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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Vom Baby-Geschlecht enttäuscht? So entgehen Eltern der Panik

Elternfrage: „Ich bin Mutter von zwei Söhnen und erwarte wieder einen Jungen. Ich bin enttäuscht, weil ich mir ein Mädchen gewünscht habe. Geht das wieder weg?“

Was du gerade erlebst, wird als Gender Disappointment bezeichnet – eine Enttäuschung über das Geschlecht des eigenen Kindes. Du bist damit keineswegs allein. Viele Eltern empfinden in einer vergleichbaren Situation ähnlich, und das ist absolut menschlich. Diese Enttäuschung bedeutet nicht, dass du dein Kind ablehnst oder nicht lieben wirst. Sie ist vielmehr Ausdruck eines inneren Abschieds: der Abschied von einer lang gehegten Vorstellung, wie deine Familie einmal aussehen sollte oder was du dir – bewusst oder unbewusst – erhofft hast.

Was steckt hinter der Enttäuschung?

Hinter der Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes liegen oft tiefere, emotionale Themen. Sie kann verborgene Wünsche oder frühere Erfahrungen berühren – etwa die eigene Kindheit, die Beziehung zu Geschwistern und Eltern, gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Träume. Vielleicht wünschst du dir, Mutter einer Tochter zu sein. Die innere Sehnsucht danach hat jedoch mehr mit deiner eigenen Geschichte zu tun hat als mit dem Kind selbst.

Eine Schwangerschaft und die Auseinandersetzung mit dem Geschlecht des Kindes können unbewusst Türen zu solchen biografischen und persönlichen Themen öffnen. Die damit zusammenhängenden Gefühle sind nicht falsch. Im Gegenteil: Sie sind wichtig und verdienen es, gesehen zu werden. Denn nur, wenn wir uns erlauben, diese innere Enttäuschung zu spüren, können wir sie auch loslassen. Der Prozess, den du durchlebst, ähnelt in gewisser Weise einem Trauerprozess – der Trauer um eine Vorstellung, die sich nicht erfüllt hat.

Über Gefühle sprechen

Auch wenn es paradox klingt: Der erste Schritt zur Vorfreude besteht darin, die eigenen unangenehmen Gefühle zuzulassen. Du darfst traurig, enttäuscht, verwirrt oder sogar wütend sein – all das ist erlaubt. Gefühle, die unterdrückt werden, wirken oft im Hintergrund weiter und blockieren das Erleben positiver Emotionen wie Freude, Nähe oder Vorfreude. Viele Eltern berichten, dass sich diese Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes im Lauf der Schwangerschaft auflöst. Spätestens dann, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal im Arm halten. Häufig entsteht schon vorher eine tiefe Verbindung, wenn man beginnt, das Baby als eigenständige kleine Persönlichkeit wahrzunehmen – jenseits des Geschlechts.

Es ist jedoch auch wichtig zu wissen, dass Gefühle der Enttäuschung nach der Geburt oder in einer anderen Lebensphase noch einmal auftauchen können. Das ist kein Rückschritt, sondern oft ein Zeichen dafür, dass du nun bereit bist, einen weiteren Aspekt anzuschauen, der bisher verborgen war.

Es ist hilfreich, mit vertrauten Menschen wie deinem Partner, engen Freunden oder auch mit Fachpersonen wie Hebammen oder Therapeuten über deine Gefühle zu sprechen. Allein darüber zu reden, kann schon entlastend wirken. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Es ist okay, Unterstützung zu brauchen und sich Zeit zu lassen.

Liebe bleibt

Die Enttäuschung wird vergehen. Die Liebe wird bleiben und wachsen. Wenn du deine Gefühle annehmen und verstehen kannst, wird sich die Freude auf dein Baby mit der Zeit wieder einstellen. Dein drittes Kind wird einzigartig sein, mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit. Und du wirst es lieben, genauso tief und bedingungslos wie deine beiden anderen Kinder. Du bist eine gute Mutter – auch mit widersprüchlichen Gefühlen. Gerade deine Ehrlichkeit zeigt, wie sehr du dir wünschst, emotional präsent für dein Kind zu sein. Das ist ein wunderschöner Anfang.

Kristin Peukert ist Mutter von vier Jungs und Autorin von „Ein Kleeblatt voll Jungs: Gender Disappointment. Wenn das Wunschgeschlecht nicht kommt“: einkleeblattvolljungs.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Schwangerschaft.jpg 1374 2182 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2026-01-07 14:08:242026-01-07 14:08:24Vom Baby-Geschlecht enttäuscht? So entgehen Eltern der Panik

Ausbildung abbrechen: In 3 Situationen ist das sinnvoll

Unser Sohn hat eine Ausbildung angefangen, aber schon nach zwei Monaten möchte er abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneinig, was wir tun sollen.

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
  • Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
  • Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung abbrechen: 3 gute Gründe

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn

  • die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen
  • die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist
  • oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr (dein-lebenstraum.com).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/12/Handwerker.jpg 1414 2120 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-12-17 14:53:032025-12-17 14:53:03Ausbildung abbrechen: In 3 Situationen ist das sinnvoll

Die Weihnachtszeit entspannt genießen: 3 Tipps für Familien

Endlich mehr Zeit für das Wesentliche: Mit drei einfachen Ideen wird die Weihnachtszeit für Familien entspannt und besinnlich.

Wer kennt das nicht: Im Dezember rast die Zeit. Mit einem unglaublichen Tempo geht es auf Weihnachten zu. Nachdem der Adventskranz gebunden oder gekauft wurde, die Adventskalender der Kinder gepackt und die Füllungen für die Nikolausstiefel besorgt wurden, findet pro Kind noch mindestens eine Weihnachtsfeier statt. Außerdem muss für das Krippenspiel an Heiligabend geprobt werden, fehlende Weihnachtsgeschenke werden besorgt, und der Weihnachtsbaum wird gekauft und geschmückt. Schließlich stehen der Besuch wenigstens eines Weihnachtsmarkts, das traditionelle Plätzchenbacken und gern noch eine tägliche Adventsandacht mit den Kindern auf dem Programm.

Jahrelang war ich diesem Stress ausgeliefert und an Heiligabend völlig fertig und erschöpft. Im Lauf der Jahre habe ich mir verschiedene Techniken angeeignet, die die Adventszeit deutlich entstressen und mit denen wir als Familie sogar mehr Advents- und Weihnachtsbräuche ausleben können als zuvor. In diesem Artikel stelle ich euch drei davon vor.

Tipp 1: Die 12 heiligen Nächte nutzen

Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über die 12 heiligen Nächte – ursprünglich als Rauhnächte mit heidnischem Kontext bekannt, die aber auch einen christlichen Bezug zur katholischen Kirche haben. Da kam mir die Idee, diese Zeit zu nutzen! Warum sollten alle Advents- und Weihnachtsbräuche denn unbedingt noch vor den Heiligabend gequetscht werden, in eine Zeit, in der zusätzlich zu Schule und Kindergarten noch viele extra Termine stattfinden?

Die 12 heiligen Nächte enden am 6. Januar mit der Ankunft der heiligen drei Könige. Die gehören schließlich auch zu Weihnachten und stehen in fast jeder Weihnachtskrippe. Zudem sind in diesem Zeitraum Ferien für die Kinder, und auch die Erwachsenen haben oftmals durch die vielen Feier- und Brückentage frei. Diese 13 Tage (es sind 12 heilige Nächte und somit 13 Tage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar) nutzen wir nun, um die Weihnachtszeit bewusst als Familie erleben zu können. Hierfür haben wir einen „12 heilige Nächte“-Kalender, welcher in der Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtsfeiertag aufgehängt wird. Er besteht aus 13 Briefumschlägen, versehen mit 12 Zahlen und einem Stern am Dreikönigstag.

Abwechselnd darf jedes Kind beim gemeinsamen Frühstück einen Umschlag öffnen und erzählen oder vorlesen, was darauf steht. Es ist immer ein kurzer Text und ein dazugehöriges Bild abgebildet. Jeden Tag findet nun ein besonderes Event statt wie Plätzchen backen, den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt besuchen, Schlittschuh laufen, in den Weihnachtszirkus gehen, Schneekugeln basteln oder einen Weihnachtsfilm gucken. Die Kinder lieben diesen Kalender, denn wir verbringen jeden Tag eine besondere intensive Familienzeit miteinander, erleben die Weihnachtszeit sehr bewusst und haben auch Zeit für all die Dinge, welche vor Heiligabend nicht stressfrei in den Kalender gepasst hätten.

Die Kärtchen bereite ich schon im Vorfeld vor, wir benutzen die meisten jedes Jahr wieder. Ich bestücke den Kalender zu Beginn mit den Kärtchen der fest gebuchten Aktivitäten wie Weihnachtszirkus, Kino oder Mittelaltermarkt. Bei Events, die wetterabhängig sind – Schlitten fahren oder Iglu bauen – werden die Kärtchen erst am Vorabend in die Umschläge gesteckt oder entsprechend ausgetauscht, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte.

Da ich an Silvester immer Zeit zum Vorbereiten brauche, wird an diesem Tag traditionell das Kärtchen mit dem „Playmobil Arktis Spieltag“ geöffnet. Die Kinder bekommen eine große Kiste mit der Playmobil Arktis-Welt und dem passenden Hörspiel dazu und dürfen damit einen ganzen Tag bauen, hören und spielen. Diese Kiste gibt es ausschließlich an Silvester, und sie wird auch am nächsten Tag wieder weggeräumt. So beschäftigen sich die Kinder ausgiebig damit, und ich kann in aller Ruhe den Silvesterabend vorbereiten und habe meistens auch noch Zeit für einen persönlichen Jahresabschluss.

Tipp 2: Weihnachtsvorbereitungen entzerren

Der nächste Tipp betrifft den Stress, welcher durch die Weihnachtsvorbereitungen entsteht: Da muss die Dekoration aufgehängt, die Weihnachtskrippe aufgebaut, der Tannenbaum gekauft, aufgestellt und geschmückt und das Weihnachtsessen vorbereitet und gekocht werden – und all dies am besten an einem einzigen Tag.

Aber wer sagt denn, dass der Weihnachtsbaum erst an Heiligabend aufgestellt und geschmückt werden darf? Und warum die Weihnachtskrippe nicht schon früher aufbauen? Vielleicht kann man mit den Gewohnheiten der Herkunftsfamilie brechen und eigene Rituale passend für die eigene Familie einführen? Vor wenigen Jahren habe ich diesen Schritt gewagt. Seitdem hat meine Familie viel mehr von der Weihnachtszeit, und ich habe deutlich weniger Stress im Vorfeld und kann entspannt Heiligabend genießen.

Hierzu habe ich alle diese Vorbereitungen auf die verschiedenen Adventswochenenden beziehungsweise Sonntage verteilt. Dekorieren am Sonntag als ganze Familie kann ein tolles und abwechslungsreiches Event und eine schöne Familienzeit sein: So wird die Weihnachtsdekoration am ersten Adventswochenende aufgehängt. Hierbei helfen vor allem die kleineren Kinder fleißig mit. Innerhalb einer Stunde sieht es richtig schön weihnachtlich aus, und wir feiern im Anschluss unsere erste Adventsandacht mit Weihnachtsliedern und Blockflöte, dem ersten Teil eines Weihnachtsgeschichten-Adventskalenders sowie natürlich Punsch und Keksen. Am zweiten Adventswochenende wird die Weihnachtskrippe aufgebaut, und am vierten Advent steht bereits der Weihnachtsbaum, welcher gemeinsam mit den Kindern und passender Weihnachtsmusik geschmückt wird.

Auch richte ich im Vorfeld schicke Kleidung für jedes Kind – für alle drei Feiertage – sodass diese nur noch hineinschlüpfen können und nichts mehr in Eile gewaschen und gebügelt werden muss, bevor der Besuch bei Oma und Opa ansteht. An Heiligabend gibt es bei uns immer Raclette, da dieses auch gut vorbereitet werden kann. So können wir uns, wenn wir vom Gottesdienst kommen, direkt an den gedeckten Tisch setzen und mit dem Weihnachtsessen anfangen.

Tipp 3: Geschützter Familientag

Gerade an Weihnachten geht es um weit mehr als Geschenke, volle Terminkalender und festliche Dekoration – es geht um die Geburt Jesu, um Besinnung und um Gemeinschaft. Mitten im Trubel der Feiertage tut es gut, bewusst innezuhalten und sich daran zu erinnern. Warum also nicht den ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag ganz bewusst als geschützten Familientag einplanen?

Nach den oft aufregenden Tagen mit Vorbereitungen, Besuchen, Gottesdiensten und Programmpunkten darf dieser Tag frei sein von Terminen, Erwartungen und Perfektionismus. Keine Einladungen, keine Gäste, keine Verpflichtungen – stattdessen Zeit nur für die Familie. Vielleicht beginnt der Tag mit einem gemütlichen Frühstück im Schlafanzug, einem gemeinsamen Gebet oder einer kleinen Andacht, um die Weihnachtsbotschaft noch einmal ins Herz sinken zu lassen. Danach bleibt Raum zum Spielen, Spazierengehen oder zum Nichtstun.

Gerade wenn wir bewusst einen Schritt zurücktreten und die Stille zulassen, entsteht Platz für das, was Weihnachten ausmacht: die Freude darüber, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, und die Dankbarkeit für seine Nähe in unserem Alltag. Ein Spaziergang in der Natur kann helfen, diesen Blick zu schärfen – für Gottes Spuren um uns herum und sein Wirken mitten in unserem Leben. So wird Weihnachten nicht nur gefeiert, sondern auch erlebt: als Zeit der Ruhe, des Friedens und der Begegnung mit Gott und miteinander.

Dorothee Tappe ist Diplom-Sozialpädagogin und Bildungsforscherin und Mutter von sechs Kindern. Auf ihrem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ veröffentlicht sie Tipps und Themen zu Familienalltag und Erziehung.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/12/Familie-feiert-Weihnachten.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-12-10 11:32:362025-12-10 11:32:36Die Weihnachtszeit entspannt genießen: 3 Tipps für Familien

Enttäuscht vom Familienalltag: Eine Mutter berichtet

Der Familienalltag könnte so schön sein – wenn er nicht ständig anders wäre, als wir es uns wünschen. Eine Mutter gibt ungeschminkte Einblicke.

Wir sitzen gemeinsam am Esstisch. Jeder irgendwo. Nur keiner dort, wo er eigentlich hingehört. Der eine möchte heute unbedingt auf Papas Schoß sitzen, nicht auf seinem Stuhl. Der andere will lieber unter dem Tisch essen. Und ich sitze kaum, weil ich mich erst um die Folgen des umgekippten Glases kümmere und dann eine neue Wurst aus dem Kühlschrank ziehe, obwohl ich mir geschworen hatte, dass wir erst mal den geöffneten Käse leer essen. Das eine Kind überschreitet unterdessen das von mir gesetzte Wurst-Limit, und das andere hat zwar am Ende des Abends Käse gegessen, aber dafür kein Stück Brot.

Die Abendessenszeit bei uns zu Hause ist eine der unentspanntesten Zeiten am Tag: Die Luft ist gereizt, die Diskussionsbereitschaft groß und die Nerven liegen schon nach dem Tischgebet blank. Wir alle sind müde, keiner hat Kapazität für Gemeinschaft, Gerede und Geschmatze – dennoch kämpfen wir uns immer wieder durch diese 20 Minuten. Warum? Weil eine gemeinsame Mahlzeit am Tag doch zum Familienalltag dazugehört. Weil es andere Familien auch so machen. Weil es sich unnormal anfühlen würde, es nicht zu tun.

Wie ein Spagat

Manches im Familienleben stellt sich als unangenehmer, schwieriger oder unschöner heraus, als wir Eltern uns das zuvor ausgemalt hatten. Manches war vorhersehbar, aber wir waren optimistisch von der besseren Version ausgegangen. Manches hätte keiner von uns voraussehen können. Und manches hat der Zeitgeist mit sich gebracht.

Ich habe mit Familien darüber gesprochen, wovon sie im alltäglichen Familienleben besonders überrascht wurden. Interessanterweise bezogen sich die meisten Antworten auf die Nachmittagsgestaltung der Kinder: Hausaufgaben, Fahrdienste, Hobbystress, aber auch Medienzeit-Diskussionen. Zusammengefasst in dem Gefühl, die Kids nicht einfach hinausschicken zu können, sondern jeden Schritt organisieren und kommunikativ begleiten zu müssen. „Kinder spielen heute nicht einfach draußen, vor allem nicht allein“, schildert Sonja Gera, Mutter von drei Kindern. „Wenn meine Kids nachmittags bei anderen Kindern klingeln, wollen diese oft lieber drinnen bleiben und am Bildschirm hängen. Das erlauben wir unseren Kindern in dem Ausmaß nicht, und dann haben sie niemanden zum Spielen.“

Bei Eltern von vier Kindern schnappe ich auf, wie sehr ihnen die Realitätsklatsche beim Übergang vom Kindergarten in die Schule zugesetzt hat: „Man denkt, die Kinder werden eigenständiger, aber sie brauchen einen noch viel mehr, beispielsweise bei Freundschaftskonflikten oder Sexualthemen.“ Andere Familien spiegeln mir, wie stark ihre Tage von den Regeln anderer Familien beeinflusst werden. Zum Beispiel, wenn die Kinder bei ihren Freunden allein im Kinderzimmer am Handy zocken dürfen, was zu Hause nicht erlaubt ist. Sie beschreiben, dass sich der Alltag wie ein Spagat anfühlt zwischen den eigenen Überzeugungen und dem Feingefühl für Kompromisse, um das eigene Kind nicht zu sehr auszuschließen.

Der Ursprung allen Übels

In meinen Gesprächen erfahre ich auch von richtig großen Hindernissen im Familienalltag: finanzielle Engpässe, Mobbing oder Arbeitslosigkeit beispielsweise. Cindy Greiner, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, sucht eine neue Teilzeitstelle. Sie vergleicht dies mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und hadert mit der fehlenden Perspektive, die sie für ihr Familienleben hat. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat sie eine Strategie entwickelt, sich nicht von den Schwierigkeiten herunter­ziehen zu lassen: „Ich vergleiche mich schon lange nicht mehr. Ich weiß, dass jede Familie ein individuelles System ist. Lebenswirklichkeiten sind unterschiedlich. Andere Familien haben mit anderen Problemen zu kämpfen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“ Und damit spricht sie etwas an, was ich als den Ursprung allen Übels bezeichnen würde: das Vergleichen.

Ein Großteil der Unzufriedenheit im Familienalltag entsteht durch das Vergleichen mit anderen Familien. Wir vergleichen uns mit der Familie am Ende der Straße, mit den Familien in unseren Gemeinden, mit den Familien auf Instagram und mit denen, die uns in der Werbung anstrahlen. Ich bin ehrlich: Nach einem anstrengenden Abendessen frustriert mich nicht das überschrittene Wurst-Limit, sondern die Annahme, dass es bei allen anderen Familien besser läuft: harmonischer, kommunikativer, mit weniger Streit. Es reicht aus, dass ich ein einziges Mal ein entspanntes Abendessen bei der Familie meiner Freundin miterlebt habe, um zu glauben, dass es bei ihnen immer so lässig abläuft. Ich pauschalisiere und unterstelle, dass alles andere in ihrem Alltag auch entspannter ist. Bestimmt haben sie bessere Betreuungsmöglichkeiten, tollere Schulen, mehr finanzielle Möglichkeiten, ein funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk … Und zack bin ich tief drin im Selbstmitleid.

Trauer oder Selbstmitleid?

Ich will die Schwere im Familienalltag nicht kleinreden, im Gegenteil: Auf Enttäuschung dürfen Tränen folgen. Müssen sie sogar. Insbesondere, wenn es um die großen Enttäuschungen geht. Ich glaube jedoch, dass es einen Unterschied zwischen Trauer und Selbstmitleid gibt. Wer ausreichend trauert, der jammert nicht, sondern findet Worte für das, was schmerzhaft anders läuft, als es geplant war. Selbstmitleid findet diese Worte nicht. Selbstmitleid wiederholt immer nur die Lüge, dass alle anderen Familien es leichter haben. Selbstmitleid deckelt jede Handlungsoption. Auf Trauer kann eine Neuorientierung folgen. Ich sehe nach einer tränenreichen Nacht, in der ich mir meinen Schmerz bewusst gemacht habe, so manches klarer und kann auch besser unterscheiden zwischen dem, was ich nicht ändern kann und dem, was ich verändern kann.

Niemand von uns kann das Schulsystem, die Freunde unserer Kinder, die Medienzeit-Regeln anderer Familien oder die Arbeitsmarktsituation ändern. Aber wir können zwischen Trauer und Selbstmitleid wählen. Wir können uns gegen das Vergleichen entscheiden und das eigene Familiensetting fokussieren. Wir können anfangen, das Leben um die nervigen oder schweren Umstände herum so zu gestalten, dass es zu uns passt. Wir können die kleinen Zwischendurch-Familienmomente deutlicher zu unseren machen. Den Ort und den Zeitpunkt des Abendessens zum Beispiel: „Stullen auf die Hand und raus mit uns!“ Oder die gemeinsamen Minuten während der Autofahrt vom Turnen zum Klavierunterricht. Auf diese Weise werden Enttäuschungen im Familienalltag zu einem Anlass, uns als Familie näherzukommen.

Was uns wichtig ist

Familie Kassebaum hat in ihrem Hausflur Worte wie Großzügigkeit, Respekt und Gebet in einer schönen Schrift eingerahmt. Es sind die Werte der Familie, die einem ins Auge springen, sobald man ihr Zuhause betritt. „Das schriftliche Festhalten unserer Werte erinnert uns immer wieder daran, was uns wichtig ist. Es sind Erinnerungen daran, wofür wir stehen“, erklärt Joyce Kassebaum, Mutter von drei Kindern. Die eigenen Familienwerte zu bestimmen, hilft, klarer zu sehen, was uns als Familie ausmacht, wo der gemeinsame Herzschlag und die Priorisierung im Alltag ist.

Ich bin ehrlich: Wir haben (noch) keine Familienwerte im Flur hängen. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht, unser „Wir“ besser kennenzulernen. Dabei habe ich festgestellt, dass unsere Liebessprache nichts mit einem gemeinsamen Abendessen zu tun hat. Die 20 Minuten am Esstisch sind nach wie vor eher ätzend. Aber sie sind uns auch nicht wichtig. Ich habe keinen Anspruch mehr, darin „besser zu werden“. Ich quetsche mich nicht länger in eine idealisierte Abendbrot-Schablone. Die Wurst kommt aufs Brot. Der Käse auch. Hauptsache, jeder wird satt. Danach kümmern wir uns um das, was uns mehr verbindet: den Nachtisch gemeinsam auf dem Sofa naschen zum Beispiel.

Die Autorin möchte anonym bleiben, ist aber der Redaktion bekannt.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/12/Familie-Abendessen-Streit.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-12-04 16:46:302025-12-04 16:46:30Enttäuscht vom Familienalltag: Eine Mutter berichtet

Skinfluencer: Wo der Trend zur Gefahr wird

Elternfrage: „Meine Töchter (13,14) schauen sich auf Social Media Videos an, in denen andere Teens, Skinfluencer, teure Pflegeprodukte für die Haut bewerben. Das brauchen Kinder doch gar nicht – oder?“

Immer häufiger fragen mich besorgte Eltern, ob ihre Töchter wirklich schon Anti-Aging-Produkte brauchen. Der Grund: Auf TikTok, Instagram und YouTube präsentieren sogenannte Skinfluencer eine tägliche Hautpflegeroutine – oft mit Produkten, die für deutlich ältere Haut entwickelt wurden. Das wirkt professionell, modern und ist für junge Menschen faszinierend. Aber ist es auch sinnvoll?

Pflegewahn mit 13

Die Antwort ist klar: Nein. Kinder- oder Teenagerhaut kann sich in der Regel selbst versorgen, es sei denn, es liegen Hauterkrankungen wie zum Beispiel Neurodermitis, Schuppenflechte oder schwere Akne vor. Aber auch dann sind Ratschläge durch Skinfluencer weniger sinnvoll als der Gang zum Hautarzt. Abgesehen von einem zuverlässigen Sonnenschutz ist in diesem Alter keine aufwendige Pflegeroutine nötig

Im Gegenteil: Viele Anti-Aging-Produkte enthalten Wirkstoffe wie Retinol, Fruchtsäuren oder hochkonzentrierte Hyaluronsäure, die die empfindliche Haut von Jugendlichen reizen oder sogar schädigen können. Unreine Haut, Irritationen oder langfristige Störungen der Hautbarriere sind als Folge möglich – ganz ohne medizinische Notwendigkeit.

DIY-Trends mit Hyaluronsäure

Ich sehe Skinfluencer grundsätzlich nicht als Gefahr, sondern als einen zeitgemäßen Kanal für Aufklärung. Sie können helfen, das Bewusstsein für Hautgesundheit zu ­schärfen – vorausgesetzt, die Inhalte sind wissenschaftlich fundiert, altersgerecht und sorgfältig geprüft. Was problematisch ist: Wenn komplexe Produkte ohne fachliche Einordnung empfohlen werden oder sogar riskante Behandlungen verharmlost dargestellt werden.

Besonders alarmierend sind DIY-Trends, bei denen sich junge Menschen Hyaluronsäure online bestellen und selbst anwenden – manchmal sogar injizieren. Dabei wird suggeriert, das sei harmlos. Tatsächlich aber kann eine unsachgemäße Anwendung ernste gesundheitliche Schäden mit sich bringen, etwa Gefäßverschlüsse, was zu abgestorbenem Gewebe führen kann. Das ist kein Hautpflege-Hack, sondern grob fahrlässig.

Hautpflege beginnt mit Wissen, nicht mit Influencern

Eltern sollten sich deshalb mit dem Content ihrer Kinder auseinandersetzen. Welche Quellen nutzen sie? Was wird empfohlen und für wen ist es überhaupt gedacht? Es geht nicht darum, jede neue Pflegeroutine zu verbieten, sondern um einen bewussten Umgang mit der eigenen Haut. Meine Empfehlung: Bei Unsicherheiten lieber gemeinsam zum Hautarzt gehen, als sich von Social-Media-Trends leiten zu lassen. Denn Hautpflege ist keine Frage des Hypes, sondern der Gesundheit – und die beginnt mit Wissen, nicht mit Werbung.

Dr. Afschin Fatemi ist Facharzt für Dermatologie mit Schwerpunkt Dermatochirurgie und ästhetischer Medizin sowie Gründer der S-thetic Gruppe.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Skincare.jpg 1191 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-25 10:50:272025-11-25 10:50:27Skinfluencer: Wo der Trend zur Gefahr wird

Anders als erwartet: Eltern berichten über ihr erstes Baby-Jahr

Zwischen Erwartung und Wirklichkeit: Fünf Mütter und ein Vater erzählen, was sie im ersten Baby-Jahr erlebt haben – ehrlich, herausfordernd und ermutigend.

Lena, 32, Redaktionsleiterin, bekam ihren ersten Sohn im ersten Corona-Lockdown. Die Geburt war traumatisch: Ihr Sohn kam direkt auf die Intensivstation, das gemeinsame Kennenlernen blieb aus. „Statt Kuscheln und Bonding saß ich auf der Station und konnte nur hoffen. Ich war mit der Situation überfordert, zumal mein Mann nicht ins Krankenhaus kommen durfte.“

Corona hat ihre Erwartungen an das erste Baby-Jahr auf den Kopf gestellt. Statt Krabbelgruppen gab es Abstand, statt Familie viel Alleinsein. „Am Ende hat das Zuhause-Sein unserem Sohn sogar gutgetan, um seine Geburt zu verarbeiten, aber es war anders als zunächst geplant.“ Besonders deutlich wurde Lena, dass sich Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Sie machte sich anfangs viele Gedanken, wann ihr Sohn trocken wird oder den Schnuller abgibt. Letztlich meisterte er alles in seinem Tempo und auf seine Art.

Seit anderthalb Jahren ist Lena alleinerziehend. „Ich habe unterschätzt, was ein Kind mit der Paarbeziehung macht. Wir hätten uns mehr um die Ehe kümmern müssen.“ Umso wichtiger wurde ihr das Thema Selbstfürsorge: „Kinder können emotionale Knöpfe drücken. Sie halten uns den Spiegel vor. Das fordert heraus, eröffnet aber auch die Chance, viel über sich selbst zu lernen, persönlich zu wachsen und Generationsmuster zu durchbrechen.“

Lenas Glaube wurde durch das Muttersein nicht erschüttert, sondern vertieft. „Ich habe gelernt, dass ich mein Leben nicht kontrollieren kann. Ich darf es Gott überlassen und seinem Plan vertrauen.“ Anderen Eltern empfiehlt sie: „Stellt euch darauf ein, dass ihr regelmäßig an eure Kapazitätsgrenzen kommt. Das ist normal. Doch wenn ich meine Situation von außen betrachte und mich frage: ‚Was würde ich jetzt meiner besten Freundin raten?‘, dann hilft mir das, Prioritäten richtig zu setzen und mir weniger Druck zu machen.“ Daneben sei es wichtig, der Paarbeziehung und eigenen Interessen, die vor den Kindern gutgetan haben, genügend Raum zu geben, um genug Energie für den Familienalltag zu haben.

Zwischen Erwartung und Erschöpfung

Zoe, 33, typografische Gestalterin, erlebte ihr erstes Baby-Jahr als eine Serie von Herausforderungen: „Ich hatte erst Panik vor der natürlichen Geburt, war dann aber bereit dazu. Und dann musste doch ein Kaiserschnitt her – nach 28 Stunden.“ Auch das Stillen war anders als erwartet: „Das Stillhütchen war Fluch und Segen zugleich. Ohne hätte es nicht geklappt, aber es wieder loszuwerden, war mühsam. Und die Schmerzen – niemand hatte mich auf so etwas vorbereitet. Ich hatte erwartet, Stillen würde ohne Schmerzen klappen, und deshalb das Gefühl, ich mache etwas falsch.“ Die Nächte waren hart: Stillen im Zwei-Stunden-Takt. „Diese ständige Müdigkeit – zum Glück hat mir vor dem Kind keiner gesagt, wie hart das ist.“ Ihr fehlte für alles die Energie – vor allem für Sport, den sie früher gern gemacht hatte. Nach sechs Monaten fing Zoe wieder an zu arbeiten – in der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Der Papa brachte ihren gemeinsamen Sohn mittags zum Stillen vorbei, weil er zunächst die Flasche verweigerte. „Diese totale Abhängigkeit und das permanente Gefühl, dass es nicht ohne mich geht, waren belastend.“

Was ihr geholfen hat? Der Austausch mit anderen Müttern: „Echter Real Talk, nicht verklärte Erinnerungen.“ So merkte sie, dass sie nichts falsch macht und nicht allein ist mit ihren Herausforderungen. Die Erfahrungen im ersten Baby-Jahr forderten auch Zoes Glauben heraus. Dennoch: „Ich schaffe das nur mit Gott. Wenn ich denke, ich kann nicht mehr, dann ist er da.“ Trotz allem wünscht sich Zoe ein zweites Kind. „Ja, es ist anstrengend. Aber es gibt einem so viel. Das erste bewusste Lächeln, das fröhliche Lachen – das kann man nicht rational erklären.“

Zwischen Ratgebern und Bauchgefühl

Anders als gedacht war das erste Baby-Jahr auch für Robert, 29, Postzusteller. Der inzwischen zweifache Vater hatte sich mit vielen Ratgebern auf das erste Baby-Jahr vorbereitet. Durch ein übersehenes KiSS-Syndrom trank sein erster Sohn jedoch fast nichts. Roberts Frau litt dadurch an starken Selbstzweifeln und Versagensgefühlen. „Ich musste meine Frau ständig aufbauen. Ich habe in dieser Zeit nur für sie existiert.“ Als das Kind später die Flasche bekam, konnte auch er sich mehr einbringen und die Beziehung zu seinem Sohn vertiefen. Sein Rat: „Wenn das Bauchgefühl bei Aussagen von Ärzten nicht stimmt – holt euch eine zweite Meinung.“

Für Robert war besonders wertvoll, die Kinder als gleichwürdige Persönlichkeiten zu sehen – und sich als Paar gemeinsame Erziehungsziele zu setzen. Auch der Austausch mit anderen Eltern war entscheidend: „Ob Hebamme, PEKiP-Kurs oder Onlinegruppen – das hat uns sehr geholfen.“

Zwischen Grenzerfahrung und Dankbarkeit

Diana, 30, IT-Fachkraft und zweifache Mutter, hat ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Bereits ihre Schwangerschaft war geprägt von Vorfreude und Liebe einerseits sowie Sorge und Angst andererseits. Familiäre Probleme verursachten zusätzlichen Stress. Das Gefühlschaos blieb auch nach der schwierigen Geburt: „Ich war voller Liebe, aber auch voller Angst, das Baby zu verlieren.“ Ihr Kind schrie ununterbrochen. Widersprüchliche Tipps von außen, ständige Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Gefühle der Überforderung mündeten in starke Selbstzweifel. „Manchmal dachte ich, ich werde vor Erschöpfung einfach umfallen und sterben. Dennoch wollte ich für mein Kind um jeden Preis überleben.“

Erst nach sechs Monaten konnte Diana die Babyzeit genießen. Eine empathische Nachsorgehebamme, die Unterstützung durch ihren Mann, ehrliche Gespräche und kleine Momente des Lichts – angenehme Besuche, ein Lächeln oder die Nähe beim Tragen – brachten neue Kraft. „Manchmal hilft es schon, wenn jemand sagt: Du bist nicht allein.“ Ihr Tipp für andere Eltern: „Geht gut mit euch selbst um, achtet aufeinander und lasst Fehler zu. Und seid euch sicher: Egal, wie dunkel und schwer es gerade aussieht – irgendwann kommt wieder Licht.“

Zwischen Unverständnis und Gelassenheit

Christin (Name geändert), 33, freie Grafikerin, hat zwei Kinder – und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ihre erste Tochter litt unter heftigen Schreianfällen, oft stundenlang. „Es hat mich an meine Grenzen gebracht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Von außen kam oft Unverständnis oder sogar Vorwürfe.“ Die stressige Geburt und ihre eigene Hochsensibilität ließen sie lange zweifeln, ob sie Schuld an der Situation trug. Der Rückbildungskurs musste ausfallen, soziale Isolation verstärkte die Belastung. „Ich hätte gern vorher gewusst, dass so etwas passieren kann – und dass man sich Hilfe holen darf.“

Beim zweiten Kind verlief alles anders: eine ruhige Wassergeburt im Geburtshaus, ein Baby, das deutlich weniger weinte. „Ich durfte eine neue Seite erleben – mit mehr Leichtigkeit, Gelassenheit und Ruhe.“ Die Schreianfälle ihres ersten Kindes forderten ihren Glauben heraus. Doch der Glaube half ihr auch, durchzuhalten – und dankbar zu sein: „Ich schätze umso mehr all die schönen Momente mit meinen Kindern. Und Gott ist gnädig und kann auch wieder Zeiten der Ruhe schenken.“

Christin hat gelernt, Prioritäten anders zu setzen. Beim ersten Kind war sie überfordert mit allem, was neben dem Baby noch zu tun war. Heute lässt sie sich unterbrechen, genießt kleine Momente mit ihren Töchtern: „Ich weiß jetzt, dass ich vieles nicht kontrollieren muss – und dass soziale Teilhabe auch mit Kindern möglich ist, wenn man sich auf ihren Rhythmus einlässt.“ Anderen Eltern rät sie: „Nehmt jede Phase für sich und stellt euch darauf ein, dass sich die Dinge – und auch der Schlafrhythmus – jederzeit wieder ändern können. Meistert Herausforderungen als Team, freut euch an den schönen Momenten und seid gewiss, dass ihr mit Schwierigkeiten nicht allein seid.“

Zwischen Unsicherheit und Verbundenheit

Auch Mandy, 34, medizinische Dokumentations­assistentin in Elternzeit, hatte sich das erste Jahr mit Baby einfacher vorgestellt. „Ich dachte, man weiß als Mutter intuitiv, was zu tun ist, und alles funktioniert automatisch. Stattdessen war ich oft überfordert.“ Ihre Tochter war sensibel, nahm Reize stark wahr. „Ich wusste oft nicht, warum sie schrie. Ich liebte sie sehr, aber ich kannte ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse noch nicht. Die Erwartungen meiner Schwiegereltern: ‚Das weiß man doch als Mutter!‘, machten alles schlimmer.“

Ein Schlüsselmoment war eine Babymassage, in der ihre Tochter nur weinte. „Die Hebamme nahm sie hoch, und sie hörte sofort auf. Das war mir peinlich. Aber die Hebamme war verständnisvoll. Sie erklärte mir, dass mein Kind meine Unsicherheit spürt.“ Mandy blieb dran. Trotz Scham, Angst und dem Gefühl, keine gute Mutter zu sein, ging sie in Kurse, suchte den Austausch in Mama-Gruppen und lernte ihre Tochter besser kennen. „Nach und nach wusste ich, was sie brauchte. Die Bindung zu ihr ist gewachsen.“

Ein Schmerzpunkt bleibt der Konflikt mit den Schwiegereltern. „Ich dachte, wir wachsen als Familie enger zusammen. Aber sie hielten an unrealistischen Idealvorstellungen fest. Als unsere Tochter zu fremdeln begann, zeigten sie wenig Verständnis. Das hat das Verhältnis zu ihnen und auch die Beziehung zu meinem Mann belastet.“ Am meisten geholfen hat Mandy ihre Hebamme: „Mein Rat: Sucht euch eine Hebamme, die zu euch passt. Und: Haltet nicht an Idealvorstellungen fest. Plant nicht zu viel, sondern gebt euch Zeit und vertraut darauf, dass ihr in Situationen reinwachst.“

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Babyjahr_GettyImages_morrowlight_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1415 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-21 13:55:252025-11-21 13:55:25Anders als erwartet: Eltern berichten über ihr erstes Baby-Jahr

Erstes Handy? Digitaltrainer klärt auf, ab wann es sinnvoll ist

Elternfrage: „In der Klasse unseres Kindes (8) bekommen Smartphones immer mehr Bedeutung. Wir fragen uns, ab wann ein Kind überhaupt ein erstes Handy haben sollte und ab wann es einem Klassenchat beitreten darf. Woran können wir uns orientieren?“

Diese Fragen beschäftigen viele Eltern. Allgemeingültige Antworten, die für jede Familie und jedes Kind passen, gibt es zwar nicht, doch einige Orientierungshilfen, wann ein erstes Handy sinnvoll ist, kann ich euch mitgeben.

Ohne Angst vor Bestrafung

Ein Smartphone ist kein Spielzeug, sondern ein komplexes Kommunikationsmittel, das viele Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Deshalb empfehle ich, dass euer Kind schrittweise und begleitet Erfahrungen mit digitalen Medien sammelt. Verwendet dafür anfangs beispielsweise eure eigenen Geräte in gemeinsam genutzten Räumen wie dem Wohnzimmer. So seid ihr nah genug, um bei Fragen rasch zu helfen, ohne ständig direkt daneben sitzen zu müssen. Wichtig ist vor allem der Aufbau eines stabilen Vertrauensverhältnisses. Euer Kind sollte immer wissen, dass es sich jederzeit mit Fragen oder Problemen an euch wenden kann, ohne Angst vor Strafen zu haben – auch dann nicht, wenn etwas am Handy schiefläuft. Vertrauen entsteht nicht plötzlich, sondern durch viele kleine Gespräche, echtes Interesse und gemeinsam vereinbarte Regeln.

Mediennutzungsvertrag

Grundsätzlich benötigen Kinder in der Grundschule noch kein eigenes digitales Endgerät (wie Smartphone oder Tablet). Fachleute empfehlen oft ein Mindestalter von etwa elf bis zwölf Jahren. Doch die individuelle Reife eures Kindes sowie das soziale Umfeld sind ebenso entscheidend. Der soziale Druck in der Klasse sollte nicht unterschätzt werden, denn völlige Ausgrenzung ist auch nicht sinnvoll. Ein Leihgerät, an dem sich euer Kind für einen gewissen Zeitraum (sechs bis zwölf Monate) ausprobieren darf, kann ein guter Kompromiss sein, um zu testen, ob es schon verantwortungsvoll genug ist. Es dient als eine Art Zwischenlösung, um Kinder selbstständig machen zu lassen, in dem Wissen, dass sie mit den Geräten nicht machen können, was sie wollen. Ein gemeinsamer Mediennutzungsvertrag, den ihr beispielsweise auf www.mediennutzungsvertrag.de erstellen könnt, hilft, klare Regeln zu definieren. Lasst euer Kind unbedingt mitbestimmen, um Verständnis und Akzeptanz für die vereinbarten Regeln zu fördern.

Handyfreies Kinderzimmer

Besonders wichtig ist es, Smartphones oder andere digitale Geräte konsequent aus dem Kinderzimmer und speziell aus dem Bett fernzuhalten. Gerade nachts passieren oft problematische Dinge wie verletzende Nachrichten oder heimliches Scrollen, von denen Eltern wenig mitbekommen. Eine einfache Regel wie „Alle Handys nachts in die Küche“ schafft Klarheit und Sicherheit. Zum Thema Klassenchat: Wenn euer Kind in einer Chatgruppe aktiv ist, schaut regelmäßig gemeinsam hinein und besprecht offen und ohne Vorwurf, was ihr dort findet – immer mit dem Ziel, euer Kind zu schützen. Hilfreich ist es, wenn ihr euch dabei mit anderen Eltern abstimmt, um die Gefahr zu minimieren, dass einzelne Kinder als „Petze“ gelten.

Medienerziehung beginnt nicht erst mit dem ersten Smartphone, sondern viel früher – durch Gespräche über Werbung, gemeinsam genutzte Tablets oder handyfreie Zeiten. Kinder lernen am meisten durch Vorbilder. Wenn ihr euer eigenes Medienverhalten reflektiert und bewusst vorlebt, fällt es eurem Kind leichter, gesunde Mediengewohnheiten zu entwickeln. Ich wünsche euch viel Erfolg und Freude bei der Medienerziehung!

Daniel Dell‘Aquia ist Digitaltrainer und bietet Vorträge, Fortbildungen und Seminare an Schulen zur Medienerziehung an.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Maedchen-mit-Handy.jpg 1008 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-18 14:42:292025-11-18 14:42:29Erstes Handy? Digitaltrainer klärt auf, ab wann es sinnvoll ist

Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

In Krisensituationen weisen sich Paare gegenseitig die Schuld zu: Wer ist Täter, wer Opfer? Paartherapeutin Piroska Gavallér-Rothe zeigt, wie wir Verantwortung übernehmen und zu tiefer Versöhnung finden können.

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis. Er ist tief verletzt und stellt den Fortbestand der Ehe infrage: Auf einer Dienstreise hatte seine Frau ein einmaliges erotisches Intermezzo mit einem Kollegen – entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung, sich sexuell treu zu sein. Als er davon erfährt, ist er tief enttäuscht, wütend und verzweifelt und hat das Gefühl, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Und tatsächlich: Wer diesen Vorfall isoliert betrachtet, findet die Rollen von Opfer und Täter schnell verteilt. Ganz offensichtlich war es die Frau, die den Mann zum Opfer ihrer Untreue machte. Oder anders ausgedrückt: Sie hat gesündigt und Schuld auf sich geladen.

Schuld – schafft Ordnung und klare Verhältnisse

Schuld ist ein tragender Bestandteil unserer Kultur – tief verankert in rechtlichen und sozialen Denkmustern, aber auch als moralisches Konzept in der christlichen Tradition. Sie strukturiert unsere Vorstellung von richtig und falsch, schafft Ordnung, verlangt Ausgleich. Wer Opfer ist, darf Strafe fordern. Wer Täter ist, muss büßen.

In meiner Praxis nutze ich gerne mein 4-Stühle-Modell, um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen das Denken in Schuld auf den einzelnen Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen hat:

Stuhl 1: Ich bin schuld. Ich bin falsch. Ich habe versagt. Das ist der Ort der Selbstvorwürfe, der Selbstabwertung und der Scham. Die Folge ist oft der Rückzug ins Schneckenhaus – oder ins Büßerhemd.

Stuhl 2: Du bist schuld. Du bist falsch. Du hast mich verletzt. Wer dort sitzt, ist überzeugt: Mich trifft keine Schuld! Wenn jemand schuld ist, dann bist das du! Menschen auf Stuhl 2 klagen an, zeigen mit dem Finger auf andere – und fühlen sich moralisch im Recht. Die Rollen sind klar verteilt: Der oder die andere ist Täterin oder Täter – man selbst ist fein raus.

Weil sich die Schuldfrage in der Regel auf ein einzelnes moralisch oder rechtlich zu verurteilendes Verhalten fokussiert, ist es einfach, in Schuld zu denken. Doch sie verengt auch den Blick: Wie die Situation entstanden ist, bleibt unerheblich. Die Frage: „Wer ist schuld?“ spaltet zusammengehörendes Beziehungsgeschehen und reduziert das Geschehen auf Opfer und Täter.

Obwohl ich es im Grunde weiß, bin ich doch immer wieder überrascht – und erschrocken zugleich –, wie viele Menschen in den Haltungen von Stuhl 1 und Stuhl 2 verhaftet sind. Das zeigt, wie sehr Schuld- und Täter-Opfer-Narrative unser Denken und unsere Gesellschaft prägen. Und wie sehr ein solch vereinfachtes Denken Versöhnungsprozesse bremst oder sogar verhindert.

Schuld oder Beitrag zum Beziehungsgeschehen?

Zurück zu meinem Paar. Wie so häufig verändert sich der Blick auf die Situation, als es ausführlicher zu erzählen beginnt: Es stellt sich heraus, dass die Sexualität zwischen den beiden seit einigen Jahren nur noch auf Sparflamme läuft. Die drei Kinder, die berufliche Selbstständigkeit der beiden und die zahlreichen sozialen Aktivitäten fordern Kraft, Zeit und körperliche Ressourcen. Während der Mann mit der gegebenen Situation „den Umständen entsprechend zufrieden“ ist, sieht die Frau die Situation nicht so entspannt. Ihre insbesondere in den letzten Monaten zunehmende Unzufriedenheit hatte sie ihrem Mann bereits mehrfach explizit zum Vorwurf gemacht – ohne damit aber wesentliche Veränderungen der Situation bewirkt zu haben.

In der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 wird es mit diesen neuen Informationen kurzfristig recht ungemütlich, denn hinsichtlich der dort alles entscheidenden Schuldfrage ergibt sich durch die Erzählungen ein neues Bild:

Wenn es tatsächlich so ist, wie die beiden erzählen – ist dann die Frau immer noch schuld? Oder liegt die Schuld nun doch eher beim Mann, der offenbar so geflissentlich die Bedürfnisse seiner Frau ignorierte? Und auch wenn damit die Ahnung von der Mitverantwortung des Mannes „um die Ecke weht“, wird häufig am Ende doch die „moralische Keule“ gezückt. Der finale Schlag klingt in der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 etwa so: Auch wenn der Mann sich sicherlich im Hinblick auf die sexuellen Bedürfnisse seiner Frau „nicht ganz richtig“ verhalten habe, so könne man ihm ja nicht den „Vorwurf“ machen, dass er jetzt „schuld“ sei, wenn ihn seine Frau am Ende betrüge. Mit diesem Denken in schwarz und weiß kommt schnell wieder Ordnung in die Welt, denn so bleibt es einfach auszumachen, wer letztlich die Schuld an der ganzen Misere trägt.</p>

Verantwortung übernehmen – eine Haltung der Reife

Anders gestaltet sich auf Stuhl 3 und Stuhl 4 der Blick auf die Welt: Während Stuhl 1 und Stuhl 2 den Fokus auf die Schuldfrage legen, eröffnen Stuhl 3 und Stuhl 4 den Raum für neue Perspektiven:

Stuhl 3: Worum geht es mir im Grunde? Statt Rückzug oder Vorwurf richtet sich der Blick auf Stuhl 3 nach innen: Welche Bedürfnisse wurden verletzt? Welche Sehnsucht steht hinter meinem Schmerz? Und nicht zuletzt: Was ist mein Anteil daran, dass sich dieses Bedürfnis nicht erfüllt hat?

Stuhl 4: Worum geht es dir im Grunde? Stuhl 4 ist der Raum, in dem auch das Gegenüber Platz bekommt. Wer hier sitzt, hört zu, fragt nach, lässt sich berühren vom Erleben des oder der anderen – von seiner Not oder ihrer Sehnsucht.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Paartherapeutin ist es, Menschen zu sich selbst – und damit auf Stuhl 3 – zu begleiten. Für unser Paar bedeutet das:

Er erkannte, wie wichtig ihm Vertrauen und Ehrlichkeit sind – aber auch Würdigung, Wertschätzung sowie der achtsame Umgang mit der Exklusivität ihrer sexuellen Beziehung. Statt sich weiter auf die Schuld seiner Frau zu fokussieren, begann er zu spüren, wie sehr ihn das Geschehene schmerzt – ohne ins Drama eines Opfer-Narrativs zu fallen.

Sie wiederum begann zu begreifen, wie groß ihre eigene Not eigentlich war und wie sehr sie sich danach sehnt, von ihrem Mann nicht nur als Mutter und Alltagsbewältigerin, sondern auch als Frau gesehen und begehrt zu werden.

Stuhl 4 wiederum ermöglicht es, das Gegenüber einfühlsam aufzunehmen und emotional mit dem Gesagten in Verbindung zu kommen. Wenn Menschen nicht nur Argumente verstehen, sondern innere Beweggründe auf der Gefühls- und Bedürfnisebene nachvollziehen können, kann sich auch die Bedeutung eines ursprünglich verletzenden Verhaltens verändern.

Eine neue Perspektive

Diese einfühlsamen und bedürfnisorientierten Sichten auf sich selbst und das Gegenüber sind wichtig, damit die Beteiligten sich aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen lösen und stattdessen nach und nach den Blick auch auf die eigene Verantwortung für das Geschehene richten können. Das eröffnet nicht nur Räume des persönlichen Lernens, sondern ebnet auch den Weg zu einer tiefgreifenden Versöhnung.

Nicht: Wer hat recht?

Sondern: Was ist geschehen – und was lernen wir daraus?

Nicht: Wer ist Täter, wer Opfer?

Sondern: Welche Verantwortung trage ich – und welche trägst du?

Für das Paar bedeutete das:

Auf Seiten der Frau:

  • Wie klar und eindeutig habe ich meine „Bedürfnisse in Not“ an meinen Mann herangetragen?
  • Habe ich mich und meine Bedürfnisse – jenseits meiner Ausbrüche im Streit – wirklich ernst genommen und sie nachhaltig zum Ausdruck gebracht?
  • War ich mir selbst überhaupt bewusst, wie sehr ich mit meinen unerfüllten Bedürfnissen in Not war?

Auf Seiten des Mannes:

  • Wie ernst habe ich die geäußerte Unzufriedenheit meiner Frau genommen?
  • Wie sehr habe ich es mir in unserer Beziehung bequem eingerichtet – und darauf vertraut, dass „es schon passt“, egal, was meine Frau sagt?
  • Was hält mich davon ab, mit meiner Frau regelmäßig und für beide erfüllend intim zu werden?

Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen konnte ein Bewusstsein dafür wachsen, wo jeweils die eigene Verantwortung für das oberflächlich sichtbare Problem („erotisches Intermezzo“) liegt. So entstand ein gemeinsames Lernfeld. Darin konnten beide Seiten miteinander und aneinander wachsen – im Blick auf die Ursachen der Krise ebenso wie auf ihren persönlichen Umgang damit.

So kann Entwicklung entstehen – persönlich wie gemeinsam. Das 4-Stühle-Modell lässt sich auf viele andere Situationen übertragen und ermöglicht Menschen, das zu bewirken, was uns innerlich Frieden schenkt: Versöhnung, die verbindet.

Piroska Gavallér-Rothe ist Paartherapeutin und Autorin von „Wertschätzend Klartext reden“. In Vorträgen und Seminaren vermittelt sie zudem ihr 4-Stühle-Modell als praxisnahes Werkzeug für gelingende Kommunikation und reife Beziehungsgestaltung.

 

Das 4-Stühle-Modell: Wege aus der Schuldspirale

Stuhl 1: Ich bin schuld.

Selbstvorwürfe, Scham, Rückzug – oft verbunden mit Hilflosigkeit.

Stuhl 2: Du bist schuld.

Vorwürfe, Rechthaberei, moralische Überlegenheit – oft mit viel Wut.

Stuhl 3: Was brauche ich?

Selbstverbindung, Klärung der eigenen Bedürfnisse und Anteile.

Stuhl 4: Was brauchst du?

Empathie, Zuhören, Bereitschaft, das Gegenüber wirklich zu sehen.

Wer tiefer einsteigen möchte: In ihrem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschreibt Piroska Gavallér-Rothe ausführlich, wie der Wechsel von Stuhl 1 und Stuhl 2 in die Welt von Stuhl 3 und Stuhl 4 gelingt – von der inneren Selbst(bewusst)werdung bis zur Kunst des einfühlsamen, bedürfnisorientierten Zuhörens.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Taeter-Opfer_BN_GettyImages_Delmaine-Donson_E.jpg 1341 2236 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-13 09:21:372025-11-13 09:21:37Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

Kinder lispeln: Wann Eltern aktiv werden müssen

Elternfrage: „Mein Kind (5) lispelt beim Sprechen. Muss es zur Logopädie? Können wir daheim etwas tun? Oder wächst es sich sowieso mit der Zeit aus?“

Die kleine Lia rennt aufgeregt zu ihrer Mutter und erzählt, dass der drollige Hund Simson gerade an ihrem Eis geschleckt habe. Dabei sieht die Mutter, dass bei jedem S-Laut Lias Zunge entweder an oder sogar durch die Zähne drückt und hört ein Lispeln. Die Mutter lächelt und drückt ihrer Kleinen einen Kuss auf die Wange.

Wenn die Kids klein sind, finden wir es oft niedlich, wenn ihre Zunge zwischen den Zähnen durchguckt und sie lispeln. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir es nicht mehr passend finden und uns Sorgen machen, weil gleichaltrige Kinder nicht mehr lispeln. Die Frage steht im Raum, ob das Kind eine logopädische Therapie braucht.

Es entwickelt sich noch

Erst mal möchte ich Sie beruhigen. Wenn ein Kind mit fünf Jahren noch lispelt, ist es in guter Gesellschaft. Etwa 25 bis 35 Prozent der gleichaltrigen Kinder tun das. Ihr Kind hat noch Zeit, um seine motorische Entwicklung weiter reifen zu lassen. Insofern das Kind tatsächlich nur lispelt, hat es die Laute bereits richtig erfasst. Es kann „sch“ und „ch“ von den S-Lauten unterscheiden und wirft die Laute beim Sprechen nicht durcheinander. Dann können Sie durchatmen: Es ist zu erwarten, dass sich Ihr Kind so weiterentwickeln wird, dass es die S-Laute richtig aussprechen kann.

Wenn jedoch nach dem Zahnwechsel der Frontzähne immer noch ein Lispeln vorliegt, ergibt es Sinn, mit einer Therapie zu starten. Es ist außerdem wichtig, darauf zu achten, wie das Kind selbst mit der Situation umgeht. Was meine ich damit? Es gibt Kinder, die sich schon mit vier oder fünf Jahren daran stören, wenn sie lispeln. Vielleicht wurden sie im Kindergarten damit aufgezogen und es hat sie in ihren Sprechfähigkeiten verunsichert. Spätestens dann, wenn ein Kind sehr dadurch entmutigt ist und nicht mehr gern sprechen mag, sollten die Eltern reagieren und logopädische Hilfe in Anspruch nehmen.

„Is will auch Sokolade haben.“

Es kann auch sein, dass Ihr Kind mit fünf Jahren ein gelispeltes „S“ spricht, obwohl in diesem Wort ein „Sch“ oder ein „Ch“ nötig gewesen wäre. Zum Beispiel: „Is will auch Sokolade haben.“ Das Thema Lispeln darf hier noch getrost außer Acht gelassen werden.

Jedoch wäre es wegen der fehlenden „sch“- und „ch“-Bildung wichtig, eine logopädische Therapie zu beginnen. Das Kind hat dann noch nicht die Unterscheidung der Laute „s“ und „sch“ beziehungsweise „s“ und „ch“ erfasst. Das sollte in diesem Alter schon erlernt worden sein. Der Grund hängt wahrscheinlich mit einer mangelnden Hörverarbeitung zusammen. Was bedeutet das? Das eigentliche Hören ist kein Problem, die Ohren funktionieren. Aber die zentrale Verarbeitung der Laute klappt noch nicht so recht. Logopädie kann in diesem Fall weiterhelfen.

Sollte Ihr Kind lispeln, können Sie es daheim unterstützend beeinflussen. Gerne gebe ich Ihnen einen beliebten Tipp weiter: Nehmen Sie dickflüssigen Joghurt und lassen Sie das Kind diesen mit einem Trinkhalm trinken. So wird die Rückzugsmuskulatur der Zunge aktiviert und die gesamte Mundmuskulatur gestärkt. Intensivieren kann man diese Übung, wenn man nach und nach dünnere Trinkhalme verwendet. Mmh, lecker! Ich schätze, Sie werden keine Schwierigkeiten haben, Ihr Kind dafür zu begeistern.

Ina Finis ist Logopädin und Individual­psychologische Beraterin sowie Therapeutische Seelsorgerin in eigener Praxis. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei jugendlichen Kindern in Paderborn.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/10/Maedchen-laechelt-e1761737229694.jpg 1104 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-11 12:40:022025-11-11 12:40:02Kinder lispeln: Wann Eltern aktiv werden müssen

Nicht in Krisen: Wann Fehler wirklich die Beziehung belasten

Schwierigkeiten in der Beziehung? Paarberater Marc Bareth erklärt, warum Krisen nicht das eigentliche Problem sind und wann man am besten Vorsorge trifft.

Bei der letzten Leichtathletik-Weltmeisterschaft habe ich bei einem Tippspiel mitgemacht – aber nicht gewonnen. Oft habe ich den Sieger oder die Siegerin einer Disziplin falsch getippt, weil ich unterschätzt habe, wie schwer es ist, einen Titel zu verteidigen. Dieses Kunststück ist nur relativ wenigen Athleten gelungen, obwohl die letzte Weltmeisterschaft erst ein Jahr zurückliegt. Warum bleiben sie nicht erfolgreich? Vielleicht schleicht sich eine gewisse Nachlässigkeit im Training ein, wenn alles perfekt läuft und man die Beste der Welt ist. Das kann wohl uns allen passieren.

Dann kam der Absturz

Der gleiche Effekt ist auch in anderen Sportarten und außerhalb des Sports zu beobachten. In Zeiten des Erfolgs neigen wir offenbar dazu, nicht ideale Entscheidungen zu treffen.

Wie fast jeder hatte auch ich in den 2000er-Jahren ein Nokia-Handy. Ich hatte ein 3310, was gefühlt jeder hatte. Nokia hatte einen weltweiten Marktanteil von über 50 % (zum Vergleich: iPhones haben heute einen Marktanteil von ca. 16 %). 13 Jahre lang war Nokia unglaublich erfolgreich. Doch dann stürzte der Marktanteil innerhalb von nur fünf Jahren auf 3 % ab. Eine Mischung aus Überheblichkeit, Nachlässigkeit und fehlender Dringlichkeit führte dazu, dass in den guten Zeiten schlechte Entscheidungen getroffen wurden.

An dieser Stelle ließen sich Hunderte von bekannten und weniger bekannten Geschichten von Unternehmen, Sportvereinen, politischen Parteien und Kirchen erzählen, die alle in Zeiten des Erfolgs schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen haben, die später ihren Untergang besiegelten.

Nur nicht nachlassen

Das Gleiche gilt auch für Paarbeziehungen. Auch dort werden die entscheidenden Fehler oft nicht in Krisen, sondern in den guten Zeiten gemacht. Wenn es keine Probleme gibt und man gut miteinander auskommt, ist die Gefahr am größten, schlechte Entscheidungen zu treffen. Wertvolle Gewohnheiten wie regelmäßige ungestörte Austauschzeiten werden dann allzu leicht aufgegeben – sie scheinen ja nicht mehr nötig zu sein. Oder auch wertschätzende Worte oder das ernsthafte Interesse an der Veränderung des Gegenübers verabschieden sich gerade in guten Phasen schnell durch die Hintertür. Es ist ja alles in Ordnung, warum sollte ich mich da noch besonders um die Beziehung kümmern?

Gerade in guten Zeiten bietet sich die Chance, die eigene Beziehung auf ein solides Fundament zu stellen, das auch Stürmen  und Krisen standhält. Natürlich wissen wir, dass das wichtig wäre. Aber weil es fast nie dringend ist, versäumen wir es trotzdem. Denn im Gegensatz zu Kindern schreit eine Paarbeziehung lange nicht so laut, wenn ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden.

Deshalb gilt für frischgebackene Leichtathletik-Weltmeister ebenso wie für Paare, bei denen es „eigentlich ganz gut“ läuft: Angesichts unserer Neigung, in erfolgreichen Phasen weitreichende Fehler zu begehen, lohnt es sich, gerade in diesen guten Zeiten besonders wachsam zu sein und die Weichen so zu stellen, dass wir unsere Ziele auch in Zukunft erreichen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/07/Empathie_BN_GettyImages_fizkes-1263543065.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-06 14:37:542025-11-06 14:37:54Nicht in Krisen: Wann Fehler wirklich die Beziehung belasten
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