Ausraster, Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle: Das innere Kind bringt die Harmonie zwischen vielen Ehepartnern durcheinander. Psychotherapeutin Melanie Schüer erklärt die Zusammenhänge.
„Tut mir leid, ich weiß auch nicht, warum ich mich so aufgeregt habe. Irgendwas hat mich daran total getroffen … aber es ist nicht deine Schuld“, murmelt Lea. Wieder mal ist sie ziemlich wütend geworden in einer Situation, die so ähnlich immer wieder für Konflikte sorgt.
„Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich bei meinen Ausrastern, als wäre ich vergessen worden.“ Und tatsächlich: Gerade hat ihr Mann den Käse vergessen, den sie gern morgen zum Frühstück genossen hätte. Ihr Sohn hat gestern nicht daran gedacht, ihren Brief zur Post zu bringen, und ihre beste Freundin hatte sich nicht, wie angekündigt, gemeldet. In all diesen Situationen hatte Lea übertrieben wütend reagiert – eigentlich unreif, kindlich. Tatsächlich wecken diese Situationen Dinge in Leas Biografie, die das innere Kind betreffen.
Innerer Erwachsener – inneres Kind
Manchmal nehmen wir Menschen in uns verschiedene Stimmen wahr. Das ist die normale Tatsache, dass jeder Mensch verschiedene innere Anteile besitzt. Diese hängen auch mit unseren unterschiedlichen Rollen zusammen, die wir im Alltag einnehmen – zum Beispiel der Rolle als Freundin, als Partner, als Mutter, Vater, Angestellter oder als Schülerin.
Zwei sehr gegensätzliche innere Anteile sind das sogenannte ‚Erwachsenen-Ich‘ und das ‚innere Kind‘. Wenn wir sicher in der Rolle als Erwachsene agieren und uns dem, was uns begegnet, gewachsen fühlen, dann ist das Erwachsenen-Ich in uns besonders präsent. Wir fühlen uns dann souverän, selbstsicher und kompetent. Diese Gefühle sind stärker als Ängste, Sorgen oder Selbstzweifel. Es ist buchstäblich der erwachsene, reife Teil in uns – man könnte auch sagen, „die Stimme der Vernunft“. Das mag positiv klingen, beinhaltet aber auch negatives Potenzial wie Perfektionismus und Verlust von Lebensfreude. Wer immer nur auf den inneren Erwachsenen hört, schwächt oft wichtige Aspekte des Lebens wie Fantasie, Unbeschwertheit, Freude oder Spontaneität.
In diesen Zuständen kommt ein anderer Anteil besonders stark zum Vorschein: unser inneres Kind. Es kann uns befähigen, das Leben zwischendurch leicht zu nehmen und zu genießen. Wir können herumalbern und völlig im Moment sein. Gleichzeitig sind mit dem inneren Kind auch bestimmte negative Erfahrungen verbunden. Wenn das innere Kind in uns stark wird, dann kann es passieren, dass wir uns unzulänglich, gedemütigt, abgelehnt, hilflos oder belächelt fühlen. Diese Gefühle hängen mit Erfahrungen aus unserer Kindheit zusammen, die natürlich individuell unterschiedlich sind. Sie werden in Momenten wach, in denen wir an Situationen aus unserer Kindheit erinnert werden – oft sprechen wir dann von „Triggern“. Es fühlt sich an, als wären wir in die Situation von früher zurückversetzt. So wie Lea, die in Trigger-Situationen ein Muster erkennt, dass sie sich fühlt wie die kleine Lea in bestimmten Momenten.
Grundüberzeugungen auf der Spur
Prägende und wiederkehrende Erfahrungen in der Kindheit führen zur Entwicklung fester Grundüberzeugungen. Das sind Glaubenssätze, die unbewusst unsere Sicht auf uns selbst, andere Menschen und Situationen formen, zum Beispiel:
- Wenn ich nicht alles perfekt mache, werde ich nicht akzeptiert.
- Wenn ich anders als andere bin, werde ich zurückgewiesen.
- Egal, was ich tue, es ist nie genug.
- Meine Meinung und Wünsche zählen nicht.
- Ich muss alles kontrollieren, weil ich sonst nicht sicher bin.
- Die anderen können alles besser.
Selbstverständlich gibt es auch positive Überzeugungen, zum Beispiel „Ich kann etwas leisten!“ oder „Meine Meinung zählt etwas!“. Aber in Krisen und Problemen, insbesondere in der Paarbeziehung, bekommen die negativen Grundüberzeugungen stärkeres Gewicht. Das liegt daran, dass wir uns in einer Paarbeziehung besonders öffnen und dadurch verletzlich machen und an unser Gegenüber Bedürfnisse und Erwartungen herantragen, die denen eines Kindes gegenüber den Eltern ähneln.
Lea könnte die negative Grundüberzeugung so formulieren: „Ich werde oft vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Lea wuchs bei ihrem alleinerziehenden Vater auf, der völlig überfordert war. Oft vergaß er, Lea etwas zu essen vorzubereiten oder sie vom Kindergarten abzuholen. Sie erinnert sich genau, dass sie oft als letztes Kind wartete, während ihr Erzieher versuchte, den Vater zu erreichen. Wenn Lea ihren Vater dann weinend begrüßte, nahm er sie nicht ernst: „Mach doch nicht so ein Theater. Ich komme doch immer!“ Irgendwann mischte sich Leas Traurigkeit mit Wut. Diese Wut über das Verhalten ihres Vaters konnte das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ein wenig abschwächen. Und genau diese Gefühle kommen auch jetzt wieder hoch, wenn sie sich vergessen und nicht wertgeschätzt fühlt.
Das innere Kind und die Paarbeziehung
Solche negativen Grundüberzeugungen aus der Kindheit mit den dazugehörigen Gefühlen wie Scham, Angst, Traurigkeit, Wut, gepaart mit Verhaltensweisen wie Konfliktvermeidung, übertriebener Anpassung oder mangelnder Offenheit haben einen enormen Einfluss auf die Paarbeziehung.
Im Paar-Alltag entstehen immer wieder Situationen, die uns unbewusst an Erlebnisse aus der Kindheit erinnern. Die Ähnlichkeit der Situation (zum Beispiel eine frustrierte Reaktion meines Partners, weil ich etwas nicht schaffe) kann die vertrauten Denkmuster, Gefühle und entsprechende Verhaltensweisen auslösen, zum Beispiel, wenn Lea ihren Mann anschreit, weil sie sich in diesem Moment wieder wie die kleine, vergessene Lea fühlt, sie von Traurigkeit überwältigt ist und mit Wut reagiert.
Diese Dynamik kann Konflikte immer wieder befeuern, weil beide Partner nicht verstehen, was eigentlich gerade passiert. Scheinbar kindische, unreife Verhaltensweisen treten immer wieder auf, denn handlungsleitend ist in diesen Fällen tatsächlich das innere Kind!
Das innere Kind auf frischer Tat ertappen
Um diese Zusammenhänge zu erkennen, ist es wichtig zu verstehen, welche Situationen zu Konflikten führen. Welche Muster sind erkennbar? Was haben die letzten Konfliktanlässe, an die Sie sich erinnern, gemeinsam? Was sind Themen, die ähnlich sind – zum Beispiel Äußerung von Kritik, Umgang mit Verschiedenheit, Einstellungen zu bestimmten Fragen wie Haushaltsführung, Finanzen, Alltagsgestaltung. Meist kommen schnell Muster zum Vorschein und zeigen an, was Ihr inneres Kind oder das Ihres Gegenübers triggert.
Dann gilt es, ein wenig in der Zeit zurückzureisen: Inwiefern kennen Sie dieses Thema beziehungsweise ähnliche Situationen aus Ihrer Kindheit? Was haben Sie damals empfunden? Was war damals belastend und stressig? Was hat Sie verletzt, beschämt, wütend gemacht oder geängstigt?
Das innere Kind beruhigen
Wichtig ist, in so einem Reflexionsprozess das innere Kind nicht einfach beiseitezuschieben. Das wäre auf Dauer nicht hilfreich. Denn das innere Kind meldet sich an ähnlichen Stellen wieder, weil dieses Thema in der Kindheit nicht ausreichend verarbeitet werden konnte. Es gilt daher, die Verletzung des inneren Kindes ernst zu nehmen und wie ein liebevoller Erwachsener mit Verständnis zu reagieren.
Es klingt vielleicht komisch, aber hier hilft ein wenig Kopfkino. Stellen Sie sich sich selbst als Kind in einer belastenden Situation vor, an die Sie sich noch erinnern können. Und dann gehen Sie in Ihrer Fantasie als heutiges, erwachsenes Ich auf Ihr jüngeres Ich zu und blicken es freundlich an. Sagen Sie ihm das, was Sie damals schon hätten hören müssen. Sprechen Sie ihm Mut und Trost zu und erklären Sie, dass die Situation heute anders ist als damals. Wenn Sie offen dafür sind, stellen Sie sich auch gerne vor, wie Sie sich dem inneren Kind zuwenden, es trösten und stärken.
Grundüberzeugungen verändern
Der nächste Schritt ist die Frage, welche Grundüberzeugung hinter dem Konflikt stehen könnte – im Beispiel von Lea: „Ich werde vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Welche Erfahrungen haben zu dieser Überzeugung geführt – und welche anderen, positiven Erfahrungen und Erkenntnisse stehen dagegen? Sammeln Sie Argumente, was gegen die Wahrheit dieser Überzeugung spricht. Und wenn sie der Realität nicht standhält, dann formulieren Sie – am besten schriftlich – eine positive, realistische Grundüberzeugung – wie beispielsweise „Ich bin Gott so wichtig, dass er sogar die Zahl der Haare auf meinem Kopf kennt. Ich bin mir selbst wichtig. Und es gibt Menschen, denen ich wichtig bin, wie …“
Vergegenwärtigen Sie sich die positiven Sätze immer wieder, um neue Denkpfade zu prägen, die Ihre Wahrnehmung prägen und zur Realität werden. Womöglich fühlt sich das anfangs künstlich an – das ist normal, denn Ihr Gehirn hat ja jahrelang das Gegenteil gedacht! Geben Sie dem Training also etwas Zeit.
Nicht alles geht in Eigenregie
Vieles können wir selbst durch Reflexion erreichen. Manche Prozesse brauchen aber Begleitung und Hilfe. Einige Grundüberzeugungen sitzen so tief, haben eine so destruktive Wirkung, manche Erfahrungen unseres inneren Kindes waren so massiv, dass eine Aufarbeitung allein nicht gelingt. Ein freundliches, professionelles Gegenüber macht einen großen Unterschied und kann einen sehr heilsamen Prozess in Gang bringen.
Melanie Schüer ist Mutter von zwei Kindern und berufstätig als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin im Osnabrücker Land. In Freundschaften und ihrer Paarbeziehung stößt auch sie immer wieder auf ihr inneres Kind.
Was uns wichtig ist
Erwachsene Kinder haben einen anderen Blick auf die Welt als ihre Eltern. Trotzdem können wichtige Werte noch weitergegeben werden.
Wir sind mit unserem erwachsenen Sohn und seinen zwei Kumpels zusammen in Italien im Urlaub. Eine schöne Zeit für uns: Wir sehen, wie diese drei jungen Erwachsenen ihren Tag planen, wie sie miteinander umgehen und wie sie diskutieren und die Welt sehen. Dabei stellen wir fest, dass sich unser Blick auf die Welt von ihrem unterscheidet. So diskutieren wir unter anderem darüber, wieso sich die Freunde unseres Sohnes nicht ehrenamtlich engagieren. Oder wieso sie den Klimawandel für sich als gegeben annehmen und nicht mehr kämpfen.
In einem kurzen Moment in der Küche nimmt mein Sohn mich in den Arm und sagt: „Na, Mama, du merkst, ihr habt einiges richtig gemacht. Wir haben als Kinder immer gelernt, wie wichtig es ist, sich in andere zu investieren. Und mir fällt das gar nicht schwer!“ Können wir am Leben unserer Kinder sehen, welche Werte Bestand haben? Können wir sogar nach der prägenden Familienphase noch Werte weitergeben?
In den Teenager-Jahren und der ersten Zeit als junge Erwachsene werden viele Werte aus dem Familienleben von den Heranwachsenden überprüft. Dabei gehen sie in Distanz zu ihren Eltern und betrachten deren Leben kritisch. Das beginnt mit den Mahlzeiten und dem Freizeitverhalten, richtet sich darauf, wie man sich kleidet oder einrichtet und reicht bis hin zu großen ethischen Themen und Debatten. Nicht selten haben mein Mann und ich diese Diskussionen als Erschütterungen wahrgenommen: „Eben fandet ihr doch alles noch gut und jetzt …?“ Mir hat es geholfen, mich den Auseinandersetzungen mit unseren Kindern zu stellen, um in ihrer Nähe zu bleiben – auch wenn es wehtat. Umso mehr begeistert es mich, wenn ich an ihrem Handeln plötzlich entdecke: Da schimmert ein Wert durch, der meinem Mann und mir auch wichtig ist.
Kleine T-Rex-Ärmchen
Werte sind eine Art innerer Kompass. Werte legen den Grundstein dafür, wie wir leben und arbeiten. Sie sind Grundprinzipien für das Miteinander und legen Eigenschaften und Ideale fest. Bei all der Schnelllebigkeit heutzutage geben Werte eine Grundausrichtung vor, eine Art roten Faden, der Kräfte bündelt und dabei hilft, die eigenen Grundsätze nicht aus den Augen zu verlieren. Meine Werte bieten mir die Möglichkeit, wie bei einem Sandkasten meine Handlungen, Ideen oder Möglichkeiten durch ein Sieb zu geben und die wichtigsten Dinge herauszufiltern. Dazu gehören für mich die klassischen christlichen Werte. Als Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird (Markus 12,28 ff), stellt er ein Beziehungsgeflecht vor, das von Wertschätzung, Respekt und Achtung lebt: „Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Immer wieder hat uns diese Schablone motiviert, von uns weg zu sehen. Das ist ein Blick, den wir besonders mit den erwachsenen Kindern brauchen. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie liebevoll sie ihre Geburtstagsessen dekorieren, wie sie Waffelbacktage veranstalten, wie sie für jemanden da sind oder die Schulden des anderen bezahlen. Das sind Werte, die sie durch das Leben mit uns mitbekommen haben.
Werte sind in unserer Familie immer wieder Thema. Wir freuen uns darüber, wie die anderen sich entwickeln. Wir sehen uns gern und stellen uns dabei immer wieder einer gemeinsamen Reflexion. Das haben wir schon gemacht, als die Kinder im Kindergartenalter waren. Bis heute wird erst zwinkernd gefrotzelt: „Na, Mama, hast du wieder eine pädagogische Übung für uns?“ Trotzdem erleben wir diesen Wert des qualitativen Austausches. Und ich sehe daran, wie sie ihre Freundschaften gestalten, dass sie sich bemühen, auf die Bedürfnisse des anderen zu achten und in eine Reflexion mit dem anderen kommen. Es ist schön und spannend zu sehen, wie unsere Werte in ihrem Leben präsent bleiben, sich aber auch verändern. Wenn wir zum Beispiel über das Schlafverhalten von Babys oder vegane Ernährung diskutieren oder über eigenständiges Handeln mit Aktien, ohne einen soliden Bankberater hinzuzuziehen, verwandle ich mich in einen kleinen Dinosaurier. Ich rudere empört mit den kleinen T-Rex-Ärmchen und fühle mich manchmal ungerecht behandelt.
Ins Gespräch kommen
Als wir mit den Freunden unseres Sohnes im Italienurlaub darüber reden, blickt mich einer von ihnen ernst an und sagt: „Meine Eltern haben mit uns nie über so etwas geredet. Das sind Gedanken, die ich mir heute zum ersten Mal mache.“ Manchmal brauchen wir in unserem Familienalltag Hilfe darin, Worte zu finden. Es geht darum, nicht nur einfach zu leben und tatkräftig zu sein, sondern auch darüber zu sprechen. Warum höre ich der Nachbarin am Gartenzaun zu? Warum bemühe ich mich, den Müll zu trennen? Warum finde ich es wichtig, zu spenden? Warum verteidige ich meine Kinder oder spreche liebevoll über meinen Ehemann? Es ist nie zu spät, diese Diskussion aufleben zu lassen. Dabei kann es herausfordernd sein, wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt und das Gespräch scheinbar zum Erliegen kommt. Mir hilft es, Fragen zu stellen: Warum möchtet ihr kein Auto haben? Weshalb hast du dich gegen die Mitarbeit in der Kirchengemeinde entschieden? Gibt es eine gesellschaftliche Entwicklung, die dir gerade Sorgen macht? Bist du jemandem in den letzten Wochen eine Hilfe gewesen? So bleiben Werte in Kopf und Herz.
Vor ein paar Tagen saß ich in einem Gottesdienst neben einem alten Mann. Er stützte sich auf seinen Rollator, hörte zu, sang aber nicht mit. Nach dem Gottesdienst habe ich mich ihm zugewandt, weil ich nicht unfreundlich sein wollte. Ich hörte an seinem Akzent, dass er nicht in dieser Region geboren ist und erfuhr, dass er seit 55 Jahren zu dieser Gemeinde gehört. Nach ein bisschen Erzählen wusste ich, dass er 44 Enkel und zehn Urenkel hat. Dass er und seine Frau jeden Tag mit einem dieser Enkel telefonieren und für zwei dieser Enkel und Urenkel beten. Dass sie von allen wissen, was sie gerade tun und brauchen, und dass sie versuchen, an ihrem Leben Interesse zu zeigen. Beim Zuhören flossen mir die Tränen. Was für ein großartiges Geschenk! Was für ein Reichtum! Ich hoffe, dass die Enkel dieser Familie diesen Wert schätzen können und ihn weitergeben: Interesse am anderen zu haben.
In Italien haben wir unter anderem darüber gesprochen, dass mein Mann und ich uns wünschen, dass die junge Generation idealistischer wird. Vielleicht beginnt es damit, dass wir unsere Ideale prüfen und weiter vorleben, sichtbar werden lassen und so diese Werte stetig ins Gespräch bringen.
Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Göttingen.
Liebesbeweis: So signalisieren Sie echtes Interesse
Wenn wir einen Gesprächsfaden wieder aufnehmen, zeigen wir unserem Gegenüber echte Wertschätzung. Beziehungsexperte Marc Bareth verrät, wie dieser Liebesbeweis gelingt.
„Ich habe mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, was dich an meiner Unordnung stört.“ Dieser Satz ist ein Liebesbeweis. Er ist wertvoller als die teure Halskette zum letzten Valentinstag. Mit diesem Satz nimmt jemand den Faden wieder auf, der liegen geblieben ist.
Interesse oder Vermeidung
Wer den Faden wieder aufnimmt, zeigt damit, dass ihm das Anliegen seiner Partnerin wichtig ist. Und damit immer auch, dass sie ihm wichtig ist.Wenn ich also frage, wie denn heute das klärende Gespräch mit dem Arbeitskollegen gelaufen ist, das dir gestern Abend noch Kopfzerbrechen bereitet hat, dann ist das mehr als nur eine Frage. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass ich mich für dich und deine Welt interessiere. Das ist ein starker Liebesbeweis. Leider gilt auch das Umgekehrte. Wenn du die Bedenken nicht nochmals aufnimmst, die deine Partnerin zum Beispiel bezüglich eures Sexlebens geäußert hat, wird sie dir das vielleicht noch als Vergesslichkeit auslegen. Oder als Vermeidung unangenehmer Themen. Aber wenn wir den Faden Mal für Mal nicht wieder aufnehmen, ändert sich die Interpretation des Gegenübers ziemlich schnell. Es wird uns dann als Desinteresse nicht nur an der Sache, sondern auch an der Person selbst ausgelegt.
Erinnerungshilfen schaffen
Ohne es zu wollen, senden wir damit die Botschaft, dass uns der andere nicht wichtig ist. Und weil diese Botschaft elementar bedrohlich ist, aktiviert sie bei unserem Gegenüber einen Teil des Gehirns, der für den Umgang mit massiven Bedrohungen zuständig ist. Dieses Hirnareal ist zu keiner differenzierten Reaktion fähig, es kennt nur Kampf, Flucht und Erstarrung. Das mag hilfreich sein, wenn die Bedrohung ein wilder Säbelzahntiger ist, aber nicht, wenn der Partner den Faden schon wieder nicht aufgenommen hat. Deshalb ist es so wichtig, den Faden immer wieder aufzunehmen und Themen, die noch nicht zu Ende besprochen wurden oder sich weiterentwickelt haben, proaktiv wieder aufzugreifen. Zum Beispiel so: „Vor ein paar Wochen hast du gesagt, dass du dich von mir oft kritisiert fühlst und dir mehr Wertschätzung wünschst. Hat sich das in der Zwischenzeit verbessert oder fühlt es sich für dich immer noch so an?“
Wer sich damit schwertut, sollte sich nicht scheuen, Erinnerungshilfen einzusetzen. Wenn ich einen Arzttermin habe oder bei einem Mitarbeiter nachfragen möchte, wie ein für das Projekt wichtiges Meeting gelaufen ist, trage ich das auch in meinen Kalender ein und setze mir eine Erinnerung. Gerade weil es mir wichtig ist, benutze ich Tools, damit es nicht untergeht. Warum also nicht auch, um den Faden in meiner Partnerschaft wieder aufzunehmen?
Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five
7 Tipps, damit die Partnerschaft lebendig bleibt
Der Partner fürs Leben – das ist der Anspruch, mit dem wir in die Ehe gehen. Aber im Alltag geht dieses Ideal schnell unter. Was macht glückliche Ehen aus?
Es war ein Novembertag in Paris, als er niederkniet und die Frage aller Fragen stellt. „Jaaaaa!“, antworte ich. Er steckt mir einen Ring an. Wir küssen uns, lachen erleichtert. Nur wenige Schritte entfernt erfüllt ein Straßenmusiker die Luft mit Geigenklängen. Zu unseren Füßen liegt Paris mit seinen verwinkelten Gassen und unendlichen Möglichkeiten – wie ein Spiegel unserer gemeinsamen Zukunft.
Der perfekte Moment
Nicht nur der Moment schien perfekt, sondern auch der Mann an meiner Seite. Mein kleines Herz konnte das große Glück gar nicht fassen, dieses vor uns liegende gemeinsame Abenteuer, das für immer halten sollte.
Niemals zuvor war ich mir einer Entscheidung so sicher wie in jenem Augenblick, auf den Stufen von Sacré-Cœur vor einem Dutzend Jahren. Ja, ich wollte seine Frau werden. Er sollte mein Mann werden. Mein one and only. Der, der besser zu mir passt als alle, die bisher meinen Weg gekreuzt haben. Auch wenn wir beide nicht perfekt sind, füreinander sind wir es – oder werden es jeden Tag ein Stückchen mehr. Und noch immer bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Der Traum von der ewigen Liebe
Der Traum von der ewigen Liebe ist zeitlos – der Wunsch, den einen Partner fürs Leben zu finden, begleitet die Menschheit durch alle Generationen hindurch. Auch heute noch wollen 67 Prozent der „Generation Z“ laut einer österreichischen Jugendstudie einmal heiraten. Kein Wunder, denn die positiven Auswirkungen sind enorm: Glücklich Verheiratete leben zum Beispiel im Durchschnitt vier bis acht Jahre länger als unglücklich verheiratete oder geschiedene Paare. Sie haben mehr natürliche Killerzellen in ihren weißen Blutkörpern und sind dadurch weniger anfällig für Krankheiten.
Die tatsächliche Zahl der Eheschließungen sinkt trotzdem seit 1950 stetig. Das kann an der erschlagenden Auswahl an potenziellen Partnern liegen, die wir dank Internet inzwischen weltweit haben. Aber auch an unseren Erwartungen, die höher sind als je zuvor. Als ich meine Oma fragte, wie sie sich unter ihren Verehrern für meinen Opa entschieden hatte – ich wusste, dass es mehrere Anwärter gab –, antwortete sie: „Er hatte ein Motorrad.“
Ein Motorrad! Das hätte heute bei Weitem nicht gereicht. Wir sehnen uns nach dem einen Menschen, der uns so sehr in seinen Bann zieht, dass uns alle anderen völlig egal sind. Wir träumen von einer Zukunft, in der wir alles teilen, beste Freunde, anregende Gesprächspartner und leidenschaftliche Liebhaber sind. Wir wollen, dass eine einzige Person all unsere oft widersprüchlichen Bedürfnisse erfüllt – sei es Nähe, Freiheit, Verbundenheit und Erotik. Die Psychologin Esther Perel bringt es auf den Punkt: „Heute erwarten wir von einem Partner, was früher ein ganzes Dorf geleistet hat – und wir leben doppelt so lang wie damals.“ Kein Wunder, dass Enttäuschungen kommen, wenn wir uns diese Erwartungen nicht bewusst machen.
Den one and only kann es trotzdem geben, davon bin ich überzeugt und mit mir alle, die heutzutage noch heiraten wollen. Dabei hat das gar nicht so viel mit diesem Jemand zu tun, sondern damit, wie wir ihn oder sie wahrnehmen und behandeln. Der one and only bekommt von uns den Stellenwert, wichtiger zu sein als alles andere in unserem Leben. Diese Person ist die einzige Familie, die wir uns aussuchen können. Wir lieben sie und behandeln sie dementsprechend wie etwas ganz Wertvolles. In den ersten zwei Jahren ist das auch easy, denn da sind wir vollgepumpt mit Liebeshormonen, wie auf Drogen. Wir vergeben kleine Macken, finden sie vielleicht sogar süß. Pendeln sich die Hormone nach geraumer Zeit wieder im Normalbereich ein, stören uns Eigenheiten immer mehr. Zudem haben wir uns an die Gegenwart des Partners oder der Partnerin gewöhnt und nehmen sie oder ihn für selbstverständlich.
Was eine glückliche Ehe ausmacht
Wenn wir das Agieren unseres Partners zudem als persönliche Angriffe empfinden – was selten wirklich der Fall ist –, schleichen sich nach und nach negative Gefühle ein, und die Beziehung gerät in einen Abwärtsstrudel. Wir gehen in Gegenangriff, der Rosenkrieg beginnt: Einer kritisiert, der andere verteidigt sich, findet für jedes Fehlverhalten einen Grund. Wenn der Kritisierende auf seinem Standpunkt beharrt und mit verächtlichen, sarkastischen Bemerkungen reagiert, zieht sich der andere meist stillschweigend zurück. Gar nicht mal böswillig, sondern aus Selbstschutz vor der Flut an negativen Gefühlen, die eine leichte, humorvolle Wendung der Situation unmöglich machen. Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Rückzug: Das sind laut dem Psychotherapeuten John Gottman die vier apokalyptischen Reiter, die das Ende einer Ehe ankündigen. Seit einem halben Jahrhundert erforscht er mit seinem Team im „Liebeslabor“ in Seattle Ehen und liefert beeindruckende Ergebnisse. Nicht nur können sie nach einer kurzen Beobachtungsphase mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % vorhersagen, ob sich ein Paar im Laufe seines Lebens scheiden lassen wird, viel wichtiger: Sie fanden auch heraus, was glückliche Ehen ausmacht. Denn auch glückliche Paare streiten – aber sie haben Strategien, die verhindern, dass Konflikte eskalieren. Kleine Rettungsversuche wie ein humorvoller Kommentar oder eine Entschuldigung wirken wahre Wunder. So kann das Stresslevel im Streit sinken und eskaliert nicht. Aus all seinen physiologischen Messungen und Beobachtungen siebte Gottman sieben Geheimnisse heraus, die glückliche Paare gemeinsam haben. Ich habe mir erlaubt, diese ein bisschen zu würzen:
1. Gefährten
Glückliche Paare sind beste Freunde. Sie wissen, was den anderen gerade beschäftigt, wovon er träumt oder was ihn belastet.
Konkret: Geh nicht schlafen, bevor du weißt, wie es deinem Partner heute erging und was er oder sie erlebt hat. Erwarte stets, dass er/sie dir etwas erzählt, was du so nicht erwartet hast. Falls das nicht der Fall ist, stell kreativere Fragen.
2. Verehrer
Selbst nach vielen Ehejahren bewundern und respektieren glückliche Paare einander und erzählen ihre gemeinsame Liebesgeschichte positiv und detailliert.
Konkret: Behandle deinen Partner so respektvoll wie einen Kunden und gib ihm am Ende des Tages nicht nur deine müden „Reste“. Würdest du mit ihr oder ihm genauso umgehen, wenn dein Chef oder Jesus selbst zu Gast wäre? Merkt der andere, dass er oder sie dir kostbar ist?
3. Cheerleader – oder Anästhesisten
Glücklich Liebende wenden sich einander zu, kommen in der Gegenwart des anderen zur Ruhe und bauen im Gespräch den Stress des Tages ab. Egal, was passiert ist, sie stärken einander den Rücken.
Konkret: Kommt dein Partner bei dir zur Ruhe und kann entspannen? Falls nicht, hilft: Handy weglegen, aktiv mit Augenkontakt zuhören und Verständnis äußern. Dazu eine ordentliche, nicht zu sanfte Massage und der Stress fühlt sich definitiv unwohl.
4. Influencer
Glückliche Paare lassen sich vom anderen beeinflussen und schätzen ihre oder seine Sichtweise und Expertise.
Konkret: Werde selbst zum Traumpartner und zeige dich von deiner besten Seite. Dabei hilft folgende Frage: Bin ich jemand – gesund, produktiv, sauber, großzügig, ehrlich und geduldig –, mit dem man unbedingt zusammenbleiben möchte? Dann ist der andere nämlich mit Sicherheit auch offen für deine Ideen.
5. Harte Weicheikocher
Die nicht lösbaren Konflikte – das sind übrigens zwei Drittel –, die es in jeder Beziehung gibt, lassen glückliche Paare stehen und akzeptieren, dass sie Teil ihres gemeinsamen Lebens sind. Die lösbaren Konflikte lösen sie.
Konkret: Unterstelle deinem Partner NIE eine böse Absicht, höchstens Unachtsamkeit oder Unwissenheit. Dazu gehört auch, nicht aufzurechnen. 50:50 ist eine nette, aber unrealistische Idee von Beziehung, manchmal sind es 100:100, manchmal 80:20, manchmal 30:30 … Das Energielevel schwankt und das ist okay.
6. Diplomaten
Auch bei Konflikten, die zu Patt-Situationen führen, bleiben sie im Gespräch. Sie versuchen, die Grundmotivation des anderen hinter dem Standpunkt zu verstehen, bauen im Gespräch durch Rettungsversuche Stress ab und halten die nicht verhandelbaren Aspekte so gering wie möglich.
Konkret: Oft steckt irgendeine Angst hinter nicht verhandelbaren Standpunkten. Wenn du dazu neigst, ängstlich zu sein, versuche mutiger zu werden und dir häufiger die bestmöglichen Szenarien vorzustellen. Neurotizismus ist einer der wenigen Charakterzüge, die mit einer unglücklichen Ehe einhergehen.
7. Sinnfluencer
Durch Zukunftsträume, Finanzpläne oder Gottmomente im Alltag haben sich glückliche Paare einen gemeinsamen Sinn geschaffen. Wiederkehrende Familienrituale wie das gemeinsame Planen von Kindergeburtstagen oder ein ganz besonderer Ablauf an Heiligabend verbinden und definieren ein Wir-Gefühl.
Konkret: Nehmt euch Zeit und schreibt auf, was ihr in 1/3/10 Jahren besitzen sowie gelernt und erlebt haben möchtet. Dann fangt an, eure gemeinsamen Nenner probezuleben.
Lass dich von dieser Masse nicht erschlagen. Sie soll lediglich als Inspiration dienen, ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet.“ Vieles liegt in deiner Hand und du musst nicht warten, bis sich dein Partner oder deine Partnerin verändert.
Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe.
Einzelfallhilfe für ein autistisches Kind: Eine Mutter nimmt es selbst in die Hand
Um einen Kitaplatz für ihre autistische Tochter zu bekommen, braucht Anja eine Einzelfallhilfe. Als die Suche scheitert, hängt Anja ihren Job an den Nagel und begleitet ihr Kind selbst. Und sie stellt fest: Das ist eine wirklich erfüllende Aufgabe.
Es ist Sommer. Der Wasserspielplatz ist voll mit planschenden Kindern. Ruby liebt Wasser. Immer wieder geht sie zu ihrer Mutter Anja (Namen geändert). Sie soll ihre Hände zu einer Schale formen. In diese gießt Ruby dann Wasser und juchzt vor Freude. Stundenlang könnte sie das so machen. Ruby ist sechs Jahre alt. Mit vier Jahren wurde bei ihr frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Das ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die bei Ruby dafür sorgt, dass sie bisher nicht spricht und im Alltag viel Unterstützung und eine Einzelfallhilfe braucht.
„Ruby braucht Hilfe beim An- und Ausziehen oder wenn sie zur Toilette geht“, sagt ihre Mutter. Der soziale Kontakt mit anderen fällt ihr schwer, sie kann ihre Grenzen nicht einschätzen. Zum Beispiel zieht sie fremden Menschen an ihrer Kleidung oder fasst sie an. Besonders schwer fällt es ihr, Sinneseindrücke zu verarbeiten. Ist es ihr zum Beispiel zu laut oder zu turbulent, zieht sie sich vollständig in sich zurück oder schreit laut. Sie braucht deshalb eine überschaubare Anzahl fester Bezugspersonen und tägliche Routinen, um sich im Alltag zu orientieren.
Nicht erwünscht in der Regel-Kita
Anja ist freie Journalistin, nach der Geburt wollte sie bald wieder arbeiten. Mit neun Monaten kam Ruby zu einer Tagesmutter. Je älter und agiler sie wurde, desto schwieriger wurde es für die Tagesmutter, sie zu betreuen. Wollte sie mit den Kindern beispielsweise malen oder basteln, landeten die Bastelmaterialien regelmäßig auf dem Boden, wurden zerrissen oder in den Mund gesteckt. Es stellte sich heraus: Ruby war entwicklungsverzögert.
Mit vier Jahren sollte Ruby in eine Regel-Kita wechseln. Als die Kita aber von ihrer Diagnose erfuhr, war sie nicht mehr willkommen. „Sie sagten nicht direkt, dass Ruby nicht kommen darf“, berichtet Anja. „Aber sie rieten dringend davon ab. Bei ihnen wäre Ruby nicht gut aufgehoben.“ So erging es Anja und ihrem Mann auch bei der weiteren Suche nach einer Kita für Ruby – überall bekamen sie Absagen. Oft wurden sie auf die örtliche Inklusions-Kita verwiesen. Doch die war keine Option: Mit 34 Kindern waren die Gruppen für Ruby viel zu groß, dort würde sie untergehen. Außerdem stimmte der Gesamteindruck für Anja nicht: „Es wurde hier mehr beaufsichtigt als gefördert. Die Kita wirkte für mich wie ein Auffangbecken für alle Kinder, die aus irgendwelchen Gründen durch das Raster fallen.“
Suche nach einer Einzelfallhilfe
Nach langem Suchen fanden sie endlich eine Kita mit kleinen Gruppen, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Die Erzieherinnen hatten zwar kaum Erfahrungen mit Kindern mit Behinderung, die Leiterin wollte es aber gerne probieren. Anja und ihr Mann waren über diese guten Nachrichten erleichtert. Jetzt brauchten sie nur noch eine Einzelfallhilfe, da Ruby mittlerweile Pflegegrad 4 hatte und ohne Unterstützung nicht in die Kita gehen durfte. Sie suchten also nach einer Person, die Ruby mit dem Auto in die Kita fährt, wieder nach Hause bringt und vor allem in der Kita begleitet. Um zum Beispiel aus der Gruppe mit ihr zu gehen, wenn es ihr zu trubelig wird. Oder um sie auf die Toilette zu begleiten und aufpassen, dass sie nichts durcheinanderbringt.
Gleichzeitig sollte Ruby aber auch bewusst mit anderen Kindern in Kontakt gebracht und individuell gefördert werden. Zum Beispiel sollte sie üben, sich selbstständiger an- und auszuziehen. „Wir waren damals noch sehr naiv“, erzählt Anja, „Wir dachten: Wenn wir eine Einzelfallhilfe haben, dann ist das Problem gelöst. Dann haben wir diese eine Person, die Ruby bei allem unterstützt, das sie braucht.“
Nur noch Stress
Doch so einfach war es nicht: Nach neun Monaten mussten sie die Zusammenarbeit mit der ersten Einzelfallhilfe beenden. Sie weigerte sich zum Beispiel plötzlich, die Fahrten zur Kita und nach Hause zu übernehmen – obwohl das genauso abgesprochen war. Danach blieb Ruby drei Monate zu Hause. Die zweite Einzelfallhilfe bekam nach ein paar Wochen völlig überraschend von der Kita Hausverbot, weil sie nicht ins Team passe. Wieder musste Ruby zu Hause bleiben. Einige Wochen später fanden sie eine Tagesmutter mit älteren Kindern, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Sie war sogar Autismus-Expertin. „Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Anja. Ruby wechselte mit der alten Einzelfallhelferin zur Tagesmutter und gewöhnte sich dort ein. Die Gruppe verbrachte viel Zeit im Wald, die Ruhe und die Reizarmut dort taten Ruby sehr gut.
Bald kam die nächste Enttäuschung: Die zweite Einzelfallhelferin ließ sich wochenlang krankschreiben, auch mit ihr mussten sie die Zusammenarbeit beenden. Eine weitere Einzelfallhelferin wollte an ihrem Probetag Ruby nicht auf die Toilette begleiten, weil ihr das zu unangenehm war. „Die meisten Einzelfallhelferinnen, mit denen wir im Vorfeld gesprochen haben, hatten keine Ausbildung und waren vorher lange arbeitslos gewesen“, erzählt Anja. Es gäbe in diesem Job viele unqualifizierte Quereinsteiger und vielleicht wären ihre Erwartungen an sie auch zu hoch gewesen.
„Die vielen Zeiten, in denen Ruby zu Hause war, haben uns emotional total fertig gemacht“, erzählt Anja. Immer wenn es mit einer Einzelfallhelferin schwierig wurde, konnte sie Nächte lang nicht richtig schlafen und machte sich viele Gedanken. Beide ihre Jobs waren davon abhängig, dass die Betreuung von Ruby funktioniert. Mal blieb ihr Mann zu Hause und ließ sich krankschreiben, damit Anja arbeiten konnte. Doch oft blieb auch Anja zu Hause und versuchte ihre Aufträge nach hinten zu schieben oder am Abend abzuarbeiten. Denn Ruby musste rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Außerdem ist sie kein Einzelkind: Im Haushalt leben noch ihre drei Jahre jüngere Schwester und ihr älterer Bruder, mittlerweile ein Teenager. Dass diese angespannte Situation nicht lange gut gehen konnte, war allen klar. „Irgendwann waren wir so erschöpft und haben gemerkt: Alles leidet darunter. Wir haben nur noch Stress.“
Entspannteste Zeit seit langem
War es denn wirklich ein so schwieriger und undankbarer Job, ihre Tochter in die Kita zu begleiten? Das hatte sich Anja in den letzten Monaten oft gefragt. Eigentlich musste es doch Spaß machen, gemeinsam mit den anderen Kindern in den Wald zu gehen. Immer wenn sie Ruby brachte, fühlte sie sich bei der Tagesmutter und den Kindern sehr wohl. „Irgendwann hat es dann bei mir Klick gemacht“, erzählt Anja. „Mir kam der Gedanke: Warum werde ich nicht einfach selbst Einzelfallhelferin?“ Sie schlug diese Idee der Tagesmutter, dem Sozialamt und dem Träger für Einzelfallhilfe vor – rechnete aber fest mit einer Absage. Denn all ihre bisherigen Lösungsvorschläge wurden immer abgelehnt. Doch zu ihrer Überraschung stimmten alle Beteiligten zu. So wurde Anja im März 2024 die Einzelfallhelferin ihrer Tochter. Leicht fiel ihr es nicht, ihren Job vorübergehend aufzugeben: „Meine Arbeit war mir immer sehr wichtig. Das war ein Riesenschritt für mich.“
Doch schon die ersten Tage genoss sie, es war richtig entschleunigend, berichtet Anja. Sonst saß sie tagsüber am Schreibtisch, schrieb Texte und produzierte Ergebnisse. Jetzt saß sie die meiste Zeit im Wald und war einfach nur da. Ohne dass sie etwas auf einer To-Do-Liste abhaken musste. Im Vergleich zu ihrem sonstigen Familienalltag mit Ruby war der Tagesablauf sehr entspannt. Die Tagesmutter kümmerte sich um Tagesprogramm und -struktur, Anja konnte sich auf Ruby konzentrieren. So wurde auch ihre Beziehung zu Ruby gestärkt: Zeit mit Ruby allein kam im Familien-Alltag mit den anderen Kindern sonst oft zu kurz. Es berührte Anja, wenn sie sah, wie Ruby in die Gruppe integriert wurde. Da Ruby nicht spricht, sollte sie lernen, über Bildkärtchen zu kommunizieren. Beim gemeinsamen Liedersingen suchte sie sich zum Beispiel eine Liederkarte aus, die Kinder sangen dann das Lied für sie.
Ihre Zeit als Einzelfallhelferin brachte Anja eine wichtige Erkenntnis: „Ich konnte nicht verstehen, warum es so schwierig sein soll, mit Ruby regelmäßig zur Tagesmutter zur gehen. Jetzt weiß ich: Es ist ein wirklich schöner Job.“ Ihr sei schon klar, dass sie als Mutter eine spezielle Perspektive hätte, weil sie mit Ruby sehr vertraut sei. Aber trotzdem seien die Rahmenbedingungen nicht schlecht, auch im Vergleich zu ihrer sonstigen Arbeit: „Aufgrund meines Hochschulabschlusses bekam ich 21 € pro Stunde. Vorbereitungsstunden, die ich zu Hause machte, konnte ich mir aufschreiben.“ Zudem sei es ein sehr sinnstiftender Job: Als Einzelfallhilfe könne man einen einzelnen Menschen unterstützen und intensiv kennen lernen.
Endlich willkommen
Seit September 2024 ist Anja wieder in ihren alten Job zurückgekehrt. Ruby besucht nun eine Förderschule, an der Kinder mit Behinderung willkommen geheißen und gezielt gefördert werden. Drei ausgebildete Fachkräfte betreuen sie hier in einer Gruppe mit sechs weiteren Kindern. Zusätzlich hat sie noch eine Einzelfallhelferin, die sie sich mit einem anderen Kind teilt. Ruby fühlt sich hier sehr wohl. Jeden Morgen freut sie sich auf die Schule, erzählt Anja. „Als ich sie morgens hingebracht habe, ist sie jauchzend ins Klassenzimmer gelaufen.“ Und auch wenn Ruby nachmittags gegen vier Uhr wieder zurückkommt, sei sie nach dem langen Schultag erstaunlich ausgeglichen.
Die Förderschule ist eine christliche Schule. Sie selbst sei keine Christin, sagt Anja. Doch schon oft habe sie positive Erfahrungen mit christlichen Einrichtungen gemacht, wenn es um ihre Tochter ginge. Auch die engagierte Tagesmutter, bei der Ruby zuletzt war, ist Christin. „Oft sind das Personen, die jeden Menschen einfach so nehmen wie er ist und ihn willkommen heißen“, stellt Anja fest. Das gehe ihr mit Ruby nicht immer so.
Für die nächste Zeit wünscht Anja sich, dass Ruby weiterhin gerne in die Schule geht und die Einzelfallhilfe bleibt. Denn wenn sie irgendwann mal länger ausfallen sollte, sagt die Lehrerin, müsse Ruby zuhause bleiben. Doch sie versucht gelassen zu bleiben, meint Anja: „Wir haben sehr engagierte Lehrerinnen, die sich für Ruby verantwortlich fühlen und gut mit uns kommunizieren.“ Ruby sei gerade gut versorgt.
Sarah Kröger ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Auf eigenen Füßen – Prüfungsangst überwinden
Elternfrage: „Unser Sohn (21) hat große Prüfungsangst und quält sich durch sein Studium. Wie können wir Eltern ihm helfen, mit der Angst umzugehen?“
Eine Prüfung kann sich bedrohlich anfühlen, schließlich beeinflusst das (Nicht-) Bestehen maßgeblich die Zukunft. Gedanken wie „Ich werde durchfallen! Das schaffe ich nie!“ erzeugen Prüfungsangst. Angst ist zunächst einmal ein normales Gefühl und sichert unser Überleben. Es ist menschlich, sich zu sorgen und zu zweifeln. Sprechen Sie das gern Ihrem Sohn zu: „Du darfst Angst haben! Ja klar, sonst wäre dir dein Studium und deine Zukunft vollkommen egal. Schön, dass du dich so bemühst und dein Bestes geben willst!“
Wie wichtig ist die Prüfung?
Angst entsteht aufgrund von zwei Bewertungen: Die Bewertung der Situation (Wie gefährlich ist diese?) und die Bewertung der eigenen Person (Was habe ich an Fähigkeiten, um die Situation zu bewältigen?). Auf beiden Ebenen lässt sich Druck herausnehmen. Fragen, die Sie dafür Ihrem Sohn stellen könnten: Wie wichtig ist diese Prüfung in zehn Jahren? Erinnerst du dich noch an jedes Prüfungsergebnis in deiner Schullaufbahn? Wenn du 80 Jahre alt bist und auf dein Leben zurückblickst, wirst du nicht über deine Prüfungen sprechen, oder? Die Noten und bestandenen Prüfungen stehen nicht auf dem Grabstein, sie verlieren mit der Zeit Ihre Bedeutung. Das Leben besteht aus mehr als nur aus dem Studium. Es ist ein wichtiger Teil, jedoch gibt es zahlreiche andere Lebensbereiche. Erinnern Sie Ihren Sohn daran, dass er mehr als nur „Student“ ist. Er ist auch guter Freund, vielleicht ein toller Sportler, hat möglicherweise eine funktionierende Partnerschaft, spannende Hobbys und so viel mehr. „Wenn dein Studium nicht klappt, werden wir andere tolle Wege für dich finden.“ – Solche Sätze unterstützen dabei, den Druck loszuwerden.
Verzerrtes Selbstbild
Die Bewertung der eigenen Person ist bei Menschen mit Prüfungsangst oft verfälscht. Das Selbstbild ist durch häufige Eigenkritik, viele Zweifel und schreckliche Versagensszenarien im Kopf sehr realitätsfern. Hier hilft es, an die Erfolge zu erinnern und die Stärken wieder ins Bewusstsein zu holen. Denn bis jetzt hat er auf seinem Lebensweg viele Prüfungen geschafft – sonst wäre er nun nicht im Studium angelangt. Schlussendlich kann man bei Prüfungen nie alles unter Kontrolle haben. Allein die Bewertung hängt von vielen unsicheren Variablen ab. Es hilft, wenn man sich auf das konzentriert, worauf man Einfluss hat. Ihr Sohn kann sich zum Beispiel darauf konzentrieren, alles zu geben, was möglich ist. Er kann die Lernzeiten einhalten und die eigenen Lernziele erreichen. Und er kann sich bemühen, ausgeschlafen, satt und entspannt zu sein.
Übrigens: Nervosität entsteht, wenn wir nicht routiniert sind, weil wir die Situation und uns selbst nicht gut genug einschätzen können. Ein letzter Tipp wäre deshalb auch, sich der Prüfungssituation bewusst auszusetzen und zu Hause zu üben, um sich mehr daran zu gewöhnen.
Sabrina Fleisch ist Psychosoziale Beraterin, Angst- und Stressbewältigungs-Trainerin sowie Bestseller-Autorin.
Midlife Queen
Die Hälfte des Lebens ist schon vorbei? Falsch: Die Hälfte des Lebens liegt noch vor dir! Eine Ermutigung, nach der Kinderphase durchzustarten. Du bist eine Midlife Queen!
Deine To-do-Liste ist immer zu lang und nie abgearbeitet? In deinem Körper zwickt und zwackt es? Dinge, die früher einfach von der Hand gingen, fallen dir plötzlich schwer? Deine Emotionen gleichen verdächtig denen einer Teenagerin – in ihren Schwankungen und ihrer Intensität? Deine Gedanken kreisen weniger um die Kids und mehr um dich und das, was du brauchst und dir wünschst? Und ganz ehrlich: Manchmal fühlst du dich wie ein anderer Mensch? Schwester, ich sage dir: Eine neue Ära bricht an! Ich nenne sie Halbzeit. Und ich feiere diese Zeit so sehr. Darf ich dich anstecken?
Was heißt Halbzeit? Eine Zeit mit einschneidenden Veränderungen in der Mitte des Lebens. Und eine Phase, über die sehr wenig gesprochen wird. Wenn man heiratet, ist es klar, dass man etwas Neues beginnt. Bevor man Kinder bekommt, wird man gewarnt, instruiert, er- (oder ent-)mutigt. „Jetzt kommt eine schwere, aber schöne Phase“, sagten uns viele Menschen vor der Geburt unserer ersten Tochter. Midlife hingegen beginnt schleichend. Wir sind weniger vorbereitet.
Jongleurin mit zu vielen Bällen
Mich hat es in vielem kalt erwischt. Es begann mit körperlichen Veränderungen um den 40. Geburtstag herum. Dazu kam die Verdichtung des Lebens mit mehr Verantwortung in einer größeren Anzahl an Bereichen. Ergänzt durch eine neue Lust auf Vorwärtskommen im Beruf. Ich begann mich zu fragen: Wann, wenn nicht jetzt? Dazu kam eine Dekonstruktion in meinem Glauben, ein Leben mit Rückenschmerzen … Es fühlte sich ein bisschen so an, als wäre ich eine Jongleurin mit deutlich zu vielen Bällen. Immer in der Gefahr, einen fallen zu lassen oder zwei. Ich bin ehrlich mit dir: Oft hat es sich angefühlt, als würden mir gleich alle Bälle entgleiten. Mein Leben wurde mir fast zu viel.
Ich begann, andere Frauen in meinem Alter zu befragen. Außerdem arbeitete ich mich tiefer in die Thematik ein. Mir hilft es, Dinge zu wissen, und so las ich verschiedene Bücher und abonnierte mehrere Midlife-Podcasts. In mir wuchs der Wunsch, Hilfestellung für diese Jongleurinnen anzubieten. Ich war mir nicht sicher, ob diese Frauen Zeit für einen weiteren „Ball“ hatten. Aber trotzdem entwarf ich mutig ein 9-Monate-Programm für Frauen ab 40, das in kürzester Zeit ausgebucht war. Diese mutigen Halbzeitlerinnen waren tatsächlich bereit, in ihren Aufbruch Zeit und Geld zu investieren. 33 Frauen machten sich auf eine Veränderungsreise in diversen Lebensbereichen und Lebensfragen. Im Jahr danach führten wir den Kurs gleich noch mal durch und sind gerade mit faszinierenden weiteren 27 Frauen unterwegs. Darf ich dir ein Geheimnis verraten? Wenige Dinge in meinem Leben haben mir so viel ungetrübte Freude bereitet wie das gemeinsame Unterwegs-Sein mit diesen Frauen. Ich durfte so unglaublich viel über Midlife-Frauen lernen.
Lustig, frech und wortgewandt
Die Gesellschaft hat noch keine wirklich passenden Bezeichnungen für diese Frauen gefunden. Dr. Sheila de Liz hat ihr Buch über die Wechseljahre „Women on Fire“ genannt (Hallo Hitzewallungen!). „50 and Fabulous“ heißt ein anderes Buch. In der Presse wird von Wechseljahre-Frauen gesprochen oder Midliferinnen. Ich brauche einen neuen Begriff für meine Halbzeit-Ladies, denn „Frauen ab 40“ rollt so gar nicht flüssig von der Zunge. Bis ich etwas Besseres gefunden habe, nenne ich sie Midlife Queens.
Midlife Queens sind schön und gebildet und lustig und frech und wortgewandt und sie benennen Bullshit. Midlife Queens lassen sich eben nicht ein X für ein U vormachen. Midlife Queens stellen gute Fragen und geben sich nicht mit schnellen Antworten zufrieden. Midlife Queens fühlen sich jung und machen gern noch wilde Sachen. Sie denken weniger über ihre Außenwirkung nach und machen einfach. Midlife Queens haben schon viel Verantwortung getragen, können unglaublich gut Entscheidungen treffen, kennen meist ihre negativen Glaubenssätze und haben sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt. Midlife Queens glauben nicht mehr, sie müssten alle Erwartungen erfüllen, allen Rollenbildern entsprechen. Sie können Grenzen setzen und Nein sagen. Midlife Queens beginnen, Lachfalten zu haben und das macht sie unglaublich attraktiv. Midlife Queens kennen Gott, wissen so viel über ihn, trauen sich aber trotzdem zu sagen, dass er sie oft verwirrt. Midlife Queens lernen Gott noch mehr kennen, neue Seiten an ihm, neue Formen in ihrem geistlichen Leben und das ist wohltuend für die Kirche.
Midlife Queens haben einen Wert in der Arbeitswelt, weil sie Energie haben, Dinge umsetzen können und man nicht mehr befürchten muss, dass sie schwanger ausfallen. Midlife Queens haben weniger Geduld und Frustrationstoleranz und das ist gut so. Midlife Queens kennen ihren Körper und seine Bedürfnisse und manchmal gehen sie darauf ein. Midlife Queens kämpfen sich frei. Midlife Queens haben etwas zu sagen und wollen nicht unsichtbar werden und schon an die nächste Generation übergeben. Midlife Queens fangen an, Dinge zu machen, die sie immer machen wollten. Sie denken über ihre Kindheits- und Jugendträume nach und prüfen die Realität an ihnen. Midlife Queens sprechen Unrecht an und machen nicht mehr alles mit. Midlife Queens brechen toxische Beziehungen ab. Midlife Queens lachen laut und tanzen lange und manchmal baden sie nackt im Meer, weil sich das so frei anfühlt. Midlife Queens sind wütend und voller Erfahrungen und bunt und laut und leise und humorvoll und tief und herzlich und verschenkend und authentisch. Viele dieser Queens wollen einen Fußabdruck auf dieser Welt hinterlassen. Ich liebe eine gute Midlife Queen mit Weltverbesserungspotenzial.
Einfach anfangen
Ich könnte noch stundenlang weiter aufzählen, welche faszinierenden Eigenschaften ich an Midlife Queens beobachte. Stattdessen möchte ich lieber noch zwei Beispiele erzählen:
Simone, eine unserer Teilnehmerinnen, hat lange Jahre mit Ohnmacht gekämpft, wenn sie dem Leid der Welt gegenüberstand. Während einer Flüchtlingswelle wurde ihr wichtig, die Individualität von Menschen zu stärken: Babys und Kinder und Jugendliche sollten eine individuelle, mit Liebe handgenähte Decke bekommen. Und so begann sie, Decken für Geflüchtete zu nähen und teilte ihr Anliegen über eine Facebook-Gruppe mit Interessierten. Immer mehr Menschen machten mit und beschlossen, sich und ihre Begabungen in das Projekt zu investieren. Gemeinsam haben sie in neun Jahren 35.000 handgemachte Decken an Geflüchtete verteilt. Eine Midlife Queen, die einfach anfing, ihre Begabungen einzusetzen, um einzelnen Menschen ein Gesicht und einen Wert zu geben.
Regula, eine weitere faszinierende Teilnehmerin mit einem – wie sie es nennt – „holprigen Start ins Berufsleben und nicht normativen Lebenslauf“, arbeitet seit vielen Jahren als Pastorin. Sie bekam im Midlife das Angebot, Radiopredigerin im schweizerischen Radio zu werden. Das – im Gegensatz zu allen anderen Sprecherinnen und Sprechern – ohne Theologiestudium. Mit dem Selbstbewusstsein einer Midlife Queen stellte sie sich dieser Situation und wir feierten ihre ersten Aufnahmen mit der gesamten Gruppe. Kürzlich meldete sich ein Mann im Anschluss an eine Sendung: Er sei kein Kirchgänger, aber er habe sich sehr angesprochen gefühlt. Diese Frau hat der Welt mit ihren Begabungen in ihren nächsten Jahrzehnten bestimmt noch viel zu geben, auf das wir uns freuen können.
Midlife-Wut
Das ist echte Midlife Power aus unseren Gruppen. Weitere Beispiele fallen mir ein: Schon gewusst, dass es Midlife-Wut-Bücher gibt, wie ihre Autorinnen sie nennen? Veronika Schmidts Bücher über Sex oder Veronika Smoors „Problemzone Frau“! Vogue-Redakteurin Vera Wang wurde mit 40 Brautkleid-Designerin, weil es ihrer Meinung nach keine stilvollen Brautkleider für Frauen in ihrem Alter gab. Rosa Parks stand im Bus nicht auf und löste damit einen Aufstand gegen die Rassentrennung in den USA aus. Ihr Alter? 41. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sie in echter Midlife-Wut im Bauch dachte: Ich habe genug von dem Sch… – und damit hat sie die Welt verändert!
Ich wünsche mir ein bisschen, dass du nach dem Lesen dieser Zeilen aufspringen und loslegen willst. Dann hätte ich mein Ziel erreicht. Denn ich finde: Die Lebensmitte ist aufregend und eine unglaubliche Chance. Wenn wir erst die Hälfte des Lebens hinter uns haben, dann haben wir noch eine ganz schön lange Phase vor uns. Und das ist eine Phase, in der wir wissen, wer wir sind, was wir wollen und was unser Beitrag ist. Und in der wir der Welt entgegenschreien: „Warte es bloß ab! Es gibt noch eine Million Dinge, die ich noch nicht getan habe. Und ein paar davon werde ich umsetzen.“
Simea Gut arbeitet bei Campus WE, einem Arbeitszweig von Campus für Christus, und als Podcasterin bei Frauthentisch. Sie lebt mit ihrem Mann Dave und zwei Töchtern in Lörrach.
Das steckt hinter den Gefühlen
Starke Gefühle werden häufig von unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen ausgelöst. Wie gehen wir damit um?
Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken, fällt vielen Menschen schwer. Wenn Kleinkinder Bedürfnisse haben, äußert sich das in einem Ausdruck von Gefühlen. Es wird lautstark gerufen, geschrien oder geweint. Sobald wir Menschen sprechen lernen, fangen wir an, unsere Bedürfnisse verbal auszudrücken. Dennoch bleibt da auch immer eine gewisse Unfähigkeit, sie transparent in Worte zu fassen.
Die Maslowsche Bedürfnispyramide
Es gibt grundlegende Bedürfnisse, deren Erfüllung wir zum Überleben brauchen. Die sogenannte Bedürfnispyramide nach Maslow geht davon aus, dass bestimmte Grundbedürfnisse erfüllt werden müssen, bevor andere Arten von Bedürfnissen angestrebt werden können. Die Bedürfnispyramide besteht aus fünf Ebenen. Zur untersten und überlebenswichtigsten Ebene gehören die körperlichen Bedürfnisse. Sie beziehen sich auf grundlegende Dinge wie Schlaf und Nahrung. Auf der zweiten Ebene steht Sicherheit. Hier geht es um einen Zustand der Stabilität in Bezug auf unsere Umgebung, aber auch um finanzielle und seelische Sicherheit. Auf der dritten Ebene stehen soziale Bedürfnisse. Dazu gehören Freundschaften und ein gutes Beziehungsnetzwerk. Die vierte Ebene ist Anerkennung. Hier geht es darum, Respekt und Wertschätzung von anderen Menschen zu bekommen. Auf der fünften Ebene geht es schließlich um Selbstverwirklichung. Auf dieser Ebene möchten Menschen ihre Potenziale ausschöpfen, Ziele erreichen und Neues erschaffen.
Die ersten vier Ebenen werden als Defizitbedürfnisse bezeichnet und die höchste Stufe als Wachstumsmotiv. Werden Defizitbedürfnisse nicht befriedigt, kann der Mensch physischen oder psychischen Schaden erleiden. Hingegen wird das Wachstumsmotiv, also Selbstverwirklichung, nie vollkommen erfüllt werden. Wir brauchen Selbstverwirklichung also nicht zum Überleben, aber wir brauchen sie für unsere Zufriedenheit.
In meinem Nachdenken über Bedürfnisse möchte ich nicht vergessen, dass sich Selbstverwirklichung nur wenige Menschen auf der Erde leisten können. Viele Menschen werden durch Krieg, Flucht, Armut und aus weiteren Gründen niemals die Chance haben, sich um dieses Bedürfnis zu kümmern. Trotz aller Probleme in unserer Gesellschaft möchte ich niemals vergessen, dass es ein Privileg ist, sich um Selbstverwirklichung kümmern zu dürfen.
Gefühle nicht kleinhalten
Ich bin aufgewachsen mit Eltern und Großeltern, die mit dem Wahrnehmen von Bedürfnissen wenig anfangen konnten. Der Umgang mit Schwächen, Bedürfnissen und Gefühlen ist kulturell geprägt und abhängig von dem pädagogischen Mainstream der Zeit. Weder meine Großeltern noch meine Eltern durften als Kinder lernen, über ihre eigenen Bedürfnisse, Gefühle oder Schwächen zu sprechen. Seitdem hat sich viel verändert. Unsere Kinder erleben eine bedürfnisorientierte und gleichwürdige Erziehung. Uns ist es wichtig, was sie fühlen und was hinter ihren Gefühlen steckt. Bestenfalls bieten wir ihnen Wörter für ihre Gefühle an. Das bedeutet nicht, dass wir ihre Bedürfnisse immer erfüllen müssen. Aber wir möchten sie wahrnehmen, anhören und mit ihnen im Gespräch darüber bleiben.
Marshall B. Rosenberg hat mit dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation den Satz geprägt, dass hinter jedem Gefühl ein Bedürfnis steckt. „Ach so ist das“, dachte ich, als ich diesen Ansatz vor zehn Jahren kennenlernte. Dann steckt hinter meiner Wut also ein Bedürfnis. Aber welches? Zu Hause wurde mir keine Sprache dafür mitgegeben. Gefühle wurden kleingehalten und nicht akzeptiert. Wie soll ich denn jetzt an mein Bedürfnis herankommen?
Bedürfnisse herausfinden und anerkennen
Der erste wichtige Schritt dafür ist, das Bedürfnis hinter dem Gefühl herauszufinden. Der zweite ist, mich mit diesem Bedürfnis mitzuteilen. Unsere Gefühle zeigen uns, in welchem Maße unsere Bedürfnisse erfüllt werden oder auch nicht. Gefühle sind wichtige Boten. Wenn wir unser Bedürfnis hinter dem Gefühl erkennen und dieses mitteilen, dann gibt man dem Gegenüber die Möglichkeit, das Gefühl zu verstehen.
Als ich vor zehn Jahren auf eine Liste von Bedürfnissen blickte, wurde mir klar: „Ja, ich habe da einige Bedürfnisse, die nicht gestillt sind und die anfangen zu schmerzen. Aber ich kann ja sowieso nichts daran ändern.“ Außerdem hatte ich gelernt, dass ich nicht bedürftig zu sein habe und dass meine Bedürfnisse nicht wichtig sind. Inzwischen weiß ich: Das ist Blödsinn. Natürlich darf ich bedürftig sein und Bedürfnisse aussprechen. Nur so schaffe ich Nahbarkeit. Erst wenn mein Gegenüber weiß, was ich brauche und was mir wichtig ist, kann ein gesundes Gleichgewicht in einer Beziehung entstehen. Bedürfnisse können auch ausgehandelt werden: Können wir gerade umziehen? Kann ich meinen Job wechseln? Können wir etwas an unserer Partnerschaft verändern? Können wir weniger arbeiten? Kann ich in der Woche Zeit nur für mich allein haben? Bedürfnisse zu teilen, kostet Mut, denn ich zeige mein Inneres und mache mich verletzlich. Es besteht die Gefahr, dass mein Gegenüber die Bedürfnisse nicht versteht. Jeder von uns hat unterschiedliche Bedürfnisse. Das kann uns in Konflikte bringen. Aber es hat auch die Kraft, uns zu verbinden. Das Risiko, das damit einhergeht, wenn wir uns ehrlich mitteilen, lohnt sich. Denn am Ende steht die Chance einer tieferen Verbundenheit.
Sich von Wünschen nicht beherrschen lassen
„Ein Bedürfnis ist Hunger, ein Wunsch ist Pizza“, meinte neulich ein Freund zu mir. Wünsche resultieren aus Bedürfnissen. Dabei haben wir oft eine klare Vorstellung davon, wie unsere Bedürfnisse gestillt werden sollen. Ich war Gott schon ab und an dankbar, dass er mir meine Wünsche nicht erfüllt hat. Gleichermaßen habe ich schon oft gelitten, weil ich einen Wunsch hatte, wie jenes Bedürfnis gestillt werden sollte, und es ist ebenfalls nicht passiert. Das sind manchmal qualvolle Zeiten, in denen ein Wunsch nicht in Erfüllung geht und ein Bedürfnis nicht gestillt wird. Es ist ein Ringen. Und doch darf ich erleben, dass Bedürfnisse oft anders erfüllt werden als gedacht. Manchmal habe ich versucht, meine Bedürfnisse mit meiner Vernunft abzuschneiden. Erfolglos. Sie machen sich an anderer Stelle wieder bemerkbar. Bedürfnisse sind wichtig und können nicht einfach abgeschnitten werden. In ihnen liegt auch ein Teil meiner Persönlichkeit. Meine Bedürfnisse geben mir Antrieb für Veränderung. Ist etwas im Hier und Jetzt nicht gut, dann melden sich meine Bedürfnisse durch ein ungutes Gefühl. Bedürfnisse schaffen neue Ideen, Räume und Begegnungsflächen.
Sehnsüchte und Wünsche, wie ein Bedürfnis erfüllt werden soll, haben auch die Schlagkraft, mich zu beherrschen. Wenn mein ganzer Fokus auf der Erfüllung meines Wunsches liegt, dann wird er zerstörerisch und sorgt dafür, dass ich das Schöne, das neben dem unerfüllten Wunsch steht, nicht mehr wahrnehme. Dankbarkeit für das, was da ist, hilft gegen den Frust der unerfüllten Wünsche. Auch helfen weitere Perspektiven, wie Bedürfnisse gestillt werden könnten. Es gibt viele Wege dafür und wenn sie mir selbst nicht in den Sinn kommen, haben Freunde und Gott oft weitere kreative Ideen. Folgende Haltung hilft mir: Ich halte meine Handflächen nach unten und lasse los: Alles, was mich beschwert, gebe ich an Gott ab. Ich halte inne. Dann drehe ich meine Handflächen nach oben: Ich empfange. Ich bete mein persönliches Gebet. Mein Taufvers lautet: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Darauf will ich vertrauen.
Tamara von Abendroth arbeitet in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin.
Leben ist Jetzt – Die bewegende Reise der Real Life Guys
Ein YouTube-Kanal, der seine Follower auffordert, ihr Handy wegzulegen und stattdessen das “Real Life” zu entdecken? Philipp, Johannes und Elli sitzen an einem heißen Sommertag auf einem selbstgebauten Floß und treffen eine lebensverändernde Entscheidung: Sie gründen die “Real Life Guys”.
Seitdem begeistert eine dynamische Gruppe junger Menschen ein breites Publikum mit fliegenden Badewannen, selbstgebauten U-Booten und einer Achterbahn im Baumarkt. Ihre Videos gehen viral, und sogar Snoop Dogg teilt ihre Stories. Genau davon erzählt der neue Paramount-Film “Leben ist jetzt – die Real Life Guys” (Kinostart: 16. Januar 2025, im Vertrieb von Leonine). Es geht um Familie, Freundschaft und die Frage, wie man angesichts der schwersten Schicksalsschläge weitermacht. Was tust du, wenn deine Schwester bei einem Flugzeugabsturz stirbt und dein Bruder unheilbar erkrankt?
Die unglaubliche, aber wahre Geschichte der Real Life Guys
Die Geschichte der Real Life Guys beginnt im kleinen Bickenbach. Die Zwillinge Johannes und Philipp Mickenbecker wachsen mit ihrer Schwester Elli auf dem Hof ihrer Eltern auf. Trotz herausragender Noten zeigen die Brüder wenig Interesse am Schulunterricht. Stattdessen basteln sie seit Kindheitstagen an verrückten Projekten. Sie träumen davon, mit ihrem selbstgebauten Flugzeug zur Schule zu fliegen. Ein einschneidendes Erlebnis ist die 120 Meter lange Seilbahn, die sie über einen Steinbruchsee bauen – ein Abenteuer, das sie mitreißt und ihre Leidenschaft entfacht. Ihre Community wächst, und aus drei Real Life Guys werden plötzlich ganz viele.
Eine verrückte Idee jagt die nächste, und ihr YouTube-Kanal explodiert. Philipp fliegt mit einer Badewanne zum Bäcker, die Jungs tauchen in einem selbstgebauten U-Boot tief in einen See und schließen sich im Baumarkt ein, um eine Achterbahn mit Looping zu bauen. Ihre Projekte werden immer kreativer – und ihr Einfluss immer größer.
Schicksalsschläge überwinden
Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs wird bei Philipp Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Die Familie und der Freundeskreis stehen vor einer schweren Probe. Doch es schweißt sie noch mehr zusammen. Nach einer erfolgreichen Operation widmen sich die Brüder neuen Projekten, und die Gruppe wächst weiter. Die Real Life Guys erobern das Internet. Doch ein grauenvoller Vorfall erschüttert sie zutiefst: Elli kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und kurz darauf erhält Philipp die nächste, diesmal tödliche Diagnose – der Krebs ist zurück.
Im Angesicht des Todes: Hoffnung, Glaube und Zuversicht
Die Ärzte geben Philipp höchstens drei Monate. Doch Philipp gibt nicht auf. Gestärkt durch seinen tiefen Glauben an Gott, strahlt er eine ansteckende Zuversicht aus, die Millionen Menschen Hoffnung gibt. Für viele wird er zum Symbol der Resilienz. Philipp tritt in TV-Shows auf und zeigt, dass auch schwere Diagnosen das Leben nicht stoppen müssen. Weil er keine Lust auf „weiße Wände“ im Krankenhaus hat, reist er mit seinen Freunden nach Island und in die Karibik. Er übertrifft die düsteren Prognosen der Ärzte bei Weitem und schließt Frieden mit seinem Zustand. Statt Gott Vorwürfe zu machen oder seinen Glauben zu verlieren, vertraut er darauf, dass alles einen Sinn hat – auch seine Krankheit.
Der Tod und Philipps unwiderrufliches Erbe
Philipp stirbt am 9. Juni 2021 im Kreise seiner Familie und besten Freunde. Doch sein Tod war nicht umsonst. Tief in seinem christlichen Glauben verwurzelt, erinnert seine Geschichte an den Vers aus der Bibel: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh. 12,24).
Was Philipp und Johannes aufgebaut haben, geht weit über das hinaus, was man ein Erbe nennen könnte. Unzählige junge Menschen bauen die Projekte der Real Life Guys nach und legen ihr Handy zur Seite, um das „echte Leben“ zu erleben. Doch das vielleicht größte Erbe ist das, was Philipp in seiner schwersten Zeit hinterlassen hat: Hoffnung. Hoffnung angesichts des Todes. Der unerschütterliche Wille, sich auch in den dunkelsten Momenten keine einzige Sekunde des Lebens stehlen zu lassen.
Neben Tausenden Kommentaren im Internet von Menschen, die selbst in schwierigen Situationen Hoffnung aus Philipp ziehen, stellt das Wirken der Real Life Guys vor allem eine große Frage an uns alle: Was hast du mit der Zeit vor, die dir gegeben wurde – und wann beginnst du damit?
Im Spielfilm “Leben ist jetzt – Die Real Life Guys” stehen Werte wie Familie, Freundschaft und Freiheit im Mittelpunkt. Der Film beginnt mit einer Aufnahme von zwei Zwillingen im Bauch ihrer Mutter – ein starkes Bild für das enge Band, das die Handlung des Films prägt. Ganz im Stil eines „Coming-of-Age“-Films beleuchtet er nicht nur das Erwachsenwerden, sondern auch den Umgang mit Rückschlägen und Niederlagen.
Jeder Moment zählt
„Ich frage mich immer, warum es Philipp erwischt hat und nicht mich“, sagt Johannes in einer bewegenden Szene, die seinen Konflikt mit der Krankheit von Philipp eindrucksvoll verdeutlicht. Die Regisseure Stefan Westerwelle und Maria-Anna Westholzer bringen dabei einen zentralen Aspekt zum Strahlen: den unzerbrechlichen Zusammenhalt von Familie und Freundschaft.
Allen Widerständen zum Trotz lassen sich die Real Life Guys von nichts und niemandem kleinkriegen – ein Mut machendes Zeugnis ihrer Lebensphilosophie und ihres unerschütterlichen Spirits.
“Leben ist jetzt – Die Real Life Guys” ist mehr als ein Film – es ist eine Botschaft. Die Zuschauer werden Zeugen einer Reise, die von unbändiger Lebensfreude, aber auch von unermesslichem Schmerz geprägt ist. Doch am Ende steht nicht die Trauer im Vordergrund, sondern die Hoffnung. Jeder Moment zählt, und das Leben ist ein Geschenk, das aktiv gestaltet werden will. Diese Botschaft tragen Johannes und die Real Life Guys bis heute weiter – in den Videos, die sie produzieren, und in den Herzen der Menschen, die die Geschichte der Real Life Guys kennen.
Sem Gray ist Autor, Produzent & Verleiher. Er hat persönliche Verbindungen zu den Real Life Guys und hat die Dokumentation “Philipp Mickenbecker – Real Life” produziert und verliehen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Zu viel Körperkontakt: Wenn das Familienbett zur Belastung wird
Die ganze Nacht kuscheln, immer ein Ärmchen oder Beinchen im Gesicht… Zu viel Körperkontakt mit dem Kleinkind kann den Eltern den Schlaf rauben. Schlafberaterin Miriam Schneider verrät, wie die Schlafsitaution wieder erträglich wird.
Es ist erstmal gut und wichtig, die Bedürfnisse der Kinder herauszufinden und darauf einzugehen. Enger Körperkontakt beim Schlafen ist ein normales Bindungsverhalten von Kindern. Aber es ist auch verständlich, dass das zur Belastung werden kann. Wenn die Schlafsituation eher kurzfristig besteht, dann könnte es sein, dass das Kind mit diesem Verhalten auf etwas reagiert, was neu ist (zum Beispiel eine Eingewöhnung oder ein Umzug). Das ist ganz normal. Um den 18. Lebensmonat gibt es außerdem einen Entwicklungsschub. In dieser Phase empfinden Eltern die Nächte oft als herausfordernd. Das bessert sich meist nach zwei bis sechs Wochen. Ist die Schlafsituation schon länger nicht mehr zufriedenstellend, dann könnten andere Impulse weiterhelfen.
Übermüdet?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es immer eine Ursache gibt, warum Kinder so reagieren, wie sie reagieren. Häufig holen Kinder ihr Bedürfnis nach Nähe intensiv in der Nacht nach. Dann hilft es, das Nähebedürfnis so gut es geht tagsüber zu erfüllen, indem ihr bewusst Zeit miteinander habt, dabei kuschelt oder Bücher anschaut. So kann man dem Kind auch gut deutlich machen: „Wow, wir haben jetzt Zeit nur für uns, das ist so schön. Ich habe dich lieb.“ Es gibt aber auch andere Gründe, die hinter einem starken Nähebedürfnis in der Nacht stecken können. In meiner Arbeit als Schlafberaterin schaue ich mir als Erstes immer die Schlafprotokolle an. Vielleicht hat sich der Tagesrhythmus in der Familie verändert, was dazu führt, dass der Mittagsschlaf zu kurz ausfällt oder das Kind am Abend zu spät ins Bett kommt, sodass es übermüdet ist. Übermüdete Kinder brauchen sehr viel Körperkontakt. Warum? Weil durch Übermüdung Cortisol, unser Stresshormon, ausgeschüttet wird. Kinder sind intuitiv wahnsinnig kompetent: Denn Oxytocin, das „Kuschelhormon“, kann den Cortisolspiegel wieder reduzieren. Kinder kuscheln also als Reaktion auf Stress. Ein Schlafprotokoll und gegebenenfalls eine Beratung helfen dabei, den individuellen Grund und damit auch die Lösung für das starke Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt herauszufinden.
Grenzen setzen
Für Eltern ist es aber auch wichtig, auf sich selbst zu achten und einander Freiräume zu ermöglichen. Denn wenn der eigene Krafttank gefüllt ist, hat man auch wieder mehr Kraft für die Schlafherausforderung. Deshalb müssen die Eltern herausfinden, was ihnen guttut. Vielleicht ist es spazieren gehen, Sport treiben oder sich in die Sonne legen? Und noch einen Gedanken finde ich wichtig: Eltern müssen schwere Situationen nicht einfach aushalten, sondern dürfen ihre Grenzen kommunizieren. Kinder verstehen so viel mehr, als wir häufig meinen. Sie brauchen Transparenz, Ehrlichkeit und eine klare Haltung. Über eine unzufriedene Schlafsituation lässt sich liebevoll kommunizieren. Wie zum Beispiel folgendermaßen: „Du kannst gern neben mir einschlafen und wir können jetzt nochmal richtig doll kuscheln. Aber wenn du eingeschlafen bist, braucht Mama auch ein bisschen mehr Platz. Das ist mir zu nah, so kann ich nicht schlafen. Ich zeige dir, wie es für mich okay ist.“ Eltern dürfen an sich selbst glauben und herausfinden, was für ihr Kind, für sie selbst und für die Familie das Beste ist.
Miriam Schneider lebt mit ihrer Familie in Ketsch, sie ist Kinderkrankenschwester und Schlafberaterin für Kinder. abenteuerbabyschlaf.com
Wenn das innere Kind dazwischenfunkt
Ausraster, Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle: Das innere Kind bringt die Harmonie zwischen vielen Ehepartnern durcheinander. Psychotherapeutin Melanie Schüer erklärt die Zusammenhänge.
„Tut mir leid, ich weiß auch nicht, warum ich mich so aufgeregt habe. Irgendwas hat mich daran total getroffen … aber es ist nicht deine Schuld“, murmelt Lea. Wieder mal ist sie ziemlich wütend geworden in einer Situation, die so ähnlich immer wieder für Konflikte sorgt.
„Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich bei meinen Ausrastern, als wäre ich vergessen worden.“ Und tatsächlich: Gerade hat ihr Mann den Käse vergessen, den sie gern morgen zum Frühstück genossen hätte. Ihr Sohn hat gestern nicht daran gedacht, ihren Brief zur Post zu bringen, und ihre beste Freundin hatte sich nicht, wie angekündigt, gemeldet. In all diesen Situationen hatte Lea übertrieben wütend reagiert – eigentlich unreif, kindlich. Tatsächlich wecken diese Situationen Dinge in Leas Biografie, die das innere Kind betreffen.
Innerer Erwachsener – inneres Kind
Manchmal nehmen wir Menschen in uns verschiedene Stimmen wahr. Das ist die normale Tatsache, dass jeder Mensch verschiedene innere Anteile besitzt. Diese hängen auch mit unseren unterschiedlichen Rollen zusammen, die wir im Alltag einnehmen – zum Beispiel der Rolle als Freundin, als Partner, als Mutter, Vater, Angestellter oder als Schülerin.
Zwei sehr gegensätzliche innere Anteile sind das sogenannte ‚Erwachsenen-Ich‘ und das ‚innere Kind‘. Wenn wir sicher in der Rolle als Erwachsene agieren und uns dem, was uns begegnet, gewachsen fühlen, dann ist das Erwachsenen-Ich in uns besonders präsent. Wir fühlen uns dann souverän, selbstsicher und kompetent. Diese Gefühle sind stärker als Ängste, Sorgen oder Selbstzweifel. Es ist buchstäblich der erwachsene, reife Teil in uns – man könnte auch sagen, „die Stimme der Vernunft“. Das mag positiv klingen, beinhaltet aber auch negatives Potenzial wie Perfektionismus und Verlust von Lebensfreude. Wer immer nur auf den inneren Erwachsenen hört, schwächt oft wichtige Aspekte des Lebens wie Fantasie, Unbeschwertheit, Freude oder Spontaneität.
In diesen Zuständen kommt ein anderer Anteil besonders stark zum Vorschein: unser inneres Kind. Es kann uns befähigen, das Leben zwischendurch leicht zu nehmen und zu genießen. Wir können herumalbern und völlig im Moment sein. Gleichzeitig sind mit dem inneren Kind auch bestimmte negative Erfahrungen verbunden. Wenn das innere Kind in uns stark wird, dann kann es passieren, dass wir uns unzulänglich, gedemütigt, abgelehnt, hilflos oder belächelt fühlen. Diese Gefühle hängen mit Erfahrungen aus unserer Kindheit zusammen, die natürlich individuell unterschiedlich sind. Sie werden in Momenten wach, in denen wir an Situationen aus unserer Kindheit erinnert werden – oft sprechen wir dann von „Triggern“. Es fühlt sich an, als wären wir in die Situation von früher zurückversetzt. So wie Lea, die in Trigger-Situationen ein Muster erkennt, dass sie sich fühlt wie die kleine Lea in bestimmten Momenten.
Grundüberzeugungen auf der Spur
Prägende und wiederkehrende Erfahrungen in der Kindheit führen zur Entwicklung fester Grundüberzeugungen. Das sind Glaubenssätze, die unbewusst unsere Sicht auf uns selbst, andere Menschen und Situationen formen, zum Beispiel:
Selbstverständlich gibt es auch positive Überzeugungen, zum Beispiel „Ich kann etwas leisten!“ oder „Meine Meinung zählt etwas!“. Aber in Krisen und Problemen, insbesondere in der Paarbeziehung, bekommen die negativen Grundüberzeugungen stärkeres Gewicht. Das liegt daran, dass wir uns in einer Paarbeziehung besonders öffnen und dadurch verletzlich machen und an unser Gegenüber Bedürfnisse und Erwartungen herantragen, die denen eines Kindes gegenüber den Eltern ähneln.
Lea könnte die negative Grundüberzeugung so formulieren: „Ich werde oft vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Lea wuchs bei ihrem alleinerziehenden Vater auf, der völlig überfordert war. Oft vergaß er, Lea etwas zu essen vorzubereiten oder sie vom Kindergarten abzuholen. Sie erinnert sich genau, dass sie oft als letztes Kind wartete, während ihr Erzieher versuchte, den Vater zu erreichen. Wenn Lea ihren Vater dann weinend begrüßte, nahm er sie nicht ernst: „Mach doch nicht so ein Theater. Ich komme doch immer!“ Irgendwann mischte sich Leas Traurigkeit mit Wut. Diese Wut über das Verhalten ihres Vaters konnte das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ein wenig abschwächen. Und genau diese Gefühle kommen auch jetzt wieder hoch, wenn sie sich vergessen und nicht wertgeschätzt fühlt.
Das innere Kind und die Paarbeziehung
Solche negativen Grundüberzeugungen aus der Kindheit mit den dazugehörigen Gefühlen wie Scham, Angst, Traurigkeit, Wut, gepaart mit Verhaltensweisen wie Konfliktvermeidung, übertriebener Anpassung oder mangelnder Offenheit haben einen enormen Einfluss auf die Paarbeziehung.
Im Paar-Alltag entstehen immer wieder Situationen, die uns unbewusst an Erlebnisse aus der Kindheit erinnern. Die Ähnlichkeit der Situation (zum Beispiel eine frustrierte Reaktion meines Partners, weil ich etwas nicht schaffe) kann die vertrauten Denkmuster, Gefühle und entsprechende Verhaltensweisen auslösen, zum Beispiel, wenn Lea ihren Mann anschreit, weil sie sich in diesem Moment wieder wie die kleine, vergessene Lea fühlt, sie von Traurigkeit überwältigt ist und mit Wut reagiert.
Diese Dynamik kann Konflikte immer wieder befeuern, weil beide Partner nicht verstehen, was eigentlich gerade passiert. Scheinbar kindische, unreife Verhaltensweisen treten immer wieder auf, denn handlungsleitend ist in diesen Fällen tatsächlich das innere Kind!
Das innere Kind auf frischer Tat ertappen
Um diese Zusammenhänge zu erkennen, ist es wichtig zu verstehen, welche Situationen zu Konflikten führen. Welche Muster sind erkennbar? Was haben die letzten Konfliktanlässe, an die Sie sich erinnern, gemeinsam? Was sind Themen, die ähnlich sind – zum Beispiel Äußerung von Kritik, Umgang mit Verschiedenheit, Einstellungen zu bestimmten Fragen wie Haushaltsführung, Finanzen, Alltagsgestaltung. Meist kommen schnell Muster zum Vorschein und zeigen an, was Ihr inneres Kind oder das Ihres Gegenübers triggert.
Dann gilt es, ein wenig in der Zeit zurückzureisen: Inwiefern kennen Sie dieses Thema beziehungsweise ähnliche Situationen aus Ihrer Kindheit? Was haben Sie damals empfunden? Was war damals belastend und stressig? Was hat Sie verletzt, beschämt, wütend gemacht oder geängstigt?
Das innere Kind beruhigen
Wichtig ist, in so einem Reflexionsprozess das innere Kind nicht einfach beiseitezuschieben. Das wäre auf Dauer nicht hilfreich. Denn das innere Kind meldet sich an ähnlichen Stellen wieder, weil dieses Thema in der Kindheit nicht ausreichend verarbeitet werden konnte. Es gilt daher, die Verletzung des inneren Kindes ernst zu nehmen und wie ein liebevoller Erwachsener mit Verständnis zu reagieren.
Es klingt vielleicht komisch, aber hier hilft ein wenig Kopfkino. Stellen Sie sich sich selbst als Kind in einer belastenden Situation vor, an die Sie sich noch erinnern können. Und dann gehen Sie in Ihrer Fantasie als heutiges, erwachsenes Ich auf Ihr jüngeres Ich zu und blicken es freundlich an. Sagen Sie ihm das, was Sie damals schon hätten hören müssen. Sprechen Sie ihm Mut und Trost zu und erklären Sie, dass die Situation heute anders ist als damals. Wenn Sie offen dafür sind, stellen Sie sich auch gerne vor, wie Sie sich dem inneren Kind zuwenden, es trösten und stärken.
Grundüberzeugungen verändern
Der nächste Schritt ist die Frage, welche Grundüberzeugung hinter dem Konflikt stehen könnte – im Beispiel von Lea: „Ich werde vergessen, weil ich nicht wichtig bin.“ Welche Erfahrungen haben zu dieser Überzeugung geführt – und welche anderen, positiven Erfahrungen und Erkenntnisse stehen dagegen? Sammeln Sie Argumente, was gegen die Wahrheit dieser Überzeugung spricht. Und wenn sie der Realität nicht standhält, dann formulieren Sie – am besten schriftlich – eine positive, realistische Grundüberzeugung – wie beispielsweise „Ich bin Gott so wichtig, dass er sogar die Zahl der Haare auf meinem Kopf kennt. Ich bin mir selbst wichtig. Und es gibt Menschen, denen ich wichtig bin, wie …“
Vergegenwärtigen Sie sich die positiven Sätze immer wieder, um neue Denkpfade zu prägen, die Ihre Wahrnehmung prägen und zur Realität werden. Womöglich fühlt sich das anfangs künstlich an – das ist normal, denn Ihr Gehirn hat ja jahrelang das Gegenteil gedacht! Geben Sie dem Training also etwas Zeit.
Nicht alles geht in Eigenregie
Vieles können wir selbst durch Reflexion erreichen. Manche Prozesse brauchen aber Begleitung und Hilfe. Einige Grundüberzeugungen sitzen so tief, haben eine so destruktive Wirkung, manche Erfahrungen unseres inneren Kindes waren so massiv, dass eine Aufarbeitung allein nicht gelingt. Ein freundliches, professionelles Gegenüber macht einen großen Unterschied und kann einen sehr heilsamen Prozess in Gang bringen.
Melanie Schüer ist Mutter von zwei Kindern und berufstätig als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin im Osnabrücker Land. In Freundschaften und ihrer Paarbeziehung stößt auch sie immer wieder auf ihr inneres Kind.