„Mama, ich will keine Kinder“ – So können Eltern mit der Enttäuschung umgehen

Elternfrage: „Meine Tochter (23) meinte neulich, dass sie keine Kinder haben will. Ich bin mit Blick auf mögliche Enkelkinder ein bisschen enttäuscht und frage mich, ob ich ihr das Muttersein so unschön vorgelebt habe. Wie kann ich das ansprechen, ohne ihr Druck zu machen?“

Es geht nicht um die eigenen Lebensziele

Die Tatsache, dass Ihre Tochter ihre Gedanken zum Muttersein geteilt hat, lässt vermuten, dass sie gesprächsbereit ist. Das dürfen Sie nutzen! Um ihr jedoch keinen Druck zu machen, würde ich empfehlen, diese Entscheidung nicht infrage zu stellen, sondern nachzufragen, was Ihre Tochter zu diesen Gedanken bewogen hat. Denn Gedankenspiele ohne den direkten Austausch führen nur zu Spekulationen und schaffen keine echte Klarheit. In einem solchen Gespräch sollte es nicht um Rechtfertigung, sondern um Verständnis gehen: „Was sind deine Beweggründe? Was verbindest du mit dem Muttersein? Was magst du darin nicht?“ All das darf ausgesprochen werden. Je weniger Sie die Gedanken Ihrer Tochter bewerten oder in eine bestimmte Richtung lenken, desto offener können Sie ins Gespräch kommen.

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Ihre Tochter Ihnen keine Enkelkinder schenken wird. Ihre Enttäuschung darüber darf sein und auch zum Ausdruck gebracht werden. Aber letztlich können Eltern die Entscheidungen der erwachsenen Kinder nur respektieren. Kinder haben nicht die Aufgabe, die Träume und Wünsche der Eltern zu erfüllen. Deswegen sollte ein Austausch zu diesem Thema nicht das primäre Ziel haben, Einfluss zu nehmen, um die eigenen Lebensziele zu erreichen, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wer weiß? Vielleicht kann Ihre Tochter auf der Grundlage dieser Freiheit und durch den ehrlichen Austausch mit Ihnen sogar eine neue Perspektive und ein Ja zur Mutterschaft entwickeln.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Wenn es sich fremd anfühlt

Eltern können eine Entscheidung des Kindes in Themen, die sie grundlegend anders getroffen haben, wie einen unbekannten Gast behandeln. Was bringt dieser Gast mit? Was macht den Schmerz aus? Woher kommt die Enttäuschung? Neugierig und offen können Sie sich selbst Fragen stellen: Was war oder ist so erfüllend an der Elternschaft für mich? Wie hätte mein Leben ohne Kind ausgesehen?

Nach dem „Beschnuppern“ der fremden Entscheidung, dem unbekannten Gast, könnte ein gemeinsames Gespräch mit der Tochter folgen. Dabei hilft ein klarer, unter Umständen bisher unüblicher Gesprächsrahmen: „Ich habe etwas, das ich in Ruhe mit dir besprechen möchte. Hast du in den nächsten Tagen einen Zeitpunkt, der gut für dich ist?“ Außerdem tut es dem gegenseitigen Verständnis gut, den Austausch in eine liebevolle Haltung der Annahme zu kleiden: „Ich nehme deine Aussage sehr ernst. Hilf mir, das besser zu verstehen. Hast du das Muttersein bei mir als belastend erlebt?“ Eltern dürfen dabei auch ehrlich fragen: „Gibt es etwas, in dem dich unser gemeinsamer Weg verletzt hat?“

Jede Antwort des Kindes in diesem Gespräch ist kein Gesetzesentwurf, sondern ein Statement mit dem aktuellen Tagesdatum. Darauf ohne Wertung mit „Ich denke weiter darüber nach …“ oder „Danke, für den Einblick in deine Gedanken“ zu antworten, stärkt das Vertrauen. Es kann helfen, die Akzeptanz für die Entscheidung wachsen zu lassen, bis eine vorsichtige Freundschaft zu dem zuvor fremden Gast entsteht.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Ausbildung abbrechen: Ist das wirklich sinnvoll?

Elternfrage: „Unser Sohn (19) hat eine Ausbildung zum Elektroniker angefangen. Schon nach zwei Monaten meint er, das sei nichts für ihn. Er möchte die Ausbildung abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneins. Ich denke, er sollte sich etwas anderes suchen, meine Frau meint, er müsse sich da durchbeißen. Habt ihr einen Rat?“

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
    Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
    Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung beenden, wenn …

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen, die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke und Vertrauen auf Gott.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr. Er ist stolz auf seinen Sohn (19), der trotz einer Krise im 2. Lehrjahr seine Lehre als KFZ-Mechatroniker nicht abgebrochen hat und sie bis zum Ende durchziehen will.

Mit den Eltern über den Tod reden: Tipps für offene Gespräche

Mit den alten Eltern über Sterben und Tod reden – das fällt vielen schwer. Eine Trauerrednerin erklärt, wie man letzte Dinge ansprechen kann.

In meiner freiberuflichen Tätigkeit als Trauerrednerin begegnet mir so einiges. Zum Beispiel die Familie einer Frau, die schon seit Jahren eine Diagnose hatte, die unweigerlich zum Tod führen würde. Während sie immer schwächer wurde und schließlich ins Krankenhaus kam, wussten alle, dass sie sterben würde. Doch die Familie redete nur davon, was sie noch alles vorhatten, wenn die Patientin wieder aus dem Krankenhaus käme: Sie planten Urlaube und Unternehmungen und machten einen großen Bogen darum, über den Tod zu reden.

Als die Frau verstorben war und wir zum Gespräch am Tisch saßen, erzählten sie mir, dass die Verstorbene schon alle Papiere für ihren Tod vorbereitet hatte. Es brauchte nur noch ihr Sterbedatum eingetragen zu werden. Alles war fertig, ausgedruckt und organisiert, jedes einzelne Schreiben für jede Behörde und jede Versicherung. Aber vor ihrem Tod haben sie und ihre Angehörigen kein Wort darüber verloren.

Natürlich ist es legitim, nicht über den Tod zu reden. Aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Denn jeder ist auf seiner Seite allein: die Person, die stirbt, und die, die zurückgelassen wird. Beide können von einer offenen Kommunikation profitieren. Aber häufig wird das Reden über Sterben und Tod blockiert, weil es unangenehm ist und verunsichert oder weil man es nicht gewohnt ist, über schwierige Dinge zu sprechen.

Angst und Scham

Es fordert uns heraus, darüber zu reden, dass die Eltern eines Tages nicht mehr da sein werden. Das geht sicher vielen so. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass wir eines Tages selbst die alternden Eltern sein werden. Das konfrontiert uns mit der Aussicht auf unsere eigene Endlichkeit.

Die Eltern-Kind-Beziehung ist eine der tiefsten Verbindungen, egal wie gut oder schlecht sie sein mag. Die alternden Eltern, die als nächstes dem Tod entgegensehen, müssen mit Schmerzen, Kontrollverlust und körperlichem Versagen rechnen. Auch damit, ihre Kinder und Enkel allein zurückzulassen, loszulassen und alles nicht mehr mitzuerleben. Die Kinder müssen sich damit auseinandersetzen, was ihre Verantwortung sein mag in dem unsicheren Prozess und welche Hilfe sie leisten können. Sie wissen, dass sie eines Tages ohne ihre Eltern leben werden – mit allen Konsequenzen. Das kann man in Gedanken vielleicht üben, aber man kann nicht wissen, wie es ist, bevor man es erlebt. Das macht Angst.

Ängste provoziert auch, dass beide Seiten sich mehr oder weniger bewusst sind, dass die letzte Lebensphase der Eltern die jahrelang vertieften Rollenbilder umkehren kann. Nun ist es an den Kindern, Verantwortung für die Eltern zu übernehmen. Das kann Scham auf beiden Seiten auslösen. Und es ist zu vermuten, dass sie mit einem intensiven Gefühl von Verletzlichkeit einhergeht. Schutzbedürftigkeit und Stärke wechseln die Lager. Wie wird man damit zurechtkommen? Wird die Beziehung das aushalten?

Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft der Tod ein Tabuthema ist. Man flüstert nur darüber, verschweigt es den Kindern, wo es geht, und arbeitet daran, den eigenen Tod möglichst weit nach hinten zu schieben. Im Alltag über den Tod zu reden, steht meist im Gegensatz zu dem, was wir gelernt und weitergegeben haben. Kein Wunder also, dass es Irritationen auslösen kann. Sollte ich mich trotzdem dem Thema stellen und mit meinen Eltern über den Tod reden? Macht es Sinn, sie damit zu konfrontieren? Und wie stelle ich es an?

Offener Austausch

Als meine Kinder in der Grundschule waren, machten mir andere Eltern Angst vor den Teenagerjahren: „Warte nur ab, dann wird es euch nicht mehr so gut gehen“, schien die Botschaft zu sein. Ein Erziehungsvortrag bot eine andere Perspektive: „Wenn ihr jetzt als Eltern mit den Kindern in gutem Kontakt seid und daran arbeitet, dass es so bleibt, habt ihr eine gute Grundlage für die Teenagerzeit,“ beantwortete der Referent meine sorgenvoll gestellte Frage.

Ähnlich kann man auch auf die Phase zugehen, wenn die Eltern alt werden. Wir können rechtzeitig die Beziehung zu unseren Eltern pflegen und vertiefen. Gelegenheiten zum besseren Kennenlernen und Austauschen kann man mit einem Kaffeetrinken oder Abendessen schaffen. Einstiegsfragen können sein:

  • Gab es einen Moment, der euer Leben besonders geprägt hat?
  • Was hättest du gern über das Leben gewusst, als du so alt warst wie ich jetzt?
  • Wie habt ihr schwierige Zeiten gemeistert?
  • Welche Träume habt ihr aufgegeben?
  • Welche Wünsche habt ihr für die nächsten Jahre?

Wenn wir uns selbst unseren Eltern gegenüber offen und verletzlich zeigen, fördert das den Austausch und vertieft die Beziehung. Es kann auch hilfreich sein, den Eltern Lob und Anerkennung für ihr Engagement und ihre Erziehungsarbeit zu zollen. Vielleicht hadern sie genau wie wir mit ihrem Elternsein. So ein offenes Gespräch kann eine Grundlage bilden, weiter in Kontakt zu bleiben und auch die Themen der Zukunft anzusprechen, zum Beispiel so:

„Meine lieben Eltern, auf der Family-Webseite habe ich einen Artikel gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um das Älterwerden der eigenen Eltern. Ich bin oft so mit meinen Kindern beschäftigt, dass ich nicht so sehr an euch denke. Beim Lesen des Artikels wurde mir bewusst, wie wichtig ihr mir seid. Und auch, dass ich gar nicht weiß, was euch wesentlich ist, wenn ihr alt werdet und etwas so kommt, dass ihr es vielleicht nicht mehr ausdrücken könnt. Es macht mir auch ein mulmiges Gefühl, dass ich mich vielleicht eines Tages um euch kümmere und unsere Rollen vertauscht werden. Aber ich möchte euch dann gern zur Seite stehen und wünsche mir, dass wir über ein paar Dinge reden.“

Oder: „Ich würde euch gern ein paar Fragen stellen. Die demente Mutter meiner Arbeitskollegin ist ins Pflegeheim gekommen. Ihr Vater hatte sich bisher um alles gekümmert, aber er ist vor vier Wochen plötzlich verstorben. Jetzt steht meine Kollegin allein mit der Verantwortung da und hat viele Fragen, die ihr keiner mehr beantworten kann. Ich merke, wie schwer es für sie ist. Das wünsche ich mir mit euch anders. Können wir uns mal Zeit dafür nehmen und darüber reden, welche Vorstellungen und Wünsche ihr habt?“

In diesem Kontext kann man auch auf Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu sprechen kommen. Oder man kann besprechen, ob eine 24-Stunden-Pflegekraft für zu Hause eine Möglichkeit ist oder ein Pflegeheim, in dem noch andere Menschen wohnen.

Über Essenzielles reden

Nun haben wir aber immer noch nicht über Tod und Sterben geredet, nur übers Älterwerden. Als meine Mutter im Hospiz war, sagten uns die Pflegerinnen dort, dass sterben so individuell ist wie geboren werden. Es kann länger dauern und ein Kampf sein. Es kann friedlich sein und schnell. Es kann erwartet sein oder plötzlich. Jeder stirbt anders. Jeder hat seine eigene Geschichte, oder sein eigenes Ende der Geschichte, wenn man so will. Worüber kann man da vorher reden?

Auf der einen Seite ist es sicher gut, Chancen zu nutzen, um über Essenzielles zu reden. Fragen könnten sein: Was soll dein Vermächtnis sein? Was sollen wir über dich erzählen? Was soll von dir bleiben? Gibt es etwas, das du noch erreichen oder erleben möchtest? Was möchtest du mir oder deinen Enkeln noch sagen? Wie siehst du mich? Was wünschst du dir für mich, wenn du nicht mehr da bist? Hier kann auch ein Brief oder ein Audio wertvoll sein.

Vielleicht gibt es auch wunde Stellen im Herzen, die Vergebung brauchen. Eine Bekannte hat von ihrer Mutter auf dem Sterbebett zum ersten Mal den Satz gehört: „Man hätte auch manches anders machen können.“ Es war das erste Eingeständnis, dass sie als Mutter nicht über allem gestanden und sich selbst hinterfragt hat. Diese paar Worte waren ein enormer Trost für meine Bekannte. Wenn über Sterben und Tod geredet wird, ist es ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen, was emotional noch zu klären ist, bevor jemand geht. Vielleicht ist auch eine kritische Rückmeldung möglich oder nötig: „Ich hätte mir gewünscht …“ Oder: „Diese Entscheidung habe ich nicht verstanden …“

Um über den Sterbeprozess selbst zu reden, können diese Fragen wertvoll sein:

  • Denkst du, du möchtest eher allein sein, wenn du im Sterben bist? Oder wünschst du dir, dass jemand bei dir ist?
  • Gibt es Lieder, die wir singen oder abspielen können, die dir guttun? Oder sollen wir etwas vorlesen oder mit dir beten?
  • Gibt es etwas, das dir Trost und Geborgenheit spenden würde?

Gleichzeitig ist es auch ein gemeinsamer Weg, den wir mit unseren Eltern gehen. Und es ist gut, darüber im Gespräch zu sein. Nach einer Diagnose kann die bisherige Zuversicht unerwartet schnell umschlagen. Schmerzen können Gottvertrauen in Frage stellen. Es ist ein Weg, bei dem wir oft nur bis zur nächsten Biegung schauen können – danach kann alles passieren. Jeder Abschnitt mag sich anders anfühlen. Aber wenn wir gelernt haben, im Kontakt zu sein und Gefühle und Ängste auszusprechen, ist keiner allein.

Aufeinander zugehen

Ich bin fest davon überzeugt, dass beide Seiten emotional profitieren und sich gegenseitig stützen können, wenn der Austausch früh angefangen hat und in herausfordernden Zeiten weitergehen darf. Dieser Weg, der unterschiedlich endet, kann lange gemeinsam gegangen werden.

Mit den Eltern über Sterben und Tod zu reden, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Da darf jeder und jede einen eigenen Weg finden, auf dem es kein richtig oder falsch gibt. Manches, was eine Seite sich wünscht, kann die andere nicht ertragen. Aber es ist gut, mutig zu sein, aufeinander zuzugehen und damit zu rechnen, dass Nähe wachsen kann. Mit offenen Augen und einem offenen Herzen lassen sich Möglichkeiten finden, um über praktische und persönliche Dinge zu sprechen und sich gegenseitig zu tragen.

PS: Vergesst nicht, nach dem Rezept vom leckeren Kartoffelsalat zu fragen!

Debora Güting lebt in Linsengericht. Sie hat vier Kinder, zwei davon erwachsen. Sie arbeitet derzeit mit psychisch kranken Menschen und als Trauerrednerin.

Beruflicher Neustart: Praktische Tipps für deine Bewerbung

Wer sich für einen beruflichen Neustart entschieden hat, steht vor praktischen Herausforderungen. Wie du eine Stelle findest und wie die Bewerbung funktioniert, erklärt Businesscoach Carmen Gladhofer.

Auf der Suche nach der passenden Arbeitsstelle kann man erst einmal die einschlägigen großen Online-Jobportale sichten. Hier sind aufgrund der Anzeigenkosten tendenziell eher mittelständische und größere Unternehmen zu finden. Die Portale bieten viele Filtermöglichkeiten wie Umkreissuche, Pendelzeit, Arbeitszeitmodell, Berufsfelder, (Sprach-)Fähigkeiten, gewünschte Anstellungsart, bevorzugte Bewerbungsart …

Wenn es eher um eine Stelle bei kleineren und lokalen Arbeitgebern geht: Bitte andere, die Augen und Ohren offen zu halten. Frage auch selbst bei interessanten Firmen nach. Dies gilt insbesondere, wenn das Unternehmen keine eigene Website hat. Oft vernachlässigt, aber dennoch bei der lokalen Suche hilfreich: Die Angebote bei der Bundesagentur für Arbeit. Diese sind ebenfalls online verfügbar und mit etlichen Filtermöglichkeiten ausgestattet. Auch Anzeigen in der lokalen Presse, in Fachzeitschriften oder spezifische Kongresse bieten die Möglichkeit, themen- oder branchenspezifisch von möglichen offenen Stellen zu erfahren.

Was für große und kleine Arbeitgeber gilt: Hast du ein bestimmtes Unternehmen im Auge, bei dem du dich bewerben willst, dann schau zunächst (sofern vorhanden) einmal auf der Website vorbei. Du hast dich bisher gegen einen Social-Media-Account entschieden? Überlege dir dennoch, dir zeitweise einen Account anzulegen. Das heißt nicht, dass du dort aktiv posten oder kommentieren musst. Zu den Social-Media-Portalen gehören längst nicht nur Instagram, Facebook oder TikTok. Über spezifische Portale mit einem starken Fokus auf Business-Themen wie LinkedIn und (in gewissen Teilen) XING kann man zukünftige Arbeitgeber finden oder zumindest weitere Informationen generieren.

Die richtige Stelle?

Gerade in der Lebensmitte sind viele unsicher, wie denn ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt aussehen. Überspitzt gesagt: Es sollte sich von selbst verstehen, dass man sich als Einsteiger ohne Berufserfahrung eher nicht auf eine Stelle als Geschäftsführer mit entsprechender Berufserfahrung bewerben sollte. Gleichzeitig ist mangelnde Erfahrung für eine Aufgabe auf der nächsten Hierarchiestufe nicht gleich ein No-Go.

Denn aktuell gibt es im Vergleich zu früheren Krisen einen Vorteil für Bewerberinnen und Bewerber: die schrumpfende Gesamtmenge an Arbeitnehmern. So müssen die Unternehmen im Hinblick auf erwartete Qualifikationen und Erfahrungen zwangsweise durchlässiger werden.
Mit der Analyse deiner Situation, die ich dir in Teil 1 und Teil 2 dieser Serie vorgestellt habe, sollte eine Entscheidung, ob du dich auf eine Stelle bewerben willst, deutlich einfacher für dich sein. Beim Lesen der Ausschreibung kannst du folgendes identifizieren:

  1. Welcher Ausbildungsgrad durch eine Ausbildung/Studium/Weiterbildung oder erste/mehrjährige Berufserfahrung ist gefordert?
  2. Was erwartet dich inhaltlich?
  3. Nach welcher Persönlichkeit wird gesucht?
  4. Welche Kompetenzen werden benötigt? Achte dabei besonders auf die Formulierung derjenigen Aufgaben, die mit deiner Persönlichkeit einhergehen. Zum Beispiel:
    „Mit Ihrer offenen Art gewinnen Sie schnell das Vertrauen der Kunden.“
    „Das Finden von pragmatischen Lösungen motiviert Sie.“
    „Die sorgfältige Erstellung der täglich anfallenden Dokumentation.“
    „Erste Führungserfahrung ist wünschenswert.“

Sollte die Stellenbeschreibung sehr kurz gehalten sein, wie zum Beispiel: „Sie erstellen die täglich anfallende Dokumentation“, dann überlege, welche (deiner) Kompetenzen für diese Anforderung hilfreich sind.

Die Bewerbung

Wie das Bewerben genau funktioniert, hängt vom Unternehmen ab. Inzwischen bevorzugen nur noch wenige und eher kleinere Unternehmen die Unterlagen schriftlich als Mappe oder per Mail. Der Grund: Es gibt dort keinen Personaler oder gar ein webbasiertes Bewerbermanagementsystem. Gibt es ein solches aber, sollte dir das keine Sorgen bereiten. Diese Systeme sind recht benutzerfreundlich.

Zum Teil findest du dort Quick-Bewerbungsformulare mit extrem wenigen Fragen. Manchmal sind zu Beginn noch stellenspezifische Fragen vorgeschaltet. Am Ende erhältst du aber in den allermeisten Fällen die Möglichkeit, entweder ein Anschreiben und die individuellen Dokumente wie Lebenslauf (CV) und passende Zeugnisse hochzuladen oder die Informationen in entsprechende Masken einzutragen. Bei allen technischen Möglichkeiten: Arbeite sorgfältig und mache es dem Leser möglichst leicht durch verständliche Dateinamen, Seitensortierung etc.

Du fragst dich vielleicht: Kann ich die Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, um ein passendes Anschreiben für meine Bewerbung zu erstellen? KI kann hilfreich sein, die wesentlichen Aspekte einer Stelle herauszufiltern und mit dir und deiner Vita zu verknüpfen. Das Ergebnis „einfach abzusenden“ empfehle ich aber nicht. Denn der im Hintergrund arbeitende Algorithmus nimmt darauf maßgeblich Einfluss und kann wichtige Aspekte anders werten.

Die Vorteile, wenn du selbst schreibst:

  • Du bereitest dich gleichzeitig auf ein potenzielles Bewerbungsgespräch vor.
  • Du lieferst eine passgenaue Bewerbung, mit der du auffällst. Denn ein Personaler merkt, ob jemand sich mit einer konkret formulierten Stellenanzeige auseinandergesetzt hat.

Deshalb:

  1. Pick dir die aus deiner Sicht wesentlichen Aspekte einer Aufgabe heraus und begründe über deine Ausbildung/Studium/Weiterbildung, deine (ggf. auch fachfremden) Erfahrungen, deine Persönlichkeit und damit einhergehenden Kompetenzen, warum genau du mit viel Freude zum (nicht nur monetären) Erfolg des Unternehmens beitragen kannst.
  2. Benenne, warum du genau bei diesem Arbeitgeber arbeiten möchtest (und nicht bei der Konkurrenz). Hier hilft ein Blick auf die Website, um etwas über das Selbstverständnis, die Vision und Werte eines Unternehmens zu erfahren. Mit der in Teil 1 und 2 beschriebenen Analyse deiner Werte kannst du einen Bezug zwischen dir und dem Unternehmen herstellen. Du findest dazu nichts? Überlege, was mögliche Werte eines Arbeitgebers in dieser Branche sein könnten.
  3. Der Lebenslauf ist noch immer ein wichtiger Bestandteil einer Bewerbung. Er sollte die von dir im Anschreiben gemachten Angaben (auch Ehrenamt oder Hobbys) aufgreifen und sich selbstverständlich mit den Angaben aus den Zeugnissen decken. Vorherige Stationen mit Aufgaben oder Kompetenzen, die auch für den zukünftigen Job nützlich sind, können dabei ein wenig umfangreicher dargestellt werden.

Die Zeit des Abwartens

Ist die Bewerbung abgeschickt, heißt es Abwarten. Dies kann leider dauern. Wie die Auswertung von Bewerbungen abläuft, unterscheidet sich zum Teil auch innerhalb eines Unternehmens erheblich. Eine häufige Frage lautet: „Soll ich den Personaler anrufen und den Stand der Dinge erfragen?“ Die Antwort heißt: „Es kommt darauf an – auf die einstellende Person, die aktuelle Situation im Unternehmen und die konkrete Frage.“ Anders ausgedrückt: In der Regel sind die Personaler mit ihrer täglichen Arbeit gut ausgelastet. Wichtige Fragen werden aber, auch im Sinne der Arbeitgeberattraktivität, immer gern beantwortet. Was sind nun wichtige Fragen?

  • Rückfragen, um herauszufinden, ob die zu erfüllenden Aufgaben oder erwarteten Anforderungen zueinander passen könnten
    Organisatorische Details abklären (zum Beispiel zur Vakanz einer Stelle)
  • Rückfragen zum Stand der Bewerbung mehrere Wochen nach dem Ende der Bewerbungsfrist

Von Anrufen, um sich „ins Gespräch zu bringen“ oder Überzeugungsreden in eigener Sache würde ich absehen. Sie sind meist leicht zu enttarnen und hinterlassen schlimmstenfalls einen schalen Beigeschmack.

Die Zeit des Wartens ist anstrengend und nervenaufreibend – gerade, wenn du auf deine vermeintliche Traumstelle gestoßen bist. Ich rate dennoch davon ab, den Bewerbungsprozess jetzt einzustellen. Denn: Bis es zu einer Einstellung kommt, sind noch einige Hürden zu nehmen. Schlimmstenfalls ist viel Zeit verloren, wenn du abwartest, ob diese eine Bewerbung wirklich zum Erfolg führt. Also nutze die Zeit! Du kannst nur gewinnen.

Hier geht es zu Teil 1 der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Hier geht es zu Teil 2: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“

Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Wenn der Klassenkamerad das Geschlecht wechselt

Elternfrage: „Ein Klassenkamerad meines Sohnes (16) hat vom Selbstbestimmungsgesetz Gebrauch gemacht und hat jetzt einen weiblichen Namen. Wie würdet ihr das mit euren Teenagern thematisieren?“

Das ist nicht „Iiiiiihhh“

Über dieses Thema haben wir als Familie immer wieder diskutiert und die Argumente, die für und gegen die Akzeptanz der Geschlechtsänderung sprechen, offen zusammengetragen. Meine Kinder forderten von mir schon sehr früh die volle Akzeptanz, wenn ich mich eher herausgefordert gezeigt habe. Ihre Meinung haben sie durch die Schule und Social Media geformt. Ich erlebe jedoch auch, dass Jugendliche an der Schule, an der ich arbeite, mit einem „Iiihhh!“ und völligem Unverständnis reagieren, wenn sie eine Geschlechtsumwandlung mitbekommen.

Ich frage sie dann, ob sie der Richter sind und genau wissen, was richtig und falsch sei. Ob sie nachgefragt haben, was die Person dazu bewegt habe, sich für eine andere Geschlechterrolle zu entscheiden und wie sie das Gebot der Nächstenliebe deuten, wenn sie jemanden abstempeln und unüberlegt mit einem „Iiihhh!“ in eine Ecke katapultieren. Steht uns das als Menschen zu? Und was macht es mit meinem Nächsten, wenn ich so mit ihm oder ihr umgehe? Als Familie haben wir uns dazu entschlossen, diese Personen als Nächste zu sehen und auch so zu behandeln.

Stefanie Böhmann ist Pädagogin und individual-psychologische Beraterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Suche nach Frieden

Mir wäre es wichtig, mit meinem Sohn zunächst darüber zu reden, dass Jesus diesen Mitschüler unendlich liebt. Ich würde ihn sensibel dafür machen wollen, dass sein Mitschüler bis zu dieser Entscheidung bestimmt eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht hat und dass er einen Weg sucht, um innerlich Frieden zu finden, sich körperlich und seelisch stimmig zu fühlen, sich als ganz zu erleben. Die Änderung seines Geschlechtseintrages und Namens ist sein Weg, den er mit der Hoffnung einschlägt, dadurch Frieden zwischen Körper und Seele zu finden.

Gleichzeitig würde ich meinem Sohn aufzeigen, dass ich davon überzeugt bin, dass ihm diese äußeren Veränderungen keinen schlussendlichen Frieden schenken können, weil er mit diesem Weg gegen seinen Körper „arbeitet“. Und gegen einen Teil von sich selbst zu sein, wird ihn immer in Unfrieden lassen. Deshalb wäre es mir ein Anliegen, meinen Sohn zu ermutigen, (mit mir) für seinen Mitschüler zu beten, dass Gott ihm in seiner Liebe begegnet, er Jesus kennenlernt und er Körper und Seele zueinander finden lässt, sodass seine Identität als junger Mann ganz hergestellt wird.

Tobi Schöll ist Papa von drei Kids, leitet den Christus-Treff Berlin und ist als Jugendevangelist unterwegs.

Entscheidung akzeptieren

Ich würde den Mut der Person loben, die diese Entscheidung getroffen hat. Unfreiwillig von der Norm abzuweichen, kann für viele Menschen ein hartes Los sein. Sich dieser Abweichung zu stellen und zu ihr zu stehen, verdient Respekt. Ja, die Bibel, so wie ich sie verstehe, sieht diese Abweichungen nicht vor. Da gibt es nur Mann und Frau, die jeweils das andere Geschlecht lieben. Doch unabhängig davon, wie man sich in diesem Dilemma zwischen biblischer Sexualethik und heutigen Moral- oder Gendervorstellungen positioniert: Diese Positionierung spielt bei der Entscheidung des Klassenkameraden keine Rolle.

Denn es ist seine Entscheidung, nicht meine. Und da seine Entscheidung keine andere Person schädigt, seine Freiheit also nicht die Freiheit anderer berührt, kann sie einfach akzeptiert werden. Und das tun junge Menschen für gewöhnlich auch – schwer tun sich nur die Erwachsenen.

Hauke Hullen ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften und hat fünf Kinder.

Nicht von Gottes Liebe abgeschnitten

In meinem nahen Umfeld gibt es zwei Jugendliche, die sich als transgender und queer geoutet haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht, sich nicht in ihrem Körper wohlzufühlen. Ich kann mir nur annähernd die Zerrissenheit vorstellen, die diese Erkenntnis und die daraus resultierende Selbstfindungsreise für die Familie bedeutet. Das Selbstbestimmungsgesetz wurde in ihren Kernfamilien gemeinsam mit Sekt gefeiert und zeigte ihnen, dass sie gesehen und ernst genommen werden.

Die beiden haben genau wie alle anderen auch Menschenrechte. Sie brauchen vor allem Unterstützung von der Gesellschaft, damit sie die Möglichkeit haben, ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Es ist nicht an mir, das von außen zu be- und verurteilen. Glücklicherweise, so denke ich, sind wir nicht von Gottes Liebe abgeschnitten, weil wir uns in unserem Geburtskörper nicht wohlfühlen. Seine Liebe ist so groß, dass sie uns in unseren individuellen Lebenswegen umhüllt, sodass wir uns bei ihm gehalten wissen können, wenn es uns schier innerlich zerreißt.

Priska Lachmann lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Sie ist Theologin, Journalistin und Autorin.

Beruflicher Neustart: So triffst du eine gute Entscheidung

Die Lebensmitte bietet die Chance, sich beruflich neu zu orientieren. Businesscoach Carmen Gladhofer erklärt, worauf es in der Entscheidungsphase ankommt.

Im ersten Teil meiner Artikelserie ging es um das Nachdenken über den Status quo. Er endete mit der Aufforderung, zunächst eine eigene Vorstellung im Hinblick auf das weitere berufliche Leben zu entwickeln, bevor es um die gemeinsame Entscheidungsfindung als Paar geht. Die Grundlage dafür bildet die jeweilige Vision des Lebens und die berufliche Mission.

Die Vision deines Lebens

Deine Vision entspricht einem Bild davon, wie du dir die Welt, in der du lebst, im Idealfall vorstellst. Eine Vision hat Zugkraft für dich. Oft bezieht sich die Vision auf einen bestimmten Teilaspekt der großen Themen dieser Welt. Beispiel: Klima, Gerechtigkeit, Hunger, Konflikte, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Bildung, technologischer Fortschritt … Es ist ein Thema, das dich in deinem Leben immer wieder bewegt, begeistert oder aufrüttelt.

Beispiel Klimaschutz: Dieses Thema ist dir in der Gestaltung deines Alltags sehr wichtig – bei möglichen Anschaffungen, deiner Einrichtung oder der Wahl des Arbeitgebers. Dir fällt es nicht schwer, dich diesem Thema zu stellen. Es bereitet dir sogar Freude – sehr im Unterschied zu anderen Personen. Wenn es nach dir ginge, würden sich alle Menschen ähnlich verhalten. Daher ist eine Vision auch die Beschreibung des Idealzustandes. Denn fairerweise solltest du anderen zugestehen, dass sie ein eigenes Thema haben, für das sie brennen. Warum hilft dir eine Vision dennoch?

Irgendwann reicht es nicht mehr, nur punktuelle Veränderungen bei beruflicher Unzufriedenheit vorzunehmen. Zumindest dann nicht, wenn du nachhaltige Ruhe und Zufriedenheit anstrebst. Dann ist es wichtig zu verstehen, was dich tief in deinem Inneren antreibt, welche Vision deine ist und wofür du brennst, damit du dies auch bei deiner Jobwahl berücksichtigen kannst. Ein Beispiel für eine Vision bezogen auf das Thema Bildung könnte sein: Du trägst die Vision von einer Welt in dir, in der es allen Menschen möglich ist, zu lernen.

Deine berufliche Mission

Deine berufliche Mission ist eine Konkretisierung deiner Vision zum aktuellen Zeitpunkt. Sie zahlt auf deine Vision vom Leben ein – unter Berücksichtigung deiner Kompetenzen, freudespendenden Aufgaben sowie deiner Bedürfnisse und Werte. Das Spannende an der beruflichen Mission ist: Sie kann sich im Zeitablauf verändern. Für das Thema Bildung könnte das wie folgt aussehen:

A) Du arbeitest auch heute noch als Lehrer oder Lehrerin an einer Schule.
Veränderung im Zeitablauf: Zu Beginn der Arbeit hast du dich über die Verantwortung als Klassenleitung sowie weitere Fortbildungen gefreut. Mittlerweile freust du dich, wenn du dich mit weniger Stunden ausschließlich dem Unterricht widmen kannst.

B) Du hast damals ein Start-up gegründet, dessen wesentliches Produkt eine selbst programmierte App mit Sprachkursen für Senioren ist.
Veränderung im Zeitablauf: Bei Gründung des Unternehmens hast du noch selbst programmiert. Mittlerweile kümmerst du dich um das Management sowie die strategische Entwicklung des erfolgreichen Unternehmens und eine zielgerichtete Vernetzung.

Das sind unterschiedliche berufliche Missionen, die jeweils beide darauf einzahlen, Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen. Welche Mission schließlich gewählt wird, hängt einerseits von den persönlichen Kompetenzen, andererseits von den Aufgaben ab, die die meiste Freude bereiten. Hinzu kommen bei der Arbeitgeber- und/oder Teamauswahl deine individuellen Werte.

Ein weiterer wesentlicher Teil der beruflichen Mission sind schließlich die individuell zu erfüllenden Bedürfnisse in der jeweiligen Lebensphase. Mögliche Bedürfnisse für die zwei Beispiele könnten diese sein:

  • Zu Jobbeginn: Entwicklung, Erfolg
  • Mit Familiengründung: Sicherheit, Ruhe
  • Nachdem die Kinder aus dem Haus sind: Sinnhaftigkeit, Qualität, Nachhaltigkeit

So können deine Bedürfnisse dich auch in scheinbar unterschiedliche Richtungen führen.

Eine Entscheidung treffen

Ist dir deine Vision klar und das Puzzle deiner beruflichen Mission zusammengesetzt, dann kannst du vielleicht bereits eine belastbare Entscheidung treffen, weil du diese spürst.

Nein – kannst du nicht? Was sind die Gründe dafür? Damit eine Entscheidung mit einem guten Gefühl getroffen werden kann, müssen sich dein Verstand und dein Bauch weitestgehend einig sein. Denn bei Entscheidungen spielt nie nur das Bewusstsein („dein Verstand“), sondern auch das Unterbewusstsein („dein Bauch“) eine Rolle. Daher kann es gut sein, dass du dir trotz umfangreicher Reflexion noch unsicher bist.

Denn dein Bauch verarbeitet und bewertet über deine Gefühle unbewusst und zudem sehr schnell einen Großteil der eingehenden Informationen. Dabei kann es zu voreiligen Schlüssen kommen, denn das Unterbewusstsein hat ein gutes Gedächtnis und mag es sicher und bequem. Dein Kopf ist zwar vergleichsweise langsamer in der Bewertung von Entscheidungen, verschafft sich aber über das bewusste Nachdenken, Impulskontrolle und Reflexion mehr Überblick. Auf diese Weise entstehen mehr Freiräume in der Planung, und die Verarbeitung in Entscheidungssituationen erfolgt flexibler. Diese unterschiedliche Vorgehensweise von Bewusstsein und Unterbewusstsein führt dazu, dass sich manche Entscheidung noch nicht stimmig für dich anfühlt.

Hilfreich kann sein, auf die Empfindungen deines Körpers zu achten. Dies kann dabei helfen, eine Einigkeit zwischen Verstand und Bauch herbeizuführen, sodass sich Empfindungen deines Körpers, wie beispielsweise Bauchschmerzen bezogen auf die Entscheidung, nicht mehr zeigen.

Mögliche Konflikte

Wenn ihr ein Paar seid und jeder von euch für sich Klarheit gewonnen hat, wird es Zeit, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Es lohnt sich, dafür Zeit einzuplanen und ein paar lockere „Spielregeln“ zu vereinbaren, zum Beispiel:

  • Lasst einander ausreden.
  • Hört das Gesagte, bewertet es aber nicht sofort.
  • Die Selbsteinschätzung (insbesondere Vision, Bedürfnisse und Werte) des anderen sollte nicht korrigiert, sondern höchstens kritisch hinterfragt werden.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Es kann sein, dass es im Zuge der gegenseitigen Vorstellung eurer Ergebnisse zu Konflikten kommt – selbst wenn euch eine ähnliche Vision eint. So kann es beispielsweise Unterschiede in dem Bedürfnis nach Sicherheit und einem Maximum an Freiheit geben. Ist dies der Fall, ist es wichtig, nicht in typische oder alte Entscheidungsmuster zurückzufallen, zum Beispiel: „Wer mehr verdient, entscheidet.“ Denn eine einseitige Fokussierung auf die Bedürfnisse führt nicht zu einer dauerhaft tragfähigen Lösung in eurem Paaralltag, deren Ziel es ist, größere berufliche Zufriedenheit auf beiden Seiten zu erreichen. Versucht stattdessen, über ein vertiefendes Gespräch ein Verständnis für das eigene Bedürfnis beim anderen zu erzeugen.

  • Bewertet die Bedürfnisse nicht, sondern hört einander aufmerksam zu.
  • Achtet auf eure Gefühle, die beim Erzählen des anderen hochkommen.
  • Wenn gewünscht: Teilt diese Gefühle. Aber: Die Verantwortung für das bei dir entstandene Gefühl trägt nicht dein Partner. Verantwortlich dafür ist dein ungestilltes Bedürfnis. Das Erzählen des Partners ist nur der Auslöser dafür, dass sich dein Bedürfnis meldet.
  • Versucht abschließend, die Konsens-Lösung zu finden, bei der euer beider Bedürfnisse bestmöglich erfüllt sind. Dies ermöglicht langfristige Zufriedenheit. Auch ein Kompromiss, bei dem von jedem ein Teil der Bedürfnisse erfüllt, beziehungsweise nicht erfüllt ist, ist denkbar.

Sehnsuchtsziele loslassen

Was auch immer deine berufliche Sehnsucht ausmacht: Spätestens jetzt ist die Gelegenheit, dich damit zu beschäftigen und eine finale Entscheidung zu treffen, ob es an der Zeit ist, diese Sehnsucht aufzugeben, damit sie für die Zukunft keine Belastung darstellt. Das bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, die zugesteht, über das Aufgeben dieser Sehnsucht zu trauern, die aber auch dabei hilft, den Blick nach vorn zu richten. Welche Gründe gibt es, berufliche Sehnsüchte loszulassen? Einige Beispiele:

  • Veränderte Rahmenbedingungen: Das Startkapital für die erträumte Selbstständigkeit fehlt.
  • Deine Kompetenzen in Form deiner Ausbildung/deines Studium passen nicht zu dem beruflichen Ziel, das du dir erträumt hast.
  • Dein Wunsch, beruflich einen längeren Auslandsaufenthalt zu erleben, ist noch nicht in Erfüllung gegangen und passt nicht mehr in die Lebensplanung.

Gerade das Aufgeben von lang gehegten Sehnsuchtszielen ist nicht leicht und darf nicht nur mit Kummer, sondern auch einer gewissen Skepsis gegenüber neuen Alternativen einhergehen. Mit der Suche nach neuen Alternativen kannst du aber versuchen, einen Teil der Sehnsüchte auf andere Art und Weise zu erfüllen.

Das wichtigste Ziel aber ist – nicht nur beim Loslassen der Sehnsuchtsziele, sondern überhaupt bei der Diskussion über eine mögliche Neugestaltung des beruflichen Weges –, zu spüren, dass du selbstwirksam bist und deinen oder euren Weg beeinflussen kannst! Hab Mut, diesen Weg zu beschreiten!

Wenn du nicht weißt, wie du selbstwirksam werden kannst: Gerade bezogen auf die Lösung von (inneren) Konflikten, bei der Entscheidungsfindung oder dem Loslassen von Sehnsuchtszielen gibt es Methoden und Lösungsansätze des Systemischen Coachings, die dir zielgerichtet bei der Neugestaltung des beruflichen Weges helfen können.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Hier geht es zu Teil 1 der Serie: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Midlife: Wann steht eine berufliche Veränderung an?

In der Lebensmitte bietet sich die Chance für eine berufliche Veränderung. Businesscoach Carmen Gladhofer gibt Tipps für den Entscheidungsprozess.

Rums! Der Kofferraum unseres Autos ist zu. Wir steigen ein und machen uns auf den Rückweg nach Hause. Gerade haben wir nun auch das jüngste Kind ausgezogen – in ein WG-Zimmer am neuen Studienort. In mir dreht ein Karussell seine Runden: Freude, Angst, Traurigkeit und Wut wechseln sich munter bei der Steuerung meiner Gefühle ab. Wir wissen beide, dass jetzt auch für uns ein neues Leben beginnt – und damit auch die unausweichliche Frage im Raum steht: Was kommt nun?

So könnte ein Roman beginnen. Oder euer echtes Leben aussehen. Denn so oder ähnlich ergeht es allen, die Kinder haben und diese irgendwann in das eigene Leben entlassen: Die Kinder werden flügge, auch wenn die Zimmer vielleicht noch nicht komplett leer sind. Die Freude über die wiedergewonnene Freiheit hat sich gegenüber der Traurigkeit über das Ende der intensiven Familienphase vielleicht noch nicht durchgesetzt. Und dennoch gilt es, sich in diesem irgendwie neuen Leben wieder einzufinden. Als Mutter, Vater, als Paar – im Alltag und im Berufsleben. Oft stellen sich die Fragen: Soll sich beruflich noch einmal etwas ändern? Wollen wir noch einmal neu durchstarten? Oder soll alles bleiben, wie es ist?

Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen: Bei einem Paar will einer endlich die berufliche Veränderung, der oder die andere möchte die berufliche Komfortzone auf keinen Fall verlassen. Das Leben bietet schließlich mehr als Arbeit. So oder so geht es nun darum, die Ist-Situation darzustellen, neue Möglichkeiten durchzuspielen, Entscheidungen zu treffen und mögliche (finanzielle) Auswirkungen auf die Familie abzuwägen.

Berufliche Veränderung – was bedeutet das?

Wichtig ist, sich die Frage zu stellen, was berufliche Veränderung für dich oder euch konkret heißt. Bedeutet Veränderung …

  • dass der erlösende Ausstieg aus dem Hamsterrad des täglichen Jobfrustes möglich wird?
  • eine Anpassung des groben Rahmens der Arbeit: den inhaltlichen Schwerpunkt oder den Grad der Verantwortung leicht anzupassen?
  • einen Neustart zu wagen: den Wechsel in eine andere Abteilung, ein (neuer) Job an einem anderen Ort, das Absolvieren einer Weiterbildung?
  • endlich Gerechtigkeit zu erfahren im Hinblick auf den Anteil von Familienorganisation und eigener beruflicher Entwicklung oder bezogen auf das Erwirtschaften des Familieneinkommens?
  • die Möglichkeit, ein lange erträumtes Projekt gemeinsam Realität werden zu lassen?
  • die Arbeitszeitmodelle anzupassen?

Sicherlich schwingt in den meisten Fällen die Frage mit, ob man sich die gewünschte Veränderung überhaupt leisten kann.

Reflexion hilft

Ein gewisses Gedankenkarussell ist normal, wenn es darum geht, ob und welche Art von beruflicher Veränderung ansteht. Das ist schon bei Alleinstehenden so. Bei Paaren verdoppeln sich die Fragen, zudem werden die Antwortkombinationen um ein Vielfaches komplexer. Umso wichtiger ist es, die bisherigen Muster in eurer Entscheidungsfindung (zum Beispiel einer gibt die Richtung vor, oder ihr hört vor allem auf das Bauchgefühl) aufzubrechen und euch eine Struktur in der Bestandsaufnahme sowie der Entscheidungsfindung zu geben.

Denn um die Frage beantworten zu können, wie eure gemeinsame berufliche Zukunft aussieht, solltet ihr einige grundlegende Fragen zunächst individuell beantworten. Dafür braucht es Zeit – sowohl sehr fokussiert, aber auch mit einer inneren Gelassenheit. Also gebt euch mehr als ein paar Abende oder Tage dafür. Solltet ihr zu den Paaren gehören, bei denen die Fragen (bald) anstehen, hier einige Gedanken für eure individuelle Reflexion:

1. Steht eine Veränderung an?

Wirf für die Beantwortung dieser Frage einen Blick auf deine Bedürfnisse. Jeder Mensch trägt in gewissem Maße zum Beispiel ein Bedürfnis nach Erholung, Sicherheit, Miteinander, Wertschätzung und Erfolg sowie einer gewissen Form von Weiterentwicklung in sich. Die vermeintlich pragmatische Antwort: „In Summe passt es schon“ hilft bei der Beantwortung aber nicht wirklich weiter – sie vermeidet eine echte Antwort. Was solltest du also tun?

  • Frag dich: Welche Bedürfnisse habe ich konkret?
  • Priorisiere deine Bedürfnisse!
  • Frag dich: Wie gut sind diese erfüllt?

Wichtig: Bedürfnisse gehören zu dir. Sie sind stabil, das heißt: Ein Bedürfnis begegnet dir nicht nur im Job, sondern auch im Privaten und kann damit in beiden Bereichen erfüllt werden. Wenn du zum Beispiel das Bedürfnis der Zielerreichung hast, kann das beruflich deine zentrale Motivation sein und privat der Antrieb, um für einen Halbmarathon zu trainieren. Liegt dein Bedürfnis eher in der Sinnhaftigkeit, willst du deine Zeit weder privat noch beruflich verschwenden.

Deine Gefühle liefern den entscheidenden Hinweis, ob deine Bedürfnisse ausreichend erfüllt sind – auch wenn die Kollegen ganz anders empfinden. Neben den Bedürfnissen spielen weitere Faktoren bei der Frage nach einer Veränderung eine wichtige Rolle. Denn auch wenn dir beispielsweise Qualität sehr wichtig ist, heißt dies nicht zwangsläufig, dass du in der Qualitätssicherung am besten aufgehoben bist.

2. Was sind deine Kompetenzen?

Es ist wichtig, zu wissen, welche Kompetenzen du hast. Dabei sind folgende Kompetenzen voneinander zu unterscheiden:

  • Welche fachlichen Kompetenzen hast du erworben (aufgrund einer Ausbildung/Studium oder der praktischen Erfahrung)?
  • Welche Kompetenzen hast du in der Zusammenarbeit?
  • Wie steht es um deine Führungskompetenzen – bezogen auf deine Selbstführung und die Führung von Mitarbeitenden?

Verlass dich bei der Einschätzung deiner Kompetenzen nicht nur auf deine Führungskraft. Führe auch eine Selbsteinschätzung durch. Und bitte nahestehende Personen ebenfalls um eine Rückmeldung. Hab dabei im Hinterkopf: Selbst wenn einige Kompetenzen als sehr stark ausgeprägt beurteilt werden, musst du dennoch nicht die ultimative Erfüllung darin finden.

Vielleicht kommt nun auch die Frage auf, die dir während der intensiven Familienjahre immer wieder in den Sinn gekommen ist: Soll ich endlich eine andere Ausbildung oder ein weiteres Studium wagen? Woher kommt dieser Gedanke eigentlich?

3. Was bereitet dir wirkliche Freude?

Weißt du, welche (kleinteiligen) Tätigkeiten dir wirkliche Freude bereiten? Dieses Wissen bietet Hinweise auf ein mögliches Betätigungsfeld – eventuell auch ohne neue Ausbildung oder Studium. Verbiete dir Totschlagargumente wie „Das ist brotlose Kunst“. Denn damit beraubst du dich spannender Gedankenexperimente. Wie kannst du also vorgehen?

  • Beobachte dich und deine bisherigen Aufgaben zwei Wochen lang – beruflich und privat. Notiere dir: Welche Aufgaben – auch sehr kleine – hast du erledigt?
  • Frage dich: Welche Aufgaben bringen dir Spaß (Skaliere dafür: 1 = sehr wenig bis 10 = besser geht es nicht)?
  • Überlege: Was tust du nur aus Pflichtbewusstsein? Welche Aufgaben fehlen dir?
  • Informiere dich: Welche Jobs beinhalten die Dinge, die dir besondere Freude bereiten? Auch wenn sie zunächst nichts mit deinem erlernten Beruf zu tun haben. Auch wenn du glaubst, dass sich das finanziell alles nicht darstellen lässt. Lass die Themen auf dem Zettel stehen und eine Zeit ergebnisoffen auf dich wirken.
  • Sprich mit einer Vertrauensperson über deine Ideen und Gedanken – ohne direkt zu bewerten oder zu entscheiden.

4. Der Einfluss deiner Werte

Einfach nur den Arbeitgeber zu wechseln, ist in der Regel keine Lösung. Gerade dann, wenn du dir sicher bist, dass es nicht dein eigentlicher Job ist, der dich frustriert. Wirf dazu einen Blick auf deine Werte, um anschließend zu klären, inwieweit dein aktueller oder ein potenzieller Arbeitgeber diese Werte teilt. Denn auch hier kann Frustrationspotenzial liegen. Deine Werte werden damit zu einer Art Richtschnur, um ein mögliches neues Umfeld auf Passgenauigkeit hin zu testen. Frag dich also beispielsweise:

  • Welche Kultur des Miteinanders, was für ein Umfeld benötigst du?
  • Wie wichtig sind dir eine klare Hierarchie im Vergleich zu dem individuellen Freiheitsgrad?
  • Wie wichtig ist dir (und was daran genau) das Miteinander im Team und mit deinen Vorgesetzten?
  • Wie wichtig ist dir nachhaltiges Denken und Handeln eines Arbeitgebers?

Setz dich mit dir und deinen Werten auseinander und prüfe anhand der Unternehmensphilosophie, der proklamierten Werte oder (eingeschränkt) auch der Erfahrungsberichte in den sozialen Medien, inwieweit dein (möglicher neuer) Arbeitgeber gut zu dir passt.

5. Wie wird entschieden?

Die kompetenteste Person, um einen Entschluss für deine weitere berufliche Zukunft zu treffen, bist du! Deshalb solltest du auch, bevor ihr als Paar wieder miteinander in das Gespräch einsteigt, eine eigene Entscheidung treffen, welche Präferenz du für dich hast.

Die Vision deines Lebens und die darauf einzahlende berufliche Mission (die all die zuvor genannten Aspekte umfasst) bieten eine abschließende Entscheidungshilfe und bereiten den Weg in das gemeinsame Gespräch und die anstehende Entscheidungsfindung. Wie darauf basierend die Entscheidungsfindung gelingen kann? Die Antwort darauf gibt es in Teil 2 dieser Serie.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Hier geht es zu Teil 3: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

Verhalten und Gefühle

Warum es manchmal hilft, zu handeln, als ob man sich anders fühlt.

Lisa hat verschlafen und ist zu spät zur Teamsitzung gekommen. Sie ist frustriert. An der Kaffeetheke drängelt sich ihr Kollege Max versehentlich vor. Normalerweise würde Lisa nichts sagen, aber heute fährt sie ihn gereizt an: „Hast du nicht gesehen, dass ich hier stehe?“ Max entschuldigt sich verdutzt.

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen, ist allen klar. Lisa hätte nicht so unfreundlich reagiert, wenn sie sich besser gefühlt hätte. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Unser Verhalten beeinflusst unsere Gefühle. Tom ist nach einem langen Tag gestresst und schlecht gelaunt. Obwohl er keine Lust hat, geht er mit ein paar Freunden essen. Die Stimmung ist gut und im Laufe des Abends merkt er, wie seine Laune sich hebt und der Stress langsam verschwindet. Unsere Gefühle und unser Handeln beeinflussen sich also gegenseitig. Das kann auch hilfreich für die Partnerschaft sein.

Keine schnelle Lösung

Es ist schwierig, unsere Gefühle gegenüber dem Partner auf die Schnelle zu ändern. Wenn er den Abwasch nicht gemacht hat oder sie vor anderen eine abfällige Bemerkung über dich macht, fühlst du dich alleingelassen oder nicht wertgeschätzt. Da nützt es herzlich wenig, wenn du versuchst, dich jetzt anders zu fühlen.

In der Regel lassen wir in einem solchen Fall unsere Emotionen unser Handeln bestimmen. Unsere negativen Gefühle führen zu einer angriffigen oder schmollenden Reaktion, die uns direkt in einen Konflikt schlittern lässt.

Zum Glück ist es kein Naturgesetz, dass wir uns unseren Gefühlen entsprechend verhalten müssen. Im Gegenteil: Wir können unser Verhalten einsetzen, um unsere negativen Gefühle zu verändern. Wenn wir uns so verhalten, als ob wir ein bestimmtes Gefühl für unseren Partner oder unsere Partnerin hätten, wird sich dieses Gefühl oft auch einstellen. Wenn wir unseren Partner zum Beispiel freundlich behandeln, werden wir uns bald auch so fühlen, auch wenn wir vorher vielleicht wütend waren.

Wohlwollend und versöhnlich

Ich plädiere auf keinen Fall dafür, Gefühle zu übergehen und immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist ungesund und vor allem nicht nachhaltig. Negative Gefühle sollen wahrgenommen und als Signale anerkannt werden, dass etwas nicht stimmt. Die Kunst besteht darin, sich dann nicht von ihnen leiten zu lassen, sondern sich trotzdem liebevoll, wohlwollend oder versöhnlich zu verhalten. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Gefühle nachziehen. Mit etwas Abstand können wir dann die Situation nochmals anschauen, die die negativen Gefühle ausgelöst hat.

Konkret könnte das so aussehen: Julia ist wütend auf ihren Partner Ben, weil er einen wichtigen Termin vergessen hat. Sie würde am liebsten distanziert bleiben und ihn ignorieren. Doch bewusst entscheidet sie sich, freundlich mit ihm zu reden und ihm von ihrem Tag zu erzählen. Während sie spricht und er ihr aufmerksam zuhört, merkt sie, wie ihr Ärger langsam abklingt und sie sich ihm wieder näher fühlt. Weil sich ihre Gefühle durch ihr Handeln verändert haben, kann sie nun auf eine konstruktive Art mit Ben ins Gespräch über die vergessene Verabredung kommen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: www.familylife.ch/five