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7 Tipps für einen entspannten Urlaub

Erholsame Ferien für die ganze Familie? Das muss keine Illusion bleiben! Die sechsfache Mutter Dorothee Tappe hat 7 Tipps zusammengestellt, die auch euren Urlaub zu einem großartigen Erlebnis machen.

Die Urlaubszeit steht an. Und wieder einmal merken wir, wie die Zeit knapp wird, damit alles rechtzeitig gepackt, notwendiges Urlaubszubehör – neue funktionierende Badetiere oder passende Wanderschuhe für die Kinder – besorgt wird und wir den organisatorischen Kram wie eine neue Vignette oder Einreisepapiere erledigt bekommen. Damit wir den Urlaub nicht schon gestresst und ausgelaugt beginnen, ist es wichtig, einige Dinge zu beachten. Ich habe sieben Tipps und Tricks zusammengestellt, wie ein stressfreier Urlaub gelingen kann.

Tipp 1: Aktivitätentabelle

Ein stressfreier Urlaub, der für alle Familienmitglieder passt, fängt schon bei den Planungen an: Wichtig ist, dass für jeden etwas dabei ist. Hierfür gestalte ich im Vorfeld einen Urlaubsaktivitätenplan. Alle möglichen Aktionen und Ausflugsziele werden in einer Tabelle erfasst, dazu die relevanten Daten wie Art der Aktivität, Ort, Entfernung zur Unterkunft, Öffnungszeiten, Kosten und sonstige Informationen. So muss ich diese später nicht mehr mühsam heraussuchen.

Anschließend darf jedes Familienmitglied einen Klebepunkt in einer individuellen Farbe in die Wunschspalte kleben. Unsere Jüngste konnte letzten Sommer noch nicht lesen. Sie hat den Plan zusammen mit dem großen Bruder ausgefüllt. Alternativ kann man Bilder oder Symbole in den Plan einfügen. Oder man setzt sich als Familie zusammen, geht die Ausflugsliste gemeinsam durch und setzt dabei abwechselnd die Klebepunkte.

Anhand der Klebepunkte können wir nun schauen, dass wir im Urlaub für jeden etwas unternehmen. Oft gibt es auch Aktivitäten, die allen gefallen, sodass diese natürlich bevorzugt drankommen. Und da viele Ausflüge wetterabhängig sind, kann morgens beim Frühstück auf den Plan geschaut und spontan entschieden werden, was für den jeweiligen Tag geeignet ist und worauf alle Lust haben. Dies ist durch die Tabelle einfach und entspannt möglich, da nicht erst noch gegoogelt werden muss, um Öffnungszeiten und Adressen herauszufinden.

Tipp 2: Packliste

Mein zweiter Tipp für einen entspannten Urlaub ist eine gute und vor allem ausführliche Packliste, sodass nichts vergessen und auch nicht zu viel mitgenommen wird. Hierfür lohnt es sich, eine Urlaubs­packliste in einer Memo-App anzulegen, die für jeden Urlaub individuell angepasst und ständig erweitert werden kann.

Beim Packen kann nun jedes einzelne Stück direkt abgehakt werden. So sehen wir sofort, was wir noch mitnehmen oder besorgen müssen. Die Packliste unterteile ich in Rubriken. Es empfiehlt sich, immer direkt eine ganze Rubrik, zum Beispiel die Badesachen, zusammenzusuchen. Und sobald alles aus einer Rubrik zusammenliegt, kommt es direkt in den Koffer. Durch dieses System ist es möglich, relativ schnell und systematisch einzupacken. Vor allem wird nichts Wichtiges vergessen.

Tipp 3: Spielzeugkoffer

Der dritte Tipp ist absolut Gold wert. Kinder möchten ja immer alles Mögliche mitnehmen und einpacken, und dann fliegen die vielen mitgebrachten Spielsachen unkontrolliert im Hotelzimmer, im Zelt oder in der Ferienwohnung herum. Wenn jedes Kind einen klassischen Spielzeugkoffer bekommt, den es selbst packen darf, ist die Menge an mitzunehmendem Spielzeug klar begrenzt. In diesen Koffer darf alles rein, was die Kinder mitnehmen möchten. Es müssen keine Diskussionen im Vorfeld geführt werden, ob etwas mitgeht oder zu Hause bleibt. Die Kinder dürfen absolut frei wählen. Wenn der Koffer voll ist, ist das Limit erreicht!

Dies ist nicht nur sehr entspannend, sondern schafft auch am Urlaubsort gleich Ordnung, da die Spielzeuge im Koffer direkt aufgeräumt sind. Zusätzlich zum Koffer darf jedes Kind ein Kuscheltier und eine Puppe mitnehmen, sodass sich im Spielzeugkoffer genügend Platz findet für Bücher, Spiele, Puppenkleider oder für das, was die Kinder einpacken möchten. Und da die Kinder dies schon in jungen Jahren selbstständig machen, sparen diese simplen Spielzeugkoffer viel Zeit und Nerven.

Tipp 4: Reisebeschäftigung

Mit einer entspannten Anreise startet man besser in den Urlaub. Hierzu wird für jedes Kind eine kleine Beschäftigungstasche für das Auto, die Bahn oder das Flugzeug gepackt. Vorzugsweise mit Dingen, die keinen Dreck verursachen und mit denen sich die Kinder lange und ruhig beschäftigen können. Hierfür eignen sich magnetische Maltafeln, Wasser-Ringe-Spiele, drehbare 3D-Reisepuzzle, Ball-Labyrinthe, Kindermagazine oder ein Auto-Bingo (siehe Info-Kasten).

Tipp 5: Setzkasten für den Urlaub

Der nächste Tipp betrifft das Sammelsurium, das Kinder gern aus dem Urlaub mitbringen: Muscheln und Steine, kleine Andenken und Erinnerungsstücke. Hierfür lohnt es sich, einen oder mehrere Setzkästen anzuschaffen, in denen Urlaubserinnerungen immer wieder neu gestaltet werden können. Zusätzlich zu den Fundstücken der Kinder kann man die schönsten Urlaubsfotos im Polaroid Design entwickeln lassen und gemeinsam mit den Kindern im Setzkasten anordnen. Dies ist nicht nur eine nett anzuschauende Deko, sondern ein Platz, an dem die Sammelstücke der Kinder gewürdigt werden. Die ganze Familie kann sich beim täglichen Vorbeilaufen an die schönen Momente erinnern.

Tipp 6: Sortiertes Einpacken

Tipp Nummer 6 hilft, nicht gleich am ersten Tag nach dem Urlaub wieder in Stress zu geraten und gut in den Alltag zu starten. Hierfür ist ein sortiertes Einpacken hilfreich: Die Koffer werden nicht wie auf der Hinreise nach Rubriken eingepackt. Diesmal kommt in den größten Koffer ausschließlich Dreckwäsche, die schon beim Einpacken nach Farben und Wäschegradzahl vorsortiert wird. So kann dieser Koffer zu Hause direkt in die Waschküche gestellt werden. Die einzelnen Stapel kann man schon sortiert in die jeweiligen Waschkörbe oder direkt in die Waschmaschine legen. Der Koffer sollte zum Auslüften zwei Tage aufgeklappt stehengelassen und anschließend direkt wieder verräumt werden.

Auch die anderen Dinge werden sortiert eingepackt, aber diesmal nach ihren Plätzen zu Hause vorsortiert: nach dem Zimmer, dem Schrank … Mit diesem Trick geht das Ausräumen blitzschnell. Und da man dabei kaum nachdenken muss, kann ein Hörbuch oder Podcast gehört und diese Zeit gut für eine kleine Me-Time genutzt werden.

Tipp 7: Impulse aus dem Urlaub

Der letzte Punkt ist ein Tipp, um den Erholungsfaktor des Urlaubs möglichst lange in den Alltag mitzunehmen und wohltuende Dinge dauerhaft im Familienleben zu integrieren. Hierfür wird am letzten Urlaubstag bewusst eine kleine Auszeit genommen, um der Fragestellung nachzugehen: Was nehme ich aus dem Urlaub mit?

Diese Punkte werden gesammelt und aufgeschrieben. Das können konkrete Vorhaben sein wie „Müsli selbst mischen“, „Nudelteig herstellen“ oder „monatliche Wanderungen als Familie unternehmen“. Vielleicht habt ihr aber auch die Idee, einen so bequemen Hängestuhl wie im Hotel als Leseecke einzurichten oder als Familie gemeinsam einen Klettergarten zu besuchen.

Dorothee Tappe ist Diplom-Sozialpädagogin, Bildungsforscherin (MA) und Mutter von sechs Kindern. Auf ihrem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ veröffentlicht sie Tipps und Themen zu Organisation und Erziehung.

Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst und dünnhäutig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal ist Überforderung das, erklärt Psychotherapeut Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“ Sind das Beziehungsprobleme? Oder doch Überforderung?

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Überforderung erkennen

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

Ein Kind zu viel!?

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst, dünnhäutig und wenig umsichtig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal liegt das Problem woanders, erklärt Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Eine entlastende Sicht

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Beantworten sich Fragen der Familienplanung anders, wenn ein Paar glaubt und mit Gottes Hilfe im Familienleben rechnet? Aus meiner Perspektive würde ich sagen: Eher nicht, weil der Glaube unsere Grenzen nicht grundsätzlich verschiebt, die uns unsere leib-seelische Ausstattung und unsere Lebenssituation setzen. Paare müssen manchmal umgekehrt ihren Zugang zum Glauben anpassen, wenn dieser nicht auch noch zur Stressquelle werden soll.

Eine Wende im Glauben

Überforderte Paare, die glauben, bräuchten Gott dringend als Kraftquelle. Doch viele aktive Kirchengemeinden sind blind für die Engpässe, die das Familienleben mit sich bringen kann. Selbst ein Paar, das offensichtlich auf dem Zahnfleisch geht, wird mit allerlei Anfragen zur Mithilfe heimgesucht. Oft erwartet das ein Paar auch selbst von sich, weil es so geprägt ist. Wenn sich ein Paar innerlich sicher wird, dass es in seiner Kirchengemeinde auftanken darf und nicht helfen muss, kann es das den meisten verständlich machen und das Unverständnis weniger ignorieren. Es kann eine andere Seite des Glaubens entdecken als eine, die engagiert dient. Jesus hat denen, die ihm folgen, auch Erfrischung und Ruhe für die Seele versprochen und eine Aufgabenlast, die sanft auf den Schultern liegt (Matthäus 11,28). Wäre das nicht auch eine Facette des Glaubens, die man seinen Kindern vorleben möchte?

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

Zur Hoffnung erziehen: Diese Botschaft müssen Kinder hören

Was hilft uns, wenn alles scheinbar den Bach runtergeht? Wie können wir unsere Kinder zur Hoffnung erziehen? Erziehungsexpertin Daniela Albert rät: Wir können den Herausforderungen nur gemeinsam begegnen.

Beim Konsumieren meiner Eltern-Bubble in Social Media bin ich in den letzten Jahren immer wieder an meine Grenzen gekommen. Ich folge vielen Müttern und Vätern, die sich für die Belange dieser Welt engagieren – in der Klima­bewegung, in politischen Parteien, NGOs oder in christlichen Werken und Organisationen. Alle haben sie gemeinsam, dass sie für ihre Themen brennen, sie immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und für Entwicklungen sensibilisieren, die ich sonst sicher nicht mitbekommen oder nicht in diesem Maße durchdringen würde. Mir gefällt das. Ich mag Menschen, die meinen Horizont erweitern und sich sinnvoll einbringen. Das macht Hoffnung.

Auf Halt angewiesen

Doch in vielen Bereichen, in denen man sich für Gottes Welt einsetzen kann, herrscht gerade eine eher schwierige Stimmung, weil unser Planet durch eine krisenhafte Zeit geht. Und so finde ich in besagten Profilen leider auch eine zunehmende Lust am Untergang. Wenn Menschen ihre Themen platzieren, dann gern aus Sicht des schlimmstmöglichen Ausgangs. Wir sehen das bei der Klimakrise, wir konnten es in teilweise verstörendem Maß seit Beginn des Kriegs in der Ukraine wahrnehmen, und während ich das schreibe, sind nicht wenige davon überzeugt, dass in den USA das Ende der Demokratie bevorsteht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir offenbar alle Teil eines riesigen Sozialexperiments namens „Smartphone“ sind, das unsere Kinder und Jugendlichen in bisher ungeahntem Maß dauerhaft schädigen wird.

Wow! Geht es auch eine Nummer kleiner? Besonders wenn diejenigen, die den Weltuntergang beschwören, nebenbei auch Kinder betreuen. Denn gerade sie sind doch darauf angewiesen, dass sie von Erwachsenen begleitet werden, die ihnen Halt und Hoffnung geben. Und die nicht mit der Einstellung umherlaufen, dass wir unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern. Schließlich wollen wir, dass die kommenden Generationen den multiplen Krisen, in die sie hereinwachsen, etwas entgegensetzen können. Doch wie geht das eigentlich? Wie werden Kinder stark und resilient? Wie können sie sich zu Menschen entwickeln, die sich mutig den Herausforderungen stellen, statt sich ängstlich zurückzuziehen? Ich bin der festen Überzeugung: Dafür brauchen sie Eltern, die ihnen Hoffnung vermitteln.

Ein erster Schritt zur Hoffnung

Wenn Krisen – globale oder persönliche – in unser Leben treten, fühlen wir uns oft erst mal machtlos. Wichtig ist es, nicht in diesem Zustand zu verweilen, sondern zu schauen, was wir selbst tun können, um die Situation zu verändern. Dabei kann es oft nicht darum gehen, ein Problem umfassend zu lösen. Gerade die globalen Themen sind dazu viel zu komplex. Selbst private Krisen lassen sich meist nicht mit einem Fingerschnipp beseitigen. Aber irgendwas geht immer: ein erster Schritt, eine kleine Erleichterung, ein schöner Moment inmitten von Schmerz, Wildblumensamen, die neben sterilen Gärten ausgestreut werden. Und all solche Schritte mögen klein – vielleicht sogar sinnlos – erscheinen. Sie sind es aber nicht. In der Rückschau auf persönliche Krisen, die ich erlebt habe, ist mir das bewusst geworden. Den Unterschied hat am Ende die Ansammlung von vielen kleinen, für sich genommen scheinbar unwichtigen Dingen gemacht. Wie eine Patchworkdecke fügen sie sich zusammen zu etwas, das die Macht hat, Geborgenheit zu geben und Kälte draußen zu halten.

Wenn Kinder einen kleinen Anteil zur Bewältigung einer Krise leisten dürfen, erleben sie Selbstwirksamkeit. Und das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, wenn es um die Bewältigung von Herausforderungen geht. Unsere Aufgabe ist es, die Stellen, an denen sie etwas bewirkt haben, für sie auch sichtbar zu machen. Denn oft fühlen sie sich weiterhin klein. So haben die ausgestreuten Blumensamen vielleicht nicht die Macht, den schlechten Nachrichten über Klimakatastrophen etwas entgegenzusetzen. Doch wenn wir den Kindern an einem Frühsommermorgen zeigen, wie viel Leben sich zwischen diesen Blüten tummelt, ist das doch ziemlich beeindruckend. Der schwerkranke Opa wird vielleicht nicht wieder gesund, wenn man ihn besucht. Doch wir können das Augenmerk der Kinder darauf richten, dass wir ihm inmitten von all der Schwere eine Freude machen konnten.

Wir sind nicht allein

Neben der Erfahrung, selbst etwas an der Situation verändern zu können, brauchen Kinder eine zweite wichtige Sicherheit: Dass es Menschen gibt, auf die sie sich verlassen können. Oft fühlen wir uns in Krisen alleingelassen, haben das Gefühl, dass das Anliegen, für das wir uns engagieren, von anderen kaum beachtet wird. Und überhaupt denken die meisten doch vor allem an sich, oder? Nein – das ist nicht wahr! Bei all dem Schlechten, das wir in den Nachrichten sehen oder uns von anderen berichtet wird, geht oft eines unter: Die meisten Menschen sind bereit, sich um andere zu kümmern und tun das auch, wenn es hart auf hart kommt.

Wir lesen immer wieder Geschichten von Notfällen, bei denen keiner zu Hilfe gekommen ist. Doch das liegt nicht etwa daran, dass alle immer ignoranter werden, sondern daran, dass so etwas selten vorkommt. Deshalb berichten Medien darüber. All die anderen 1.000 Notfälle, bei denen sofort helfende Hände da waren, schaffen es seltener in die Nachrichten, weil sie selbstverständlich sind – und keine Schnappatmung und somit weniger Klicks im Internet auslösen. Wenn wir unsere Kinder also zu hoffnungsvollen und mutigen Menschen erziehen wollen, können wir darauf achten, dass wir ihnen die guten Geschichten erzählen – die, in denen Menschen einander etwas Gutes tun, sich helfen. Und nicht zuletzt finde ich es, neben dem Vertrauen in sich und in andere, unfassbar hilfreich, dass unsere Kinder mit dem Glauben an einen Gott heranwachsen, der uns sogar Hoffnung über dieses Leben hinaus schenkt.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Kaufungen und bloggt: eltern-familie.de. In ihrem Buch „Was trägt? Was zählt? Was bleibt?“ (Neukirchener) gibt sie weitere Anregungen zum Thema.

Glaube und Weihnachten: In der Familie über große Fragen sprechen

Während Plätzchen, Glühwein und Geschenke heute die Weihnachtszeit dominieren, liegt der Ursprung für das Fest in der biblischen Geschichte um Christ Geburt. Das Kind in der Krippe löst in Familien aber auch Diskussionen rund um den Glauben aus. So können Eltern damit umgehen.

„Also naja, so ganz kann die Geschichte ja nicht stimmen!“, ruft die kleine Nele entschlossen, „Denn Engel gibt es doch nicht in echt.“ Hanno schluckt. Gemütlich sitzt er neben seinen Kindern am Küchentisch, mit Lebkuchen und Waffeln, und war gerade dabei, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Schon ist der Glaube im Gespräch.

Der Kommentar seiner sechsjährigen Tochter erwischt ihn kalt. „Mhm, meinst du …?“, bringt er verunsichert hervor, „Woher weißt du denn das?“

Gespräche auf Augenhöhe

Kinder sind keine leeren Gefäße, in die wir Erwachsenen vorgefertigte Inhalte gießen sollten. Kinder sind nicht einfach Lernende und Zuhörende, sondern sie machen sich eigene Gedanken und Vorstellungen – auch und gerade über Gott und die Welt. Diese Vorstellungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von dem, was wir als Erwachsene glauben und annehmen. Und das ist gut so!

Wenn wir als Erwachsenen mit Kindern über Fragen des Lebens und des Glaubens sprechen, sollten wir darauf achten, das nie von oben herab zu tun. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wusste schon Sokrates und selbst der Apostel Paulus rief die Gläubigen zur Bescheidenheit über die eigenen Erkenntnisse auf: „Denn unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Korinther 13,9).

Wir sollten es also für möglich halten, dass auch unsere vermeintlichen Wahrheiten nur begrenzte Erkenntnisse sind. Und das sollten wir auch den Kindern gegenüber zugeben. Wichtig ist, Interesse zu zeigen an den Ansichten der Kinder und unsere Ideen nicht als alleingültige Wahrheiten präsentieren. Eine solche Haltung kann zum Beispiel deutlich werden in Formulierungen wie:

„Also, wir haben natürlich beide noch nie einen Engel gesehen, du und ich, oder? Und ich glaube auch persönlich nicht, dass sie so aussehen wie die kleinen Porzellanfiguren, die Oma Hilde sammelt. Und vieles können wir uns nicht so vorstellen. Aber so wie ich die Bibelgeschichten verstehe, gibt es doch so etwas wie Botschafter, die Gott immer mal wieder zu den Menschen geschickt hat.“

Oder:

„Oh wirklich, du glaubst, dass es gar keine Engel gibt? Das finde ich interessant. Was meinst du denn, wie das alles damals stattdessen gewesen sein könnte?“

Und auch ein ganz schlichtes: „Ehrlich gesagt, ich bin mir auch nicht sicher.“ ist völlig legitim. Das macht uns Erwachsene zu einem guten Vorbild darin, nicht immer alles (besser) wissen zu müssen.

Fragen stellen und notfalls korrigieren

Wir Erwachsenen dürfen offen kommunizieren, wenn wir selbst etwas nicht wissen oder zwischen verschiedenen Ansichten stehen. Für Kinder kann es sehr wertvoll sein, zu erfahren, welche unterschiedlichen Ideen es zu einem bestimmten Thema gibt, im Sinne von:

„Ich weiß es selbst nicht genau. Manche Menschen glauben fest daran, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat oder sogar mehrere. Andere sagen, das mit den Engeln ist nur so symbolisch gemeint, um zu zeigen, dass Gott nah bei uns Menschen ist. Vielleicht gibt es auch doch Engel, aber die sind ganz anders, als wir sie uns vorstellen. Was denkst du denn? Was erscheint dir am logischsten?“

Gelegentlich kann es wichtig sein, dass Erwachsene doch korrigierend eingreifen, wenn Kinder zum Beispiel religiöse Inhalte auf eine bedrohliche und beängstigende Art verstanden haben. Das sollte aber behutsam und zurückhaltend geschehen, zum Beispiel:

„Du hast also in dem Film einen bösen, gefährlichen Engel gesehen und kannst jetzt nicht schlafen? Ich bin mir sehr sicher, dass Gott uns niemals solche bösen Engel schicken würde. In allen Geschichten der Bibel schickt Gott immer gute Engel, die den Menschen helfen. Denn Gott ist gut und genauso auch die Botschafter, die für ihn arbeiten.”

Auch mit kritischen Fragen können wir das Denken der Kinder herausfordern: „Hast du schonmal in einer Bibelgeschichte gelesen, dass Gott einen bösen Engel schickt? Kannst du dir vorstellen, dass Gott so etwas tut? Was meinst du, wer ist stärker – ein böser Engel, wenn es so einen überhaupt gibt? Oder Gott?“

Von den Kindern lernen

Ebenso dürfen aber auch wir Erwachsenen von den eigenen Vorstellungen der Kinder lernen. Oft staunen Eltern über die theologischen Ideen ihrer Kinder und fühlen sich davon ganz unerwartet inspiriert. Das dürfen wir dann auch ruhig verdeutlichen – damit fördern wir die Freude der Kinder, sich Gedanken zu machen und auszudrücken.

Grundsätzlich sollten Erwachsene versuchen, Fragen nicht immer gleich zu beantworten, sondern die Kinder mit Gegenfragen und kleinen Hinweisen selbst zum Nachdenken herauszufordern. Auch am Ende eines Gesprächs muss keine Einigung auf die eine richtige Antwort stehen.

Anders ist das mit Sachfragen zur Bibel, zum Beispiel: „Aus wie vielen Büchern besteht die Bibel?“ Aber auch hier lohnt es sich, nicht gleich zu antworten, sondern gemeinsam mit den Kindern zu recherchieren. Das fördert ihre Fähigkeit, sich Informationen zu beschaffen und diese eigenständig zu verarbeiten.

Glaube und Zweifel

Je nach eigener religiöser Prägung und Einstellung mag es Eltern leichter oder schwerer fallen, kindliche Zweifel an Glaubensinhalten zuzulassen. Die Prämisse sollte immer sein, Kindern wertvolle, stärkende Impulse mit auf den Weg zu geben, ohne sie zu einer bestimmten Weltsicht zu zwingen.

Wenn Sie selbst dem Glauben skeptisch gegenüberstehen und lieber über den Weihnachtsmann als über Jesus sprechen, wird es Ihnen vielleicht manchmal nicht behagen, wenn in der Kita christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Doch Ihrem Kind tun Sie den größten Gefallen, wenn Sie Glaubensfragen offen und urteilsfrei gegenüberstehen. Sie müssen ihrem Kind nichts vorspielen. Sie dürfen Zweifel und Bedenken altersgerecht äußern – aber lassen Sie Ihr Kind seinen eigenen Weg finden. „Ich bin zwar nicht gläubig, aber mein Kind soll trotzdem zum Konfirmationsunterricht gehen“, sagte mir mal ein Bekannter, „Wenn er den Glauben auch ablehnt, soll er wenigstens wissen, wogegen er sich entscheidet.“ Diese Haltung empfand ich als stark und beeindruckend.

Weitergeben, was uns wichtig ist

Gönnen Sie ihrem Kind das Kennenlernen vieler verschiedener Ansichten und auch das Ausprobieren und Testen von unterschiedlichen Herangehensweisen und Einstellungen. Das ist die beste Voraussetzung für eine gelingende Identitätsentwicklung!

Und wenn Sie selbst den Glauben als wertvolle Ressource erleben, dann ist es nur verständlich, dass Sie diese Erfahrung auch Ihrem Kind wünschen. Erzählen Sie ihm von dem, was Sie am Glauben begeistert. Beten Sie gemeinsam, lesen Sie die Weihnachtsgeschichte und was Ihnen sonst am Herzen liegt. Doch auch in diesem Fall gilt – ein von den Eltern aufgezwungener Glaube hält selten den Stürmen des Lebens stand.

Und wenn Zweifel und Kritik immer im Keim erstickt werden, empfinden viele Kinder oder Jugendliche den Glauben irgendwann als enges Korsett, das sie nur noch abstreifen wollen. Deshalb lassen Sie als Erwachsene Einwände und Zweifel zu, stehen Sie zu Ihren Ansichten, aber seien Sie auch offen für andere Meinungen und seien Sie bereit, dazuzulernen – auch und gerade von Ihrem Kind.

Mit einer solchen Haltung kann die Weihnachtszeit uns im Alltag mit Kindern viele spannende, lebendige und inspirierende Gespräche bescheren.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin.

„Familie ist der Ort, wo Zukunft entsteht“

Wie wird Familie zukunftsfähig? Welche Rahmenbedingungen können dabei helfen? Und wie können Familien ihren Weg finden? Ein Interview mit der Unternehmensberaterin, Autorin und Mutter Dr. Ana Hoffmeister.

Ana, du beschäftigst dich schon länger mit dem Thema Familie, Beruf und Vereinbarkeit. Seit 2022 hostest du den Podcast FutureFamily und hast mit verschiedenen Familien Interviews geführt. Warum? Was bewegt dich?

Ich habe mich schon früh dafür interessiert, wie andere Familien leben. Als Migrationsfamilie – ich wurde im Iran geboren – waren wir in Deutschland immer ein wenig besonders. Bei Freunden zu Hause habe ich Unterschiede im Miteinander und im Alltag bemerkt. Je älter ich wurde, desto mehr machte ich mir Gedanken darüber, wie ich später selbst Familie leben möchte. Mir war immer klar, dass ich auch arbeiten und Karriere machen wollte. Aber ich kannte wenige Mütter, die eine Führungsrolle einnahmen.

Als ich später heiratete, war ich gerade frisch promoviert und wurde befördert. Bei Entwicklungsgesprächen kam dann ungefragt der Hinweis, doch mit der Familienplanung noch zu warten. Da wurde mir klar: In diesem Setting geht das offenbar nicht zusammen. Dann wurde ich schwanger und war zu dem Zeitpunkt bei zwei unterschiedlichen Arbeitgebern beschäftigt – beides in Teilzeit. Bei dem einen mussten wir uns schließlich auf eine Vertragsauflösung einigen, weil man mir die Stelle nicht mehr als sechs Monate freihalten konnte. Bei dem anderen hieß es, ich solle einfach schauen, was möglich ist. Mit dem Ergebnis, dass ich früher als erwartet mit einem ganz geringen Stundenumfang zurückkehrte. Wir arbeiteten nach einem geteilten Führungsprinzip. Es war nicht leicht, aber machbar. Nach kurzer Zeit war ich wieder auf demselben Stundenumfang wie vor der Schwangerschaft.

In Phasen denken

Wie kam es dann von dieser Erfahrung zum Buch?

Ich wollte diese verschiedenen Erfahrungswelten sichtbar machen und Eltern aufzeigen, dass es viele individuelle Wege gibt und sich die Bedürfnisse je nach Lebensphase verändern. Auch, damit wir für uns herausfinden: Was brauchen wir persönlich als Familie, als Eltern? Was tut uns gut, was tut mir gut? Welchen Weg stelle ich mir beruflich und privat vor, und welchen Preis bin ich bereit, dafür zu zahlen? Wie wirken sich unsere Entscheidungen auf unsere Kinder aus? Dann habe ich mich auf die Suche gemacht nach geeigneten Persönlichkeiten und Familien, die ich interviewte. Daraus entstand schließlich die Idee zum Buch.

Wie lebt ihr als Familie Vereinbarkeit?

Flexibel, vertrauensvoll und lebensphasenorientiert. Je nachdem, welche Ansprüche es beruflich gerade gibt. Als Paar sind wir dadurch sehr viel im Gespräch miteinander, weil wir von Woche zu Woche schauen müssen, wie wir es machen, wenn die Kita kurzfristig schließt, die Betreuungszeiten kürzt oder die Schule nicht so betreut, wie wir es brauchen. Es ist ein ständiger Prozess.

Überlebensmodus

Dein Buch trägt den Untertitel: Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit. Wo sind Familien am Limit?

Viele Eltern und Familien stehen vor einer großen Gesamtüberforderung. Großfamilien gibt es nur noch selten, Familien sind insgesamt kleiner geworden und die unterschiedlichen Generationen leben oft nicht mehr am selben Ort. Es gibt weniger familiären Support. Dazu ist auf externe Betreuung kein Verlass mehr: Kita und Schule sind seit der Pandemie ein sehr fragiles System. Es ist ein Leben am Limit, weil du nie weißt, was als Nächstes kommt.

Wir hatten zum Beispiel monatelang keine Woche, die normal verlief. Es gab Lehrerstreik, Krankheit, Personalengpässe, plötzliche Schließungen. Da bist du irgendwann nur noch im Überlebensmodus und mit Organisieren beschäftigt. Viel Freude, die du mit der Familie haben könntest, geht verloren. Das umfasst auch die Pflegesituation, was ebenso viele Mütter betrifft, die Kinder betreuen und Eltern pflegen – eine enorme Belastung! Die Pflegesituation wird sich in Zukunft noch verschärfen. Hier ist schon längst eine Lawine ins Rollen gekommen, die wir kaum noch aufhalten können.

Familie braucht neue Wege

Welche Lösungen braucht es? In Politik, ­Gesellschaft, von Arbeitgebern?

Ich finde wichtig, es ganzheitlich zu sehen. Unternehmen können nicht alles leisten, aber viel verändern. Führungskräfte zum Beispiel haben eine große Vorbildfunktion, wie sie selbst mit Arbeit und Familie umgehen. Das färbt immer auf die Unternehmenskultur ab und prägt die Beschäftigten. Unternehmen können aktive Vaterschaft unterstützen und dadurch gleichzeitig auch die Erwerbstätigkeit der Mütter fördern. Ein anderer wichtiger Punkt sind die institutionellen Systeme wie Kita und Schule. Da ist es wichtig, dass wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ehrlich die Frage beantworten: Was ist uns Familie noch wert? Denn für mich ist Familie eine der wichtigsten Säulen unserer Zukunft. Ohne Familie werden wir die aktuellen und nachfolgenden Krisen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, im Bildungswesen, in Kitas und der Pflege nicht auffangen können.

Doch Familien sind bereits jetzt am Limit. Eltern kommen immer mehr in die Erschöpfung und in den Burnout. Auch die Gesundheit, besonders die psychische, der Kinder und Jugendlichen leidet zunehmend. Meine kritische Frage ist: Werden Familien noch die Kraft und Stärke haben, um diese Krisen stemmen zu können? Ein viel wichtigerer Punkt aber ist unser eigener Handlungsspielraum als Familien. Jede Veränderung vollzieht sich von innen nach außen.

Mehr Generationen

Worum geht es bei der Veränderung von innen?

Wenn wir wollen, dass Familie sich gesund weiterentwickelt, dürfen wir bei uns selbst beginnen und uns die Frage stellen: Was ist mir Familie wert? Worauf bin ich, sind wir bereit zu verzichten, um Familie gesund und stark werden zu lassen? Wir können uns auch überlegen: Was wünsche ich mir darüber hinaus für die nächste Generation? Welche Prägung wünsche ich mir für unsere Kinder, damit sie selbst später gesunde Entscheidungen für ihr Leben treffen? Unsere Entscheidungen heute haben immer Einfluss auf die übernächste Generation, auf unsere Enkel.

Du plädierst auch im Buch stark dafür, generationsübergreifend zu denken und zu leben. Da schreibst du: „Uns fehlt der Weitblick.“ Wofür brauchen wir den?

Wenn wir in und über Generationen hinaus denken, wird uns bewusst, dass wir einander wirklich brauchen. In unserer Zeit heißt es oft, dass wir alles allein und selbstbestimmt erreichen können. Dass wir einander nicht brauchen, nicht mal mehr das Wissen der älteren Generation. Doch dabei gehen Erfahrungswissen und Weisheit verloren. Es ist so wichtig, einander Fragen zu stellen und zuzuhören: Welche Herausforderungen hatten andere Generationen, und wie haben sie diese gelöst? Woran haben sie sich orientiert? All das sind wichtige Erfahrungen, von denen wir lernen und profitieren können.

Du hast viele Familien interviewt und im Buch vorgestellt, die die unterschiedlichsten Modelle leben. Gibt es ein ideales Modell?

Ja, ich glaube schon. Aber es ist für jede Familie anders: Es ist das Modell, das individuell passt, das mit meinen Werten übereinstimmt, mit meinen Bedürfnissen als Mutter oder Vater und mit Blick auf die gesamte Familie. Und das flexibel ist, um je nach Lebensphase mitwachsen und sich verändern zu können.

Für Überzeugungen einstehen

Wieso stehen wir anderen Modellen oft kritisch gegenüber?

Ich glaube, weil es sich oft unserer Vorstellungskraft entzieht, wie andere Modelle im Alltag funktionieren können. Andererseits spiegelt sich in der Kritik oftmals die eigene Unsicherheit darüber wider, ob das eigene Modell das richtige ist. Ich wurde damals in meiner Entscheidung, meine Kinder nicht bereits mit einem Jahr in die Kita zu geben, sehr oft infrage gestellt. Andere habe ich nie von meinem Modell überzeugen wollen, sondern es einfach gelebt. Ich glaube, wir müssen lernen, andere Entscheidungen stehen zu lassen. Doch wir sind oft unsicher und vergleichen uns, weil wir uns über unsere eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen kein Bild machen. Wenn wir überzeugt wären von dem, was wir entscheiden, würden wir uns nicht angegriffen fühlen.

Welchen Wunsch verbindest du mit deinem Buch?

In meinem Buch gebe ich Einblicke in unterschiedliche Lebensrealitäten und neue Lösungswege zwischen Familie, Pflege und Beruf. Ich wünsche mir, dass die, die das Buch lesen und den Podcast hören, Lust auf Zukunft bekommen. Im Moment leben wir in einer Zeit, die uns sagt: „Hör auf zu träumen! Wir leben in sehr schweren Zeiten!“ Das nimmt den Menschen die Vorstellungskraft, dass wir auf eine gute Zukunft zusteuern.

Da, wo wir vor der Zukunft Angst haben, hören wir auf, innovativ und kreativ zu sein. Wo wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, machen wir die Tür auf für radikale, sehr einfache Schwarz-Weiß-Lösungen. Das sehen wir auch in der Politik. Deswegen brauchen wir Menschen, Familien, Politiker und Unternehmen, die sich auf die Zukunft freuen und die Lust haben, sie zu gestalten. Familie ist der Ort, wo Zukunft entsteht. Deshalb sollten wir mit Familien anfangen, sie stärken und in ihnen die Hoffnung wieder wecken.

Familie ist Zugehörigkeit, Geborgenheit

Wie sieht deine Hoffnung aus?

Meine Hoffnung ist, dass Familie ein Ort ist, wo sich unsere Sehnsüchte nach Herkunft, Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit erfüllen. Aber dass sie auch ein Ort ist, der Flügel verleiht, in die Zukunft zu gehen, kein Ort der Begrenzung, sondern der Befähigung. Ein Ort, an dem das Zusammenleben der Generationen stattfindet und wir feststellen: Wir sind Teil einer Geschichte, die vor uns begonnen hat. Und wir sind gemeinsam Teil der Geschichte, die uns überdauern wird. Wir sind nicht der Nabel der Welt mit unserer Generation, sondern ein Puzzleteil. Wir sind eine Wegstrecke.

Es kann sehr heilsam sein, so zu denken, weil wir dann einerseits das größere Bild sehen und unseren Platz darin finden. Und andererseits auf die Herausforderung schauen, die wir zu lösen haben in dieser Zeit. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir vom engen Bild von Familie – Mutter, Vater, Kind, vielleicht noch Großeltern – wegkommen und Familie wirklich öffnen und diesen Ort der Geborgenheit auch anderen zugänglich machen, die keine Familie im klassischen Sinne haben. Dass wir Familie weiter denken.

Das Interview führte Andrea Specht, Autorin, Lektorin und zweifache Mutter.

Dr. Ana Hoffmeister ist zweifache Mutter, Unternehmensberaterin, Speakerin und Podcasterin (FutureFamily). Ihr Buch „Future Family. Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit” ist bei Knaur erschienen.

Familienurlaub auf dem Rad

Kann Radfahren, Zelten, Baden und Nudeln mit Tomatensoße ein echter Urlaub für die Familie sein? Ja! Wie das geht, berichtet Familienvater Manuel Lachmann.

Drei Fahrräder, ein Laufrad, ein Fahrradanhänger, zwei Packsäcke und vier Radtaschen – damit starteten wir unseren Urlaub: eine Radreise auf dem Elberadweg in Sachsen. Für unseren Sohn Nathanael (zu der Zeit sechs Jahre alt) begann mit der Ankunft am Bahnhof in Halle/Saale der nervenaufreibendste Teil der Reise: „Schaffen wir den Zug?“, fragte er immer wieder. Und: „Passen wir denn alle in den Zug mit unseren Fahrrädern und dem Anhänger?“ Wir passten hinein!

In unserem Abteil saß ein älteres Ehepaar, ebenfalls mit dem Rad unterwegs, mit dem wir leicht ins Gespräch kamen. Die Zugfahrt verging dadurch wie im Nu. Nach etwa zwei Stunden kamen wir in Coswig an. Nun fuhren wir per Rad die drei Kilometer zum ersten Zeltplatz. Am Zeltplatz angekommen hieß es erst einmal Zelt aufbauen, auspacken und etwas essen. Die Kinder haben direkt den Spielplatz ausfindig gemacht und das Freibad entdeckt, das zum Zeltplatz gehört. Natürlich wurden Freibad samt Rutsche und Spielplatz ausgiebig getestet.

Urlaub pur: Pause mit Eis

Unser Ziel am nächsten Tag hieß Dresden-Mockritz – 22 Kilometer entfernt. Wir fuhren entlang der Elbe durchs Grüne mit wunderschöner Landschaft. Da die Strecke nur wenige Steigungen enthielt, gab es für den dreijährigen Isaak genug Gelegenheiten, auf seinem Laufrad neben uns herzufahren. Wenn er nicht selbst fahren wollte, fuhr er im Anhänger mit. Das Laufrad haben wir dann am Anhänger mit Spanngummis befestigt.

Der Stadtrand von Dresden war schon in Sicht, als wir hinter einer Kurve ein Café mit Eiswagen entdeckten. Es war dort so schön, dass wir gleich zwei Eis gegessen haben. Zudem hatten die Kinder ihren Spaß im Sandkasten und wir Eltern konnten uns bei einem Kaffee mit Blick auf die Elbe und Dresden entspannt zurücklehnen. Der letzte Teilabschnitt des Tages führte uns quer durch Dresden. Auf gut ausgebauten Radwegen hieß es für Nathanael: immer Mama mit dem Radanhänger folgen! Papa fuhr als Schlusslicht hinterher. Souverän meisterte Nathanael die lange Strecke mit viel Autoverkehr bis zum Zeltplatz. Zur großen Freude unserer Jungs hatte der Zeltplatz einen eigenen Swimmingpool. Nathanael hatte erst wenige Tage vor dem Urlaub sein Seepferdchen gemacht. Umso schöner war es, dass er hier jeden Tag üben konnte.

Beliebte Rituale

Radfahren und Schwimmen macht hungrig. Da gibt es nichts Besseres als frisch gekochtes Essen von Papa. Das klappt auch auf einem einflammigen Campingkocher. Die Speisekarte ist meist begrenzt auf drei Gerichte. Am liebsten mögen die Jungs Nudeln mit Tomatensoße und Würstchen. Das geht auch einen ganzen Radurlaub lang. Während ich die Kochutensilien verstaue, geht meine Frau Franzi mit den Kindern zur allabendlichen Abwasch-Session. Die Kinder verhandeln täglich neu, wer abwaschen darf und wer abtrocknen muss.

Vor Eintritt der Dämmerung heißt es umziehen, Zähne putzen und in den Schlafsack kuscheln, damit Mama die Vorlesezeit beginnen kann. Diese Zeit hat sich zu einem beliebten Urlaubsritual entwickelt. Da beiden Kindern nur eine Radtasche zur Verfügung steht, kann die Gute-Nacht-Lektüre nur aus einem gemeinsamen Buch bestehen, das die gesamte Urlaubszeit abdeckt.

Sonnenuntergang am See

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Pirna – eine Tour von etwa 24 Kilometern. Auch diese Etappe war sehr schön, allerdings kam immer mal eine kleine Steigung dazwischen. Erst einmal fuhren wir ein Stück durch Dresden, bis wir wieder auf den Elberadweg zurückkehren konnten. Ab da konnten wir die Landschaft genießen. Immer wieder dachte sich Franzi Geschichten aus, um die aus Nathanaels Sicht langweiligen Streckenteile zu überbrücken und ihn bei Laune zu halten.

Auf diesem Wegabschnitt erwartete uns eine ordentliche Steigung hinauf zum Schloss Pillnitz. Nicht nur Nathanael kämpfte mit dem Berg, auch wir Erwachsenen – mit voller Beladung und Anhänger. Belohnt wurden wir mit dem Blick auf das Schloss und der schönen Aussicht ins Tal.

Am Zeltplatz angekommen, bauten Franzi und ich das Zelt auf, während die Kinder Stöcke, Moos und Tannenzapfen sammelten und zu einem Lagerfeuer aufschichteten. Nathanael und Isaak sind kreative Kinder, die in der Natur mit viel Fantasie spielen. Das Lagerfeuer wurde vor unserem Zelt aufgebaut und wie ein „echtes Feuer“ behandelt, an dem wir sitzen und Würstchen grillen.

Bei diesem Zeltplatz lag der Badesee mit Sandstrand gleich nebenan. Da wir Eimer und Schaufel immer dabeihaben, ging es nach dem Zeltaufbau zum Spielen, Sandburgenbauen und Planschen an den See. Nach dem Abendessen kehrten wir zum Badesee zurück und genossen die untergehende Sonne.

Staudamm bauen

Wenn man mehrere Tage mit Fahrrad und Zelt unterwegs ist, verfolgt man den Wetterbericht genauer als sonst. Da für den kommenden Tag Regen gemeldet war, entschieden wir, eine Etappe mit Zeltplatz auszulassen und ein Stück mit dem Zug zu fahren. Dafür wollten wir dann drei Nächte an unserem letzten Zeltplatz in Bad Schandau bleiben.

So ging es am nächsten Tag von Pirna eine gute halbe Stunde an der Elbe entlang bis in die Stadt Wehlen. Während wir auf den Zug warteten, gesellten sich Paddler mit einem großen aufblasbaren Schlauchboot zu uns. Schnell kamen wir ins Gespräch. Sie kamen aus der Gegend und meinten, wir hätten eine gute Entscheidung getroffen, gerade diese Strecke mit dem Zug zu fahren. Die Gegend ist hier besonders reizvoll, da die Elbe sich mit ihren vielen Kurven und Biegungen durch die Landschaft schlängelt, was man vom Zug aus am besten sieht.

In Bad Schandau angekommen, ging es entlang der Kirnitzsch zu unserem letzten Zeltplatz. Wir kannten ihn schon von einem früheren Kletterurlaub. Das Gelände ist stufenartig gebaut, wir hatten unseren Platz ganz oben. Bei wunderbarem Sonnenschein war alles schnell aufgebaut. Danach ging es mit den Kindern hinunter an die Kirnitzsch zum Spielen, Bootfahren und Staudammbauen im eiskalten Wasser. Franzi fuhr nach Bad Schandau, um Postkarten und Lebensmittel zu kaufen. In der Touristeninformation erkundigte sie sich nach dem Wetter. Die Verkäuferin versicherte ihr: „Die letzten Tage war schon häufig Regen gemeldet, es kam aber nie etwas herunter!“ Mit dieser Aussage kehrte sie fröhlich zum Zeltplatz zurück.

Nächtliche Überraschung

Müde vom Spielen im kalten Fluss waren wir alle zunächst schnell eingeschlafen. Nach einiger Zeit wurde ich wach, weil ich Regen hörte. Ich spürte ihn auch im Zelt – meine Isomatte war nass! Es gewitterte ordentlich. Meine große Sorge war, dass die Kinder davon wach werden könnten, aber sie schliefen seelenruhig weiter. Franzi und ich versuchten, die Kinder mitsamt ihren Schlafsäcken immer wieder auf die noch trockenen Stellen im Zelt zu platzieren. Mittlerweile floss ein kleiner Fluss durchs Zelt. Daher war an Schlafen nicht mehr zu denken. Am nächsten Morgen beschlossen wir einstimmig, unseren Urlaub zu beenden. Nun mussten wir bei Regen packen. Wegen der schweren nassen Sachen ging es nur langsam zum Bahnhof nach Bad Schandau. Von dort fuhren wir bis Halle/Saale mit dem Zug.

Unser Fazit: Es war ein wundervoller Urlaub, auf den wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückblicken. Es gab tolle unerwartete Schwimmgelegenheiten, Natur pur, Sonne, Zeit zum Erholen. Und es gab Wasser im Zelt. Wir hatten uns das Zelt – ein älteres Modell – für den Urlaub geliehen. Nach dem Urlaub stand fest, dass es Zeit für ein eigenes neues und regenfestes Zelt ist. Wir sind sehr dankbar für die gemeinsame Zeit, die wir als Familie erleben durften. In diesen Tagen haben wir gelernt, gemeinsam stark zu sein und aus jedem Erlebnis das Positive hervorzuheben.

Manuel Lachmann ist Hausmann, lebt mit seiner Familie in Halle/Saale, leitet dort „Die Männerreise – Abenteuer Identität“ 

Familienfreundliche Gemeinden?

Es hängt sehr stark von den einzelnen (Kirchen-)Gemeinden ab, wie sehr sich Familien willkommen und zu Hause fühlen. Lisa-Maria Mehrkens hat bei Familien nachgefragt, wie sie ihr Gemeindeleben gestalten und was sie sich von Gemeinden wünschen.

Wie familienfreundlich Gemeinden wahrgenommen werden, ist sehr unterschiedlich. In den meisten Gemeinden gibt es über die Woche verteilt Angebote für verschiedene Altersgruppen, zum Beispiel Mama-Kind-Kreise, Krabbelgruppen, Jungschar, Teenkreis oder Junge Gemeinde. Auch parallel zum sonntäglichen Gottesdienst finden Angebote für Kinder und Teens statt. Manche Gemeinden haben für Eltern mit Kleinkindern spezielle und gut ausgestattete Spielräume, in die der Gottesdienst per Ton oder Bild übertragen werden kann. Doch nicht jede Kirche oder Gemeinde hat die baulichen Möglichkeiten, einen extra Raum für Familien einzurichten. „Ungemütlich, zu klein, zu laut“ nannten einige Eltern die bei ihnen vorhandenen Räume. Einige wünschten sich zusätzliche Still- oder Wickelmöglichkeiten sowie Rückzugsmöglichkeiten, wenn es den Kindern zu viel wird.

„Wir kommen immer auf den letzten Drücker zum Mutti-Kind-Kreis. Oft ist es leider nur ein weiterer Termin im stressigen Alltag“, beschreibt eine Mutter das Problem vieler Familien. Der Alltag ist so vollgepackt, dass – selbst familienfreundliche – Gemeindeveranstaltungen manchmal nur zusätzlicher Stress sind. Dabei können enge Beziehungen, die über die kirchlichen Veranstaltungen hinaus Bestand haben, günstig für das eigene Glaubensleben und Wohlbefinden sein. Deshalb plädieren viele Eltern dafür, bei Gemeindeveranstaltungen mehr Zeit für Austausch und die Pflege von Beziehungen einzuräumen. Zum Beispiel bei Familientreffen mit viel gemeinsamer Zeit und einem kurzen geistlichen Impuls. Ein gemeinsames Mittagessen nach dem Gottesdienst würde den Druck verringern, sich zu Hause um das Essen kümmern zu müssen und für Gemeinschaft und Austausch sorgen. Gleichzeitig hätten die Kinder gleichaltrige Freunde zum Spielen, was auch die Eltern entlastet. „Je mehr die Menschen aus der Gemeinde auch Teil des alltäglichen Lebens sind, umso einfacher ist es auch, Glaube in den Alltag zu bringen. Besonders wenn auch die Freunde der Kinder Teil der Gemeinde sind“, betont ein Vater.

Gottesdienst als Familie erleben

Der Besuch des wöchentlichen Gottesdienstes ist vor allem für die Eltern herausfordernd, deren Kinder noch nicht alt genug für den Kindergottesdienst sind. Dann kann bei Paaren nur ein Elternteil bewusst dem Gottesdienst folgen, während der andere den Nachwuchs betreut. Für Alleinerziehende ist es noch schwieriger. Einige Eltern bemängeln die ungünstigen Zeiten oder die zu lange Dauer der Gottesdienste. „Familienfreundliche Gottesdienste sollten zu familienfreundlichen Zeiten stattfinden sowie abwechslungsreich, kurz und prägnant gestaltet werden“, schlägt eine Mutter vor. Dennoch gehen einige Familien auch mit Babys und (Klein-) Kindern fast jeden Sonntag in den Gottesdienst. „Für mich schafft der Gottesdienst Zeit und Raum für Begegnungen mit Gott, die mir im Alltag fehlen. Zudem ist mir die Zeit auch wichtig für die Begegnung mit anderen und weil meine Kinder im Kindergottesdienst etwas vom Glauben hören“, erklärt ein Vater seine Beweggründe. Eine Mutter betont, dass es wichtig sei, gemeinsam als Familie Erfahrungen mit Gott zu machen. Die altersspezifischen Angebote unter der Woche nehme meist nur ein Teil der Familienmitglieder wahr. „Im Gottesdienst können wir zumindest zeitweise alle zusammen sein. Das stärkt uns als Familie gemeinsam in unserem Glauben.“

Zum Fußball oder in die Gemeinde?

Neben jüngeren Kindern sind auch Teenager ein wichtiger Teil von Gemeinden, der gelegentlich zu wenig beachtet wird. Manchmal konkurrieren ihre Hobbys, wie ein Fußballspiel oder eine Theateraufführung, zeitlich mit Gemeindeangeboten. Für viele Teenager ist entscheidend, zu welchem Angebot ihre Freunde gehen. Spezielle Jugendgottesdienste, gemeinsame Ausflüge, Mahlzeiten oder (Online-)Treffen unter der Woche stärken die Gemeinschaft und Freundschaften der Teens innerhalb der Gemeinde. Einige Eltern finden, ihre Teens könnten mehr in die Gemeindestrukturen eingebunden werden und Aufgaben übernehmen, damit sie Verantwortung lernen und sich gebraucht fühlen. „Man kann Jugendlichen schon mehr Verantwortung und Aufgaben übertragen, als man manchmal denkt“, meint eine Mutter. Auf diese Art können sich die jüngeren Gemeindemitglieder auch in verschiedenen Bereichen ausprobieren und ihre Begabungen entdecken und stärken. Gottesdienste und andere Angebote sollten so gestaltet werden, dass sie die Lebenswelt der Jugendlichen ansprechen. So fühlen sich Teenager auch nach der Konfirmation oder dem Ende des Bibelunterrichts noch als Teil der Gemeinde.

Anschluss nicht verlieren

„Seit wir Kinder haben, gehen wir nicht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst. Es ist einfach zu anstrengend, die Kinder ruhig zu halten, mit ihnen zu spielen und gleichzeitig noch dem Lobpreis oder der Predigt zu folgen. Ein Kinderprogramm gibt es erst ab drei Jahren. Da bleiben wir lieber zu Hause.“ Das berichtet eine Mutter von Zwillingen im Alter von einem Jahr. Und sie ist mit dieser Erfahrung nicht allein. Seit die Corona-Pandemie verschiedene Online-Angebote wachsen ließ, nutzen besonders Familien mit Babys und Kleinkindern, die noch zu jung für die Kindergottesdienste sind, die Möglichkeit, vom gemütlichen Sofa aus an Online-Treffen teilzunehmen oder den Gottesdienst im Livestream zu verfolgen. Eine Mutter berichtet, dass auch ihr spezieller Hauskreis für Mütter mit Babys meist online stattfindet: „So kann man sich stummschalten, wenn das Baby schreit. Und jede Mama kann füttern und wickeln, wie es gerade passt“, berichtet sie. Auch bei Hausgottesdiensten innerhalb der Familie oder zusammen mit Gästen kann durch mehr Flexibilität besser auf die einzelnen Bedürfnisse eingegangen werden.

Dennoch berichten manche Eltern, sich durch den fehlenden persönlichen Kontakt nicht mehr richtig als Teil der Gemeinde zu fühlen. Deshalb stellt sich neben der Frage, wie familienfreundlich Gemeinden sind, auch die Frage, wie gemeindefreundlich eine Familie ist. Die Möglichkeiten der Eltern, sich in die Gemeinde einzubringen, sind vielfältig: einen Hauskreis oder die Jugendgruppe leiten, den Gottesdienst moderieren, sich im Lobpreis, dem Leitungskreis oder der Technik engagieren. Die Verantwortung zwischen dem Dienst in der Gemeinde und der Betreuung der Kinder kann dabei abwechselnd aufgeteilt werden. Oder man nimmt die Kinder mit und integriert sie, soweit es geht. „Wenn ich den Beamer-Dienst im Gottesdienst habe, sitzt mein Sohn meist mit auf meinem Schoß. Manchmal lasse ich ihn eine Folie weiterklicken und er freut sich, dass er mir helfen kann“, berichtet ein Vater.

In Gemeinden Talente für Gott einsetzen

Eine andere Familie erzählt, dass sie sich gemeinsam als „Familienband“ in der Lobpreisarbeit beteiligen. „Das ist für uns perfekt. Wir haben als Familie ein gemeinsames Hobby, können gleichzeitig Zeit in der Gemeinde verbringen und unsere Talente für Gott einsetzen“, erklärt die Mutter. Gemeinsame Mahlzeiten nach Gottesdiensten, Aktivitäten mit anderen Familien oder feste wöchentliche Treffen tragen die gemeindeinternen Beziehungen in den Alltag und können auch von den Familien selbst initiiert werden. Zudem können sich Eltern für regelmäßige Familiengottesdienste stark machen und aktiv dort mitwirken. Wenn die Eltern-Kind-Räume nicht zufriedenstellend sind, können sich Familien zusammenschließen und selbst für eine Verbesserung einsetzen.

Sowohl die Gemeinden als auch die Familien selbst sind durch gegenseitiges Verständnis, Austausch und Kompromisse in der Verantwortung, eine gemeinsame Basis zu finden. Nur so kann eine Gemeinde für alle gelebt werden. Eine Mutter betont, Gemeinden sollten Familien als „stark prägende Konstante für das Glaubensleben“ wertschätzen und unterstützen. Ihre Idee: eine „Patenschaft“ von älteren Eltern für jüngere Familien.

Lisa-Maria Mehrkens ist Journalistin, Autorin und Psychologin. Mit ihrer Familie wohnt sie in Chemnitz. Mehr auf Instagram unter: mehrkens.journalismus und himmelslichtfuerdich

Highlight vor der Haustür: Urlaub auf Rädern

Kann Radfahren, Zelten, Baden und Nudeln mit Tomatensoße ein echter Urlaub für die Familie sein? Ja! Wie das geht, berichtet Familienvater Manuel Lachmann.

Drei Fahrräder, ein Laufrad, ein Fahrradanhänger, zwei Packsäcke und vier Radtaschen – damit starteten wir unseren Urlaub: eine Radreise auf dem Elberadweg in Sachsen. Für unseren Sohn Nathanael (zu der Zeit sechs Jahre alt) begann mit der Ankunft am Bahnhof in Halle/Saale der nervenaufreibendste Teil der Reise: „Schaffen wir den Zug?“, fragte er immer wieder. Und: „Passen wir denn alle in den Zug mit unseren Fahrrädern und dem Anhänger?“ Wir passten hinein!

In unserem Abteil saß ein älteres Ehepaar, ebenfalls mit dem Rad unterwegs, mit dem wir leicht ins Gespräch kamen. Die Zugfahrt verging dadurch wie im Nu. Nach etwa zwei Stunden kamen wir in Coswig an. Nun fuhren wir per Rad die drei Kilometer zum ersten Zeltplatz. Am Zeltplatz angekommen hieß es erst einmal Zelt aufbauen, auspacken und etwas essen. Die Kinder haben direkt den Spielplatz ausfindig gemacht und das Freibad entdeckt, das zum Zeltplatz gehört. Natürlich wurden Freibad samt Rutsche und Spielplatz ausgiebig getestet.

Urlaub pur: Pause mit Eis

Unser Ziel am nächsten Tag hieß Dresden-Mockritz – 22 Kilometer entfernt. Wir fuhren entlang der Elbe durchs Grüne mit wunderschöner Landschaft. Da die Strecke nur wenige Steigungen enthielt, gab es für den dreijährigen Isaak genug Gelegenheiten, auf seinem Laufrad neben uns herzufahren. Wenn er nicht selbst fahren wollte, fuhr er im Anhänger mit. Das Laufrad haben wir dann am Anhänger mit Spanngummis befestigt.

Der Stadtrand von Dresden war schon in Sicht, als wir hinter einer Kurve ein Café mit Eiswagen entdeckten. Es war dort so schön, dass wir gleich zwei Eis gegessen haben. Zudem hatten die Kinder ihren Spaß im Sandkasten und wir Eltern konnten uns bei einem Kaffee mit Blick auf die Elbe und Dresden entspannt zurücklehnen. Der letzte Teilabschnitt des Tages führte uns quer durch Dresden. Auf gut ausgebauten Radwegen hieß es für Nathanael: immer Mama mit dem Radanhänger folgen! Papa fuhr als Schlusslicht hinterher. Souverän meisterte Nathanael die lange Strecke mit viel Autoverkehr bis zum Zeltplatz. Zur großen Freude unserer Jungs hatte der Zeltplatz einen eigenen Swimmingpool. Nathanael hatte erst wenige Tage vor dem Urlaub sein Seepferdchen gemacht. Umso schöner war es, dass er hier jeden Tag üben konnte.

Beliebte Rituale

Radfahren und Schwimmen macht hungrig. Da gibt es nichts Besseres als frisch gekochtes Essen von Papa. Das klappt auch auf einem einflammigen Campingkocher. Die Speisekarte ist meist begrenzt auf drei Gerichte. Am liebsten mögen die Jungs Nudeln mit Tomatensoße und Würstchen. Das geht auch einen ganzen Radurlaub lang. Während ich die Kochutensilien verstaue, geht meine Frau Franzi mit den Kindern zur allabendlichen Abwasch-Session. Die Kinder verhandeln täglich neu, wer abwaschen darf und wer abtrocknen muss.

Vor Eintritt der Dämmerung heißt es umziehen, Zähne putzen und in den Schlafsack kuscheln, damit Mama die Vorlesezeit beginnen kann. Diese Zeit hat sich zu einem beliebten Urlaubsritual entwickelt. Da beiden Kindern nur eine Radtasche zur Verfügung steht, kann die Gute-Nacht-Lektüre nur aus einem gemeinsamen Buch bestehen, das die gesamte Urlaubszeit abdeckt.

Sonnenuntergang am See

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Pirna – eine Tour von etwa 24 Kilometern. Auch diese Etappe war sehr schön, allerdings kam immer mal eine kleine Steigung dazwischen. Erst einmal fuhren wir ein Stück durch Dresden, bis wir wieder auf den Elberadweg zurückkehren konnten. Ab da konnten wir die Landschaft genießen. Immer wieder dachte sich Franzi Geschichten aus, um die aus Nathanaels Sicht langweiligen Streckenteile zu überbrücken und ihn bei Laune zu halten.

Auf diesem Wegabschnitt erwartete uns eine ordentliche Steigung hinauf zum Schloss Pillnitz. Nicht nur Nathanael kämpfte mit dem Berg, auch wir Erwachsenen – mit voller Beladung und Anhänger. Belohnt wurden wir mit dem Blick auf das Schloss und der schönen Aussicht ins Tal.

Am Zeltplatz angekommen, bauten Franzi und ich das Zelt auf, während die Kinder Stöcke, Moos und Tannenzapfen sammelten und zu einem Lagerfeuer aufschichteten. Nathanael und Isaak sind kreative Kinder, die in der Natur mit viel Fantasie spielen. Das Lagerfeuer wurde vor unserem Zelt aufgebaut und wie ein „echtes Feuer“ behandelt, an dem wir sitzen und Würstchen grillen.

Bei diesem Zeltplatz lag der Badesee mit Sandstrand gleich nebenan. Da wir Eimer und Schaufel immer dabeihaben, ging es nach dem Zeltaufbau zum Spielen, Sandburgenbauen und Planschen an den See. Nach dem Abendessen kehrten wir zum Badesee zurück und genossen die untergehende Sonne.

Staudamm bauen

Wenn man mehrere Tage mit Fahrrad und Zelt unterwegs ist, verfolgt man den Wetterbericht genauer als sonst. Da für den kommenden Tag Regen gemeldet war, entschieden wir, eine Etappe mit Zeltplatz auszulassen und ein Stück mit dem Zug zu fahren. Dafür wollten wir dann drei Nächte an unserem letzten Zeltplatz in Bad Schandau bleiben.

So ging es am nächsten Tag von Pirna eine gute halbe Stunde an der Elbe entlang bis in die Stadt Wehlen. Während wir auf den Zug warteten, gesellten sich Paddler mit einem großen aufblasbaren Schlauchboot zu uns. Schnell kamen wir ins Gespräch. Sie kamen aus der Gegend und meinten, wir hätten eine gute Entscheidung getroffen, gerade diese Strecke mit dem Zug zu fahren. Die Gegend ist hier besonders reizvoll, da die Elbe sich mit ihren vielen Kurven und Biegungen durch die Landschaft schlängelt, was man vom Zug aus am besten sieht.

In Bad Schandau angekommen, ging es entlang der Kirnitzsch zu unserem letzten Zeltplatz. Wir kannten ihn schon von einem früheren Kletterurlaub. Das Gelände ist stufenartig gebaut, wir hatten unseren Platz ganz oben. Bei wunderbarem Sonnenschein war alles schnell aufgebaut. Danach ging es mit den Kindern hinunter an die Kirnitzsch zum Spielen, Bootfahren und Staudammbauen im eiskalten Wasser. Franzi fuhr nach Bad Schandau, um Postkarten und Lebensmittel zu kaufen. In der Touristeninformation erkundigte sie sich nach dem Wetter. Die Verkäuferin versicherte ihr: „Die letzten Tage war schon häufig Regen gemeldet, es kam aber nie etwas herunter!“ Mit dieser Aussage kehrte sie fröhlich zum Zeltplatz zurück.

Nächtliche Überraschung

Müde vom Spielen im kalten Fluss waren wir alle zunächst schnell eingeschlafen. Nach einiger Zeit wurde ich wach, weil ich Regen hörte. Ich spürte ihn auch im Zelt – meine Isomatte war nass! Es gewitterte ordentlich. Meine große Sorge war, dass die Kinder davon wach werden könnten, aber sie schliefen seelenruhig weiter. Franzi und ich versuchten, die Kinder mitsamt ihren Schlafsäcken immer wieder auf die noch trockenen Stellen im Zelt zu platzieren. Mittlerweile floss ein kleiner Fluss durchs Zelt. Daher war an Schlafen nicht mehr zu denken. Am nächsten Morgen beschlossen wir einstimmig, unseren Urlaub zu beenden. Nun mussten wir bei Regen packen. Wegen der schweren nassen Sachen ging es nur langsam zum Bahnhof nach Bad Schandau. Von dort fuhren wir bis Halle/Saale mit dem Zug.

Unser Fazit: Es war ein wundervoller Urlaub, auf den wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückblicken. Es gab tolle unerwartete Schwimmgelegenheiten, Natur pur, Sonne, Zeit zum Erholen. Und es gab Wasser im Zelt. Wir hatten uns das Zelt – ein älteres Modell – für den Urlaub geliehen. Nach dem Urlaub stand fest, dass es Zeit für ein eigenes neues und regenfestes Zelt ist. Wir sind sehr dankbar für die gemeinsame Zeit, die wir als Familie erleben durften. In diesen Tagen haben wir gelernt, gemeinsam stark zu sein und aus jedem Erlebnis das Positive hervorzuheben.

Manuel Lachmann ist Hausmann, lebt mit seiner Familie in Halle/Saale, leitet dort „Die Männerreise – Abenteuer Identität“ 

Einzelkinder: Mythen und Wahrheit

Über Einzelkinder gibt es viele Vorurteile. Sind sie berechtigt? Einzelkinder, Einzelkind-Eltern und Experten berichten über das Aufwachsen ohne Geschwister. Von Lisa-Maria Mehrkens

Laut Statistischem Bundesamt lebte 2022 in über der Hälfte der Familien nur ein Kind. Rund ein Viertel der Kinder wachsen dauerhaft als Einzelkinder auf. Sind diese tatsächlich verwöhnt, egoistisch oder sozial weniger kompetent, wie gängige Vorurteile lauten? „Einige Vorurteile können in Einzelfällen zutreffen. Dennoch sind sie keineswegs allgemeingültig“, betont der Psychotherapeut Joachim Lask, der in eigener Praxis auch Paare und Familien berät.

Die wissenschaftliche Studienlage ist nicht eindeutig. Eine große österreichische Studie von 2013 zeigte, dass Einzelkinder in der Kindheit in Bezug auf Kooperation, Konkurrenz, Verantwortung und Teilen gegenüber Kindern mit Geschwistern etwas zurückliegen. Dafür haben sie manchmal einen Vorsprung im Selbstwertgefühl, in der kognitiven und sprachlichen Entwicklung und bei schulischen Leistungen. Oft wissen Einzelkinder eher, was sie selbst wollen, da sie sich nicht an (älteren) Geschwistern orientieren oder auf diese Rücksicht nehmen müssen.

Die von mir befragten Eltern konnten die Vorurteile aus eigenen Erfahrungen jedenfalls nicht bestätigen. Einzelkinder würden genauso liebevoll und fürsorglich mit anderen spielen und auch teilen. „Auch Geschwister sind kein Garant dafür, dass Teilen Spaß macht“, erklärt eine Mutter. „Es gibt sicher solche Einzelkinder, aber es gibt auch solche Geschwisterkinder. Das kommt vielmehr auf die Erziehung, den Charakter und das Umfeld an“, meint eine andere.

Exklusive Zeiten

Ob gewollt oder ungewollt – das Leben mit einem Einzelkind hat seine Vorteile. Am häufigsten genannt werden finanzielle Aspekte, mehr Flexibilität und Spontaneität, da man nur auf ein Kind Rücksicht nehmen muss, und insgesamt weniger Stress. Zudem ist es leichter, ein Kind bei den Großeltern oder einem Babysitter abzugeben, wodurch man mehr Unternehmungen ohne Kind machen kann. „Ich genieße es, dass mein Kind jetzt aus dem Gröbsten raus ist und ich wieder ein Stück weit Freiheiten und mein altes Leben zurückhabe“, sagt eine Einzelkind-Mutter.

Für manche ist es Gefühlssache: „Genau wie ich damals wusste, dass jetzt der Zeitpunkt für ein Kind ist, weiß ich jetzt, dass ich kein weiteres mehr möchte. Ein Kinderwunsch kann genauso deutlich gefühlt werden wie ein ‚Kein-Kinderwunsch‘. Dabei geht es weder um Überforderung noch darum, das Muttersein zu bereuen. Es fühlt sich einfach stimmig an“, erklärt eine andere Mutter.

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. Simon Meier ist Leiter einer Familienberatungsstelle. „Einzelkinder stehen viel mehr im Fokus ihrer Eltern. Alle Zuwendung und Aufmerksamkeit konzentrieren sich auf dieses eine Kind. Dadurch gibt es mehr exklusive Zeiten für das Kind allein, zum Spiel und zur Interaktion zwischen Eltern und Kind. Zudem stehen häufig mehr Ressourcen zur schulischen und außerschulischen Förderung zur Verfügung“, sagt er. Das kann ein Vorteil sein. So können Eltern in Ruhe alle Entwicklungsschritte aufnehmen und genießen, die sonst mit mehreren Kindern nebenbei ablaufen. „Man kann sein Kind ständig Lieblingskind nennen“, beschreibt eine Mutter.

Wenn der Spielpartner fehlt

Einzelkinder genießen oft die alleinige Aufmerksamkeit der Eltern. Geschwisterrivalitäten bleiben ihnen erspart. Doch manche Einzelkinder berichten, sich gelegentlich einsam zu fühlen oder starken Druck zu spüren, die Erwartungen der Familie zu erfüllen. Ohne Geschwister als Spielpartner sind die Eltern zudem öfter gefordert. Viele sind besorgt, ihr Kind könne doch zu einem egoistischen, sozial weniger kompetenten Menschen heranwachsen. „Geschwisterkinder erleben mehr Frustrationen durch Prozesse des Teilens, des Zurücksteckens und dadurch, dass sie abwarten und ihre Bedürfnisse aufschieben müssen“, erklärt Simon Meier.

Dennoch kann man auch Einzelkindern ausreichend Sozialkompetenz vermitteln. „Es ist notwendig, dass Eltern ihrem Kind von Anfang an Möglichkeiten bieten, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten – ob auf dem Spielplatz, in Krabbelgruppen oder im Kindergarten. Solche Interaktionen mit Gleichaltrigen fördern grundlegende soziale Kompetenzen wie Teilen, Zusammenarbeit und Empathie“, rät Joachim Lask. Er ergänzt: „Eltern von Einzelkindern sollten ihre Erwartungen an das Kind kritisch überdenken. So können sie ihre eigenen, vielleicht unerfüllten Wünsche verstehen. Damit gelingt es, das Kind angemessen zu unterstützen, ohne es zu überfordern oder einzuschränken.“

Einzelkinder können Teilen lernen

Auch die befragten Einzelkind-Eltern versuchen, ihren Kindern – auch außerhalb der Betreuung in Kita und Schule – viel sozialen Umgang mit anderen Kindern zu ermöglichen: durch Unternehmungen und Urlaube mit anderen Familien mit gleichaltrigen Kindern, Treffen auf dem Spielplatz oder die Beteiligung in Sportgruppen. „Man kann jedem Kind von Anfang an vermitteln, dass man Spielsachen oder Essen teilt. Es braucht kein Geschwisterchen, um das zu lernen“, meint ein Vater. Gegen die Langeweile, die das Kind vielleicht ohne Spielpartner zu Hause empfindet, hilft, ihm frühzeitig beizubringen, alleine zu spielen, und es möglichst oft in den Haushalt einzubeziehen. „Meine Tochter liebt es, mir beim Kochen oder Backen zu helfen und es ‚allein‘ zu machen“, schildert eine Mutter ihre Erfahrungen.

Wissenschaft und Erfahrungswerte stimmen überein: Vorurteile gegenüber Einzelkindern sind lediglich pauschale Aussagen, die im Einzelfall ganz anders sein können. Nicht alle Einzelkinder sind egoistisch und nicht alle Geschwisterkinder teilen gern. Denn letztlich hängen die Charaktereigenschaften und die Entwicklung eines Kindes von viel mehr ab als von der Geschwisteranzahl.

Lisa-Maria Mehrkens ist Journalistin, Autorin und Psychologin. Mit ihrer Familie wohnt sie in Chemnitz. Mehr unter: mehrkens.journalismus