Lange fiebern Jugendliche auf diesen Tag hin: endlich erwachsen, endlich volljährig! Juliane Just gibt Anregungen, wie man diesen besonderen Tag angemessen würdigen kann – auch in Zeiten von Corona.
Nicht nur das Geburtstagskind selbst – auch Eltern, Freunde und Verwandte planen oft lange im Vo-raus, wie der 18. Geburtstag gefeiert werden kann. In der Regel gibt es eine Party, Familie und Freunde kommen. Vielleicht trinkt man endlich den Wein, den der Vater vor 18 Jahren zur Geburt des Kindes gekauft hat. Oder besucht den damals gepflanzten Baum. Aber auch wer nicht so vorausschauend war und bereits bei der Geburt für das Erreichen der Volljährigkeit vorgesorgt hat, kann diesen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem machen. Und trotz Corona-Einschränkungen ist es möglich, einen 18. Geburtstag zu feiern, der für bleibende Erinnerungen sorgt.
Vorab zwei Denkanstöße: Ein 18. Geburtstag kann eine ganze Menge Druck erzeugen, sowohl beim Geburtstagskind als auch bei den Menschen, die die Feier ausrichten. Erwartungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen – all das kann den Tag überfrachten und verderben. Ich finde es wichtig, die Wünsche und Vorstellungen des Geburtstagskindes in Erfahrung zu bringen und zu respektieren. Welchen Schwerpunkt die Geburtstagsfeier haben soll, ist recht individuell, und es ist wichtig, die Grundrichtung gemeinsam festzulegen.
Als zweites möchte ich dafür plädieren, die Feier nicht einfach sang- und klanglos auf die Zeit „nach Corona“ zu verschieben. Natürlich darf und soll die große Party nachgeholt werden, sobald es möglich ist. Trotzdem ist es wichtig, den eigentlichen Tag angemessen zu begehen.
Kreative Geschenke
Rituale nachholen
Wein gekauft, Baum gepflanzt – alles, was man vor 18 Jahren nicht getan hat, kann man nachholen. Natürlich wäre der Zeitpunkt vor 18 Jahren cool gewesen, aber der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. Also nicht das „Versäumnis“ bedauern, sondern jetzt die Gelegenheit ergreifen: Pflanzt den Baum, kauft den Wein oder was es sonst für Rituale und Ideen gibt.
Eine Lebenserinnerung zusammenstellen
Das geht auf verschiedene Weisen:
Vor 18 Jahren wurde schon gefilmt, zunehmend auch digital. Neben den stolzen Eltern sind es oft Oma und Opa, die Filmmaterial über ihr Enkelchen zusammengetragen und aufbewahrt haben – zu feierlichen Meilensteinen, Schulaufführungen oder im Alltag. Daraus kann ein Film werden, der das Leben des Geburtstagskindes liebevoll begleitet. Das hat natürlich eine Menge Peinlichkeitspotenzial, da ist Feingefühl gefragt.
Fotos lassen sich ähnlich verarbeiten. Ein Rundruf in der Verwandtschaft, bei Paten und Freunden sorgt für Material über die familieninternen Bilder hinaus. Die Fotos kann man auf eine Leinwand als Diashow projizieren oder ein Fotobuch oder -album erstellen. Ein analoges Album hat den Vorteil, dass man es immer noch mal zur Hand nehmen und durchblättern kann.
Denkbar ist auch eine Foto-Collage mit einem Foto aus jedem Lebensjahr. Hier wird auf einen Blick die Entwicklung des Kindes sichtbar.
Album der Wertschätzung
Bekannte baten für den 18. Geburtstag ihrer Tochter da-rum, dass alle ein persönliches Blatt gestalten mit Gedanken oder Erlebnissen und dem, was sie am Geburtstagskind lieben. Aus diesen einzelnen Blättern haben die Eltern ein Buch zusammengestellt und es ihrer Tochter am Geburtstag überreicht.
Video der Begegnungen
Andere Eltern haben zusammen mit Freunden des Kindes ein Video aus eher aktuellen Filmschnipseln zusammengestellt. Das spiegelt zwar keinen Entwicklungsverlauf wider, zeigt aber sehr schön ein Blitzlicht des 18-jährigen Ist-Zustands.
Mit Einschränkungen feiern
Viele Jugendliche entscheiden sich dafür, die große Party zu verschieben auf eine Zeit ohne Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln. Das ist okay, solange es für das Geburtstagskind okay ist. Aber es gibt Alternativen:
Virtuelles Essen
Alle Partyteilnehmer kochen jeweils zu Hause und essen auch dort – verbunden per Videokonferenz. Jeder bereitet das gleiche Essen vor, man erzählt und lacht miteinander und verspeist seine Eigenkreation vor dem Bildschirm. Eine charmante Alternative, bei der erfreulich viel Stimmung aufkommt. Rechtzeitig vorher können Rezepte oder gleich ganze Zutatenpakete verschickt werden.
Filmabend
Einige Anbieter haben es mittlerweile standardmäßig im Programm, dass man sich mit anderen zusammenschaltet und einen gemeinsamen Chat hat, während man einen Film schaut. Alternativ kann man eine Telefonkonferenz schalten und so gemeinsam den Film schauen und quatschen. Auch hier ist es nett, wenn zum Beispiel Snacks vorher rumgeschickt werden.
Spieleabend
Ob Online Escape Rooms, Among Us oder klassische Spiele – ein digitaler Spieleabend ist witzig! Bei meinen Kindern der entsprechenden Altersgruppe ist Among Us das angesagteste Spiel – sie verabreden sich zum Spielen und schalten eine Telefonkonferenz, um dabei miteinander quatschen zu können. Es gibt aber auch kostenlose Spiele-Apps wie „Houseparty“, bei denen man sich per Video-Chat verbinden kann.
Das besondere Outfit
Nur weil die Party digital und zu Hause stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass man in Jogginghose teilnehmen sollte. Alle stylen sich wie für einen „echten“ Partyabend und erscheinen so im Video-Chat. Screenshots und virtuelle Modenschau (wenn gewünscht) nicht vergessen!
Juliane Just lebt mit ihrer großen Patchworkfamilie in der Nähe von Berlin. Sie ist Kreisbeauftragte für die Arbeit mit Kindern im Kirchenkreis Neukölln, unterrichtet Religion und macht musikalische Früh-erziehung. Als Juliane Jacobsen schreibt sie Kinderbücher.
Studie zeigt: Jungs fällt es schwerer, Mitgefühl zu zeigen
Laut einer Studie zeigen Jungs weniger Solidarität und Mitgefühl als Mädchen. Psychologin Elisabeth Raffauf erklärt im Interview, was es damit auf sich hat.
Die Bepanthen-Stiftung hat eine Studie zum Gemeinschaftssinn bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Dabei kam heraus, dass die meisten von ihnen durchaus Solidarität und Mitgefühl zeigen. Ein zentrales Ergebnis der Studie: Der Einfluss der Eltern ist entscheidend. Fragen dazu an die Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf.
Ein Ergebnis der Studie war, dass 22 Prozent der Kinder und 33 Prozent der Jugendlichen einen schwachen Gemeinschaftssinn haben. Wie kommt es zu dieser Entwicklung bei den Jugendlichen?
Raffauf: In der Jugend ist es ja erst mal dran, zu fragen: Wie finde ich meinen Weg? Es ist erst mal dran, das Eigene zu finden. Diese Phase ist notwendig, um seinen Weg zu machen. Viele Eltern sagen so etwas wie: „Meine Tochter ist wieder auf ihrem Planeten Ich.“ Das ist bei vielen auch eine vorübergehende Phase.
Wie wurde denn überhaupt Gemeinschaftssinn in der Studie definiert?
Es gab vier große thematische Blöcke: Empathie, Solidarität, Abwertung und Gleichgültigkeit. Empathie wurde durch Fragen ermittelt wie: „Würdest du einem anderen Kind helfen, wenn es sich verletzt hat?“
Mädchen werden anders erzogen
Jungs haben laut der Studie weniger Gemeinschaftssinn als Mädchen. Woran liegt das?
Ich denke, das hat damit zu tun, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich erzogen werden und sich unterschiedlich äußern. Ich glaube nicht, dass Jungs es nicht so empfinden, z. B. wenn jemand Hilfe braucht. Aber es fällt ihnen schwerer, Mitgefühl zu zeigen. Sie haben oft die Sorge darüber, wie sie dann in der Clique dastehen. Und Mädchen werden nach wie vor mehr dazu erzogen, sich um andere zu kümmern und hilfsbereit zu sein.
Bei der Studie wurde auch die wirtschaftliche Situation der Familien berücksichtigt. Fördert wirtschaftliche Sicherheit, dass man sich eher um andere kümmert?
Ich würde das nicht so verallgemeinern. Aber natürlich, wenn ich wenig habe, muss ich erst einmal auf mich selbst gucken. Grundsätzlich hat Gemeinschaftssinn vor allem mit dem zu tun, was uns die Eltern vermitteln: ob es ein Wert ist, sich um andere zu kümmern, oder nicht. Auch mit wenig Mitteln kann man sich um andere kümmern, und das tun auch viele.
Wie bringe ich meinem Kind Mitgefühl bei?
Sie würden also sagen, dass das Verhalten der Eltern dafür entscheidend ist, ob Kinder Gemeinschaftssinn entwickeln?
Ja. Mitgefühl mit anderen lernt man durch die Erfahrung, dass andere Mitgefühl mit einem haben. Und das sind in erster Linie die Eltern. Sie leben etwas vor, und das gucken sich die Kinder ab. Das geht sogar ohne Worte. Sind die Eltern großzügig? Denken sie an andere oder immer nur an sich? Fühlen sie sich oft selbst benachteiligt? So etwas überträgt sich auf die Kinder. Aber natürlich spielen Lehrer, Lehrerinnen, Erzieherinnen und Vorbilder in den Medien auch eine Rolle.
Können Eltern auch aktiv durch ihr Verhalten fördern, dass Kinder Gemeinschaftssinn entwickeln?
Dass Kinder und Jugendliche erst einmal an sich denken müssen, finde ich ganz gesund. Aber natürlich kann man das auch fördern. Schon kleine Kinder im Kindergarten gehen hin, wenn ein anderes Kind weint, und versuchen, es zu trösten. Das sind Kinder, die selbst erfahren haben, das Trösten eine gute Sache ist. Und das kann man bestärken und sagen: Toll, dass du das machst! Eltern sollten erst mal hinsehen: Was macht das Kind schon? Solches Verhalten sollte man bestärken und natürlich in erster Linie vorleben. Und weniger Vorträge halten.
Das Interview führte Family-Redakteurin Bettina Wendland.
Auf zum Meer
Zwischen Windeln wechseln und Silben schwingen
schau ich zum Fenster raus.
Seele atme auf!
Schwingt sich hinaus,
Raus!
Aus dem Haus.
In diese Welt,
die im Stillstand liegt
und nicht weiß, wie sie diese Krise besiegt.
Eingesperrt im Hier und Jetzt.
Innerlich verletzt.
Aber meine Seele traut sich zu reisen.
Über die Grenzen hinaus
mit Reisefieber im Gepäck.
Ohne Angst sich anzustecken.
Über die Häuser, Wiesen hinweg.
Sehnsüchtig sucht sie nach Abwechslung –
Wechselt Tapete gegen Straßen
Straßen gegen Frischluft
Frischluft gegen Meeresbrise
Meeresbrise mit Ruhe.
Ich atme ein, ich atme aus.
Lausche den Wellen.
Ruhe findet sich am Strand.
Liegend zwischen Wellentoben
mit Cocktail in der Hand
und in der anderen ein Buch.
Such, such nach ihr, der Stille!
Ich atme ein, ich atme aus
Stille.
Stille!
Stille?
Stille, die mich aufhorchen lässt und zurück zieht, ins heimische Nest.
Ein Schrei!
„Oh, nein!“
Die Schere!
Sie lag nicht am gewohnten Platz
und nun sind sie ab.
Das Chaos perfekt.
Ich hab deine Haare auf dem Boden entdeckt.
„Mama ab!“
Du strahlst mich an.
Und Windel voll,
na toll!
Ich atme ein, ich atme aus!
und sage nur:
„Ich kehr sie weg!“
Unter den Teppich damit.
Wie den Rest dieser Tage,
wo ich mich frage:
„Was soll ich als erstes, zweites, drittes … ständig tun?“ , anstatt
„Seele, was brauchst du, um auszuruhen?“
Sehnsucht nach der Weite!
Sehnsucht nach mehr.
Ich atme ein und atme aus.
Nehme dich in den Arm,
schwing dich leise hin und her.
Lausche den Worten, sie klingen,
wenn sie erzählen von fernen Ländern und Meer.
Seele, du musst schwingen!
So rufen wir gemeinsam:
„Hinaus, inaus im Sauseschritt.“
Lassen To-dos und volle Windeln zurück.
Winken dem Chaos:
„Auf Wiedersehen!“
Jetzt müssen wir gehen.
Atmen ein, atmen aus.
Rennen los.
Der Seele hinter her.
Hand in Hand in Richtung Meer.
miA_U
Lerntrott adé
Lernen ist nicht auf den Schreibtisch beschränkt – davon ist Nachhilfelehrerin Katharina Hilberg überzeugt. Sie gibt Eltern Tipps, wie sie Hausaufgabensituationen entfrusten und mit Spaß und Spiel kombinieren können.
In vielen Familien ist Hausaufgabenmachen und Lernen purer Stress. Woran liegt das?
Zum einen sitzen die Kinder bis in den Nachmittag hinein in der Schule und müssen sich dort lange konzentrieren. Freunde treffen und im Garten oder auf dem Spielplatz herumzutoben, ist danach wesentlich attraktiver, als am Schreibtisch zu sitzen und Hausaufgaben zu machen oder zu pauken. Wenn wir von der Arbeit kommen, brauchen wir doch auch Freizeit. Das ist bei Kindern nicht anders. Zum anderen herrscht in der Schule ein gewisser Leistungsdruck, den die Kinder mit nach Hause bringen. Vielen vergeht dabei die Lust am Lernen. Zusätzlich stehen Familien wegen Corona vor extremen Herausforderungen: Immer wieder neue Regeln stellen den Schul-, aber auch den Familienalltag auf den Kopf. Das stresst nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern, die neben der Arbeit und dem Haushalt auch noch Lernbegleiter sein sollen. Da liegen schnell die Nerven blank.
Sie haben ein Buch mit Spiel- und Lerntipps für Hausaufgabensituationen herausgebracht. Warum ist das spielerische Lernen Ihrer Meinung nach so wichtig?
Kinder wollen spielen und in Bewegung sein, sind aber auch unheimlich wissbegierig. Das kann man nutzen! Wenn mein Kind beispielsweise Vokabeln lernen muss, muss es dies nicht zwangsläufig auf dem Sofa oder am Schreibtisch tun. Verlegt das Lernen nach draußen und verbindet es zum Beispiel mit dem Activity-Kreis (siehe unten). Lernspiele bringen Spaß und Schwung in die Lern- und Hausaufgabenzeit und vertreiben die Langeweile! Wenn Kinder erleben, dass Lernen Spaß macht, kommt die Freude am Fach wieder, und so werden sie auch wieder selbstständiger lernen.
Was ist sonst noch hilfreich für eine gute Lernatmosphäre?
Es geht nicht darum, dass der Schreibtisch aufgeräumt oder das Licht gut ist, sondern vor allem darum, dass das Kind sich wohl fühlt. Die Lernsituation muss sich an das Kind anpassen – nicht umgekehrt. Jedes Kind lernt anders. Schauen Sie, wo sich Ihr Kind wohl fühlt, und wechseln Sie den Lernort immer mal wieder. Wichtig ist auch, dass Eltern Vorbilder sind. Wenn sie den Kindern einen genervten Eindruck bei den Hausaufgaben oder dem Lernen vermitteln, überträgt sich das. Bemühen Sie sich, Freude am Lernen zu zeigen. Dafür sind Lernspiele in meinem Buch für drinnen und draußen ein Anreiz. Und: Vergleichen Sie nicht! Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.
Activity-Kreis
1. Malt mit Kreide einen Kreis auf die Straße und teilt ihn in acht Felder, in die Aufgaben, Vokabeln oder Fragen hineinpassen. Alternativ könnt ihr rechteckige Felder wie bei einem langen Activity-Pfad aufeinander malen.
2. Es gibt vier Lern- und Aktivitätsfelder, die sich im Kreis abwechseln. In jedes zweite Feld schreibt ihr Aktivitäten/Bewegungen, die das Kind ausführen muss, wie z. B. zehnmal hüpfen, Seilspringen, Slalom laufen oder Bälle in einen Eimer werfen.
3. In die übrigen vier Felder schreibt ihr – je nach Fach – Vokabeln, Fragen oder Aufgaben.
Interview: Ruth Korte.
Von Katharina Hilberg ist das Buch erschienen: Hausaufgabenfrust adé! Lernen mit Spiel und Spaß (www.lernenmitspielundspass.de).
Homeschooling: Es ist nicht alles schlecht
Der digitale Unterricht bringt für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern viele Herausforderungen. Aber er birgt auch Chancen.
Noch immer dürfen viele Schülerinnen und Schüler nicht in die Schule und lernen via Distanzunterricht von zu Hause aus. Teilweise hat es lange gedauert, bis das auch einigermaßen funktionierte. Bei Eltern kann schnell die Frage aufkommen: „Verpasst mein Kind wichtige Lerninhalte?“ Das muss nicht unbedingt der Fall sein – ob das Lernen von zu Hause aus klappt, hängt von vielen Faktoren ab.
Homeschooling: Probleme an Haupt- und Realschulen
Längst läuft nicht immer alles gut beim Homeschooling: Eltern sitzen überfordert im Homeoffice und müssen zusätzlich ihre Kinder beim Unterricht begleiten. Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben einen funktionstüchtigen Laptop zu Hause oder bekommen einen von der Schule gestellt. Janine Weber (Name geändert), Gymnasiallehrerin für Biologie und Sport und Klassenlehrerin einer 5. Klasse, weiß beispielsweise von Kolleginnen, die dem Großteil ihrer Schülerinnen und Schüler deswegen die Arbeitsblätter regelmäßig nach Hause bringen. Gerade an Haupt- und Realschulen gäbe es oft Motivationsprobleme, besonders die Teenager würden manchmal den ganzen Tag verschlafen. Und auch unter den Lehrkräften gäbe es ab und zu schwarze Schafe, sagt sie. Manche hätten einfach aufgegeben und würden nicht einmal versuchen, Videokonferenzen anzubieten.
Lehrkräfte lernen technisch hinzu
Trotzdem hat die Pandemie den Fortschritt in Sachen digitaler Bildung deutlich beschleunigt. Die Professorin für Didaktik der Informatik Ira Diethelm freut sich beispielsweise darüber, dass der digitalen Bildung endlich mehr Augenmerk geschenkt wird: „Alle konzentrieren sich gerade gleichzeitig auf ein Thema. Das bringt tatsächlich Dynamik in die Sache und man gelangt auch schneller zu Entscheidungen, wie zum Beispiel Tablets für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen.“
Nach fast einem Jahr Ausnahmezustand wäre nun auch genügend Zeit vorhanden, neue Gewohnheiten zu entwickeln und Expertise aufzubauen. „Die meisten Lehrkräfte sind in ihrer technischen Kompetenz weitergekommen und haben positive Erfahrungen damit gemacht. Das ist ganz wichtig, um nachhaltig eine Veränderung zu erreichen, egal in welchem Zusammenhang“, meint Diethelm.
Experimente via Handy
Janine Weber hatte schon vor Corona ihr ganzes Arbeitsmaterial digitalisiert. „Ich arbeite schon ewig mit einer Tafelbildsoftware, das kommt mir jetzt zugute“, berichtet die Gymnasiallehrerin. Ihr Unterricht ist praxisorientiert, sie arbeitet viel mit Experimenten, die die Kinder zu Hause aus Alltagsmaterialien nachmachen können.
Da sie die Versuche nicht mehr in der Schule durchführen kann, dreht sie nun mit ihrem Handy Videos, die sie in die Präsentation einbaut. Zu Beginn des Distanzunterrichts hatte sie Respekt vor der Aufgabe und konnte sich den dauerhaften Online-Unterricht nicht richtig vorstellen. „Aber jetzt bin ich total begeistert davon. Ich hätte nie gedacht, dass das so gut laufen kann“, sagt sie zufrieden. Ungefähr 90 Prozent ihres Unterrichts kann sie wie geplant umsetzen. Das liegt auch daran, dass sie am Gymnasium unterrichtet und die Kinder den nötigen Ehrgeiz mitbringen. Zudem sind die Eltern ihrer Klasse sehr kooperativ und unterstützen beim Distanz-Unterricht.
Schwache Schüler profitieren manchmal vom Homeschooling
Für manche Kinder scheint der Online-Unterricht sogar besser als der reguläre Unterricht zu funktionieren. Janine Weber erzählt von einigen leistungsschwachen Schülern, die plötzlich viel besser abschneiden, weil sie zu Hause nicht so stark abgelenkt werden. „3- Schüler sind auf einmal im Einserbereich. Das sind die positiven Effekte“, berichtet die Lehrerin. Auch Ira Diethelm sieht Chancen im Distanz-Unterricht: „Schüchterne Schülerinnen und Schüler, die sich sonst nicht gerne melden und keine vermeintlich dumme Frage stellen wollen, können ihre Fragen nun per Mail oder Chat stellen. Das ist für manche leichter.“
Alexandra von Plüskow-Kaminski, Bildungskoordinatorin im Landkreis Heidekreis, gibt außerdem zu bedenken, dass es beim Lernen nicht immer nur um den konkreten Lerninhalt geht: „Bei den Kindern ist viel Lernzuwachs an anderer Stelle zu beobachten. Zum Beispiel beim Erstellen von Power-Point-Präsentationen und Podcasts für den Unterricht.“
Dialog ist besonders wichtig
Was aber können Eltern tun, wenn das Homeschooling bei ihrem Kind nicht so gut klappt wie erwartet? Frau von Plüskow-Kaminski rät, zunächst einmal mit der Klassen- oder Fachlehrkraft des Kindes zu sprechen: „Der Dialog ist besonders wichtig und dass alle Beteiligten in die Schuhe des anderen schlüpfen, um die Situation auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.“ Grundsätzliche Herausforderungen, die vielleicht die ganze Schule betreffen, könnten dann auch mit der Schulleitung besprochen werden.
Vieles liegt in Sachen Homeschooling immer noch im Argen. Die Bildungsschere zwischen denen, die über die nötige technische Ausstattung verfügen und von ihren Eltern begleitet werden, und denen, die keine Unterstützung bekommen, wird immer größer. Trotzdem bemüht sich ein Großteil der Lehrkräfte nach bestem Wissen und Können, den Herausforderungen des Distanz-Unterrichtes gerecht zu werden. Janine Weber versucht zum Beispiel, ihre zögerlichen Kolleginnen und Kollegen für den Video-Unterricht zu motivieren, und merkt, wie die Zurückhaltung nachlässt: „Langsam trauen sich immer mehr. Am Anfang habe nur ich Videokonferenzen gehalten, jetzt hat meine Klasse jeden Tag Online-Unterricht.“
Sarah Kröger ist freie Journalistin und Projektmanagerin und bloggt unter neugierigauf.de zu Themen wie Familie, Digitales, Arbeit, Soziales und Nachhaltigkeit.
18 werden sie nur einmal…
Lange fiebern Jugendliche auf diesen Tag hin: endlich erwachsen, endlich volljährig! Juliane Just gibt Anregungen, wie man diesen besonderen Tag angemessen würdigen kann – auch in Zeiten von Corona.
Nicht nur das Geburtstagskind selbst – auch Eltern, Freunde und Verwandte planen oft lange im Vo-raus, wie der 18. Geburtstag gefeiert werden kann. In der Regel gibt es eine Party, Familie und Freunde kommen. Vielleicht trinkt man endlich den Wein, den der Vater vor 18 Jahren zur Geburt des Kindes gekauft hat. Oder besucht den damals gepflanzten Baum. Aber auch wer nicht so vorausschauend war und bereits bei der Geburt für das Erreichen der Volljährigkeit vorgesorgt hat, kann diesen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem machen. Und trotz Corona-Einschränkungen ist es möglich, einen 18. Geburtstag zu feiern, der für bleibende Erinnerungen sorgt.
Vorab zwei Denkanstöße: Ein 18. Geburtstag kann eine ganze Menge Druck erzeugen, sowohl beim Geburtstagskind als auch bei den Menschen, die die Feier ausrichten. Erwartungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen – all das kann den Tag überfrachten und verderben. Ich finde es wichtig, die Wünsche und Vorstellungen des Geburtstagskindes in Erfahrung zu bringen und zu respektieren. Welchen Schwerpunkt die Geburtstagsfeier haben soll, ist recht individuell, und es ist wichtig, die Grundrichtung gemeinsam festzulegen.
Als zweites möchte ich dafür plädieren, die Feier nicht einfach sang- und klanglos auf die Zeit „nach Corona“ zu verschieben. Natürlich darf und soll die große Party nachgeholt werden, sobald es möglich ist. Trotzdem ist es wichtig, den eigentlichen Tag angemessen zu begehen.
Kreative Geschenke
Rituale nachholen
Wein gekauft, Baum gepflanzt – alles, was man vor 18 Jahren nicht getan hat, kann man nachholen. Natürlich wäre der Zeitpunkt vor 18 Jahren cool gewesen, aber der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. Also nicht das „Versäumnis“ bedauern, sondern jetzt die Gelegenheit ergreifen: Pflanzt den Baum, kauft den Wein oder was es sonst für Rituale und Ideen gibt.
Eine Lebenserinnerung zusammenstellen
Das geht auf verschiedene Weisen:
Vor 18 Jahren wurde schon gefilmt, zunehmend auch digital. Neben den stolzen Eltern sind es oft Oma und Opa, die Filmmaterial über ihr Enkelchen zusammengetragen und aufbewahrt haben – zu feierlichen Meilensteinen, Schulaufführungen oder im Alltag. Daraus kann ein Film werden, der das Leben des Geburtstagskindes liebevoll begleitet. Das hat natürlich eine Menge Peinlichkeitspotenzial, da ist Feingefühl gefragt.
Fotos lassen sich ähnlich verarbeiten. Ein Rundruf in der Verwandtschaft, bei Paten und Freunden sorgt für Material über die familieninternen Bilder hinaus. Die Fotos kann man auf eine Leinwand als Diashow projizieren oder ein Fotobuch oder -album erstellen. Ein analoges Album hat den Vorteil, dass man es immer noch mal zur Hand nehmen und durchblättern kann.
Denkbar ist auch eine Foto-Collage mit einem Foto aus jedem Lebensjahr. Hier wird auf einen Blick die Entwicklung des Kindes sichtbar.
Album der Wertschätzung
Bekannte baten für den 18. Geburtstag ihrer Tochter da-rum, dass alle ein persönliches Blatt gestalten mit Gedanken oder Erlebnissen und dem, was sie am Geburtstagskind lieben. Aus diesen einzelnen Blättern haben die Eltern ein Buch zusammengestellt und es ihrer Tochter am Geburtstag überreicht.
Video der Begegnungen
Andere Eltern haben zusammen mit Freunden des Kindes ein Video aus eher aktuellen Filmschnipseln zusammengestellt. Das spiegelt zwar keinen Entwicklungsverlauf wider, zeigt aber sehr schön ein Blitzlicht des 18-jährigen Ist-Zustands.
Mit Einschränkungen feiern
Viele Jugendliche entscheiden sich dafür, die große Party zu verschieben auf eine Zeit ohne Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln. Das ist okay, solange es für das Geburtstagskind okay ist. Aber es gibt Alternativen:
Virtuelles Essen
Alle Partyteilnehmer kochen jeweils zu Hause und essen auch dort – verbunden per Videokonferenz. Jeder bereitet das gleiche Essen vor, man erzählt und lacht miteinander und verspeist seine Eigenkreation vor dem Bildschirm. Eine charmante Alternative, bei der erfreulich viel Stimmung aufkommt. Rechtzeitig vorher können Rezepte oder gleich ganze Zutatenpakete verschickt werden.
Filmabend
Einige Anbieter haben es mittlerweile standardmäßig im Programm, dass man sich mit anderen zusammenschaltet und einen gemeinsamen Chat hat, während man einen Film schaut. Alternativ kann man eine Telefonkonferenz schalten und so gemeinsam den Film schauen und quatschen. Auch hier ist es nett, wenn zum Beispiel Snacks vorher rumgeschickt werden.
Spieleabend
Ob Online Escape Rooms, Among Us oder klassische Spiele – ein digitaler Spieleabend ist witzig! Bei meinen Kindern der entsprechenden Altersgruppe ist Among Us das angesagteste Spiel – sie verabreden sich zum Spielen und schalten eine Telefonkonferenz, um dabei miteinander quatschen zu können. Es gibt aber auch kostenlose Spiele-Apps wie „Houseparty“, bei denen man sich per Video-Chat verbinden kann.
Das besondere Outfit
Nur weil die Party digital und zu Hause stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass man in Jogginghose teilnehmen sollte. Alle stylen sich wie für einen „echten“ Partyabend und erscheinen so im Video-Chat. Screenshots und virtuelle Modenschau (wenn gewünscht) nicht vergessen!
Juliane Just lebt mit ihrer großen Patchworkfamilie in der Nähe von Berlin. Sie ist Kreisbeauftragte für die Arbeit mit Kindern im Kirchenkreis Neukölln, unterrichtet Religion und macht musikalische Früh-erziehung. Als Juliane Jacobsen schreibt sie Kinderbücher.
Demenz: „Wo ist Thomas?“ – Immer wieder fragt er Sybille nach seinem verstorbenen Sohn
Sybille Funk* begleitet ihren dementen Schwiegervater beim Sterben. Und muss ihm dabei immer wieder die Nachricht überbringen, dass sein Sohn tot ist.
„Wo bleibt Thomas? Warum kommt er nicht?“ – Die Worte klingen in mir nach, als ich das Pflegezimmer kurz verlasse und eine nie gekannte Schwere bleibt zurück.
Thomas, nach dem mein sterbender, demenzkranker Schwiegervater fragt, ist sein Sohn – mein Mann. Doch Thomas ist schon viele Jahre tot. Wieder und wieder werde ich ihm dies neu erklären müssen.
Die Enkel erkennt er bis zuletzt
Die Demenzerkrankung hat meinen Schwiegervater verändert. Was sich erst schleichend abgezeichnet hat, wurde nach und nach zu Gewissheit, bis die Betreuung in einem Pflegeheim unausweichlich war.
In den Jahren im Pflegeheim erkannte er mich immer, ebenso seine Enkelkinder. Obwohl mein Sohn im Ausland lebt und nur einmal im Jahr in Präsenz bei ihm vorbeischauen konnte, hielten wir die Erinnerung an ihn mit kurzen Videogrüßen wach. Die Freude war jedes Mal groß und zugleich war es herzbewegend, wenn mein Schwiegervater ihm lächelnd zuwinkte.
Fotoalben als Erinnerung
Mit der Erinnerung an kürzliche Besuche von Bekannten war es manchmal schwieriger. Doch spielerisch konnten wir es mit einer Fragerunde eingrenzen und freuten uns gemeinsam, wenn wir die Personen herausgefunden hatten. Meine Tochter besuchte ihren Opa gern, wenn sie vom Studienort zu Besuch war, blätterte mit ihm manchmal in Fotoalben und erinnerte sich mit ihm an schöne Ereignisse. Seit dem frühen Tod ihres Papas hatte sie eine besondere Beziehung zu ihrem Opa.
Immer wieder Trauer
Als ich nach der wochenlagen ersten Corona-Lockdown-Phase mit Maske bei ihm ins Zimmer trat, ging ein Lächeln über sein Gesicht und er begrüßte mich mit Namen. Die nächste Frage katapultierte mich schmerzhaft in die Vergangenheit zurück: „Wann kommt Thomas?“ Mit Tränen in den Augen versuchte ich, ihm behutsam zu vermitteln, dass sein Sohn bereits vor vielen Jahren gestorben ist. Es tat so weh, seinen erneuten Schmerz zu erleben und mich mit ihm noch einmal auf diesen Trauerweg zu begeben.
Der letzte Wunsch bleibt unerfüllt
Und nun stehe ich hier vor dem Pflegezimmer und kann dem Sterbenden diesen einen letzten Wunsch nicht erfüllen. „Wo bleibt Thomas?“ Diese Frage stellt er immer wieder. Aus seiner Sicht kann ich ihn so gut verstehen – können wir doch selbst seinen Enkel per Facetime zum Verabschieden ins Zimmer holen, weil ein Heimflug in Corona-Zeiten nicht möglich ist. Wieso also nicht seinen eigenen Sohn?
Ein tiefer Schmerz begleitet meine Tochter und mich in den nächsten Tagen am Bett des Opas und Schwiegervaters. Wieder und wieder gehen wir mit ihm erneut in die Anfangsphase der Trauer um den früh verstorbenen Sohn. Wir trauern noch einmal neu gemeinsam um den geliebten Menschen – bis zum Ende. Als mein Schwiegervater nach vier Tagen für immer ein einschläft, hoffe ich, dass er seinen Frieden bei Gott gefunden hat und seinen Sohn wiedersehen darf.
Ich würde es wieder tun
Manche fragten mich, warum wir nicht einfach gesagt hätten, Thomas würde noch kommen. Doch das wäre nach meiner Einschätzung nicht fair gewesen. Auch ein dementer Mensch hat das Recht, dass wir ehrlich zu ihm sind. Wichtig ist, ihn nicht allein zu lassen, sondern ihm immer wieder zu vermitteln, dass wir das gemeinsam bewältigen, dass wir für ihn da sind.
Ob ich es noch einmal so machen würde? Ja!
*Der Name wurde von der Redaktion geändert. Die Autorin ist der Redaktion bekannt.
Schnitzel nach Balkan Art
Christof Klenk über Korrektheit in der Sprache
Ein Kind stößt immer wieder auf Verbote, deren Sinn es nicht richtig verstehen kann. Im besten Fall klettert es nicht auf den Baum mit den dünnen Ästen, obwohl die Aussicht von dort oben sicher großartig ist. Nicht, weil es absehen kann, dass es sich schwer verletzen könnte, wenn die Äste brechen, sondern weil es nicht will, dass die Eltern schimpfen. In Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung ist das die niedrigste moralische Stufe. Bis zum neunten Lebensjahr ist das völlig normal.
Leider bewegen wir Erwachsenen uns auch schon mal auf dieser Stufe. „Darf man das heute noch sagen?“, ist eine gängige Frage, die wir gerne mit einem gehörigen Schuss Koketterie vortragen. „Darf man noch Zigeunerschnitzel sagen?“ „Muss ich die Kalorienbombe jetzt tatsächlich Schokokuss nennen?“ Häufig ist es keine echte Frage. Wüssten wir nicht, dass da etwas faul ist, würden wir gar nicht fragen. Wir wollen eher zum Ausdruck bringen, dass wir das ganze „Gedöns“ übertrieben finden.
Mich stört dabei nicht in erster Linie der Tabubruch, mich stört die zur Schau gestellte Naivität. Es dauert wenige Sekunden, um herauszufinden, warum ein Ausdruck heute nicht mehr verwendet wird. Vielleicht stecken dahinter rassistische Konzepte, vielleicht fühlen sich Gruppen damit abgewertet, vielleicht verletzen wir Menschen. Wenn wir den Hintergrund kennen, erscheint manche Sprachregelung nicht mehr so abgefahren. Es hindert uns aber auch niemand daran, nach Eleganterem zu suchen. Ansonsten wäre es ehrlicher zu sagen: „Ich bin zu bequem, mich um eine andere Sprache zu bemühen.“
Christof Klenk ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT.
Wer darf mein Kind miterziehen?
„Letztens schimpfte eine Nachbarin mit meinem Sohn (3). Der wurde daraufhin noch frecher, also griff ich ein und erklärte ihm die Situation. Später fragte mich die Nachbarin, ob es okay sei, dass sie da mal was sage. Man sagt, ‚Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf‘, aber wer darf bei der Erziehung eigentlich mitreden?“
Das berühmte Dorf, das man braucht, um ein Kind großzuziehen, wird sehr gern in Erziehungssituationen herangezogen. Leider nicht immer in der Art, in der es eigentlich gemeint war. Es handelt sich dabei nämlich um ein afrikanisches Sprichwort, und es geht um das Aufwachsen in engen, familiären Gemeinschaften. Alle Kinder und Erwachsenen kennen sich sehr gut und leben in engerer Verbundenheit miteinander, als wir es heute mit unseren Nachbarn tun. In diesen Gemeinschaften gibt es einen Konsens über Normen und Werte, nach dem alle leben. Auch in Erziehungsfragen.
Vertrauensvolles Verhältnis
Enge Verbundenheit und gleiche Wertvorstellungen sind Grundvoraussetzungen dafür, dass jemand in die Erziehung unserer Kinder eingebunden wird. Heute wachsen wir nicht mehr in so engen, natürlich gegebenen Gemeinschaften auf. Die Menschen, die bei der Erziehung mitreden dürfen, suchen wir uns selbst aus. Dass wir mit ihnen ein vertrauensvolles Verhältnis pflegen, Werte teilen und vor allem, dass sie auch unseren Kindern nah genug sind, dass diese sich von ihnen begleiten lassen können, ist dabei wichtig.
Dies scheint in Ihrem Fall nicht da gewesen zu sein, und das erklärt auch die Reaktion Ihres Sohnes. Was Sie als „noch frecher werden“ beschreiben, ist für mich ein Ausdruck dafür, dass die Ansprache der Nachbarin für ihn nicht in Ordnung war. Er hat wahrscheinlich versucht, sich vor der Einmischung einer Person, die ihm nicht vertraut genug war, zu schützen. Ihr Sohn hat eine sehr gesunde Reaktion gezeigt, indem er erst einmal seine persönlichen Grenzen gewahrt hat.
Entscheiden, wer miterzieht
Das bedeutet aber nicht, dass es grundsätzlich falsch ist, wenn andere unseren Kindern etwas sagen, was ihnen nicht passt, auch wenn sie ihnen nicht so nahestehen. Wenn ein anderes Kind mit seinem Verhalten unsere persönlichen Grenzen verletzt, darf das angesprochen werden. Hier muss man zwischen Miterziehen und dem Setzen persönlicher Grenzen unterscheiden. Wer miterziehen darf, das entscheiden Sie. Das Recht, die eigenen Grenzen zu kommunizieren, hat dagegen jeder. Gerade kleine Kinder sind aber häufig überfordert, wenn fremde Personen mit ihnen schimpfen, und verstehen oft gar nicht, was sie gerade falsch gemacht haben. Deshalb finde ich Ihre Reaktion – eingreifen und Ihrem Sohn erklären, was die Nachbarin gestört hat – genau richtig. Wir als Eltern tragen bei so kleinen Kindern die Verantwortung dafür, dass sie die Grenzen anderer Menschen wahren.
Sprechen Sie noch mal mit Ihrer Nachbarin über die Situation und erklären Sie, dass Ihr Sohn noch zu klein ist, um zu verstehen, was falsch gelaufen ist, und dass er sie auch noch nicht gut genug kennt, um von ihr anzunehmen, wenn sie „mal was sagt“. Schlagen Sie ihr vor, stattdessen mit Ihnen zu sprechen, wenn sie etwas am Verhalten Ihres Sohnes stört.
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Kaufungen (www.eltern-familie.de).
Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Erziehungswissenschaftlerin: So können Sie Ihr Kind beruhigt einem Babysitter überlassen
Ein Abend zu zweit, das wünschen sich viele Paare. Erziehungswissenschaftlerin Melanie Schüer erklärt, wie die Wahl des Babysitters funktioniert und was Eltern beachten sollten.
„Mein Mann und ich waren seit der Geburt unseres Kindes vor ein paar Monaten nicht mehr gemeinsam aus, würden es aber gern mal wieder. Ab wann kann ich einen Babysitter engagieren, wie alt muss er/sie sein, was muss er/sie mitbringen und wie viel bezahlt man ihm/ihr?“
Ein Abend zu zweit ist eine sehr gute Idee. Nach der Geburt des Kindes besteht die Gefahr, dass die Eltern zunehmend „nur noch“ Vater und Mutter sind und ihre Identität als Liebespaar vernachlässigen. Um dem vorzubeugen, sind regelmäßige Paar-Zeiten ganz wichtig.
Das Baby sollte seinen Sitter kennen
Wann das wieder möglich ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Grundsätzlich dann, wenn Sie Ihr Baby mit gutem Gefühl eine Weile jemand anderem überlassen können und keine Faktoren wie Füttern, Krankheiten oder Ängste dagegensprechen. Wenn das Baby gestillt wird, stellt sich die Frage, wie lange Pausen es aushält. Wenn es zwei bis drei Stunden recht zuverlässig schafft, ist zum Beispiel ein gemeinsames Abendessen gut umsetzbar. Abpumpen erhöht die Flexibilität.
Wie gut kommt ihr Baby mit Trennungen zurecht? Die meisten Babys fangen mit fünf bis sechs Monaten an, Trennungsangst zu entwickeln, bei manchen kommt es schon früher vor. Man sollte daher dafür sorgen, dass das Baby den Babysitter vorher zumindest zwei- bis dreimal für einige Zeit kennenlernen konnte (im Beisein eines Elternteils) und auch vor dem Verlassen der Wohnung mindestens eine halbe Stunde zusammen mit dem Babysitter zum „Warmwerden“ einplanen, bevor man sich verabschiedet. Auf keinen Fall sollte man sich rausschleichen, sondern kurz und herzlich verabschieden. Wenn das Baby jünger als drei bis vier Monate ist, reicht es oft aus, wenn es den Babysitter ein- oder zweimal vorher kennengelernt hat, da Trennungsangst da meist noch keine Rolle spielt.
Wie alt sollte ein Babysitter sein?
Der Babysitter sollte über alle wichtigen Abläufe, Rituale und Besonderheiten beim Schlafen, Wickeln und Füttern Bescheid wissen. Am besten zeigt man möglichst vieles davon schon einmal vorher: Wo ist der Schnuller, wann gibt es diesen? Wie schläft das Baby am besten ein, wie kann man es gut beruhigen?
Gerade bei Babys ist es meist gut, wenn der Babysitter schon volljährig ist. Es gibt aber auch Jugendliche, die schon viel Erfahrung und ein gutes Händchen haben, dann sollte man diese aber vorher sehr genau einweisen, prüfen, ob sie ausreichend souverän wirken und die vorhandene Erfahrung erfragen. Manche haben ein sogenanntes „Babysitter-Diplom“ über eine Schulung erhalten, das ist ein Pluspunkt.
Was sollte ein Babysitter verdienen?
Man sollte bestimmte Notfallnummern für den Babysitter sichtbar aufhängen und natürlich sicherstellen, dass man selbst erreichbar ist. Für den Anfang bietet es sich an, nicht zu weit wegzufahren, um möglichst rasch wieder zu Hause zu sein. Bei der Bezahlung sollte man sich bei volljährigen Babysittern am gesetzlichen Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde orientieren. Jüngere Babysitter erhalten oft zwischen 6 und 8 Euro pro Stunde, je nach Region sind die üblichen Preise auch höher. In der Schweiz erhalten bis 15-Jährige bis 10, ältere bis 18 Franken pro Stunde.
Melanie Schüer ist Erziehungswissenschaftlerin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und als freie Autorin und Elternberaterin mit dem Schwerpunkt Schrei- und Schlafprobleme tätig, auf elternleben.de sowie neuewege.me.
Zwischen Windeln und Silbenschwingen
Eindrücke aus dem Homeschooling
Ich habe den Überblick verloren. Irgendwo zwischen Bad und Küche ist er mir abhandengekommen. Gerade bin ich von hier nach da gelaufen und wollte – was eigentlich? Überall liegt etwas. Meine Gedanken springen von einem zum anderen und die Kinder mittendurch. Was wollte ich tun? Wäsche aufhängen? Den Kuchen in den Kühlschrank stellen? Brei auftauen oder die Staubflusen davor retten, im Mund des Krabbelkindes zu verschwinden? Kochen wäre jetzt wahrscheinlich das dringendste. Aber es kommt noch eine unangenehm riechende Windel dazwischen. Im selben Moment ist leider „Teams“ abgestürzt, und die Sechsjährige ruft leicht panisch nach mir, weil die Gesichter in der Homeschooling-Videokonferenz sie alle nur noch wie stumme Fische anstarren.
Wo wir schon beim Thema Schule sind: An Rosenmontag ist übrigens schulfrei. Also kein „Guten Morgen Frau Maurer, Guten Morgen Lene, Guten Morgen Frau Maurer, Guten Morgen Frau Maurer, Guten Morgen Anton“ aus dem Kinderzimmer. Und an Faschingsdienstag dürfen sich die Kinder verkleidet vor den Laptop setzen … Sooo besonders finde ich das jetzt gar nicht. Meine Tochter lag auch schon im Bett vor der Videokonferenz, weil die Lehrerin gesagt hat, sie sollen es sich zum Geschichtevorlesen „ganz gemütlich“ machen. Ein anderes Mal saß sie auf der Stange ihres umgekippten Drehstuhls halb unter dem Schreibtisch, als ich ins Zimmer kam. Oder sie hatte eine Puppe, einen Teddy oder ein Barbiepferd auf Schoß oder Schreibtisch platziert, während sie über den Bildschirm gestellte Minusaufgaben löste. Heute habe ich – nicht wissend, dass sie ihr Mikro nicht mehr auf mute geschaltet hat – lautstark erklärt, dass sie den Becher mit Wasser NICHT direkt neben den Laptop stellen darf. Warum? Naja, sie hatte doch gerade noch mit mir geredet über drei Zimmer hinweg. Konnte ich ahnen, dass sie gerade drangenommen wurde?
Homeschooling. Allein darüber könnte ich inzwischen ein Buch schreiben … Aber die Zeit habe ich gerade wirklich nicht. Eigentlich wollte ich ja auch wickeln gehen. Schreiben kann ich dann noch abends auf dem Fußboden sitzend und auf den Schlaf der Kinder wartend – am Handy. Bis der Zeigefinger der rechten Hand nicht mehr tippen kann. Einschlaftipp meiner Ältesten in diesem Moment: „Ich schwinge in meinem Kopf die Wörter und zähle die Königsbuchstaben. Dann kann ich bestimmt einschlafen.“ Wie bitte? Inzwischen verstehe ich dieses Erste-Klasse-Fachvokabular als Hilfslehrerin sogar ganz gut. Neulich hat sie sich in den Schlaf gekopfrechnet. Wie geht so etwas? Wahrscheinlich ist sie notorisch unterfordert, bewegt sich zu wenig und ist einfach nicht müde. Ich hingegen schlafe inzwischen fast auf dem Fußboden ein. Nur das Tippen hält mich noch wach. Und das Silbenschwingen von „Sche-re“.
Ein Gastbeitrag von Hannah Jesgarz