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Artikel aus den Heften

Alles auf Anfang?

Warum das Alte nicht mehr das Neue ist.

„Juhu, endlich!“, juble ich meinen Kindern zu: „Euer Training fängt wieder an!“ In den letzten Tage sind die Inzidenzwerte in unserer Stadt gefallen, und der normale Alltag beginnt wieder anzulaufen. „Welches Training?“, kommt aus dem Garten. Erst lache ich, weil ich den klugen Humor meines Kindes vermute und dann realisiere ich: Die Zeiten der Distanz haben auch Distanz zu unserem alten Leben gefordert. Alles um mich herum fährt weder in den Alltagsmodus hoch. Was ist aber mein neuer Alltag? Was passt zu mir und meinen Kindern heute?

Ich spüre, dass unsere Familie eine andere geworden ist. Aus dem ersten Lockdown haben wir die Spaziergänge und Entdeckungen des Umlandes als wertvoll gerettet. Wir haben unseren Tagesablauf verändert. Wir spielen online mit der Großfamilie und haben so mehr Kontakt als in der Zeit vor der Pandemie. Und nun soll das Alte all das Neue ablösen. Will ich das?

Ich brauche die Zeit, um die innerliche Bremse zu lösen. Die Bremse, die ich in mir nicht als Ausbremsen und Stillstand empfinde, sondern als Konzentration auf uns als Familie im Stop-Modus des gesellschaftlichen Lebens. Wir suchen zusammen eine Idee für einen neuen Alltag in alten Möglichkeiten. Interessanterweise war uns allen dabei besonders wichtig, Menschen einzuladen. Zusammen sortieren wir unsere Werte. Welche Hobbys und Aktivitäten von uns und unseren Kindern formen die Persönlichkeit und machen Superspaß? Und welche dienen mehr der gesellschaftlichen Akzeptanz und nicht dem Individuum?

Dabei kommt auch unser erhöhtes Serien-Schauen zur Sprache. Ich muss mich hinterfragen lassen und gebe nach einigem Nachdenken zu, dass es nun vorbei ist mit dem „Es geht ja nix Anderes!“ als Ausrede. Die mediale Nutzung ist ein großes Diskussionsthema. Was wollen wir weiter fördern – Lernen mit Apps, Hörbücher, Online Skat … – und was nicht?

Wir fühlen uns als Familie erschöpft und nehmen das ernst. Wir sehen gut hin, was uns gerade zu viel abverlangt. Keiner von uns will in das Alte zurück. Aber Leidenschaften wie Tariks Fußball oder Riekas geliebte Escape Rooms können nicht oft genug stattfinden.

Je länger wir die nächsten Wochen bedenken, desto mehr kribbelt es in mir. Was für eine große Chance haben wir. Durch diese Zäsur können wir aus dem alten Alltag Neues werden lassen und zwar so bewusst, wie es wenigen Menschen in anderen Zeiten möglich war.

In mir blubbert es wie vor der Einschulung, einer ungeliebten Weisheitszahn-OP und den großen Ferien zusammen und ich spüre, ich will meine Kraft in das Neue investieren. In der Bibel finde ich dazu einen Vers, der mich aufmuntert: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43, 19) Gott lädt mich ein, mutig hinzusehen. Das Wachsen des Neuen wahrzunehmen. Nicht Zackzack, sondern achtsam.

Ja, ich will das Neue entdecken und damit heute beginnen.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/06/imagedepotpro_GettyImages-157694738.jpg 1273 2356 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2021-06-01 11:40:212021-06-01 11:40:21Alles auf Anfang?

„Kann so nicht weiterleben“ – Wie Model und Mutter Mirja du Mont ihre Lebenskrise überstand

Mirja du Mont wollte es im Beruf und in der Familie allen recht machen. Dann kam der Zusammenbruch. Im Interview erzählt sie, wie sie zurück ins Leben fand und was sie anderen Müttern rät.

Mirja, nach der Trennung von deinem Exmann Sky du Mont hast du dir selbst sehr viel Druck gemacht. Warum?

Ich wollte mir selbst und meinem Ex beweisen, dass ich keinen Mann brauche, um mich zu finanzieren. Ich wollte zeigen, dass ich stark bin, alle meine Jobs machen kann und zusätzlich auch die Kinder und den Haushalt unter einen Hut bekomme. Dabei stand mir mein Perfektionismus zusätzlich im Weg. Ich sah all die Perfektion in den sozialen Medien, die falschen Fassaden der anderen, und ich wollte mir und der Welt beweisen, dass ich auch alles kann. Und das nicht nur irgendwie, sondern richtig gut. Aber der Druck und die Termine lagen alle viel zu eng. Es war viel zu viel.

Wie sah das konkret aus?

Es gab den Punkt in meinem Leben, an dem ich zeitgleich drei verschiedene Fernsehshows hatte: Dance dance dance, die Reportage bei VOX „6 Mütter“ und meine eigene Show bei Channel24. Die Fernsehproduktion bei VOX begleitete mich zusätzlich jeden Tag und zu all den anderen Shows. Auch am Wochenende. Es war permanenter Stress. Zusätzlich versorgte ich die Kinder, kochte abends vor und machte mir selbst viel Druck. Ich wollte meine Arbeit wirklich gut machen, denn ich arbeite sehr gerne, bin gleichzeitig gern Mama und liebe mein Leben. Ich hatte nicht mal Hilfe im Haushalt, weil meine Mama auch immer alles alleine geschafft hat und ich es nicht mag, wenn andere für mich arbeiten müssen.

Plötzlich taub

Das kann nicht lange funktionieren. Was ist passiert?

Morgens war ich im Möbelgeschäft und hatte sehr viel eingekauft. Als ich zu Hause ankam, stellte ich fest, dass der Fahrstuhl kaputt war und ich alles alleine in den vierten Stock schleppen musste. Als ich das geschafft hatte, überkam mich plötzlich eine unendliche Müdigkeit. Ich hätte am liebsten den ganzen restlichen Tag verschlafen. Aber meine Freundinnen hatten abends für uns einen Tisch reserviert und ich hatte mich auf sie gefreut. Also fuhr ich hin. Doch schon während des Termins spürte ich, dass es mir eigentlich zu viel ist und ich lieber schlafen würde.

Als ich nach Hause fuhr, passierte es plötzlich: Mein Ohr ging zu, als würde man an einem Regler drehen und es ausschalten. Ich erschrak, aber hatte die Hoffnung, dass es am nächsten Morgen schon weitergehen würde.

Aber am nächsten Morgen war nicht alles gut?

Ich wachte auf und es durchzuckte mich. Ich lag auf meinem gesunden Ohr, daher hörte ich gar nichts. Nicht mal den Baustellenlärm vor meinem Fenster. Ich dachte, ich sei taub geworden. Als ich ein paar Sekunden später begriff, dass es doch nur das eine Ohr war, beruhigte mich das nicht viel weniger.

Ich fuhr ins Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass ich einen Riss im Innenohr hatte und Hörflüssigkeit ausgelaufen war. Ich hatte dadurch Schwindelstörungen und als Folge dessen Sehstörungen. Und das ein ganzes Jahr lang. Ich konnte nicht mehr raus gehen, nicht einkaufen gehen. Nichts. Meine ganze Welt drehte sich einmal um 180 Grad. Dazu kam eine große Angst. Was, wenn das nie mehr aufhört? Was, wenn irgendwann mein anderes Ohr auch betroffen sein könnte?

Das klingt nach einer schrecklichen Phase …

Als ich meine Eltern besuchte, erlebte ich einen Knackpunkt. „Ich kann so nicht weiterleben“, sagte ich gegenüber meinem Papa. Ich war absolut körperlich und psychisch am Ende. Meine Eltern trösteten und hielten mich. Ich wusste in dem Moment: Ich bin geborgen. Diese Liebe hat mir viel Kraft gegeben.

Ich bekam kurz danach Psychopharmaka aufgrund der großen Angststörung, die ich entwickelt hatte. Ich hatte Angst, essen zu kochen, Angst, vor die Tür zu gehen und einiges mehr. Diese Medikamente vertrug ich allerdings so schlecht, dass ich in eine Klinik kam.

Kein Iron Man

Wie bist du wieder gesund geworden? Wo hast du Hilfe gefunden?

Meine Familie ist sehr eng, hier helfen wir uns alle gegenseitig. Meine Kinder waren mir auch eine große Hilfe, weil sie so viel Verständnis zeigten. Ich dachte in dem Moment, dass es vielleicht auch etwas Gutes ist, dass sie sehen, dass Mama nicht nur Iron Man ist mit 80 Armen und 50 Beinen und alles immer kann. Dass Mama auch mal schwach sein darf und Hilfe braucht.

In der Zeit meiner Krankheit starb meine sehr liebe Freundin. Sie war mir ein leuchtendes Vorbild, denn sogar am Ende ihres Lebens, als sie kaum noch konnte, sagte sie immer wieder zu mir: „Das Leben ist wunderschön“. Ihr gegenüber empfand ich es als unfair, dass ich hier die Leidende war. Ich starb ja nicht an meiner Krankheit. Dadurch habe ich mich zusammengerissen.

Wie fühlte sich das für dich an, dass andere dir geholfen haben?

Ich wusste, dass ich es alleine nicht schaffen werde und war dankbar für all die Hilfe. Auf der anderen Seite empfand ich viel Scham. Ich wollte nicht, dass jemand weiß, wie es mir tatsächlich geht. Später schrieb ich aus diesem Grund mein Buch. Ich wollte lieber selbst meine Geschichte erzählen, damit Betroffene sehen können, dass man wieder gesund werden kann.

In ihrem Buch erzählt Mirja du Mont ihre Geschichte ausführlich. Cover: adeo

In ihrem Buch erzählt Mirja du Mont ihre Geschichte ausführlich. Cover: adeo

„Jetzt mache ich auch mal zwei Wochen gar nichts“

Was hat sich durch diese Lebenskrise in die verändert? Was machst du jetzt anders als vorher?

Ich habe gelernt, Nein zu sagen und meine Grenzen zu ziehen. Das konnte ich früher überhaupt nicht. Ich entschuldige mich sogar immer noch, wenn ich mal etwas absagen muss. Da habe ich noch etwas Lernstoff vor mir. Ich mache keine Jobs mehr gleichzeitig, sondern nur noch nacheinander. Und das Wichtigste: Jetzt mache ich auch mal zwei Wochen gar nichts. Früher war ich sogar im Urlaub auf Achse.

Was hat dir Kraft gegeben?

Ich glaube, dass es eine höhere Kraft gibt. Ich kann es nicht betiteln und weiß auch nicht, was es ist, aber ich habe das Gefühl, dass meine verstorbene Oma und meine geliebte Freundin auf mich aufpassen. Das und natürlich meine Familie und Freunde.

Immer noch Tinnitus

Hat die Krankheit noch Nachwirkungen?

Ich lebe inzwischen mit Dauertinnitus. Viele Menschen haben das in Deutschland und viele nehmen Schlaftabletten. Wenn man das Geräusch und die Krankheit nicht akzeptiert, dreht man durch. Der Tinnitus ist dein Kumpel, er ist immer da. Es gibt schlimmere Sachen im Leben. Wenn man den Tinnitus akzeptiert, kann man damit leben.

Wie kann man sich Tinnitus vorstellen? 

Der Tinnitus ist ein Piepen und ein Rauschen, wie ein Radio ohne Frequenz. Und er ist so laut, als würde man direkt neben dem Radio sitzen. Früher konnte ich damit nicht einschlafen, man hört immer, dass man krank ist und das ist sehr schwer.

Wie lebst du damit?

Mein Papa sagte mal zu mir: „Es ist nur ein Ohr, Mausi. Was machen Menschen, die nicht sehen können?“ Das veränderte mein Denken. Am Anfang brauchte ich jemanden, der mich bemitleidet, und dann jemanden, der mir in den Arsch tritt.

Zu guter Letzt: Wie lebst du Familie, was ist dir wichtig?

Empathie und Respekt anderen Menschen gegenüber sind wichtige Werte für mich. Schon in den kleinen Alltagsdingen. Dass man alten Menschen im Bus seinen Platz anbietet zum Beispiel. Mir ist es auch wichtig, dass unsere Kinder sich nicht beleidigen. Ich liebe Menschen und das Leben, daher wünsche ich mir weniger Hass und mehr Liebe.

Die Fragen stellte Priska Lachmann.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_Mirja-du-Mont_cOliver-Reetz-e1621325777715.jpg 832 1600 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-06-01 08:26:542021-06-01 08:26:54„Kann so nicht weiterleben“ – Wie Model und Mutter Mirja du Mont ihre Lebenskrise überstand

Family knackt fünf Millionen Klicks auf FOCUS Online

Unsere Kooperation mit FOCUS Online feiert im Sommer ihren zweiten Geburtstag. Die Ergebnisse können wir selbst kaum fassen. 

Ich erinnere mich noch, wie wir unsere ersten Family-Artikel auf FOCUS Online veröffentlicht haben. Das war im Juli 2019, ganz am Anfang unserer Kooperation mit dem sogenannten „Conunity-Netzwerk“. Gespannt stand die Online-Redaktion um den Bildschirm herum, feilte bis zuletzt an der Headline und drückte dann auf „Veröffentlichen“. Wohin die Reise gehen würde, wusste damals niemand.

Heute haben wir es schwarz auf weiß: Über fünf Millionen Mal haben Menschen auf FOCUS Online mittlerweile auf unsere Family-Artikel geklickt. Zehntausende Klicks sind es bei vielen Artikeln, bei einzelnen Evergreens sogar weit über hunderttausend. Für uns als kleiner Verlag ist das eine unglaubliche Zahl. Schätzungsweise drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer sind so mit unseren Familienthemen aus christlicher Sicht in Berührung gekommen. Gleichzeitig haben wir als Redaktion in dieser Zeit unglaublich dazu gelernt. Was für ein Segen!

Jetzt geht die Kooperation in die nächste Runde: Nach Family werden auch unsere neue Zeitschrift andersLEBEN und das Männermagazin MOVO Teil der Conunity. Für uns heißt das: Noch mehr Raum, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die uns wichtig sind. Und dafür sind wir dankbar.

Nathanael Ullmann ist Online-Redakteur und Spender-Betreuer beim SCM Bundes-Verlag. 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_maus.jpg 1415 2119 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-27 15:51:142021-05-27 15:51:14Family knackt fünf Millionen Klicks auf FOCUS Online

Trauere ich richtig? Nicole erkärt, warum sie um ihre sterbende Katze mehr weint als um ihren Mann

Nicole Schenderlein hat schon viele Tode erleben müssen. Und dabei gelernt: Es gibt keine falsche Trauer.

Die Katze stirbt. Nach einer menschlichen Volljährigkeit ist unser Stubentiger am Ende seines Lebens angekommen. Das war zu erwarten. Sie ist alt. Und trotzdem wirft es mich aus der Bahn. Ich schlafe nicht, esse wenig und weine fast mehr als nach dem Suizid meines Mannes und dem Tod meines Vaters, um nur die letzten zwei Toten meines Lebens zu nennen. Ich bin erst knapp über vierzig und habe schon so viele Todesfälle erlebt; da müsste ich doch ein dickeres Fell haben. Oder?

Man könnte doch meinen: So ist das Leben, am Ende gehört das Sterben dazu. Irgendwann müssen alle Abschied nehmen. Und all die weiteren Floskeln, die man so von sich gibt, wenn ein Lebewesen zum letzten Mal seinen Odem aushaucht. Ist halt so. Punkt.

Trauern ist wie Liebeskummer

Ja und nein. Dieser pragmatische Umgang mit dem Tod kann eine Variante sein, wie wir als sterbliche Wesen damit umgehen: Akzeptanz. Und weiter geht’s. Es ist aber nicht die allgemeingültige Variante. Denn allgemeingültig, das gibt es nicht beim Trauern.

Für mich ist der bald nahende Tod unserer Katze nicht nur ein Fakt, den ich akzeptieren muss. Es ist Liebe, die nicht mehr gelebt werden kann. Wenn ein Mensch oder ein Tier stirbt, zu dem wir eine Bindung haben, erleben wir Liebeskummer. Nur ohne dieses: „Liebt er oder sie mich vielleicht doch noch?“ Denn das tut er oder sie. Meistens. Doch die Liebe wird getrennt. Die Bindung gekappt. Und das für immer.

Akzeptanz ist nicht immer eine Lösung

Mit sachlicher Akzeptanz kommen wir da nicht weit. Zumindest nicht auf Dauer. Sachliche Akzeptanz funktioniert so lange, bis es uns selbst betrifft. Wenn ein Bekannter stirbt oder ein Promi oder ein Verwandter, den ich kaum gesehen habe in meinem Leben, fehlt mir die Bindung. Hatte ich eine liebevolle Beziehung zu dieser Person? Nein? Dann ist das kein Problem mit der Akzeptanz.

Und das ist auch gut so. Man stelle sich vor, wir würden bei jedem Menschen, der stirbt, diesen Schmerz erleben. Diese unerwiderte Liebe auf ewig. Zumindest fühlt es sich so an, auch wenn wir an ein Leben nach dem Tod glauben und auf ein Wiedersehen in der Ewigkeit hoffen. Hier in unserem irdischen Leben, in unserem Alltag zwischen Zähneputzen, Arbeit und Älterwerden entsteht plötzlich eine Lücke, die sich nicht mehr füllen lässt. Auch wenn manche es versuchen.

Menschen trauern unterschiedlich

Unsere Katze ist nicht das erste Tier, von dem ich mich verabschieden muss. Vor einigen Jahren musste ich unseren ersten Hund einschläfern lassen. Bis ich wieder eine Fellnase in mein Leben ließ, dauerte es mehrere Jahre. Ich brauchte Zeit, um die Liebe loszulassen und Platz zu schaffen in meinem Herzen für einen anderen Hund.

Als meine Eltern ihren Hund verloren, kam gleich wenige Wochen später ein neuer ins Haus. Eine Hündin, die bis heute ab und zu mit „er“ angeredet wird. Weil die Rolle des Hundes im Leben von ihr übernommen wurde. Meine Mutter bereut das heute ein wenig. Sie liebt ihren jetzigen Hund und möchte ihn nicht mehr hergeben. Trotzdem wurde ihr bewusst, dass sie nicht nur einfach einen Hund vermisst. Sondern den Hund, der gestorben war. Hund ist eben nicht gleich Hund. Auch wenn der Lebensrhythmus mit Gassi-Gehen und Füttern und Streicheln und Spielen wieder da ist.

„Trauer verträgt keine Beurteilung“

Darüber habe ich etwas die Nase gerümpft. Aus der Distanz. Denn auch wenn ich es traurig fand, dass der erste Hund gestorben war, hatte ich nicht dieselbe Bindung zu dem Tier wie meine Eltern. Trotzdem habe ich es mir angemaßt, darüber zu urteilen, wie sie trauern sollten. Weil ich es anders gemacht hatte.

Für meine Eltern funktionierte das so aber nicht. Sie handelten aus ihrem Erfahrungsschatz heraus: Als pragmatische Menschen versuchten sie, die Lücke praktisch zu füllen. Und haben neue Erfahrungen damit gemacht. Dass ich das verurteilte, half ihnen nicht. Und mir auch nicht.

Trauer verträgt keine Beurteilung. Denn Beurteilung trennt. Zusätzlich zum Tod. Da haben wir schon ein geliebtes Wesen verloren und werden innerlich noch von Menschen verlassen, die unsere Art des Trauerns nicht gutheißen. Also müssen wir doppelt trauern. Weil der Tod nicht nur eine Beziehung gekappt hat, sondern auch noch lebende Beziehungen stört.

Spielarten der Liebe

Klar darf man urteilen. Aber man sollte es nicht. Denn wer möchte schon freiwillig noch mehr Verlust erleben? Weil wir Liebeskummer haben, brauchen wir genau das Gegenteil: Wir brauchen mehr Liebe. Und genauso, wie es verschiedene Arten gibt, Liebe auszudrücken, gibt es verschiedene Arten, verstorbene Liebe zu zeigen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, sie zu be- und verurteilen. Sondern sie auszuhalten, uns hineinzudenken, uns vielleicht sogar inspirieren zu lassen.

In der Wohnung meiner Schwiegermutter hängen sehr viele Fotos von ihrem Sohn. Meinem verstorbenen Mann. Und Fotos von ihrem verstorbenen Mann. Es gibt kaum einen Raum, in dem es nicht eine Erinnerung gibt. Sie geben ihr Halt. Sie bekräftigen ihre Liebe, die auch nach dem Tod weitergeht.

In meinem Haus gab es nach dem Suizid meines Mannes nur noch ein Foto von ihm. Eines mit ihm und meiner Tochter. Mehr brauchte und wollte ich nicht. Denn als seine Ehefrau war meine Beziehung zu ihm eine andere als die seiner Mutter zu ihm.

Schmerz folgt keinen Regeln

Bei einem Suizid ist die Trauer spezieller. Die Traurigkeit vermischt sich viel mehr mit Wut als bei anderen Todesfällen. Was bei mir zur Folge hatte, dass ich relativ kurz nach seinem Tod seine Kleidung aus dem Schlafzimmer geräumt und die Möbel darin umgestellt habe. Das wäre für meine Schwiegermutter nie in Frage gekommen nach dem Tod ihres Mannes. Sie hat lange gebraucht, bis sie sich von seinen Sachen trennen konnte. Beide Wege sind okay. Beides darf sein.

Fast fünf Jahre nach dem Suizid ist meine Schwiegermutter immer noch ein Teil meines Lebens. Weil wir unsere Arten der Trauer akzeptieren können, wie sie sind. Unterschiedlich. Denn Schmerz hat verschiedene Facetten. Schmerz folgt keinen Regeln. Weil auch Liebe keinen Regeln folgt.

Kein Platz für neue Liebe?

Trotzdem haben wir so etwas wie eine innere Richtschnur. Eine Einteilung in gut und böse. Eine unangenehme Angewohnheit von uns Menschen. Schwer wieder abzulegen. Ich dachte immer, dass man sich Zeit zum Trauern nehmen sollte. Was auch stimmt. Trauer braucht Raum. Was aber nicht bedeutet, dass da kein Platz mehr ist für etwas anderes.

Ein befreundeter Witwer erzählte mir einige Zeit nach dem Tod meines Mannes, dass er eine neue Liebe gefunden hatte. Ich freute mich. Es war zwei Jahre, nachdem meine Freundin und seine Frau gestorben war. Gleichzeitig hielt ich das für mich für ausgeschlossen. Nicht nur, weil ich mir Zeit zum Trauern nehmen wollte. Sondern weil kein Platz war für neue Liebe. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun, das Chaos zu beseitigen, das mein Mann nach seinem Suizid hinterlassen hatte. Das hat mehrere Jahre gedauert. Bis heute.

Plötzlich verliebt

Ich wollte vor allem aber nicht wieder vertrauen. Ich wollte mich nicht mehr auf einen anderen Menschen verlassen müssen und dann verlassen werden. Tja. Und dann kam die Liebe. Wie sie eben so ist. Sie kam einfach so.

Einige Wochen nach dem Tod meines Mannes habe ich mich verliebt wie noch nie. Diese Liebe hat das Chaos nach dem Suizid überstanden. Mein Misstrauen. Gerede. Menschen, die mich verurteilt und verlassen haben. Eine Haussanierung in einer Pandemie. Diese Liebe ist nicht daran gestorben, sie ist gewachsen. Und hat mich unterstützt in meiner Trauer. Sie hat den Boden bereitet, mich der Wut und dem Schmerz zu stellen. Damit ich auch meinen ersten Mann wieder lieben konnte. Denn das tue ich immer noch. Ich habe nicht einen Menschen durch einen anderen ersetzt. Ich kann beide Lieben leben. Denn Liebe ist nicht exklusiv.

Liebe darf alles

Darf man sich also nach dem Tod einer zwanzigjährigen Beziehung wieder verlieben? Darf man die Wohnung mit Fotos von Toten vollhängen? Darf man alles wegwerfen, was einen mit den Toten verbindet? Darf man versuchen, dem Alltag von vorher wieder möglichst nahezukommen? Darf man alles verändern und wegziehen? Darf man sachlich und pragmatisch sein? Darf man emotional und aufbrausend sein? Trauer darf. Trauer darf das alles. Weil Trauer Liebe ist. Und Liebe ist wie Gott: nicht greifbar, nicht einzuteilen, größer und stärker, als wir erwarten, aber immer da.

Trauer darf alles, solange es Liebe bleibt. Dazu gehören auch Schmerz und Wut. Wut und Schmerz dürfen sein. Manchmal auch Jahre später. Weil sie dann erst genug Sicherheit haben, um sich zu zeigen. Alles hat seine Zeit. Trauer darf. Immer. Alles. Bis auf eins: ein Arschloch sein – aburteilen, pöbeln, Rache nehmen. Ich darf auf die Verstorbenen wütend sein. Auf Gott. Darüber, dass es den Tod überhaupt gibt. Aber ich darf diese Wut nicht an den Lebenden auslassen. Weder an anderen noch an mir selbst. Das wäre das Gegenteil von Liebe.

Dass meine Katze jetzt stirbt, macht mich wütend. Auf die Vergänglichkeit. Aber nicht auf die Katze. Weil ich sie liebe. Dieser Liebe versuche ich, Ausdruck zu geben in der letzten Zeit, die sie noch hat auf dieser Erde. Und das tut weh. Jedes Mal wieder, wenn jemand stirbt, den wir lieben. Weil diese Liebe einzigartig ist. Wie jeder von uns.

Nicole Schenderlein ist gelernte Journalistin und Bildhauerin (art.green-woman.de). Als Gründerin von „Blattwenden“ setzt sie sich für einen krea(k)tiven Umgang mit Suizid und Trauer ein: blattwenden.eu

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_herz.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-25 08:05:432021-05-25 08:05:43Trauere ich richtig? Nicole erkärt, warum sie um ihre sterbende Katze mehr weint als um ihren Mann

„Sie ist fremdgegangen“

„Unsere Tochter war ihrem Mann untreu. Nun lebt sie getrennt von ihm und ihren Kindern. Wir wissen nicht, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen. Einerseits wollen wir unserer Tochter helfen, andererseits sehen wir das Leid, das sie unserem Schwiegersohn und unseren Enkeln zugefügt hat. Was sollen wir bloß tun?“

 

„Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ – dieses klassische Ende der Kindheitsmärchen ist in unserer Seele verankert, und wie wünschen wir uns dies auch für die Ehe unserer Kinder!

Es ist eine starke Erschütterung, wenn eine Ehe zerbricht. Dies betrifft nicht nur die beiden Ehepartner und deren Kinder, sondern auch die Familien und Freunde des Paares. Es wird dann empfunden, als ob eine „Welt zusammenbricht“ und das ist es ja auch: Die Ehe- und Familienwelt fällt auseinander. Gerade die Eltern des Paares stehen verzweifelt und oft ratlos vor dem Ehe-Scherbenhaufen. Die Eltern lieben das eigene Kind, haben aber auch den Partner und die Enkel lieb gewonnen und sitzen nun buchstäblich zwischen den Stühlen.

Eltern sind nicht verantwortlich!

Zuerst ist es wichtig, dass die Eltern sich selbst auch eine Traurigkeit über diese starke Ehekrise zugestehen, aber sich gleichzeitig klar darüber werden, dass diese Krise in der Verantwortung der Ehepartner liegt. Auch wenn die Eltern vielleicht im Vorfeld keine Krise wahrgenommen haben, hätte die Mutter oder der Vater wenig Einfluss darauf nehmen können. Die Ehekrise ist in erster Linie ein Geschehen zwischen den Ehepartnern.

Es ist wichtig, dass die Eltern sich nun nicht zu einem Ehetherapeuten entwickeln, sondern – und das ist sehr viel – weiter für die Familie da sind. Dies bedeutet, dass Sie nur etwas zu dem Konflikt sagen, wenn Sie von der Tochter oder dem Schwiegersohn dazu befragt werden. Machen Sie stattdessen das Angebot: Wir sind an der Seite eurer Familie, doch ihr müsst uns sagen, wo ihr Unterstützung braucht.

Oma und Opa können den Enkeln Sicherheit geben

Diese Klarheit  ist wichtig, denn der Fokus der Eltern sollte besonders auf den Enkelkindern liegen, um Freiraum und Sicherheit für die Enkel zu gestalten. Dazu gehört, dass die Eltern nicht schlecht über die oder den eine/n Ehepartner/in vor den Enkeln sprechen. Dagegen können kleine gemeinsame Unternehmungen, Besuche und Übernachtungen mit und bei Oma und Opa Stabilität in dem wankenden Ehe- und damit auch Familienalltag für die Enkel bringen.

Die Liebe der Eltern zu ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und den Enkeln bleibt. Doch sollte gerade diese Liebe nicht dazu verführen, über die Krise zu urteilen, sondern versuchen, die Beziehungs- und die Konfliktebene zu trennen. Im besten Fall versöhnen sich die beiden Ehepartner, und dann soll ja die Beziehung zu allen Beteiligten unbelastet und frei sein. Auch in so einer starken Ehekrise liegt immer die Chance, dass die Familie gestärkt daraus hervorgehen kann.

Ute Sinn ist verheiratet mit Martin, hat drei erwachsene Kinder und lebt und arbeitet als Seelsorgerin und Künstlerin in Wetter/Ruhr.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/fremdgegangen.jpg 1556 1944 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-20 16:02:332021-06-15 16:16:44„Sie ist fremdgegangen“

Doula mit Herz

Marit Boguslawski ist zertifizierte Doula. Das heißt, sie begleitet Frauen bei der Geburt. Eine Hebamme ist sie allerdings nicht. Ein Interview.

Was genau ist eine Doula?

Eine Doula ist eine Geburtsbegleiterin. Sie hat Erfahrung und schon eigene Kinder geboren. Sie ist nur bei der Geburt mit dabei und für das Wohl der Mutter da.

Also eine Art Hebamme?

Eine Hebamme hat eine längere und intensivere Ausbildung hinter sich und auch mehr Aufgaben und Verantwortung. Sie muss bei der Geburt zum Beispiel auch das Baby genau im Blick behalten sowie nicht zuletzt wegen des Personalmangels die anderen Entbindenden im Kreißsaal. So kann es immer wieder zu Unterbrechungen und Störungen kommen, die die Mütter verunsichern oder verängstigen. Diese Lücken kann die Doula füllen. Sie ist ausschließlich für die Mutter da und begleitet sie vom Anfang bis zum Ende der Geburt.

Man hat also im besten Fall eine Hebamme und eine Doula?

Genau. So wäre es perfekt.

Es geht nicht ums Betüddeln

Es gibt aber Frauen, die unter der Geburt nicht gern betüddelt werden …

Es geht nicht ums Betüddeln, sondern darum, dass jemand für die Frau da ist, ihr etwas zu trinken gibt, mit ihr atmet, sie massiert und ermutigt, darauf achtet, dass die Tür geschlossen bleibt und nicht ständig jemand reinkommt – vor allem, wenn der Vater nicht mit dabei sein kann.

Werden Sie von den Vätern nicht als Konkurrenz gesehen?

Wenn mich Eltern engagieren, treffen wir uns erst einmal zu einem Kennenlerngespräch, um zu sehen, ob die Chemie stimmt. Dann sprechen wir Erwartungen ab und wer bei der Geburt welche Aufgabe übernimmt. Ich dränge mich nicht dazwischen. Ich bin einfach nur da. Die Männer waren bisher immer erleichtert, mich dabeizuhaben, weil sie so mal verschnaufen oder auch mal rausgehen konnten, ohne ihre Frauen allein zu lassen. Übrigens auch die Hebammen, die ja häufig mehrere Frauen gleichzeitig betreuen.

Viele Frauen sind nach einer Geburt traumatisiert

Warum sind Sie Doula geworden?

Mich haben Erzählungen von Geburten betroffen gemacht, die wegen fehlender Anwesenheit Ermutigender, mangelnder Empathie und auch falscher Krankenhauspolitik schiefgelaufen sind. Viele Frauen sind nach einer Geburt so traumatisiert und desillusioniert, dass sie sich im schlimmsten Fall keine weiteren Geburten vorstellen können. Ich finde es schade, dass das Wunder Gottes so ein Akt geworden ist und glaube, dass eine Geburt perfekt von Gott vorbereitet ist und es besser klappen kann. So habe ich es auch erlebt. Ich bin eigentlich Erzieherin und wollte nicht zurück in den Kindergarten, nachdem ich drei Kinder bekommen habe und zehn Jahre zu Hause war. Also habe ich eine Weiterbildung zur Doula gemacht. So mache ich zwar nicht in der Masse, aber bei der einzelnen Frau einen Unterschied.

Haben Sie das auch so erleben können?

Ja. Viele Mütter haben mir zurückgemeldet, dass sie sich nicht erträumt hätten, dass eine Geburt auch so verlaufen kann, entspannt, fast unspektakulär – so, wie es sein sollte. Sie kommen mit unterschiedlichen Erwartungen zur Geburt. Ich kann ihnen dienen und zur Seite stehen, egal was kommt, indem ich zeige: „Ich bin da. Du bist nicht allein.“ Ich bin bisher immer sehr erfüllt und beglückt aus dem Kreißsaal gegangen, weil ich das Gefühl hatte, die richtige Person für diese Frau gewesen zu sein.

Interview: Ruth Korte

Eine Doula finden:

doulas-in-deutschland.de
doula.ch
doula.at
Die Kosten variieren zum Teil stark. Es gibt auch Angebote auf ehrenamtlicher Basis und eine finanzielle Unterstützung einkommensschwacher und alleinerziehender Frauen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_Marit-scaled.jpg 2000 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-20 11:31:192021-06-02 16:23:39Doula mit Herz

Der kleine Justus kämpft gegen die Leukämie – Warum die Eltern die Hoffnung nicht aufgeben

Wie ein Kometeneinschlag trifft Familie Müller die Krebs-Diagnose ihres damals fünfjährigen Sohnes. Über Leid, Hoffnung und grenzenlosen Optimismus.

„Papa!“, jubelt Jussi und springt Andy in die Arme, als er an diesem Abend nach Hause kommt. Eine Minute später ist er schon wieder unterwegs, turnt über einen Sessel, robbt unter einem Stuhl durch, kippt seine Legokiste aus – krawumm! Der Siebenjährige ist schnell, laut, lebhaft. Mit seinen dunkelblauen Augen und den blonden Haaren sieht Justus, wie er richtig heißt, aus wie ein Lausebengel. Eine Ahnung davon, dass sein Kopf voller Streiche steckt, bekommt man, wenn man Jussi nur ein paar Minuten dabei beobachtet, wie er durch das gemütliche, großzügige Haus von Familie Müller tobt. Stillsitzen ist nicht Jussis Ding.

Im Frühjahr 2019 sieht das ganz anders aus: Jussi hat die Grippe und fühlt sich danach schlapp. Er ist sehr anhänglich, will lieber kuscheln statt spielen. Sein Schwimmkurs strengt ihn über die Maßen an, und zu Hause friert er noch so sehr, dass Mama Esther ihn in eine Decke wickelt. Nachwirkungen der Grippe, denkt sie. Das denkt auch der Kinderarzt, den die Familie erneut aufsucht, als Jussi zwei Wochen später immer noch merkwürdig blass aussieht und antriebslos ist.

„Ich wusste, dass irgendetwas im Busch ist“

Als der damals Fünfjährige nach weiteren zwei Wochen noch schlapp wirkt und über Druck an einem Auge klagt, sucht Esther wieder den Kinderarzt auf. Ein großes Blutbild wird gemacht. Weil die Arztpraxis einer Klinik angeschlossen ist, kommen die Laborwerte noch am selben Tag. „Ich wusste, dass irgendetwas im Busch ist, weil ich allein zur Ärztin reingehen und die Sprechstundenhilfe bei Jussi bleiben sollte“, erzählt Esther. Die Kinderärztin fängt an, von weißen Blutkörperchen zu sprechen. „Ich habe gleich gesagt: ‚Leukämie, oder?‘“, erinnert sich Esther. Ja, der Verdacht steht im Raum. Esther soll mit Jussi sofort in die Klinik.

Andy ist zu der Zeit dienstlich unterwegs. Er arbeitet als Jugendevangelist und ist auf einem Ferien-Festival, um jungen Menschen von Gott zu erzählen. Dass seine Schwester sich an diesem Tag für einen Besuch bei seiner Frau und den Kindern angekündigt hat, ist ein Segen, denn so kann sie Jussis drei Jahre älteren Bruder Noah von der Schule abholen, während Esther und Jussi in der Klinik sind.

Diagnose Leukämie

Es ist ein Freitagmittag, als Esther erstmals die Kinderonkologie im Kasseler Klinikum betritt. Es ist ruhig auf der Station. Weil Jussi als Notfall eingeliefert wird, kümmert sich sofort ein Onkologe um ihn. Sein Hämoglobin-Wert liegt bei 4,9 – lebensbedrohlich. Normal für Kinder seines Alters ist ein Hb-Wert zwischen 12 und 15. Dass Jussi viel zu wenige rote Blutkörperchen im Blut hat, erklärt auch seinen Augendruck. Nach einer weiteren Blutuntersuchung, Ultraschall, Herz-Screening und EKG bestätigt sich der Verdacht: Jussi hat Leukämie.

Die Diagnose trifft die Familie wie ein Kometeneinschlag. „Wenn du so etwas erfährst, funktionierst du einfach“, sagt Esther. „Du stehst so unter Adrenalin, da denkst du gar nicht viel.“ Sie klingt abgeklärt, wenn sie darüber spricht. Daran, dass ihr Kind sterben könnte, denkt sie keinen Augenblick, sagt Esther. Sie ist eine Pragmatikerin und Optimistin, genauso wie ihr Mann Andy. Als dieser von der Krankheit seines Jüngsten erfährt, befindet er sich inmitten von frohen Menschen in Ferienstimmung. In wenigen Minuten soll er ein Seminar geben und dabei Jesus verkündigen. Das Seminar findet wie geplant statt, die private Sorge merkt ihm niemand an. Danach zieht Andy sich zurück und kann die Tränen nicht unterdrücken. Für ihn ist es ein Segen, dass ein guter Bekannter, der damalige Vorsitzende des Gnadauer Verbandes, vor Ort ist, dem er sein Herz ausschütten kann. Danach fährt Andy heim zu seiner Familie.

90 Prozent Hoffnung

Die Ärztin erklärt Andy und Esther, dass Jussi unter einer Form von Leukämie leidet, die sehr gut erforscht sei und bei der Betroffene mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent wieder gesund werden. Das beruhigt die Eltern. Esther ist keine, die die Möglichkeit der schlechten zehn Prozent in den Fokus rückt. Sie sagt sich: 90 Prozent ist eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles wieder gut wird. Nie wollen sie und ihr Mann Andy fragen: „Warum wir?“, sondern immer: „Wie gehen wir damit um?“

An der Form von Leukämie, die bei Jussi diagnostiziert wird, erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 500 Kinder im Alter zwischen 0 und 14 Jahren. 90 Prozent von ihnen leben nach fünf Jahren krankheitsfrei. Erkrankt ein Kind zum zweiten Mal, sinkt die Überlebensrate drastisch auf nicht einmal 40 Prozent.

Ein fast normales Leben

Die Krankheit wird mit Chemotherapie behandelt. Dabei bekommt das Kind Medikamente, die das Zellwachstum hemmen und die Krebszellen abtöten sollen. Jussis Therapie wird in drei Abschnitte eingeteilt. Er ist bei unserem Treffen kurz davor, die zweite Therapiephase abzuschließen, bei der er zu Hause wohnen und weitgehend normal leben und zur Schule gehen kann. Alle zwei Wochen steht ein Termin im Klinikum an. Danach werden seine Blutwerte regelmäßig kontrolliert, bis er 18 Jahre alt ist.

Jussi ist an diesem Winterabend besonders gut drauf, denn sein Stoffhund hat heute eine neue rote Mütze bekommen. „Dreimal darfst du raten, wie der heißt“, sagt er und hält das schwarzbraune Fellknäuel hoch. „Bello“ heißt er, aber eben nicht nur. Bello ist Akademiker: Doktor Bello bitte! Doktor Bello war von Anfang an in der Klinik dabei, ebenso wie Krankenschwester Hasi und der Papagei Bobo, Krankenwagenfahrer.

„Doktor Bello hat den Ärzten immer erklärt, was sie machen sollen“, erinnert sich Papa Andy. Einmal soll Doktor Bello draußen warten. Als Jussi aus dem Behandlungszimmer kommt, findet er Bello liebevoll auf eine Decke drapiert. Vor ihm steht ein Fressnapf mit einer echten kleinen Leberwurst in Folienverpackung, neben ihm liegt ein bisschen Hundespielzeug.

Dauerhaft auf der Kinderkrebsstation

Es sind kleine Episoden wie diese, die Müllers von der Zeit im Krankenhaus erzählen. Ein halbes Jahr lang ist Jussi nur mit kleinen Unterbrechungen dauerhaft auf der Kinderkrebsstation. „Das Personal wird zu deiner zweiten Familie“, sagt Andy. Sie hätten gute Gespräche geführt und auch viel gelacht. Natürlich habe es auch diese andere Seite gegeben, erzählt Esther, und schildert, wie sie einmal das Bild eines kleinen Mädchens auf einem Altar im Gang sieht. Oder wie ein krebskranker Junge kurz vor einer Operation erfährt, dass er möglicherweise einen zweiten Tumor hat. „In dem Fall können wir nichts mehr für ihn tun“, lassen die Ärzte die Eltern des Jungen wissen.

Auch für Esther und Andy ist die Zeit nicht nur wegen der Diagnose an sich eine Belastungsprobe: Jeden zweiten Tag wechseln sie sich ab, wer im Krankenhaus bleibt und wer sich zu Hause um Jussis Bruder kümmert. Die Nächte sind kurz, weil das Elternteil in der Klinik jede Stunde aufstehen muss, um dem Kind zu helfen, damit die Medikamentengabe reibungslos laufen kann. „Besonders am Wochenende langweilst du dich, weil nichts passiert“, sagt Andy. Er habe es gefeiert, als er den Infusionswagen dazu gebracht habe, nicht länger nervtötend zu quietschen.

Klinikclowns helfen gegen die Monotonie

Während der ersten Behandlungsphase muss die Umgebung keimfrei sein, weil das Immunsystem des kleinen Patienten komplett heruntergefahren ist. Daher sind die Spielmöglichkeiten begrenzt. „Du kannst nicht ununterbrochen vorlesen“, sagt Esther. Umso dankbarer ist sie für Abwechslungen im Klinikalltag wie den Klinikclown, das Sandmännchen, das die Kinder abends besucht, und den Erzieher, der auf der Station für alle Kinder da ist.

„Das Personal war cool“, sagt Andy. Gut informiert über das, was passiert, fühlen sich Müllers immer. Das ist wichtig, denn so sind sie auch auf das, was mit dem Kind passiert, vorbereitet: Es gibt Wochen, in denen die Medikamente für extreme Stimmungsschwankungen beim Kind sorgen. Andere Medikamente lösen Heißhungerattacken aus. Jussi verliert seine Haare.

„Die Krankheit ist eine Riesen-Scheiße“, sagt Andy, doch er und Esther suchen immer auch gute Momente. Weil Andys Mutter ebenfalls an Krebs erkrankt ist, hat auch sie keine Haare. Als Jussi seine verliert, solidarisieren sich die beiden Glatzköpfigen und die Oma setzt dem Enkel ihre Perücke auf. Andy lacht herzlich, als er sich an die Situation erinnert. Dass Esther und er sich diese positive Sicht aufs Leben erhalten können, empfinden sie als Geschenk. Dass auch Jussi ein geborener Optimist ist, hilft ungemein. Als Andys Mutter im Mai 2019 stirbt, sagt Bruder Noah: „Oma ist ja jetzt an Krebs gestorben, und Jussi hat ja auch Krebs …“ Jussi fällt ihm ins Wort: „Ja, aber ich habe doch einen ganz anderen Krebs!“

Wie ein kompletter Lockdown

Dass Jussi mit der eigenen Situation so optimistisch umgeht und dass er ein sehr unkomplizierter Patient ist, macht es auch den Eltern leichter. „Jussi hat das alles auch als Abenteuer erlebt“, meint Andy: „Er hat im Schwesternzimmer vor den Monitoren gesessen und war ganz in seinem Element, wenn er Sachen gesagt hat wie: ‚Auf der 3 ist der Puls zu hoch!‘“ Einmal sagt Jussi, der den Fußballern vom BVB die Daumen drückt, zu einer Ärztin: „Ich rede heute nicht mit dir!“ – „Wieso? Was habe ich gemacht?“ – „Du bist Bayern-Fan!“

Neben der Tatsache, dass Jussi gut kooperiert, nehmen Esther und Andy ihr christliches Umfeld als sehr hilfreich wahr. Beide haben christliche Arbeitgeber, die sie mit großer Selbstverständlichkeit unkompliziert von heute auf morgen freistellen. Ihr Hauskreis, eine Kleingruppe in ihrer Kirchengemeinde, leistet praktische Hilfe. „Gold wert“ sei das gewesen, sagt Esther. Als Jussi nach vier Wochen erstmals für ein paar Tage nach Hause darf, hat der Hauskreis das komplette Haus geputzt, damit alles möglichst keimfrei ist. „Das hätten wir unmöglich allein geschafft“, sagt Esther, zumal ja immer nur ein Elternteil zu Hause sein kann. Dass der Freundeskreis die ganze Zeit den Kontakt hält und nicht nur fürs Kind, sondern auch für die Eltern betet, schätzen Andy und Esther ungemein. „Du kannst ja nirgendwo mehr hin, es ist wie ein kompletter Lockdown für dich selbst, nur, dass draußen das Leben weitergeht“, sagt Esther.

Eine kleine Gebetserhörung

Eine Freundin aus dem Hauskreis arbeitet zufälligerweise auf der Station in der Kinderklinik, auf die Jussi kommt. Auch das hilft. Zusammen mit den Freunden, Bekannten und ihren Familien beten Andy und Esther viel. Einmal bekommt Jussi Fieber. Das ist schlecht, weil es die Therapie zurückwirft. „Ich habe gebetet, und das Fieber ging zurück“, sagt Andy. Dabei stellt er klar, dass natürlich nicht jedes Gebet erhört wird und es nicht unbedingt eine Beziehung zwischen „richtig“ oder „genug“ gebetet und dem Ausgang einer Situation gibt. „Aber das haben wir als Geschenk genommen“, sagt er.

Der hoffnungsvolle und optimistische Umgang von Müllers mit ihrer Situation bleibt nicht unbemerkt. An einem Abend kommt eine Schwester zu ihm: „Du, Andreas, du bist doch handwerklich so’n bisschen begabt. Im Nebenzimmer tropft die Dusche.“ Sie zögert. Und dann: „Das Kind hat eine Krankheit, die ihr gut kennt. Es täte denen gut, wenn ihr mal mit denen redet.“

Die Familie geht auf dem Zahnfleisch

An einem Samstag im November schwingt Jussi mit aller Kraft einen schweren Schlägel über den blanken Kopf und haut damit auf einen großen Gong. So feiern alle Patienten der Kinderkrebsstation, die die erste Therapiephase erfolgreich hinter sich gebracht haben: „Hoch die Hände, Chemoende“, steht auf einem Schild neben der runden Metallplatte.

Ein halbes Jahr später ist eine vierwöchige Familien-Reha angedacht. „Erst da haben wir gemerkt, wie sehr wir auf dem Zahnfleisch laufen“, sagt Esther. Die Diagnose selbst, die Trennungszeiten, der Schlafmangel, kein normales Familienleben: „Du kannst nicht allen gerecht werden. Ständig sitzt du zwischen den Stühlen und merkst erst später, wie sehr das alles geschlaucht hat.“ Die Familie muss die Reha, die im darauffolgenden März beginnt, nach zwei Wochen wegen Corona abbrechen. Sie soll wiederholt werden. Darauf freuen sich alle vier. Ihr größter Wunsch ist es, endlich wieder einen normalen Alltag zu führen.

An dem Abend, an dem Doktor Bello seine rote Mütze bekommt, sitzen die vier am Abendbrottisch. Jussi hampelt auf seinem Stuhl herum und stört sich gar nicht an den Ermahnungen seiner Eltern, erst zu beginnen, wenn alle sitzen, und sich nicht den ganzen Teller voller Gurkenscheiben zu laden. Er wippt hin und her, tritt heimlich unterm Tisch und verdreht die Augen dazu: ein ganz normaler Junge eben.

Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und Lektorin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Zuvor hat sie als Redaktionsleiterin und Redakteurin verschiedener Magazine gearbeitet. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_justus-scaled.jpg 2000 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-19 16:04:502021-05-19 16:04:50Der kleine Justus kämpft gegen die Leukämie – Warum die Eltern die Hoffnung nicht aufgeben

„Ist unser Sohn pädophil?“

„Ich kam heute in das Zimmer meines Sohnes (16) und sah ein Foto von einem nackten Kind auf seinem Laptop. Er klappte ihn sofort zu und schickte mich raus. Mich lässt das nicht los. Ist unser Sohn pädophil? Wenn ja, wie können wir ihm helfen?“

Sie haben bisher nur gesehen, dass Ihr Sohn ein Bild von einem nackten Kind auf seinem Rechner hatte. Aus Ihrem Brief können wir nicht ersehen, ob dieses Bild für ihn sexuell stimulierend gewesen ist, Sie mit ihm darüber gesprochen haben und was er selbst dazu gesagt hat.

Ist der Sohn selbst Opfer?

Es ist nicht auszuschließen, dass jemand – wahrscheinlich aus seinem Bekanntenkreis – ihm das Bild unaufgefordert zugeschickt hat und Ihr Sohn in diesem Sinne sogar Opfer geworden ist. Auch in diesem Fall ist es durchaus nachvollziehbar, dass er sich schämt und den Laptop schnell zuklappt. Wenn das der Fall wäre, bräuchte er Schutz vor der Person, die ihn mit diesen Bildern konfrontiert hat. Bitte wenden Sie sich in diesem Fall schnell an eine Opferberatungsstelle.

Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle

Es ist natürlich auch möglich, dass Ihr Sohn die Bilder selbst gesucht oder erbeten hat. Jugendliche oder Erwachsene, die Missbrauchsabbildungen von Kindern konsumieren (und sogar diejenigen, die tatsächlich Kinder sexuell missbrauchen), sind nicht notwendigerweise pädophil. Im Gegenteil sind sogar die meisten Sexualstraftäter von sexuellem Kindesmissbrauch nicht auf kindliche Körper fixiert, sondern missbrauchen sie als Scheinlösung für emotionale Probleme wie etwa Ohnmachts- oder Minderwertigkeitsgefühle. Als Entlastung für ihr schlechtes Gewissen finden sie allerlei Vorwände, etwa, dass das dem Kind doch nicht wehtue oder nur als Scherz gemeint sei.

In ihrem Inneren wissen sie jedoch, dass sie eines der größten Tabus gebrochen haben und dass sexuelle Handlungen gegenüber Kindern schädigend und verboten sind. Wenn sie dabei lange unentdeckt bleiben, stellt sich für sie mit der Zeit oft eine Selbstverständlichkeit ein, die eine Verhaltensänderung noch erschwert – verbunden meist mit umso größeren Selbstvorwürfen, sich als Sexualstraftäter sehen zu müssen.

Suchen Sie sich und ihm Hilfe!

Insofern braucht Ihr Sohn auch in diesem Fall Hilfe, auch, weil er möglicherweise mit dem Konsum von Missbrauchsabbildungen eine Straftat begangen hat. Auch das Kind, dessen Nacktbild vermutlich im Internet zu finden ist, braucht Hilfe. Übergriffige Personen sind meist aus Scham nicht bereit, Hilfe anzunehmen. Aber zum Glück ist Ihr Sohn noch jung genug, dass Sie als Eltern auf ihn einwirken können.

Übergriffiges Verhalten braucht – als Schutz vor einem Rückfall in das unerwünschte Verhalten und zum Schutz des abgebildeten Kindes – eine klare Begrenzung, aber übergriffige junge Menschen brauchen auch Unterstützung, sich selbst (wieder) annehmen zu können und sich auf legalem Weg für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Und auch im Falle, dass Ihr Sohn tatsächlich eine pädophile Neigung haben sollte, dürfte seine Identitätsfindung für ihn sehr herausfordernd sein, weil er dann mit einem Leben konfrontiert wäre, in dem er niemals eine seinen Neigungen gemäße Sexualität leben könnte. Bitte nehmen Sie die Hilfe einer Fachstelle in Anspruch.

Barbara Behnen ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in der Beratungsstelle LIEBIGneun und Leiterin der Opferberatungsstelle Wildwasser Gießen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/paedophil_cpmputer.jpg 1808 1860 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-15 09:35:372021-06-15 16:25:08„Ist unser Sohn pädophil?“

„Gott macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau“

In christlichen Gemeinden gibt es oft feste Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen. Veronika Schmidt, Sexologin und systemische Beraterin, plädiert dafür, dass Männer und Frauen auch in diesem Umfeld endlich gleichgestellt sind – weil Gott es sich so gedacht hat.

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist dir ein Herzensanliegen. Was ist dir daran besonders wichtig?

Meine Idealvorstellung ist, dass nicht mehr das Geschlecht eine Rolle spielt – ob ich Frau oder Mann bin –, sondern dass man seinen Gaben entsprechend das tun kann, was man gern tun möchte. Und dass einem von außen keine Vorurteile und Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wenn diese Freiheit nicht da ist, liegt viel Potenzial brach. Dann verzichten wir als Gesellschaft, Kirche oder Familie auf zu viel, wenn nicht jeder das tun kann, was in seinen Möglichkeiten liegt.

Wie sieht es mit der Gleichberechtigung im christlichen Umfeld aus?

Es gibt hier ein breites Spektrum. Es gibt Gemeinden, in denen ist die Mitarbeit den Gaben gemäß und unabhängig vom Geschlecht problemlos möglich, in anderen aber nicht. Wir sind nicht da, wo ich denke, dass Gott sich das so gedacht hat. Schwierig finde ich dieses „Ja, aber“, das selbst in den fortschrittlichsten Gemeinden immer noch in der Luft schwebt. Das hat etwas damit zu tun, wie lange wir dieses Thema schon mit uns herumtragen. Es gibt keinen Verband, keine Kirche, die sich hinstellt und öffentlich sagt: „Wir haben uns geirrt, es gibt kein ‚Aber‘ mehr. Frauen und Männer sind gleichberechtigt.“ Das würde einen Unterschied machen, weil wir damit gezwungen wären, unser Denken, unsere Haltung zu ändern und dementsprechend auch die Strukturen. Ich glaube nicht, dass sich in der Kirche etwas grundlegend ändert, wenn diese klaren Statements nicht kommen. Klar, Frauen werden Schritt für Schritt ein bisschen mehr geduldet. Das ist kein Statement, keine offizielle Entscheidung in vielen Gemeinden. Deshalb bleibt immer dieses „Aber“ in der Luft hängen.

Du hast gerade gesagt, es entspricht nicht dem, wie Gott sich das gedacht hat. Was meinst du denn, wie Gott es sich gedacht hat?

Ich habe zur Recherche für mein Buch „Endlich gleich“ und auch nachträglich sehr viel zu diesem Thema gelesen. Ich meine, theologisch verstanden zu haben, dass Gott keinen Unterschied macht zwischen Mann und Frau. Er gibt ihnen den Auftrag, die Welt zu verwalten und zu bebauen. Dieser Auftrag geht an beide. Paulus muss oft hinhalten für die Unterdrückung der Frau. Aber wenn wir genau auf sein Verhalten und seinen Umgang mit Frauen schauen, sehen wir, dass er das weitergeführt hat, was Jesus gelebt hat: den Frauen auf Augenhöhe zu begegnen und mit ihnen unterwegs zu sein. Als die Kirche institutionalisiert wurde, wurden die Frauen wieder untergeordnet. Das ist eine gesellschaftliche, machtpolitische Richtung, die nicht mit dem, was Jesus und Paulus gelehrt und gelebt haben, zu vereinbaren ist.

In christlichen Kreisen wird oft das Konzept formuliert: „Frauen und Männer sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Es gibt bestimmte Gaben und Aufgaben, die für Männer und solche, die für Frauen gedacht sind.“ Was sagst du dazu?

Das ist eine Ausrede, mit der Frauen vertröstet und ruhiggestellt werden. Natürlich sind wir gleichwertig, das ist gar nicht die Diskussion. Und wir sind nicht gleichartig, das ist auch nicht die Diskussion. Die Diskussion ist: Sind wir gleichberechtigt? Haben wir die gleichen Möglichkeiten? Kann die Frau an denselben Dingen teilhaben wie der Mann, und stehen ihr alle Türen offen? Gibt es keine Grenzen nur aufgrund des Geschlechts? Das ist die wichtigste Diskussion. Es gibt das Konzept der Komplementarität, dass Mann und Frau sich ergänzen. Und es gibt das Konzept der Egalität. Das heißt nicht, wir sind gleich gestrickt oder wir sind biologisch gleich, sondern es beruht auf der Annahme, dass Gott keinen Unterschied macht und deshalb die Gemeinde auch keinen Unterschied machen sollte, damit das volle Potenzial der Kirche zum Tragen kommt.

Diese klassischen Rollenzuschreibungen funktionieren ja auch bei vielen Paaren gar nicht …

Genau. Meine Erfahrung aus der Beratung ist, dass etwa die Hälfte der Paare nach dem klassischen Rollenmodell ticken: Er ist der Dominante, der Aktive, der Ideengeber, und sie passt sich eher an, folgt ihm, macht gern mit. Diese Paare haben mit ihrem Rollenbild für sich selbst und auch von außen keine Schwierigkeiten, weil das so akzeptiert ist. Es gibt meiner Erfahrung nach aber genauso viele Paare, die umgekehrt funktionieren: Die Frau ist die Dominante, die Aktive, die Ideengeberin, und er ist jemand, der gern folgt, sich gern anpasst, gern mitmacht und sich inspirieren lässt. Diese Paare zweifeln oft selbst an sich, weil sie etwas anderes als „richtig“ vermittelt bekommen. Und die Umgebung zweifelt auch an ihnen, weil sie nicht dem klassischen Rollenmuster entsprechen. Ich höre in der Beratung oft, wenn es zum Beispiel um Verantwortung geht, dass Frauen ihren Männern Vorwürfe machen: „Du bist doch das Haupt. Du müsstest doch jetzt vorangehen, auch geistlich, auch in der Kindererziehung. Du müsstest doch den Karren ziehen.“ Und da sind wir bei einem Bild, das nicht stimmt, denn den Karren müssen sie gemeinsam ziehen – sonst ist es eine mühsame Angelegenheit.

Es gibt aber auch diese Bibelstellen, dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollen oder sich dem Mann unterordnen sollen. Wie verstehst du sie?

Es sind nicht mal eine Handvoll an Bibelstellen, aufgrund derer die Frauen jahrhundertelang zurückgestellt wurden. Das ist, würde ich sagen, eine Frage des Bibelverständnisses und der Auslegung. Es gibt inzwischen zahlreiche Auslegungen, die belegen, dass damit nicht das gemeint ist, was wir daraus gemacht haben, sondern dass da die einzelne Frau gemeint ist oder die vorlaute Frau, die im Überschwang über das Ziel hinausschießt. Damit ist auch die konkrete Situation damals gemeint und nicht eine generelle Aussage, weil eben diese generellen Aussagen dem, was Paulus sonst sagt und dem, was Jesus und Paulus gelebt haben, widersprechen.

Ich beobachte, dass junge Frauen und Männer in christlichen Gemeinden in Bezug auf Rollenbilder teilweise wieder konservativer werden als ihre Elterngeneration. Woher kommt das?

Diese Frauen haben die Emanzipation, weil Generationen vor ihnen dafür gekämpft haben. Aber Emanzipation ist anstrengend. Denn als emanzipiertes Paar muss man immer wieder Dinge verhandeln. Es gibt diese traditionelle Rückbewegung auch in der Gesellschaft, die sogenannten „Tradwives“. Das hängt damit zusammen, dass die Männer keine Emanzipationsbewegung ihrerseits in die Wege geleitet haben. Dann kehrt man irgendwann zurück zum Ist-Zustand. Es gibt Aussagen, dass Männer unter der Emanzipation der Frauen leiden oder dass Männer heute keine Männer mehr, sondern verweiblicht seien. Die Ursache wird aber an der falschen Stelle gesucht. Das Problem ist nicht, dass die Frauen sich emanzipieren, sondern dass Männer parallel dazu keine eigene Entwicklung, keine eigene Emanzipation in ein neues Männerbild gemacht haben. Die Bilder sitzen so tief in uns, dass es wirklich sein kann, dass ich in der Tradition mehr Halt finde und damit glücklicher bin, als in einer gewissen Unzufriedenheit zu sein. Aber nur der unzufriedene Mensch entwickelt sich. Ein gleichgestelltes Paar muss bereit sein, sich miteinander immer wieder zu entwickeln. Es geht nicht darum, dass Männer wie Frauen werden. Das ist definitiv der falsche Weg.

Wie kommen wir dann zu einem gleich-berechtigten Miteinander?

Wenn Frauen die gerechte Verteilung der Aufgaben und der Verantwortung nicht einfordern, wird nichts geschehen. Gleichstellung oder Gleichberechtigung muss im Kleinen gelebt werden. Und das ist erst mal für die Frau und den Mann anstrengend. Sie müssen sich überlegen, wie sie leben wollen. Wir Frauen sind herausgefordert, Gleichberechtigung überhaupt zu wollen und dann auch einzufordern.

Und die Männer können sich zurücklehnen und sagen: „Ich lass mal die Frauen kämpfen“?

Nein. Wir müssen zusammen mit unseren Männern kämpfen. Wir müssen uns den Männern zumuten und sie aus ihrer Komfortzone herausholen. Für meinen Mann zum Beispiel war es kein Problem, anzuerkennen, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. Trotzdem wäre er auf ganz viele Dinge nicht gekommen, wenn ich sie ihm nicht erklärt hätte, wenn ich ihn nicht ein Stück weit gezwungen hätte, sich damit auseinanderzusetzen. Denn Männer haben eigentlich keinen Veränderungsbedarf. Wenn es bleibt, wie es ist, dann haben sie ihre Vorteile davon. Sie kommen oft gar nicht auf die Idee, etwas zu ändern. Die Me-too-Bewegung hat Männer gezwungen, hinzuschauen, was sie oft unhinterfragt tun: zum Beispiel diese Herablassung Frauen gegenüber, die einem auch in der christlichen Lebenswelt begegnet. Sich lustig zu machen über die Emotionalität der Frau bis hin zu Bemerkungen, wie Frauen aussehen. Diese Bewegung zwingt Männer, über ihre Rollenvorstellungen und über ihr Mann-Sein nachzudenken. Und übertragen auf die Situation in den Kirchen: Wenn wir die Männer nicht zwingen, werden sie es nicht überdenken. Aber wir werden immer Männer finden, die problemlos dazu bereit sind, sich solidarisch zu diesem Anliegen zu stellen. Natürlich gibt es auch die, die dies nicht tun oder nicht wollen und die dagegen kämpfen.

Hast du denn die Hoffnung, dass sich in den nächsten zehn Jahren die Situation grundlegend ändert?

Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Für einzelne Menschen hat sich schon viel geändert und wird sich auch weiter etwas ändern. Die Kirche konnte und kann sich den gesellschaftlichen Entwicklungen letztlich nicht entziehen. Wir stehen in den Gemeinden nicht mehr da, wo wir vor 30 Jahren standen. Ich sehe aber auch, dass jede Frauengeneration, jede Paargeneration sich das wieder erkämpfen muss. Ja, wir stehen auf den Schultern der Generationen vor uns und haben ihnen vieles zu verdanken, aber wir werden es nicht halten können, wenn wir uns nicht selbst dafür einsetzen. Frauen haben oft die Tendenz, sich zurückzunehmen, wenn es anstrengend und schwierig und unangenehm wird. Und ich glaube, dass wir deshalb ein bisschen vorkämpfen müssen. Wir sollten den nachfolgenden Frauengenerationen Beispiele geben, damit sie sich an Frauen orientieren können, die für die Gleichberechtigung einstehen und diese auch leben.

Das Interview führte Bettina Wendland. In der nächsten Family schreibt Veronika Schmidt darüber, wie wichtig Gleichberechtigung für ein erfülltes Sexleben ist.

Zum Weiterlesen:

Veronika Schmidt: Endlich gleich! Warum Gott schon immer mit Männern und Frauen rechnet (SCM Hänssler)
Katharine C. Bushnell: Wach auf, Eva! (Verlag für Kultur und Wissenschaft 2020, zuerst veröffentlicht 1921)
Annegret Braun: Warum Eva keine Gleichstellungsbeauftragte brauchte. Gottes Idee für Frauen und Männer (SCM R.Brockhaus)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/andrik-langfield-kCQwY1rd6I-unsplash-1-scaled.jpg 2000 3000 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-13 12:53:442021-05-14 08:49:18„Gott macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau“

Trauma nach Operation des Kindes: Hier bekommen Väter Hilfe

Mutter fragt sich nach OP verzweifelt: Wie kann ihr Mann mit der Angst um das Kind umgehen? Das rät ihr Expertin Hermine Nock.

„Wir haben nach der Geburt erfahren, dass unser Sohn einen Herzfehler hat. Er musste gleich operiert werden. Ich habe es mittlerweile ganz gut verarbeitet, aber mein Mann kommt nicht darüber hinweg. Er hat ständig Angst um unseren Sohn. Er hat das Trauma nicht aufgearbeitet und ist auch nicht der Typ, der über seine Gefühle redet. Wie kann ich ihm helfen?“

Wir hören in unserem Beratungsalltag sehr häufig, dass Mütter und Väter unterschiedlich mit „schlechten Nachrichten“ oder schwer krankem Familienzuwachs umgehen. Oft haben Mütter das Bedürfnis, darüber zu reden und Erfahrungen auszutauschen, während Väter im Internet aktiv sind oder sich in ihre Rolle als Ernährer zurückziehen. Auch sich aktiv Hilfe zu holen, scheint für Männer oft schwerer zu sein als für ihre Partnerinnen.

Männer leiden anders als Frauen

Manche leiden still, aber genauso intensiv – nur eben anders. Die Paarbeziehung gerät in den Hintergrund, die Eltern „funktionieren“ in der gemeinsamen Sorge um das herzkranke Kind. Für die Geschwister bleibt oft nicht mehr so viel Kraft und Zeit, wie diese es sich wünschen. Die sorgen sich ja auch und bräuchten viel Zuwendung und Erklärungen, warum jetzt alles so anders ist, seit das herzkranke Kind in die Familie kam. Ein Dilemma, für dessen Lösung die Familien Hilfe und Unterstützung brauchen.

Falls Sie es noch nicht getan haben, rate ich Ihnen, Hilfe über Eltern-Vereine in Anspruch zu nehmen. Bei Elterncoachings beispielsweise können Sie gemeinsam mit professionellen Coaches Ihre drängenden Fragen und Ängste besprechen und erhalten dort einen zuversichtlichen Blick in eine Zukunft mit dem oft chronisch herzkranken Kind. Und Sie lernen andere Eltern in ähnlichen Situationen kennen, mit denen Sie sich austauschen können. Coronabedingt tauschen sich Väter, Mütter und Coaches derzeit in Online-Seminaren aus, was den Vorteil hat, dass beide Eltern gleichzeitig anwesend sein können.

Angebote speziell für Väter

Die Eltern-Vereine verhelfen Ihnen auch zu einer Familienorientierten Reha (FOR). In Nachsorgekliniken können sich die belasteten Familien inklusive der Geschwister vier Wochen lang neu finden und Kraft tanken für den künftigen gemeinsamen Alltag. Dort gibt es auch Angebote speziell für Väter. Die Kosten trägt entweder die Renten- oder die Krankenversicherung.

Es gibt auch „Väter-Wochenenden“, die speziell die Bedürfnisse von Vätern ansprechen. In einem geschützten Raum können sie sich fallenlassen, sich jemandem anvertrauen und sich mit anderen Betroffenen austauschen. Hier können sie neue Methoden für den Umgang mit Rückschlägen erlernen und Kraft tanken.

Hermine Nock ist Geschäftsführerin beim Bundesverband Herzkranke Kinder e. V. 

Webtipps:

bvhk.de
kohki.de
herzkind.de
kindernetzwerk.de
evhk.ch
herznetz.ch

Facebookgruppe: „Eltern und Familien herzkranker Kinder“

https://www.family.de/wp-content/uploads/2021/05/family_depression.jpg 1280 1920 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2021-05-12 12:40:132021-05-12 12:40:13Trauma nach Operation des Kindes: Hier bekommen Väter Hilfe
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