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Archiv für die Kategorie: Allgemein

3 bis 5 – Was tun im Kindernotfall

Elternfrage: „Mein Sohn (3) ist motorisch ganz schön umtriebig und ich habe häufig Angst, dass ihm etwas passiert. Was tue ich im Kindernotfall? Und was sind eigentlich die häufigsten Kindernotfälle im Familienalltag?“

Infekte, Verletzungen und Krampfanfälle – das sind typische Beispiele für einen Kindernotfall. Besonders häufig sind Atemwegs- und Magen-Darm-Infekte. Diese können, gerade bei Babys, die durch die verlegte Nasenatmung schlechter trinken beziehungsweise durch ständiges Erbrechen und/oder Durchfall Flüssigkeit verlieren, zur Austrocknung führen und so zu einem Notfall werden. Auch Verletzungen, zum Beispiel durch Stürze oder Verbrühungen und Verbrennungen, können rasch zum Notfall werden, wenn innere Organe oder große Flächen betroffen sind. Krampfanfälle wirken auf Eltern besonders bedrohlich. Fieberkrämpfe treten typischerweise zwischen dem sechsten Lebensmonat und sechsten Lebensjahr auf, dauern zwei bis drei Minuten und hören von allein auf. Die Kinder haben offene Augen, einen starren Blick und zittern symmetrisch. Dauert der

Krampf länger, hört nicht von allein auf, tritt innerhalb von 24 Stunden mehr als einmal auf oder zeigt eine Asymmetrie, muss das dringend abgeklärt werden.

Woran erkenne ich einen Notfall?

Um einzuschätzen, ob ihr Kind wirklich kritisch krank ist, können sich Eltern am sogenannten „pädiatrischen Beurteilungsdreieck“ orientieren. Mit diesem Tool beurteilt man durch Hören, Sehen und Fühlen:

  • Den Allgemeinzustand: Lässt sich das Kind beruhigen? Ist es noch agil? Spielt und interessiert es sich noch? Lässt sich das Fieber zwischendurch senken und scheidet es noch gut aus? Dann heißt es oft Entwarnung! Schreit es schrill, ist apathisch, trinkt nicht mehr und fiebert unter Therapie weiter hoch auf, dann ab zum Arzt!
  • Die Atmung: Zeigt das Kind Luftnot, atmet es angestrengt, also schneller und flacher oder weniger als sonst? Macht es komische Geräusche bei der Ein- oder Ausatmung? Hustet es so stark, dass es nicht mehr in den Schlaf kommt? Dann besser früher als später zum Arzt.
  • Den Kreislauf: Ist das Kind blass-marmoriert, hat kalte Arme und Beine oder blaue Lippen? Dann handelt es sich um einen Notfall!

Was gehört in jede Hausapotheke?

Meine Top Five sind:

  • Kochsalz- und abschwellende Nasentropfen, um die Nasenatmung freizuhalten
  • Fiebersenkende und schmerzlindernde Mittel in Zäpfchen- und in Saftform
  • Verbandskoffer mit Wunddesinfektionsmittel, Verbänden/Pflaster und Pinzette
  • Antihistaminika in Tropfen-, Gel- und Saftform zur Bekämpfung allergischer Reaktionen oder Juckreiz
  • Mittel gegen Stuhlunregelmäßigkeiten wie zum Beispiel Kümmelzäpfchen, Milchzucker, Elektrolytlösungen

Sollten Eltern in einem Kindernotfall ihr Kind selbst ins Krankenhaus fahren?

Wenn man mithilfe des pädiatrischen Beurteilungsdreiecks zu dem Schluss gekommen ist, dass das Kind stabil genug ist, kann man problemlos selbst in die Klinik fahren. Dabei ist es generell von Vorteil, zu zweit zu fahren, damit sich eine Person ums Kind kümmern kann. Wenn das Kind gerade einen Fieberkrampf hatte oder etwas verschluckt hat, sollte man das Kind auf keinen Fall mit dem PKW selbst in die Klinik transportieren. Das Kind könnte auf der Fahrt nochmals krampfen und dabei erbrechen oder der verschluckte Gegenstand auf einer holprigen Fahrt doch noch in die falsche Röhre gelangen. Sind Atmung, Kreislauf und Allgemeinzustand oder Bewusstsein stark beeinträchtigt, sollte immer ein Notruf abgesetzt werden.

Dr. med. Katharina Rieth ist Kinderfachärztin, Intensivmedizinerin und Notärztin. Sie engagiert sich auf Social Media unter drrieth für Aufklärung und Prävention in Sachen Kinder- und Familiengesundheit und ist Buchautorin von „Fit für den Kindernotfall“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2024/03/kinder_notfall.jpg 2040 2456 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2024-02-28 17:08:372024-03-12 09:44:523 bis 5 – Was tun im Kindernotfall

Familienstreit an Weihnachten – So können Sie Ihrem Kind helfen

Der Traum einer besinnlichen Weihnacht platzt oft, wenn nicht alles perfekt ist. Der Stress steigt und dann nerven noch die Verwandten. Doch wie erleben das erst die Kinder? Therapeutin Melanie Schüer erklärt, wie Sie Ihrem Kind helfen können.

„Einerseits ist Weihnachten ja echt schön – aber andererseits bin ich auch froh, wenn es vorbei ist. Denn die Erwachsenen sind an diesen Tagen immer so wahnsinnig gestresst …“

So in etwa äußerte sich in der Weihnachtszeit einmal meine Tochter über ihr Erleben der „schönsten Zeit des Jahres“ und ich musste erst einmal schlucken – das saß!

Diese gemischten Gefühle bezüglich der zugleich festlichsten und doch auch anstrengendsten Wochen des Jahres kennen wir vermutlich alle. Kinder und Jugendliche nehmen dies oft noch stärker wahr, weil sie sich besonders freuen – alles ist noch neu und so aufregend! – und gleichzeitig die bestehende Anspannung und Stressbelastung noch weniger reflektieren und einordnen können.

Es könnte alles so schön sein…

Auch in meiner psychotherapeutischen Arbeit erlebe ich, dass gerade depressive Symptome um die Weihnachtszeit herum zunehmen. Die Gründe dafür sind vielfältig, zum Beispiel:

  • Hohe Erwartungen: Es soll schön werden, besinnlich, gemütlich, lecker, freudvoll, besonders – und das möglichst für alle! Das bedeutet viel Arbeit bei der Vorbereitung und viel Druck, denn Weihnachten ist eben nur einmal im Jahr.
  • Unterschiedliche Bedürfnisse, die alle an drei Tagen unter einen Hut gebracht werden sollen
  • Die Anspannung darüber, Familienmitglieder wiederzutreffen, denen man sonst eher aus dem Weg geht

Weihnachten mit strahlenden Augen

Was kann helfen, damit Kinder und Jugendliche Weihnachten so erleben, wie wir es ihnen wünschen – mit vor Freude geröteten Bäckchen, strahlenden Augen und einem fröhlichen Herzen?

Als erstes ist es hilfreich, zu reflektieren und zu erklären, was los ist: Stress lässt sich in der Adventszeit nicht immer vermeiden. Aber es hilft Kindern, wenn Erwachsene diese Erfahrungen altersgemäß einordnen: „Puh, es tut mir leid, dass ich vorhin so gereizt war! Der Advent ist so schön, aber manchmal auch so stressig, weil so vieles zu erledigen ist. Und das alles neben der normalen Arbeit, die ja auch nicht liegen bleiben kann. Deswegen kommt es vor, dass ich genervt reagiere, weil ich müde bin von all dem, was zu tun ist. Aber morgen machen wir uns einen gemütlichen Tag, ja?“

Das Schlagwort „Weniger ist Mehr“ hilft tatsächlich dabei, die randvolle Zeit zu entzerren. Es bringt oft ungemein Entlastung, wenn man sich zumindest einen Tag vor Heiligabend freinehmen kann, den Baum schon etwas früher als sonst aufstellt und schmückt, die Geschenke schon im November besorgt oder auch mit einigen Leuten bespricht, sich nichts zu schenken, sondern lieber mit weniger Trubel einfach die gemeinsame Zeit zu genießen.

Auch hilft es, wenn wir in den Terminkalender bewusst Zeiten für Stille und Besinnlichkeit einplanen. Das kann auch mit altersgemäßen Medien gelingen, wie:

  • Videos wie „Superbuch – das erste Weihnachten“ (ca. 6-12 Jahre)
  • Der Weihnachtsfolge der Serie „The Chosen“ (ab ca. 12 Jahren)
  • Fortlaufenden Adventskalender-Büchern wie „Komm doch mit nach Betlehem!“ (SCM-Verlag, ca. 5-10 Jahre) oder „Ricas Weihnachtsüberraschung“ (ca. 2-6 Jahre)

Für Erwachsene besonders schwer, aber für das Familienleben ungemein wichtig ist es, Unperfektheiten auszuhalten. Wenn wir Erwachsene an unsere Weihnachtserinnerungen denken oder überlegen, wie wir damals Weihnachten gern erlebt hätten – wäre dann wirklich eine einwandfrei saubere Wohnung oder ganz besondere Deko das Wesentliche? Letztlich entscheidet viel mehr das Maß der Herzlichkeit, Liebe und einer fröhlichen Stimmung darüber, wie positiv Kinder und Jugendliche Weihnachten erleben.

Weihnachten – das Fest der Widersprüche

Jugendliche empfinden das ach-so-friedliche Beisammensein einmal im Jahr mit allen Verwandten, auch der unliebsamen Tante Agatha, oft als heuchlerisch. Daher brauchen sie Unterstützung darin, das Geschehen differenziert einzuordnen. „Das ganze Jahr über wird gestritten und gezankt und dann plötzlich spielen wir uns Friede, Freude, Eierkuchen vor!?“ Hier können Erwachsene am besten reagieren, indem sie:

  • Die Ungereimtheiten und auch mögliche Konflikte und Fehler anerkennen und einräumen, dass nicht alle Beziehungen heil und friedlich sind
  • Und gleichzeitig hervorheben, dass gerade in diesem „sowohl als auch“ eine Chance stecken kann: Nämlich, dass die gemeinsame Besinnung auf etwas Größeres (die Geburt dessen, der sich selbst als „Licht der Welt“ bezeichnet und die Menschen auffordert, Frieden mit Gott und dem Nächsten zu machen) helfen kann, über Uneinigkeiten hinweg zu sehen oder diese zumindest nicht größer werden zu lassen, als sie sein müssten.

Kinder mit einbeziehen

Ein wichtiges Element für ein harmonisches Weihnachtsfest ist, Kinder und Jugendliche in das Geschehen einzubeziehen. Das kann sowohl bedeuten, dem Nachwuchs altersgemäße Aufgaben zu übertragen (beim Putzen, Dekorieren, Backen, etc. helfen) als auch, die kindlichen Ideen und Wünsche bei der Planung zu berücksichtigen. Hier gilt es, ein gesundes Maß zu finden – Eltern sollen und dürfen einen gewissen Rahmen vorgeben, der ihnen wichtig ist. Aber Kinder fühlen sich wertgeschätzt, wenn sie in gewissen Bereichen mitgestalten können, zum Beispiel: Was könnten wir den Großeltern schenken? Wie wollen wir die Bescherung gestalten? Was gibt es als Nachtisch?

Die Advents- und Weihnachtszeit, so schwierig sie oft ist, ist eine ganz besondere Zeit. Daher ist es so immens wichtig, vor allem die Zeit mit den Menschen, die wir lieben, zu genießen, auch wenn manches nicht perfekt ist.

Melanie Schüer Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche und Autorin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/12/Streit-an-Weihnachten_Getty-Images_Estradaanton_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-12-12 16:06:432023-12-12 16:06:43Familienstreit an Weihnachten – So können Sie Ihrem Kind helfen

Ein Paar, zwei Perspektiven: Haarscharf

Katharina Hullen liebt lange Haare – nur nicht, wenn sich Läuse darin tummeln.

Katharina: Letztes Jahr im Advent habe ich etwas Wichtiges gelernt: Fülle den Adventskalender deiner Töchter niemals mit Haarklammern für besondere Frisuren, wenn dein eigenes Nervenkostüm nicht für das Frisieren anderer ausgelegt ist!

Beim Kauf dachte ich, dass die Mädchen sich sicher voller Tatendrang gegenseitig mit diesen Frisurwundern beglücken würden. Pustekuchen! Stattdessen saßen alle drei mit gekämmten Haaren und hohen Erwartungen vor mir und ich vor dem Erklärvideo, um dann doch kläglich zu scheitern. Es hat nicht viel gefehlt und wir hätten die Spangen aus den Haaren herausschneiden müssen.

Ach, seit jeher wünsche ich meinen Kindern diese Mutter, die ihnen jeden Morgen mit zwei, drei Kniffen eine besonders raffinierte Frisur zaubert und ihnen mit gutem Beispiel, top gestylt mit ausgefallenen Frisuren vorangeht. Doch bis jetzt haben sie von mir nur lernen können, dass man mit gekämmten Haaren das Haus verlässt. Zumindest theoretisch. Und dann meine Jungs: Beim Anblick ihrer Haarpracht habe ich alle paar Wochen dieses beklemmende Gefühl, dass man eigentlich schon längst nicht mehr von Frisur sprechen kann. Darum verteile ich morgens großzügig Kappen und Mützen, zusammen mit dem Tipp, diese besser in der Schule nicht abzunehmen. Denn deren Haare wachsen schneller, als man einen neuen Termin beim Friseur vereinbaren kann: Wilde Haarbüschel stehen in alle Himmelsrichtungen ab, ganz zu schweigen von den halb zugewachsenen Ohren und dem Pony, der bis ins rechte Auge hängt. Da widerstehe ich mühsam der Versuchung, eine Haarklammer einzusetzen, damit der Junge auch was sehen kann.

Ich fürchte, Haare haben bei mir eine untergeordnete Priorität, und wenn sie dann doch mal nach Aufmerksamkeit schreien, stresst mich das.

In der Vergangenheit gab es daher schon einige Übersprung-Ausrufe wie: „Wir schneiden hier jetzt alles ab!“ Zum Beispiel, als wir alle Läuse hatten. Vier langhaarige Damen und der Papa. Kennen Sie diese Läusekämme? Stundenlang saßen wir verkrampft, wütend und heulend auf der Terrasse und haben Haare gekämmt! Fürchterlich! Insgesamt zweimal sind wir bislang schon durch die ziepende Läusequal gegangen. Das war auch die einzige Zeit, in der ich morgens vor der Schule notgedrungen Zöpfe geflochten habe.

Oder damals, als unsere große Erstklässlerin sich beim Renovieren neugierig über den frischen Bauschaum beugte und mit den Haaren bis zum Ansatz kleben blieb. Tja, da half kein Auswaschen – nur noch die Schere. Die Friseurin, die die Sache richten sollte, konnte die Geschichte kaum glauben. Und sogar ihre Möglichkeiten waren da offensichtlich begrenzt.

Inzwischen sind unsere Teenagertöchter alle in der Lage, sich selbst tolle Frisuren zu machen, was beschämenderweise zu 100 Prozent der liebevollen Zuwendung ihrer Cousinen und Freundinnen zu verdanken ist.

Und ich freue mich darauf, dass irgendwann die Zeit kommen wird, wo meine Mädels auch besonders raffinierte Frisuren hinbekommen. Diesmal aber bei mir.

Hauke Hullen ist genervt, wenn die langen Haare überall den Teppich zieren.

Hauke: Es gibt Dinge, die sind nur in kleiner Dosis zu ertragen. Ratschläge der besten Ehefrau von allen zum Beispiel, oder Touristen, die ausgerechnet dort herumlungern, wo ich Urlaub machen will.

Ganz anders verhält es sich mit Haaren. Hier gilt: Je mehr, desto Mähne! Welch ein Symbol für Kraft, Jugend und Leben ist doch ein üppiges Haupthaar!

Meine drei Töchter sind allesamt mit langen Haaren gesegnet. Zwei tragen sie schulterlang, und die dritte hat einen Schweif bis zum Po und Beine bis zur Erde. Auch das Antlitz meiner Frau wird umschmeichelt von langen Haaren, was ihre ohnehin jugendliche Anmutung noch weiter unterstreicht.

Das Problem ist nur: Die Haare bleiben nicht dort, wo sie hingehören. Sie verlassen ihre eingeborene Gemeinschaft und suchen ihr Glück in der großen weiten Welt. Diese Welt besteht vor allem aus unserem Wohnzimmerteppich, wo wundersam verwobene Kunstwerke entstehen, welche das eigentliche Teppichmuster nur noch erahnen lassen. Der Staubsauger ist machtlos gegen die fest verwurzelten Nester, die wahrscheinlich allerlei Kleinstgetier einen sicheren Unterschlupf bieten, während irgendwann der Tag kommen wird, an dem ich mich in diesen Schlingpflanzen verheddere und elend zu Grunde gehe.

Auch in den anderen Räumen finden sich überall die individualistischen Haare meiner Holden, die sich auf den kalten Fliesen jedoch rasch auf ihren Herdentrieb besinnen und statt frei wieder Frisur sein wollen. Ließe man sie gewähren, hätten wir schnell in der ganzen Wohnung Teppich. Und es kann sich auch keiner vorstellen, welche Tentakel ich regelmäßig aus dem Duschabfluss entfernen muss, damit wir nicht allesamt ersaufen.

Nun mag mancher einwenden, dass auch wir Männer hier und da Haare lassen. Das ist richtig. Allerdings sind unsere Haare von solch bescheidener Länge, dass sie auf dem Fußboden überhaupt nicht als störend wahrgenommen werden. Fällt jedoch einem der Mädel ein Haar aus, schlängelt es sich von der Küche über den Flur bis ins Kinderzimmer, sodass direkt die ganze Wohnung dreckig ist. Wie unangenehm!

Früher empfand ich das mal anders. Wenn Katharina mich damals im elterlichen Hause besuchen kam, hinterließ sie auch das eine oder andere Haar auf dem Sofa. Jedes einzelne habe ich liebevoll aufgesammelt, bis ich eine stattliche Strähne zusammenbekommen hatte, die mich hinwegtröstete über die Wochen bis zu unserem nächsten Wiedersehen.

Und ich fürchte, dass irgendwann wieder die Zeit kommen wird, wo ich andächtig jedes einzelne Haar betrachten werde, das ich finden kann. Diesmal aber bei mir.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Katharin Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Hauke und Katharina treten als Kirchenkabarett „Budenzauber“ auf.  Gemeinsam haben sie fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/09/Hullen_gross.jpeg 2224 1668 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-07-14 12:08:172023-09-01 12:15:54Ein Paar, zwei Perspektiven: Haarscharf

6 bis 10 – Wackelzahnpubertät?

Elternfrage: „Unsere Tochter (6) flippt immer öfter aus – scheinbar wegen Kleinigkeiten. Eine andere Mutter sagte beiläufig, dass sie wohl in der Wackelzahnpubertät angekommen sei. Was hat es damit auf sich?“

Ich nenne die Wackelzahnpubertät immer mit einem Augenzwinkern meinen persönlichen Endgegner, denn keine Entwicklungsphase hat mich als Mutter so gefordert wie die Zeit rund um den Schuleintritt, wenn die Kinder kognitiv riesige Sprünge machen und sich körperlich vom Kleinkind zum Großkind entwickeln. Bestimmt merken Sie das schon: Arme und Beine werden länger und das ganze Kind scheint plötzlich überall „drüberzuhängen“, wenn man es, wie früher, zum Trösten oder Kuscheln auf den Schoß nehmen will.

Wechselspiel zwischen Nähe und Ablösung

Apropos Trösten und Kuscheln: Vielleicht ist es damit gerade auch gar nicht so einfach? Während es noch vor Kurzem normal war, dass Ihr Kind in emotionalen Nöten zu Ihnen kam und Sie es berühren durften, kann es sein, dass es jetzt erst mal ein bisschen Abstand braucht, wenn die Gefühle überkochen. Die Wackelzahnphase ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Nähe und Ablösung.

Kinder durchlaufen in dieser Zeit einen wichtigen Autonomieprozess. Schon länger sind neben den Eltern andere Menschen in ihrem Leben wichtig geworden: Betreuungspersonen, Gleichaltrige und auch mediale Idole dienen nun ebenfalls als Orientierungspunkte und prägen das kindliche Universum mit. Der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit und eigenen Wegen wird größer.

Ganz und gar angenommen

Gleichzeitig sind Kinder in dieser Phase noch klein und bedürftig. So kann es sein, dass sie nachmittags selbstbewusst mit anderen Kindern um die Häuser ziehen und nicht nach uns fragen und nachts in unser Bett gekrochen kommen. Vermutlich sucht Ihre Tochter nach ihren Wutanfällen selbst wieder die Nähe zu Ihnen und möchte eigentlich nur wissen und spüren, dass sie bei Ihnen geborgen und geliebt ist. Diese innerliche Ablösung kann nur gut funktionieren, wenn unsere Kinder sich bei uns ganz und gar angenommen fühlen und immer einen Ort haben, an dem sie sich sicher wissen.

Wenn Ihre Tochter also in emotionalen Nöten ist, machen Sie sich bewusst, dass sich bei ihr gerade viel verändert. Schauen Sie, wann sie Nähe braucht und sich mit Ihnen zusammen wieder beruhigen möchte und wann es gut ist, sie erst einmal bei sich und ihren Gefühlen zu lassen. Besprechen Sie solche Situationen hinterher mit ihr, nicht, um sie für ihren Wutanfall zu tadeln, sondern um zu verstehen, was da eigentlich in ihr vorgegangen ist und um ihr zu helfen, sich selbst besser zu begreifen.

Die Wackelzahnpubertät ist übrigens nicht nur mein persönlicher Endgegner, sondern auch meine Lieblingsphase in der kindlichen Entwicklung, denn nie wieder darf man so nah dabei sein, wenn sich eine junge Persönlichkeit entwickelt und entfaltet.

Daniela Albert ist Autorin, Eltern- und Familienberaterin, lebt mit ihrer Familie in Kaufungen und bloggt unter: www.eltern-familie.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/09/wackelzahnpubertaet.jpg 2024 2084 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-07-09 11:38:582023-09-01 11:40:096 bis 10 – Wackelzahnpubertät?

Unsichtbare Krise – Eheprobleme hinter der perfekten Fassade

Viele Paare geben nach außen hin ein perfektes Bild ab. Doch oft genug kriselt es hinter den Kulissen. Da kann mehr Offenheit helfen – oder eine Paarberatung. Von Marcus und Susanne Mockler

Betty und Jonas (Namen geändert) sind seit fünf Jahren verheiratet und bereits am Tiefpunkt ihrer Beziehung angelangt. So hatten sie sich das nicht vorgestellt: Betty, die seit der Geburt der beiden Kinder in Elternzeit ist, ist super gern Mama. Dennoch fürchtet sie manchmal, beruflich aufs Abstellgleis zu geraten, und es belastet sie das Gefühl, dass zu Hause so vieles an ihr hängen bleibt.

Jonas treibt die Aussicht auf einen bevorstehenden Karrieresprung an. Es scheint unvermeidlich, dass er mehr Zeit in der Firma verbringt als früher. Schließlich macht er das auch für seine Familie – Betty und die Kinder sollen es gut haben und materiell abgesichert sein. Er fühlt sich von ihr nicht gesehen in seinen guten Absichten und kann die ewige Unzufriedenheit von Betty nicht mehr ertragen.

In der wenigen Zeit, in der die beiden Gelegenheit zum Reden hätten, streiten sie sich inzwischen regelmäßig. Und so pendelt die Beziehung zwischen gegenseitigen Vorhaltungen und tiefer Frustration. Aber – und das ist das Spannende – nach außen zeigen sie sich immer noch als Bilderbuchfamilie. Wenn sie zum Beispiel sonntags zum Gottesdienst in ihre Gemeinde gehen, bemühen sich Betty und Jonas, intakt zu wirken und sich nicht hinter die Fassade schauen zu lassen.

Die beiden sind keine Ausnahme. In vielen Paarbeziehungen kriselt es und die wenigsten lassen sich dabei in die Karten schauen.

Kultur der Schwäche

Warum ist es so schwer, zu seinen Schwächen zu stehen und offen über die Schwierigkeiten, die man miteinander hat, zu reden? Niemand gibt gern zu, an bestimmten Stellen das Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Probleme sind in unserer Kultur meist ein Ausdruck von Schwäche. Praktisch jeder hat irgendwann im Leben die Erfahrung gemacht, für Schwächen kritisiert, ausgelacht oder gar bestraft zu werden. Das tut weh und ist erniedrigend, deshalb verbergen wir sie lieber nach außen.

Allerdings ist das fatal, denn durch die vielen Paare, die nach außen eine heile Ehe-Fassade präsentieren, wirkt es auf Krisen-Paare, als seien sie die einzigen, die den oft überhöhten Maßstäben und Erwartungen nicht gerecht werden. Dabei gilt eine ganz einfache Faustformel: „Beneide niemanden um seine perfekte Ehe – du weißt ja nicht, wie es hinter deren Fassade aussieht.“

Insbesondere Christen brauchen unbedingt eine Kultur der Offenheit, in der man nicht nur über seine Siege, sondern besonders auch über Niederlagen offen redet. In der man ehrlich zugibt, wo man noch Lernbedarf hat oder in welchen Herausforderungen man als Paar steht.

In unseren Eheseminaren legen wir Wert darauf, immer auch von eigenen Schwächen zu berichten und uns nicht als perfektes Paar zu präsentieren. Wir erzählen, wie wir Phasen durchlitten haben, in denen wir am liebsten ausgebrochen wären, wie lange es gedauert hat, bis wir das mit dem Sex für beide befriedigend hingekriegt haben oder wie wir nach Jahren immer noch in dieselben Fallen tappen. Hinterher bedanken sich die Paare nicht für die gute Präsentation oder die wertvollen Inhalte, sondern sie danken uns für die Authentizität. Das baut eine Brücke, um auch eigene Probleme ansprechen zu können. Und es macht Mut: „Wenn die das hinkriegen, dann können wir es auch schaffen.“

Vier Anzeichen einer echten Krise

Konflikte, Unzufriedenheit, Gefühle der Vernachlässigung – all das gibt es gelegentlich in jeder normalen Beziehung. Vier gravierende Anzeichen, dass bei einem Paar etwas so schiefläuft, dass sie Hilfe brauchen, beschreibt der Paarpsychologe John Gottman. Er nennt sie die „Apokalyptischen Reiter der Paarbeziehung“ und meint damit Kritik, Rechtfertigung, Verachtung und Rückzug.
Kritik: Natürlich kommt es vor, dass man sich an Dingen stört, die der oder die andere macht oder vernachlässigt. Gefährlich wird es, wenn sich eine Grundstimmung des Kritisierens und Nörgelns eingestellt hat. Wenn nämlich nicht deutlich mehr Ermutigung und Dankbarkeit ausgesprochen wird, als dass kritisiert wird, ist das Grundbedürfnis, vom anderen geliebt und akzeptiert zu sein, bedroht.
Verachtung: Das ist noch eine Nummer härter, wenn nämlich einer den anderen regelrecht herabwürdigt. Das zeigt sich in sehr abfälligen Worten dem anderen gegenüber, aber auch darin, wie man schlecht über den Partner oder die Partnerin vor Dritten redet.
Rechtfertigung: Die eigene Reaktion in Schutz nehmen, weil sie angeblich ja nur die Antwort auf das schlechte Verhalten des Partners war. Wer nie Verantwortung für einen Streit übernimmt, sondern die Schuld immer dem Gegenüber zuschiebt, ist genau in diesem Verhaltensmuster gefangen.
Rückzug: Ab und zu einander aus dem Weg zu gehen oder seine Ruhe zu brauchen, ist natürlich kein Problem. Wenn aber zwei Menschen unsichtbare Mauern zwischen sich errichten und den anderen gar nicht mehr an sich heranlassen, wenn jeder sein Leben lebt und kaum noch Berührungspunkte da sind, wenn sich vielleicht sogar einer von beiden schon in eine Konkurrenzbeziehung investiert, dann hat bereits eine innere Trennung stattgefunden.

Wenn diese vier Verhaltensweisen permanent vorhanden sind, dann ist es höchste Zeit, dass sich ein Paar Hilfe sucht. Und wie könnte diese Hilfe dann aussehen?

Der Wert von Freundschaften

In Krisen zeigt sich der Wert von guten Freundschaften ganz besonders. Paare sollten daher unbedingt nicht nur einander genügen, sondern Beziehungen mit Freunden pflegen. Dort sollten sie sich um eine Kultur der Ehrlichkeit und Offenheit bemühen. Die wird am ehesten dann entstehen, wenn sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und nicht nur berichten, was gut läuft, sondern auch über die Probleme sprechen. Eine Frau, die mit ihrem Mann in einer tiefen Krise steckte, wurde von ihrem Mann darum beneidet, dass sie so gute Freundinnen hatte, mit denen sie jetzt über vieles reden konnte. „Das war auch richtig harte Arbeit“, sagte sie ihm. „Es war nicht leicht, dranzubleiben, die Freundinnen regelmäßig zu treffen, sich zu öffnen und eigene Defizite vor den anderen zuzugeben.“

Bewährt haben sich auch Paar-Hauskreise, in denen man sich regelmäßig zu Fragen der Paarbeziehung austauscht, gemeinsam Beziehungsratgeber liest und sich in Schwierigkeiten gegenseitig Gebets- und praktische Unterstützung gibt.

Seelsorge- und Therapieangebote

Wer merkt, dass er oder sie allein nicht weiterkommt, sollte nicht zu spät den Weg zu Seelsorge oder Paartherapie suchen. Dazu gibt es jede Menge gute Angebote. Viele Gemeinden haben Ansprechpersonen dafür. Es gibt zudem Organisationen wie C-Stab oder Team.F, die Listen von möglichen Ansprechpartnern führen. Die Seelsorgerinnen und Berater stehen immer unter Schweigepflicht und bei einem unverbindlichen Erstgespräch kann man in der Regel feststellen, ob man die geeigneten Helfer gefunden hat.

Ein junges Paar, das in einer sexuellen Problematik feststeckte und nahe daran war, zu verzweifeln, fand den Weg in eine Paartherapie. Sie brauchten nur zwei Beratungsgespräche und die Probleme waren gelöst! Wie viele Jahre des Leidens blieben ihnen dadurch erspart, weil sie sich getraut haben, sich jemandem zu öffnen!

Oft dauert es jedoch länger. Manchmal kann die Beratung allerdings nicht mehr weiterhelfen; auch das darf nicht verschwiegen werden. Eine Erfolgsgarantie wird kein seriöser Berater geben. Das liegt allerdings manchmal auch daran, dass das Paar zu lange gewartet hat, bevor es sich Hilfe geholt hat.

Eine Kultur der Ermutigung für Paare

Ein Dach deckt man, wenn die Sonne scheint. Genauso sollten Paare an ihrer Beziehung in guten Zeiten arbeiten. Deshalb ist Prophylaxe so wichtig. Praktisch jede Paarbeziehung verliert mit der Zeit an Qualität, wenn sie nicht regelmäßig gepflegt wird und beide in das Beziehungskonto einzahlen.

Zum einen kann man als Paar selbst viel dafür tun: regelmäßige Dates, Eheabende, Gesprächszeiten, für die man sich Zeit im Kalender reserviert – egal, ob morgens beim Frühstück oder auch mal abends, wenn die meiste Arbeit erledigt ist oder die Kinder schlafen. Zeit zu zweit ist so wichtig, weil damit das Gegenüber das Gefühl bekommt: „Du bist mir wirklich wichtig.“

Ein toller Weg, an der Beziehung dranzubleiben und schwierige Situationen rechtzeitig zu beackern, ist das Mentoring. Einige Gemeinden haben sich da inzwischen Programmen angeschlossen und bieten das Paaren grundsätzlich an. Ein Paar könnte sich aber auch selbst ein geeignetes anderes, erfahrenes Paar suchen, von dem sie sich begleiten lassen und mit dem sie offene Gespräche über ihre kritischen Themen führen können.

Nicht zuletzt können Paare regelmäßige Beziehungs-Updates bekommen, indem sie Seminare (zum Beispiel von Team.F oder den Alpha-Ehe-Kurs) besuchen, Beziehungsratgeber zusammen lesen oder regelmäßig nach Vortragsangeboten (auch online) Ausschau halten. Die MarriageWeek Deutschland bietet ebenfalls eine Plattform, auf der Paare immer wieder gute Angebote finden können.

Wir träumen davon, dass in jeder Gemeinde dieses Bewusstsein erwacht, wie wichtig es ist, Paare zu ermutigen, an ihrer Beziehung zu arbeiten. Denn nur eines ist selbstverständlich: dass keine Paarbeziehung perfekt ist.

Marcus und Susanne Mockler – er Journalist, sie Paartherapeutin mit eigener Praxis und Vorsitzende der MarriageWeek Deutschland. Gemeinsam haben sie den Eheratgeber „Das Emma*-Prinzip – Sieben Schlüssel zu einer richtig guten Ehe“ geschrieben. geliebtes-leben.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/05/Mockler_unsichtbare-Krisen_BN_Getty-Images_urbazon-scaled-e1685002139853.jpg 1200 1800 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-06-20 11:48:352023-07-06 11:49:01Unsichtbare Krise – Eheprobleme hinter der perfekten Fassade

„Bist zu uns wie ein Vater …“

Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen hat Ähnlichkeiten zu unserem Elternsein. Lisa-Maria Mehrkens hat sich auf die Suche gemacht.

„Vater unser im Himmel …“ So beginnt das bekannteste Gebet. Ist Gott also der Idealtyp eines Vaters? Zuerst einmal ist „Vater“ eine Beschreibung Gottes, die uns helfen soll zu begreifen, wie Gott ist. Wir müssen als Eltern nicht so sein wie Gott. Aber wir können uns einiges von seinem Wesen und Handeln für unser Elternsein zum Vorbild nehmen.

Erreichbarkeit und Verlässlichkeit

„Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst“, so beginnt das bekannte Lied „Unser Vater“. Gott vergisst seine Kinder niemals und hält seine Versprechen ein! „Aber Mama, du hast mir das doch versprochen …“ Die Enttäuschung bei meinen Kindern, wenn ich im hektischen Alltag ein Versprechen vergessen habe, ist oft groß und das Vertrauen schwindet. Im schlimmsten Fall sind sich Kinder dann nicht mehr sicher, ob sie sich auf die Versprechen ihrer Eltern überhaupt verlassen können. Wir sollten deshalb vorsichtig mit unseren Zusagen sein und gegebene Versprechen im Zweifelsfall aufschreiben.

Das Lied geht weiter: „… der trotz all seiner Größe immer ansprechbar ist.“ Gott ist immer für uns da und gibt uns stets Priorität. Kinder haben manchmal ein Talent für ungünstiges Timing. Sie haben meist dann ein Anliegen, wenn die Eltern gerade beschäftigt sind oder es eilig haben. Aus elterlicher Sicht erscheint das kindliche Problem dann nicht so dringend oder wichtig. Doch wie würde es uns gehen, wenn wir beten und als Antwort von Gott hören: „Warte mal kurz, ich kann mich gerade nicht um deine kleinen Probleme kümmern, ich habe Wichtigeres zu tun“? Manchmal hilft es, innezuhalten und die Situation durch Kinderaugen zu sehen. Kinder wollen ernst genommen werden und die Eltern als verlässliche Ansprechpartner erleben. Aufmerksam zuhören und gemeinsam überlegen, wie und wann das Anliegen gelöst werden kann, bewirkt oft schon viel.

Liebe und Wertschätzung

Gott beschenkt uns großzügig mit seiner Liebe. Und diese Liebe ist bedingungslos! Gott sagt nicht: „Ich liebe dich, wenn du machst, was ich dir sage. Wenn du gute Noten schreibst, dein Zimmer aufräumst, Pfarrer wirst…“ Gott liebt uns als seine Kinder bedingungslos. Vor ihm dürfen wir ehrlich sein, müssen uns nicht verstellen oder irgendwelche Erwartungen erfüllen. Auch die meisten Eltern lieben ihre Kinder bedingungslos. Aber im Alltag fällt es nicht immer leicht, sie mit allen Ecken und Kanten wertzuschätzen – auch oder gerade dann, wenn sie unsere Erwartungen mal nicht erfüllen.

Einzigartig und zu seinem Ebenbild geschaffen

Eltern suchen bei ihren Kindern immer wieder nach Vertrautem: „Die Augen hat sie von mir.“ Oder: „Genauso habe ich mich als Kind auch benommen.“ An diesen Ähnlichkeiten erkennt man die Zugehörigkeit der Kinder zu ihren Eltern. Auch Gott als unserem himmlischen Vater geht es so. Wir sind zu seinem Ebenbild geschaffen und Gott freut sich, wenn wir ihm ähnlicher werden in unserem Denken und Handeln. Gleichzeitig ist jeder von uns einzigartig gemacht. Diese Unterschiede erscheinen uns bei uns selbst oder unseren Kindern im Vergleich mit anderen oft als Schwachstellen. Meist sehen wir nur, worin wir schlechter sind als andere. Doch Gott liebt Vielfalt und Einzigartigkeit! Daher dürfen auch wir uns und unsere Kinder in aller Unterschiedlichkeit annehmen und besonders wertschätzen.

Geduld und Vergebung

Oft verliere ich im Umgang mit meinen Kindern die Geduld. Wenn meine Tochter auf dem Weg in die Kita trödelt, obwohl ich es eilig habe. Wenn ich meinen Sohn zum zehnten Mal vom Stuhl herunternehme, auf den er nicht klettern soll. Wenn meine Kinder dann leise „Entschuldigung, Mama“ sagen, verraucht meine Wut. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich lauter geworden bin. Weil Gott vollkommen ist, bekommt er es besser hin. Er ist im Umgang mit uns unendlich geduldig, bleibt stets gelassen und ist immer wieder neu zur Vergebung bereit. Sanftmütig und liebevoll nimmt er uns immer wieder an und gibt uns eine neue Chance. Diese Güte und Geduld dürfen wir an unsere Kinder weitergeben. Dass wir das nicht so perfekt hinbekommen wie Gott, liegt daran, dass wir Menschen sind …

Liebe und Grenzen

Wenn ich meinen Kindern zum Nachtisch ein weiteres Stück Schokolade verbiete oder sie bei Minusgraden nicht im Lieblingssommerkleid rauslasse, führt das oft zu Wutanfällen. Denn sie verstehen den Grund für mein Nein nicht. Sie sehen nur die unmittelbare Situation, nicht deren Folgen oder das große Ganze. Manchen Eltern fällt es dann schwer, den verständlichen Ärger der Kinder auszuhalten. Doch seine Kinder zu lieben, kann auch bedeuten, ihnen Grenzen zu setzen.

Auch Gott sieht in uns Potenzial, das wir manchmal selbst noch nicht sehen. Er will uns helfen, es zu entfalten. Dafür kann es nötig sein, uns zu korrigieren oder in Liebe Grenzen zu setzen. Das kann für uns ein herausfordernder oder sogar schmerzhafter Weg sein, den wir nicht immer verstehen. Vielleicht lässt Gott Dinge in unserem Leben zu, die nicht zu unserem Bild von ihm als Vater passen. Oder er versperrt Wege, die wir gern gegangen wären. Doch wie alle Eltern für ihre Kinder will auch Gott unser Bestes! Wir können darauf vertrauen, dass unser Vater im Himmel weiter sieht und mehr versteht als wir und am Ende alles zum Guten führen wird.

Freiraum und Halt geben

Als meine Tochter Fahrradfahren lernte, brauchte sie anfangs noch viel Hilfe. Ich musste sie festhalten, damit sie nicht stürzt. Irgendwann wurde sie sicherer auf dem Rad und wir lernten beide, loszulassen. Ich musste lernen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und ihr den nötigen Freiraum zu geben, damit sie allein ihren Weg fahren kann. Auch unser himmlischer Vater ist ein sicherer Halt und Schutz für uns, auf seine Unterstützung können wir stets vertrauen. Gleichzeitig lässt er uns unseren Willen und Freiraum, damit wir uns entwickeln und entfalten können. Er traut uns eine Menge zu, ohne jede Angst, dass wir den Herausforderungen nicht gewachsen sein könnten. Wir dürfen eigene Erfahrungen sammeln und er hilft uns bei Bedarf. Wie in der Geschichte des verlorenen Sohnes dürfen wir jederzeit in Gottes offene Arme zurückkehren, wenn wir uns verlaufen haben.

Als Eltern können wir auch unseren Kindern ein sicherer Hafen sein, zu dem sie immer zurückkehren können. Aber sie dürfen auch ihre eigenen Wege gehen, selbst wenn diese vielleicht von den elterlichen Vorstellungen abweichen. Und wir dürfen uns entspannen und ihnen zutrauen, dass sie in dieser Welt zurechtkommen und das Potenzial entfalten, das Gott in sie hineingelegt hat.

Kind sein beim himmlischen Vater

Auch wenn wir selbst Eltern sind, bleiben wir immer Kinder Gottes. Unser Vater im Himmel freut sich mit uns über Gutes in unserem Leben. Er schützt uns, wenn wir Angst haben. Er leidet mit und tröstet uns in schweren Zeiten. Er stellt sich vor uns und kämpft, wenn wir es gerade nicht können. Was für ein Geschenk, dass wir immer wieder in seine Arme laufen können! Er sehnt sich nach Gemeinschaft mit uns. Vielleicht erinnert er uns ab und an daran, dass das letzte Gespräch mit ihm schon eine Weile her ist. Oder er fragt leise an, ob wir nicht mal wieder Zeit mit ihm verbringen wollen. Dann dürfen wir Gottes Töchter und Söhne sein, uns von ihm beschenken lassen mit seiner Gegenwart und seinem Segen und einfach die Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater genießen. Dann dürfen wir beten: „Unser Vater im Himmel …“

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/Geber86_GettyImages-872660424-scaled.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-06 13:49:232023-04-06 13:49:44„Bist zu uns wie ein Vater …“

0 bis 2 – Vor dem Baby daddeln?

Elternfrage: „Ist es okay, wenn ich mein Handy vor den Augen meines Kleinkindes benutze? Oder ist es irgendwie schädlich? Und macht es mich gleich zum schlechten Vorbild?“

Im stressigen Familienalltag kann das Smartphone eine große Unterstützung sein und ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Ob Absprachen in der Kita-WhatsApp-Gruppe, Einkaufslisten-Apps oder Online-Shopping für die Großen und Kleinen – das Internet erleichtert uns die Organisation von vielen Dingen enorm. Zudem hält das Netz für Sie als Eltern unzählige Informationsmöglichkeiten bereit. Darüber hinaus nutzen wir das Smartphone auch zur Unterhaltung und Entspannung, indem wir Beiträge lesen, durch Social Media scrollen oder Videos anschauen. Es ist also auch eine willkommene Quelle, um mal kurz abzuschalten und dem Alltag für ein paar Augenblicke zu entkommen.

Vorbildrolle bedenken

Dass Eltern das Smartphone ab und zu in die Hand nehmen und vor den Augen ihres Kleinkindes benutzen, lässt sich daher nicht vermeiden. Es spricht erst einmal auch nichts dagegen. Wer dies jedoch sehr häufig tut, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Art und Weise, wie man als Elternteil mit Medien umgeht, die eigenen Kinder prägt – auch bereits die ganz Kleinen. Diese werden zum einen neugierig auf das digitale Gerät und möchten es auch anschauen und benutzen. Zum anderen merken sie schon früh, wenn die Aufmerksamkeit des Elternteils nicht auf ihnen liegt. Im schlechtesten Fall kann dies die Beziehung zwischen Kind und Elternteil sogar stören.

Die gemeinsame Zeit ohne Ablenkung genießen

Der elterlichen Vorbildrolle im Alltag gerecht zu werden, ist nicht immer einfach. Wenn es um den Umgang mit digitalen Medien geht, sollten Eltern schauen, wie sie sich regelmäßig Auszeiten vom Smartphone schaffen. In diesen Zeiten können sie sich ausschließlich mit dem Kind beschäftigen, ohne dass die Aufmerksamkeit leidet und man vom Smartphone abgelenkt wird. Statt häufig auf den Bildschirm zu starren, ist es daher wichtig, die gemeinsame Zeit zu genießen, dem Kind zuzuhören und ihm zu vermitteln, dass Sie voll und ganz anwesend sind. Sich ohne Ablenkung auf Ihr Kind zu konzentrieren, tut sowohl dem Kind als auch Ihnen selbst gut. Das schafft noch mehr Nähe und bietet Raum für wichtige Momente ohne digitalen Begleiter.

Derya Leehmeier ist Referentin bei der Landesanstalt für Medien NRW für die EU-Initiative klicksafe.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/04/handynutzung-e1680782430605.jpg 1145 1482 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-04-05 13:55:352023-05-12 11:10:130 bis 2 – Vor dem Baby daddeln?

Sicher und geborgen die Welt entdecken

Was brauchen Kinder für eine seelisch gesunde Entwicklung? Die Therapeutin Dorothea Beier erklärt die fünf Grundbedürfnisse und wie Eltern darauf eingehen können.

Jeder Mensch hat Bedürfnisse, wie zum Beispiel Hunger und Durst, die rein körperlicher Art sind. Darüber hinaus gibt es wichtige seelische Bedürfnisse. Sie zu sehen und zu befriedigen, legt entscheidende Grundlagen für eine seelisch gesunde Entwicklung. Anhand eines fiktiven Beispiels sollen die fünf Grundbedürfnisse kurz erklärt werden.

Johann, gerade acht Monate alt, jauchzt vor Vergnügen. Mama beugt sich über seine Wippe, hat eine Quietscheente in der Hand und spielt ihm etwas vor. Das ganze Szenario geht nun schon fünf Minuten und der kleine Kerl ist immer noch begeistert. Nun greift er nach der Ente und wirft sie auf den Boden. Mama hebt sie auf, gibt sie zurück. Und aus Runterwerfen und Aufheben entsteht ein neues Spiel.

Johann spürt: „Mama kennt meine Bedürfnisse und antwortet darauf.“ In seinen ersten Lebensmonaten hat sie sogar prompt auf seine Laute reagiert und ist auf ihn eingegangen. Sie hat erspürt, was er braucht, das Bedürfnis ausgesprochen und seinen Wunsch erfüllt. Nicht immer war es die Brust, manchmal wollte er einfach beschäftigt werden.

Auf Bedürfnisse einzugehen, bedeutet nicht nur, sie zu erfüllen, sondern auch, sie verbal und nonverbal zu spiegeln. Das gibt Sicherheit und das Gefühl, verstanden zu werden. Johann hat bereits gelernt: „Meine Welt ist sicher, ich kann mich auf andere verlassen, ich bin liebenswert – ich bin wertvoll.“ Ein wichtiges Grundbedürfnis wurde bereits durch das feinfühlige Antworten der Mutter auf seine Signale gestillt: das Bedürfnis nach Bindung. Das Wahrund Ernstnehmen schafft eine Verbindung, die gleichzeitig hilft, ein gesundes Selbstwertgefühl auszuprägen.

Freiheit entdecken

Inzwischen hat Johann sich auf die Beine gestellt. Es war für ihn ein großer Tag, als er sich zum ersten Mal allein durch den offenen Türspalt bewegen konnte. Sein Lieblingswort ist nun: „leine“. Begeistert greift Johann zum Beispiel nach den Kartoffeln, Karotten, Nudeln und Wurststückchen auf seinem Teller, denn er möchte nicht mehr gefüttert werden.

In seinem Verhalten zeigt sich ein weiteres wichtiges Grundbedürfnis: das Bedürfnis nach Autonomie. Die Bedürfnisse nach Bindung und Autonomie stehen in einem Wechselverhältnis: Eine sichere Bindung ist für das Erkundungsverhalten (Autonomie) eines Kindes sehr wichtig. Hieraus schöpft es seinen Entdeckermut, braucht aber auch noch weiterhin den „sicheren Hafen“, zu dem es immer wieder zurückkehren kann.

Grenzen erfahren

Johann ist nun schon fast zwei Jahre alt und er entdeckt die Welt. Das Leben ist so schön! Er probiert vieles aus, doch manchmal sagen Mama und auch Papa „Nein!“. Das mag Johann nicht, aber es gehört dazu; denn auch angemessene Grenzen sind nötig, um sich gesund entwickeln zu können. Tatsächlich gehört es auch zu den fünf wichtigen seelischen Grundbedürfnissen: das Bedürfnis nach realistischen Grenzen und Selbstkontrolle. Die Entwicklungspsychologie spricht davon, dass Kinder (nicht Säuglinge!) hin und wieder auch die Erfahrung von „Vergeblichkeit“ machen müssen. Indem ein Kind manchmal etwas nicht (gleich) bekommt, lernt es, in gemischten Gefühlen zu denken und aus dem Schema des Schwarz-Weiß-Denkens herauszufinden. Das ist ein wichtiger Reifeschritt, der im späteren Erwachsenenleben viele Vorteile hat, zum Beispiel im Treffen von Entscheidungen. Auf der Basis einer sicheren Bindung kann ein angemessenes „Nein“ sogar helfen, einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt zu machen. Nicht zuletzt erlangt das Kind hierdurch auch eine gesunde Frustrationstoleranz.

In diesem Prozess ist es wichtig, sich immer wieder gut in das Kind einzufühlen und ihm seine Gefühle zu spiegeln. Kinder können erst ab dem fünften Lebensjahr ihre Gefühle allmählich selbst regulieren. Werden sie damit wiederholt alleingelassen, erschwert das die Emotionsregulation, was häufig zu unerklärlichen Gefühlsausbrüchen führen kann. Indem Eltern ihren Kindern Gefühle spiegeln, helfen sie ihnen, sie wahrzunehmen und einzuordnen. „Du bist gerade wütend, mein Schatz! Mama/Papa versteht dich, Mama/Papa ist bei dir …“ Solche und ähnliche Sätze helfen dem Kind und bringen das Gefühlschaos wieder zur Ruhe.

Spielen und Spaß haben

Johann ist jetzt drei Jahre alt. Er liebt es zu spielen und hat eine ausgeprägte Fantasie. Mama und Papa helfen ihm, in ein Spiel hineinzufinden, um ihn dann auch wieder vergnüglich allein spielen zu lassen. Manchmal sitzen sie auf dem Fußboden des Kinderzimmers, spielen mit Playmobil und Mama oder Papa denken sich dabei viele Geschichten aus. Johann liebt es, wenn die Eltern ihn in seiner Fantasiewelt anregen und abholen. Jeder Gegenstand beginnt zu leben: Der Ball wird Dickie, ein Buntstift ist Olga und eine Zahnbürste ist Jolante. Am Abend fällt das Zähneputzen gar nicht schwer, denn Jolante ist neugierig und möchte gern Johanns Zähne sehen.

Kinder haben in diesem Alter eine ausgeprägte Fantasie, die ihnen dabei hilft, sich in der Welt zurechtzufinden. Diese Fantasiewelt ernst zu nehmen und sie darin abzuholen bzw. anzuregen, ist sehr hilfreich und kann auch genutzt werden, um brenzlige Situationen im Alltag zu entschärfen, wie zum Beispiel das Zähneputzen oder Schuheanziehen.

Kindergartenkinder wie Johann lieben das Rennen, Balancieren und Klettern. Neben den körperlichen entwickeln sich auch die kognitiven Fähigkeiten. Kinder lernen, sich immer besser auszudrücken. Die beste Unterstützung dieser Fähigkeiten ist das Vorlesen – am Abend, aber auch zwischendurch.

Lob und Anerkennung

Mit fünf Jahren ist Johann nun schon richtig selbstbewusst. Er weiß, was er möchte, und kann das seinen Eltern mitteilen. Mama und Papa haben entdeckt, dass Johann sehr musikalisch ist. Er wünscht sich eine Geige und möchte gemeinsam mit den Eltern musizieren. Sie bestärken ihn darin und zeigen ihre Freude darüber. Auf solche Weise wird das Bedürfnis nach Autonomie, zu dem auch Identität und Kompetenz (Selbstwert und Anerkennung) gehören, gestärkt. Auch beim Fußballspielen mit Papa wird dieses Bedürfnis immer wieder befriedigt; denn Papa staunt jedes Mal über Johanns Geschicklichkeit mit dem Ball.

Resilienz durch Spiel und Spaß

Inzwischen geht Johann gern zur Schule. Er hat Freunde gefunden, mit denen er sich häufig trifft. Einmal in der Woche ist Geigenunterricht. Mama und Papa sorgen dafür, dass Johann neben den Schulaufgaben und dem Geige-Üben genug Zeit findet, um seinem Bedürfnis nach Spiel und Spontaneität nachgehen zu können. Das macht Kinder stark und fördert ihre Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Kinder brauchen für ihre seelisch gesunde Entwicklung genug Ruhezeiten, in denen sie ganz bei sich selbst sein dürfen.

Bedürfnisse und schlechte Gefühle

Die Bedürfnisse sind ein Schlüssel zur Gefühlswelt unserer Kinder, denn hinter schlechten Gefühlen oder auch hinter auffälligen Verhaltensweisen stecken immer ungestillte Bedürfnisse. Indem wir auf die Bedürfnisse achten, sie benennen und anerkennen, können wir uns selbst und unsere Kinder besser verstehen lernen. Oft sprechen wir von „schwierigen Kindern“ und geben ihnen damit einen Stempel. Erkennen wir das Bedürfnis hinter einem offensichtlich auffälligen Verhalten des Kindes, können wir angemessen helfen.

Marshall Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation GFK, zeigt Strategien auf, die besonders in konfliktreichen Situationen sehr hilfreich sind: In einem ersten Schritt ist es wichtig, auszusprechen, was ich als Erwachsener sehe, ohne dies zu bewerten. Im zweiten Schritt geht es darum, das Gefühl in der jeweiligen Situation zu benennen – das eigene oder das des Kindes. Im dritten Schritt hilft es, das Bedürfnis der Beteiligten zu verbalisieren. Ein vierter Schritt in der GFK ermutigt dazu, eine Bitte des Erziehenden zu äußern. Hiermit wird ein weiteres wichtiges Grundbedürfnis erfüllt: das Bedürfnis nach Freiheit im Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen. Diese Freiheit führt dazu, dass Kinder einen positiven Zugang zu sich selbst und zu ihren Gefühlen finden.

Unsere Kinder müssen übrigens nicht immer mit uns einer Meinung sein! Sie haben auch das Recht, Nein zu sagen. Dadurch nehmen sie nicht gleich eine Herrscherrolle in der Familie ein. Stattdessen entwickelt sich ein respektvoller Umgang im Miteinander, der die Selbstwirksamkeit fördert und das Bedürfnis nach Autonomie stillt.

In dem Beispiel von Johanns Entwicklung sehen wir, was Kinder brauchen. Natürlich läuft es nicht immer perfekt im oft stressigen Alltag. Da hilft es zu wissen: Auch Eltern dürfen Fehler machen! Ja, diese sind normal und sogar wichtig; denn hierdurch können Kinder lernen, wie man sich verhalten sollte, wenn man etwas falsch gemacht hat. Fehler anzuerkennen und sich dafür bei den Kindern zu entschuldigen, stärkt die Beziehung im Miteinander, schafft einen noch engeren Zusammenhalt und ein positives Familienklima.

Auch Erwachsene haben Bedürfnisse, die gestillt werden müssen. Daher ist ein achtsamer Umgang mit den Kindern genauso wichtig wie der achtsame Umgang mit sich selbst.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Coach für Kinder und Jugendliche. Sie lebt und arbeitet in Uelzen. www.praxis-dbeier.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Everste_GettyImages-1333736375-scaled-e1676471025117.jpg 1777 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-15 15:25:322023-07-13 08:50:41Sicher und geborgen die Welt entdecken

Ein Paar, zwei Perspektiven – Neuland

An Veränderungen gewöhnen

Katharina Hullen ärgert sich darüber, dass ihr Mann der großen Tochter mehr erlaubt, als sie es tun würde.

Katharina: Nun ist es also so weit: Das Jüngste unserer fünf Kinder wurde eingeschult, die hullensche Kindergartenzeit ist nach 12 Jahren endgültig vorbei. Der Alltag muss umstrukturiert werden. Neue Zeiten, neue Regeln, neue Diskussionen. Bei so viel Neuem schnappe ich mir unseren Erstklässler und gönne ihm – und mir – ein Wochenende zu zweit.

Doch bevor wir aufbrechen, setzt mich unsere Älteste zwischen Tür und Angel noch darüber in Kenntnis, was sie an diesem Wochenende so vorhat. Sie ist mit dem neuen Schuljahr in die Oberstufe aufgestiegen und ist – irgendwie plötzlich – unglaublich beschäftigt und ständig unterwegs. Und, wie mir auffällt, mit völlig neuen Freunden, deren Namen nie zuvor gefallen sind. Und Partyeinladungen – die sind irgendwie auch neu. Also nicht mehr so Kindergeburtstagsfeiern am Samstag um 15 Uhr, sondern Partys mit Jungs und Mädels und ja, auch mit etwas Alkohol. Eben zu so einer Party von einem neuen Freund wollte unsere frische Oberstufen-Tochter an diesem Wochenende.

Als ich von meinem sommerlichen Mutter-Sohn-Wochenende zurückkehre, erfahre ich dann Folgendes: Irgendwann Samstagnacht hatte unsere Tochter den besten Ehemann oder passenderweise den besten Vater der Welt angerufen und ihm erklärt, es sei so schön und es würden spontan ein paar Schulfreundinnen und Schulfreunden über Nacht bleiben, und ob sie denn nicht auch bitte dort schlafen dürfe? Auf den Gartensofas auf der Terrasse?

Und, was glauben Sie, war seine Antwort? „Ich weiß, Mama würde dir das jetzt sicher nicht erlauben, aber ich kann dich gut verstehen – Oberstufenzeit ist toll! Ja, übernachte ruhig dort!“

Soll ich lachen oder schreien? Ich könnte mich ärgern darüber, dass er sich wissentlich und öffentlich in dieser Sache gegen meine vermutliche Entscheidung gestellt hat. Andererseits war er zuständig in dieser Situation und hat eben aus dem Bauch heraus voller Empathie und Liebe seiner Großen einen Wunsch erfüllt. Nicht ohne zu betonen, dass selbstverständlich alle Bedenken, die gegen diese Übernachtung sprächen, sicher von mir vorgetragen worden wären, aber zum Glück ist Mama ja jetzt nicht da – ein zweifelhaftes Bündnis, wie ich finde. Ich meine, natürlich hat Hauke weniger Probleme mit dieser Veränderung (Neuerungen, neuen Ideen), schließlich wusste er auch schon zu Kindergeburtstagszeiten die Namen der Freundinnen nicht.

Ich weiß auch: Diese Entwicklung ist völlig normal und richtig so. Es ist auch schön zu sehen, wie unsere Große an der geöffneten Tür in die große weite Welt steht. Klug, vernünftig, begabt, mit Träumen und Zielen und Fragen – es gibt faktisch nur Grund zur Freude. Und doch spüre ich: Mein Herz muss sich noch und immer wieder gewöhnen an all die großen und kleinen Veränderungen.

Freude über den Neustart

Hauke Hullen ist zwar genervt vom Elterntaxi, aber freut sich auch über neue Freiheiten.

Hauke: „Du, Papa, wir treffen uns heute Abend noch mit Freunden, kannst du mich später abholen?“ Wenn ich diese Worte von meiner frisch in die Oberstufe eingetauchten Tochter höre, dann flattern die verschiedensten Gedanken durch meinen Kopf. Zum Beispiel: „Toll, meine Tochter hat Freunde!“ Oder: „Super, dann können die beste Ehefrau von allen und ich endlich unsere Serie weitergucken!“ – denn in unserer dicht besiedelten Wohnung haben wir nur selten die Gelegenheit, mal alleine vor dem Bildschirm zu sitzen. Und drittens denke ich seufzend: „Uff, wieder eine lange, mitternächtliche Fahrt durch die Vorort-Steppen des Rheinlandes …“

Denn das ist der Nachteil des Lebens am Stadtrand – die nächste Schule ist weit weg, auf der anderen Seite der Stadtgrenze. Busse wagen sich nur am helllichten Tage und nur zu Stoßzeiten in das Revier des rivalisierenden Verkehrsbetriebes, sodass es nur schwer möglich ist, Sozialkontakte anzubahnen – eben weil kaum eine Bahn fährt.

Also Elterntaxi. Was einem immerhin die Gelegenheit verschafft, einen Blick auf die Jugendlichen zu werfen, mit denen unsere Tochter neuerdings noch viel lieber Zeit verbringt als mit uns. Das schmerzt natürlich ein wenig. Andererseits wollen diese Jugendlichen auch lieber Zeit mit unserer Ältesten statt mit ihren eigenen Eltern verbringen – und das werte ich einfach mal als Kompliment für die langen Jahre unserer aufopferungsvollen Erziehung.

Allerdings ist noch nicht ganz geklärt, was von unserer Erziehung übrig bleiben wird, wenn die von uns geprägten Werte und Normen erst einmal den Erosionskräften der Peergroup ausgesetzt sind. Erstes Indiz: „Ich habe gar nichts getrunken“, versicherte unsere Tochter, die bislang ja auch keinerlei Interesse an Alkoholika gezeigt hatte, nach der letzten Party. Kurze Pause. „Nur ein Glas Wein.“ Aha. Hm. Soso.

Die Kleine trinkt jetzt also Wein – dabei ist sie doch gefühlt gerade erst eingeschult worden. Aber so ist halt der Lauf der Zeit, und so freue ich mich einfach mit über den guten Start meiner Tochter in die Oberstufe, wo sich neue Bekannt- und Freundschaften ergeben, wo das Musizieren in der Schülerband großen Spaß macht und wo neue Freiheiten auf dem Weg zum Erwachsenwerden ausgelotet werden. Statt sich an die Vergangenheit zu klammern, sollten wir uns lieber pragmatisch auf die Möglichkeiten freuen, die in Zukunft auf uns warten. Während ich mich also hinters Lenkrad klemme, wirft mein inneres Auge einen raschen Blick auf die nächsten Etappen der Abnabelung und ich gewöhne mich schon mal an den Gedanken, dass nach den nächsten ein, zwei Partys wahrscheinlich der Auszug dran ist. Sehen wir’s positiv: Dann haben wir endlich die Chance auf ein Kino-Zimmer!

 

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Hullen_Illustration_23-1_BN_Ann-Sophie-Bartolomaeus.jpeg 1668 2224 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-14 13:38:482023-05-12 11:12:36Ein Paar, zwei Perspektiven – Neuland

Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Grenzüberschreitungen sind in der Partnerschaft keine Seltenheit. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt die Hintergründe und gibt Tipps, um Konflikte gut zu gestalten.

Liebende öffnen ihre Grenzen. Sie geben einander immer mehr von sich preis und beeinflussen sich gegenseitig. Irgendwann teilen sie Bad und Bett, Geld und Gegenstände. Und doch haben auch Liebende in alledem ein Gespür dafür, ob sie frei bleiben oder ihrer Freiheit beraubt werden. Wo die Freiheit verloren geht, hat ein Partner eine Grenze überschritten. Wie leicht das geschieht, zeigen folgende Beispiele.

Grenzüberschreitung: 4 Beispiele

 

  1. Aus Mangel Grenzen überschreiten. Wenn Ilva etwas fehlt, wird sie schnell von ihren Gefühlen überwältigt. Dann überredet sie Gerd. Sie zeigt ihre Wut oder ihre Sorgen so stark, bis Gerd schließlich mehr auf ihre Wünsche eingeht, als ihm eigentlich recht ist. Dass Gerd Belastungsgrenzen hat, zum Beispiel in Konflikten, kann Ilva nicht immer akzeptieren. Sie hindert ihn daran, sich zurückzuziehen, und hält ihn in Aussprachen fest, die Gerd eigentlich viel zu lange dauern. Aber Ilva kann nicht locker lassen, bis das Gespräch zumindest irgendein Ergebnis hat, das sie zufriedenstellt. Gerd würde seine Ehe als glücklich bezeichnen, denn mit der gleichen Leidenschaft, mit der Ilva manchmal Grenzen überschreitet, liebt, lobt und begehrt sie ihn auch. Trotzdem wirken sich Ilvas Grenzüberschreitungen auf das gemeinsame Leben aus. Gerd ist im Lauf der Beziehung immer passiver geworden und überlässt Ilva die meisten Entscheidungen. Manche Gedanken behält Gerd einfach für sich, wenn er ahnt, dass Ilva gegen seine Vorstellungen ankämpfen würde.
  2. Aus Überverantwortlichkeit Grenzen überschreiten. Ingo war der Älteste unter vier Geschwistern. Er hat früh Verantwortung übernommen, wohl zu früh und zu viel. Patrizia dagegen war die zweite und damit die Kleine, neben den Eltern und der älteren Schwester. Sie kann die Dinge auch einmal laufen lassen, im Augenblick leben und ihn genießen. Patrizias Leichtigkeit war sicher ein Grund dafür, warum Ingo sich in sie verliebt hat. Aber im Alltag setzt ihn Patrizia unter Stress, wenn sie zum Beispiel die Zeit aus dem Blick verliert, Aufgaben nicht effizient erledigt und Verpflichtungen anderen gegenüber lockerer sieht. Dann gibt ihr Ingo knappe Anweisungen, nimmt ihr Aufgaben aus der Hand oder trifft Entscheidungen, die eigentlich beide angehen, einfach allein. Damit überschreitet er aber Patrizias Grenzen, die der Respekt vor ihrer Freiheit setzt. Wenn Patrizia entspannt ist, lässt sie Ingo einfach machen. Schließlich meint er es ja gut. Manchmal fühlt sich Patrizia aber auch entmündigt.
  3. Aus Angst Grenzen überschreiten. Martina war schon immer anhänglich und verschmust. Als sie sich kennengelernt haben, hat man Martina und Klaus nur im Doppelpack gesehen. Klaus kommt aus einer kühlen Familie und hat sich als Junge manchmal einsam gefühlt. Martinas Herzlichkeit und Nahbarkeit haben Klaus eine wunderbare Welt eröffnet. Nur wenn er sehr aufgewühlt ist, muss sich Klaus manchmal zurückziehen. Dann bemerkt er, wie schwierig das für Martina ist. Auch wenn er sich freundlich verabschiedet, kommt sie bald in sein Arbeitszimmer und vergewissert sich, ob wirklich alles in Ordnung ist. Wenn Klaus auf Geschäftsreise ist, erwartet sie regelmäßig Anrufe. Er fühlt sich dann verfolgt, wenn er auf sein Hotelzimmer zurückkehrt und drei WhatsApp-Nachrichten von Martina erhalten hat. Er kommt sich auch ausgefragt vor, wenn sich Martina erkundigt, ob seine Kollegin hübsch ist, ob diese in einer Beziehung lebt und ob Klaus noch in der Hotelbar mit ihr zusammensitzt. Klaus hat ihr noch nie einen Grund gegeben, an seiner Treue zu zweifeln. In solchen Situationen ist Klaus schon wütend geworden, hat Zärtlichkeiten zurückgewiesen und nichts mehr gesprochen.
  4. Aus Scham Grenzen überschreiten. Jenny kommt aus einer Arbeiterfamilie. Sie ist geradeheraus und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie ist eine aufregend attraktive Frau, die das auch weiß. Philipp, der aus einer gebildeten Familie stammt, gelingt es meist, zu seiner Liebe zu stehen. Doch es gibt Momente, die ihn aus seinem inneren Gleichgewicht bringen: wenn Jenny zu sexy gekleidet zum Gottesdienst geht, wenn sie Fremdwörter falsch verwendet oder den beruflich erfolgreichen Freunden ausschweifend erzählt, wie sie das Sortiment ihres Drogeriemarktes umorganisiert hat. Philipp belehrt und korrigiert Jenny dann häufig. Wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass er eine Art Erziehungsprogramm für sie auflegt, um ihr den Schliff zu geben, den sie für das jetzige Umfeld benötigt. „Du denkst wohl, du bist etwas Besseres?“, konfrontiert ihn Jenny dann. Philipp wird dann traurig. Er nimmt Jenny in den Arm, die das widerstrebend zulässt. „Ich weiß“, sagt Philipp, „ich habe nicht das Recht, dich so zu kritisieren.“

Grenzüberschreitungen folgen unterschiedlichen Gefühlen: dem Drängen ungestillter Bedürfnisse, einem Druck, den Überverantwortlichkeit erzeugt, einer Verlustangst oder einer Scham, die kaum erträgt, dass sich der andere eine Blöße gibt. Doch immer schränken Grenzüberschreitungen die Freiheit des Partners ein. Außerdem entsteht ein Machtgefälle in der Beziehung: Partner, die Grenzen überschreiten, verhalten sich, als hätten sie mehr Rechte, wie ein Elternteil gegenüber einem Kind oder der Chef gegenüber einem Mitarbeiter. Oft sind es gerade die veränderten Machtverhältnisse, die sich auf das gemeinsame Leben auswirken.

Die Folgen von Grenzüberschreitungen

Unsere Stressreaktionen folgen unseren angeborenen biologischen Möglichkeiten: Unterwerfung, Flucht oder Kampf. Im zwischenmenschlichen Bereich kann man auch von Anpassung, Vermeidung und Kampf sprechen. Eine dieser drei Stressreaktionen aktiviert sich meist, wenn wir auf den Stachel unseres Partners treffen. Je nachdem, welche Reaktion Sie bevorzugen, hat das für die Liebe verschiedenartige Folgen.

  • Anpassung. Bei dieser Stressreaktion lassen Partner Grenzüberschreitungen einfach zu und gewöhnen sich daran. So entstehen keine Konflikte. Nur Außenstehende machen manchmal Bemerkungen, weil sie es für sich selbst nicht akzeptieren könnten, wenn ihre Freiheit derart
    beschnitten würde. Denn ein Partner, der sich immer wieder einmal erziehen, bestimmen oder vereinnahmen lässt, macht sich damit auch klein. Er gibt ein Stück seiner Persönlichkeit und seiner Lebensart auf. Das hemmt das Wachstum der Liebe, die am besten gedeiht, wenn beide
    Partner ihre ganze Persönlichkeit in der Beziehung entfalten. Partner, die zulassen, dass der andere ihre Grenzen überschreitet, haben dann manchmal das Gefühl, sich selbst in der Beziehung zu verlieren.
  • Kampf. Manche Partner werden zornig über die Grenzüberschreitung und wollen sich diese nicht bieten lassen. In einer Überreaktion richten sie dann manchmal Grenzen auf, die viel enger sind, als sie normalerweise in einer Liebesbeziehung verlaufen. Sie reagieren zum Beispiel gereizt, wenn sie etwas allein unternommen haben und der andere dann fragt, wie es war. Der Partner, der ab und zu Grenzen überschreitet, fühlt sich dann zu Recht abgewiesen und kämpft gegen die überstarke Grenzsetzung an. Solche Situationen können Anlass für Streit werden.
  • Vermeidung. Diese Stressreaktion entzieht sich dem Kampf, will sich aber auch nicht unterwerfen. Nicht selten weichen daher Partner, denen Freiheit genommen wird, in die Heimlichkeit aus: Wenn die Ehefrau nichts vom Treffen mit der Studienfreundin weiß, wird sie keine
    misstrauischen Fragen stellen. Partner teilen auch weniger von ihren Gedanken mit, denn je weniger der andere weiß, desto weniger kann er oder sie sich einmischen. Solche Entwicklungen schwächen aber die Nähe und das Vertrauen, das ein Paar zueinander hat.

Alle drei Schutzmechanismen – Anpassung, Vermeidung und Kampf – haben also auch ihre Nebenwirkungen. Deshalb zeigt dieser Artikel Möglichkeiten auf, wie Sie den Stachel der Grenzüberschreitung entschärfen können. Der nächste Abschnitt richtet sich an Partner, die manchmal Grenzen überschreiten. Sie lernen, wie sie aus Liebe Freiheit schenken. Der darauf folgende Abschnitt wendet sich dann an Partner, die mit Grenzüberschreitungen konfrontiert sind. Sie lernen, wie Sie die Grenzen in der Beziehung liebevoll befrieden.

Selbstkorrektur: Loslassen und Freiheit schenken

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, finden Sie hier einen Weg, auf dem Sie sich selbst korrigieren können. Dabei müssen Sie Grenzüberschreitungen nicht durch Willenskraft unterdrücken. Sie entdecken positive und faire Einflussmöglichkeiten. Sie erfahren, wie selbst ein Verzicht zum Gewinn werden kann, und lernen schließlich, wie Sie aufgewühlte Gefühle beruhigen können.

Liebevoll beeinflussen

Womöglich haben Sie schon einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang gesetzt: Sie haben vielleicht Gefühle gezeigt und dann Grenzen überschritten. Dann deutet Ihr Partner schon Ihre Gefühle als ein Vorzeichen einer drohenden Grenzüberschreitung. Sie haben vielleicht Ihre Meinung vertreten und sind bei Widerstand immer bestimmender geworden. Dann könnte Ihr Partner bereits abwehrend reagieren, wenn Sie nur Ihre Meinung aussprechen. In diesem Fall muss Ihr Partner erst wieder ein Vertrauen aufbauen, dass Sie zwar Ihre Gefühle zeigen oder Ihren Standpunkt vertreten, ihr oder ihm aber trotzdem ihre oder seine Freiheit lassen.

Im Folgenden stelle ich Ihnen Möglichkeiten vor, wie Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner liebevoll beeinflussen. Ein Gefühl von Einfluss ist für Sie besonders wichtig, damit Sie den Stachel der Grenzüberschreitung überwinden können. Was ich im Folgenden empfehle, gelingt vielleicht in einer Weise, die Sie überraschen wird. Falls das Vertrauen schon ein wenig angegriffen ist, braucht Ihr Partner jedoch etwas Zeit, um sich wieder Ihrem Einfluss zu öffnen.

  • Gefühle beschreiben. Offenbaren Sie Ihre Gefühle ohne Rechtfertigung und ohne Forderungen. Benennen Sie möglichst genau, was Sie fühlen. Beschreiben Sie zum Beispiel, wie Sie eine Situation empfunden haben, die Ihre Gefühle ausgelöst hat. Verwenden Sie Vergleiche und Bilder, um Ihre Gefühle anschaulich zu machen.
    Beispiel: „Wenn ich nach einem harten Arbeitstag nach Hause komme, dann sehne ich mich nach einer Belohnung. Wenn du ausgerechnet dann Zeit für dich selbst brauchst, fühle ich mich alleingelassen und um das betrogen, was den Tag für mich schön macht.“
  • Bedürfnisse ausdrücken. Beschreiben Sie, was Sie brauchen und auf welche Weise Ihr Bedürfnis gestillt werden könnte.
    Beispiel: „Ich kann mich nicht so schnell von einer Aufgabe lösen wie du. Ich brauche immer eine Weile, um wirklich bei dir anzukommen. Wenn du dann ungeduldig wirst und dich zurückziehst, komme ich unter Druck. Ich bräuchte einfach etwas Zeit, bis mein Kopf frei wird und ich mich entspannen kann.“
  • Wünsche offenbaren. Es gehört zu den Realitäten unseres Lebens, dass sich unsere Wünsche nicht immer erfüllen lassen. Trotzdem fühlen wir uns von Menschen geliebt, wenn sie unsere Wünsche verstehen und akzeptieren.
    Beispiel: „Ich weiß, vielleicht ist es unrealistisch, aber ich würde unwahrscheinlich gerne einmal aus unserem Alltag ausbrechen und etwas erleben, was wir noch nie erlebt haben.“
    Vielleicht beschäftigt sich Ihr Partner mit Ihrem Wunsch und kommt auf Ideen, wie er zu verwirklichen wäre. Wenn nicht, können Sie selbst einen Schritt weitergehen.
  • Vorschläge machen. Vorschläge sind konkret und haben daher eine gute Chance auf eine Umsetzung. Außerdem sind sie eine gute Verhandlungsgrundlage. Oft führen sie zu Kompromissen, die etwas anders sind als der ursprüngliche Vorschlag.
    Beispiel: „Wie wäre es, wenn wir uns einmal zu einem Malkurs in der Provence anmelden, im Juli, wenn der Lavendel blüht?“
  • Für Überzeugungen einstehen. Wenn Werte ins Spiel kommen, üben wir schnell Macht über das Gewissen des anderen aus. Gerade hier können wir leicht Abwehrreaktionen hervorrufen. Entsprechend behutsam sollten wir vorgehen, wenn sich kein moralischer Druck aufbauen soll.
    Beispiel: „Ich würde gerne mehr von unserem Wohlstand abgeben. Es geht uns so gut. Lass uns ruhig klein anfangen. Wir könnten uns nach sozialen Projekten erkundigen und sehen, was uns wirklich überzeugt, und dann überlegen, wie viel uns das wert ist. Was meinst du?“
    Wenn Sie behutsam für eine gute Sache einstehen, haben Sie gute Chancen, den Partner zu gewinnen.
  • Loben. Nichts ist motivierender, als wenn unser liebevolles Verhalten auch wahrgenommen und geschätzt wird. Deshalb ist Wertschätzung eine starke Motivation für Ihren Partner, auf Sie einzugehen, vielleicht sogar häufiger als bisher.
    Beispiele: „Ich liebe die Art und Weise, wie du mir gerade zuhörst. Ich fühle mich total verstanden.“ Oder: „Als du mir so intensiv zugehört hast, habe ich erst richtig verstanden, wie es mir eigentlich mit der Sache geht.“
  • Ein Vorbild sein. Paare werden sich im Lauf der Jahre ähnlicher. Wie der eine sein Leben gestaltet, prägt den anderen. Ihr Vorbild ist daher eine unaufdringliche Möglichkeit, den anderen zu beeinflussen. Wenn Sie Ihren Partner zu mehr Ordnung motivieren wollen, dann leben Sie am besten eine ansprechende, zeitsparende Ordnung vor und vertrauen drauf, dass dies im Laufe der Zeit auch Ihren Partner prägt. Mit liebevollen Einflussmitteln schenken Sie Ihrem Partner täglich die Chance, Liebe zu zeigen. Zugleich lassen Sie ihm die volle Freiheit. In den Beispielen hat sich auch schon angedeutet, dass ein liebevoller Einfluss manchmal auch Loslassen bedeutet.

Liebe heißt loslassen

Manchmal zeigt sich der Effekt sofort: Wir hören auf zu drängen und unser Partner öffnet sich. Wir fordern nicht mehr und unser Partner geht plötzlich auf unsere Wünsche ein. Während unser Kämpfen einen Widerstand hervorgerufen hat, hat unser Loslassen den Widerstand gelöst. Folgende Einstellungen helfen dabei.

  • „Lieber will ich weniger nehmen, weiß aber, dass mein Partner dies gerne gibt. Das ist besser, als wenn er mir mehr gibt, nur weil ich ihn dazu gedrängt habe.“
  • „Ich darf meine Wünsche immer mal wieder in Erinnerung bringen. Dann aber lasse ich los und warte ab.“
  • „Auch wenn ich enttäuscht bin, werde ich dem anderen weiter vertrauen. Ich glaube, dass es mein Partner gut mit mir meint und gibt, was sie/er im Augenblick geben kann. Manches braucht vielleicht noch Zeit.“

In der Ehetherapie habe ich schon viele Partner überzeugt, die Grenzen des anderen zu akzeptieren und loszulassen. Mit der Zeit hat sich der Widerstand des andern verringert. Dadurch wurden wieder tiefere Gespräche und mehr Intimität möglich. Jeder setzte sich wieder mehr für den anderen ein. Natürlich wird man auch einmal an einen Punkt kommen, an dem das Loslassen schmerzhaft wird. Denn nicht jeder Partner kann jedes Bedürfnis stillen. Auch in der Liebe gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung. Das Bedürfnis nach Sexualität zum Beispiel kann bei einem
Paar sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dann bleiben manche Wünsche auf Dauer unerfüllt. Einen Partner kostet es vielleicht viel Überwindung, sich auf tiefere Gespräche einzulassen, sodass diese nur selten möglich sind. Andere Partner brauchen ihren Rückzug – einen ganzen Tag lang alles zusammen zu machen, das geht mit ihnen einfach nicht.

Liebe bedeutet dann, nicht nur die guten Eigenschaften des anderen zu genießen, sondern auch den anderen in den Grenzen anzunehmen, die die Persönlichkeit des anderen steckt. Hier kann das Loslassen wie ein Trauerprozess verlaufen: Wellen von Schmerz und innerer
Auflehnung schwellen an und ebben ab, bis sie im Lauf der Monate allmählich schwächer werden. Doch der Verzicht verändert auch Ihre Persönlichkeit und Ihre Bedürfnisse. Sie richten Ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte mit der Zeit anders aus. Oft lässt sich dann ein Mangel gut bewältigen und ausgleichen. Dann wird auch die Freude an dem, was ist, wieder stärker.

Ungestillte Bedürfnisse kann man vielleicht in Freundschaften einbringen, andere Wünsche kann man mit den eigenen Kindern verwirklichen, wenn diese alt genug sind. Ungestillte Bedürfnisse können auch ein starker Antrieb dafür sein, die eigene Gottesbeziehung zu vertiefen, eine Leidenschaft für eine gute Sache zu entwickeln oder kreativ zu werden. Am Ende kommt vielleicht sogar etwas Besseres heraus, als wenn ein Bedürfnis einfach so gestillt worden wäre oder sich ein Wunsch erfüllt hätte. Die Grenzen unseres Partners können wir als einen Wink vom Himmel verstehen und daraufhin zu einem leidenschaftlichen, schöpferischen und einsatzbereiten Leben aufbrechen.

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine weitere Hilfe zum Loslassen geben. Dazu müssen Sie sich vor Augen führen, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Möglichkeiten hat, mit denen er seine Gefühle reguliert. Zurückhaltende Menschen reagieren innerlich, wenn ihre Gefühle zu stark werden. Oft ziehen sie sich zurück oder distanzieren sich von den Menschen und Dingen, die die Gefühle auslösen. Erst wenn sich ihre Gefühle beruhigt haben, zeigen Sie, was in ihnen vorgeht, oder setzen etwas in ihrem Leben in Bewegung. Beziehungsorientierte Menschen dagegen regulieren ihre Gefühle durch Handlungen. Sie versuchen etwas bei anderen Menschen zu bewegen. Sie treffen Entscheidungen oder verändern die Situation, die Gefühle verursacht. Beide Strategien haben ihre Stärken und Schwächen.

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, gehören Sie sicher zum zweiten Typ beziehungsorientierter Menschen, die Gefühle durch Handlungen regulieren. Wenn Sie zum Beispiel wütend sind und den anderen dazu bringen, dass er nachgibt, sind Sie damit Ihre Wut los. In manchen Fällen führt eine schnelle Reaktion zu den besten Ergebnissen für beide. In anderen Fällen würde eine impulsive Reaktion die Grenzen des anderen überschreiten. Daher hilft es, wenn Sie es lernen, Gefühle auch so zu regulieren, wie es zurückhaltende Menschen tun.

  • Schauen Sie erst einmal nach innen: Was ist mit Ihnen gerade los? Was empfinden Sie genau? Was fehlt Ihnen? Wenn Sie verstehen, was in Ihnen vorgeht, dann beruhigen sich die Gefühle oft schon ein wenig und Sie können planvoller vorgehen, also in einer Weise, die sowohl Ihre Bedürfnisse als auch die Grenzen Ihres Partners berücksichtigt.
  • Führen Sie ein Selbstgespräch und beruhigen Sie sich selbst: „Ja, ich komme mir im Stich gelassen vor und habe damit bestimmt auch recht. Mein Partner versteht einfach noch nicht, dass er mich gerade hängen lässt. Wenn ich mich beruhigt habe, werde ich mit ihr/ihm einfach noch einmal darüber reden. Bestimmt finden wir einen Kompromiss, mit dem ich einigermaßen zufrieden bin.“
  • Ziehen Sie sich zurück und bauen Sie starke Gefühle durch Aktivitäten ab, zum Beispiel durch Sport, Haus- oder Gartenarbeit, Musik hören oder selbst musizieren, Beten, Tagebuch schreiben oder kreativ sein. Wenn Sie Ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben, treffen Sie bessere Entscheidungen und können auch in Ihrer Beziehung gezielter für das eintreten, was Sie brauchen.

Auch mit fairen Mitteln gewinnen Sie Ihren Partner. Sie können ihn einladen, seine Liebe so zu zeigen, wie Sie es brauchen. Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ab und zu einen unerfüllbaren Wunsch zu verschmerzen, sind Sie bereits auf dem besten Weg. Auf diesem Weg kann Sie auch Ihr Partner unterstützen.

Den Partner befrieden

Konflikte um Grenzen würden wir am liebsten ein für alle Mal regeln: mit klaren Vereinbarungen, an die sich dann auch beide Seiten halten. Doch unser Leben ist vielfältig und verändert sich. Bestimmte Fragen stellen sich immer wieder neu, oft in einer Weise, die man nicht vorhergesehen hat. Was haben wir gemeinsam und wo hat jeder seinen eigenen Bereich? Welche Freiheiten lassen wir einander? Wie treffen wir Entscheidungen? Deshalb lässt sich nur ein kleiner Teil des gemeinsamen Lebens durch dauerhafte Absprachen regeln. Außerdem gehört es ja gerade zur Schwäche Ihres Partners, dass sie oder er gelegentlich gute Gründe findet, um Vereinbarungen außer Kraft zu setzen. Die Auseinandersetzung um Grenzen gehört daher zu Ihrer Beziehung wie das Aufräumen zur Haushaltsführung, das Waschen zur Körperpflege oder das Tanken zum Autofahren. Gerne würde man es sich sparen, es gehört aber nun einmal dazu.

Diese Sichtweise hilft Ihnen auch, Grenzüberschreitungen Ihres Partners nicht persönlich zu nehmen. Die meisten Menschen reagieren auf Grenzüberschreitungen mit Angst. Denn diese dringen in ihr Territorium ein und bedeuten tatsächlich eine Art Kriegserklärung, auch wenn diese selten bewusst und auch nicht böse gemeint ist. Nicht wenige fühlen sich durch Grenzüberschreitungen auch beschämt: „Bin ich dir so wenig wert, dass du meine Freiheit nicht achtest und über mich bestimmen willst? Wen oder was siehst du in mir? Ein Kind? Einen Diener? Einen Menschen zweiter Klasse?“ Auch wenn es sowohl für die Angst als auch für die Beschämung gute Gründe gibt, führt es weiter, wenn Sie die Grenzüberschreitungen nicht persönlich nehmen.

Denn Grenzüberschreitungen wollen keine Aussagen über Ihre Person machen. Sie sind eine Überreaktion Ihrer Partnerin/Ihres Partners, die von bestimmten Gefühlen ausgelöst wird und automatisch abläuft. Daher bauen Sie am besten eine liebevolle Routine auf, wie Sie mit
Grenzüberschreitungen umgehen. Dieser Artikel hilft Ihnen dabei.

Lernen Sie den Nahkampf lieben

Konflikte, Diskussionen, Streit – wenn wir uns auseinandersetzen müssen, erleben wir das oft als negativ. Es kostet Energie und macht nicht gerade gute Laune. Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen in Beziehungen am wohlsten, in denen die nötigen Abstimmungen ohne Streit und schwierige Verhandlungen gelingen.

Aber wo sich die Auseinandersetzung nicht vermeiden lässt, möchte ich für ihren Wert werben. Für Kinder zum Beispiel ist es wichtig, dass sie sich an ihren Eltern reiben und mit ihnen auseinandersetzen dürfen. Wenn Eltern Konflikte vermeiden, können Kinder keine starke
Persönlichkeit entwickeln. Sowohl nachgiebiges als auch übertrieben autoritäres Verhalten nimmt Kindern die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen. Sie spüren dann weder ihrer eigene Position noch die ihrer Eltern. Sie lernen nicht, für ihre Interessen zu kämpfen, und genießen nicht das gute Gefühl, sich etwas erkämpft zu haben. Sie erleben auch nicht die Geborgenheit, die entsteht, wenn Eltern in ihren Grenzen festbleiben, ihre Kinder überzeugen und sie auch einmal in die Schranken weisen. Manchmal haben wir dieses Bedürfnis auch als Erwachsene: unseren eigenen Standpunkt in der Auseinandersetzung spüren oder vielleicht erst finden zu dürfen; ein Gegenüber haben, an dem man sich reiben kann; einen starken Partner haben, der um seine Position weiß und der nicht umfällt, wenn wir einmal emotional und kämpferisch werden.

Vielleicht hilft Ihnen diese Sichtweise dabei, in der Auseinandersetzung nicht nur eine lästige Notwendigkeit zu sehen. Sie schenken Ihrem Partner damit die Erfahrung, sich selbst und auch Sie zu spüren. Sie vermitteln die Geborgenheit, die eine klare Position und ein starkes
Gegenüber bedeuten. Auch Sie werden dabei gewinnen. Zunächst wird Ihnen Ihr Standpunkt klarer werden. Sie werden immer deutlicher spüren, wo Sie flexibel sind und welche Position für Sie unaufgebbar ist, wo Sie tolerant sind und was Sie nicht akzeptieren können. Auf diese Weise gewinnen Sie Profil. Sie werden immer mehr zu dem, was wir meinen, wenn wir von einer starken Persönlichkeit sprechen. Sie gewinnen außerdem an Autorität, je mehr Sie zu Ihren Überzeugungen und Grenzen stehen und diese zur Not auch mit klaren Worten vertreten.

Sehen Sie das Kind im anderen

Wenn wir unseren Stachel ausfahren, schützen wir damit einen wunden Punkt. Wo genau unsere wunden Punkte liegen, hängt mit unserer Lebensgeschichte zusammen und vor allem mit den Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. Grenzüberschreitungen sind in der Regel eine Reaktion auf die folgenden Kindheitserfahrungen.

  • Das vernachlässigte Mädchen, der vernachlässigte Junge. Manche Kinder haben immer wieder Momente eines emotionalen Mangels erlebt. Ihre Eltern waren zu abgelenkt, zu gestresst oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Kind die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Mangelgefühle können ein Kind sehr verzweifelt machen. Es sucht dann unter Umständen immer drastischere Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Erwachsenen können alte Mangelgefühle wieder aufbrechen, oft sind nur kleine Unaufmerksamkeiten des anderen der Auslöser dafür. Dann greifen Partner zu den Strategien, die als Kind geholfen haben, und drücken zum Beispiel Gefühle sehr intensiv aus, lassen sich nicht abwimmeln oder verhalten sich fordernd. Der Partner wird dies allerdings als Druckmittel empfinden, weil er ja einem Erwachsenen gegenübersteht. Wenn Sie ein Mangelgefühl hinter der Grenzüberschreitung erkennen, können Sie auf das vernachlässigte Mädchen oder den vernachlässigten Jungen eingehen. Schenken Sie ein Zeichen der Liebe und Zuwendung, hören Sie aufmerksam zu, bieten Sie einen Kompromiss oder eine Unterstützung an. Das wird es Ihnen leichter machen, wenn Sie auf der einen oder anderen Grenze bestehen müssen.
  • Das überverantwortliche Mädchen, der überverantwortliche Junge. Viele Partner, die heute gelegentlich Grenzen überschreiten, haben als Kind früh Verantwortung getragen. Sie haben sich um jüngere Geschwister gekümmert oder ein Elternteil gestützt, dem es nicht gut ging. Manche Kinder wurden unter starkem Druck zu Ordnung, Anstand oder Leistung angehalten. Diese Überverantwortlichkeit kann auch im Erwachsenenalter aktiviert werden. Partner geraten dann unter Druck, wenn es darum geht, Bedürfnisse anderer zu stillen oder einem Maßstab gerecht zu werden. Sie geben den Druck weiter und überschreiten dabei Grenzen. Wenn Sie ein überverantwortliches Mädchen oder einen überverantwortlichen Jungen hinter dem Verhalten Ihres Partners spüren, können Sie eine Entlastung anbieten: „Entspanne dich. Es passiert überhaupt nichts, wenn das jetzt nicht auf Anhieb klappt.“
  • Das alleingelassene Mädchen, der alleingelassene Junge. An kleinen Kindern können wir es beobachten: alleingelassen werden verursacht zuerst Unbehagen und schließlich Verzweiflung. Wenn ein Kind das zu früh und zu oft erlebt, prägt sich Verlassenheit als emotionale Reaktionsbereitschaft ein. In der Paarbeziehung zeigt sich das oft als anklammerndes Verhalten. Wenn das geschieht, sollten Sie zunächst das alleingelassene Mädchen oder den alleingelassenen Jungen beruhigen. Dann nehmen Sie nach einer anstrengenden Aussprache Ihren Partner zum Beispiel in den Arm und sagen: „Ich habe dich lieb, aber ich kann gerade nicht mehr. Lass uns morgen noch einmal darüber reden.“
  • Das beschämte Mädchen, der beschämte Junge. Hier geht es vor allem um Kinder, die sich für andere geschämt haben, zum Beispiel für einen alkoholabhängigen Vater, ein unschönes Zuhause armer Eltern oder für einen verhaltensauffälligen Bruder. Sich nicht mehr zu schämen, wird dann zu einem starken Motiv. Entsprechend intensiv reagieren Erwachsene mit dieser Prägung auf alles, was peinlich werden könnte. Sie selbst achten sehr darauf, sich keiner Peinlichkeit mehr auszusetzen. Wenn der andere das lockerer sieht, wirken Partner manchmal in grenzüberschreitender Weise auf den anderen ein. Auch das beschämte Kind in Ihrem Partner können Sie beruhigen: „Stimmt, das war peinlich. Aber auch nicht peinlicher als das, was anderen auch hin und wieder passiert. Daran, dass mich andere schätzen, wird das sicher nichts ändern. Da bin ich mir sicher.“

Wenn Sie das Kind in Ihrem Partner verstehen und unterstützen, dann haben Sie bereits für Entspannung gesorgt. Sie können Ihre Grenzen nun leichter behaupten.

Setzen Sie liebevoll Grenzen

Aus Ihren Erfahrungen können Sie sicher bestätigen: Es ist gar nicht einfach, dem Partner Grenzen zu setzen. Sie bewegen sich hier wie bei einer Wanderung auf einem schmalen Grat, zu beiden Seiten geht es steil bergab. Wenn Sie die Grenzüberschreitung einfach hinnehmen, fühlen Sie sich immer unfreier. Wenn Sie aber Grenzen setzen, wirkt das für Ihren Partner wie eine Zurückweisung. Sie oder er gerät dann aus dem Gleichgewicht und reagiert darauf unter Umständen mit weiteren Grenzüberschreitungen.

Wenn Sie liebevoll Grenzen setzen, dann behalten Sie den wunden Punkt Ihres Partners im Blick: die Erfahrung, nicht genug Zuwendung, Schutz und Unterstützung zu bekommen. Zwar dürfen Sie Ihre Grenzen standhaft verteidigen, Ihre Begründung sollte aber eine Verbundenheit und Wohlwollen ausdrücken. Dafür stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

„Das tut uns nicht gut.“

Alles, was sich in einer Liebesbeziehung abspielt, wirkt sich auf beide aus. Damit können Sie argumentieren.

  • „Wenn du einfach alleine planst, was wir am Wochenende machen, dann fühle ich mich nicht mehr auf Augenhöhe mit dir. Ich werde dann wütend. Das tut uns nicht gut. Deshalb möchte ich mit dir gemeinsam planen, wie das Wochenende laufen soll.“
  • „Wenn du mich so oft korrigierst wie heute, dann komme ich mir vor wie ein Kind, das erzogen wird. Klar, du hast auch immer einen guten Grund dafür. Aber wollen wir als Paar wirklich so miteinander umgehen? Würde dir nicht etwas fehlen, wenn ich mich mehr wie ein Kind verhalte, das es dir recht machen will? Deshalb ist es mir viel lieber, dass du mich nur korrigierst, wenn es wirklich ganz wichtig ist. Ansonsten brauche ich die Freiheit, die Dinge auf meine Art und Weise zu tun, auch wenn ich dabei Fehler mache.“

Aus dieser Quelle können Sie immer wieder gute Gründe schöpfen, warum Sie eine Grenze verteidigen: Liebe gedeiht, wenn ein Paar auf Augenhöhe miteinander umgeht, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wenn beide ihre Vorstellungen verwirklichen können und sich so beide im gemeinsamen Leben zu Hause fühlen.

„Ich bin dir ein besserer Partner, wenn …“

Wir wollen für den anderen ein guter Partner sein: aufmerksam, warmherzig, humorvoll, kreativ und unterstützend. Aber um so sein zu können, müssen wir uns einigermaßen wohl und sicher fühlen. Unsere Fähigkeit, ein guter Partner zu sein, nimmt dagegen ab, wenn uns unsere Freiheit genommen wird. Auch mit diesem Argument können Sie Ihre Grenzen begründen, wie folgende Beispiele zeigen.

  • „Ich erzähle dir gerne von unseren Messetagen und ich beruhige dich auch gerne, dass mein Umgang mit Sandra distanziert ist. Aber wenn du so nachfragst wie jetzt, fühle ich mich wie in einem Verhör. Ich werde dann trotzig und würde am liebsten ganz dichtmachen. Aber das möchte ich nicht. Ich will offen dir gegenüber bleiben.“
  • „Du, wir haben darüber jetzt bestimmt schon eine halbe Stunde gesprochen. Und ich habe schon zweimal angedeutet, dass es mir für heute erst mal reicht. Wenn du mich jetzt aber weiter festhältst, dann fühle ich mich eingesperrt. Ich bekomme dann Panik. In solchen Situationen habe ich dich sogar schon angeschrien. So will ich dich aber nicht behandeln. Dann musst du aber auch einfach akzeptieren, wenn es für mich genug ist. Wir können ja dann später weiterreden, zum Beispiel morgen Abend.“

Darüber hinaus können Sie Ihren Partner auch an eigene Werte und Überzeugungen erinnern.

„Das möchtest du doch selbst nicht.“

Dies ist ein unschlagbares Argument für Grenzen. In entspannten Momenten weiß Ihr Partner ja, welche Freiheit jedem zusteht, was im Streit in Ordnung ist und was nicht, wie man gemeinsame Entscheidungen trifft. Auf diese Grundlage können Sie zurückkommen:

  • „Schatz, in entspannten Momenten würdest du nie so über meine Familie urteilen. Lass es uns doch auch dann so halten, wenn unser Gespräch etwas hitziger wird.“
  • „Den Termin hast du ausgemacht, ohne mich zu fragen. Deshalb fühle ich mich daran nicht gebunden. Es ist dir doch auch wichtig, dass keiner den anderen bei Entscheidungen übergeht.“

Wenn Ihr Partner gerade emotional bewegt ist, wird er Ihnen natürlich nicht unbedingt sofort zustimmen. Aber er/sie wird sich durch Ihre Grenze nicht missachtet oder abgelehnt fühlen.

„Wenn …, dann …“

Wenn nichts anderes hilft, dann bleibt eine letzte Möglichkeit. Sie können Konsequenzen einsetzen und begründen. Diese Maßnahme ist heikel und ihr Einsatz erfordert Fingerspitzengefühl. Denn Konsequenzen gehören normalerweise in den Bereich der Kindererziehung. Unter Erwachsenen sind sie eine Notlösung, ein letztes Mittel. Aber natürlich müssen wir auch als Erwachsene mit Konsequenzen leben, wenn wir zum Beispiel unsere Arbeit nicht ernst nehmen, zu schnell fahren, Freundschaften vernachlässigen oder ungesund leben. Wir akzeptieren, dass unser Handeln Konsequenzen hat.

Liebevoll sind Konsequenzen dann, wenn sie nicht der Durchsetzung, sondern nur Ihrem Schutz dienen. Manchmal schützen Konsequenzen auch beide Partner, weil sie auf etwas reagieren, was der Liebe nicht guttut. Sie lassen stets eine Tür zu einem besseren Miteinander offen. Folgende Konsequenzen werden in aller Regel akzeptiert.

  • „Es ist völlig okay, dass du wütend bist. Aber der Vorwurf, dass ich dich nicht liebe, ist mir zu heftig. So möchte ich nicht mit dir streiten. Kannst du dich ein wenig beruhigen? Wenn nicht, gehe ich jetzt und wir können die Sache später austragen.“
  • „Ich bin nicht einverstanden, dass du persönliche Dinge von mir erzählst, ohne mich zu fragen. Wenn du das nicht respektierst, dann erzähle ich vorerst nur noch Dinge, die ich auch bei Facebook posten würde.“

Auch wenn diese Konfrontationen entschlossen klingen, spürt der andere, dass sie fair sind. Denn Ihr Gegenüber behält die Kontrolle über die Situation. Es muss nur den Stachel ein wenig zurückziehen und schon kann das Gespräch weitergehen. Dadurch erübrigt sich auch die Konsequenz. Vielleicht finden Sie es gar nicht so einfach, auf gute Weise Grenzen zu setzen. Denn dazu muss man geistesgegenwärtig und auch ein wenig schlagfertig sein. Daher wird Ihnen sicher nicht immer eine Möglichkeit einfallen, wie Sie eine Grenze behaupten können. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Denn in einer Liebesbeziehung wiederholen sich Situationen ja häufig. Für das nächste Mal kann man sich dann Sätze zurechtlegen, die einem Gespräch oder einer Begegnung eine andere, bessere Richtung geben.

Wenn Sie die positiven Seiten von Konflikten schätzen lernen und liebevoll Grenzen setzen, dann befrieden Sie Ihre Paarbeziehung auch in hitzigen Momenten. Das wird Ihnen vielleicht noch leichter gelingen, wenn Sie sich auf einen spirituellen Weg begeben.

Aus den Quellen des Glaubens schöpfen

Jedes Thema der Liebe hat auch eine spirituelle Seite. Sie wird sichtbar, wenn wir das, was ein Paar miteinander austrägt, zu Gott hin öffnen. In der christlichen Tradition fügen sich Grenzüberschreitungen in folgenden existenziellen Rahmen ein.

Der Einzige, der ein Recht hat, über einen Menschen zu bestimmen, ist Gott als Schöpfer des Menschen. Er teilt dem Menschen seine Freiheit zu und setzt zugleich die Grenzen seiner Freiheit. Er nimmt Menschen in Verantwortung und weist ihnen ihre persönliche Bestimmung zu. Nach biblischer Auffassung liegt Gottes Recht dazu nicht allein in seiner Schöpfermacht, sondern vor allem darin, dass Gott das einzige Wesen im Universum ist, das wirklich selbstlos lieben kann. Nur bei Gott selbst ist sicher, dass seine Herrschaft über Menschen nicht missbräuchlich oder ausbeutend ist.

Umgekehrt folgt daraus auch: Kein Mensch hat das Recht über einen anderen zu bestimmen und ihm seine Freiheit zu rauben. (Wo Menschen das im Rahmen der Erziehung, als Vorgesetzte oder Politiker tun, dürften sie es eigentlich nur, soweit es anderen dient.) Jesus entfaltet den Glauben als einen Weg der Freiheit. Allein die Liebe zu Gott und zum Nächsten setzen dieser Freiheit Grenzen. Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, dann lädt Sie der Glaube zu einem Vertrauen ein. Zugleich entdeckt Ihr Partner einen höheren Grund, die eigene Freiheit zu wahren.

Grenzen annehmen und Gott vertrauen

Wenn Sie Freiheit als ein Geschenk Gottes an Ihren Partner akzeptieren, bleiben Sie an den Grenzen stehen, die die Freiheit Ihres Partners setzt. Manchmal müssen Sie dafür vorübergehend Wünsche loslassen oder einen Mangel aushalten. Dabei können Sie auch spirituelle Mittel
einsetzen. Eine sehr alte Glaubenserfahrung könnte Sie hier auf einen guten Weg führen. Sie drückt sich im Alten Testament aus: In Psalm 23 betet der israelische König David, dessen Leben etwa auf das Jahr 1.000 v. Chr. datiert wird:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

David beschreibt eine umfassende Fürsorge, die Körper und Seele einschließt, aber auch den Geist, also den Teil in uns, der sich auf Gott beziehen kann. Manche Menschen erleben in Momenten des Mangels tatsächlich eine unbegreifliche Geborgenheit und Freude, nachdem sie sich an Gott gewandt haben. Andere entdecken in dem, wie ihr weiterer Tag verläuft, Zeichen von Gottes Freundlichkeit und Versorgung. Vielleicht versuchen Sie das auch einmal: Vertrauen Sie sich der Fürsorge Gottes an, wenn in Ihrer Beziehung einmal etwas Wichtiges fehlt. Beten Sie den Psalm und beobachten Sie in den nächsten Stunden, was geschieht. Die Erfahrung, dass Gott in Momenten des Mangels da ist und hilft, macht Sie in der Liebe gelassen. Grenzüberschreitungen werden Ihnen dann ganz unpassend vorkommen.

Aber auch Situationen der Überverantwortlichkeit können zum Anlass spiritueller Erfahrungen werden. Hier hat Jesus eine berühmte Einladung ausgesprochen:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28-30).

In unserer heutigen Sprache könnte man vielleicht sagen: „Bürde dir nicht zu viel auf. Ich treibe dich nicht an und setze dich nicht unter Druck. Übernimm nur, was ich dir auferlege, das kannst du tragen. Den Rest lass liegen und lass los. Das wird ich entspannen.“ Auch diese Sätze können Sie einmal betend nachvollziehen, wenn Sie das nächste Mal unter Druck kommen. Vielleicht hilft Ihnen Ihr Glaube auch, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und so die Last der Verantwortung zu erleichtern. Sie geraten seltener unter Druck und lassen sich dann sicher auch seltener zu Grenzüberschreitungen hinreißen.

So führt die Grenzüberschreitung zum existenziellen Thema von Mangel und Überverantwortlichkeit und die wiederum auf einen Weg des Glaubens.

  • Karina und Paul sind diesen Weg gegangen. Ihre Tochter war noch in der Grundschule, als Karina bereits den Bruch gespürt hat. Auf vieles, was Karina sagte oder tat, reagierte ihre Tochter mit Rückzug, Abwehr oder sogar Ablehnung. Das hat Karina in ihren Muttergefühlen verletzt und es war ihr kaum möglich, die Ablehnung zu ertragen. Karina hat natürlich vieles versucht, um wieder einen Zugang zu ihrer Tochter zu finden. Aber je mehr sich Karina bemühte, desto schlimmer schien es zu werden. Das hat sich auch auf die Ehe ausgewirkt. Karina hat sich von Paul im Stich gelassen gefühlt und ihren Mann damit stark konfrontiert. Sie hat von ihm gefordert, er solle mehr hinter ihr stehen und dies auch der Tochter zeigen.
    Irgendwann hat Karina sich mit ihrem Schmerz in ihre Gottesbeziehung fallen lassen. Die Verantwortung, der sie in ihrer Familie nicht gerecht geworden ist, hat sie einfach losgelassen. Sie hat Momente von tiefem Trost erfahren, auch wenn sich an der Familiensituation zunächst nichts verändert hat. Sie versuchte, in den alltäglichen Begegnungen mit ihrer Tochter zurückhaltend, aber doch freundlich, wertschätzend und fürsorglich zu sein. Irgendwann spürte sie Anzeichen eines Neubeginns. Ihre Tochter konnte sich mehr öffnen und reagierte auf die Erziehung nicht mehr so abwehrend. Heute kann sich Karina weder erklären, wie es zu dem Bruch kam, noch was diesen wieder überbrückt hat. Sie nahm es einfach als Geschenk.

Freiheit durch Gehorsam

Wenn Ihr Partner gelegentlich Grenzen überschreitet, dann sieht Ihr spiritueller Weg etwas anders aus, auch wenn er von der gleichen Frage ausgeht, nämlich der Ihrer Freiheit. Natürlich kann man seine Freiheit verteidigen, einfach weil man ein Recht auf sie hat. Doch das haben wir in diesem Artikel trotzdem vermieden. Denn es klingt schnell nach einer kleinlichen Selbstbezogenheit, die sich selbst wichtiger nimmt als die Liebe. Stattdessen haben wir uns darauf berufen, dass die Liebe nur gedeihen kann, wenn keiner seine Freiheit verliert.

Aus einer spirituellen Perspektive gibt es einen weiteren Grund, die eigene Freiheit zu schützen. Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört es nämlich auch, sich in einem Akt freiwilliger Liebe der guten Herrschaft Gottes unterzuordnen. „Die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen“, das ist die Kernbotschaft Jesu, wie sie in den vier Evangelien überliefert ist. Seine Lehre widmet sich hauptsächlich der Frage, wie Gottes Herrschaft aussieht: dass sie unsere religiösen Vorstellungen auf den Kopf stellt und warum sie ganz anders ist als das, was wir als menschliche Herrschaft erfahren. Wie sich Glaubende in diese Herrschaft einfügen, dazu leitet jede Konfession etwas anders an und stützt diesen Vorgang mit unterschiedlichen Ritualen. Auf verschiedenen Wegen machen Glaubende aber den Willen Gottes für sich verbindlich, wie er sich ihnen in der biblischen Überlieferung offenbart. Glaubende bitten darüber hinaus, dass Gott seine guten Absichten für ihr Leben auch ganz individuell zeigt, und üben sich im Gehorsam demgegenüber, was ihnen als Gottes Wille erscheint.

Wer die Erfahrung menschlicher Herrschaft auf Gott überträgt, für den wäre es ein abstoßender Gedanke, die eigene Freiheit in einem Willen Gottes aufgehen zu lassen. Weil Gottes Wille aber ein Ausdruck seiner selbstlosen Liebe ist, entfaltet Gehorsam die menschliche Persönlichkeit, statt sie einzuengen. Wer sich in Gottes Willen fügt, vergrößert die Freiheit, was die wesentlichen Dinge des Lebens angeht: die Freiheit, Liebe zu geben und zu empfangen, die Freiheit, glücklich zu machen und glücklich zu sein, die Freiheit, schöpferisch tätig zu sein und auch das schöpferische Potenzial anderer Menschen freizusetzen. Glaubende erfahren also ein Paradox: Die Bindung an Gott vergrößert ihre Freiheit. Das wirkt sich auch auf eine Paarbeziehung aus. Lassen Sie uns an einigen Beispiele betrachten, wie das praktisch wird.

  • Leonhard hat als introvertierter Mensch seine kontemplative Gabe entdeckt. Wenn er sich für einige Tage in ein Kloster zurückzieht, einen Tag allein in der Natur verbringt oder abends ein gehaltvolles Buch liest, fühlt er sich Gott sehr nahe. Sein Inneres wird wie von einer guten Kraft geordnet, danach fühlt er sich gelassener, fröhlicher, liebevoller und kann sich ganz neu auf Beziehungen einlassen. Marga dagegen, ein Beziehungsmensch und gelegentlich grenzüberschreitend, plant gerne. Sie würde Leonhard von seinen Rückzugsräumen abschneiden und seinen inneren Raum mit einem Übermaß an Erlebnissen füllen. Ganz ohne Kampf konnte Leonhard seine stillen Stunden nicht verteidigen. Aber je mehr er Marga von seinen kontemplativen Erfahrungen anvertraute und je mehr sie die positiven Auswirkungen erlebte, desto leichter konnte sie Leonhards Grenzen annehmen, wenn er sich einmal zurückziehen muss.
  • Sven hat ein Gespür für Qualität. Oder ist er bereits perfektionistisch? Jedenfalls spannt er Anke gewohnheitsmäßig ein, wenn er das Haus umbaut, eine Party organisiert oder den Garten neu anlegt. Anke kann durchaus genießen, was Sven alles auf die Beine stellt, aber manchmal fühlt sie sich in ihrem durchgestylten Leben nicht mehr richtig zu Hause. Ihre Gegenwehr ist immer zaghaft ausgefallen, denn Sven trägt seine Pläne einfach überzeugend vor. Das hat sich geändert, seit sie ihr Herz für die Obdachlosenarbeit ihrer Kirchengemeinde entdeckt hat. Anke findet einen Zugang zu den Männern, die sich ihr gegenüber respektvoll verhalten. Sie gibt es nicht vielen Menschen preis, doch sie fühlt sich dann wie ein „Werkzeug der Liebe Gottes“, wie es in dem Friedensgebet heißt, das Franz von Assisi zugeschrieben wird. Sven hat zunächst getobt, als Anke auch in einer Bauphase an ihrem Ehrenamt festgehalten hat. Inzwischen hat er ein anderes Maß gefunden und plant Anke nicht mehr so stark ein. Er hat sogar Respekt für Ankes Einsatz: „Ich könnte das nicht.“

Auf einem spirituellen Weg nähern sich beide von unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Thema Freiheit. Einer bleibt aus Gottesfurcht an der Grenze stehen, die nicht nur die zwischenmenschliche Fairness setzt, sondern für die auch Gott selbst einsteht. Wo die menschliche Überreaktion ausbleibt, öffnet sich ein Raum für neue Erfahrungen mit Gott, die von Mangel und Überverantwortlichkeit entlasten. Die andere Seite findet in der Hingabe an Gottes Willen einen höheren Grund, die eigene Freiheit vor Vereinnahmung zu schützen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Stacheln in der Partnerschaft – Wie Sie Ihre Liebe vor Verletzungen schützen“ von Jörg Berger. Er ist Psychotherapeut in Heidelberg. Persönlich sowie mit Büchern und Videokursen begleitet er Paare.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Paar-1.jpg 1235 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-29 14:53:072026-01-30 14:45:55Wenn Liebende Grenzen überschreiten
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