In der Family 5/21 schrieb Simone Oswald darüber, wie viel Realität Schwangere ertragen können und wie ehrlich Mütter ihnen gegenüber sein sollten. Darauf haben uns zwei Rückmeldung erreicht.
OHNE ANGSTMACHEN, OHNE SCHÖNREDEN
Carina Nill hat gute Erfahrungen mit einer mutigen Ehrlichkeit gemacht.
Meine Schwägerin erwartet ihr zweites Kind. Als ich bei der Verkündigung freudig frage, wie es war, es zu erfahren, ob der Schwangerschaftstest aufregend war und die Warterei bis dahin auszuhalten, antwortet mein Schwager irritiert und kühl: „Hä, ne – es war ja geplant!“ Mein Herz zieht sich leicht zusammen – wie schön wäre es, wenn es immer so einfach wäre.
Ich habe es so erlebt: Elternsein im Kopf und im Herzen beginnt schon, bevor man das eigene Baby im Bauch oder auf dem Arm trägt. Elternsein beginnt oft schon mit dem Kinderwunsch. Spätestens jetzt wachsen Vorstellungen, Vorhaben und Vorurteile … Und ja, es stimmt: Es verlangt viel Weisheit, mit diesen eigenen Ideen und denen im Familien- und Freundeskreis umzugehen – egal, ob in der Kinderwunschzeit, der Schwangerschaft, der Kleinkindoder der Kindergartenkindphase.
TROST SUCHEN UND SPENDEN
Aber die Zeit unseres Wunsches, Eltern zu werden, ist zu lange her, um bei meinem Schwager präsent zu sein. Und meine Schwägerin kam erst danach in unsere Familie. Sie erkennt mein Schlucken und zaghaftes Lächeln und fragt nach. Und ich erzähle – obwohl sie frisch schwanger ist. Ich erzähle, weil ich es immer schon erzählt habe. Ich erzähle, obwohl es mich manchmal alles kostet: Mut, Kraft, Ehrlichkeit. Aber ich erzähle auch, weil ich an diesem Mut anderer Frauen gewachsen bin und getröstet wurde.
Bevor wir unseren ersten Sohn bekamen, haben wir eine kleine Bandbreite der Möglichkeiten erlebt, die es auf diesen Wegen zu erleben gibt: Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft, Windei, Blutungen und Sorgen in der Schwangerschaft bis hin zum Notkaiserschnitt. Hoffnung und Enttäuschung, Schmerz und Wut, Fragen und Zweifel und neues Vertrauen.
Und ich habe es immer erzählt. Unter Tränen, hoffnungslos und hoffnungsvoll, Trost suchend oder Trost spendend. Es war mir immer eine Hilfe und ein Anliegen, dass unsere Freunde und Familie darüber Bescheid wussten. Viele waren zeitgleich schwanger. Manche erlebten schließlich ähnliches, und so war unsere Ehrlichkeit ein großer Gewinn. Und es war ein Segen, uns gegenseitig zu haben, voneinander zu wissen, miteinander zu fragen und zu verarbeiten. Ich finde, dieser Mut, von unseren Erfahrungen zu erzählen, hat sich ausgezahlt. Ich war dankbar, vor meinen eigenen Verlusten von Frauen zu wissen, die ähnliches erlebt hatten, und mich bei ihnen verstanden zu fühlen. Hätten andere Frauen diese Realität, so schwer und herausfordernd sie ist, nicht mit mir geteilt, hätte ich mich oft einsamer und hilfloser gefühlt.
ERFOLGE FEIERN, ERSCHÖPFUNG ZUGEBEN
Auch später, beim schmerzhaften Stillen, habe ich mich dankbar an eine Kollegin erinnert, die sich vor Jahren beim Stillen ihres Babys die Tränen wegwischte und gestand: „Das tut so weh!“ Und als mir der Große das erste Mal „Du dumme Mama“ vor die Füße knallte, war ich erleichtert, dass eine Mama aus dem Hauskreis schon vor Monaten das Gleiche (mit dem gleichen Entsetzen) zu berichten hatte.
Diese Erfahrung nehme ich durch die Jahre bis heute mit. Ich möchte all das Gute und Schöne, die vielen kleinen Freuden, die großen Entwicklungsschritte, Erziehungserfolge und Glücksmomente des Elternseins teilen: aufrichtig und unübertrieben. Aber ich wünsche mir auch, dass es erlaubt ist, in meinem Hier und Jetzt erschöpft zuzugeben, dass Junior immer noch nicht durchschläft, dass Zähneputzen zu einer choreografischen Meisterleistung werden muss oder dass ich ratlos Rat suche, weil die Streitereien zwischen den Brüdern einfach nicht aufhören.
Inzwischen gehen beide Jungs in den Kindergarten. Beim Abgeben am Tor frage ich mich gelegentlich, ob eigentlich andere Mütter auch schon 17 Nervenzusammenbrüche erleiden, bis sie hier ankommen. Natürlich teilt man seine Geschichten und seinen Alltag nicht mit allen, dennoch nicken wir Mütter uns scheinbar wohlwissend zu.
SICH VERLETZBAR MACHEN
Auch unter Freunden kostet es mich oft alles, mir und anderen gegenüber einzugestehen, dass ich in vielem gern geduldiger, belastbarer und humorvoller wäre. Auch hier nehme ich oft unter Tränen meinen Mut zusammen und vertraue Freundinnen oder Familie – mit Kindern in unterschiedlichem Alter – meine Gegenwart an: Sorgen, Versagen, Unzulänglichkeiten und mein „Das wollte ich eigentlich anders machen“. Manchmal verändert es Freundschaften, wenn man erkennt, dass man unterschiedliche Erziehungsstile oder Ansichten hat – dann schmerzt diese Ehrlichkeit, zu der man sich durchgerungen hat. Manchmal fühle ich mich nach so einer Offenbarung auch beobachtet oder bewertet. Aber manchmal ernte ich nach den ersten unverständlichen Blicken jüngerer Mütter ein paar Monate später ein seufzendes: „Jetzt weiß ich, was du meintest! Das war gut zu hören.“ Und dann bin ich froh, dass ich darüber gesprochen habe und nicht hinterher um Mitgefühl oder gute Ratschläge ringen muss.
Also doch: Obwohl es mich immer wieder so viel kostet, mich mit dem Teilen meiner Gegenwart verletzbar zu machen, ist es vielleicht das Kostbarste, was wir miteinander teilen können: aufrichtige Ehrlichkeit – ohne Angstmachen, aber auch ohne Schönreden. Ich jedenfalls bin dankbar für alle, die ihr „So ist es gerade“ miteinander teilen – egal, wer von uns gerade die (un-)realistischeren Vorstellungen hegt.
In diesem Sinne: Seid mutig, seid ehrlich und „helft euch gegenseitig bei euren Schwierigkeiten und Problemen, so erfüllt ihr das Gesetz, das wir von Christus haben“. (Galater 6,2)
Carina J. Nill arbeitet als Kunst- und Lerntherapeutin und „künstlert“ Bilder und Bücher, z. B. „Count your Blessings: Mein kreatives Segen-Sammelbuch“. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei wunderbaren wilden Söhnen in Deizisau bei Esslingen.
AUFKLÄREN UND AUF DAS GUTE HOFFEN
Dorothee Spengler möchte ihren Freundinnen ihre Erfahrungen nicht vorenthalten.
Der Artikel von Simone Oswald hat mich auch Wochen später immer wieder gedanklich beschäftigt. Ich kenne diese Situation, da ich vor sechs Jahren zu den Ersten im Familien- und Freundeskreis gehört habe, die schwanger waren und dementsprechend „Erfahrungsvorsprung“ hatten, als später Freundinnen schwanger wurden.
Ein wichtiger Aspekt, der im Artikel auch erwähnt wird, ist, dass ich mein eigenes Erleben ehrlich teile, mit Höhen und Tiefen, Herausforderungen und Erfolgen. Und wenn ich das „tagesaktuell“ mache, ist das schon eine ganze Menge „Präventionsarbeit“ gegen allzu unrealistische Erwartungen, noch ehe die Freundinnen selbst schwanger sind. Eine meiner besten Freundinnen sagt, dass sie von dieser Art „Mit-Erleben“ noch heute in ihrem Mama-Alltag zehrt. Und ich bin mir sicher, dass meine Schwägerin, die in den letzten Jahren regelmäßig unseren Familienalltag erlebt hat, mit weniger realitätsfernen Vorstellungen in ihr erstes Babyjahr starten wird, wenn es so weit ist.
STRESS VERMEIDEN
Dieses „Basiswissen“, das vor einigen Jahrzehnten aufgrund größerer Familien noch deutlich präsenter war, sollte aus meiner Sicht unbedingt im Freundeskreis weitergegeben werden. Insofern kann ich mich in dem Absatz „Nicken und lächeln“ in Simone Oswalds Artikel nicht so ganz wiederfinden. Natürlich ist jedes Kind und jede Mutter individuell. Und ich stimme zu, dass ich anderen nicht meine ganz persönlichen Probleme prophezeien muss. Aber wenn es um Entwicklungserwartungen (z. B. Beikostreife mit fünf Monaten) geht, die wissenschaftlich und allen Erfahrungswerten nach eher die Ausnahme als die Regel sind, würde ich gute Freundinnen unbedingt darauf hinweisen.
Gerade wenn konkrete Planungen, wie zum Beispiel die Jobrückkehr der Mutter, darauf fußen, dass ein Kind zum Zeitpunkt X nicht mehr gestillt wird, lässt sich dadurch sehr viel Stress vermeiden. Bei anderen Themen, wie dem Supermarkt-Szenario, würde ich bei passender Gelegenheit (die sich vielleicht auch erst beim Eintritt des Kindes in die Autonomiephase bietet) auch etwas sagen und auf gute Podcasts oder Literatur zu dem Thema verweisen. Schließlich gehört die Autonomiephase zur gesunden Entwicklung eines jeden Kindes – auch wenn nicht jedes Kind schreiend auf dem Supermarktboden liegt. Ein gutes Verständnis der Hintergründe kann den Eltern und Kindern jede Menge unnötigen Stress ersparen. Diese Art von „Aufklärung“ steht für mich nicht im Widerspruch dazu, „auf das Gute zu hoffen“, wie es im letzten Absatz beschrieben ist.
TROTZDEM TRÄUMERISCH
Selbstverständlich male auch ich mir lieber harmonische Familienurlaube aus als pubertären Zickenalarm oder Teenager-Eskapaden, aber ich weiß, dass letztere nicht gänzlich ausbleiben werden. Bei den anderen Beispielen (Geldprobleme oder Unzufriedenheit im Alter) würde ich es übrigens anders sehen: Hier gehört es nicht zur üblichen Entwicklung, dass sie auftreten, und entsprechend „träumerisch“ gehe ich da für das Leben meiner Kinder heran – und wenn die Probleme kommen, können wir sie ja immer noch meistern.
Dorothee Spengler ist aktuell in Elternzeit. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern zwischen 0 und 6 Jahren in Albstadt.
Den Artikel von Simone Oswald aus Family 5/21 könnt ihr hier nachlesen: www.family.de/warum-sagt-einem-dasvorher-keiner/
„Wir wollen zumindest für drei Menschen das Leid mildern“
Claudia Lambeck und Stefan Görnert haben einer ukrainischen Mutter und ihren beiden Kindern ein neues Zuhause gegeben.
Der Überfall auf die Ukraine am 24. Februar hat uns sehr mitgenommen“, erinnert sich Stefan Görnert. Kurz zuvor hatten er und seine Lebensgefährtin Claudia Lambeck ein neues Haus in Wermelskirchen bezogen – mit einer kleinen Wohnung im oberen Stockwerk, die Claudia Lambecks Tochter Laura nutzen wollte. Aber Laura zog es schließlich doch nach Köln in eine WG.
„Wir wollten die Wohnung eigentlich erst mal nicht vermieten“, erklärt Stefan Görnert. Doch dann sahen sie die Bilder von Geflüchteten aus der Ukraine. „Wir konnten es nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, dass wir aus Bequemlichkeit eine Wohnung leerstehen haben, und andere Familien suchen dringend eine Unterkunft.“ Stefan Görnert, der als Verwaltungsleiter der Stadt Wermelskirchen arbeitet, informierte Menschen in der Politik darüber, dass sie eine Wohnung für Geflüchtete zur Verfügung stellen könnten. Darüber entstand der Kontakt zu einem Reporter von RTL, der gerade in Warschau war und dort zwei Familien kennengelernt hatte, die ein neues Zuhause suchten. Als Claudia Lambeck und Stefan Görnert gefragt wurden, ob sie eine der Familien aufnehmen könnten, sagten sie sofort ja.
TRAUMATISIERT
Nun hatten sie eine Woche Zeit, um alles vorzubereiten. Die Wohnung war zwar weitgehend möbliert, aber einiges musste noch besorgt und renoviert werden. Schließlich war es so weit: Nach etwa 20 Stunden Zugfahrt kam Svetlana mit ihrem Sohn Danilo (17) und ihrer Tochter Nastia (12) in Wuppertal an. Dort wurden sie abgeholt und nach Wermelskirchen gefahren. Svetlanas Bruder, der schon länger in den Niederlanden lebt, war auch dabei und half der Familie, erst mal zur Ruhe zu kommen. Über ihn lief auch nach seiner Rückkehr nach Hilversum ein großer Teil der Kommunikation, da er im Gegensatz zu seiner Schwester gut Englisch und auch etwas Deutsch spricht. Ansonsten wird überwiegend über eine Übersetzungs-App kommuniziert. „Ich rede aber auch ganz bewusst Deutsch mit ihnen – mit Händen und Füßen“, erklärt Claudia Lambeck. Vor allem Nastia, die inzwischen eine Sekundarschule besucht, versteht schon ein bisschen Deutsch. Sie und ihr Bruder haben schwere Zeiten hinter sich, sind offensichtlich traumatisiert. Die Familie kommt aus Dnipro, der viertgrößten Stadt der Ukraine, die wiederholt Ziel russischer Angriffe war.
Nastia hat nach der Flucht eine Woche lang nicht gesprochen. Erst als sie Nala, den Hund ihrer Gastgeber, kennenlernte, änderte sich das: „Sie hat Nala sofort ins Herz geschlossen und ist mit ihm durch den Garten getollt. Da ist bei ihr der Knoten geplatzt.“ Außerdem hat sie sich mit Jonathan, dem 12-jährigen Sohn der Nachbarn, angefreundet. Sie skaten zusammen und haben auch schon mit Svetlana einen Ausflug nach Köln gemacht. Danilo fällt es offensichtlich deutlich schwerer, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Viele Jungen in seinem Alter sind in der Ukraine geblieben, um mit den erwachsenen Männern zu kämpfen. In Wermelskirchen gibt es nur wenig gleichaltrige Ukrainer.
MORALISCHE VERPFLICHTUNG
Wichtig ist es Claudia Lambeck und Stefan Görnert, dass Svetlana und ihre Kinder sich nicht als Gäste fühlen, sondern unabhängig und eigenständig ihr Leben gestalten können. Deshalb haben sie ihnen eine eigene Waschmaschine gekauft und auch offiziell einen Mietvertrag gemacht. Die Miete übernimmt das Sozialamt. Trotzdem sind sie natürlich zur Stelle, wenn die ukrainische Familie Unterstützung braucht bei Ämtergängen oder Arztbesuchen. Zu Beginn habe sie das Engagement schon viel Zeit gekostet, erklärt Claudia Lambeck. „Aber mittlerweile ist es nicht mehr so viel.“ Zurzeit versuchen sie, für die Familie therapeutische Hilfe zu organisieren. Und – gerade für Danilo – auch einen Sportverein. In der Ukraine hat er geboxt. Nun suchen seine Gastgeber und Vermieter nach einem passenden Verein oder Angebot in Wermelskirchen.
„Ich habe einfach die moralische Verpflichtung gefühlt, da etwas zu tun“, erklärt Stefan Görnert. „Ich möchte etwas dazu beitragen, dass das Leid zumindest für drei Personen etwas gemildert wird.“ Er gibt zu, dass es ihn belastet, Nachrichten aus der Ukraine zu sehen. „Oft hoffe ich dann, dass sie oben in der Wohnung nicht dasselbe im Fernsehen sehen wie wir …“ Auch Claudia Lambeck bedrückt die Situation der Geflüchteten und der Menschen, die noch in der Ukraine leben. Vor einiger Zeit war sie mit Nastia bei einem Friedensgebet, das von verschiedenen Gemeinden der Stadt veranstaltet wurde. „Auf dem Rückweg flog ein kleines Flugzeug über uns hinweg. Da ist Nastia deutlich zusammengezuckt.“ Das Mädchen liegt ihr besonders am Herzen. Und auch die 12-Jährige hat Claudia Lambeck offensichtlich ins Herz geschlossen. „Letztens hat sie mir ein Bild mit einem Herzen gemalt und ‚Ich liebe dich‘ dazugeschrieben. Da geht einem schon das Herz auf!“
Bettina Wendland ist Redakteurin von Family und Family-NEXT und lebt mit ihrer Familie in Bochum.
Mutter fragt sich: „Wie stille ich richtig ab?“
Wann ist die Zeit gekommen, das Kind abzustillen? Und wie können Mütter sich emotional darauf vorbereiten? Pädagogin Isabelle Bartels gibt praktische Tipps.
„Meine Tochter (10 Monate) ist mein drittes und wahrscheinlich letztes Kind. Ich überlege, sie bald abzustillen. Aber es fällt mir schwer, weil es dann ein endgültiger Abschied vom Stillen sein wird. Wie finde ich für mich und mein Kind den richtigen Zeitpunkt?“
Ich verstehe die Frage gut, denn mir ging es ganz ähnlich: Ich habe beim Stillen immer wieder diesen exklusiven Moment und die körperliche Verbindung mit dem Kind zelebriert! Diese Momente erinnern uns an die Symbiose, die wir mit unserem Kind hatten, als es noch in unserem Bauch war. Mir hat es geholfen, mir bewusst zu machen: Diese besondere Verbindung zu unserem Kind ist immer da. Auch wenn sie nach dem Abstillen nicht mehr unmittelbar sichtbar ist.
Mit anderen Müttern austauschen
Die aus meiner Sicht wichtigste Grundvoraussetzung für das Abstillen ist die innere Klarheit, dass Sie wirklich abstillen wollen – egal, wie alt Ihr Kind ist und was Ihr Umfeld darüber denkt. Deshalb ist es sinnvoll, sich zunächst bewusst zu machen, warum man abstillen möchte. Vielleicht haben Sie eigentlich noch Lust und Ihre Tochter auch, nur mehren sich langsam die Anfragen von außen, wie lange Sie sie denn noch stillen wollen. Das führt in Ihnen möglicherweise zu einer inneren Ambivalenz und könnte das Abstillen erschweren. In diesem Fall würde ich Ihnen empfehlen, sich mit anderen Müttern zu vernetzen, denen es ähnlich geht.
Vielleicht wollen Sie mehr Freiraum für sich haben und erlauben sich diesen Gedanken noch nicht so richtig. Vielleicht haben Sie zu Beginn der Stillzeit gedacht, dass Sie in Einvernehmen mit Ihrem Kind abstillen werden, und nun dauert es Ihnen doch zu lange. Ich möchte Sie ermutigen, dieses Gefühl anzunehmen und als natürlichen Teil des Abstillprozesses zu verstehen. Diese Unlust kann ein Zeichen sein, dass für Sie tatsächlich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um abzustillen.
Nehmen Sie sich Zeit
Was auch Ihre Gründe sein mögen: Erlauben Sie sich, diesen Prozess in Ihrem Tempo zu durchlaufen, und nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, um sich darüber klar zu werden.
Das natürliche Abstillalter für Kinder liegt zwischen zwei und sieben Jahren. Natürlich gibt es auch Kinder, die sich zu einem früheren Zeitpunkt selbst abstillen. Fakt ist: Falls Sie wirklich nicht mehr wollen, müssen Sie die Entscheidung für sich treffen. Wie Ihr Kind mit dem Abstillen klarkommt, hängt von Ihrer Klarheit und Begleitung ab.
Abstillprozess zelebrieren
Wenn für Sie klar ist, dass Sie abstillen wollen, habe ich noch einige Ideen, wie Sie den Abstillprozess begleiten können:
• Erzählen Sie Ihrem Kind von Ihrer Entscheidung und auch von Ihren Gefühlen. Lassen Sie beim Stillen die Tränen laufen, wenn sie kommen. Schreiben Sie einen Abschiedsbrief an das Stillen. Bitten Sie Ihren Mann, Sie ein letztes Mal beim Stillen zu fotografieren.
• Bieten Sie Ihrem Kind andere Beruhigungsalternativen an, wie Kuscheln oder einen Beruhigungssauger.
• Zelebrieren Sie die letzten Male, die Sie stillen. Sagen Sie Ihrem Kind, dass nun der Zeitpunkt des letzten Stillens gekommen ist, und stillen Sie dann bewusst ein letztes Mal.
Isabelle Bartels ist Pädagogin und familylab-Familienberaterin, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ostwestfalen und bloggt unter isabellebartels.com.
Die Sonntagsfrage
Endlich wieder Sonntag oder schon wieder Sonntag? Melanie Schmitt hat sich den Wochentag näher angesehen, auf dem vermutlich die höchsten familiären Erwartungen lasten.
Sonntagmorgen in Hessen. Karl hat die süßesten, kugeligsten Augen, die man sich vorstellen kann. Wenn man ihn anschaut, bekommt man meistens ein strahlendes, herzerwärmendes Lächeln geschenkt. Gerade ist Karl von Spielschachteln, Spielkarten, Spielfiguren und anderen Brettspielelementen umgeben, die er großflächig um sich verteilt hat. Es sieht nicht so aus, als würde Karl demnächst dazu in der Lage sein, dieses Chaos planvoll wieder rückgängig zu machen. Da müssen wohl die Eltern ran. Vielleicht denken sie bei der Sortierarbeit manchmal an das Märchen vom Aschenputtel – nur dass keine Tauben angeflogen kommen, um zu helfen.
„Happy Sunday“ steht auf der Postkarte, schwarze Buchstaben vor zart sprießenden Blüten: „Mach das Beste aus diesem Tag: Lebe, lache, liebe, lese, lerne, spiele, träume! Sei einfach in jedem Moment glücklich!“ Oha – das wird ja ein herausfordernder Sonntag. Das mit dem Leben, das kriege ich hin: einatmen, ausatmen, läuft. Aber der Rest? Welche Blüten treibt der Sonntag in gewöhnlichen Familien?
Nachdem das Orkantief Karl durchs Wohnzimmer gewirbelt ist, beginnt das Katastrophenschutzteam Mama und Papa mit den Aufräumarbeiten. Auch für Karls Eltern ist Sonntag, so wie für den Rest des Landes. Sie haben unter der Woche einiges um die Ohren gehabt, sind dementsprechend erholungsbedürftig. Niemand hat Lust, die Spiele zu sortieren, aber es muss ja irgendwie sein. Außerdem wartet Karls Schwester Mathilda darauf, endlich auf den Spielplatz zu gehen. Sie hat sich schon das geliebte Sommerkleid angezogen, das sie von ihrer Cousine geerbt hat. Der Kalender zeigt Februar. Ganz normaler Wahnsinn also. Und der Kalender signalisiert eben nicht nur Februar, sondern auch Sonntag: Ruhetag, Erholungstag, Familientag.
Die zentralen Fragen
Ich sehe in der Sonntagsgestaltung drei besonders neuralgische Punkte:
1) Ruhe oder Unternehmung?
Sofa oder Spielplatz? So ruhig oder so erlebnisreich wie möglich? Wonach steht wem gerade der Sinn? Wie so oft ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und sie zu äußern, statt zu erwarten, dass der Partner sie erfühlen müsste. Genauso wichtig ist es, nach den Bedürfnissen des anderen zu fragen. Auf dieser gemeinsamen Grundlage wird es leichter, eine Tagesplanung zu überlegen, in der verschiedene tagesaktuelle Bedürfnisse Platz finden. Am nächsten Sonntag kann das schon ganz anders aussehen.
2) Gemeinsam oder getrennt?
Eine immer wiederkehrende Sonntagsfrage ist auch, wie viel individuelle Zeit Eltern und Kinder sich nehmen können und wollen – und sich gegenseitig ermöglichen. Besteht die Erwartung, dass alle zusammen sind? Können wir uns als Elternpaar gegenseitig Freiräume schaffen? Diskutieren beide Elternteile die Kleidchenfrage mit Mathilda? Oder ist es okay, wenn ein Elternteil sich rauszieht, um joggen zu gehen? Wer geht zum Gottesdienst und wer bleibt mit den Kindern zu Hause oder in der Kinderbetreuung? Geht ein Elternteil mit dem Schulkind ins Museum, ohne Krabbelkind, oder kommt ein getrenntes Programm am Sonntag nicht in Frage? Was ist mit Verabredungen? Ist der Sonntag ein reiner Familientag oder offen für Freunde? Gute Absprachen, die immer wieder neu getroffen werden müssen, können Freiräume schaffen und Frustrationen vermeiden.
3) Tradition oder Innovation?
Die gesellschaftliche Ausgestaltung des Sonntags hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. In der Kindheit vieler heutiger Eltern war der Sonntag ein Familientag, an dem es undenkbar war, sich mit Freunden zu verabreden. Auch Kindergeburtstage wurden unter der Woche gefeiert und eher nicht an einem Sonntag. Das ist anders geworden. Die Traditionen und Rituale aus der eigenen Kindheit, sprich: aus den Herkunftsfamilien der Eltern, spielen eine große Rolle darin, wie wir uns die Sonntagsgestaltung vorstellen – oder eben gerade nicht wünschen.
Gottesdienst, Kaffeetrinken, Oma besuchen, spazieren gehen: Viele Erwartungen, die wir mit dem Sonntag verknüpfen, sind Muster, die wir übernommen haben. Auch hier lohnt es sich, genau hinzusehen und sich auszutauschen: Wie war es früher? Wie ging es uns damit? Was wünschen wir uns für unsere Familie? Was bedeutet das für die Freundschaften unserer Kinder? Wer sich von den Kindheitssonntagen erzählt und seine Ideale hinterfragt, kann Erwartungen besser greifen und realistischer mit dem Partner abstecken.
Unser Sonntagsmix
Ausflug oder Ausruhen? Verwandte besuchen oder Freunde einladen? Zeit für sich allein oder gemeinsam mit der Familie? Gottesdienst oder Gammeln auf dem Sofa? Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Familienmitglieder. Die Bedürfnisse sind so unterschiedlich wie das Alter und wie die Anspannung der vergangenen Woche.
Wie an allen anderen Tagen in der Woche ist es auch in Sachen Sonntag hilfreich und heilsam, einmal genau hinzuschauen, welche Bedürfnisse hinter den Vorstellungen stecken, die wir uns von unserem Familienleben machen. Und diese Bedürfnisse möglichst klar und vollständig zu äußern. Was sind unsere Sonntagsideale? Wie kann der Sonntag ein Tag bleiben oder werden, auf den sich alle freuen? Wenn wir unsere Bedürfnisse nun besser kennen, wie wäre es dann, wenn alle Familienmitglieder, je nach Alter, reihum einen Sonntag planen dürfen? Mit einem abgesprochenen Budget und einem überschaubaren Zeitrahmen?
Oh Happy Day!
Der Sonntag ist ein Tag, der herausstechen soll aus dem Klein-Klein der anderen Tage. Viel können wir dazu selbst beitragen, indem wir überlegen, wie wir diesen Tag gestalten, aber auch, indem wir uns bewusst dafür entscheiden, vieles nicht zu tun, was wir sonst unter der Woche tun. Als Eltern gibt es auch am Sonntag eine Menge Dinge, die sich nicht aufschieben lassen. Nahrung, trockene Klamotten und frische Windeln lassen sich nicht auf den Montag verschieben.
Doch ich kann mich grundsätzlich dafür entscheiden, am Sonntag eben nicht noch schnell eine Maschine Wäsche anzuschalten, auch wenn das in wenigen Minuten erledigt wäre. Ich kann mich dafür entscheiden, nach der Rettung der Spielesammlung nicht auch noch zu saugen. Ich kann mich dafür entscheiden, nicht den ganzen Tag für andere verfügbar zu sein und das Handy am Sonntag auf Flugmodus stellen, zumindest für eine Weile. Wer dieses Vorhaben am Samstagabend in seinen Status stellt, vermeidet Irritationen bei den Mitmenschen. Ich kann mich dafür entscheiden, zu akzeptieren, dass selten alle in der Familie einen super Tag haben werden, nur weil Sonntag im Kalender steht. Ich kann mich dafür entscheiden, dass es einmal in der Woche nicht um Optimierung geht.
Ich will dem Sonntag die Chance lassen, ein Glanzlicht im Alltag zu sein. Denn ich habe längst gemerkt: Ein bewusst erlebter Sonntag, der anders schimmert als die restlichen Wochentage, ein Sonntag, der einen gewollten Akzent setzt im Alltagstrott, gibt dem Leben Halt und Rhythmus. Damit der Sonntag glänzen kann, gebe ich mir Mühe, mir manches zu verkneifen, was noch zu erledigen wäre, und gelassen das hinzunehmen, was trotz Sonntagsheiligkeit in einer Familie dennoch zu erledigen ist. Ich versuche, genau hinzuschauen und weder mich noch meine Familie damit zu überfordern, dass ich den Sonntag überfrachte mit überzogenen Erwartungen. Ich streiche alles durch auf der Sonntagspostkarte, bis da steht: „Happy Sunday! Sei einfach.“
Ein Hoch auf alle Eltern
Karl und Mathilda sind mein Neffe und meine Nichte. Sie erinnern mich regelmäßig daran, wie ich noch vor Kurzem selbst an einem Sonntag keinen Moment die Augen schließen konnte, ohne fürchten zu müssen, dass ein Kleinkind das Bad flutet. Ein Hoch auf alle Eltern, die auch am Sonntag von morgens bis abends und nachts verfügbar sind, damit ein kleiner Mitmensch Versorgung, Geborgenheit und Zuwendung erfährt! Ein Hoch auf alle Eltern von Schulkindern, die auch sonntags vergessene Referate unterstützen und Rücken kraulen!
Möget ihr an jedem Sonntag ein paar Minuten finden, in denen ihr wenigstens ein Auge mal ein bisschen schließen könnt. Seid gewiss: Je älter die Kinder werden, desto eher wird es möglich, Zeit für sich zu haben, desto schwieriger wird es aber auch, die vielfältigen Bedürfnisse aller zu vereinen. Die Sonntagsfrage stellt sich also immer wieder aufs Neue und beweist, was wir schon lange ahnen: Das Beständigste an Familie ist ihre stete Veränderung.
Melanie Schmitt lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im waldreichen Taunus und gönnt sich nun manchmal nachträglich sonntags die Pausen, die sie vor ein paar Jahren dringend gebraucht hätte.
Mutter Carina richtet Appell an Mamas: Redet ehrlich miteinander!
Carina Nill spricht offen über Freude und Frust des Mama-Seins. Das kostet sie Überwindung – und zahlt sich aus.
Meine Schwägerin erwartet ihr zweites Kind. Als ich bei der Verkündigung freudig frage, wie es war, es zu erfahren, ob der Schwangerschaftstest aufregend war und die Warterei bis dahin auszuhalten, antwortet mein Schwager irritiert und kühl: „Hä, ne – es war ja geplant!“ Mein Herz zieht sich leicht zusammen – wie schön wäre es, wenn es immer so einfach wäre.
Ich habe es so erlebt: Elternsein im Kopf und im Herzen beginnt schon, bevor man das eigene Baby im Bauch oder auf dem Arm trägt. Elternsein beginnt oft schon mit dem Kinderwunsch. Spätestens jetzt wachsen Vorstellungen, Vorhaben und Vorurteile … Und ja, es stimmt: Es verlangt viel Weisheit, mit diesen eigenen Ideen und denen im Familien- und Freundeskreis umzugehen – egal, ob in der Kinderwunschzeit, der Schwangerschaft, der Kleinkind- oder der Kindergartenkindphase.
Von Fehlgeburt bis Notkaiserschnitt alles erlebt
Aber die Zeit unseres Wunsches, Eltern zu werden, ist zu lange her, um bei meinem Schwager präsent zu sein. Und meine Schwägerin kam erst danach in unsere Familie. Sie erkennt mein Schlucken und zaghaftes Lächeln und fragt nach. Und ich erzähle – obwohl sie frisch schwanger ist. Ich erzähle, weil ich es immer schon erzählt habe. Ich erzähle, obwohl es mich manchmal alles kostet: Mut, Kraft, Ehrlichkeit. Aber ich erzähle auch, weil ich an diesem Mut anderer Frauen gewachsen bin und getröstet wurde.
Bevor wir unseren ersten Sohn bekamen, haben wir eine kleine Bandbreite der Möglichkeiten erlebt, die es auf diesen Wegen zu erleben gibt: Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft, Windei, Blutungen und Sorgen in der Schwangerschaft bis hin zum Notkaiserschnitt. Hoffnung und Enttäuschung, Schmerz und Wut, Fragen und Zweifel und neues Vertrauen.
Erzählungen anderer spenden Trost
Und ich habe es immer erzählt. Unter Tränen, hoffnungslos und hoffnungsvoll, Trost suchend oder Trost spendend. Es war mir immer eine Hilfe und ein Anliegen, dass unsere Freunde und Familie darüber Bescheid wussten. Viele waren zeitgleich schwanger. Manche erlebten schließlich ähnliches, und so war unsere Ehrlichkeit ein großer Gewinn. Und es war ein Segen, uns gegenseitig zu haben, voneinander zu wissen, miteinander zu fragen und zu verarbeiten.
Ich finde, dieser Mut, von unseren Erfahrungen zu erzählen, hat sich ausgezahlt. Ich war dankbar, vor meinen eigenen Verlusten von Frauen zu wissen, die ähnliches erlebt hatten, und mich bei ihnen verstanden zu fühlen. Hätten andere Frauen diese Realität, so schwer und herausfordernd sie ist, nicht mit mir geteilt, hätte ich mich oft einsamer und hilfloser gefühlt.
„Du dumme Mama“
Auch später, beim schmerzhaften Stillen, habe ich mich dankbar an eine Kollegin erinnert, die sich vor Jahren beim Stillen ihres Babys die Tränen wegwischte und gestand: „Das tut so weh!“ Und als mir der Große das erste Mal „Du dumme Mama“ vor die Füße knallte, war ich erleichtert, dass eine Mama aus dem Hauskreis schon vor Monaten das Gleiche (mit dem gleichen Entsetzen) zu berichten hatte.
Diese Erfahrung nehme ich durch die Jahre bis heute mit. Ich möchte all das Gute und Schöne, die vielen kleinen Freuden, die großen Entwicklungsschritte, Erziehungserfolge und Glücksmomente des Elternseins teilen: aufrichtig und unübertrieben. Aber ich wünsche mir auch, dass es erlaubt ist, in meinem Hier und Jetzt erschöpft zuzugeben, dass Junior immer noch nicht durchschläft, dass Zähneputzen zu einer choreografischen Meisterleistung werden muss oder dass ich ratlos Rat suche, weil die Streitereien zwischen den Brüdern einfach nicht aufhören.
Offen mit Versagen umgehen
Inzwischen gehen beide Jungs in den Kindergarten. Beim Abgeben am Tor frage ich mich gelegentlich, ob eigentlich andere Mütter auch schon 17 Nervenzusammenbrüche erleiden, bis sie hier ankommen. Natürlich teilt man seine Geschichten und seinen Alltag nicht mit allen, dennoch nicken wir Mütter uns scheinbar wohlwissend zu.
Auch unter Freunden kostet es mich oft alles, mir und anderen gegenüber einzugestehen, dass ich in vielem gern geduldiger, belastbarer und humorvoller wäre. Auch hier nehme ich oft unter Tränen meinen Mut zusammen und vertraue Freundinnen oder Familie – mit Kindern in unterschiedlichem Alter – meine Gegenwart an: Sorgen, Versagen, Unzulänglichkeiten und mein „Das wollte ich eigentlich anders machen“. Manchmal verändert es Freundschaften, wenn man erkennt, dass man unterschiedliche Erziehungsstile oder Ansichten hat – dann schmerzt diese Ehrlichkeit, zu der man sich durchgerungen hat.
Manchmal fühle ich mich nach so einer Offenbarung auch beobachtet oder bewertet. Aber manchmal ernte ich nach den ersten unverständlichen Blicken jüngerer Mütter ein paar Monate später ein seufzendes: „Jetzt weiß ich, was du meintest! Das war gut zu hören.“ Und dann bin ich froh, dass ich darüber gesprochen habe und nicht hinterher um Mitgefühl oder gute Ratschläge ringen muss.
Ehrlichkeit – ohne Angstmachen
Also doch: Obwohl es mich immer wieder so viel kostet, mich mit dem Teilen meiner Gegenwart verletzbar zu machen, ist es vielleicht das Kostbarste, was wir miteinander teilen können: aufrichtige Ehrlichkeit – ohne Angstmachen, aber auch ohne Schönreden. Ich jedenfalls bin dankbar für alle, die ihr „So ist es gerade“ miteinander teilen – egal, wer von uns gerade die (un-)realistischeren Vorstellungen hegt.
Carina J. Nill arbeitet als Kunst- und Lerntherapeutin und „künstlert“ Bilder und Bücher, z. B. „Count your Blessings: Mein kreatives Segen-Sammelbuch“. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei wunderbaren wilden Söhnen in Deizisau bei Esslingen.
Warum sagt einem das vorher keiner?
In der Family 5/21 schrieb Simone Oswald darüber, wie viel Realität Schwangere ertragen können und wie ehrlich Mütter ihnen gegenüber sein sollten. Darauf haben uns zwei Rückmeldung erreicht.
OHNE ANGSTMACHEN, OHNE SCHÖNREDEN
Carina Nill hat gute Erfahrungen mit einer mutigen Ehrlichkeit gemacht.
Meine Schwägerin erwartet ihr zweites Kind. Als ich bei der Verkündigung freudig frage, wie es war, es zu erfahren, ob der Schwangerschaftstest aufregend war und die Warterei bis dahin auszuhalten, antwortet mein Schwager irritiert und kühl: „Hä, ne – es war ja geplant!“ Mein Herz zieht sich leicht zusammen – wie schön wäre es, wenn es immer so einfach wäre.
Ich habe es so erlebt: Elternsein im Kopf und im Herzen beginnt schon, bevor man das eigene Baby im Bauch oder auf dem Arm trägt. Elternsein beginnt oft schon mit dem Kinderwunsch. Spätestens jetzt wachsen Vorstellungen, Vorhaben und Vorurteile … Und ja, es stimmt: Es verlangt viel Weisheit, mit diesen eigenen Ideen und denen im Familien- und Freundeskreis umzugehen – egal, ob in der Kinderwunschzeit, der Schwangerschaft, der Kleinkindoder der Kindergartenkindphase.
TROST SUCHEN UND SPENDEN
Aber die Zeit unseres Wunsches, Eltern zu werden, ist zu lange her, um bei meinem Schwager präsent zu sein. Und meine Schwägerin kam erst danach in unsere Familie. Sie erkennt mein Schlucken und zaghaftes Lächeln und fragt nach. Und ich erzähle – obwohl sie frisch schwanger ist. Ich erzähle, weil ich es immer schon erzählt habe. Ich erzähle, obwohl es mich manchmal alles kostet: Mut, Kraft, Ehrlichkeit. Aber ich erzähle auch, weil ich an diesem Mut anderer Frauen gewachsen bin und getröstet wurde.
Bevor wir unseren ersten Sohn bekamen, haben wir eine kleine Bandbreite der Möglichkeiten erlebt, die es auf diesen Wegen zu erleben gibt: Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft, Windei, Blutungen und Sorgen in der Schwangerschaft bis hin zum Notkaiserschnitt. Hoffnung und Enttäuschung, Schmerz und Wut, Fragen und Zweifel und neues Vertrauen.
Und ich habe es immer erzählt. Unter Tränen, hoffnungslos und hoffnungsvoll, Trost suchend oder Trost spendend. Es war mir immer eine Hilfe und ein Anliegen, dass unsere Freunde und Familie darüber Bescheid wussten. Viele waren zeitgleich schwanger. Manche erlebten schließlich ähnliches, und so war unsere Ehrlichkeit ein großer Gewinn. Und es war ein Segen, uns gegenseitig zu haben, voneinander zu wissen, miteinander zu fragen und zu verarbeiten. Ich finde, dieser Mut, von unseren Erfahrungen zu erzählen, hat sich ausgezahlt. Ich war dankbar, vor meinen eigenen Verlusten von Frauen zu wissen, die ähnliches erlebt hatten, und mich bei ihnen verstanden zu fühlen. Hätten andere Frauen diese Realität, so schwer und herausfordernd sie ist, nicht mit mir geteilt, hätte ich mich oft einsamer und hilfloser gefühlt.
ERFOLGE FEIERN, ERSCHÖPFUNG ZUGEBEN
Auch später, beim schmerzhaften Stillen, habe ich mich dankbar an eine Kollegin erinnert, die sich vor Jahren beim Stillen ihres Babys die Tränen wegwischte und gestand: „Das tut so weh!“ Und als mir der Große das erste Mal „Du dumme Mama“ vor die Füße knallte, war ich erleichtert, dass eine Mama aus dem Hauskreis schon vor Monaten das Gleiche (mit dem gleichen Entsetzen) zu berichten hatte.
Diese Erfahrung nehme ich durch die Jahre bis heute mit. Ich möchte all das Gute und Schöne, die vielen kleinen Freuden, die großen Entwicklungsschritte, Erziehungserfolge und Glücksmomente des Elternseins teilen: aufrichtig und unübertrieben. Aber ich wünsche mir auch, dass es erlaubt ist, in meinem Hier und Jetzt erschöpft zuzugeben, dass Junior immer noch nicht durchschläft, dass Zähneputzen zu einer choreografischen Meisterleistung werden muss oder dass ich ratlos Rat suche, weil die Streitereien zwischen den Brüdern einfach nicht aufhören.
Inzwischen gehen beide Jungs in den Kindergarten. Beim Abgeben am Tor frage ich mich gelegentlich, ob eigentlich andere Mütter auch schon 17 Nervenzusammenbrüche erleiden, bis sie hier ankommen. Natürlich teilt man seine Geschichten und seinen Alltag nicht mit allen, dennoch nicken wir Mütter uns scheinbar wohlwissend zu.
SICH VERLETZBAR MACHEN
Auch unter Freunden kostet es mich oft alles, mir und anderen gegenüber einzugestehen, dass ich in vielem gern geduldiger, belastbarer und humorvoller wäre. Auch hier nehme ich oft unter Tränen meinen Mut zusammen und vertraue Freundinnen oder Familie – mit Kindern in unterschiedlichem Alter – meine Gegenwart an: Sorgen, Versagen, Unzulänglichkeiten und mein „Das wollte ich eigentlich anders machen“. Manchmal verändert es Freundschaften, wenn man erkennt, dass man unterschiedliche Erziehungsstile oder Ansichten hat – dann schmerzt diese Ehrlichkeit, zu der man sich durchgerungen hat. Manchmal fühle ich mich nach so einer Offenbarung auch beobachtet oder bewertet. Aber manchmal ernte ich nach den ersten unverständlichen Blicken jüngerer Mütter ein paar Monate später ein seufzendes: „Jetzt weiß ich, was du meintest! Das war gut zu hören.“ Und dann bin ich froh, dass ich darüber gesprochen habe und nicht hinterher um Mitgefühl oder gute Ratschläge ringen muss.
Also doch: Obwohl es mich immer wieder so viel kostet, mich mit dem Teilen meiner Gegenwart verletzbar zu machen, ist es vielleicht das Kostbarste, was wir miteinander teilen können: aufrichtige Ehrlichkeit – ohne Angstmachen, aber auch ohne Schönreden. Ich jedenfalls bin dankbar für alle, die ihr „So ist es gerade“ miteinander teilen – egal, wer von uns gerade die (un-)realistischeren Vorstellungen hegt.
In diesem Sinne: Seid mutig, seid ehrlich und „helft euch gegenseitig bei euren Schwierigkeiten und Problemen, so erfüllt ihr das Gesetz, das wir von Christus haben“. (Galater 6,2)
Carina J. Nill arbeitet als Kunst- und Lerntherapeutin und „künstlert“ Bilder und Bücher, z. B. „Count your Blessings: Mein kreatives Segen-Sammelbuch“. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei wunderbaren wilden Söhnen in Deizisau bei Esslingen.
AUFKLÄREN UND AUF DAS GUTE HOFFEN
Dorothee Spengler möchte ihren Freundinnen ihre Erfahrungen nicht vorenthalten.
Der Artikel von Simone Oswald hat mich auch Wochen später immer wieder gedanklich beschäftigt. Ich kenne diese Situation, da ich vor sechs Jahren zu den Ersten im Familien- und Freundeskreis gehört habe, die schwanger waren und dementsprechend „Erfahrungsvorsprung“ hatten, als später Freundinnen schwanger wurden.
Ein wichtiger Aspekt, der im Artikel auch erwähnt wird, ist, dass ich mein eigenes Erleben ehrlich teile, mit Höhen und Tiefen, Herausforderungen und Erfolgen. Und wenn ich das „tagesaktuell“ mache, ist das schon eine ganze Menge „Präventionsarbeit“ gegen allzu unrealistische Erwartungen, noch ehe die Freundinnen selbst schwanger sind. Eine meiner besten Freundinnen sagt, dass sie von dieser Art „Mit-Erleben“ noch heute in ihrem Mama-Alltag zehrt. Und ich bin mir sicher, dass meine Schwägerin, die in den letzten Jahren regelmäßig unseren Familienalltag erlebt hat, mit weniger realitätsfernen Vorstellungen in ihr erstes Babyjahr starten wird, wenn es so weit ist.
STRESS VERMEIDEN
Dieses „Basiswissen“, das vor einigen Jahrzehnten aufgrund größerer Familien noch deutlich präsenter war, sollte aus meiner Sicht unbedingt im Freundeskreis weitergegeben werden. Insofern kann ich mich in dem Absatz „Nicken und lächeln“ in Simone Oswalds Artikel nicht so ganz wiederfinden. Natürlich ist jedes Kind und jede Mutter individuell. Und ich stimme zu, dass ich anderen nicht meine ganz persönlichen Probleme prophezeien muss. Aber wenn es um Entwicklungserwartungen (z. B. Beikostreife mit fünf Monaten) geht, die wissenschaftlich und allen Erfahrungswerten nach eher die Ausnahme als die Regel sind, würde ich gute Freundinnen unbedingt darauf hinweisen.
Gerade wenn konkrete Planungen, wie zum Beispiel die Jobrückkehr der Mutter, darauf fußen, dass ein Kind zum Zeitpunkt X nicht mehr gestillt wird, lässt sich dadurch sehr viel Stress vermeiden. Bei anderen Themen, wie dem Supermarkt-Szenario, würde ich bei passender Gelegenheit (die sich vielleicht auch erst beim Eintritt des Kindes in die Autonomiephase bietet) auch etwas sagen und auf gute Podcasts oder Literatur zu dem Thema verweisen. Schließlich gehört die Autonomiephase zur gesunden Entwicklung eines jeden Kindes – auch wenn nicht jedes Kind schreiend auf dem Supermarktboden liegt. Ein gutes Verständnis der Hintergründe kann den Eltern und Kindern jede Menge unnötigen Stress ersparen. Diese Art von „Aufklärung“ steht für mich nicht im Widerspruch dazu, „auf das Gute zu hoffen“, wie es im letzten Absatz beschrieben ist.
TROTZDEM TRÄUMERISCH
Selbstverständlich male auch ich mir lieber harmonische Familienurlaube aus als pubertären Zickenalarm oder Teenager-Eskapaden, aber ich weiß, dass letztere nicht gänzlich ausbleiben werden. Bei den anderen Beispielen (Geldprobleme oder Unzufriedenheit im Alter) würde ich es übrigens anders sehen: Hier gehört es nicht zur üblichen Entwicklung, dass sie auftreten, und entsprechend „träumerisch“ gehe ich da für das Leben meiner Kinder heran – und wenn die Probleme kommen, können wir sie ja immer noch meistern.
Dorothee Spengler ist aktuell in Elternzeit. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern zwischen 0 und 6 Jahren in Albstadt.
Den Artikel von Simone Oswald aus Family 5/21 könnt ihr hier nachlesen: www.family.de/warum-sagt-einem-dasvorher-keiner/
Hochsensibilität bei Kindern: Wie Eltern es herausfinden und was sie beachten müssen
Hochsensible Kinder nehmen Eindrücke intensiver wahr. Dadurch sind sie schneller gestresst oder ängstlicher. Melanie Vita erklärt, was Eltern und Kinder entlastet.
Wenn Kinder sich anders entwickeln, als ihre Eltern das erwartet haben, kann es zu Enttäuschungen kommen. Ein mögliches Szenario: Jan hat beobachtet, dass sein Sohn Tim irgendwie anders ist. „Ich hatte mir ausgemalt, was ich alles mit meinem Sohn unternehmen werde: Abenteuer erleben, Fußball spielen, raufen … Und dann stelle ich fest, dass all dies gar nicht dem Naturell meines Kindes entspricht, dass mein Kind vorsichtig, wenig spontan, feinfühlig ist. Da gerät die Welt ins Wanken.“
Eine andere mögliche Variante: Marie, Mutter von Lea, wird immer wieder auf ihren Erziehungsstil angesprochen. „Dein Kind traut sich nicht allein zum Bäcker? Das müsste in dem Alter aber längst drin sein. Du bist viel zu nachlässig.“ − „Was treibt dein Kind beim Essen für Spielchen mit dir? Was auf den Tisch kommt, wird gegessen! Du lässt Lea alles durchgehen. Würde sie bei mir groß werden, wäre sie längst nicht so ängstlich.“
Hochsensibilität kann eine Erklärung sein
Was Jan und Marie beschäftigt, ist die Andersartigkeit ihrer Kinder. Entspricht der Nachwuchs nicht der Norm, machen sich Eltern verständlicherweise Gedanken: Was steckt hinter dem Verhalten meines Kindes? Habe ich Fehler gemacht? Wie kann ich mein Kind seinen Gaben entsprechend fördern und dafür sorgen, dass es stark und selbstsicher wird?
Auf der Suche nach Antworten stoßen etliche Eltern auf das Thema Hochsensibilität. In vielen Fällen machen die Reaktionen der Kinder plötzlich Sinn. Schnell wird klar, dass bestimmte Verhaltensweisen weder aufgrund eines Erziehungsfehlers noch aufgrund von Marotten des Kindes auftauchen, sondern ihre Ursache in der besonderen Wahrnehmungsverarbeitung zu suchen ist.
Was ist Hochsensibilität?
Laut E. Aron ist die Hochsensibilität ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Hochsensible Kinder haben von Geburt an ein empfindsameres Nervensystem. Sie nehmen Sinneseindrücke viel intensiver wahr als andere. Kaum etwas prallt an ihnen ab. Was sie beobachten, spüren und wahrnehmen, wollen sie verarbeiten, durchdenken, verstehen. Sie nehmen viel mehr Details auf als andere Kinder und denken intensiver über alles nach. Verständlich, dass ihnen schnell alles zu viel wird. Die Menge an Eindrücken – Stimmungen von Mitmenschen, Geräusche, Gerüche… – sorgt dafür, dass die Kinder viel Zeit brauchen, um Geschehnisse zu verarbeiten.
Strömen zu viele Eindrücke auf diese Kinder ein, kann es zu einer Reizüberflutung kommen. Sie fühlen sich erschöpft, geraten unter Stress, möchten sich von der Außenwelt abschirmen oder sind gereizt. Sie beginnen zu weinen oder signalisieren durch Wutausbrüche, dass ihnen alles zu viel ist. Auch Schlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen können Warnsignale für eine Überreizung sein. Neuen Situationen stehen hochsensible Kinder vorsichtig und beobachtend gegenüber. Sie durchdenken alle Risiken. Erst wenn sie sich sicher fühlen, werden sie aktiv und handeln.
Wie erkenne ich Hochsensibilität?
E. Aron benennt vier wesentliche Merkmale, die in ihrer Gesamtheit bei hochsensiblen Kindern zu finden sind. Anhand von Lea und Tim lassen sich die Eigenschaften gut erläutern:
Verarbeitungstiefe
Lea und Tim haben eine sehr hohe Beobachtungsgabe. Während sie manches Mal passiv oder träumend wirken, arbeitet ihr Gehirn auf Hochtouren, um viele Details aufzunehmen. Sie sind wissbegierig und haben eine schnelle Auffassungsgabe. Schwer fallen ihnen hingegen spontane Aktionen oder Situationswechsel. Für Antworten, Entscheidungen und Anweisungen benötigen sie viel Zeit, weil sie ihre Aufgaben korrekt machen wollen.
Überreizung
Lea und Tim durchleben den Alltag sehr intensiv, haben ihre Antennen durchgängig auf Empfang, sind mit all ihren Sinnen präsent. Dies führt schnell zu einer Überreizung. Wie sich diese zeigt, ist unterschiedlich. Lea zieht sich eher zurück und wird weinerlich. Tim lädt seine Gefühle bei seinen Mitmenschen ab, geht also mit seinem Stress nach außen. Beide benötigen mehr Rückzugs- und Ruhephasen als andere Kinder, um im Gleichgewicht zu bleiben.
Emotionale Intensität
Lea zeigt ihre Gefühle nur sehr spärlich. Konflikte und Missverständnisse machen sie betroffen. Streiten andere Kinder, fühlt sie mit und gerät selbst unter Stress. Deswegen ist Lea Harmonie sehr wichtig. Dafür würde sie auch ein Nein zur Abgrenzung lieber verschweigen. Tim zeigt seine Gefühle direkt. Er ist mitfühlend und hilfsbereit. Empfindet er Situationen aber als ungerecht, zeigen sich explosive Gefühle. Egal, welche Emotion er durchlebt, jede ist intensiv.
Sensorische Feinfühligkeit
Lea wirkt manchmal gestresst. Es sind dann Klagen zu hören wie „Der Pulli kratzt“ oder „Die Jeans ist viel zu sperrig“. Tim wiederum ist es im Klassenzimmer zu laut und auf dem Pausenhof zu viel Tumult. Was sich anhört wie eine Marotte, ist in Wirklichkeit neurologisch erklärbar. Hochsensible Kinder nehmen Sinneswahrnehmungen wie durch einen Verstärker wahr, wodurch Stress ausgelöst werden kann.
Das Stop-and-go-System oder Ampelsystem
Zusätzlich zu den vier Hauptmerkmalen gibt es einen weiteren Hinweis, ob ein Kind hochsensibel ist. Wie bereits geschildert, kann es sein, dass Kinder in unbekannten, neuen Situationen nur beobachten oder für sich sein wollen. Diese Reaktion hat einen bedeutenden Sinn, den es zu verstehen gilt: Ein hochsensibles Kind hat ein ausgeprägtes Sicherheitssystem. Es sieht sich so lange vor einer roten Ampel, bis es weiß, was die Regeln und Erwartungen sind, und bis es sich verstanden fühlt. Erst wenn das Kind das Gefühl hat, dass es die Situation meistern kann, wird es aktiv: Die Ampel springt auf Grün.
Worauf sind Stärken und Herausforderungen?
Hochsensible Kinder haben viele wertvolle Fähigkeiten. Dazu gehören ein gutes Einfühlungsvermögen, ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, Verlässlichkeit und Kreativität. Eigenschaften, die für eine Gruppe bereichernd sind. Durch die hohe sensorische Wahrnehmung zeigen sich oft musische oder künstlerische Begabungen. Um diese Stärken zu fördern, ist es wichtig, sie zu erkennen und ihnen Raum zu geben. Zeigen Kinder Fürsorge gegenüber Spielkameraden, trösten sie diese bei kleineren Unfällen oder sind sie im Spiel entgegenkommend, kann dies positiv bestärkt werden. Gleichzeitig haben auch die anderen Kinder dadurch die Chance, Toleranz und Rücksichtnahme zu lernen. Damit sich dieses Potenzial entfalten kann, ist es notwendig, den Kindern Ruhephasen zu ermöglichen und ihr Bedürfnis nach Rückzug ernst zu nehmen. Auf diese Weise können sie Geschehnisse und Informationen verarbeiten.
Hochsensible Kinder zeigen meist dann schwieriges Verhalten, wenn sie durch Stress und Hektik aus dem Gleichgewicht kommen. Neue Situationen und unvorhergesehene Aktivitäten lösen bei ihnen Stress aus. Werden Stresssignale wie Jammern, emotionale Ausbrüche, Boykottieren von Aktivitäten oder auch Trödeleien nicht als solche erkannt, kommt es zu Missdeutungen. Ein Ernstnehmen und Beachten des Energielevels der Kinder hilft, Stress zu minimieren.
Was können Eltern bei Hochsensibilität tun?
Ob ein Kind seine Hochsensibilität als Stärke oder Schwäche, Gabe oder Last empfindet, hängt sehr stark von seinen Erfahrungen ab. Grundsätzlich ist es wichtig, dem Kind Verständnis entgegenzubringen, es in seiner Eigenart anzunehmen und zu akzeptieren. Das Abwägen zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den gesellschaftlichen Anforderungen kann für Eltern sehr herausfordernd sein. Neue Situationen sollten mit hochsensiblen Kindern durch Gespräche, Rollenspiele etc. vorbereitet werden. Jedes Gespräch, jeder Hinweis und jede zusätzliche Information über das, was die Kinder erwartet, bedeutet für Hochsensible mehr Sicherheit und damit weniger Grund zur Angst. Je mehr Zeit in die Vorbereitung einer neuen Situation investiert wird, umso gelassener kann das Kind auf die unbekannte Situation zugehen.
Da hochsensible Kinder schnell überfordert, gestresst und reizüberflutet sind, benötigen sie kontinuierlich Ruhephasen und Rückzugsmöglichkeiten. Dies heißt unter Umständen, Freizeitaktivitäten zu reduzieren und aktivitätsfreie Zeiten einzuplanen. Auch Familienrituale und ein strukturierter Alltag sind förderlich. Hochsensible Kinder sind selbstkritisch, haben hohe Ansprüche an sich und sind damit beschäftigt, es allen recht zu machen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern Milde walten lassen, wenn Fehler gemacht werden oder die Kinder es nicht schaffen, über ihren Schatten zu springen. Damit erfahren hochsensible Kinder eine Entlastung und lernen, dass sie geliebt und angenommen sind.
Nicht auf Hochsensibilität reduzieren!
Das Wissen um die Hochsensibilität des eigenen Kindes ermöglicht es, Verhaltensweisen besser beurteilen zu können. Gleichzeitig ist es wichtig, das Kind nicht ausschließlich auf die Hochsensibilität zu reduzieren, sondern den vielen weiteren Facetten der Persönlichkeit Raum zu geben. Ein Kind ist nicht nur zurückhaltend, sondern vielleicht auch interessiert, mutig, anpackend. Diese Ressourcen gilt es zu ergreifen und das Kind auf diese Weise in der Entwicklung zu unterstützen. In kurzen Worten gesagt: annehmen, was ist, aber auch Wachstum ermöglichen. Raus aus dem „Die ist halt so“ hin zu „Da geht noch was“.
Melanie Vita ist Diplomsozialpädagogin, Lerntherapeutin und Buchautorin. Sie berät hochsensible Kinder, Jugendliche, Eltern und Erwachsene in ihrer Privatpraxis „Hochsensibel leben“. hochsensibel-leben.de
Franziska lebt am Existenzminimum: „Hoffnung habe ich keine“
Wie ist es, in diesen Tagen als alleinerziehende Mutter von Hartz IV zu leben? Franziska* weiß das nur zu gut.
Zu Besuch in Plauen, Sachsen. Die im Tal liegende Innenstadt beeindruckt mit ihrer Schönheit. Neubau-Villen, breite Straßen und das viele Grün passen eigentlich nicht ins Bild. Denn in dieser Stadt wohnt auch Franziska* [Name von der Redaktion geändert] mit ihren beiden Kindern – am Existenzminimum. Im zweiten Stock eines schlichten, gelben Mietshauses hat sie eine Bleibe gefunden.
Franziska ist Mitte 30 und hat lange, dunkle Haare. Ihre Augen sind groß und leuchten. Wenn sie lacht, lachen zwei Grübchen in ihren Mundwinkeln gleich mit. Die Sächsin wohnt allein mit ihren zwei Kindern (6 und 13 Jahre) in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Aufgeteilt ist diese in zwei Kinderzimmer und ein Wohnzimmer. Franziska schläft in Letzterem. Nachts klappt sie das Sofa auf. „Manchmal ist mir das unangenehm, wenn fremde Menschen mich besuchen kommen. Aber es ist mir wichtiger, dass es meinen Kindern gut geht und sie ein eigenes Zimmer haben.“
Dass es den Kindern gut geht, ist Franziska in allen Lebensbereichen das Wichtigste. Doch da sie Hartz IV bekommt, muss sie dafür kreativ werden. Früher schon, doch jetzt aufgrund der steigenden Kosten noch mehr. Ihren Kindern soll es an nichts mangeln. Franziska erzieht bindungsorientiert und auf Augenhöhe und achtet darauf, dass sie den Kids ihre Wünsche erfüllen kann. Oftmals muss sie dabei trotzdem verzichten.
Ausgewogene Ernährung? Fehlanzeige!
Zum Beispiel darauf, den Kindern eine ausgewogene, biologische und nachhaltige Ernährung bieten zu können. Stattdessen kauft sie das billige Fleisch und die abgepackte Wurst. Die letzten zehn Tage des Monats sind immer finanziell schwierig. Normalerweise backt sie dann Eierkuchen oder versucht, Nudeln in allen möglichen Varianten zu kochen. Im vergangenen Monat ging dafür ihr letztes Sonnenblumenöl zur Neige. In diesem Monat sind Nudeln so teuer geworden, dass Franziska sich neue Essensvariationen einfallen lassen muss, die ihre Kinder auch gern essen.
„Das Geld rinnt mir durch die Hände“
Auch Kleidung für die Kinder und Schuhe kauft die Mutter gebraucht. Franziska sucht lange, bis sie schöne Kleidung für die Kinder findet. Das macht sie online über eine App. Bewusst sucht sie nach Menschen, die mehrere Teile verkaufen. So spart sie Porto.
Damit die Mittdreißigerin weiß, welche Schuhe ihren Kindern passen, geht sie mit ihnen vorher zum Anprobieren in einen Schuhladen. Gefallen den Kindern Schuhe, sucht sie nach genau nach diesen Exemplaren gebraucht online. Es ist umständlich, aber gar nicht anders möglich bei dem knappen Budget, das Franziska hat. Die dringend benötigten Fußballschuhe müssen aktuell warten, denn da gab es bisher Second Hand keine, die gepasst hätten. „Ich frage mich immer, wie andere Eltern das machen. Ich kann gut mit meinem Geld umgehen, aber aktuell steigen die Kosten und es rinnt mir durch die Hände.“
Drogenabsturz mit Crystal
Franziska gießt Kaffee mit aufgeschäumter Milch in stilvolle Gläser, die sie vor zwei Jahren im Resterampenverkauf erworben hat. In ihrer Küche ist nicht zu erkennen, dass die Familie unter der Armutsgrenze leben muss. Ebenso im Rest der Wohnung: Die Kinderzimmer sind gefüllt mit Spielzeug, liebevoll und gemütlich eingerichtet. Das Wohnzimmer ist stilvoll und alles ist sauber und aufgeräumt.
Beim Kaffee erzählt die Mutter von ihrer Vergangenheit: Franziska hat nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. In dieser Zeit stürzte sie mit Drogen ab und nahm Crystal. In keinem anderen Bundesland lässt sich diese Droge so günstig erwerben wie in Sachsen. Und nirgendwo sonst wird so viel Crystal im Abwasser gefunden wie hier. Hergestellt in tschechischen Laboren, gelangt es über die Grenze zwischen Erzgebirge und sächsischer Schweiz auf den deutschen Markt.
„Ich habe mich für ein Leben in Armut entschieden“
Aufgrund ihrer Abhängigkeit wurde Franziska nach der Ausbildung nicht übernommen und hangelte sich in den folgenden Jahren von Minijob zu Minijob, immer mit dem Spagat, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen und sich eine Zukunft aufzubauen.
Ihre zwei Kinder waren nicht geplant. Sie nicht zu bekommen, stand für Franziska aus ethischen Gründen nicht zur Debatte. Trotzdem fragt sie sich manchmal, „ob es nicht besser gewesen wäre, erst Karriere zu machen und Geld zu verdienen, als zuerst die Kinder zu bekommen. Ich habe mich damit für meine Kinder, die ich über alles liebe, und für ein Leben in Armut entschieden“, sagt sie – und zuckt dabei resigniert mit ihren Achseln.
Luxusgut Döner
Als die Pandemie begann, hatte Franziska gerade eine Ausbildung begonnen. Dann kam der Lockdown und sie verbrachte 14 Stunden am Tag am Laptop und musste, wie so viele andere Eltern, gleichzeitig auf ihre Kinder achten. Nach einem Jahr konnte sie diesen Spagat nicht mehr aushalten, hatte das Gefühl, auszubrennen. Sie brach die Ausbildung mit guten Noten ab, um gesund zu bleiben und für ihre Kinder da sein zu können. Heute arbeitet sie nun wenige Stunden als Essenslieferantin für Kindergärten und Schulen. Vom Trinkgeld kann sie ihren Kindern freitags endlich mal einen Döner kaufen oder den Wunsch eines Pullovers für zehn Euro realisieren.
Stromnachzahlung bedeutet Mahnung
Trotzdem: Franziskas Ausgaben müssen genau abgestimmt sein. Nichts darf dazwischenkommen, damit die Haushaltskasse ausgeglichen bleibt. Passiert etwas Unvorhergesehenes, zum Beispiel durch eine Stromnachzahlung oder durch neue Fußballschuhe, dann kommt Franziska aus der Misere nicht mehr heraus und muss Rechnungen wochenlang schieben und Mahnungen in Kauf nehmen. Franziska zahlt aktuell 95 Euro für Strom und bangt jetzt schon vor der nächsten Erhöhung. Wie sie diese bezahlen soll, weiß sie nicht.
Der Bremer Erwerbslosenverband warnt in einem Beitrag der NDR Sendung „buten un binnen“ vor genau diesen sozialen Folgen. Wenn die Menschen ihre Rechnungen nicht gleich zahlen können, zieht das immer weitere Schulden nach sich. Laut Expertinnen und Experten reichte das Geld von Empfängerinnen und Empfängern von Hartz IV schon vorher nicht für eine gesunde Ernährung. 155, 82 Euro bekommt eine alleinstehende Person im Monat für Lebensmittel überwiesen.
Sexarbeit ist keine Lösung
„Manchmal bin ich so verzweifelt, dass ich mir nachts überlege, getragene Unterwäsche von mir zu verkaufen, Telefonsex anzubieten oder zu OnlyFans [eine Online-Plattform, bei der unter anderem Nacktbilder verkauft werden, Anm. d. Red.] zu gehen. Aber wie soll ich das den Kindern erklären, wenn das jemals rauskommen würde?“, sagt Franziska: „Ohne Geld kommt man aus der Lage nicht heraus. Ich kann nicht mal wegziehen aus Plauen. Würde ich woanders anfangen mit dem wenigen Geld, das ich habe, würde ich in einer teureren Stadt vielleicht noch weniger haben oder noch schlechter wohnen.“
Plauen liegt im Südwesten von Sachsen, im Vogtland. Es ist die fünftgrößte Stadt des Landes. Trotzdem fühlt sich Franziska abgehängt in der sächsisch grünen Idylle. Immerhin werden nun zwei neue Spielplätze gebaut. Die Mieten sind günstig. 75 Quadratmeter gibt es schon für 375 Euro kalt.
„Hoffnung habe ich keine“
Es gibt kein Entkommen aus der Situation ohne Netzwerk und ohne ausreichend Geld. Franziska hat depressive Tage, wartet dann nur darauf, dass das wacklige Kartenhaus zusammenbricht. Sollte das passieren, hofft sie, dass sie irgendwoher Hilfe bekommt. „Hoffnung habe ich keine. Meine Kinder sind diejenigen, für die ich jeden Morgen aufstehe und weiterlebe“, sagt die Mutter mit ernster Stimme.
Und sie fügt hinzu: „Ich sehe uns trotzdem nicht als typische Hartz-IV-Familie mit all den Vorurteilen, die damit einhergehen. Bei uns ist es sauber, meinen Kindern geht es gut. Ich spreche in der Öffentlichkeit nicht über unsere Armut, damit wir in keine Schublade gesteckt und die Kinder nicht gemobbt werden. Mit einer Vorabmeinung über uns hätten wir noch weniger Chancen.“
Auto ist das große Glück
Vor zwei Jahren hat sie ein altes Auto geschenkt bekommen, das war ihr großes Glück. Damit konnte sie den Kindern etwas Bildung ermöglichen und fuhr in die nächsten Ortschaften, an Seen, in ein Spaßbad. Damit konnte sie ihnen etwas geben, was es in Plauen nicht gibt. Nun wird das Benzin teuer und diese Option fällt damit weg.
Was sie sich wünschen würde, wenn ihr alle Möglichkeiten offenstehen würden? Wie aus der Pistole geschossen sagt Franziska: „Ich würde als Erstes einmal mit meinen Kindern in den Urlaub fahren, ein neues Auto kaufen, was nicht gleich kaputt geht, eine größere Wohnung mit einem Schlafzimmer für mich und Kleidung für die Kinder. Und ich würde einmal mit ihnen ins Restaurant gehen.“ Franziskas größter Wunsch ist, dass ihre Kinder es besser machen als sie und schaffen, aus Plauen wegzukommen. Sie wünscht ihnen, dass sie nicht auf die falsche Bahn geraten.
Von Priska Lachmann
Als Ruth das Sorgerecht für ihren Sohn verliert, bricht für sie eine Welt zusammen
Ruth Krüger* und ihr Mann trennen sich, als ihr Sohn Pascal* vier Jahre alt ist. Beim Kampf ums Sorgerecht herrscht Krieg.
Als die Ehe von Ruth Krüger* [Alle Namen geändert] und ihrem Mann zerbrach, waren beide zu jeweils 75 Prozent berufstätig. Allerdings war es überwiegend die Mutter, die sich um Pascal kümmerte: ihn zur Kita brachte und abholte, mit ihm zum Kinderarzt ging … Für Ruth war deshalb klar, dass ihr Sohn nach der Trennung bei ihr leben würde. Doch kurz nach der Trennung kündigte sein Vater an, „bis aufs Blut“ dafür zu kämpfen, dass sein Sohn bei ihm wohnt. Nach einem halben Jahr beantragte er das alleinige Sorgerecht für Pascal. Das Jugendamt stellte aber fest: Beide Eltern sind erziehungsfähig. Wo sollte das Kind also hin?
Pascals großer Wunsch: Beim Vater leben
Die Sache nahm eine unerwartete Wendung, als der vierjährige Pascal äußerte, er wolle mit der Familienrichterin sprechen. Daraufhin lud sie ihn und seinen Vater zum Gespräch ein. Darin stellte sie Pascal die Frage: „Wenn eine gute Fee kommen würde, was wären deine drei Wünsche?“ Pascal antwortete: „Den Weltfrieden, dass ich immer Computer spielen kann und dass ich bei meinem Vater leben kann.“ Damit war die Sache für die Richterin klar. Zu dieser Zeit – kurz nach der Kindschaftsrechtsreform 1998 – gab es gerade den Trend, beim Sorgerecht auch den Willen von kleinen Kindern zu berücksichtigen. Deshalb entschied die Richterin, dass Pascal für vier Wochen hauptsächlich bei seinem Vater leben sollte. Danach könne noch einmal neu entschieden werden.
„Doch im Grunde war das Thema damit entschieden“, erinnert sich Ruth Krüger. „Es wurden Tatsachen geschaffen.“ Als die vier Wochen um waren, war es kurz vor Weihnachten. Die Richterin schlug vor, dass Pascal bis zur endgültigen Entscheidung bei seinem Vater bleiben sollte. Ruth Krüger willigte schweren Herzens ein. Es fiel ihr nicht leicht, Pascal nur einen Nachmittag mit Übernachtung pro Woche und alle 14 Tage am Wochenende zu sehen.
Sohn leidet unter dem Sorgerecht-Verfahren
Dass Pascal sich damals dafür entschieden hat, bei seinem Papa zu wohnen, erklärt sich Ruth Krüger damit, dass er sich der Tragweite seiner Entscheidung nicht bewusst war. Immerhin war er erst vier. „Er dachte, mit der Entscheidung, bei seinem Papa zu leben, hätte er mehr Zeit mit ihm. Und die Zeit, die er mit mir hätte, würde so bleiben. Er konnte das nicht absehen, dass viele Sachen, die er mit mir hatte, wegfallen würden.“
Gegen die Entscheidung des Gerichts hätte Ruth Krüger Einspruch erheben können. Aber das wollte sie nicht: „Ich habe gesehen, wie sehr mein Sohn unter dem Verfahren gelitten hat. Ich habe darauf verzichtet, um ihn zu schonen.“ Gut ging es ihr damit nicht: „Mein Kind hat mir gefehlt“, bekennt sie.
Spekulationen: „Das hat mich sehr verletzt“
Als Pascal in der Schule war, drängte sein Vater darauf, den Mama-Nachmittag plus Übernachtung aufzugeben, und setzte das auch gegen Ruth Krügers Willen gerichtlich durch. Sie litt darunter, dass es häufig als Makel angesehen wird, wenn ein Kind nach der Trennung nicht bei der Mutter lebt. „Ich bin offen damit umgegangen und habe das auf der Arbeit und in meiner Gemeinde erzählt.“ Die meisten Menschen aus ihrem Umfeld gingen gut damit um. „Aber einmal hat eine Kollegin gesagt: ‚Na, das wird schon seinen Grund haben, warum dein Sohn bei seinem Vater lebt.‘ Das hat mich sehr verletzt“, gibt Ruth Krüger zu. Und sie kritisiert: „Wenn das Kind überwiegend bei der Mutter lebt, überlegt niemand, warum das so ist. Aber wenn es beim Vater lebt, wird spekuliert, was wohl der Grund ist.“
Inzwischen ist Pascal erwachsen. Mutter und Sohn haben sich offen ausgetauscht. Und Ruth Krüger musste feststellen, dass Pascal manches anders erlebt hat als sie: „Er meint, wir beide hätten ein distanziertes Verhältnis gehabt. Das habe ich nicht so wahrgenommen. Ich habe einen Jungen abgeholt, der sich gefreut hat, dass ich ihn abhole und der unsere gemeinsame Zeit genießt. Ich hatte auch den Eindruck, dass er emotional etwas nachholen muss, weil er meine körperliche Nähe gesucht und viel mit mir gekuschelt hat. Aber er hat das anders wahrgenommen.“
Drei Monate ohne das eigene Kind
Pascal hat seiner Mutter inzwischen erzählt, dass sein Vater ihm verboten hatte, über die Mutter zu reden. Außerdem wurden Päckchen, die Ruth ihrem Sohn schickte, vom Vater schlechtgemacht. Und er verhinderte immer stärker den Kontakt zur Mutter. „Als Pascal elfeinhalb war, habe ich ihn schließlich nur noch in den Ferien bei mir gehabt. Da gab es dann auch schon mal drei Monate, in denen ich ihn gar nicht sehen konnte.“
Ruth Krüger hätte vielleicht durch weitere Verfahren vor dem Familiengericht etwas an der Situation ändern können. Aber sie wollte ihrem Sohn diesen Druck nicht zumuten. „Pascal sieht es inzwischen auch so, dass er ganz schön viel zu tragen hatte. Er hat eigentlich alles mit sich selbst abgemacht. In vielen Dingen konnte er sich mir gegenüber nicht öffnen, weil sein Vater ihm verboten hatte, Dinge aus dessen neuer Familie zu erzählen. Und auch seinem Vater gegenüber konnte Pascal sich nicht wirklich öffnen. Daran hat er heute noch zu tragen“, stellt Ruth Krüger fest.
Kontakt zum Vater abgebrochen
Heute hat sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Sohn: „Mit erwachsenen Kindern ist es ja so, dass man sich oft lange nicht sieht. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es sehr schön, sehr vertraut.“ Zu seinem Vater hat Pascal nur noch wenig Kontakt. Dass er sich damals dazu entschieden hat, bei seinem Vater zu leben, verursacht ihm noch heute ein schlechtes Gewissen.
Die Frage, ob sie mit ihrem Ex-Mann ein grundsätzliches Gespräch über diese ganze Situation habe führen können, verneint Ruth Krüger. „Das ist nicht möglich. Er hat den Kontakt zu mir komplett abgebrochen.“ Aber sie möchte ihre Geschichte erzählen, um anderen Eltern in Trennungssituationen deutlich zu machen: „Vergesst nie, dass ihr euer ganzes Leben lang Eltern bleibt, auch wenn ihr euch als Paar trennt! Versucht, euren Kindern gemeinsam Eltern zu sein und gemeinsam Entscheidungen für sie zu treffen. Denkt an eure Kinder und nicht an euch und euer vermeintliches Lebensglück!“
Bettina Wendland ist Redaktionsleiterin von Family und FamilyNEXT. Sie lebt mit ihrer Familie in Bochum.
Tochter (4) zofft sich im Kindergarten – So werden Eltern wieder Herr der Lage
Das Kind hat keine Lust auf die KiTa, weil es sich dort andauernd streitet? Expertin Daniela Albert sagt: Dem sollten Eltern auf den Grund gehen.
„Meine Tochter (4) streitet sich ständig mit einem Mädchen in ihrem Kindergarten. Laut der Erzieherin handelt es sich dabei um Lappalien, etwa, dass beide zur gleichen Zeit dasselbe Spielzeug haben oder in dieselbe Rolle schlüpfen wollen. Nun setzt es ihr so zu, dass sie manchmal gar nicht in den Kindergarten gehen will. Wie kann ich ihr helfen?“
Zunächst finde ich es wichtig, dass die Gefühle Ihrer Tochter ernst genommen werden. Es mag sein, dass ein Streit um dasselbe Spielzeug oder die Frage danach, wer welche Rolle im gemeinsamen Spiel haben darf, für Erwachsene nach einer Lappalie klingt. Für Kinder in diesem Alter sind solche Fragen aber sehr wichtig. Miteinander spielen und interagieren ist ja die Hauptaufgabe unserer Kinder im Kindergarten. Außerdem verbringen sie dort einen großen Teil ihres Tages. Wenn es immer wieder zu Konflikten mit demselben Kind kommt, dann ist es normal, dass ihre Tochter wenig Lust hat, sich dieser Situation auszusetzen.
Wie laufen die Streitereien ab?
Sie können noch einmal das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen und etwas mehr über die Streitereien zwischen den Mädchen in Erfahrung bringen: Interessant wäre zu wissen, wie diese ablaufen. Finden die beiden gemeinsam Kompromisse oder gibt es ein Ungleichgewicht bei der Frage, wer zurückstecken muss? Welche Rolle nehmen die Erzieherinnen in diesen Konflikten ein? Wie wird zwischen den beiden Mädchen vermittelt? Welche anderen Spieloptionen hat Ihre Tochter im Kindergarten, wenn das Zusammensein mit diesem Mädchen so schwierig für sie ist?
Es kann zum Beispiel sein, dass es Ihrer Tochter schwerer fällt, ihren Standpunkt zu vertreten, weil das andere Mädchen besser in der Lage ist, zu argumentieren. Die Spanne der sprachlichen Fähigkeiten geht in diesem Alter weit auseinander. Gerade deshalb werden Konflikte oft auch noch körperlich ausgetragen, was entweder dazu führt, dass Ihre Tochter sich häufig unterlegen fühlt oder aber, dass sie die Stärkere ist und deswegen mit ihr häufiger geschimpft oder sie bestraft wird. In diesem Fall wäre gar nicht der Streit mit dem anderen Mädchen das eigentliche Problem, sondern die Reaktionen der Erwachsenen.
Diskutieren üben
Daneben können Sie Ihre Tochter aber auch zu Hause im Alltag unterstützen: Bei Konflikten zwischen Kindern in diesem Alter geht es ja immer auch um das Erlernen von Verhandeln und von Kompromissbereitschaft. Beides können Sie gut mit Ihrer Tochter üben. Wenn Sie beide unterschiedlicher Meinung über Dinge im Familienalltag sind, ermutigen Sie Ihre Tochter ruhig einmal, ihren Standpunkt auszudrücken und schenken Sie ihr Gehör. Gerade bei Dingen, die Ihnen nicht ganz so wichtig sind, lassen Sie sie auch einmal die Erfahrung machen, dass ihre Worte etwas bewirken können.
Ebenso können Sie Situationen, die im Kindergarten mit dem anderen Mädchen auftreten, zu Hause nachbesprechen. Und Sie können mit Ihrer Tochter zusammen überlegen, welche Kompromisse Ihnen zu den jeweiligen Themen einfallen. So bekommt sie Lösungsideen, auf die sie im Kindergarten zurückgreifen kann.
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern– und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen.
Großer Tag – kleiner Fußabdruck: 5 Tipps für eine nachhaltige Hochzeit
Eine Hochzeit nachhaltig zu gestalten, ist gar nicht schwer. Als Merksatz dient ein amerikanisches Sprichwort.
Wer an seiner Hochzeit die Umwelt und ganz nebenbei auch noch den Geldbeutel schonen möchte, kann sich einfach an einer alten amerikanischen Tradition orientieren, wonach eine Braut an ihrer Hochzeit fünf Dinge braucht: „Something old, something new, something borrowed and something blue. And a silver sixpence in her shoe.“
1. Something old (Etwas Altes)
Es ist nicht nötig, für die Hochzeit alles neu anzuschaffen. Vasen und Kerzenständer können Feiernde günstig gebraucht kaufen. „Alte“ Blumen in Form von Trockenblumen erleben derzeit ihren zweiten Frühling und geben eine wunderschöne Boho-Deko ab. Und heruntergekommenes Mobiliar oder verkratzte Tischplatten können mithilfe von Stuhlhussen und Tischdecken in neuem Glanz erstrahlen. Stofftischtücher sind natürlich besonders umweltschonend.
Auch beim Essen tut es „etwas Altes“, und zwar im übertragenen Sinne: „Iss nichts, was nicht auch deine Großmutter gegessen hätte“, rät Ernährungsberaterin Lynn Hoefer in Hinblick auf eine ganzheitliche, gesunde Ernährung. Das bedeutet: Bei der Speiseauswahl kann das Hochzeitspaar die dann herrschende Saison im Blick behalten und regionale Lebensmittel auf dem Buffet anbieten.
Ein ganz besonderer Hingucker ist es, wenn Omas altes Brautkleid noch im Schrank hängt und von einer kundigen Schneiderin zu einem neuen, modernen Kleid umgearbeitet werden kann.
2. Something new (Etwas Neues)
Natürlich sollte es auf einer nachhaltigen Hochzeit so wenig Wegwerfprodukte wie möglich geben. Wer jedoch auf Strohhalme und den Luftballonstart nicht verzichten möchte, kann sich zumindest um einen nachhaltigen Ersatz bemühen. Inzwischen gibt es viele ökologisch wertvolle Alternativen zu herkömmlichen Produkten, so zum Beispiel Luftballons aus Naturlatex. Überschüssige Glas- oder Stahlröhrchen kann das Brautpaar nach der Feier an die Gäste verschenken, welche sie dann zuhause weiterverwenden.
Beim Upcycling entsteht etwas ganz Neues aus einem ehemals alten Produkt: Teelichte leuchten in einem alten Marmeladenglas, das mit einer Buchseite aus einem ausrangierten Buch umwickelt ist. Vasen können aus Altglas, Konservendosen und sogar Tetrapacks gebastelt werden. Und aus zerknitterten Servietten aus Mutters Krims-Krams-Schublade lassen sich wunderschöne Blumengirlanden und Pompoms zaubern, die von der Decke baumeln. Sogar der Ehering lässt sich aus recyceltem Edelmetall fertigen.
3. Something borrowed (Etwas Geliehenes)
Hochzeitsdeko und Blumenschmuck, ja sogar Brautkleider kann man heutzutage leihen und nach der Feier problemlos zurückgeben. Gleiches gilt für Getränke, die Feiernde beim Getränkehändler auf Kommission erwerben können. Das spart Ressourcen und Geld.
Übrig gebliebenes Essen kann das Brautpaar zwar nicht zurückgeben, aber zumindest den Gästen mitgeben. Daher am Hochzeitstag an Verpackungsmaterial aus biologisch abbaubaren Materialien wie Papier oder Bienenwachstücher denken und auf die gute alte Alufolie beziehungsweise den Plastikgefrierbeutel nach Möglichkeit verzichten.
4. Something blue (Etwas Blaues)
Blau ist, wer auf der Hochzeit zu tief ins Glas geschaut hat. Auch beim Thema Getränkekonsum lässt sich auf Nachhaltigkeit achten: Wenn die Gäste mehrere Bier aus demselben Glas trinken, lassen sich Spülgänge einsparen. Statt Plastikflaschen lieber Glasflaschen kaufen und die Getränke immer in Gläsern, nie in Papp- oder gar Plastikbechern ausschenken. Das macht den ökologischen Fußabdruck gleich kleiner!
5. And a silver Sixpence in her shoe (Und ein Ein-Cent-Stück in ihrem Schuh)
Ganz von allein spart das Brautpaar bei einer nachhaltigen Hochzeit Geld. Den Blick sollte das Paar jedoch nicht darauf richten, worauf es bei einer nachhaltigen Hochzeit verzichten muss, sondern was es dadurch gewinnt: Die Kreativität wird angeregt beim Ausdenken upgecycelter Dekoelemente, das Essen ist lecker und dabei noch gesund, das Ambiente umso schöner. Und es bleibt sogar mehr Geld übrig für die Flitterwochen. Und immer dran denken: Worauf es bei einer Hochzeit wirklich ankommt, gibt es sowieso in keinem Laden der Welt zu kaufen!
Catharina Bihr lebt mit ihrem Mann in Stuttgart und arbeitet in der Erwachsenenbildung.