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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Das erste Taschengeld: So lernt Ihr Kind den Umgang mit Geld

Elternfrage: „Unser Sohn kommt bald in die Grundschule, und wir möchten nun das Taschengeld einführen. Wie können wir Kindern einen guten Umgang mit Geld beibringen, sodass sie auch verstehen, was Sparen oder Spenden bedeutet?“

Wie schön, dass Sie sich mit dem Thema Taschengeld beschäftigen und das so bewusst angehen. Die Einführung des Taschengeldes ist eine ideale Gelegenheit, um Kindern praktisch zu zeigen, wie Geld im Alltag funktioniert und wie wir damit gut umgehen können. Mit meinem jüngsten Sohn (inzwischen sieben Jahre alt) leben wir seit zwei Jahren ein Taschengeldsystem, das sich aus vier unterschiedlichen Bausteinen zusammensetzt. Er wendet es inzwischen selbstverständlich an, und ich möchte als Anregung erklären, wie das funktioniert.

Münzen auf vier Zwecke aufteilen

Beim Taschengeldsystem darf das Kind sein wöchentliches Geld auf vier Bereiche verteilen:

  • Portemonnaie: für alles, was es direkt ausgeben möchte
  • Sparen: für größere Wünsche
  • Investieren: für langfristiges Sparen, bei dem es „Zinsen von Mama“ gibt
  • Spenden: als Zeichen dafür, wie gut es uns geht und dass wir etwas davon abgeben können

Warum diese vier Bereiche? Weil Geld im Leben nicht nur für das Ausgeben da ist. Kinder lernen auf diese Weise spielerisch, dass man sich Wünsche erfüllen kann – aber eben nicht alle sofort. Sie verstehen dadurch auch, dass Geld (durch Zinsen) arbeiten kann und dass durch Teilen ein gutes Gefühl entsteht.

Bei uns besteht die Regel, dass das Taschengeld jedes Mal auf alle vier Bereiche aufgeteilt werden muss. Keiner der Zwecke darf ausgelassen werde. Wie viel wohin kommt, entscheidet das Kind jedoch selbst. Bei unserem Sohn hat sich das mit der Zeit stark verändert. In der Anfangszeit floss fast alles in das Portemonnaie. Der Reiz, sich sofort etwas zu kaufen, war am größten. Inzwischen ist das Investieren sein Favorit. Er hat schnell verstanden: Wenn das Geld dort bleibt, wächst es durch die Zinsen, die ich alle drei Monate auszahle. Diese kleinen Zinszahlungen sind nicht nur ein Anreiz, sondern auch ein kindgerechter Einstieg in ein späteres Finanzverständnis: Geld kann arbeiten, sei es später auf dem Tagesgeldkonto oder an der Börse.

Marmeladengläser gestalten

Mein Tipp für den Einstieg ist, dass Sie zunächst mit zwei bis drei Euro pro Woche starten. Damit lässt es sich gut aufteilen und ausprobieren. Kinder lieben es, Geld sichtbar aufzuteilen – aus diesem Grund nutzen wir dafür Gläser. Das funktioniert zum Beispiel mit Marmeladengläsern gut. Verwenden Sie außerdem auch ein Portemonnaie, in welches nur das Geld kommt, welches das Kind nach Lust und Laune ausgeben darf, ohne dass wir Eltern dazwischenfunken. Sie können die Gläser auch gemeinsam gestalten. Das ist kreativ und bringt Gespräche ins Rollen: Wofür sparen wir? Wem könnten wir mit dem Geld helfen? Was bedeutet langfristig? Was sind denn überhaupt Zinsen?

Ja, anfangs wird das meiste Geld vermutlich in Produkte aus dem Süßigkeitenregal investiert werden. Aber genau da steckt das Lernpotenzial. Fehler? Gibt es nicht! Es gibt nur Erfahrungen. Bleiben Sie geduldig mit Ihrem Kind. Das Taschengeld ist ein tolles Übungsfeld für das echte Leben. Wenn Kinder erleben, dass Geld viele verschiedene Aufgaben hat – ausgeben, sparen, vorsorgen, teilen – entwickeln bereits die Jüngsten Stück für Stück einen gesunden und selbstverständlichen Umgang damit. Und das ist in meinen Augen eines der schönsten Geschenke, das wir ihnen fürs Leben mitgeben können.

Deborah Scarpino-Helle ist Mutter von zwei Kindern und Gründerin von „Die Finanzkomplizin“. diefinanzkomplizin.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Taschengeld.jpg 1280 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-10 10:26:102026-03-10 10:26:10Das erste Taschengeld: So lernt Ihr Kind den Umgang mit Geld

KI im Kinderzimmer: Wie Eltern mit der neuen Technologien umgehen können

Algorithmen steuern, was bei YouTube angezeigt wird. Spielzeuge hören mit, wenn Kinder erzählen. Dr. Denise Holtschulte erklärt, wo und wie künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt und wie Eltern sinnvoll damit umgehen können.

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil unseres Familienlebens – sichtbar in Lern-Apps, Sprachassistenten, interaktivem Spielzeug oder Streaming-Plattformen. Viele Kinder begegnen KI nicht nur direkt über Apps, sondern zunehmend auch indirekt: durch ältere Geschwister, Großeltern oder über Erzieherinnen in Kitas, die Tablets oder digitale Angebote nutzen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern wissen, wie KI wirkt – und wie sie mit einem klaren Blick begleitet werden kann.

Ein Beispiel: Eine Mutter nimmt eine süße Sprachnachricht ihres dreijährigen Sohnes auf – mit einem Bild. Diese schickt sie an die Familie. Die Oma leitet sie in ihre WhatsApp-Gruppe weiter, der Onkel speichert sie, ein Freund zeigt sie bei einer Veranstaltung. Plötzlich sind Stimme, Gesicht, Alter und Name des Kindes auf mehreren Handys – gespeichert in Clouds, durchsuchbar, oft dauerhaft abrufbar. Niemand hat etwas Böses gewollt. Und doch ist das ein Moment, der zum Nachdenken einlädt.

Denn in einer Welt, in der KI Stimmen imitiert, Gesichter analysiert und emotionale Muster erkennen kann, entstehen aus solchen Momentaufnahmen potenziell langfristige digitale Spuren, die Kinder später selbst kaum noch kontrollieren können.

KI: Unsichtbar, aber wirksam

KI ist keine Zukunftsmusik. Sie wirkt im Hintergrund – oft leise, aber deutlich:

  • Die YouTube-Kinderseite zeigt Videos, die durch KI-Algorithmen ausgewählt wurden.
  • Sprachassistenten wie Alexa oder Siri hören mit – auch Kinderstimmen.
  • Kostenlose Spiele zeigen Werbung, die von KI individuell angepasst wird.
  • Lern-Apps analysieren, wo das Kind wie lange klickt – und was es motiviert.
  • Was blinkt, tönt, lobt oder unterbricht, bleibt haften. Und genau darauf sind viele Systeme optimiert.

Zunehmend bieten auch kindgerechte Geräte Fitnessfunktionen oder Chat-Begleiter an. Was viele Eltern nicht wissen: Wenn Gesundheitsdaten, Stimmungen oder Gewohnheiten ohne medizinischen Schutzrahmen verarbeitet werden, können daraus ungewollte Profile entstehen. Chatverläufe mit emotionalen Fragen („Bin ich dick?“, „Warum bin ich traurig?“) oder Tracker, die Schlafmuster aufzeichnen, können durch KI-Systeme genutzt werden, um Vorhersagen zu treffen – ohne dass dies transparent gemacht wird. Was heute noch verspielt wirkt, kann morgen Grundlage für automatisierte Entscheidungen sein. Eltern sollten deshalb besonders sensibel sein, wo sensible Daten landen – und welche Apps mitlesen, speichern oder analysieren.

Besonders verletzlich

Kinder unter zehn Jahren können Reize nicht vollständig einordnen oder reflektieren. Ihr Gehirn ist besonders verletzlich. Sie reagieren auf Farben, Stimmen, Belohnungen – und auf Wiederholung. KI-Algorithmen nutzen das: Sie „lernen“, was wirkt, und spielen mehr davon aus. So kann es passieren, dass ein Kind sich stundenlang mit ähnlichen Inhalten beschäftigt – nicht, weil es das will, sondern weil es immer wieder dahin gelenkt wird. Gleichzeitig sind die Inhalte nicht immer pädagogisch geprüft. Manche Spiele beinhalten Werbung für Spielzeug, Süßigkeiten oder Apps, die für Kinder gar nicht geeignet sind – aber durch KI ansprechend verpackt werden.

Viele Eltern sagen heute: „Ich versteh das alles gar nicht mehr.“ Sie meinen TikTok, YouTube Shorts, Empfehlungen, Emojis, Filter, Spiele. Sie spüren, dass sie nicht mehr wissen, was Kinder da eigentlich tun – oder wie es auf sie wirkt. Wer seine Kinder begleiten will, muss nicht alles verstehen – sondern bereit sein, sich Grundwissen über digitale Mechanismen anzueignen. Zum Beispiel:

  • Warum Inhalte nicht neutral, sondern KI-gesteuert gezeigt werden
  • Wie Apps Kinder mit Belohnungssystemen binden
  • Welche Informationen mitgeschnitten werden – selbst bei Sprachbefehlen oder scheinbar harmlosen Fragen
  • Dass KI nicht objektiv ist – sondern von Daten lernt, die auch Vorurteile enthalten

Was Eltern konkret tun können:

  • sich zeigen lassen, was Kinder sehen – ohne Bewertung
  • digitale Zeiten begleiten, nicht nur begrenzen
  • Sprachassistenten deaktivieren, wenn sie unbeobachtet aktiv sind
  • Großeltern einbinden: Auch sie sollten wissen, was weitergeleitet wird
  • gemeinsam Apps auswählen, nicht nur installieren
  • ein Gespräch über Gefühle führen: Wie fühlst du dich nach dem Spiel? Was hat dir gefallen? Was war komisch?

Haltung statt Hilflosigkeit

KI ist nicht per se schlecht. Sie kann beim Vorlesen helfen, Sprachen vermitteln, Strukturen im Alltag unterstützen. Doch sie ersetzt keine elterliche Beziehung, keine liebevolle Grenze, kein echtes Gespräch. Sie kann Entscheidungen erleichtern – aber sie trifft keine guten. Sie kann Daten ordnen – aber keine Bindung aufbauen. Sie kann viel – aber nicht das, was Kinder am meisten brauchen: Beziehung, Orientierung und Schutz.

Die Europäische Union arbeitet mit dem sogenannten „AI Act“ an einem Rahmen, der KI-Systeme regulieren soll – gerade im Umgang mit Kindern. Doch bis solche Regeln greifen, sind Familien gefragt: mit gesundem Menschenverstand, einem Blick hinter die Kulissen – und der Bereitschaft, immer wieder neu dazuzulernen. Denn digitale Erziehung beginnt nicht mit Technik, sondern mit Haltung.

Dr. Denise Holtschulte ist promovierte KI-Expertin. Sie engagiert sich für verantwortungs-volle Technologien – mit Blick auf Kinder, Familie und Gesellschaft. thelittlegoodlife.de

 

Weiterführende Links

Kinder kommen oft früh mit KI in Kontakt – über Sprachassistenten, Lern-Apps oder YouTube. Wer sicher begleiten will, findet hier Orientierung:

  • klicksafe.de: Infos & Materialien zu Medienkompetenz ab dem Kita-Alter
  • schau-hin.info: Elternratgeber für Mediennutzung zu Hause
  • digikids.online: Medienbildung & KI-Projekte für Kitas und Grundschule
  • medien-kindersicher.de: Anleitungen für technische Schutzfunktionen
https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Kinder-und-KI_GettyImages_vladans_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-06 15:50:162026-03-06 15:50:16KI im Kinderzimmer: Wie Eltern mit der neuen Technologien umgehen können

„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Elternfrage: „Wir erziehen unsere Kinder bedürfnis­orientiert, aber unsere Eltern meinen, Kinder brauchen mehr Strenge und Regeln. Wie können wir ihnen unser Erziehungsverständnis erklären, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?“

Immer mehr Eltern entscheiden sich heute bewusst gegen autoritäre Erziehungsmethoden und orientieren sich stattdessen an einem beziehungsstarken, kindzentrierten Umgang – der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung. Studien belegen: Kinder, die in einem Umfeld von emotionaler Sicherheit und echtem Respekt aufwachsen, entwickeln ein stärkeres Selbstwertgefühl, sind empathischer und können besser mit Stress umgehen.

Es braucht keine Einigkeit

Doch genau hier beginnt oft der Generationskonflikt. Viele Großeltern wurden selbst noch autoritär erzogen – mit Sätzen wie „Da wird nicht diskutiert!“ oder „Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen!“. Kein Wunder also, dass der bedürfnisorientierte Ansatz für sie manchmal fremd, vielleicht sogar nachlässig wirkt. Ihre Sorge ist oft, dass Kinder keine Grenzen mehr kennen und machen dürfen, was sie wollen.

Als unser erstes Kind geboren wurde, hatten wir das Gefühl, Neuland zu betreten. Wir wollten einen liebevollen, bindungsorientierten Weg mit Nähe, Verständnis und Geduld gehen. Gleichzeitig merkten wir: In unseren Herkunftsfamilien hatte man sich früher weniger damit beschäftigt, was Kinder brauchen. Im Mittelpunkt stand eher, wie Kinder sich verhalten sollen. Es war nicht immer leicht, darüber im Gespräch zu bleiben. Aber genau das wurde zum Schlüssel: einander zuhören, statt zu überzeugen – in dem Vertrauen, dass Kinder nicht perfekte Einigkeit brauchen, sondern liebevolle Beziehungen. Sie spüren, dass sie geliebt werden. Die Kinder sehen, dass Menschen unterschiedlich handeln. Sie lernen, dass Vielfalt zum Leben gehört und entwickeln die Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Heute bin ich selbst Oma und darf erleben, wie sich die Erziehung weiter verändert und dass eines bleibt: die Kraft der echten Beziehung.

Verständnis statt Grundsatzdebatten

Diese vier Gedanken helfen dabei, Brücken zwischen euch und den eigenen Eltern zu bauen, anstatt Gräben zu ziehen:

  • Wertschätzung zuerst: „Ich sehe, wie viel Erfahrung ihr habt und wie sehr euch unsere Kinder am Herzen liegen.“
  • Eigene Haltung erklären, ohne zu belehren: „Für uns ist es wichtig, dass unser Kind lernt, dass seine Gefühle ernst genommen werden – auch wenn das mehr Geduld braucht.“
  • Gemeinsame Ziele betonen: „Wir wünschen uns alle, dass unser Kind selbstständig, verantwortungsvoll und innerlich stark wird.“
  • Gesprächsangebote statt Grundsatzdebatten: „Wenn ihr Lust habt, erzähle ich euch mehr über das, was uns an diesem Ansatz überzeugt hat.“

Verbindung ist wichtiger als Zustimmung. Ihr müsst eure Eltern nicht überzeugen, aber ihr könnt sie einladen, euch zu verstehen. Manchmal braucht es dafür weniger Worte und mehr gelebte Haltung: Geduld, Klarheit, Authentizität – und einen liebevollen Blick für alle Generationen.

Annette Sperling ist Familylab-Familienberaterin und Expertin für Großelternberatung. Mehr unter: grosselternberatung.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Generationendialog_GettyImages_AJ_Watt_E-Plus-scaled.jpg 1725 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-03 11:42:052026-03-03 11:42:05„Euer Kind braucht mehr Regeln!“ – Wenn Großeltern die Erziehung nicht verstehen

Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

Stundenlanges Schreien, Unruhe und Eltern am Rand der Verzweiflung: Ein Schreibaby kann eine echte Herausforderung sein. Was Eltern tun können, verrät Psychotherapeutin Melanie Schüer.

Janna steht am Fenster und wischt sich eine Träne weg. Gerade ist endlich Kai zurück von der Arbeit genommen und hat ihr die Kleine abgenommen, die schon wieder seit einer Stunde schreit. Woran kann das nur liegen? Janna ist verzweifelt. Die Babys ihrer Freundinnen wirken immer so entspannt! Hat sie ein „Schreibaby“?

Wie Janna geht es vielen Eltern: Wenn das Baby oft schreit, fühlen sie sich hilflos, erschöpft und manchmal sogar schuldig. Viele fragen sich: „Liegt es an mir?“ oder „Ist mein Baby krank?“ Die Wahrheit ist: Meistens ist niemand Schuld – manche Babys werden einfach mit einem Temperament geboren, das etwas Starthilfe beim Regulieren braucht.

Was ist ein Schreibaby?

Von einem Schreibaby spricht man, wenn ein Säugling mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mindestens drei Wochen hinweg weint. Das ist eine klassische Definition, aber entscheidend ist letztlich, als wie belastend die Eltern die Situation erleben. Wichtig: Babys wollen ihre Eltern nicht ärgern oder ausdrücken, dass sie grundsätzlich unglücklich sind. Ihnen fehlt noch die Fähigkeit, innere Anspannung selbst zu reduzieren und zur Ruhe zu kommen.

Warum schreien manche Babys so viel?

Babys kommen mit einem sehr unreifen Nervensystem zur Welt. In den ersten Monaten müssen sie lernen, ihre Gefühle, ihren Hunger und Übergänge zwischen Wachheit und Schlaf zu steuern. Das ist eine enorme Aufgabe – und bei manchen Babys ist dieses Regulierungssystem besonders empfindlich. Mögliche Gründe für ausgeprägtes Schreien sind:

  • Unreifes Nervensystem: Einige Babys brauchen einfach länger, um Stress zu verarbeiten und um “abzuschalten”, nachdem sie die Welt erkundet haben
  • Reizüberflutung: Viele Geräusche, Licht, Besuch, zu viele Eindrücke oder Termine
  • Unruhe im Körper: Verdauungsprobleme, Blähungen, Reflux, Allergien oder Unverträglichkeiten.
  • Schlafprobleme: Schlafmangel verstärkt das Schreien oft
  • Temperament: Manche Babys sind von Natur aus sensibler und reizempfindlicher – das sind dann später oft auch sehr feinfühlige, kreative Kinder und Erwachsene.
  • Elterlicher Stress: Eltern, die selbst gestresst, unsicher oder erschöpft sind, übertragen oft unabsichtlich ihre Anspannung auf das Baby – und Babys „spüren“ das sehr schnell. Ein schreiendes Baby stärkt diese Belastung natürlich – ein Teufelskreis.

Wichtig ist: Nicht jede Ursache ist klar erkennbar. Manchmal bleibt es bei der Erklärung „Reifungsprozess“ – aber natürlich gilt es, genau hinzuschauen und alle möglichen Ursachen zu beleuchten.

Was hilft – und was nicht?

Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt viele Strategien, die helfen können, das Baby zu beruhigen und mit dem Schreien besser zurechtzukommen. Die wichtigste Grundlage ist: Das Baby braucht Regulation – und zwar körperlich und emotional.

Beruhigungsstrategien (die oft funktionieren)

  • Tragen oder Kuscheln: Nähe und Bewegung vermitteln Sicherheit.
  • Ruhiges Schaukeln: Babys lieben rhythmische Bewegungen.
  • Weißes Rauschen: Ein Staubsauger-, Föhn- oder Regen-Geräusch kann sehr beruhigend wirken.
  • Pucken/Swaddling: Das Gefühl von Geborgenheit hilft vielen Babys, sich zu entspannen. Manche schlafen auch besser auf der Seite (mit einem speziellen Seitenschläferkissen für Babys)
  • Bauchmassage: Sanfte, kreisende Bewegungen können bei Blähungen helfen. Manche Babys lieben auch die sogenannte Schmetterlingsmassage, eine spezielle Massagetechnik, zu der es online viele Informationen gibt.
  • Stillen, Schnuller oder Flasche: Nuckeln hilft Babys oft, zur Ruhe zu kommen.

Wechsle nicht zu oft zwischen verschiedenen Strategien – das verstärkt die Überreizung. Gib jeder erst einmal 5-10 Minuten Zeit, zu helfen.

Weinen begleiten – statt „wegmachen“

Ein wichtiger Punkt: Weinen ist auch ein Weg zum Stressabbau. Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt, dass du dich irgendwie erleichtert gefühlt hast, nachdem du dir etwas von der Seele gesprochen und – geweint hast? Babys können noch nicht reden – ihnen bleibt nur das Schreien als Ventil.

Manchmal ist es daher gar nicht möglich oder nötig, das Schreien sofort zu stoppen. In solchen Momenten kann es helfen, das Baby einfach zu begleiten:

  • Dabei bleiben, ohne den inneren Druck, das Schreien zu beenden
  • Sanft sprechen oder summen
  • Hand auf den Rücken legen
  • Dem Baby sagen: „Es ist okay, dass du weinst. Ich bin bei dir und halte dich.“

Für viele Babys wirkt diese Begleitung wie ein „sicherer Hafen“ und unterstützt den Stressabbau. Oft sind Eltern überrascht, dass das Weinen früher oder später von selbst aufhört, wenn sie es nicht zwanghaft beenden wollen.

Ganz pragmatischer Tipp: Nutze bei dieser „Schrei-Begleitung“ Ohrenschützer oder -stöpsel. Das hilft, dein eigenes Stresslevel gering zu halten – und das spürt dann auch dein Baby.

Was nicht hilft – oder sogar verschlimmert

  • Schütteln: Das hilft überhaupt nicht und ist stattdessen gefährlich! Die Halswirbelsäule eines Säuglings ist noch instabil. Schütteln kann zu schweren Verletzungen führen.
  • Unbegleitet schreien lassen: Das kann das Stressniveau erhöhen und ist emotional belastend sowie schädlich für die Bindung und das Urvertrauen.
  • Zu viel Stimulation, Ablenken mit Spielzeugen oder ständiger Aktivität: Manchmal braucht das Baby weniger, nicht mehr.

Wie Eltern damit umgehen können (ohne auszubrennen)

Schreien ist für Eltern extrem belastend. Besonders, wenn es sich anfühlt, als würde es niemals enden. Hier sind Strategien, die helfen, nicht zu zerbrechen:

  1. Du bist nicht allein – und du bist nicht schuld

Viele Eltern von Schreibabys fühlen sich schuldig. Das ist verständlich, aber meist gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Viele Babys kommen unruhig zur Welt – dafür können die Eltern nichts. Wenn du aber merkst, dass du selbst sehr belastet bist mit eigenen Themen, dann ist es richtig, dir fachliche Hilfe zu holen. Denn wenn Eltern unter Depressionen, anderen psychischen Erkrankungen oder unter starker Anspannung stehen oder extrem verunsichert sind, können Kinder das unbewusst spüren. Oft spiegeln sie diese Anspannung, was ihre Unruhe verstärkt.

  1. Sorge für dich – das ist kein Luxus

Wenn du erschöpft und angespannt bist, kannst du keine Ruhe vermitteln. Das bedeutet:

  • Mach Pausen, auch kurze
  • Hol dir Unterstützung: Partner, Familie, Freunde, Nachbarschaft, Ehrenamtliche, z.B. Familienpaten oder „wellcome“
  • Geh raus, auch wenn es nur 10 Minuten sind.
  • Sprich über deine Gefühle, z. B. mit einer Hebamme, einer Elternberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.
  1. Setze klare Grenzen – auch gegenüber dir selbst

Wenn das Schreien zu viel wird, ist es okay, das Baby sicher in die Wiege zu legen und kurz Abstand zu nehmen. Eine Minute Ruhe kann einen Unterschied machen. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, ist das ein Signal: Du brauchst eine Pause – genau jetzt.

Wann ist ärztlicher Rat ratsam?

Auch wenn das Schreien meist keine gravierenden körperlichen Gründe hat, ist es wichtig, medizinische Ursachen auszuschließen. Besonders bei folgenden Beobachtungen:

  • wenn das Baby nicht zunimmt oder Gewicht verliert
  • wenn das Schreien plötzlich sehr stark wird oder neu auftritt
  • bei Fieber, Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag oder Blut im Stuhl
  • wenn das Baby apathisch wirkt oder ungewöhnlich lethargisch ist
  • wenn du den Verdacht auf Reflux, Allergien oder starke Verdauungsprobleme hast (z.B. Schreien immer nach dem Essen, harter, aufgeblähter Bauch)

Der Blick nach vorn: Es bleibt kein Schreibaby

Die gute Nachricht: Ein Schreibaby wird nicht „für immer“ schreien. In den meisten Fällen verbessert sich die Situation ab dem 3.–4. Monat deutlich, weil das Nervensystem reift und das Baby lernt, sich selbst zu regulieren. Manche brauchen etwas länger, aber es handelt sich definitiv um eine begrenzte Phase in eurem Leben. Wichtig ist, genau das nicht zu vergessen: „Es geht vorbei“. Stelle dir immer mal wieder Szenen aus der Zukunft vor, in denen du die Zeit mit deinem fröhlichen Kind genießt.

Und, ganz wesentlich: Du bist nicht allein. Hole dir Hilfe – besser früh als spät. In vielen Orten gibt es Schreiambulanzen oder Frühe Hilfen, zum Beispiel „Familienpaten“, Familienhebammen oder das Projekt „wellcome“. Auch online gibt es gute Anlaufstellen wie elternleben.de.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/02/Schreibaby_GettyImages_ArtMarie_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-02-26 14:57:392026-02-26 14:57:39Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

„Mein Kind ist anders … “ – Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Eltern von Kindern, die sich anders entwickeln als erwartet, stehen oft vor großen Herausforderungen. Familienberaterin Daniela Albert will betroffenen Eltern aus der Isolation helfen.

„Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas mit meinem Kind anders ist …“ So fangen viele Beratungsgespräche an, wenn Eltern zu mir in die Praxis kommen, weil ihr Kind sich anders entwickelt als erwartet. Oft haben sie schon einen längeren Leidensweg hinter sich. Alltägliche Situationen, die andere spielend meistern, sind herausfordernd: Auf der Familienfeier im Kinderwagen schlafen? Fehlanzeige! Ein Stadtbummel in der Trage? Funktioniert nicht, weil das Kind schnell überreizt ist. Oder die Eingewöhnung in einer Betreuungseinrichtung erweist sich als schwierig. Zu Beratungsbeginn haben diese Eltern häufig die Erfahrung gemacht, dass andere über sie in Unverständnis die Nase rümpfen. „Die stellen sich aber auch an mit ihrem Kind“, heißt es vielleicht.

Dass sie sich anstellen oder auch übertreiben, bekommen meine Klientinnen und Klienten nicht nur in ihrem direkten Umfeld zu hören. Immer wieder müssen sie die Erfahrung machen, von ihrem Gegenüber nicht ernst genommen zu werden. Da ist die Kinderärztin, die die Bedenken mit einem Lächeln abtut. Oder da sind pädagogische Fachkräfte, die finden, dass alles noch im Rahmen sei. Solche Sätze sollen beruhigend wirken, und manchmal entsprechen sie auch den Tatsachen. Doch für Mütter und Väter, deren Bauchgefühl eine deutlich andere Sprache spricht und die im Alltag erleben, dass ihr Kind eben nicht „normal funktioniert“, verschlimmern sie die Lage. Und sie erschweren den Weg zu Hilfe und Erleichterung.

Falsche Unterstellungen

Eltern von Kindern mit Neurodiversitäten, körperlichen oder psychischen Auffälligkeiten kämpfen oft damit, Verständnis und Akzeptanz zu finden. Ein schwieriger, oft schmerzhafter Prozess, in dessen Verlauf sich soziale Beziehungen verändern und Familien sich oft allein fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass es die verbreitete Ansicht gibt, dass „all das“ sicher nur an den Eltern läge. Diese ließen sich von ihrem gefühlsstarken Kind auf der Nase herumtanzen, verwöhnten das hochsensible Kind zu sehr, förderten Entwicklungsprozesse nicht genug oder – wie beim Thema Hochbegabung unterstellt – zu viel. Ein großer Teil von Eltern, deren Kinder sich abseits gängiger Normen bewegen, kennt solche Unterstellungen und Zuschreibungen.

Doch nicht nur die Akzeptanz von außen ist ein Thema. Denn oft müssen Eltern selbst erst einmal diesen Weg gehen. Sie müssen ihre Vorstellungen vom Familienleben loslassen und akzeptieren, dass ihr Elternalltag anders aussieht. Kein Vater und keine Mutter träumt davon, sich auf die frustrierende Suche nach Therapieplätzen zu machen, seine Nachmittage in Wartezimmern zu verbringen oder den Alltag nach den besonderen Bedarfen seines Kindes auszurichten. Die Eltern, die ich begleite, stehen genau vor diesen Herausforderungen. Viele meistern sie wunderbar und schaffen es, sich diesen anders getakteten Alltag so schön wie möglich zu machen. Ich begleite echte Löweneltern und ziehe immer wieder den Hut vor ihnen.

Akzeptanz und Herzschmerz

Ein erster Schritt, das Bestmögliche aus der Situation zu machen, besteht darin, die Erwartungen, die man einmal hatte, loszulassen. Es ist gut, seinen Frieden damit zu machen, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren werden. Manchmal erlebe ich Eltern, die sich damit schwertun. Ich habe Verständnis dafür, denn oft wird man von rosaroten Eindrücken vom Familienleben überschwemmt. Social Media oder der WhatsApp-Status gaukeln uns vor, dass andere scheinbar das perfekte Glück gefunden haben. Die Erkenntnis, dass man als Familie da nicht mithalten kann, macht im schlimmsten Fall bitter. Aber sie kann auch befreien. Wenn man den oft schmerzhaften Weg der Akzeptanz nämlich einmal gegangen ist, bleibt die Freiheit zu überlegen, wie man sein Familienleben unter den gegebenen Umständen gestalten möchte. Vergleiche darf man sich getrost schenken.

Was beim Thema Alltagsgestaltung noch bewältigbar ist, gestaltet sich auf einer anderen Ebene deutlich schwieriger: Wie hält man den Herzschmerz aus, den die Begleitung eines besonderen Kindes oft mit sich bringt? Dieses stechende Gefühl in der Brust, wenn dir bewusst wird, dass dein Kind schon ein Jahr lang in den Kindergarten geht, aber noch nie zu einem anderen Kind nach Hause kommen durfte? Wie oft ringen sich Mütter oder Väter ein müdes Lächeln ab, um Trauer oder Wut darüber zu verbergen, dass nur im Fach ihres Kindes wieder keine Geburtstagseinladung liegt? Wie lange kann man sich zusammenreißen, wenn man wieder mitbekommt, dass andere über das eigene Kind tuscheln?

Raus aus der Isolation!

Und es ist ja oft nicht nur das Kind, das ein Problem hat, Anschluss zu finden. Auch die Eltern können in Isolation geraten. Die Themen, über die andere sprechen, sind nicht die eigenen. Gemeinsame Aktivitäten kommen nicht in Frage. Oft sind Eltern auch müde davon, sich und ihr Kind immer wieder erklären zu müssen. In einer Lebensphase, in der Kontakte meist im Umfeld der Kinder entstehen, kann man mitunter einsam werden. Ein großer Gewinn sind hier Mütter und Väter in ähnlichen Situationen. Über soziale Netzwerke kann man sich leichter finden. Dazu rate ich dringend! Denn die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen und Nöten nicht allein ist, kann zur Annahme der Situation beitragen.

Eltern, deren Kinder aus irgendeinem Grund durch unsere gängigen Raster fallen, leisten Unglaubliches – sowohl in der Bewältigung ihres Alltags als auch beim Loslassen und Annehmen von Situationen, die man sich anders ausgemalt hatte. Ich wünsche mir, dass wir uns öfter klarmachen. Und wir sollten diesen Familien wohlwollend und offen gegenübertreten und uns fragen, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass diese Kinder und ihre Eltern bei uns ihren Platz finden.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter: eltern-familie.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/02/Sandkasten_GettyImages_Olha-Romaniuk_iStock_Getty-Imaages-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-02-24 12:30:552026-02-24 12:30:55„Mein Kind ist anders … “ – Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen

Bindung schafft Sicherheit: Was Eltern ihren Kindern wirklich geben sollten

Was Brauchen Kinder wirklich, um es gut durchs Leben zu schaffen? Erziehungsberaterin Dorothea Beier verrät, wie Sie ihrem Kind die Bindung und Sicherheit geben können.

Bindung ist wie ein emotionales Band, eine feste Verbindung zwischen Mutter und Kind, die nicht erst mit der Geburt, sondern schon davor geschieht. Über die Nabelschnur besteht eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind. Diese Verbindung geht über die Ernährung und die Sauerstoffzufuhr weit hinaus. Das Kind ist auch am emotionalen Erleben der Mutter beteiligt, wissen wir heute aus der Hormonforschung. Nicht nur über die Nabelschnur, auch über die Sinnesorgane kann das Kind wahrnehmen, was die Mutter erlebt. Es reagiert auf ihre Gefühlszustände, auf ihre Stimme, kann bereits erste Erfahrungen machen, die prägend sein können für die Bindungsbeziehung.

In Bindung: Sicher in die Welt hinein

Mit der Geburt beginnt dann eine weitere prägende Phase im Bindungsaufbau. Das Kind braucht jetzt zuverlässige und warmherzige Zuwendung, damit sich eine sichere Bindung entwickeln kann. Dazu gehört auch, dass die Mutter feinfühlig auf die Signale ihres Kindes antwortet, dass sie in der Säuglingszeit prompt und angemessen darauf reagiert. Sieht das Kind immer wieder den Glanz in den Augen der Mutter, hört es ihre liebevolle, beruhigende Stimme, schmeckt es die Milch und riecht es die Mutter, so fördert das sichere Bindung. Das Kind wird sicher in sich selbst, es wird „am Du zum Ich“, wie Martin Buber es treffend ausdrückte.

Ein sicher gebundenes Kind ist dann auch in der Lage, seine Welt zu erkunden. Es kann sich von Mama lösen; denn es weiß, dass es immer wieder in den sicheren Hafen zurückkommen kann. Mama und Papa sind der Leuchtturm, sie geben Orientierung, die sich fest verankert. Daher ist Bindung eines der wichtigsten seelischen Grundbedürfnisse des Menschen, denn es zielt darauf ab, emotionale Sicherheit und Stabilität zu erlangen.

„Ich bin nicht okay!“

Sichere Bindung ist also das Ziel. Daneben gibt es auch unsichere Bindungsstile. Wir können diese unter anderem an einem mangelnden Selbstwertgefühl, an Verlassenheitsängsten, an einer unzureichenden Emotionsregulation, distanziertem oder auch klammerndem Verhalten, an Angst vor Nähe erkennen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, nicht okay zu sein und anders sein zu müssen. „Ich weiß gar nicht, wer ich bin, ich genüge nicht, mich mag keiner, ich mache alles falsch, ich bin ein Versager …“ Solche und andere Sätze kann man von Menschen hören, deren Bindung unsicher ist.

Wenn die Voraussetzungen für einen sicheren Bindungsstil nicht oder nur unzureichend erfüllt sind, entwickeln sich Defizite und dadurch unsichere Bindungsstile. Dies geschieht oft, weil Eltern, die selbst unsicher gebunden sind, unbewusst ihren erlernten Bindungsstil an die eigenen Kinder weitergeben.

Menschen, die bei sich Unsicherheit, Ängste, Misstrauen, Überforderung und Hilflosigkeit entdecken fragen oft: Kann man den früh erworbenen Bindungsstil verändern? Die gute Nachricht: Ja, das kann auf vielfältige Weise geschehen. Wir haben die Möglichkeit zur Resilienz, einer inneren Widerstandsfähigkeit. Um ein sicheres Bindungssystem nachträglich zu erlangen, brauchen wir gute Sozialkontakte. Schon für unsere Kinder, ob sicher oder unsicher gebunden, sind Freundschaften von großer Bedeutung. In einer guten Freundschaftsbeziehung kann Bindung erfahrbar werden. Bindungsverletzungen können durch neue, gute Erfahrungen heilen.

Wir brauchen das „Du“

Jeder Mensch, jedes Kind wünscht sich, verstanden, gesehen, gehört und berührt zu werden. Auch in einer Nachholphase oder bei Jugendlichen gilt: Wir brauchen Dualität, um Bindung erleben und installieren zu können. In dem Maße, wie unsere eigenen Kinder oder auch wir selbst erleben, dass wir geliebt und angenommen werden, auch wenn wir Fehler machen, dass wir nicht verurteilt oder bestraft, sondern verstanden werden, wird sichere Bindung wiederhergestellt und es kann Heilung geschehen. Einem Kind, das in seiner Bindung noch nie sicher war oder das durch negative Erfahrungen stark verunsichert wurde und nun durch Verhaltensauffälligkeiten (zum Beispiel durch Ängste, Wut oder Aggressionen) unbewusst Signale gibt, können wir helfen, Bindung durch Dualität wiederherzustellen. Ein Vater-Sohn-Wochenende, eine besondere Mutter-Tochter-Zeit, mit Wunschaktivitäten des Kindes oder des Jugendlichen können Wunder wirken. Täglich eine gemeinsame Zeit, in der das Kind einen Elternteil ganz für sich hat, stellt Bindung her.

Gemeinsames Spielen, Ausflüge, Besuche bei Freunden, Rituale wie täglich einmal dem Kind drei Dinge sagen, die uns positiv bei ihm aufgefallen sind, können ebenfalls hilfreich sein.

Bedürfnisse erkennen

Um aus fehlangepassten Mustern aussteigen zu können, ist es wichtig, diese zu erkennen. Oft „funktionieren“ wir im Alltag, ohne zu reflektieren. Wenn wir eine sichere Bindung nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder wünschen, ist ein erster Schritt das Benennen unserer Emotionen, die wir bei uns täglich entdecken. Auch das Benennen strafender Anteile, die nicht nur unser Denken über uns, sondern auch über unsere Kinder beeinflussen, ist wichtig, um eine sichere Bindung zu erlangen. Wir müssen erkennen, dass unsere Emotionen und unsere oft negativen Denkmuster in unserer frühen Kindheit entstanden sind. Unsere Verhaltensantworten, die sich daraus automatisch entwickelt haben, sind Bewältigungsstrategien und damit Selbstheilungsversuche. Diese gilt es anzuerkennen, bevor wir etwas verändern wollen.

Mit dem Erkennen unserer seelischen Bedürfnisse können wir anfangen, uns selbst zu reflektieren. „Welches Bedürfnis ist gerade nicht befriedigt?“, ist eine wichtige Frage, die ein Schlüssel zu den Gefühls- und Verhaltensweisen bei uns und unseren Kindern ist. Je mehr wir dies erkennen, können wir uns von alten bindungszerstörenden Mustern trennen. Auf diese Weise wird sichere Bindung zu uns selbst und damit auch zu unseren Kindern möglich.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs-und Resilienztrainerin, Spiel-und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin. Sie lebt in Uelzen, wo sie eine eigene Praxis hat.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/02/Bindung_GettyImages_AleksandarNakic_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-02-19 16:02:552026-02-19 16:02:55Bindung schafft Sicherheit: Was Eltern ihren Kindern wirklich geben sollten

Bereit für die erste Periode? Darüber solltest du mit deiner Tochter sprechen

Elternfrage: „Meine Tochter (10) hat mich gefragt, woran sie erkennen kann, dass ihre erste Blutung bevorsteht. Ich wusste es nicht! Wie kann ich sie auf ihre erste Periode vorbereiten?“

Wie schön, dass Ihre Tochter mit so einer wichtigen Frage zu Ihnen kommt. Das ist ein Zeichen von großem Vertrauen. Viele Mädchen spüren intuitiv, dass sich ihr Körper verändert, und suchen Orientierung. Als Elternteil können Sie hier eine wichtige Begleitung sein.

Mögliche Anzeichen

Die erste Monatsblutung, die Menarche, tritt meist zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr auf. Das ist allerdings individuell und vielleicht auch ein wenig Veranlagung. Es gibt verschiedene Zeichen des hormonellen Wandels, welche die Blutung ankündigen können:

  • Brustwachstum ist das wichtigste Zeichen im Hinblick auf das Auftreten der ersten Periodenblutung und beginnt etwa zwei Jahre vorher.
  • Haarwachstum im Intimbereich und unter den Achseln
  • Weißlicher Ausfluss aus der Scheide
  • Wachstumsschub, Hautveränderungen und Stimmungsschwankungen

Diese Veränderungen treten nicht immer alle zusammen auf, sondern auch nacheinander. Aber sie sind ein guter Anlass, mit Ihrer Tochter über das Thema Periode ins Gespräch zu kommen – offen, altersgerecht und unaufgeregt. Mädchen erleben die erste Blutung sehr unterschiedlich: Manche empfinden sie spannend, andere sind verunsichert. Das Wichtigste ist, dass sie überhaupt wissen, was passiert und dass sie vorbereitet sind.

Die Monatsblutung normalisieren

Rein praktisch hilft ein kleines Notfallset in der Schultasche mit Binden, Ersatzunterhose und Feuchttüchern. Vielleicht auch Periodenunterwäsche? Hier braucht es kein Anwendungswissen. Zeigen Sie ihr trotzdem, wie Binden funktionieren. Sprechen Sie darüber, dass die Periode auch unerwartet einsetzen kann, zum Beispiel beim Sport, und dass das völlig in Ordnung ist. Ermutigen Sie Ihre Tochter, sich bei Vertrauenspersonen (Lehrkraft, Freundinnen, die bereits ihre Periode haben) Hilfe zu holen, wenn sie es braucht.

Ich empfehle, kleine Gesprächsanlässe zu nutzen. Etwa beim Einkauf, beim Packen der Tasche oder wenn (bei Müttern) die eigene Periode ansteht. Und: Bleiben Sie offen für Fragen. Auch, wenn Sie nicht sofort alles beantworten können – gemeinsam finden Sie Antworten. Gute, kindgerechte Bücher oder Informationen im Internet, wie auf der Plattform Doctorial, können zusätzlich unterstützen. Gut zu wissen: Bei Mädchen und jungen Frauen kann die Periode noch sehr unregelmäßig kommen. Mal einen Monat nicht, dann wieder regelmäßig. Das ist normal.

Zum Frauenarzt?

Ein Gespräch mit dem Frauenarzt oder der Frauenärztin ist in dieser frühen Phase nicht zwingend notwendig, kann aber hilfreich sein – etwa in einer Mädchen-Sprechstunde, wie sie in vielen frauenärztlichen Praxen angeboten werden. Dabei stehen Gespräch und Kennenlernen im Vordergrund, nicht die Untersuchung. Wie der Berufsverband der Frauenärzte in seinen Empfehlungen schreibt, soll dieser erste Kontakt Vertrauen schaffen und Mädchen stärken, ihren Körper zu verstehen und gut für sich zu sorgen.

Wichtig ist, die Periode positiv zu besetzen, denn sie ist ein Schritt auf dem Weg in das Erwachsenwerden, ein Zeichen von Fruchtbarkeit und dass der weibliche Körper auf wunderbare Weise „funktioniert“.

Dr. Stephanie Eder ist Expertin des Berufsverbandes der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. und niedergelassene Frauenärztin aus Gräfelfing bei München. Als Mutter von drei Kindern liegt ihr insbesondere die Aufklärungs- und Präventionsarbeit mit Jugendlichen am Herzen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Periode.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-01-28 11:08:392026-01-28 11:08:39Bereit für die erste Periode? Darüber solltest du mit deiner Tochter sprechen

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Erziehung: Ein Kinderarzt erklärt den Zusammenhang

Kinder brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit und das Gefühl etwas bewirken zu können, sonst fehlt ihnen später das Vertrauen in sich und andere. Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, warum Erziehung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eng zusammenhängen.

Herr Renz-Polster, viele Menschen in Deutschland sind gerade unzufrieden. Die Mieten sind hoch, bei Ärzten bekommt man keine Termine mehr und Familien finden keine Kinderbetreuung. Manche von ihnen reagieren mit Hass und Ablehnung, manche bemühen sich um Lösungen. Warum ist das so?

Klar haben manche einfach eine kürzere Zündschnur. Aber das hängt auch damit zusammen, was wir in unserer Kindheit gelernt haben. Habe ich erfahren, dass ich mit Herausforderungen umgehen kann? Konnte ich Sicherheit erfahren? Habe ich gespiegelt bekommen, dass ich etwas kann? Dass ich wertvoll bin? Kinder, die das nicht oder wenig erfahren haben, sind auch als Erwachsene noch sehr unsicher und neigen stärker zu Feindbildern. Das kann später zu Hass und Ablehnung führen. Und das kann dann durchaus auch eine politische Dimension annehmen, weil diese Menschen anfälliger sind für radikale, autoritäre politische Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite.

Innere Stimmigkeit

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass jedes Kind sich vier Grundfragen stellt: Nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Was passiert, wenn die Antworten darauf negativ ausfallen?

Positive Antworten auf diese Fragen führen dazu, dass das Kind so was ausbildet wie eine innere Heimat, ein Gefühl von Stimmigkeit. Es bildet ein grundlegendes Werkzeugset an Ressourcen, mit denen es der Welt gewachsen ist. Es lernt, seine Gefühle zu regulieren und wie es mit sich und anderen gut umgeht. Und auch, wie es aus schwierigen Situationen wieder herauskommt. Sind die Antworten auf diese Fragen negativ, dann ist sein Werkzeugkoffer leer. Das Kind hat nicht die Tools, mit Belastungen produktiv und konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird es vielleicht von Angst überflutet oder von Wut. Dann sieht es draußen möglicherweise nur Feindesland und empfindet die Menschen im Grunde als bedrohlich. Diese Grundhaltung nimmt es dann mit ins Erwachsenenalter.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Menschen, denen diese inneren Sicherheiten fehlen, suchen nach einem Ersatz. Einem Ersatz an Wert, an Größe und an Kontrolle. Welche Züge das annehmen kann, zeigt uns derzeit die MAGA-Bewegung (Make America Great Again, Anm. d. Red.), also die autoritäre Rechte in den USA. Da geht es gar nicht um die Lösung tatsächlicher Probleme, wie etwa der Klimakrise oder der sozialen Ungleichheit, sondern um Identitätsfragen: Wir sind stark, wir sind überlegen, wir sind auserwählt, wir sind die „richtigen Amerikaner“. So entsteht ein heilloses „wir“ gegen die „anderen“, getrieben von Misstrauen. Das zerreibt die ganze Gesellschaft.

Wir spüren das auch hierzulande, aber verglichen etwa mit den USA oder Frankreich leben wir auf einer Insel der Seligen. Wobei auch wir genug Grund zur Sorge haben. Ich sage das vor allem mit Blick auf die östlichen Bundesländer, wo sich gerade in den ländlichen Gebieten Wut und Frust mit extremen politischen Haltungen mischt. Und das ganz stark bei den jungen Männern.

Bedürfnisse beachten

Das heißt, wie wir unsere Kinder heute erziehen, wirkt sich später auch auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Ja, auf jeden Fall. Aber damit meine ich nicht, dass Eltern keine Fehler machen dürfen. Es geht vielmehr um tiefgreifende Entwertungsprozesse über einen längeren Zeitraum. Etwas, das so tief geht, dass das Kind diese innere Basis nicht mehr aufbauen kann, von der ich vorhin sprach. Eine permanente Unsicherheit zum Beispiel, das Wissen: Ständig kann ich verletzt werden, mir kann jederzeit etwas Schlimmes passieren. Meine lebenswichtigen Beziehungen tragen nicht, ich kann nicht vertrauen. Oder wenn Kinder die ganze Zeit hören, dass sie ein Versager sind und nichts richtig machen. Wenn auch die Wärme in der Familie fehlt. Oft sind die Eltern selbst stark überfordert, kämpfen psychisch ums eigene Überleben. Oder haben einfach nicht die Kraft, weil sie erkrankt sind, Suchtprobleme haben oder unter unsäglichem materiellem Dauerstress stehen.

Stress ist ein gutes Stichwort. Im Alltag ist es für Eltern manchmal nicht so leicht, den richtigen Ton zu finden. Was ist, wenn das nicht immer gelingt?

Nur weil ich meinem Kind mal eine Zeit lang nicht genug Rückenwind gegeben habe, muss ich mir nicht gleich Sorgen um mein Kind machen. Manche Eltern denken vielleicht, sie müssten immer die richtigen Worte finden und alles perfekt machen. Doch eigentlich geht es darum, „ganz normal“ mit den Kindern umzugehen. Damit meine ich: Mach einfach keinen Nonsens. Guck, dass dein Kind das bekommt, was du dir auch wünschen würdest. Was wünscht du dir zum Beispiel von einer erwachsenen Paarbeziehung? Wahrscheinlich, dass dein Partner dir keine Angst macht. Oder dass ihr nach einem Streit wieder zusammenfindet. Und dass ihr gemeinsam Dinge unternehmt, die euch Freude machen. Es ist in Erziehungsfragen mittlerweile alles so theoretisch geworden. Aber dabei geht es eigentlich nur darum, menschlich zu sein. Natürlich unter der Maßgabe dessen, dass Eltern eine Verantwortung für ihr Kind haben und für es sorgen. Aber die Grundhaltung sollte die gleiche sein.

Selbstwirksamkeit lernen

Kinder werden nicht nur durch ihre Eltern geprägt, sondern auch durch den Kindergarten und die Schule. Welche Erfahrungen machen sie dort?

Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der Schule und teils auch in der Kita an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Können sie über den Lehrplan mitdiskutieren? Nein. Können sie irgendetwas anderes dort beeinflussen? Im Gegenteil. Immer bestimmen ältere Menschen über sie. Dieses Gefühl des Kontrollverlusts oder der Hilflosigkeit, übertragen sie dann auf die Gesellschaft. Das betrifft vor allem diejenigen Kinder, die nicht das Glück eines bildungsnahen Elternhauses haben oder denen Mutter Natur keine hauptfächertauglichen Talente mitgegeben hat, sondern andere. Gerade diese Kinder könnten Ermutigung und Rückenwind in der Schule gut gebrauchen, machen aber oft Stress-, Angst- und Versagenserfahrungen, weil sie immer zu kurz springen. Was macht das über die Jahre mit einem Kind?

Kein Wunder, dass über die Hälfte der Jugendlichen glaubt, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Was brauchen junge Menschen, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?

Sie müssen beim Aufwachsen Vertrauen erfahren: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal Stress gibt, aber der sollte menschlich gelöst werden. Und dann brauchen sie Strukturen, in denen sie mitbestimmen und mitgestalten können – in den Dingen, die sie schon überblicken können, natürlich. In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Wie gehen die mir Überlegenen mit Macht um? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen? Wir dürfen das nicht unterschätzen. Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind ja nicht nur zuhause in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen. Wenn wir von der „Bildung“ reden, die dort passieren soll, dann gehört diese Persönlichkeitsbildung nach meinem Dafürhalten unbedingt dazu.

Rückgrat und innere Stärke

Sind wir da in Deutschland aktuell auf dem richtigen Weg?

Wir dürfen nicht blauäugig sein: Demokratie ist unglaublich schwierig. Sie bedeutet nicht nur irgendwo ein Kreuz zu setzen, sondern Kompromisse zu ertragen, konstruktiv zu denken, und auch die Schwächeren im Blick zu haben. An langfristigen Lösungen zu arbeiten, damit es der ganzen Gesellschaft besser geht. Demokratie braucht also Menschen, die empathisch sind und ein Interesse an anderen Menschen haben. Die mit sich selbst einigermaßen klarkommen und im Leben feststehen.

Wir haben in der Erziehung der Kinder eindeutig und messbar Land gewonnen. In den 70ern bis 90ern gab es eine Welle von positiven persönlichkeitsfördernden Entwicklungen für Kinder, eine neue, zugewandtere Haltung in der Erziehung etwa. Und es war auch die Zeit der letzten großen Bildungsreform. An den Schulen wurde beispielsweise versucht, den Kindern mehr eine Stimme zu geben.

Ich wünsche mir, dass wir uns weiter daran orientieren und das bewahren. Lasst uns weiterhin die Kinder so behandeln, dass sie an Rückgrat und innerer Stärke gewinnen. Und lasst uns die Familien im Blick behalten und sie entlasten so gut es geht, damit dort der Lebensstress nicht überhandnimmt. Fürsorge für die heranwachsenden Menschen ist ein gesellschaftliches Gut, vielleicht unser Wichtigstes.

Interview: Sarah Kröger ist freie Journalistin und Autorin.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Erziehungsexperte. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/10/Kinder-und-Gesellschaft_monkeybusinessimages_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1299 2309 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-01-28 11:06:182026-01-28 11:06:18Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Erziehung: Ein Kinderarzt erklärt den Zusammenhang

Ausbildung abbrechen? Wann es sinnvoll ist

Unser Sohn hat eine Ausbildung angefangen, aber schon nach zwei Monaten möchte er abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneinig, was wir tun sollen.

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
  • Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
  • Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung abbrechen: 3 gute Gründe

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn

  • die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen
  • die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist
  • oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr (dein-lebenstraum.com).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/12/Handwerker.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-01-28 11:05:052026-01-28 11:05:05Ausbildung abbrechen? Wann es sinnvoll ist

Empathie braucht Distanz! So fühlen Sie mit, ohne mitgerissen zu werden

Empathie ist eine wichtige Fähigkeit in der Partnerschaft. Dennoch gibt es ein Zuviel. Beziehungsexperte Marc Bareth erklärt den schmalen Grat.

Als Sophie die Tür hinter sich zuzieht, kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. So etwas Hinterhältiges hat sie noch nie erlebt. Ihr Vertrauen wurde ausgenutzt. Und das von einer vermeintlich guten Freundin. Gerade hat sie erfahren, dass diese Freundin anderen von der Krankheit ihrer Tochter erzählt und dabei sogar noch angedeutet hat, dass sie als Mutter schuld daran sei. Ein Schwall von Wut, Angst und Ohnmacht überkommt sie.

Der Geruch der Angst

Ihr Mann Thomas, der im Home-Office arbeitet, hört das Schluchzen seiner Frau. Sofort eilt er herbei. Während sie ihm die ganze Geschichte erzählt, merkt er, wie in ihm die gleichen Gefühle wie bei seiner Frau hochsteigen. Er fragt sich, wie er reagieren soll.

Wie ansteckend Gefühle sein können, zeigt eine im Jahr 2009 publizierte Studie. Dafür sammelten Forscher den Schweiß von 64 Menschen, die zum ersten Mal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug sprangen. Sie hatten also echte Angst. Zum Vergleich wurde ihr Schweiß auch nach 20 Minuten Laufen auf einem Laufband gesammelt. Andere Versuchsteilnehmende rochen später daran, ohne zu wissen, was sie riechen.

Das Ergebnis: Beim Riechen von Angstschweiß reagierte ihr Gehirn im Gegensatz zum Riechen von Sportschweiß vor allem in den Arealen, die für Angst zuständig sind. Sie bekamen also selbst Angst. Angst ist also hochansteckend und sogar allein durch Geruch übertragbar. Unser Körper nimmt sie unbewusst wahr und schlägt Alarm.

Nicht nur Angst, sondern alle Gefühle sind ansteckend. Besonders dann, wenn uns eine Person wichtig ist. Diese emotionale Ansteckung hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. In einer Partnerschaft unterstützt sie beispielsweise unsere Empathiefähigkeit. Empathie ist ein wertvoller Bestandteil einer gesunden Beziehung, weil sie uns verbindet.

Präsent und verbunden

Doch es gibt auch ein Zuviel an Empathie. Das ist dann der Fall, wenn wir die Gefühle unseres Gegenübers so stark übernehmen, dass wir selbst davon überwältigt werden. Anstatt sich vollständig von den Gefühlen des anderen anstecken zu lassen, ist es hilfreicher, liebevoll nachzufühlen. Also präsent und verbunden zu sein, indem wir uns mit den Gefühlen des anderen verbinden, ohne selbst emotional mitgerissen zu werden.

Die Haltung dahinter ist: Ich kenne ähnliche Gefühle auch, deshalb kann ich nachempfinden, wie es dir gerade geht. Und es tut mir leid, dass du das gerade durchmachst. Ich möchte an deiner Seite bleiben, während du das durchmachst. Aber es sind und bleiben deine Gefühle.

Wenn wir empathisch bleiben, ohne unseren eigenen emotionalen Boden zu verlieren, können wir mitfühlend handeln und klar denken – und gemeinsam gute Entscheidungen treffen. Die größte Hilfe für Sophie ist Thomas, wenn er so auf sie eingeht. Wenn er ihr zuhört, Verständnis und Mitgefühl zeigt und keine vorschnellen Lösungen vorschlägt. Und wenn er sich dabei nicht von ihren Gefühlen anstecken und mit überwältigen lässt.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Gemeinsam leiten sie diese Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Empathie_GettyImages_Weedezign_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-01-26 12:15:482026-01-26 12:15:48Empathie braucht Distanz! So fühlen Sie mit, ohne mitgerissen zu werden
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