Einschlafprobleme: Finger weg von Melatonin für Kinder!

Elternfrage: „Ich bin neulich auf Einschlafmittel in Form von Fruchtgummis mit Melatonin für Kinder gestoßen. Sind solche Mittel bei Kleinkindern – meine Tochter ist vier – wirklich unbedenklich?“

Gut, dass Sie fragen – denn bei Einschlaf­medikamenten für Kinder ist immer Vorsicht geboten. Gerade frei verkäufliche Mittel, die von der Apothekenpflicht ausgenommen und deshalb scheinbar harmlos sind, unterliegen keinen strengen Laborkontrollen. Hinzu kommt, dass viele Präparate, auch pflanzliche, vom kindlichen Körper anders verstoffwechselt werden als vom Erwachsenen. Häufig liegen hierzu keine Studien zur Verträglichkeit von Kindern vor.

Vorsicht bei Melatonin-Produkten

Manche Einschlafmittel gelten nicht als Medikamente, sondern als Nahrungsergänzungsmittel. Nahrungs­ergänzungsmittel dürfen ohne ärztliche Verschreibung gekauft werden, können dennoch erheblichen Schaden anrichten, weil die Nebenwirkungen nicht bekannt sind oder nicht überprüft wurden. Vermutlich handelt es sich bei den Fruchtgummis, auf die Sie aufmerksam geworden sind, um ein Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin.

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Ein Einschlafmittel mit Melatonin soll ein schnelles Einschlafen begünstigen. Doch die Zugabe des Hormons führt dazu, dass es in wichtige Körpervorgänge eingreift – über die konkreten Auswirkungen bei Kindern ist wenig bekannt. Allerdings weisen Kinderärzte und Kinderärztinnen darauf hin, dass der Melatonin-Abbau bei Kindern deutlich langsamer verläuft als bei Erwachsenen. Experten warnen deshalb vor der Einnahme der Melatonin-Gummibärchen. Hinzu kommt, dass Melatonin nur dann wirkt, wenn tatsächlich ein Mangel davon für die Schlafprobleme verantwortlich ist – das ist meist erst bei Menschen ab 55 Jahren der Fall.

Natürliche Hilfsmittel

Es gibt durchaus einige milde, für Kinder zugelassene medikamentöse Schlafhilfen, die Eltern sich nach individueller Beratung in der Apotheke rezeptfrei besorgen können. Viel sinnvoller ist es aber, bei Einschlafproblemen zunächst nach pädagogischen und psychologischen Hilfen Ausschau zu halten. So hilft zum Beispiel ein möglichst dunkles Zimmer, gegebenenfalls mit rötlichem Nachtlicht, die Melatonin-Produktion natürlich zu fördern. Lavendelsäckchen versprühen einen beruhigenden Duft, und spezielle Einschlafmusik für Kinder fördert die Schlafbereitschaft. Auch Sternenlicht-Projektoren können Kindern helfen, zur Ruhe zu kommen, ebenso wie Kuscheleinheiten mit Gute-Nacht-Liedern oder Gebeten.

Manchmal hilft es dem Kleinkind, wenn eine Matratze neben dem Kinderbett liegt, auf die sich ein Elternteil zeitweise legt. Das vermittelt Sicherheit und unterstützt gleichzeitig die Gewöhnung an das Einschlafen im eigenen Bett. Wichtig ist es auch, dass Kinder mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr auf Bildschirme schauen, um Überreizung zu verhindern. Wenn Ihr Kind Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, empfehle ich, eine professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine kostenlose Schlafberatung finden Eltern beispielsweise auf elternleben.de.

Und, nicht vergessen: Es ist alles eine Phase! Schon bald reiben Sie sich verwundert die Augen, wenn Ihr Kind ein Teenager ist, den man kaum noch aus dem Bett bekommt.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Zudem ist sie freie Autorin von Kinderbüchern und Elternratgebern.

Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Im trubeligen Familienalltag bleiben angespannte Situationen nicht aus. Das kann Eltern extrem belasten. Erziehungsexpertin Dorothea Beier erklärt, wie liebevolle Grenzen helfen und Orientierung geben.

Max ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er hat eine zwei Jahre jüngere Schwester und einen siebenjährigen Bruder. Die Mutter erzählt mir, dass sie sich keinen Rat mehr weiß. Max haut, tritt und schubst im Kindergarten andere Kinder, und auch zu Hause gibt es ständig Streit und Geschrei. Sie sei mit den Nerven am Ende.

„Annalena wird morgens einfach nicht fertig, sie trödelt so sehr, dass uns irgendwann der Geduldsfaden reißt“, berichtet ein Vater.

„Jeden Abend gibt es Theater, wenn Ben sich umziehen und seine Zähne putzen soll“, beklagt ein weiteres Elternpaar. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“

Solche und ähnliche Berichte höre ich immer wieder. Wie kann man am besten reagieren?

Sicherheit und Orientierung

Eine Familie mit kleinen Kindern ohne Konflikte gibt es nicht. Kinder haben Bedürfnisse, die sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Und sie sind Lernende. Sie probieren sich aus, testen, wie weit sie gehen können. Kinder wollen und müssen Selbstwirksamkeit erleben. Dazu gehört, dass sie ihren Besitz verteidigen, dass sie auch mal „Nein“ rufen. Sie sagen damit, dass sie ein eigenständiger Mensch sind und dass sie einen eigenen Willen haben. Auch Geschwisterstreit ist normal. Er kann helfen, Grenzen auszutesten und Kompromisse zu lernen. Hierzu brauchen Kinder ihre Eltern und Erzieher.

Eines der wichtigen Bedürfnisse von Kindern sind angemessene Grenzen. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen sie Struktur, Sicherheit und Orientierung. Viele Eltern sind verunsichert, wie sie angemessene Grenzen setzen können. „Ich möchte meine Kinder nicht verletzen, sie sollen selbst entscheiden, was sie möchten“, sagt mir die Mutter von Max. „Ich habe eine sehr strenge Kindheit erlebt. Wer nicht parierte, bekam Schläge. Meine Kinder sollen es besser haben“, erklärt sie.

Liebevolle Grenzen setzen, aber wie?

Grenzen sind wie Wegweiser oder Leitplanken, mit denen Eltern ihren Kindern die Orientierung vermitteln, die sie brauchen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, fühlt sich unsicher, ausgeliefert und alleingelassen. Durch liebevolle Grenzen spürt ein Kind, dass Mama und Papa sich kümmern und Verantwortung übernehmen. Durch verlässliche und klare Grenzen entwickeln Kinder ein tiefes Vertrauen und fühlen sich sicher. Sie lernen auch, wie sie sich selbst angemessen begrenzen können und erlangen so eine gute Sozialkompetenz.

Liebevolle Grenzen zu setzen braucht Geduld. Nicht immer akzeptieren Kinder Grenzen sofort. Sie diskutieren, fangen an zu weinen und möchten ihre Wünsche durchsetzen. Dann hilft es, sich vor Augen zu führen, dass liebevolle Grenzen für die Hirnentwicklung nötig ist. Das Kind lernt dadurch: „Ich bin meinen Emotionen und Wünschen nicht ausgeliefert. Es gibt kluge Entscheidungen, die mir helfen, mein Leben gut zu gestalten. Ich kann Ziele erreichen, und mich selbst gesund abgrenzen.“ Das Kind bleibt nicht in einer Phase der Egozentrizität stecken. Liebevolle Grenzen  zu setzen ist sinnvoll und wichtig, wenn mit zwei Jahren die Autonomiephase beginnt. In der Säuglingsphase ist Grenzsetzung noch verfrüht!

Für Kinder ist es beispielsweise eine Hilfe, wenn es feste Zeiten in der Familie gibt, wie Schlafenszeiten und Essenzeiten. Aber auch die Begrenzung der Bildschirmzeit, ein respektvoller Umgangston, Aufräumzeiten, der Umgang mit Süßigkeiten oder Tischregeln gehören zu dem, was Kinder durch angemessene Grenzsetzung und Vorbild der Eltern erlernen können. Über manche Grenzen und Regeln kann man im Familienrat auch verhandeln. Sie können sich je nach Alter des Kindes verändern. Es gibt aber auch feste Grenzen, zum Beispiel dass ein Kind kein anderes Kind schlagen darf, egal wie wütend es ist. Grenzen, die das Zusammenleben sowie Leib und Seele schützen, sind unverzichtbar für ein harmonisches Miteinander.

Wir machen es gemeinsam

Mit Kindern im Grundschulalter bietet es sich an, gemeinsam Regeln zu entwickeln. Während es bei kleineren Kindern noch gut ist, Regeln kurz, souverän und einfach zu formulieren, nach dem Motto: „So läuft es bei uns“, haben Grundschulkinder das Bedürfnis, mitentscheiden zu dürfen. Es hat sich in vielen Familien bewährt, Familienkonferenzen einzuführen, um verschiedene Themen zu besprechen: „Wie können wir es schaffen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, ohne dass wir uns ständig streiten? – Wer räumt an welchen Tagen den Geschirrspüler aus, ohne immer neu daran erinnert zu werden? – Wer hilft, das Abendbrot mit vorzubereiten?“

Solche und ähnliche Fragen beziehen Kinder ein und geben ihnen ein Mitspracherecht. Bei jüngeren Kindern kann es bei dem leidigen Zähne-Putz-Thema helfen, das Kind zu fragen: „Möchtest du zuerst die unteren und dann die oberen Zähne putzen? Soll ich dir helfen, oder schaffst du es schon allein?“ Die Regel, dass man ohne Zähneputzen nicht ins Bett geht, bleibt bestehen. Wenn wir mit Kindern altersgerecht und auf Augenhöhe kommunizieren, vermeiden wir viele Machtkämpfe. Auch Humor kann helfen, eine spannungsreiche Situation wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Statt lange mit dem Kind zu diskutieren, wirkt es oft Wunder, wenn man einen Scherz oder einfach mal Quatsch mit dem Kind macht. Auch ein Rollentausch oder ein Machtumkehrspiel kann Wunder wirken.

Teenager und ältere Kinder, die merken, dass ihre Meinung gehört wird, sind eher bereit, eine gemeinsame Lösung zu akzeptieren. Sätze wie: „Um 21 Uhr ist dein Handy aus“, klingen wie ein Befehl. Die Frage, „Wieviel Bildschirmzeit hältst du selbst für realistisch, damit noch genug Zeit für Freunde, Freizeit, Schule und Schlaf bleibt?“, drückt hingegen Wertschätzung und Respekt aus.

Eine Frage der Macht

Kommt es dennoch zu einem Machtkampf, müssen wir wissen, wie er entsteht. Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Grenzsetzung von uns erleben sie oft als Bedrohung. Hier ist es wichtig, dem Kind dies liebevoll zu spiegeln. „Du möchtest noch gern weiterspielen. Das verstehe ich. Trotzdem ist es jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.“ Hilfreich ist es, wenn wir uns mit dem Kind verbinden. Was läuft in ihm gerade ab? Welches Gefühl hat mein Kind? Kinder dürfen ihre Gefühle zeigen, aber gleichzeitig lernen, dass es auch Grenzen gibt. „Ich sehe, dass du ärgerlich bist, aber trotzdem ist jetzt die Zeit mit dem Smartphone vorbei.“

Klare Aussagen helfen unseren Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Drohungen hingegen zerstören die Beziehung und bewirken Einschüchterung. Das Kind gehorcht aus Angst und kann seine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Auch oppositionelles Verhalten kann auf diese Weise entstehen. Gefühle wollen gesehen und verstanden werden! Hierbei brauchen Kinder noch Unterstützung und Eltern oftmals Anleitung. Es lohnt sich, Hilfe in Form von Elterncoaching in Anspruch zu nehmen!

Wichtig ist aber auch zu wissen: Alle Eltern machen Fehler! Es gibt keine perfekten Eltern! Wir dürfen immer wieder aufstehen, unsere Verantwortung übernehmen und uns neu für den Weg der Liebe entscheiden. Und auch das hilft Kindern!

Um liebevolle Grenzen setzen zu können, müssen Eltern sich selbst daran erinnern, dass sie ihre Kinder wertschätzen und ihnen Respekt entgegenbringen. Kinder, die ihre Eltern als „Machthaber“ erleben, verbinden mit Grenzen Ablehnung, Strafe, Frust und Zwang.

Kinder, die beispielsweise mitentscheiden dürfen, wann sie ihre Hausaufgaben machen, fühlen sich respektiert. Sie erleben: „Meine Stimme wird gehört, meine Meinung ist wichtig.“

Kinder, die Eltern als Vorbilder erleben, die sich in einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zu ihnen sicher gebunden fühlen, spüren, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen.

Papa und Mama zählen auch

Um Kindern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen, kann man einüben, dem Kind kein spontanes „Nein“ zu sagen, sondern erst einmal: „Ja, ich sehe, du wünschst dir … Das verstehe ich gut! Wir hatten aber vereinbart …“ Wenn wir das als Eltern einüben und praktizieren, helfen wir dem Kind ein „Ja-Gehirn“ zu entwickeln, was hilft, positiv, entspannt und offenherzig in die Welt gehen zu können.

Für Eltern ist es wichtig einzuüben, empathisch mit sich selbst umzugehen, für nötige Ruhe- und Entspannungspausen zu sorgen. Im hektischen und stressigen Familienalltag ist es oft nicht leicht, gelassen seinem Kind liebevoll Grenzen zu setzen. Manchmal ist man müde und überfordert und reagiert übermäßig harsch. Manche Eltern ertappen sich dabei, dass sie so reagieren, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Alte Muster werden in Stresssituationen wieder reaktiviert. Das zu wissen, kann helfen und Mut machen, für sich zu sorgen. Kinder können es verstehen, wenn wir ihnen unsere Gefühle mitteilen. „Ich bin müde und brauche mal eine Pause, danach spiele ich noch mit dir“, kann man einem Kind mitteilen. Kinder, die erleben dürfen, dass Mama und Papa ihre eigenen Grenzen kommunizieren und gleichzeitig ihren Kindern einen verlässlichen Rahmen geben, reifen zu erwachsenen Menschen heran, die in der Lage sind, Liebe und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Uelzen.

Weiterführende Schule – So klappt der Übergang

Elternfrage: „Unsere älteste Tochter (10) wechselt dieses Jahr von der Grund- auf die weiterführende Schule. Worauf müssen wir achten und wie können wir den Übergang gut begleiten?“

Es ist immer das Gleiche: Noch im Winter kann ich mir nicht vorstellen, dass ich als langjähriger Klassenlehrer meiner vierten Klasse überhaupt jemals wieder ohne diese schnuckeligen und süßen Kinder Freude am Schulalltag empfinden werde. Doch irgendwann nach den Osterferien stellt sich bei vielen Viertklässlern immer mehr eine Erkenntnis ein, die dieses Gefühl verändert. Sie begreifen, dass die Würfel gefallen sind. Die Anmeldung an den weiterführenden Schulen ist vollzogen. Ein wichtiger Meilenstein in ihrer Entwicklung ist gesetzt und erreicht.

Sie beginnen, sich sehr vehement vom Grundschuldasein und auch von ihrem einst so bewunderten Klassenlehrer zu lösen. Einige von ihnen werden nachlässig und respektlos. Ich als Lehrer plane emotionale Abschiedsmomente. Bei den Kindern jedoch nehme ich wahr, dass die Grundschule ihnen bereits zu eng ist. Sie wollen weiterziehen. Wie aber kann der Start in die fünfte Klasse vorbereitet werden? Ich teile aus schulischer Sicht zwei Anregungen:

Die letzte „Übungszeit“ nutzen

In den letzten Wochen und Monaten vor dem Schulwechsel ist es wichtig, die Übungsmomente, die in der Grundschulzeit noch verbleiben, bis zuletzt zu nutzen. Sind die Hausaufgaben gemacht? Müssen noch Klassenarbeiten daheim vorbereitet werden? Sind die Mappen in Ordnung? Auch Eltern, die nun, am Ende der Grundschulzeit, von der Entwicklung ihrer Kinder enttäuscht sind, sollten am Ball bleiben.

Die Bedeutung der einzelnen Schulfächer verschiebt sich in den weiterführenden Schulen. Da, wo in den ersten vier Jahren noch Mathematik und Deutsch die entscheidenden Hauptfächer waren, sind es ab der fünften Klasse bald auch Englisch, Biologie, Erdkunde und Geschichte. Ein wichtiger Schlüssel für den schulischen Erfolg liegt darin, dass Texte verstanden werden und schriftlich darauf eingegangen werden kann. In Bezug auf Englisch hilft es, schon in der Grundschulzeit Methoden und Rituale für das häusliche Vokabeltraining einzuüben. Hier wird eiserne Disziplin nötig sein. Überhaupt gilt in den ersten Wochen im fünften Schuljahr: Starke Lerner müssen das Lernen neu lernen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Schwache Lerner sollten bei den ersten Klassenarbeiten Erfolge feiern können. Hier werden die Eltern noch einmal gebraucht.

Den Handykonsum vorbereiten

Noch ein anderer Aspekt, der den Übergang von der Grund- auf eine weiterführende Schule betrifft, liegt mir am Herzen: Wenn die Kleinen ab dem fünften Schuljahr ein Handy bekommen und Beziehungen zu ihren neuen Mitschülern aufbauen, bekommen sie intensiven Kontakt zu einer Parallelwelt im Internet. Sie werden geistlose Spiele spielen, die Grenzen des Erlaubten suchen und zahllose Kurzfilme anschauen.

Damit Ihre Kinder in dieser Parallelwelt nicht versinken und Schaden nehmen, müssen Eltern und Großeltern begreifen, dass insbesondere die „sozialen Medien“ gefährlich für die Entwicklung und die schulischen Erfolge von Kindern und Jugendlichen sind. Hier wird mit mühsamer Bestimmtheit das Durchsetzen von klaren Regeln notwendig sein. Außerdem sollte das Leben in der „echten Welt“ der Kinder gepflegt und mit positiven Erlebnissen verknüpft werden. Es hilft sicherlich sehr, wenn Hobbys, Klavierunterricht, Fußballtraining, Ballett oder Reitunterricht auch durch Phasen von Unlust und Ermüdung hindurch beibehalten werden. Solche Aktivitäten spenden Rhythmus und Stabilität, Gemeinschaft und Erfolge.

Johannes Köster ist Leiter der Primarstufe an der Freien Christlichen Schule Ostfriesland.

Warum der Liebestank über Ihr Beziehungsglück entscheidet

Fehlt die Wertschätzung, kann das die Partnerschaft ziemlich abkühlen. Der Liebestank ist leer. Therapeut Jörg Berger erklärt, wie die Beziehung zu Wärme und Wohlwollen zurückfindet.

Ursprünglich war der Liebestank ein Topf. Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir hat diesen nützlichen Gegenstand in den Sechzigerjahren eingeführt. Wird der emotionale Topf gefüllt, fühlen sich Menschen wertvoll und geliebt. Viele Probleme lassen sich durch einen leeren Topf erklären. Virginia Satirs Topf ist seither vielfach aufgegriffen worden. Im Deutschen hat er sich als Tank eingebürgert. Sind wir nicht alle Ingenieure? Nicht was satt macht, wird betont, sondern was den Motor am Laufen hält. Auch gut. Mit diesem nützlichen Gegenstand möchte ich Sie nun vertraut machen.

Treibstoff Wertschätzung

„Sie sind beide tolle Persönlichkeiten“, sage ich zu dem Paar, das von mir sitzt. „Würde das irgendjemand aus Ihrem Freundeskreis bezweifeln? Sie sind beide großzügig und haben das Wohl anderer im Blick. Trotzdem habe ich gerade den Eindruck, dass Sie sich in den Augen des anderen nicht wertvoll fühlen. Als würde jeder um seinen Wert in der Beziehung kämpfen. Im Kampf verletzt dann einer den Selbstwert des anderen.“

Wenn diese Diagnose stimmt, dann zeichnet sich auch die Therapie ab. Es geht darum, wieder Wertschätzung auszudrücken, und zwar so, dass sie beim anderen ankommt. Nötigenfalls vermittle ich Techniken, mit denen man sogar dann am eigenen Wert festhalten kann, wenn der andere sich einmal nicht wertschätzend verhält. So füllt sich der emotionale Tank. Die Liebe wird wieder spürbar. Plötzlich kann ein Paar wieder mit den kleinen Kränkungen umgehen, die sich in unserem Liebesalltag nicht ganz vermeiden lassen. Damit sind nicht alle Probleme gelöst. Doch mit einem vollen Tank sucht man zuversichtlich nach Lösungen. Man handelt Kompromisse aus, auch wenn sie beide etwas kosten.

Das Gefühl, in Ordnung zu sein

Nicht nur Wertschätzung ist wichtig. In der Liebe braucht jeder auch ein gutes Gewissen und das Gefühl, es gut genug zu machen. Auch das Gefühl, für den anderen in Ordnung zu sein, kann einem Paar ausgehen. Dann füllen entlastende Worte den Liebestank: „Danke, du hast dir so viel Mühe gemacht!“ – „Du machst schon mehr als genug, schau, dass du dir auch Zeit für dich nimmst.“ – „Es ist chaotisch gerade, aber ich bin so glücklich mit dir!“. Sollte Ihr Partner sein Ohr verschließen, wenn Sie Wünsche haben, dann denken Sie vielleicht an unseren nützlichen Gegenstand: Füllen Sie den emotionalen Tank Ihres Partners, indem Sie Ihrem Partner erstmal das Gefühl geben, in Ordnung zu sein. Füllen Sie nicht nur ein paar Tröpfchen ein. Volltanken, bitte! Wer weiß, was geschieht, wenn Sie dann über Ihre Wünsche sprechen.

Vielleicht ist es Ihnen in dem Beispiel aus meiner Praxis aufgefallen: Wenn es einem Paar noch nicht gelingt, einander den emotionalen Tank zu füllen, dann versuche ich, das überbrückend zu tun. Ich flute den emotionalen Tank mit dem, was fehlt, wenn es ein Paar zulässt. Manchmal sind es Freunde, die das leisten. Der Zuspruch sollte allerdings den Tank beider im Blick haben. „Du bist so toll, deine Frau hat dich nicht verdient.“ – „Du bist fleißig, dein Mann ist eine faule Socke.“ Den Tank des einen zu füllen, indem man den des anderen leert, würde natürlich nicht helfen.

Der Liebestank

Mit der Wertschätzung habe ich begonnen, weil Virginia Satir sie betont hat. Meiner Beobachtung nach fehlt häufiger etwas anderes im Tank: Liebe. Nicht eine Liebe in der Art: „Ich habe dir doch schon letztes Jahr gesagt, dass ich dich liebe.“ Vielmehr eine Liebe, die täglich fließt in zärtlichen Gesten, Worten der Zuneigung und Wertschätzung, Momenten voller Aufmerksamkeit, Zeichen der Unterstützung und in kleinen Geschenken. Nicht nur Frauen, auch Männer haben manchmal das Gefühl, auf Reserve zu fahren, was Liebe angeht. Im Gespräch muss ich dann den liebesvergessenen Partner überzeugen und fühle mich dabei beinahe wie ein Versicherungsvertreter: „Sie bekommen es so billig: Eine Umarmung zwischendurch oder ein ehrliches Kompliment kosten nur Sekunden. Sie heben so Ihre Ehe auf ein ganz anderes Level und haben wieder eine entspannte, großzügige Partnerin.“

„Ich weiß gar nicht mehr wie … Es fühlt sich so unnatürlich an“, zögert der liebesvergessene Partner manchmal. Dann greife ich zum Äußersten und liebkose den vernachlässigten Partner oder die Partnerin mit aufrichtigen Komplimenten: für das Outfit, für ein gewinnendes Lächeln, für die angenehme Art, sich ins Gespräch einzubringen, für das tolle Muttersein oder Vatersein, das durch den Bericht eines Paares durchscheint … Der so angesprochene Partner wird ganz verlegen, wenn die Zuneigung von mir kommt statt vom Ehepartner. Deshalb wende ich mich auch an diesen: „So ungefähr. Ich stelle es mir gar nicht schwer vor, Ihrer Frau/Ihrem Mann täglich Liebe zu zeigen. Es gibt so viel Liebenswertes.“ Es ist unglaublich, wie sich die Atmosphäre ändert, wenn das Paar beim nächsten Mal mit einem gefüllten Liebestank kommt.

Eine Frage der Motivation

Glauben Sie nicht, dass ich es in meiner eigenen Ehe besser mache als die Paare, die zu mir kommen. In meiner Praxis bin ich oft aufmerksamer als zu Hause. Experimente von William Ickes (2003) haben außerdem gezeigt, dass Männer besser kommunizieren, wenn sie dafür bezahlt werden. Sie ziehen dann sogar in der Einfühlungsleistung mit Frauen gleich. Kleine Geldbeträge, die den Ehrgeiz wecken, reichen dazu bereits. Doch eigentlich sollte es bessere Gründe geben, seiner Partnerin den emotionalen Tank zu füllen. Daran muss ich mich erinnern: Aus einem vollen Liebestank speist sich das Gefühl, wirklich geliebt zu werden, wertvoll zu sein und dem anderen auch im stressigen Alltag zu genügen. Am vollen oder leeren Tank liegt es, ob wir Wünsche als Forderungen hören oder eine berechtigte Kritik als Vorwurf. Machen Sie gern mit mir Gebrauch von diesem nützlichen Gegenstand: Lassen Sie den emotionalen Tank Ihres Partners überfließen. Es kostet nicht viel, hat aber überwältigende Auswirkungen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut mit einer eigenen Praxis in Heidelberg.

Unterschiedliche Bedürfnisse? So klappt es in der Partnerschaft

Ruhe oder Action, Gespräche oder Spaziergänge? Wie Paare unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen, erklären die Paar-Coaches Kim und Kristian Reschke.

Kennt ihr das Gefühl: Die Liebe ist da, der Alltag läuft – und trotzdem prägt eine innere Spannung das Miteinander? So ein Zustand kann uns jahrelang unterschwellig begleiten, bis er schließlich in eine Krise mündet. Häufig liegt der Grund darin, dass Bedürfnisse übersehen oder missverstanden werden. Sie bilden das unsichtbare Fundament unserer Partnerschaft. Werden sie ignoriert, entstehen Frust und Distanz. Werden sie ernst genommen, wird unsere Beziehung zum sicheren Ort. Vertrauen, Nähe und Hingabe wachsen.

Bedürfnisse wahrnehmen

Um Bedürfnisse besser zu verstehen, lohnt es sich, zwei Ebenen zu unterscheiden: Grundbedürfnisse und persönliche Bedürfnisse. Grundbedürfnisse gelten für alle Menschen gleich – etwa Sicherheit, Gesundheit, Schlaf, Nahrung oder Zugehörigkeit. Persönliche Bedürfnisse hingegen sind individueller: Der eine tankt Kraft durch Ruhe und Abgeschiedenheit, die andere blüht im Gespräch und im sozialen Miteinander auf. Einer braucht mehr körperliche Nähe, die andere sehnt sich nach kreativen Freiräumen, Spontaneität oder Abenteuer.

Erkennen wir diese Unterschiede, verstehen wir besser, warum Fehlannahmen und Beziehungsengpässe entstehen – und wie sie gelöst werden können.

Bei uns ist es so: Für Kim ist beispielsweise ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Flexibilität wichtig. Kristian hingegen bevorzugt klare Absprachen, ein enges Miteinander und Teamdenken. In den ersten Jahren führte das zu Spannungen und Unverständnis. Inzwischen haben wir gelernt, aufeinander einzugehen. Die Unterschiedlichkeit bedroht uns nicht mehr. Dennoch bleiben humorvolle Augenblicke, wenn unsere Vorstellungen von derselben Situation teils Welten auseinanderliegen.

Schritt 1: Wahrnehmen, was in mir vorgeht

Sind wir durch Sozialisation oder Umstände stark darauf trainiert, die Erwartungen anderer zu erfüllen, fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu spüren. Dieses Gespür können wir in schwierigen Beziehungszeiten regelrecht verlernen. Doch erst wenn wir wissen, was wir wirklich brauchen, können wir es auch mitteilen.

Wir erleben das unterschiedlich: Kristian ist meist klar darin, was er braucht. Kim dagegen tut sich manchmal schwer, sich selbst wahrzunehmen – geschweige denn ihre Wünsche zu formulieren. Für sie ist das eine ständige Lernkurve.

Eine Selbstklärung beginnt mit den ehrlichen Fragen: Was tut mir gerade gut – und was fehlt mir? Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, entdeckt Muster. Sind wir uns unsicher, kann es helfen, über ein bis zwei Wochen eine Liste zu führen und die Ergebnisse mit dem Partner zu teilen. Anfangs fällt uns vielleicht wenig ein, nach einigen Tagen aber immer mehr. Diese Übung braucht Mut – und die Ermutigung des Partners.

Schritt 2: Zuhören, was der andere braucht

Nachdem wir unsere eigenen Bedürfnisse wahrgenommen haben, geht es darum, die des Partners zu hören. Diese werden oft nicht direkt ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen – in Stimmung, Körpersprache oder kleinen Signalen.

Wer aufmerksam zuhört, lernt, den Partner liebevoll wie ein Buch zu lesen. Wichtig ist, dies ohne Wertung oder vorschnelle Ratschläge zu tun. Nur so entsteht beim Gegenüber das wohltuende Gefühl: Ich werde wirklich gesehen.

Allerdings dürfen wir vom Partner keine Hellseherei erwarten. Verantwortung tragen beide: sich verständlich zu machen – und den anderen wahrzunehmen. Denn unsere Fähigkeit, Bedürfnisse zu lesen, ist unterschiedlich ausgeprägt. Kim ist bei ihren eigenen Bedürfnissen eher zurückhaltend, dafür spürt sie die der anderen extrem fein. Bei Kristian ist es umgekehrt. Beides hat Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, sich der eigenen Tendenz bewusst zu sein – und der des Partners.

Schritt 3: Respektvoll verhandeln, ohne zu verlieren

Nicht alle Bedürfnisse lassen sich sofort erfüllen. Und nicht alle müssen erfüllt werden. Manche stehen sogar im Widerspruch. Dann ist Aushandeln gefragt – respektvoll und auf Augenhöhe. Ein Nein kann genauso liebevoll sein wie ein Ja, wenn es klar ausgesprochen wird.

Für uns ist dabei wichtig: Wir sind Partner, aber keine Bedürfnis-Erfüllmaschinen. Ziel ist nicht, dass einer gewinnt und der andere verliert. Ziel ist, dass beide sich gesehen fühlen. Respektvolles Verhandeln stärkt Beziehung und Vertrauen: Wir können unterschiedliche Wünsche haben – und trotzdem den gleichen Weg gehen.

Unterschiedliche Lautstärken

Bedürfnisse werden mit unterschiedlicher Lautstärke kommuniziert. Manche Menschen äußern sie klar und direkt, andere eher leise. Häufig zeigt sich hier ein Unterschied zwischen Männern und Frauen – nicht, weil Frauen weniger Bedürfnisse hätten, sondern weil sie durch Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungen so geprägt sind, die eigenen Wünsche um des Familienfriedens willen zurückzustellen.

Das bedeutet: In vielen Partnerschaften gibt es eine leise und eine lautere Stimme. Wenn der leisere Partner nicht aktiv ermutigt wird, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen, besteht die Gefahr, dass sie übergangen werden. Ein bewusster Umgang mit dieser Dynamik ist entscheidend, damit keiner untergeht.

Bedürfnisdominanz

Gerade wenn wir die Kommunikationslautstärke unseres Partners nicht beachten, können sich die Bedürfnisse des einen so stark in den Vordergrund drängen, dass der andere kaum noch Raum hat. Das kann schleichend geschehen oder durch Veränderungen im Familiensystem – etwa durch Krankheit, Geburt oder einen Jobwechsel.

Verfestigt sich eine Bedürfnisdominanz, kippt das Gleichgewicht. Schlimmstenfalls mutieren wir zu Vater oder Mutter unseres Partners – und dies bringt Probleme mit sich, die wirklich niemand braucht!

Ein erster Schritt ist, dieses Ungleichgewicht wahrzunehmen und zu benennen. Danach braucht es ein offenes Gespräch: „Wie wirkt sich deine Dominanz auf uns beide aus?“ Entscheidend ist, dass nicht einer als Problemträger abgestempelt wird. Bedürfnisse sind nicht falsch – aber sie brauchen Balance. Eine Partnerschaft bleibt tragfähig, wenn beide erleben: Meine Stimme zählt, und deine auch.

Typische Fehlannahmen

Zum Abschluss möchten wir einige typische Fehlannahmen benennen, die wir selbst durchlebt haben oder in unserer Arbeit als Paar-Coaches häufig antreffen:

  • „Bedürfnisse zu äußern, ist egoistisch.“ Das Gegenteil ist wahr. Bedürfnisse sind vorhanden, ob wir sie benennen oder nicht. Schweigen lässt sie im Untergrund brodeln – und blockiert den Partner darin, Liebe auszudrücken. Wer klar benennt, was er braucht, macht es dem anderen leichter, gut zu reagieren.
  • „Wenn du mich wirklich liebst, solltest du wissen, was ich brauche.“ Das nennen wir das Hellseher-Phänomen. Doch niemand kann Gedanken lesen. Unausgesprochene Erwartungen führen fast immer zu Enttäuschung. Kommunikation hingegen schafft Klarheit – und eröffnet die Chance auf tiefere Verbundenheit.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse zurückhalte, bin ich stärker.“ In Wahrheit führt diese vermeintliche Stärke zu Distanz. Ja, vielleicht sind wir nun weniger verwundbar – aber auch weniger berührbar. Nähe geht verloren.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse äußere, müssen sie sofort erfüllt werden.“ Sichtbar machen heißt nicht automatisch erfüllt werden. Manchmal braucht es Kompromisse, manchmal Geduld, manchmal ein liebevolles Nein. In einer langfristigen Beziehung werden wir jede dieser Spielarten mal erleben müssen und an ihnen wachsen dürfen.
  • „Unsere Bedürfnisse sind sich sehr ähnlich.“ Nach zehn oder mehr gemeinsamen Jahren kennen wir uns gut – und übersehen leicht, dass Bedürfnisse sich verändern. Besonders in der Lebensmitte verschieben sich Prioritäten. Wer diese Neuausrichtung nicht mitteilt oder sie beim Partner nicht versteht, lässt zu, dass die Partnerschaft in gefährliche Gewässer gerät. Besonders der Midlife-Umbruch lässt Sandbänke entstehen, an denen etliche Beziehungen Schiffbruch erleiden.

Praktische Übungen

Wir geben euch vier Übungen mit, die helfen, beim Thema Bedürfnisse auf die Sonnenseite zu kommen:

1. Gewöhnt euch die Frage an: „Was brauchst du heute, damit dies ein toller Tag wird? Welche Rolle könnte ich dabei spielen?“

2. Macht einen wöchentlichen Rückblick. Fragt einander: „Was hat dir gutgetan? Was hat dir gefehlt?“

3. Achtet darauf, dem Partner mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass ihr die jeweiligen Bedürfnisse wahrnehmt.

4. Nehmt euch bewusst Zeit für Konflikt-Aussprachen. Ein Spaziergang oder ein Glas Wein können als Herzens-öffner helfen. Besprecht Konflikte nicht nur auf der Sachebene, sondern fragt: Welches Bedürfnis von dir und mir steckt hinter unserem Konflikt?

Einander achten

Am Ende geht es nicht darum, einander alle Bedürfnisse perfekt zu erfüllen. Die Haltung zählt: Deine Bedürfnisse sind mir wichtig – und meine auch.

Wenn wir so miteinander umgehen, stehen wir auf einem Fundament, das trägt. Nicht, weil keine Stürme kommen, sondern weil wir gelernt haben: Wir hören einander zu, wir nehmen einander ernst, wir wachsen miteinander.

Kim und Kristian Reschke sind Autoren und begleiten als HerrUndFrauCoaching online Paare mit Mentoring und Coaching.

Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt

Auch wenn in Hollywood alles so einfach aussieht und dort immer alles zu klappen scheint, ist Sex kein Selbstläufer. Sexualtherapeut Marvin Leu gibt Tipps für mehr Schwung im Bett.

Unsere Sexualität ist schon eine interessante Sache. Obwohl sie oft als schönste Nebensache der Welt bezeichnet wird, kann sie doch den ganzen Alltag beeinträchtigen, uns steuern und uns mit lauter Stimme rufen. Es gibt kaum etwas in unserem Leben, was so viel Bedeutung hat und doch so wenig Sprache findet. Die komplette Beziehung kann durch Sex verbessert, verändert oder mit Konflikten belagert werden. Obwohl uns Sex und Erotik ständig umgeben, finden wir kaum Worte dafür. Und der Weg in eine gelingende Intimität ist schwierig.

Wenn es um das Intimste geht, macht man sich angreifbar und verletzlich. Aber genau diese Facetten machen den Sex so umwerfend. Verknüpfen wir das körperliche Erleben mit der emotionalen Intensität, wird der Sex besser. Aber wie bekomme ich das hin? Wie kann ich mich fallen lassen und meinem Gegenüber in einer Tiefe begegnen?

Zurückhaltung ist fehl am Platz

Es kursiert leider die Meinung, dass man entweder „gut im Bett“ ist oder eben nicht. Das ist ein großer Irrtum, denn wie das Erlernen eines Instrumentes, ist auch Sex lernbar. Niemand muss alles können. Sondern wir dürfen es lernen. Diesen Grundsatz finde ich sehr entspannend!

Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren. Und wenn ich ein wenig übe, werde ich erfahrener, kompetenter und handlungsfähig. Das Gelernte fängt an Spaß zu machen. Egal ob es dabei um Berührungen, Sexstellungen oder Oralverkehr geht.

Im Umkehrschluss muss ich der eigenen Sexualität eine gewisse Bedeutung geben, mir Zeit nehmen zum Üben und offen sein für Neues. Denn wenn über Jahre hinweg immer alles gleich bleibt, dann funktioniert das zwar meist reibungslos. Es kann jedoch auch eintönig und langweilig werden.

Ich stelle immer wieder in der Beratung fest, dass viele christliche Paare ihr sexuelles Potential nicht annähernd ausnutzen aus Angst, Grenzen zu überschreiten. Nach dem Motto, Lust und Begehren zu spüren gehört sich nicht oder ist sündhaft. Doch ist im gemeinsamen Ehebett religiös bedingte Zurückhaltung fehl am Platz.

Ich darf mich ausprobieren, mich selbst berühren und dabei Erregung spüren. Ich darf laut atmen oder sogar stöhnen. Ich darf mich zeigen und alles probieren, was für uns als Paar stimmig ist – sei es wild, sanft, kraftvoll, bestimmt, einfühlsam, zögernd, schnell oder langsam.

Verführung wagen

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich meine Frau für ein sexuelles Projekt gewinnen möchte und verfalle unbewusst in Vorwürfe. Im Nachhinein fällt mir auf: Ich hätte sie einfach verführen können.

Wichtig ist: Verführen bedeutet, mein Gegenüber für ein sexuelles Projekt zu gewinnen, ohne den Ausgang zu kennen. Ich muss also davon ausgehen, dass meine Verführung nicht immer gelingt und muss mich auch auf Zurückweisung einstellen. Wie reagiere ich, wenn meine Idee nicht gut ankommt? Bin ich dann beleidigt oder versuche ich es später nochmal? Vorwürfe zu machen ist einfacher, aber ein absoluter Lustkiller. Verführung dagegen entfacht Leidenschaft und Erotik.

Meine Frau und ich machen regelmäßig Eheabende. Als ein solcher Abend näher rückte, versprach ich, etwas Besonderes vorzubereiten. Ich habe eine Menge Essen organisiert. Obst, Snacks, Antipasti, Brötchen – ein richtiges kleines Buffet. Ich habe alles auf dem Tisch verteilt. Dann habe ich mich mitten auf den Tisch zwischen die Speisen gelegt, quasi als Teil des Buffets.

Bei den Vorbereitungen hatte ich, ehrlich gesagt, Angst, wie es meine Frau finden würde. Ich dachte: „Das ist doch lächerlich!“ Als sie ins Zimmer kam, strahlte sie. Die Idee war also gut, die Verführung hat geklappt.

Die Angst und die Aufregung haben sich gelohnt. Das Prickeln setzte ein. Aber es hätte auch schiefgehen können. Das war mir im Vorfeld bewusst. Aber ich bin überzeugt: Wenn man sich mutig für ein Verführungsprojekt entscheidet, sind die Chancen gut, dass man gewinnt und am Ende beide gewinnen. Also nur Mut – das Projekt lohnt sich!

Leidenschaft entfachen

Leidenschaft ist kein Selbstläufer. Manchmal kommt sie schwer in Gang, manchmal geht sie sogar verloren. Aber was hilft dabei, die Leidenschaft zu entfachen? Die Antwort lautet: Berührung.

Berührungen können Wunder vollbringen. Ich kann meinem Gegenüber etwas Gutes tun oder es selber genießen und den anderen Körper erkunden. Dabei kann ich mir vorstellen, meine Finger und Handflächen würden eine Landschaft erforschen. Jeden Millimeter. Stück für Stück. Ich kann dabei hauchzart berühren, streichen, kräftig drücken, massieren oder sogar zupacken. Eine zarte Berührung löst unweigerlich eine Reaktion beim Partner oder der Partnerin aus. Hoffentlich eine positive. Denn die meisten Menschen möchten berührt und liebkost werden. Es kann aber sein, dass dabei der negative oder gar vorwurfsvolle Gedanke kommt, dass das Gegenüber „ja nur Sex will“. Da empfehle ich, zu fragen, warum es so schwierig ist, dies zuzulassen. Und weiter ist die Frage, ob es besser wäre, wenn das Gegenüber Sie nicht mehr auf diese Art berühren sollte? Über solche Gedanken sollten Paare in jedem Fall kommunizieren.

Kommunikation

Es gibt jede Menge Ratgeber, wie ich am besten meine Anliegen kommuniziere. Beim Reden über Sex ist es sehr wichtig zu wissen, dass jede Kritik mein Gegenüber tief treffen kann. Gerade Männer verknüpfen ihre Sexualität oft mit ihrer Identität. Da können unbedachte Äußerungen sehr verletzend sein.

Versuchen Sie ihr Anliegen in einer ruhigen, angenehmen Atmosphäre zu besprechen. Nehmen Sie sich Zeit für das Gespräch. Bereiten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin auf das Thema vor, indem Sie ankündigen, über das Thema Sex reden zu wollen. Äußern Sie Ihr Anliegen in Ich-Botschaften. „Ich fühle mich …“, „Ich wünsche mir …“, „Ich habe das Gefühl …“ und so weiter.

Wir alle haben hin und wieder Wünsche, was den gemeinsamen Sex angeht. Oft ist es schwierig, diese anzusprechen, da unser Gegenüber ja mit Ablehnung reagieren könnte. Ich möchte dazu ermutigen, Anliegen und Wünsche zu äußern. Denn es ist wichtig, dass meine Partnerin, mein Partner weiß, wie ich mir die Sexualität vorstelle. Auf der anderen Seite darf ich versuchen, für Vorschläge offen zu sein und nicht zu verurteilen.

Selbstannahme

Wie stehe ich eigentlich zu meinem eigenen Körper? Kann ich ihn so annehmen, wie er ist – mit allen Macken und Fehlern? Denn kein Körper ist perfekt. Körperliche Selbstannahme beginnt mit wohlwollenden Selbstberührungen. Das fördert meine erotische Kompetenz. Jedes Mal, wenn ich mich berühre, lerne ich, was sich gut anfühlt, was ich mag und was weniger interessant ist. Und wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich dies auch besser kommunizieren.

Eng verbunden ist die Frage, ob ich mich als erotische Person nicht nur fühlen, sondern auch zeigen darf. Und darf mein Gegenüber meine Erregung sehen? Darf eine Frau stolz sein auf ihre Brüste, ihre Vulva, ihre Vagina? Und darf ein Mann stolz auf seinen Penis oder seine Rundungen sein? Unbedingt!

Denn wenn ich meinen Genuss zeigen kann, löst dies auch ein angenehmes Gefühl bei meinem Gegenüber aus. In der Beratung habe ich noch nie erlebt, dass jemand es störend fand, wenn seine Partnerin oder sein Partner seine Erregung zeigt.

Damit ich mich jedoch mit Stolz zeigen kann, brauche ich einen wohlwollenden Blick für mich selbst und einen guten Bezug zu meinem eigenen Körper. Und den erlange ich, wenn ich mich immer wieder und mit Freude berühre. Zusätzlich schule ich zudem meine Körperwahrnehmung und schaffe einen positiven Einfluss auf meine Gesundheit.

Gemeinsam einen Weg finden

Damit Sex immer wieder stattfinden kann, muss ich ihn auf meiner Prioritätenliste weiter hochschieben. Das braucht immer wieder bewusst eingeplante Zeit. Damit Sex regelmäßig stattfindet, darf man nicht warten, bis eines Tages die Lust auf Sex spontan entsteht. Denn es ist keinesfalls so, dass nur spontaner Sex guter Sex ist. Und wer auf den spontanen Sex wartet, kann unter Umständen sehr lange warten.

Nehmen Sie sich Zeit für Sex und zelebrieren Sie ihn. Reduzieren Sie Stress, indem Sie Internet, Telefon und Smartphone ausschalten. Suchen Sie einen Ort, an dem Sie sich wohlfühlen. Und wenn der Kontext passt, kann auch der Sex schön werden. Auch bei geplantem Sex.

Jedes Paar ist anders. Jeder Partnerteil bringt eine andere Geschichte in die Beziehung mit. Egal was gerade im Bett läuft, können Sie sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Mut, Wohlwollen und ein bisschen Einsatz, um am Thema Sex zu arbeiten.

Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich daran denke, was noch alles vor mir liegt. Ich darf immer wieder neue Facetten entdecken und die Früchte meiner Sexualität genießen.

Marvin Leu ist Sexualtherapeut. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Beziehungsentwicklung: So hilft ein Tagebuch für’s Versagen

Ist man Beziehungskrisen machtlos ausgeliefert? Nein, sagt Paarexperte Marc Bareth und verrät einen Trick für eine gesunde Beziehungsentwicklung.

Wenn sich zwei Menschen aufeinander einlassen, passieren nicht nur wunderbare, sondern auch schwierige Dinge. Und das ständig. Das gehört zur natürlichen Beziehungsentwicklung. Wir treffen einander an wunden Punkten. Der andere enttäuscht uns, weil er einen tiefen Wunsch von uns nicht erfüllen kann oder nicht will. Konflikte tauchen auf, wenn Bedürfnisse und Meinungen nicht übereinstimmen. Wir verändern uns, und nicht immer geschieht das im gleichen Tempo oder in dieselbe Richtung. Es gibt Missverständnisse, und wichtige Dinge bleiben unausgesprochen. Oder es entwickeln sich Ungleichgewichte, beispielsweise wenn eine Person mehr Verantwortung übernimmt oder Entscheidungen dominiert.

Machtlos ausgeliefert?

Die Frage ist nicht, ob diese Dinge in unserer Partnerschaft geschehen, sondern wie wir damit umgehen. Ich beobachte oft drei destruktive Reaktionen. Die eine ist, dass wir in Selbstmitleid baden, weil uns das alles passiert. Eine andere ist, dass wir uns selbst zerfleischen, weil wir es wieder und wieder nicht auf die Reihe kriegen. Und die dritte ist, dass wir unseren Partner mit Vorwürfen überhäufen, weil es ja offensichtlich an ihm liegen muss – ohne ihn hätten wir diese Probleme nicht.

Das Problem bei diesen drei Umgängen ist, dass wir so tun, als wären wir den Tatsachen machtlos ausgeliefert, ohne Gestaltungsraum. Das führt dazu, dass wir nichts aus unseren Schwierigkeiten lernen und Hoffnung verlieren.

Zwei leere Zeilen

Um das zu verhindern, schlage ich einen anderen Umgang mit schwierigen Situationen vor, den ich vom Harvard-Professor Arthur C. Brooks abgekupfert habe. Immer, wenn etwas Schwieriges in deiner Partnerschaft geschieht, schreibst du es in ein Beziehungs-Failure-Journal auf. Unter jedem Eintrag lässt du zwei Zeilen frei und setzt dir zwei Reminder, einen nach einem Monat und einen nach sechs Monaten. Nach einem Monat schreibst du auf die erste leere Zeile, was du aus dieser schlimmen Erfahrung gelernt hast. Und nach sechs Monaten schreibst du auf die zweite leere Zeile, was daraus Gutes entstanden ist. Solche Erinnerungen helfen der Beziehungsentwicklung

Nehmen wir zum Beispiel an, ihr habt euch nach einem Familienbesuch gestritten, weil einer von euch das Gefühl hatte, vom anderen nicht unterstützt worden zu sein. Du schreibst das mit Datum in dein Beziehungs-Failure-Journal. Nach einem Monat schlägst du die Seite erneut auf und notierst darunter etwas, was du daraus gelernt hast, zum Beispiel: „Ich habe gelernt, dass es mir wichtig ist, in solchen Situationen klar zu sagen, wenn ich mich überfordert oder alleingelassen fühle.“ Nach sechs Monaten, schreibst du darunter, was sich daraus Positives ergeben hat, wie: „Seitdem sprechen wir vor Familientreffen darüber, wie wir uns gegenseitig den Rücken stärken können – das hat unsere Beziehung spürbar gestärkt.“

Durch das Führen eines solchen Journals lernst du mehr, lebst hoffnungsvoller und gehst mit der Zeit schwierige Situationen aktiver an, statt sie zu vermeiden. Das sind entscheidende Grundlagen für eine gesunde, lebendige Beziehung.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt

Für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Königsweg: Bindungsorientierte Erziehung. Doch was genau ist das? Daniela Albert klärt auf und gibt Tipps, wie Eltern den passenden Erziehungsstil finden.

Bindungsorientierte Erziehung ist für manche Eltern der Königsweg zu einem gelungenen Zusammenleben. Für andere Eltern ist dieser Ansatz ein rotes Tuch, das sie mit Überforderung, verwöhnten Kindern und ständigem Körperkontakt in Verbindung bringen. Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob der Ansatz, der auch als bedürfnisorientierte Erziehung bezeichnet wird, nun das Potenzial hat, eine neue Generation friedfertiger Menschen hervorzubringen oder einen Haufen Egomanen, die nicht lebenstauglich sein werden.

Das mag überspitzt klingen. Schaut man sich aber an, wie unnachgiebig und kompromisslos unterschiedliche Richtungen in sozialen Medien aufeinander losgehen, wird klar, dass in dieser Debatte selten mit Augenmaß und Pragmatismus auf den Familienalltag geschaut wird.

Glücklicherweise begleite ich mittlerweile so lange Familien, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ein großer Teil von Menschen, die Kinder erziehen, längst ihren eigenen Weg gefunden haben, jenseits dieser Polarisierung. Diese Wege sind meist eine Mischung aus erlerntem Wissen über das, was kleine Menschen brauchen, einem guten Bauchgefühl und einer pragmatischen Anpassung der eigenen Ideale an das, was im Alltag machbar ist.

Feinfühlige Begleitung

Eine Methode, zu einem guten Miteinander in der Familie zu finden, ist für mich die Frage, was junge Menschen am Ende einmal mit ins Leben nehmen sollen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein grundsätzliches Gefühl von Verbundenheit mitnehmen, etwas, das sich nach Geborgenheit anfühlt und an das man anderswo anknüpfen kann. Natürlich wollen wir, dass junge Menschen mit einer gewissen Resilienz ausgestattet sind. Wir wünschen uns, dass sie in der Lage sind, soziale Beziehungen einzugehen, und dass sie wissen, was sie zufrieden macht und was ihnen weniger gut tut.

Für all das kann eine feinfühlige Begleitung einen Grundstein legen. Kinder, die mithilfe von Erwachsenen gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle besser zu verstehen, wissen später darum, wie sie emotional für sich sorgen können. In einem Zuhause, in dem ein gutes Miteinander vorgelebt wurde, kann die Fähigkeit entstehen, sich in soziale Gefüge einzufinden. Kinder, die Verlässlichkeit durch klare Regeln, gut gestaltete Übergänge und schöne Rituale erlebt haben, haben eine Idee von Geborgenheit mitbekommen. Diese wirkt sich positiv auf ihr weiteres Leben aus und kann sie in schwierigen Situationen tragen.

Begrenzte Kraft

Um all das mitzugeben, braucht es ein paar Grundzutaten, die wir im Vorratsschrank der bedürfnis- oder bindungsorientierten Erziehung finden und die wir nützlich einsetzen können. Doch wie genau das aussieht, bleibt am Ende jeder Familie selbst überlassen. Das hat, wie schon erwähnt, mit eigenen Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu tun. Für die einen spielt das gemeinsame Schlafen im Familienbett eine entscheidende Rolle, wenn es um das Geben von Sicherheit und Geborgenheit geht. Für andere ist allein die Vorstellung der Horror – und für viele liegen Wahrheit und praktische Ausgestaltung dazwischen.

Es hilft definitiv beim Verstehen der eigenen Emotionen und beim Lernen, diese sozialverträglich zu regulieren, wenn man in emotionalen Ausnahmesituationen wie Wutanfällen geduldig begleitet wird. Manche Eltern halten dies mit stoischer Ruhe sehr lange aus. Andere müssen den Raum verlassen oder an andere Erwachsene übergeben. Oder sie schimpfen doch irgendwann, und hinterher müssen sich alle beieinander entschuldigen – und lernen so auch etwas über soziales Miteinander.

Kraft, die man im Elternalltag hat, ist endlich und nicht verhandelbar – auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Mütter und Väter, die sich aufgrund von Perfektionsdruck und Erziehungsansätzen, die nicht zu ihnen passen, an den Rand eines Zusammenbruchs manövriert haben, können nicht mehr viel mitgeben. Manchmal sind klare Grenzen oder ein „Nein ohne Diskussion“ wichtig für die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Nicht weil Kinder, wie es in einem alten Ratgeber mal hieß, Grenzen brauchen. Sondern weil wir als Eltern dadurch gut für uns sorgen und somit dafür, dass wir weiterhin verlässlich an ihrer Seite sein können.

Sicher und geborgen

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Erkenntnisse der Bindungstheorie und Ableitungen, die dadurch in die alltägliche Erziehung eingesickert sind, gute Entwicklungen gebracht haben. Es ist eine positive Entwicklung, dass immer mehr Mütter und Väter sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinandersetzen. Auch ist es gut, dass sie sich Mühe geben, ihre Kinder feinfühlig zu begleiten und auf ihre verbalen und nonverbalen Signale einzugehen. Es hilft, wenn Kinder ihrem Alter angemessen verlässlich dabei unterstützt werden, nicht nur satt und sauber zu sein, sondern sich sicher und geborgen zu fühlen und sich eigenständig entwickeln zu können.

Gerade in meiner Arbeit in der Jugendhilfe sehe ich, wie viel nachhaltig kaputt gehen kann, wenn junge Menschen zu lange in einer Umgebung waren, in der ihnen dies nicht zuteilwerden konnte. Doch genau diese Arbeit dort hat mir auch noch einmal klar vor Augen geführt, dass wir uns diese ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie genau man es nun „richtig“ macht, sparen können – genauso wie den Perfektionsdruck, der dahintersteht.

Bauchgefühl und Liebe

Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Und es geht schon gar nicht darum, jeden neuen Trend, der im Fahrwasser von „Bindungsorientierung“ durch soziale Medien oder Feuilletons geistert, mitzumachen. Es geht einzig und allein darum, einen Weg zu finden, der in der eigenen Familie gut funktioniert.

Und nein, dabei ist es natürlich nicht völlig egal, was wir tun. Glücklicherweise hat sich mittlerweile auch breit herumgesprochen, dass es Erziehungsmethoden gibt, die nichts Gutes mit sich bringen. Gewalt gegen Kinder, harte Hände und starre autoritäre Familienhierarchien sind nicht hilfreich, um Menschen auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten. Auch wenn heute wieder vereinzelt danach gerufen wird. Wir können uns von der guten Mischung aus Bauchgefühl, Wissenschaft und einer kräftigen Portion Liebe leiten lassen, dann dürfen sich solche Ideen schnell erübrigen.

Doch dazwischen – zwischen dem Aufopfern und Verwöhnen und der Härte, die wir größtenteils hinter uns gelassen haben – liegt ein Raum, in dem Verbundenheit und Beziehung möglich ist. Ein Raum, in dem Liebe gelebt werden und Halt gegeben werden kann. Gestaltet diesen Raum nach euren Vorstellungen!

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

 

Buchtipps

Daniela Albert: Kleine Kinder, starke Wurzeln. Bedürfnisorientiert durch die ersten Jahre (Neukirchener)

Daniela Albert: Anlauf nehmen fürs Leben. Bedürfnisorientiert von der Grundschule in die Teenagerjahre (Neukirchener)

Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt

Reagiert Ihr Kind empfindlich auf Reize, ist es schnell überfordert und zugleich kreativ, empathisch oder tiefgründig? Dann ist es vielleicht hochsensibel. Pädagogin Celina Fanous klärt auf.

Kennen Sie das? Sie müssen den Käse am Abendbrottisch ans andere Ende des Tisches legen, weil ihr Kind sonst nichts mehr isst? Dabei waren Sie gerade noch froh, ihr Kind überhaupt zum Esstisch bekommen zu haben, weil es nicht spürt, dass es hungrig ist. Sie konnten dies jedoch schon längst an seiner Stimmung, Körperspannung und seinem Verhalten ablesen.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus der Schule, dass Ihr Kind eine hohe Auffassungsgabe und Begeisterungs­fähigkeit hat und intellektuell gut mitkommt, aber auch unglaublich unruhig ist, manchmal abwesend und verträumt, manchmal aufgeregt wirkt und an Pulli oder Stift kaut?

Wundern Sie sich immer wieder, zu welch tiefgründigen Gedanken und Fragen Ihr Kind fähig ist? Sind Sie erstaunt, mit welch außerordentlicher Kreativität und mit welchem Detailreichtum es erzählt, malt oder spielt?

Wundern Sie sich immer wieder über die starke Intensität und Dauer von Gefühlsausbrüchen Ihres Kindes bei vermeintlichen Kleinigkeiten? Vielleicht fragen Sie sich, ob das alles normal ist oder doch besonders?

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, denn Menschen und ihr Verhalten sind immer individuell. Doch was ich hier beschreibe, ist ein unvollständiges Bild eines Kindes mit einer sogenannten Hochsensibilität.

Hochsensibilität verstehen

Mit Hochsensibilität ist ein messbares und nachweisbares Phänomen gemeint, das eine erhöhte Reizaufnahme und Reizverarbeitung im Gehirn und Nervensystem beschreibt. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als nicht-hochsensible. Diese Besonderheit betrifft sowohl innere als auch äußere Wahrnehmungsbereiche und kommt bei etwa 20 Prozent der Menschen vor. Es handelt sich dabei um eine vererbte Veranlagung und nicht um erworbenes Verhalten oder eine Störung. Allerdings kommt es auf Grund von Unkenntnis über Hochsensibilität häufig zu Verwechslungen mit Störungsbildern wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Doch wie zeigt sich Hochsensibilität und wie wirkt sie sich aus?

1. Gründliche Verarbeitung von Informationen

Hiermit ist die erhöhte und komplexere Aufnahme und Verarbeitung von Reizen jeglicher Art gemeint. Das betrifft alle äußeren und inneren Reize – auch Gedanken, Schmerzen, den Herzschlag … Es werden mehr Feinheiten und Details wahrgenommen, die verarbeitet werden „müssen“. Diesen Prozess nennt man auch „Nachhallen“.

2. Rasche Übererregbarkeit

Aufgrund der Vielzahl an aufgenommenen Reizen erreichen Betroffene schneller die Grenze zur Überreizung. Dies kann zu allen denkbaren Stressreaktionen und Verhaltensweisen führen. Es kommt zu einem höheren Bedarf an Ruhe und Auszeiten.

3. Emotionale Intensität

Auch Gefühle werden intensiver erlebt und verarbeitet. Deshalb ist der Gefühlsausdruck besonders intensiv. Hochsensible reagieren verstörter auf gewaltvolle Filme, Ungerechtigkeiten, beunruhigende Ereignisse und Mobbing. Einige haben eine sehr hohe Empathiefähigkeit, weil ihre Spiegelneuronen so sensibel ausgeprägt sind.

4. Sensorische Empfindlichkeit

Häufig sind der Gehör- und Geruchssinn und die Lichtempfindlichkeit stark ausgeprägt. Taktile Empfindungen können als sehr unangenehm und störend empfunden werden. So möchten viele Hochsensible manche Materialien nicht berühren oder davon nicht berührt werden.

Wenn man weiterführende Literatur heranzieht, finden meines Erachtens auch Kinder, die als „gefühlsstark“ beschrieben werden, ihren Platz im Konstrukt der Hochsensibilität. Folgende drei Merkmale können die Definition von Hochsensibilität erweitern:

5. Erhöhte intellektuelle Sensitivität

Dieses Merkmal zeigt sich in Form von ausgeprägter Neugierde, im Problemlösen und im theoretischen Denken. Diese Menschen streben nach einem tieferen Verständnis der Wahrheit. Sie sind wissbegierig, stellen ausgesprochen viele Fragen, mögen Denkaufgaben, die eine hohe Fokussierung, Konzentration und Problemlösung erfordern. Auch befassen sie sich (früh) mit moralischen Fragen und Gerechtigkeit. Außerdem sind häufig von ihren eigenen Ideen begeistert, überzeugt und willensstark. Oft wissen sie in ihren Interessengebieten mehr als Erwachsene.

6. Erhöhte imaginäre Sensitivität

Dieses Merkmal ist gekennzeichnet von einer reichen Vorstellungskraft und einer Vorliebe für komplexe imaginäre Abläufe, die dramatisch in Szene gesetzt werden. Im Unterricht schweifen die Gedanken häufig in die eigene kreative Gedankenwelt ab. Kinder wirken weggetreten, abwesend und in ihrer eigenen Welt. Sie können sich Ereignisse sehr deutlich und lebhaft im Geiste vorstellen und sind meist ganz mit sich oder mit wenigen Freunden zufrieden.

7. Erhöhte psychomotorische Sensitivität

Dieses Merkmal beschreibt eine hohe Aktivität in der körperlichen und geistigen Bewegung. Das Denken ist besonders agil. Betroffene brauchen und lieben die Bewegung und haben ein Übermaß an Energie. Ihnen wohnt eine leidenschaftliche Begeisterungsfähigkeit inne. Sie sprechen oft sehr viel und schnell. Der Körper erscheint oft zappelig. Ruhigsitzen ist fast unmöglich. Sie ziehen aus dieser körperlichen und verbalen Aktivität große Freude – eher zum Leidwesen der Umgebung.

Das Potenzial der Hochsensibilität entfalten

Vielleicht konnten Sie Ihr Kind in einigen oder vielen Punkten wiedererkennen. Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle Merkmale bei jedem (gleich stark ausgeprägt) vorhanden sein müssen. Trotzdem kann der Mensch hochsensibel sein. Doch was bringt Ihnen nun dieses Wissen?

Wenn man Wissen über Entwicklungspsycho­logie sowie die spezifischen Bedürfnisse eines Menschen (Persönlichkeitsmerkmale, bisher gemachte Erfahrungen) im Blick hat, kann man hilfreicher darauf reagieren. Dies ermöglicht wiederum den Erhalt oder Aufbau einer sicheren Bindung – was ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Erfahrungen und Herausforderungen ist, aber auch für die Entfaltung des individuellen Potenzials. Ihr Kind kann sein Licht leuchten lassen!

Doch was heißt es nun praktisch, wenn sie Ihr Kind hier wiedererkannt haben? Es bedeutet, dass mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten im Alltag eingeplant werden dürfen, um dem langen Nachhallen den notwendigen Raum zu geben. Bei besonderen Ereignissen und Übergängen sollten andere Aktivitäten vorübergehend ausgesetzt oder zurückgefahren werden. Also wenn ein Familien­fest ansteht, sollte die Zeit danach ereignisarm geplant werden.

Erwartungen an Fremdbetreuung, Hobbys und gesellschaftliche Zusammenkünfte dürfen individuell überdacht und angepasst werden. Manches wird früher, manches später als bei anderen Familien gelernt und stattfinden. Meist sind auch mehrere Familienmitglieder von Hochsensibilität betroffen. Dies kann zu einem hohen Emotionspotenzial im Alltag führen, wofür eine reflektierte, weise und kreative Führung durch regulierte Erwachsene benötigt wird. Aber wie können die Eltern zu regulierten Lotsen für ihr Kind werden?

Hier kommt die Frage der Bedürfnisorientierung für alle Familienmitglieder ins Spiel. Um feinfühlig reagieren zu können, muss man selbst einigermaßen reguliert und entspannt sein. Dafür braucht es die Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für ihre eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung, aber auch das Wissen um eigene Verletzungen und wunde Punkte.

Anregungen für Eltern in herausfordernden Situationen:

1. Als Erstes und Schwierigstes: Ruhe bewahren! Notfallstrategien anwenden, wenn nötig

  • „478-Regel“: 4 Sekunden tief in den Bauch einatmen, anschließend 7 Sekunden Luft anhalten, dann 8 Sekunden ausatmen
  • Situationswechsel mit oder ohne Kind (je nach Alter)
  • Temperaturwechsel: ins Freie, kaltes Wasser ins Gesicht, Hände waschen
  • körperliche Bewegung
  • positiver innerer Monolog, z. B. „Wir schaffen das!“
  • Situation niederschreiben

Damit dieser Schritt gelingt, ist ein gewisses Maß an stetiger Selbstfürsorge der Eltern notwendig. Aus einer leeren Schale kann man nicht schöpfen. Langfristig hilfreich können das Erlernen von Stopp-Techniken und Selbstregulation des Nervensystems durch wertfreies Wahrnehmen und Annehmen, Beten, Meditation etc. sein. Hier ist Ihr Vorbild von entscheidender Wichtigkeit. Denn Ihr hochsensibles Kind kämpft sehr häufig mit seinen überbordenden Gefühlen und braucht Hilfe, damit umzugehen. Bei wiederkehrenden Triggern macht es Sinn in einem ruhigen Rahmen zu schauen, was Sie so berührt.

2. Schwierigkeiten nicht persönlich nehmen und Gefühle wertschätzend spiegeln

Ihr Kind „stellt sich nicht an“. Es will Sie nicht ärgern oder testen, sondern es erlebt die Situation gerade wirklich so heftig. Es gilt herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem gezeigten Verhalten stehen und diese dem Kind einfühlsam verbal und nonverbal zu spiegeln, um sie dann gemeinsam auszuhalten und nach passender Bedürfniserfüllung zu suchen. Diese gelungene Co-Regulation befähigt das Kind immer mehr zur Selbstregulation. Strafen sind bei keinem Kind sinnvoll. Insbesondere hochsensible Kinder reagieren darauf besonders verletzlich.

Es dauert jedoch Jahre, bis das kindliche Gehirn so weit herangereift ist, um Selbstkontrolle zuverlässig über das eigene Verhalten zu erlangen. Kinder sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, aber sie sind noch im Entwicklungs- und Reifungsprozess und benötigen die Unterstützung von zugewandten Erwachsenen.

3. Kreative Lösungen entwickeln, die die Konventionen in der Gesellschaft hinten anstellen

Erforschen und überdenken Sie die Beweggründe für Ihre Erwartungen an Ihr Kind: Ist mir das wirklich selbst wichtig? Warum? Weil es einem Bedürfnis von mir entspricht oder weil ich denke, dass man das halt so machen muss? Oder weil ich vor etwas Angst habe?

4. Vorausschauend und realistisch planen

Beachten Sie bei Ihren Plänen, dass die Grenze zur Überreizung schneller erreicht wird. Berücksichtigen Sie das erhöhte Ruhebedürfnis auf Grund des Nachhallens. Familienrituale können hilfreich sein, um nicht immer wieder in die gleichen Überforderungssituationen zu geraten. Hier ist Kreativität und ein Anpassen von Ansprüchen notwendig, die sich stark von denen nicht hochsensibler Familien unterscheiden können. Mit zusätzlichen Ritualen werden die starken Bedürfnisse der Hochsensiblen nach Orientierung und Sicherheit befriedigt und wiederkehrende Stresssituationen minimiert.

5. Ein Spiel daraus machen

Kinder sind leidenschaftliche Spieler. Sie sind meist leicht für etwas zu gewinnen, wenn es in ein ansprechendes Spiel integriert wird. Besonders Hochsensible mit einer ausgesprochen starken Vorstellungskraft sind so gut zu erreichen.

6. Übergänge vorbereiten

Viele Kinder, insbesondere hochsensible, haben Probleme mit Übergängen. Hier gilt es, die kritischen Übergänge zu identifizieren und Entschärfung zu überlegen. Übergangsobjekte, Teilschritte, langsames (Ein-)Gewöhnen oder Übergangslieder können helfen.

7. Anspruch senken und Konflikte in Würde durchleben

Chaos ist normal bei mehreren Hochsensiblen. Sagen Sie sich immer wieder, dass es nicht auf die Abwesenheit von Konflikten ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Gelingt es Ihnen – in einem Verhältnis von 7 zu 3 –, Konflikte in Wertschätzung zu lösen? Dann ist das sehr gut!

8. Ein Gremium etablieren

Hochsensiblen ist Gerechtigkeit meist extrem wichtig, so dass es, je nach Alter der Kinder, hilfreich sein kann, ein Gremium zu etablieren, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Gehör finden und Kompromisse und Strategien zur Befriedigung entwickelt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gute Ideen von Kindern kommen. Sie halten sich viel lieber an die erarbeiteten Strategien, wenn sie selbst daran mitgewirkt oder sie selbst vorgeschlagen haben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Verbindung miteinander beim gegenseitigen Entdecken und Ausprobieren. Denken Sie immer daran: Sie und Ihr Kind sind wunderbar und einzigartig gemacht und von unserem Schöpfer geliebt und angenommen! Deshalb dürfen Sie sich und Ihr Kind annehmen und Ihre Einzigartigkeit feiern!

Celina Fanous ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Fachpädagogin für Hochsensibilität mit Beratungspraxis in Reutlingen (beratung-blickwechsel.com)

 

Buchtipps

Für hochsensible/gefühlsstarke Kinder:

Nora Imlau, Lisa Rammensee: Und was fühlst du, Känguru? (Carlsen), ab 2

Elaine Thais: Tom hochsensibel und wundervoll, ab 7

Corinne Fischbacher: Hochsensibilität. Feinfühlige Kinder erklären ihre Welt (Vandenhoeck & Ruprecht), ab 5

 

Für Eltern hochsensibler Kinder:

Melanie S. Vita: Hochsensibilität bei Kindern (Bonifatius)

Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut (Penguin)

Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen (Goldmann)

 

Für hochsensible Erwachsene:

Brigitte Küster: Hochsensibilität. Den eigenen Weg finden (Hänssler)

Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter (Hänssler)

Kathrin Borghoff: Hochsensibel Mama sein (Beltz)

Das erste Taschengeld: So lernt Ihr Kind den Umgang mit Geld

Elternfrage: „Unser Sohn kommt bald in die Grundschule, und wir möchten nun das Taschengeld einführen. Wie können wir Kindern einen guten Umgang mit Geld beibringen, sodass sie auch verstehen, was Sparen oder Spenden bedeutet?“

Wie schön, dass Sie sich mit dem Thema Taschengeld beschäftigen und das so bewusst angehen. Die Einführung des Taschengeldes ist eine ideale Gelegenheit, um Kindern praktisch zu zeigen, wie Geld im Alltag funktioniert und wie wir damit gut umgehen können. Mit meinem jüngsten Sohn (inzwischen sieben Jahre alt) leben wir seit zwei Jahren ein Taschengeldsystem, das sich aus vier unterschiedlichen Bausteinen zusammensetzt. Er wendet es inzwischen selbstverständlich an, und ich möchte als Anregung erklären, wie das funktioniert.

Münzen auf vier Zwecke aufteilen

Beim Taschengeldsystem darf das Kind sein wöchentliches Geld auf vier Bereiche verteilen:

  • Portemonnaie: für alles, was es direkt ausgeben möchte
  • Sparen: für größere Wünsche
  • Investieren: für langfristiges Sparen, bei dem es „Zinsen von Mama“ gibt
  • Spenden: als Zeichen dafür, wie gut es uns geht und dass wir etwas davon abgeben können

Warum diese vier Bereiche? Weil Geld im Leben nicht nur für das Ausgeben da ist. Kinder lernen auf diese Weise spielerisch, dass man sich Wünsche erfüllen kann – aber eben nicht alle sofort. Sie verstehen dadurch auch, dass Geld (durch Zinsen) arbeiten kann und dass durch Teilen ein gutes Gefühl entsteht.

Bei uns besteht die Regel, dass das Taschengeld jedes Mal auf alle vier Bereiche aufgeteilt werden muss. Keiner der Zwecke darf ausgelassen werde. Wie viel wohin kommt, entscheidet das Kind jedoch selbst. Bei unserem Sohn hat sich das mit der Zeit stark verändert. In der Anfangszeit floss fast alles in das Portemonnaie. Der Reiz, sich sofort etwas zu kaufen, war am größten. Inzwischen ist das Investieren sein Favorit. Er hat schnell verstanden: Wenn das Geld dort bleibt, wächst es durch die Zinsen, die ich alle drei Monate auszahle. Diese kleinen Zinszahlungen sind nicht nur ein Anreiz, sondern auch ein kindgerechter Einstieg in ein späteres Finanzverständnis: Geld kann arbeiten, sei es später auf dem Tagesgeldkonto oder an der Börse.

Marmeladengläser gestalten

Mein Tipp für den Einstieg ist, dass Sie zunächst mit zwei bis drei Euro pro Woche starten. Damit lässt es sich gut aufteilen und ausprobieren. Kinder lieben es, Geld sichtbar aufzuteilen – aus diesem Grund nutzen wir dafür Gläser. Das funktioniert zum Beispiel mit Marmeladengläsern gut. Verwenden Sie außerdem auch ein Portemonnaie, in welches nur das Geld kommt, welches das Kind nach Lust und Laune ausgeben darf, ohne dass wir Eltern dazwischenfunken. Sie können die Gläser auch gemeinsam gestalten. Das ist kreativ und bringt Gespräche ins Rollen: Wofür sparen wir? Wem könnten wir mit dem Geld helfen? Was bedeutet langfristig? Was sind denn überhaupt Zinsen?

Ja, anfangs wird das meiste Geld vermutlich in Produkte aus dem Süßigkeitenregal investiert werden. Aber genau da steckt das Lernpotenzial. Fehler? Gibt es nicht! Es gibt nur Erfahrungen. Bleiben Sie geduldig mit Ihrem Kind. Das Taschengeld ist ein tolles Übungsfeld für das echte Leben. Wenn Kinder erleben, dass Geld viele verschiedene Aufgaben hat – ausgeben, sparen, vorsorgen, teilen – entwickeln bereits die Jüngsten Stück für Stück einen gesunden und selbstverständlichen Umgang damit. Und das ist in meinen Augen eines der schönsten Geschenke, das wir ihnen fürs Leben mitgeben können.

Deborah Scarpino-Helle ist Mutter von zwei Kindern und Gründerin von „Die Finanzkomplizin“. diefinanzkomplizin.de