Ernährungstipps auf Social Media: Sind die seriös?

Elternfrage: „Meine Tochter (16) probiert seit einiger Zeit verschiedene Ernährungstipps aus, die sie in den Sozialen Medien findet. Wie vertrauenswürdig sind solche Tipps? Und wie rede ich mit meiner Tochter darüber?“

Ich kann Ihre Sorge gut verstehen. Als Mutter von Teenie-Töchtern weiß ich genau, wovon Sie sprechen: In den sozialen Medien kann jede und jeder behaupten, Doktor oder Wissenschaftlerin zu sein. Das macht es kompliziert. Wir werden geflutet mit Massen an ungefilterten Informationen, deren Quelle und Herkunft – ob mit oder ohne Absicht – oft gut verschleiert sind. Leider kann man bei der Menge an Trends nie pauschal sagen, welcher seriös und gesund und welcher gefährlich ist. Das macht die Unterscheidung sehr schwierig – auch für Erwachsene.

In Kontakt bleiben

Das können Sie Ihrer Tochter genau so sagen. Wichtig finde ich, dass Sie mit ihr im Gespräch bleiben, damit sie merkt, dass Sie sie ernstnehmen und ein echtes Interesse an ihrem Leben haben: Welche Trends findet sie besonders gut, und was würde sie gern ausprobieren? Hat sie vielleicht kürzlich etwas total Irres gehört oder gesehen, von dem sie erzählen möchte? Haben Sie etwas Lustiges oder Interessantes gehört oder gelesen? Unterhalten Sie sich über die Themen, die Ihrer Tochter wichtig sind, ohne direkt zu (be-)urteilen.

Seriöse Quellen

Natürlich gibt es Gefahren und vor denen möchten Sie Ihre Tochter bewahren. Aber es gibt auch unglaublich viel Neues, das gut und interessant ist. Zeigen Sie ihr, wie und wo sie fundierte Quellen findet, und erklären Sie ihr als Faustregel, dass radikale und/oder einseitige Maßnahmen in Ernährungsfragen meist ein Indiz für ungesunde und unseriöse Methoden sind. Ausgewogenheit statt Einseitigkeit ist in den meisten Fällen eine gute Richtlinie.

Vielleicht haben Sie ja auch Lust, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren: eine Smoothie Bowl oder selbstgemachte Ramen. Viele Trends sind tatsächlich auch gut, lecker und machen Spaß!
Gute und seriöse Quellen sind:

Beinahe alle der oben genannten Quellen stellen – oft kostenlos – Material zur Verfügung.

Mareike Lotz ist Lehrerin für Ernährung und Hauswirtschaft an einem Berufsschulzentrum. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei (Teenie-) Töchtern in der Nähe von Wetzlar.

Urlaub mit erwachsenen Kindern: Das solltet ihr bedenken

Elternfrage: „Mein Mann und ich möchten im Sommer mit allen vier erwachsenen Kindern in den Urlaub fahren. Drei von ihnen sind ausgezogen, zwei haben einen Partner oder eine Partnerin. Das macht die Planung schwer. Wie können wir das organisieren, sodass jeder Lust auf den Urlaub hat?“

Keine Illusionen

Am Anfang eines solchen Projekts sollte eine ehrliche Reflexion stehen: Sind unsere Beziehungen in der Familie so, dass ein gemeinsamer Urlaub für alle einigermaßen entspannt werden könnte? Wenn die Antwort kein überzeugtes „Ja“ ist, müsst ihr euch als Elternpaar wohl noch einmal ungeschminkt ein paar Fragen stellen: Welches Motiv steht hinter unserem Wunsch nach einem gemeinsamen Urlaub? Wollen wir damit eine Idylle herbeizwingen? Wenn der Plan Ausdruck einer Sehnsucht nach Wiederherstellung von Beziehungen ist, wird das Ganze vermutlich überstrapaziert und ist zum Scheitern verurteilt. Ein Urlaub mit erwachsenen Kindern, ihren Partnern und allenfalls Enkeln spült nämlich gnadenlos alle Unterschiede und Dissonanzen an die Oberfläche.

Gebt ihr euch als Paar innerlich ein fröhliches „Go“, dann kommuniziert den Termin mindestens ein Jahr im Voraus. Achtet darauf, dass Ort und Art der Unterkunft (Hotel, Ferienwohnung, Camping) in etwa den verschiedenen Bedürfnissen, vor allem nach Privatsphäre, entsprechen. Definiert unbedingt schon im Vorfeld des Urlaubs, was in eurer Einladung alles inbegriffen ist. Wenn plötzlich der Ausflug oder das Essen im Restaurant zu Lasten der Kinder geht, kann das Unstimmigkeiten auslösen. Und: Ein gewisses Maß an individueller (Wahl-) Freiheit muss für alle während der gemeinsamen Zeit möglich sein.

Helena Gysin wohnt in Seegräben (CH). Sie ist seit 33 Jahren mit Thomas verheiratet. Zur Familie gehören drei erwachsene Kinder mit Partnern und sechs Enkelkinder.

Urlaub lieber zu zweit

Meine Kollegin genießt ihren jährlichen Urlaub mit den erwachsenen Kindern samt Partnern und Omas sehr. Ich wiederum genieße es sehr, dass wir zu zweit als Ehepaar in den Urlaub fahren können. Der Erholungs- und Genussfaktor ist so (für mich) deutlich höher. Nicht, dass gemeinsame Familienzeiten uns nicht wichtig wären oder wir die Idee vom gemeinsamen Urlaub nicht auch schon gehabt und umgesetzt hätten – die gemachten Erfahrungen waren durchaus (auch) positiv. Allerdings haben wir für uns gemerkt, dass der damit einhergehende Aufwand auf allen Ebenen nicht im Verhältnis zum „Beziehungsertrag“ stand.

Unsere Lösung ist es, einmal im Jahr einen Tag gemeinsam mit einer schönen Aktion zu verbringen: zum Beispiel eine Wanderung mit Picknick oder eine Kanufahrt durchs Naturschutzgebiet. Demnächst werden wir ein mehrgängiges veganes Menü unter professioneller Anleitung kochen und essen. Vielleicht werden wir irgendwann auch wieder einmal für ein Wochenende zusammen wegfahren. Bei der Planung werden wir darauf schauen, dass es genügend Rückzugsräume und mindestens zwei Toiletten gibt. Wir werden einige typische Vollmer-Familien-Aktionen zelebrieren (Fußmassagen, Stockbrot und Karriere-Poker), oft lachen und vielleicht manchmal auch streiten. Und am Tag darauf werde ich Urlaub nehmen und mich erholen …

Elisabeth Vollmer ist Religionspädagogin. Sie lebt mit ihrem Mann in Freiburg und hat drei erwachsene Kinder.

Anders als früher

Die erste Frage, die wir uns bei einem bevorstehenden gemeinsamen Urlaub stellen, ist: Haben wir gerade eine Atmosphäre, in der alle ihre Meinung sagen können und es keine billigen Kompromisse gibt? Auch wenn wir einander als Kernfamilie gut kennen, bringen Partner oder veränderte Lebensbedingungen von jungen Erwachsenen neue Themen mit, weshalb es wichtig ist, uns an die Grundhaltung „Deine Meinung ist wichtig“ zu erinnern.

Seit unsere Kinder Teenager sind, versuchen wir die Urlaube so zu planen, dass es Freiraum für jeden geben kann und feste Punkte geplant werden, die wir gemeinsam genießen. So essen wir gern abends zusammen, aber frühstücken nach persönlichen Bedürfnissen. Einige von uns spielen bis in die Nacht, andere beginnen den Tag mit einer Morgenandacht. Dabei holen wir uns aus den Schubladen, in die wir uns gesteckt haben: Wenn nun jemand plötzlich am Puzzle-Tisch sitzt, ist das genauso angenehm, wie bei einer Gebetszeit dabei zu sein. Oder eben nicht. Was als Tradition von früheren Urlauben geblieben ist? Dass wir uns beim gemeinsamen Essen im Tagesfeedback üben und uns erzählen, was schön war.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Berufswahl: So können Eltern unsichere Jugendliche unterstützen

Elternfrage: „Meine Tochter (18) beendet bald die Schule. Ihr fällt es schwer, eine Berufswahl zu treffen. In der Schule war sie bisher sehr zielstrebig, nun erlebe ich sie unsicher und orientierungslos. Was kann ihr helfen?“

Zuerst einmal ist es mir wichtig zu sagen, dass ich die Orientierungslosigkeit bei Schülerinnen und Schülern vor dem Abschluss für normal halte. Das Schulsystem orientiert sich zu wenig an der Realität. Wer nach dem Abitur die Schule verlässt, weiß zwar, wie sich Integrale berechnen lassen, hat aber zum Beispiel wenig Ahnung von Finanzen und Steuern – das verunsichert.

Welche Gründe gibt es noch, dass Jugendliche verunsichert in ihre Zukunft blicken?

Die 18-Jährigen, die jetzt in die Berufswelt starten, sind die Kerngruppe der Generation Z. Sie sind mit Krisen, wie der Finanzkrise, Klimakrise, einer Pandemie und Krieg in Europa aufgewachsen. Diese Generation hat bis zu zwei Jahre Schul-Lockdown erlebt. Jede Generation hat ihre Herausforderungen, aber ich nehme bei dieser eine deutliche Mehrfachbelastung wahr. In einer Zeit zunehmender Unsicherheit ist das Sicherheitsbedürfnis der Generation Z stärker ausgeprägt als das früherer Generationen. Jetzt kommt auch noch die Künstliche Intelligenz hinzu. Da höre ich immer wieder Sätze wie „Eigentlich wollte ich Grafikdesignerin werden, aber jetzt übernimmt das ja die KI …“

Was antworten Sie dann?

Ich sage ehrlich, dass ich nicht weiß, inwiefern KI wirklich den Beruf ersetzen wird. Wir wissen noch nicht genau, wohin sich die Arbeitswelt in den nächsten fünf Jahren entwickelt und ob die Jobs ersetzt oder nur bestimmte Tätigkeiten ausgelagert werden. Wenn die Person aber Gestaltung liebt und es ihre Stärke ist, wird sie damit einen Weg zum Arbeiten finden. Ich würde mit ihr aber auch weitere Stärken herausfinden wollen. Denn vermutlich ist das auch die Generation, die verschiedene Jobs ausüben und deren Flexibilität noch notwendiger werden wird. In meiner Berufsberatung beschäftigen wir uns mit Talenten und Begabungen, aber auch mit Werten. Wir schauen nicht, was es für Jobs gibt und wie dort die Person hineinpassen könnte. Sondern wir fokussieren uns auf das, was die Persönlichkeit ausmacht und finden heraus, wie damit Sinn und Zufriedenheit in einer Arbeit gefunden werden kann.

Was hilft Schülern und Schülerinnen dabei, ihre Stärken zu erkennen?

Dafür braucht es nicht zwingend eine Persönlichkeitsanalyse. Schon ein Blick in die eigene Biografie kann helfen, die eigenen Begabungen wahrzunehmen. Wovon war ich in der Vergangenheit begeistert? Wann war ich im Flow? Wobei bin ich aufgeblüht? Hierbei können Eltern helfen, indem sie ihre Kinder spiegeln: „Darin warst du immer sehr vertieft.“ Außerdem lohnt es sich, Jugendliche zum Ausprobieren in Ehrenämtern, Hobbys oder Praktika zu motivieren. Das geht manchmal in der vollen Schulzeit unter.

Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, eine Berufswahl zu treffen?

Ein gutes Selbstwertgefühl ist die Basis für alles, auch für die Zukunftsplanung. Wenn sich das Kind geliebt weiß, ist das Wichtigste bereits getan. Übrigens entsteht ein gesunder Selbstwert nicht dadurch, dass man jemanden ständig lobt. Lob ist auch nicht unbedingt das beste Mittel, um jemanden auf seine Stärke aufmerksam zu machen. Denn Lob kann von den eigenen Kindern schnell in Richtung Leistung interpretiert werden. Statt „Das hast du gut gemacht“ ist es besser „Mir fällt auf, du hast da eine Stärke“ zu sagen. Dann entsteht weniger der Eindruck bei dem Kind, dass es von einer Sache mehr machen sollte, sondern dass da etwas Besonderes in ihm ist.

Annette Penno lebt in Lübeck und bietet LernCoaching sowie professionelle Berufsberatung an. Interview: Annabel Breitkreuz

Wohnung finanzieren während der Ausbildung: So klappt`s

Elternfrage: „Mein Sohn (21) macht eine Ausbildung und möchte in eine eigene Wohnung ziehen. Die meisten Mieten sind mit einem Ausbildungsgehalt nicht bezahlbar. Welche Möglichkeiten hat er?“

Der Wunsch nach der ersten eigenen Wohnung muss kein Traum bleiben – mit einer guten Planung, dem richtigen Mix aus Unterstützung und Eigeninitiative kann es klappen. Zunächst gilt, dass Eltern grundsätzlich bis zum Ende der ersten Berufsausbildung unterhaltspflichtig sind, sofern sie über ein ausreichendes Einkommen verfügen.

Zusätzlich zum eigenen Einkommen erhalten Eltern in Deutschland bis zum Ausbildungsende beziehungsweise längstens bis zum 25. Geburtstag des Kindes das monatliche Kindergeld in Höhe von derzeit 259 Euro. Dieses wird zwar formal an die Eltern gezahlt, soll aber dazu dienen, das Kind zu unterstützen. Kommen die Eltern ihrer Unterhaltspflicht nicht nach, kann das Kindergeld bei der Familienkasse „abgezweigt“ und direkt an das Kind in einer eigenen Wohnung überwiesen werden. Das heißt: Die erste Unterstützungsinstanz für Ihren Sohn sind Sie. Nachfolgend stelle ich Ihnen noch weitere Möglichkeiten vor, die dabei helfen können, dass Ihr Sohn seine erste eigene Wohnung realisieren kann.

Berufsausbildungsbeihilfe oder Wohngeld

Das Ausbildungsgehalt allein reicht in den meisten Fällen nicht aus, um die Miete und die Lebenshaltungskosten zu stemmen. In der Praxis hat sich deshalb eine Kombination aus Unterhalt, staatlicher Förderung, Ausbildungsgehalt und gegebenenfalls Einnahmen aus einem Nebenjob bewährt. Bei einer betrieblichen Erstausbildung ist die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) ein möglicher Baustein. Auszubildende mit einer geringen Vergütung können den Antrag bei der örtlichen Arbeitsagentur stellen, die sie über die genauen Richtlinien informiert. Ein großer Vorteil hiervon ist, dass die monatlichen Zuschüsse nach dem Ausbildungsende nicht zurückgezahlt werden müssen.

Besteht kein Anspruch auf BAB oder Sozialleistungen wie Bürgergeld, kann ein Antrag auf Wohngeld gestellt werden. Der staatliche Zuschuss zur Miete ist beim Landratsamt oder der zuständigen Wohngeldbehörde zu beantragen. Alternativ kann ein Wohnberechtigungsschein den Zugang zu einer Sozialwohnung ermöglichen. Das zuständige Wohnungsamt in der Stadt oder Gemeinde erteilt dazu Auskünfte. Auch eine Anfrage bei einer Wohnbaugenossenschaft vor Ort lohnt sich oftmals, da diese günstige Mietwohnungen verwalten.

Hilfe vom Jobcenter

Zusätzlich können sich junge Menschen unter bestimmten Voraussetzungen bei ihrem Auszug Unterstützung vom Jobcenter in Form von einer Einmalzahlung oder Sachgutscheinen für die Erstausstattung der Wohnung holen. Es ist außerdem möglich, dass auch die Umzugskosten oder die Mietkaution übernommen werden, sofern kaum eigenes Vermögen vorhanden oder das Einkommen sehr gering ist. Wichtig: Die Anträge müssen unbedingt vor der Unterzeichnung des Mietvertrags gestellt und genehmigt worden sein.

Außerdem interessant zu wissen: Liegt das Ausbildungsgehalt über dem Grundfreibetrag von 12.096 Euro im Jahr, gibt es Steuervorteile. Wer erstmals wegen des Berufs aus dem Elternhaus auszieht, kann eine Umzugskostenpauschale von 193 Euro geltend machen. Fahrten zur Wohnungsbesichtigung, Maklergebühren und die Kosten eines Transporters können weiterhin als Werbungskosten steuerlich in Abzug gebracht werden. Erfolgt der Auszug aus privaten Gründen, lassen sich beispielsweise Handwerkerkosten und die Lohnkosten einer Spedition als haushaltsnahe Dienstleistungen absetzen.

Tobias Gerauer ist Steuerberater und Vorstand der Lohnsteuerhilfe Bayern.

„Mama, ich will keine Kinder“ – So können Eltern mit der Enttäuschung umgehen

Elternfrage: „Meine Tochter (23) meinte neulich, dass sie keine Kinder haben will. Ich bin mit Blick auf mögliche Enkelkinder ein bisschen enttäuscht und frage mich, ob ich ihr das Muttersein so unschön vorgelebt habe. Wie kann ich das ansprechen, ohne ihr Druck zu machen?“

Es geht nicht um die eigenen Lebensziele

Die Tatsache, dass Ihre Tochter ihre Gedanken zum Muttersein geteilt hat, lässt vermuten, dass sie gesprächsbereit ist. Das dürfen Sie nutzen! Um ihr jedoch keinen Druck zu machen, würde ich empfehlen, diese Entscheidung nicht infrage zu stellen, sondern nachzufragen, was Ihre Tochter zu diesen Gedanken bewogen hat. Denn Gedankenspiele ohne den direkten Austausch führen nur zu Spekulationen und schaffen keine echte Klarheit. In einem solchen Gespräch sollte es nicht um Rechtfertigung, sondern um Verständnis gehen: „Was sind deine Beweggründe? Was verbindest du mit dem Muttersein? Was magst du darin nicht?“ All das darf ausgesprochen werden. Je weniger Sie die Gedanken Ihrer Tochter bewerten oder in eine bestimmte Richtung lenken, desto offener können Sie ins Gespräch kommen.

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Ihre Tochter Ihnen keine Enkelkinder schenken wird. Ihre Enttäuschung darüber darf sein und auch zum Ausdruck gebracht werden. Aber letztlich können Eltern die Entscheidungen der erwachsenen Kinder nur respektieren. Kinder haben nicht die Aufgabe, die Träume und Wünsche der Eltern zu erfüllen. Deswegen sollte ein Austausch zu diesem Thema nicht das primäre Ziel haben, Einfluss zu nehmen, um die eigenen Lebensziele zu erreichen, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wer weiß? Vielleicht kann Ihre Tochter auf der Grundlage dieser Freiheit und durch den ehrlichen Austausch mit Ihnen sogar eine neue Perspektive und ein Ja zur Mutterschaft entwickeln.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Wenn es sich fremd anfühlt

Eltern können eine Entscheidung des Kindes in Themen, die sie grundlegend anders getroffen haben, wie einen unbekannten Gast behandeln. Was bringt dieser Gast mit? Was macht den Schmerz aus? Woher kommt die Enttäuschung? Neugierig und offen können Sie sich selbst Fragen stellen: Was war oder ist so erfüllend an der Elternschaft für mich? Wie hätte mein Leben ohne Kind ausgesehen?

Nach dem „Beschnuppern“ der fremden Entscheidung, dem unbekannten Gast, könnte ein gemeinsames Gespräch mit der Tochter folgen. Dabei hilft ein klarer, unter Umständen bisher unüblicher Gesprächsrahmen: „Ich habe etwas, das ich in Ruhe mit dir besprechen möchte. Hast du in den nächsten Tagen einen Zeitpunkt, der gut für dich ist?“ Außerdem tut es dem gegenseitigen Verständnis gut, den Austausch in eine liebevolle Haltung der Annahme zu kleiden: „Ich nehme deine Aussage sehr ernst. Hilf mir, das besser zu verstehen. Hast du das Muttersein bei mir als belastend erlebt?“ Eltern dürfen dabei auch ehrlich fragen: „Gibt es etwas, in dem dich unser gemeinsamer Weg verletzt hat?“

Jede Antwort des Kindes in diesem Gespräch ist kein Gesetzesentwurf, sondern ein Statement mit dem aktuellen Tagesdatum. Darauf ohne Wertung mit „Ich denke weiter darüber nach …“ oder „Danke, für den Einblick in deine Gedanken“ zu antworten, stärkt das Vertrauen. Es kann helfen, die Akzeptanz für die Entscheidung wachsen zu lassen, bis eine vorsichtige Freundschaft zu dem zuvor fremden Gast entsteht.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Ausbildung abbrechen: Ist das wirklich sinnvoll?

Elternfrage: „Unser Sohn (19) hat eine Ausbildung zum Elektroniker angefangen. Schon nach zwei Monaten meint er, das sei nichts für ihn. Er möchte die Ausbildung abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneins. Ich denke, er sollte sich etwas anderes suchen, meine Frau meint, er müsse sich da durchbeißen. Habt ihr einen Rat?“

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
    Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
    Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung beenden, wenn …

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen, die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke und Vertrauen auf Gott.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr. Er ist stolz auf seinen Sohn (19), der trotz einer Krise im 2. Lehrjahr seine Lehre als KFZ-Mechatroniker nicht abgebrochen hat und sie bis zum Ende durchziehen will.

Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“

Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Wenn der Klassenkamerad das Geschlecht wechselt

Elternfrage: „Ein Klassenkamerad meines Sohnes (16) hat vom Selbstbestimmungsgesetz Gebrauch gemacht und hat jetzt einen weiblichen Namen. Wie würdet ihr das mit euren Teenagern thematisieren?“

Das ist nicht „Iiiiiihhh“

Über dieses Thema haben wir als Familie immer wieder diskutiert und die Argumente, die für und gegen die Akzeptanz der Geschlechtsänderung sprechen, offen zusammengetragen. Meine Kinder forderten von mir schon sehr früh die volle Akzeptanz, wenn ich mich eher herausgefordert gezeigt habe. Ihre Meinung haben sie durch die Schule und Social Media geformt. Ich erlebe jedoch auch, dass Jugendliche an der Schule, an der ich arbeite, mit einem „Iiihhh!“ und völligem Unverständnis reagieren, wenn sie eine Geschlechtsumwandlung mitbekommen.

Ich frage sie dann, ob sie der Richter sind und genau wissen, was richtig und falsch sei. Ob sie nachgefragt haben, was die Person dazu bewegt habe, sich für eine andere Geschlechterrolle zu entscheiden und wie sie das Gebot der Nächstenliebe deuten, wenn sie jemanden abstempeln und unüberlegt mit einem „Iiihhh!“ in eine Ecke katapultieren. Steht uns das als Menschen zu? Und was macht es mit meinem Nächsten, wenn ich so mit ihm oder ihr umgehe? Als Familie haben wir uns dazu entschlossen, diese Personen als Nächste zu sehen und auch so zu behandeln.

Stefanie Böhmann ist Pädagogin und individual-psychologische Beraterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Suche nach Frieden

Mir wäre es wichtig, mit meinem Sohn zunächst darüber zu reden, dass Jesus diesen Mitschüler unendlich liebt. Ich würde ihn sensibel dafür machen wollen, dass sein Mitschüler bis zu dieser Entscheidung bestimmt eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht hat und dass er einen Weg sucht, um innerlich Frieden zu finden, sich körperlich und seelisch stimmig zu fühlen, sich als ganz zu erleben. Die Änderung seines Geschlechtseintrages und Namens ist sein Weg, den er mit der Hoffnung einschlägt, dadurch Frieden zwischen Körper und Seele zu finden.

Gleichzeitig würde ich meinem Sohn aufzeigen, dass ich davon überzeugt bin, dass ihm diese äußeren Veränderungen keinen schlussendlichen Frieden schenken können, weil er mit diesem Weg gegen seinen Körper „arbeitet“. Und gegen einen Teil von sich selbst zu sein, wird ihn immer in Unfrieden lassen. Deshalb wäre es mir ein Anliegen, meinen Sohn zu ermutigen, (mit mir) für seinen Mitschüler zu beten, dass Gott ihm in seiner Liebe begegnet, er Jesus kennenlernt und er Körper und Seele zueinander finden lässt, sodass seine Identität als junger Mann ganz hergestellt wird.

Tobi Schöll ist Papa von drei Kids, leitet den Christus-Treff Berlin und ist als Jugendevangelist unterwegs.

Entscheidung akzeptieren

Ich würde den Mut der Person loben, die diese Entscheidung getroffen hat. Unfreiwillig von der Norm abzuweichen, kann für viele Menschen ein hartes Los sein. Sich dieser Abweichung zu stellen und zu ihr zu stehen, verdient Respekt. Ja, die Bibel, so wie ich sie verstehe, sieht diese Abweichungen nicht vor. Da gibt es nur Mann und Frau, die jeweils das andere Geschlecht lieben. Doch unabhängig davon, wie man sich in diesem Dilemma zwischen biblischer Sexualethik und heutigen Moral- oder Gendervorstellungen positioniert: Diese Positionierung spielt bei der Entscheidung des Klassenkameraden keine Rolle.

Denn es ist seine Entscheidung, nicht meine. Und da seine Entscheidung keine andere Person schädigt, seine Freiheit also nicht die Freiheit anderer berührt, kann sie einfach akzeptiert werden. Und das tun junge Menschen für gewöhnlich auch – schwer tun sich nur die Erwachsenen.

Hauke Hullen ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften und hat fünf Kinder.

Nicht von Gottes Liebe abgeschnitten

In meinem nahen Umfeld gibt es zwei Jugendliche, die sich als transgender und queer geoutet haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht, sich nicht in ihrem Körper wohlzufühlen. Ich kann mir nur annähernd die Zerrissenheit vorstellen, die diese Erkenntnis und die daraus resultierende Selbstfindungsreise für die Familie bedeutet. Das Selbstbestimmungsgesetz wurde in ihren Kernfamilien gemeinsam mit Sekt gefeiert und zeigte ihnen, dass sie gesehen und ernst genommen werden.

Die beiden haben genau wie alle anderen auch Menschenrechte. Sie brauchen vor allem Unterstützung von der Gesellschaft, damit sie die Möglichkeit haben, ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Es ist nicht an mir, das von außen zu be- und verurteilen. Glücklicherweise, so denke ich, sind wir nicht von Gottes Liebe abgeschnitten, weil wir uns in unserem Geburtskörper nicht wohlfühlen. Seine Liebe ist so groß, dass sie uns in unseren individuellen Lebenswegen umhüllt, sodass wir uns bei ihm gehalten wissen können, wenn es uns schier innerlich zerreißt.

Priska Lachmann lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Sie ist Theologin, Journalistin und Autorin.

3 Familien erzählen: So ist das Leben mit Austauschschüler

Elternfrage: „Da unsere älteste Tochter ausgezogen ist, haben wir nun Platz im Haus. Wir überlegen, einen Austauschschüler aus dem Ausland aufzunehmen. Welche Erfahrungen haben andere Familien damit gemacht?“

Kein „Wunschkind“ erwarten

Nachdem ich mit 17 Jahren von einem Austauschjahr zurückkam, nahm meine Familie zwei Jahre hintereinander jeweils eine Austauschschülerin auf. Für mich als Einzelkind war es eine neue und manchmal auch herausfordernde Erfahrung, plötzlich eine „Schwester“ zu haben. Als Gastfamilie muss man sich darüber im Klaren sein, dass da ein Jugendlicher mit einem eigenen Charakter aus einer anderen „Familienkultur“ kommt, kein perfektes „Wunschkind“. Aber wenn beide Seiten offen sind, Verständnis füreinander haben und miteinander klar kommunizieren, wächst sehr oft eine herzliche Beziehung zwischen Gastfamilie und Austauschschüler.

Unsere finnische Gastschülerin war eher ruhig, sprach nach wenigen Monaten aber perfekt Deutsch, schloss in der Schule gute Freundschaften und stand mir sehr schnell nahe. Die zweite Austauschschülerin kam aus der Türkei. Sie war sehr offen, wollte viel erleben und hatte eine innige Beziehung mit meinen Eltern – die sie Mama und Papa nannte. Auch für meine Eltern war es eine lebensverändernde Erfahrung und ein wertvoller Blick über den eigenen Tellerrand. Noch heute, mehr als zehn Jahre später, sind wir mit beiden eng verbunden und haben uns jeweils wiedergesehen. Beide Erfahrungen haben unsere Familie unglaublich bereichert!

Annika Ramsaier wohnt in Augsburg und war als Schülerin selbst für ein Jahr zu Gast bei einer italienischen Familie.

Nicht nur ein Schlafplatz

Meine Eltern waren immer gastfreundlich und wir hatten mehrmals Austauschschüler und -schülerinnen. Diese Erfahrung wollte ich auch mit meinen Kindern teilen. Über die Organisation AFS haben wir für 11 Monate einen japanischen Gastschüler (17) aufgenommen. Unsere Söhne (zu dem Zeitpunkt 10, 12 und 15) und er haben sich gut verstanden. Die Verständigung mit ihm war allerdings manchmal schwierig und führte auch mal zu Missverständnissen, da er anfangs kein Deutsch konnte und auch Englisch nicht immer klappte. Kurz darauf haben wir relativ spontan einen Schüler aus Johannesburg, Südafrika, aufgenommen. Er war genauso alt wie unser ältester Sohn, konnte richtig gut Deutsch sprechen und war sehr interessiert an allem. Die vier Wochen mit ihm sind wie im Flug vergangen, und wir werden ihn bestimmt wiedersehen.

Unsere aktuelle Erfahrung mit einem slowakischen Austauschschüler ist jedoch nicht so schön. Es ließ sich schon vom Steckbrief her vermuten, dass wir nicht viel gemeinsam haben. Leider ist es so, dass der Schüler wenig bis gar nicht an unserem Familien­leben (an Gesprächen, gemeinsamen Mahlzeiten …) teilnehmen möchte. Darüber sind wir enttäuscht. Bei einer Gastfamilie zu sein, sollte mehr bedeuten, als einen Platz zum ­Schlafen und einen Wäscheservice zu haben – zum Glück durften wir das bei den beiden anderen Gastschülern erleben.

Sabine T. wohnt in Bochum und ist Mutter von drei Söhnen.

Das Haus mit Leben füllen

Unsere 15-jährige Tochter ging im letzten Jahr für ein Highschool-Jahr in die USA. Meine jüngere Tochter und ich spürten die Lücke schmerzhaft. In mir reifte die Idee, eine Gastschülerin aufzunehmen. Ich überlegte lange. Was, wenn wir mit der Schülerin nicht klarkamen? Diese und andere Fragen konnte ich nur beantworten, indem ich das Risiko einging. Einige Monate später stand eine 16-jährige Schülerin aus Australien vor unserer Haustür. Jede von uns bemühte sich um eine gelingende Eingewöhnungsphase. Wir hatten eine lokale Betreuerin als Ansprechpartnerin für Fragen und Notfälle. Die Schule empfing sie mit offenen Armen, und obwohl das Mädchen vor Nervosität fast das Atmen vergaß, dauerte es keinen halben Tag und sie hatte die ersten Freundschaften geknüpft.

Mit manchen Dingen fremdelten wir und sie. So musste sie sich erst an unsere vegetarische Küche gewöhnen und dass Handys am Tisch tabu waren. Aber mit einem guten Maß Toleranz auf beiden Seiten ruckelten sich die Unterschiedlichkeiten schnell zurecht. Meine Tochter und das Mädchen aus Australien wuchsen in diesen drei Monaten über sich hinaus: im Sprachlichen und in der persönlichen Entwicklung. Aber das Schönste: Die beiden fanden zusammen, sodass das Haus bald wieder mit Lachen und Toben, Dis­kussionen und Geplapper gefüllt war.

Veronika Smoor ist Autorin und lebt in der Nähe von Heilbronn.

Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.