Gefährliche TikTok-Challenges: Das können Eltern tun

Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, weil junge Leute auf TikTok Challenges sehen und nachmachen. Wie können Eltern ihre Kinder schützen, die auch TikTok nutzen?

TikTok-Challenges kann man als moderne Mutproben bezeichnen. Es geht darum, sich etwas zu trauen oder etwas Außergewöhnliches zu machen und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Bei TikTok finden wir ein ganzes Spektrum an Challenges – von kreativen bis gefährlichen. Es gibt Activity-Challenges, also sportliche Herausforderungen, oder Spaß-Challenges, wo man sich zum Beispiel Witze erzählt. Sehr bekannt sind auch Beauty-Challenges. Da wird es schon schwierig, wenn junge Frauen sich beispielsweise die Oberlippe mit Sekundenkleber ein Stück nach oben kleben, um breitere Lippen zu haben. Richtig gefährlich wird es, wenn in Waschmittelpods gebissen, aus einem springenden Fahrzeug gesprungen oder sich gegenseitig gewürgt wird.

Was finden Teenager daran nachahmenswert?

Im Kindheits- und Jugendalter ist die Frage „Was traue ich mich?“ und „Was trauen sich die anderen?“ sehr zentral. Es geht auch um die Fragen: „Wie weit soll ich gehen? Was schaffe ich?“, also darum, Grenzen zu testen. Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes, sondern auch richtig und wichtig in dieser Entwicklungsphase. Aber wenn es gefährlich wird aufgrund dessen, was man tut und wo dann der Content verbreitet wird, sind Grenzen zu setzen.

Gespräche und Aufklärung über TikTok

Wie sollten Eltern mit ihren Kindern über die Gefahren sprechen?

Es ist wichtig zu wissen, was das Kind beschäftigt und begeistert, sich das auch mal gemeinsam anzuschauen und zusammen zu überlegen: Springt da gerade wirklich jemand aus einem fahrenden Auto oder aus dem zehnten Stock in einen Pool? Schauen Sie hinter die Kulissen und reflektieren Sie gemeinsam. Wir reden hier ja häufig von Kindern, die unter 13 Jahre alt sind, also eigentlich noch gar nicht auf TikTok sein sollten. In diesem Alter sind sie schon rein kognitiv noch gar nicht so weit, diese Videos zu durchschauen und zu reflektieren, ob das wahr ist, was sie da sehen und ob sie da mitmachen sollten.

Neben der Aufklärung geht es auch um Sicherheit. Man kann inzwischen bei TikTok allerhand eingeschränkte Modi nutzen, sodass die Gefahren erst gar nicht auf das Kind zukommen.

Als dritten Punkt finde ich wichtig, dem Kind Selbstbewusstsein zu vermitteln: „Auch, wenn alle deine Kumpels das cool finden, kannst du trotzdem sagen, dass du da nicht mitmachst. Damit zeigst du keine Schwäche, sondern Stärke.“

Ein vierter Punkt ist: Vorbild sein. Wenn wir als Erwachsene uferlos auf Social Media unterwegs sind, uns dort beeinflussen lassen und möglicherweise auch bei Challenges mitmachen, fällt es den Kindern, die sich an uns orientieren, schwerer, sich zu distanzieren.

Möglichkeiten zur Reflexion

Sollten Eltern ihren Kindern Strafverbote fürs Handy erteilen?

Wenn das Kind immer wieder vorher besprochene Regeln bricht, kann es sinnvoll sein, einen klaren Schnitt zu machen. Dann kann das Kind Abstand gewinnen und hat Zeit zu reflektieren und sich neu zu sammeln, um dann wieder neu zu starten. Aber ich würde davon abraten, es als grundsätzliches Erziehungsmittel einzusetzen. „Räum dein Zimmer auf! Mach die Hausaufgaben! Putz die Zähne – sonst ist dein Handy weg“, macht es sehr beliebig und steigert auch die Begeisterung, die das Digitale bei Kindern eh schon hat.

Iren Schulz ist Kommunikationswissenschaftlerin, Medienpädagogin und Mediencoach bei der Initiative SCHAU HIN! (irenschulz.de).

Interview: Ruth Korte

Einzelkinder: Mythen und Wahrheit

Über Einzelkinder gibt es viele Vorurteile. Sind sie berechtigt? Einzelkinder, Einzelkind-Eltern und Experten berichten über das Aufwachsen ohne Geschwister. Von Lisa-Maria Mehrkens

Laut Statistischem Bundesamt lebte 2022 in über der Hälfte der Familien nur ein Kind. Rund ein Viertel der Kinder wachsen dauerhaft als Einzelkinder auf. Sind diese tatsächlich verwöhnt, egoistisch oder sozial weniger kompetent, wie gängige Vorurteile lauten? „Einige Vorurteile können in Einzelfällen zutreffen. Dennoch sind sie keineswegs allgemeingültig“, betont der Psychotherapeut Joachim Lask, der in eigener Praxis auch Paare und Familien berät.

Die wissenschaftliche Studienlage ist nicht eindeutig. Eine große österreichische Studie von 2013 zeigte, dass Einzelkinder in der Kindheit in Bezug auf Kooperation, Konkurrenz, Verantwortung und Teilen gegenüber Kindern mit Geschwistern etwas zurückliegen. Dafür haben sie manchmal einen Vorsprung im Selbstwertgefühl, in der kognitiven und sprachlichen Entwicklung und bei schulischen Leistungen. Oft wissen Einzelkinder eher, was sie selbst wollen, da sie sich nicht an (älteren) Geschwistern orientieren oder auf diese Rücksicht nehmen müssen.

Die von mir befragten Eltern konnten die Vorurteile aus eigenen Erfahrungen jedenfalls nicht bestätigen. Einzelkinder würden genauso liebevoll und fürsorglich mit anderen spielen und auch teilen. „Auch Geschwister sind kein Garant dafür, dass Teilen Spaß macht“, erklärt eine Mutter. „Es gibt sicher solche Einzelkinder, aber es gibt auch solche Geschwisterkinder. Das kommt vielmehr auf die Erziehung, den Charakter und das Umfeld an“, meint eine andere.

Exklusive Zeiten

Ob gewollt oder ungewollt – das Leben mit einem Einzelkind hat seine Vorteile. Am häufigsten genannt werden finanzielle Aspekte, mehr Flexibilität und Spontaneität, da man nur auf ein Kind Rücksicht nehmen muss, und insgesamt weniger Stress. Zudem ist es leichter, ein Kind bei den Großeltern oder einem Babysitter abzugeben, wodurch man mehr Unternehmungen ohne Kind machen kann. „Ich genieße es, dass mein Kind jetzt aus dem Gröbsten raus ist und ich wieder ein Stück weit Freiheiten und mein altes Leben zurückhabe“, sagt eine Einzelkind-Mutter.

Für manche ist es Gefühlssache: „Genau wie ich damals wusste, dass jetzt der Zeitpunkt für ein Kind ist, weiß ich jetzt, dass ich kein weiteres mehr möchte. Ein Kinderwunsch kann genauso deutlich gefühlt werden wie ein ‚Kein-Kinderwunsch‘. Dabei geht es weder um Überforderung noch darum, das Muttersein zu bereuen. Es fühlt sich einfach stimmig an“, erklärt eine andere Mutter.

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. Simon Meier ist Leiter einer Familienberatungsstelle. „Einzelkinder stehen viel mehr im Fokus ihrer Eltern. Alle Zuwendung und Aufmerksamkeit konzentrieren sich auf dieses eine Kind. Dadurch gibt es mehr exklusive Zeiten für das Kind allein, zum Spiel und zur Interaktion zwischen Eltern und Kind. Zudem stehen häufig mehr Ressourcen zur schulischen und außerschulischen Förderung zur Verfügung“, sagt er. Das kann ein Vorteil sein. So können Eltern in Ruhe alle Entwicklungsschritte aufnehmen und genießen, die sonst mit mehreren Kindern nebenbei ablaufen. „Man kann sein Kind ständig Lieblingskind nennen“, beschreibt eine Mutter.

Wenn der Spielpartner fehlt

Einzelkinder genießen oft die alleinige Aufmerksamkeit der Eltern. Geschwisterrivalitäten bleiben ihnen erspart. Doch manche Einzelkinder berichten, sich gelegentlich einsam zu fühlen oder starken Druck zu spüren, die Erwartungen der Familie zu erfüllen. Ohne Geschwister als Spielpartner sind die Eltern zudem öfter gefordert. Viele sind besorgt, ihr Kind könne doch zu einem egoistischen, sozial weniger kompetenten Menschen heranwachsen. „Geschwisterkinder erleben mehr Frustrationen durch Prozesse des Teilens, des Zurücksteckens und dadurch, dass sie abwarten und ihre Bedürfnisse aufschieben müssen“, erklärt Simon Meier.

Dennoch kann man auch Einzelkindern ausreichend Sozialkompetenz vermitteln. „Es ist notwendig, dass Eltern ihrem Kind von Anfang an Möglichkeiten bieten, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten – ob auf dem Spielplatz, in Krabbelgruppen oder im Kindergarten. Solche Interaktionen mit Gleichaltrigen fördern grundlegende soziale Kompetenzen wie Teilen, Zusammenarbeit und Empathie“, rät Joachim Lask. Er ergänzt: „Eltern von Einzelkindern sollten ihre Erwartungen an das Kind kritisch überdenken. So können sie ihre eigenen, vielleicht unerfüllten Wünsche verstehen. Damit gelingt es, das Kind angemessen zu unterstützen, ohne es zu überfordern oder einzuschränken.“

Einzelkinder können Teilen lernen

Auch die befragten Einzelkind-Eltern versuchen, ihren Kindern – auch außerhalb der Betreuung in Kita und Schule – viel sozialen Umgang mit anderen Kindern zu ermöglichen: durch Unternehmungen und Urlaube mit anderen Familien mit gleichaltrigen Kindern, Treffen auf dem Spielplatz oder die Beteiligung in Sportgruppen. „Man kann jedem Kind von Anfang an vermitteln, dass man Spielsachen oder Essen teilt. Es braucht kein Geschwisterchen, um das zu lernen“, meint ein Vater. Gegen die Langeweile, die das Kind vielleicht ohne Spielpartner zu Hause empfindet, hilft, ihm frühzeitig beizubringen, alleine zu spielen, und es möglichst oft in den Haushalt einzubeziehen. „Meine Tochter liebt es, mir beim Kochen oder Backen zu helfen und es ‚allein‘ zu machen“, schildert eine Mutter ihre Erfahrungen.

Wissenschaft und Erfahrungswerte stimmen überein: Vorurteile gegenüber Einzelkindern sind lediglich pauschale Aussagen, die im Einzelfall ganz anders sein können. Nicht alle Einzelkinder sind egoistisch und nicht alle Geschwisterkinder teilen gern. Denn letztlich hängen die Charaktereigenschaften und die Entwicklung eines Kindes von viel mehr ab als von der Geschwisteranzahl.

Lisa-Maria Mehrkens ist Journalistin, Autorin und Psychologin. Mit ihrer Familie wohnt sie in Chemnitz. Mehr unter: mehrkens.journalismus

 

Therapeut verrät: Darum streiten wir wirklich

Wo Menschen zusammenleben, kommt es zu Streit, oft über Kleinigkeiten. Dahinter verbergen sich häufig tiefliegende emotionale Bedürfnisse. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt, wie wir ihnen auf die Spur kommen.

Können Sie bei Ihrer Spülmaschine die Tellerhalter einklappen? Dann entsteht Platz, zum Beispiel für große Tassen oder Schüsseln. Vielleicht entsteht auch ein Streit. Meine Frau hat nämlich neulich die Tassen und Schüsseln umgeräumt, die Tellerhalter wieder ausgeklappt und befüllt. Das ist nicht in Ordnung, oder? Wenn einer etwas anfängt, darf es der andere nicht einfach umstoßen. Meine Frau hält dagegen, dass sie gerade öfter die Spülmaschine einräumt. Warum soll sie es dann nicht auf ihre Weise machen, statt sich meinen Vorstellungen anzupassen?

Ich stelle klar: Sie soll sich ja gar nicht meinen Vorstellungen anpassen. Aber wenn ich auf diese Weise anfange, warum kann sie meinen Plan nicht fortführen? Dann wird es grundsätzlicher. Meine Frau empfindet es so, dass ich meine Vorstellungen für wichtiger und besser halte. Ich dagegen empfinde meine Frau einfach als unachtsam, was meine Freiheit und meine Grenzen angeht. Meine Frau wiederum glaubt, dass ich so misstrauisch über meine Freiheit und Grenzen wache, dass es im Alltag unmöglich sei, auf alles so Rücksicht zu nehmen, wie ich es brauche.

Streit um Zahnpasta, Socken und Co.

Lohnt sich ein Streit über Kleinigkeiten? Eigentlich nicht. Aber wir würden uns nicht streiten über die offene Zahnpastatube, die Socken im Bad oder was man Kindern durchgehen lässt, stünden nicht wichtige Themen dahinter. Sobald man die entdeckt, lohnt es sich. Man kann über sie sprechen und liebevolle Kompromisse finden. Das ist leichter, als man ahnt. Dann werden strittige Kleinigkeiten zur Chance, Liebe zu zeigen und zu beweisen, dass man den anderen versteht. Doch wenn das so ist, warum drehen sich manche Konflikte im Kreis? Man streitet schon Jahre und kommt nicht weiter. Das geschieht, weil wir uns mit unseren Schutzmechanismen beschäftigen, statt zu den wunden Punkten vorzudringen, um die es eigentlich geht.

Wenn ich mich schütze, dann werde ich überkritisch. Ohne es zu wollen, unterstelle ich meiner Frau charakterliche und andere Mängel. Meine Frau wiederum wird unnachgiebig. Damit unterstellt sie mir tyrannische Eigenschaften, was sie auch nicht beabsichtigt. Darüber zu streiten ist müßig. Denn uns beiden ist klar: Weder eine übertrieben kritische Haltung noch die Unnachgiebigkeit sind gut. Und auch die Unterstellungen sind nicht berechtigt. Damit muss man sich nicht aufhalten. Ein Eingeständnis, eine Entschuldigung, und es kann weitergehen zu dem, was wirklich spannend ist.

Auf der Suche nach dem wunden Punkt

In vielen Fragen des Alltags sind wir gelassen und großzügig. Wo Dinge jedoch einen wunden Punkt berühren, wird es emotional und vielleicht auch bedrohlich. Meine Lebenswunde besteht darin, dass jemand zwischenmenschliche Spielregeln außer Kraft setzt. Dann bleibt nichts mehr, was mich schützt, was verlässlich ist oder worauf ich mich berufen könnte. Diese Erfahrung bildet einen emotionalen Hintergrund, auf dem ich meinen Alltag erlebe. Regelverletzungen nehme ich rasch wahr und spüre sie auch intensiv. Auch unsere Spülmaschinengeschichte kann man als Regelverletzung wahrnehmen: Wenn einer etwas anfängt, darf es der andere nicht einfach umstoßen. Über wichtige Dinge sprechen wir, Kleinigkeiten darf jeder auf seine Weise machen. Ob hier schon der Ernstfall eingetreten ist, den mein Gehirn ausruft, darüber kann man reden.

Eine Lebenswunde meiner Frau besteht in der Erfahrung, in den eigenen Wahrnehmungen, Gefühlen und Bedürfnissen unterdrückt zu werden, weil die Vorstellungen des anderen nicht verhandelbar sind. Dann bleiben nur Unterwerfung oder Rebellion und letztere fühlt sich besser an. Auf diesem Hintergrund liegt der Tellerhalter da wie ein Gesetz, das Gehorsam fordert. Wenn man zum wunden Punkt durchgedrungen ist, werden Kleinigkeiten zu Kleinigkeiten, Wichtiges aber kann wichtig genommen werden. Für uns beide ist es nicht wichtig, wie die Spülmaschine eingeräumt wird. Mir ist es sogar egal, solange ich das Gefühl habe, dass in unserer Beziehung verlässliche Spielregeln gelten. Umgekehrt geht meine Frau gern auf mich ein, wenn sie sich dazu nicht gezwungen fühlt.

Der Weg zum Punkt, um den es geht

Am Anfang steht die Neugier: „Bestimmt geht es nicht um eine Kleinigkeit. Es geht um etwas Wichtiges, das dahinterliegt. Hättest du Lust, das mit mir herauszufinden?“ Der nächste Schritt erfordert eine Härte gegen uns selbst, die der gleicht, wenn wir ein verklebtes Pflaster mit einem Ruck abziehen. Alles wehrt sich dagegen. Es schmerzt. Wir opfern ein paar Härchen, doch der Rest des Körpers überlebt. Ähnlich erleben wir es, wenn wir unsere Aufmerksamkeit mit sanfter Gewalt von der Verletzung oder Kränkung wegreißen, die uns der Streit um Kleines zugefügt hat. Genauer gesagt waren es die Schutzmechanismen unseres Partners: Zurückweisung, Kritik, Vorwürfe, Gemeinheiten, Drohungen, Erpressung, Rückzug, Austricksen, Druck machen, Abwertung oder empörend unwahre Behauptungen – das ganze Gruselkabinett von Reaktionen, mit denen wir uns wehren wollen und doch alles schlimmer machen.

Wenn Paare zu mir in die Praxis kommen, wollen sie so gern darin verstanden werden: dass das Verhalten des Partners nicht in Ordnung ist und wie schlimm es ist, das zu erleben. Das halte ich so kurz wie möglich. Denn hier geht es nicht weiter. Das geschieht erst in einem weiteren Schritt.

Worum geht es mir eigentlich in diesem Streit? Was steht hier auf dem Spiel, das mir wichtig ist? Welche Erfahrungen und Erinnerungen werden wach, die ich hinter mir lassen möchte? Welcher Wert ist bedroht, der für mein Leben und meine Liebe unverzichtbar ist? Und vielleicht sogar: Worauf habe ich beim Kennenlernen geachtet, und nun kommt es mir vor, als ob sich ausgerechnet das in unserer Beziehung nicht verwirklichen lässt?

Was wir nie mehr erleben wollen

Diese Fragen führen zu einem wunden Punkt, auf den man im Alltag stößt. Bei anderen Paaren geht es oft um folgende Erfahrungen: „Als Kind war ich oft zu viel mit meinen Bedürfnissen. Ich brauche ein Mindestmaß an Raum bei dir für meine Gedanken, Gefühle und Wünsche. Und ich muss spüren, dass ich dir damit nicht zu viel bin.“ „Ich muss spüren, dass ich dir im Zweifelsfall wichtiger bin als Dinge wie Pünktlichkeit, Ordnung, Projekte schaffen und Geld verdienen. Davon habe ich genug. Meinen Eltern war das oft wichtiger als die Frage, wie es mir geht.“

„Ich bin früher so brutal überfordert worden. In einer Liebesbeziehung muss es okay sein, wenn ich einmal sage: ‚Ich kann nicht mehr.‘ Oder: ‚Das schaffe ich leider nicht.‘“
„Ich kann es nicht mehr ertragen, wenn Liebe an Bedingungen geknüpft ist. Wenn ich Dinge schaffe und so bin, wie es der andere braucht, werde ich geliebt. Ansonsten sehe ich die kalte Schulter oder werde zurückgewiesen.“

„Meine Eltern haben nicht immer zu mir gehalten, gerade wenn es darauf ankam. Ich brauche es heute, dass du zu mir stehst und mir nicht in den Rücken fällst, wenn ich mal einen Konflikt mit deiner Mutter, mit Freunden oder unseren Kindern austrage. Es ist okay für mich, wenn du die Dinge anders siehst als ich, aber nicht, wenn du dann zu den anderen hältst.“ „Ich brauche es unbedingt, dass Menschen heute meine Grenzen achten: wenn ich mich mit etwas nicht wohlfühle oder etwas nicht will. Wer mich dann trotzdem nötigt oder über meine Grenzen hinweggeht, mit dem bin ich fertig. Wenn du das bist, habe ich ein Problem.“

„Ich möchte nie mehr nach starren Normen leben: wie ‚man‘ das macht, wie andere das sehen, was ‚normal‘ ist. Lass mich einfach sein, wie ich bin. Ich liebe dich und ich werde auf meine Weise auf das eingehen, was du brauchst.“

Liebevolle Zeichen setzen

Ein abschließender Schritt führt zu einem lohnenden Ziel. Wenn man Erfahrungen, wie in den Beispielen beschrieben, aussprechen darf und darin verstanden wird, fühlt sich ein Konflikt nicht mehr an wie ein Streit. Im Gegenteil: Er tut unglaublich gut. Dann zeichnen sich auch Möglichkeiten ab, dem anderen ein wenig entgegenzukommen. Ein liebevoller Kompromiss berücksichtigt die wunden Punkte beider und stellt eine Situation her, mit der beide leben können.

Die Spülmaschine ist für uns gerade ein Anlass für Liebe im Alltag. Ich achte darauf, meiner Frau das Gefühl zu geben, dass ihre Herangehensweise genauso zählt. Eine Spülmaschinenphilosophie beantwortet viele Fragen: Was wird vorgespült? Wie sorgfältig puzzelt man, um viel hineinzubekommen? Darf sich in den Mulden der Tassenböden Wasser sammeln oder verhindert man dies mithilfe der schrägen Stellflächen? In alledem vergewissert mich meine Frau, dass unsere Regel „Freiheit in Kleinigkeiten“ weiterhin gilt. Von außen betrachtet könnte das banal wirken. Oder merkwürdig, warum wir an so etwas überhaupt Aufmerksamkeit verschwenden. Doch weil der Alltag hier unsere wunden Punkte berührt, wird er zu einem Ort, an dem wir uns verstehen, unterstützen und Liebe zeigen können – in einer Intensität, die nur versteht, wer unser Geheimnis kennt.

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in Heidelberg. psychotherapie-berger.de/family

Experten erkären: Warum Kinder nicht nerven wollen!

Auch wenn es manchmal so scheint: Kinder haben nicht die Absicht, ihre Eltern zu ärgern. Aber sie setzen sich für sich selbst und ihre Bedürfnisse ein. Eva-Mareile und Hannsjörg Bachmann erklären im Interview das Prinzip der Gleichwürdigkeit.

Was verstehen Sie unter Gleichwürdigkeit?

Eva-Mareile Bachmann: Unter Gleichwürdigkeit verstehen wir eine innere Haltung, zu der wir uns als Erwachsene bewusst entscheiden. Es geht darum, jedem Menschen, egal welchen Alters, mit demselben Respekt zu begegnen, ihm dieselbe Würde zuzugestehen – von Geburt an. Das ist für viele eine neue Sichtweise. Traditionellerweise wird einem Erwachsenen in unserer Gesellschaft deutlich mehr Achtung entgegengebracht als einem Kind.

Hannsjörg Bachmann: Eine gleichwürdige Eltern-Kind-Beziehung beruht auf einer Liebes- und Vertrauensbeziehung. Sie beinhaltet, dass Eltern ihr Kind mit echtem Interesse, Wohlwollen und Empathie begleiten, fest davon überzeugt, dass ihr Kind immer sein Bestes gibt und sie nicht ärgern, nerven oder provozieren will – auch wenn es manchmal auf den ersten Blick so aussehen mag. Und dass auch schon kleine Kinder in vielen Bereichen kompetent sind und sich wünschen, in ihrer Individualität und als ganze Person gesehen, gehört und ernst genommen zu werden. Hier geht es ihnen ganz genauso wie den Erwachsenen.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Haben Sie dafür ein praktisches Beispiel?

EMB: In vielen Familien gibt es morgens Streit. Die kleinen Kinder sind nicht rechtzeitig für den Kindergarten fertig, möchten sich in ihrem eigenen Tempo aber unbedingt selbst anziehen. Die Eltern fühlen sich unter Druck, weil sie pünktlich bei der Arbeit sein müssen. Alle elterlichen Ermahnungen, endlich schneller zu machen, verhallen scheinbar ungehört. Das Kind schreit und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Bemühungen der Eltern, das Anziehen zu beschleunigen. Und die Eltern sind wütend oder enttäuscht, weil der Start in den Tag mal wieder so nervenaufreibend war. Das Kind ahnt nicht, dass sein Bedürfnis nach Selbstständigkeit mit den Bedürfnissen der Erwachsenen nach Effizienz oder Pünktlichkeit kollidiert. Außerdem fehlt ihm noch jegliches Zeitgefühl. Für Kinder sind deshalb elterliche Wut- oder Ärger-Reaktionen oft überhaupt nicht nachvollziehbar.

HB: Es lohnt sich zu fragen – und dann auch gut zuzuhören: Warum warst du eben so ärgerlich? Auch kleine Kinder können oft schon erstaunlich gut ausdrücken, was sie wütend gemacht hat. Im Kleinkindalter geht es oft um das Thema Selbst-Machen oder Allein-Machen. In dieser Lebensphase erleben Kinder oft mit großem Stolz, wie ihre Kompetenz in vielen Bereichen rasch zunimmt – und natürlich möchten sie diese neuen Fähigkeiten unbedingt weiter erproben, zum Beispiel beim selbstständigen Anziehen. Sie wehren sich, wenn sich Erwachsene hier einmischen. Sie kämpfen für sich und ihre Selbstständigkeit und nicht gegen ihre Eltern. Wir sprechen deshalb heute vom Selbstständigkeitsalter, nicht vom Trotzalter. Die Situation entspannt sich oft schon merklich, wenn man von diesen Bedürfnissen des Kindes weiß und ihnen Rechnung trägt, indem man beispielsweise mehr Zeit für das Anziehen einplant und sich nicht ungebeten in diese Prozesse einmischt.

Prinzip Gleichwürdigkeit

Worin unterscheiden sich Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung?

HB: Kinder und Eltern sind überhaupt nicht gleichberechtigt. Die Führung in der Familie liegt eindeutig und immer bei den Eltern. Nur sie verfügen über den notwendigen Überblick und die Erfahrung, um die Familie in eine gute Zukunft zu führen. Die Eltern tragen somit auch die erste Verantwortung für die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung.

Gilt Gleichwürdigkeit für Kinder jeden Alters?

HB: Die Haltung ist immer dieselbe. Sie gilt für die Neugeborenen ebenso wie für die Kinder im Kita- und Grundschulalter, genauso für die jugendlichen oder erwachsenen Kinder. Das ist das Praktische: Wenn Eltern diese Haltung verinnerlicht haben, benötigen sie nicht für jedes Lebensalter neue Ratgeber. In jeder Situation geht es immer wieder neu um das echte Interesse am anderen – die Fähigkeit, sich in die Schuhe des anderen zu stellen, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören und verstehen zu wollen.

EMB: Herausfordernde Äußerungen des Kindes oder des Jugendlichen – sie oder er ist wütend, rennt weg, schreit, erscheint aggressiv – müssen dechiffriert werden. Wenn ich den anderen mit Wohlwollen betrachte und davon ausgehe, dass er oder sie mir nichts Böses will, bleibt die Frage: Warum sonst könnte er sich so verhalten? Es braucht oft viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um die Botschaft dahinter zu verstehen. Wichtig ist, in solchen Situationen in Beziehung zu bleiben und nicht aus dem Kontakt zu gehen. Ärger und Aggressivität sind oft Hinweise dafür, dass das Kind oder der Jugendliche davor verletzt, gekränkt, übersehen oder ungerecht behandelt worden ist.

Wünsche und Bedürfnisse

Bedeutet Gleichwürdigkeit, jedem Wunsch des Kindes nachzugeben?

HB: Nein. Auf keinen Fall! Eltern lernen gewöhnlich rasch, gut hinzuhören und auch zwischen Wunsch und Bedürfnis des Kindes zu unterscheiden. Wichtig ist, sich für die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes echt zu interessieren, sie verstehen zu wollen. Das bedeutet nicht, sie auch erfüllen zu müssen. Kinder sind oft schon zufrieden, wenn Mutter oder Vater klar signalisieren: Ich habe verstanden, was du gesagt hast, dein Wunsch ist bei mir angekommen, auch wenn sich diese Antwort mit einem Nein verbindet: „Heute Abend kannst du nicht mehr draußen spielen.“

EMB: Wie in jeder anderen Beziehung ist auch für Eltern Nein-Sagen erlaubt und unbedingt erforderlich. Jeder darf und muss Grenzen äußern. Und jeder hat unterschiedliche Ideen, Gefühle, Befindlichkeiten und Bedürfnisse – auch wenn sich daraus Konflikte ergeben und man damit umgehen lernen muss. Wichtig ist aber, dass sich jeder gesehen, gehört und verstanden fühlt und das Wohlwollen des anderen spürt. Dann ist die gefundene Lösung oft zweitrangig.

Eigene Prägung hinterfragen

Ist ein gleichwürdiger Umgang miteinander erlernbar?

EMB: Erfreulicherweise ja. In unserer Gesellschaft werden die meisten Kinder in Familien groß, in denen Eltern und Kinder nicht gleichwürdig miteinander umgehen. Viele der heutigen Eltern sind selbst noch eher autoritär erzogen worden und geben diese Haltung als das ihnen vertraute Erziehungsmodell an ihre Kinder weiter. Insbesondere in Konfliktsituationen, wenn bei allen die automatisierten Muster greifen. Dabei geht es zentral um Gehorsam, Funktionieren und Anpassung. Der Erwachsene definiert, was richtig oder falsch ist, und sorgt dafür, dass das Kind diesen Vorgaben folgt. Schimpfen, Kritisieren, Strafen oder manipulatives Belohnen oder Loben sind gängige Erziehungsmethoden. Die Erziehung steht im Vordergrund, nicht die gleichwürdige Beziehung. Viele Kinder erleben, dass sie klein gemacht werden – ein gesundes Selbstwertgefühl kann sich so nicht entwickeln. Und natürlich leidet auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern unter diesen Erfahrungen.

HB: Dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul ist es zu verdanken, dass die Haltung der Gleichwürdigkeit in den vergangenen Jahrzehnten eine Renaissance erlebt hat. Diese Haltung ist ja nicht wirklich neu. „Geh mit dem anderen so um, wie du selbst behandelt werden möchtest“, ist die alte biblische Formulierung von Gleichwürdigkeit. Trotz dieser Verankerung in der Bibel hat sich die gleichwürdige Haltung jedoch noch nicht durchgesetzt.

Wie kann man Gleichwürdigkeit in familiären Beziehungen umsetzen?

HB: Sehr einfach. Die Eltern beginnen damit, sie machen es vor. Sie reflektieren ihre eigenen – oft autoritären – Prägungen, Einstellungen und Verhaltensmuster kritisch und entscheiden sich für eine neue Haltung. Indem sie selbst erproben und vorleben, wie ein gleichwürdiger Umgang in den Erwachsenen-Beziehungen und in der Eltern-Kind-Beziehung aussieht, haben die Kinder ein neues Vorbild, an dem sie sich orientieren und das sie übernehmen können. Gleichwürdige Beziehungen fühlen sich warm, angenehm, herzlich und lebendig an, die Beziehungen bekommen eine ganz neue Qualität. Gleichwürdigkeit schafft Vertrauen und Offenheit. Wer gleichwürdige Beziehungen kennengelernt hat, möchte nie mehr darauf verzichten.

Das Interview führte Lisa-Maria Mehrkens. Sie ist Psychologin und Journalistin.

Dr. Eva-Mareile Bachmann ist Psychotherapeutin in eigener Praxis und Mutter von zwei Zwillingspaaren.

Prof. Dr. Hannsjörg Bachmann, geboren 1943, war 20 Jahre lang Leiter einer Kinderklinik in Bremen. Er machte Ausbildungen bei Jesper Juul und Karl-Heinz Brisch und ist Mitbegründer der „Familienwerkstatt im Landkreis Verden e. V.“.

Entwicklung von Babys: Nicht alle Tabellen sind hilfreich

Viele junge Eltern fragen sich, ob die Entwicklung ihres Babys gut verläuft und suchen im Internet nach Rat. Doch Vorsicht: Nicht jede Quelle ist wirklich zuverlässig!

Ein Blick ins weltweite Netz reicht aus – und schon finde ich Dutzende verschiedener Links zu Kalendern für die wichtigsten Entwicklungsphasen eines Babys. Ein Blick in viele verunsicherte und verängstigte Gesichter junger Mütter zeigt mir, mit wie viel Vorsicht all diese Tabellen zur Entwicklung zu genießen sind. Zu oft habe ich erlebt, dass es Eltern wortwörtlich den Schlaf raubt, weil ihr Kind einen bestimmten Entwicklungsschritt im vorgegebenen Zeitraum noch nicht gemacht hatte.

Eigenes Tempo

Damit will ich keinesfalls all diese Tabellen und Literatur verwerfen. Es kann hilfreich und wichtig sein, sich damit zu befassen, welche Entwicklungsschritte mein Kind gerade zu bewältigen hat. Es sollte sich dabei jedoch um verlässliche Quellen handeln. Und vor allem sollten Eltern bedenken, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Manche Babys drehen sich schon im zarten Alter von drei Monaten vom Rücken auf den Bauch, andere bewältigen diese herausfordernde Leistung eben mit sechs Monaten.

Manche Kinder fangen an zu „sprechen“, sobald sie aus dem Mutterleib geschlüpft sind (Sie merken, ich übertreibe), andere beschränken sich zwei Jahre lang auf die für sie wesentlichen Wörter. Und so könnte man viele Beispiele aneinanderreihen.

Meiner Beobachtung nach haben zudem sehr viele Säuglinge tatsächlich einen Entwicklungsschwerpunkt, also einen Bereich, den sie besonders stark „trainieren“ und in dem sie weiter sind als viele ihrer Altersgenossen. Andere Bereiche entwickeln sie dafür ein wenig später. Bei manchen ist es die Grobmotorik, bei anderen eher die Feinmotorik, das Lautieren oder das aufmerksame Beobachten. Durch intensives Zusammensein können Eltern diese für das Kind charakteristischen Themen herausfinden und ihr Baby unterstützen.

Der Blick aufs Kind

Einen guten Einblick in die wichtigsten Entwicklungsphasen bekommt man in den Elternbriefen vom Arbeitskreis Neue Erziehung. Und wer sich intensiver in das Thema einlesen möchte, ist mit Remo H. Largos Buch „Babyjahre“ gut beraten. Es liefert eine gute Übersicht über die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern, ohne unter Druck zu setzen, bestimmte Entwicklungsschritte im festgelegten Alter bewältigt zu haben. Außerdem ist es sehr übersichtlich gegliedert und kann praktisch als Nachschlagewerk genutzt werden. Aber Vorsicht: Der Blick ins Buch ersetzt nicht den Blick aufs Kind – ich bin sicher, das wissen Sie!

Martina Parrisch war viele Jahre lang Hebamme und Stillberaterin und lebt in Berlin.

Geschwister – Warum die Konstellation nicht unser Schicksal ist

Wie stark prägt die Konstellation der Geschwister die Persönlichkeit von Kindern? Familienberaterin Daniela Albert räumt mit einigen Missverständnissen auf.

„Mama, ich habe es eigentlich am besten! Ich hatte immer irgendwen zum Spielen. Ich bin voll froh, das mittlere Kind zu sein!“ Na also, geht doch, denke ich mir, als mein Sandwichkind mir die Vorteile seiner Position inmitten seiner Geschwister erklärt. Normalerweise führe ich nämlich ganz andere Gespräche, wenn es um die Vor- und Nachteile geht, die dieses Kind, das gleichzeitig kleine und große Schwester ist, mit ins Leben nimmt.

Sandwichkindern haftet die Vorstellung an, dass sie von ihren Eltern oft übersehen oder vernachlässigt werden. Die Aufmerksamkeit der Eltern, so die These, wird eher vom ältesten und vom jüngsten Kind beansprucht. „Die Arme“, habe ich schon das eine oder andere Mal in Bezug auf unser mittleres Kind gehört. Doch wie arm sind Sandwichkinder wirklich? Und wie führungsstark und extrovertiert die Großen? Eine rebellische, unternehmungslustige Kleine hätte ich hier bei uns im Haushalt definitiv im Angebot – die Frage ist nur, ob das Zufall ist oder tatsächlich der Geburtenreihenfolge geschuldet.

Die fürsorgliche große Schwester

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschwisterforschung. Lange Zeit galten dort bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch die Position innerhalb der Familie ergeben, als erwiesen. Verschiedene Studien haben bestimmte Typen identifiziert. So scheinen die kleinen Brüder in einer reinen Jungs-Familie besonders wettbewerbsfreudig und ehrgeizig zu sein und eigentlich immer darauf aus, andere zu übertrumpfen. Große Schwestern hingegen gelten als besonders mütterlich und fürsorglich. Kleine Schwestern, besonders, wenn sie mit großen Brüdern aufwuchsen, sollen besonders weiblich sein und bei Männern zeitlebens einen Beschützerinstinkt wecken.

Du ahnst es: Solche Typen mögen zwar einst in Studien aufgefallen sein, doch sie eignen sich nicht besonders gut als Aussage über die Auswirkung der Konstellation der Geschwister. Vielmehr sind sie Kinder ihrer Zeit gewesen – denn viele dieser Erkenntnisse sind bereits 30 oder 40 Jahre alt, einige sogar noch älter. Erziehung fand in unserer eigenen Kindheit und besonders in der der Generation davor noch stark entlang von Geschlechtergrenzen statt. So war es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass eine große Schwester von der Mutter auch Aufgaben im Bereich der Betreuung und Versorgung jüngerer Geschwister zugeteilt bekommen hat und sich so auch für diesen Bereich mitverantwortlich fühlte. Daraus ist eine prägende Erfahrung für das weitere Leben entstanden.

Die Erziehung von Jungs hingegen erfolgte wettbewerbsorientiert. Schon früh wurden sie dazu ermutigt, miteinander ihre Kräfte zu messen und sich bei Sport und Spiel zu übertrumpfen. Kleinere Brüder mussten sich hier doppelt und dreifach anstrengen. Meistens gelang es ihnen nicht, mit den Großen mitzuhalten. Es trotzdem immer wieder zu versuchen, kann für sie ein starker Antrieb gewesen sein – und darin gemündet haben, dass sie Zeit ihres Lebens mithalten oder besser sein wollten.

Der entscheidende Faktor

Heute haben wir eine größere Achtsamkeit entwickelt, was Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie angeht. Jungs haben immer häufiger Väter als Vorbilder, die sich ebenfalls in der Kindererziehung und der Hausarbeit einbringen. Und Mädchen werden zu Hause genauso ermutigt, Leistung zu erbringen und sich etwas zuzutrauen, wie ihre Brüder dies seit jeher wurden. Doch bedeutet das, dass es im Kontext von moderner Erziehung egal ist, in welcher Reihenfolge wir geboren werden?

Nicht ganz. Denn zum einen mögen wir heute viele Klischees hinterfragt haben und uns in unserer Erziehung nicht mehr so sehr von traditionellen Rollenverständnissen leiten lassen – frei davon sind wir aber noch lange nicht. Auch heute noch müssen Töchter weit häufiger im Haushalt helfen oder die Betreuung der kleinen Geschwister übernehmen als Söhne. Bei Jungen werden Leistungs- und Wettbewerbsgedanken noch immer stärker gefördert, während wir Mädchen noch immer unbewusst beibringen, lieber bescheiden und zurückhaltend zu sein. Wir können aber festhalten, dass das Erziehungsverhalten von uns Eltern der entscheidende Faktor ist, wenn es darum geht, wie sich unsere Kinder entwickeln.

Geschwister – die längste Beziehung

Neben den eher geschlechtsspezifischen Eigenschaften, die durch Erziehung und den Platz in der Geschwisterkonstellation geprägt werden, gibt es ja auch noch die allgemeineren Vorstellungen davon, wie Kinder aufgrund ihrer Geburtsreihenfolge sein können. Was ist denn nun dran an den führungsstarken Ältesten, den teamfähigen Sandwichkindern und den rebellischen Kleinen?

Selbstverständlich hängt unsere Entwicklung auch davon ab, wie wir aufwachsen und welchen Platz wir in unserer Familie und unter unseren Geschwistern einnehmen. Die Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten und intensivsten Beziehungserfahrungen, die wir machen. Anders als die Beziehung zu unseren Eltern, die von einem starken Machtgefälle geprägt ist, sind Geschwisterbeziehungen mehr auf Augenhöhe. Unterschiede, die vor allem in den frühen Jahren bestehen, gleichen sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr an. Und Hierarchien werden im Lauf des Lebens mehrfach neu verhandelt.

Reihenfolge der Geschwister

Ältere Kinder übernehmen in der Interaktion mit ihren jüngeren Geschwistern oft automatisch die Führung. Sie erklären Spiele, leiten ihre kleinen Brüder und Schwestern in sozialen Situationen an und sind Vorbilder. Die Jüngeren sind in diesem Konstrukt immer bestrebt, mit den Großen mitzuhalten, hinterherzukommen, dabei zu sein. Sie versuchen, das Gefälle, das es oft zwischen ihnen gibt, weil die Großen nun einmal mehr können und mehr dürfen, wettzumachen, indem sie sich besonders anstrengen. Manchmal machen sie Entwicklungsschritte dadurch deutlich früher, als es bei ihren großen Geschwistern der Fall war. Natürlich prägt auch all das die Persönlichkeit.

Die mittleren Kinder sind – wie meine Tochter es so schön beschrieben hat – die, die immer mit jemandem eng verbunden sind. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase sie sich gerade befinden, fühlen sie sich mal mehr den Älteren und dann wieder den Jüngeren zugehörig. Sie können auch als Bindeglied zwischen den Großen und Kleinen dienen, weil sie sich aufgrund ihrer Position in beide hineinversetzen können. Die ihnen zugeschriebenen positiven Eigenschaften Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kompromissbereitschaft konnten gut erlernt werden.

Nicht in Schubladen stecken

Nur: Pauschalisieren kann man all dies nicht. Geschwisterkonstellationen haben einen Einfluss darauf, wie wir uns entwickeln, aber dieser ist weit weniger von der Geburtsreihenfolge abhängig, als lange Zeit angenommen. Vielmehr kommt es darauf an, was für Persönlichkeiten in unserer Familie miteinander leben und wie wir als Eltern mit unseren Kindern umgehen. Welche Rolle jemand in einer Familie einnimmt, ist von vielen verschiedenen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Auch kann sich die Rolle der jeweiligen Kinder im Lauf des Lebens verändern. Wir sind nicht auf einen bestimmten Platz im Familiensystem festgeschrieben.

Als Eltern können wir einen großen Teil dazu beitragen, dass unsere Kinder nicht in Schubladen geraten, die vermeintlich an ihrem Platz in der Geschwisterreihenfolge hängen. Beispielsweise können wir Rollenklischees, die wir mit uns herumtragen, reflektieren und bewusst aufbrechen. Auch diese Fragen können wir uns stellen: Sehen wir unsere Kinder so, wie sie sind, und gehen wir entsprechend auf sie ein? Wie werden bei uns zu Hause Probleme besprochen, wie darf Streit ausgetragen werden, wo werden wir selbst als Vermittler zwischen unseren Kindern tätig? Schlagen wir uns unbewusst oft auf die Seite eines bestimmten Kindes? Haben wir Erwartungen an eines unserer Kinder, die wir an die anderen nicht haben? Fördern wir Konkurrenz zwischen den Geschwistern oder Kooperation?

Wichtig ist, dass wir im Hinterkopf behalten, dass wir es mit kleinen Menschen zu tun haben, die jenseits ihres Alters und der Frage, als wievielter sie in unsere Familie gekommen sind, gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Mit kleinen Menschen, die in unserer Familie Übungsfelder brauchen, in denen sie ihre Fähigkeiten und Talente entfalten dürfen und auf denen ihre ganz eigene Persönlichkeit einen sicheren Platz hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de

Warum die Gesellschaft dringend Väter braucht

Väter spielen eine entscheidende Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder. Warum sie aber nicht wie Mütter sein müssen und was wirklich wichtig ist, erklärt Hannsjörg Bachmann.

Seit ca. 50 Jahren wird gezielt über Väter geforscht. Diese Forschung zeigt auch, dass vieles von dem, was Väter ausmacht, in der Vergangenheit oft nur geringe Chancen hatte, sich zu entfalten und gelebt zu werden. In dem traditionellen Familienmodell wurde Vaterschaft meist auf das indirekte Engagement als Versorger der Familie reduziert. Andere Vater-Kompetenzen waren in diesem Modell wenig gefragt.

Dass Väter auch noch andere Qualitäten in sich tragen, haben erst die neuen Familienmodelle richtig sichtbar gemacht. Sie geben den „neuen“ Vätern viele Möglichkeiten, sich auch direkt in der Familie zu engagieren – in der Beziehung zu den Kindern und in der Partnerschaft. Persönliche Erfahrung und Forschung zeigen, wie wertvoll, wohltuend und inspirierend Väter und diese Form ihres fürsorglichen Engagements für die Familie sind. Indem Väter sich so einbringen, setzen sie viele innovative Prozesse in der Familie in Gang. Diese Entwicklung gelingt am besten, wenn sie von Beginn an in enger Abstimmung mit der Partnerin erfolgt – in gemeinsamer Elternschaft. Lohnend ist diese Entwicklung aber auch dann, wenn sie erst mit zeitlicher Verzögerung erfolgt. Viele Väter sind überrascht davon, wie fundamental sich ihre Sicht auf das Leben und die Gesellschaft verändert, wenn sie sich auf die Sicht ihres Kindes einlassen.

Die aktuellste Übersicht zu allen entwicklungspsychologischen Aspekten der Väterforschung findet sich in dem Buch von Lieselotte Ahnert, dessen Titel ich als Überschrift für diesen Artikel gewählt habe. Ich beschränke mich hier auf einige wenige Aspekte, die ich für besonders relevant halte.

Eine eigenständige Vater-Kind-Beziehung suchen und finden

Väter sind keine Mütter. Sie sind, wie sie sind – anders. Und das ist gut so. Von dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul stammt die Aussage: „Man kann nicht von Müttern lernen, wie man ein guter Vater wird.“ Jeder Vater wird für sich selbst herausfinden (müssen), was Vatersein für ihn bedeutet und wie er es authentisch leben kann. Das Vorbild des eigenen Vaters kann überzeugen, es kann vielleicht aber auch dazu herausfordern, einen anderen Weg zu suchen. Anregend ist es auf jeden Fall, sich mit anderen Vätern über die eigenen Erfahrungen auszutauschen.

Unterschiedlichkeit als Gewinn. Väter gestalten die Beziehung zu ihrem Kind auf ihre eigene Art und Weise – oft ganz anders als die Mütter. Auch wenn Mütter und Väter die gleichen Werte vertreten, wirkt sich diese Unterschiedlichkeit überall aus (beim Sport, beim Spiel, dem Umgang mit Schulproblemen, bei kleineren oder auch größeren Krisen im Leben der Kinder). Diese Unterschiedlichkeit von Mutter und Vater, Feinfühligkeit bei beiden vorausgesetzt, ist für die Kinder kein Problem, sondern ein großer Gewinn. Sie erleben so sehr konkret, wie verschieden Menschen sind, wie unterschiedlich sie mit allem umgehen und dass es nur sehr selten „richtig“ oder „falsch“ gibt. Über die Mütter finden die Kinder oft eher einen Zugang zur emotionalen Welt, über die Väter häufiger zur Welt der Gedanken und Vorstellungen, zur mentalen Welt.

Weichenstellung mit Langzeitwirkung. Die Entscheidung des Vaters, eine eigenständige Beziehung zu seinem Kind zu suchen, gehört zu den wichtigsten Weichenstellungen in der Familie. Optimalerweise erfolgt sie schon in den Wochen um die Geburt herum. Sie trägt dann wesentlich dazu bei, dass der Vater im emotionalen Zentrum der Familie bleibt und dass er sich zusammen mit seinen Kindern weiterentwickelt, Vater und Kind „wachsen“ gemeinsam. Die Familie entwickelt sich „um beide Elternteile herum“.

Zu unserer Realität gehört, dass viele Väter diese Weichenstellung verpassen – nur vorübergehend oder auch auf Dauer. Oft fehlt ihnen in ihrer Umgebung einfach ein Vater-Vorbild, das diese Form des Vaterseins authentisch vorlebt. Für einen Richtungswechsel ist es nie zu spät – Nachlernen ist auch im fortgeschrittenen Alter durchaus möglich.

Väter und ihre Eigenarten

Feinfühlige Väter? Väter bringen alle Voraussetzungen mit, um zu ihrem Kind eine eigenständige, lebendige Beziehung aufzubauen. Wir wissen heute, dass Väter genauso feinfühlig sein können wie Mütter – manchmal sogar noch feinfühliger. Auch zwischen Vätern und Kindern kann sich eine sichere emotionale Bindung entwickeln – als stabiles Fundament für das ganze Leben. Väter vermitteln ihre Liebe und Akzeptanz auf ihre eigene Art, unverwechselbar. Dann erleben sie – oft mit großem Erstaunen – dass sie von ihren Kindern bedingungslos geliebt werden. Es entsteht eine tiefe Vertrauensbeziehung. Viele Väter erleben diese emotionale Erfahrung als tiefes Glück.

Väterliche Feinfühligkeit ist in jedem Lebensalter gefragt, nicht nur im Säuglings- und Kleinkindalter, auch danach, im Schulalter, in der Adoleszenz, in der Beziehung zu den erwachsenen Kindern. Es geht um die Fähigkeit und den Willen des Vaters, sich in die Welt des Kindes hineinzuversetzen, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und so gut wie möglich zu verstehen. Und gleichwürdig mit dem Kind umzugehen.

Gleichwürdig meint, Tochter und Sohn so zu behandeln, wie man als Erwachsener auch selbst behandelt werden möchte. Diese innere Haltung verändert auch das Zuhören und Reden des Vaters. Das Kind spürt unmittelbar, ob der Vater mit echtem Interesse zuhört oder nur flüchtig, und wie er mit ihm redet – bewertend, kommentierend, kritisierend, bevormundend – oder ob er ein Gespräch ermöglicht, in dem sich Kind und Vater öffnen können. Wenn ein Kind immer wieder, an guten und schlechten Tagen, die Erfahrung macht, dass es vom Vater gesehen, gehört und verstanden wird, verinnerlicht es tief, dass es bei ihm sicher aufgehoben ist und dass es so, wie es ist, geliebt und wertgeschätzt ist.

Bemerkenswert ist, wie unmittelbar diese neue Qualität des Zuhörens und Redens die Familienatmosphäre und die Beziehung zwischen Kind und Vater in eine positive Richtung verändert. Ich zitiere ein 8-jähriges Mädchen, dessen Vater sich ohne Wissen des Kindes entschlossen hatte, eine neue Gesprächskultur in die Familie zu bringen und mit dem Kind so respektvoll zu reden wie mit Erwachsenen: „Vater, es gefällt mir, wenn du so anders mit mir redest.“

Gegenüber und Modell. Mit Mutter und Vater als verlässlichem, feinfühligem Gegenüber erlernen Kinder schon früh, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, einzuordnen und zu benennen. Alle Gefühle, auch die für die Eltern „herausfordernden“ (wie Wut, Ärger, Angst …), sind erlaubt. Sie werden nicht negativ bewertet – Gefühle sind einfach da; sie sind, wie sie sind. Die Kinder lernen, in Übereinstimmung mit sich selbst zu leben. Sie entwickeln Selbst(wert)gefühl und Empathie. Die Interaktion mit dem Kind berührt und aktiviert auch bei Vater und Mutter viele bislang wenig bekannte Emotionen und hinterlässt oft tiefe Spuren in ihrer Seele.

Väter mit Defiziten im „seelischen Fundament“ und/oder biografischen Brüchen. Nicht alle Väter haben eine „glückliche“ Kindheit erlebt und in ihren Familien konstruktive Beziehungsmuster kennengelernt. Oft waren die eigenen Eltern – trotz bester Absicht – nicht in der Lage, ihrem Kind ein stabiles seelisches Fundament mitzugeben. Dass ihnen etwas Wesentliches fehlt, entdecken diese Väter häufig erst im Erwachsenenalter, wenn Lebenskrisen darauf hinweisen, dass es gravierende Leerstellen in ihrem seelischen Fundament gibt.

Ein aktuelles Interview in der ZEIT (Nov. 23) mit Lance Armstrong und Jan Ullrich zeigt eindrucksvoll, dass selbst tiefgreifende existenzielle Krisen, wie beide sie über viele Jahre erlebt haben, nicht das letzte Wort haben müssen. „Nachlernen“ ist auch dann noch möglich. Besonders gute Lehrmeister sind – neben den psychotherapeutischen Fachleuten – oft die eigenen Kinder. Lance Armstrong sagte: „Ich selbst habe in meinen dunkelsten Momenten nur an meine Familie gedacht … vor allem an meine Kinder. Ich wollte, dass sie ihren Vater respektieren können. Ich wollte ihr Bild von mir nicht zerstören, das war meine größte Furcht – und mein Antrieb, mich nicht aufzugeben.“

Zum Nachlernen gehört, die Verantwortung für das eigene Leben mit allen Brüchen voll zu übernehmen – und dies auch gegenüber den Kindern zu artikulieren, verbunden mit der Aussage „Es tut mir leid“. Kinder sind dann meist sehr bereit für einen Neuanfang.

Die Partnerschaft bereichern

Oft liegt der Fokus beim Vatersein auf der Beziehung zum Kind. Genauso wichtig ist es, gleichzeitig auch die Dynamik der Paarbeziehung im Blick zu haben. Denn die Veränderung, die mit der Vaterschaft verbunden ist, betrifft immer das gesamte Familiensystem, auch die Partnerschaft. Es gilt die alte Weisheit: „Wenn es beiden Eltern als Paar gut geht, geht es gewöhnlich auch dem Kind gut.“ Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass sich Väter besonders gerne in ihrer Vaterschaft engagieren, wenn sie auch mit ihrer Partnerschaft zufrieden sind.

Gleichberechtigte Partnerschaft. Für viele Väter ist es heute selbstverständlich, dass sie sich an den vielen Tätigkeiten beteiligen, die nötig sind, um den Alltag in der Familie gut zu bewältigen. Die im Haushalt und bei der Kinderbetreuung anfallenden Aufgaben werden möglichst „gerecht“ verteilt.

Weniger selbstverständlich ist es – oft betrifft das die Väter –, sich auch ebenso aktiv in die Prozesse einzubinden, die mit der inneren Struktur der Familie zu tun haben, also mit dem, was die Familie im Kern zusammenhält: der Qualität der Beziehungen – zu sich selbst, zu der Partnerin, zu den Kindern –, der Art der Kommunikation, dem Umgang mit Konflikten, der feinfühligen Begleitung der Kinder in den Höhen und Tiefen des Alltags. Diese Bereiche kann man nicht aufteilen; wünschenswert ist, dass beide Partner hierfür gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Emotionale Sprachfähigkeit. Von großer Relevanz ist, dass beide Partner sprachfähig sind bzw. werden – nicht nur auf der Ebene der Fakten, des Wissens, des Verstandes, des Alltäglichen, sondern vor allem auch auf der emotionalen Ebene – im Austausch über Gefühle wie Freude, Dankbarkeit, Sorgen, Zweifel oder Ängste. Eine Begegnung beider Partner von Herz zu Herz gibt es eben nur auf dieser emotionalen Ebene. Hier entsteht Verbundenheit, Nähe und Vertrautheit.

Viele Frauen wünschen sich, dass ihre Männer auf diesem Sektor zusätzliche Kompetenzen erwerben. Sie erleben „emotionale Spracharmut“ als schmerzhafte Leerstellen – in der Partnerschaft ebenso wie in der Vater-Kind-Beziehung und der Beziehung der Männer zu sich selbst. Viele Männer und Väter nehmen dieses Defizit gar nicht wahr.

Ein exzellenter Führer in das Land der emotionalen Sprachfähigkeit ist das Buch „8 Gespräche, die jedes Paar führen sollte“ der US-amerikanischen Paartherapeuten und -forscher John und Julie Gottman. Mütter und Väter, die sich auf diesen Weg begeben, verändern nicht nur ihr eigenes Leben, sie beeinflussen und bereichern auch das Leben ihrer (kleinen und großen) Kinder, die Paardynamik und das ganze Familiensystem.

Einige persönliche Anmerkungen

Optimal ist es, wenn dieser Schritt zum „neuen“ Vatersein zu Beginn der Familienphase erfolgt. Meine eigene Biografie zeigt, dass es aber auch später noch möglich ist, sich auf einen neuen Weg zu begeben. Ich habe viele meiner wichtigen persönlichen Weichenstellungen in diesem Bereich erst in der zweiten Lebenshälfte vollzogen. Der Rückblick auf die in den Jahren zuvor verpassten Möglichkeiten war und ist oft schmerzhaft. Gleichzeitig gab es in dieser zweiten Lebensphase einen großen Zugewinn an lebendigen Beziehungen; ich hätte es mir vorher nie so vorstellen können – in den ganz nahen Beziehungen (zu mir selbst, meiner Frau, zu unseren erwachsenen Kindern plus Schwiegerkindern, zu unseren Enkelkindern), aber auch darüber hinaus. Die „Familienwerkstatt“ und auch das Vater-Tochter-„Familien leben“-Buch gäbe es ohne diese Erfahrungen nicht.

Prof. Dr. Hannsjörg Bachmann, geboren 1943, war 20 Jahre lang Leiter einer Kinderklinik in Bremen. Er machte Ausbildungen bei Jesper Juul und Karl-Heinz Brisch und ist Mitbegründer der „Familienwerkstatt im Landkreis Verden e. V.“.

Erschöpfung in der Familie? 4 Tipps für mehr Resilienz

Das Familienleben ist häufig erschöpfend. Warum das so ist und wie Familien zu neuer Stärke finden, erklärt der Psychotherapeut Jörg Berger.

Erschöpft zu sein ist anders als müde oder erholungsbedürftig. Wer müde ist, schläft ein paar Nächte und fühlt sich wieder fit. Wer Erholung braucht, verbummelt ein Wochenende oder genießt einen Urlaub. Dann ist der Akku wieder geladen. Doch Erschöpfung geht tiefer. Man schläft und bleibt müde. Man ruht und wird nur antriebslos. Der Akku bleibt leer. Wer müde und erholungsbedürftig ist, kann es sich außerdem erklären: Vielleicht waren die Nächte schlecht oder ein Infekt hat den nächsten abgelöst. Oder einer steigt wieder in den Beruf ein und die Kinderbetreuung fällt aus. Das kostet Kraft. Doch wenn die Belastung nachlässt, kommt auch die Energie wieder. Das ist bei Erschöpfung anders. Man ist in normalen Lebensphasen k. o. und fragt: „Warum bin ich so erschöpft?“

Dann gibt es offenbar immer Dinge, die zu viel Energie kosten. Das betrifft erschreckend viele Menschen. Die Sozialforschungsgesellschaft Forsa hat 2019 im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse 1.000 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren befragt. Über ein Drittel der Eltern hat angegeben, unter Erschöpfung und Burnout zu leiden. Etwa genauso viele haben auch Gereiztheit, Nervosität, Müdigkeit und Schlafstörungen erlebt. Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es nicht anders, wie die Befragung „Jugend in Deutschland“ 2022 zeigte: Von den 1.000 repräsentativ ausgewählten jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren berichteten 45 Prozent von Stress, 35 Prozent von Antriebslosigkeit und 32 Prozent von Erschöpfung. In der Forsa-Umfrage wurden gestresste Eltern auch gefragt, was ihnen helfen würde. Sie wünschen sich vor allem zweierlei: mehr Zeit (70 Prozent) und innere Gelassenheit (72 Prozent). Hier können vier Strategien ansetzen, die aus der Erschöpfung führen.

1. Den Selbstwert stärken

Selbstwert und Energie hängen eng zusammen. Menschen, die sich wertvoll fühlen, spüren Energie in ihrem Körper. Sie können sich auf den Augenblick einlassen, genießen ihre Lieben und ihre Aufgaben. Und sie können über sich lachen und nehmen selbst Dinge, die schiefgehen, gelassen. Wer sich dagegen oft hinterfragt, kritisiert und schuldig fühlt, hemmt sich bis in sein körperliches Energielevel hinein. Er nimmt Dinge schwer und persönlich. Wer über Erschöpfung nachdenkt, sollte daher zuallererst am Selbstwert ansetzen: einander ermutigen, einander vertrauen und zutrauen, geräuschlos vergeben, auch das annehmen, was unvollkommen ist.

Aber macht das nicht selbstbezogen und rücksichtslos? Im Gegenteil, Annahme und Ermutigung machen korrigierbar. Wer sich wertvoll fühlt, bei dem kommen Signale an: „Ups, damit fühle ich mich nicht wohl.“ – „Wolltest du nicht noch …?“ – „Ich glaube, du bringst XY gerade in eine unangenehme Situation.“ Wer sich einer Korrektur verschließt, hat meist das Gefühl, nicht zu genügen und dass es ohnehin nie gut genug ist.

Selbstwert brauchen wir vor allem, wenn wir uns gegen das Zuviel wehren, mit dem fast jede Familie zu kämpfen hat. Es ist schrecklich überfordernd, was wir alles wissen, können, tun, leisten, haben und schaffen müssen. Aber müssen wir das wirklich? Vieles nicht. Gerade Verpflichtungen gegenüber Verwandten, Freunden und Bekannten, gegenüber Institutionen wie Kindergarten, Schule, Verein und Kirche können wir überprüfen: Müssen wir wirklich alles tun, was von uns erwartet wird? Wo nicht, können wir lernen, uns fröhlich zu schämen. Doch wer sich wertvoll genug fühlt, kann Erwartungen enttäuschen. Ich könnte eine lange Liste mit Punkten schreiben, in denen ich hinter dem zurückbleibe, was man von einem gebildeten, rücksichtsvollen und engagierten Menschen erwartet. Wo das sichtbar wird, schäme ich mich. Manchmal lassen es mich andere auch spüren, dass sie mehr von mir erwarten. Das lässt mich nicht kalt. Es kränkt, es schmerzt. Aber niemals würde ich mir die Freiheit nehmen lassen, so zu leben, wie es mir entspricht und wie es auch denen guttut, die ich liebe. Dann schäme ich mich lieber fröhlich.

2. Gefühle und Konflikte willkommen heißen

Kennen Sie den Gedanken: „Auch das noch!“, wenn wir es mit Gefühlsausbrüchen oder Konflikten zu tun bekommen? Etwa bei einem Wutausbruch unserer Kinder, einer Sinnkrise unseres Partners oder einem Streit? Doch wenn wir so reagieren, offenbart das: Unser Leben ist so voll, dass für Gefühle und Konflikte keine Kraft mehr da ist. Schon Bücher über berufliche Zeitplanung empfehlen: „Planen Sie in Ihren Arbeitstag Zeit für unvorhergesehene Dinge ein, denn die kommen immer. Wenn Sie den ganzen Tag bereits verplant haben, bringt Sie alles, was unerwartet kommt, unter Druck.“ Was für die Arbeit gilt, trifft in ähnlicher Weise für unser Privatleben zu.

Für Gefühle und Konflikte etwas übrig zu haben, ist schon deshalb entlastend, weil sie sich nicht verhindern lassen. Es gibt aber noch einen besseren Grund. Gefühle tragen viel Energie in sich: Sie brechen aus, reißen uns mit, sie bewegen oder überwältigen uns. Wo wir unsere Gefühle und die unserer Lieben bekämpfen, versiegt eine Energiequelle. Wo wir Gefühle dagegen verstehen, liebevoll beantworten und deren Energie in eine gute Richtung lenken, erhöht sich unser Energielevel. Auch die unvermeidlichen Konflikte können wir unter diesem Gesichtspunkt betrachten: Wo wir verstehen, worum es geht und einen guten Kompromiss finden, setzen wir Motivation und Kraft frei. Das Gegenteil wäre der ungelöste Konflikt, in dem wir uns gegenseitig blockieren, beschneiden, zensieren und das Leben eng machen, damit an dieser Stelle nicht schon wieder ein Streit ausbricht. Das macht nicht nur gereizt und traurig. Es lähmt unsere Lebenskräfte, die wir doch für unseren Alltag brauchen.

3. Energieräuber ausladen

Nichts greift tiefer in unser Nervensystem als das, was sich in unseren Beziehungen abspielt. Hier erneuert sich unsere Kraft, hier verlieren wir sie. Menschen ermutigen uns zu einem Leben, wie es uns entspricht. Menschen versuchen, über uns zu bestimmen und uns zu verbiegen. Für unseren Kräftehaushalt ist es daher entscheidend, wen wir in unsere Nähe lassen und wem wir emotionale Macht über uns geben.

Sozial eingestellte und gläubige Menschen sind großzügig gegenüber den Eigenarten anderer Menschen. Sie übernehmen Verantwortung für das Gelingen von Beziehungen, zur Not einseitig. Sie suchen im Zweifelsfall den Fehler bei sich. Doch manchmal ist das schädlich. Denn wenn andere sich unfair oder ausnutzend verhalten, brauchen wir eine starke Liebe, die den Schwächen anderer Grenzen setzt. Sie stellt andere vor die Wahl: „Möchtest du eine liebevolle, gesunde Beziehung mit mir leben? Oder bestehst du darauf, dich weiterhin unfair zu verhalten? Dann aber ohne mich.“

Nur wer fair und vertrauenswürdig ist, darf in unsere Nähe kommen. Viele Beziehungen sind gesetzt: Verwandtschaft, Nachbarn, Kollegen. Doch wir bleiben frei darin, wie viel Zeit wir mit jemandem verbringen und ob wir uns öffnen. Auch in einer oberflächlichen Beziehung, die sich auf das unvermeidliche Miteinander beschränkt, kann man freundlich, wertschätzend und hilfsbereit sein. Christlich geprägte Menschen erinnere ich manchmal daran, dass selbst Feindesliebe keine seelische Nähe erfordert. Beispiele für Feindesliebe in der Bibel sind beten, ein Kleidungsstück überlassen, etwas zu trinken oder etwas zu essen geben. Das alles ist möglich, ohne einen bösen oder schädlichen Menschen in sein Leben zu lassen. Manchmal spreche ich mit Menschen auch über die Frage, wie sozial man sein muss. Denn wenn sich jeder von schwierigen Menschen abwenden würde, blieben sie ja ganz allein. Doch man sollte das Potenzial schwieriger Menschen nicht unterschätzen, sich auf eine gesündere Beziehung einzulassen. Die Motivation dafür entsteht aber erst, wenn es nicht mehr genug Personen gibt, die sich unfair und ausnutzend behandeln lassen. Wenn das schwierige Verhalten Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist, schenkt man einer Person besser in einem kleinen Netzwerk Gemeinschaft – alles andere überfordert oft.

4. Glück ist analog

Als Werkzeug ist die digitale Welt unendlich nützlich, als Lebensform erschöpft sie uns. Denn einerseits überreizt sie, andererseits schneidet sie uns von dem ab, was Kraft gibt: Berührungen, persönliche Begegnungen, in der Natur sein, etwas mit den Händen tun, die Welt mit allen Sinnen erfahren, die Wohltat des Nichtstuns genießen, in der Langeweile erleben, wie sich kreative Kräfte entfalten. Was einem schon der gesunde Menschenverstand sagt, können Studien präziser fassen. In der BLIKK-Medien-Studie 2017 wurden zum Beispiel über 5.000 Familien zum Umgang mit digitalen Medien befragt. Gleichzeitig wurde die Gesundheit und Entwicklung von Kindern untersucht. Das Ergebnis: Die Nutzung digitaler Medien begünstigt Schlafstörungen, Fütterstörungen, motorische Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachentwicklungsstörungen, Konzentrationsstörungen und anderes. Je früher der Mediengebrauch einsetzt und je intensiver er ist, desto ausgeprägter sind die Effekte. Sowohl für die betroffenen Kinder als auch für Eltern, die sich Sorgen machen, sind die Folgen des Medienkonsums kraftraubend. Ins Positive gewendet liegt hier ein großes Potenzial für Wohlbefinden. Es gibt zwar den Sog in die digitale Welt und oft auch einen sozialen Druck. Doch wir bestimmen, inwieweit wir dem nachgeben. Je glücklicher wir in der analogen Welt sind, desto leichter wird es.

Wenn ich erschöpfte Menschen begleite, wünschen sie sich nichts mehr, als wieder Kraft zu haben. Um dann so weiterzumachen wie bisher? Lieber nicht. Denn Erschöpfung hat eine Botschaft, die uns etwas Wichtiges zu sagen hat. Wir haben uns von dem abschneiden lassen, was uns Kraft gibt. Wir haben den falschen Menschen oder Dingen Macht über uns gegeben. Wer die Botschaft hört und beherzigt, wird seine Erschöpfung feiern. Denn sie führt auf einen Weg, der das Leben leichter und glücklicher macht. Sie bringt mehr in Übereinstimmung mit dem, was einem wirklich wichtig ist.

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in eigener Praxis in Heidelberg (psychotherapie-berger.de/family).

Wenn Jugendliche nur noch chillen wollen – Tipps für Eltern

Teenager und Jugendliche hängen gern ab und treiben ihre Eltern damit in den Wahnsinn. Was tun? Chillen lassen oder antreiben? Pädagogin Sonja Brocksieper gibt Tipps.

Mit Beginn der Teenagerjahre erleben viele Eltern, dass sich die Verhaltensweisen ihrer neugierigen und aktiven Kinder, die sich gern zu gemeinsamen Aktivitäten einladen ließen, verändern. Chillen und Abhängen werden zur Lieblingsbeschäftigung. Jugendliche lassen sich zu den liebgewonnenen Familiengewohnheiten immer weniger motivieren. Das Engagement für die Schule und das ein oder andere Hobby werden vernachlässigt. Manche Eltern empfinden ihre größer werdenden Kinder regelrecht als faule Mitbewohner, die kaum noch etwas auf die Reihe bekommen. Je nach Ausmaß führt diese Faulheit in vielen Familien zu Auseinandersetzungen und Diskussionen.

Antriebslose Jugendliche

Zunächst muss man hervorheben, dass das Abhängen der Teenager ein normaler Entwicklungsschritt ist. Die Jugendzeit ist eine Zeit enormer Veränderungen. Am auffälligsten ist das bei der körperlichen Entwicklung, aber auch seelische Umbrüche prägen diese Zeit. Viele Teenager erleben – aufgrund hormoneller und neurologischer Veränderungen – große emotionale Schwankungen. Gerade war noch alles wunderbar und einen Moment später geht die Stimmung in den Keller. Die Pubertät ist eine anstrengende Zeit des Zweifelns, der Unsicherheit und der Suche nach dem eigenen „Ich“. Dazu kommt, dass sich der Biorhythmus im Jugendalter ändert und sich die Melatonin-Ausschüttung verschiebt. Morgens kommen sie nicht aus dem Bett, tagsüber sind viele antriebslos und abends werden sie später müde. Auch ernsthafte körperliche Beschwerden können Begleiterscheinungen in der Pubertät sein: Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Müdigkeit oder nervöse Erregbarkeit sind nicht selten die Folgen.

Bei vielen Teenagern gehen die Schulleistungen in der siebten bis neunten Klasse etwas nach unten. Der Kopf und das Herz sind mit wichtigeren Themen beschäftigt als Vokabeln und Geschichtsdaten. Das Gehirn ist in dieser Zeit eine regelrechte Baustelle, sodass es vielen Jugendlichen schwerfällt, sich mit abstraktem Wissen, das mit der eigenen Gefühlswelt wenig zu tun hat, zu beschäftigen. Viel spannender ist die Frage, wie man sich im eigenen Körper wohlfühlen kann, wie man bei den Jungs oder Mädchen in der Klasse oder Jugendgruppe ankommt und wie sich die Freundschaften untereinander entwickeln. Nicht selten erleben Teenager hier auch Stress, Enttäuschung oder Zurückweisung, was Zeit zur Verarbeitung braucht. Und natürlich nagt es auch an der Teenagerseele, wenn man ständig in der Schule das Feedback bekommt, dass die Leistungen nicht so brillant sind. Im Grunde wissen sie, dass mehr Lernen helfen könnte, aber dafür fehlt die Energie.

Gesunde Selbstfürsorge

Um all die Veränderungen zu verarbeiten, brauchen viele Jugendliche Zeiten für sich. Sie ziehen sich zurück und hängen in ihrem Zimmer ab, weil sie schlichtweg eine Verschnaufpause für ihre Seele und ihren Körper brauchen. Und solange das kein Dauerzustand ist, sollten Eltern ihren Kindern diese Erholungszeiten zugestehen. Zeiten des Rückzugs, in denen ein Teenager den ganzen Nachmittag auf dem Bett verbringt und keinen sehen will, sind eine gesunde Selbstfürsorge. Auch das lange Ausschlafen am Wochenende ist eine wichtige Oasenzeit für die Heranwachsenden.

Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass Eltern bei dauerhafter Lethargie und völliger Passivität genauer hinsehen. Wird aus einzelnen Chill-Phasen ein Dauerzustand, in dem die Stimmungslage des Jugendlichen kippt, sollten Eltern das Gespräch suchen. Bei aller Erholung ist es wichtig, dass Jugendliche gleichzeitig motiviert werden, ihren Platz im Leben einzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Ein Mindestmaß an schulischem Einsatz, Mithilfe im Haushalt, Bewegung und Kontakt zu Gleichaltrigen sollte in dieser Lebensphase im Blick bleiben und von den Eltern liebevoll gefördert werden. Dabei ist es wenig hilfreich, wenn wir unseren Teenagern Vorwürfe machen. Sätze wie „Du hängst nur rum“, „Du machst ja gar nichts mehr“ oder „Jetzt geh doch mal an die frische Luft“ sollte man lieber vermeiden. Stattdessen können Eltern mit einer empathischen Haltung deutlich mehr erreichen: „Ich verstehe, wenn dir gerade alles zu viel wird. Ich finde es okay, wenn du morgen ausschläfst. Samstagnachmittag musst du dich dann bitte um das Badputzen kümmern.“

Manchmal ist es für Eltern auch gut, sich an die eigene Jugendzeit zu erinnern, in der man selbst genervt war, wenn man von den Eltern angetrieben wurde, endlich den Müll aus dem Zimmer zu räumen. Besonders dann, wenn der Tonfall nicht respektvoll oder wertschätzend war. Viele Reibungspunkte können Eltern vermeiden, wenn sie in der Kommunikation mit ihren Kindern eine Haltung des Respekts einnehmen und nachfragen, wie es ihnen geht.

Aus der Abhäng-Phase rauskommen

Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass mit etwa 15, 16 Jahren eine deutliche Entwicklung der neurologischen Reife stattfindet. Etwa ab diesem Alter wächst die Fähigkeit, umfassend zu reflektieren, Einsicht zu bekommen und komplexe Entscheidungen zu treffen. Spätestens ab diesem Alter sollten Eltern ihre Anforderungen an ihre jugendlichen Kinder Schritt für Schritt steigern. Bleiben Jugendliche in dieser Abhäng-Phase stecken, können sie sich zu Konsumenten entwickeln, die wenig lebensfähig werden und es dann später schwerer haben, die Alltagsherausforderungen zu bewältigen.

Nicht selten können Übergangsphasen Fallstricke sein, sodass es gut ist, diese Phasen gut vorzubereiten und zu planen. Nach dem Schulabschluss inklusive Prüfungszeit lassen viele junge Leute mit gutem Recht erst mal ihre Flügel hängen. Jugendliche sollten auch genießen dürfen, wenn sie einen wichtigen Lebensabschnitt geschafft haben. Je nach Persönlichkeit ist es sogar ratsam, dass sie nicht sofort in der üblichen Tretmühle weitermachen. Dennoch ist es auch wichtig, diese Zeit der Pause klar zu begrenzen, damit Faulenzerei kein Lebensmotto wird, sondern Kraft für Neues freisetzen kann.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet gemeinsam mit ihrem Mann die team-f Regionalarbeit im Rheinland. sonja-brocksieper.de

Lazy Parenting: Erstmal beobachten und abwarten

Ist mit meinem Kind alles in Ordnung? Müssen wir zum Arzt, zur Therapeutin oder zur Erziehungsberatung? Familienberaterin Daniela Albert rät: Erstmal beobachten!

Mein Lieblingssatz beim Kinderarzt lautet: „Einfach nur beobachten!“ Diese drei Worte, die viele Eltern zur Verzweiflung bringen, sind Musik in meinen Ohren. Sie entbinden mich nämlich davon, in irgendeiner Weise reagieren zu müssen. Sie ersparen mir gefühlte 1.000 Telefonate, um Termine bei Fachärzten zu bekommen, und lange Wege von A nach B, um etwas abklären zu lassen. Und sie ersparen mir Sorgenspiralen, die sich entwickeln, wenn das Kind etwas hat, das abgeklärt werden muss.

Früher war ich da anders. „Einfach nur beobachten!“ hieß für mich, dass mich jemand nicht ernst nimmt. Es kann doch nicht sein, dass mein Kind dauernd Husten und Infekte hat und es keinen tieferliegenden Grund dafür gibt. Den müssen wir doch finden, dachte ich, denn von „Einfach nur beobachten!“ geht das doch nicht weg. Ich hatte damals das Glück, einen Arzt in der Familie zu haben, den ich um Rat fragen konnte – meinen Schwiegervater. Tatsächlich – und zu meinem anfänglichen Entsetzen – schloss dieser sich oft genug der Einschätzung des Kinderarztes an. Es ist nämlich, so musste ich lernen, tatsächlich total normal, dass Kindergartenkinder alle paar Wochen einen Infekt haben und im Winter quasi durchgehend husten. Man kann das wirklich „einfach nur beobachten“.

Vermeidbarer Stress

Auch im Kindergarten hörte ich diesen Satz das eine oder andere Mal, wenn ich Erzieherinnen auf schwierige Situationen ansprach. Oder wenn ich die Rückmeldung bekam, dass mein Kind die Schere oder den Stift noch nicht richtig halten würde oder Wörter falsch aussprach. Dank meines Schwiegervaters war ich das Beobachten schon gewohnt und konnte es besser aushalten.

Im Laufe der Jahre als Mutter habe ich gelernt, dass „Einfach nur beobachten!“ meiner Persönlichkeit viel mehr entspricht, als ich von mir, einem eher ängstlichen Gemüt, gedacht hätte. Ich bin nämlich nicht nur ein bisschen ängstlich, wenn es um meine Lieben geht und sorge mich oft um sie – ich bin auch faul. Ich mache mir nicht gern Arbeit, wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass sie es auch wert ist. Und als Arbeit – und zwar eine ziemlich ungeliebte – empfinde ich alles, was man bei Kindern abklären oder behandeln lassen muss. Ich habe keine Lust, Nachmittage in Facharztpraxen, bei Ergotherapeuten oder Bewegungsangeboten zu verbringen, nur um etwas zu therapieren, was vielleicht auch von allein weggegangen wäre.

Versteht mich nicht falsch: Es gibt Dinge, die kann man nicht „einfach nur beobachten“, sondern muss sie gut abklären oder behandeln lassen. Das gilt sowohl für medizinische Fragen als auch wenn es um die kindliche Entwicklung geht. Meine Erfahrung ist jedoch, dass das viel seltener vorkommt, als wir Eltern annehmen. Oft sind wir es nämlich, die darauf drängen, dass Untersuchungen schneller gemacht werden oder bei vermeintlich zu langsam vollzogenen Entwicklungsschritten therapeutisch nachgeholfen wird. Wir machen uns und unseren Kindern dabei Stress, der vermeidbar gewesen wäre. Denn viele Dinge lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man sie einfach nur beobachtet. Die meisten Kinder lernen tatsächlich, auf der Linie zu schneiden, den Stift richtig zu halten, die Füße gerade zu stellen. Und sie werden irgendwann auch seltener krank – ohne dass wir etwas unternehmen.

Beobachten und Abwarten statt planen

Den Grundsatz „Einfach nur beobachten!“ habe ich längst in meine gesamte Erziehungsphilosophie übernommen. Wenn bei uns Schwierigkeiten auftreten, habe ich nicht mehr den Anspruch, sie sofort zu lösen:

  • Die Geschwister streiten sich? Ich schaue erst mal, ob sie es allein regeln.
  • Mein Kind kommt mit einer Lehrerin nicht auf Anhieb klar? Wir warten mal ab, wie sich das entwickelt.
  • Ein Kind hat Schwierigkeiten, Wörter richtig zu schreiben? Vielleicht spielt sich das mit der Zeit von selbst ein.

Mein Kind wird seinen Weg schon gehen. Ich muss sein Leben nicht planen. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass es genügend – und vor allem die richtigen – Hobbys hat, wie es seine Zeit verbringt und mit wem. Mein Kind hat sich mit einem Kind angefreundet, das ich für einen nicht so guten Umgang halte? Einfach mal beobachten, ob die Freundschaft hält und ob das Kind wirklich einen negativen Einfluss auf meins hat.

Mein Kind hat keine Lust auf Sport oder Musikinstrumente? Dann muss ich nicht nach einem Hobby suchen, das passt, sondern kann abwarten, ob sich etwas findet.

Eigene Lösungen finden

Diese Haltung, sich erst einmal faul zurückzulehnen und nicht einzugreifen, in der Hoffnung, dass sich die Dinge von allein regeln, ist nicht nur für uns gut. Tatsächlich ist sie auch das Beste, was unseren Kindern passieren kann. Schon Jesper Juul, der verstorbene Autor und Familientherapeut, feierte „faule Eltern“. Nicht solche, die ihre Kinder tatsächlich vernachlässigen, auf keinen Fall! Aber die, die nicht jedes Mal in Aktion treten, wenn es scheinbar Grund dafür gäbe. Indem wir uns zurücknehmen und abwarten, geben wir unserem Kind den Raum, sich selbst zu entwickeln, eigene Lösungen zu finden, allein zu entdecken, wer es ist und was es will. Und letztlich überträgt sich auch unsere Gelassenheit auf unsere Kinder, wenn wir „Einfach nur beobachten!“ zum Leitstern unserer Erziehung machen.

Manchmal fällt mir das immer noch nicht leicht. Gerade mit größer werdenden Kindern, die viel Zeit ohne mich verbringen, habe ich Angst, dass Sachen schiefgehen können, wenn ich sie auf die leichte Schulter nehme. Medienkonsum „einfach nur beobachten?“ Bei „falschen Freunden“ immer noch cool bleiben und abwarten? Über Ausdrucksweisen, die ich furchtbar finde, hinwegsehen? Aushalten, dass sie nichts für die Schule tun?

Hier fühle ich mich manchmal wieder wie am Anfang meiner Reise als Mutter. Meinen Schwiegervater kann ich leider nicht mehr um Rat fragen, er ist inzwischen verstorben. Aber mir hilft der Glaube daran, dass Gott mir auch zuhört – und ich glaube, auf die meisten meiner Sorgen antwortet er: „Einfach nur beobachten – ich kümmere mich um den Rest.“

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter: eltern-familie.de