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So wird die Weihnachtszeit entspannt: 3 Tipps für Familien

Endlich mehr Zeit für das Wesentliche: Mit drei einfachen Ideen wird die Weihnachtszeit für Familien entspannt und besinnlich.

Wer kennt das nicht: Im Dezember rast die Zeit. Mit einem unglaublichen Tempo geht es auf Weihnachten zu. Nachdem der Adventskranz gebunden oder gekauft wurde, die Adventskalender der Kinder gepackt und die Füllungen für die Nikolausstiefel besorgt wurden, findet pro Kind noch mindestens eine Weihnachtsfeier statt. Außerdem muss für das Krippenspiel an Heiligabend geprobt werden, fehlende Weihnachtsgeschenke werden besorgt, und der Weihnachtsbaum wird gekauft und geschmückt. Schließlich stehen der Besuch wenigstens eines Weihnachtsmarkts, das traditionelle Plätzchenbacken und gern noch eine tägliche Adventsandacht mit den Kindern auf dem Programm.

Jahrelang war ich diesem Stress ausgeliefert und an Heiligabend völlig fertig und erschöpft. Im Lauf der Jahre habe ich mir verschiedene Techniken angeeignet, die die Adventszeit deutlich entstressen und mit denen wir als Familie sogar mehr Advents- und Weihnachtsbräuche ausleben können als zuvor. In diesem Artikel stelle ich euch drei davon vor.

Tipp 1: Die 12 heiligen Nächte nutzen

Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über die 12 heiligen Nächte – ursprünglich als Rauhnächte mit heidnischem Kontext bekannt, die aber auch einen christlichen Bezug zur katholischen Kirche haben. Da kam mir die Idee, diese Zeit zu nutzen! Warum sollten alle Advents- und Weihnachtsbräuche denn unbedingt noch vor den Heiligabend gequetscht werden, in eine Zeit, in der zusätzlich zu Schule und Kindergarten noch viele extra Termine stattfinden?

Die 12 heiligen Nächte enden am 6. Januar mit der Ankunft der heiligen drei Könige. Die gehören schließlich auch zu Weihnachten und stehen in fast jeder Weihnachtskrippe. Zudem sind in diesem Zeitraum Ferien für die Kinder, und auch die Erwachsenen haben oftmals durch die vielen Feier- und Brückentage frei. Diese 13 Tage (es sind 12 heilige Nächte und somit 13 Tage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar) nutzen wir nun, um die Weihnachtszeit bewusst als Familie erleben zu können. Hierfür haben wir einen „12 heilige Nächte“-Kalender, welcher in der Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtsfeiertag aufgehängt wird. Er besteht aus 13 Briefumschlägen, versehen mit 12 Zahlen und einem Stern am Dreikönigstag.

Abwechselnd darf jedes Kind beim gemeinsamen Frühstück einen Umschlag öffnen und erzählen oder vorlesen, was darauf steht. Es ist immer ein kurzer Text und ein dazugehöriges Bild abgebildet. Jeden Tag findet nun ein besonderes Event statt wie Plätzchen backen, den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt besuchen, Schlittschuh laufen, in den Weihnachtszirkus gehen, Schneekugeln basteln oder einen Weihnachtsfilm gucken. Die Kinder lieben diesen Kalender, denn wir verbringen jeden Tag eine besondere intensive Familienzeit miteinander, erleben die Weihnachtszeit sehr bewusst und haben auch Zeit für all die Dinge, welche vor Heiligabend nicht stressfrei in den Kalender gepasst hätten.

Die Kärtchen bereite ich schon im Vorfeld vor, wir benutzen die meisten jedes Jahr wieder. Ich bestücke den Kalender zu Beginn mit den Kärtchen der fest gebuchten Aktivitäten wie Weihnachtszirkus, Kino oder Mittelaltermarkt. Bei Events, die wetterabhängig sind – Schlitten fahren oder Iglu bauen – werden die Kärtchen erst am Vorabend in die Umschläge gesteckt oder entsprechend ausgetauscht, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte.

Da ich an Silvester immer Zeit zum Vorbereiten brauche, wird an diesem Tag traditionell das Kärtchen mit dem „Playmobil Arktis Spieltag“ geöffnet. Die Kinder bekommen eine große Kiste mit der Playmobil Arktis-Welt und dem passenden Hörspiel dazu und dürfen damit einen ganzen Tag bauen, hören und spielen. Diese Kiste gibt es ausschließlich an Silvester, und sie wird auch am nächsten Tag wieder weggeräumt. So beschäftigen sich die Kinder ausgiebig damit, und ich kann in aller Ruhe den Silvesterabend vorbereiten und habe meistens auch noch Zeit für einen persönlichen Jahresabschluss.

Tipp 2: Weihnachtsvorbereitungen entzerren

Der nächste Tipp betrifft den Stress, welcher durch die Weihnachtsvorbereitungen entsteht: Da muss die Dekoration aufgehängt, die Weihnachtskrippe aufgebaut, der Tannenbaum gekauft, aufgestellt und geschmückt und das Weihnachtsessen vorbereitet und gekocht werden – und all dies am besten an einem einzigen Tag.

Aber wer sagt denn, dass der Weihnachtsbaum erst an Heiligabend aufgestellt und geschmückt werden darf? Und warum die Weihnachtskrippe nicht schon früher aufbauen? Vielleicht kann man mit den Gewohnheiten der Herkunftsfamilie brechen und eigene Rituale passend für die eigene Familie einführen? Vor wenigen Jahren habe ich diesen Schritt gewagt. Seitdem hat meine Familie viel mehr von der Weihnachtszeit, und ich habe deutlich weniger Stress im Vorfeld und kann entspannt Heiligabend genießen.

Hierzu habe ich alle diese Vorbereitungen auf die verschiedenen Adventswochenenden beziehungsweise Sonntage verteilt. Dekorieren am Sonntag als ganze Familie kann ein tolles und abwechslungsreiches Event und eine schöne Familienzeit sein: So wird die Weihnachtsdekoration am ersten Adventswochenende aufgehängt. Hierbei helfen vor allem die kleineren Kinder fleißig mit. Innerhalb einer Stunde sieht es richtig schön weihnachtlich aus, und wir feiern im Anschluss unsere erste Adventsandacht mit Weihnachtsliedern und Blockflöte, dem ersten Teil eines Weihnachtsgeschichten-Adventskalenders sowie natürlich Punsch und Keksen. Am zweiten Adventswochenende wird die Weihnachtskrippe aufgebaut, und am vierten Advent steht bereits der Weihnachtsbaum, welcher gemeinsam mit den Kindern und passender Weihnachtsmusik geschmückt wird.

Auch richte ich im Vorfeld schicke Kleidung für jedes Kind – für alle drei Feiertage – sodass diese nur noch hineinschlüpfen können und nichts mehr in Eile gewaschen und gebügelt werden muss, bevor der Besuch bei Oma und Opa ansteht. An Heiligabend gibt es bei uns immer Raclette, da dieses auch gut vorbereitet werden kann. So können wir uns, wenn wir vom Gottesdienst kommen, direkt an den gedeckten Tisch setzen und mit dem Weihnachtsessen anfangen.

Tipp 3: Geschützter Familientag

Gerade an Weihnachten geht es um weit mehr als Geschenke, volle Terminkalender und festliche Dekoration – es geht um die Geburt Jesu, um Besinnung und um Gemeinschaft. Mitten im Trubel der Feiertage tut es gut, bewusst innezuhalten und sich daran zu erinnern. Warum also nicht den ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag ganz bewusst als geschützten Familientag einplanen?

Nach den oft aufregenden Tagen mit Vorbereitungen, Besuchen, Gottesdiensten und Programmpunkten darf dieser Tag frei sein von Terminen, Erwartungen und Perfektionismus. Keine Einladungen, keine Gäste, keine Verpflichtungen – stattdessen Zeit nur für die Familie. Vielleicht beginnt der Tag mit einem gemütlichen Frühstück im Schlafanzug, einem gemeinsamen Gebet oder einer kleinen Andacht, um die Weihnachtsbotschaft noch einmal ins Herz sinken zu lassen. Danach bleibt Raum zum Spielen, Spazierengehen oder zum Nichtstun.

Gerade wenn wir bewusst einen Schritt zurücktreten und die Stille zulassen, entsteht Platz für das, was Weihnachten ausmacht: die Freude darüber, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, und die Dankbarkeit für seine Nähe in unserem Alltag. Ein Spaziergang in der Natur kann helfen, diesen Blick zu schärfen – für Gottes Spuren um uns herum und sein Wirken mitten in unserem Leben. So wird Weihnachten nicht nur gefeiert, sondern auch erlebt: als Zeit der Ruhe, des Friedens und der Begegnung mit Gott und miteinander.

Dorothee Tappe ist Diplom-Sozialpädagogin und Bildungsforscherin und Mutter von sechs Kindern. Auf ihrem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ veröffentlicht sie Tipps und Themen zu Familienalltag und Erziehung.

Die Weihnachtszeit entspannt genießen: 3 Tipps für Familien

Endlich mehr Zeit für das Wesentliche: Mit drei einfachen Ideen wird die Weihnachtszeit für Familien entspannt und besinnlich.

Wer kennt das nicht: Im Dezember rast die Zeit. Mit einem unglaublichen Tempo geht es auf Weihnachten zu. Nachdem der Adventskranz gebunden oder gekauft wurde, die Adventskalender der Kinder gepackt und die Füllungen für die Nikolausstiefel besorgt wurden, findet pro Kind noch mindestens eine Weihnachtsfeier statt. Außerdem muss für das Krippenspiel an Heiligabend geprobt werden, fehlende Weihnachtsgeschenke werden besorgt, und der Weihnachtsbaum wird gekauft und geschmückt. Schließlich stehen der Besuch wenigstens eines Weihnachtsmarkts, das traditionelle Plätzchenbacken und gern noch eine tägliche Adventsandacht mit den Kindern auf dem Programm.

Jahrelang war ich diesem Stress ausgeliefert und an Heiligabend völlig fertig und erschöpft. Im Lauf der Jahre habe ich mir verschiedene Techniken angeeignet, die die Adventszeit deutlich entstressen und mit denen wir als Familie sogar mehr Advents- und Weihnachtsbräuche ausleben können als zuvor. In diesem Artikel stelle ich euch drei davon vor.

Tipp 1: Die 12 heiligen Nächte nutzen

Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über die 12 heiligen Nächte – ursprünglich als Rauhnächte mit heidnischem Kontext bekannt, die aber auch einen christlichen Bezug zur katholischen Kirche haben. Da kam mir die Idee, diese Zeit zu nutzen! Warum sollten alle Advents- und Weihnachtsbräuche denn unbedingt noch vor den Heiligabend gequetscht werden, in eine Zeit, in der zusätzlich zu Schule und Kindergarten noch viele extra Termine stattfinden?

Die 12 heiligen Nächte enden am 6. Januar mit der Ankunft der heiligen drei Könige. Die gehören schließlich auch zu Weihnachten und stehen in fast jeder Weihnachtskrippe. Zudem sind in diesem Zeitraum Ferien für die Kinder, und auch die Erwachsenen haben oftmals durch die vielen Feier- und Brückentage frei. Diese 13 Tage (es sind 12 heilige Nächte und somit 13 Tage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar) nutzen wir nun, um die Weihnachtszeit bewusst als Familie erleben zu können. Hierfür haben wir einen „12 heilige Nächte“-Kalender, welcher in der Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtsfeiertag aufgehängt wird. Er besteht aus 13 Briefumschlägen, versehen mit 12 Zahlen und einem Stern am Dreikönigstag.

Abwechselnd darf jedes Kind beim gemeinsamen Frühstück einen Umschlag öffnen und erzählen oder vorlesen, was darauf steht. Es ist immer ein kurzer Text und ein dazugehöriges Bild abgebildet. Jeden Tag findet nun ein besonderes Event statt wie Plätzchen backen, den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt besuchen, Schlittschuh laufen, in den Weihnachtszirkus gehen, Schneekugeln basteln oder einen Weihnachtsfilm gucken. Die Kinder lieben diesen Kalender, denn wir verbringen jeden Tag eine besondere intensive Familienzeit miteinander, erleben die Weihnachtszeit sehr bewusst und haben auch Zeit für all die Dinge, welche vor Heiligabend nicht stressfrei in den Kalender gepasst hätten.

Die Kärtchen bereite ich schon im Vorfeld vor, wir benutzen die meisten jedes Jahr wieder. Ich bestücke den Kalender zu Beginn mit den Kärtchen der fest gebuchten Aktivitäten wie Weihnachtszirkus, Kino oder Mittelaltermarkt. Bei Events, die wetterabhängig sind – Schlitten fahren oder Iglu bauen – werden die Kärtchen erst am Vorabend in die Umschläge gesteckt oder entsprechend ausgetauscht, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte.

Da ich an Silvester immer Zeit zum Vorbereiten brauche, wird an diesem Tag traditionell das Kärtchen mit dem „Playmobil Arktis Spieltag“ geöffnet. Die Kinder bekommen eine große Kiste mit der Playmobil Arktis-Welt und dem passenden Hörspiel dazu und dürfen damit einen ganzen Tag bauen, hören und spielen. Diese Kiste gibt es ausschließlich an Silvester, und sie wird auch am nächsten Tag wieder weggeräumt. So beschäftigen sich die Kinder ausgiebig damit, und ich kann in aller Ruhe den Silvesterabend vorbereiten und habe meistens auch noch Zeit für einen persönlichen Jahresabschluss.

Tipp 2: Weihnachtsvorbereitungen entzerren

Der nächste Tipp betrifft den Stress, welcher durch die Weihnachtsvorbereitungen entsteht: Da muss die Dekoration aufgehängt, die Weihnachtskrippe aufgebaut, der Tannenbaum gekauft, aufgestellt und geschmückt und das Weihnachtsessen vorbereitet und gekocht werden – und all dies am besten an einem einzigen Tag.

Aber wer sagt denn, dass der Weihnachtsbaum erst an Heiligabend aufgestellt und geschmückt werden darf? Und warum die Weihnachtskrippe nicht schon früher aufbauen? Vielleicht kann man mit den Gewohnheiten der Herkunftsfamilie brechen und eigene Rituale passend für die eigene Familie einführen? Vor wenigen Jahren habe ich diesen Schritt gewagt. Seitdem hat meine Familie viel mehr von der Weihnachtszeit, und ich habe deutlich weniger Stress im Vorfeld und kann entspannt Heiligabend genießen.

Hierzu habe ich alle diese Vorbereitungen auf die verschiedenen Adventswochenenden beziehungsweise Sonntage verteilt. Dekorieren am Sonntag als ganze Familie kann ein tolles und abwechslungsreiches Event und eine schöne Familienzeit sein: So wird die Weihnachtsdekoration am ersten Adventswochenende aufgehängt. Hierbei helfen vor allem die kleineren Kinder fleißig mit. Innerhalb einer Stunde sieht es richtig schön weihnachtlich aus, und wir feiern im Anschluss unsere erste Adventsandacht mit Weihnachtsliedern und Blockflöte, dem ersten Teil eines Weihnachtsgeschichten-Adventskalenders sowie natürlich Punsch und Keksen. Am zweiten Adventswochenende wird die Weihnachtskrippe aufgebaut, und am vierten Advent steht bereits der Weihnachtsbaum, welcher gemeinsam mit den Kindern und passender Weihnachtsmusik geschmückt wird.

Auch richte ich im Vorfeld schicke Kleidung für jedes Kind – für alle drei Feiertage – sodass diese nur noch hineinschlüpfen können und nichts mehr in Eile gewaschen und gebügelt werden muss, bevor der Besuch bei Oma und Opa ansteht. An Heiligabend gibt es bei uns immer Raclette, da dieses auch gut vorbereitet werden kann. So können wir uns, wenn wir vom Gottesdienst kommen, direkt an den gedeckten Tisch setzen und mit dem Weihnachtsessen anfangen.

Tipp 3: Geschützter Familientag

Gerade an Weihnachten geht es um weit mehr als Geschenke, volle Terminkalender und festliche Dekoration – es geht um die Geburt Jesu, um Besinnung und um Gemeinschaft. Mitten im Trubel der Feiertage tut es gut, bewusst innezuhalten und sich daran zu erinnern. Warum also nicht den ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag ganz bewusst als geschützten Familientag einplanen?

Nach den oft aufregenden Tagen mit Vorbereitungen, Besuchen, Gottesdiensten und Programmpunkten darf dieser Tag frei sein von Terminen, Erwartungen und Perfektionismus. Keine Einladungen, keine Gäste, keine Verpflichtungen – stattdessen Zeit nur für die Familie. Vielleicht beginnt der Tag mit einem gemütlichen Frühstück im Schlafanzug, einem gemeinsamen Gebet oder einer kleinen Andacht, um die Weihnachtsbotschaft noch einmal ins Herz sinken zu lassen. Danach bleibt Raum zum Spielen, Spazierengehen oder zum Nichtstun.

Gerade wenn wir bewusst einen Schritt zurücktreten und die Stille zulassen, entsteht Platz für das, was Weihnachten ausmacht: die Freude darüber, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, und die Dankbarkeit für seine Nähe in unserem Alltag. Ein Spaziergang in der Natur kann helfen, diesen Blick zu schärfen – für Gottes Spuren um uns herum und sein Wirken mitten in unserem Leben. So wird Weihnachten nicht nur gefeiert, sondern auch erlebt: als Zeit der Ruhe, des Friedens und der Begegnung mit Gott und miteinander.

Dorothee Tappe ist Diplom-Sozialpädagogin und Bildungsforscherin und Mutter von sechs Kindern. Auf ihrem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ veröffentlicht sie Tipps und Themen zu Familienalltag und Erziehung.

Einfach mal offline: Warum wir digitalfreie Zeiten brauchen

Die digitale Technologie durchdringt unseren Alltag und bringt viele Vorteile mit sich – aber auch große Herausforderungen. Eine Expertin erklärt, warum regelmäßige digitale Pausen nötig sind.

Frau Miller, sie sind Expertin für digitale Achtsamkeit. In ihrem Buch „Verbunden“ schreiben sie, dass digitale Achtsamkeit eine der großen Herausforderungen unseres Jahrhunderts ist. Was meinen sie damit?

Es geht nicht rein um die Frage der Technologie, sondern darum, wie wir als Menschen mit immer digitaleren Prozessen und dem Eindringen vom Digitalen in all unsere Lebens- und Beziehungsbereiche umgehen wollen. Ich glaube, dass es eine sehr große Herausforderung sein wird, da moralische und ethische Grenzen und Möglichkeiten herauszuarbeiten. Wie wollen wir leben, wie wollen wir Beziehungen führen und wie wollen wir die Digitalisierung wieder so aktiv in die Hand nehmen, dass sie uns in unseren menschlichen Herausforderungen nützt, statt uns zu schaden?

Mittlerweile ist es bei vielen Menschen normal, dass sie morgens als Erstes und abends als Letztes zum Handy greifen. Wieso ist das problematisch?

Es ist nicht nur problematisch: Wenn wir morgens ans Handy gehen, sind wir ja viel schneller wach. Das hat auch damit zu tun, dass die vielen Informationen unser Nervensystem aktivieren und uns dann leichter wecken. Gleichzeitig ist genau das das Problem: Statt uns erst einmal im Dämmerzustand zu sammeln und zu überlegen, was ich mit diesem Tag machen will, statt sich Zeit und Raum für sich und andere zu lassen, wird man mit vielen Dingen konfrontiert, die nicht im unmittelbaren Lebensbereich stattfinden. Das ist eine der Hauptschwierigkeiten der Digitalisierung: Dass wir überall immer Zugriff auf die ganze Welt haben und viele Informationen in unsere Lebensrealität, in unsere Körper, in unsere Seelen eindringen. Das macht etwas mit unserem Nervensystem, mit unserem Selbstwert, mit unseren emotionalen, seelischen und geistigen Ressourcen. Wir müssen einen Sinn für die eigene Kompetenz haben, für einen gewissen Radius der Kontrolle. Das digitale Dauerrauschen führt zu einer emotionalen und seelischen Nervosität. Wenn dann noch eine 50-Stunden-Woche dazukommt und zwei Kinder und man noch einkaufen muss und schlecht geschlafen hat, ist es eine weitere Dauerstressquelle.

Das heißt, wir brauchen grundsätzlich Pausen von digitalen Reizen?

Ja. Wir brauchen nach einer Aktivierung des Nervensystems auch wieder eine Beruhigung, sonst sind wir in einem chronischen Stresszustand. Das macht uns krank und anfällig für psychische Krankheiten.

Und wie verändern sich Beziehungen durch digitale Medien?

Auf der einen Seite sind sie für viele Menschen ein Tor zur Welt und zu anderen Menschen. Beziehungsherstellung im digitalen Raum kann sehr inspirierend sein. Wichtig ist aber, dass es nicht beim Digitalen bleibt. Der Mensch ist ein körperliches Wesen und braucht den dreidimensionalen Raum, um Beziehungen auf allen Ebenen und mit allen Sinnen zu erfahren. Für zwischenmenschliche tiefe Beziehungen ist Präsenz wichtig, das Vermitteln: Ich bin jetzt ganz bei dir und emotional verfügbar für dich. Das spürt das Gegenüber. Das digitale Dauerrauschen reißt viele im Minutentakt aus der Situation und aus der Beziehung heraus. Man kann digitale Kontakte pflegen, aber es ist auch wichtig, immer wieder in sich hineinzuhören: Ist das jetzt befriedigend? Reicht mir dieser digitale Kontakt? Wie möchte ich überhaupt mit Menschen interagieren?

Sollte man Social Media also insgesamt wohldosiert verwenden?

Es gibt ein paar Elemente von Bildschirmkonsum, auf die man achten kann, zum Beispiel Qualität versus Quantität: Wie qualitativ hochwertig ist das, was ich digital konsumiere? Wie lange konsumiere ich das? Und wie oft lasse ich mich unterbrechen? Es ist etwas anderes, wenn ich einmal am Tag eine halbe Stunde auf Instagram gehe oder wenn ich alle Push-Notifications anhabe und alle fünf Minuten nachschaue, ob ich noch ein Like gekriegt hab. Die andere Frage ist ja: Was haben wir in dieser Zeit nicht gemacht? Man ist jetzt im Schnitt mittlerweile fünf Jahre seines Lebens auf Social Media. Wenn du die Antwort für dich finden kannst, dass du eine aktive, beteiligte Person warst, Sachen gepostet und das gemäß deinen Werten und Wünschen für dich gemacht hast, dann wäre das kein Thema. Aber viele Menschen merken ja: Da ist so ein Zwang dahinter. Ich bin viel länger online, als ich will. Und irgendwann bist du müde und hast wenig Energie und Ressourcen übrig für andere Dinge, die dir wichtig wären.

Eine aktuelle Postbank-Studie hat ergeben, dass 41 Prozent der 18- bis 39-jährigen Deutschen weniger Zeit auf Social Media verbringen wollen. Was würden sie ihnen raten?

Überlege dir: Was mache ich stattdessen? Wenn ich abends nach Hause komme und mir vorher schon überlegt habe, dass ich ein Buch lesen möchte oder zusammen mit Freunden kochen will, dann habe ich eine proaktive Antwort darauf, was ich mit meiner Zeit eigentlich anfangen möchte. Aber: Das Digitale übt oft einen viel stärkeren Sog aus. Lesen zum Beispiel stimuliert das Nervensystem und das Gehirn viel weniger als ein YouTube-Video. Das sollte man sich bewusst machen: Die „langweiligeren“ Aktivitäten, die mir aber guttun, weil sie mein Nervensystem beruhigen, sind schwieriger, wenn wir schon total aufgeputscht nach Hause kommen. Deswegen lohnt es sich, diese Aktivitäten auf den Morgen zu verschieben. Damit anzufangen: weniger digitale Inputs, die erste Stunde des Tages digitalfrei, einen analogen Wecker kaufen und in Ruhe starten und sich daran gewöhnen, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn ich den Flugmodus erst um 8:30 Uhr rausnehme. Und diese Zeiträume, wo wir panisch online immer wieder checken, was passiert ist, nach und nach wieder ausdehnen und ohne Handy einkaufen oder spazieren gehen und mal fühlen, dass das wahnsinnig entlastend ist. Also: Handy vom Körper weg. Handy aus den Räumen weg. Ein weiterer Punkt: Viele Leute gehen zum Beispiel abends mit Freunden essen, aber im Büro war noch nicht klar, ob da noch eine Deadline ist, und mit dem Partner hat man noch nicht vereinbart, ob man sich morgen sieht. Da sind noch viele offene Punkte. Natürlich kann ich mich digital nicht abgrenzen, wenn ich Leerbereiche habe, weil das emotional verunsichernd ist.

Eltern machen mit dem Smartphone gern Fotos und Videos von ihren Kindern. Warum sollten sie vorsichtig damit sein?

Weil das Kind lernt, dass es auf diese Weise Lob und Anerkennung kriegt. Das ist das Problem unserer Zeit, wir konditionieren uns ja als Erwachsene auch dazu. Das Kind hat ein Recht auf Privatsphäre und darauf, nicht in einem öffentlichen Zusammenhang Dinge zu erleben. Deswegen finde ich auch Videos von Kleinkindern im Netz problematisch.

Wieso sollten Kinder lieber analog als digital spielen?

Weil das echte Leben ein bisschen dreckiger und chaotischer ist. Im echten Leben funktionieren Leute nicht wie Roboter. Beim Spielen kann es sein, dass der Lukas dir an deinen Haaren rumzieht und du dann ein ganz anderes Problem zu lösen hast. Das ist das, was das Leben ausmacht und dir soziale und emotionale Kompetenz und Emotionsregulation beibringt. Das Kind erfährt im dreidimensionalen Raum und über den Körper, über Lernen am Modell der Eltern und Erziehungsberechtigten. Das ist ein viel komplexeres Ding, als vorm Bildschirm zu sitzen und fünf Knöpfe zu drücken. Das heißt nicht, dass man das nicht auch mal machen kann, aber das sollte nicht tägliche Routine sein.

Was würden sie Eltern sagen, die Angst haben, dass ihre Kinder später digital abgehängt werden?

Das stimmt einfach nicht. Auf einem iPad drückt ein Siebenjähriger eine halbe Stunde rum, dann hat er das begriffen! Das ist nicht das gleiche wie laufen lernen, wo man anderthalb Jahre üben muss. Die Welt ist so digital, da kommt man sowieso nicht dran vorbei, da muss keine Frühförderung betrieben werden. Es ist viel wichtiger, die digitalen Prozesse proaktiv zu begleiten. Da geht es um emotionale und soziale Kompetenz, um Fragen wie: Wo kann dieses Foto hin? Wie gehe ich im digitalen Raum mit Menschen um? Das hat nicht nur mit den Kindern zu tun, da müssen sich auch viele Eltern und die Schule regulieren.

Welche Anregungen würden sie Eltern mitgeben, um ihren Kindern digitale Achtsamkeit zu ermöglichen?

Erstens: gemeinsame, digitalfreie Zeiten. Zweitens: Wie kann ich proaktiv vormachen, dass das Handy nicht meinen Alltag bestimmt? Zum Beispiel, indem man als Familie einen Ort definiert, wo die digitalen Geräte liegen bleiben können. Und das Dritte ist, sich dafür zu engagieren, dass sich das System ändert. Die 365 Nachrichten im Klassenchat über Mittag belasten das Kind. Es ist völlig logisch, dass ein 8-Jähriger oder ein 12-Jähriger genau das Gleiche machen will wie seine Peers – der hat keinen Bock, der Einzige ohne Handy zu sein. Da kann man mit der Schule und politisch und gesellschaftlich das Gespräch suchen, einen Schüler- oder Elternrat gründen und sich da engagieren.

Was wünschen sie sich für unsere digitalisierte Gesellschaft in der Zukunft?

Ich wünsche mir als Allererstes, dass die Leute merken: Die Digitalisierung hat mit jedem Einzelnen was zu tun! Das ist eine Bürgerfrage und eine politische Frage, nämlich, welche menschlichen Werte in Zukunft überhaupt noch geschützt werden und von wem und wie. Da muss man auch nichts verstehen von Digitalisierung, sondern davon, wie man leben will. Wir müssen uns alle für nachhaltige Digitalisierung engagieren, um tatsächlich die Menschenwürde aufrechtzuerhalten. Das ist nicht einfach ein bisschen Candy Crush. Das ist wie der Klimawandel und Gleichstellung! Wir müssen anfangen, den digitalen Raum würdevoll zu gestalten, Menschen zu schützen und das Positive zu stärken. Da braucht es jeden – nicht einfach ein paar Leute, die nicht ins Internet gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Diana Heidemann.

Anna Miller hat einen Master-Abschluss in Positiver Psychologie und ist Autorin und Expertin für digitale Achtsamkeit.

Stress vor Weihnachten: Wenn im Advent der Burnout brennt

Der „besinnliche“ Advent ist die stressigste Zeit des Jahres. Das belastet auch die Paarbeziehung. Paartherapeutin Ira Schneider erklärt, was die Adventszeit retten kann.

Der Dezember ist angebrochen: Hiermit heiße ich euch Herzlich Willkommen in dem wohl stressigsten Monat des Jahres! Gleichzeitig ist es ein Monat, der besinnlich, kuschelig, ruhig und gemütlich sein soll. So richtig passt dieses Bild eines entschleunigten Ruhemomentes nicht zu dem von außen geforderten Marathon. Nicht zuletzt ist der Dezember der Monat, der gesellschaftlich den höchsten Anspruch hat, „perfekt“ zu werden. Ein Monat, der voller Erwartungen steckt. So können wir in diesem Sinne alle ein altbekanntes Lied umdichten: Statt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt“ heißt es dann „Advent, Advent, unsere Energie brennt aus!“ Es ist ein Monat, der nicht nur Energie bindet, sondern diese auch Paaren regelrecht raubt.

Nicht mit mir!

Eigentlich soll der Monat doch besinnlich und fast schon magisch sein. Das Essen muss schmecken. Die Deko muss stehen. Die Geschenke sollen gefälligst gefallen. Kein Wunder, dass sich viele Paare im Dezember zerreißen. Im Job müssen sie Jahresabschlüsse durchpeitschen, für die Kinder werden Adventskalender gebastelt, Festlichkeiten werden organisiert, Päckchen verschickt, Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt und Termine und Adventsfeiern werden auch noch im Wochenkalender untergebracht.

Es gäbe sicherlich zahlreiche Tipps, was Paare tun oder lassen könnten. Ganze Listen darüber ließen sich niederschreiben. Am besten schreibe ich eine neue Liste: mit Not-To-Dos, also, was man alles lassen sollte. Wenn das eure Hoffnung war, kurze und schnelle Tipps für den Advent zu erhalten, dann muss ich euch leider enttäuschen. Aber was ich euch entgegenwerfen kann, ist hoffentlich eine warme Woge der Entlastung. Zwei Dinge sind während des Dezembers wahr: Egal, wie ihr den Dezember dreht und wendet. Er bleibt wohl oder übel immer etwas knackig. Was aber auch wahr ist: Ihr dürft neue Grenzen setzen.

Tradition im Advent: Stress

Starten wir mit dem ersten Teil der Wahrheit. Es ist in Ordnung, wenn euch dieser Monat stresst. Ihr dürft gestresst sein. Ihr müsst nicht auch noch das nicht-gestresst sein leisten. Es ist ok, wenn ihr euch zwischen Stille und Eile nicht entscheiden könnt. Es ist ok, wenn ihr euch rastlos und überfordert fühlt. Euer Zeitmanagement ist nicht schuld daran. Euer Abwägen, euer Zusagen und euer Absagen sind nicht der Knackpunkt. Wie wir Weihnachten feiern, ist ein strukturelles Problem. Eins, das sich zutiefst in unsere Gesellschaft hineintradiert hat. In diesem Monat zahlt nicht nur unser Portemonnaie einen hohen Preis, auch unser Nervenkostüm wird auf die Probe gestellt.

Wenn Paare sich diesen Ist-Zustand gewähren, weicht der der Druck möglichst, „entspannt sein zu müssen“. Ohne Druck möchte ich euch behutsam zusprechen, dass es kein „Ihr müsst kürzertreten“ sein muss. Es ist vielmehr ein „Ihr dürft kürzertreten“. Wie oft verwehren Paare sich selbst ihre eigentlichen Bedürfnisse, weil der Druck von außen so hoch ist. Ihnen fehlt nachvollziehbarerweise eine gewisse innere Erlaubnis.

Zuviel

Der zweite Teil der Wahrheit, verkennt den ersten Teil nicht, aber er macht euch Mut eigene Wege zu gestalten und Grenzen zu setzen. Daher dürft ihr beides: Zum einem vollkommen gestresst sein und euch der Akzeptanz hingeben, dass der Dezember ein besonderer Monat ist und bleibt. Ende. Ihr dürft aber auch das Nein-Sagen und Absagen ausprobieren, wenn ihr beispielsweise bestimmte Konstellationen bei Zusammenkünften vermeidet, weil sie euch zu viel sind. Oder ihr dürft Feierlichkeiten früher verlassen. Ihr dürft kürzertreten, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht. Ihr dürft Weihnachtspost weglassen, wenn sie euch zu viel wird. Ihr dürft all das, was euch zu viel ist wahrnehmen und dürft euch selbst begrenzen.

Auch wenn die Harmonie rund um die Festlichkeiten euch hoch oben auf der Agenda schweigend anschreit, ist es okay, wenn ihr für euch als Paar sorgt. Not-To-Do-Listen umzusetzen oder grundsätzlich Grenzen rundum die Feiertage zu setzen, kann im ersten Moment eine unliebsame Aufgabe sein. Abgrenzung kann durch Unverständnis im Außen Spannungen erzeugen. Das heißt: Es müssen die Folgen der eigenen Grenzen ausgehalten werden oder sie müssen zumindest aushaltbar sein. Es ist eine besondere Herausforderung für Paare, für sich selbst und für sich als Familie zu entscheiden und folglich auszuhalten, dass Erwartungen enttäuscht werden. Doch nur enttäuschte Erwartung haben die Chance in gedämpfter und weniger fordernder Kleidung im kommenden Jahr wieder anzuklopfen. Es hilft. Denn dann werden aus überhöhten Anforderungen vielleicht realistische Erwartungen. Das kann entlasten!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Mehr unter: @ira.schneider_

„Sie reißt sich die Haare aus“

„Unsere Tochter (3) rupft sich, schon seit sie ein Jahr alt ist, die Haare. Wir haben gehofft, dass es mit der Zeit verschwindet, und ihr immer wieder die Haare geschnitten, aber es hilft nichts. Wir sind verzweifelt. Was können wir tun?“

Ihre Verzweiflung und Sorgen um Ihre Tochter sind sehr verständlich – gut, dass Sie sich hierbei nun Rat und Unterstützung holen! Das Verhalten zeigt sich bereits eine Weile und deutet auf ein gefestigtes Muster hin, das sich trotz Ihrer Bemühungen nicht auflöst.

Was ist Trichotillomanie?

Möglicherweise handelt es sich um Trichotillomanie, das zwanghafte Ausreißen von Haaren. Es kann sich bei Erwachsenen und auch bereits im Kindesalter entwickeln und chronifizieren. Betroffene können dem Impuls des Haarereißens nicht widerstehen. Häufig besteht ein Zusammenhang mit Anspannung und innerer Unruhe. Dem Haarereißen folgt ein Gefühl von Spannungsabbau. Es wird als lustvoll und entspannend erlebt und führt zu kurzfristiger Beruhigung, bis es bei erneuter Anspannung zu einem wiederholten Impuls kommt.

Stress kann eine Ursache sein

Bei Babys und Kleinkindern ist das Motiv für ihr Verhalten schwerer zu ergründen, da wir sie nicht fragen können. Was vielleicht anfangs als beruhigende Geste (wie Daumenlutschen) begann, kann sich zu einer festen Strategie entwickelt haben, die allein nur schwer zu durchbrechen ist. Vielleicht hilft sie unbewusst im Umgang mit besonderen Herausforderungen (Stress, Veränderungen, Konflikte). Sie kann für den Moment zwar ihren individuellen Zweck erfüllen, jedoch langfristig zu einem erheblichen Leidensdruck führen.

Wir Erwachsenen werden dadurch für diese Herausforderungen sensibilisiert, und es bietet sich die Chance, darauf zu reagieren. Wertvoll kann dann die Überlegung sein: Was könnte mein Kind mir sagen wollen? Spürt es etwas und bringt es zum Ausdruck, was ich noch nicht bemerkt habe? Diese Fragen sind manchmal unangenehm bis schmerzhaft, sollten uns aber nicht vergessen lassen: Konflikte oder Probleme finden immer ihre Wege. Es hilft, bewusst mit ihnen umzugehen und ihre Wege mitzugestalten.

Die gesamte Familie im Blick behalten

In Ihrem Fall bedarf es einer sorgfältigen medizinischen und psychologischen Abklärung durch Spezialisten für das jeweilige Kindesalter. Wenden Sie sich offen an Ihren Kinderarzt hinsichtlich kindertherapeutischer Unterstützung. Tauschen Sie sich mit anderen Eltern bezüglich Ihrer Sorgen aus. Diese haben eventuell ähnliche Erfahrungen und können Empfehlungen aussprechen.

Beobachten Sie wertschätzend, was die Situation mit Ihnen selbst macht und was Sie daraus lernen können. Richten Sie den Fokus auch auf das Familiensystem und die aktuelle Lebenssituation: Gibt es Zusammenhänge mit anderen Familienmitgliedern? Gab es in der Familienhistorie schon eine ähnliche Thematik? Wie hoch ist das Stresslevel in der Familie? Sind ausreichende Entspannungszeiten für alle Mitglieder vorhanden? Und wichtig, neben der Unterstützung von außen: Vertrauen Sie bei all den Herausforderungen in Ihre Kompetenz als Eltern für Ihre Tochter, auf Ihr Gespür für die Zeichen und Bedürfnisse Ihres Kindes!

Mara Pelt ist Psychologin M.Sc., Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin i.A., Systemische Beraterin und Familientherapeutin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. 

Psychologe warnt vor Bullerbü-Komplex: „Eltern scheitern grandios an einem Idealbild“

Viele Familien sehnen sich nach einer heilen Welt wie der in Astrid Lindgrens Kinderbuch „Wir Kinder aus Bullerbü“. Psychologe und Buchautor Lars Mandelkow sieht darin eine Gefahr.

Was ist so schlimm an Bullerbü?
An Bullerbü ist erst mal gar nichts schlimm. Das ist ein wunderbares Kinderbuch. Ich habe es geliebt und meinen eigenen Kindern vorgelesen. Bedenklich ist allerdings, dass dieses Bullerbü-Bild bei vielen jungen Familien ein Idealbild geworden ist, dem manche hinterherstreben und dann grandios daran scheitern. Denn in unserer wirklichen Welt kann es nie so sein wie in Bullerbü. Ich kenne viele Familien, die versuchen, so einen pastellfarbenen Alltag hinzukriegen. Im rauen Alltag mit Schulterminen, Leistungsdruck etc. schaffen sie es aber nicht. Und meinen dann, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist schlimm an Bullerbü. Also nicht Bullerbü selbst, sondern die Art, wie es mehr oder weniger unbewusst instrumentalisiert wird.

Was sind denn Aspekte von Bullerbü, die Eltern gern in ihren Alltag integrieren würden?
Bullerbü ist die klassische heile Welt – diese drei Höfe, die in unberührter Natur in Schweden liegen. Es gibt keinen Arbeitsplatz, der weit entfernt ist. Alles ist zu Fuß zu erreichen. Die Kinder haben nichts weiter zu tun, als den ganzen Tag zu spielen. Und die Eltern bilden eine sanft lächelnde Kulisse. Alles ist ruhig und übersichtlich. Es gibt ein paar schöne Familienrituale, aber keine großen Konflikte. Es gibt nur wenig Beispiele von echten Problemen. Selbst der Tod und das Alter werden friedlich beschrieben. Es ist eine heile Welt. Auf ganz vielen Ebenen ist sie heil. Und das macht diese große Sehnsucht aus. Deshalb ist das so ein starkes Bild, weil sich viele Leute nach einer heilen Welt sehnen, sie aber nicht erleben.

Kinder brauchen entspannte Eltern

Sie fordern in Ihrem Buch „Der Bullerbü-Komplex“ Eltern auf, es „gut sein zu lassen“, und betonen, dass es reicht, „gut genug“ zu sein. Aber woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist?
Wenn man sich an dem Besten orientiert, ist es klar: Dann geht es immer aufwärts, immer das nächstbeste ist das Ziel. Sich an dem zu orientieren, das gut genug ist, ist eine Kunst. Sich mit etwas Durchschnittlichem nicht nur zu arrangieren, sondern es sogar besser zu finden als das ständige Streben nach dem Besseren – das ist eher ein Lebensraum als ein Zielpunkt. Wann kann ich beginnen, zufrieden zu sein? Wann habe ich das letzte Mal meine Kinder dafür gefeiert, dass sie eine Drei nach Hause gebracht haben? Wann habe ich mich selbst dafür gefeiert, dass mir eine Aufgabe „ganz gut“ gelungen ist? Und nicht „ganz großartig“? Es ist eine Haltungsübungssache, nicht immer nach oben zu gucken.

Was ist das Allerwichtigste in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern?
Wenn ich meine Kinder angucke und sie in meinem Blick Entspannung sehen, dann ist ganz viel erreicht. Wenn Kinder Eltern erleben, die entspannt sind mit sich selbst, mit der Familie, mit den Erwartungen, dann ist das etwas Zentrales. Wenn nicht dauernd die Unzufriedenheit im Vordergrund steht: „Hast du schon …? Bist du sicher, dass du nicht noch …?“ Wenn Unzufriedenheit und Unvollkommenheit immer im Fokus sind, kann das ein Gift sein in der Beziehung. Entspannte Eltern – das ist das, was Kinder am meisten brauchen.

Ist die Liebe sichtbar?

Es passiert aber wohl allen Eltern, dass sie mal die Beherrschung verlieren und ihr Kind anschreien.
Natürlich passiert es, dass Eltern ihre Kinder anschreien. Da muss man sich fragen, ob es das Grundmuster der Beziehung ist oder die Ausnahme. In den meisten Fällen ist es die Ausnahme, und Kinder können das durchaus wechseln. Es ist sogar gesund, wenn Kinder erleben, dass Mama oder Papa mal einen schlechten Tag haben. Wenn man sich fragt: Erleben meine Kinder eigentlich grundsätzlich, dass sie geliebt sind? Nicht 100 Prozent jeden Tag, aber regelmäßig, immer wieder an den meisten Tagen. Wenn man sie fragen würde: Lieben Papa und Mama dich? Und sie würden sagen: Ja. – Dann ist das gut genug. Es kommt auf den Grundton an. Ausnahmen sind normal. Wenn man sich diese Ausnahmen nicht gestattet als Eltern, kommt man schnell in die Überforderung. Ich habe den Eindruck, dass manche Eltern glauben, dass das nicht gestattet ist, weil sofort die psychische Krankheit der Kinder folgt oder ein Entwicklungsschaden.

Eltern haben in der Tat Angst, ihre Kinder könnten psychische Schäden davontragen, wenn sie etwas falsch machen oder dem Kind zu wenig Zuwendung geben. Sie schreiben in Ihrem Buch: „Es ist nicht der Mangel an Zuwendung, der Kinder krank macht. Es ist der absolute Mangel.“ Aber wie kommt es dann, dass Jugendliche psychisch krank werden, die aus Familien kommen, in denen es eine gute Beziehung und Zuwendung gibt?
Ich finde diese Frage ganz wunderbar – nur falsch gestellt. Wenn Sie die Frage so stellen, klingt es so, als wäre die Ursache für psychische Schwierigkeiten von Kindern als Allererstes in der Familie zu suchen. Die Frage, so wie Sie sie stellen, stellen sich viele Eltern auch und denken sofort: „Ich bin schuld. Ich habe irgendwas nicht gut genug gemacht.“ Meistens gibt es aber eine gute Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Also kann es nicht daran liegen. Psychische Schwierigkeiten treten mit normalen Schwankungen überall auf, ganz unabhängig von der Familie. Vor allem aber glaube ich, dass viel mehr Ursachen für psychisches Ungleichgewicht aus der Umgebung der Kinder kommen: aus den Medien, aus der Schule, aus anderen Erwartungen, die um die Familie herum zu suchen sind. Und die Eltern, die eigentlich eine gute Beziehung zu den Kindern haben, könnten viel Gutes tun, wenn sie diese gute Beziehung selbstbewusst leben und in den Vordergrund stellen: „Wir haben es gut zusammen, bei mir kannst du einen sicheren Hafen finden.“

Gnade ist das Zentrum

Im dritten Teil Ihres Buches stellen Sie den Begriff der Gnade in den Mittelpunkt. Warum?
Zum einen ist der Begriff Gnade das Zentrum meines christlichen Glaubens. Es ist eine Aufgabe, mit mir selbst gnädig zu sein. Die Aufgabe, miteinander gnädig zu sein. Je mehr Gnade, desto besser. Und nicht: Je mehr Bullerbü, desto besser. Wir brauchen keine heile Welt, sondern in der Welt, in der wir leben, brauchen wir die Gnade als tragenden Grund. Und der ist uns geschenkt. Der andere Grund, warum mir das wichtig war in meinem Buch: Ich dachte, es ist zu wenig, nur das Problem zu beschreiben und zu versuchen, eine Lösung zu skizzieren. Denn es braucht ja auch einen Grund, auf dem das Ganze steht. Man braucht einen Ausgangspunkt für diese ganzen Gedanken.

Wie kann Gnade in der Familie praktisch gelebt werden?
Gerade in Momenten, wo der Druck steigt oder sich das Leben schwierig anfühlt, kann man sich angucken, was Gnade bedeutet: Wenn die Kinder mir als Gnadengabe geschenkt sind, was bedeutet das für meine Beziehung zu ihnen? Wie wäre ich als Vater, wenn ich ein gnädiger Vater wäre? Wie wäre ich als Ehemann, wenn ich Gnade wichtig finden würde? Oft hat das mit Geduld, mit Vergebung und mit Humor zu tun. Wenn ich merke, ich schaffe es nicht, alle Erwartungen zu erfüllen, dann kann ich mich in schlechtem Gewissen versenken oder ich kann die Gnade greifen und sagen: Ich bin, wie ich bin. Gnade bedeutet, dass ich so sein darf. Das ist ein Ausgangspunkt dafür, den nächsten Tag anders zu gestalten, ein bisschen freundlicher mit mir selbst und anderen zu sein.

Das Interview führte Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT.

Deutsche Familie in Südafrika: Treffen waren im Lockdown nur im Geheimen möglich

Familie Nellessen gehört in Afrika zu den Privilegierten. Der Lockdown bedeutete für sie trotzdem einen Einschnitt. Mutter Britta erzählt von heimlichen Kaffeekränzchen – und der Armut vor der Haustüre.

Die afrikanische Sonne scheint mir ins Gesicht, während ich mit meiner Freundin Andi auf dem Parkplatz vor dem großen Shoppingcenter stehe. Heimlich natürlich, versteckt zwischen unseren beiden Autos, am Rand des großen Parkplatzes. Private Treffen sind in Südafrika immer noch verboten [Stand Mai, Anm. d. Red.], wir zählen Woche sieben des nationalen Lockdowns, der hier deutlich strenger ausfällt als etwa in Deutschland. Die ersten fünf Wochen durften wir noch nicht einmal unser Grundstück verlassen, außer zum gelegentlichen Einkaufen mit Maske. Keine Freunde treffen, nicht einmal zu zweit spazieren gehen, ach was … gar nicht spazieren gehen!

Alles spielt sich nur in und um die eigenen vier Wände ab. Immer mit den gleichen Menschen, der lieben Familie, den wohlerzogenen Kindern und dem perfekten Ehemann. Full House. Großes Haus, großer Garten, beheizter Pool, was will man mehr. Ach ja, und ein volles Portemonnaie natürlich, wenn die Vorräte ausgehen, kauft man halt was nach. Alles kein Problem. Für uns.

Nicht für die Isolation gemacht

So, und da bin ich also, auf dem Parkplatz mit meiner Freundin, schlürfe meinen Kaffee und drücke mich schön unauffällig gegen meine Fahrertür. Heute musste ich eigentlich gar nichts einkaufen. Bin aber trotzdem hier. Ich musste einfach mal raus zu Hause, raus aus den vier Wänden, mal jemanden live und in Farbe sehen, auch mal jemanden in den Arm nehmen. Habe ich gestern übrigens auch schon gemacht mit meiner Freundin Sue. Sue lässt einen Tag später dann, trotz Corona-Krise, ihre Hüfte operieren und ist innerlich unruhig. Meine Güte, der Mensch braucht das doch, dass ihn mal jemand in den Arm nimmt, mal die Tränen abwischt und man sich mal ohne Maske ins Gesicht schaut. Das zweite Mal flossen die Tränen, als wir zusammen gebetet haben, da auf dem Parkplatz zwischen den Autos, als wir gemeinsam diese OP in einer total verrückten Zeit Gott anbefohlen haben. Ich bin nicht für die Isolation gemacht, schluchzte Sabine bereits letzte Woche, am selben Ort.

Eine sechsköpfige Familie lächelt in die Kamera.

Familie Nellessen, Foto: Privat

Ich frage mich, ob die Parkplatzwächter mich unterdessen wiedererkennen. Sagen tun sie nichts … Ich gebe immer ordentlich Trinkgeld, vielleicht liegt es daran. Parkplatzwächter? Ja, die gibt es hier überall in Südafrika vor den Supermärkten. Sie bewachen nicht nur aus Sicherheitsgründen den Parkplatz, sondern helfen mir auch beim Einkaufswagenschieben, beim Einladen ins Auto und beim Ausparken, selbst wenn links und rechts alles frei ist. Sie sind ausgesprochen höflich, grüßen mich mit „Hello Mami“ und ernähren ihre Familie mit dem Trinkgeld, dass ich ihnen dann gebe.

Kein Homeschooling in Blechhütten

Seit dem Lockdown vor sieben Wochen ist das natürlich komplett weggefallen. Genauso wie für sämtliche Straßenverkäufer, die Obst, Telefonkabel oder Sonnenbrillen an der Ampel anbieten. Die Damen, die Maiskolben über einem Feuer in der Blechtonne rösten, die Jungs, die an der Ampel meine Windschutzscheibe putzen wollen oder mit einer großen Mülltüte bewaffnet die Hände aneinanderlegen und darum betteln, mir gegen Kleingeld meinen Müll aus dem Auto abnehmen zu dürfen – sie alle haben seit nunmehr sieben Wochen so gut wie nichts, kein Einkommen, nichts von der Hand in den Mund, nichts für ihre Kinder, nichts für sich selbst. In den Townships kontrolliert das Militär die Ausgangssperre und greift mit Härte und Gewalt durch, damit die große Masse versteht, dass es ernst ist. Menschen sterben an der Gewalt. Das Elend wächst. Kein Sozialstaat fängt hier auf. In den vollen Blechhütten findet auch kein Homeschooling statt – wie auch, wenn man keinen Internetzugang hat. Und wo das Essen knapp wird, da bleibt für Datenpakete kein Geld übrig …

Der Mensch lebt auch vom Brot

So langsam füllen sich Johannesburgs Straßen wieder, nicht, weil es große Lockerungen gegeben hätte, nein. Die Menschen können nicht mehr. Der Präsident hat zwar kleinere Hilfspakete versprochen – wir reden hier über umgerechnet 20 Euro pro Person pro Monat –, aber auf dem Weg zu meinem Shoppingcenter stehen die Menschen wieder an den Ampeln und am Straßenrand und betteln, knien nieder, führen ihre Hand zum Mund, als würden sie essen, falten ihre Hände und schauen flehentlich über ihre Maske. Mir bricht es das Herz, aber es sind einfach zu viele. Dem ein oder anderen reiche ich etwas aus dem Fenster, für die anderen hoffe ich, dass andere dasselbe tun.

„Ich bin nicht für die Isolation gemacht“, hat Sue gesagt. Wie wahr, wer ist das schon? Andi hatte vorgestern ihren ersten richtigen Durchhänger. Wir leben alle in der Ungewissheit, auch in der Uninformiertheit, in der Isolation, sehnen uns nach Kontakten, Gesprächen und Nähe. Der Mensch lebt eben nicht nur von Brot allein. Aber eben auch von Brot. Und das haben viele Menschen hier nun mal nicht.

Keine Supermutti

Ich fühle mich hin- und hergerissen, voller eigener innerer Gegensätze. Ich weiß genau, wie gut wir es als Familie haben, hier in der Sicherheit unserer bewachten Wohnanlage, mit dem gefüllten Kühlschrank und dem sicheren Arbeitsplatz meines Mannes. Im Angesicht der Lebenssituation anderer müsste mir eigentlich jede Klage im Halse stecken bleiben. Tut sie aber nicht. Manches kommt raus. Zu viel? Ich bin schließlich keine Supermutter, die jeden Tag aufs Neue voller Elan und Energie ihre vier Kinder beschult, das Haus putzt, weil sie so dankbar für ihr schönes Zuhause ist, und voller Überzeugung täglich stundenlang gesundes Essen kocht. Supermutti hat auch ihre persönlichen Durchhänger und Krisen, und Supermutti hat nur noch einen sehr dünnen Geduldsfaden … Und eine laute Stimme. Und Supermutti vermisst ihr Leben.

Durchhalten ist angesagt, Gegensätze aushalten. Und noch etwas zählt für mich: ausruhen bei Gott, um Kraft bitten bei Gott, um Weisheit bitten. Jeden Tag neu anfangen, dankbar sein für das Leben. Und das sonst so Selbstverständliche neu schätzen lernen. Und dankbar sein, dass ich eine Adresse „da oben“ habe, bei der ich und diese ganze verrückte Welt gut aufgehoben sind, inklusive aller Gegensätze.

Britta Nellessen, 44, lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern seit 2018 in Johannesburg, Südafrika. In ihrem deutschen Leben wäre sie Lehrerin an einem Bochumer Gymnasium. Für ihr südafrikanisches Leben hat sie ihre Elternzeit noch einmal verlängert, um das Abenteuer Familie zu meistern.

Mein Weg aus der Stressfalle

Wie Priska Lachmann gelernt hat, mit den Anforderungen ihres Alltags umzugehen.

Hättet ihr meinen Mann vor sechs Jahren nach meiner Stressresilienz gefragt, hätte der mit Sicherheit laut losgelacht. Ich war die hektischste, lauteste und genervteste Person auf diesem Planeten, sobald der Stress über mir hereinbrach. Ich war nicht zu ertragen.

Halt und Trost

In den vergangenen Jahren wurde mein Stresslevel aber nicht nur mit den Kindern immer höher. Auch das Studium, ein Hausbau und meine Freiberuflichkeit bescherten mir wachsende Ansprüche an mein Zeitmanagement, kurze Nächte und viele Momente, in denen ich sehr stress-resilient handeln musste. Ich lernte vor allem, zu atmen und lösungsorientiert zu denken. Ich atme tief ein und aus in diesen Momenten und beruhige damit meine Seele. Gleichzeitig habe ich in den vergangenen Jahren gelernt: Egal was ich in meiner charakterlichen Unzulänglichkeit an Fehlern mache, egal, was ich mir zuschulden kommen lasse, egal, was auf mich einströmt in diesem Leben – ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes liebende Hand. Punkt.

Da gibt es kein „Aber“, kein „Was wäre, wenn“. Da ist einfach nur ein liebender Vater, ein großer Gott, der mir zwar nicht versprochen hat, dass mein Leben immer golden und glitzern und glücklich verläuft, der aber mit mir durch die dunklen Täler geht. Der mich an die Hand nimmt und an dessen starke Schulter ich mich lehnen kann, wenn mir alles zu viel wird. Ich finde Halt und Trost in meinem Alltag und Stärke in dieser hoffnungsvollen Gewissheit, dass ich keine Angst haben muss.

Videokonferenz mit Kleinkind

In den letzten Wochen, als Corona unser ganzes Leben veränderte, fanden wir uns als Familie in einer gänzlich ungewohnten Situation wieder. Mein Mann und ich im Homeoffice, zwei Kinder mit Homeschooling und ein zweijähriges Kleinkind, das gerade vier Wochen vorher im Kindergarten eingewöhnt worden war. Alle zu Hause. 24/7. Immer. Die ganze Zeit. Es war herausfordernd, und wir haben glücklicherweise einen Garten. Eines Nachmittags, mein Mann hatte gerade in seinem Job als Solution Consultant eine Kundenpräsentation via Videokonferenz, wurde die Zweijährige wach vom Mittagsschlaf, stapfte halbnackt die Treppen hinunter und kuschelte sich beim Papa auf den Schoß. Der Kunde und der Vertriebler fanden das ganz süß. Und unsere Tochter entspannte sich. Mein Mann sprang plötzlich auf, mitten in seiner Präsentation, denn seine Hose war nass geworden. Schnell brachte er mir unser Kind, zog sich um und sprintete wieder zum Laptop, um seine Präsentation an unserem Esstisch zu Ende zu führen.

Diese Situation zeigte uns, dass wir inzwischen sehr resilient gegenüber Stress geworden sind. Das liegt vor allem daran, dass wir sehr lösungsorientiert denken, aber auch daran, dass wir diesen festen, unerschütterlichen Glauben haben, an dem wir uns festhalten können, wenn wir nicht mehr weiterwissen.

Priska Lachmann ist dreifache Mama, Theologin, Autorin und bloggt unter www.mamalismus.de.

Angst vor Prüfungen

„Unser Sohn hat schon immer Probleme mit Prüfungsangst. Nächstes Jahr steht das Abitur an. Wie kann er sich langfristig gut darauf vorbereiten?“

Prüfungssituationen sind grundsätzlich nicht einfach zu bewältigen. Viele Schüler und Schülerinnen kämpfen ihre ganze Schulzeit mit Nervosität bei Leistungsüberprüfungen. Ein gewisses Unbehagen vor Prüfungen ist normal. Übersteigt jedoch die Nervosität bei Ihrem Sohn ein gesundes Maß, und er leidet unter körperlichen Symptomen oder hat regelmäßig Blackouts, dann spricht man von Prüfungsangst.

URSACHEN SUCHEN
Sprechen Sie mit Ihrem Sohn über seine Ängste. Sind seine Sorgen berechtigt, weil er sich in bestimmten Schulfächern überfordert fühlt? Warum ist das so? Gibt es Wissenslücken oder versäumten Lehrstoff, den er nachholen muss? Wie können Sie ihm dabei helfen, wenn das so ist? Lernt er in der für ihn richtigen Art und Weise? Leidet er unter einer Lernschwäche? Oder aber: Kann es sein, dass Sie als Elternteil (unbewusst) Stress machen? Aus eigener Erfahrung als dreifache Mutter und Pädagogin weiß ich, wie leicht das passiert, ohne dass man das selbst bemerkt!
Wenn ihr Sohn den Schulstoff grundsätzlich gut beherrscht und dennoch vor lauter Nervosität nicht klar denken kann, stellen Sie ihm folgende Fragen:

  • Warum bist du nervös?
  • Setzt du dich selber so stark unter Druck?
  • Stressen dich Lehrer oder Mitschüler?
  • Wovor hast du konkret Angst?

PRÜFUNG SIMULIEREN
Einer generellen Angst vor Leistungsüberprüfungen kann man mit einem mentalen Training gut entgegenwirken: Bei der Vorbereitung auf eine sehr große und sehr wichtige Prüfung wie dem Abitur oder der Matura kann es hilfreich sein, die Testsituation zu simulieren. Ihr Sohn kann Prüfungen der vorangegangenen Jahre, die man mit Lösungen im Internet oder in Büchern findet, ausprobieren. Zunächst soll er eine Prüfung für sich allein durcharbeiten. Um den Stressfaktor ein wenig zu trainieren, können Sie das „Probe-Abi“ als „Prüfer“ betreuen. Stellen Sie eine Zeituhr auf, teilen Sie die Fragebögen aus, versuchen Sie Ihren Sohn ein bisschen abzulenken und zu „stören“ – einfach als Training!

Manchen Schülern hilft es, sich gedanklich auf eine Art Reise zu begeben. Ihr Sohn soll die mögliche Prüfungssituation für sich vorab mehrfach durchdenken. Beim Abitur kommt ihm dann alles bereits ein wenig vertraut vor.

Sagen Sie Ihrem Sohn, dass sie stolz auf ihn sind, dass und wie er sich immer wieder trotz seiner Ängste den Prüfungssituationen stellt. Und er ist ja schließlich bereits erfolgreich gewesen, sonst könnte er nicht im kommenden Jahr zum Abitur antreten!

Last but not least: Vergessen Sie nicht das besondere Vorrecht, dass Sie mit Ihrem Sohn gemeinsam beten und Gott um Hilfe bitten können.

Roswitha Wurm ist Förderpädagogin und Mentaltrainerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien. www.lesenmitkindern.at

 

Eine Weile aufs Meer schauen

Ruhe – danach sehnen wir uns. Und suchen und genießen sie doch viel zu selten.
Ein Plädoyer für mehr Ruhe von Tomas Sjödin

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