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Archiv für die Kategorie: CCN-FEED

Partner fürs Leben: Paar-Expertin verrät, wie die Beziehung glücklich bleibt

Den Partner fürs Leben finden! Das wünschen sich viele. Aber ist der Traum von der ewigen Liebe nicht der Stoff für kitschige Liebesromane? Nein, sagt Psychologin Tabea Müller und gibt Tipps, wie die Liebe im Alltag lebendig bleibt und ein Leben lang halten kann.

Es war ein Novembertag in Paris, als er niederkniet und die Frage aller Fragen stellt. „Jaaaaa!“, antworte ich. Er steckt mir einen Ring an. Wir küssen uns, lachen erleichtert. Nur wenige Schritte entfernt erfüllt ein Straßenmusiker die Luft mit Geigenklängen. Zu unseren Füßen liegt Paris mit seinen verwinkelten Gassen und unendlichen Möglichkeiten – wie ein Spiegel unserer gemeinsamen Zukunft. Der Partner fürs Leben – der Traum ist zum Greifen nahe.

Der perfekte Moment

Nicht nur der Moment schien perfekt, sondern auch der Mann an meiner Seite. Mein kleines Herz konnte das große Glück gar nicht fassen, dieses vor uns liegende gemeinsame Abenteuer, das für immer halten sollte.

Niemals zuvor war ich mir einer Entscheidung so sicher wie in jenem Augenblick, auf den Stufen von Sacré-Cœur vor einem Dutzend Jahren. Ja, ich wollte seine Frau werden. Er sollte mein Mann werden. Mein one and only, mein Partner fürs Leben. Der, der besser zu mir passt als alle, die bisher meinen Weg gekreuzt haben. Auch wenn wir beide nicht perfekt sind, füreinander sind wir es – oder werden es jeden Tag ein Stückchen mehr. Und noch immer bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben.

Der Traum von der ewigen Liebe

Der Traum von der ewigen Liebe ist zeitlos – der Wunsch, den einen Partner fürs Leben zu finden, begleitet die Menschheit durch alle Generationen hindurch. Auch heute noch wollen 67 Prozent der „Generation Z“ laut einer österreichischen Jugendstudie einmal heiraten. Kein Wunder, denn die positiven Auswirkungen sind enorm: Glücklich Verheiratete leben zum Beispiel im Durchschnitt vier bis acht Jahre länger als unglücklich verheiratete oder geschiedene Paare. Sie haben mehr natürliche Killerzellen in ihren weißen Blutkörpern und sind dadurch weniger anfällig für Krankheiten.

Die tatsächliche Zahl der Eheschließungen sinkt trotzdem seit 1950 stetig. Das kann an der erschlagenden Auswahl an potenziellen Partnern liegen, die wir dank Internet inzwischen weltweit haben. Aber auch an unseren Erwartungen, die höher sind als je zuvor. Als ich meine Oma fragte, wie sie sich unter ihren Verehrern für meinen Opa entschieden hatte – ich wusste, dass es mehrere Anwärter gab –, antwortete sie: „Er hatte ein Motorrad.“

Partner fürs Leben und veränderte Ansprüche

Ein Motorrad! Das hätte heute bei Weitem nicht gereicht. Wir sehnen uns nach dem einen Menschen, der uns so sehr in seinen Bann zieht, dass uns alle anderen völlig egal sind. Wir träumen von einer Zukunft, in der wir alles teilen, beste Freunde, anregende Gesprächspartner und leidenschaftliche Liebhaber sind. Und wir wollen, dass eine einzige Person all unsere oft widersprüchlichen Bedürfnisse erfüllt – sei es Nähe, Freiheit, Verbundenheit und Erotik. Die Psychologin Esther Perel bringt es auf den Punkt: „Heute erwarten wir von einem Partner fürs Leben, was früher ein ganzes Dorf geleistet hat – und wir leben doppelt so lang wie damals.“ Kein Wunder, dass Enttäuschungen kommen, wenn wir uns diese Erwartungen nicht bewusst machen.

Den one and only kann es trotzdem geben, davon bin ich überzeugt und mit mir alle, die heutzutage noch heiraten wollen. Dabei hat das gar nicht so viel mit diesem Jemand zu tun, sondern damit, wie wir ihn oder sie wahrnehmen und behandeln. Der one and only bekommt von uns den Stellenwert, wichtiger zu sein als alles andere in unserem Leben. Diese Person ist die einzige Familie, die wir uns aussuchen können. Wir lieben sie und behandeln sie dementsprechend wie etwas ganz Wertvolles. In den ersten zwei Jahren ist das auch easy, denn da sind wir vollgepumpt mit Liebeshormonen, wie auf Drogen. Wir vergeben kleine Macken, finden sie vielleicht sogar süß. Pendeln sich die Hormone nach geraumer Zeit wieder im Normalbereich ein, stören uns Eigenheiten immer mehr. Zudem haben wir uns an die Gegenwart des Partners oder der Partnerin gewöhnt und nehmen sie oder ihn für selbstverständlich.

Was eine glückliche Ehe ausmacht

Wenn wir das Agieren unseres Partners zudem als persönliche Angriffe empfinden – was selten wirklich der Fall ist –, schleichen sich nach und nach negative Gefühle ein, und die Beziehung gerät in einen Abwärtsstrudel. Wir gehen in Gegenangriff, der Rosenkrieg beginnt: Einer kritisiert, der andere verteidigt sich, findet für jedes Fehlverhalten einen Grund. Wenn der Kritisierende auf seinem Standpunkt beharrt und mit verächtlichen, sarkastischen Bemerkungen reagiert, zieht sich der andere meist stillschweigend zurück. Gar nicht mal böswillig, sondern aus Selbstschutz vor der Flut an negativen Gefühlen, die eine leichte, humorvolle Wendung der Situation unmöglich machen.

Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Rückzug: Das sind laut dem Psychotherapeuten John Gottman die vier apokalyptischen Reiter, die das Ende einer Ehe ankündigen. Seit einem halben Jahrhundert erforscht er mit seinem Team im „Liebeslabor“ in Seattle Ehen und liefert beeindruckende Ergebnisse. Nicht nur können sie nach einer kurzen Beobachtungsphase mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % vorhersagen, ob sich ein Paar im Laufe seines Lebens scheiden lassen wird, viel wichtiger: Sie fanden auch heraus, was glückliche Ehen ausmacht. Denn auch glückliche Paare streiten – aber sie haben Strategien, die verhindern, dass Konflikte eskalieren. Kleine Rettungsversuche wie ein humorvoller Kommentar oder eine Entschuldigung wirken wahre Wunder. So kann das Stresslevel im Streit sinken und eskaliert nicht. Aus all seinen physiologischen Messungen und Beobachtungen siebte Gottman sieben Geheimnisse heraus, die glückliche Paare gemeinsam haben. Ich habe mir erlaubt, diese ein bisschen zu würzen.

7 Tipps für glückliche Paare

1. Gefährten

Glückliche Paare sind beste Freunde. Sie wissen, was den anderen gerade beschäftigt, wovon er träumt oder was ihn belastet.

Konkret: Geh nicht schlafen, bevor du weißt, wie es deinem Partner heute erging und was er oder sie erlebt hat. Erwarte stets, dass er/sie dir etwas erzählt, was du so nicht erwartet hast. Falls das nicht der Fall ist, stell kreativere Fragen.

2. Verehrer

Selbst nach vielen Ehejahren bewundern und respektieren glückliche Paare einander und erzählen ihre gemeinsame Liebesgeschichte positiv und detailliert.

Konkret: Behandle deinen Partner so respektvoll wie einen Kunden und gib ihm am Ende des Tages nicht nur deine müden „Reste“. Würdest du mit ihr oder ihm genauso umgehen, wenn dein Chef oder Jesus selbst zu Gast wäre? Merkt der andere, dass er oder sie dir kostbar ist?

3. Cheerleader – oder Anästhesisten

Glücklich Liebende wenden sich einander zu, kommen in der Gegenwart des anderen zur Ruhe und bauen im Gespräch den Stress des Tages ab. Egal, was passiert ist, sie stärken einander den Rücken.

Konkret: Kommt dein Partner bei dir zur Ruhe und kann entspannen? Falls nicht, hilft: Handy weglegen, aktiv mit Augenkontakt zuhören und Verständnis äußern. Dazu eine ordentliche, nicht zu sanfte Massage und der Stress fühlt sich definitiv unwohl.

4. Influencer

Glückliche Paare lassen sich vom anderen beeinflussen und schätzen ihre oder seine Sichtweise und Expertise.

Konkret: Werde selbst zum Traumpartner und zeige dich von deiner besten Seite. Dabei hilft folgende Frage: Bin ich jemand – gesund, produktiv, sauber, großzügig, ehrlich und geduldig –, mit dem man unbedingt zusammenbleiben möchte? Dann ist der andere nämlich mit Sicherheit auch offen für deine Ideen.

5. Harte Weicheikocher

Die nicht lösbaren Konflikte – das sind übrigens zwei Drittel –, die es in jeder Beziehung gibt, lassen glückliche Paare stehen und akzeptieren, dass sie Teil ihres gemeinsamen Lebens sind. Die lösbaren Konflikte lösen sie.

Konkret: Unterstelle deinem Partner NIE eine böse Absicht, höchstens Unachtsamkeit oder Unwissenheit. Dazu gehört auch, nicht aufzurechnen. 50:50 ist eine nette, aber unrealistische Idee von Beziehung, manchmal sind es 100:100, manchmal 80:20, manchmal 30:30 … Das Energielevel schwankt und das ist okay.

6. Diplomaten

Auch bei Konflikten, die zu Patt-Situationen führen, bleiben sie im Gespräch. Sie versuchen, die Grundmotivation des anderen hinter dem Standpunkt zu verstehen, bauen im Gespräch durch Rettungsversuche Stress ab und halten die nicht verhandelbaren Aspekte so gering wie möglich.

Konkret: Oft steckt irgendeine Angst hinter nicht verhandelbaren Standpunkten. Wenn du dazu neigst, ängstlich zu sein, versuche mutiger zu werden und dir häufiger die bestmöglichen Szenarien vorzustellen. Neurotizismus ist einer der wenigen Charakterzüge, die mit einer unglücklichen Ehe einhergehen.

7. Sinnfluencer

Durch Zukunftsträume, Finanzpläne oder Gottmomente im Alltag haben sich glückliche Paare einen gemeinsamen Sinn geschaffen. Wiederkehrende Familienrituale wie das gemeinsame Planen von Kindergeburtstagen oder ein ganz besonderer Ablauf an Heiligabend verbinden und definieren ein Wir-Gefühl.

Konkret: Nehmt euch Zeit und schreibt auf, was ihr in 1/3/10 Jahren besitzen sowie gelernt und erlebt haben möchtet. Dann fangt an, eure gemeinsamen Nenner probezuleben.

Lass dich von dieser Masse nicht erschlagen. Sie soll lediglich als Inspiration dienen, ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet.“ Vieles liegt in deiner Hand und du musst nicht warten, bis sich dein Partner oder deine Partnerin verändert.

Tabea Müller ist Psychologin und lebt mit ihrer Familie bei Karlsruhe. tabeasarah.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Glueckliches-Paar-Eheapaar-Ehe-Partnerschaft.jpg 1170 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-12 15:18:112025-03-12 15:18:11Partner fürs Leben: Paar-Expertin verrät, wie die Beziehung glücklich bleibt

Expertin warnt: Tradwives sind keine Beziehungsratgeber

Ein Trend aus den USA, die sogenannten Tradwives, suggeriert ein neues altes Bild von Frauen und Familie. Doch hinter dem Vorhang lauern bedenkliche Ideale. Paarexpertin Ira Schneider nimmt deren Beziehungstipps unter die Lupe.

„Oh, ein leckerer Kuchen“, denke ich und betrachte das vor mir aufpoppende Video genauer. Eine Frau in blumiger Schürze, strenger Körperhaltung und adrett gelocktem Haar steht am Küchentresen voller Backutensilien. Die Szene füllt das Bild auf meinem Handy. Ich bin neugierig und schaue etwas genauer hin. Der Algorithmus von Instagram hat inzwischen registriert, dass ich dem Video einen Moment zu viel Aufmerksamkeit gewidmet habe. Schon füllen ähnliche Videos von Tradwives meinen Feed.

Damals und heute

Die Videos erinnern mich an True Womanhood und Culture of Domesticity. Das waren Schlagworte aus der amerikanischen Literaturgeschichte im 19. Jahrhundert, die kennzeichneten, wie eine wahre Frau zu sein hatte. Sie sei häuslich und der öffentliche Raum wurde ihr verwehrt. Geschichtsnarrative wiederholen sich. Die Gemeinsamkeit der Frauenbilder damals und heute: Ihre Hauptwirkungsstätte scheint ausschließlich häuslich zu sein. Doch eins ist heute anders: Obwohl die Frauen in den Videos sich im häuslichen Raum bewegen, bedienen sich einem riesigen öffentlichen und schnell zugänglichen Raum – dem medialen – um ihr Narrativ der wahren Frau zu verbreiten. Das zugrundeliegende Bild ist allerdings zutiefst patriarchalisch. Es geht um eine immer willige, stets schöne und nie erschöpfte Frau. Eine, die zuhause bleibt und dessen einziges Lebensglück das Wohl der anderen ist und die dabei die eigenen vier Wände in eine wohlige Heimat verwandelt.

Die Videos der Tradwives spielen mit Gegenüberstellung dualistischer Prinzipien einer schwarz-weißen Welt. Die Tradwife sei liebevoll, bescheiden und sogar schlank, weil sie zuhause gesund kochen könne. Eine Frau, die erwerbstätig ist, sei übergewichtig, da sie keine Zeit habe, sich gesund zu ernähren und habe einen schlechten Selbstwert. Diese selbsternannten fürsorglichen Frauen sind jedoch gar nicht so herzerwärmend wie ihre frisch aus dem Ofen gezauberten Cookies, sondern ziemlich hart – nämlich allen Frauen gegenüber, die eigene Wünsche und Bedürfnisse außer der Fürsorgearbeit ihrer Familie verspüren.

Mehr als Limonadenrezepte

Was ich als Paartherapeutin als sehr besorgniserregend empfinde, sind aber vor allem die Beziehungstipps der Tradwives. Es gibt nämlich nicht nur Cup Cake-, Limonaden- und Sauerteigrezepte im Angebot, sondern auch kostenfreie Beziehungstipps von diesen Frauen in ihren fluffigen Kleidern. Es sind Tipps für ein harmoniegeschwängertes Ehe- und Familienleben. Damit das gelinge, müsse Frau sich ihrer ureigenen Bestimmung als Hausfrau und Mutter zurückbesinnen. So zumindest das Postulat dieser Videos.

Das Ganze wird dann über Schuld- und Schammechanismen verstärkt, indem raffiniert moralisiert wird. Hierfür wird noch das Christentum hinzugezogen und Zitate aus biblischen Texten werden wie eine Collage zusammen geclustert. Dabei wird der ursprüngliche historisch-kulturelle Hintergrund ignoriert. Diese Textstellen werden so instrumentalisiert, dass vor allem Frauen ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie nicht diesem einen bestimmten Bild entsprechen.

Dieser Trend aus den USA, der auch nach Deutschland herübergeschwappt ist, arbeitet mit Stilmitteln der Übergeneralisierung. Dabei entbehren diese Gedanken und jeglicher therapeutischen Basis. Stattdessen werden hoch emotionalisiert die Beziehungstipps aus dem Ärmel beziehungsweise aus der Schürze geschüttelt. Sie tauchen plakativ als Texttitel in Videos auf, während kitschige Musik im Hintergrund läuft und um die Rührschüssel herumgetänzelt wird. Die Allgemeingültigkeit dieser Tipps wird dabei mit keiner Silbe hinterfragt. Perspektivvielfalt? Fehlanzeige!

Beziehungstipps der Tradwives im Faktencheck

Diese Frauen wissen angeblich, wie man Ehemänner glücklich macht. Dabei schreiben sich die Tradwives Ratschläge auf ihren Accounts jeweils ab. Drei Tipps tauchen interessanterweise immer wieder auf. Diese möchte ich mir genauer anschauen:

  • Die Tradwife empfiehlt, dass sich Frauen ihrem Mann immer frisch geschminkt, frisiert und fein angezogen präsentieren.

Sich für das Gegenüber frisch zu machen, ein Parfüm anzulegen, vielleicht auch mal das Oberteil zu tragen, von dem man weiß, dass der oder die andere es besonders schätzt, finde ich für Paarbeziehungen sehr achtsam, wärme-schenkend und entzückend. Aber dass hier Frauen im Grunde Frauen zu Objekten machen, finde ich empörend. Was für ein Druck, immer besonders herausgeputzt sein zu müssen und das mitten im Familienalltag, der doch oft mit kleinen Kindern unkontrollierbar und unvorhersehbar ist. Was auf Paarebene besonders problematisch ist, ist der Gedanke, sich nicht wahrhaftig zeigen zu können. Da wird etwas versteckt, nämlich die wuscheligen Haare und die verschwitzte Jogginghose. Solche Tipps nehmen einer intimen und vertrauten Beziehung die Natürlichkeit. Aber nicht nur das: Sie rauben auch das Gefühl tiefer Annahme. Denn ein wichtigstes Kriterium von Nähe ist, sich unbekümmert und frei so zu zeigen, wie man gerade ist.

  • Die Tradwife empfiehlt, sexuell großzügig zu sein.

Sexuelle Bedürfnisse im Blick zu haben, einander zu fragen, was der oder die gerade braucht, eine gemeinsame Sprache über das Sexualleben zu entfalten, sind wichtige Entwicklungsaufgaben eines Paares. Jede Frau befindet sich in unterschiedlichen Lebensphasen. Vielleicht ist gerade Wochenbettruhe angesagt oder womöglich ist das innere Nähekontingent durch Kinder, die gerade viel kuscheln wollen, bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft. Möglicherweise ist der Alltag auch so stressig, dass für romantisch-lustvollen Sex gerade keine Kraft mehr da ist. Vielleicht liegt aber auch eine hormonelle Störung vor oder es gibt schwerwiegende traumatische Erfahrungen in Zusammenhang mit Sexualität. Einfach großzügig sein impliziert, dass fehlende Sexualität im Gegenzug emotionaler Geiz wäre. Diese Form der Unterstellung ist für keine Paarbeziehung konstruktiv. Ein hilfreicherer Tipp wäre, beide Teile des Paares zu ermuntern, sich über Wünsche und Fantasien auszutauschen.

  • Die Tradwife empfiehlt, morgens dem Ehemann Mittagessen für die Arbeit mitzugeben.

In vielen Videos sieht man Frauen, die noch vor Sonnenaufgang Fleisch anbraten und große Brotboxen richten. Gegenseitige Fürsorge, kulinarische Gelüste erfüllen, für den anderen, die andere mitdenken, einander überraschen und sich gegenseitig versorgen bringt viel Halt und Geborgenheit in Paarbeziehungen. Was diese Videos allerdings empfehlen, ist eine sehr einseitige Form der leiblichen Versorgung. Eine, bei der der Mann nicht mehr auf Augenhöhe bleibt, sondern eher auf die Kinderebene rutscht. Ich frage mich, wo hier das Elternpaar als Team ist, das die Kinder gemeinsam versorgt. Davon sehe ich in den Videos wenig. Für eine langfristig gesunde Beziehung ist es wichtig, dass Eltern miteinander kooperieren und nicht ein Teil das Gefühl hat, ein weiteres Kind versorgen zu müssen. Da braucht es Erwachsene, die selbstfürsorglich sind, was nicht bedeutet, dass auch gegenseitige Versorgung und Entlastung stattfinden kann.

Einen individuellen Weg finden

Was ich festhalten möchte: Als Paartherapeutin werte ich nicht die Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit. Das ist nicht mein Auftrag. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Kinder gute Bindungspersonen haben, die zuverlässig sind, und dass sie einen sicheren Lebensraum erfahren. Für mich ist entscheidend, dass beide Teile einer Partnerschaft sich in dem gesehen fühlen, was sie zum Familienleben beitragen. Für jedes Paar und jede Familie funktioniert etwas anderes. In meiner Arbeit und in meinem privaten Umfeld habe ich sehr viele unterschiedliche Paare kennengelernt. Alle geben ihr Bestes. Paritätische Partnerschaft kann man nicht pedantisch in stündlichen Tabellen ausmessen. Tabellen und Listen finden manche Paare hilfreich. Aber schlussendlich geht es darum, ob emotionale Prinzipien im Gleichgewicht sind. Beispielsweise, dass eine achtungsvolle Wertschätzung da ist oder dass das Gefühl der Gleichwertigkeit im Gleichgewicht ist.

Es ist hilfreich, wenn beide Teile des Paares sich mit Altersvorsorge beschäftigen und ein für sich gutes Modell ausarbeiten. Wenn ein Paar sich Rollen traditionell aufteilt, kann das für das Paar wunderbar funktionieren. Oft beobachte ich auch, dass Paare sich in Lebensphasen abwechseln. Mal ist der eine Teil mehr, mal der andere Partner erwerbstätig. Paarbeziehungen sind ein vertrauensvolles gegenseitiges Wechselspiel an Unterstützung. Das entscheiden Paare für sich. Hingegen ein rigides Bild zu malen, in dem Ehe und Familie nur nach einem Modell funktioniert, wie es die Tradwives in flatternden Röcken behaupten, streut rechtspopulistische Werte. Es ist ein Nährboden derer, die Frauen in ihrer Freiheit beschneiden wollen und stärkt die strukturelle Benachteiligung, die Frauen ohnehin schon erleben.

Ira Schneider arbeitet als Paartherapeutin. Ihr Ratgeber ,,Jeden Tag ein neues Ja“ ist im Juni erschienen. @ira.schneider_

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/TradWife_GettyImages_Tijana87.jpg 1415 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-03-04 14:48:512025-03-04 14:48:51Expertin warnt: Tradwives sind keine Beziehungsratgeber

Partnerschaft eintönig? Vielleicht ist es eine „Bierdeckelallianz“

Gleiche Hobbies, gleicher Freundeskreis, alles gemeinsam machen. Eine solche Partnerschaft wird irgendwann eintönig. Paarexperte Marc Bareth nennt das eine „Bierdeckelallianz“ und erklärt, wie neuer Schwung in die Partnerschaft kommt.

Herr und Frau Flückiger verbindet eine innige Beziehung. Sie haben jung geheiratet und sind nicht nur Ehepartner, sondern auch beste Freunde. Sie verbringen gerne ihre Freizeit zusammen und haben einen großen gemeinsamen Freundeskreis. Doch schleichend wurde die Partnerschaft eintönig.

Wie ein gedrosselter Sportwagen

Dennoch hat sich bei den Flückigers in den letzten Jahren eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrer Partnerschaft breitgemacht. Frau Flückiger beklagt immer öfter, dass ihr Ehealltag eintönig sei. Sie vermisst das Neue, das Überraschende in ihrer Beziehung. Und Herr Flückiger empfindet seine Ehe zunehmend als anstrengend. Sie entzieht ihm Energie. Kürzlich hat er einem Freund anvertraut, dass er sich zu Hause wie ein Sportwagen fühlt, dessen Motor auf 80 km/h gedrosselt ist.

Eine solche Partnerschaft nenne ich eine Bierdeckelallianz. Sie sind wie zwei Bierdeckel, die sich aneinanderlehnen. Sie stützen sich gegenseitig und können dank dem anderen stehen. Sie brauchen einander, denn gemeinsam schaffen sie, was jeder für sich nicht schafft. Zwei aneinandergelehnte Bierdeckel sind aber auch voneinander abhängig. Keiner darf sich zu fest bewegen, verändern oder gar wachsen, sonst könnte das Ganze einstürzen.

Das erlebt das Ehepaar Flückiger. Weil beide nicht allein durchs Leben gehen können, klammern sie sich aneinander und suchen die Verschmelzung. Das führt dazu, dass sich ihr Leben zunehmend auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner abspielt. In der Freizeit machen sie nur noch das, worauf beide Lust haben. Lebensbereiche und Themen, zu denen sie unterschiedliche Ansichten haben, verdrängen sie.

Nähe und Freiheit

Der Preis dafür, ein Herz und eine Seele zu sein, ist, dass beide alle Eigenschaften und Interessen gekappt haben, die nicht mit denen des Partners übereinstimmen. Eine solche Beziehung ist eine falsch verstandene Art von Einssein. Sie führt zu den Symptomen, unter denen die Flückigers heute leiden: Langeweile, Stagnation, Leblosigkeit und Verkümmerung.

Ein gesundes Einssein ist keine Bierdeckelallianz, sondern lässt sich mit dem Bild zweier starker Bäume beschreiben, deren Kronen sich zu einem gemeinsamen Blätterdach verbinden. Es ist die volle Nähe zweier Menschen, die beide auch unabhängig voneinander im Leben stehen könnten. Es ist eine Nähe, die dem anderen Freiheit, Entwicklung und Veränderung zugesteht, weil dies für den fest verwurzelten und selbst stehenden Baum nicht bedrohlich ist. Der Weg zu mehr Lebendigkeit in der Partnerschaft besteht darin, in enger Verbindung mit dem Partner und trotzdem ganz bei sich selbst zu bleiben.

Wenn die Flückigers wieder mehr Lebendigkeit in ihre Beziehung bringen wollen, führt kein Weg daran vorbei, sich die eigene Individualität in kleinen Schritten zurückzuerobern. Dazu gehören zwei Seiten. Zum einen, sich zu trauen, den Partner nicht ständig zu schonen, sondern zu seinen Bedürfnissen zu stehen und sich selbst in seiner Andersartigkeit dem Partner zuzumuten. Und andererseits dem anderen eine eigene Meinung, andere Bedürfnisse und eine Entwicklung zuzugestehen, auch wenn sich das bedrohlich anfühlt.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/eintoenige-Partnerschaft_GettyImages_skynesher.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-26 14:24:292025-02-26 14:24:29Partnerschaft eintönig? Vielleicht ist es eine „Bierdeckelallianz“

Liebevoll loben, ehrlich ermutigen – Das müssen Kinder hören

Worte schaffen Realität. Das gilt umso mehr im Umgang mit Kindern. Wie sprechen wir mit ihnen? Welche Bewertungen äußern wir? Vermitteln wir etwas Positives oder etwas Negatives? Pädagoin Stefanie Diekmann klärt darüber auf, was Kinder wirklich hören müssen.

Mitte der 90er: Geburtstagsfeier einer Tante. Ich habe noch keine Kinder. Ein kleiner Junge tobt und donnert dabei mit seinem Kopf so an den Tisch, dass die Schwarzwälder Kirschtorte schwankt. Die Mutter greift sich ihren Sohn und sagt: „Was hast du gerade im Kopf? Den Teufel!“ Ich zucke zusammen und ringe nach Worten. Auch wenn ich sonst vieles stehen lassen kann, werde ich wachgerüttelt: Unbedachte Worte und Bewertungen sind machtvolle Stempel für die Selbstwahrnehmung eines Kindes.

Wir Eltern reden viel – locker, fröhlich, angespannt oder zornig. Ich denke nicht immer vorher über das nach, was ich sage. Gerade im Umgang mit meinen Kindern habe ich erlebt, wie schnell Worte aus mir herauspurzeln. Deshalb ist es mir wichtig, ein Bewusstsein für die Kraft meiner Worte zu entwickeln. Denn jedes Wort bewirkt etwas!

Ermutigung lernen

Anna (alle Namen geändert) berichtet, wie sie als Kind fast unsichtbar war. Immer wieder stellt ihre Mutter sie anderen mit diesen Worten vor: „Anna ist so, dass man sie immer vergisst und übersieht!“ Wahrscheinlich ist es liebevoll gemeint, denn Annas Brüder sind laut und präsent. Erst mit 40 Jahren gönnt sich Anna schließlich eine Beratung, um zu verstehen, was sie so unscheinbar macht und welchen Einfluss die Worte ihrer Mutter hatten.

Natürlich erlangt nicht jede Aussage so eine hohe Bedeutung im Leben eines Kindes – zum Glück. Wir können nie wissen, welche Bemerkung, welches Lob oder welche Rüge im Kind Resonanz auslöst. Deswegen sollten wir sorgsam mit unseren Worten umgehen. Worte sind kraftvoll. Sie können schwächen oder stärken, motivieren oder demotivieren, trennen oder verbinden. Das Tolle ist: Worte können eingeübt werden. Jede Familie kann Ermutigung und Lob lernen. Wir können dabei bewusst auf unsere Sprache und unsere Wortwahl achten.

Wir können zum Beispiel zuhören, wie andere Eltern ihre Kinder loben oder wie Ehepartner über den anderen sprechen. Und reflektieren: Welche bewertenden Formulierungen nutze ich häufig? „Da warst du lieb!“ „Sei schön leise!“ „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“ „Du kannst wirklich nichts!“ Wenn wir uns das bewusst gemacht haben, können wir üben, die Sätze umzuformen: „Deine Unterstützung hat mir gutgetan.“ „Danke, dass du gerade still zuhörst.“ „Ich spüre, du hast Schmerzen.“ „Ich möchte gern herausfinden, was du besonders gut kannst.“

Liebe ohne Bewertungen

Manchmal hilft es, mir auszumalen, was meine Bewertungen konkret heißen. „Da warst du lieb!“: Wäre mir das Kind denn nicht lieb, wenn es sich anders verhielte? „Lieb sein“ wird in Verbindung gebracht mit „still sein und mich nicht fordern“ und vermittelt automatisch, dass ein Kind nicht lieb ist, wenn es mehr körperliche Aktivität oder Fragen mitbringt. In diesem Moment stellen wir uns unbewusst über das Kind, um ihm zu sagen, wie es zu sein hat. Jedes Kind hat ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Kinder wollen mit den Eltern zusammenarbeiten und ihnen gefallen. Sie strengen sich an, die Kriterien für unsere Bewertungen zu erfüllen – auch, wenn sie sich dafür verbiegen müssen. „Lieb sein“ kann aber auch bedeuten: „Ich habe dich immer lieb, egal wie dein Verhalten gerade ist.“ Diese Zusage, diese eine Liebesbekundung sollte nicht mit einer Rüge oder einem Lob verbunden sein.

Das Selbstvertrauen von Kindern ist so sehr von Lob abhängig, dass sie es permanent einfordern. Manche Kinder verhalten sich ständig so, dass sie anderen gefallen. Oder sie tun Dinge nur, um ein Lob zu bekommen.

„Sei schön leise!“: Hier legen wir unsere Bewertung von „schön“ auf das Kind. Wer sagt denn, dass leise sein „schön“ ist? „Stell dich nicht so an wegen der Beule am Kopf!“: Ich habe auch Momente, in denen mir etwas Schmerzen verursacht. Wie wohltuend, wenn jemand diese Schmerzen nicht wegredet. „Du kannst wirklich nichts!“: Solche Bewertungen wischen den Respekt vor dem Einzelnen weg. Unserem Kind dürfen wir das nicht zumuten.

„Das hast du toll gemacht!“ Hier dürfen wir fragen, ob unser Kind selbst zufrieden ist. Denn um dieses innere eigene Bewerten geht es im Lob. Unser Kind wird ein gesundes Ich-Gefühl entwickeln, wenn es nicht auf positive Bewertungen von außen angewiesen ist. Lob ist eine Einladung zum Austausch über die Wahrnehmung des Gelungenen und des Noch-nicht-Gelungenen.

Orientierung geben

Auch wir selbst sind mit Worten geprägt worden – vielleicht mit guten, vielleicht mit weniger guten. Gerade in turbulenten Alltags-Situationen kann es zu spontanen Äußerungen kommen, die den Tiefen unserer eigenen Erfahrung entspringen. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Wie wäre es, eine Lobliste anzulegen? Es kann auch eine Liste werden, die eine Familie für sich erstellt: Was wertet mich auf? Was wärmt mich von innen? Was sagt Gott über mich?

Im Familienalltag bewerten wir uns ständig gegenseitig. Wir bewerten, indem wir ignorieren, Wohlwollen zeigen, mit den Augen rollen oder kommentieren. All das hilft unserem Kind, sich zu orientieren: „So ist mein Leben. Das finden meine Eltern wichtig.“ In manchen Familien, die ich berate, erlebe ich zu wenig Worte. Dabei sind Worte wichtiger Bestandteil zum Beispiel einer Mahlzeit: Wir hören zu, achten auf kleine Gesten der Höflichkeit und laden klar und liebevoll zum Sitzenbleiben ein. Worte leiten an und vermitteln ein Familiengefühl. Wir geben Kindern mit bewusst gewählten Worten Halt. Positive Äußerungen wie „Ich freue mich mit dir“, „Ich bin beeindruckt“ oder „Ich freue mich, wie stolz du bist“ bringen dem Kind Wertschätzung entgegen und stärken das Ich-Gefühl. Solche Worte rutschen tief ins Herz eines Kindes.

Positive Haltung

In einer Familie liegt schnell der Fokus auf Fehlern und dem, was „falsch“ läuft. Im Miteinander geht es aber nicht um Erfolg oder Misserfolg, sondern um eine wertfreie Begegnung miteinander und – in Familien mit christlichem Hintergrund – auch die Begegnung mit Gott. Wir dürfen den Sprachgebrauch unserer Erziehung hinterfragen und ersetzen und den Fokus auf die Fähigkeiten des Kindes oder die Möglichkeiten zur Unterstützung legen. Manchmal hilft es, den Teenager zu fragen: „Ich finde Erfolg nicht so wichtig. Wie geht es dir damit, wenn ich das nicht lobe?“ Unseren Sohn hat es beispielsweise verletzt, dass wir auf sein gelungenes Abitur nicht reagiert haben.

Wir können mit positiver Sprache eine positive Haltung fördern. Wir können zum Beispiel auf das Wort „falsch“ verzichten und lieber Alternativen oder Lösungswege anbieten. Anstelle von „Ach, Luisa, du hast ja schon wieder die Jacke falsch angezogen“ können wir sagen: „Schau mal, der Ärmel hängt da unten. Hier kannst du reinschlüpfen.“ Der Fokus liegt nicht auf dem Fehler, sondern wir bieten positive Unterstützung an. So entsteht eine ermutigende Atmosphäre.

Oft haben wir eine Bewertung im Kopf und im Herzen. Wir finden das Verhalten des Kindes zu laut oder sein Zögern zu ängstlich. Simone ärgert sich wiederkehrend über den fordernden Ton ihrer Tochter. Wenn Lenja in den Raum kommt, hat Simone oft den Impuls, zu fliehen oder zu meckern. Zunächst tauscht sie sich darüber mit ihrem Partner aus. So ein Austausch kann einen Perspektivwechsel bewirken, der den Zugang zum Kind verändert. Simone bekommt dadurch Orientierung über ihre eigenen Gefühle, sodass sie in der nächsten kritischen Situation statt eines Motzanfalls sagen kann: „Ich möchte gern mit dir reden. Aber wenn du mit mir in diesem Ton sprichst, macht mich das sauer.“ Simone wiederholt diesen Satz und findet heraus, dass es ihrer Tochter guttut, erst mal in den Arm genommen zu werden. Nun kann eine Wertschätzung ins Herz sacken.

Simone beschreibt in der Beratung: „Auch wenn das Kind meine Bemerkungen nicht hört, prägen sie doch die Wirklichkeit. Deswegen möchte ich mir zur Gewohnheit machen, gut über mein Kind zu sprechen. Gute Worte über andere verändern auch unsere Sicht auf sie und unsere Haltung ihnen gegenüber. Wir können aussprechen, was mit Gottes Hilfe in den Kindern Wirklichkeit werden kann und soll.“

Kraft und Segen

Johann ist erwachsen. Er berichtet von einer Mitarbeiterin in seiner Kirche, die immer wieder zu ihm gesagt hat: „Du wirst ein guter Leiter. Du hast Einfluss auf Menschen.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Johann gestottert, er war zurückgezogen und schrullig. Tatsächlich aber sah die Mitarbeiterin, wie er sich um die neuen Kinder bemühte oder Jüngeren half. Johann hat sich in diese Idee, dass Gott ihm wunderbare Gaben geschenkt hat, hineingelebt und ist heute tatsächlich ein hingebungsvoller Gruppenleiter.

Worte haben Kraft. Wo Wunden entstanden sind, dürfen wir um Vergebung bitten. Wenn uns unser Kind herausfordert, können wir es segnen. Denn im Segnen liegt der unfassbar starke Blick, den Gott auf unser Kind hat. Ich lade euch ein zum liebevollen Loben und ehrlichen Ermutigen!

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Göttingen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Lob-und-Ermutigung_BN_GettyImages_Studio4.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-21 16:24:142025-02-21 16:24:14Liebevoll loben, ehrlich ermutigen – Das müssen Kinder hören

Einsam im ersten Babyjahr: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt“

Den ganzen Tag mit dem Baby zusammen und dennoch einsam? Was paradox klingt, ist für manche Mütter und Väter im ersten Babyjahr leider Realität. Trotz Krabbelgruppen und Co fühlen sie sich einsam. Wie sie damit umgehen berichtet Lisa-Maria Mehrkens.

Das Einsamkeitsbarometer des Deutschen Familienministeriums von 2024 listet die Erziehung und Betreuung minderjähriger Kinder als „erhöhte Einsamkeitsbelastung“ auf. Als Eltern habe man weniger Zeit, soziale Kontakte zu pflegen. Vor allem im Coronajahr 2020 fühlte sich rund ein Drittel aller Eltern einsam, 2021 waren es noch über 12 Prozent, bei Alleinerziehenden sogar 16 Prozent. Im Internet findet man viele Berichte von Müttern, die sich mit Baby zu Hause einsam fühlen. Vor allem dann, wenn der Partner viel arbeitet oder Freunde und Familie weiter weg wohnen.

Auch ich habe mich in der Elternzeit sehr oft nicht nur allein, sondern einsam gefühlt. Mir fehlte der Austausch mit Erwachsenen. Zu Hause allein mit Baby war mir oft langweilig. In Spiel- und Krabbelgruppen fühlte ich mich aufgrund der oft so unterschiedlichen Erziehungsstile selten wirklich wohl. Sozialkontakte aus der Zeit vor den Kindern brachen teilweise weg, weil die Lebensentwürfe, Themen und Zeitpläne zu verschieden waren. Da ich nebenbei freiberuflich weiterarbeitete, ging mein Themenfeld über Gespräche über Babythemen hinaus, womit viele meiner Mama-Bekanntschaften nichts anfangen konnten.

Ich wollte Zeit mit meinem Kind verbringen und brauchte gleichzeitig auch Zeit für mich allein und meine Arbeit. Diese Zerrissenheit führte zu ständigen Schuldgefühlen, weil ich weder ganz in der einen noch in der anderen Welt war. Ich war verunsichert und fragte mich, was mit mir nicht stimmte, dass ich die Elternzeit nicht so genießen konnte, wie scheinbar alle anderen Mütter um mich herum. Später stellte ich fest, dass es vielen Müttern ähnlich ging – nur sprach kaum jemand offen darüber.

Nicht allein, aber einsam

Das Gefühl von Einsamkeit im ersten Babyjahr scheint ein Tabuthema zu sein. Keine Mutter – oder kein Vater – gibt gern zu, dass die Gesellschaft des Babys nicht immer reicht. Und dennoch kennen die meisten dieses Gefühl wahrscheinlich. So wie Sara. Als die rund einjährige Elternzeit mit ihrem Sohn begann, ging ihre zweieinhalbjährige Tochter in den Kindergarten. Sara und ihr Mann waren gerade in ein Haus auf einen ehemaligen Bauernhof zur Familie gezogen.

Vor der Elternzeit hatte Sara viele soziale Kontakte und ging gern zur Arbeit. Doch ihr Sohn schlief sehr schlecht, wachte nachts stündlich auf, weinte tagsüber viel. Der monatelange Schlafmangel erschöpfte Sara. „Ich war so müde, ich konnte weder Freunde treffen noch Babykurse besuchen. Nicht mal einkaufen war möglich“, sagt sie über ihren Zustand damals. Trotz der Unterstützung von Mann und Mama fühlte sich Sara überfordert und einsam. „Es war schwierig, die Verantwortung und Belastungen die meiste Zeit des Tages nicht teilen oder sich darüber austauschen zu können“, erzählt sie.

Während andere Eltern vom schönen ersten Babyjahr schwärmten, konnte Sara dieses Empfinden nicht teilen. Manche Freundinnen und Freunde reagierten mit Unverständnis, andere zeigten keinerlei Reaktion, wenn sie von ihren Problemen erzählte. Einige brachen den Kontakt sogar ab. Nur ein paar wenige zeigten sich empathisch, verständnisvoll und interessiert. Vor allem kinderlose Menschen können das Gefühl von Einsamkeit in den ersten Babymonaten nur schwer nachvollziehen – wie kann das denn sein, wo man doch den ganzen Tag mit einem kleinen Menschen zusammen ist?!

Doch Einsamkeit ist nicht mit Alleinsein zu verwechseln. Einsamkeit ist subjektiv. Das Einsamkeitsbarometer beschreibt Einsamkeit als „wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Erwartungen an soziale Beziehungen und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen“, sowohl bezogen auf die Anzahl als auch Qualität der Sozialkontakte. Es gibt Menschen, die von außen betrachtet in ein großes soziales Netzwerk eingebunden sind und sich dennoch einsam fühlen. Und es gibt Menschen, die oft allein sind, ohne darunter zu leiden. Auch Sara kennt das Gefühl, einsam, aber nie allein zu sein: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt und gleichzeitig nach Zeit, mal wirklich allein für mich zu sein. Ich war zerrissen zwischen mehreren Herzenswünschen“, erinnert sie sich.

Sehnsucht nach Austausch

Natürlich empfindet es nicht jedes Elternteil so. Manche schaffen es, ihre früheren Sozialkontakte aufrechtzuerhalten oder in Spielgruppen neue zu finden. Bei manchen leben Eltern und Geschwister im gleichen Ort. So wie bei Tabea und Linda. Tabea ist seit rund zehn Monaten in Elternzeit mit ihrem ersten Kind. „Ich bin sehr gern zu Hause, es macht mir viel Freude und ich habe viel Spaß mit meiner Tochter“, sagt sie. Vor allem die ersten vier Monate nach der Geburt war sie froh, die Zeit mit ihrer „pflegeleichten Tochter“ ohne Verpflichtungen oder Termine genießen zu können. Wenn sie sich nach Austausch sehnt, besucht sie ihre Geschwister oder Eltern, die nur wenige Gehminuten entfernt wohnen. Eine Freundin mit einem gleichaltrigen Kind wohnt im Nachbarort. Tabeas Schwägerin war ihre Hebamme und ist jetzt selbst schwanger.

Die vielen Kontakte sind „ein großer Segen“ für Tabea. Auch in ihrer Gemeinde ist sie tief verwurzelt, ihr Mann und sie arbeiten bei den Konfirmanden mit. Demnächst wollen sie dort in einen Spielkreis gehen. Aber eine Sache fehlt Tabea: eine Austauschgruppe für Mütter. „Vor allem zu Beginn hätte ich mir eine Online-Austauschgruppe gewünscht“, sagt sie. So hätte jede Mama entspannt mit Baby zu Hause bleiben und sich gleichzeitig über eigene Herausforderungen austauschen können. Leider gab es eine solche Gruppe nicht. „Beim nächsten Kind werde ich es selbst in die Hand nehmen und eine Gruppe gründen“, plant Tabea.

Als Lindas erster Sohn geboren wurde, war ihr Mann als Austauschpartner noch oft zu Hause. Das gab ihr zudem die Zeit, Elterngruppen für neue Kontakte zu finden. Einige Mütter kannte sie bereits aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Später kamen Bekanntschaften aus dem Mutter-Kind-Kreis ihrer Gemeinde hinzu. „Ich war also Gott sei Dank von Anfang an recht gut sozial eingebunden“, erinnert sie sich. Deshalb fühlte sie sich nicht einsam, jedoch oft „alleingelassen mit meinen Fragen und Sorgen“. Die vielen unterschiedlichen Ansichten der anderen Mütter verunsicherten sie. Sie wünschte sich ehrlichen Austausch und gegenseitige Unterstützung. „Ich habe lange nach jemandem gesucht, bei dem ich mich mit meinen Unsicherheiten gut aufgehoben fühle und der mir hilfreich zur Seite steht, ohne mich zu belehren und zu sagen, was richtig und was falsch ist“, sagt Linda. Selbst sozial gut eingebundenen Eltern fehlt es also manchmal in der Elternzeit an ehrlichem Austausch auf Augenhöhe.

Wege aus der Einsamkeit

Was hilft nun also, aus der Einsamkeit herauszukommen? Nicht jeder kann auf die Unterstützung von Freunden oder Familie in der Nähe bauen. Wer vor der Geburt des Babys noch kein gutes soziales Netzwerk hatte, kann Krabbelgruppen, Spielplatztreffen und Co dazu nutzen, um neue Bekanntschaften zu finden. Aktivitäten gemeinsam mit dem Kind wirken der Einsamkeit entgegen, weil man vielleicht neue Bekannte mit gleichen Interessen findet. Nebenbei stärken sie die Bindung zum Kind. Das können Sportkurse sein sowie Kreativ- und Musikangebote, bei denen Babys und Kleinkinder willkommen sind. Du hast keine Gruppe, die dir gefällt, in deiner Nähe? Dann gründe wie Tabea selbst eine – vielleicht in deiner Gemeinde – und mach Werbung dafür, um Gleichgesinnte zu finden. Für alle, die sich dazu nicht überwinden können oder sich wie ich in solchen Gruppen nicht wirklich wohl fühlen, sind vielleicht Online-Foren zum Austauschen eine gute Idee.

Falls du neben dem Elternsein noch einen weiteren Lebenssinn suchst: Auch Ehrenämter sind mit Baby und Kleinkind möglich. Zum Beispiel Besuche bei Senioren in der Gemeinde oder einem Altenheim, die etwa der Besuchsdienst des Roten Kreuzes vermittelt. Die meisten Senioren freuen sich über kleine Kinder! An besonders schlechten Tagen habe ich es nicht geschafft, meine Einsamkeit zu überwinden und persönlich nach Kontakten zu suchen. Dann half es mir, meinen Partner einzubinden. Teilweise hat er dann bei befreundeten Familien angefragt und als ersten Schritt ein Treffen zwischen uns Frauen oder Mamas organisiert. Auch der Glaube kann eine große Stütze sein. Sara sagt, Gott habe in dieser schwierigen Zeit mit ihr „das Leben aufgearbeitet, wie es sonst nie möglich gewesen wäre“. Es half ihr zu wissen, „dass da jemand ist, der mich hält und sieht, auch in den dunkelsten Stunden und allein im dunklen Schlafzimmer“.

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Mama-mit-Baby.jpg 1058 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-18 10:28:042025-02-18 10:28:04Einsam im ersten Babyjahr: „Ich habe mich nach Gesellschaft gesehnt“

Sexualisierte Gewalt an Kindern: Expertin gibt Tipps zur Prävention

Wie lernen Kinder, die Grenzen körperlicher Nähe wahrzunehmen und zu benennen? Und wie kann man Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen? Im Interview gibt Präventionsexpertin Agota Lavoyer Tipps, worauf Eltern achten sollten.

Wann würdest du beginnen, mit Kindern über körperliche Nähe und Grenzen zu sprechen?

Agota Lavoyer: Darüber kann man sehr früh mit Kindern sprechen, sobald man ihnen auch andere Dinge erklärt. Als Eltern bekommt man ja mit, wie viel Nähe ein Kind mag. Diese Beobachtungen sollte man unbedingt aufgreifen und dem Kind beibringen, dass sein Körper ihm gehört und es selbst darüber entscheiden darf. Als Erwachsene ist es wichtig, uns bewusst zu machen: Auch Kinder haben Grenzen. Diese Erkenntnis ist relativ neu in unserer Gesellschaft, weil wir von einer Pädagogik kommen, in der körperliche Gewalt ganz normal Teil der Erziehung war. Viele sträuben sich noch dagegen, Grenzen von Kindern genauso zu achten wie von Erwachsenen.

Kein öffentlicher Gegenstand

Ja, da wird schnell mal ungefragt einem Kind über den Kopf gestreichelt, auch von fremden Personen. Was kann ich als Elternteil in so einem Fall tun?

Am wichtigsten finde ich, dem Kind die Rückmeldung zu geben: Das ist nicht okay. Der Kopf eines Kindes ist kein öffentlicher Gegenstand, der einfach berührt werden darf. Diese klare Haltung seiner Eltern gibt dem Kind Sicherheit, selbst zu bestimmen, wie viel Nähe es zulassen möchte. Und wenn man solche Vorfälle im eigenen Umfeld immer wieder thematisiert, sensibilisiert das auch diejenigen, die so etwas vielleicht selbst manchmal tun.

Wie können wir als Eltern unser Kind noch darin stärken, eigene Grenzen zu kommunizieren?

Ich finde es gut, sich bei alltäglichen Dingen wie Umarmungen oder Küssen immer mal rückzuversichern, ob unser Kind das noch mag oder ob es vorher gefragt werden möchte. Wenn wir dem Kind unsere eigenen Grenzen vorleben, lernt es, dass es normal und in Ordnung ist, diese auch zu kommunizieren.

Grenzen einhalten

Ich habe mich mal überwunden, einem Verwandten zu sagen, dass ich das Gefühl habe, mein Vierjähriger möchte nicht jedes Mal gekuschelt werden und dass er ihn vorher fragen soll. Er geht nun sehr achtsam mit dem Kind um. Und mein Sohn fühlt sich ernst genommen und sucht von sich aus viel Nähe zu diesem Verwandten.

Das ist ein schönes Beispiel. Als Eltern müssen wir uns darüber bewusst sein: Wir sind dafür zuständig, dass die Grenzen unserer Kinder gewahrt werden. Ein Kind ist in den meisten Fällen überfordert damit. Ich finde es wichtig, Kindern in diesem Zusammenhang auch beizubringen: „Du musst niemals Nähe oder Zärtlichkeit erdulden, um Liebe, Aufmerksamkeit oder ein Geschenk zu bekommen.“ Es ist in der Gesellschaft noch nicht selbstverständlich, über körperliche Grenzen zu sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass sich das in der Zukunft ändern kann. Unsere Kinder können wir von Anfang an sprachfähig machen.

Jetzt haben wir viel über Grenzen gesprochen. Wieso ist es so wichtig, Kinder auch konkret über die Gefahren sexualisierter Gewalt aufzuklären?

Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern ist enorm – etwa jedes siebte Kind ist betroffen –, doch viele Kinder haben keine Ahnung, was sexualisierte Gewalt ist. Wir klären sie selbstverständlich über die Gefahren im Straßenverkehr oder von Feuer auf. Auch über sexualisierte Gewalt sollten wir unaufgeregt mit ihnen ins Gespräch kommen. Das ist für viele Erwachsene schwierig, weil sie diese Gespräche mit ihren Eltern selbst nicht erlebt haben. Doch um Übergriffe erkennen und mit uns darüber sprechen zu können, müssen Kinder wissen, was okay ist und was nicht.

Klare Sprache

Ich habe von dem Beispiel gehört, dass ein Kind von den sexuellen Übergriffen durch seinen Großvater erzählt hat: „Der Opa fährt immer den Traktor in die Garage.“ Weshalb ist es so wichtig, die Körperteile im Intimbereich korrekt zu benennen?

Einerseits stärkt es die Selbstwirksamkeit und das Körpergefühl, wenn ein Kind weiß, wie Körperteile heißen, und andererseits macht es Kinder sprachfähig. Das gilt für sexualisierte Gewalterlebnisse in der Kindheit und ist genauso wichtig für die schöne Seite von Nähe, um Bedürfnisse äußern und Konsens herstellen zu können. In meinem Umfeld erlebe ich: Wenn Kinder mit den Begriffen Vulva, Vagina und Penis aufwachsen, sind das normale Worte für sie.

Fast alle Täter und Täterinnen stammen aus dem nahen Umfeld. Was können Eltern tun, um Übergriffen vorzubeugen?

Potenzielle Tatpersonen werden abgeschreckt, wenn sie miterleben, dass offen über Grenzen gesprochen wird und die Kinder darüber Bescheid wissen. Ich würde auch in allen Einrichtungen und Vereinen, die mein Kind besucht, nachfragen, ob es ein Schutzkonzept für sexualisierte Gewalt gibt und wie mit Grenzverletzungen umgegangen wird. Oder auch, was dafür getan wird, damit es nicht zu grenzverletzendem Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern kommt und wie mit grenzverletzendem Verhalten unter Kindern umgegangen wird. Wenn man das beim Elternabend fragt, werden auch die anderen Eltern sensibilisiert. Außerdem finde ich es enorm wichtig, dass Lehrpersonen sich mit diesen Themen beschäftigen und mit den Schülerinnen und Schülern darüber sprechen. Niemand kann dafür sorgen, dass alle Eltern mit ihren Kindern über Grenzen und Grenzverletzungen sprechen, doch in die Schule müssen alle Kinder gehen.

Sexualisierte Gewalt: Fragen stellen und zuhören

Und wie können Eltern ihr Kind ermutigen, von grenzverletzendem Verhalten zu erzählen?

Ich habe lange in der Opferberatung gearbeitet und viele Erwachsene gefragt, was sie als Kinder gebraucht hätten, um darüber zu sprechen. Neben der Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, haben nicht wenige gesagt: „Es hat nie jemand gefragt.“

Gerade wenn wir uns um ein Kind Sorgen machen, weil es sich verändert hat, oft traurig ist oder schlecht schläft, stellen wir dem Kind viele Fragen, wie: „Wirst du gemobbt, hast du Probleme in der Schule oder mit den Freunden …?“ Ich finde es wichtig, auch immer mal wieder zu fragen: „Ist dir schon mal jemand zu nahe getreten, hat dich im Intimbereich berührt oder dir eine sexualisierte Nachricht geschickt?“

Je alltäglicher diese Themen in einer Familie sind, desto einfacher ist es, darüber zu sprechen.

So helfen Eltern betroffenen Kindern

Angenommen, mein Kind erzählt mir von einem Vorfall, wie soll ich als Elternteil reagieren?

Unsere Reaktion ist für die Verarbeitung des Kindes sehr ausschlaggebend. Mein wichtigster Rat ist, in dem Moment zu versuchen, ruhig zu bleiben, dem Kind zuzuhören, es ernst zu nehmen und nichts zu überstürzen. Dem Kind immer die Rückmeldung zu geben: „Ich finde es stark, dass du mir das erzählt hast. Vielen, vielen Dank!“

Idealerweise schreibt man wortwörtlich auf, was das Kind erzählt hat. In den meisten Fällen ist man emotional so aufgewühlt, dass man schon am nächsten Tag nicht mehr genau weiß, was das Kind erzählt hat. Priorität Nummer eins ist: das Kind vor Begegnungen mit der mutmaßlichen Tatperson schützen. Es ist okay, wenn das Kind für ein paar Tage mal nicht in die Schule geht. Wir sollten die Tatperson auf keinen Fall direkt mit der Tat konfrontieren. Ich rate immer, sich unbedingt Hilfe von Fachpersonen zu holen. Es gibt keine pauschale Handlungsstrategie für sexualisierte Gewalt, sondern die Fachleute werden jeden Fall genau anschauen und individuell raten, was zu tun ist. Es gibt sehr viele gute Stellen, an die man sich wenden kann, auch telefonisch oder per Chat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Koppri.

Anlaufstellen

Nummer gegen Kummer für Eltern (D):
0800 111 0 550

hilfe-portal-missbrauch.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/Sexualisierte-Gewalt_BN_GettyImagesTassii-989858883.jpg 1414 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-07 14:49:172025-02-07 14:49:17Sexualisierte Gewalt an Kindern: Expertin gibt Tipps zur Prävention

Zur Hoffnung erziehen: Diese Botschaft müssen Kinder hören

Was hilft uns, wenn alles scheinbar den Bach runtergeht? Wie können wir unsere Kinder zur Hoffnung erziehen? Erziehungsexpertin Daniela Albert rät: Wir können den Herausforderungen nur gemeinsam begegnen.

Beim Konsumieren meiner Eltern-Bubble in Social Media bin ich in den letzten Jahren immer wieder an meine Grenzen gekommen. Ich folge vielen Müttern und Vätern, die sich für die Belange dieser Welt engagieren – in der Klima­bewegung, in politischen Parteien, NGOs oder in christlichen Werken und Organisationen. Alle haben sie gemeinsam, dass sie für ihre Themen brennen, sie immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und für Entwicklungen sensibilisieren, die ich sonst sicher nicht mitbekommen oder nicht in diesem Maße durchdringen würde. Mir gefällt das. Ich mag Menschen, die meinen Horizont erweitern und sich sinnvoll einbringen. Das macht Hoffnung.

Auf Halt angewiesen

Doch in vielen Bereichen, in denen man sich für Gottes Welt einsetzen kann, herrscht gerade eine eher schwierige Stimmung, weil unser Planet durch eine krisenhafte Zeit geht. Und so finde ich in besagten Profilen leider auch eine zunehmende Lust am Untergang. Wenn Menschen ihre Themen platzieren, dann gern aus Sicht des schlimmstmöglichen Ausgangs. Wir sehen das bei der Klimakrise, wir konnten es in teilweise verstörendem Maß seit Beginn des Kriegs in der Ukraine wahrnehmen, und während ich das schreibe, sind nicht wenige davon überzeugt, dass in den USA das Ende der Demokratie bevorsteht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir offenbar alle Teil eines riesigen Sozialexperiments namens „Smartphone“ sind, das unsere Kinder und Jugendlichen in bisher ungeahntem Maß dauerhaft schädigen wird.

Wow! Geht es auch eine Nummer kleiner? Besonders wenn diejenigen, die den Weltuntergang beschwören, nebenbei auch Kinder betreuen. Denn gerade sie sind doch darauf angewiesen, dass sie von Erwachsenen begleitet werden, die ihnen Halt und Hoffnung geben. Und die nicht mit der Einstellung umherlaufen, dass wir unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern. Schließlich wollen wir, dass die kommenden Generationen den multiplen Krisen, in die sie hereinwachsen, etwas entgegensetzen können. Doch wie geht das eigentlich? Wie werden Kinder stark und resilient? Wie können sie sich zu Menschen entwickeln, die sich mutig den Herausforderungen stellen, statt sich ängstlich zurückzuziehen? Ich bin der festen Überzeugung: Dafür brauchen sie Eltern, die ihnen Hoffnung vermitteln.

Ein erster Schritt zur Hoffnung

Wenn Krisen – globale oder persönliche – in unser Leben treten, fühlen wir uns oft erst mal machtlos. Wichtig ist es, nicht in diesem Zustand zu verweilen, sondern zu schauen, was wir selbst tun können, um die Situation zu verändern. Dabei kann es oft nicht darum gehen, ein Problem umfassend zu lösen. Gerade die globalen Themen sind dazu viel zu komplex. Selbst private Krisen lassen sich meist nicht mit einem Fingerschnipp beseitigen. Aber irgendwas geht immer: ein erster Schritt, eine kleine Erleichterung, ein schöner Moment inmitten von Schmerz, Wildblumensamen, die neben sterilen Gärten ausgestreut werden. Und all solche Schritte mögen klein – vielleicht sogar sinnlos – erscheinen. Sie sind es aber nicht. In der Rückschau auf persönliche Krisen, die ich erlebt habe, ist mir das bewusst geworden. Den Unterschied hat am Ende die Ansammlung von vielen kleinen, für sich genommen scheinbar unwichtigen Dingen gemacht. Wie eine Patchworkdecke fügen sie sich zusammen zu etwas, das die Macht hat, Geborgenheit zu geben und Kälte draußen zu halten.

Wenn Kinder einen kleinen Anteil zur Bewältigung einer Krise leisten dürfen, erleben sie Selbstwirksamkeit. Und das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, wenn es um die Bewältigung von Herausforderungen geht. Unsere Aufgabe ist es, die Stellen, an denen sie etwas bewirkt haben, für sie auch sichtbar zu machen. Denn oft fühlen sie sich weiterhin klein. So haben die ausgestreuten Blumensamen vielleicht nicht die Macht, den schlechten Nachrichten über Klimakatastrophen etwas entgegenzusetzen. Doch wenn wir den Kindern an einem Frühsommermorgen zeigen, wie viel Leben sich zwischen diesen Blüten tummelt, ist das doch ziemlich beeindruckend. Der schwerkranke Opa wird vielleicht nicht wieder gesund, wenn man ihn besucht. Doch wir können das Augenmerk der Kinder darauf richten, dass wir ihm inmitten von all der Schwere eine Freude machen konnten.

Wir sind nicht allein

Neben der Erfahrung, selbst etwas an der Situation verändern zu können, brauchen Kinder eine zweite wichtige Sicherheit: Dass es Menschen gibt, auf die sie sich verlassen können. Oft fühlen wir uns in Krisen alleingelassen, haben das Gefühl, dass das Anliegen, für das wir uns engagieren, von anderen kaum beachtet wird. Und überhaupt denken die meisten doch vor allem an sich, oder? Nein – das ist nicht wahr! Bei all dem Schlechten, das wir in den Nachrichten sehen oder uns von anderen berichtet wird, geht oft eines unter: Die meisten Menschen sind bereit, sich um andere zu kümmern und tun das auch, wenn es hart auf hart kommt.

Wir lesen immer wieder Geschichten von Notfällen, bei denen keiner zu Hilfe gekommen ist. Doch das liegt nicht etwa daran, dass alle immer ignoranter werden, sondern daran, dass so etwas selten vorkommt. Deshalb berichten Medien darüber. All die anderen 1.000 Notfälle, bei denen sofort helfende Hände da waren, schaffen es seltener in die Nachrichten, weil sie selbstverständlich sind – und keine Schnappatmung und somit weniger Klicks im Internet auslösen. Wenn wir unsere Kinder also zu hoffnungsvollen und mutigen Menschen erziehen wollen, können wir darauf achten, dass wir ihnen die guten Geschichten erzählen – die, in denen Menschen einander etwas Gutes tun, sich helfen. Und nicht zuletzt finde ich es, neben dem Vertrauen in sich und in andere, unfassbar hilfreich, dass unsere Kinder mit dem Glauben an einen Gott heranwachsen, der uns sogar Hoffnung über dieses Leben hinaus schenkt.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Kaufungen und bloggt: eltern-familie.de. In ihrem Buch „Was trägt? Was zählt? Was bleibt?“ (Neukirchener) gibt sie weitere Anregungen zum Thema.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/02/F-und-FN_Albert_Hoffnung-in-Familie_BN_Getty-Images_Imgorthand-905836626-scaled.jpg 1931 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-02-04 16:44:062025-02-04 16:44:06Zur Hoffnung erziehen: Diese Botschaft müssen Kinder hören

Liebesbeweis: So signalisieren Sie echtes Interesse

Wenn wir einen Gesprächsfaden wieder aufnehmen, zeigen wir unserem Gegenüber echte Wertschätzung. Beziehungsexperte Marc Bareth verrät, wie dieser Liebesbeweis gelingt.

„Ich habe mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, was dich an meiner Unordnung stört.“ Dieser Satz ist ein Liebesbeweis. Er ist wertvoller als die teure Halskette zum letzten Valentinstag. Mit diesem Satz nimmt jemand den Faden wieder auf, der liegen geblieben ist.

Interesse oder Vermeidung

Wer den Faden wieder aufnimmt, zeigt damit, dass ihm das Anliegen seiner Partnerin wichtig ist. Und damit immer auch, dass sie ihm wichtig ist.Wenn ich also frage, wie denn heute das klärende Gespräch mit dem Arbeitskollegen gelaufen ist, das dir gestern Abend noch Kopfzerbrechen bereitet hat, dann ist das mehr als nur eine Frage. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass ich mich für dich und deine Welt interessiere. Das ist ein starker Liebesbeweis. Leider gilt auch das Umgekehrte. Wenn du die Bedenken nicht nochmals aufnimmst, die deine Partnerin zum Beispiel bezüglich eures Sexlebens geäußert hat, wird sie dir das vielleicht noch als Vergesslichkeit auslegen. Oder als Vermeidung unangenehmer Themen. Aber wenn wir den Faden Mal für Mal nicht wieder aufnehmen, ändert sich die Interpretation des Gegenübers ziemlich schnell. Es wird uns dann als Desinteresse nicht nur an der Sache, sondern auch an der Person selbst ausgelegt.

Erinnerungshilfen schaffen

Ohne es zu wollen, senden wir damit die Botschaft, dass uns der andere nicht wichtig ist. Und weil diese Botschaft elementar bedrohlich ist, aktiviert sie bei unserem Gegenüber einen Teil des Gehirns, der für den Umgang mit massiven Bedrohungen zuständig ist. Dieses Hirnareal ist zu keiner differenzierten Reaktion fähig, es kennt nur Kampf, Flucht und Erstarrung. Das mag hilfreich sein, wenn die Bedrohung ein wilder Säbelzahntiger ist, aber nicht, wenn der Partner den Faden schon wieder nicht aufgenommen hat. Deshalb ist es so wichtig, den Faden immer wieder aufzunehmen und Themen, die noch nicht zu Ende besprochen wurden oder sich weiterentwickelt haben, proaktiv wieder aufzugreifen. Zum Beispiel so: „Vor ein paar Wochen hast du gesagt, dass du dich von mir oft kritisiert fühlst und dir mehr Wertschätzung wünschst. Hat sich das in der Zwischenzeit verbessert oder fühlt es sich für dich immer noch so an?“

Wer sich damit schwertut, sollte sich nicht scheuen, Erinnerungshilfen einzusetzen. Wenn ich einen Arzttermin habe oder bei einem Mitarbeiter nachfragen möchte, wie ein für das Projekt wichtiges Meeting gelaufen ist, trage ich das auch in meinen Kalender ein und setze mir eine Erinnerung. Gerade weil es mir wichtig ist, benutze ich Tools, damit es nicht untergeht. Warum also nicht auch, um den Faden in meiner Partnerschaft wieder aufzunehmen?

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Vertrautes-Gespraech_GettyImages_littlehenrabi.jpg 1299 2309 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-01-24 16:21:302025-01-24 16:25:05Liebesbeweis: So signalisieren Sie echtes Interesse

Einzelfallhilfe für ein autistisches Kind: Eine Mutter nimmt es selbst in die Hand

Um einen Kitaplatz für ihre autistische Tochter zu bekommen, braucht Anja eine Einzelfallhilfe. Als die Suche scheitert, hängt Anja ihren Job an den Nagel und begleitet ihr Kind selbst. Und sie stellt fest: Das ist eine wirklich erfüllende Aufgabe.

Es ist Sommer. Der Wasserspielplatz ist voll mit planschenden Kindern. Ruby liebt Wasser. Immer wieder geht sie zu ihrer Mutter Anja (Namen geändert). Sie soll ihre Hände zu einer Schale formen. In diese gießt Ruby dann Wasser und juchzt vor Freude. Stundenlang könnte sie das so machen. Ruby ist sechs Jahre alt. Mit vier Jahren wurde bei ihr frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Das ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die bei Ruby dafür sorgt, dass sie bisher nicht spricht und im Alltag viel Unterstützung und eine Einzelfallhilfe braucht.

„Ruby braucht Hilfe beim An- und Ausziehen oder wenn sie zur Toilette geht“, sagt ihre Mutter. Der soziale Kontakt mit anderen fällt ihr schwer, sie kann ihre Grenzen nicht einschätzen. Zum Beispiel zieht sie fremden Menschen an ihrer Kleidung oder fasst sie an. Besonders schwer fällt es ihr, Sinneseindrücke zu verarbeiten. Ist es ihr zum Beispiel zu laut oder zu turbulent, zieht sie sich vollständig in sich zurück oder schreit laut. Sie braucht deshalb eine überschaubare Anzahl fester Bezugspersonen und tägliche Routinen, um sich im Alltag zu orientieren.

Nicht erwünscht in der Regel-Kita

Anja ist freie Journalistin, nach der Geburt wollte sie bald wieder arbeiten. Mit neun Monaten kam Ruby zu einer Tagesmutter. Je älter und agiler sie wurde, desto schwieriger wurde es für die Tagesmutter, sie zu betreuen. Wollte sie mit den Kindern beispielsweise malen oder basteln, landeten die Bastelmaterialien regelmäßig auf dem Boden, wurden zerrissen oder in den Mund gesteckt. Es stellte sich heraus: Ruby war entwicklungsverzögert.

Mit vier Jahren sollte Ruby in eine Regel-Kita wechseln. Als die Kita aber von ihrer Diagnose erfuhr, war sie nicht mehr willkommen. „Sie sagten nicht direkt, dass Ruby nicht kommen darf“, berichtet Anja. „Aber sie rieten dringend davon ab. Bei ihnen wäre Ruby nicht gut aufgehoben.“ So erging es Anja und ihrem Mann auch bei der weiteren Suche nach einer Kita für Ruby – überall bekamen sie Absagen. Oft wurden sie auf die örtliche Inklusions-Kita verwiesen. Doch die war keine Option: Mit 34 Kindern waren die Gruppen für Ruby viel zu groß, dort würde sie untergehen. Außerdem stimmte der Gesamteindruck für Anja nicht: „Es wurde hier mehr beaufsichtigt als gefördert. Die Kita wirkte für mich wie ein Auffangbecken für alle Kinder, die aus irgendwelchen Gründen durch das Raster fallen.“

Suche nach einer Einzelfallhilfe

Nach langem Suchen fanden sie endlich eine Kita mit kleinen Gruppen, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Die Erzieherinnen hatten zwar kaum Erfahrungen mit Kindern mit Behinderung, die Leiterin wollte es aber gerne probieren. Anja und ihr Mann waren über diese guten Nachrichten erleichtert. Jetzt brauchten sie nur noch eine Einzelfallhilfe, da Ruby mittlerweile Pflegegrad 4 hatte und ohne Unterstützung nicht in die Kita gehen durfte. Sie suchten also nach einer Person, die Ruby mit dem Auto in die Kita fährt, wieder nach Hause bringt und vor allem in der Kita begleitet. Um zum Beispiel aus der Gruppe mit ihr zu gehen, wenn es ihr zu trubelig wird. Oder um sie auf die Toilette zu begleiten und aufpassen, dass sie nichts durcheinanderbringt.

Gleichzeitig sollte Ruby aber auch bewusst mit anderen Kindern in Kontakt gebracht und individuell gefördert werden. Zum Beispiel sollte sie üben, sich selbstständiger an- und auszuziehen. „Wir waren damals noch sehr naiv“, erzählt Anja, „Wir dachten: Wenn wir eine Einzelfallhilfe haben, dann ist das Problem gelöst. Dann haben wir diese eine Person, die Ruby bei allem unterstützt, das sie braucht.“

Nur noch Stress

Doch so einfach war es nicht: Nach neun Monaten mussten sie die Zusammenarbeit mit der ersten Einzelfallhilfe beenden. Sie weigerte sich zum Beispiel plötzlich, die Fahrten zur Kita und nach Hause zu übernehmen – obwohl das genauso abgesprochen war. Danach blieb Ruby drei Monate zu Hause. Die zweite Einzelfallhilfe bekam nach ein paar Wochen völlig überraschend von der Kita Hausverbot, weil sie nicht ins Team passe. Wieder musste Ruby zu Hause bleiben. Einige Wochen später fanden sie eine Tagesmutter mit älteren Kindern, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Sie war sogar Autismus-Expertin. „Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Anja. Ruby wechselte mit der alten Einzelfallhelferin zur Tagesmutter und gewöhnte sich dort ein. Die Gruppe verbrachte viel Zeit im Wald, die Ruhe und die Reizarmut dort taten Ruby sehr gut.

Bald kam die nächste Enttäuschung: Die zweite Einzelfallhelferin ließ sich wochenlang krankschreiben, auch mit ihr mussten sie die Zusammenarbeit beenden. Eine weitere Einzelfallhelferin wollte an ihrem Probetag Ruby nicht auf die Toilette begleiten, weil ihr das zu unangenehm war. „Die meisten Einzelfallhelferinnen, mit denen wir im Vorfeld gesprochen haben, hatten keine Ausbildung und waren vorher lange arbeitslos gewesen“, erzählt Anja. Es gäbe in diesem Job viele unqualifizierte Quereinsteiger und vielleicht wären ihre Erwartungen an sie auch zu hoch gewesen.

„Die vielen Zeiten, in denen Ruby zu Hause war, haben uns emotional total fertig gemacht“, erzählt Anja. Immer wenn es mit einer Einzelfallhelferin schwierig wurde, konnte sie Nächte lang nicht richtig schlafen und machte sich viele Gedanken. Beide ihre Jobs waren davon abhängig, dass die Betreuung von Ruby funktioniert. Mal blieb ihr Mann zu Hause und ließ sich krankschreiben, damit Anja arbeiten konnte. Doch oft blieb auch Anja zu Hause und versuchte ihre Aufträge nach hinten zu schieben oder am Abend abzuarbeiten. Denn Ruby musste rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Außerdem ist sie kein Einzelkind: Im Haushalt leben noch ihre drei Jahre jüngere Schwester und ihr älterer Bruder, mittlerweile ein Teenager. Dass diese angespannte Situation nicht lange gut gehen konnte, war allen klar. „Irgendwann waren wir so erschöpft und haben gemerkt: Alles leidet darunter. Wir haben nur noch Stress.“

Entspannteste Zeit seit langem

War es denn wirklich ein so schwieriger und undankbarer Job, ihre Tochter in die Kita zu begleiten? Das hatte sich Anja in den letzten Monaten oft gefragt. Eigentlich musste es doch Spaß machen, gemeinsam mit den anderen Kindern in den Wald zu gehen. Immer wenn sie Ruby brachte, fühlte sie sich bei der Tagesmutter und den Kindern sehr wohl. „Irgendwann hat es dann bei mir Klick gemacht“, erzählt Anja. „Mir kam der Gedanke: Warum werde ich nicht einfach selbst Einzelfallhelferin?“ Sie schlug diese Idee der Tagesmutter, dem Sozialamt und dem Träger für Einzelfallhilfe vor – rechnete aber fest mit einer Absage. Denn all ihre bisherigen Lösungsvorschläge wurden immer abgelehnt. Doch zu ihrer Überraschung stimmten alle Beteiligten zu. So wurde Anja im März 2024 die Einzelfallhelferin ihrer Tochter. Leicht fiel ihr es nicht, ihren Job vorübergehend aufzugeben: „Meine Arbeit war mir immer sehr wichtig. Das war ein Riesenschritt für mich.“

Doch schon die ersten Tage genoss sie, es war richtig entschleunigend, berichtet Anja. Sonst saß sie tagsüber am Schreibtisch, schrieb Texte und produzierte Ergebnisse. Jetzt saß sie die meiste Zeit im Wald und war einfach nur da. Ohne dass sie etwas auf einer To-Do-Liste abhaken musste. Im Vergleich zu ihrem sonstigen Familienalltag mit Ruby war der Tagesablauf sehr entspannt. Die Tagesmutter kümmerte sich um Tagesprogramm und -struktur, Anja konnte sich auf Ruby konzentrieren. So wurde auch ihre Beziehung zu Ruby gestärkt: Zeit mit Ruby allein kam im Familien-Alltag mit den anderen Kindern sonst oft zu kurz. Es berührte Anja, wenn sie sah, wie Ruby in die Gruppe integriert wurde. Da Ruby nicht spricht, sollte sie lernen, über Bildkärtchen zu kommunizieren. Beim gemeinsamen Liedersingen suchte sie sich zum Beispiel eine Liederkarte aus, die Kinder sangen dann das Lied für sie.

Ihre Zeit als Einzelfallhelferin brachte Anja eine wichtige Erkenntnis: „Ich konnte nicht verstehen, warum es so schwierig sein soll, mit Ruby regelmäßig zur Tagesmutter zur gehen. Jetzt weiß ich: Es ist ein wirklich schöner Job.“ Ihr sei schon klar, dass sie als Mutter eine spezielle Perspektive hätte, weil sie mit Ruby sehr vertraut sei. Aber trotzdem seien die Rahmenbedingungen nicht schlecht, auch im Vergleich zu ihrer sonstigen Arbeit: „Aufgrund meines Hochschulabschlusses bekam ich 21 € pro Stunde. Vorbereitungsstunden, die ich zu Hause machte, konnte ich mir aufschreiben.“ Zudem sei es ein sehr sinnstiftender Job: Als Einzelfallhilfe könne man einen einzelnen Menschen unterstützen und intensiv kennen lernen.

Endlich willkommen

Seit September 2024 ist Anja wieder in ihren alten Job zurückgekehrt. Ruby besucht nun eine Förderschule, an der Kinder mit Behinderung willkommen geheißen und gezielt gefördert werden. Drei ausgebildete Fachkräfte betreuen sie hier in einer Gruppe mit sechs weiteren Kindern. Zusätzlich hat sie noch eine Einzelfallhelferin, die sie sich mit einem anderen Kind teilt. Ruby fühlt sich hier sehr wohl. Jeden Morgen freut sie sich auf die Schule, erzählt Anja. „Als ich sie morgens hingebracht habe, ist sie jauchzend ins Klassenzimmer gelaufen.“ Und auch wenn Ruby nachmittags gegen vier Uhr wieder zurückkommt, sei sie nach dem langen Schultag erstaunlich ausgeglichen.

Die Förderschule ist eine christliche Schule. Sie selbst sei keine Christin, sagt Anja. Doch schon oft habe sie positive Erfahrungen mit christlichen Einrichtungen gemacht, wenn es um ihre Tochter ginge. Auch die engagierte Tagesmutter, bei der Ruby zuletzt war, ist Christin. „Oft sind das Personen, die jeden Menschen einfach so nehmen wie er ist und ihn willkommen heißen“, stellt Anja fest. Das gehe ihr mit Ruby nicht immer so.

Für die nächste Zeit wünscht Anja sich, dass Ruby weiterhin gerne in die Schule geht und die Einzelfallhilfe bleibt. Denn wenn sie irgendwann mal länger ausfallen sollte, sagt die Lehrerin, müsse Ruby zuhause bleiben. Doch sie versucht gelassen zu bleiben, meint Anja: „Wir haben sehr engagierte Lehrerinnen, die sich für Ruby verantwortlich fühlen und gut mit uns kommunizieren.“ Ruby sei gerade gut versorgt.

Sarah Kröger ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/Einzelfallhilfe_GettyImages_Vladimir-Vladimirov-e1737455823284.jpg 1283 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-01-21 12:12:422025-01-21 12:23:11Einzelfallhilfe für ein autistisches Kind: Eine Mutter nimmt es selbst in die Hand

Leben ist Jetzt – Die bewegende Reise der Real Life Guys

Ein YouTube-Kanal, der seine Follower auffordert, ihr Handy wegzulegen und stattdessen das “Real Life” zu entdecken? Philipp, Johannes und Elli sitzen an einem heißen Sommertag auf einem selbstgebauten Floß und treffen eine lebensverändernde Entscheidung: Sie gründen die “Real Life Guys”.

Seitdem begeistert eine dynamische Gruppe junger Menschen ein breites Publikum mit fliegenden Badewannen, selbstgebauten U-Booten und einer Achterbahn im Baumarkt. Ihre Videos gehen viral, und sogar Snoop Dogg teilt ihre Stories. Genau davon erzählt der neue Paramount-Film “Leben ist jetzt – die Real Life Guys” (Kinostart: 16. Januar 2025, im Vertrieb von Leonine). Es geht um Familie, Freundschaft und die Frage, wie man angesichts der schwersten Schicksalsschläge weitermacht. Was tust du, wenn deine Schwester bei einem Flugzeugabsturz stirbt und dein Bruder unheilbar erkrankt?

Die unglaubliche, aber wahre Geschichte der Real Life Guys

Die Geschichte der Real Life Guys beginnt im kleinen Bickenbach. Die Zwillinge Johannes und Philipp Mickenbecker wachsen mit ihrer Schwester Elli auf dem Hof ihrer Eltern auf. Trotz herausragender Noten zeigen die Brüder wenig Interesse am Schulunterricht. Stattdessen basteln sie seit Kindheitstagen an verrückten Projekten. Sie träumen davon, mit ihrem selbstgebauten Flugzeug zur Schule zu fliegen. Ein einschneidendes Erlebnis ist die 120 Meter lange Seilbahn, die sie über einen Steinbruchsee bauen – ein Abenteuer, das sie mitreißt und ihre Leidenschaft entfacht. Ihre Community wächst, und aus drei Real Life Guys werden plötzlich ganz viele.

Eine verrückte Idee jagt die nächste, und ihr YouTube-Kanal explodiert. Philipp fliegt mit einer Badewanne zum Bäcker, die Jungs tauchen in einem selbstgebauten U-Boot tief in einen See und schließen sich im Baumarkt ein, um eine Achterbahn mit Looping zu bauen. Ihre Projekte werden immer kreativer – und ihr Einfluss immer größer.

Schicksalsschläge überwinden

Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs wird bei Philipp Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Die Familie und der Freundeskreis stehen vor einer schweren Probe. Doch es schweißt sie noch mehr zusammen. Nach einer erfolgreichen Operation widmen sich die Brüder neuen Projekten, und die Gruppe wächst weiter. Die Real Life Guys erobern das Internet. Doch ein grauenvoller Vorfall erschüttert sie zutiefst: Elli kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und kurz darauf erhält Philipp die nächste, diesmal tödliche Diagnose – der Krebs ist zurück.

Im Angesicht des Todes: Hoffnung, Glaube und Zuversicht

Die Ärzte geben Philipp höchstens drei Monate. Doch Philipp gibt nicht auf. Gestärkt durch seinen tiefen Glauben an Gott, strahlt er eine ansteckende Zuversicht aus, die Millionen Menschen Hoffnung gibt. Für viele wird er zum Symbol der Resilienz. Philipp tritt in TV-Shows auf und zeigt, dass auch schwere Diagnosen das Leben nicht stoppen müssen. Weil er keine Lust auf „weiße Wände“ im Krankenhaus hat, reist er mit seinen Freunden nach Island und in die Karibik. Er übertrifft die düsteren Prognosen der Ärzte bei Weitem und schließt Frieden mit seinem Zustand. Statt Gott Vorwürfe zu machen oder seinen Glauben zu verlieren, vertraut er darauf, dass alles einen Sinn hat – auch seine Krankheit.

Der Tod und Philipps unwiderrufliches Erbe

Philipp stirbt am 9. Juni 2021 im Kreise seiner Familie und besten Freunde. Doch sein Tod war nicht umsonst. Tief in seinem christlichen Glauben verwurzelt, erinnert seine Geschichte an den Vers aus der Bibel: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh. 12,24).

Was Philipp und Johannes aufgebaut haben, geht weit über das hinaus, was man ein Erbe nennen könnte. Unzählige junge Menschen bauen die Projekte der Real Life Guys nach und legen ihr Handy zur Seite, um das „echte Leben“ zu erleben. Doch das vielleicht größte Erbe ist das, was Philipp in seiner schwersten Zeit hinterlassen hat: Hoffnung. Hoffnung angesichts des Todes. Der unerschütterliche Wille, sich auch in den dunkelsten Momenten keine einzige Sekunde des Lebens stehlen zu lassen.

Neben Tausenden Kommentaren im Internet von Menschen, die selbst in schwierigen Situationen Hoffnung aus Philipp ziehen, stellt das Wirken der Real Life Guys vor allem eine große Frage an uns alle: Was hast du mit der Zeit vor, die dir gegeben wurde – und wann beginnst du damit?

Im Spielfilm “Leben ist jetzt – Die Real Life Guys” stehen Werte wie Familie, Freundschaft und Freiheit im Mittelpunkt. Der Film beginnt mit einer Aufnahme von zwei Zwillingen im Bauch ihrer Mutter – ein starkes Bild für das enge Band, das die Handlung des Films prägt. Ganz im Stil eines „Coming-of-Age“-Films beleuchtet er nicht nur das Erwachsenwerden, sondern auch den Umgang mit Rückschlägen und Niederlagen.

Jeder Moment zählt

„Ich frage mich immer, warum es Philipp erwischt hat und nicht mich“, sagt Johannes in einer bewegenden Szene, die seinen Konflikt mit der Krankheit von Philipp eindrucksvoll verdeutlicht. Die Regisseure Stefan Westerwelle und Maria-Anna Westholzer bringen dabei einen zentralen Aspekt zum Strahlen: den unzerbrechlichen Zusammenhalt von Familie und Freundschaft.

Allen Widerständen zum Trotz lassen sich die Real Life Guys von nichts und niemandem kleinkriegen – ein Mut machendes Zeugnis ihrer Lebensphilosophie und ihres unerschütterlichen Spirits.

“Leben ist jetzt – Die Real Life Guys” ist mehr als ein Film – es ist eine Botschaft. Die Zuschauer werden Zeugen einer Reise, die von unbändiger Lebensfreude, aber auch von unermesslichem Schmerz geprägt ist. Doch am Ende steht nicht die Trauer im Vordergrund, sondern die Hoffnung. Jeder Moment zählt, und das Leben ist ein Geschenk, das aktiv gestaltet werden will. Diese Botschaft tragen Johannes und die Real Life Guys bis heute weiter – in den Videos, die sie produzieren, und in den Herzen der Menschen, die die Geschichte der Real Life Guys kennen.

Sem Gray ist Autor, Produzent & Verleiher. Er hat persönliche Verbindungen zu den Real Life Guys und hat die Dokumentation “Philipp Mickenbecker – Real Life” produziert und verliehen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/01/TT_RLG_DT08_041986A-scaled.jpg 1392 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-01-14 12:04:292025-01-14 12:04:29Leben ist Jetzt – Die bewegende Reise der Real Life Guys
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