. Ich habe versagt. Das ist der Ort der Selbstvorwürfe, der Selbstabwertung und der Scham. Die Folge ist oft der Rückzug ins Schneckenhaus – oder ins Büßerhemd.

Stuhl 2: Du bist schuld. Du bist falsch. Du hast mich verletzt. Wer dort sitzt, ist überzeugt: Mich trifft keine Schuld! Wenn jemand schuld ist, dann bist das du! Menschen auf Stuhl 2 klagen an, zeigen mit dem Finger auf andere – und fühlen sich moralisch im Recht. Die Rollen sind klar verteilt: Der oder die andere ist Täterin oder Täter – man selbst ist fein raus.

Weil sich die Schuldfrage in der Regel auf ein einzelnes moralisch oder rechtlich zu verurteilendes Verhalten fokussiert, ist es einfach, in Schuld zu denken. Doch sie verengt auch den Blick: Wie die Situation entstanden ist, bleibt unerheblich. Die Frage: „Wer ist schuld?“ spaltet zusammengehörendes Beziehungsgeschehen und reduziert das Geschehen auf Opfer und Täter.

Obwohl ich es im Grunde weiß, bin ich doch immer wieder überrascht – und erschrocken zugleich –, wie viele Menschen in den Haltungen von Stuhl 1 und Stuhl 2 verhaftet sind. Das zeigt, wie sehr Schuld- und Täter-Opfer-Narrative unser Denken und unsere Gesellschaft prägen. Und wie sehr ein solch vereinfachtes Denken Versöhnungsprozesse bremst oder sogar verhindert.

Schuld oder Beitrag zum Beziehungsgeschehen?

Zurück zu meinem Paar. Wie so häufig verändert sich der Blick auf die Situation, als es ausführlicher zu erzählen beginnt: Es stellt sich heraus, dass die Sexualität zwischen den beiden seit einigen Jahren nur noch auf Sparflamme läuft. Die drei Kinder, die berufliche Selbstständigkeit der beiden und die zahlreichen sozialen Aktivitäten fordern Kraft, Zeit und körperliche Ressourcen. Während der Mann mit der gegebenen Situation „den Umständen entsprechend zufrieden“ ist, sieht die Frau die Situation nicht so entspannt. Ihre insbesondere in den letzten Monaten zunehmende Unzufriedenheit hatte sie ihrem Mann bereits mehrfach explizit zum Vorwurf gemacht – ohne damit aber wesentliche Veränderungen der Situation bewirkt zu haben.

In der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 wird es mit diesen neuen Informationen kurzfristig recht ungemütlich, denn hinsichtlich der dort alles entscheidenden Schuldfrage ergibt sich durch die Erzählungen ein neues Bild:

Wenn es tatsächlich so ist, wie die beiden erzählen – ist dann die Frau immer noch schuld? Oder liegt die Schuld nun doch eher beim Mann, der offenbar so geflissentlich die Bedürfnisse seiner Frau ignorierte? Und auch wenn damit die Ahnung von der Mitverantwortung des Mannes „um die Ecke weht“, wird häufig am Ende doch die „moralische Keule“ gezückt. Der finale Schlag klingt in der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 etwa so: Auch wenn der Mann sich sicherlich im Hinblick auf die sexuellen Bedürfnisse seiner Frau „nicht ganz richtig“ verhalten habe, so könne man ihm ja nicht den „Vorwurf“ machen, dass er jetzt „schuld“ sei, wenn ihn seine Frau am Ende betrüge. Mit diesem Denken in schwarz und weiß kommt schnell wieder Ordnung in die Welt, denn so bleibt es einfach auszumachen, wer letztlich die Schuld an der ganzen Misere trägt.</p>

Verantwortung übernehmen – eine Haltung der Reife

Anders gestaltet sich auf Stuhl 3 und Stuhl 4 der Blick auf die Welt: Während Stuhl 1 und Stuhl 2 den Fokus auf die Schuldfrage legen, eröffnen Stuhl 3 und Stuhl 4 den Raum für neue Perspektiven:

Stuhl 3: Worum geht es mir im Grunde? Statt Rückzug oder Vorwurf richtet sich der Blick auf Stuhl 3 nach innen: Welche Bedürfnisse wurden verletzt? Welche Sehnsucht steht hinter meinem Schmerz? Und nicht zuletzt: Was ist mein Anteil daran, dass sich dieses Bedürfnis nicht erfüllt hat?

Stuhl 4: Worum geht es dir im Grunde? Stuhl 4 ist der Raum, in dem auch das Gegenüber Platz bekommt. Wer hier sitzt, hört zu, fragt nach, lässt sich berühren vom Erleben des oder der anderen – von seiner Not oder ihrer Sehnsucht.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Paartherapeutin ist es, Menschen zu sich selbst – und damit auf Stuhl 3 – zu begleiten. Für unser Paar bedeutet das:

Er erkannte, wie wichtig ihm Vertrauen und Ehrlichkeit sind – aber auch Würdigung, Wertschätzung sowie der achtsame Umgang mit der Exklusivität ihrer sexuellen Beziehung. Statt sich weiter auf die Schuld seiner Frau zu fokussieren, begann er zu spüren, wie sehr ihn das Geschehene schmerzt – ohne ins Drama eines Opfer-Narrativs zu fallen.

Sie wiederum begann zu begreifen, wie groß ihre eigene Not eigentlich war und wie sehr sie sich danach sehnt, von ihrem Mann nicht nur als Mutter und Alltagsbewältigerin, sondern auch als Frau gesehen und begehrt zu werden.

Stuhl 4 wiederum ermöglicht es, das Gegenüber einfühlsam aufzunehmen und emotional mit dem Gesagten in Verbindung zu kommen. Wenn Menschen nicht nur Argumente verstehen, sondern innere Beweggründe auf der Gefühls- und Bedürfnisebene nachvollziehen können, kann sich auch die Bedeutung eines ursprünglich verletzenden Verhaltens verändern.

Eine neue Perspektive

Diese einfühlsamen und bedürfnisorientierten Sichten auf sich selbst und das Gegenüber sind wichtig, damit die Beteiligten sich aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen lösen und stattdessen nach und nach den Blick auch auf die eigene Verantwortung für das Geschehene richten können. Das eröffnet nicht nur Räume des persönlichen Lernens, sondern ebnet auch den Weg zu einer tiefgreifenden Versöhnung.

Nicht: Wer hat recht?

Sondern: Was ist geschehen – und was lernen wir daraus?

Nicht: Wer ist Täter, wer Opfer?

Sondern: Welche Verantwortung trage ich – und welche trägst du?

Für das Paar bedeutete das:

Auf Seiten der Frau:

  • Wie klar und eindeutig habe ich meine „Bedürfnisse in Not“ an meinen Mann herangetragen?
  • Habe ich mich und meine Bedürfnisse – jenseits meiner Ausbrüche im Streit – wirklich ernst genommen und sie nachhaltig zum Ausdruck gebracht?
  • War ich mir selbst überhaupt bewusst, wie sehr ich mit meinen unerfüllten Bedürfnissen in Not war?

Auf Seiten des Mannes:

  • Wie ernst habe ich die geäußerte Unzufriedenheit meiner Frau genommen?
  • Wie sehr habe ich es mir in unserer Beziehung bequem eingerichtet – und darauf vertraut, dass „es schon passt“, egal, was meine Frau sagt?
  • Was hält mich davon ab, mit meiner Frau regelmäßig und für beide erfüllend intim zu werden?

Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen konnte ein Bewusstsein dafür wachsen, wo jeweils die eigene Verantwortung für das oberflächlich sichtbare Problem („erotisches Intermezzo“) liegt. So entstand ein gemeinsames Lernfeld. Darin konnten beide Seiten miteinander und aneinander wachsen – im Blick auf die Ursachen der Krise ebenso wie auf ihren persönlichen Umgang damit.

So kann Entwicklung entstehen – persönlich wie gemeinsam. Das 4-Stühle-Modell lässt sich auf viele andere Situationen übertragen und ermöglicht Menschen, das zu bewirken, was uns innerlich Frieden schenkt: Versöhnung, die verbindet.

Piroska Gavallér-Rothe ist Paartherapeutin und Autorin von „Wertschätzend Klartext reden“. In Vorträgen und Seminaren vermittelt sie zudem ihr 4-Stühle-Modell als praxisnahes Werkzeug für gelingende Kommunikation und reife Beziehungsgestaltung.

 

Das 4-Stühle-Modell: Wege aus der Schuldspirale

Stuhl 1: Ich bin schuld.

Selbstvorwürfe, Scham, Rückzug – oft verbunden mit Hilflosigkeit.

Stuhl 2: Du bist schuld.

Vorwürfe, Rechthaberei, moralische Überlegenheit – oft mit viel Wut.

Stuhl 3: Was brauche ich?

Selbstverbindung, Klärung der eigenen Bedürfnisse und Anteile.

Stuhl 4: Was brauchst du?

Empathie, Zuhören, Bereitschaft, das Gegenüber wirklich zu sehen.

Wer tiefer einsteigen möchte: In ihrem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschreibt Piroska Gavallér-Rothe ausführlich, wie der Wechsel von Stuhl 1 und Stuhl 2 in die Welt von Stuhl 3 und Stuhl 4 gelingt – von der inneren Selbst(bewusst)werdung bis zur Kunst des einfühlsamen, bedürfnisorientierten Zuhörens.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Taeter-Opfer_BN_GettyImages_Delmaine-Donson_E.jpg 1341 2236 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-13 09:21:372025-11-13 09:21:37Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

Nicht in Krisen: Wann Fehler wirklich die Beziehung belasten

Schwierigkeiten in der Beziehung? Paarberater Marc Bareth erklärt, warum Krisen nicht das eigentliche Problem sind und wann man am besten Vorsorge trifft.

Bei der letzten Leichtathletik-Weltmeisterschaft habe ich bei einem Tippspiel mitgemacht – aber nicht gewonnen. Oft habe ich den Sieger oder die Siegerin einer Disziplin falsch getippt, weil ich unterschätzt habe, wie schwer es ist, einen Titel zu verteidigen. Dieses Kunststück ist nur relativ wenigen Athleten gelungen, obwohl die letzte Weltmeisterschaft erst ein Jahr zurückliegt. Warum bleiben sie nicht erfolgreich? Vielleicht schleicht sich eine gewisse Nachlässigkeit im Training ein, wenn alles perfekt läuft und man die Beste der Welt ist. Das kann wohl uns allen passieren.

Dann kam der Absturz

Der gleiche Effekt ist auch in anderen Sportarten und außerhalb des Sports zu beobachten. In Zeiten des Erfolgs neigen wir offenbar dazu, nicht ideale Entscheidungen zu treffen.

Wie fast jeder hatte auch ich in den 2000er-Jahren ein Nokia-Handy. Ich hatte ein 3310, was gefühlt jeder hatte. Nokia hatte einen weltweiten Marktanteil von über 50 % (zum Vergleich: iPhones haben heute einen Marktanteil von ca. 16 %). 13 Jahre lang war Nokia unglaublich erfolgreich. Doch dann stürzte der Marktanteil innerhalb von nur fünf Jahren auf 3 % ab. Eine Mischung aus Überheblichkeit, Nachlässigkeit und fehlender Dringlichkeit führte dazu, dass in den guten Zeiten schlechte Entscheidungen getroffen wurden.

An dieser Stelle ließen sich Hunderte von bekannten und weniger bekannten Geschichten von Unternehmen, Sportvereinen, politischen Parteien und Kirchen erzählen, die alle in Zeiten des Erfolgs schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen haben, die später ihren Untergang besiegelten.

Nur nicht nachlassen

Das Gleiche gilt auch für Paarbeziehungen. Auch dort werden die entscheidenden Fehler oft nicht in Krisen, sondern in den guten Zeiten gemacht. Wenn es keine Probleme gibt und man gut miteinander auskommt, ist die Gefahr am größten, schlechte Entscheidungen zu treffen. Wertvolle Gewohnheiten wie regelmäßige ungestörte Austauschzeiten werden dann allzu leicht aufgegeben – sie scheinen ja nicht mehr nötig zu sein. Oder auch wertschätzende Worte oder das ernsthafte Interesse an der Veränderung des Gegenübers verabschieden sich gerade in guten Phasen schnell durch die Hintertür. Es ist ja alles in Ordnung, warum sollte ich mich da noch besonders um die Beziehung kümmern?

Gerade in guten Zeiten bietet sich die Chance, die eigene Beziehung auf ein solides Fundament zu stellen, das auch Stürmen  und Krisen standhält. Natürlich wissen wir, dass das wichtig wäre. Aber weil es fast nie dringend ist, versäumen wir es trotzdem. Denn im Gegensatz zu Kindern schreit eine Paarbeziehung lange nicht so laut, wenn ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden.

Deshalb gilt für frischgebackene Leichtathletik-Weltmeister ebenso wie für Paare, bei denen es „eigentlich ganz gut“ läuft: Angesichts unserer Neigung, in erfolgreichen Phasen weitreichende Fehler zu begehen, lohnt es sich, gerade in diesen guten Zeiten besonders wachsam zu sein und die Weichen so zu stellen, dass wir unsere Ziele auch in Zukunft erreichen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/07/Empathie_BN_GettyImages_fizkes-1263543065.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-06 14:37:542025-11-06 14:37:54Nicht in Krisen: Wann Fehler wirklich die Beziehung belasten

Die gemeinsame Zukunft zimmern: 7 Tipps für Langzeitpaare

Die Kinder sind groß und gehen langsam aus dem Haus. Wie seht ihr auf die gemeinsame Zukunft? Mit Vorfreude oder Alltagssorgen? Die Paarcoaches Susanne und Marcus Mockler geben 7 Ideen für eine Paarbeziehung mit Vision.

Stell dir vor, du stehst mit deinem Partner vor einer riesigen Leinwand. Die Farben leuchten, die Pinsel sind bereit. Aber anstatt einfach loszulegen, fragt ihr euch: Was wollen wir eigentlich malen? Wie soll unser gemeinsames Werk aussehen? Diese Frage ist nicht nur für Künstler mega-wichtig, sondern auch für uns Paare, die ihre gemeinsame Zukunft zusammen gestalten wollen.

Die Vision: Euer innerer Kompass für die gemeinsame Zukunft

Ein altes schottisches Sprichwort sagt: „Wenn wir heiraten, übernehmen wir einen versiegelten Brief, dessen Inhalt wir erst auf hoher See lesen.“ Krass, oder? Am Anfang der Beziehung hätten wir nie gedacht, welche Stürme das Leben bringt. Kinder, Karriere, Krankheiten, Krisen – all das verändert uns. Deshalb ist es so wichtig, immer wieder innezuhalten und zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin?

Insbesondere dann, wenn die Kinder größer werden und aus dem Haus gehen, ergeben sich neue Spielräume, um Ideen zu entwickeln, Neues zu wagen oder nochmals durchzustarten – vielleicht beruflich, aber vor allem als Paar. Die Kraft ist noch da, nun ist auch mehr Zeit verfügbar, weil die Kinder nicht mehr so viel brauchen. Dann kann es losgehen. Nur wohin?

Eine gemeinsame Vision ist wie ein Kompass. Sie kann uns im Alltag leiten. Paare mit einer klaren Vorstellung und Perspektive sind glücklicher und stärker als Paare, die ziellos irgendwohin driften. Denn sie ziehen an einem Strang und lassen sich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Aber wie entsteht so eine Vision? Die findet ihr nur heraus, wenn ihr miteinander sprecht. Hier ein paar konkrete Schritte, wie das einfacher wird.

Sieben Schritte zur Vision

Schritt 1: Euer Dreamday

Einmal im Jahr solltet ihr euch einen „Dreamday“ gönnen. Das ist kein Tag zum Ausruhen, sondern ein Date, an dem ihr über eure Träume und Ziele sprecht. Wo seht ihr euch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren? Was wollt ihr unbedingt erleben? Welche Wünsche habt ihr als Paar – und welche Wünsche hat jeder für sich?

Folgende Fragen können euch dabei helfen:

  • Was wollen wir gemeinsam unbedingt erreichen?
  • Welche aufregenden Orte wollen wir sehen?
  • Welche Fähigkeiten wollen wir uns aneignen?
  • Welches gemeinsame Hobby oder Ehrenamt könnten wir starten?
  • Wie stellen wir uns den Ruhestand vor, wenn wir alt und grau sind?

Schreibt eure Antworten auf, visualisiert eure Ziele mit Bildern oder Collagen. Ein Traumhaus, eine Weltreise, ein Gartenprojekt – alles ist erlaubt!

Schritt 2: Die Finanzen klären

Geld ist ein Thema, das viele Paare lieber umgehen. Aber wer die gemeinsame Zukunft gestalten will, kann das nicht beiseite lassen. Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit der Vorsorge anzufangen? Die Antwort: vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt!

Analysiert eure Ausgaben. Wofür gebt ihr unnötig Geld aus? Wo könnt ihr sparen? Setzt euch finanzielle Ziele: Wie viel wollen wir für den Ruhestand auf die hohe Kante legen? Welche Versicherungen brauchen wir wirklich? Was wollen wir unseren Erben hinterlassen?

Wichtig: Mach deinen Partner zum Co-Piloten. Wenn einer allein die Finanzen regelt, gibt es oft Stress. Und es kann schwierig werden, wenn nur einer von euch beiden Einblick in die Vermögenssituation hat. Was, wenn diesem Partner mal etwas zustößt? Es ist ratsam, dass beide genug wissen, um im Notfall die Finanzen übernehmen zu können.

Schritt 3: Gesundheit und Fitness stärken

Natürlich hat man vieles in Bezug auf die gemeinsame Zukunft nicht im Griff. Das Älterwerden bringt Veränderungen mit sich, die nicht immer schön und angenehm sind. Statt dagegen anzukämpfen, solltet ihr lernen, damit umzugehen. Und ihr könnt euren persönlichen Beitrag dazu leisten, damit ihr mit höherer Wahrscheinlichkeit gesund alt werdet.

Investiert in eure Körper und Seelen. Bewegt euch regelmäßig, esst gesund und gönnt euch Auszeiten. Bleibt mental fit: Lest Bücher, löst Rätsel oder lernt eine neue Sprache.

Ein weiterer Punkt: Sorgt dafür, dass ihr beide für den Notfall Bescheid wisst. Wüsstest du, wo wichtige Dokumente und Konten sind, wenn dein Partner im Krankenhaus liegt? Habt ihr Vorsorgevollmachten und eine Patientenverfügung unterschrieben? Auch das ist ein unschönes, aber wichtiges Thema. Sprecht darüber, wie ihr euch im schlimmsten Fall euer Ende vorstellt. Dann muss niemand raten.

Schritt 4: Soziale Netze pflegen

Eine starke Beziehung lebt nicht nur von der Zweisamkeit, sondern auch von den Beziehungen nach außen. Freunde, Familie, Nachbarn – all das gehört dazu. Macht Fahrradtouren, Grillpartys, Spieleabende. Ein guter sozialer Zusammenhalt ist wichtig.

Es muss übrigens nicht alles gemeinsam unternommen werden. Unternehmt was mit anderen. Ob Männerrunde oder Mädelsabend – tut auch jeder persönlich etwas zur Pflege von Beziehungen. Gerade Männer tun sich hier oft schwer. Aber es ist wichtig, gute Freundschaften zu haben, um sich auszutauschen und auch um mit Problemen nicht allein zu bleiben.

Helft andererseits als Ehe-Team Freunden beim Umzug oder engagiert euch ehrenamtlich. Das stärkt eure Bindung und verstärkt in euch die Gewissheit, Teil von etwas Größerem zu sein.

Schritt 5: Glauben vertiefen

Für viele Paare ist der Glaube wichtig. „Couples who pray together stay together“ („Paare, die gemeinsam beten, bleiben zusammen“) – da ist was dran. Wir beobachten, dass Paare, die ihren Glauben teilen, tendenziell stärkere Beziehungen haben und weniger trennungsgefährdet sind. Das ist natürlich keine Garantie. Man muss auch gemeinsam an der Ehe arbeiten. Aber der gemeinsame Glaube stärkt die Bindung zwischen euch.

Fangt lieber klein an, als gar nichts zu machen: Betet vor dem Essen, lest jeden Morgen eine Bibelstelle oder die Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine. Engagiert euch gemeinsam in eurer Gemeinde oder unterstützt ein Hilfsprojekt. Das schweißt zusammen und gibt eurer Beziehung Tiefe.

Schritt 6: Krisen als Booster nutzen

Keine Beziehung ist perfekt. Aber gerade in schweren Zeiten zeigt sich, was ein Paar wirklich verbindet. Seid ehrlich miteinander. Teilt eure Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Sucht euch professionelle Hilfe, wenn ihr allein nicht weiterkommt. Statt euch auseinanderzuleben, seht Veränderungen als Chance, euch neu kennenzulernen.

Schritt 7: Den Alltag begeisternd leben

Letztendlich geht es darum, euer Leben mit kleinen Dingen zu etwas Besonderem zu machen. Anstatt im Alltagstrott zu versinken, gestaltet ihn proaktiv. Kocht zusammen neue Rezepte. Tanzt in der Küche. Macht spontane Ausflüge oder überrascht euch gegenseitig. Denkt daran: Glück entsteht nicht durch große Events, sondern durch die kleinen Momente, die wir bewusst erleben.

Fazit: Eure gemeinsame Zukunft startet jetzt!

Eines Tages werden wir sterben – aber an allen anderen Tagen nicht. Also lasst uns die Zeit nutzen, um unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Redet miteinander, träumt zusammen und arbeitet Hand in Hand an euren Zielen. Denn eines ist sicher: Eine Beziehung, die gepflegt wird, kann auch nach Jahren noch mega-aufregend sein und vor allem zunehmendes und tieferes Glück bringen.

Also: Pinsel raus und los geht’s mit dem Malen! Eure Zukunft wartet!

Susanne & Marcus Mockler sind seit über 30 Jahren verheiratet und engagieren sich für starke Ehen (geliebtes-leben.de). Sie haben acht erwachsene Kinder. Susanne arbeitet als Paartherapeutin, Marcus ist Journalist. Gemeinsam haben sie das Buch „Da geht noch was! 7 Liebes-Booster für Langzeitpaare“ (adeo) geschrieben.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/08/Gemeinsame-Zukunft_GettyImages_shapecharge_E.jpg 1325 2262 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-08-12 10:59:562025-08-12 10:59:56Die gemeinsame Zukunft zimmern: 7 Tipps für Langzeitpaare

Auf die innere Haltung kommt es an: Wie positive Annahmen die Partnerschaft beeinflussen

Die innere Haltung, mit der wir unserem Partner begegnen, hat entscheidende Auswirkungen auf unseren Umgang miteinander.

Der Mensch verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, aus kurzen Beobachtungszeiträumen und minimalen Hinweisen umfassende soziale Informationen abzuleiten – ein Phänomen, das in der Psychologie oft als „Thin Slicing“ bezeichnet wird. Studien belegen, dass wir schon innerhalb weniger Sekunden subtile nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimmlage verarbeiten, um emotionale Zustände, Beziehungen und sogar Konfliktdynamiken zu erkennen.

Falsch verstanden

Diese Fähigkeit spielt auch in Partnerschaften eine entscheidende Rolle. Bei unserem Partner bemerken wir oftmals noch schneller, wenn etwas nicht stimmt. Gleichzeitig ist die Partnerschaft aber auch der Ort, an dem diese Fähigkeit an ihre Grenzen stößt. Denn in einer langjährigen Beziehung interpretieren wir das Verhalten unseres Gegenübers häufig zu negativ.

Sarah kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und zieht sich in ein ruhiges Zimmer zurück, ohne groß mit ihrem Mann Markus zu sprechen. Markus interpretiert dieses Verhalten als Desinteresse oder sogar als Ablehnung – als Zeichen dafür, dass Sarah verärgert ist oder sich emotional distanziert.

Um seiner Frau etwas Gutes zu tun, kocht Markus ein besonders aufwendiges Abendessen. Dabei nutzt er zahlreiche Töpfe, spült jedoch während des Kochens keinen einzigen ab. Da er nach dem Essen sofort weiter muss, bleibt der ganze Abwasch an Sarah hängen. Sie deutet dieses Verhalten als Rücksichtslosigkeit und sogar als Missachtung ihrer Bedürfnisse – schließlich hat sie ihm schon oft erklärt, wie wichtig ihr Ordnung in der Küche ist.

Was wir unterstellen können

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in Langzeitbeziehungen immer wieder ab. Häufig sehen wir das Verhalten unseres Partners in einem übermäßig negativen Licht. In unseren Gedanken unterstellen wir ihm böse Absichten und nehmen an, seine Handlungen seien gegen uns gerichtet. Dies bezeichne ich als die Schlechtestmögliche Interpretation (SI).

Im Gegensatz dazu steht eine alternative Sichtweise, die ich die Großzügigste Interpretation (GI) nenne. Wie könnte ich das Verhalten der anderen Person am großzügigsten interpretieren? Wie ließe es sich am gnädigsten deuten? Was, wenn ich ihm oder ihr die besten Absichten unterstelle?

Schweigt sie in einem hitzigen Konflikt, wird dies entweder als passiv-aggressiv oder gleichgültig (SI) interpretiert – oder es ist ein Versuch, ihre Emotionen zu ordnen, um das Problem konstruktiv anzugehen (GI). Schlägt er eine Freizeitaktivität vor, die mehr seinen Vorlieben entspricht als ihren, wird dies entweder als egoistisch (SI) gedeutet oder als Ausdruck des Wunsches, gemeinsam etwas Besonderes zu unternehmen (GI).

Die Großzügigste Interpretation verhindert nicht nur, dass wir in einen Gegenangriff verfallen, wenn uns tatsächlich niemand etwas Böses will; sie führt uns auch oft näher an die tatsächlichen Absichten unseres Partners heran als die Schlechtestmögliche Interpretation.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/08/Paar_Kueche_GettyImages_Jacob-Wackerhausen_iStock_Getty-Images-Plus-scaled.jpg 1582 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-08-05 14:59:222025-08-05 14:59:22Auf die innere Haltung kommt es an: Wie positive Annahmen die Partnerschaft beeinflussen

Zuhören – Der Schlüssel zu einer gelingenden Partnerschaft

Wahrnehmen, zuhören, sich auf den Partner einlassen. Was auf den ersten blick banal klingt, ist gar nicht so leicht. Paartherapeutin Ira Schneider zeigt, wie das wirklich gelingen kann.

Einander zuhören: Das ist doch selbstverständlich, denkst du dir vielleicht. Klingt wie ein Hinweis, den man sich wirklich sparen kann. Jeder weiß doch, dass das wichtig ist. Moment mal – ist das wirklich so? In meinen Gesprächen habe ich oft Paare sitzen, denen das Zuhören völlig abhandengekommen ist, oder die es womöglich nie kultiviert haben. Wie aber kann echtes Zuhören gelingen? Warum lohnt es sich, wirklich zuzuhören und was kann ein Paar dabei gewinnen? Beim Zuhören kommt es vor allem auf die Haltung an. Die innere Haltung hat einen Einfluss darauf, wie wir uns beim Zuhören verhalten und wie wir unserem Partner begegnen, während er erzählt. Haltung entsteht, wenn wir uns im Vorhinein darüber klar werden, wie wir uns verhalten wollen und welche Werte wir dabei vertreten. Drei Herangehensweisen können helfen, das Zuhören in ein verbindendes und ereignisreiches Erlebnis zu verwandeln.

1. Den anderen beschnuppern

Es braucht ein Eintauchen und ein Beschnuppern. Die Haltung, die das Zuhören zu einer Liebestat verwandelt, ist die pure Neugier. Sie ist der Schlüssel, der das Gegenüber immer wieder neu entdeckt. Neugier ist ehrlich. Sie ist interessiert. Sie ist im wahrsten Sinne gierig auf das Neue, das sie erfahren kann. Sie führt dazu, dass wir uns Zeit nehmen, fallen lassen und aufrichtig nachfragen.

2. Eintauchen in die Welt des anderen

Wer zuhört, öffnet sein Herz. Es geht darum, sich voll und ganz mit allen Gedanken auf das einzulassen, was der andere erzählt. Es bedeutet, sich der Gefühlswelt des anderen zu öffnen. Ich würde sogar sagen, dass echtes Zuhören auch bedeutet, sich zu merken, was der andere erzählt. Wer zuhört, schenkt den Prozessen, den Gefühlen und Erlebnissen seines Gegenübers wahrhaftig Raum in seinem Inneren.

3. Wertungsfreie Atmosphäre

Die Königsdisziplin des Zuhörens ist wohl das Hören, ohne zu moralisieren, zu bewerten und ohne zu unterbrechen. Auf diesem Königsweg unterwegs zu sein, ist kein Spaziergang. Es funktioniert nur, wenn man ganz beim anderen ist statt bei sich selbst. Dazu gehört auch mal kurzweilig ein inneres Aushalten und Zurückhalten von Meinungen, Ideen und Lösungen. Es geht darum, das Gesagte als Information und Gewinn für die Beziehungsgestaltung zu betrachten.

 Einfach anfangen

Wenn es darum geht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der echtes Zuhören Raum findet, fängt man am besten selbst damit an. Wer dem anderen zuhört, kann nur gewinnen. In einer leistungsgeprägten Gesellschaft, in der wir um Zeit ringen, ist Zuhören ein Zeitgeschenk. Eine Atmosphäre ohne Druck schafft automatisch einen Ausgleich zum trubeligen Alltag. Du kannst beginnen und durchs Zuhören echte Anteilnahme leben. Dein Gegenüber fühlt sich dadurch wahrgenommen und gesehen. Dadurch entstehen Sicherheit und das Gefühl: ,,Ich habe hier Raum.“ Genau deshalb lohnt sich Zuhören!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus ihrem aktuellen Buch „Zwischen ich, du & wir – 30 inspirierende Impullse für dich und deine Beziehung“, erschienen bei SCM Hänssler.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/07/Zuhoeren_GettyImages_Antonio_Diaz_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-07-29 12:40:372025-07-29 12:40:37Zuhören – Der Schlüssel zu einer gelingenden Partnerschaft

Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst und dünnhäutig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal ist Überforderung das, erklärt Psychotherapeut Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“ Sind das Beziehungsprobleme? Oder doch Überforderung?

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Überforderung erkennen

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Ueberforderung_GettyImages_PeopleImages-e1750927338977.jpg 1120 2180 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-26 10:48:522025-06-26 10:48:52Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps
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