Wenn Ehepartner einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen finden, sind sie glücklicher. Das muss aber erst einmal gelingen …
Bestimmt passiert das in Ihrer Ehe nicht: Unter Stress geraten meine Frau und ich ins Aufrechnen. In verantwortungsschweren Worten schildere ich meinen Einsatz für die Steuererklärung, das Auto, Reparaturen und PC-Probleme. Myriam kontert mit ihrem größeren Anteil an der Hausarbeit, dem Besorgen von Kinderkleidung, Geschenken und Schulsachen.
Nach dieser Eröffnung werfen wir die Vorteile in den Ring, die sich aus unseren unterschiedlichen Begabungen ergeben. Ich bin etwas effektiver, wofür ich schnell Beispiele finde, von denen Myriam profitiert. Daran knüpfen sich allerdings Situationen, die mir Myriams größere Ausdauer vor Augen führen. Wenn diese Runde ausgekämpft ist, legen wir harte Bandagen an, die auf das Gewissen des anderen zielen.
Dann beschreibe ich Tätigkeiten, die mich frustrieren, und Situationen, in denen ich für die Familie zurückstelle, was für mich schön und wichtig ist. Aber auch Myriam kann leistungsmasochistische Verdienste für sich in Anspruch nehmen. Schlauer sind wir nach solchen Auseinandersetzungen nicht. Sie laufen eigentlich immer nach demselben Schema ab. Sie zeigen aber, wie wichtig uns Gerechtigkeit in unserer Beziehung ist.
Es gibt wohl keinen Blick auf die Liebe, der nüchterner ist als der sozialpsychologischer Paarforscher. Liebe – so die Theorie des sozialen Austauschs – bedeutet einen Austausch von Ressourcen: Informationen, Status, Zuneigung, Dienstleistungen, Güter und Geld. Muss man sich in einen solchen Ansatz vertiefen? Man müsste es nicht, würden Liebesbeziehungen nicht sehr sensibel auf Ungerechtigkeit reagieren. Gerechtigkeit zeigt sich Paarforschern als wichtiger Baustein einer tragfähigen Paarbeziehung.
Glücksformel Ausgewogenheit
Ausgewogenheit in Paarbeziehungen wird mit einem einfachen Ansatz erforscht. In einem ersten Schritt werden Paare nach dem Geben und Nehmen in ihrer Beziehung befragt. Manche Studien fragen nach dem Gesamteindruck, andere durchleuchten bis zu 24 verschiedene Bereiche der Beziehung, in denen Geben und Nehmen eine Rolle spielt.
In einem zweiten Schritt suchen die Paarforscher nach Größen, auf die Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit einen Einfluss haben könnten: die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, das Gefühlsleben, die Sexualität und die Trennungsrate. Tatsächlich finden sich viele Zusammenhänge: Paare, die ihre Beziehung als ausgewogen erleben, sind zufriedener mit ihrer Partnerschaft, erleben mehr positive Gefühle und weniger Ärger.
Sogar auf die Sexualität wirkt sich Ausgewogenheit aus, die erleben Paare im Schnitt als erfüllter, wenn ihr Geben und Nehmen sich ausgleicht. Überraschenderweise ist auch der Partner unzufrieden mit der Beziehung, der von sich sagt, dass er mehr nimmt, als er gibt. Das mag daran liegen, dass Geben genauso zum Glück beiträgt wie Nehmen, außerdem können sich an der Unausgewogenheit Konflikte entzünden.
Schließlich kann Unausgewogenheit auch zur Gefahr für die Liebe werden. Paare, die ihre Beziehung unausgewogen finden, blicken weniger optimistisch in die gemeinsame Zukunft und trennen sich häufiger. In unausgewogenen Beziehungen gehen Partner häufiger fremd und zwar meist diejenigen, die mehr geben als nehmen.
Offenbar sind Menschen von Natur aus mit einem Gespür für Gerechtigkeit ausgestattet und mit einem Bedürfnis nach fairen Beziehungen. Unausgewogenheit löst negative Gefühle aus und lässt die Beziehung weniger wertvoll erscheinen. Weil Gerechtigkeit ein so wichtiger Baustein für das Liebesglück ist, verdient sie ein besonderes Augenmerk. Die folgenden Anregungen können helfen, Gerechtigkeit zu stärken und mit einem Rest an Ungerechtigkeiten zu leben.
Den anderen erwischen, wie er mir etwas Gutes tut
So heißt eine Übung, die zum Standardprogramm verhaltenstherapeutischer Paartherapie gehört: aufmerksam wahrnehmen und aufschreiben, was der Partner alles tut, das angenehm, beglückend und hilfreich ist. Je bewusster ich wahrnehme, was mir meine Frau alles schenkt, desto mehr habe ich davon und desto mehr Punkte gehen in meine Beziehungsbilanz ein. Ein Beispiel dafür ist die Verteilung der Hausarbeit, ein Politikum der Geschlechtergerechtigkeit, das gut erforscht ist.
Unbestritten ist, dass Frauen auch dann den größeren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn beide berufstätig sind. Interessant ist aber auch der folgende Befund: Wenn man ein Paar fragt, wie viel Prozent der Hausarbeit jeder erledigt und die beiden Angaben addiert, kommt man auf mehr als 100 %.
Frauen wie Männer überschätzen ihren Anteil an der Hausarbeit. Diesen Effekt dürfte es auch auf anderen Ebenen geben: Der eigene Einsatz steht einem deutlicher vor Augen als der des Partners. Hier kann das Aufrechnen eine positive Wendung bekommen: ein wertschätzendes Aufzählen dessen, was der Partner in die Liebe und in das gemeinsame Leben investiert. Wie wichtig die Wertschätzung ist, zeigt ein Befund, der aus männlicher Sicht zwar peinlich, aber entlastend ist: Es schadet der Liebe nicht, wenn der Mann im Haushalt etwas schuldig bleibt, solange er die Hausarbeit der Frau schätzt und lobt.
[…]
Sie möchten den ganzen Artikel lesen? Dann bestellen Sie sich family jetzt kostenlos als Test-Abo und erhalten Sie die aktuelle Ausgabe gratis.
Jörg Berger ist Psychotherapeut in Heidelberg.
Scheidungs-Statistik: Zahlen weiter leicht rückläufig – viele Kinder betroffen
Im Jahr 2012 wurden in Deutschland rund 179.100 Ehen geschieden, das waren 4,5 Prozent weniger als 2011. Seit 2003 sinkt die Zahl der Scheidungen kontinuierlich. Allerdings ist auch die Gesamtzahl der verheirateten Paare in diesem Zeitraum stark zurückgegangen. Weiterlesen
Konferenz „Je Ehe, desto besser!“ am 7. September in Bern
Am 7. September führt die Arbeitsgemeinschaft „Forum Ehe+Familie (FEF)“ der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) ihre dritte Konferenz durch. Die britischen Referenten Maria und Richard Kane wollen mit ihrer Freude an der Ehe andere Paare anstecken.
Die Konferenz in Bern richtet sich an alle Personen, die sich über den Stellenwert der Ehe im Zusammenleben von Mann und Frau Gedanken machen. Dabei werden reifere Paare ebenso angesprochen wie auch Ehe-Starter oder gar unverheiratete Paare. Ein spezielles Augenmerk richten die Veranstalter zudem auf Fachleute aus Organisationen und Kirchen, die von der langjährigen Erfahrung der Hauptredner Maria und Richard Kane für ihre Aufgabe profitieren werden. Die britischen Ehe-Aktivisten sind die Gründer der MarriageWeek, die Woche der Ehepaare vor dem Valentinstag. Der zündende Funke dazu kam Richard Kane beim Einkaufen: „Ich stand mit meiner Frau im Baumarkt an der Kasse. Die Leute bezahlten Lampenschirme, Tapeten, Teppiche und ich dachte mir: Ist es nicht interessant, wie viel Zeit und Geld wir darauf verwenden, unsere Häuser und Wohnungen einzurichten? Aber wie wenig verwenden wir darauf, die Beziehungen zu gestalten, derentwegen wir eine Wohnung oder ein Haus eigentlich haben.“
„Je Ehe, desto besser“
Der sperrige Konferenz-Slogan ist gemäß Niklaus Mosimann bewusst so gewählt. Er ist Teil des Leitungsteams der Arbeitsgemeinschaft. „Wir wollen damit nicht sagen, dass man möglichst früh heiraten soll. Vielmehr sollen bereits Verheiratete motiviert werden, mehr in ihre eigene und andere Ehen zu investieren – je mehr Ehe, desto besser!“ Er fügt aber hinzu: „In einer Zeit, in der sich viele Paare viel Zeit lassen, sich fest zu binden, trifft natürlich auch Ersteres zu: Warum lange warten, bis die Beziehung verbindlicher gestaltet wird? Nicht jahrelanges Zusammenleben oder ein Kind machen Ehen stabiler, sondern der bewusste und aktive Entscheid, sich in die Partnerschaft zu investieren.“ Dass die Veranstalter die Ehe nicht als Auslauf- sondern gar als Erfolgsmodell sehen, machen sie mit dem Konferenzuntertitel „Ehe – Aufwind für Familie und Gesellschaft“ klar.
Vielfältiges Konferenzprogramm
Neben den Workshops, der Fachausstellung, kurzen Theaterbeiträgen von Karin Härry, Musikbeiträgen von Sam Glausen und einem Medientisch stellt die Talkrunde „Ja, aber, Mr. & Mrs. Kane …“ einen weiteren Höhepunkt der Konferenz dar. Zu dieser „Elefantenrunde“ werden fachlich gewichtige Überraschungsgäste erwartet, die versuchen werden, die Aussagen der Referenten auf die Schweiz umzumünzen. Die Konferenzteilnehmer können in zwei Durchgängen aus fünf Workshops auswählen: „Ehevorbereitung – fremd oder Trend?“, „Starke Ehen – die Freude an der Beziehung kultivieren“, „Rollenbilder im Wandel – überfordert oder beschwingt?“, „Stressbewältigung – umschalten, bevor es uns ablöscht“ und „Sex – zwischen Ideal und Realität“. Abgerundet wird das Programm mit Erfahrungsberichten von Ehepaaren.
___
Unter der Bezeichnung „Forum Ehe+Familie (FEF)“ haben sich über 30 verschiedene christliche Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie sich in den drei Schwerpunkten „Ehen und Familien stärken“, „Zerbrochenes heilen“ und „Generationen verbinden“ vernetzen und so Kräfte bündeln.
Unter www.forumehefamilie.ch kann man sich zur Konferenz anmelden.
Sonne, Meer und keine Eltern
Wenn Jugendliche allein verreisen wollen
Irgendwann möchten Jugendliche nicht mehr mit ihren Eltern den Urlaub verbringen, sondern mit Freunden. Und das ist gut so. Denn erstens passen die Urlaubswünsche von Jugendlichen und Eltern selten zusammen. Und zweitens ist so eine Reise ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit. Jugendliche lernen dabei Verantwortung, müssen eigenständig Probleme lösen, Entscheidungen treffen und Kompromisse eingehen.
Eine Frage der Reife
Jugendliche, die alleine in Urlaub fahren wollen, sollten allerdings eine gewisse Reife mitbringen. Dazu gehört, sich der Sorge, wie auch der Aufsichtspflicht der Eltern bewusst zu sein. Vor allem sollte klar sein, dass sie die schriftliche Einwilligung der Eltern brauchen. Wer eine solche Bestätigung nicht hat, wird unter Umständen für einen Ausreißer gehalten. Reife beweist das Kind auch durch die Bereitschaft, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Bevor endgültig über die Reise entschieden wird, sollten Eltern ausloten, wie ihr Kind sich generell verhält. Kann es mit Geld umgehen? Ist es zuverlässig? Wie wird es reagieren, wenn Gepäck, Papiere oder Geld verschwunden sind? Wie, wenn die Freunde sich zerstreiten?
Die Qual der Wahl
Unter der Vielzahl an Jugendreisen ist eine Möglichkeit die Sprachreise, bei der man in einer Gastfamilie lebt oder mit anderen Jugendlichen in einer Ferienwohnung. Alternativ gibt es Ferienkurse oder Freizeiten, bei denen Aktivitäten im Vordergrund stehen: Fotografie, Malerei oder Theater, aber auch Sport wie Surfen, Kajakfahren oder Mountainbiking. Viele Jugendliche wollen aber einfach nur in die Sonne fahren. Auch solch ein Urlaub wird als betreute Gruppenreise oder Freizeit angeboten. Wichtig ist es, sich gut über den Veranstalter und die mitreisenden Betreuer zu informieren, zum Beispiel bei Eltern, deren Kinder schon einmal mit diesem Anbieter weggefahren sind. Manchmal gibt es auch Bewertungen im Internet. Kriterien zur Beurteilung sind einerseits die Erfahrung und Ausbildung der Betreuer, andererseits, ob der Preis auch Ausflüge und Sportangebote enthält und ob es eine gut erreichbare Hotline gibt. Veranstaltet werden solche Jugendreisen von Kommunen, Kirchengemeinden, Vereinen, christlichen Jugendorganisationen und kommerziellen Anbietern.
Umfangreiche Informationen und Checklisten finden Eltern beim Bundes- Forum Kinder- und Jugendreisen e.V. (Berlin): www.bundesforum.de. Die Mitglieder dort unterliegen strikten Qualitätskriterien. Einen Überblick über christliche Freizeitveranstalter findet man auch in family 1/13 in der Rubrik „Leben mit Kindern 11–15“.
Auf eigene Faust
Sollten Jugendliche komplett „auf eigene Faust“ verreisen, gilt das Prinzip der Reife doppelt. Wichtig ist: Das Kind sollte in ein touristisch erschlossenes Land fahren, wo man es per Handy erreichen und zur Not problemlos abholen kann. Hilfreich ist auch, zu den Eltern mitreisender Freunde Kontakt zu halten. Die Jugendlichen sollten sich unbedingt in vereinbarten Abständen zu Hause melden. Solch eine eigenständige Reise sollte am besten vorab übers Wochenende einmal geübt werden. So wie es überhaupt gut ist, wenn Kinder schon in jüngeren Jahren ihre Selbstständigkeit bei elternlosen Ferien erproben. Denn: Aufhalten kann man die Kinder nicht, spätestens mit 18 fahren sie, wohin sie wollen. Und dann sind sie besser vorbereitet.
Silke Mayer arbeitet im Bereich Weiterbildung und Training, daneben ist sie als freiberufliche Autorin tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Duisburg.
Illustration: Thees Carstens
„Mama, halt dich da raus!“
Wie Eltern Teens (trotzdem) bei ihren Freundschaften unterstützen können
„Und – was macht Anne so?“ Auf meine harmlose Frage reagiert meine Tochter mit Augenrollen und einem Knurren „Mamaaaaa, halt dich raus …“ Schon länger ist die Freundschaft zu Anne ein Thema. Was vorher ein fester Anker in ihrem Leben war, wird nun zu einem Trümmerfeld. Meine Tochter fühlt sich unverstanden, durch Gesten und Themen der kurzen Treffen ausgeschlossen. Es herrscht Funkstille. Und ich? Ich hätte so viele Tipps: anrufen, liebe Briefchen schreiben, eigene Themen vorschlagen.
Wenn Teens Freunde suchen, hat dies mehr Ebenen als bei Grundschulkindern. Sie suchen Gleichdenkende, Bestätiger, Anfeuerer, Teamkollegen durchs stürmische Leben. Nicht immer entwickelt sich eine Beziehung so, dass es den Teens die Mühe wert ist, diese Freundschaft zu pflegen. Und nicht immer haben Eltern bei Freundschaften den Eindruck, dass sie die Fähigkeiten des Kindes fördern. Nicht selten fühlen sich Eltern also herausgefordert, in die Freundschaften der Teens einzugreifen.
Lob ausschütten
Eltern können Teens bei ihren Freundschaften helfen, indem sie Worte für eigene Krisen und Beziehungskämpfe finden. So kann Mama in einer entspannten Situation von dem Zickenkrieg mit Sandra erzählen, die immer die angesagten Outfits trug. Und davon, wie einsam sie war, bis Wencke in ihr Leben trat. Dabei ist es gut, sich an die Facetten der eigenen Gefühle zu erinnern.
Wenn Eltern das Selbstwertgefühl ihres Kindes stärken, kann es in Freundschaften schneller durchblicken, ob sie ihm gut tun. Eltern sollten zum Beispiel Lob ausschütten über die Orientierung suchende Teenagerseele. Sie sollten ihrem Teenager eine Rückmeldung zu seinem Verhalten geben: „Ich finde toll, wie sorgfältig du über das Geschenk für Lene nachdenkst!“ Oder: „Ich wäre gern dein Freund, du kannst Geheimnisse super für dich behalten.“
Kommt es zum Klagen und zu bitterbösen Beschwerden über Freunde, sind Eltern gefragt, erwachsen zu handeln. Sie sollten nicht in das Klagen einstimmen, nach dem Motto: „Ja, stimmt. Tims Eltern sind mir auch suspekt. Unmöglich, wie die ganze Familie sich verhält. Und hast du die Sofakissen gesehen?“ Das klingt jetzt humorvoll und überspitzt – ist aber leider Realität. Damit das Kind reifen kann, ist es nötig, Fragen zu stellen: „Was denkst du, warum hat Tim das getan?“, „Was ärgert dich am meisten?“, „Wie kannst du Tim das erklären?“
Respekt!
Teens nehmen wahr, wie verschieden Familien miteinander leben: Der eine darf selbstverständlich auf das Konzert, der andere nicht. In einer Familie gibt es keine festgelegten Fernsehzeiten, in der andere dürfen Teens am Wochenende nicht außer Haus. Eltern sollten ihren Teens helfen, Respekt für die Lebensform und die Familienentscheidungen ihrer Freunde zu entwickeln. Sie müssen nicht alles verstehen und bejahen, aber den anderen darin leben lassen.
Teens reiben sich an ihren Eltern und sollen das auch tun. Auch beim Thema Freundschaften. Ich habe für die Anne-Thematik unendlich viele Vorschläge gemacht – zu viele. An der Reaktion meiner Tochter merke ich: Sie muss lernen, ihre Gedanken auszudrücken. Ich kann nicht ihr Textansager sein. Sie darf Freundschaften betrauern und ehrlich mit sich sein.
Gerne stelle ich meine Möglichkeiten zu Verfügung: Fahrdienste, meine Küche, meine Zeit. Ich habe aber gelernt: Auch wenn ich Anne als Freundin für mein Kind geliebt habe, habe ich nun kein Recht diese Freundschaft zu erzwingen.
Eine Lektion für uns beide …
Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und arbeitet im Gemeindejugendwerk Südwest, um Mitarbeiter für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auszubilden. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.
Illustration: Thees Carstens
Kinder brauchen freie Zeiten!
Ein Plädoyer für mehr Leerlauf
Es ist mit Käse dasselbe wie mit Wein. Beide werden dann richtig gut, wenn wir ihnen Zeit zum Ruhen geben, zum Reifen. Tomaten und Melonen bekommen solche Reifezeiten, genauso wie junge Pferde oder gute Gedanken. Jedermann weiß es: Was gut werden soll, muss in Ruhe gedeihen.
Merkwürdigerweise gönnen viele Eltern ihren Kindern solche Reife- und Ruhezeiten kaum. Wehe, eine Viertklässlerin liegt zu lange untätig auf dem Sofa. Wehe, ein Zweitklässler spielt zu oft allein in seinem Zimmer mit Lego (ohne einen Freund!). Da werden Eltern schnell nervös: Ist das Kind vernachlässigt oder vereinsamt? Ist es gar entwicklungsverzögert?
Gedanken nachhängen
Tatsächlich aber brauchen Kinder solche Zeiten, in denen sie ungestört und ohne Zeitdruck und ohne erwachsene Anleitung sind. Zeiten, in denen sie nicht bespaßt werden und auch nicht fernsehen dürfen. Sie brauchen Momente, in denen ihre Kreativität reifen kann, Momente, in denen Eindrücke verarbeitet und sortiert werden. Manchmal müssen sich Kinder auch zurückziehen dürfen, um allzu bedrohliche Erfahrungen mal für eine Zeit lang auszublenden. Sie erholen sich dann von der rauen Wirklichkeit und Alltagshektik. Sie hängen Gedanken nach und entwickeln kühne Ideen. Sie kosten Traurigkeiten aus. Sie überdenken ihre Freundschaftsbeziehungen. Gerne sind sie bei Oma und Opa. Eltern aber sind oft getrieben von dem Anspruch, Kinder immer sinnvoll beschäftigen zu wollen. Sie erwarten von ihren Kindern außerdem schulische, musische und sportliche Höchstleistungen. Kinder sollen gerüstet sein für den Wettbewerb des Lebens. Zusätzlich sollen auch Grundschulkinder heutzutage viele gute Freunde haben, beliebt sein und alle guten Gelegenheiten ausnutzen, die das Umfeld nur bietet (und es gibt zurzeit sehr viele gute und einmalige Gelegenheiten). Zuletzt werden Kinder zu zahllosen Ereignissen mitgeschleppt, von deren Existenz ich selbst als Kind noch nicht einmal eine Ahnung hatte: Kinder-Unis, Gewerbefeste, Modenschauen, Ballonfahrten, Musicals, Spanisch-Kurse, Tauch-Urlaube, Mega-Partys, Bergbesteigungen und andere supertolle Angebote.
Produktive Langeweile
Aber oft bleibt bei den Kindern etwas auf der Strecke. Verkümmert wirken bei Grundschülern, mit denen ich als Lehrer zu tun habe, oft die Herzensbildung, die Initiativkraft, die Kreativität, der Problemlöse-Mut, die Empathiefähigkeit, die Freude am Leben und das Selbst-Bewusstsein.
Wenn Kinder zu lebensfrohen, verantwortlichen und reifen Persönlichkeiten heranwachsen sollen, müssen Eltern deren Leben und auch das Familienleben beherzt entschleunigen. Die Rolle des stets engagierten Förderers und die des Entertainers sollten sie ablegen. Erwachsene sind im Grunde nicht zuständig, wenn Kinder darüber klagen, dass sie Langeweile haben. Kinder können selbst überlegen, wie sie sich beschäftigen und selbst Spielideen entwickeln. „Produktive Langeweile“ nenne ich das.
Es gilt für Eltern auch, mutig die meisten guten Gelegenheiten auszulassen, die sich für ihre Kinder bieten. Vielleicht müssen Grundschüler noch gar kein Musikinstrument lernen oder in einem Sportverein sein. Vielleicht können sie Spanisch und Zehn-Finger-System auch noch als Jugendliche oder im Erwachsenenalter lernen. Vielleicht müssen Kinder auch nicht bei jeder Aufführung die Hauptrolle spielen. Und zuletzt: Vielleicht werden sie die richtigen Freunde und das passende Hobby erst später entdecken.
Kinder brauchen Zeit dafür, selbst ihren Weg hinein in ein gutes Leben zu finden. Geben wir sie ihnen!
Johannes Köster ist Leiter der Primarstufe an der Freien Christlichen Schule Ostfriesland. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern (10 und 11 Jahre) im Landkreis Leer.
Illustration: Thees Carstens
„Was hast du denn da?“
Warum Doktorspiele wichtig sind
Viele Eltern sind verunsichert oder auch peinlich berührt, wenn sie sehen, dass sich ihre Kinder ausziehen und mit ihren eigenen Geschlechtsorganen oder denen der Freunde spielen. Sollen wir jetzt eingreifen? Sollen wir das verbieten oder einfach nur weggucken? – Das sind Fragen, die Eltern in solchen Situationen durch den Kopf gehen.
Jeder Junge und jedes Mädchen ist von Anfang an eine sexuelle Persönlichkeit. Deshalb ist es ganz natürlich, dass ein Kind seinen Körper und damit auch seine Geschlechtsorgane wahrnimmt und erforscht. Kinder sind neugierig, berühren sich selbst an Penis oder Scheide und können schon früh angenehme Gefühle wahrnehmen. Allerdings sind das Lustempfinden, wie es Erwachsene erleben, und das Schamgefühl noch nicht entwickelt.
Neugier und Wissensdurst
Im Kindergartenalter wächst die Neugier und viele Kinder untersuchen nicht mehr nur sich selbst, sondern entdecken, dass der Freund oder die Freundin ganz anders aussieht und beziehen den anderen in ihr Spiel ein. In Rollenspielen, den so genannten Doktorspielen, werden dann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersucht. Genau wie bei den Arztbesuchen im realen Leben ziehen sich die Kinder aus, verbinden sich, geben sich Spritzen und beziehen auch die Geschlechtsorgane ein. Diese Spiele dienen dazu, dass sich Kinder Wissen über ihr eigenes und das andere Geschlecht aneignen und festigen. In der Regel verliert sich das Interesse, wenn der Wissensdurst gestillt ist. Kommen Eltern ins Kinderzimmer und sehen, dass sich die Kinder gegenseitig untersuchen, sollten sie gelassen reagieren. Mit den Worten: „Oh, ihr habt euch ja ausgezogen. Was spielt ihr denn?“, kann man kurz auf das Doktorspiel eingehen, ohne ihm aber viel Bedeutung beizumessen. Anschließend kann man die Aufmerksamkeit auf eine andere Aktivität lenken, indem man zum Beispiel ein Gesellschaftsspiel miteinander spielt. Auf diese Weise erleben Kinder, dass das Erforschen des anderen Geschlechtes nichts Verbotenes ist, aber auch keine Aktivität, die im Speziellen gefördert und bestärkt wird. Vielleicht können Vater oder Mutter darauf hinweisen, dass sie nun ja wissen, wie der Freund oder die Freundin aussieht und dass sie beim nächsten Mal die Unterhose anlassen können.
Wichtige Regeln
Reagieren Eltern erschrocken und emotional und verbieten das Spiel, kann das für Kinder verwirrend und unverständlich sein und vielleicht sogar zu unangemessenen Schuldgefühlen führen. Eltern sollten dieses Verhalten ihrer Kinder also nicht grundlegend unterbinden, aber auf die Einhaltung folgender Regeln achten:
Um Kinder vor Missbrauch zu schützen, sollten Eltern mit ihren Kindern im Gespräch über Sexualität sein. Hilfreich ist es, gemeinsam gute Kinderbücher zur Aufklärung anzusehen. Auf diese Weise können neugierige Fragen beantwortet werden. Herrscht in der Familie eine offene Atmosphäre und ist Sexualität kein Tabuthema, lernen Kinder einen entspannten und verantwortungsvollen Umgang mit ihrem eigenen Körper.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrer Familie in Remscheid.
Illustration: Thees Carstens
Erschlagen von guten Tipps
Bücher geben Rat in allen Lebenslagen. Aber manchmal ist weniger mehr.
Seit ich alle Buchstaben kenne, lese ich ohne Unterbrechung. Zunächst verschlang ich Pferde- und Internatsbücher, dann Fantasy-Romane. Mit 15 las ich das Kommunistische Manifest. Mit 23 Heinrich Heine, Stefan Heym und Rosamunde Pilcher. Die besten Bücher trösteten mich, veränderten mich, schenkten mir Zuflucht und Rat.
Als ich nach 34 Lebensjahren mit Amelie schwanger wurde, gab es mittlerweile das Internet. Welch ein Segen! Welch ein Fluch! Jede Unregelmäßigkeit ließ mich das Internet zu Rate ziehen: „HILFE! Was bedeutet der schwarze Fleck auf dem Ultraschallbild?“ Ich bekam so viele unterschiedliche Antworten, dass ich mir sicher war, es müsse sich entweder um ein Hämatom, einen unterentwickelten Zwilling oder eine Krebsart handeln. Voller Anspannung ließ ich mich von einem Professor untersuchen. Letztendlich handelte es sich um eine harmlose Zyste.
Von meinem Nachttisch verschwanden die Krimis. Stattdessen stapelten sich dort nun Schwangerschafts-, Still- und Erziehungsratgeber. Zwar war ich eine halbwegs gute Sekretärin und Freizeitleiterin und hatte mittlerweile eine ungefähre Ahnung, wie das mit der Ehe funktionierte. Mutterschaft war für mich jedoch ein Buch mit sieben Siegeln. Das beunruhigte mich. Aber ich hatte schon ganz andere Dinge bewältigt. Also würde ich auch die Geburt und das Stillen und das Wickeln und das Erziehen mit den richtigen Büchern meistern.
Während der ersten Jahre meiner beiden Töchter versuchte ich, streng jedes Wort aus meinen Ratgeberbüchern zu befolgen. Ich stillte länger, als ich eigentlich wollte. Ich trainierte meinem Kind ein ordentliches Schlafverhalten an. Ich redete nur noch in Ich-Botschaften. Ich bin dankbar für einige der Bücher, die mich aus mancher Notlage retteten und mir umsetzbare Tipps für meinen Alltag gaben. Andere Bücher, die Mutterschaft über-idealisierten, ließen mich all meine Unzulänglichkeiten spüren. Das, was ich an den meisten Tagen mit Baby und Kleinkind schaffte, war das nackte Überleben und vor dem Abendessen in Warp-Geschwindigkeit zu duschen.
Mittlerweile sind meine Babys keine Babysmehr, sondern fordernde, eigenwillige, schmutzige Kinder. Und ich habe noch mehr Ratgeber gelesen. Wie meine Kinder Regeln lernen, selbstständig werden und gefördert werden können. Oft war ich nahe der Verzweiflung angesichts der vielen sich widersprechenden Aussagen und komplizierten Systeme. Viele der Methoden, die wir ausprobierten, passten nicht zu uns, nicht zu unseren Kindern. Ich merkte: ich kann mir den Umgang mit meinen Kindern nicht anlesen. Vor Kurzem habe ich alle meine Ratgeber auf ein einsames Regal im Arbeitszimmer verbannt.
Stattdessen verlasse ich mich neuerdings auf mein Bauchgefühl und meinen Mutterinstinkt. Die wurden von den Büchern so sehr an den Rand gedrängt, dass ich erst neu lernen muss, meiner inneren Stimme zu vertrauen. Letztens las ich einen treffenden Satz von Thomas Carlyle: „Bevor der Kopf sehen kann, sieht das Herz schon längst.“ Mir ist es mittlerweile egal, was ein vierjähriges Kind können muss. Und ich rede auch nicht mehr ausschließlich in Ich-Botschaften. Manchmal rede ich sogar erschreckenderweise wie die Prusseliese in Pippi Langstrumpf.
Ich möchte als Mutter ich selbst bleiben. Mein großer Leitfaden heute ist mein Instinkt. Und Jesus. Die Masse an Ratgebern hatte mich verunsichert und trotzdem brauche ich einen, der mir Rat schenkt. Die Lehren von Jesus sind der Ankerplatz für meine Unsicherheiten und er selbst ist Abladeplatz für meine Unzulänglichkeiten. Das, was ich von Jesus lerne, ist immer mit Gnade und Einfühlsamkeit, mit Loslassen und Anleitung zum Selbstständigwerden verbunden. Und wenn mir mal wieder alles über den Kopf wächst, dann meine ich, Jesus flüstern zu hören: „Tief durchatmen, nimm einen Krimi und lass es dir gut gehen.“
Veronika Smoor aus Waldbach bei Heilbronn ist zweifache Mutter, Hausfrau und Ehefrau aus Überzeugung. Nebenbei arbeitet sie als Fotografin aus Leidenschaft. Ihren Mütter-Alltag verarbeitet sie in ihrem Blog: http://smoorbaer.wordpress.com.
Was ist Ihre Meinung zu dem Thema? Wie Rat(gebet)-liebend sind Sie?
„Jetzt bin ich mal dran!“
Wenn Ehepartner einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen finden, sind sie glücklicher. Das muss aber erst einmal gelingen …
Bestimmt passiert das in Ihrer Ehe nicht: Unter Stress geraten meine Frau und ich ins Aufrechnen. In verantwortungsschweren Worten schildere ich meinen Einsatz für die Steuererklärung, das Auto, Reparaturen und PC-Probleme. Myriam kontert mit ihrem größeren Anteil an der Hausarbeit, dem Besorgen von Kinderkleidung, Geschenken und Schulsachen.
Nach dieser Eröffnung werfen wir die Vorteile in den Ring, die sich aus unseren unterschiedlichen Begabungen ergeben. Ich bin etwas effektiver, wofür ich schnell Beispiele finde, von denen Myriam profitiert. Daran knüpfen sich allerdings Situationen, die mir Myriams größere Ausdauer vor Augen führen. Wenn diese Runde ausgekämpft ist, legen wir harte Bandagen an, die auf das Gewissen des anderen zielen.
Dann beschreibe ich Tätigkeiten, die mich frustrieren, und Situationen, in denen ich für die Familie zurückstelle, was für mich schön und wichtig ist. Aber auch Myriam kann leistungsmasochistische Verdienste für sich in Anspruch nehmen. Schlauer sind wir nach solchen Auseinandersetzungen nicht. Sie laufen eigentlich immer nach demselben Schema ab. Sie zeigen aber, wie wichtig uns Gerechtigkeit in unserer Beziehung ist.
Es gibt wohl keinen Blick auf die Liebe, der nüchterner ist als der sozialpsychologischer Paarforscher. Liebe – so die Theorie des sozialen Austauschs – bedeutet einen Austausch von Ressourcen: Informationen, Status, Zuneigung, Dienstleistungen, Güter und Geld. Muss man sich in einen solchen Ansatz vertiefen? Man müsste es nicht, würden Liebesbeziehungen nicht sehr sensibel auf Ungerechtigkeit reagieren. Gerechtigkeit zeigt sich Paarforschern als wichtiger Baustein einer tragfähigen Paarbeziehung.
Glücksformel Ausgewogenheit
Ausgewogenheit in Paarbeziehungen wird mit einem einfachen Ansatz erforscht. In einem ersten Schritt werden Paare nach dem Geben und Nehmen in ihrer Beziehung befragt. Manche Studien fragen nach dem Gesamteindruck, andere durchleuchten bis zu 24 verschiedene Bereiche der Beziehung, in denen Geben und Nehmen eine Rolle spielt.
In einem zweiten Schritt suchen die Paarforscher nach Größen, auf die Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit einen Einfluss haben könnten: die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, das Gefühlsleben, die Sexualität und die Trennungsrate. Tatsächlich finden sich viele Zusammenhänge: Paare, die ihre Beziehung als ausgewogen erleben, sind zufriedener mit ihrer Partnerschaft, erleben mehr positive Gefühle und weniger Ärger.
Sogar auf die Sexualität wirkt sich Ausgewogenheit aus, die erleben Paare im Schnitt als erfüllter, wenn ihr Geben und Nehmen sich ausgleicht. Überraschenderweise ist auch der Partner unzufrieden mit der Beziehung, der von sich sagt, dass er mehr nimmt, als er gibt. Das mag daran liegen, dass Geben genauso zum Glück beiträgt wie Nehmen, außerdem können sich an der Unausgewogenheit Konflikte entzünden.
Schließlich kann Unausgewogenheit auch zur Gefahr für die Liebe werden. Paare, die ihre Beziehung unausgewogen finden, blicken weniger optimistisch in die gemeinsame Zukunft und trennen sich häufiger. In unausgewogenen Beziehungen gehen Partner häufiger fremd und zwar meist diejenigen, die mehr geben als nehmen.
Offenbar sind Menschen von Natur aus mit einem Gespür für Gerechtigkeit ausgestattet und mit einem Bedürfnis nach fairen Beziehungen. Unausgewogenheit löst negative Gefühle aus und lässt die Beziehung weniger wertvoll erscheinen. Weil Gerechtigkeit ein so wichtiger Baustein für das Liebesglück ist, verdient sie ein besonderes Augenmerk. Die folgenden Anregungen können helfen, Gerechtigkeit zu stärken und mit einem Rest an Ungerechtigkeiten zu leben.
Den anderen erwischen, wie er mir etwas Gutes tut
So heißt eine Übung, die zum Standardprogramm verhaltenstherapeutischer Paartherapie gehört: aufmerksam wahrnehmen und aufschreiben, was der Partner alles tut, das angenehm, beglückend und hilfreich ist. Je bewusster ich wahrnehme, was mir meine Frau alles schenkt, desto mehr habe ich davon und desto mehr Punkte gehen in meine Beziehungsbilanz ein. Ein Beispiel dafür ist die Verteilung der Hausarbeit, ein Politikum der Geschlechtergerechtigkeit, das gut erforscht ist.
Unbestritten ist, dass Frauen auch dann den größeren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn beide berufstätig sind. Interessant ist aber auch der folgende Befund: Wenn man ein Paar fragt, wie viel Prozent der Hausarbeit jeder erledigt und die beiden Angaben addiert, kommt man auf mehr als 100 %.
Frauen wie Männer überschätzen ihren Anteil an der Hausarbeit. Diesen Effekt dürfte es auch auf anderen Ebenen geben: Der eigene Einsatz steht einem deutlicher vor Augen als der des Partners. Hier kann das Aufrechnen eine positive Wendung bekommen: ein wertschätzendes Aufzählen dessen, was der Partner in die Liebe und in das gemeinsame Leben investiert. Wie wichtig die Wertschätzung ist, zeigt ein Befund, der aus männlicher Sicht zwar peinlich, aber entlastend ist: Es schadet der Liebe nicht, wenn der Mann im Haushalt etwas schuldig bleibt, solange er die Hausarbeit der Frau schätzt und lobt.
[…]
Sie möchten den ganzen Artikel lesen? Dann bestellen Sie sich family jetzt kostenlos als Test-Abo und erhalten Sie die aktuelle Ausgabe gratis.
Jörg Berger ist Psychotherapeut in Heidelberg.
„Dumm und faul“: Jedes vierte Kind wird geschlagen und beschimpft
Gewalt ist für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland normal. Vor allem in sozial schwachen Familien gehören Missachtung und Ohrfeigen oft zum Alltag. Große Sorge bereitet Experten aber auch die wachsende Gruppe der „Piesacker“.
Fast jedes vierte Kind wird einer neuen Studie zufolge von Erwachsenen geschlagen. Insgesamt 22,3 Prozent der Befragten zwischen sechs und 16 Jahren erlitten oft oder manchmal körperliche Gewalt durch Erwachsene, heißt es in einer am Montag in Berlin vorgestellten Studie der Universität Bielefeld. Gewalt sei in Deutschland für viele Heranwachsende erschreckender Alltag. Kinder ab sechs Jahren seien dabei öfter betroffen (28 Prozent) als Jugendliche (17 Prozent).
Auffällig sei, dass Gewalt ein in allen Schichten verbreitetes Phänomen sei, sagte Professor Holger Ziegler von der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld. Jedoch würden Kinder in schwierigen sozialen Verhältnissen häufiger und heftiger geschlagen.
Insgesamt 32,5 Prozent der sozial benachteiligten Kinder zwischen sechs und elf Jahren geben an, oft oder manchmal von Erwachsenen geschlagen zu werden, davon rund 17 Prozent so heftig, dass sie blaue Flecken haben, sagte Ziegler. Bei den durchschnittlich bis privilegiert gestellten Kindern kommt das mit 6,6 beziehungsweise 1,4 Prozent dagegen weitaus weniger vor.
Interessant sei auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Eltern und Kindern besonders in den privilegierten Schichten, sagte Ziegler. Weniger als ein Prozent dieser Eltern gaben zu, ihr Kind in der vergangenen Woche geohrfeigt zu haben, ein Wert, der sich mit den Aussagen der Kinder (23 Prozent) nicht deckt. Bei den sozial schwachen Eltern räumten immerhin 14 Prozent Gewalttätigkeiten ein.
Ein großes Problem seien auch Missachtungs- und Mobbingerfahrungen, sagte Ziegler. Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen (25,1 Prozent) berichten davon, von Erwachsenen als „dumm“ oder „faul“ beschimpft zu werden. Besonders Kinder aus sozial schwachen Familien (45 Prozent) fühlen sich zudem in der Schule von Lehrern schlechter behandelt als ihre privilegierten Mitschüler. Von denen teilen nur 22,6 Prozent diese Erfahrung.
Sozial schwache Schüler werden auch häufiger gemobbt. Über 70 Prozent geben an, gehänselt zu werden, bei den privilegierten sind es rund 60 Prozent. „Insgesamt kann man sagen, je schwächer Kinder sozial sind, desto stärker sind die Mobbingerfahrungen“, sagte Ziegler. Missbrauchs- und Mobbingerfahrungen wirkten sich stärker als körperliche Gewalt auf den Umfang von emotionalen Problemen, das Wohlbefinden und das Selbstvertrauen aus, warnte er.
Bei der Typisierung der Kinder, die mit Gewalt zu tun haben, bereiten dem Erziehungswissenschaftler „die Piesacker“ die größten Sorgen: Diese seien zumeist Jungen aus privilegierten Verhältnissen, mit einem guten Verhältnis zu ihren Eltern, überdurchschnittlich ausgeprägtem Selbstbewusstsein und trotzdem einem hohem Maß an eigener Gewalttätigkeit. Ihr Anteil liegt laut Ziegler derzeit bei rund 16 Prozent – mit wachsender Tendenz. Die „Piesacker-Haltung“ sei erfolgsorientiert und deswegen gesellschaftlich weit verbreitet: „Man muss sehen, wo man bleibt und der Erfolg gibt einem Recht.“
Der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerkes „Die Arche“, der Berliner Pastor Bernd Siggelkow, berichtete von seinen eigenen Praxiserfahrungen. Demnach habe es in den vergangenen Jahren „eine extreme Zunahme der Gewalt unter Kindern und Jugendlichen“ gegeben. Nichtige Anlässe reichten oft aus, um eine Schlägerei anzuzetteln. „Kinder, die immer unterdrückt und gereizt werden, reagieren irgendwann selber nur noch mit Gewalt“, warnte Siggelkow.
Für die „Gewaltstudie 2013 – Gewalt- und Missachtungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen heute“ befragten Wissenschaftler knapp 900 junge Menschen in Berlin, Köln und Dresden. Die Ergebnisse seien somit repräsentativ, hieß es. Entstanden ist die Studie im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung, die seit 2008 Förderprogramme für sozial benachteiligte Kinder finanziell unterstützt.
Quelle: epd
Knapp die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland lebt in Familien
Im Jahr 2011 lebte knapp die Hälfte (49 %) der Bevölkerung in Deutschland in Familien. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anlässlich des Internationalen Familientages am 15. Mai 2013 weiter mitteilt, war dieser Anteil vor 15 Jahren, also 1996, noch deutlich höher. Damals lag er bei 57 %. Basis dieser Ergebnisse ist der Mikrozensus, die größte jährliche Haushaltsbefragung in Deutschland und Europa. Als Familienmitglieder gelten hier Mütter und/oder Väter (auch Stief-, Pflege- oder Adoptiveltern) und die mit ihnen in einem Haushalt zusammen lebenden minder- oder volljährigen Kinder.