Das „leere Nest“ schenkt Freiräume für Beziehungen, die mal nichts mit den Kindern zu tun haben. Irina Ort mit Anregungen, wie alte Freundschaften wiederbelebt und neue gewonnen werden können.
Zwischen Geburt und Loslassen der Kinder stecken jede Menge Erlebnisse, Geschichten und Erfahrungen. Durch oder wegen der Kinder haben sich ein paar von den damals bereits bestehenden Freundschaften gefestigt. In der Kleinkind- und Kindergartenphase sind aber auch neue Freundschaften entstanden. Ich erinnere mich an unzählige Male, wo wir uns mit oder wegen unserer Kinder trafen und zwischen uns Erwachsenen eine Freundschaft begann. Diese Freundschaften waren praktisch, alltagstauglich und gleichzeitig Gold wert. Wir trafen uns auf Spielplätzen, unternahmen gemeinsame Ausflüge und halfen uns gegenseitig mit dem Babysitten aus. Wenn wir uns als Paar ein paar kinderfreie Tage gönnen wollten, vertrauten wir uns gegenseitig die Kinder an. Kinder waren ein großer gemeinsamer Nenner unserer Freundschaften.
Jetzt sind die Kinder erwachsen. Die Lebensschwerpunkte verlagern sich. Ich stelle fest, dass ich und wir als Paar immer mehr Freiräume haben. Wir haben mehr Zeit. Ich habe mehr Zeit. Doch wie sieht es eigentlich mit meinen und unseren Freundschaften aus? Ich stelle auch fest, dass ich mich nun tatsächlich weniger mit Freunden treffe und gefühlt auch weniger Freunde habe. Das bringt mich dazu, über das Thema Freundschaft nachzudenken.
Freundschaft zu mir selbst
In dieser Umbruchzeit wird es mir besonders wichtig, mir selbst eine gute Freundin zu werden oder wieder zu sein. Eine Freundschaft zu mir selbst bedeutet, bewusst „Ja“ zu mir zu sagen, mich selbst annehmen zu können, meine Begrenzungen und Schwächen zu kennen und meinen Stärken mehr Raum zu geben. Ich darf neugierig werden, auf Entdeckungsreise gehen und Neues mit meinen bereits erworbenen Erfahrungen kombinieren. Ich darf aber auch lernen, das Älterwerden zu akzeptieren. Die einzige Konstante ist bekanntlich die Veränderung. Wie begegne ich ihr in diesem neuen Lebensabschnitt?
Freundschaft zu meinem Mann
Schon am Anfang unserer Ehe war uns beiden klar: Wenn wir eines Tages Kinder bekommen, werden diese nach einer gewissen Zeit unser Nest verlassen. Genauso klar war und ist es, dass wir beide bleiben werden. Für jedes Paar ist es eine besondere Herausforderung, sich zwischen den Wäschebergen, den beruflichen Weiterbildungen, dem Hausbau, dem Ehrenamt und vielem mehr nicht aus den Augen zu verlieren. Für uns beide war die Wochenendbeziehung, der wir beruflich bedingt fünfeinhalb Jahre ausgesetzt waren, ein zusätzlicher Spagat.
Jetzt, in dieser neuen Lebensphase mit den neuen Freiräumen, stellen wir uns bewusst diese Fragen: Was wollen wir in unserer Beziehung wiederbeleben? Was wollen wir neu entdecken? Welchen Traum (den wir durch die intensive Familienphase auf Eis gelegt haben) wollen wir weiterverfolgen?
Die Anschaffung eines Fahrradanhängers macht es uns möglich, unsere fast vergessene Leidenschaft des gemeinsamen Fahrradfahrens wiederzubeleben und auszuweiten. Mit dem wöchentlichen Terminblocker „unsere Zeit“ halten wir uns bewusst die Zeit füreinander frei. Auch wenn das nicht immer klappt, wissen wir: Wer nicht plant, der wird vom Alltag überrollt und verplant. Wir beide haben Träume, einer davon ist es, ein Sabbat(halb)jahr im Ausland zu verbringen.
Alte Freundschaften wiederbeleben
Beim Gedanken an die alten Freundschaften habe ich bestimmte Gesichter vor Augen. „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ – dieser Spruch auf einer Karte, die ich bei mir zu Hause entdeckt hatte, brachte mich auf den Gedanken, selbst aktiv zu werden.
Mir ist klar, dass eine Freundschaft kein Selbstläufer ist. Freundschaften sind enorm wichtig und wollen, ja sollten gepflegt werden. Dann kommt das ABER: Wenn die räumliche Distanz nicht wäre … Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesprochen … Wir leben in ganz unterschiedlichen Welten … Es ist schwierig, einen gemeinsamen Termin zu finden … Die könnte sich auch mal melden … Diese Gedanken verhindern häufig das Wiederbeleben alter Freundschaften.
Ich habe mich meinem ABER in den Weg gestellt, indem ich den Kontakt zu der Tochter meiner Freundin aufnahm. Ich erklärte ihr mein Vorhaben, ihre Mutter – meine Freundin – zu überraschen und beauftragte sie, ein paar wichtige Dinge für mich in Erfahrung zu bringen. Bevor ich mir ein paar Tage freinahm, musste ich ganz sicher sein, dass meine Freundin an dem Tag keine weiteren Termine und tatsächlich Zeit hätte. Nachdem ich von der Tochter grünes Licht bekam, reservierte ich auf den Namen meiner Freundin einen Tisch für uns zwei. Meine Vorfreude und die Aufregung wuchsen. Ich würde die Freundin bald wiedersehen, die ich durch den Kindergarten unserer Kinder kennen- und schätzen gelernt hatte. Wir beide sind wie Hanni und Nanni durch dick und dünn gegangen. Ganz zufällig bekamen wir zeitgleich eine Mutter-Kind-Kur genehmigt. Gemeinsam mit unseren sechs Töchtern (wir haben jeweils drei) verbrachten wir eine unvergessliche Zeit in Cuxhaven. Lang ist es her. Ich wollte diese Freundschaft auf jeden Fall wiederbeleben.
Zwei Tage vor unserem gemeinsamen Date erfuhr meine Freundin von ihrer Tochter, dass sie an dem besagten Donnerstag ein Date habe. Sie teilte ihr auch mit, dass der Tisch auf ihren Namen reserviert sei und sie sich auf das Date freuen könne. Nun wuchs die Spannung auch bei meiner Freundin. Sie fragte sich, wen sie dort wohl antreffen würde. Endlich kam der Tag unseres Treffens. Ich war absichtlich etwas früher im Lokal. Meine Freude war groß, auch, weil wir einen tollen Tisch abseits, mit einem Ausblick, bekamen. Nachdem ich mit der Kellnerin gesprochen und ihr von meinem ganz besonderen Date erzählt hatte, war sie gerührt und auch bereit, „mitzumachen“. Ich bat sie, meine Freundin zum Tisch zu führen (währenddessen stand ich in einem „Versteck“, von dem aus ich alles beobachten konnte). Ich bat die Kellnerin außerdem da-rum, meiner Freundin die Speisekarte und auch die Karte mit dem Spruch „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ zu überreichen. Ich wartete etwas, um die Spannung noch mehr aufzubauen. Dann ging ich zum Tisch …
Mit einer gelungenen Überraschung, einer unbezahlbaren Erinnerung und unendlich dankbar fuhr ich wieder nach Hause. Es war so wie früher gewesen – unbeschreiblich wertvoll und schön. Jetzt bin ich gespannt, wann und wo die Karte, die ich nach unserem Treffen mit dem Datum versehen habe und diese als „Wanderpokal“ meiner Freundin überlassen habe, in meine Hände zurückkommen wird.
Das beste Mittel, alte Freundschaften wiederzubeleben, ist, sich bewusst Zeit zu nehmen. Übe Gastfreundschaft, lade alte Freunde einfach mal wieder zu dir ein. Vielleicht ist auch ein neutraler Ort eine bessere Variante, zum Beispiel ein ganzes Wochenende gemeinsam in einem Ferienhaus. Zusammen kochen, reden, spazieren gehen, spielen, lachen – das wie in früheren Zeiten zu erleben, tut so gut!
Nicht alle Freundschaften, die ich versucht habe wiederzubeleben, ließen es tatsächlich zu. Einige musste ich schweren Herzens loslassen. Die Erkenntnis, dass es Freundschaften für eine bestimmte Zeit gibt und diese nicht lebenslang halten müssen, befreite mich von einer falschen Erwartungshaltung. Beziehungen baut man nicht, man sät sie. Diese Tatsache machte mir klar, dass ich in der neuen Lebensphase auch neue Beziehungen säen will.
Neue Freundschaften säen
Die erste Frage, die sich beim Säen stellt: Geht da überhaupt etwas auf? Wird da tatsächlich eine Freundschaft entstehen? Wenn ja, was wird da wohl wachsen? Ich möchte keine Freundschaft erzwingen, vielmehr einen Freiraum für die einzigartige Entfaltung geben.
Eine gemeinsame Israelreise ist der Ursprung einer neuen Freundschaft gewesen. Diese flüchtige Urlaubsbekannte war eine der ersten Frauen, die ich als Teilnehmerin beim Body-Spirit-Soul-Kurs, den ich für Frauen anbiete, begrüßen durfte. Nach dem Kurs sprang der Freundschaftsfunke über. Heute sind wir Freundinnen und mit einem großen Herzen für die Arbeit mit Frauen gemeinsam unterwegs.
Wenn wir säen, haben wir keine Garantie, dass etwas aufgehen und wachsen wird. Wir können mit einer einjährigen Blume, einem Begleiter für eine bestimmte Zeit, beschenkt werden. Wir können aber auch mit einem Baum, der Jahr für Jahr Früchte tragen wird, überrascht werden. Bei beidem ist es wichtig, aktiv zu werden, sich auf Menschen einzulassen, zu geben und abzuwarten, ob dies erwidert wird.
Die gemeinsamen Nenner der neu entstehenden Freundschaft werden jetzt sicherlich nicht mehr die Kinder sein. Vielleicht ist es zuerst der gemeinsame Kaffee, das gemeinsame Wandern, die Leidenschaft fürs Nähen oder eine Weiterbildung. Für den Beginn einer neuen Freundschaft können es ganz unterschiedliche gemeinsame Nenner sein. Hüte nicht nur die Schätze der Vergangenheit: Werde aktiv, öffne dich, öffne dein Haus für neue Freundschaften.
Irina Ort lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Heidelberg. Sie arbeitet als Lebensberaterin, DISG-Trainerin und Lebe-leichter-Coach in ihrer eigenen Praxis. www.einblick-schafft-durchblick.de
Sex im Alter: So kriegt Ihr Liebesleben in der Menopause wieder Schwung
Schwindet mit der Jugend auch die Erotik? Das muss nicht sein. Sexualtherapeutin Veronika Schmidt erklärt, wie die Lust sich mit dem Alter verändert.
Für viele Paare ist die Zeit der weiblichen Meno- und der männlichen Andropause ein Aufbruch in eine unbeschwerte sexuelle Lebensphase: Die Kinder sind ausgeflogen, es besteht keine Sorge, schwanger zu werden, und man hat zeitliche Freiräume für neue Experimente. Paare in der zweiten Lebensphase haben manchmal so viel Sex, wie schon seit Jahren nicht mehr, und genießen ihn sehr.
Wer dagegen froh ist, mit dem Einsetzen der Menopause einen Grund zu finden, die unbefriedigend erlebte Paarsexualität einzustellen, der wird es vermutlich tun. Bei Frauen ist der Grund oft die fehlende Lust oder Schmerzen beim Sex, beim Mann die Angst vor Erektionsstörungen.
Was ändert sich in den Wechseljahren?
Unbestreitbar halten die biologischen Umstellungen der Wechseljahre ein paar körperliche, psychische und sexuelle Herausforderungen bereit. Verschiedenste Veränderungsprozesse finden ab der Lebensmitte statt. Spätestens mit 45 Jahren ist der hormonelle Rückbau im Körper bei beiden Geschlechtern spürbar. Bei den Frauen fallen die Östrogenwerte, bei den Männern etwas weniger drastisch das Testosteron. Frauen müssen sich mit dem veränderten Aussehen und dem Ende der Fruchtbarkeit abfinden, Männer damit, nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie zuvor.
Was kann man gegen Schmerzen tun?
Die Abnahme des Östrogens bei der Frau kann zum Problem werden. Die Vagina ist dadurch weniger elastisch, die Scheidenwand wird dünner. Auch lange Sexpausen lassen die Vagina enger werden, weil sie nicht mehr regelmäßig durchblutet wird. Es kann zu kleinen Rissen und damit zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kommen. Ist das der Fall, ist Selbstliebe aus gesundheitlichen Gründen angezeigt, um mit sich selbst wieder Sicherheit zu gewinnen. Denn die Fähigkeit, sexuell erregt zu sein und lustvoll zu genießen und einen Höhepunkt zu erleben, bleibt bei Frauen auch nach der Menopause unverändert. Ob allein oder zusammen mit dem Partner, die Erregungsphase sollte ausgiebig, lustvoll und lang sein. Frau und Mann sollten sich Zeit nehmen, sich neu erkunden, sich streicheln, experimentieren, was sich erregend und gut anfühlt. Denn sich selbst gut fühlen ist eine wichtige Voraussetzung für Zärtlichkeit und Sex mit dem Partner.
Diese Salben können helfen
Erst durch genügend Erregung und durch die dadurch verstärkte Durchblutung sondern die Vaginawände genügend Flüssigkeit ab. Sollte dieser Feuchtigkeitsfilm nicht mehr ausreichend sein und damit die Penetration unangenehm werden, helfen spezielle Gleitmittel für die Bedürfnisse der empfindlichen Vagina (zum Beispiel „Pjur Woman softer formula“). Auch regelmäßige Pflege des weiblichen Geschlechts, außen und innen, wird in und nach der Menopause wichtig. Die reife Haut will nicht nur im Gesicht besonders gut gepflegt sein. Es gibt unzählige Vaginal-Pflegemittel, auch in Form von Ovulas. Manchmal braucht es auch eine von der Gynäkologin verschriebene Hormonsalbe. Doch für die Frau ist es genauso wichtig, sich in dieser Lebensphase ausreichend Zeit für Bewegung, Ernährung und ihre eigenen Interessen zu nehmen.
Wie verändert sich der Penis im Alter?
Bei Männern verändert sich der Hormonhaushalt ebenfalls, doch viel langsamer. Die Libido kann abnehmen. Erektionen entwickeln sich langsamer, es braucht mehr Reize und Stimulation dazu. Die Sensibilität des Penis nimmt im Alter ab, er verliert an Elastizität, wird etwas kürzer, verliert ein wenig an Umfang. Dabei handelt es sich um normale altersbedingte Umbauprozesse: der Penis verliert Muskelzellen und gewinnt an Bindegewebe.
Störungen können auftreten, die entweder hormonell bedingt sind oder aufgrund von Durchblutungsstörungen zutage treten. Ursachen können aber auch Krankheit, Medikamente und Versagensängste sein. Auch für den Penis gibt es pflegende Produkte. Seinen Penis täglich liebevoll zu umsorgen, stärkt den wertschätzenden Bezug zu ihm und die Akzeptanz des Älterwerdens.
Der Orgasmus ist ein Jungbrunnen
Frauen, die regelmäßig Paar- oder Solosex praktizieren, werden viel weniger mit Scheidentrockenheit zu kämpfen haben. Durch die Kontraktionen im Orgasmus wird zudem der Beckenboden in Bewegung gehalten, was Inkontinenz entgegenwirkt. Das gilt auch für den Mann und seinen Beckenboden. Ebenso profitieren der Penis und seine Schwellkörper, wenn sie regelmäßig anschwellen können, wenn regelmäßig Erektionen stattfinden und die Erregung entladen werden kann in einer Ejakulation. Die ist nicht nur für die Schwellkörper gut, sondern erwiesenermaßen auch günstig als Gesundheitsvorsorge der Prostata. Der Orgasmus als solches ist zudem mit seinem ausgeschütteten Hormoncocktail ein eigentlicher Jungbrunnen und bietet dermaßen viele gesundheitliche Vorteile, dass man nicht darauf verzichten sollte.
Trotz biologischer Veränderungen können wir in der späteren Lebensphase lustvollen, befriedigenden Sex erleben. Vorausgesetzt, es gelingt uns, uns die gemeinsame Sexualität in erweiterten Dimensionen vorzustellen. Frauen und Männer mit einem erfüllten Sexleben werden viel weniger damit zu kämpfen haben, dass sich ihr Körper verändert. Sie werden ihr Selbstbewusstsein und das gute Selbstgefühl behalten oder sogar entwickeln können.
Beim Sex kommt es plötzlich auf etwas anderes an
Junger Sex ist meist schnellerer Sex und mehr auf die Optik festgelegt, späterer Sex eher langsamer und auf die Empfindung gerichtet. Leidenschaftlich und genussvoll können beide sein, denn das hängt von den eigenen erotischen und sexuellen Fähigkeiten ab, besonders von der Wahrnehmungsfähigkeit. Wer in der sexuellen Anziehung nur auf jung und straff steht, hat spätestens jetzt ein erotisches Problem, hat es verpasst, in sinnliche Reize zu investieren. Denn die Haut fühlt sich in jedem Alter gut an, die Vagina immer noch erregend und ein Penis ebenso. Wer in die Wahrnehmung statt in die Optik investiert, für den bleibt das Gegenüber und der Sex interessant. Definieren wir uns in unserem Leben jedoch über Attraktivität und Leistung, werden wir das Älterwerden als Verlust sehen und damit hadern.
In einer kanadischen Studie wurden Paare mit über 35 Jahren Beziehungsdauer gefragt, was für sie guter Sex ist. Für sie treten Erektion und Orgasmus in den Hintergrund, während Intimität, Aufrichtigkeit und Sich-verbunden-Fühlen zur Hauptsache werden.
Wie funktioniert Sex im Alter?
Der Slow-Sex ist für langjährige Paare attraktiver. Zusammenliegen, genau wahrnehmen, die Sinne öffnen, das macht es aus. Je langsamer wir sind, umso mehr können wir wahrnehmen. Je zarter wir sind, umso feiner können wir unsere Empfindungen auseinanderhalten und unser Erleben vertiefen. Gleichzeitig sollten wir einander ehrlich mitteilen, was uns hemmt und hindert und einander fragen: Was stimmt für dich heute, was brauchst du? Denn zufriedene Paare haben gelernt, dass der andere nicht die eigenen Wünsche erfüllen muss.
In dieser Lebensphase sollten wir den Weg zum Höhepunkt ebenso sehr genießen wie den Orgasmus selbst. Das ermöglicht ein Genießen der dadurch entstehenden Gefühle von Zärtlichkeit und Intimität. Stiller Sex ist ein langsames Sich-ineinander-Bewegen und Sich-Räkeln, weniger penetrieren als vielmehr ein Streicheln der Vagina von innen und dabei von ihr gestreichelt werden.
Neue Möglichkeiten
Neben der Penetration können auch ganz andere Sachen beim Sex viel Spaß machen. Es stehen neben dem Penis noch viele weitere „Werkzeuge“ zur Lusterfüllung zur Verfügung. Zunge, Lippen, Händen und Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt keine speziellen Sextechniken für das Alter. Es braucht nicht mehr und nicht weniger als das Wissen über die Empfindungen, die Wahrnehmung und die Langsamkeit. Entscheidend ist, dass wir über die Jahrzehnte die Gewohnheit am Leben halten, uns körperlich zu begegnen. Die Sexpraktiken, die in meinem Buch „Alltagslust“ beschrieben sind, führen geradewegs in diese Form des stilleren Sex.
Körperliche Veränderungen haben auch ihr Gutes. Bei Frauen tritt mehr das Testosteron in den Vordergrund, weshalb sie „kantiger“ auftreten und mehr zu ihren Interessen stehen. Bei den Männern bewirkt der Testosteronabfall, dass ihre emotionale und soziale Seite mehr zum Zug kommt. Das Älterwerden bietet völlig neue Chancen und Gewinne, gerade für Frauen. Nun kann man sich fragen: Welche Träume, Ambitionen und Möglichkeiten habe ich noch? Jetzt muss ich nicht mehr allen gefallen wollen. Man kann es wagen, sich zu exponieren, weil man „nichts mehr zu verlieren hat“.
Veronika Schmidt arbeitet als Paar- und Familienberaterin und Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Schaffhausen am Rhein. Sie bloggt unter liebesbegehren.ch
Zu früh für einen Babysitter?
„Mein Mann und ich waren seit der Geburt unseres Kindes vor ein paar Monaten nicht mehr gemeinsam aus, würden es aber gern mal wieder. Ab wann kann ich einen Babysitter engagieren, wie alt muss er/sie sein, was muss er/sie mitbringen und wie viel bezahlt man ihm/ihr?“
Ein Abend zu zweit ist eine sehr gute Idee. Nach der Geburt des Kindes besteht die Gefahr, dass die Eltern zunehmend „nur noch“ Vater und Mutter sind und ihre Identität als Liebespaar vernachlässigen. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Paar-Zeiten ganz wichtig.
Das Baby sollte seinen Sitter kennen
Wann das wieder möglich ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Grundsätzlich dann, wenn Sie Ihr Baby mit gutem Gefühl eine Weile jemand anderem überlassen können und keine Faktoren wie Füttern, Krankheiten oder Ängste dagegensprechen. Wenn das Baby gestillt wird, stellt sich die Frage, wie lange Pausen es aushält. Wenn es zwei bis drei Stunden recht zuverlässig schafft, ist zum Beispiel ein gemeinsames Abendessen gut umsetzbar. Abpumpen erhöht die Flexibilität.
Wie gut kommt ihr Baby mit Trennungen zurecht? Die meisten Babys fangen mit fünf bis sechs Monaten an, Trennungsangst zu entwickeln, bei manchen kommt es schon früher vor. Man sollte daher dafür sorgen, dass das Baby den Babysitter vorher zumindest zwei- bis dreimal für einige Zeit kennenlernen konnte (im Beisein eines Elternteils) und auch vor dem Verlassen der Wohnung mindestens eine halbe Stunde zusammen mit dem Babysitter zum „Warmwerden“ einplanen, bevor man sich verabschiedet. Auf keinen Fall sollte man sich rausschleichen, sondern kurz und herzlich verabschieden. Wenn das Baby jünger als drei bis vier Monate ist, reicht es oft aus, wenn es den Babysitter ein- oder zweimal vorher kennengelernt hat, da Trennungsangst da meist noch keine Rolle spielt.
Babysitter in Rituale und Abläufe einführen
Der Babysitter sollte über alle wichtigen Abläufe, Rituale und Besonderheiten beim Schlafen, Wickeln und Füttern Bescheid wissen. Am besten zeigt man möglichst vieles davon schon einmal vorher: Wo ist der Schnuller, wann gibt es diesen? Wie schläft das Baby am besten ein, wie kann man es gut beruhigen?
Gerade bei Babys ist es meist gut, wenn der Babysitter schon volljährig ist. Es gibt aber auch Jugendliche, die schon viel Erfahrung und ein gutes Händchen haben, dann sollte man diese aber vorher sehr genau einweisen, prüfen, ob sie ausreichend souverän wirken und die vorhandene Erfahrung erfragen. Manche haben ein sogenanntes „Babysitter-Diplom“ über eine Schulung erhalten, das ist ein Pluspunkt.
Man sollte bestimmte Notfallnummern für den Babysitter sichtbar aufhängen und natürlich sicherstellen, dass man selbst erreichbar ist. Für den Anfang bietet es sich an, nicht zu weit wegzufahren, um möglichst rasch wieder zu Hause zu sein. Bei der Bezahlung sollte man sich bei volljährigen Babysittern am gesetzlichen Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde orientieren. Jüngere Babysitter erhalten oft zwischen 6 und 8 Euro pro Stunde, je nach Region sind die üblichen Preise auch höher. In der Schweiz erhalten bis 15-Jährige bis 10, ältere bis 18 Franken pro Stunde.
Melanie Schüer ist Erziehungswissenschaftlerin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und als freie Autorin und Elternberaterin mit dem Schwerpunkt Schrei- und Schlafprobleme tätig (www.elternleben.de sowie www.neuewege.me).
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Den Alltagsmüll entsorgen
Was eine Müll-Garage über Familien-Herausforderungen lehrt. Von Stefanie Diekmann
Bei unserer Nachbarschaft stößt unsere Idee, die gelben Müllsäcke vor der Garage zu sammeln, auf Protest. Zu Recht, wie wir als Familie zähneknirschend zugeben. Eine Lösung für die Ratten anziehenden Müllberge muss her und ist fix gefunden: eine Mülltonnen-Garage. Fein.
Während ich noch nach dem hübschesten Ding im Internet suche, drängt sich mir ein Vergleich auf. Wie müde bin ich in den letzten Tagen geworden, meinen inneren Müll zu entsorgen. Schon längst haben unsere Familien-Müllberge Ungeziefer wie Mecker-Ratten, Sorgen-Maden und Ignoranz-Motten angezogen.
Die ersten Wellen der familiären Herausforderungen durch die Pandemie haben wir gut und sogar kreativ gemeistert: Puzzeln, Spielen und Basteln mündeten in Aussortieren und Renovieren. Zur Ruhe kommen war genauso angesagt bei uns und anderen Familien wie ein Serien-Marathon mit Tee und Wolldecke.
Bis die Müllgarage geliefert wird, sammeln wir unsere Müllsäcke im Flur, um die Nachbarschaftnicht weiter zu verärgern. Endlich wird die Müllgarage zugestellt und ich habe fast Tränen in den Augen. Tränen wegen einer Müllgarage! So weit ist es schon mit mir gekommen. Das gute Stück besteht aus gefühlt 1 Milliarde Schrauben und Einzelteilen und darf „mit wenigen Handgriffen“ eigenständig zusammengebaut werden. Draußen friert es, und so wird in unserem Wohnzimmer ein Riesenpuzzle ausgebreitet. Und liegen gelassen. Keiner versteht die Anleitung und hat genug Biss, sich da reinzuknien.
Ich sehe auf den Haufen und kann dabei auch unseren Familien-Bausatz für diese Tage sehen. Wie bekommen wir unsere im Raum hängende Erschöpfung in den Griff? Unser Miteinander ist so schnell genervt von unterschiedlichen Schlafens- und Essenswünschen, dem Drang nach Bewegung und Ruhe. Und die einfachen Anleitungen aus den Talkshows und Radiosendungen sind unverständlich. Wir sollen auf uns achten? Noch mehr? Immer noch? Wie denn, wenn ein dünnes Nervenkostüm verletzende Worte und lieblose Taten fördert.
Irgendwann sehnen wir uns nach unserer Couch ohne Schrauben und mit vielen beherzten Seufzern entsteht eine beachtliche Müllgarage. Wir brauchen dabei Pausen und Beratungen, das Drehen und Wenden der Anleitung.
Das Geheimnis für mein Heute als Mutter ist kein Geheimnis: Es ist das Anfangen gegen den inneren Widerstand. Das Durchatmen, das Beendens des Meckerns und Bewertens. Themen, die ich wie Anleitungen zum Gelingen schon oft als Begleiterin von Kindern gehört habe. Ich brauche dabei Pausen und einen kleinen Impuls aus einem guten Buch oder ein Lied über Gottes Wesen, um mein Ziel zu erreichen: Den Alltagsmüll zu entsorgen und meine wundervolle Familie neu sehen zu können.
Nun steht sie. Fest und sogar hübsch ist unser Müll-Dings. Niemand, der sie so sieht, könnte ahnen, dass sie uns so zum Kampf aufgefordert hat.
Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen.
Pflegemutter Christine berichtet: So anstrengend und schön ist es, Eltern auf Zeit zu sein
Christine Gehrig und ihr Mann nehmen regelmäßig Kinder vom Jugendamt für kurze Zeit bei sich auf. Eine Herausforderung, die sich lohnt.
Wenn ich mich morgens an einen Traum erinnern kann, dann sind das in der Regel Bruchstücke eines abstrusen Gebräus. An einem Novembermorgen jedoch erwachte ich mit einem warmen inneren Gefühl, so als würde eine Herdplatte nachglühen. In meinem Traum hatte ich ein kleines, süßes Mädchen in Pflege, das meine vier großen Kinder fröhlich von Schoß zu Schoß wandern ließen. Begeistert sah ich zu.
„Warum träume ausgerechnet ich das? Während der Erziehungsjahre habe ich meine Belastungsgrenzen deutlich gespürt. Ich bin so froh, dass ich wieder Freiräume habe. Wäre ja ein Witz, wenn heute der Pflegekinderdienst anriefe“, ging es mir durch den Kopf, bevor ich zur Tagesordnung überging. Immerhin war die letzte Anfrage des Jugendamtes an uns Pflegeeltern wegen eines Kleinkindes neun Monate her.
Am Nachmittag rief tatsächlich die Frau vom Pflegekinderdienst an: „Ein Notfall. Noch heute müsste ein knapp Zweijähriger für einige Wochen in einer Pflegefamilie untergebracht werden.“ Während einer kurzen Bedenkzeit tigerte ich im Haus auf und ab. Im Traum war es ein Mädchen gewesen. Egal, Kleinkind ist Kleinkind. Beim Rückruf hörte ich mich sagen: „Ja, ich nehme ihn.“
„Ich muss vollkommen durchgeknallt sein“
Auf dem Dachboden wühlte ich das Kinderreisebett hervor und schlug dafür eine Schneise in mein kleines Zimmer. „Ich muss vollkommen durchgeknallt sein, aber wir bekommen nachher einen kleinen Jungen zur Pflege“, begrüßte ich meine jüngste Tochter, als sie aus der Schule kam. „Echt jetzt? Wie cool!“
„Wir bekommen Familienzuwachs“, begrüßte ich meinen Mann, als er hereinschneite. „Ich konnte dich telefonisch nicht erreichen.“ – „Doch nicht etwa noch eine Katze?“ Ich schilderte kurz den Tathergang und freute mich, dass Andreas die Entscheidung akzeptierte.
Schmal und blass kam Florian bei uns an. Ungeahnte Muttergene wallten in unseren beiden Töchtern auf. Die eine sauste zu einer befreundeten Mutter in der Nachbarschaft und borgte Kleidung. Die andere suchte ihre früheren Stofftiere heraus und wurde Florians größter Fan.
Florian bekommt rosige Pausbäckchen
Nachdem ich den Kleinen gebadet hatte, schlief er auf meinem Schoß rasch ein. Er rührte sich auch nicht, als ich ihn ins Bettchen legte. Um halb acht Uhr morgens erst erwachte er. Beim Frühstück griff er zunächst zögerlich zu, dann hörte er nicht mehr auf zu essen. Mein Mann und unsere Söhne trugen ihn immer wieder fürsorglich herum und machten Späßchen mit ihm. Unser Wohnzimmer wandelte sich rasch zur Spiel- und Wickelzone.
So sehr ich einerseits liebgewordene Tätigkeiten und Gewohnheiten einfrieren musste, so froh und stolz war ich andererseits über meine neue Aufgabe. Florian erwies sich nach anfänglichem Heimweh als ausgesprochen robust und lebenszugewandt. Den ganzen November über schien die Sonne, sodass er seinen Mittagschlaf stets im Kinderwagen an der frischen Luft hielt.
In den zehn Wochen seines Aufenthalts bei uns hat er sich sehr verändert, das fiel mir bei den Vorher-Nachher-Bildern auf. „Haben Sie ein neues Pflegekind oder ist es noch dasselbe wie neulich?“, fragte eine Bekannte, weil Florian rosige Pausbäckchen bekommen hatte. Ich bin dankbar, dass ich meine Kräfte für diese Zeit bündeln konnte, doch unmittelbar nach Florians Rückführung zu seiner Herkunftsfamilie erwischte mich die Grippe und wochenlanger Husten. Oft fragten wir uns, was Florian wohl jetzt macht und wie es ihm geht.
War das ein Fehler?
Anfang August wurden wir erneut angefragt, ob wir Florian vorübergehend aufnähmen. Diesmal würde eine Dauerpflegestelle für ihn gesucht. Mir war klar, dass dies unter Umständen viele Monate dauern konnte. Den langen Aufzucht-Atem hatte ich definitiv nicht mehr. Dennoch wollte ich Florian keinen neuen Bezugspersonenwechsel zumuten. So sagte ich Ja und schwankte zwischen Bangen und Zuversicht. Als ich mich in meiner Angst im Gebet bei Gott ausweinte, fragte ich: „War es ein Fehler, dass ich Ja gesagt habe?“ Mir schien, als legte Gott seinen Arm um mich und fragte: „Wie kann es ein Fehler sein, sich um eines meiner Kinder zu kümmern?“
Als Florian leer und erschöpft zu uns gebracht wurde, schlief er wieder ausgiebig. Danach lachte er und tauchte so vertraut ins Familienleben ein, als sei er kaum fortgewesen. Es war eine turbulente Full-House-Ferienzeit. Nach manchem Marathon-Tag meinte ich, abends jeden Knochen zu spüren.
Es heißt Abschied nehmen
16 Tage später: Uns rief eine alte Freundin an, die wir etwa zehn Jahre nicht mehr gesehen hatten. Sie habe an uns denken müssen und würde uns mit ihrem Mann gern besuchen kommen. Überrascht und erfreut sagten wir zu. Die Geschichte mit Florian bewegte die beiden sehr. Sie konnten sich gut vorstellen, seine Dauerpflegeeltern zu werden. Vier Tage später brachten sie ihren elfjährigen Sohn mit, der sehr aufgeschlossen für Florian war.
Das Jugendamt gab sofort grünes Licht. In den nächsten Wochen besuchten wir uns gegenseitig so oft wie möglich. Probehalber übernachtete Florian schon einmal in seiner neuen Umgebung, das meisterte er bewundernswert. Bewundernswert war es auch, wie unsere Freunde ihr Haus komplett umkrempelten, um ein großes freundliches Zimmer für Florian herauszuschlagen.
So schön wie das klingt, so wehmütig fühlte ich mich beim Abschied dann doch. Florian weinte. Aber nur kurz. Mit seiner Aufgeschlossenheit wendete er sich seiner neuen Umgebung rasch zu. Froh stellten wir bei späteren Besuchen fest, dass Florian sich freute, uns zu sehen, aber dass er uns auch leichten Herzens wieder ziehen ließ. Es macht uns ruhig zu wissen, dass es ihm richtig gut geht.
Mit einem Traum hatte das Ganze angefangen. Manchmal sind Träume nicht nur Schäume.
Christine Gehrig ist Familienfrau, Lebe-leichter-Coach und Nordic-Walking-Lehrerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Bamberg.
„Es ist so eine Last, so eine schwere“
Tirza Schmidt begleitet und berät Frauen und Männer, die unter den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs leiden. Vor drei Jahren hat sie in Bochum die VillaVie gegründet. Hier können Betroffene offen über Schmerz, Schuld und Trauer sprechen.
Mehrere Geschäfte säumen den Lahariplatz im Bochumer Stadtteil Laer. Eine Frau trägt zwei Einkaufstaschen über den Platz. Zwei ältere Herren, die auf einer Bank sitzen, sehen ihr nach. Von dem nahegelegenen Spielplatz hört man Kinderlachen. Mittendrin die VillaVie – Haus des Lebens. Der Ort absichtlich so gewählt. „Wir wollen das Thema Schwangerschaftsabbruch rausholen aus der Tabuzone“, sagt Gründerin Tirza Schmidt. Schwangerschaftsabbruch sagt sie, nicht Abtreibung. Für viele ihrer Klientinnen und Klienten sei das Wort Abtreibung „wie ein Schlag ins Gesicht“. Tirza will ihre Sprache sprechen. „Es ist eine Mauer aus Scham, Schmerz, Trauer und Schuldgefühlen, hinter der sich viele Betroffene verstecken“, weiß die Psychotherapeutin und Hebamme. „Sprache öffnet.“
Total überfordert
Sonnenlicht strahlt durch die große Fensterfront in die VillaVie. Mehrere Sitzecken gibt es hier, auf kleinen Tischen stehen Süßigkeiten für die Besucher bereit, Teelichter brennen. Es ist Besuchszeit. Tirza unterhält sich mit einer jungen Mutter, die auf einer Decke sitzt, auf der ihr Baby strampelt. Auch ein junger Mann ist gekommen. Er sitzt mit einer Tasse Kaffee auf einem Sessel und beobachtet das Baby. „Mein Kind wäre jetzt im Schulalter“, erzählt Hendrik (Name geändert), und sein Blick wird starr. „Immer, wenn ich die I-Dötzchen sehe, zieht es in der Magengegend, weil ich denke: Da könnte mein Kind jetzt auch mitlaufen.“
Der Schwangerschaftsabbruch, den er erlebt hat, liegt sieben Jahre zurück. Seine Freundin ist 15 Jahre alt, als sie erfährt, dass sie schwanger ist, er 17, beide gehen noch zur Schule. „Wir waren mit der Situation total überfordert.“ Sie überlegen hin und her, schreiben Pro- und Contra- Listen. Schließlich werfen sie eine Münze. Die Münze ist gegen das Kind. Weil die beiden Minderjährigen hierzulande die Zustimmung mindestens eines Elternteils für einen Schwangerschaftsabbruch brauchen, sie ihre Eltern aber aus der Sache raushalten wollen, kratzen sie ihre Ersparnisse zusammen und reisen in die Niederlande, wo sie diese Einwilligung nicht benötigen.
„Sie wollte das. Wir wollten das. Uns war klar: Wir können dem Kind nichts bieten“, sagt der 24-Jährige heute. Doch als er seine Freundin nach dem Eingriff aus der Klinik abholt, sind ihre ersten Worte: „Wir haben unser Kind gerade verloren.“ Sie weint auf dem gesamten Heimweg, den Rest der Woche, isst kaum etwas. Er ist für sie da, versorgt sie, funktioniert. „Ich bin so erzogen worden, dass ich keine Gefühle zeige. Ich wusste nicht, wie man trauert. Ich war komplett kalt.“
Die Trauer wegtrinken
Danach ist nichts mehr, wie es war. Während sie immer extrovertierter wird, wird Hendrik introvertierter und flieht in Alkohol und Glücksspiel. Obwohl er sie immer noch liebt, zieht er sich von ihr zurück. Mehrere Jahre geht das so, bis sie beschließen, sich zu treffen und ihrer Beziehung eine neue Chance zu geben. Doch zu diesem Treffen kommt es nicht mehr. Hendriks Freundin stirbt bei einem Verkehrsunfall. „Ich hab’s über Facebook erfahren und dann erst mal eine Runde gezockt.“ Doch diesmal kann er seinen Schmerz und seine Trauer nicht wegspielen, nicht wegtrinken. „Es kamen Gefühle in mir auf, mit denen ich überfordert war.“ Als sie merkt, dass ihr Sohn ihr ganzes Geld verzockt, bringt Hendriks Mutter ihn in eine Entzugsklinik. Eine lange Reise beginnt für Hendrik. „In den Therapien habe ich zum ersten Mal über mein Leben und meine Gefühle gesprochen. In mir war so viel Wut, weil meine Freundin gestorben ist und auch, weil ich mein Kind abgetrieben habe.“ „Mein Kind“, sagt er. Manchmal stellt er sich vor, es wäre ein Junge gewesen, Mika.
Hendrik ist vom Spielen und vom Alkohol losgekommen, hat sich eine Arbeit gesucht und ins Leben zurückgefunden. Seit eineinhalb Jahren besucht er regelmäßig die VillaVie. Die zusätzliche Therapie bei Tirza hilft ihm, den Schmerz zu verarbeiten. „Tirza hat mich nicht verurteilt, sondern mich so aufgenommen, wie ich bin.“
Unendlich viele Emotionen
Menschen wie Hendrik, die aufgrund einer bestehenden oder zurückliegenden Schwangerschaft in Schwierigkeiten stecken, zu helfen – das war schon als Kind Tirzas Wunsch. Früh weiß sie: Sie will Hebamme werden. In ihrer Ausbildung ist sie eine der Jüngsten. Während eines Praktikums bei einer Hebamme, die Frauen im Schwangerschaftskonflikt berät, erfährt sie: „Den Frauen ist überhaupt nicht bewusst, wie schwer so ein Schwangerschaftsabbruch ist. Körperlich, aber auch emotional.“ Berührt von der Trauer und dem Schmerz der Frauen liest sie sich durch Foren und stößt auf Sätze wie: „Es wird mich mein Leben lang verfolgen“, „Es ist so eine Last, so eine schwere“ und „Ich hab so unendlich viele Emotionen in mir: Wut, Hass, Enttäuschung, Trauer, Zweifel, Schmerz“. Sätze, die Betroffene nirgendwo anders aussprechen konnten. Sätze, die man nun, ausgedruckt und aufgehängt an einem Band, in der VillaVie liest.
„Die Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs müssen Betroffenen bewusst werden dürfen“, sagt Tirza. Dass es deutschlandweit wenige vergleichbare Anlaufstellen für Menschen gibt, die unter den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs leiden, zeigt, wie sehr dieses Thema vernachlässigt wird – auch in Kirchen und Gemeinden. Bei fast jedem Vortrag, den Tirza dort hält, wird sie von Menschen angesprochen, die einen Abbruch hinter sich haben. Schwangerschaftsabbrüche machen vor keinem Alter, vor keiner Schicht und keiner Gruppe Halt.
Ein Glaubensschritt
Nachdem sie mehrere Jahre als Hebamme gearbeitet und sich zusätzlich als Heilpraktikerin für Psychotherapie ausbilden lassen hat, zieht Tirza Schmidt 2014 in den Keller ihrer Eltern, spart jeden Cent, erstellt ein Logo, Visitenkarten, baut ein Netzwerk auf. Zwei Jahre später unterschreibt sie den Mietvertrag für die Räume am Lahariplatz. „Es war ein Glaubensschritt“, sagt die 34-Jährige. „Ich wusste damals nicht mal, wie ich die Miete bezahlen soll. Mein Startkapital war klein.“ Mithilfe ihrer Unterstützer renoviert und gestaltet sie die Räume. Im Januar 2017 öffnet die VillaVie zum ersten Mal.
„In den ersten Monaten saß ich allein hier und hab gewartet“, erinnert sie sich. Die Leute blickten zwar neugierig durch die großen Fenster, trauten sich aber nicht hi-nein. Im März tritt zum ersten Mal eine Mutter ein. Heute hat sich die VillaVie im Stadtteil herumgesprochen. Das Team rund um Tirza ist gewachsen. Zwei weitere Mitarbeiterinnen betreuen die rund 20 Menschen, die jede Woche die VillaVie besuchen. Manchen empfiehlt Tirza, die inzwischen aus dem Keller ihrer Eltern ausziehen konnte, zur Therapie zu bleiben. Zu Sonderveranstaltungen kommen auch Menschen aus ganz Deutschland angereist, die durch die sozialen Medien auf die Beratungsstelle aufmerksam geworden sind – darunter nicht nur betroffene Frauen und Männer, sondern auch medizinisches Personal und Hebammen, die über ihre Erfahrungen sprechen möchten. Für die, die sich diesem Thema im besonders geschützten Raum stellen wollen, gibt es in der VillaVie einen separaten Hintereingang.
Die Schuldfrage
Die Aufmerksamkeit wächst – für ein brisantes Thema. Anfeindungen reduzieren sich bisher auf ein paar wenige Kommentare von Abtreibungsbefürwortern bei Instagram. Mit wachsender Bekanntheit könnte das zunehmen. Macht ihr das Angst? „Manchmal frage ich mich schon: Was ist, wenn unsere Fenster mit Eiern beworfen oder beschmiert werden? Vielleicht muss man auch damit rechnen?“, fragt sich Tirza, aber zuckt mit den Schultern. „Ich musste schon mit so vielem rechnen, als ich noch im Keller wohnte und keinen Cent hatte.“
Es sind eher andere Anfeindungen, mit denen Tirza zu kämpfen hat. „Wir machen unsere Türen sperrangelweit auf für Menschen, die abgetrieben haben. Uns wurde deshalb schon oft unterstellt, dass wir für Abtreibung sind“, erzählt Tirza und schüttelt den Kopf. Sind sie denn gegen Abtreibung? „Unsere Beratungen sind bewusst neutral gehalten“, betont Tirza. „Die Betroffenen müssen erst mal alles rauslassen: Wut, Trauer, Schmerz.“ Nur wenn der Ratsuchende von sich aus auf das Thema Glauben zu sprechen komme, gehen sie darauf ein, denn „fast alle Betroffenen stellen sich die Schuldfrage“. Dann kann auf einen liebenden und vergebenden Gott hingewiesen werden, damit die Betroffenen Frieden bekommen können.
Und Hendrik? Von der ersten und einzigen Ultraschalluntersuchung existiert ein Bild, das er damals, nach dem Schwangerschaftsabbruch, zusammen mit seiner Freundin an einer Stelle im Wald vergraben hat. Da liegt es bis heute. „Da liegt mein Kind. Ich hatte kein Grab. Es ist trotzdem wie ein kleiner Friedhof für mich.“ Er möchte besonders Männern Mut machen, darüber zu sprechen. „Wenn man es schafft, sich seinen Gefühlen zu stellen, merkt man, dass es einen nicht schwächer macht, sondern stärker.“
Ruth Korte ist freie Redakteurin bei Family und FamilyNEXT, Buchautorin und lebt mit ihrer Familie in Gießen.
Kleines Geld, große Party: Mit diesen 8 Tipps muss ein Kindergeburstag nicht viel kosten
Kindergeburtstage müssen kein Vermögen kosten. Katrin Leppert hat 8 Ideen zusammengestellt – für Zeiten, in denen man wieder so richtig feiern kann.
Als unsere Kinder ins Kindergeburtstagsalter kamen, musste ich recht schnell feststellen: Wer feiern will, muss investieren. „Wir fahren zum Kinder-Indoor-Spielplatz“, „Wir gehen Bogenschießen“, „Wir fahren ins Kino“ und sogar: „Wir fahren zum Starlight Express“, las ich auf diversen Einladungskarten. Ich war irritiert. Jetzt schon? Im Kindergarten?
Ich fand das alles übertrieben. Obwohl ich Geburtstage toll finde und Feiern sowieso. Aber was soll das alles kosten? So viel Geld hatten wir für die Party-Gestaltung unserer Kinder gar nicht eingeplant. Wir waren davon ausgegangen, dass man bis zum Teenie-Alter Topfschlagen, Reise nach Jerusalem und Blinde Kuh toll findet und mit klassischen Spielen und selbstgemachtem Essen den Tag verbringt. Doch offensichtlich waren die Ansprüche der Kinder – oder die der Eltern? – anders.
Und irgendwie graute es mir plötzlich davor, selbst Einladungen auszusprechen. Konnte ich den Ansprüchen genügen, wenn wir „nur“ zu Hause feiern? Wir waren verunsichert. Und dennoch entschieden wir uns ganz bewusst gegen den Trend. Wir waren zu geizig, teure Eintrittskarten und überteuerte Pommes zu kaufen. Wir waren zu überzeugt davon, dass der gute alte Kindergeburtstag seine Berechtigung hat. Und wir bekamen Recht: Jahr für Jahr haben wir mit kleinem Budget und viel Spaß Partys für unsere Kinder ausgerichtet. Wir haben viel investiert: Kreativität und Einsatz. Denn eins ist klar: Wer nicht das „Rundum-Sorglos-Paket“ bucht, muss den Alleinunterhalter spielen und anschließend dreckige Klos putzen. Aber es hat sich für uns immer gelohnt. Und so kann es gehen:
1. MottoParty
Kinder lieben Verkleidungen. Und für den Gastgeber ist es einfach, die Feier unter ein bestimmtes Motto zu stellen, an dem sich alles orientiert. Bei einer Zoo-, Piraten-, Zirkus- oder Fußball-Party kommen die Gäste in der entsprechenden (Ver-)Kleidung. Zum Essen gibt es Kuchen in Tierform, Piraten-Muffins, Rasen-grünen oder Zirkus-bunten Kuchen. Die Deko wird dem Motto entsprechend gestaltet und die Spiele auf das Thema abgestimmt. Aus Reise nach Jerusalem wird Ab in den Käfig, beim Topfschlagen werden Piraten-Taler gesucht, im Garten-Stadion stehen Spiele mit Bällen auf dem Plan und im Wohnzimmer-Zirkus werden verschiedene Nummern einstudiert und aufgeführt …
2. Farben-Feier
Alle Kinder kleiden sich in der festgelegten Farbe, die Deko und auch das Essen passen perfekt. Es gibt beispielsweise roten Wackelpudding, Erdbeer-Kuchen, rote Süßigkeiten und zum Abendessen Spaghetti mit Tomatensoße. Oder gelben Zitronenkuchen, Ananas-Bananen-Spieße, Pommes mit Majo …
3. Kreativ-Party
Feste, bei denen gebastelt oder gebacken wird, gehen schnell vorbei, denn Kreativität braucht Zeit. Im Internet gibt es viele tolle Bastelideen, die für Jungs und Mädchen gleichermaßen interessant sind und mit wenig Materialaufwand tolle Ergebnisse liefern. Gleichzeitig haben die Kinder etwas in der Hand, das sie anstelle einer süßen Tüte mit nach Hause nehmen können. Unser Highlight war der Geburtstag, auf dem wir Steckenpferde gebastelt haben und anschließend mit den Kindern durch den Wald „geritten“ sind. Oder das Fest, bei dem wir mit dem Buch „Conny backt Pizza“ alle Kinder zur Ruhe bringen konnten und jeder anschließend seine eigene Pizza zum Abendessen kreieren konnte.
4. Schatzsuche
Die gemeinsame Suche nach einem Schatz ist immer spannend, und es tut allen gut, sich nach dem Kaffeetrinken auszupowern. Eine einfache Schnitzeljagd, bei der man von Hinweis zu Hinweis laufen muss oder eine Foto-Rallye, bei der die Kinder Orte in der Nachbarschaft per Foto entdecken müssen, sind schnell vorbereitet und immer ein Erfolg. Wichtig: Beim Heben des Schatzes müssen alle gemeinsam arbeiten, und die Gruppe sollte immer zusammenbleiben. Der Inhalt des Schatzes könnte eine süße Tüte für jeden oder Material für eine Bastelaktion sein. Wir haben die Schatzkiste einmal ganz banal mit Seifenblasen befüllt und waren anschließend „arbeitslos“, weil alle Kinder beschäftigt waren.
5. Doppelter Spaß
Um Kapazitäten, Budget und Ideen zu bündeln, kann es sich lohnen, mit Freunden gemeinsam zu feiern. Oft überschneidet sich der Freundeskreis, und wenn die Geburtstage relativ nah beieinanderliegen, kann man eine große gemeinsame Party feiern. Dabei könnte man zum Beispiel in zwei großen Teams gegeneinander Sport- oder Gruppenspiele spielen oder Schmugglerspiele (Räuber gegen Polizisten) und Schnitzeljagden (Gruppe 1 sucht Gruppe 2) im Wald durchführen. Große Gruppen bieten viele Möglichkeiten und gleichzeitig kann man die Vorbereitung und Durchführung mit zwei Elternpaaren stemmen.
6. Gartenparty
Bei Sommerwetter ist eine Gartenparty ein Selbstläufer: Sandkasten, Rutsche und ein Planschbecken reichen schon, um auch kleine Kinder stundenlang zu beschäftigen. Es bietet sich an, zu den einzelnen Stationen Spiele vorzubereiten: Schätze im Sandkasten finden, Wasserbomben-Weitwurf oder andere Spiele mit Wasser. Auch größere Kinder finden Gartenpartys mit Pool und Lagerfeuer oder eine Übernachtung im Zelt spannend.
7. Beauty-Tag
Teenie-Mädels kann man mit einem Beauty-Tag überraschen. An verschiedenen Stationen werden Haare, Haut und Nägel verwöhnt, die Kids können sich gegenseitig massieren, frisieren und schminken. Anschließend gibt es ein Fotoshooting mit Fotos zum Sofort-Ausdrucken.
8. Kino XXL
Ein Kinobesuch schluckt viel Geld. Genauso spaßig ist es im Heimkino: im Wohnzimmer, im Hobbyraum oder vielleicht im Gemeindehaus wirft ein Beamer den Lieblingsfilm an die Wand. Dazu gibt es eine Getränke-Bar und ein Chips-Buffet.
Die verschiedenen Ideen können für die entsprechenden Altersgruppen immer wieder angepasst werden. Ein Vorteil im Vergleich zu Kindergeburtstagen außer Haus ist der, dass die Gäste unter sich sind. Und oft genießen die Kinder das und kommen schnell ins freie Spiel oder ins Gespräch. So haben wir oft weniger Programm gebraucht als gedacht.
Katrin Leppert ist Redakteurin der Kinderzeitschrift KLÄX und lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Marburg.
„Unser Sohn hängt nach dem Abitur nur zu Hause rum“ – Da hilft nur Durchgreifen
Was tun nach dem Abi? Wenn die Antwort »Nichts« ist, sind die Eltern gefragt. Wie das funktioniert, erklärt Pädagogin Sonja Brocksieper.
„Unser Sohn (19) konnte sich nach dem Abitur nicht für ein Studienfach entscheiden. Einen Job hat er sich auch nicht gesucht und hängt nur zu Hause oder mit Freunden rum. Müssen wir das akzeptieren?“
Vielen Abiturientinnen und Abiturienten fällt es heute aufgrund der Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten schwer, sich direkt nach der Schule für einen nächsten Schritt zu entscheiden. Manche sprechen sogar von einem echten Gesellschaftsphänomen, für das es vielschichtige Gründe gibt. Für Eltern ist das nicht einfach, und es kann zu einer großen Belastungsprobe werden.
Was kann ich tun?
Einerseits ist es verständlich, dass junge Erwachsene nach der langen Schulzeit von mindestens zwölf Jahren das Bedürfnis nach einer Verschnaufpause haben. In einem gewissen Rahmen kann man ihnen die auch durchaus gönnen. Andererseits braucht es dabei auch immer gute Absprachen und eine Perspektive, wie es langfristig weitergehen kann. Sie müssen also keineswegs akzeptieren, dass Ihr Sohn nur abhängt.
Verdeutlichen Sie ihm das Prinzip von Rechten und Pflichten. Jeder Mensch, der in unserer Gesellschaft seine Pflichten nicht erfüllt, muss damit rechnen, dass seine Rechte eingeschränkt werden. So funktioniert das Zusammenleben. Eltern sind verpflichtet, ihrem volljährigen Kind den Unterhalt zu zahlen, wenn es dazu noch nicht in der Lage ist, bis eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen ist. Macht ein volljähriges Kind nach der Schule aber einfach nichts, muss das nicht auf Kosten der Eltern laufen. Dann sollten Sie ihm keineswegs ein entspanntes Leben finanzieren, denn das hemmt die Entwicklung und Reifung Ihres Sohnes.
Sie dürfen unbequem werden!
Ihr Sohn muss die Verantwortung für seine Entscheidung tragen, indem er die Folgen spürt. Denn nicht nur Sie, auch er hat Pflichten: Er muss sich um seine finanzielle Absicherung kümmern und Aufgaben im Haushalt übernehmen. Das ist sogar gesetzlich geregelt! Erklären Sie ihm, dass Sie den Service einstellen und seine finanzielle Unterstützung reduzieren werden, wenn er sich nicht daran hält. Das Leben kann ruhig unbequem für ihn werden. Zeigen Sie Ihrem Sohn diese Optionen auf und setzen Sie ein Zeitlimit, bis wann er sich für eine Ausbildung, einen Job, ein Studium, soziales Jahr oder dergleichen entschieden haben muss und bieten Sie ihm dabei Ihre Unterstützung und Begleitung an. Ist es nicht möglich, mit ihm auf dieser vernünftigen Ebene Lösungen zu finden, könnte es Sinn machen, sich Vertrauenspersonen wie Verwandte, Paten oder Freunde dazuzuholen.
Was steckt dahinter?
Es stellt sich aber auch die Frage, warum sich Ihr Sohn nicht um einen Job gekümmert hat. Was ist die Ursache für sein Durchhängen? Ist es reine Faulheit, dann sollte Ihr Sohn die Konsequenzen deutlich erleben und mit den Einschränkungen leben. Steckt dahinter aber eine echte Lebenskrise, die viel tiefer geht, braucht er emotionale Unterstützung, um aus diesem Loch herauskommen zu können. Dann könnte es doch hilfreich sein, ihm eine Verschnaufpause für eine gewisse Zeit möglich zu machen, mit dem Ziel, die Seelenbatterie aufzuladen, sodass eine Ausbildung überhaupt erst möglich ist. Vermutlich wird das aber ohne eine psychologische Beratung nicht gehen.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F: sonja-brocksieper.de
Erzieherin: So bringen Sie Ihre Kleinen zuhause in Bewegung
Wohin mit dem Bewegungsdrang der Kinder, wenn es draußen ungemütlich ist und kein Sport stattfindet? Expertin Anika Schunke hat da Ideen.
Man braucht nur zwei Dinge, um den Kleinen Bewegung zu Hause zu ermöglichen: ein bisschen Platz und flexible Eltern. Wenn es im Haus Treppen gibt, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Treppensteigen zu üben. Sind die Kinder sicher, kann dies spielerisch vertieft werden. Lassen Sie die Kinder verschiedene Dinge die Treppe herunterrollen und unten wieder einsammeln. Sie können auch auf die eine Seite der Treppe ein großes Pappstück legen, das als Bahn dient.
Kartons werden zum Parcours
In der Wohnung können Sie einen Parcours aus Kartons, Kissen, Hockern, Tüchern und Decken zum Rein-, Drauf- und Durchklettern, zum Runterhüpfen und Verstecken aufbauen. Spannen Sie eine Art Spinnennetz in einem Zimmer, können die Kinder darüber-, darunter- und hindurchsteigen üben. Das kann auch in den Parcours eingebunden werden. Gehen Sie den Parcours mit Ihrem Kind durch oder lassen Sie es diesen unter Beobachtung frei erkunden. Viele Kissen übereinander ergeben einen schönen Polsterberg, sind aber eine wackelige Sache. Bleiben Sie deshalb in der Nähe.
Reize wollen verarbeitet werden
Bringen Sie Brettspiele in Bewegung, indem Sie Puzzleteile oder Memorykarten im Raum verteilen, welche dann eingesammelt werden. Das klappt auch schon mit Zweijährigen, erfordert zu Beginn aber Geduld. Kuscheltiere und Puppen verstecken und suchen macht den Kleinen auch Spaß.
Für die ganz Kleinen können Sie einen Karton mit Dingen wie Raschelfolie, Glöckchen, Tüchern, Beißringen, Gummibändern bestücken, an denen sie ziehen, drehen oder kratzen können. Auch Tunnel, in die man sie hineinlegen kann, sind spannend. Achten Sie darauf, ab wann es Ihrem Kind zu viel wird. Wenn es quengelig und unruhig wird, nehmen Sie es zu sich, damit es die Reize verarbeiten kann.
Anika Schunke ist Erzieherin und bietet Bewegungskurse für Eltern und Kinder an. Sie lebt mit ihrer Familie in Eggenstein bei Karlsruhe. Sie hat das Buch „Kleine Räume, großer Spaß“ (Meyer und Meyer) geschrieben.
Auf das, was da noch kommt!
Das „leere Nest“ schenkt Freiräume für Beziehungen, die mal nichts mit den Kindern zu tun haben. Irina Ort mit Anregungen, wie alte Freundschaften wiederbelebt und neue gewonnen werden können.
Zwischen Geburt und Loslassen der Kinder stecken jede Menge Erlebnisse, Geschichten und Erfahrungen. Durch oder wegen der Kinder haben sich ein paar von den damals bereits bestehenden Freundschaften gefestigt. In der Kleinkind- und Kindergartenphase sind aber auch neue Freundschaften entstanden. Ich erinnere mich an unzählige Male, wo wir uns mit oder wegen unserer Kinder trafen und zwischen uns Erwachsenen eine Freundschaft begann. Diese Freundschaften waren praktisch, alltagstauglich und gleichzeitig Gold wert. Wir trafen uns auf Spielplätzen, unternahmen gemeinsame Ausflüge und halfen uns gegenseitig mit dem Babysitten aus. Wenn wir uns als Paar ein paar kinderfreie Tage gönnen wollten, vertrauten wir uns gegenseitig die Kinder an. Kinder waren ein großer gemeinsamer Nenner unserer Freundschaften.
Jetzt sind die Kinder erwachsen. Die Lebensschwerpunkte verlagern sich. Ich stelle fest, dass ich und wir als Paar immer mehr Freiräume haben. Wir haben mehr Zeit. Ich habe mehr Zeit. Doch wie sieht es eigentlich mit meinen und unseren Freundschaften aus? Ich stelle auch fest, dass ich mich nun tatsächlich weniger mit Freunden treffe und gefühlt auch weniger Freunde habe. Das bringt mich dazu, über das Thema Freundschaft nachzudenken.
Freundschaft zu mir selbst
In dieser Umbruchzeit wird es mir besonders wichtig, mir selbst eine gute Freundin zu werden oder wieder zu sein. Eine Freundschaft zu mir selbst bedeutet, bewusst „Ja“ zu mir zu sagen, mich selbst annehmen zu können, meine Begrenzungen und Schwächen zu kennen und meinen Stärken mehr Raum zu geben. Ich darf neugierig werden, auf Entdeckungsreise gehen und Neues mit meinen bereits erworbenen Erfahrungen kombinieren. Ich darf aber auch lernen, das Älterwerden zu akzeptieren. Die einzige Konstante ist bekanntlich die Veränderung. Wie begegne ich ihr in diesem neuen Lebensabschnitt?
Freundschaft zu meinem Mann
Schon am Anfang unserer Ehe war uns beiden klar: Wenn wir eines Tages Kinder bekommen, werden diese nach einer gewissen Zeit unser Nest verlassen. Genauso klar war und ist es, dass wir beide bleiben werden. Für jedes Paar ist es eine besondere Herausforderung, sich zwischen den Wäschebergen, den beruflichen Weiterbildungen, dem Hausbau, dem Ehrenamt und vielem mehr nicht aus den Augen zu verlieren. Für uns beide war die Wochenendbeziehung, der wir beruflich bedingt fünfeinhalb Jahre ausgesetzt waren, ein zusätzlicher Spagat.
Jetzt, in dieser neuen Lebensphase mit den neuen Freiräumen, stellen wir uns bewusst diese Fragen: Was wollen wir in unserer Beziehung wiederbeleben? Was wollen wir neu entdecken? Welchen Traum (den wir durch die intensive Familienphase auf Eis gelegt haben) wollen wir weiterverfolgen?
Die Anschaffung eines Fahrradanhängers macht es uns möglich, unsere fast vergessene Leidenschaft des gemeinsamen Fahrradfahrens wiederzubeleben und auszuweiten. Mit dem wöchentlichen Terminblocker „unsere Zeit“ halten wir uns bewusst die Zeit füreinander frei. Auch wenn das nicht immer klappt, wissen wir: Wer nicht plant, der wird vom Alltag überrollt und verplant. Wir beide haben Träume, einer davon ist es, ein Sabbat(halb)jahr im Ausland zu verbringen.
Alte Freundschaften wiederbeleben
Beim Gedanken an die alten Freundschaften habe ich bestimmte Gesichter vor Augen. „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ – dieser Spruch auf einer Karte, die ich bei mir zu Hause entdeckt hatte, brachte mich auf den Gedanken, selbst aktiv zu werden.
Mir ist klar, dass eine Freundschaft kein Selbstläufer ist. Freundschaften sind enorm wichtig und wollen, ja sollten gepflegt werden. Dann kommt das ABER: Wenn die räumliche Distanz nicht wäre … Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesprochen … Wir leben in ganz unterschiedlichen Welten … Es ist schwierig, einen gemeinsamen Termin zu finden … Die könnte sich auch mal melden … Diese Gedanken verhindern häufig das Wiederbeleben alter Freundschaften.
Ich habe mich meinem ABER in den Weg gestellt, indem ich den Kontakt zu der Tochter meiner Freundin aufnahm. Ich erklärte ihr mein Vorhaben, ihre Mutter – meine Freundin – zu überraschen und beauftragte sie, ein paar wichtige Dinge für mich in Erfahrung zu bringen. Bevor ich mir ein paar Tage freinahm, musste ich ganz sicher sein, dass meine Freundin an dem Tag keine weiteren Termine und tatsächlich Zeit hätte. Nachdem ich von der Tochter grünes Licht bekam, reservierte ich auf den Namen meiner Freundin einen Tisch für uns zwei. Meine Vorfreude und die Aufregung wuchsen. Ich würde die Freundin bald wiedersehen, die ich durch den Kindergarten unserer Kinder kennen- und schätzen gelernt hatte. Wir beide sind wie Hanni und Nanni durch dick und dünn gegangen. Ganz zufällig bekamen wir zeitgleich eine Mutter-Kind-Kur genehmigt. Gemeinsam mit unseren sechs Töchtern (wir haben jeweils drei) verbrachten wir eine unvergessliche Zeit in Cuxhaven. Lang ist es her. Ich wollte diese Freundschaft auf jeden Fall wiederbeleben.
Zwei Tage vor unserem gemeinsamen Date erfuhr meine Freundin von ihrer Tochter, dass sie an dem besagten Donnerstag ein Date habe. Sie teilte ihr auch mit, dass der Tisch auf ihren Namen reserviert sei und sie sich auf das Date freuen könne. Nun wuchs die Spannung auch bei meiner Freundin. Sie fragte sich, wen sie dort wohl antreffen würde. Endlich kam der Tag unseres Treffens. Ich war absichtlich etwas früher im Lokal. Meine Freude war groß, auch, weil wir einen tollen Tisch abseits, mit einem Ausblick, bekamen. Nachdem ich mit der Kellnerin gesprochen und ihr von meinem ganz besonderen Date erzählt hatte, war sie gerührt und auch bereit, „mitzumachen“. Ich bat sie, meine Freundin zum Tisch zu führen (währenddessen stand ich in einem „Versteck“, von dem aus ich alles beobachten konnte). Ich bat die Kellnerin außerdem da-rum, meiner Freundin die Speisekarte und auch die Karte mit dem Spruch „Wenn dir etwas wichtig ist, gibt es kein ABER“ zu überreichen. Ich wartete etwas, um die Spannung noch mehr aufzubauen. Dann ging ich zum Tisch …
Mit einer gelungenen Überraschung, einer unbezahlbaren Erinnerung und unendlich dankbar fuhr ich wieder nach Hause. Es war so wie früher gewesen – unbeschreiblich wertvoll und schön. Jetzt bin ich gespannt, wann und wo die Karte, die ich nach unserem Treffen mit dem Datum versehen habe und diese als „Wanderpokal“ meiner Freundin überlassen habe, in meine Hände zurückkommen wird.
Das beste Mittel, alte Freundschaften wiederzubeleben, ist, sich bewusst Zeit zu nehmen. Übe Gastfreundschaft, lade alte Freunde einfach mal wieder zu dir ein. Vielleicht ist auch ein neutraler Ort eine bessere Variante, zum Beispiel ein ganzes Wochenende gemeinsam in einem Ferienhaus. Zusammen kochen, reden, spazieren gehen, spielen, lachen – das wie in früheren Zeiten zu erleben, tut so gut!
Nicht alle Freundschaften, die ich versucht habe wiederzubeleben, ließen es tatsächlich zu. Einige musste ich schweren Herzens loslassen. Die Erkenntnis, dass es Freundschaften für eine bestimmte Zeit gibt und diese nicht lebenslang halten müssen, befreite mich von einer falschen Erwartungshaltung. Beziehungen baut man nicht, man sät sie. Diese Tatsache machte mir klar, dass ich in der neuen Lebensphase auch neue Beziehungen säen will.
Neue Freundschaften säen
Die erste Frage, die sich beim Säen stellt: Geht da überhaupt etwas auf? Wird da tatsächlich eine Freundschaft entstehen? Wenn ja, was wird da wohl wachsen? Ich möchte keine Freundschaft erzwingen, vielmehr einen Freiraum für die einzigartige Entfaltung geben.
Eine gemeinsame Israelreise ist der Ursprung einer neuen Freundschaft gewesen. Diese flüchtige Urlaubsbekannte war eine der ersten Frauen, die ich als Teilnehmerin beim Body-Spirit-Soul-Kurs, den ich für Frauen anbiete, begrüßen durfte. Nach dem Kurs sprang der Freundschaftsfunke über. Heute sind wir Freundinnen und mit einem großen Herzen für die Arbeit mit Frauen gemeinsam unterwegs.
Wenn wir säen, haben wir keine Garantie, dass etwas aufgehen und wachsen wird. Wir können mit einer einjährigen Blume, einem Begleiter für eine bestimmte Zeit, beschenkt werden. Wir können aber auch mit einem Baum, der Jahr für Jahr Früchte tragen wird, überrascht werden. Bei beidem ist es wichtig, aktiv zu werden, sich auf Menschen einzulassen, zu geben und abzuwarten, ob dies erwidert wird.
Die gemeinsamen Nenner der neu entstehenden Freundschaft werden jetzt sicherlich nicht mehr die Kinder sein. Vielleicht ist es zuerst der gemeinsame Kaffee, das gemeinsame Wandern, die Leidenschaft fürs Nähen oder eine Weiterbildung. Für den Beginn einer neuen Freundschaft können es ganz unterschiedliche gemeinsame Nenner sein. Hüte nicht nur die Schätze der Vergangenheit: Werde aktiv, öffne dich, öffne dein Haus für neue Freundschaften.
Irina Ort lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Heidelberg. Sie arbeitet als Lebensberaterin, DISG-Trainerin und Lebe-leichter-Coach in ihrer eigenen Praxis. www.einblick-schafft-durchblick.de
11 Tipps für entspanntes Home-Schooling
Diese Tipps unterstützen Eltern bei der Herausforderung Distanz-Unterricht. Ein Gastbeitrag der Pädagogin und Autorin Dr. Birgit Ebbert.
1. Suchen Sie Ihren eigenen Weg!
Jede Familie ist anders, deshalb kann es kein Rezept für alle geben. Erfinden Sie Ihre Zuhause-Schule mit Ihrer Familien-Klasse, in Ihrem Wohnzimmer-Klassenraum und dem Knowhow in Sachen Lernstoff und Lernen, das Sie mitbringen. Lassen Sie sich nicht von anderen Familien beeindrucken, sondern vertrauen Sie darauf, dass Ihr Weg für Sie und Ihr Kind bzw. Ihre Kinder richtig ist.
2. Legen Sie für jedes Kind einen Lernplatz fest!
Das A und O für das Home-Schooling ist ein Lernplatz, der „Lernen“ ruft! Suchen Sie für Ihre Familie die richtige Lösung – jeder in seinem Zimmer, alle an einem Tisch, richtig oder falsch gibt es da nicht. Wichtig ist, dass der Platz immer derselbe ist, sodass klar ist: An diesem Platz wird gelernt! Das hilft, sich aufs Lernen zu konzentrieren.
3. Erstellen Sie einen Lernstundenplan für die ganze Familie!
Auch im normalen Alltag passiert in einer Wohnung im Laufe des Tages einiges. Der eine kommt, der andere geht, arbeitet, kocht, putzt, räumt auf – eben was gerade anfällt. In diesen bewährten Plan muss nun das Home-Schooling von einem oder mehreren Kindern und vielleicht sogar noch das Home-Office der Eltern eingefügt werden. Das ruft nach einem Lernstundenplan für die Familie, in dem die lauten und leisen Zeiten aller Mitglieder aufeinander abgestimmt werden. Dadurch werden Konflikte reduziert und alle wissen, woran sie sich orientieren können.
4. Vereinbaren Sie erreichbare Ziele!
Sie können es sich nicht oft genug klar machen: Sie und Ihr Kind können nicht dasselbe leisten wie die Schule. Die Lehrerinnen und Lehrer ziehen auch nicht immer das Programm durch, das sie sich für eine Stunde, Woche oder ein Halbjahr vorgenommen haben. Setzen Sie sich realistische Ziele. Im besten Fall hat die Lehrkraft bereits die Arbeitsblätter oder den Wochenplan mit Sternchen versehen, die zeigen, was mindestens erledigt werden sollte. Klären Sie mit Ihrem Kind, was es sich zutraut und arbeiten Sie auf dieses Ziel hin. Erreichte Ziele machen glücklich und motivieren, nicht erreichte Ziele frustrieren und blockieren die Lernmotivation.
5. Helfen Sie die Aufgaben sinnvoll zu sortieren!
Lernzeit ist eine wichtige und oft auch schöne Zeit, aber draußen spielen, mit dem Hund spazieren gehen und mit Freunden skaten – all das macht auch Spaß. Je besser die Lernzeit geplant wird, umso mehr Zeit bleibt für Hobbys und gemeinsame Aktivitäten übrig. Deshalb lohnt es sich, die Lernaufträge clever zu sortieren und am besten die Materialien passend zurechtzulegen. Dann können die Aufgaben hintereinander abgearbeitet werden und am Ende bleibt mehr Zeit für Herzensdinge.
6. Fragen Sie bei Unklarheiten in der Schule nach!
Auch wenn das Wort „Home“ in Home-Schooling sehr dominant ist, bedeutet das nicht, dass Sie alleine vor der Aufgabe stehen. Nutzen Sie die Angebote der Schule, Sie und Ihr Kind zu unterstützen, und fordern Sie ggf. Hilfe ein, höflich, freundlich, aber souverän, denn Sie und die Schule sind Partner in diesem außergewöhnlichen Projekt.
7. Geben Sie Tipps statt Lösungen!
Ja, es ist oft verlockend, hinter eine Rechenaufgabe die richtige Lösung zu schreiben. Aber damit helfen Sie Ihrem Kind nicht, Sie verschieben das Problem nur, dass Ihr Kind das Thema nicht verstanden hat. Fragen Sie Ihr Kind nach Ideen, wie es die Aufgabe lösen könnte, geben Sie Tipps oder erzählen Sie, wie Sie die Lösung angehen würden. Entwickeln Sie mit Ihrem Kind das Grundprinzip einer Aufgabe und wenn es gar nicht geht, notieren Sie, dass Ihr Kind dieses Thema nicht verstanden hat und geben Sie das an die Schule weiter. Nur so können die Lehrerinnen und Lehrer Ihrem Kind helfen.
8. Sehen Sie Fehler als Chance für alle Seiten!
Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der Fehler negativ beurteilt werden. Dabei sind Fehler eine Chance. Beim Lernen helfen sie zu erkennen, wo Unterrichtsstoff nicht oder falsch verstanden wurde. Als Lerncoach lernen auch Sie noch und Sie machen Fehler, aber daraus können Sie lernen und wissen beim nächsten Mal, was gut funktioniert und was nicht. Sehen Sie Ihre Fehler, die Ihres Kindes und auch die der Lehrkräfte als Hinweis darauf, wo etwas zu verändern ist.
9. Gönnen Sie sich den Mut zur Lücke!
Ein Lerncoach ist ein Begleiter, kein Zauberer! Sie können Ihr Leben nicht mit einem Fingerschnips umkrempeln, damit Ihr Kind optimale Home-Schooling-Bedingungen hat. Schauen Sie, was Sie leisten können – und wenn das weniger ist, als die Schule erwartet, teilen Sie der Schule dies mit. Lassen Sie auch mal Fünfe gerade sein und eine Aufgabe liegen – wegen eines nicht geschriebenen Aufsatzes ist bisher die Welt noch nicht untergegangen!
10. Feiern Sie Erfolge!
Zeigen Sie Wertschätzung für die Leistung Ihres Kindes und für Ihre eigene. Eine Woche Home-Schooling, das allein ist schon ein Fest wert, zumindest eine Portion Eis oder eine Pizza vom Italiener nebenan. Feiern Sie die Erfolge, wie Sie fallen, nicht nur die Lernerfolge Ihres Kindes – die sowieso. Feiern Sie auch Ihre eigenen Erfolge, wenn zum Beispiel Ihr Lernstundenplan perfekt aufgegangen ist, Ihr Kind selbstständig am Videomeeting der Klasse teilgenommen hat und vorher der Technik-Check auf Anhieb geklappt hat. Home-Schooling besteht aus so vielen Puzzleteilen, die zusammengefügt werden müssen, da ist jedes fertige Motiv eine Anerkennung wert.
11. Bleiben Sie gelassen!
Vor allem aber: Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck. Home-Schooling ist keine Meisterschaft und es winkt auch kein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die perfekten Lerncoach-Eltern. Home-Schooling ist ein Weg, damit die Schülerinnen und Schüler den Anschluss behalten und nicht zu viel Lernstoff verpassen. Und wenn Ihr Kind dennoch etwas verpasst, dann holt es das später nach. Die wesentlichen Informationen werden im Wissensspeicher auf jeden Fall ankommen. Vor allem ist wichtig, dass Ihr Kind sich gedanklich mit dem Schulstoff beschäftigt und nicht beim In-die-Luft-gucken das bisher Gelernte vergisst. Lernen braucht Wiederholung. Home-Schooling hilft hier auf jeden Fall, Lesen, Schreiben und Medienkompetenz im Falle eines digital gestützten Unterrichts zu trainieren. Das ist mehr, als Ihr Kind ohne die Schule zu Hause mitnehmen würde. Bleiben Sie also gelassen. Schule ist wichtig, aber nicht überlebenswichtig.
Diese Tipps entstammen dem „Ratgeber Homeschooling & Co.“, herausgegeben von Birgit Ebbert und Stephan Schampaul, als eBook und Hörbuch erschienen im Schulwerkstatt-Verlag.