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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps

Reagieren Partner ständig gereizt, sind gestresst und dünnhäutig, steht schnell die Frage im Raum, ob etwas mit der Beziehung nicht stimmt. Doch manchmal ist Überforderung das, erklärt Psychotherapeut Jörg Berger.

Jede Paarbeziehung hat Kipppunkte. Werden sie überschritten, verändert sich das Gleichgewicht, in das sich das gemeinsame Leben eingependelt hat. Maren und Bastian (Namen geändert) zum Beispiel sind glücklich in die Liebe gestartet. Sie hatten tolle erste Jahre. In den Augen ihrer Freunde waren sie ein Dream-Team und irgendwie sind sie es auch heute noch. Trotzdem ist Maren frustriert. Sie fühlt sich im Stich gelassen mit allem, was erledigt werden muss. Warum verzieht sich Bastian in den Garten und pflegt ihn, obwohl drinnen das Chaos herrscht? „Das entspannt mich“, entschuldigt er sich. „Ich brauche auch Zeit für mich. Das war doch schon immer so.“ Umgekehrt fehlen Bastian Zärtlichkeit, Sex und Austausch mit Maren. „Wenn alles an mir hängt“, verteidigt sich Maren, „muss ich doch abends weiter machen. Dann bin ich müde und falle ins Bett.“ Sind das Beziehungsprobleme? Oder doch Überforderung?

Kein Beziehungsproblem

Haben Maren und Bastian ein Problem in ihrer Paarbeziehung? Kommen persönliche Defizite ans Licht, von denen sie früher nur nichts gemerkt haben? Ich kann verstehen, wenn es den beiden so vorkommt. Doch ich sehe nichts dergleichen, als ich sie kennenlerne. Sie haben ein Defizit, das nichts mit ihnen zu tun hat: Ihnen fehlt Zeit. Sie haben viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben, für das Miteinander und für sich selbst. Bis zum zweiten Kind ging es noch irgendwie.

Doch mit dem dritten ist es gekippt. Die Hoffnung, dass es nach der Geburt wieder entspannter wird, hat sich nicht erfüllt. Alles, was ungeplant dazu kommt, ist nun viel zu viel: eine ADS-Verdachtsdiagnose der Fünfjährigen, ein Wasserschaden im Keller. Bastian sitzt beim Abendessen und kann sich nicht entspannen. Es ist ihm zu laut und er schämt sich zugleich dafür. Es sind doch seine geliebten Kinder. Wenn die Kinder streiten oder jemand etwas runterwirft, reagiert er gereizt. Als Maren ihn dann auch noch tadelnd ansieht, steht er wütend auf und geht. „Super“, denkt sich Maren. „Jetzt muss ich schon wieder alles allein machen und er hat seine Ruhe.“

Überforderung erkennen

Wenn Maren und Bastian darüber nachdenken, was eigentlich los ist, stehen sie unter dem gleichen Tabu wie ich bei der Einschätzung ihres Problems. Sie können kaum ihre kleine Lia ansehen und sich denken: „Ohne dich wären wir noch im Gleichgewicht.“ Doch andere Einschätzungen führen in Sackgassen, wie etwa die, dass Bastian seine Verantwortung nicht übernehme und selbstbezogen sei oder dass Maren nur noch die Kinder liebe und ihr Bastians Bedürfnisse egal seien. Denn das stimmt nicht. So waren beide nie. Unter normalen Umständen sind beide verantwortungsvoll und großzügig. Doch die Umstände sind nicht normal. Es ist alles so viel.

Wie viel Familienleben ein Paar bewältigen kann, liegt auch an gesellschaftlichen Faktoren. Manchmal entlastet es ein Paar, wenn ich darauf aufmerksam mache:

„Die Anforderungen an Familien sind enorm gestiegen. Kindergarten und Schule binden Eltern viel mehr ein, als es früher der Fall war. Außerdem hat die Mobilität zugenommen. Deshalb ist Ihre Situation ganz typisch: Ihre Eltern wohnen nicht in der Nähe. Auch Ihre Geschwister können gerade kaum aushelfen. Sie sind weit weg oder selbst in der Überforderungsfalle. Schließlich gehen junge Paare wie Sie mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder ein, als es Ihre Eltern getan haben. Das ist natürlich gut. Aber das braucht Zeit und kostet Kraft.“

Maren und Bastian können allmählich erkennen, dass sie sich den Umständen entsprechend gut schlagen. Sie tragen schon Verantwortung über ihre Leistungsgrenzen hinaus. Es ist nicht selbstverständlich, dass es überhaupt noch schöne Momente zu zweit gibt. Diese Sicht entspannt und schafft auch eine Grundlage für einen Aktionsplan.

Delegieren und Standards senken

Kinder sind ein Geschenk an die Gesellschaft. Warum sollte es nicht in Ordnung sein, um mehr Hilfe zu bitten? Wenn man es erklärt und die Hilfe wertschätzt, sind viele bereit, zu unterstützen, auch wenn sich Geben und Nehmen nicht ausgleichen. Entlastung bringen Kinderbetreuung, Fahrten zu Terminen oder Hilfe in Haus und Garten. Vielleicht finanzieren Großeltern, die weiter weg wohnen, eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter, wenn sie wissen, wie sehr das eine notvolle Situation entlastet.

Wenn überlastete Paare ihre Ansprüche senken, sind die Folgen oft nicht so katastrophal wie befürchtet. Ein Kindergeburtstag mit süßen Stückchen und Limo, Sackhüpfen und freiem Spiel auf dem Hof macht genauso viel Freude wie der durchgestylte Geburtstag mit raffinierter Verköstigung, Bastelaktion und süßen Tütchen zum Abschied. Vielleicht erleben die kleinen Gäste sogar intensiver, worum es eigentlich geht: um Spaß mit dem Geburtstagskind.

Mit einigen Lehrern lassen sich Bündnisse schließen, wenn man sich anvertraut. Bei Buchvorstellungen oder Präsentationen ist es vielleicht in Ordnung, dass ein Kind selbstständig sein Bestes gibt und dafür genauso gelobt wird wie andere Kinder, die stundenlang mit den Eltern gefeilt haben. Vielleicht dürfen Eltern auch mal eine Notiz ins Heft kleben, dass es in einer Woche nicht für alle Hausaufgaben gereicht hat. Das würde nicht nur entlasten, es wäre auch eine Lebensschule für das Kind: Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem jemand hinhält.

Der Preis fürs Familiesein

„Könnten Sie es vielleicht auch akzeptieren?“ Das klingt seltsam aus dem Mund eines Therapeuten, zu dem man doch kommt, um etwas zu ändern. Doch manche Probleme sind einfach der Preis, den ein Paar bezahlt, um eine so große Familie zu sein, wie man es möchte – und manchmal auch: wie es sich ergeben hat. Vielleicht gehört es für ein paar Jahre dazu, dass beide unausgeglichen sind und überreagieren. Man streitet sich und versöhnt sich oder geht einander ein paar Stunden aus dem Weg. Vielleicht kann man mit dem leben, was einem fehlt: einem Mangel an Zeit zu zweit, an Intimität oder an Sicherheit, dass der andere mit anpackt, wenn man selbst nicht mehr kann. Angenommen, dies wäre der Preis fürs Familiesein, wäre es das nicht wert? Und könnte es den Mangel und die Überforderung aufwiegen, wenn man genug Zeiten mit den Kindern gestaltet, die einen auch selbst glücklich machen?

Ich will nicht zu viel versprechen, doch manchmal liegt der Schlüssel zur Veränderung in der Akzeptanz. Dann machen überforderte Paare die Erfahrung: „Wenn ich den Mangel annehme, spürt meine Frau weniger Erwartungen und geht wieder auf mich zu.“ – „Wenn ich schätzen kann, was der andere schon beiträgt, motiviert das, und mein Mann findet zu der Extrameile, die eigentlich schon über seine Grenzen geht.“

Welchen Preis können wir zahlen?

Eine ähnliche Doppelbelastung aus Mangel und Überforderung kann auch durch andere Situationen ins Leben kommen. Es kann auch ein Karriereschritt zu viel sein oder ein umfangreiches Ehrenamt. Doch nicht immer ist das Zuviel selbst gewählt. Manchmal ist es auch eine Erkrankung oder ein Elternteil des Paares, das akut hilfsbedürftig wird. Auch dann könnten die beschriebenen Strategien helfen, sich in Überforderung und Frust zu entlasten.

Ist die Entscheidung darüber, wie groß die Familie werden darf, noch nicht gefallen? Dass wir mit jeder Lebensentscheidung ins Risiko gehen, sollte uns nicht ängstlich machen. Warum sollten wir für das, was wir wirklich wollen, nicht auch einen Preis zahlen? Umgekehrt hilft diese Frage herauszufinden, was ein Paar wirklich will: Wäre es uns eine größere Familie wert, zur Not eine Lebensphase lang einen Mangel in der Paarbeziehung zu tragen oder überfordert zu sein? Eine mutige Entscheidung ließe sich so auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das wäre auch realistisch. Denn ein Paar kann lernen, mit einem Mangel oder einer Überforderung liebevoll umzugehen. Es gibt aber keinen therapeutischen Trick, der beides aus der Welt schafft, wenn die Zeit nicht für alles reicht. Andererseits kann es auch Liebe sein, die sagt: „Mehr traue ich mir und uns nicht zu.“

Jörg Berger ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. psychotherapie-berger.de

Zum Vertiefen Jörg Berger: „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“ (Herder Verlag, 2023)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Ueberforderung_GettyImages_PeopleImages-e1750927338977.jpg 1120 2180 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-26 10:48:522025-06-26 10:48:52Beziehungsprobleme durch Überforderung? Experte gibt Tipps

Mehr Freundschaft, weniger Leidenschaft? Beziehungsexperte klärt auf

Schadet es dem Sexualleben, wenn man einander zu gut kennt? Paarcoach Marc Bareth erklärt, wie Sie dieser Dynamik entgehen und wie die Leidenschaft bleibt.

Alex fragt sich, ob die größere emotionale Nähe auch ein Grund für die fehlende Leidenschaft zwischen Julia und ihm sein könnte. Wehmütig denkt er an ihre Anfänge zurück, als sie kaum die Finger voneinander lassen konnten. Inzwischen ist ihre Freundschaft gewachsen und sie fühlen sich viel vertrauter. Gemeinsam haben sie Hürden überwunden, eine tiefe Verbundenheit aufgebaut. Doch genau diese Nähe erscheint Alex jetzt wie ein Hindernis für ihr Liebesleben.

Bindung durch Sex

Vielen Menschen fällt es leicht zu glauben, dass emotionale Nähe zu einer unbefriedigenderen Sexualität führt, weil es sich mit ihren eigenen Erfahrungen zu decken scheint. Sie erinnern sich, dass sie in ihren schlechtesten Beziehungen am meisten sexuelle Anziehung verspürten. Oder dass sie sich in emotional distanzierten Phasen körperlich besonders zueinander hingezogen fühlten. Solche Erfahrungen sind weit verbreitet. Sie bedeuten aber nicht, dass weniger emotionale Nähe zu besserem Sex führt, sondern lassen sich dadurch erklären, dass in diesen Beziehungen die Bindung bedroht war und die Partner sich deshalb durch Sex aneinander binden wollten.

Wenn die emotionale Nähe in einer Beziehung wächst, entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese Intimität kann die anfängliche Aufregung und sexuelle Spannung, die oft mit dem Unbekannten und Abenteuerlichen verbunden ist, verringern. Dieser Effekt wird jedoch mehr als aufgewogen durch die Tatsache, dass Menschen sich sicherer, offener und freier fühlen, ihre sexuellen Wünsche zu äußern und auszuleben, wenn eine starke emotionale Bindung besteht. Emotionale Nähe schafft Vertrauen, Offenheit und emotionale Sicherheit – alles wichtige Grundlagen für eine erfüllende Sexualität. Deshalb ist sich die überwiegende Mehrheit von Wissenschaftlerinnen und Experten einig, dass mehr emotionale Nähe zu einem besseren, nicht zu einem schlechteren Sexualleben führt.

Zuviel Routine

Dass es bei Julia und Alex im Bett nicht mehr rundläuft, kann alle möglichen Gründe haben. Vielleicht hat das Älterwerden bei beiden Spuren hinterlassen, oder sie haben inzwischen andere Lebensprioritäten, die weniger Raum für Intimität lassen. Es könnte aber auch an mangelnder Offenheit und Neugier für Neues liegen, dass das Liebesleben zu routiniert und damit langweilig geworden ist. Ungeklärte Konflikte, die unbewusst in ihre Sexualität hineinwirken und die Leidenschaft hindern, könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Hinzu kommen möglicherweise veränderte Hormonspiegel, die das Verlangen beeinflussen, oder eine zu enge Vorstellung davon, was Sex eigentlich ist und wie er ablaufen soll.

All das sind mögliche Erklärungen. Aber ganz sicher liegt es nicht daran, dass sich die beiden jetzt emotional näher sind als zu Beginn ihrer Partnerschaft. Diese Interpretation ist nicht nur falsch, sie ist auch schädlich. Sie führt zu Resignation, anstatt den Blick für die wahren Auslöser zu öffnen. Wenn Paare hingegen gemeinsam an den Ursachen arbeiten oder neue, für die aktuelle Lebensphase passende Formen der gemeinsamen Sexualität suchen, können sie die Sexualität in ihrer Beziehung mit Leidenschaft wiederbeleben.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Er bloggt unter familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Leidenschaft_GettyImages_DaniloAndjus.jpg 1414 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-24 13:10:122025-06-24 13:10:12Mehr Freundschaft, weniger Leidenschaft? Beziehungsexperte klärt auf

Spielplatz – Ort zwischen Kritik und echter Begegnung

Spielplätze können erfrischen oder runterziehen. Psychologin Tabea Müller über Einsamkeit, die Sehnsucht nach Kontakten und ihre Erfahrungen mit anderen Müttern.

„Ich freue mich immer darauf, mein Kind vom Kindergarten abzuholen. Ihr seid die einzigen erwachsenen Kontakte, die ich tagsüber habe.“ Mit diesem ehrlichen Geständnis berührte mich eine Mutter tief, als wir wieder einmal zusammenstanden, während die Kinder auf dem Spielplatz spielten. Wie vielen Eltern in meinem Umfeld es wohl noch so erging?

Der Einsamkeit entgehen

Laut dem Einsamkeitsbarometer 2024 ist diese Mutter kein Einzelfall. Die intensive Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen ist häufig mit einer erhöhten Einsamkeitsbelastung verbunden. Obwohl Mütter von Kleinkindern selten allein sind und immer genug zu tun haben, fehlt oft ein echter, tiefgehender Austausch mit anderen Erwachsenen. Sowohl die Arbeit als auch Freizeitaktivitäten fallen erst einmal weg und hinterlassen ein Vakuum an menschlichen Beziehungen. Das Leben spielt sich zum Großteil in den eigenen vier Wänden ab – zwischen Wickeltisch, Babybett und Snacktellerchen. Doch um der Einsamkeit zu entgehen, brauchen wir Orte, an denen wir mit anderen zusammenkommen. Räume, die Gespräche, Entspannung und Vielfalt bieten, an denen unser Bedürfnis nach Begegnung und Austausch gestillt werden kann.

Der Soziologe Ray Oldenburg prägte 1989 dafür den Begriff der „Dritten Orte“. Er beschreibt damit neutrale Treffpunkte außerhalb von Familie (Erster Ort) und Arbeitsplatz (Zweiter Ort), an denen alle Menschen willkommen sind, frei kommen und gehen können und an denen Austausch möglich ist. Große Städte bieten in der Regel einige solcher Angebote, zum Beispiel kinderfreundliche Cafés. In ländlichen Gegenden ist die Auswahl „Dritter Orte“ dagegen oft spärlich. Was es jedoch überall gibt, sind Spielplätze.

Skepsis statt Sicherheit auf dem Spielplatz

Spielplätze sind der Inbegriff „Dritter Orte“, sie wurden als Wohlfühloasen geplant, sind kostenlos, niederschwellig und einladend. Erschaffen als Treffpunkt für Spaß, Austausch und Gemeinschaft. Doch meine Realität sah lange anders aus: Als frisch gebackene Mama mied ich Spielplätze. Ich empfand die Stimmung oft als skeptisch, beinahe feindselig. Bloß nicht zu lange die Schaukel besetzen oder die Sandsachen eines anderen Kindes benutzen … Spitze Kommentare anderer Eltern schienen stets in der Luft zu hängen. Kritik erlebte ich auch anderorts, im Laden oder auf der Straße. Fremde Menschen schienen sich an den skurrilsten Anlässen zu stören. Wie beispielsweise an meinem Babybauchwatschelgangschlurfgeräusch oder den nackten Füßchen meiner Tochter.

In dem Wirrwarr aus gut gemeinten Ratschlägen und ständig gefühlter Bewertung nagte die Unsicherheit an mir. Somit war ich auf der Hut, wollte mich unter Fremden nicht entspannen, auch nicht auf dem Spielplatz. Gemeinschaft erlebte ich genug: Wir lebten in einer tollen WG im Grünen und hatten häufig Besuch.

Tiefe Gespräche

Nach der Geburt unseres zweiten Kindes zogen wir um. Zwar wieder in eine Wohngemeinschaft, doch das Studienleben mit seinen interessanten internationalen Begegnungen und massig Zeit war vorbei. Mein soziales Netz verteilte sich in ganz Deutschland, und mein Wunsch nach lokalen Freundinnen wuchs. Ich sehnte mich nach Verbundenheit und Zugehörigkeit in meiner neuen Heimat. Also wagte ich mich wieder auf den Spielplatz.

Vielleicht lag es an den zusätzlichen Jahren an Lebenserfahrung und einer größeren Portion Gelassenheit, vielleicht auch an der Sehnsucht nach echter Begegnung. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr im ständigen Selbstbeobachtungsmodus war, sondern bei mir und mit mir als Mama im Reinen. Ich stellte Fragen, die mich wirklich interessierten, und erlebte spannende Gespräche. Das Wetter und die eigenen Kinder ließen wir schnell hinter uns, sprachen lieber über aramäische Tattoos, Finanzkonzepte, Depression und Gott. Ich erlebte: Menschen erzählen gern, wenn man . Und doch dauerte es zwei weitere Jahre und ein Kind mehr, bis ich langsam anfing, Gesichter wiederzuerkennen und herausfand, welche Spielplätze zu welchen Zeiten besucht werden.

Eine Mutter und inzwischen Freundin hat es mir besonders angetan. Bereits bei unserer ersten Begegnung erzählte sie mir von tiefen Zweifeln, war ehrlich und schenkte mir ein Vertrauen, das ich noch gar nicht verdient hatte. Mitten auf dem Spielplatz saßen wir barfuß im Sand und ließen die Tränen laufen. Sie bewies mir, dass echte Begegnungen auch inmitten von Kindertrubel auf Spielplätzen möglich sind, wenn wir uns einander zumuten und wahrhaft zeigen.

Spontan auf dem Spielplatz Geburtstag feiern

Heute ist ein bestimmter Spielpatz ein „Dritter Ort“ für mich geworden. Oft treffe ich dort Menschen, die mich beim Namen kennen, die spontan meinen Geburtstag mit mir feiern. An manchen Tagen bringe ich Kaffee, Kuchen und Sandsachen mit. An anderen Tagen teilen andere mit meinen Kindern und mit mir. Wenn eines meiner Kinder hinter den Busch muss – leider in der Regel die einzige Spielplatztoilette –, passt jemand anderes auf meine Kinder auf. Wenn ich erschöpft und entnervt ankomme, wartet manchmal sogar eine Umarmung auf mich. Und wenn jemand ruft: „Entschuldigung, der Kleine klettert gerade das Klettergerüst hoch“, setzt mein Herz zwar immer noch einen Schlag aus, während ich losspurte. Aber anstatt Scham empfinde ich Dankbarkeit. Dafür, dass wir aufeinander achtgeben.

Dritte Orte sind wertvoll, weil sie uns mit Menschen verbinden, die anders denken, fühlen und leben als wir. Sie lehren uns Offenheit und Empathie, auch wenn unsere eigene Weltsicht nicht bestätigt wird. Die anderen Mütter haben sich vielleicht gar nicht so sehr verändert. Aber ich habe es. Heute sehe ich keine Kategorien mehr wie die „Rasenmähermama“ oder die „Verschleierte“. Ich sehe echte Menschen mit komplexen Geschichten, entdecke im Gegenüber stets einen Teil von mir und stelle eigene Glaubenssätze in Frage. Und immer wieder treffe ich dabei, ganz unverhofft, auch Gott.

Tabea S. Müller ist Psychologin und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von Karlsruhe.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Spielplatzfreundinnen_GettyImages_nicoletaionescu-e1750154904311.jpg 1000 2018 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-18 13:45:262025-06-18 13:45:26Spielplatz – Ort zwischen Kritik und echter Begegnung

Schulstart ohne Druck – Expertin verrät, wie das gelingt

Der Schulstart verändert alles und ist ein Meilenstein für die ganze Familie. Wie Eltern ihre Kinder darauf vorbereiten und mit Leistungsdruck umgehen können, erklärt Erziehungsexpertin Inke Hummel.

Das Magengrummeln beim Gedanken an den Schulstart ist nicht unberechtigt, weil Schule einiges im Gepäck hat, was Kinder vorher noch nicht kannten: mehr Fremdbestimmung, weniger Begleitung, wechselnde Bezugspersonen, mehr geforderte Selbstständigkeit und ja, definitiv auch mehr Bewertungen. Um ein Kind darauf vorzubereiten, sollte man aber gar nicht so sehr von den Leistungsthemen selbst ausgehen. Es benötigt kein Rechen- oder Lesetraining und keine Disziplinierungen, wenn Ordnung nicht klappt. Ein Kind wird am besten schul-, lern- und damit auch lebensfit, wenn der Fokus auf Beziehungsstärke und Bewältigungskraft liegt.

Beziehungsstärke

Bis zur Einschulung haben viele Eltern die Frage im Kopf: „Geht es meinem Kind gut?“ Das darf auch nach der Einschulung so bleiben. Ein Wechsel auf den Blick „Passt mein Kind sich an? Oder fällt es nicht auf?“ ist fehl am Platz. Denn diese Perspektive erzeugt zum einen unguten Druck, der die Beziehung gefährden kann. Zum anderen übersieht sie, dass unter schulischen Kompetenzen ein Gerüst aus emotionalen Kompetenzen liegen sollte, um den Schulalltag und andere Herausforderungen meistern zu können.

Das heißt, bei jeder Problematik, die nach dem Schulstart ansteht, sollte die erste Frage immer sein: „Wie geht es uns miteinander, und sind wir gut in Beziehung?“ Dann könnt ihr weiterschauen, was jeder von euch braucht und wie ein Problem zu lösen ist. Das Kind ist auf diese Weise verlässlich eingebettet und kann mit Urvertrauen ins Leben gehen. Es weiß, dass ihr hinter ihm steht, egal, was es leistet, egal, wie es bewertet wird. Starke Beziehungen geben Kraft. Und sehr wahrscheinlich wird es sich mit allen Sorgen an euch wenden.

Bewältigungskraft

Spürt ein Kind in einer solchen starken Eltern-Kind-Beziehung Zutrauen, Rückhalt und bekommt außerdem zu Hause Hilfe zur Selbsthilfe, sodass es selbst Probleme lösen kann und darf, ist es super vorbereitet für die Schule. Es wird sich äußern, wenn es ihm nicht gutgeht oder es etwas nicht kann. Es wird bei Herausforderungen nicht sofort in Panik verfallen, sondern sich Lösungen ausdenken können oder wissen, mit wem es gemeinsam nach einer Lösung suchen kann. So benötigt ein Kind keine Patentlösungen und kein Superheldentum von Anfang an: Stifthaltung kann sich entwickeln, statt Schnürsenkel dürfen es auch Klettverschlüsse sein. Der erste Misserfolg in Mathe oder Deutsch darf betrauert werden, aber regt auch zum Weiterlernen an.

Ein weiterer wichtiger Impuls für den Alltag mit Leistungsbewertungen: dem Kind beizubringen, sich immer mit sich selbst über die Zeit zu vergleichen, nicht mit anderen: „Wo hast du Fortschritte gemacht? Was ist anders als vor drei Wochen oder drei Monaten?“ Auch das trägt zur Bewältigungskraft rund um Schule bei.

Inke Hummel, Pädagogin M.A., bietet Eltern als Familienbegleiterin, Erziehungsberaterin und pädagogischer Coach Beratung an.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/06/Schulstart_BN_GettyImages_Yuriy-Komarov-1.jpg 1409 2127 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-06-17 14:47:262025-06-17 14:47:26Schulstart ohne Druck – Expertin verrät, wie das gelingt

Ich handle mich glücklich: Experte verrät, wie das geht

Gefühle beeinflussen unser Handeln. Das gilt auch in der Partnerschaft. Aber funktioniert es auch andersherumg? Ja, sagt Paarexperte Marc Bareth!

Lisa hat verschlafen und ist zu spät zur Teamsitzung gekommen. Sie ist frustriert. An der Kaffeetheke drängelt sich ihr Kollege Max versehentlich vor. Normalerweise würde Lisa nichts sagen, aber heute gehen die negativen Gefühle mit ihr durch und sie fährt ihn gereizt an: „Hast du nicht gesehen, dass ich hier stehe?“ Max entschuldigt sich verdutzt.

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen, ist allen klar. Lisa hätte nicht so unfreundlich reagiert, wenn sie sich besser gefühlt hätte. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Unser Verhalten beeinflusst unsere Gefühle. Tom ist nach einem langen Tag gestresst und schlecht gelaunt. Obwohl er keine Lust hat, geht er mit ein paar Freunden essen. Die Stimmung ist gut und im Laufe des Abends merkt er, wie seine Laune sich hebt und der Stress langsam verschwindet. Unsere Gefühle und unser Handeln beeinflussen sich also gegenseitig. Das kann auch hilfreich für die Partnerschaft sein.

Keine schnelle Lösung

Es ist schwierig, unsere Gefühle gegenüber dem Partner auf die Schnelle zu ändern. Wenn er den Abwasch nicht gemacht hat oder sie vor anderen eine abfällige Bemerkung über dich macht, fühlst du dich alleingelassen oder nicht wertgeschätzt. Da nützt es herzlich wenig, wenn du versuchst, dich jetzt anders zu fühlen.

In der Regel lassen wir in einem solchen Fall unsere Emotionen unser Handeln bestimmen. Unsere negativen Gefühle führen zu einer angriffigen oder schmollenden Reaktion, die uns direkt in einen Konflikt schlittern lässt.

Zum Glück ist es kein Naturgesetz, dass wir uns unseren Gefühlen entsprechend verhalten müssen. Im Gegenteil: Wir können unser Verhalten einsetzen, um unsere negativen Gefühle zu verändern. Wenn wir uns so verhalten, als ob wir ein bestimmtes Gefühl für unseren Partner oder unsere Partnerin hätten, wird sich dieses Gefühl oft auch einstellen. Wenn wir unseren Partner zum Beispiel freundlich behandeln, werden wir uns bald auch so fühlen, auch wenn wir vorher vielleicht wütend waren.

Wohlwollend und versöhnlich

Ich plädiere auf keinen Fall dafür, Gefühle zu übergehen und immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist ungesund und vor allem nicht nachhaltig. Negative Gefühle sollen wahrgenommen und als Signale anerkannt werden, dass etwas nicht stimmt. Die Kunst besteht darin, sich dann nicht von ihnen leiten zu lassen, sondern sich trotzdem liebevoll, wohlwollend oder versöhnlich zu verhalten. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Gefühle nachziehen. Mit etwas Abstand können wir dann die Situation nochmals anschauen, die die negativen Gefühle ausgelöst hat.

Konkret könnte das so aussehen: Julia ist wütend auf ihren Partner Ben, weil er einen wichtigen Termin vergessen hat. Sie würde am liebsten distanziert bleiben und ihn ignorieren. Doch bewusst entscheidet sie sich, freundlich mit ihm zu reden und ihm von ihrem Tag zu erzählen. Während sie spricht und er ihr aufmerksam zuhört, merkt sie, wie ihr Ärger langsam abklingt und sie sich ihm wieder näher fühlt. Weil sich ihre Gefühle durch ihr Handeln verändert haben, kann sie nun auf eine konstruktive Art mit Ben ins Gespräch über die vergessene Verabredung kommen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Verhalten-und-Gefuehle_BN_GettyImages_Vuk-Saric.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-05-27 16:38:482025-05-27 16:38:48Ich handle mich glücklich: Experte verrät, wie das geht

Konflikte mit Kindern: Worauf es in der Erziehung ankommt

In Familien gehören Konflikte zur Tagesordnung. Da braucht es eine gesunde Konfliktkultur. Für Erziehungscoach Dorothea Beier liegt der Schlüssel dazu in einer zugewandten Art der Kommunikation.

Von Kindern höre ich oft Sätze wie: „Am schönsten fände ich es, wenn immer Frieden wäre!“ „Ich mag keinen Streit!“ „Wenn Mama und Papa sich streiten, bin ich traurig!“ Auch Eltern bekunden immer wieder, dass sie sich so sehr ein harmonisches Miteinander in ihrer Familie ohne Konflikte wünschen. Doch dies im Alltag umzusetzen, fällt oft schwer. Nicht selten fühlen sich Eltern überfordert mit Geschwistereifersucht, Trotzanfällen, Streitigkeiten am Esstisch, dem Kampf um die Hausaufgaben, Machtkämpfen und anderem.

Perspektive eines Beobachters

Eltern und Kinder handeln nach ihrer besten Option! Kinder sind nicht bewusst böswillig und auch Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. Woran liegt es aber, dass es im Zusammenleben häufig zu Konflikten kommt? Und wie können wir unseren Kindern helfen, Konfliktfähigkeit zu erlangen? Dazu ist eine Frage wesentlich: Was wünschen sich eigentlich Kinder und was brauchen Eltern?

Gehen wir einmal in eine Beobachterrolle: Ein Kind zerbricht versehentlich einen Teller. Nicht selten kann man erleben, wie es dann ausgeschimpft wird, wie ihm Befehle erteilt und Vorwürfe gemacht werden. Passiert dieses Missgeschick einem Freund oder einer Freundin, wird dies entschuldigt. Erwachsenen gegenüber sind wir häufig loyal, wir vermeiden kritische Bemerkungen, die ihren Stolz treffen könnten. Kinder werden oft vor anderen kritisiert und herabgesetzt, weil man glaubt, dass sie schließlich erzogen werden müssen. Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen das Bedürfnis nach Respekt. Das bedeutet: Wir möchten gesehen, verstanden, geliebt und anerkannt werden. Konflikte entstehen, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt und frustriert werden. Wir tun gut daran, wenn wir unseren Kommunikationsstil einmal überprüfen und nachspüren: Wie haben wir uns als Kind gefühlt, wenn Erwachsene uns so behandelt haben?

Wie ging es uns, wenn wir beschimpft wurden, wenn wir Befehle erhielten, etwa: „Geh sofort in dein Zimmer!“? Was haben wir gespürt, wenn man uns gedroht hat, wenn wir uns Moralpredigten anhören mussten? Wie fühlten sich Vorwürfe oder Verhöre an? Die Palette von gut gemeinten Methoden in der Kindererziehung ist endlos. Die Reaktionen darauf sind oft sehr unerfreulich und forcieren die Konflikte eher.

Bedürfnisse erspüren

Die häufigste Ursache für Konflikte können wir immer wieder in Kommunikationsformen finden, die wir unreflektiert und automatisiert anwenden. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ohne Widerrede auf sie hören und tun, was sie ihnen sagen. Kinder haben aber häufig in solch einem Moment andere Wünsche oder Bedürfnisse und fühlen sich nicht verstanden, wenn sie Befehle erhalten und Dinge tun sollen, die gerade nicht mit ihren Bedürfnissen übereinstimmen. Das erzeugt Unmut, den sie dann auch ausdrücken. Eltern fühlen in solch einer Situation häufig Ärger und reagieren entsprechend. Das führt dann wiederum beim Kind zu Unwillen und manchmal sogar zu Aggression. Konditionieren sich diese Verhaltensmuster, gehören Konflikte mit Machtkämpfen, Geschrei und Beschimpfungen zur Tagesordnung.

Eltern können aus solchen Mustern aussteigen und damit auch ihren Kindern helfen, konfliktfähig zu werden. Zunächst ist es mühsam, den Autopiloten auszuschalten, aber es lohnt sich.

Gefühle erklären, Verhalten verstehen

Um neue Muster der Kommunikation zu erlernen, ist es wichtig, dass Eltern sich erst einmal selbst verstehen und anfangen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erspüren. Dies kann man z.B. herausfinden, indem man anfängt, anstelle einer Du-Botschaft, die wir häufig in der Kindererziehung verwenden, nun eine Ich-Botschaft an das Kind auszusenden. Anstelle von „Du störst mich gerade sehr, hör endlich auf mit dem Lärm!“, könnte man in der Ich-Botschaft dem Kind erklären: „Es ist hier gerade sehr laut. Ich bin darüber verärgert, weil ich noch etwas arbeiten muss.“ In einer Ich-Botschaft nennen wir das Gefühl, welches wir gerade durch das Verhalten des Kindes haben.

Wir zeigen dem Kind, was ihr Verhalten bei uns auslösen kann. Benennen wir unser Gefühl, so wird das Kind nicht verurteilt oder beschuldigt. Auf diese Weise helfen wir auch unseren Kindern, einen Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen. Wichtig ist, dem Kind erst einmal zuzuhören, um ihm dann das Bedürfnis hinter seinem Verhalten spiegeln zu können. Das Kind erkennt dadurch, dass man bereit ist, es zu verstehen und zu akzeptieren. Das kann Wunder wirken! Wir können hinter jedem Verhalten eines Kindes Signale erkennen, die es aussendet, um verstanden zu werden.

Gemeinsam Lösungen für Konflikte finden

Häufig entsteht zum Beispiel Geschwisterstreit, weil ein Kind in seinem Bedürfnis durch das andere Kind frustriert ist. Ein Beispiel: Zwei Kinder, Lucas und Till, haben einen heftigen Konflikt. Lucas hat Till sein Lieblingsspielzeug weggenommen und möchte es ihm nicht wiedergeben. Als seine Mutter ihm sagt: „Till ist traurig und wütend darüber“, gibt er zur Antwort: „Er ist doch selbst schuld daran!“ Die Mutter versucht sich empathisch mit ihm zu verbinden und antwortet: „Kann es sein, dass es sich für dich gut anfühlt, wenn du deinem Bruder das Spielzeug wegnimmst? Möchtest du vielleicht Till für etwas bestrafen?“ Daraufhin antwortet er: „Till spielt nur noch mit seinem Freund und ich muss allein spielen.“

Jetzt wusste die Mutter, was sein Bedürfnis war, und antwortet ihm: „Du wünschst dir, dass Till dich beachtet, mit dir spielt und dich sieht. Du ärgerst ihn, damit du von ihm Aufmerksamkeit bekommst, stimmt das?“ Gemeinsam sucht sie mit ihm nach einer besseren Lösung für das Problem, was ihm wiederum Wertschätzung und Anerkennung gibt und damit gute Gefühle auslöst.

Kinder lernen Konfliktfähigkeit, wenn sie sich verstanden und akzeptiert fühlen. Sie lernen es, sich in andere Menschen einzufühlen, indem wir es ihnen vorleben.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Spiel- und Bewegungstrainerin mit eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Uelzen.
praxis-dbeier.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Familie_GettyImages_AleksandarNakic.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-05-23 12:29:582025-05-23 12:29:58Konflikte mit Kindern: Worauf es in der Erziehung ankommt

Schüchternes Kind findet keine Freunde? Das können Eltern tun!

Wenn schüchterne Kinder Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden, können Eltern helfen. Bestseller-Autorin Nicola Schmidt gibt vier Tipps.

Es ist gut, sich die Frage zu stellen, wie wir in die Freundschaften unserer Kinder investieren können: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Schuechternes-Kind_GettyImages_Wavebreakmedia.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-05-20 14:48:092025-05-20 14:48:09Schüchternes Kind findet keine Freunde? Das können Eltern tun!

Überall Spielzeug? Nein Danke!

Spielzeug türmt sich, es ist ständig unaufgeräumt und chaotisch. Madeleine Ramstein hat einen kreativen Weg gefunden, die Spielzeugberge abzubauen.

Meine Kinder lieben es, zu spielen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Doch trotz des vielfältigen Angebots an Spielzeugen in unserem Zuhause greifen sie oft zu Dingen, die sie in unserem Haushalt finden: Töpfe, Decken, Stühle … Wenn ein neues Spielzeug seinen Weg zu uns findet, geht es bald in dem Berg an vorhandenen Spielsachen unter. Es ist ein Phänomen, das wohl viele Eltern kennen: Das Interesse an einem Geburtstagsgeschenk verblasst schnell. Und wenige Wochen später findet sich das Spielzeug in einer verstaubten Schublade wieder.

Ich erinnere mich noch lebhaft an die fesselnden Werbespots in meiner Kindheit, welche die neuesten Spielsachen präsentierten: Flugzeuge, bei denen man das Gefühl hatte, wirklich fliegen zu können. Kleine Puppen, die zur Musik tanzten und mich in fremde Welten voller Abenteuer eintauchen ließen. Die Werbung suggerierte, dass ich mich mit genau diesem Spielzeug in eine wunderbare Welt voller Möglichkeiten begeben konnte. Doch die Realität sah oft anders aus: Das Spielzeug konnte dieses Versprechen nicht halten.

Kein Spielzeug und ein schlechtes Gewissen

Ähnliches beobachtete ich bei meinen Kindern: Ihre Spielsachen dienten in erster Linie dazu, den Fußboden zu bevölkern. Meine Kinder schafften es in kürzester Zeit, ein riesiges Chaos zu verursachen. Das anschließende Aufräumen dauerte oft länger als das Spielen selbst. Manchmal herrschte tagelang Unordnung und meine Nerven lagen blank. Als ich schließlich mit unserem dritten Kind schwanger und überfordert von der Spielzeugflut war, entschied ich mich für eine Challenge: Ich packte alle Spielsachen in Schachteln und Kisten und verstaute sie oben in unseren Schränken. Nur ihre Lieblingsstofftiere durften sie behalten. Falls sie gern mit einem bestimmten Spielzeug spielen wollten, würde ich es aus der Kiste hervorholen und ihnen geben. Mir war wichtig, dass sie nur mit den Spielsachen spielten, die sie bewusst verlangten und an die sie sich erinnern konnten. Mein Plan war, nach drei Monaten alles Spielzeug, das nicht zurückverlangt worden war, zu verkaufen oder zu verschenken.

Weshalb meine Kinder bei dieser Aktion mitmachten? Mein Mann und ich versprachen ihnen, dass wir nach Ablauf der drei Monate für zwei Tage in den Europapark fahren würden. Den Erlös der verkauften Spielsachen dürften sie im Park ausgeben. Mit dieser Challenge hoffte ich, ein für alle Mal Ruhe in unser Chaos zu bringen. Die Umstellung war für mich allerdings schwerer als gedacht. Zwar war ich das Chaos los, nicht aber das schlechte Gewissen: „Die armen Kinder! Sie haben keine Spielsachen mehr!“ Solche und ähnliche Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum. Im Chaos zu leben, war nicht einfach gewesen. Nun aber die Leere auszuhalten, war zu Beginn sehr herausfordernd.

Freiheit und Leichtigkeit

Der erste Tag ohne Spielsachen brachte überraschend wenig Beschwerden. Ich erwartete insgeheim, ständig zu den Kisten rennen zu müssen, um gewünschte Spielsachen hervorzuholen. Doch es kam anders: Der leere Raum fiel meinen Kindern auf, aber sie störten sich nicht daran. Im Gegenteil: Sie stellten Musik an und tanzten voller Freude. Sie bewegten sich unbeschwert, ohne Gefahr zu laufen, über Bausteine und anderes zu stolpern. Danach widmeten sie sich ihrem Lieblingsspiel: Sie bauten Hütten mit Vorhängen, Stühlen und Tüchern. In meinem Vorratsschrank „kauften“ sie für ihre Hütte ein. Sie spielten ungezwungen und waren sehr zufrieden. Nach einer Weile bat die Jüngste mich um eine Geschichte, woraufhin ich sie Bücher aus dem Schrank auswählen ließ und sie ihr erzählte. Der erste Tag ging vorüber. Die Kinder schienen nichts zu vermissen.

Zu Weihnachten erhielten sie Bastelsachen, ein Xylophon, einen Zählrahmen, Plüschhunde und Spielfahrzeuge. Die Geschenke hielten sich in Grenzen. Wir hatten unseren Eltern im Vorfeld mitgeteilt, dass wir mit weniger Spielsachen leben und mehr Wert auf Erfahrungen legen möchten. Deshalb waren Eintrittskarten in den Zoo ein beliebtes Geschenk. Die Kinder waren zufrieden – und ich auch. Gelegentlich wurde nach einem bestimmten Spielzeug verlangt. Die Aufräumarbeiten waren nun im Vergleich zu den Zeiten mit vielen Spielsachen deutlich einfacher. Ich genoss die neu gewonnene Freiheit und Leichtigkeit im Alltag. Gleichzeitig lernte ich meine Kinder besser kennen. Ihr Spielverhalten erschien mir nun deutlicher. Puppen waren ihnen wichtig, und sie kümmerten sich sehr gut um sie: Täglich pflegten und versorgten sie ihre Puppen, gingen mit ihnen spazieren und wechselten ihre Windeln. Nebenbei wurde viel zur Musik getanzt, gebastelt und Hütten gebaut.

Strahlende Augen

Ich verkaufte einige Spielsachen, die ich in unseren Schränken gestapelt hatte. Und schließlich war der ersehnte Tag für unseren Ausflug in den Europapark gekommen. Die strahlenden Augen unserer Kinder und ihre überbordende Begeisterung waren nicht zu übersehen. Wir genossen zwei Tage mit neuen Eindrücken, leckeren Snacks und vielen Achterbahnfahrten. In einem der Shops sagte ich zu den Kindern: „Ihr habt euer eigenes Geld dabei, sucht euch etwas aus und bezahlt es.“ Das hatten sie noch nie zuvor gemacht. Begeistert suchten sie sich jeweils ein kleines Spielzeug aus. Das restliche Geld investierten sie in Schokolade und andere Süßigkeiten.

Dieses Experiment und die Zeit im Europapark waren für unsere Familie ein voller Erfolg. Die Kinder lernten die Freude daran, ihr eigenes Geld zu verdienen und auszugeben. Bei uns zu Hause ist es wesentlich ruhiger und entspannter geworden. Wir besitzen noch etwa ein Drittel aller Spielsachen, die die Kinder zuvor zur Verfügung hatten. Dadurch hat sich unsere Lebensqualität deutlich verbessert. Auf keinen Fall möchte ich zu den Spielzeugbergen zurückkehren. Deshalb haben wir unserem Umfeld mitgeteilt, dass wir uns von nun an lieber Gutscheine und Ausflüge für die Kinder wünschen oder etwas Bestimmtes, das sie gerade gebrauchen können. Gemeinsame Erlebnisse und die Zeit zusammen als Familie sind für uns viel kostbarer als ein Haufen Spielsachen.

Madeleine Ramstein ist Theologin und Seelsorgerin. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Schweiz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/05/Kinder-im-Spielzeugchaos_GettyImages_LPETTET.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-05-13 12:38:112025-05-13 12:38:11Überall Spielzeug? Nein Danke!

Nicht einfach, aber doch schön: Familienalltag mit Autismus

Autismus ist bekannt, aber mit vielen Klischees behaftet. Wie groß die Bandbreite der Krankheit ist, wissen nur Wenige. Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Eine vierköpfige Familie erzählt, wie sie ihren Alltag mit zwei autistischen Teenagern erlebt.

Schon beim morgendlichen Anziehen gehen die Schwierigkeiten los: Wenn an einem Kleidungsstück ein Schildchen oder eine Naht drückt, fühlt sich der 13-jährige Daniel (Namen geändert) nicht wohl. Eine Zeit lang mussten Hosen und Schuhe bei ihm aber auch ganz eng geschnürt werden. „Damit er sich besser spürt“, erklärt Mutter Katja. Daniels Schwester Laura (15) mag es nicht, wenn man sie mit nassen Händen anfasst und auch sonst mag sie es kaum, berührt zu werden. Beide haben Autismus.

Autismus-Spektrum-Störung (ASS), so lautet die Diagnose von Daniel und Laura, die sie vor zwei Wochen von einer Psychotherapeutin bekommen haben. Eins von hundert geborenen Kindern ist heute von dieser komplexen neurologischen Entwicklungsstörung betroffen. Menschen mit Autismus nehmen Dinge anders wahr und haben Schwierigkeiten im sozialen Miteinander. Viele sind zum Beispiel besonders empfindlich gegenüber Licht, Geräuschen oder Berührungen. Oft können sie sich nicht gut in ihre Mitmenschen einfühlen und es fällt ihnen schwer, Beziehungen aufzubauen. In der Kommunikation verstehen sie das Gesagte häufig wörtlich, Zwischentöne oder sogar Ironie sind für sie schwer zu deuten.

Schnelle Überforderung

Dass Daniel und Laura Autismus haben, hatte die Familie schon seit Jahren geahnt. Jetzt endlich haben sie es auch schwarz auf weiß. Das macht es für sie einfacher, ihre Kinder zu erklären, zum Beispiel gegenüber der Schule oder Verwandten. Denn ihr Alltag ist auch so schon herausfordernd genug. Zum Beispiel beim gemeinsamen Essen: Die Teenager essen kein Fleisch, Gemüse nur roh. Laura bekommt bei der Konsistenz von Kartoffelbrei Würgereiz, Salzkartoffeln gehen wiederum. Vater Jark, der für die Familie kocht, ist bei der Essensauswahl sehr eingeschränkt. Und so wiederholt sich der Familienspeiseplan alle zwei Wochen.

Auch Ausflüge als Familie sind nicht spontan möglich, sondern müssen vorher gut geplant werden. Denn wenn die Kinder nicht wissen, was auf sie zukommt, macht sie das nervös. Ein Besuch im Freizeitbad oder bei Ikea geht eher nur selten – die vielen Menschen und die wenigen Ruhe-Oasen führen bei Laura und Daniel schnell zu Überforderung. Und der Besuch von neuen Städten kann auch herausfordernd sein. Letztens waren sie am Wochenende in Oldenburg. „Da hat Daniel mitten in der Stadt einen Zusammenbruch bekommen und losgeheult, weil ihm alles zu viel war – er ließ sich kaum beruhigen“, erzählt Jark. Woanders übernachten sei für Daniel schlimm. Das andere Bett, die fremden Gerüche – alles große Herausforderungen für ihn.

Das ist häufig so bei Menschen mit Autismus: Sie haben feste Rituale und brauchen geregelte Abläufe und Strukturen im Alltag. Die genauen Ursachen von Autismus sind bis heute nicht geklärt. „Klar ist: Autismus ist hochgenetisch, aber auch biologische Umweltfaktoren können einwirken und mit Genen interagieren“, sagt Sven Bölte, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seit dem Jahr 2000 steigen die Autismus-Spektrum-Störungen weltweit. Sven Bölte vermutet, dass das unter anderem mit der besseren und schnelleren Diagnostik zusammenhängt, die es heute gibt. Und mit unserer Anforderung an Gesundheit: „Die Menschen haben heute unglaublich hohe Ansprüche daran, was es heißt, gesund zu sein.“ Auch in den Schulen würden die Ansprüche an die Kinder steigen. So würden Autismus-Spektrum-Störungen früher auffallen.

Wer passt sich wem an?

Dass sie anders war als die anderen, bemerkte Laura schon in der ersten Klasse: „In der Schule war ich oft abgelenkt und bin häufig allein über den Schulhof gegangen, weil ich eine Pause von den ganzen Reizen brauchte“, sagt sie. Der Lehrerin fiel auf, dass sie nicht mit anderen Kindern spielte. Laura war auch oft verträumt, sie brauchte zum Beispiel lange, um ihren Schulranzen einzuräumen. Bald darauf bekam sie eine ADHS-Diagnose. Die Medikamente, die sie verschrieben bekam, hätten ihr zwar geholfen, sich besser zu konzentrieren, erzählt Katja. Aber sie hätten auch dazu geführt, dass Laura immer trauriger wurde. Das ging den Eltern zu weit, sie setzten die Medikamente ab. „Für uns war klar: Wir versuchen nicht unser Kind um jeden Preis an sein Umfeld anzupassen,“ sagt Katja. Stattdessen wechselte Laura an eine andere Schule.

Wegen Autismus: Keine passende Schule für Daniel

Als Daniel auf das Gymnasium kam, versuchte er lange Zeit, sich anzupassen. Es kostete ihn unheimlich viel Kraft, die unzähligen Reize – Geräusche, Licht, Gerüche – auszuhalten. Ständig befand er sich nervlich in einer Ausnahmesituation. Nachmittags zog er sich in sein verdunkeltes Zimmer zurück. Morgens mussten Katja und Jark mit Engelszungen auf ihn einreden, um ihn wieder herauszulocken. Eines Tages fanden sie statt des selbstbewussten 12-Jährigen einen 5-Jährigen vor, erzählt Jark: „Er weinte, wimmerte und bat darum, dass wir ihn nicht wieder zur Schule schickten.“ Daniel war total erschöpft, hatte keinen Antrieb mehr und nur wenig Freude am Leben.

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin diagnostizierte ihm eine Anpassungsstörung, er wurde krankgeschrieben. Seit einem Jahr beschulen ihn die Eltern zuhause. Die Schule und die Behörden halten an der Präsenz-Schulpflicht fest. Deswegen sei neulich auch das Jugendamt unangekündigt vorbeigekommen. „Anfang März hat die Bezirksregierung einen Bußgeldbescheid über 1.500 Euro an uns verschickt“, erzählt Jark. Der Druck ist groß. Doch in der Heimatstadt gibt es keine geeignete Schule für Daniel. Nun reisen sie an den Wochenenden durch ganz Deutschland, um nach passenden Schulen für ihn zu schauen.

Dass autistische Kinder vorübergehend nicht zur Schule gehen, ist nicht selten. Verschiedene internationale Studien geben an, dass zwischen 23 und 72% der autistischen Kinder und Jugendliche ab und zu oder langfristig nicht in die Schule gehen. Für Deutschland gibt es keine repräsentativen Daten. Die Gründe für die Nicht-Beschulung sind unterschiedlich: Mal schaffen es die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in die Schule, mal sollen sie zu Hause bleiben, weil Fachpersonal fehlt. „Unser Schulsystem ist auf neurotypische Schülerinnen und Schüler ausgerichtet und nicht autismus-sensibel“, sagt Stephanie Meer-Walter, Pädagogin und Autismus-Beraterin. Sie wünscht sich, dass die Lehrkräfte durch Weiterbildungen besser auf autistische Kinder vorbereitet werden und Schulen dafür besser ausgestattet werden. Zum Beispiel durch Ruheräume als Rückzugsmöglichkeit bei Überreizung oder durch feste Strukturen und klare Kommunikation im Unterricht.

Gemeinsam Kompromisse finden

Für viele Schwierigkeiten hat die Familie inzwischen Lösungen gefunden. Zum Mittagessen gibt es wenige, ausgewählte Mahlzeiten, wie Pellkartoffeln oder Chili sin Carne. Sehr gut funktioniert auch das Salatbuffet oder Raclette, bei dem die Teenager selbst auswählen, was sie essen. Laura besucht jetzt ein Gymnasium, von der Klassenlehrerin fühlt sie sich unterstützt. „Heute komme ich ganz gut mit meinem Autismus klar“, sagt sie. Wenn sie Anschluss zu Freundinnen suche, nerve sie ihr Autismus schon. Es falle ihr schwer, zu entschlüsseln, was sie von ihr erwarten. „Im Endeffekt gibt es aber für alles eine Lösung.“

Daniel schaffe es im Alltag immer besser, sich selbst zu helfen, sagt Katja. Früher hätte er Wutanfälle bekommen, wenn sich die Klamotten falsch anfühlten. „Mittlerweile schneidet er die Schilder selbst heraus oder sagt uns klar, wie wir ihm helfen können.“ Und auch wenn die Beschulung zu Hause für Daniel nur eine Notlösung ist, geht es Daniel damit besser als noch zu Schulzeiten. „Er kommt jetzt wieder mehr aus sich heraus und nimmt sich auch mal das Skateboard, um auf den Skateplatz zu gehen“, sagt Jark. Er brauchte die Pause, sagt Katja. „Jetzt kann er sich wieder auf eine neue Schule einlassen“. Beide Kinder wirken auf die Eltern im Alltag inzwischen ausgeglichen.

Katja und Jark wünschen sich, dass andere Menschen in ihrem Umfeld mehr Offenheit und Verständnis für ihre Kinder zeigen und ihre Bedürfnisse nicht klein reden. Und sie wünschen sich mehr Aufklärung: Wenn sie anderen erzähle, dass ihre Kinder Autismus haben, seien diese oft erschrocken, sagt Katja. Die würden dann wahrscheinlich gleich an Filme wie „Rain Man“ denken. „Aber Autismus ist ein riesiges Spektrum. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen mehr darüber informieren, wie vielfältig Autismus ist.“

Manche Menschen mit Autismus lernen in ihrem Leben nie zu sprechen und sind auch als Erwachsene auf eine Rundumbetreuung angewiesen. Andere haben studiert und führen ein selbständiges Leben. „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, fasst Jark zusammen. „Jeder Mensch bringt seine individuelle Persönlichkeit mit und niemand will in eine Schublade gesteckt werden.“ Auch Kitas, Schulen und Arbeitgeber müssten aus der Sicht der Familie besser auf den Umgang mit autistischen Menschen vorbereitet werden.

Janna Degener-Storr und Sarah Kröger

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/04/Autismus_Alex-Potemkin_GettyImages-2177297951-scaled-e1743490010105.jpg 1600 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-04-01 12:24:142025-04-01 12:24:14Nicht einfach, aber doch schön: Familienalltag mit Autismus

Wer bin ich? Expertin erklärt, was unsere Identität ausmacht

Die Frage „Wer bin ich?“ ist eine der Kernfragen unseres Lebens. Pädagogin Julia Otterbein erklärt, wie sich unsere Identität formt und wie sie sich verändert. Und sie gibt Tipps, wie wir uns selbst auf die Schliche kommen.

Wer bin ich? Die zentrale Frge der Identität lässt sich von zwei Perspektiven aus betrachten: einmal von innen heraus (Wie sehe ich mich selbst?) und einmal von außen (Wer bin ich für andere? Wie sehen/erleben mich andere?). Die Außenperspektive ist für viele Menschen oft die leichtere, denn im Außen nehmen wir verschiedene Rollen ein, die sich klar benennen lassen: Mutter oder Vater sein, der Beruf, den wir ausüben, das Ehrenamt in der Gemeinde …

An diese und andere Rollen werden häufig bestimmte Erwartungen geknüpft, deren Erfüllung uns die Sicherheit gibt, anerkannt und zugehörig zu sein. Weil soziale Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis ist und wir vor allem als Kind auf sie angewiesen sind, achten Menschen auch als Erwachsene noch sehr darauf, sich so zu verhalten, dass sie anderen gefallen. Sie bemühen sich, nicht zu sehr anzuecken, um ihre soziale Sicherheit nicht zu gefährden.

Wenn äußere Erwartungen zu „Identitätszwängen“ werden, führt das aber nicht nur dazu, dass Menschen sich für andere verbiegen – sie verlieren auch den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und zur eigenen inneren Identität. Denn wir sind selbstverständlich mehr als nur unsere Rollen oder das, was von uns im zwischenmenschlichen Miteinander sichtbar wird.

Wer bin ich von innen?

Zur Identität eines Menschen gehört immer auch eine Innenperspektive, die sich dadurch auszeichnet, was wir (über uns) denken und wie wir uns fühlen. Die Gedankenschleifen über uns selbst werden durch innere Stimmen genährt, die wiederum durch unsere Lebenserfahrungen mit engen Bezugspersonen geprägt sind. Stimmen Innen- und Außenperspektive überein, erleben wir das als Authentizität.

Manchmal setzen wir aber auch bewusst eine Maske im Außen auf, um unsere Identität im Innen zu schützen. Zum Beispiel, wenn wir Menschen begegnen, zu denen wir nicht das nötige Vertrauen haben, um uns so (verletzlich) zu zeigen, wie wir uns im Inneren fühlen. Das ist okay. Jeder kann entscheiden, wem sie oder er sich wie zeigt, mit welchen Aspekten und aus welcher Perspektive.

Kinder begleiten

Auch Kinder haben schon eine Identität, selbst wenn diese noch nicht vollständig ausgereift ist. Einige ihrer Eigenschaften sind in ihnen angelegt. Andere werden durch biografische Erfahrungen beeinflusst, seien es prägende Lebensereignisse oder das Miteinander mit ihren engsten Bezugspersonen. Dieses Miteinander wird wiederum durch die Identität der Bezugspersonen beeinflusst. Als Eltern prägen wir mit unserer Identität die Identität unserer Kinder. Gleichzeitig ist es für uns Eltern wichtig, offen zu sein für die sich entwickelnden Eigenschaften unserer Kinder, die anders sind als unsere eigenen.

Die Würde eines Menschen zu achten, ist das Zugeständnis, ihn so sein zu lassen, wie er ist. Für mich bedeutet würdevolles Erziehen, dem Kind die Erlaubnis zu geben, das, was in seinem Inneren ist, nach außen sichtbar werden zu lassen. „So wie du bist, bist du okay!“ Eine schöne Möglichkeit, den Kindern diese Botschaft zu vermitteln, sind Lieder wie „Vergiss es nie“ oder auch „Ich bin ich“ von der Kinderlieder- und Hörspielmacherin MIRA.

Wer bin ich – Wer werde ich? – Identität im Wandel

Identität ist eine Momentaufnahme: Manche Aspekte bleiben das ganze Leben über bestehen, andere entwickeln oder verändern sich. Und das ist gut so! Unsere Identität verändert sich gerade an den Schwellenübergängen des Lebens: in den unterschiedlichen Autonomiephasen eines Kindes, beim Erwachsenwerden, wenn wir einen Beruf ergreifen, wenn wir Mutter oder Vater werden, beim Begleiten der verschiedenen Entwicklungsphasen der eigenen Kinder bis hin zum Loslassen der Kinder, wenn sie als Heranwachsende eigene Wege gehen. Aber auch die sogenannte „Midlife-Crisis“, ein Jobwechsel oder das Beschäftigen mit der eigenen Endlichkeit haben Einfluss auf unser Identitätsgefühl.

Auch das bewusste Beschäftigen mit der eigenen Identität, das Ergründen, warum man heute so ist, wie man ist, verändert das Erleben des eigenen Selbst. Das kann durch eine persönliche Reflexion geschehen, zum Beispiel mit den Fragen am Ende des Artikels. Man kann sich in einem solchen Prozess aber auch von einem Coach oder einer Therapeutin begleiten lassen. So eine Innenschau kann hilfreich sein, prägende Erfahrungen, die unseren Charakter geformt haben, nachträglich neu zu bewerten. Dies kann die Entwicklung der eigenen Identität ermöglichen, um zum Beispiel Schüchternheit loslassen zu können.

In Beziehungen wachsen

Wir werden geprägt von den Menschen in unserem Umfeld. Oft umgeben wir uns auch mit Menschen, die uns ähnlich sind. Das kann auf der einen Seite schön und angenehm sein, denn dieser Umstand sorgt dafür, dass wir uns in unserem Umfeld zugehörig fühlen. Aber es kann auch dazu führen, dass wir unsere Identität limitieren und sich bestimmte Seiten unserer Identität in diesem Umfeld nicht entfalten können.

Es lohnt sich also, genauer in sich hineinzuhorchen, ob es eine Diskrepanz zwischen dem inneren Identitätsgefühl und den äußeren Verhaltensweisen innerhalb meines sozialen Umfeldes gibt. Es ist gut und richtig, dass wir an Begegnungen und in Beziehungen mit anderen wachsen und ein Stück weit auch geformt werden. Aber es ist nicht richtig, wenn sich das für uns einengend anfühlt und wir das Gefühl haben, so sein zu müssen wie unser Umfeld. Dann ist es vielleicht Zeit für ein anderes Umfeld und neue Beziehungen, die Facetten unserer Identität stärken, die bisher nur in uns schlummerten.

Bewusste Prägungen

Manche Prägungen, vor allem die, die früh in unserem Leben gewirkt haben, konnten wir uns nicht selbst auswählen. Sie haben unsere Identität geprägt, ohne dass wir es kontrollieren konnten. Heute als Erwachsene können wir uns diesen Prägungen gezielt zuwenden und reflektieren, warum sie in unserem bisherigen Leben wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig waren. Aber wir können uns auch bewusst entscheiden, uns ab jetzt von anderen Menschen und neuen Einflussfaktoren prägen zu lassen, korrigierende Erfahrungen machen und unsere Identität dadurch neu erblühen lassen.

Während manche Menschen mit einer Haltung von „Ich bin halt so“ durch ihr Leben gehen, wird an anderer Stelle mit dem Slogan geworben: „Du kannst alles werden.“ Ich persönlich denke, dass die individuelle Wahrheit für jede und jeden irgendwo dazwischen liegt. Manche Facetten von uns sind sehr tief in uns verankert. Wir wollen sie vielleicht auch gar nicht ablegen. Gleichzeitig dürfen wir belastende Prägungen mutig hinterfragen: Soll ich mich ein Leben lang limitieren? Oder gibt es Möglichkeiten, diese Prägung hinter mir zu lassen?

Identität sollte in erster Linie für uns selbst und nicht für andere sein. Sie ist ein dynamisches Zusammenspiel von Innen- und Außenperspektive, das sich im Laufe des Lebens ständig weiterentwickelt. Indem wir unsere Prägungen reflektieren und den Mut aufbringen, belastende Muster loszulassen, schaffen wir Raum für persönliches Wachstum und Authentizität. Wichtig ist dabei, auch unsere Kinder in ihrer individuellen Identitätsentwicklung achtsam zu begleiten. Ein erster Schritt könnte die ehrliche Auseinandersetzung mit den Impulsfragen unter dem Artikel sein.

Julia Otterbein ist Dipl.-Sozialpädagogin und Coach für friedvolle Elternschaft i.A. (FREL®-Coach). Sie lebt mit ihrer Familie in Süderbrarup. familywithlove.de

 

Impulsfragen zur Identitätsentwicklung

1 Welche Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mich geprägt?
Oft hinterfragt man solche Erfahrungen gar nicht mehr. Deshalb lohnt es sich, einmal gezielt darüber nachzudenken: Haben diese Erfahrungen „das Recht“, mich dauerhaft in dieser Art und Weise zu prägen? Es gibt die Chance auf eine Neubewertung dieser Erfahrungen, insbesondere wenn sie durch Scham geprägt sind. Es muss sich auch nicht um formal große Ereignisse handeln. Wie wäre es gewesen, wenn diese Erfahrungen anders gewesen wären? Sogenannte korrigierende Erfahrungen können wichtig für den Heilungsprozess sein.

2 Wie würde ich mein Leben gestalten, wenn ich keine Angst vor dem Urteil anderer hätte?
Diese Frage wirft einen Blick auf die Erwartungen an uns in verschiedenen Rollen und Kontexten, in denen wir agieren. Inwiefern limitieren sie uns? Die Bewertung von anderen Menschen hat sehr viel Macht, weil sie unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit betrifft. Nach wessen Urteil soll man sich richten? Eigentlich nur nach dem eigenen. Was bleibt von einem, wenn man die Bewertung der anderen subtrahiert? Wie viel Erlaubnis gebe ich mir?

3 In welchen Momenten fühle ich mich lebendig, verbunden und im Einklang mit mir?
Diese Momente sind oft mit körperlichen Reizen verbunden, zum Beispiel mit Gänsehaut oder einem warmen, wohligen Gefühl. Es sind die Momente, wenn man am meisten im Hier und Jetzt ist. Eine ergänzende Frage könnte sein: Wofür begeistere ich mich?

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/03/Identitaet_GettyImages_Peopleimages.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-19 11:01:252025-03-19 11:01:25Wer bin ich? Expertin erklärt, was unsere Identität ausmacht
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