Auf eigenen Füßen

Elternfrage: „Mein Sohn reibt sich in der Gemeinde auf und vernachlässigt die anderen Aufgaben im Beruf und Privaten. Einerseits freue ich mich ja über sein christliches Engagement. Andererseits sorge ich mich aber darum, dass ihn diese Aufgaben ‚auffressen‘. Sollte ich mich einmischen und ihn stoppen?“

Ein Paar, zwei Perspektiven

Erinnerungsmüll

Wo bleibt die Wertschätzung?

Katharina Hullen fällt es schwer, sich von Erinnerungen zu trennen.

Katharina: Heute wird das Altpapier abgeholt. Der beste Ehemann von allen hat schon alles vorbereitet. Ich stelle die Kiste nur noch schnell an die Straße. Beim Absetzen fällt mein Blick auf ein paar bunte Kritzeleien, die aus dem Zeitungshaufen hervorlugen. Entsetzt fische ich das jüngste Kunstwerk unseres Jüngsten wieder aus der Kiste und kontrolliere, ob Hauke etwa noch mehr Sachen entsorgt hat, die ich doch noch aufbewahren will. Family FIPS-Hefte zum Beispiel oder die nette Ansichtskarte der Freundin.

Ähnliche Szenen spielen sich übrigens ab, wenn mein Mann unseren Bus mit Dingen für den Recyclinghof belädt. Er räumt ein, um endlich wieder Platz in der Garage zu haben. Und ich räume wieder aus, weil ich finde, dass wir die große Wasserbahn noch behalten sollten, obwohl sie zwar nur sehr selten genutzt wird, schon etwas morsch und schwierig zusammenzubauen ist. Aber sie funktioniert noch und bestimmt wird sie im nächsten Sommer vermisst.

Schwierig, sich da zu einigen. Ich bin total dafür, Müll zu entsorgen. Aber was ist mit all den Dingen, die noch funktionieren, die noch benutzt werden können, die noch einen Wert haben – und sei es nur einen ideellen? Das fällt mir echt schwer! Und so füllen sich die Erinnerungskisten unserer fünf Kinder, die es mir später vermutlich nicht danken, dass ich so viel Zeug aufbewahrt habe. Andererseits klagen unsere drei Großen, dass Papa einfach heimlich ihre aufwendig gebastelten Schultüten entsorgt hat – was Hauke stets mit einem Siegesschrei, dass er das geschafft hat, untermalt!

Eins steht zweifelsfrei fest: Weniger ist mehr! Es ist Unsinn, sich das Haus mit Dingen zuzumüllen, die niemand mehr braucht. Leichtes Gepäck, wie im Lied von Silbermond beschrieben, ist eine schöne Vorstellung. Sich beschränken auf das Wesentliche, auf die Dinge, die man wirklich braucht – und der Rest kommt einfach weg.

Andererseits: Wo bleibt da die Wertschätzung, die Erinnerung, der verantwortliche Umgang mit dem, was mir anvertraut ist? Wegwerfen statt bewahren, Neues kaufen statt Altes wiederzuverwenden?

Zwei Herzen schlagen da in meiner Brust: Ich leide immer wieder an all dem Überfluss und der Unordnung, die er verursacht, und andererseits freue ich mich oft, Dinge noch im Haus zu haben, die wir deshalb nicht nochmal kaufen müssen. Oder wenn mein Blick auf ein kleines Kunstwerk fällt, das vor Jahren unsere inzwischen 15-Jährige mit Feuereifer kreiert hat.

Ich schätze, in diesem Thema wird wohl immer Bewegung sein im Laufe des Lebens. Mit jedem Kind, das irgendwann ausziehen wird, werden wir wohl all die Dinge nochmal durchsehen müssen und dann beherzt wegwerfen, weil wir feststellen, dass niemand Interesse mehr daran hat. Aber bis wir so weit sind, füllt sich das Haus wohl noch ein wenig.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Unsere Wohnung gleicht einem Hochregallager

Hauke Hullen zweifelt daran, dass man sich alte Sachen jemals wieder ansieht.

Hauke: Dieser Text entsteht wenige Tage vor Weihnachten und voller Schwermut, denn es wird wohl das letzte Weihnachtsfest sein, das im Hause Hullen gefeiert werden kann. Auch Geburtstag, Ostern und vor allem Muttertag werden wir fortan nicht mehr zelebrieren! Eine harte Entscheidung, ich weiß, aber unausweichlich. Denn: Die Fensterbank im Schlafzimmer ist voll!

Vollständig voll, mit allem, was kleine Kinder mit großer Liebe für den besten Papa und die beste Mama der Welt in den letzten Jahren so gebastelt haben: Glückwunschkarten, Kastanienmännchen, nie eingelöste Gutscheine, Kerzen, selbstgefaltete Schmuckkästchen, Porträtbilder, deren Entstehungsjahr an der wachsenden Anzahl der Gliedmaßen ablesbar ist, Einmachgläser mit Motivationssprüchen, Herzchen in allen Größen, Bilder, Rätsel, Gedichte, Geschichten …

Ich wette, jede Familie hat so einen Ort, wo diese Schätze gesammelt werden – irgendeinen Ordner oder eine Kiste. Bei uns ist es eine drei Meter lange Fensterbank. Und sie ist voll. Genauso wie die Oberfläche der Kommode daneben und die des Sideboards; die Wände sowieso. Und Kisten haben wir natürlich auch, im Keller. Für jedes Kind eine riesige Kiste im DIN A3-Format. Alles voll!

Katharina möchte sich von nichts trennen. Das finde ich – bezogen auf meine Person – sehr beruhigend. Unsere Wohnung, die sich in Richtung Hochregallager entwickelt, stellt es aber vor große Probleme. Muss wirklich alles für die nächsten Jahrhunderte erhalten bleiben, was unsere kreativen Kinder einst gebastelt haben?

Und warum bitte bewahrt Katharina jeden Kram auf, der irgendwann mal mit unseren Kleinen in Berührung gekommen ist? Kinderkleidung, Kinderschuhe, Schultüten – was will man damit noch anfangen? Und haben Sie eine Ahnung, wie sperrig St.-Martins-Laternen sind? Von fünf Kindern, die in jedem Kindergarten- und Grundschuljahr jeweils eine basteln? Das vorläufige amtliche Endergebnis kommt auf über 30 Laternen. Die Auszählungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Andere Familien haben eine Kiste mit Erinnerungsstücken – wir brauchen inzwischen einen ganzen Raum! Ich vermute, die Menschheit ist nur deshalb sesshaft geworden, weil es zu mühsam wurde, all den Plunder ständig mitzuschleppen. In den Augen der besten Ehefrau von allen wäre Wegschmeißen aber ein Sakrileg. Die ganzen Erinnerungen, die wieder wach werden, wenn man die kindlichen Kunstwerke in die Hand nimmt! Mag sein. Aber Fakt ist, dass wir den alten Krempel noch nie (!) wieder aus den Kisten geholt haben, um bei Kerzenschein nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen. Vielleicht sollten wir alles einmal abfotografieren, um dann von diesen treuen Wegbegleitern in einer feierlichen Zeremonie am Altpapiercontainer Abschied zu nehmen.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Seelische Verletzungen erkennen und heilen

Im Erwachsenenalter können Krisensituationen auftreten, die uns im Kern erschüttern und uns zeigen, dass etwas tief in uns nicht stimmt. Oft lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, um Fehlentwicklungen aufzudecken, um sie zu korrigieren und seelisch zu gesunden. Von Marion Geißler

Woran könnten wir erkennen, dass uns seelische Verletzungen aus der Vergangenheit einholen? Es ist oft ein Konglomerat aus Angst, Wut, Verzweiflung, mangelndem Selbstwert, Antriebslosigkeit, Trauer, Desinteresse, sozialem Rückzug, starker Gereiztheit, aggressivem Verhalten, fremd wirkenden Gefühlen oder gar Lebensmüdigkeit. Es können aber auch psychosomatische Beschwerden entstehen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Verdauungsschwierigkeiten. Um nicht darüber hinwegzusehen, ist es wichtig, regelmäßig auch mit sich selbst in Kontakt zu sein. Fragen wie: „Wie geht es meiner Seele?“, „Wonach sehnt sie sich?“, „Was raubt mir die Kraft?“ sind wichtig. Wir nennen es Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge.

Die oben genannten Symptome psychischen Angeschlagenseins, die auch in kleineren Krisenzeiten auftauchen können und dann wieder verschwinden, haben das Potenzial, sich in Zeiten der Erschütterung und des Umbruchs zu klinischen Krankheitsbildern zu verdichten. Das müssen nicht zwangsläufig negative Umbrüche sein, wie zum Beispiel Trennungen, Kündigungen oder Krankheiten. Auch freudige Ereignisse wie Schwangerschaft und Hochzeit sind mögliche Auslöser. Dann entstehen zum Beispiel Angststörungen, Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen. Nicht selten fördern diese Ereignisse seelische Verletzungen zutage, die in der Entwicklung in der Kindheit oder Jugend liegen, die es gilt, zu erkennen und daran zu arbeiten. Die Psychologie hat gute Konzepte entwickelt, die Menschen eine wertvolle Unterstützung geben können, um schädliche Muster zu erkennen, aus krisenhaften Konflikten herauszufinden und seelisch zu gesunden. Wie so etwas funktionieren kann, möchte ich kurz zeigen. Zwei meiner PatientInnen waren bereit, uns an ihrer Entwicklung teilhaben zu lassen.

Pascal: Selbstständigkeit lernen

Als Pascal (alle Namen geändert) in meine Praxis kam, war er äußerlich gesehen „erfolgreich“. Er studierte im Masterstudiengang Maschinenbau, hatte eine feste Freundin, eine Ehe zogen sie in Betracht. Er lebte immer häufiger in ihrer Wohnung. Folgende Probleme benannte er: „Ich möchte selbstständiger werden, aber meine Eltern setzen mich mit ihrer finanziellen Unterstützung für meine Wohnung unter Druck. Um meine Entscheidungen frei treffen zu können, muss ich mich von ihnen wohl finanziell ganz ablösen und mir mein Leben selbst verdienen!“

Allerdings fühlte es sich für ihn an, als würde er seinen Eltern die Freundschaft kündigen. Alles in ihm sträubte sich gegen diese Entscheidung. Sie führte bei ihm zu Ängsten, starker innerer Unruhe sowie Grübeln mit depressiven Gefühlen. Seine Mutter entwickelte Sorgen um ihn, konnte nachts nicht mehr schlafen und warf ihm vor, nichts mehr mit ihnen zu tun haben zu wollen. „Mir war damals nicht bewusst, dass diese Situation nur die Spitze eines großen Eisbergs von Situationen und Mustern war, denen ich mich stellen musste“, erinnert sich Pascal.

In den Gesprächen wurde mir klar, dass Pascals Probleme ihre Wurzeln im Familiensystem haben mussten, sodass wir uns auf eine Spurensuche begaben. Wir bildeten einen Familienstammbaum (Genogramm) über vier Generationen und entdeckten, dass in der Linie seiner Mutter die Frauen oft herrisch waren, während die Männer zu Gewalt neigten. In der Linie seines Vaters hingegen arbeiteten die Männer viel und waren abwesend. Darüber hinaus führten wir eine Familienaufstellung mit Holzfiguren durch, um die Konstellation seiner Familie in der Kindheit zu analysieren. Hier stellte sich heraus, dass Pascal sich stark von seiner Mutter unterdrückt fühlte. Sie legte ihre Angst auf ihn und war häufig gereizt und überfordert. Die Figur seines Vaters stand schräg hinter der Mutter, da er andauernd arbeitete und zu Hause müde war. Pascal stellte fest: „Mir fehlte ein starkes Vorbild, das mir beibrachte, wie man sich verteidigt und dass man sich für sich selbst einsetzen darf.“

Er war – tiefenpsychologisch gesprochen – als Erwachsener gefangen in einem Konflikt der Kontrolle versus Unterwerfung. In einer Entwicklungsphase, in der er als Kind begann, sich selbstwirksam zu erleben, neue motorische Fähigkeiten auszuprobieren (wie z. B. Krabbeln), mit individuellen Bedürfnissen, und auch mal Nein zu sagen, ist er wahrscheinlich zu sehr kontrolliert und entmutigt worden. Anstatt Autonomie zu lernen, hat Pascal sich den Eltern „unterworfen“, ist gehorsam und angepasst geworden, um ihre Liebe nicht zu verlieren. In einer Lebensphase, in der er naturgemäß immer selbstständiger werden wollte und musste, fühlte er unbewusst den Druck, sich unterzuordnen. Diese tiefe innere Spannung kam an die Oberfläche und die unbewussten Ängste haben einen Konflikt entfacht. Je mehr er diese zugrunde liegende Problematik verstand, desto besser konnte er sich von den Vorstellungen seiner Eltern abgrenzen und erlebte, wie die Symptome zurückgingen.

Sylvia: Selbstwert entwickeln

Sylvia hätte überglücklich sein können. Sie hatte zwei Ausbildungen und war erfolgreich und zufrieden in ihrem Beruf. Ihr Freund hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie konnte sich darüber aber nicht freuen. Sie wurde ihm gegenüber immer aggressiver und ausfallender. War sie allein, musste sie viel weinen. Sie empfand sich als ungenügend und bedeutungslos, sie verstand die Welt nicht mehr. Auch hier half ein Blick in das Familiensystem, denn der Selbstwert-Konflikt, der zum Vorschein kam, war bereits in ihrer Kindheit angelegt.

Sylvias Vater war ihr gegenüber respektlos und übertrat ständig ihre Grenzen, zum Beispiel, indem er ihre Tagebücher las. Ihre Mutter war überfordert und nicht in der Lage, ihre Tochter zu schützen. Zugleich war Sylvia aber für ihre Individualität und Selbstwertentwicklung darauf angewiesen, in ihren Eltern liebevolle Vorbilder zu sehen, die auf ihr Kind stolz sein können. Da ihr diese Bestätigung verwehrt blieb, zog sich Sylvia resignativ in ein Gefühl der Bedeutungs- und Wertlosigkeit zurück und versuchte, durch Leistung Bewunderung und Anerkennung zu bekommen. In ihrer jetzigen Beziehung fühlte sich Sylvia in ihre Kindheit versetzt und bediente sich früherer Lösungsansätze: Sie versuchte Anerkennung durch Leistung und durch die Abwertung ihrer eigenen Person zu bekommen. Aber in ihr stieg auch verborgene Wut auf. Erst in der Therapie verstand sie, dass ihre Kindheit und das Verhalten ihrer Eltern alles andere als normal und gesundheitsfördernd für sie gewesen waren.

Zur seelischen Stabilisierung und Neuorientierung war für sie als erster Schritt ein (vorübergehender) Abstand zu ihren Eltern wichtig, da die Bindung immer noch sehr eng und die schädlichen Muster aktiv waren. In weiteren Schritten arbeiteten wir vor allem mithilfe von Imaginationen (dem Herstellen von inneren Bildern) schmerzhafte Erinnerungen durch, in denen das Kind von damals Hilfestellung und Korrektur erfahren konnte, sodass sich innere Glaubenssätze und tief verankerte Grundgefühle verändern können. Auf diese Weise können negative neuronale Netzwerke neu verknüpft bzw. überschrieben werden und schon in der Kindheit entstandener Stress kann abgebaut werden. Sylvia ist auf dem Weg, sich als wertvoll anzunehmen, ohne dafür etwas Besonderes leisten zu müssen, und auch ihre – bis dahin unbewusste – Frustration und Wut zu verarbeiten.

Das sind nur zwei Beispiele, wie wir durch die Aufarbeitung von familiären Systemen oder unerfüllten Grundbedürfnissen Konflikte aufdecken und seelisch gesunden können. Daraus ergibt sich für uns als Eltern, die Grundbedürfnisse unserer Kinder im Blick zu behalten (siehe dazu den Artikel auf S. 42) und auch in uns selbst hineinzuschauen, wo wir unbewusst Konflikte in uns tragen. Es muss nicht immer sein, dass schwerwiegende Symptome entstehen. Aber wenn es dazu kommt, ist professioneller Rat in jedem Fall angemessen.

Bindung – verbunden mit Gott

Was schützt uns nun also vor solchen Fehlentwicklungen, und was brauchen unsere Kinder, um die vor ihnen liegenden Entwicklungsstufen zu bewältigen und seelisch gesund zu sein und bleiben zu können? Auch später als Erwachsene? Sie brauchen das Gefühl, sicher gebunden und um ihrer selbst willen geliebt zu sein.

Und ich staune darüber, dass uns Gott genau das in seinem Bund mit uns anbietet. Er gibt uns diese Wärme, diese Nähe, dieses Verständnis und diese Geborgenheit. Sein Bund basiert nicht auf Bedingungen, sondern auf seinem Versprechen von Treue und Vergebung. Läuft bei mir etwas schief, bietet er Heilung und Wiederherstellung an in und durch Jesus Christus. Er liebt mich für immer und ewig und die tiefste Heilung beginnt dort, wo wir (wieder) in diesen Bund eintreten. Übertragen wir dieses Modell des Bundes auf unsere Familien und Beziehungen, kann ich – verbunden, sicher, geliebt und fröhlich in Gott – das Gute für den anderen suchen und lernen, mit meinen Mitmenschen in einer Bündnisbeziehung zu leben, so wie Gott mit mir.

Marion Geissler ist Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet in Kassel in einer Praxis. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Jetzt müssen die Kinder selbst entscheiden

Gut gemeinte Ratschläge der Eltern kommen nicht immer gut an. Denn die Kinder müssen ihren Weg finden – nicht die Eltern. Von Birgit Ortmüller

Als die Kinder klein waren und unseren täglichen Alltag bestimmten, habe ich immer wieder den Satz gehört: „Die Kinder werden so schnell groß.“ Im Stillen habe ich mich dann müde und erschöpft gefragt: „Wann wird das denn endlich sein?“ Ich fühlte mich Lichtjahre von diesem Zeitpunkt entfernt und spürte gleichzeitig eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit. Und dann ging doch alles so schnell. Und ich komme gedanklich und emotional kaum hinterher. Ich weiß, es ist an der Zeit. Wenn ich unsere Kinder so betrachte, dann überragen sie mich längst mit ihrer Körpergröße. Sie sind zu jungen Menschen herangewachsen, von Kindern keine Spur mehr. Meine jüngste Tochter meinte kürzlich: „Mama, wir sind doch beide aus dem Alter raus!“ Ehrlich, deutlich und unmissverständlich.

Steine aus dem Weg räumen

Ein neues Lebenskapitel für uns Eltern und auch für die Kinder beginnt. Sie suchen ihren Lebensweg und ihre berufliche Zukunft. Viele Entscheidungen sind abzuwägen und zu treffen. Welche Ausbildung, welcher Studiengang ist richtig? An welchem Ort kann man eine selbstbestimmte Heimat finden? Das Bildungsangebot ist vielfältig und die Fragen berechtigt. In so manchen Gesprächen versuche ich, eine Antwort zu finden und weiterzuhelfen. Mehr geht nicht, entscheiden müssen die Kinder selbst. So mancher gut gemeinte Ratschlag trifft auf Unverständnis. Ich muss lernen, ruhig zu bleiben. Eigene Erfahrungswerte können wertvolle Lebensbegleiter der Kinder sein. Es fällt mir nicht leicht, ihre Gedanken und Ziele anzunehmen. Zu gern möchte ich auch jetzt mögliche Steine aus dem Weg räumen und mich schützend vor sie stellen. Doch ich kann sie nicht mehr vor allem bewahren.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Søren Kierkegaard. Ich spüre: So manche Entscheidung meiner Lieben könnte in die falsche Richtung gehen. Das kann nicht gut gehen, denke ich. Die gesteckten Ziele und Vorstellungen der Kinder sind nur schwer realisierbar. Mein Herz sagt ziemlich laut „Nein“. Doch dann schreit mein Verstand ein lautes „Ja“. Ich muss es einfach aushalten! Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.

Ohne Groll und Vorhaltungen

In diesen Situationen kommt mir immer meine Lieblingsgeschichte aus der Bibel vom „verlorenen Sohn“ in den Sinn (nachzulesen in Lukas 15). Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Er versorgt ihn finanziell und materiell mit allem, was er benötigt, er ist großzügig im Geben. Ein letztes Mal nimmt er ihn fest in die Arme. Welche Gedanken werden ihm durch den Kopf gegangen sein? Ob er da schon ahnte, dass dieser Weg der falsche ist? Dennoch macht er keine Vorhaltungen, er lässt seinen Sohn ziehen. Lange schaut er ihm nach und schickt seine Liebe und seinen Segen mit auf dessen Lebensreise. Nach vielen Wochen kehrt der Sohn heim, er ist nicht mehr der, der er bei der Abreise war. Abgemagert, am Ende und mit leeren Händen kehrt er zurück. Wie oft wird der Vater nach seinem Sohn bereits Ausschau gehalten haben, vielleicht sogar täglich? Und dann ist der Tag da und er sieht ihn von ferne. Ohne Groll und Vorhaltungen läuft er ihm mit offenen Armen entgegen, so schnell seine alten Beine ihn noch tragen. Der geschundene und gezeichnete Körper seines Sohnes hindert ihn nicht, er drückt ihn fest an sein Herz. Diese tiefe Vaterliebe überstrahlt alle Vorwürfe und Fehler. Der Sohn ist auf- und angenommen. Ein großes Festmahl mit feierlicher Kleidung bringt die Freude des Vaters über diesen verlorenen und wiedergefundenen Sohn zum Ausdruck.

Offene Arme und Türen

Von dieser bedingungslosen Annahme und Liebe will ich lernen, auch wenn alles „schiefgelaufen“ ist und die Befürchtungen des Vaters sich bewahrheitet haben. Und auch wenn unsere Kinder Wege einschlagen, die wir als Eltern nicht befürworten oder bei denen wir Zweifel haben, will ich sie fürsorglich verabschieden, sie ziehen lassen. Im Gebet befehle ich sie meinem Gott an, halte Ausschau nach ihnen und erkundige mich. Und egal, wie sich ihr Weg und ihre Entscheidung gestalten, möchte ich sie stets aufnehmen. Ohne ein „Ich habe es doch gewusst …“ stets die Türen offenhalten und meine Arme entgegenstrecken.

Wir alle leben täglich von der Vergebung und Annahme unseres himmlischen Vaters. Auch er lässt uns laufen, selbst wenn er wie kein anderer unseren Lebensweg schon lange kennt. Er lässt seine Kinder ziehen, selbst wenn wir gar nicht nach seinem Rat fragen. Gott bleibt ruhig, bedrängt nicht und drängt sich nicht auf. Doch er verliert uns nicht aus seinem Blick. Er ist aufmerksam, wenn wir ihn suchen, und er liebt uns bedingungslos. Mit Freude und tiefer Liebe öffnet er seine Arme und drückt uns an sein Vaterherz.

Dieses Bild will ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn mein Herz anders denkt und fühlt, möchte ich ebenso wie der Vater den Weg frei machen. Und egal, wie sich die Kinder entscheiden und welche Erfahrungen sie auf ihrem Lebensweg machen: Die Türen und Arme sind immer geöffnet.

Birgit Ortmüller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Buchenau. Sie ist als Dozentin an der Hochschule und in der Erwachsenenbildung tätig.

DIE GOLDENE FRAGE

Im Gespräch von Paaren gibt es zwei Möglichkeiten: Verständnis oder Kampf. Eine Frage ist der Schlüssel zu einem gelingenden Gespräch.

„Gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Diese unscheinbare und noch fast unbekannte Frage kann Beziehungen retten.

Wenn ein Paar ein tiefes Gespräch führt, kann dies entweder im Kampfmodus oder im Verständnismodus geschehen. Im Kampfmodus sammle ich Gegenargumente, während meine Partnerin redet. Und weil ich um Redezeit kämpfen muss, nutze ich die erstbeste Möglichkeit, um ihr ins Wort zu fallen, mich zu verteidigen und ihr meine Argumente um die Ohren zu hauen.

Im Verständnismodus versuche ich hingegen, meine Frau zu verstehen und ihre Gedanken nachzuvollziehen. Ich will wissen, wie sie die Situation erlebt und was sie bewegt. Ich spiegle das Gesagte und frage nach, ob ich es richtig verstanden habe. Es ist offensichtlich, dass die meisten Menschen natürlicherweise zum Kampfmodus neigen. Doch genauso offensichtlich ist es auch, dass der Verständnismodus deutlich erfolgversprechender ist.

Eine Frage ebnet den Weg

Ein Schlüssel, um vom Kampfmodus in den Verständnismodus zu gelangen, ist die eingangs genannte goldene Frage: „Gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Wer diese Frage stellt, verlässt mit einem Schlag das partnerschaftliche Schlachtfeld und steigt aus dem Kampf um Redezeit aus. Wenn die Frage mit aufrichtigem Interesse gestellt wird, überlässt man damit dem Gegenüber freiwillig mehr Redezeit, was die Situation sofort entspannt. Sobald sich die sprechende Person verstanden fühlt, ist sie auch bereit, selbst zuzuhören. Dadurch wird aus dem Gegeneinander der Partner ein Miteinander.

Abmachungen treffen

Fabian beschwert sich: „Ich bin enttäuscht, dass wir es nicht pünktlich ins Kino geschafft haben. Ich habe mich auf den Film gefreut. Du weißt ja, dass ich nicht gerne zu spät komme.“ Mirjam fasst zusammen, was sie verstanden hat, und stellt dann die goldene Frage: „Ich verstehe, dass du genervt bist, dass wir zu spät ins Kino gekommen sind. Du hast dich auf den Film gefreut und kommst nicht gerne zu spät. Habe ich das richtig verstanden und gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Ihr Mann fühlt sich verstanden und sagt: „Ja, es ist mir einfach sehr peinlich, vor allen Leuten meinen Platz suchen zu müssen, wenn der Film schon läuft.“ Mit diesem Gesprächsbeginn ist das Paar gleich im Verständnismodus und die Tür steht weit offen für eine Abmachung, wie man in Zukunft besser mit ähnlichen Situationen umgehen kann.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: www.familylife.ch/five

Auf eigenen Füßen – Weihnachtliche Überraschung

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, freuen auch sie sich über ein Adventspaket von den Eltern. Doch was sollte in ein solches Paket hinein? Elisabeth Vollmer gibt wertvolle Tipps.

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Ein Paar, zwei Perspektiven: Fotobuch

Nicht das wahre Leben

Katharina Hullen will Erinnerungen festhalten und prägen – schöne Erinnerungen.

Katharina: „Schaut doch bitte kurz noch mal alle zu mir!“ Ich versuche, einen schönen Abschlussmoment festzuhalten, nachdem ich meine Familie mehr oder weniger unauffällig den ganzen Tag umtanzt habe, um einige der schönen Szenen unseres heutigen Ausflugs digital zu verewigen. Nicht allen ist dabei zum Lächeln zumute, aber wir wissen ja, wofür wir uns hier ins Zeug legen – das alljährliche Familien-Fotobuch muss gefüllt werden!

Alle lieben diese Bücher – die Großeltern wünschen sich zu Weihnachten nichts anderes. Und es ist auch ein großartiges Geschenk: eine Galerie der Menschen, die wir lieben, eine wunderbare Dokumentation des Familienlebens, der Entwicklungen und Meilensteine eines jeden Mitglieds unserer kleinen Einheit. Ausflüge, Geburtstage, Einschulungen, Abschiede, Aufführungen. Wir können beim Betrachten in Erinnerungen schwelgen und mithilfe der schönen Baby- und Kleinkindbilder und der zugehörigen Erzählungen sogar Erlebnisse und Empfindungen prägen, die bei den Kindern ansonsten gar nicht im aktiven Bewusstsein wären.

Diese Bücher sind naturgemäß angefüllt mit den schönen Momenten, mit lächelnden, fröhlichen, ausgelassenen, stolzen, konzentrierten und glücklichen Menschen.

Ich hatte noch nie den Drang, ein Foto zu machen, wenn ich gerade am Mittagstisch ein Donnerwetter loslasse oder wenn sich zwei Streithähne buchstäblich in den Haaren liegen. Auch das Aufwischen von Erbrochenem oder das Durchsetzen einer Auszeit für ein bockiges Kind hat es bei uns noch nicht als Fotomotiv gegeben.

Ist es daher nicht eigentlich ein unehrliches und geradezu ärgerliches Produkt einer zu ehrgeizigen Mutter, die jeden Moment nur nach seiner Fotobuch-Tauglichkeit beurteilt und eben nicht das wahre Familienleben dokumentiert? Warum nicht einfach den Moment genießen und fotolos verstreichen lassen?

Einfacher wäre das, denn es steckt sehr viel Zeit und Arbeit in diesen Büchern. Und dass unser Familienleben auch viel Streit, Frust und Versagen beinhaltet, ist selbstverständlich genauso wahr wie die vielen schönen Augenblicke.

Dennoch gefällt mir der Gedanke, dass diese Bücher vor allem das Positive festhalten: Es war richtig schön! Wir haben sehr viel Gutes und Lustiges zusammen erlebt. So haben wir uns entwickelt, das konnte der oder die damals schon richtig gut und schau, was daraus geworden ist. Solche Fotoalben können helle Landmarken im Leben setzen, wenn man irgendwann mal das Gute vergisst oder niemand mehr da ist, der einen erinnert.

Ich verbuche für mich die Kritik am Fotografieren in der gleichen Kategorie, wie es meine Familie wohl nervt, wenn ich nach gewaschenen Händen und wetterangemessener Kleidung frage. Mütter nerven dann eben. Tja.

 

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

Das Lächeln gefriert

Hauke Hullen möchte den Moment genießen – ohne Fotobuchgedanken.

Hauke: Familienfeier im Garten: Die ganze Verwandtschaft ist da, unsere Kinder baden in Geselligkeit und herzlicher Aufmerksamkeit, als unser 6-Jähriger stolz seiner Cousine Jule den aktuellen Wackelzahn präsentiert. „Komm, den hol ich dir raus“, verspricht die 24-Jährige. Man muss dazu wissen: Jule ist nebenberuflich Zahnfee. Wann immer sie uns besucht, verlieren unsere Kinder einen Milchzahn. Es bahnte sich also ein spektakuläres Ereignis an, da unterbricht die beste Ehefrau von allen: „Moment, die Kamera!“

Es folgt eine hektische Suche nach dem richtigen Handy, dem richtigen Winkel und dem richtigen Bildmodus: Porträt, Panorama oder doch lieber ein Video? Vielleicht in Slow Motion? Am Ende gibt es alles auf einmal, weil inzwischen die gesamte Sippe ihre Handys im Anschlag hat, um dutzendfach zu dokumentieren, wie die zupackende Cousine eine weitere Lücke in der Kauleiste unserer Kinder hinterlässt. So geht das ständig. Bei jeder sich nicht bietenden Gelegenheit ist Katharina dem Zwang erlegen, alles fotografisch festhalten zu müssen – für das legendäre Fotobuch, was stets für die Großeltern und für uns unterm Weihnachtsbaum liegt.

Am schlimmsten ist es, wenn sie ein neues Handy mit neuen Kamerafunktionen hat. Dann gleicht jeder Sonntagsspaziergang einer Hetzjagd, bei der Mann und Mäuse vor der wildgewordenen Knipserin flüchten. In diesen Zeiten entstehen besonders viele menschenleere Landschaftsaufnahmen, bei denen man mit etwas Glück dann doch ein paar Familienmitglieder entdeckt, die sich entnervt hinter den Bäumen verstecken.

Denn die Fotos rauben zwar nicht uns die Seele, aber dem Moment. Wenn Kathi das pralle Leben festhalten will, tut sie exakt das: Das Leben und alle Personen erstarren, das Gelächter hört auf, das Lächeln gefriert zur Grimasse – und all die Leichtigkeit ist weg.

Warum kann man nicht einfach den Augenblick genießen, ohne ständig an die fotogene Verwertbarkeit denken zu müssen? Und warum müssen immer wieder künstlich Aktionen gestartet werden, nur damit schöne Fotobuch-Motive entstehen? Das Fotobuch entwickelt sich zu unserem analogen Instagram-Channel, zu einer Puderzucker-Version unseres Lebens!

Besonders sinnfrei dabei: die Selfie-Seuche. Ganze Urlaubsalben, die nur aus den immer gleichen zwei Visagen bestehen. Immerhin bestraft die Kamera diese Selbstbezogenheit mit übergroßen Nasen, weshalb man diese Bilder nachher auch keinem mehr zeigen mag. Informativ sind die Fotos eh nicht: Man weiß zwar, man war da, sieht aber nicht, wo.

Klar, die Kinder schauen sich gern die Bilder von früher an. Sie glauben dann sogar, sich an diese Kindheit erinnern zu können – dabei weiß die Wissenschaft längst, dass man mit Fotos Erinnerungen in den Köpfen säen kann. Könnte sich Kathi auf diese Weise nicht viel Arbeit ersparen, indem sie einfach ein paar hübsche Motive aus dem Internet kopiert? Hier, unser Hawaii-Urlaub, und da, da warst du Fallschirmspringen! Dann könnten wir endlich in Ruhe unser Leben leben.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

ERWACHSEN GLAUBEN

„Zurück zur ersten Liebe“ wird in Predigten oft als Ziel für die Glaubenden ausgegeben. Martin Benz plädiert dagegen für einen Aufbruch zu einer neuen, tieferen Liebe.

Glaube entwickelt sich. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, dann sieht mein heutiger Glaube anders aus als im Alter von 13 Jahren. Glaube geht durch Phasen, und es dient seiner Gesundheit, dass er immer wieder die Übereinstimmung mit der eigenen Lebensrealität sucht.

Je ernster Menschen ihren Glauben nehmen, desto absoluter und unveränderlicher wünschen sie ihn sich. Sie unternehmen große Anstrengungen, damit er sich nicht verändert, nicht verwässert oder lau wird. Glaube soll bleiben wie am Anfang, immer deckungsgleich mit dem Mix an Überzeugungen, den man aus einem bestimmten Bibelverständnis hergeleitet hat. Und doch erleben manche Christen über die Jahre hinweg die zunehmende Entfremdung ihres starren Glaubens von ihrem Leben. Mir begegnen immer mehr Christen, die mit ihrem Glauben ehrlich werden wollen. Für sie ist die innere Spannung zu groß geworden, und sie erleben den Glauben zunehmend als frustrierende Erfahrung. Diese Christen sind glaubensmüde, sie fühlen sich in ihrem eigenen Glauben nicht mehr zu Hause. Ein bestimmtes Entwicklungsmuster begegnet mir dabei immer wieder.

Erste Leidenschaft

Bei vielen Christen beginnt das Glaubensleben mit dem, was man typischerweise als „erste Liebe“ bezeichnet. Überwältigende Erfahrungen mit Gott oder Gemeinschaft zünden ein inneres Feuer an, das viel Glaubensenergie freisetzt. Es ist eine Phase hoher Aktivität bei nicht so hoher Reflexion dessen, was man da eigentlich glaubt. Das Leben kommt durch den Glauben erst einmal in Bewegung.

Als ich den Glauben als Teenager entdeckt habe, war er von dieser radikalen Leidenschaft geprägt. Ich habe die Bibel zweimal im Jahr durchgelesen, meine Klassenkameraden zu allen möglichen christlichen Veranstaltungen eingeladen, auf Jugendfreizeiten Traktate verteilt, meine weltlichen Schallplatten zerbrochen und die Spielkarten der Eltern verbrannt.

Klare Glaubenssysteme

Im Laufe der Zeit entwickelt sich daraus ein Glaubenssystem. Es wachsen theologische Überzeugungen und Prägungen, und man eignet sich ein bestimmtes Set an Glaubensinhalten an. Der Glaube gewinnt an Profil mit klaren Ansichten. In dieser Phase erlebt man zunächst eine wachsende Übereinstimmung zwischen Lebensrealität und Glaubensrealität.

Durch meine geistliche Prägung war ich zutiefst davon überzeugt, dass Gott alle Kranken heilt, die Bibel wörtlich zu nehmen ist, all ihre Moralvorstellungen immer noch gültig sind und Gott die Seinen vor allem Übel bewahren wird.

Ernüchternde Realität

In der dritten Phase wird diese Übereinstimmung empfindlich gestört. Durch ausbleibende Gebetserhörungen, geplatzte Lebensträume, Brüche in der eigenen Biografie, Gemeindekonflikte, Zweifel am bisherigen Bibelverständnis oder die Konfrontation mit anderen Glaubensmodellen bekommt das Glaubenssystem Risse. Die Eindeutigkeit bisheriger Überzeugungen schwindet, und man erlebt eine wachsende Enttäuschung, Skepsis und Ernüchterung dem Glauben gegenüber. Diese Phase ist oft mit Schuldgefühlen verbunden, weil man weiß, was man glauben sollte, es aber nicht mehr kann.

Bei mir war es eine zerbrochene Ehe, die mich auf den harten Boden der Realität aufschlagen ließ und an den Grundfesten meiner Glaubensüberzeugungen gerüttelt hat. Warum hat Gott meine Ehe nicht bewahrt? Warum die vielen Gebete für unsere Familie nicht erhört? Mein Gottesbild und Bibelverständnis passten nicht länger zu meiner Lebensrealität.

Wachsender Zynismus

Oftmals hält ein inneres Aufbäumen gegenüber Ernüchterung und Frustration eine Zeit lang an, nur um einen dann umso härter auf den Boden der Realität zu werfen. Die Fragen und der Zweifel, die sich eingeschlichen haben, lassen sich irgendwann nicht mehr zum Schweigen bringen. Die ständigen Appelle an die erste Liebe ziehen nicht mehr. Wer dies oft genug mitgemacht hat, dessen Ernüchterung und Frustration kann am Ende so weit führen, dass nur noch ein dumpfer Zynismus bleibt oder der Glaube gänzlich verloren geht.

Ich plädiere für einen anderen Weg: nicht zurück zur ersten Liebe, sondern durch die Veränderung unseres Glaubens, das Ernstnehmen unserer Brüche, Fragen und Zweifel die Möglichkeit schaffen, dass Glaube und Leben sich wieder zueinander entwickeln. Dadurch können eine neue Liebe und eine neue Leidenschaft wachsen für einen Glauben, der wieder authentisch und im wahrsten Sinne „glaubwürdig“ ist.

Damit Glaube sich verändert, muss er sich weiterentwickeln. Manchmal fühlt sich der eigene Glaube wie eine Wohnung an, in der man sich nicht mehr zu Hause fühlt und in die man niemanden mehr einladen möchte. Wie bei einem normalen Umzug muss sich auch der Glaube die Fragen stellen: Welche Inhalte, welche Praxis und welche Überzeugungen sind wertvoll, die ich bewahren und mit in die Zukunft nehmen möchte? Welche muss ich entsorgen, weil sie sich nicht bewährt haben oder in krankmachender Spannung zu meiner Lebensrealität stehen? Und welche sollte ich mir neu aneignen, damit der Glaube an Perspektive, Freiheit und Möglichkeiten gewinnt? Mitnehmen, entsorgen, neu anschaffen – so kann Glaube erwachsen werden.

Martin Benz arbeitet seit 30 Jahren als Theologe und Pastor und wohnt mit seiner Familie in Erlangen. Gerade ist sein Buch „Wenn der Glaube nicht mehr passt“ bei Neukirchener erschienen.

Auf eigenen Füßen – „Für die Kinder bürgen?“

Immobilienpreise sind hoch und oft fehlt jungen Familien das Eigenkapital für einen Hauskauf oder die Bank braucht mehr Sicherheiten. Eine Bürgschaft kann eine Lösung sein. Aber über die Risiken muss man offen reden.

Was ist eine Bürgschaft?

Eine Bürgschaft bedeutet, dass ein Dritter die Aufgabe übernimmt, die (Rest-)Schulden eines anderen zu tilgen, sollte dieser zahlungsunfähig werden. Dies kann passieren, wenn der Hauptschuldner dauerhaft arbeitslos oder krank wird, sich scheiden lässt, der Partner stirbt, im Beruf scheitert oder eine „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ hat, sich also überschuldet. Ein Hauskredit mit einem Bürgen wird meistens dann in Erwägung gezogen, wenn das Eigenkapital für einen Kredit bei der Bank nicht ausreicht. Der Bürgschaftsvertrag wird dann zwischen der Bank, dem Hauptschuldner und dem Bürgen geschlossen und regelt, in welchem finanziellen Umfang der Bürge einspringt. Es gibt verschiedene Formen der Bürgschaft, von der die sogenannte Ausfallbürgschaft die häufigste und sicherste ist, da der Bürge erst dann einspringen muss, wenn die Bank vorher alle Mittel beim Schuldner ausgeschöpft hat.

Was spricht dafür?

Mit einer Bürgschaft können Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn helfen, ihren Traum zu verwirklichen. Mit Ihrer Hilfe können sie einen Kredit erhalten, den sie sonst vielleicht nicht bekommen hätte. Damit investieren Sie in ihre Zukunft. Die Vorteile einer Bürgschaft liegen für den Bürgen also eher im ideellen, zwischenmenschlichen Bereich.

Was spricht dagegen?

Mit einer Bürgschaft gehen Sie eine finanzielle Verpflichtung und ein Risiko ein, denn bei Zahlungsausfall haften Sie mit Ihrem gesamten Vermögen und haben im schlimmsten Fall am Ende selbst Schulden. Falls Sie die Zahlungen nicht leisten können, können bei Ihnen Pfändungen stattfinden. Sollte es dazu kommen, kann dies die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Tochter oder ihrem Sohn erheblich belasten. Zudem wird jede Bürgschaft bei der Wirtschaftsauskunftei Schufa eingetragen, wodurch sich Ihre eigene Kreditwürdigkeit verschlechtern kann. Das kann dazu führen, dass Sie ein für sich selbst benötigtes Darlehen nicht oder nur zu schlechteren Konditionen bekommen.

Sollte man trotzdem bürgen?

Mit einer Bürgschaft tragen Sie das volle Risiko bei einem Zahlungsausfall. Dieses Risiko können Sie verringern, indem Sie die Bürgschaft zum Beispiel zeitlich begrenzen („Zeitbürgschaft“) und mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn neben dem Bürgschaftsvertrag einen weiteren Vertrag abschließen, der regelt, dass sie Ihnen die Summe, die sie im Fall einer Nutzung der Bürgschaft an die Bank überweisen, zurückzahlt, was das Risiko, im Ernstfall auf den Kosten sitzen zu bleiben, verringert. Fragen Sie sich auch, wie Ihre Kinder und deren Partner generell mit Geld umgehen: Vernünftig und sinnvoll oder verschwenderisch und leichtfertig? Sind sie zuverlässig? Haben Sie den Eindruck, dass die Kreditsumme und die Laufzeit für sie tragbar sind? Diese Frage ist hinsichtlich der hohen Immobilienpreise sehr wichtig. Nicht selten übernehmen sich Paare finanziell, weil der Traum vom Eigenheim größer ist als ihre finanziellen Möglichkeiten.

Ruth Korte arbeitet als freie Redakteurin bei Family und FamilyNEXT und lebt mit ihrer Familie in Gießen.

Wenn ich nochmal erziehen könnte …

Stefanie Diekmann reflektiert, was sie als Mutter gut gemacht hat. Und was sie ändern würde, wenn sie nochmal neu anfangen könnte.

Vor mir turnt ein kleiner Mensch im Kinderwagen herum. Gleich wird er sich aus den Gurten herausgewunden haben. Der Kassenbereich eines Drogeriemarktes ist leider kein Ort für diese Expeditionen. Der Vater greift beherzt und auch entnervt zu. Seufzend fährt er sich durch die Haare. Diese Bewegung kenne ich von mir. Und auch das Seufzen. Am liebsten würde ich distanzlos ein paar ermutigende Worte hinüberrufen.

ZUCKER UND MONSTERPUPPEN

Unsere Kinder sind groß. Ich war gern mit ihnen unterwegs. Ein zusammengeliebtes Expeditionsteam. Jeder Tag war für mich voller intensiver Momente: turnende Kinder im Kinderwagen, Zahn-Putz-Kämpfe, Haare raufen wegen einer schier endlosen To-do-Liste. Mit vollem Eifer haben mein Mann und ich unsere Kinder erzogen. Angefeuert von Büchern, Magazinen, Elternkursen, einem Schwung handfester Tipps zur Beherrschung des Chaos und Hinweisen, wie Kinder zu prägen und zu handhaben sind. Während ich in der Schlange im Drogeriemarkt stehe, realisiere ich: Die Bedürfnisse unserer Kinder haben in den Regeln, die auf diesen Grundlagen entstanden sind, nicht immer Platz gefunden. Auch wenn mehr als offensichtlich war, dass unsere Kinder ganz unterschiedlich auf Ansprache oder Körperkontakt reagierten. Ich wollte alles so richtig machen. Und das war so anstrengend. Wie oft ich am Tag gedacht habe: „Wehret den Anfängen! Das darf nicht, das auch nicht und am besten gleich für alle drei.“ Mir fallen Debatten um Zucker, dubiose Hörspiele oder Monsterpuppen ein, bei denen ich immer noch motiviert meinen Weg gehen würde. Mir fallen auch Kraftfresser ein, die ich heute leichter nehmen würde: Schwimmkurs, Kleid-Drama am Sonntag, schnell durch den Tag kommen, eincremen. Das Chaos zähmen und beherrschen – muss das wirklich sein?

LANGSAMER LEBEN

Ich denke an ein Zitat von Søren Kierkegaard: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.“ Was würde ich anders machen? Den Eifer würde ich behalten wollen, aber meinen Tag langsamer leben. Mich mehr im Moment verorten. Den Geruch meines gerade aufgestandenen tapsigen Kleinkindes aufsaugen, das Plappern des Kindergarten-Mädchens oder die Sport-Reportagen des Teen-Boys … Ich war so schnell unterwegs und oft getrieben von dem Wunsch, so viel zu wuppen wie die anderen Familienteams.

Unsere Kinder waren sehr laut und wild. Der Esstisch war ein Boot in Seenot, das schwere Sofa wurde durch das Wohnzimmer geschoben und diente als erdachtes Tierheim. Das fiel mir nicht schwer und ich habe es sehr genossen: Trubel, Kreativität und ihr eigenständiges und versunkenes Spiel. Was ich nicht gut konnte: meine Erschöpfung bemerken und rechtzeitig Grenzen ziehen durch Aufräumen, ruhigere Spielphasen oder Mahlzeiten. Mein Agieren im „Ich kann nicht mehr“-Modus hat meinen Kindern wenig Vorbild ermöglicht, um eigene Kraftphasen abzugrenzen. Heute sehe ich bei meinen erwachsenen Kindern, wie sie einer Sache über Gebühr Kraft schenken. Ich habe die Chance verpasst, ihnen vorzuleben, leidenschaftlich zu sein und Grenzen zu setzen.

DIE KRAFT DES KINDES STRAHLEN LASSEN

Schwer zu tragen waren Gedanken wie: Mein Kind ist nicht ganz einfach, unpassend, fordernd. Die ersten Begegnungen damit haben mich umgehauen. Bewertungen zu unseren Kindern habe ich geschluckt. Angenommen, dass ich diese Rückmeldungen verarbeiten muss. Dass ich dafür zuständig bin, dass mein Kind vermeintlich normaler, lieber und angepasster wird.

Wenn ich heute mit Eltern arbeite, versuche ich, die Kraft des Kindes strahlen zu lassen. Ich erinnere mich, wie Menschen mit solchen positiven Rückmeldungen mir als Mutter gutgetan haben und meine Offenheit für einen Prozess der Reflexion viel größer war als nach einem schroffen, negativen Kommentar über mein Kind. Mit dem Vertrauen, dass mein Kind Entwicklungsmöglichkeiten hat, können wir zusammen besser Themen ansehen, die Aufmerksamkeit brauchen. Eine Zurechtweisung, eine Festlegung durch Fremde, Familie oder Schule würde ich heute weniger zulassen.

VORWÄRTS LEBEN

Das Zitat von Søren Kierkegaard besteht aus einem weiteren Satz, der mich aus meiner Erinnerungsreise ins Heute zurückholt: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.“ Vorwärts … Aber ist nicht das Prägen längst beendet?

Wir sind mit unseren drei erwachsenen Kindern in der Phase, wo sie Geschichten aus ihrer Kindheit erzählen, die ich ganz anders bewertet habe. Manchmal finde ich es wunderschön, manchmal erschreckt mich ihre Wahrnehmung. Nicht selten haben wir als Eltern unsere Kinder schon gefragt: Haben wir zu streng gehandelt? Was hättest du dir gewünscht, als du nicht zum Zahnarzt wolltest? War es okay für dich, mit zehn Jahren allein durch Deutschland mit dem Zug zu fahren? In diesen Runden haben wir uns immer wieder auch auf den Weg der Vergebung gemacht. Wir leben davon, dass Gott Neuanfänge liebt, und konnten den anderen dabei aus der Last eines Fehlers entlassen. So bleibt in vielen Themen zwar eine „Retroliebe“, wie Wehmut auch heißen könnte. Der Schmerz über Fehler darf durch Vergebung weniger werden.

Vorwärts leben heißt für mich, aus den Beobachtungen des Gestern zu lernen. Heute kann ich achtsamer meine Begegnungen leben und meinen Kindern zuhören, wenn sie ihre Weltsicht teilen. Das Expeditionsteam Familie ist nicht vorbei, es hat nur eine andere Art, die Welt zu entdecken. Wir leben derzeit an drei Standorten, bald vier. Manches wird mir Kraft rauben und mich explodieren lassen, manches kann ich gut füllen. Wir haben uns verletzt, ermutigt, gesegnet und gestärkt. Und wir werden es auch für die nächste Etappe tun. Anders und neu.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Fragen für eine Austauschrunde mit den großen Kindern

 

  • Was war/ist an unserer Familie besonders?
  • Was hat dir gutgetan?
  • Welchen Moment erinnerst du als Geborgenheit?
  • Welchen als Herausforderung?
  • Das würde ich heute in eurer Erziehung anders machen …